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Cynthia Hand

Die Unwahrscheinlichkeit
des Glücks

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Sarah Heidelberger

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HarperCollins YA!®

HarperCollins YA! ® Bücher

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by HarperCollins YA!

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Last Time We Say Goodbye

Copyright © 2015 by Cynthia Hand

Erschienen bei: Harper Teen, New York

Published by arrangement with HarperCollins Publishers, LLC.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: Formlabor, Hamburg

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: Trevillion

Autorenfoto: © Cynthia Hand

ISBN eBook 978-3-95967-981-7

www.harpercollins.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

FÜR JEFF.

Weil ich nicht weiß, wie ich dich sonst erreichen soll.

Hilf dem Boot deines Bruders über den Fluss, und auch deines wird das andere Ufer erreichen.

HINDUISTISCHES SPRICHWORT

5. Februar

Erst mal möchte ich festhalten, dass es nicht meine Idee gewesen ist, das hier aufzuschreiben. Die kommt von Dave. Meinem Therapeuten. Er glaubt, dass es mir schwerfällt, meine Gefühle auszudrücken, und deswegen hat er vorgeschlagen, dass ich in ein Tagebuch schreibe – um alles loszuwerden, hat er gesagt, wie in alten Zeiten, als die Ärzte ihre Patienten zur Ader ließen, damit irgendwelche geheimnisvollen Gifte abfließen. Was übrigens trotz der guten Absichten der Ärzte fast immer mit dem Tod der Patienten endete.

Unsere Unterhaltung sah ungefähr so aus:

Er wollte, dass ich Antidepressiva nehme.

Ich sagte, dass er sich die dahin schieben kann, wo nie die Sonne scheint.

Also steckten wir irgendwie in der Sackgasse.

„Dann lass uns was anderes probieren“, sagte er schließlich, griff hinter sich und holte ein kleines schwarzes Buch raus. Er hielt es mir hin. Ich nahm es, schlug es auf und sah ihn verwirrt an.

Das Buch war leer.

„Ich dachte, alternativ könntest du es mit Schreiben probieren“, sagte er.

„Das ist ein Moleskin-Notizbuch“, führte er aus, weil ich ihn immer noch wortlos anstarrte. „In die hat Hemingway immer geschrieben.“

„Alternativ zu was?“, fragte ich. „Zu Xanax?“

„Ich möchte, dass du es eine Woche lang probierst“, sagte er. „Also, das mit dem Schreiben.“

Ich versuchte, ihm das Tagebuch zurückzugeben. „Schreiben liegt mir nicht.“

„Ich finde, dass du ganz schön eloquent sein kannst, wenn du willst, Alexis.“

„Warum? Was soll das bringen?“

„Du brauchst ein Ventil. Du frisst alles in dich hinein, und das ist nicht gut für dich.“

Na toll, dachte ich. Als Nächstes erzählt er mir, dass ich mehr Gemüse essen und Vitamine nehmen und jede Nacht acht Stunden schlafen soll.

„Aha. Und du liest das dann?“, fragte ich, weil nicht mal die kleinste Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich bei so was jemals mit mache. Eine Stunde die Woche mit Dave über mein unerwartet tragisches Leben zu reden ist schon schlimm genug. Da werde ich auf keinen Fall auch noch meine Gefühle in einem Buch ausschütten, das er dann mit nach Hause nehmen kann, um meine Grammatik zu überprüfen.

„Nein“, antwortete Dave. „Aber ich hoffe, dass du dich eines Tages wohl genug damit fühlst, um mit mir über das zu sprechen, was du geschrieben hast.“

Unwahrscheinlich, dachte ich, aber was ich sagte, war: „Okay. Aber ich bin kein Hemingway.“

Ich weiß nicht, warum ich eingewilligt habe. Vermutlich, weil ich die brave kleine Patientin spielen will.

Dave wirkte äußerst zufrieden mit sich. „Ich will auch nicht, dass du Hemingway bist. Hemingway war ein Idiot. Ich will, dass du schreibst, was dir in den Sinn kommt. Über deinen Alltag. Deine Gedanken. Deine Gefühle.“

Ich habe keine Gefühle, wollte ich sagen, aber stattdessen nickte ich, weil er mich so erwartungsvoll anguckte, als würde meine geistige Gesundheit alleine von meiner Bereitschaft abhängen, in dieses blöde Tagebuch zu schreiben.

Aber dann sagte er: „Und ich glaube, damit es wirklich etwas bringt, solltest du auch über Tyler schreiben.“

Woraufhin ich unwillkürlich die Zähne zusammenbiss.

„Das kann ich nicht“, brachte ich gerade noch so raus.

„Schreib nicht über das Ende“, sagte Dave. „Versuch, über eine Zeit zu schreiben, als er glücklich war. Als ihr zusammen glücklich wart.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann mich nicht erinnern.“ Und das stimmt. Schon nach knapp 7 Wochen, nur 47 Tagen, an denen ich nicht jeden Tag mit meinem Bruder zu tun hatte, ihn nicht am Küchentisch mit Erbsen beschossen, ihn nicht in den Gängen in der Schule gesehen und, wie es sich für eine pflichtbewusste große Schwester gehört, so getan habe, als würde er mir auf den Zeiger gehen, ist das Bild von Ty in meinem Kopf verschwommen geworden. Den Ty, der nicht tot ist, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Meine Gedanken kreisen um das Ende. Die Leiche. Den Sarg. Das Grab.

„Glücklich“ kommt da nicht im Entferntesten vor.

„Konzentrier dich auf die ersten und die letzten Male“, erklärte mir Dave. „Das hilft dir, dich zu erinnern. Als Beispiel: Vor ungefähr zwanzig Jahren hatte ich einen 83er Mustang. Ich habe eine Menge Arbeit in den Wagen gesteckt und so sehr an ihm gehangen, dass es fast schon peinlich war. Inzwischen ist so viel Zeit vergangen, dass ich mich kaum mehr richtig erinnern kann, wie er aussah. Aber ich könnte dir erzählen, wie meine erste Fahrt und mein letzter langer Roadtrip in dem Mustang gewesen sind, oder wie ich zum ersten Mal eine Stunde auf dem Rücksitz mit der Frau verbracht habe, die ich später geheiratet habe. Und dann sehe ich ihn ganz deutlich vor mir.“ Er räusperte sich. „Es sind diese Schlüsselmomente, die sich in unser Gedächtnis einbrennen.“

Hier geht es um kein Auto, dachte ich. Hier geht es um meinen Bruder.

Und ich dachte, dass Dave mir gerade indirekt vom Sex mit seiner Frau erzählt hatte. Was so ungefähr das Letzte war, woran ich denken wollte.

„Das ist also deine offizielle Hausaufgabe“, sagte er und lehnte sich zurück, als wäre damit alles abgemacht. „Schreib deine Erinnerung daran auf, wie Tyler das letzte Mal glücklich gewesen ist.“

Und da sitze ich jetzt.

Und schreibe in ein Tagebuch, dass ich nicht in ein Tagebuch schreiben will.

Ich bin mir der Ironie bewusst.

Ganz im Ernst, Schreiben liegt mir nicht. Beim Einstufungstest fürs College habe ich ziemlich anständige 720 Punkte fürs freie Schreiben bekommen. Aber neben meinen fehlerfreien 800 Punkten in Mathe verblassen die trotzdem. Ich habe noch nie Tagebuch geführt. Dad hat mir eins zu meinem 13. Geburtstag geschenkt, ein rosafarbenes mit einem Pferd drauf. Es ist ganz hinten in meinem Bücherregal gelandet, zusammen mit einer Ausgabe der Jugendbibel und „Die große Make-up-Schule“ und all dem anderen Kram, der mich auf den Lebensabschnitt zwischen meinem 13. und meinem 19. Geburtstag vorbereiten sollte – als ob man sich darauf vorbereiten könnte! Fünf Jahre und eine Staubschicht später liegen die Sachen immer noch da.

Sie passen nicht zu mir. Ich hatte von Geburt an Zahlen im Kopf. Ich denke in Gleichungen. Wenn ich wirklich etwas Nützliches zu Papier bringen würde, dann, indem ich einen Weg finde, meine Erinnerungen, diese flüchtigen, schmerzhaften Augenblicke meines Lebens, zu addieren und zu subtrahieren und zu teilen, Variablen einzusetzen und sie zu verschieben, zu versuchen, sie zu isolieren, ihre verborgenen Bedeutungen zu enthüllen, sie von Möglichkeiten in Gewissheiten zu verwandeln.

Ich würde versuchen, die Gleichung meines Lebens zu lösen. Herausfinden, ab welchem Punkt alles schiefgelaufen ist. Wie ich hierhergekommen bin, von A nach B, wobei A die selbstsichere, kluge, stabile Alexis Riggs ist, die viel gelacht und ab und zu mal geheult und nicht bei den einfachsten Dingen versagt hat.

Und B das hier.

Aber stattdessen gähnt mir eine leere Seite entgegen. Der Kuli in meiner Hand fühlt sich unnatürlich an. Er wiegt viel mehr als ein Bleistift. Und er lässt sich nicht wegradieren. Im Leben gibt es keine Radierer.

Ich würde alles durchstreichen und von vorne anfangen.

1. KAPITEL

Heute Morgen weint Mom wieder. In letzter Zeit passiert das ständig, als würde plötzlich ein Wasserhahn in ihr aufgedreht werden. Wir sind beim Einkaufen oder sitzen im Auto oder sehen fern, und wenn ich zu ihr rüberschaue, weint sie lautlos vor sich hin, als würde sie es selbst nicht merken – kein Schluchzen oder Heulen oder Schniefen, nur ein Fluss aus Tränen, der ihr übers Gesicht läuft.

Aber zurück zum heutigen Morgen. Mom macht Frühstück, wie so gut wie jeden Morgen, seit ich auf der Welt bin. Sie schiebt Rührei auf meinen Teller, streicht Butter auf eine Scheibe Toast, gießt mir ein Glas Orangensaft ein und stellt alles auf den Küchentisch.

Und weint dabei die ganze Zeit.

Wenn sie das macht, versuche ich, mich so zu verhalten, als würde nichts Ungewöhnliches passieren, als wäre es ganz normal, dass meine Mutter mein Frühstück vollheult. Als würde es mir nicht an die Nieren gehen. Also sage ich irgendwas Fröhliches wie: „Sieht toll aus, Mom, ich war schon am Verhungern“, und dann fange ich an, das Rührei auf meinem Teller hin- und herzuschieben, weil ich hoffe, das weckt den Eindruck, ich würde wirklich etwas essen.

Wenn alles noch so wie früher wäre, wenn Ty hier wäre, würde er sie zum Lachen bringen. Er würde Blasen in seinen Kakao blubbern. Er würde ein Gesicht aus seinem Speck und den Eiern formen, so tun, als ob er damit redet, und dann langsam eins der Augen essen und dabei schreien wie in einem Slasherfilm.

Ty wusste, wie man alles wieder in Ordnung bringt. Ich nicht.

Mom setzt sich mir gegenüber hin, die Tränen tropfen ihr vom Kinn, und sie faltet die Hände im Schoß. Ich höre auf, so zu tun, als würde ich essen, und senke den Kopf, weil ich zwar vor einer Weile aufgehört habe, an Gott zu glauben, aber nicht alles noch komplizierter machen will, indem ich meiner Mutter meinen aufkeimenden Atheismus beichte. Nicht jetzt. Es gibt schon genug, womit sie klarkommen muss.

Aber anstatt zu beten, trocknet sie ihr nasses Gesicht mit einer Serviette ab und sieht mich mit glänzenden Augen an. Ihre Wimpern kleben feucht aneinander. Sie holt tief Luft, so wie man es macht, wenn man etwas Wichtiges zu sagen hat. Und dann lächelt sie.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich sie zuletzt habe lächeln sehen.

„Mom?“, frage ich. „Alles in Ordnung mit dir?“

Und da sagt sie es. Die verrückte Sache. Die Sache, mit der ich einfach nicht umgehen kann.

Sie sagt:

„Ich glaube, dein Bruder ist noch hier im Haus.“

Sie fährt fort, indem sie erklärt, dass sie letzte Nacht grundlos aus einem tiefen Schlaf aufgewacht ist. Sie ist aufgestanden, um sich ein Glas Wein und eine Valium zu holen. Als Einschlafhilfe, sagt sie. Sie stand an der Küchenanrichte, als sie wie aus dem Nichts das Parfüm meines Bruders roch. Überall um sie herum, sagt sie.

Als hätte er neben ihr gestanden, sagt sie.

Das Parfüm ist ziemlich markant. Ty hat es sich zu Weihnachten vor zwei Jahren bei Walmart gekauft, eine riesige Flasche von Brut in Atommüll-Grün – „Die Essenz des Mannes“, wie es auf der Schachtel hieß. Immer, wenn mein Bruder das Zeug trug, was ziemlich oft vorkam, füllte der Duft den ganzen Raum. Wie eine Wolke, die in den Schulgängen zwei Meter vor ihm her schwebte. Es roch nicht wirklich schlecht, einfach nur überwältigend. RIECH MICH, forderte es. Rieche ich nicht männlich?HIER KOMME ICH!

Ich schlucke eine Gabel Rührei runter und überlege, was ich Hilfreiches antworten könnte.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass aus der Flasche immer mal wieder etwas Parfüm entweicht“, sage ich schließlich. „Und im Haus zieht es.“

Bitte schön, Mom. Eine absolut logische Erklärung.

„Nein, Lexie“, sagt sie und schüttelt den Kopf. In ihren Mundwinkeln hält sich eine Spur ihres seltsamen Lächelns. „Er ist hier. Das spüre ich.“

Die Sache ist, dass sie nicht verrückt wirkt. Sie wirkt hoffnungsvoll. Als wären die letzten sieben Wochen einfach nur ein böser Traum gewesen. Als hätte sie ihn gar nicht verloren. Als wäre er nicht tot.

Das wird Probleme geben, denke ich.

2. KAPITEL

Ich fahre mit dem Bus zur Schule. Ich weiß, das ist eine gewagte Aussage für eine Zwölftklässlerin, besonders für eine, die ein Auto hat. Aber in der uralten Zwickmühle zwischen Zeit und Geld entscheide ich mich immer für das Geld. Ich lebe in der verschlafenen Kleinstadt Raymond, Nebraska, (Einwohnerzahl 179), gehe aber in der sich ausgedehnten Metropole Lincoln (Einwohnerzahl 258.379) zur Schule. Die Highschool ist 12,4 Meilen von meinem Zuhause entfernt. Das sind hin und zurück 24,8 Meilen. Mein schrottiger alter Kia Rio (den ich nicht sonderlich liebevoll „die Zitrone“ nenne) verbraucht ungefähr eine Gallone auf 29 Meilen, und in diesem Winkel von Nebraska kostet eine Gallone durchschnittlich 3,59 Dollar. Mit dem Auto zur Schule zu fahren, würde mich also 3,07 Dollar kosten. Dieses Jahr haben wir 179 Schultage, was eine stattliche Summe von 549,53 Dollar ergibt, nur damit ich am Tag 58 Minuten mehr Zeit habe.

Da gibt es nicht viel nachzudenken. Nächstes Jahr muss ich das College bezahlen. Ich habe erhebliche Ersparnisse und einen Plan. Ein Teil dieses Plans besteht darin, dass ich den Bus nehme.

Tatsächlich mochte ich den Bus sogar. Bevor es passiert ist, meine ich. Als ich mir die Stöpsel ins Ohr stecken, Bach aufdrehen und zugucken konnte, wie die Sonne über den leeren hellen Maisfeldern und den klischeehaften von der Sonne ausgebleichten Farmhäusern im Hintergrund aufgeht. Über den Windrädern, die sich davor drehen. Den Kühen, die sich aneinanderdrängen, um sich gegenseitig zu wärmen. Den Vögeln – schiefergraue Junkos, Meisen und hin und wieder das bunte Blitzen eines Kardinals –, die mühelos durch die kalte Winterluft gleiten. Es war ruhig und gemütlich und schön.

Aber seit Ty gestorben ist, habe ich das Gefühl, dass mich alle im Bus beobachten. Sicher, manche tun es aus Mitgefühl, bereit, sofort mit einem Taschentuch zur Stelle zu sein. Aber andere gucken mich an, als wäre ich plötzlich zur Gefahr geworden. Als würde ich ein schlechtes Gen in mir tragen. Als könnte mein trauriges Leben durch flüchtigen Kontakt übertragen werden. Wie eine Krankheit.

Na ja, die können mich mal.

Wütend zu sein ist natürlich sinnlos. Unproduktiv. Sie verstehen es noch nicht. Dass sie alle auf den einen Anruf warten, der alles verändert. Dass sie alle sich irgendwann so fühlen werden wie ich. Weil jemand, den sie lieben, sterben wird. Das ist eine der grausamen Gewissheiten im Leben.

Daran denke ich, während ich versuche, sie zu ignorieren, meine Musik aufdrehe und lese. Und ich blicke nicht mehr auf, bis wir die zwölf Meilen zur Schule hinter uns haben.

Diese Woche lese ich Genie und Wahnsinn,die Biografie des Mathematikers John Nash. Es gab auch einen Film dazu, in dem meiner Meinung nach viel zu wenig Mathe vorkam, aber ansonsten war er okay. Das Buch ist der Wahnsinn. Ich mag die Vorstellung, dass Nash unser Verhalten als etwas Mathematisches betrachtet hat. Das war sein Genie, auch wenn er verrückt geworden ist und angefangen hat, Leute zu sehen, die gar nicht da waren: Er hat die Zusammenhänge zwischen Zahlen und der physischen Welt erkannt, zwischen unseren Handlungen und den unsichtbaren Gleichungen, die sie steuern.

Nehmen wir zum Beispiel meine Mutter und ihre Verkündung, dass mein Bruder noch unter uns ist. Sie versucht, unser Universum neu zu ordnen, damit Ty nicht verschwindet. So wie ein gestrandeter Fisch wild mit dem Schwanz schlägt, weil er hofft, dass er so wieder ins Wasser zurückfindet – eine instinktive Reaktion, ein Überlebensmechanismus.

Mom versucht, wieder ins Wasser zu finden. Wenn man es aus dieser Perspektive betrachtet, ergibt es Sinn.

Nicht, dass es gesund wäre. Nicht, dass ich wüsste, was ich dagegen tun soll.

Ich glaube keine Sekunde lang, dass Ty noch in unserem Haus ist. Er ist weg. In dem Augenblick, in dem das Leben aus ihm gewichen ist, in dem Augenblick, in dem die Neuronen in seinem Gehirn aufgehört haben zu feuern, hat er aufgehört, mein Bruder zu sein. Er wurde zu einer Ansammlung toter Zellen. Und ist jetzt, dank der Wunder der modernen Einbalsamierungstechniken, auf dem besten Weg, ein Sarg voll grünem Schleim zu werden.

Ich werde ihn nie wiedersehen.

Bei dem Gedanken geht das Loch in meiner Brust auf. Das passiert immer wieder, alle paar Tage seit der Beerdigung. Es fühlt sich an, als ob sich zwischen der dritten und vierten Rippe auf meiner linken Seite eine riesige, klaffende Lücke öffnet, ein Leerraum, durch den man den Plastiksitzbezug hinter meinen Schulterblättern sehen kann. Es tut weh, und mein ganzer Körper verkrampft sich vor Schmerzen. Ich knirsche mit den Zähnen und balle die Fäuste, und die Luft bleibt in meinen Lungen stecken. Ich fühle mich immer, als ob ich gleich sterben müsste, wenn das passiert. Als würde ich sterben. Dann, genauso plötzlich, wie es entstanden ist, füllt sich das Loch wieder. Ich kann atmen. Ich versuche zu schlucken, aber mein Mund ist staubtrocken.

Das Loch ist Ty, denke ich.

Das Loch ist so was wie Trauer.

Der Schultag verläuft weitgehend ereignislos. Ich treibe dahin wie auf Autopilot, verloren in meinen Gedanken über John Nash, gestrandete Fische und die Logistik, mit der Luftströme den Duft des Eau de Colognes meines Bruders, das völlig verstaubt neben dem Waschbecken im Bad im Keller steht, durch den Hobbyraum die Treppe hoch bis in die Küche getragen haben könnten, um meine Mutter komplett durcheinanderzubringen.

Dann kommt die früher mal beste Schulstunde des Tages: sechste Stunde, Wahlkurs Analysis für Fortgeschrittene. Ich nenne es auch die Nerdzentrale, weil hier die höchste Konzentration an schlauen Leuten herrscht, die man zu irgendeinem Zeitpunkt an irgendeinem Ort in der Schule antreffen kann.

Mein trautes Heim.

Die Nerdzentrale ist dafür da, dass Schüler Zeit zum Lernen und Zeit für ihre Analysishausaufgaben haben. Aber weil wir Nerds sind, sind wir alle nach zehn Minuten mit den Hausaufgaben fertig. Dann verbringen wir den Rest der Stunde mit Kartenspielen: Poker, Bataille royale, Hearts, Rommee, wonach uns eben gerade ist.

Unsere Lehrerin, die brillante und mathastische Miss Mahoney, sitzt an ihrem Pult vorn im Klassenzimmer und tut so, als würden wir harte wissenschaftliche Arbeit leisten. Weil es irgendwie auch ihre Freistunde ist, da wegen der Kürzungen im Schulbudget ihre Vorbereitungszeit gestrichen wurde.

Sie steht auf Katzenvideos auf YouTube.

Wir haben alle unsere Schwächen.

