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Zeitlauscher

»Adieu, Klara«, sagt Konrad leise.

Er steht bei der großen Eiche und horcht auf den Sturm, der an den Ästen des alten Baumes schüttelt, sie ächzen und stöhnen lässt. Lange Zeit schaut der junge Mann in die Nacht, als versuche er, jemanden in der Dunkelheit zu entdecken. Doch da ist niemand, keine Menschenseele, nur der Wind, der vom nahen Meer weht und durch den alten Baum braust.

Konrad wendet sich um, wischt sich mit der Armbeuge über das Gesicht und stemmt sich gegen die Böen. Der Weg zum Bode-Haus führt am Strand entlang, wo sich die Brandung wie ein schäumendes Laken über den Sand und wieder zurückzieht.

In seinem kleinen Heim angekommen, legt der junge Mann den groben Mantel und den Wollschal ab.

»Hier habe ich einen Kleiderständer stehen. Er ist genauso groß wie ich. Und links daneben ist eine große Truhe.«

Er greift nach der Schachtel mit den langen Streichhölzern.

»Und hier in der Ecke ist der Kamin.«

Wenig später prasselt ein Feuer zwischen den Scheiten. Konrad liebt diese Flammentänze und das Wiegen der Schatten an den Wänden. Doch heute, zum ersten Mal, erfüllt ihn das Schauspiel mit Unbehagen. Und mit Einsamkeit. – Dabei mag er die wohlige Behaglichkeit der Stille. Sein Leben lang hat er sich nie wirklich allein gefühlt. Aber heute, jetzt … Er fröstelt.

»Dort, wo du jetzt stehst, ist ein großer Sessel mit einer hohen Lehne. Der gehörte meinem Großvater.«

Konrad nimmt darin Platz, die Beine der Wärme entgegengestreckt. Draußen, in der Nacht, braust der Sturm stärker als zuvor über das Land.

Der junge Mann zieht seine Arme ins Innere des Pullovers. Er findet den Anhänger, der ihm an einem Lederriemen um den Hals hängt, ein verschnörkeltes K aus Bronze, so groß wie ein Daumen. Sanft betastet Konrad es mit den Fingern. »Was ist schon Zeit?«, flüstert er und starrt in die Flammen.

Irgendwann schließt er die Augen. Aber einschlafen kann er nicht. Die Vergangenheit hält ihn wach …

Als er klein war, war seine Welt Kauderwelsch. Ein wirrer Urwald aus Sprache. Viel zu viele Wörter für zu wenige Münder, die sich oft nicht mit ihnen bewegten. Seine Eltern waren erfreut darüber, wie schnell Konrad lernte, erste Worte zu artikulieren. Dann aber schlug ihr Stolz in Besorgnis um, denn ihr Sohn zeigte zunehmend das seltsam anmutende Verhalten, ohne ersichtlichen Grund einfach loszubrabbeln. Er reagierte zwar auch auf jene Spielereien, mit denen Erwachsene Kleinkindern die ersten Worte zu entlocken versuchen, jedoch weitaus öfter schien er auf Personen einzugehen, die niemand sehen konnte. Wie aus heiterem Himmel lachte er auf, ganz so, als hätte ihn jemand belustigt. Nur wusste niemand wer, denn es war kein Mensch in der Nähe des Laufstalls.

In den folgenden Jahren nahm das merkwürdige Verhalten des Kindes bedenkliche Formen an. Konrad schwatzte beim Spielen in die leere Luft hinein, und die Eltern hörten ihn auf Fragen antworten, die ihm niemand gestellt hatte.

»Machen Sie sich keine Sorgen. Das gibt sich«, beruhigten die Ärzte, die Konrads Eltern mit ihm aufsuchten. »Kinder erfinden manchmal imaginäre Spielkameraden. Beschäftigen Sie sich mehr mit ihm, und Sie werden sehen: Ihr Konrad wird sein Interesse an diesen Fantasiegestalten bald verlieren.«

Das war leicht gesagt. Seine Eltern mussten den ganzen Tag arbeiten, um für sich und ihre beiden Kinder – Konrad hatte eine ältere Schwester – das teure Leben in der Stadt zu ermöglichen.