Da sind wir also und spielen eine mitreißende Partie Five Card Draw. Ich mache alle fertig, denn ich habe drei Asse auf der Hand. Was eine wunderbare Matheaufgabe für sich ergibt: Die Wahrscheinlichkeit, drei Asse auf einmal zu ziehen, liegt bei 94 zu 54.145 oder, wenn man es in Gewinnchancen ausdrücken will, bei 575 zu 1, was echt superunwahrscheinlich ist, wenn man darüber nachdenkt.

Beaker sitzt links von mir und zwirbelt eine leuchtend rote Haarlocke um ihren Finger. Ich glaube, das soll wie ein Tell aussehen, der verrät, dass sie eine Wahnsinnshand hat, aber vermutlich bedeutet es das genaue Gegenteil. Eleanor sitzt rechts von mir, und sie hat eine miese Hand, was ich daher weiß, dass sie sagt: „Ich hab eine miese Hand“ und steigt aus. So ist El – sie sagt immer ungefiltert, was sie denkt.

Womit wir bei Steven wären, der mir mit einer sehr guten Hand gegenübersitzt. Woher ich das weiß? Er gibt sich alle Mühe, ein Pokerface zu machen, was ihm in jeder Hinsicht misslingt. Das ist eine der Eigenschaften, die ich an Steven früher so mochte – seine Unfähigkeit, seine Gefühle zu verbergen. In seinen großen braunen Augen kann man ganz deutlich erkennen, was in seinem Kopf gerade vor sich geht. Und im Augenblick ist er ganz eindeutig glücklich über seine Karten.

Alles klar, er hat also eine gute Hand. Aber so gut wie drei Asse? Vermutlich nicht.

„Ich gehe mit und erhöhe um fünfzig Skittles.“ Ich zähle die Bonbons ab und schiebe sie in die Tischmitte.

Meine Mitspieler schnappen kollektiv nach Luft – das sind eine Menge Bonbons.

Steven wirft mir einen skeptischen Blick zu.

„Und?“, sage ich, um ihn herauszufordern, und denke: Nur weil wir uns getrennt haben, muss ich dich noch lange nicht mit Samthandschuhen anfassen. Nur weil etwas Schlimmes passiert ist, musst du mich noch lange nicht mit Samthandschuhen anfassen.

Aber ehe er antworten kann, ruft mich Miss Mahoney.

„Alexis, kann ich dich mal kurz sprechen?“

Sie will unter vier Augen mit mir reden. Das verheißt nichts Gutes.

Ich lege meine Karten mit der Bildseite nach unten ab und gehe widerwillig zu ihrem Pult. Sie kaut auf ihrer Unterlippe herum, noch ein unheilvolles Zeichen.

„Was gibt es denn?“, zwitschere ich.

„Ich wollte mit dir über das hier reden.“

Sie schiebt mir ein Blatt Papier hin.

Die Zwischenprüfung von letzter Woche.

Die 25 Prozent meiner Gesamtnote ausmacht.

Und auf die neben meinem Namen ein großes rotes „71 %“ gekritzelt ist.

Ich schiebe mir die Brille die Nase hoch und überfliege entgeistert das harmlose Blatt Papier. Offenbar habe ich drei ganze Aufgaben falsch gelöst, und für eine vierte habe ich nur einen Teil der Punkte bekommen. Insgesamt waren es zehn Aufgaben.

71 Prozent.

Eine Drei minus. Praktisch eine Vier.

Ich schlucke. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.

„Ich konnte das alles“, sage ich nach ein paar quälenden Sekunden mit belegter Stimme und überfliege das Blatt erneut. Meine Fehler sind dermaßen himmelschreiend offensichtlich, dass ich mir vorkomme wie das Opfer eines grausamen Streichs.

Das war’s mit der vollen Punktzahl im Abschlusszeugnis, denke ich. Boom.

„Es tut mir leid“, sagt Miss Mahoney leise, als würde nicht sowieso schon jeder im Raum angestrengt unserer Unterhaltung lauschen. „Du kannst sie am Freitag wiederholen, wenn du denkst, dass dir das helfen würde.“

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich verstehe. Was ihr leidtut. Warum sie mir einen zweiten Versuch anbietet, obwohl sie das sonst nie erlaubt. Deine Note ist eine Tatsache, sagt sie immer. Du musst lernen, mit den Tatsachen zu leben.

Ich straffe den Rücken.

„Nein, ich bleibe dabei.“ Ich ziehe das Blatt Papier an einer Ecke zu mir heran und falte es in der Mitte, um die Note zu verstecken. „Bei der Abschlussprüfung mache ich es besser.“

Sie nickt. „Es tut mir alles so leid, Lex“, wiederholt sie.

Mein Kinn hebt sich. „Was denn?“, frage ich, als hätte ich keine Ahnung, was sie meint. „Ich hab den Test gegen die Wand gefahren, nicht Sie.“

„Ich weiß, wie schwer du es hast, seit Tyler …“

Und dann verstummt sie.

Gott, wie ich diese Pause hasse, in der die Leute nach einer möglichst unverfänglichen Formulierung für gestorben suchen, als wäre es weniger furchtbar, wenn man es bei einem anderen Namen nennt: Ausdrücke wie seine letzte Ruhe gefunden, als wäre der Tod eine Art Nickerchen. Von uns gegangen oder heimgegangen, als wäre es nur ein Urlaub. Verblichen, was bürokratischer wirken soll, in Wahrheit aber so klingt, als wäre der Tote ein alter Teppich, der fadenscheinig geworden ist, nachdem man lange genug auf ihm herumgetrampelt ist.

„Selbstmord begangen hat“, helfe ich Miss Mahoney weiter.

Zumindest bin ich fest entschlossen, ehrlich damit umzugehen. Mein Bruder hat Selbstmord begangen. In unserer Garage. Mit einem Jagdgewehr. Das klingt zwar nach der makabersten Partie Cluedo aller Zeiten, aber so war es nun mal.

Das sind die Tatsachen.

Wir müssen lernen, mit den Tatsachen zu leben.

„Es geht mir gut“, sage ich. Dann, noch mal: „Bei der Abschlussprüfung mache ich es besser.“

Sie sieht zu mir hoch, und in ihrem Blick liegt dieses grauenvolle Mitleid.

„Gibt es sonst noch was?“, frage ich.

„Nein, das … das wäre alles, Alexis“, sagt sie. „Danke.“

Ich gehe zurück zum Pokertisch. Ich kann spüren, wie mich die anderen Schüler anstarren, meine Freunde, meine Klassenkameraden, die ich größtenteils schon seit der sechsten Klasse kenne und mit denen ich in den vergangenen vier Jahren im Matheclub und im Team für die Wissenschaftsolympiade gewesen bin und am Physik-Wettbewerb teilgenommen habe. Die sich jetzt alle fragen, was für ein gefühlskalter, nüchterner Mensch ich sein muss, dass ich es einfach so dahinsagen kann. Als wäre es mir egal. Als hätte ich meinen Bruder nicht geliebt, wenn ich die Tatsache, dass er tot ist, so einfach runterleiern kann.

Ich setze mich hin, stopfe diese Beleidigung von Test in meinen Rucksack und versuche, meinen Freunden in die Augen zu sehen. Was sich als so gut wie unmöglich entpuppt.

In Beakers Augen schimmern Tränen. Ich kann sie nicht ansehen, weil ich weiß, dass sie sonst in lautes Schluchzen ausbricht. Was dazu führen könnte, dass jedes Mädchen im Raum mitmacht, mit Ausnahme vielleicht von El. Weil hysterisches, mädchenhaftes Geflenne – anders als Selbstmord – nämlich definitiv ansteckend ist.

Ich könnte gehen, denke ich. Ich könnte einfach rauslaufen, den Gang entlang und aus der Schule, in den minus fünf Grad kalten Nachmittag, und die zwölf Meilen nach Hause laufen. Gut möglich, dass Erfrieren angenehmer ist als das hier. Miss Mahoney würde mich gehen lassen. Ich würde keine Probleme bekommen.

Aber dass ich keine Probleme bekommen würde, ist ja gerade der Grund dafür, dass ich nicht gehen kann.

Ich will keine Sonderbehandlung, nicht deswegen.

Also nehme ich meine Karten wieder auf die Hand, versuche zu lächeln und versage dabei völlig. So beiläufig wie möglich sage ich: „Also, wo waren wir noch mal?“

Ach, genau: drei Asse.

„Lex …“, sagt El. „Was für eine Note hast du …“

Ich nicke Steven zu. „Ich glaube, dein Call steht noch aus.“

Er schüttelt den Kopf. „Ich passe.“ Jetzt steht ihm ins Gesicht geschrieben, dass er gerne noch mehr sagen würde. Viel mehr. Aber er ist nicht sicher, ob das noch seine Aufgabe ist: den Versuch unternehmen, mich zu trösten. Er weiß nicht, wie er mich trösten soll, also passt er.

Ich werfe einen Blick zu El rüber. Sie sieht mir nicht in die Augen, zuckt aber mit einer Schulter und starrt auf ihre Fingernägel, als wäre sie gelangweilt. „Ich hatte eine miese Hand, falls du dich erinnerst.“

„Beaker?“, hake ich nach.

Beaker nickt, holt stockend Luft und schiebt den Großteil ihrer Skittles in die Tischmitte. „Ich gehe mit“, sagt sie.

Sie hat nichts. Ein Damenpaar.

Ich zeige meine Karten. Hurra, der ganze Süßkram gehört mir. Aber es fühlt sich an, als hätte ich etwas viel Wichtigeres verloren.

3. KAPITEL

Es passiert später an diesem Abend.

Es ist ein Abend wie die meisten Nach-Ty-Abende. Ich lungere im Schlafanzug unten im Hobbyraum auf dem Fernsehsessel herum, den Dad hier zurückgelassen hat. Mom liegt oben auf dem Sofa im Wohnzimmer, immer noch in ihrer Krankenschwesternmontur, und liest Wenn guten Menschen Böses widerfährt. Alle paar Zeilen unterstreicht sie etwas, als wäre jedes Wort des Autors direkt an sie gerichtet. So macht sie es immer bei dieser Art von Büchern, die uns die Leute haufenweise schenken. Aber wenigstens weint sie nicht. Sie redet nicht mehr über Geister. Sie funktioniert.

Also habe ich sie lesen lassen und den Großteil der vergangenen Stunden damit verbracht, leicht angebranntes Mikrowellenpopcorn zu futtern und die Werbung auf dem DVR vorzuspulen, während ich Bones gucke. Der Plan ist, so lange die Wiederholungen der zweiten Staffel zu sehen, bis ich zu müde bin, um der Handlung zu folgen, und damit auch zu müde, um immer wieder über das heutige Analysis-Debakel zu grübeln.

Der Abend besteht im Großen und Ganzen aus einer Aneinanderreihung von krassen Leichen.

Ich versuche, mich gegen den Anblick der Toten zu immunisieren. Alle lebenden Geschöpfe unter der Sonne als Fleisch zu betrachten. Als alte Teppiche. Grünen Schleim. Was auch immer. Etwas, das unausweichlich verfallen wird. Ich weiß nicht, warum, aber es hilft mir zu sehen, dass der Tod etwas Unvermeidliches und Zwangsläufiges ist.

Ja, mir ist klar, wie verkorkst das ist. Aber man tut, was man tun muss.

Und so kommt es, dass ich um punkt 22:11 Uhr, als gerade die siebzehnte Folge zu Ende geht, das Eau de Cologne meines Bruders rieche.

Deutlich.

RIECH MICH, sagt es. HIER KOMME ICH.

Ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Wenn ich die Zeit anhalten und nachdenken könnte, würde ich versuchen, es mir damit zu erklären, dass sich die Parfümflasche viel näher an dem Ort befindet, an dem ich mich gerade aufhalte (im Keller, schätzungsweise fünf Meter weit vom unteren Badezimmer entfernt), als bei meiner Mutter, als sie den Duft gestern Abend in der oberen Etage gerochen hat. Es würde sich alles ganz leicht rational erklären lassen.

Aber ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Weil ich im selben Moment für den Bruchteil einer Sekunde vom Fernseher weggucke, um auf meinem Handy nach der Uhrzeit zu sehen, und als ich aufblicke …

Ist er da.

Er steht neben seiner Zimmertür, in seinen Lieblingsjeans und einem weißen T-Shirt.

Ty.

Ich denke nicht.

Ich kreische und schmeiße mein Handy nach ihm.

Ehe er getroffen wird, verschwindet er wieder, wie ein Lichtblitz, der über den Himmel zuckt: Erst ist er da, dann plötzlich weg. Mein Telefon knallt mit einem hässlichen Knirschen gegen die Wand.

„Lexie?“, ruft meine Mutter von oben, ihre Stimme gedämpft von den Holz- und Teppichschichten zwischen uns. „Was war das?“

Ich kriege keine Luft.

Ty.

„Lex?“, ruft meine Mutter noch mal.

„Alles gut“, rufe ich. „Nichts passiert …“ Ich zwinge mich, aufzustehen und mein Telefon aufzuheben. Meine Hände zittern, während ich versuche, den Schaden zu begutachten, und das nicht nur, weil ich Ty gesehen habe. Sondern auch, weil ich mein Handy kaputtgemacht habe.

Weil sich auf meinem Handy etwas befindet, das ich auf keinen Fall verlieren will. Das ich nicht verlieren darf. Auf keinen Fall.

Ich drücke auf den Einschaltknopf und starre auf das gesprungene schwarze Display. Mein gebrochenes Spiegelbild starrt zurück. Ich sehe total panisch aus.

Das Display leuchtet auf.

Das Handy geht an. Startet neu.

Ich schließe für ein paar Sekunden die Augen. Bitte, denke ich. Bitte.

Wie durch ein Wunder scheint das Handy, mal abgesehen von dem Sprung im Display, in Ordnung zu sein. Ich scrolle durch die Nachrichten, immer weiter zurück, durch die Hunderte von be sorgten SMS, die sich in den vergangenen Wochen angehäuft haben, durch unzählige Varianten von Herzliches Beileid und Ich bete für dich und deine Familie und Sag Bescheid, falls… bis zu einer SMS vom 20. Dezember.

Von dem Abend, an dem Tyler gestorben ist.

Sie ist noch da.

Meine Sicht verschwimmt, sodass ich die Worte nicht erkennen kann, aber ich brauche sie auch gar nicht mehr zu sehen. Ich weiß nicht, warum mich die Vorstellung, diese Nachricht zu verlieren, so in Panik versetzt. Ich werde sie niemals verlieren. Sie hat sich für den Rest meines Lebens in mein Gehirn gebrannt.

Ich zwinge mich, Luft zu holen. Ich muss zwei- oder dreimal ganz tief einatmen, ehe ich auch nur versuchen kann zu kapieren, was gerade passiert ist.

Tyler.

Ty. Das Wort ist wie ein Herzschlag.

Ich starre die Stelle an, an der er gestanden hat. „Ty“, flüstere ich.

Aber das Zimmer ist leer.

Mein Bruder ist nicht hier.

9. Februar

Das hier ist sinnlos.

Das letzte Mal, als ich Ty gesehen habe

Nein.

Es war nicht real.

Das letzte Mal, als ich Ty glücklich erlebt habe

Okay, eigentlich hat Ty nie richtig unglücklich gewirkt, nicht so unglücklich, wie man es sein muss, um

Es schien ihm besser zu gehen

Er hatte sich im Griff. Er war –

Klar war er manchmal traurig. Sind wir nicht alle manchmal traurig?

Er hatte seine Gründe für das, was er getan hat:

Dad

Megan

diese Ashley

seine blöden, oberflächlichen Sportlerfreunde

Mom

mich

das Gefühl, dass keiner für ihn da ist

die allgemeine Mistigkeit des Lebens

Aber andererseits ist das Leben für die meisten von uns ätzend. Und trotzdem verabschieden wir uns nicht alle per Kugel in die Brust aus dieser Welt.

Ich sollte das hier einfach hinter mich bringen.

Das letzte Mal, dass ich Ty glücklich, richtig und wirklich glücklich erlebt habe, war am Abend des Schulballs. Der 11. Oktober. Er hatte ein Mädchen gefragt, ob es ihn begleitet, und es hatte Ja gesagt. Er sollte sie um 8 abholen. Der erste Teil des Abends, an dem er meiner Erinnerung nach glücklich war, begann vermutlich so gegen 19:15 Uhr, als er hinter mir im Badezimmerspiegel erschien, während ich mich gerade fertig schminkte.

Er sagte, dass ich hübsch aussehe.

Ich schnitt eine Grimasse, weil ich Make-up hasse. Ich hasse es, Kontaktlinsen zu tragen. Ich hasse das ganze Tamtam um den Schulball, echt, den Aufstand, den alle deswegen machen, die unbequemen Kleider und die kitschigen Bilder und den blöden Punsch, um den alle herumstehen und an ihren Gläsern nippen, damit sie sich nicht unterhalten müssen. In großen Menschenmengen werde ich klaustrophobisch – liegt wohl daran, wie stickig die Luft wird, wenn sich um einen herum so viele Körper drängen. Ich brauche meinen Freiraum. Ich muss atmen können.

Aber Steven brachte das Argument, dass Tänze Übergangsriten und zwar durchaus eine Form der Folter, aber ein notwendiges Übel sind.

„Wir gehen hin, damit wir später beweisen können, dass wir auch mal jung waren“, sagte er.

Ich glaube, in Wahrheit wollte er mich einfach nur in einem Kleid sehen.

Wie auch immer, Ty sagte, dass ich hübsch aussehe.

„Aha. Was willst du?“, fragte ich argwöhnisch.

„Ich brauche deine Hilfe“, sagte er. „Es ist wichtig, Lex, und alleine krieg ich das nicht hin. Bitte.“

Unsere Blicke begegneten sich im Spiegel. Wir hatten dieselben Augen (von Dad), nussbraun mit einem goldenen Kreis um die Pupille. Wir hatten dieselbe Nase (von Mom), mit demselben kleinen Höcker auf dem Nasenrücken. Wir hatten dasselbe gelockte braune Haar, das an Ty dank großzügigem Einsatz von verschiedenen Haarpflegeprodukten immer gut aussah, bei mir aber wild in die Gegend steht, weil ich mir nie die Mühe mache, mich weiter damit zu beschäftigen. Jedes Mal, wenn ich meinen Bruder ansah, war ich wieder verblüfft, dass er so was wie eine leicht verbesserte Kopie von mir war, jedenfalls was das Aussehen betraf.

Er sah mich so ernst an, dass ich sofort klein beigab.

„Na klar“, sagte ich. „Worum geht’s?“

Er hielt eine Pinzette von Mom hoch. „Bitte tu was gegen meine zusammengewachsenen Augenbrauen.“

Ich schubste ihn weg. „Igitt! Auf keinen Fall! Mit deiner Körperpflege will ich nichts zu tun haben!“

„Bitte!“, bettelte er.

„Mach es selber.“

„Ich hab’s ja versucht. Aber ich schaff es nicht. Ich weiß nicht, wie das geht!“

„Gibt es für so was nicht Schönheitssalons?“

„Dafür ist es zu spät. Ich muss sie in nicht mal einer Stunde abholen. Komm schon, Lex. Ich seh aus wie Bert aus der Sesamstraße. Du musst mir helfen.“

Dann setzte er seinen Hundeblick auf. Am Ende erhitzte ich den kleinen Wachstopf, mit dem ich meine Augenbrauen bearbeite – wenn ich der Natur freien Lauf lasse, sehe ich nämlich auch wie Bert aus, und mein Äußeres ist mir zwar nicht so wahnsinnig wichtig, aber in der 9. Klasse gab es mal einen Zwischenfall, bei dem mich Jamie Bigelow als haarige Höhlenfrau bezeichnet hat. Danach fing ich an, mich zu wachsen, zu rasieren und im Namen der Weiblichkeit mit vielen weiteren Werkzeugen zu quälen.

Ty saß auf dem Badezimmerschränkchen, während ich das Wachs sorgfältig zwischen seine Augen strich. Ich presste den Stoffstreifen drauf und drückte ihn in Haarwuchsrichtung glatt. Ty klammerte sich am Rand des Schränkchens fest und holte tief Luft.

Ich erinnere mich noch, dass er gesagt hat: „Ich vertraue dir. Wehe, ich sehe danach aus wie ein Freak.“

„Du siehst jetzt schon wie ein Freak aus“, sagte ich, er wusste aber, dass das nur ein Witz war. „Okay, ich zähle bis drei …“

Aber ich zählte nicht, sondern riss den Stoffstreifen einfach runter.

Ty kippte rückwärts vom Schränkchen, heulte auf und schlug die Hände vors Gesicht.

„Au!“, brüllte er. „Du durchgeknalltes Miststück!“

Ich war geschockt. Ty fluchte nie. Wir fluchten beide nicht. Als wir klein waren, hielt Mom uns immer Vorträge, weil wir Schimpfworte instinktiv verniedlichten: Mist, verflixt, Sch…eibenkleister, A-Loch und so weiter. Wenn es dasselbe bedeutet, schimpfte Mom immer, warum sagt ihr es dann überhaupt? Ich schätze, ihre Gardinenpredigten haben gewirkt, weil Ty und ich es nie schafften, mit angemessenem Nachdruck zu fluchen. Wenn wir Schimpfworte sagten, klangen sie immer gestelzt und unnatürlich.

Also war das mit dem durchgeknallten Miststück ganz schön krass. Mich hatte noch nie wer als Miststück bezeichnet. Und ich musste feststellen, dass es mir nicht gefiel.

„A-loch!“, schoss ich reflexartig zurück. „Idiotische kleine Mistbratze!“

„Sadistische Schreckschraube!“

„Nerviger Jammerlappen!“, wehrte ich mich.

„Hinterhältige Haardiebin!“

„Dödel!“, rief ich, aber es klang furchtbar unbeholfen.

Dann lachten wir. Heftig. Wir lachten und lachten, auf diese Art, bei der man sich den Bauch halten muss und am Ende fast heult. Wir lachten, bis es wehtat. Dann seufzten wir beide, Ty rubbelte sich übers Gesicht und wir gingen zum Spiegel, um das Ergebnis meiner Arbeit zu begutachten.

Das nicht gut aussah.

Denn die Haare waren zwar weg – immerhin –, aber jetzt befand sich zwischen Tys Augenbrauen ein knallrosa Streifen gereizter Haut, der aussah, als wäre jemand mit einem Textmarker auf ihn losgegangen.

„Oh, oh“, kicherte ich.

„Lex …“, sagte er, „was hast du nur getan?“

Ich sagte ihm, dass es sich bis zum Morgen legen würde.

Er warf mir einen vernichtenden Blick zu.

Dann klärte er mich auf, dass er das Mädchen, mit dem er zum Ball ging – Ashley, sagte er – wirklich mochte, sie beeindrucken wolle und ich gerade so ziemlich sein ganzes Leben ruiniert habe.

„Jetzt mach dir nicht gleich in die Hose.“ Ich holte einen Wattebausch und tupfte Ty das hautberuhigende Öl auf die Stirn, das der Wachspackung beiliegt.

Das hautberuhigende Öl wurde seinem Namen aber leider nicht gerecht. Nach dem Auftragen warteten wir 10 Minuten, aber Ty sah immer noch so aus, als hätte jemand sein Gesicht mit einem Bügeleisen bearbeitet.

Wir versuchten es mit Eis. Mit Lotion. Mit Hämorrhoidencreme – einer meiner genialeren Geistesblitze –, aber am Ende leuchtete seine Haut wenn überhaupt noch mehr.

„Lex“, sagte er, „ich glaube, ich muss dich gleich erwürgen.“

Das war nur zur Hälfte als Witz gemeint.

„Jetzt bleibt uns nur noch ein Ausweg“, sagte ich feierlich.

Ich hielt meine Make-up-Tube hoch.

Er versuchte nicht mal, sich zu wehren. Er hielt still, während ich sorgfältig eine Schicht Clinique Stay Matte Oil-Free Foundation zwischen seine Augenbrauen verteilte. Sie war einen Hauch zu hell für seinen Teint, aber besser als das Rosa. Ich musste auch einen Großteil seiner Stirn schminken, damit der Übergang weicher wurde.

„Alles klar“, sagte er, als ich fertig war. „Jetzt fühle ich mich endgültig entmannt.“

„Halt die Klappe, oder ich hol den Lippenstift raus“, witzelte ich, und dann flüchtete er nach unten, um sein Eau de Cologne aufzutragen und sich fertig zu machen. Ein paar Minuten später kam Mom von der Arbeit zurück, und ehe wir aufbrachen, ließ sie Ty und mich an der Haustür für ein gemeinsames Foto posieren.

Ich weiß noch, wie sie sagte: „Da sieh sich mal einer meine beiden hübschen Kinder an.“ Ty legte den Arm um mich, ich lehnte den Kopf an seine Schulter und wir lächelten. Die Kamera blitzte. Mom wandte sich ab, um etwas aus ihrer Handtasche zu kramen, und plötzlich gab Ty mir einen Kuss auf die Wange, einen von diesen ekligen Schlabberküssen, woraufhin ich zurückwich und ihm die Schulter boxte.

„Raus mit dir, du Gör“, sagte ich und wischte meine Wange ab.

Mom reichte ihm die Autoschlüssel.

„Mitternacht.“

„Aye-aye, Captain“, antwortete er.

Sie sah mit gerunzelter Stirn zu ihm hoch. „Sag mal, hast du … Make-up drauf?“

Er zuckte mit den Achseln, als hätte er keine Ahnung, wovon sie redete.

„Jedenfalls siehst du toll aus“, schloss sie nach einem Augenblick.

Das tat er wirklich. Sein Anzug saß perfekt, er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Natürlich sagte ich das nicht, weil ich seine Schwester war und das schräg gewesen wäre. Aber ich dachte damals, dass er endlich so wirkte, als würde er sich wohl in seiner Haut fühlen. Entspannt. Als würde er sich trauen, einfach er selbst zu sein.

„Sei ein Gentleman“, ermahnte Mom ihn.

„Yes, Ma’am.“ Er lächelte und salutierte, und dann war er weg. Mom drehte sich zu mir um. Die elterliche Nostalgie stand ihr ins Gesicht geschrieben.

„Meine Babys werden erwachsen“, bekundete sie seufzend.

Ich verdrehte die Augen. Dann klopfte Steven an die Tür, um mich zu entführen, damit wir Beweismittel für die Nachwelt sammeln konnten, dass auch wir vor langer Zeit mal jung gewesen waren.

Ich kann mich kaum mehr an den Ball erinnern, aber ich weiß noch, dass Steven meine Hand genommen hat, als wir in der mit Silberbannern und blauen und weißen Heliumballons und Stroboskopen aufgerüsteten Aula angekommen sind, und mich im Kreis herumgewirbelt hat, damit er mein Outfit begutachten konnte. Ich trug ein ärmelloses Kleid mit Gürtel und knielangem, ausgestelltem Rock, schwarze Spitze auf grünem Satin, für das ich bei Macy’s 79 Dollar verprasst hatte.

„Du siehst aus wie die Euler’sche Formel“, murmelte er, während er mich von Kopf bis Fuß musterte.

Nerd-Übersetzung: Die Euler’sche Formel gilt als vollkommenste Gleichung, die jemals geschrieben wurde. Einfach, aber elegant. Wunderschön.

„Danke“, sagte ich und errötete. Ich versuchte, mir ein gleichwertiges Kompliment auszudenken, vielleicht die allgemeine Relativitätstheorie oder die Callan-Symanzik-Gleichung, aber am Ende beließ ich es bei: „Du siehst heiß aus. Ernsthaft.“

Steven lächelte. Er ist ziemlich gut aussehend, mit braunen Augen und goldbraunem Haar und geraden, kieferorthopädisch nachbearbeiteten weißen Zähnen, aber meistens fällt das den Leuten in unserer Umgebung nicht auf. Sie sehen nur, wie sehr er sich für den Physikunterricht begeistern kann. Sie sehen den Taschenrechner in seiner Hosentasche. Und seine Brille.

Er hob meine Hand an seine Lippen und drückte einen Kuss drauf. „Kommt, Mylady“, sagte er, „lasst uns tanzen.“

Eine Zeitlang wackelten wir unbeholfen auf der Tanzfläche herum, bis Beaker und Eleanor mit ihren Dates zu uns kamen und wir uns im Stillen über die Tussen mit ihren puffigen Frisuren und ihren puffigen Kleidern lustig machten. Dann machten wir uns scheinheilig gegenseitig Komplimente für unsere Kleider, ließen für die Nachwelt Fotos machen und tanzten noch ein bisschen.

Und dann kommt der Teil, an den ich mich so deutlich erinnern kann. Ich tanzte mit Steven zu einem langsamen Lied und ließ meinen Kopf gegen seine Brust sinken, sodass ich seinen Herzschlag spürte. Der Song war A Thousand Years von Christina Perri. Wir lachten darüber, wie schmalzig er ist, wie übertrieben sentimental, und rissen ein paar Twilight -Witze, aber andererseits hatten wir auch gleich angefangen zu tanzen. Das Lied eignet sich toll zum Tanzen. Stevens Hände lagen in meinem Kreuz, sein Gesicht war in meiner Halsbeuge, sein Atem wärmte meine Haut, und ich hatte diesen Moment plötzlicher Euphorie. Wir gehören zusammen, dachte ich. Wir passen zueinander.

Es fühlte sich an wie die Euler’sche Formel.

Ich hob den Kopf, und er hob seinen. Unsere Blicke trafen sich. Unsere Beine streiften einander, während wir uns langsam vor und zurück wiegten.

„Darling, don’t be afraid, I have loved you for a thousand years“, schmachtete Christina Perri. „And I’ll love you for a thousand more.“

Warte, dachte ich. Moment mal.

Vor mir lag ein ganzes aufregendes Leben, College, Karriere und Erwachsensein. Das hier war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich ernsthaft in jemanden zu verlieben. Dafür waren wir zu jung. Hormone konnte ich verstehen. Auf Dates gehen, Sich-Ausprobieren und herausfinden, wie es war, jemanden zu küssen und geküsst zu werden, all das leuchtete mir ein. Aber das hier – wie ich mich in diesem Moment in Stevens Armen fühlte – fühlte sich nach mehr an als nur nach Hormonen.

Nach viel mehr.

Ich schlang meine Arme dichter um seinen Nacken und ließ meinen Kopf wieder sinken. Als ich die Wange zurück an seine Brust legte, klopfte sein Herz ganz schnell.

Und meins auch.

Ich sah mich beiläufig um und entdeckte nur wenige Meter entfernt Ty, der mit einem Mädchen tanzte – Ashley, wie ich annahm. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur die Rückseite ihres blassblauen Kleids, das über den Boden streifte, und ihr goldenes Haar, das ihr in kunstvollen Wellen über die Schultern fiel. Aber Tyler erkannte ich deutlich. Seine Augen waren geschlossen und seine Finger ruhten gespreizt auf Ashleys Hüften, während er sich im Takt mit ihr bewegte. Er lächelte nicht, aber auf seinen Zügen spiegelte sich eine stille Zufriedenheit. Eine Ruhe.

Ich hatte ihn noch nie so glücklich erlebt.

Als hätte er gespürt, dass ich ihn beobachtete, öffnete er die Augen und entdeckte mich. Grinste.

Miststück, formte er mit den Lippen.

Ich grinste zurück, dann zeigte ich zwischen meine Augenbrauen. Trägst du etwa Make-up?, gab ich lautlos zurück.

Er deutete einen Stinkefinger an.

Ich musste laut lachen, woraufhin Steven aufschreckte und fragte: „Was ist denn so lustig?“

„Nichts“, sagte ich und versuchte, mein Gekicher zu unterdrücken. „Mein Bruder ist nur so eine Knalltüte.“

Steven drehte sich um und grüßte Ty mit einem Was-geht-Mann-Nicken, das Ty erwiderte.

Jungs und ihre Geheimsprache.

„Ich mag deinen Bruder.“

„Er dich auch.“ Ich lächelte, weil es stimmte – Ty fand es super, dass ich mit Steven zusammen war. „Der Typ ist echt in Ordnung“, hatte er mal zu mir gesagt. „Er kapiert, wie du tickst.“ Und damals hatte das auch gestimmt. Steven hatte gewusst, wie ich ticke.

Die Violinen schwollen zu einem letzten Crescendo an, dann verklangen sie. Wir hörten auf zu tanzen und sahen einander an.

„Und jetzt?“, fragte Steven.

„Jetzt trinken wir den blöden Punsch“, schlug ich vor, und weg waren wir.

An den Rest des Balls kann ich mich nicht erinnern. Er ist mit all den anderen bedeutungslos verstreichenden Sekunden meines Lebens verloren gegangen. Ich. Steven. Ty. Alles vergeht. Ich begriff nicht, dass ich diesen Augenblick auf der Tanzfläche hätte genießen müssen, ich wusste nicht, wie wunderschön und außergewöhnlich er war, wie zerbrechlich, wie flüchtig. Dieser Augenblick, in dem Ty glücklich war. In dem wir alle glücklich waren, zusammen und in Sicherheit.

Ich habe es nicht gewusst.

Ich habe es nicht gewusst.

4. KAPITEL

Daves Praxis liegt in einem der unscheinbaren Geschäftsgebäude in der Innenstadt – in einem Labyrinth, in dem man die Gänge ablaufen und die Namen von Anwälten und Buchhaltern und Maklern von identischen Schildern neben identischen Türen ablesen muss, bis man das Schild erreicht hat, auf dem David Harrington, Paar-und Familientherapeut, New-Hope-Familienberatung steht.

Als ich vor etwa einem Monat zum ersten Mal zu ihm gegangen bin, bin ich in seine Praxis gestapft und habe mit den grauen Wänden und Berberteppichen aus dem Gang gerechnet. Aber als die Tür aufging, stand ich plötzlich in diesem abgefahrenen Wartezimmer, das vollgestopft war mit Aquarien, einer Auswahl an Lavalampen, einem Beistelltischchen mit einer Sammlung von Wackel-Hulatänzerinnen fürs Armaturenbrett, Daves beeindruckender Kollektion von alten Tabasco-Flaschen, die an einer Wand ausgestellt sind, und – das ist das Beste – der größten Ansammlung von Comics (die Art, die auf der Witzseite in der Zeitung abgedruckt wird), die ich jemals gesehen habe. Zehn Minuten lang saß ich da und blätterte in einer Sammlung von alten Peanuts-Klassikern. Charlie Brown, der versucht, einen Fußball zu treten. Lucy, die ihm den Ball unter dem Fuß wegzieht. Charlies Wutanfall. Und ich lachte über den armen Charlie, und es fühlte sich merkwürdig an zu lachen, weil Ty damals erst seit zwei Wochen tot war.

In diesem Moment kam Dave aus seinem Behandlungszimmer. In Anbetracht des Wartezimmers hatte ich einen Hippie oder irgendeinen exzentrischen Spinner erwartet, aber da stand er in seinem Karohemd und seinen bügelfreien Stoffhosen, mit perfekt rasiertem Bart und seinem kurzgeschnittenen ergrauenden Haar, das er immer mit einem Tick zu viel Gel bearbeitet. Er streckte mir die Hand hin.

„Lexie, nehme ich an“, sagte er. „Ich bin Dave. Und du kannst Du sagen, wenn es dir recht ist.“

Ich musste überrascht gewirkt haben, denn danach sagte er: „Tut mir leid. Möchtest du lieber Alexis genannt werden? Als ich mich mit deiner Mutter getroffen habe, hat sie von dir immer als Lexie gesprochen.“

„Sie haben mit meiner Mom geredet? Persönlich?“

„Ja, aber nur kurz“, antwortete er. „Sie wollte mir die Situation erklären.“

Es fiel mir schwer, mir meine Mom an diesem Ort vorzustellen. Wie sie mit übereinandergeschlagenen Beinen neben den Hulatänzerinnen und der Wand voller Tabascoflaschen saß und darauf wartete, diesem Mann von ihrem toten Sohn und ihrer traurigen Tochter zu erzählen.

„Also“, sagte Dave und wies in sein Behandlungszimmer, wo ein großes kariertes Sofa und eine Schachtel Taschentücher warteten. „Komm rein.“

Ich zögerte. „Also, vielleicht ist das doch keine so gute …“

„Ich bin vor allem zum Zuhören da, Alexis“, sagte er daraufhin. „Für den Fall, dass du reden willst. Probier es einfach aus.“

Dave ist ein ziemlich netter Typ. Mir ist noch nicht ganz klar, wozu er eigentlich gut sein soll, mal abgesehen von seiner Funktion als fehlgeleiteter Versuch meiner Mom, mir in dieser schweren Zeit etwas Gutes zu tun. Als wäre das Leben gerade nicht so oder so absolut ätzend. Aber wie dem auch sei. Mein Bruder ist tot. Ich rede nicht viel, ich hänge nicht mit meinen Freunden rum, und ich bin nicht die normale quietschfidele Lex, die die Leute erwarten.

Also sollte ich ganz klar eine Therapie machen.

Heute Nachmittag sitze ich volle dreißig Minuten in Daves Behandlungszimmer, ehe mir irgendetwas Produktives einfällt, was ich sagen könnte. Bisher war das für ihn immer in Ordnung – abzuwarten, bis ich zum Reden bereit bin –, heute ist allerdings nicht zu übersehen, dass ihn etwas beschäftigt. Irgendeine kleine Psychonuss in meinem Kopf will er unbedingt knacken.

Mich beschäftigt auch etwas, aber das sage ich ihm nicht.

Ich will ja. In den letzten Tagen ist es in meinem Kopf ganz schön heftig zugegangen. Immer wieder denke ich, dass ich verrückt geworden sein muss. Irgendwas in meinem fragilen Gehirn muss unter all der emotionalen Belastung zusammengebrochen sein. Ich habe offiziell den Bezug zur Realität verloren.

Weil Ty tot ist.

Er ist weg. Er kommt nie mehr zurück.

Was ich neulich Abend gesehen habe, muss einfach eine Halluzination oder der Anfang eines psychischen Zusammenbruchs oder ein Wachtraum gewesen sein.

Es hat sich so real angefühlt.

Aber es kann nicht real gewesen sein.

Wie auch immer, wenn ich klug wäre, würde ich Dave davon erzählen. Immerhin wird er dafür bezahlt, dass er mir zuhört. Rational gesehen ist er genau der richtige Mensch zum Reden – objektiv, emotional unbeteiligt, pragmatisch. Für so was ist eine Therapie doch eigentlich da: dass man einen Ort hat, an dem man seine verrückten Anwandlungen abschütteln kann. Gesund wird. Sich auseinandersetzt.

Aber was soll ich denn sagen? Äh, also, ich hab vor vier Tagen abends den Geist meines toten Bruders im Keller gesehen.

Worauf Dave erwidern würde: Oh, das ist ja sehr interessant, Alexis. Na, dann wollen wir dir mal ein paar schöne Tabletten verschreiben.

Also fragt Dave, wie es mir geht, und ich sage: gut. Was nicht stimmt. Er fragt, wie meine Woche war, ich sage: okay. Was sie ganz und gar nicht war.

Dann herrscht Stille. Dave nagelt mich mit seinen freundlichen blauen Augen fest, während ich mit meiner Turnschuhspitze an der Teppichkante herumspiele.

Irgendwann sagt Dave: „Ich hoffe, dass du nicht mehr verärgert bist wegen letzter Woche.“

Ich starre ihn ein paar Sekunden lang verständnislos an, bis es mir wieder einfällt. Oh. Letzte Woche.

Richtig. Letzte Woche hatten wir die kleine Auseinandersetzung wegen der Antidepressiva.

Weil ich ihm von dem Loch in meiner Brust erzählt habe. Davon, dass ich das Gefühl habe zu sterben, wenn es passiert. Von meiner panischen Angst davor, dass diese Momente immer häufiger auftreten und immer länger andauern könnten, bis ich nur noch das Loch spüren kann und es mich vielleicht für immer verschlingt.

Ich dachte, mein Geständnis wäre mutig. Ich habe versucht, mich Dave gegenüber zu öffnen. Ich habe versucht, zu tun, was ich soll.

Erwartet hatte ich, dass Dave mir sagt, dass das Loch zwar entsetzlich sei, aber auch etwas ganz Normales, dass es nicht schlimmer, sondern besser würde und dass ich nicht sterben würde, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Dass es noch eine Weile wehtun würde, ich es aber überleben würde.

Und dann würde ich versuchen, ihm zu glauben.

Aber was er sagte, war: „Dagegen gibt es ein Medikament, das ich dir verschreiben könnte.“

Dann fing er an mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und der Wunderwirkung von Xanax und dass ich es für den Anfang vielleicht mit Valium probieren könnte, weil man davon nicht so schnell abhängig wird. Stumm starrte ich ihn an, bis er damit fertig war, in poetischen Worten von Medikamenten zu schwärmen. Schließlich sagte er: „Und, was meinst du?“

Ich erwiderte: „Du willst, dass ich Antidepressiva nehme?“

Er sagte, dass Antidepressiva in Kombination mit einer traditionellen Therapie eine äußerst effektive Behandlungsmethode seien.

Ich hakte nach: „Glaubst du, ich bin depressiv?“

Er hüstelte. „Ich glaube, dass du gerade eine sehr schwere Zeit durchlebst, die du dir mit Medikamenten etwas erleichtern könntest.“

„Ich verstehe. Hast du schon mal das Buch Schöne neue Welt gelesen?“

Er zwinkerte ein paarmal. „Nein, ich glaube nicht.“

„Es handelt von einer Gesellschaft in der Zukunft, in der es eine Droge namens Soma gibt, durch die sich alle glücklich fühlen“, erklärte ich. „Sie soll alles in Ordnung bringen. Du bist unzufrieden mit deiner Arbeit? Kein Problem. Nimm Soma, und dir ist alles egal. Deine Mom stirbt? Nimmt ein bisschen Soma, schon fühlst du dich prima.“

„Alexis“, wandte Dave ein. „Ich versuche, dir zu helfen. Das Loch, von dem du erzählt hast, klingt wie die klassische Beschreibung einer Panikattacke …“

„Aber am Ende ist es doch so“, unterbrach ich ihn. „Diese futuristische Gesellschaft, in der alle unter Drogen gesetzt werden, damit sie glücklich sind, ununterbrochen, ganz egal, was passiert, die ist grauenerregend – monströs sogar! Sie ist das Ende der Menschheit. Weil wir Gefühle haben sollen, Dave. Mein Bruder ist gestorben, und das soll Gefühle in mir auslösen.“

Ich hörte zu reden auf, weil ich plötzlich außer Atem war. Ich wollte noch mehr sagen. Ich wollte in die Welt schreien, dass Ty auch Antidepressiva genommen hatte, mehr als zwei Jahre lang, bis zu seinem Tod, und dass man ja sieht, wie wahnsinnig sie ihm geholfen haben. Ich wollte Dave mein ironisches kleines Geheimnis erzählen: dass ich weiß, dass ich Schmerz empfinden sollte, weil mein Bruder gestorben ist – Trauer, Verlust, wie man es auch nennen mag – und dass ich all das sogar spüren will, es aber nicht tue. Abgesehen von den Augenblicken mit dem Loch spüre ich gar nichts.