Bald glaubte niemand mehr, dass es sich um einen unsichtbaren Spielkameraden handelte, der da ständig in Konrads Einbildung spukte. Der Kleine wachte nachts schreiend auf, zitternd und bleich vor Angst. Es seien welche im Zimmer. Ganz viele. Überall höre er Stimmen. Da … und da … und dort auch. Geräusche, Sprache, Laute.

»Aber was genau hörst du denn?«, versuchten die Eltern zu ergründen.

Doch Konrad konnte es nicht sagen. Er hörte immer mehr. Und was er da vernahm, vermischte sich zu einem chaotischen Gefasel, einem unverständlichen Durcheinander, das kaum auseinanderzuhalten war. Der Junge suchte nach einer Möglichkeit, dieses Tohuwabohu von Stimmen und Geräuschen zu entwirren. Wenn er darin etwas hörte, was er kannte und ihm vertraut war, so hielt er in Gedanken angestrengt daran fest und versuchte … es zu malen.

So begann der vierjährige Konrad eine außergewöhnliche Begabung zum Zeichnen zu entwickeln, die von allen Betrachtern gelobt wurde. Tatsächlich war sie jedoch allein aus der Not geboren, nicht anders erklären zu können, was da in seinem lauten Kinderkopf vor sich ging.

Zumal seine Bilder jeden Betrachter verwunderten. Sie stellten nämlich nicht die üblichen Wachsmaltiere und windschiefen Häuser dar, sondern vielmehr ganz alltägliche Situationen: Eine Frau beim Geschirrspülen; ballspielende Kinder auf dem Spielplatz; ein rauchender Mann oder tratschende Omas. Je älter der Knabe wurde, umso detaillierter wurden seine Zeichnungen. Nur ein Merkmal fiel bei jedem Bild sofort beunruhigend auf: Keine der Figuren besaß ein Gesicht.

Fragte man Konrad, weshalb diese Gestalten gesichtslos seien, so gab er stets die geheimnisvolle Antwort, er könne doch nur Gesichter malen, die er schon einmal gesehen habe. Jene Menschen habe er aber nie gesehen.

Diese Erklärung gab noch mehr Rätsel auf. Kein Arzt und kein Psychologe konnte die mitunter hervorragenden Zeichnungen des Jungen deuten, da deren Darstellungen offenbar weder verschlüsselt, noch erträumt oder real erlebt waren.

Was stimmte nicht mit diesem Jungen? War sein Gehör etwa dermaßen fein, dass er durch Zimmerwände hören konnte oder sogar über ganze Häuserblocks hinweg? Die gängigen Tests ergaben jedenfalls keine abnormen Fähigkeiten. Oder waren seine Wahrnehmungen vielleicht so etwas wie Stimmen aus einer anderen Welt? Vielleicht gar … aus dem Jenseits?

Konrad wurde seinen Mitmenschen immer unheimlicher. Niemand vermochte seinen Eltern ihre Befürchtungen zu nehmen; nicht einmal er selbst.

»Wie hörst du diese Stimmen denn?«, wurde er so häufig gefragt, dass er diese schwierige Frage bald leid war.

»Die sprechen alle ganz wild durcheinander. Da kann ich nie was richtig verstehen. Und einzeln reden sie nur manchmal.«

»Aber … wann hörst du sie?«

»Nur, wenn ich will«, antwortete er patzig. Aber es stimmte. Denn dem Jungen war es schließlich gelungen, herauszufinden, wie er die Stimmen in sich eindämmen und auch verstummen lassen konnte, wenn und wann er es wollte. Fragte man ihn, wie er das anstelle, so antwortete er, er mache das irgendwie in seinem Kopf. »So wie wenn man was ausknipst.«

»Ausknipst?«

»Ja. Licht oder so.«

Jedenfalls wurde Konrad mithilfe dieses Tricks nicht mehr von den unheimlichen Klängen und Stimmen belästigt. Im Gegenteil. Wenn ihm langweilig war, knipste er sie einfach wieder an und hörte dem Gebrabbel zu. Auf diese Weise lernte er mit der Zeit, die Stimmen zu sortieren, auseinanderzuhören, wie er es nannte. Und er fand sogar Spaß daran. Man merkte es dem Jungen sofort an, wenn er den Hörspielen in seinem Gehirn lauschte. Er saß dann in einer stillen Ecke, die Augen geschlossen, und in seinem kindlichen Gesicht spielte sich die gesamte Palette der verschiedenen Gefühlsregungen ab. Mal blickte er neugierig, mal überrascht drein, mal traurig oder fröhlich, entrüstet oder schadenfroh. Häufig kicherte er auch nur still vergnügt in sich hinein.