Ich brauche keine Medikamente, um den Schmerz zu betäuben.

„Ich verstehe“, sagte Dave.

„Mann, wann sind Therapeuten eigentlich zu Drogendealern geworden?“, fragte ich, weil ich immer noch aufgebracht war.

Dave lächelte, als würde er meine Beleidigung witzig finden, und ging sofort dazu über, mich zu besänftigen. „Schon gut, Alexis, schon gut. Keine Medikamente.“ Und dann schlug er die Sache mit dem Tagebuch vor.

Schreiben als Alternative zu Xanax.

„Ich habe diese Woche mit Tagebuchschreiben angefangen“, melde ich jetzt Rapport.

Er wirkt ungewöhnlich überrascht. „Worüber hast du denn geschrieben?“

Ich zucke mit den Achseln. „Zeug halt.“

Er wartet ab, ob ich mehr erzähle, aber als ich nichts sage, fängt er selbst mit einem neuen Thema an: „Okay. Diese Woche würde ich gern über deine Freunde sprechen.“

„Im Augenblick habe ich keine Freunde“, rutscht es mir raus.

Er hebt seine Brauen. „Du hast keine Freunde?“

Uuups. „Also, ich meine, doch, ich habe Freunde, aber …“

„Haben sie sich zurückgezogen?“, fragte er. „Manchmal wissen die Leute nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn …“

„Nein“, rudere ich zurück. „Nein, sie sind toll. Es ist nur so, dass … Ich glaube, ich bin diejenige, die sich zurückgezogen hat.“

David gibt einen nachdenklichen kleinen Laut von sich, als wäre er gerade auf eine therapeutische Goldmine gestoßen. „Warum?“

Ich nehme mir einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken. Na ja, bei Beaker liegt es daran, dass sie mich mit ihrem Mitgefühl erstickt hat. In der Zeit gleich nach Tys Tod war sie immer in meiner Nähe, sah mich besorgt an und hatte rotgeränderte Augen vom Weinen. Sie fragte wieder und wieder und wieder, ob es mir auch gut gehe.

Und ich dachte: Nein, du Idiotin. Es geht mir nicht gut. Mein Bruder ist tot.

Aber ich verkniff es mir und sagte: „Ja, alles okay“, was nach ein paar Tagen einem schwachen Nicken wich, worauf Beaker Sachen erwiderte wie „Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst“ oder „Wenn du reden willst, bin ich immer für dich da.“ Und nach einer Weile begriff ich, dass sie genau das von mir wollte. Sie wollte, dass ich über Ty redete. Über seinen Tod. Über die Gefühle, die sein Tod in mir auslöste. Und plötzlich hatte ich das starke Gefühl, dass sie wollte, dass ich weinte, damit sie die Schulter sein konnte, an der ich mich ausheulte. Sie wollte, dass ich zusammenbrach, damit sie mich wieder aufbauen konnte, damit sie als meine supertolle beste Freundin glänzen konnte, die mir durch das Schlimmste hindurchhalf.

Mir ist klar, dass ich vermutlich unfair bin. Ich liebe Beaker. Wirklich. Ich kenne sie seit der sechsten Klasse, als wir die nerdigsten Nerds in der Hochbegabtenklasse waren. Wir haben Hunderte von Malen beieinander übernachtet und genauso viele lange, ernste Gespräche bis in die Morgenstunden geführt, über den Sinn des Lebens, die Wahrscheinlichkeit, dass es Außerirdische auf anderen Planeten gibt, und über die Dämlichkeit von Jungs. Aber die Sache mit Ty ist mehr als ein neues Thema für ernste Gespräche. Es geht um mein ganzes zertrümmertes, verkorkstes Leben. Um das, was mich ausmacht.

Beaker kann mich nicht heilen.

Ich hatte es satt, ihre Versuche über mich ergehen zu lassen. Also habe ich mich einfach … na ja, langsam zurückgezogen.

All das erzähle ich Dave, und er nickt. „Und was ist mit deinen anderen Freunden? Deinem Freund?“

„Wir haben uns vor ein paar Wochen getrennt“, antworte ich. Themenwechsel: „Und dann habe ich noch eine Freundin, die Eleanor heißt. Mit ihr ist es ein bisschen einfacher. Sie geht mir aus dem Weg, auch wenn sie natürlich versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Ich glaub, sie hat mir nicht ein einziges Mal in die Augen gesehen, seit es passiert ist. Aber das macht nichts. Ich kann sie verstehen. Wie du gesagt hast, manche Leute wissen nicht, wie sie reagieren sollen.“

„Also hast du im Moment gar keine Freunde?“

„Na ja, ich sehe meine alten Freunde in der Schule, wir essen zusammen zu Mittag und haben zusammen Unterricht. Aber außerhalb der Schule will ich nichts unternehmen, und ich muss zu Hause für meine Mom da sein. Also vermutlich nicht. Nicht im Moment.“

„Das ist traurig, Lex“, sagt er.

Mein neuer zweiter Vorname. Alexis Traurig Riggs.

„Du musst das nicht alles alleine durchstehen“, verspricht Dave. „Versuch doch mal, andere Menschen an dich heranzulassen. Nur dann können sie dir helfen.“

Mir kann keiner helfen, denke ich. Es gibt keinen Zauberspruch, der Ty zurückbringt. Es gibt nichts, was irgendwer tun könnte.

„Ich werd dran arbeiten“, erwidere ich und fange wieder an, mit dem Teppich herumzuspielen.

Es herrscht Stille. Ich kann tatsächlich das Ticken der Uhr hören. Noch vier Minuten Therapie.

Drei Minuten.

Zwei.

„Gibt es denn sonst noch etwas, worüber du reden willst?“, fragt Dave.

Letzte Chance, denke ich. Erzähl ihm, dass du Ty gesehen hast. „Nein“, sage ich. „Alles gut.“

Was schätzungsweise Lüge Nummer 17 alleine in dieser Sitzung sein dürfte.

Dann stehe ich auf, obwohl noch sechsundneunzig Sekunden übrig sind, und lasse die Therapie so schnell hinter mir, wie ich kann.

Zum Abendessen bin ich mit Dad im Olive Garden verabredet. Normalerweise essen wir immer dienstags zusammen, nach meinem wöchentlichen Termin bei Dave. Weil Megan am Dienstag zum Yoga geht. Abendessen mit Dad ist immer eine schweigsame Angelegenheit, weil er noch weniger zu sagen hat als ich. Sein Job ist nicht der aufregendste der Welt – er ist Buchhalter –, und er weiß, dass ich nichts über Megan hören will oder das Haus, in dem er mit ihr wohnt, oder wie sie ihre Zeit verbringen, also bleiben kaum Themen übrig. Es war einfacher, als Ty noch dabei war (obwohl Ty die Abende mit Dad hasste und immer in letzter Minute Ausreden erfand, um nicht kommen zu müssen), weil wir dann wenigstens über Sport reden konnten.

Jetzt gibt es nur noch ein einziges unverfängliches Gesprächsthema.

„Wie läuft’s in der Schule?“, fragt Dad.

„Ich hab 72 Prozent in der Analysis-Zwischenprüfung“, platze ich heraus.

Ich weiß nicht, warum ich es ihm erzähle. Es ist peinlich, vor allem gegenüber meinem Dad, der ja offensichtlich selbst irgendwie ein Zahlentyp ist. Ich kann ihn nicht ansehen, als ich es sage. Ich bin sicher, dass mein Gesicht knallrot angelaufen ist, stochere aber weiter in meinem Salat herum, als wäre nichts.

Dad legt sein Grissini wieder hin. „Das klingt ernst.“

„Ist es auch“, stimme ich zu. „Damit ist meine Gesamtnote auf eine Eins minus gesunken. Was bedeutet, dass ich nicht Jahrgangsbeste werde.“

„Kannst du den Test wiederholen?“

„Nein.“ Lüge Nummer 18.

„Verstehe.“ Er räuspert sich, dann knabbert er weiter an seinem Grissini.

„Es tut mir leid, Dad“, sage ich nach einer Weile. Und das tut es wirklich. Ich hasse es, ihn zu enttäuschen, selbst nach allem, was passiert ist. Ich gebe etwas auf seine Meinung.

„Der Test ist nicht wichtig“, beschwichtigt er, meint es aber nicht so. Dad redet ständig davon, wie hart man dafür arbeiten muss, der Beste zu sein, sich in allem selbst zu übertreffen, es an die Spitze zu schaffen – die besten Noten, die beste Ausbildung, der beste Job –, damit man sein Potenzial voll ausschöpfen kann, wie er immer sagt, was für mich so viel heißt wie damit du nicht als Buchhalter in Nebraska endest, geschieden und mit zwei Kindern (Moment, jetzt ist es ja nur noch eins), obwohl du so viel mehr hättest erreichen können.

Wir essen. Dad trinkt zwei Gläser Rotwein, obwohl er Wein hasst. Dann nötigt er mich, Nachtisch zu bestellen.

„Wie geht es deiner Mutter?“, fragt er, während ich mein Tiramisu seziere.

Ich könnte ihm von der Sache mit dem Weinen erzählen. Aber das will er nicht hören. Er will nicht wissen, dass sie die ganze Zeit über weint und das Bett nur verlässt, wenn sie arbeiten oder in die Kirche muss, und dass sie sich beim Schlafen an Tys altem Plüschaffen festhält. Er will nicht hören, dass sie glaubt, Ty sei immer noch im Haus. Und ich habe nicht die geringste Vorstellung, was er tun würde, wenn ich ihm erzähle, was ich im Keller gesehen habe.

Was er will, ist, dass ich sage, dass es Mom gut geht.

Also antworte ich: „Sie schlägt sich tapfer“ – Lüge Nummer 19 – und Dad bittet um die Rechnung. Wir ziehen unsere Jacken an und spazieren raus in die kalte Nachtluft, wo er mich unbeholfen umarmt. Dann gehen wir wie üblich getrennter Wege.

5. KAPITEL

Im Haus ist alles dunkel, als ich zurückkomme. Mom muss schon im Bett sein, was nichts Besonderes ist, auch wenn es erst acht Uhr abends ist. Sie schläft so viel wie möglich, damit sie sich nicht darüber bewusst sein muss, was passiert ist.

Ich wünschte, ich könnte auch so schlafen.

Eine Stunde lang erledige ich meine Hausaufgaben. Dann kommt die Zeit, um die ich normalerweise nach unten gehen würde, um fernzusehen.

Ich stecke in einer Zwickmühle. Seit vier Tagen habe ich mich nicht in den Keller getraut, nicht mal, um die Wäsche zu machen. Ich habe nicht ferngesehen. Ich habe Mom gegenüber nicht angesprochen, dass die Sache mit dem Eau de Cologne vielleicht gar nicht so lächerlich war.

Ja, mir ist bewusst, dass ich ein totaler Feigling bin.

Ich hole das Tagebuch raus, das Dave mir gegeben hat. Ein paar Sekunden lang denke ich ernsthaft darüber nach, wieder zu schreiben, ein langes Geständnis, in dem ich mir alles von der Seele kritzle, was ich nicht laut gesagt habe. Alles über den Geist. Die SMS. Steven. Ty. Alles über mich. Aber ich kann mich einfach nicht überwinden.

Also stopfe ich das Moleskin-Notizbuch unter meine Matratze, um dem Klischee Genüge zu tun, mache es mir ein Weilchen auf dem Bett gemütlich und lese Genie und Wahnsinn, schaffe es aber nicht, mich richtig darauf einzulassen. Dann versuche ich es mit Contact von Carl Sagan, meinem absoluten Lieblingsroman, aber mein Blick gleitet über die Seiten, ohne die Bedeutung der Worte zu erfassen. Ich muss immer wieder an Tys Gesichtsausdruck denken, als ich mein Handy nach ihm geworfen habe: erschrocken, beleidigt und ein bisschen traurig. Ich hatte noch nie vorher etwas nach ihm geworfen. So waren wir nicht. Wir haben uns immer verstanden.

Plötzlich bin ich wütend. Ich denke: Wie jetzt, gehe ich eben nie wieder in den Keller? Schleiche ich auf Zehenspitzen durch mein eigenes Haus, bis ich ausziehe und aufs College gehe? Wovor habe ich denn Angst, vor meinem eigenen Hirngespinst? Was bin ich denn? Eine Zehnjährige, die sich vor der Dunkelheit fürchtet?

Krieg dich ein, Lex, sage ich mir. Zeig Rückgrat.

Also springe ich auf. Ich marschiere direkt runter in den Keller, stehe ein paar Minuten lang da und starre auf die Stelle, an der Ty neulich Abend erschienen ist, die kleine Kerbe in der Wand, an der das Handy abgeprallt ist und die natürlich noch da ist. Ganze fünf Minuten lang zwinge ich mich, da zu stehen.

Ich sehe nichts Merkwürdiges. Ich rieche nichts Merkwürdiges. Ich komme mir einfach nur blöd vor.

Tys Zimmertür steht offen.

Ich gehe hin. Der Mond scheint durchs Fenster. Ich war nicht mehr in Tys Zimmer, seit wir die Klamotten geholt haben, in denen er beerdigt wurde, aber alles sieht genauso aus, wie ich es in Erinnerung habe. Sein Schreibtisch ist übersät mit Büchern und Schulsachen. Klamotten liegen auf dem Boden. Schuhe. Ein Basketball, der etwas Luft verloren hat. Von der Decke baumelt ein verstaubtes altes Modellflugzeug, das Ty mit Dad gebaut hat, als er elf war. An den Wänden hängen Fotos von seinen Freunden. Poster von Bands und berühmten Basketballspielern und Filmen, die ihm gefallen haben.

Als ich eintrete, hüllt mich sein Geruch ein – nicht nur sein Eau de Cologne, sondern das leicht stechende Aroma, das ihm eigen war, und sein Deo, das ein bisschen nach Minze riecht. Bleistiftspäne. Dreckige Socken. Holzleim.

Ty.

Ich schlucke. Es ist, als wäre er noch hier, nicht als Geist, sondern als wäre all das nie passiert. Wenn ich hier stehenbleibe, wenn ich meine Augen schließe, dann kann ich mir vorstellen, dass Ty nur irgendwo unterwegs ist und bald zurückkommt.

Ich wünschte, ich könnte weinen. Das ist es, was sich jetzt gehören würde: an meinen Bruder zu denken und zu weinen.

Aber ich kann es nicht.

Ich will wieder gehen und drehe mich zur Tür um, aber da entdecke ich, dass jemand in seinem Bett schläft. Die Decke bildet einen Klumpen um eine Gestalt, die mit dem Rücken zu mir auf der Seite liegt.

Mein Herz fängt an zu hämmern. Ich weiß, dass es nicht Ty ist, nicht Ty sein kann, aber in diesem Moment wünsche ich es mir. Ich will ihn wiedersehen, auch wenn das bedeutet, dass ich verrückt geworden bin. Vielleicht kann ich Dave deswegen nichts davon erzählen oder es aufschreiben: weil sie mich dann bestimmt zwingen werden, Medikamente zu nehmen. Und dann wird das, was neulich Abend mit dem Handy passiert ist, nie wieder passieren und ich werde Ty nicht mehr sehen, niemals wieder, solange ich lebe, und auch danach nicht, ich glaube nämlich nicht an ein Leben nach dem Tod.

Ich weiß, das ist nicht die beste Argumentation. Aber ich denke trotzdem so.

Ich schleiche auf die andere Seite vom Bett. Ich berühre die Person, die dort liegt, an der Schulter. Sie ist warm und bewegt sich sanft bei jedem Atemzug.

Atmend. Lebendig.

Er ist es nicht, denke ich, als ich die Decke zurückschlage. Er ist es nicht.

Und ich habe recht. Er ist es nicht.

Es ist meine Mutter. Sie schläft in einem ausgeblichenen alten roten Led-Zeppelin-T-Shirt von Ty. Über ihre Wangen ziehen sich Linien aus getrockneter Wimperntusche, sie sehen aus wie tätowiert und haben sich in den Falten um ihre Augen gesammelt und das Kissen verschmiert.

Sie sieht alt aus. Klein. Ausgebrannt. Ich decke sie wieder zu, dann setze ich mich auf den Bettrand und beobachte sie eine Weile: wie sie atmet, wie sich ihre Augen hinter den Lidern bewegen. Wovon träumt sie wohl, hier in Tys Bett, umgeben von seinen Sachen und seinem Geruch?

Ich will sie wecken, will sie hier rausbringen, weil es einfach nicht richtig ist, dass sie hier ist. Es ist ungesund. Aber ich lasse sie schlafen. Weil sie wenigstens für den Augenblick nicht zu leiden scheint.

Manchmal frage ich mich, ob sie sich wünscht, dass ich an Tys Stelle gestorben wäre – ihre vorlaute Tochter statt ihrem gesellschaftsfähigen Sohn. Ich weiß, dass sie mich liebt. Aber wenn sie die Wahl hätte?

Aber daran ist Ty schuld.

Er hat ihr ein paar Worte hinterlassen. Im Vergleich zu anderen Abschiedsbriefen war er kurz und knapp. Da stand:

Sorry, Mom, aber ich war mehr als alle.

Dad hat er nicht geschrieben. Oder einem seiner Freunde. Oder mir. Er hat nur diese acht kurzen Worte auf einem gelben Post-it hinterlassen, das an dem Spiegel in seinem Zimmer klebte. Seine einzige Erklärung.

Der Zettel ist noch da. Die Polizisten hatten ihn für eine Weile mitgenommen, als Beweismittel, aber dann sind sie zurückgekommen und haben ihn wieder genau dort befestigt, wo Ty ihn hingeklebt hatte. Sie hatten ein Foto von dem Zimmer gemacht, damit sie die richtige Stelle finden. Bislang haben weder Mom noch ich den Mumm gehabt, das Post-it abzunehmen.

Ich stehe auf und gehe zum Spiegel rüber.

Sorry, Mom, aber ich war mehr als alle.

Ich strecke die Hand aus.

Meine Finger streifen gerade den Rand des Papiers, als ich Ty im Spiegel sehe.

Er steht direkt hinter mir.

Ty.

Wieder denke ich nicht nach. Ich nehme mir keine Zeit, um abzuwägen, was ein rationaler Mensch in dieser Situation tun würde. Ich gehe den Dingen nicht gefasst auf den Grund.

Ich renne los.

Ich mache einen Satz weg vom Spiegel, weg von Ty, einfach weg, die Treppe hoch, zur Tür raus, und ehe ich weiß, was überhaupt passiert ist, bin ich draußen auf der Straße, meine Schuhe knirschen über den gefrorenen Schnee und ich renne und renne und renne.

Das hier ist nur ein Traum, dieser Gedanke kreist unentwegt durch meinen Kopf. Das hier ist nur ein Traum.

Ich komme drei Häuserblöcke weit, ehe ich anhalte, bis zum Rand von dem Park, in dem Ty und ich als Kinder jeden Sommernachmittag verbracht haben. Ich krümme mich keuchend zusammen, spüre erst jetzt die klirrende Kälte. Ich hatte keine Jacke an, als ich aus dem Haus gerast bin, nur Jeans und ein T-Shirt, und die Winterluft auf meinen bloßen Armen ist so beißend, dass es schmerzt. Über mir leuchtet der Mond. Der Park liegt da wie erstarrt, die Schaukeln hängen ganz reglos da. Verlassen. Ein Auto kommt die Straße entlang, fährt langsamer, als es an mir vorbeikommt. Ich wische mir die Nase ab, richte mich wieder auf und versuche, tief Luft zu holen. Keine Ahnung, was ich hier mache.

Ty. Im Haus. In seinem Zimmer.

Das hier ist nur ein Traum, denke ich.

Mich durchfährt ein Schauder, der nichts mit der Kälte zu tun hat.

Auf dem Weg zurück überkommt mich eine Art Resignation. Die Haustür steht halb offen, wartet auf mich. Wie ein Zombie schlurfe ich runter in Tys Schlafzimmer, wo meine Mutter immer noch schläft.

Ty ist nicht im Spiegel zu sehen.

Mir fällt sofort auf, dass die rechte obere Schublade seines Schreibtischs offen steht. Ich kann mich nicht erinnern, ob sie vorhin auch auf war, aber jetzt kommt sie mir seltsam vor, fehl am Platz. Hat Mom hier herumgestöbert, während ich weg war? Oder hat sie es vorher schon getan? Oder war es jemand anderes?

Das hier ist nur ein Traum, denke ich. Aber es passiert wirklich.

Ich knie mich neben das Bett und rüttle Mom sanft an der Schulter. Als sie die Augen öffnet, gibt sie einen leisen Schrei von sich. Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie mich erkennt.

„Oh, Lexie“, sagte sie. „Ist alles in Ordnung?“

Sie sieht sich um. Ich kann beobachten, wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, als sie begreift, wo sie ist. Tys Zimmer. Ty ist fort. Ty ist tot.

Trauer flutet ihre Züge.

„An dem Morgen damals bin ich hier runtergekommen, um ihn zu wecken“, sagt sie. „Er lag genau hier. Es schien ihm gut zu gehen.“

„Ich weiß.“

„Ich hätte spüren müssen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Ich bin seine Mutter. Ich hätte es wissen müssen.“

Ich weiß nie, was ich darauf antworten soll. Sie trägt ihre Schuldgefühle mit sich herum und ich meine, wobei der Unterschied darin liegt, dass es in meinem Fall tatsächlich etwas gibt, für das ich mich schuldig fühlen muss.