So war das Geheimnis um Konrads seltsame Begabung zwar noch nicht gelöst, aber immerhin sahen seine Eltern darin keinen akuten Anlass zur Sorge mehr. Da Vater und Mutter ihrem Sohn nach ihrem Arbeitstag nicht ausreichend die von den Ärzten geratene Aufmerksamkeit spenden konnten, gehörte Konrads meiste Sympathie weniger ihnen, als vielmehr seiner älteren Schwester Blume. Diesen Kosenamen hatte Konrad ihr gegeben. Ihren richtigen verabscheute Blume nämlich und sie hatte jedem schlicht verboten, sie so zu nennen. Konrad verstand das. Er mochte den Namen auch nicht.

Das Mädchen kümmerte sich rührend um ihren kleinen Bruder, und trotz des Altersunterschieds von sechs Jahren gab es zwischen den beiden nie den üblichen Geschwisterzank. Sie erzählten sich alles, was immer es war, sie wussten es bei dem anderen in vertraulichen Händen.

»Blume?« Eines Abends hatte sie Konrad noch vorgelesen. »Warum fragen mich alle so komische Sachen?«

Das Mädchen legte das Buch beiseite. »Ich nehme an, weil niemand verstehen kann, dass du Dinge hörst, die sie nicht hören können.«

»Aber du fragst mir nie Löcher in den Bauch, so wie die. Verstehst du es denn?«

»Nein. Und ganz ehrlich: Das will ich auch gar nicht.« Daraufhin saß sie lange schweigend auf der Bettkante. »Weißt du,« sagte sie schließlich leise, »die anderen sehen in dir ein großes Rätsel. Und es erscheint ihnen unheimlich, dieses Rätsel nicht ergründen und begreifen zu können; das können sie einfach nicht ertragen und fragen deshalb immer warum und weshalb. Ich finde das genauso furchtbar wie du. Allerdings glaube ich nicht, dass du ein Rätsel bist. Du hast da irgendwo in dir drin ein Geheimnis, vielleicht sogar eine Gabe, ein Talent.« Sie streichelte ihm zärtlich über die Stirn. »Und das wird sich irgendwann von selbst zeigen, davon bin ich überzeugt. Darum mag ich es auch viel lieber, wenn du mir erzählst, was diese Stimmen dir erzählen.«

»Und du glaubst nicht, dass ich plemplem bin?«

»Wer behauptet denn so etwas?«, fragte Blume.

»Die anderen Kinder.« Ihr kleiner Bruder starrte grimmig seine Hände auf der Bettdecke an. »Dabei sind die noch plemplemer.«

Die Miene seiner Schwester verfinsterte sich. »Und wer ist am … plemplemsten?«

»Der Thomas, dieser Doofmann«, knurrte Konrad. »Dabei macht der nachts noch ins Bett.«

»Woher weißt du das denn?«, fragte Blume überrascht.

»Von …« Der Junge überlegte angestrengt, schaute dann etwas verwirrt drein. »Von einer der Stimmen. Die klang genau wie die von Thomas’ Mutter. Und sie hat zur Stimme von einer anderen Frau geflüstert. Die sollte es keinem weitersagen, weil es ihr so peinlich war.«

Blume schaute Konrad lange nachdenklich an. »Hör mal, die anderen können dir egal sein«, sagte sie nach einer Weile. »Ich habe dich jedenfalls lieb, so wie du bist; gerade mit diesem verrückten Tick da oben drin.« Sie pochte Konrad mit dem Finger sanft gegen die Stirn, sodass dieser gluckste. Und als seine Schwester ihm einen Gutenachtkuss gegeben, ihn zugedeckt, sich in ihr Bett gleich neben dem seinen gelegt und die Sandmannlampe ausgemacht hatte, wisperte er in der Dunkelheit zu ihr herüber: »Ich habe dich auch lieb, Blume.«

Konrad wurde übrigens nie wieder vom doofen Thomas verspottet.

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