„Es ist kalt hier unten“, sage ich, während ich ihr helfe, sich aufzurichten. „Komm, wir gehen nach oben.“

Später, nachdem ich sie in ihr eigenes Bett gebracht habe und sie wieder eingeschlafen ist, schleiche ich wieder in den Keller, um die offene Schublade zu untersuchen. Sie ist leer, bis auf einen einzigen Gegenstand. Einen zugeklebten Umschlag.

Ein Brief.

Mein Herz macht einen Satz, weil ich denke, dass er vielleicht für mich gedacht ist. Ich habe nicht auf die SMS geantwortet, also hat Ty aufgeschrieben, was er mir sagen wollte. Die Gründe. Vielleicht auch seine Vorwürfe. Seine letzten Worte.

Die Vorstellung erfüllt mich gleichzeitig mit Erleichterung und Grauen.

Mit zittrigen Händen drehe ich den Umschlag um, und da sehe ich den Namen, den Ty in seiner fürchterlichen Handschrift quer über das Papier gekritzelt hat.

Für Ashley, steht da.

12. Februar

Das erste Mal, dass mein Bruder versucht hat, sich umzubringen – 2 Jahre ist das jetzt her –, war an dem Tag, an dem die Scheidung meiner Eltern rechtskräftig wurde. Ich weiß nicht, ob er damit vielleicht ein Wahnsinns-Statement machen wollte oder so. Auch an jenem Abend bin ich nicht für ihn da gewesen. Ich war mit Beaker im Kino. Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, was für einen Film wir gesehen haben. Ich weiß nur noch, dass ich nicht anwesend gewesen bin, als er mit einer Familienpackung Ibuprofen zum Spülbecken in der Küche marschiert ist, wo er eine Pille nach der nächsten geschluckt hat. Er hat es praktisch vor den Augen unserer Mutter getan, denn sie saß mit dem Rücken zu ihm am Küchentisch, wo sie abwechselnd für ihre Krankenschwesternprüfung gelernt hat, wofür sie sich langsam durch einen riesigen Stapel Karteikarten arbeitete, auf denen Dosierungen und menschliche Körperteile und die Definitionen verschiedener medizinischer Fachbegriffe standen, und in der Bibel las, um Seelenfrieden in der Stelle zu finden, an der steht, dass Scheidungen in Ordnung sind, solange ein Ehebruch vorliegt.

Mit 42 war Mom die älteste Schülerin auf der Krankenpflegeschule, aber auch die beste. Sie war konzentriert, motiviert, entschlossen, sich ein neues Leben ohne Dad aufzubauen. Sie blickte nicht mal auf, während ihr 14-jähriger Sohn 63 winzige braunrote Schmerztabletten nahm, ihr Gute Nacht sagte und nach unten in sein Zimmer ging, um zu schlafen.

Er war enttäuscht, als er am nächsten Morgen aufwachte. Er kam mit einem Gesichtsausdruck aus dem Keller, den ich niemals vergessen werde: eine Art resignierte, überraschte Frustration, weil er nicht einfach über Nacht davongetrieben war.

„Ich gehe heute nicht zur Schule“, verkündete er, als wir uns an den Frühstückstisch setzten. „Ich fühl mich nicht so gut.“

Meine Mutter, schon ganz Krankenschwester, obwohl sie die Ausbildung noch gar nicht abgeschlossen hatte, fühlte seine Stirn. Sie war kühl. Sie stellte ihm ein paar Fragen: Halsweh? Kopfschmerzen? Bauchschmerzen? Er schüttelte den Kopf und sah zu ihr hoch, zuckte mit seinen dünnen, vogelartigen Schultern und erzählte ihr, was er getan hatte.

Im Krankenhaus konnten sie nicht mehr für ihn tun, als ihn unter Beobachtung zu stellen. Es war zu spät, um ihm den Magen auszupumpen. Ich setzte mich in die Zimmerecke und sah mit ihm fern, während die Krankenschwestern kamen und gingen, seine Werte überprüften und die Kochsalzlösung im Tropf austauschten. Ab und zu platzte eine tränenüberströmte Mom ins Zimmer, die sich mit der Entscheidung quälte, ob sie den ganzen Tag bei uns bleiben oder ihre Krankenhausschicht hinter sich bringen sollte. Es war die letzte Praktikumswoche, die sie für ihre Ausbildung absolvieren musste. Und die sie unbedingt für ihren Abschluss brauchte.

„Es geht mir gut“, versicherte Ty ihr und lächelte sogar, um seine Worte zu unterstreichen. Sein Gesicht wirkte im grellen Krankenhauslicht fahl, und aus seinen Lippen, die lautlos das Wort Geh formten, war alle Farbe gewichen.

„Ich sehe noch mal nach dir“, versprach sie immer wieder, ehe sie davoneilte.

Ich wusste an diesem Tag nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich sackte in dem unbequemen Plastikstuhl in der Zimmerecke zusammen und versuchte, mir ein paar Große-Schwester-Worte einfallen zu lassen, die ihm aus seinem tiefen Loch halfen. Aber ich war damals 16 – was wusste ich denn schon? Ich hatte meine eigenen Probleme, meinen ganz persönlichen Kummer, und wenn ich ehrlich gewesen wäre, hätte ich zugeben müssen, dass ich in dem furchtbaren Jahr, das wir hinter uns hatten – mit meinem Dad, der uns für das wandelnde Klischee verließ, das er im Büro kennengelernt hatte und das genau halb so alt war wie er, und mit meiner Mom, die wieder zur Schule ging, und mit dem Haus, in dem es plötzlich keine Erwachsenen mehr gab, was sich einfach falsch anfühlte, auch wenn ich gar nicht genau sagen konnte, warum –, selber hin und wieder mit dem Gedanken gespielt hatte, dem Ganzen ein Ende zu setzen.

Aber ich hatte niemals ernsthaft vorgehabt, mir das Leben zu nehmen. Dafür hatte ich viel zu viel Angst vor dem Tod. Vor der Schwärze. Davor, einfach nicht mehr zu existieren.

Am Ende sagte er irgendwann an diesem Tag, als die Stille zwischen uns zum Schneiden dick wurde: „Das war dumm von mir.“

Es erleichterte mich, das zu hören.

„Ja, das war es. Total idiotisch“, stimmte ich zu, und dann guckten wir weiter „ World’s Wildest Police Videos“ auf dem Fernseher, der unter der Decke hing. Die Schwestern kamen und gingen. Meine Mutter kam und ging. Und wir fragten uns beide (allerdings ohne es auszusprechen), ob unser Vater sich überhaupt blicken lassen würde.

Irgendwann kam er tatsächlich. Ich weiß noch, dass er ein Golfhemd trug. Er wollte uns abholen, weil das Krankenhaus beschlossen hatte, Ty zu entlassen, und Mom noch 3 Stunden Klinikdienst vor sich hatte. Auf der Rückfahrt schien auch Dad nicht zu wissen, was er sagen sollte. Er trommelte auf dem Lenkrad herum, guckte in den Rückspiegel, sah mir in die Augen, schaute weg, dann räusperte er sich.

„Tyler“, sagte er, als wir in die Auffahrt einbogen.

„Komm wieder nach Hause“, unterbrach ihn Ty. „Bitte, Dad. Komm wieder nach Hause. Bitte.“

Mir stockte der Atem. Ty sagte nie solche Sachen. Er war wütend auf Dad, das war seine Art, mit der Situation umzugehen. Er hatte immer darauf beharrt, dass er Dad hasste, dass er froh war, dass Dad weg war, dass er ihn nicht vermisste.

„Bitte“, sagte er noch mal.

Und was will ich? fragte ich mich. Will ich auch, dass Dad wieder nach Hause kommt? Können wir so tun, als hätte es dieses erniedrigende Jahr nie gegeben? Als wäre er kein Lügner und Betrüger und eine erbärmliche Entschuldigung von Mensch? Als hätte er nicht alles auf den Kopf gestellt? Wollte ich alles wieder so haben, wie es gewesen war?

Dad räusperte sich wieder.

Ich wartete darauf, dass er sagte: Das geht nicht. Oder: Es tut mir leid, Sohn. Oder irgendwas von wegen, dass das Leben hart ist, das aber nicht heißt, dass wir aufgeben dürfen.

Aber er sagte gar nichts.

Und er blieb auch nicht. Obwohl der Arzt gesagt hatte, dass Ty für die nächsten 24 Stunden unter strenger Beobachtung stehen müsse, stieg Dad nicht mal aus dem Wagen. Er sah mich einfach an und sagte: „Ruf mich an, wenn ihr irgendetwas braucht“, und ich nickte halbherzig, und in meinen Augen brannten Tränen der Wut, denen ich aber keinen freien Lauf ließ. Ich drehte mich um und half Ty die Treppen zum Haus hoch.

Später, als Ty schlief, ging ich von Zimmer zu Zimmer und sammelte alles ein, was gefährlich hätte sein können. Rasierklingen. Tabletten, obwohl wir schon wussten, dass sie keine effiziente Methode darstellten, sich abzumelden. Seile. Dann schloss ich den Schrank hinten in Dads Arbeitszimmer auf und starrte die 3 Jagdgewehre in ihren Hüllen an. Ich stellte sicher, dass sie alle ungeladen waren, ging zum Regal und stopfte jede einzelne Patrone zu den übrigen Sachen in die Schachtel. Ich klebte die Schachtel mit Isolierband zu, schrieb LIEBESROMANE drauf und versteckte sie in einer Ecke meines Schrankes unter einem Haufen halb nackter Barbiepuppen, die ich noch herumliegen hatte. Anschließend sah ich nach Ty, lauschte seinen Atemzügen und versuchte mir einzureden, dass er das alles schon packen würde. Danach schlich ich wieder nach oben, setzte mich an den Küchentisch und ließ endlich die Tränen fließen.

Damals konnte ich noch weinen.

Ich liebte Ty. Ich liebte Ty und hätte ihn fast verloren. Also weinte ich. Tränen waren noch ein Bestandteil meiner Anatomie.

Sie sagten damals, er hätte Glück gehabt. Sein Körper konnte das Ibuprofen abbauen. Seine Leber war beschädigt, würde sich vermutlich aber regenerieren. Immer wieder redeten sie im Krankenhaus von Glück, während sie seine Aussage aufnahmen und ihn testeten und sich ganz allgemein so benahmen, als wäre die ganze Sache nur ein geschicktes Kunststück gewesen – als hätte er irgendeinen behämmerten Trick auf seinem Fahrrad ausprobiert. Du hast so viel Glück gehabt. Du glücklicher, glücklicher Junge.

Glücklich wäre das letzte Wort gewesen, das mein Bruder benutzt hätte, um sich selbst zu beschreiben. Aber am Ende nickte er und sagte, da hätten sie recht. Damit sie ihn gehen ließen.

Die Sache mit dem Ibuprofen war ein „Hilfeschrei“, sagten sie, also verlangten sie, dass er zu einem Therapeuten ging, der meinem Bruder Antidepressiva verschrieb und ungefähr ein Jahr lang versuchte, ihn dazu zu bewegen, über seinen „Schmerz“ zu sprechen, für 60 Mäuse die Stunde, die unsere Versicherung nicht bezahlte, Mom aber Dad abschwatzen konnte. Und ganze 2 Jahre lang pas sierte nicht sonderlich viel. Mom wurde geprüfte Krankenschwester. Dad heiratete das Klischee. Ich bekam 800 Punkte im Matheteil des Einstufungstests, und alle redeten darüber, auf welches College ich gehen würde. Ty trat in die Basketballmannschaft ein. Er fing an, Gewichte zu stemmen, und wurde immer breiter. Seine Arme wurden kräftig und muskulös. Er fing an, in einer Sportlerjacke durch die Schulgänge zu stolzieren. Die Mädchen mochten ihn. Ganz allgemein mochten ihn alle. Er war in einem Ausmaß beliebt, von dem ich nicht mal zu träumen wagte. Man konnte so leicht vergessen, dass er mal traurig genug gewesen war, um eine ganze Packung Tabletten zu schlucken.

Nach seinem Tag im Krankenhaus redeten wir nur noch ein einziges Mal darüber. Das war etwa 2 Wochen später, als wir im Denny’s darauf warteten, dass Dad zum Frühstück auftauchte. Dad war zu spät. Ich sah Ty an, sah ihn richtig an, und seine Augen wirkten glasig, als würde er durch eine Fensterscheibe aus seinem Leben hinausgucken.

„Alles okay mit dir?“, fragte ich ihn.

Er warf mir einen verwunderten Blick zu. „Ich hab Hunger. Ich wünschte, Dad würde endlich kommen.“

„Das meine ich nicht“, beharrte ich. „Ist alles okay mit dir?“

Seine Ohren färbten sich rot. „Ach so, das. Ich hab dir doch gesagt, dass es dumm war. Mit geht’s gut. Echt. Ich werd so was nicht noch mal machen.“

„Okay. Aber ich will, dass du mir etwas versprichst: Wenn du dich jemals wieder so fühlst, als ob du …“

„Werd ich nicht“, widersprach er.

„Aber wenn du es doch tust, dann musst du es mir sagen. Ruf mich an, schreib mir eine SMS, weck mich morgens früh um 3 auf, ist mir egal. Ich will es wissen. Ich bin für dich da.“

Er wich meinem Blick aus, aber er nickte. „Okay.“

„Versprich es“, verlangte ich.

„Ich verspreche es.“

„Gut.“ Ich befürchtete trotzdem, dass er nur das sagte, was ich hören wollte.

Am Ende hätte ich mir weniger Sorgen darüber machen sollen, ob er sein Versprechen halten würde.

Ich hätte darüber nachdenken sollen, ob ich meins halten würde.

6. KAPITEL

Laut Jahrbuch ist Ashley Davenport Cheerleaderin. Sie geht in die Zehnte. Sie hat langes blondes Haar, jedenfalls glaube ich das – auf dem winzigen Schwarzweißfoto auf Seite 173 ist das schwer zu erkennen.

Sie könnte es sein.

Auf meiner Highschool gibt es 1.879 Schüler, 19 von ihnen heißen Ashley – ungefähr ein Prozent. In den vergangenen zwei Tagen habe ich schon Ashley Adams von der Liste streichen können, die praktisch mit ihrem Freund verheiratet ist (also ganz klar nicht das kleine Biest, nach dem ich suche), außerdem Ashley Chapple, die in der Zwölften ist und die ich gut genug kenne, um zu wissen, dass sie auf keinen Fall mit Ty zusammen war, und Ashley Chavez, deren rabenschwarze Haare nicht zu meinen Erinnerungen an das Mädchen passen, mit dem Ty auf dem Schulball war.

Also bin ich bei D angekommen und damit bei Ashley Davenport. Blond. Zehnte Klasse. Cheerleaderin.

Ashley Davenport ist mein heutiges Ziel.

Außerdem ist Valentinstag. Was nervt.

Als ich letztes Jahr am gefürchteten Valentinstag in die Schule gekommen bin, habe ich in meinem Spind ein weißes Gänseblümchen aus Papier entdeckt, das jemand durch die Lamellen oben in der Tür geschoben hatte. Es war nur Papier, trotzdem stand ich mit einem dämlichen Grinsen im Gesicht da, hielt die Blume an ihrem grünen Drahtstängel und schnupperte an der Blüte. Sie roch nach Büchern, der berauschenden Mischung aus Papier, Tinte und Klebstoff, nach süßem Wissen.

Die Blume kam ohne Kommentar. Keine Karte. Kein Name.

Ein Geheimnis.

Wir gingen noch nicht miteinander – offiziell kamen wir erst im Juni zusammen –, aber ich wusste, dass die Blume von Steven war. Er hat nie gestanden, dass er sie mir geschenkt hat, dennoch wusste ich es einfach. Wegen eines Kommentars, den ich mal gemacht hatte, als wir letztes Jahr zusammen durch einen Lebensmittelladen geschlendert sind und ein Last-Minute-Geschenk für unsere Chemielehrerin Mrs Seidel gesucht haben, die mit Krebs im Krankenhaus gelegen hat. „Ich versteh echt nicht, was alle damit haben“, sagte ich, als wir vor den in Plastik gehüllten Rosen standen. „Warum sollte man einem Mädchen etwas schenken, das für die Liebe stehen soll, aber innerhalb von ein paar Stunden verwelkt und stirbt?“

Steven lachte und sagte, das sei eine ziemlich pessimistische Weltsicht, und ich zuckte mit den Achseln.

Dann sagte er: „Alle wirklich guten Dinge im Leben sind so, Lex, alle schönen Dinge. Sie haben ihre Schönheit zum Teil auch der Tatsache zu verdanken, dass sie kurzlebig sind.“ Er nahm einen Strauß tiefroter Rosen und hielt ihn mir hin. „Die werden nie wieder so schön sein wie in diesem Augenblick, also müssen wir sie jetzt genießen.“

Ich starrte ihn an. Er kratzte sich am Hals, wurde ein bisschen rot, grinste mich verlegen an. „Sagen wir einfach, ich bin ein Romantiker.“

Ich wollte sagen, dass es durchaus ein paar Dinge auf der Welt gibt, wenn auch nur wenige, die schön sind und es auch bleiben. Aber stattdessen nahm ich ihm den Strauß aus der Hand. „Okay, dann eben Blumen“, erwiderte ich, woraufhin wir lachten und die Rosen für Mrs Seidel kauften.

Und dann, nur ein paar Wochen später, kam das Gänseblümchen aus Papier. Eine Blume, die niemals verwelken würde. Ich habe sie immer noch, sie steckt am Pinnwandrand zu Hause über meinem Schreibtisch.

Als ich heute zu meinem Spind gehe, erwartet mich keine Blume. Ich wusste, dass es so sein würde. Ich hole meine Bücher für die erste Stunde raus und knalle die Tür wieder zu. Ich sage mir, dass das mit Steven und mir nie funktioniert hätte und ich mich genau zum richtigen Zeitpunkt von ihm getrennt habe. Trotzdem kann ich nicht anders, als im Strom der Schüler auf den Gängen nach ihm zu suchen. So viele von ihnen lächeln, tragen Rosa und Rot und haben Pralinenschachteln für ihre Schatz-Maus-Bärchen dabei. Irgendwann entdecke ich Steven, der mit gesenktem Kopf und über die Schulter geworfenem Rucksack durch die Menge läuft. Er blickt auf. Er sieht mich. Er hebt die Hand zu einem angedeuteten Winken.

Schnell schaue ich weg. Ich sage mir, dass ich für so was keine Zeit habe. Ich habe eine Aufgabe zu erledigen. Ein Ziel zu erreichen. Also drehe ich mich um und laufe zu den Spinden der Zehntklässler, wo ich die Blondinen unter die Lupe nehme.

Eine von ihnen ist Ashley Davenport, da bin ich ziemlich sicher.

Ich weiß nur nicht, welche.

In einer Ecke entdecke ich eine Gruppe von Tys ehemaligen Freunden, die Sportskanonen, die über irgendwas lachen. Sie scheinen ständig zu lachen, als wäre ihr Leben schon jetzt eine einzige Verbindungsparty. Ich musterte ihre Gesichter und versuche, mir die Namen in Erinnerung zu rufen, aber ich kenne Tys Highschool-Freunde nicht so gut wie die aus seiner Zeit auf der Middle School. Außerdem habe ich es nicht so mit Namen, weswegen nicht mehr dabei rauskommt als das hier: der Typ mit dem Pseudo-Iro, der Junge mit den angenähten Goldmedaillen auf der Sportlerjacke, der Riese aus der Basketballmannschaft, Grayson, wobei ich gar nicht weiß, ob das sein Vor- oder Nachname ist, und der Schwimmer oder Ringer oder was auch immer er tut, um seinem Körper zu dieser lächerlichen V-Form zu verhelfen.

Einer von ihnen – der Riese – schaut hoch und merkt, dass ich starre. Das ist der Moment, in dem ich rübergehen und sie fragen sollte: Hey, kennt ihr eine Ashley? Das Mädchen, mit dem Ty auf dem Schulball gewesen ist? Wie heißt sie mit Nachnamen? Davenport vielleicht?

Aber wie ich so dastehe und sie angucke, denke ich plötzlich: Da sollte eine Lücke sein. Da, wo Ty immer bei ihnen stand. Aber da ist keine. Sie haben sich in einem Halbkreis aufgestellt, mit den obligatorischen 30 Zentimetern Jungsabstand zwischen einander, und sonst ist für niemanden Platz. Die Lücke, in der Ty früher stand, haben sie geschlossen.

Weswegen sich das verdammte Trauerloch in meiner Brust wieder öffnet. Ich warte, dass es vorbeigeht, aber das tut es nicht, jedenfalls bleibt es viel länger als die übrige halbe Minute. Wie immer fängt es mit dem Körper an – ich kriege keine Luft, mein Herz schlägt zu schnell, ich kriege keine Luft, kriege keine Luft. Und der Riese hat definitiv was über mich zu V-Kreuz-Junge gesagt, weil die Mitglieder im Club der Sportskanonen jetzt alle mit demselben wachsamen Ausdruck zu mir rübergucken.

Dann rempelt mich von hinten jemand an, so heftig, dass eins meiner Bücher auf den Boden fällt, und plötzlich funktionieren meine Lungen wieder.

„Hey“, japse ich niemanden im Speziellen an. „Pass doch auf, wo du hinläufst.“ Ich beuge mich steif nach unten, um das Buch aufzuheben, aber jemand schnappt es sich vor mir.

„Ich hab’s schon“, sagt eine Jungenstimme.

Ich atme ein paarmal ein und wieder aus, um mir zu beweisen, dass ich das überhaupt kann, dann blicke ich hoch. „Oh, hi, Damian“, sage ich.

Der Buchretter ist Damian Whittaker: in der Zehnten einer der vielen knochigen Jungs, die noch nicht ganz in ihre neue Körperlänge reingewachsen sind, Schlabberpulli, fettiges Haar, das ihm in die Augen fällt, Akne auf dem Kinn. Er ist schüchtern, unscheinbar, die Art Junge, die für sich bleibt und sich für nichts und niemanden zu interessieren scheint. Ein Einzelgänger im Sozialsystem der Schule.

Aber jetzt versucht Damian, mein Freund zu sein.

Vor ein paar Jahren, in dem Sommer, in dem Dad zu Meg gezogen ist, sind Ty und er beste Freunde gewesen. Damian, ein anderer Junge namens Patrick und Ty waren in dem Jahr wie die drei Musketiere. Sie verbrachten jeden verfügbaren Nachmittag damit, Halo und Guitar Hero zu spielen und in unserem alten Spielhaus im Garten rumzuhängen, wo sie Led Zeppelin und die Doors hörten und sich dabei total oldschool und cool vorkamen. Aber das ist lange her. Damians Schatten ist nicht mehr über unsere Türschwelle gefallen, seit die Jungs auf die Highschool gekommen sind und Ty mit dem Sport angefangen hat und Mr Superbeliebt werden wollte. Aber Damian bemüht sich immer, zu lächeln und Hallo zu sagen, wenn er mich sieht. Als wäre er mein Freund, nicht der meines Bruders. Was bedeutet, dass er in letzter Zeit überall in der Schule wie aus dem Nichts auftaucht und versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln.

Irgendwie süß, auch wenn es wirklich das Letzte ist, wonach mir ist.

Und das ist es wirklich – das Letzte, wonach mir ist. Wenn ich Damian sehe, muss ich immer daran denken, dass ich Ty nie wieder sehen werde. Wenn Damian mir erzählt, was für einen Film er letztes Wochenende gesehen hat, dann denke ich, Ty wird diesen Film nie sehen. Er wird nie das neue Videospiel spielen, auf das Damian so steht. Er wird nie die zehnte Klasse abschließen. Damian schon.

Und ich schaffe es einfach nicht, die Gerechtigkeit darin zu erkennen.

„Das Grauen! Das Grauen!“, sagt Damian jetzt zu mir.

„Was?“

„Du liest Herz der Finsternis. Das ist die berühmte letzte Zeile. ‚Das Grauen! Das Grauen!‘“

Ich komme mir blöd vor, was mir nicht sonderlich häufig passiert. „Ach, richtig. Ja. Das Grauen.“

„Ich mochte das Buch“, sagt er.

Ich hab bisher ungefähr ein Viertel gelesen, für den Englisch-Fortgeschrittenenkurs, und bisher entspricht es genau der Art von Büchern, die ich hasse: Die Geschichte wirkt relativ einfach und interessant, aber dann gehe ich in den Unterricht und der Lehrer fängt an, ohne Punkt und Komma über die verborgenen Bedeutungen, die Metaphern, die Symbolik der Farbe Gelb zu reden. Über all das Zeug, das der Autor dem Leser damit angeblich sagen wollte, wie eine Botschaft in Geheimsprache.

Nicht mein Ding.

Ich weiß nicht, was ich Damian antworten soll. Er sieht mich so erwartungsvoll an, als würden wir gleich eine anregende literarische Diskussion über Joseph Conrad führen.

„Ich, äh, hab es noch nicht fertig gelesen.“

Sein Lächeln verschwindet. „Oh, ich wollte das Ende nicht verraten. Tut mir leid.“

Ich kann die Worte „Tut mir leid“ einfach nicht mehr hören.

„Hey, kennst du zufällig Ashley Davenport?“, platze ich heraus, weil mir gerade wieder eingefallen ist, warum ich mich überhaupt hier im Reich der Zehntklässler befinde. „Sie ist Cheerleaderin.“

Damians Augen, die einen wässrigen Grauton haben, nehmen auf der Stelle einen distanzierten Ausdruck an. „Ja“, murmelt er. „Ich kenne sie. Wieso?“

„Weißt du, wo ich sie finden kann?“

Er zuckt mit den Achseln. „Sie geht mit mir in Bio.“

„Wessen Kurs ist das?“, frage ich.

„Mr Slaters.“

„Und wann?“

Er schaut auf die Digitaluhr an der Wand über uns, auf der 06:56 steht. „In ungefähr vier Minuten.“

„Danke“, erwidere ich hastig und bin schon auf dem Weg. „Ich sollte – ich muss noch was aus meinem Spind holen. Ehe es klingelt.“

„Okay“, sagt er einfach und lächelt wieder. „Wir sehen uns, Lex.“

„Bis dann.“ Ich stürze auf direktem Weg zu meinem Spind zurück. Um den Brief zu holen. Und es in unter vier Minuten runter in den Naturwissenschaftstrakt und dann wieder rauf zu meinem Englischkurs zu schaffen.

Plötzlich macht mich die Aussicht, die echte Ashley zu finden (und was dann, hm?), so panisch, dass ich sie fast übersehe, als ich zu meinem Spind zurückkomme.

Die Blume.

Eine Rose diesmal, die zwischen den Lamellen steckt. Sie ist wieder aus normalem weißem Papier, aber komplizierter gefaltet als letztes Jahr. Es sind Worte in blassem Bleistift draufgeschrieben, ein einziger Satz, der so auf die Blütenblätter verteilt ist, dass ich die Blume drehen muss, um ihn lesen zu können. Ich lieb Dich wie die Pflanze, die nicht blüht und die in ihrem Innern andrer Blumen Licht versteckt.

Ich schließe die Augen. Mir schießt die Hitze ins Gesicht. Mist. Was für ein Vollblut-Mädchen würde von so was keine weichen Knie bekommen?

Oh, Steven, denke ich. Was machst du nur?

Und jetzt habe ich nur noch schätzungsweise zwei Minuten. Ich sollte die Rose wegwerfen. Ich weiß nicht, ob Steven mich beobachtet, aber für den Fall sollte ich sie loswerden. So würde er merken, dass es aus ist, weil er das offensichtlich noch nicht kapiert hat, wenn er mir diese Blume schenkt.

Ich laufe zum Mülleimer am Ende vom Gang. Meine blöde Hand zittert, als ich die Blume über das klaffende graue Maul der Tonne halte. Drinnen liegen ein halb gegessener Frühstücksburrito, ein paar Papierfetzen und Flyer – Bewerbt euch fürs Schultheater! Diesen Samstag Plätzchenverkauf der Gator Girls Basketballmannschaft! – eine Auswahl von leeren Limodosen, ein kaputter Stift.

Tu es, denke ich.

Lass los.

Es läutet. Ich seufze und gehe zu meinem Spind zurück, wo ich die Papierrose in meinen Rucksack stecke, in eine Seitentasche, wo sie nicht von meinem ganzen anderen Kram zerdrückt wird. Ich schnappe mir den Brief für Ashley und schiebe ihn in die Lasche vorne in meinem Fünf-Fächer-Collegeblock. Nicht, dass ich vorhabe, ihn ihr jetzt gleich zu geben, falls sie die richtige Ashley ist – so weit kann ich unmöglich vorausdenken –, sondern weil ich den Brief aus irgendeinem unlogischen Grund bei mir haben will. Dann hetze ich im Laufschritt zu Mr Slaters Klassenzimmer. Wenn ich mich richtig erinnere, ist es Raum 121B.

Als ich dort ankomme, habe ich noch eine gute Minute bis zum letzten Läuten, aber bevor ich einen Blick ins Klassenzimmer werfen kann, werde ich von einem rothaarigen Mädchen in Cheerlea-deruniform über den Haufen gerannt. Sie hat es so eilig, vor dem zweiten Klingeln in den Raum zu kommen, dass sie mitten in mich reinläuft. Unsere Bücher und Unterlagen verteilen sich auf dem ganzen Teppich vor der Tür.

„Tut mir leid“, sagt sie, während wir beide auf Knien herauszufinden versuchen, welche Sachen wem gehören. „Tut mir so leid.“

Es läutet.

„Ashley“, höre ich Mr Slaters Stimme aus dem Klassenzimmer donnern. „Du bist zu spät. Wieder mal.“

Sie lächelt mir zu. „Tut mir leid, Mr S. Bin gleich da“, ruft sie durch die offene Tür.

„Ashley Davenport?“, frage ich.

Sie wirkt erschrocken. „Ja. Du bist … Tys Schwester, oder?“

Mein Ruhm als Mädchen-mit-dem-toten-Bruder hat sich also bis hier verbreitet.

Ich mustere Ashley von oben bis unten. Sie ist Cheerleaderin, okay, und in der Zehnten und hübsch, mit großen königsblauen Augen und so blasser Haut, dass sie fast durchscheinend wirkt, so zart, dass ich eine blassblaue Vene erkennen kann, die sich unter ihrer Schläfe verzweigt und in ihrem Haaransatz verschwindet. Aber die Haare stimmen überhaupt nicht. Sie sind zu einem festen Zopf hochgebunden, der so kurz ist, dass ihr das Ende kaum bis in den Nacken reicht. Und sie haben die Farbe einer Kupferspule. Rot.

Sie ist nicht das Mädchen mit dem langen blonden Haar, mit dem Ty in der Ballnacht getanzt hat.

Die falsche Ashley.

Ich stoße die Luft aus, die ich angehalten hatte. „Die bin ich“, erwidere ich, um ihre Frage zu beantworten. Ich reiche ihr ihr Bioheft und richte mich wieder auf.

„Ist der für … mich?“, fragt sie, und ich sehe, dass sie den Umschlag von Ty in der Hand hält und ihn stirnrunzelnd mustert, weil mittendrauf ihr Name steht.

Hastig reiße ich ihn ihr aus der Hand. „Nein, der gehört mir.“ Und ohne weitere Erklärung springe ich auf und flitze davon, weil ich auch zu spät bin. Für Englisch. Für Ty.

Für alles. Ich bin zu spät.

7. KAPITEL

Steven ist in meinem Englischkurs. Natürlich ist er das – Steven und Eleanor und Beaker sind mit mir zusammen in allen Fortgeschrittenenklassen. Es gab mal eine Zeit, in der das gut war, sogar toll. Heute nicht. Ich bin fünf Minuten zu spät, aber der Tisch, an dem ich normalerweise sitze, der ganz rechts zwischen Steven und Beaker und direkt vor El, ist noch leer. Wartet auf mich. Als Steven lächelnd hochschaut, merke ich, dass mir beim Gedanken an die Rose wieder die Hitze ins Gesicht steigt.

Mist.

Mrs Blackburn hört auf zu reden und starrt mich von ihrem Platz auf der Kante des Lehrerpults an. Meine höchst ungewöhnliche Unpünktlichkeit verwirrt sie.

„Tut mir leid“, murmle ich, während ich mich ganz hinten ins Klassenzimmer und zu einem freien Platz auf der linken Seite schleiche. Ich kann mich gerade nicht mit meinen Freunden auseinandersetzen.

Besonders nicht mit Steven.

Mrs Blackburn fährt mit dem Vortrag fort, den sie begonnen hat. Sie möchte, dass wir uns in Etymologie versuchen, sagt sie – der Wissenschaft von der Herkunft der Worte. Sie zeigt uns eine Website, auf der man irgendein beliebiges Wort eingeben kann, zu dem dann die Wortwurzeln ausgespuckt werden: seine Definition, wo und wie es entstanden ist und wie sich die Verwendung mit der Zeit verändert hat. Ausgehend von unserer Lektüre Herz der Finsternis zeigt sie uns am Beispiel des Wortes Herz (das zurückgeht auf das althochdeutsche herza) und des Wortes Finsternis (althochdeutsch: finstarnessi), wie die Website funktioniert, und führt uns durch die Geschichte jedes Worts.

„So“, sagt Mrs Blackburn, als sie mit der allgemeinen Geschichte über die Geburt unserer Sprache fertig ist. „Was fallen Ihnen in Zusammenhang mit Herz der Finsternis denn sonst noch für Worte ein?“

Ich hebe die Hand, was sie überrascht, weil ich mich in dieser Umgebung normalerweise nicht so bereitwillig melde (nicht mein Ding, nur zur Erinnerung), und schlage das Wort Grauen vor, das laut der Webseite ein im 16. Jahrhundert substantivierter Infinitiv von grauen ist, was wiederum vom althochdeutschen grūēn abstammt.

Mrs Blackburn wirkt erfreut darüber, dass ich das Buch offensichtlich schon zu Ende gelesen habe, da ich die Bedeutsamkeit des Wortes kenne.

Danke, Damian.

Dann schickt sie uns an die Klassenzimmer-Laptops, damit wir nach eigenen Wörtern suchen. „Schlagen Sie ein Wort nach, das Sie innerlich beschäftigt“, weist sie uns an.

Für lange Zeit starre ich auf den leeren Bildschirm, bevor ich doch tatsächlich das Wort eintippe, das mich beschäftigt.

Geist m. „Hauch, Atem, menschliches Denk- und Erkenntnisvermögen, Esprit, idealistisches schöpferisches Prinzip, Gespenst“, ahd. geist (8. Jh.)

Wie in: Mein wacher Geist sagt mir, dass nicht der Hauch einer Chance besteht, dass das, was ich inzwischen schon zwei Mal gesehen habe, real ist. In dem Moment, in dem ich es sehe, scheint es real zu sein. Es fühlt sich real an. Aber es ist nicht real.

Es gibt keine Geister. Ich bin ein rationaler Mensch. Ich weiß das.

Was mich zum nächsten Wort führt:

Halluzination f. „Sinnestäuschung“, entlehnt (19. Jh.) aus lat. alūcinātio, halūcinātio (Gen. (h)alūcinātiōnis) „gedankenloses Reden, Träumerei“

Eine Verfehlung der Vernunft. Ein Aussetzer.

Das scheint mir die weitaus wahrscheinlichere Erklärung zu sein.

Ich öffne meinen Collegeblock und starre die Ecke des Ashley-Briefs an, die aus der Vorderlasche ragt. Am Buchstaben y ist die Tinte ein bisschen verschmiert. Ty war Linkshänder. Am Ende des Schultags hatte er immer diesen schwarzen Fleck an seiner Handkante, weil seine Hand über alles glitt, was er schrieb.

Für Ashley. Nicht an sie, sondern für sie.

für Präp. „anstatt, anstelle, zugunsten“, ahd. furi Präp. „für, wegen, vor, statt“, Adv. „voraus“, mhd. vür(e) Präp. (lokal) „vor etw. hin, gegen, für, vorbei an, vorwärts, statt“, (temporal) „fernerhin, seit“, Adv. „vor, nach vorne hin, hervor, voraus, vorbei, vorwärts“, (md.) vur(e), vor(e)

Für hat eindeutig zu viele Bedeutungen.

„Gut“, sagt Mrs Blackburn abrupt. „Ich denke, Sie hatten jetzt ausreichend Zeit, um über die Bedeutung Ihres Wortes nachzudenken. Dann erzählen Sie doch einmal, was Sie herausgefunden

haben.“

Ich kann das nicht erzählen. Geist. Halluzination. Für. Hallo Klasse, ich bin die Verrückte!

Ich sitze in stiller Panik da, während Mrs Blackburn zwischen den Sitzreihen herumspaziert, hier und da stehenbleibt und sich die Worte der Schüler ansieht: Baseball von Rob Milton, bezaubernd von Jen Petterson, Buch von Alice Keisig – was sind wir nur für ein origineller Haufen, keiner ist weitergekommen als bis zum B. „Ich erhoffe mir von unseren etymologischen Untersuchungen, dass Sie begreifen, dass ein Wort mehr als nur ein Wort ist“, erläutert Mrs Blackburn mit einem lehrerhaften Anflug von Dramatik, der es wirken lässt, als würde sie uns mit lebensverändernden Informationen versorgen. Sie gehört zu dem Typ Lehrer, die das ständig machen: Sie blasen alles auf, siezen uns, damit unsere Gespräche förmlicher klingen, betont die Wichtigkeit jedes Buchs, das wir lesen, jedes Aufsatzes, den wir schreiben, als würde es sich dabei um Wissen handeln, ohne das man uns auf keinen Fall in die große, böse Welt hinausziehen lassen darf.

Wir sollen kultivierte Intellektuelle werden, und wenn es ihren Tod bedeutet.

Sie fährt fort: „Jedes Wort hat seine eigene Geschichte, einen Kontext, eine langsame Bedeutungsentwicklung. Die meisten Worte, die heute in den verschiedenen europäischen Sprachen verwendet werden, sind aus einem Aufeinandertreffen der Kulturen entstanden: Germanen und Römer, Normannen und Sachsen, weiche gegen gutturale Laute.“ Sie bleibt bei Eleanor stehen. „Nennen Sie mir ein Wort, Miss Green.“

„Mut“, sagt El. Natürlich musste El mit so einem Wort ankommen. Sie hat mal einen Typen dabei erwischt, wie er versucht hat, auf der Straße vor ihrem Haus das Nummernschild von ihrem Auto zu klauen, und hat ihn durch die ganze Nachbarschaft gejagt, dabei einen Baseballschläger geschwungen und gebrüllt wie eine Amazonenkriegerin. El kennt keine Furcht.

„Althochdeutsch, aber die Wurzeln lassen sich bis auf das Griechische und Römische zurückverfolgen, habe ich recht?“, fragt Mrs Blackburn.

„Ja.“

„Und was gefällt Ihnen so an dem Wort Mut?“

„Hier steht, dass das althochdeutsche muot unter anderem ‚Kraft des Denkens, Seele, Herz‘ bedeutet“, antwortet El. „Für Mut braucht man also Herz und Verstand. Das finde ich gut.“

„Hervorragend“, sagt Mrs Blackburn und geht weiter. Sie dreht sich um und geht die Reihe wieder zurück. „Mr Blake. Ihr Wort?“

Steven räuspert sich. Sein Gesicht läuft ein bisschen rot an, aber seine Stimme ist fest, als er sagt: „Ich habe lieben gewählt.“

Mrs Blackburns Augen strahlen und sie lächelt. „Lieben? Das geht einem jungen Mann von heute also durch den Kopf.“

„Es ist Valentinstag“, erklärt er mit dem Anflug eines Lächelns. „Also denke ich darüber nach, ja.“ Er sucht kurz meinen Blick, dann guckt er wieder weg.

Ich lieb Dich wie die Pflanze, die nicht blüht und die in ihrem Innern andrer Blumen Licht versteckt.

Mist.

Mrs Blackburn nickt. „Und woher kommt das Wort lieben?“

„Aus dem Althochdeutschen“, liest er von seinem Laptop ab. „liobōn, was so viel hieß wie ‚angenehm, lieb machen oder sein, empfehlen, begehren, wohltun.‘“

„Begehren und wohltun“, wiederholt Mrs Blackburn, als würde sie ein Gedicht aufsagen. „Wunderbar. Und was für ein Wort haben Sie ausgesucht, Miss Riggs?“

Ich schrecke zusammen, ich bin noch nicht so weit. Warum ruft sie jetzt ausgerechnet mich auf? Ich sitze am anderen Ende des verdammten Klassenzimmers. Sind wir etwa für alle um uns herum untrennbar verbunden? „Was?“, frage ich, als hätte ich sie nicht richtig verstanden.

„Wie lautet Ihr Wort?“

„Oh. Meins ist nicht so gut.“

Sie wartet.

Ich seufze. Mein Blick fällt auf ein Wort in den Synonymvorschlägen für „Halluzination“ auf meinem Bildschirm. „Illusion“, sage ich und tippe das Wort gleichzeitig ins Suchfeld. Improvisieren, meine ganz besondere Stärke. „Vom Lateinischen illūsio. Es bedeutet ‚trügerische Hoffnung, Selbsttäuschung, Vortäuschung von etwas Nichtexistierendem‘“.

„Interessant“, sagt Mrs Blackburn nachdenklich. „Warum hast du das Wort ausgesucht?“

„Na ja, wir reden doch über die Liebe, oder? Die Liebe ist ein klassisches Beispiel für eine Illusion.“

Mrs Blackburn lacht leise auf. „Oh, ich verstehe. Dann sind Sie also keine Romantikerin?“

„Nein“, erkläre ich rundheraus. „Ich glaube nicht an die romantische Liebe.“

„Warum nicht?“, fragt sie.

Auf geht’s. „Weil das, was wir für Liebe halten, reine Chemie ist. Die Liebe kann auf verschiedene Phasen heruntergebrochen werden, deren Existenz wissenschaftlich bewiesen ist: Alles fängt mit einer Dosis Testosteron und Östrogen an, die wir als ‚Lust‘ erleben, gefolgt von einer Phase, in der wir vertrottelt und liebestoll sind – eine Kombination aus Adrenalin, Dopamin und einem Absinken des Serotoninspiegels, wodurch sich unser Gehirn, nebenbei bemerkt, so verhält wie das eines Cracksüchtigen. Und am Ende, falls wir Phase eins und zwei überstanden haben, folgt die ‚Verbundenheit‘: Der Körper produziert Oxytocin und Vasopressin, was eigentlich nur bedeutet, dass wir kuscheln wollen bis zum Umfallen. Das ist alles reine Wissenschaft, nichts weiter.“

„Hmm“, sagt Mrs Blackburn. „Was für ein Vortrag, Alexis.“ Steven lächelt mich wieder an, aber diesmal ist es ein trauriges Lächeln. Eines voller Mitleid.

Es macht mich wütend.

Also rede ich weiter. „Dieser ganze Valentinstagkram ist ein Riesengeschäft mit der Illusion der Liebe. All die Süßigkeiten, die romantischen Abendessen bei Kerzenlicht, die Blumen …“ Ich schaue zu Steven rüber, halte einen Moment lang seinen Blick und wende mich dann wieder ab. „Jedes Jahr sorgt der Valentinstag für einen Umsatz von über einer Milliarde Dollar. Weil die Leute an die Liebe glauben wollen. Aber sie ist nicht real.“

Mrs Blackburn schüttelt stirnrunzelnd den Kopf. „Haben Sie denn schon einmal darüber nachgedacht, dass die Vorstellung, an die wir glauben – an die wir glauben wollen –, real ist? Für uns wird sie zu etwas Realem.“

Ich schiebe mir die Brille die Nase hoch und starre sie verblüfft an.

„Vielleicht haben Sie ja recht“, fügt sie hinzu, „und das, was wir als Liebe empfinden, ist nichts weiter als eine Kombination aus bestimmten chemischen Stoffen, die unser Körper ausschüttet. Aber wenn wir daran glauben, dass die Liebe eine starke Kraft ist, die uns aneinanderbindet, und wenn uns dieser Glaube in den Wirren dieser Welt Glück und Stabilität schenken kann, wo liegt dann das Problem?“

Mein Kinn hebt sich wie von selbst, als müsse ich hier etwas beweisen. Und vielleicht ist es ja auch so. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Liebe uns weder Glück noch Stabilität gibt. Der Glaube an die Liebe dagegen kann uns großen Schaden zufügen.“

So wie bei meinen Eltern.

So wie bei meinem Bruder.

Mrs Blackburn rückt kurz den Ehering an ihrem Finger zurück, ehe sie weiterredet. „Ich halte Liebe für ein Konzept, das dem des Mutes sehr ähnlich ist, Miss Riggs. Ich selbst bin beispielsweise seit 32 Jahren mit demselben Mann verheiratet. Und während all dieser Zeit war ich sicherlich nicht jeden Tag ‚verliebt‘ in ihn. Jedenfalls nicht so, wie es in Liebeskomödien und -romanen beschrieben wird. Aber ich habe ihn geliebt. Weil ich mich mit Herz und Seele dafür entschieden habe. Lieben ist ein Tätigkeitswort. Und weil ich daran glaube und entsprechend handle, ist es real. Für mich ist Liebe etwas sehr Reales.“

Die Klasse schweigt. Die Diskussion ist in seltsames und zu persönliches Terrain abgeglitten. Wir wollen nichts über das Liebeslieben unserer Lehrer wissen.

Einen Moment lang starre ich auf meine Hände. Ich weiß, dass ich nicht mit ihr streiten sollte. Ich weiß nicht einmal, warum ich überhaupt mit ihr streiten will – vielleicht, weil ich nicht möchte, dass Steven mit der Rose einfach so davonkommt? Jedenfalls ist der Impuls stärker als ich.

„Es gab da eine Studie“, sage ich schließlich. „Ein Wissenschaftler hat mithilfe einer Abfolge einfacher Handlungen dafür gesorgt, dass sich Menschen ineinander ‚verlieben‘: Er ließ sie über bestimmte persönliche Themen sprechen, wobei sie sich für einen vorgeschriebenen Zeitraum in die Augen sehen und in kontrollierter Weise Körperkontakt aufnehmen mussten. Man muss nur all diese Faktoren miteinander kombinieren, und – bam! – jeder kann sich in jeden verlieben. Ein paar der Studienteilnehmer haben einander später geheiratet, und ihre Scheidungsrate lag unter dem landesweiten Durchschnitt. So einfach ist das: Man tut bestimmte Dinge, dann verliebt man sich. Alles nur Biologie, basta. Dass die Leute es für etwas anderes halten, beweist nur, wie tief verwurzelt die Illusion der Liebe in unserer Gesellschaft ist.“

Mrs Blackburn ist ganz rot im Gesicht geworden und schaut mich an, als würde sie mich am liebsten zum Direktor schicken, wenn ihr nur ein guter Grund einfallen würde – weil es nämlich leider nicht ausreicht, dass ich die selbsternannte Regenwolke über der Valentinstag-Liebesparade bin.

Hinten in meinem Hals verkrampft sich etwas. Ich schlucke dagegen an.

Die runde Uhr über der Tür tickt die Sekunden weg. Dann sagt Beaker, die in unangenehmen Situationen immer zur Rettung eilt: „Hey, ich habe auch ein Wort. Schlitzen. Ich hasse das Wort schlitzen – das klingt so was von widerwärtig. Und was muss ich feststellen?“ Sie sieht auf ihren Schreibblock. „Das Wort geht unter anderem auf das Mittelhochdeutsche zurück – wann auch immer man das gesprochen hat – und zwar auf das Wort sliz oder slitz, was unter anderem ‚Ende, Untergang, Tod‘ bedeutet. Echt gruselig oder?“

Mrs Blackburn blinzelt, als hätte sie vergessen, was sie gerade sagen wollte, dann lacht sie kurz auf. Danke, Beaker.

„Ich konnte das Wort auch noch nie leiden“, sagt Mrs Blackburn und gleitet in einer fließenden Bewegung zurück an ihren Platz vor der Klasse. „Ich finde auch, es klingt unangenehm.“ Wieder lacht sie. „Das Studium der Worte führt immer auch dazu, dass wir unsere Gefühle untersuchen, was heute recht deutlich geworden sein dürfte, nicht wahr? Das ist es, was Worte tun. Auf der untersten Ebene sind sie einfach nur eine Ansammlung von Symbolen, die so gruppiert wurden, dass sie einen Gegenstand repräsentieren. S-T-U-H-L repräsentiert das hier“, sie legt ihre Hand auf die Lehne ihres leeren Stuhls, „einen Stuhl. Aber jedes Wort repräsentiert für jeden von uns etwas anderes.“

Die Glocke läutet.

„Bis Montag“, sagt sie über das Stühlerücken und Papierrascheln hinweg, „schreiben Sie tausend Wörter über die Bedeutung eines Wortes, welche Gefühle es in Ihnen auslöst und warum.“

Grundgütiger. Die Klasse gibt einen kollektiven Seufzer von sich.

„Sie können jetzt gehen“, beschließt sie die Stunde. „Ich wünsche noch einen schönen restlichen Tag des heiligen Valentins.“

„Hey Lex, warte mal.“

Beaker rennt, um mich einzuholen, als ich aus dem Klassenzimmer flüchte. Ich bleibe auf dem Gang stehen und warte. Sie bremst vor mir ab, ihre leuchtenden Locken fallen ihr wild um die Schultern und verheddern sich in ihrem Kapuzenpulli, als sie ihn überstreift. Sie zupft sie zurecht und lächelt atemlos.

„El und ich, wir machen heute Abend eine Anti-Valentinstagsparty bei El zu Hause. Eigentlich ist es gar keine Party, sondern eher eine Nicht-Party, nur Pizza und ein paar Slasherfilme und vielleicht ein oder zwei Runden Siedler von Catan.“ Sie beißt sich auf die Lippe und starrt mich hoffnungsvoll an. „Kommst du auch?“

Ich liebe Siedler von Catan.

Ich liebe Pizza.

Ich liebe sogar Slasherfilme.

Ganze zwei Sekunden lang erlaube ich mir, es mir auszumalen: Beaker, El und ich in unseren Pyjamas bei El im Keller, genauso, wie es früher immer war. Und vielleicht würde ich ihnen dann alles erzählen. Wir würden uns mit heißer Schokolade auf Els schäbigem altem Sofa einkuscheln, und alles, was in letzter Zeit passiert ist, würde aus mir rausplatzen: Mom und ihre Theorie, dass Ty noch im Haus ist, dass ich mir nicht völlig sicher bin, ob sie damit wirklich unrecht hat, der Brief an Ashley, weil ich die beiden dann fragen könnte, was ich ihrer Meinung nach damit machen soll, und vielleicht würde ich sogar darüber reden, was an dem Abend passiert ist, an dem Ty sich abgemeldet hat. Mit Steven. Mit der SMS.

Aber kaum, dass ich es mir richtig ausmale, spüre ich, wie sich das Loch wieder auftut. Wenn ich schon beim bloßen Nachdenken darüber das Gefühl habe, dass ich gleich sterbe, was passiert dann erst, wenn ich es laut ausspreche? Plötzlich fällt mir ein, dass Beaker dazu neigt zu lachen, wenn sie nervös ist. Ich stelle mir Els Gesicht vor, diesen Ausdruck, den sie bekommt, wenn jemand etwas unglaublich Lächerliches gesagt hat. Und ich denke: Nein. Nein. Ich kann es ihnen nicht erzählen. Ich kann nicht.

„Lex?“, hakt Beaker sanft nach.

Ich schüttle den Kopf. „Ich sollte heute Abend zu Hause bei meiner Mom sein. Du weißt schon.“

Und das würde auch stimmen, wenn meine Mom heute Abend nicht arbeiten würde. Also ist es streng genommen nicht gelogen.

Beakers Mund verzieht sich zu einer frustrierten Linie. Ich beobachte, wie sie gedanklich ihre Möglichkeiten durchgeht und feststellt, dass sie keine hat. Traurige, einsame Mutter ist der höchste Trumpf.

„Und wieso gehst du eigentlich nicht mit Antonio aus?“, frage ich.

Sie schiebt sich eine Locke hinters Ohr. „Oh. Wir sind nicht mehr zusammen. Er hat es nicht so mit der Treue.“

„Oh, das … das tut mir leid“, erwidere ich lahm. Ich hab Antonio nie leiden können. Er gehörte zu der Sorte Typen, die nur mit Beaker rummachen, aber anscheinend nie mit ihr reden wollen.

Er war nicht gut genug für sie.

Beaker winkt ab, als würde sie den Gedanken an ihn verscheuchen wie eine lästige Fliege, und gibt dabei ein Pffft von sich. „Tja, wie du gesagt hast, Liebe ist nicht real, stimmt’s? Und Antonios Hormone haben eben beschlossen, eine chemische Reaktion mit einer anderen als mir einzugehen.“

„Ätzend.“

„Ja, irgendwie schon“, sagt sie mit einem bitteren Lachen. „Bist du sicher, dass du nicht mit uns abhängen willst? Du fehlst mir. Du fehlst … uns allen, Lex. Das war echt super, wie du Mrs Blackburn Kontra gegeben hast.“

Uns allen, hat sie gesagt.

„Kommt Steven auch?“, frage ich.

„Muss er nicht“, antwortet sie, was so viel bedeutet wie: Ja, eigentlich schon, natürlich, er ist immer noch mit ihnen befreundet, auch wenn er nicht mehr mit mir zusammen ist, aber sie lädt ihn wieder aus, wenn ich mich damit wohler fühlen würde.

„Wie gesagt, ich muss heute Abend meiner Mom Gesellschaft leisten“, bekräftige ich. „Tut mir leid. Klingt nach einem coolen Abend.“

„Na gut.“ Sie legt mir die Hand auf die Schulter. „Hey, wenn ich irgendwas tun kann … Wenn du reden willst …“

„Alles klar. Ich muss jetzt los. Ich hab Unterricht.“

Sie weiß das. Sie hat auch Unterricht, denselben wie ich – Fortgeschrittenenkurs Geschichte – und in der Dritten dann Analysis, in der Vierten Physik, in der Fünften Programmieren, in der Sechsten Wahlkurs Analysis und dann die Mittagspause, was wir beide alles zusammen haben, bis zur siebten Stunde, in der Beaker zu Französisch geht und ich zu Deutsch, und dann die Achte, in der ich Mrs Seidels Hilfskraft für den Chemieunterricht bin und Beaker beim Theaterkurs ist, der gleichzeitig als erste Stunde der Nachmittagsprobe für die Schulaufführung dient.

Aber sie lässt mich los, und ich weiche zurück. Und dann laufe ich davon, damit ich mir nicht zu lange ihren enttäuschten Gesichtsausdruck ansehen muss.

8. KAPITEL

Zum Abendessen mache ich mir eine tiefgefrorene Hühnerpastete in der Mikrowelle warm, stochere darin herum und sehe auf unserem winzigen Küchenfernseher so lange Nachrichten, bis die Valentinstagsberichte rund um das Thema Liebe zu widerlich werden. Ich schalte den Fernseher aus. Draußen fällt Schnee, noch ein Wintersturm, der vorüberzieht.

Ich sollte in der Auffahrt Schnee schippen, denke ich. Mom wäre echt überrascht, wenn sie nach Hause kommt.

Aber das würde bedeuten, dass ich in die Garage muss.

Ich gehe nicht in die Garage.

Das Telefon klingelt. Ich hebe ab, aber es ist niemand dran – nur einige Augenblicke Stille, in die ich ein paarmal Hallo sage, dann lege ich auf. Es ist das alte Telefon in der Küche, darum kann ich die Nummer nicht erkennen.

Ich frage mich, ob es Steven war, der wissen wollte, ob es mir gut geht.

Falls er es war, wünschte ich, er hätte etwas gesagt.

Nicht, dass es noch irgendetwas gibt, was er sagen könnte. Nicht, dass ich gewusst hätte, wie ich reagieren soll, wenn er etwas gesagt hätte.

Ich esse die Pastete auf. Es ist kein Valentinstagsmenü mit musikalischer Untermalung von einem Streichquartett, aber für ein Tiefkühlgericht gar nicht mal so übel.

Ich höre ein Geräusch im Flur, der Klang von etwas Schwerem, das auf den Boden fällt.

Ich gehe nachsehen.

Ein Bild ist von der Wand gefallen. Ich hebe es auf und drehe es um. Das Foto, das darin war, fehlt. Ich suche auf dem Boden, aber es ist weg. Die Rückseite des Rahmens ist geschlossen, also muss jemand das Foto herausgenommen und den leeren Rahmen dann wieder aufgehängt haben.

Komisch.

Ich weiß, welches Bild fehlt. Es ist ein Foto von Dad und Ty vor vier Jahren, also aus der Zeit vor Megan, kurz vor ihrem Aufbruch zu Tys erstem Jagdausflug. Sie waren von Kopf bis Fuß in Tarnklamotten gehüllt und trugen Käppis in Neonorange. Sie lächelten beide und hielten ihre Gewehre hoch, aber Tys Lächeln wirkte gezwungen.

Er wollte nicht auf diesen Jagdausflug. Hatte seit Wochen Angst davor gehabt.

Aber er ging trotzdem mit, weil er dachte, er würde Dad damit eine Freude machen.

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem sie von dem Ausflug zurückkamen. Sie hatten ein Reh erlegt, ein zottiges kleines Ding mit einem winzigen Geweih.

„Oh, oh“, sagte ich, als ich rausging, um zuzusehen, wie sie es an die Dachbalken in der Garage hängten. „Schlechter Tag für Bambi.“

Ty lächelte über meinen Witz, sagte aber nichts. Dad war stolz, redete darüber, wie schwierig der Schuss gewesen war, der Ty gelungen war, was für ein sauberer Schuss es gewesen war und dass das Tier deswegen nicht hatte leiden müssen, aber Ty blieb stumm. Beim Abendessen hatte er kaum Appetit. Er ging an dem Abend früh ins Bett. Nachdem Mom das Foto gerahmt und aufgehängt hatte, blieb er im Vorbeigehen kein einziges Mal stehen, um es anzusehen.

Ich fange an, den Schmerz in meiner Brust zu spüren. Das Loch.

Und dann packt mich ganz plötzlich das Gefühl, nicht allein zu sein. Wenn ich mich jetzt umdrehe und nachschaue, werde ich am Ende des Flurs eine undeutliche Gestalt sehen. Ich werde ihn sehen.

Ty.

Bei dem Gedanken stellen sich meine Nackenhaare auf. Ich wusste nicht, dass das wirklich geht – so richtig hochstehen –, aber sie tun es. Meine ganzen Arme sind mit Gänsehaut bedeckt. Meine Schultern sind so verkrampft, dass es wehtut. Mein Mund ist trocken. Ich sauge meine Unterlippe ein, um sie zu befeuchten.

Diesmal werde ich nicht weglaufen, denke ich. Ich werde mich stellen.

Langsam drehe ich mich um.

Es ist niemand da. Der Flur ist leer.

Vor Anspannung habe ich die Luft angehalten. Nachdem ich ausgeatmet habe, versuche ich, über mich selbst zu lachen. Eine Illusion, denke ich. Eine trügerische Hoffnung, eine Selbsttäuschung, die Vortäuschung von etwas Nichtexistierendem. Kein Geist, keine Halluzination, sondern eine Illusion.

Ich hänge den leeren Rahmen wieder an seinen Platz.

14. Februar

Manchmal fehlt es mir, geküsst zu werden.

Man denkt, das ist so eine Kleinigkeit, so nebensächlich – einfach nur meine Lippen, die auf seine treffen. Aber manchmal, so wie heute, liege ich abends im Bett, kann nicht schlafen, starre an die Decke und denke daran, wie es sich angefühlt hat, nicht nur das mit dem Küssen selbst, sondern auch der Moment direkt davor, wenn sich unsere Gesichter so nahe waren, dass ich seinen Atem spüren und seine Augen in Großaufnahme sehen konnte, den Bogen jeder einzelnen dunklen Wimper, den kleinen Knick, wo sein Hals auf seinen Kiefer trifft. Die Sekunden, ehe er mich küsste. Die Erwartung. Den Rausch seiner Lippen auf meinen.

Im Durchschnitt verbringt ein Mensch laut Internet 20.160 Minuten seines Lebens mit Küssen.

Ich frage mich, auf welche Gesamtzeit wir es gebracht haben.

Gott. Der Valentinstag hat mein Gehirn infiltriert.

Die erste Person, die ich jemals auf den Mund geküsst habe, war ein Junge namens Nathan Thaddeus Dillinger II. Ich war 14, und Nate gehörte zu den Jungs, dem die Eltern zum 16. Geburtstag einen Sportwagen schenken – den er auf halber Strecke zu seinem 17. Geburtstag zu Schrott fuhr, was er selber aber natürlich überlebte, damit er nachher über sein Abenteuer berichten konnte. Er war groß, dunkelhaarig und gut aussehend, trug Designerjeans und hatte so ein superstrahlendes Lächeln, dass ihn die Lehrerinnen mit Nachsicht behandelten.

Ja, er war hot. Juhu für mich.

Aber so viele positive Eigenschaften Nate Dillinger auch haben mochte – eine Leuchte war er nicht gerade. Er stand davor, in Algebra durchzufallen. Man ahnt, was kommen musste.

Der erste Kuss passierte in einem Lesesaal in der Williams-Branch-Stadtbücherei. Ich erklärte Nate gerade die Gleichungssysteme, und wir übten mit einer Textaufgabe:

John kauft 3 Goldfische und 4 Guppys für $ 33,00. Marco kauft 5 Goldfische und 2 Guppys für $ 45,00. Wie viel würde Celia für 6 Goldfische und 4 Guppys bezahlen?

Unsere Köpfe waren ganz nah beieinander, weil wir uns über meinen Schreibblock beugten, auf den ich gerade die Gleichung

3g + 4b = 33

5g + 2b = 45

geschrieben hatte, als mich Nate Dillinger ganz plötzlich, ohne jede Warnung, küsste.

Ich weiß noch, was ich dachte, als ich seine Lippen auf meinen spürte: Hmm, gar nicht mal so unangenehm.

Dann versuchte er, mir die Zunge in den Mund zu schieben. Ich dachte so was in die Richtung „Igitt, ekelhaft“ und zuckte zurück.

„Tut mir leid“, sagte Nate und lächelte so, als würde es ihm alles andere als leidtun.

„Schon okay“, murmelte ich verblüfft. Ich meine, er hatte mir gerade meinen ersten Kuss gestohlen. Den würde ich nie wieder zurückbekommen. Die Sache war gelaufen.

Er interpretierte mein „Schon okay“ als Erlaubnis, es noch mal zu tun, und beugte sich vor. Ich wich nach hinten zurück.

„Moment mal, magst du mich denn überhaupt?“, fragte ich.

Er runzelte verwirrt die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Findest du mich, also, ich weiß nicht, anziehend?“

Er zuckte mit den Achseln. „Du bist ganz okay.“

Schweig still, mein Herz.

„Einfach nur okay?“, schnaubte ich. „Und warum hast du mich dann geküsst?“

Noch ein Achselzucken. „Mir war langweilig.“

Ihm war langweilig. Er hatte meinen ersten Kuss gestohlen, weil ihm langweilig war. Das Grauen! Das Grauen!

Ich seufzte und unterdrückte den Drang, etwas Gemeines zu sagen. Er war ein Junge und daher biologisch auf derartige Dämlichkeiten programmiert. Ich dachte, wir könnten das einfach hinter uns lassen. Ich konnte ihm trotzdem eine Stunde Nachhilfe geben und meine versprochenen 50 Dollar verdienen. „Also, zurück zu John und Marco, okay?“, schlug ich vor. „Zuerst mal multiplizieren wir die zweite Gleichung mit -2, damit wir ein +4b und ein -4b haben, die sich dann gegenseitig auflösen, und dann addieren wir …“

Und in dem Moment versuchte er noch mal, mich zu küssen.

Und so entstand die Gleichung:

Nate Dillinger + blutige Nase = ich - $50

Mein erster Kuss war also keine sonderlich große Sache.

Mein zweiter Kuss – der, der wirklich zählt – fand erst im letzten Sommer statt.

An dem Tag war ich mit den anderen in der Buchhandlung Barnes & Noble in den SouthPointe Pavillions verabredet, wo wir ein bisschen chillen wollten, ehe wir ins Kino um die Ecke gingen. Wie immer war Steven schon früh da; als ich auftauchte, wartete er schon. Aber El hatte gesimst, dass sie wieder mal Kopfschmerzen hatte (sprich: Sie absolvierte gerade einen Downton-Abbey-Marathon), und Beaker hatte angerufen, um Bescheid zu sagen, dass sie und Antonio „Probleme mit dem Auto“ hatten (sprich: Sie waren auf dem Rücksitz ihres Wagens beschäftigt) und sie es wohl nicht bis in die Stadt schaffen würde, bevor der Film anfing.

„Sieht aus, als wären wir heute zu zweit“, sagte ich zu Steven, als ich ihn in der Zeitschriftenabteilung fand, wo er im Scientific American blätterte. „Die anderen sind Luschen.“

Ich erinnere mich, dass er „Gut“ sagte, mit diesem stillen, wissenden Lächeln, das er manchmal bekommt. „Es ist schon zu lange her, dass ich dich ganz für mich hatte.“

Ich lachte, aber plötzlich machte mich die Vorstellung, Steven „ganz für mich“ zu haben, unerklärlich nervös. Vielleicht spürte ich ja, dass etwas passieren würde. Dass sich die Gleichung ändern würde.

Ich sagte mir, dass das albern war. Steven und ich waren Freunde. Wir kannten einander, seit wir 12 waren und beschlossen hatten, dass wir Schlauberger an unserer Middle School besser dran waren, wenn wir uns zusammentaten. Sicherheit durch Rudelverhalten und so. Ich fand Steven damals süß. Aber er war weniger wegen seines Aussehens anziehend, es gab nämlich Phasen, in denen er schlimme Akne und eine Zahnspange hatte und dürr wie eine Bohnenstange war. Aber er hatte einfach was. Wie er von Zeug wie Tolkien und Quantenphysik und „Doctor Who“ schwärmen konnte. Er konnte sich noch auf eine Art und Weise freuen, die die meisten von uns aus Scham noch vor ihren 18. Geburtstag ablegten. Es gab Dinge auf der Welt, für die er sich begeistern konnte. Das fand ich von Grund auf sexy.

Das und die Tatsache, dass ich immer schon gewusst hatte, dass er mich mochte. Da war die Papierblume am Valentinstag gewesen, und manchmal ertappte ich ihn dabei, wie er mich auf eine Weise ansah, die mehr war als nur freundlich. Sondern interessiert.

Aber ich dachte, Steven wäre zu vernünftig für die Liebe. Genauso wie ich.

Wir spazierten rüber zur Abteilung für Science-Fiction und Fantasy, entdeckten unsere gemeinsame Liebe zu „ Das große Spiel“ und unterhielten uns darüber, dass Hollywood das Buch gar nicht mal so sehr verhunzt hatte, der Film aber trotzdem nie mit dem Buch würde mithalten könnte, und langsam entspannte ich mich. Alles zwischen uns fühlte sich genauso an wie immer.

Schließlich zog Steven „Contact“ aus dem Regal.

„Das solltest du auch mal lesen“, sagte er.

„Ist das Carl Sagan, der Astrophysiker?“ Ich spähte auf das Cover, auf dem aus irgendeinem Grund Jodie Foster abgebildet war. „Der hat auch Romane geschrieben?“

„Das ist wirklich ein tolles Buch“, meinte Steven. „Es zeigt, wie sich religiöser Glaube und der Glaube an die Wissenschaft grundsätzlich ähneln. Wir glauben, selbst wenn wir keine Beweise haben, selbst wenn wir das, woran wir glauben, nicht sehen können.“

„Aber in der Wissenschaft gibt es Beweise“, widersprach ich.

„Lies es. Dann verstehst du, was ich meine. Es wird dir gefallen.“

Ich stemmte meine Hand in die Hüfte und sah ihn grinsend an. „Woher willst du wissen, was mir gefällt?“

Rückblickend ist mir klar, dass man das als armseligen Flirtversuch meinerseits interpretieren konnte.

Und es funktionierte.

„Oh, ich glaube, ich kenne dich ganz gut, Lex“, erwiderte Steven, und seine Stimme klang jetzt ganz anders als noch vor einer Sekunde. „Ich weiß, was dir gefällt.“

„Okay“, murmelte ich und wollte ihm das Buch aus der Hand nehmen, aber er ließ es nicht los.

„Wo wir schon beim Thema sind, weißt du, was dir noch gefallen würde?“ Er räusperte sich und blickte sich um. Wir waren allein, jedenfalls in diesem Bereich der Buchhandlung. „Du würdest gern mal mit mir ausgehen. Also, nicht so wie Freunde. Ein Date, meine ich.“

Boom. Ein Date.

Ich atmete geräuschvoll ein. „Soll das eine Frage sein?“, antwortete ich dümmlich.

„Ja, ich meine, würdest du vielleicht … Würdest du mit mir ausgehen?“

Ich starrte ihn an. Mir gingen mindestens ein Dutzend Gründe durch den Kopf, aus denen das eine ganz dumme Idee war: Alles würde komplizierter werden und chaotisch, und ich hasste Chaos. Mein Leben war so schon chaotisch genug. Ich fing gerade an, nach der Scheidung meiner Eltern wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Ich musste mich auf die Schule konzentrieren, meinen perfekten Notendurchschnitt halten, einen Platz auf dem College bekommen, herausfinden, welchen Weg ich im Leben gehen wollte. Ich mochte Steven – sehr sogar. Es fiel mir nicht schwer, das zuzugeben. Er gehörte zu meinen Lieblingsleuten – aber wenn wir ein Paar wurden, würden sich die anderen in unserer Clique unwohl fühlen. Und es würde unsere Freundschaft ruinieren.

Am Ende würden wir einander nur wehtun.

„Steven …“, setzte ich an und wappnete mich, bevor ich all diese harschen Sachen sagen würde.

„Warte“, sagte er. „Hör mich bitte erst an.“ Vorsichtig nahm er das Buch aus meiner Hand und stellte es zurück ins Regal, dann nahm er meine andere Hand. „Ich weiß, dass eine romantische Beziehung zum jetzigen Zeitpunkt riskant sein könnte. Wir haben nur noch ein Jahr auf der Highschool vor uns, danach werden wir vermutlich getrennter Wege gehen. Ich weiß, dass der biologische Zweck romantischer Beziehungen in der Fortpflanzung besteht, und das wollen wir natürlich beide nicht. Aber …“ Er schaute auf unsere verschränkten Hände. „Es steckt noch mehr dahinter. Es gibt auch einen sozialen Aspekt, die Möglichkeit zu lernen, wie man sich in einer Partnerschaft verhält, was uns in der Zukunft von Nutzen sein könnte. Und es ist bewiesen, dass romantische Beziehungen förderlich für die Gesundheit sind: Sie verursachen Endorphinausschüttungen, wirken entspannend, geben uns ein Gefühl der Sicherheit und …“

An diesem Punkt waren wir beide schon rot geworden. Wir sind uns so ähnlich, dachte ich. Wenn wir nervös werden, fangen wir beide an, wie Idiot Savants zu reden.

„Du schwafelst“, merkte ich an.

„Ich weiß.“ Er seufzte und redete trotzdem weiter. „Ich glaube, dass wir toll zusammenpassen würden, Lex. Ich verspreche, dass ich dich nicht drängen werde, zu … zu gar nichts. Und ich werde auch keine fixe Idee entwickeln, wie es in einem Jahr weitergehen soll. Ich will einfach nur herausfinden, wie das wohl ist. Ein Experiment, sozusagen.“

Ich biss mir auf die Lippe. Aus seinem Mund klang das alles so vernünftig. Logisch. Verlockend. Das und außerdem sah er mich mit diesen unglaublich warmen braunen Augen an, die sagten:

BITTE SAG JA.

„Das Experiment würde also darin bestehen, herauszufinden, ob die Chemie zwischen uns stimmt“, fasste ich zusammen.

Er ließ eine meiner Hände los und schob sich die Brille die Nase hoch. Dann lächelte er. „Genau. Ein einfaches chemisches Experiment.“

Was Sinn ergab. Es gibt nichts auf der Welt, was Steven mehr liebt als Chemie.

„Was bedeuten würde, dass wir beide regelmäßig miteinander ausgehen“, fuhr er fort, jetzt schon mit den logistischen Aspekten der Angelegenheit beschäftigt. „Vielleicht ein- oder zweimal die Woche, oder auch öfter, wenn du möchtest. Ganz wie du willst, wirklich, wir könnten …“

„Ja.“ Das Wort war raus, ehe ich mir die Sache ausreden konnte. „Ja, ich gehe mit dir aus. Ja.“

„Ausgezeichnet“, erwiderte er und sah dabei so begeistert aus, dass ich dachte, er würde gleich anfangen, durch die Buchhandlung zu tanzen. „Du wirst es nicht bereuen.“

Und so hatte alles angefangen.

Während des Films hielt er meine Hand. Ich saß im flimmernden Dunkel und war immer noch sprachlos, wie einfach alles gegangen war, nach all der Zeit, die wir einander schon kannten. Er hatte mich gebeten, unsere Beziehung in Zukunft aus einer romantischen Perspektive zu betrachten, und ich hatte zugestimmt. Einfach so.

„Das hier ist jetzt nicht komisch für dich, oder?“, flüsterte er nach einer Weile.

„Nein.“ Ich drückte seine Hand. „Es ist schön.“

Und das war es.

Nach dem Film fuhr er mich quer durch Lincoln zum Oven, einem indischen Restaurant in der Stadtmitte. Er hielt mir die Tür auf, rückte mir den Stuhl zurecht und bestand darauf, mich einzuladen.

Was schon ein bisschen komisch war.

Dann fuhr er mich nach Hause und brachte mich bis zur Tür. Und auf der Veranda blieb er stehen.

„Darf ich dich küssen?“, fragte er heiser. Sein Gesicht spiegelte so viele Gefühle wider, und ich konnte sie alle lesen. Er mochte mich. Er mochte mich wirklich. Er wollte es nicht versauen. Er befürchtete, es könnte zu früh sein, aber er wollte mich küssen. Er wollte die Bestätigung, dass ich dasselbe empfand wie er. Es war ein wichtiger Teil des Experiments, dieser Kuss. Es ging um die Klärung der Gleichung

Steven + ich + ein Date = Chemie?

Genau diesem Zweck dienen Küsse in biologischer Hinsicht. Sie sind eine Geschmacksprobe, ein Test, wie gut man zusammenpasst.

„Ja“, antwortete ich und kam näher. „Du darfst mich küssen.“

Langsam senkte er den Kopf, bis sich unsere Lippen fast berührten. Er lächelte, und als ich merkte, wie sehr ich diesen Kuss wollte, wurde mir fast schwindelig. Ich sog meine Unterlippe zwischen meine Zähne, um sie zu befeuchten, und lächelte auch. Atemlos. Abwartend.

„Okay“, flüsterte er. Sein heißer Atem streifte meine Wange. „Dann mal los.“

Er legte seine Lippen ganz sanft auf meine, ohne Druck, und mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie sich das anfühlte, außer warm und wunderbar und lebendig, aber keins dieser Wörter beschreibt es auch nur annähernd. Nach ein paar Augenblicken, als sich unsere Münder öffneten und meine Zunge seine berührte, wäre mir zu diesem Moment im Leben nichts wie Igitt oder Nein oder Eklig eingefallen. Er schmeckte nach rotem Curry und Eistee. In meinem Körper breitete sich ein Gefühl aus, als würde ich unter Strom stehen, das sich ganz unten in meinem Bauch sammelte, und ich dachte: Wow. So fühlt sich das also an. Die ganze Zeit hatte mich diese Frage beschäftigt. Ich war fast 18 Jahre alt, und noch nie hatte ich mich einem anderen Menschen so verbunden gefühlt.

Ich legte meine Hand auf Stevens feste Schulter und zog ihn näher. Tief aus seiner Brust drang ein leises, raues Geräusch, und er änderte den Winkel seines Kopfs, sodass unsere Brillen zusammenschlugen. Wir lösten uns lachend voneinander.

„Das war …“, setzte er an.

„Spektakulär“, flüsterte ich.

„Spektakulär“, wiederholte er, und seine braunen Augen funkelten. Weil das Ergebnis des Experiments eindeutig war.

Ich + Steven + Dating = spontane Verbrennung.

Er schob mir eine Haarsträhne hinters Ohr, sein Daumen ruhte auf meiner Wange. Ich erschauerte. Ich wollte ihn noch mal küssen.

„Gute Nacht, Lex“, sagte er. Anschließend drehte er sich abrupt um und rannte fast zu seinem Wagen. Ein paar Minuten lang saß er da, ohne wegzufahren, und ich fragte mich, was er wohl machte, bis mein Handy ein paar Mal direkt hintereinander brummte. Er hatte mir eine ganze Ladung Nachrichten geschickt, die lauteten:

Es gibt noch ein paar Sachen, die ich sagen will.

Du bist ein tolles Mädchen, Lex. Du bist klug und witzig und liebenswert und schön. Du bist das Gesamtpaket.

Danke, dass du Ja gesagt hast.

Sehen wir uns morgen?

Ich schrieb zurück, dass ich ihn morgen gern sehen würde. Wir grinsten uns durch sein Autofenster an, und dann fuhr er weg und ich ging nach drinnen.

Es war der 20. Juni.

Ich hatte noch sechs Monate mit Steven, auf den Tag sechs Monate, 183 Tage voller Küsse, bis sich die Gleichung wieder ändern sollte.

9. KAPITEL

Ty und ich laufen durch einen Wald. In Nebraska stehen nicht sonderlich viele Wälder zur Auswahl – es ist eher eine Präriegegend –, aber als wir noch klein waren, sind Mom und Dad mal mit uns in einen Teil des Nebraska National Forest gefahren, in dem es hohe Bäume, einen See und einen Campingplatz gab. Wir haben in Zelten geschlafen, Ty und ich hatten eins und unsere Eltern ein anderes. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie alt wir waren, aber ich glaube, noch ziemlich klein. Klein genug jedenfalls, um es für das größtmögliche Abenteuer zu halten, in einem eigenen Zelt zu schlafen. Wir blieben die halbe Nacht auf, flüsterten und spielten Schattentheater mit unseren Taschenlampen, guckten durch den transparenten Netzstoff oben im Zelt auf die Silhouetten der Zweige, die sich über uns im Wind wiegten, und stellten uns die Sterne darüber vor. Am nächsten Morgen standen wir früh auf, um am See angeln zu gehen. Ty fing fünf Fische, ich vier, er warf seine allerdings ins Wasser zurück. Er hatte ein weiches Herz, selbst damals schon, er war einfach zu lieb, um einen unschuldigen Fisch zu ermorden. Aber Dad schlug meinen Fischen mit einem speziellen Hammer den Kopf ein und briet sie über einem Lagerfeuer zum Mittagessen. Und dann sagte er zu Ty: „Das hier ist die Realität. Iss.“

Dad hat es nicht so mit der Sentimentalität. Und bei mir scheint der Apfel nicht sonderlich weit vom Stamm gefallen zu sein.

Wie auch immer, ich glaube, es ist dieser Wald, durch den Ty und ich gerade laufen.

Er hat ein weißes T-Shirt und Jeans an.

Irgendwo hinter uns geht die Sonne unter. Ich weiß nicht, wohin wir unterwegs sind. Ich habe meinen Rucksack auf, und er ist schwer. Ich will eine Pause machen, damit ich mir Tys Gesicht im schwindenden Licht genau ansehen kann. Denn ich fange an, es zu vergessen. Die Form seiner Nase. Seine Ohren. Seine Lippen, die immer rissig waren. Ich habe immer zu ihm gesagt: „Mann, jetzt kauf dir doch mal einen ChapStick.“ Jetzt will ich ihn mir einfach nur einprägen, jedes Detail, die rissigen Lippen und alles, um das Bild in meinem Kopf zu überdecken, wie er gelb und steif unter einer Schicht Make-up vom Bestattungsinstitut dalag.

„Hey“, sage ich. „Können wir uns einen Moment ausruhen?“

Er dreht sich zu mir. „Bist du schon müde? Wir sind doch gerade erst losgelaufen.“ Aber er setzt sich auf einen großen Stein. „Gib mir was von deinem Wasser.“

Ich stelle fest, dass ich eine große Wasserflasche bei mir habe. Aber ich gebe sie nicht her. „Wie heißt das Zauberwort?“, trieze ich ihn.

„Büdde“, sagte er und streckt lächelnd die Hand nach der Flasche aus, aber ich schüttle den Kopf.

„Nö.“

„Schlitzen“, sagt er. „Das magische Wort lautet schlitzen.“

„Igitt, nein!“

„Es lautete nicht Illusion, so viel kann ich dir verraten.“

„Halt die Klappe. Ich musste improvisieren.“

„Über welches Wort willst du deinen Aufsatz schreiben?“

„Ich habe nicht vor, ihn überhaupt zu schreiben“, informiere ich ihn.

„Du willst dich vor einer Hausaufgabe drücken? Du?“

„Woher weißt du überhaupt davon?“

Er zuckt mit den Schultern. „Welches Wort?“, beharrt er. „Über welches Wort würdest du schreiben?“

„Blödi“, gebe ich zurück.

„Super. Passt zu dir“, sagt er und verdreht die Augen. „Und jetzt gib mir das Wasser, Lex. Ich sterbe gleich vor Durst.“

Ich gucke ihn an und hebe eine Braue.

Er grinst. „Bildlich gesprochen.“

Ich reiche ihm die Flasche. Er schüttet den halben Inhalt in sich hinein, wischt sich mit einer Geste, die mir so vertraut ist, dass es mir fast das Herz bricht, mit der Hand über den Mund und gibt mir die Flasche zurück.

Ich vermisse dich, will ich sagen. Es liegt mir auf der Zunge, aber ich denke, dass ich dadurch deutlich mache, dass das hier ein Traum ist, und dann aufwache.

Und ich will nicht aufwachen.

Irgendwas im Wald knackt. Ein Vogelschwarm fliegt aus einem Baum auf, die Flügelschläge hallen durch die Luft. Das Licht wird mit jeder Minute schwächer. Ich sehe Ty an. Er blickt konzentriert in den dunkelsten Teil des Waldes.

„Wir sollten los“, sagt er und steht auf.

„Okay.“

Wir laufen weiter. Ich weiß immer noch nicht, wohin. Es scheint keinen Pfad zu geben, aber Ty verhält sich so, als würde er den Weg genau kennen. Er schaut sich immer wieder um, als hätte er Angst, und das macht mir auch Angst. Es ist plötzlich so dunkel. Von allen Seiten kesseln uns Schatten ein.

Wir laufen schneller. Ich bin außer Atem. Ich stolpere über eine Wurzel oder so.

Ich falle.

Ty packt meine Hand und hilft mir hoch. Im Wald hinter uns knacken noch mehr Zweige, Blätter knistern, es klingt so, als würde etwas auf uns zukommen. Etwas, das uns verfolgt. Etwas Großes.

Ich habe mir den Knöchel verletzt. Heftig.

„Es ist ein Bär“, sagt Ty, als ich ihm gerade mitteilen will, dass ich nicht rennen kann. „Ein Grizzly.“

„In Nebraska gibt es keine Grizzlybären.“

„Wir sollten auf diesen Baum klettern.“ Ty sucht sich eine große Eiche mit breiter Krone aus, die es in diesem Wald ebenfalls nicht geben sollte. „Schaffst du es, da raufzuklettern?“

Ich bin noch nie auf einen Baum geklettert, aber ich versuche es. Ich kraxle den Stamm hoch, ignoriere den Schmerz in meinem Knöchel, greife nach den Ästen. Ty ist hinter mir, hilft mir, das Gleichgewicht zu halten, schiebt mich hoch, gibt mir Anweisungen. Aber ich bin langsam. Ich kletterte nicht schnell und nicht hoch genug. Ich bin ungeschickt.

„Beeil dich!“, ruft Ty. „Er ist da.“ Es ist so dunkel, dass ich kaum etwas sehen kann, aber ich kann die gewaltigen silbrigen Schultern des Bären unter uns ausmachen, der unfassbar groß wirkt. Er gibt ein schnaubendes Geräusch von sich, das ein bisschen an ein Bellen erinnert. Er reckt sich hoch zu uns. Und dann hat er Tys Fuß im Maul. Er versucht, ihn vom Baum zu zerren.

Ich packe Ty bei den Armen. Halte ihn fest.

Ty sieht mir in die Augen. Er lächelt, und es ist ein trauriges Lächeln, weil er weiß, wie das hier enden wird. Wir beide wissen es.

Er sagt: „Sieh nicht hin. Bleib hier oben, in Sicherheit. Es wird schnell vorbei sein.“

„Ty, nein!“ Ich packe seine Arme fester. „Nicht!“

Der Bär ist zu stark. Ich kann Ty nicht halten. Er wird weggerissen. Er fällt. In der Schwärze des Waldes höre ich ihn schreien.

Es ist ein Traum, sage ich mir. Es ist nur ein Traum. Er kann nicht noch mal sterben.

Aber das tut er. Ich höre, wie der Bär ihn tötet. Das Brüllen des Bären, Tys angst- und schmerzerfüllte Schreie, das Reißen von Stoff und das Knacken von Knochen. Ich presse mein Gesicht gegen die raue Baumrinde, kneife die Augen fest zusammen und höre zu, wie Ty stirbt. Selbst jetzt, im Traum, kann ich nicht um ihn weinen. Ich kann es nicht verhindern. Ich kann ihm nicht helfen.

Ich denke: Ich bin total nutzlos. Ich kann ihn nicht retten.

Dann, als es vorbei ist und im Wald wieder Stille eingekehrt ist, wache ich auf. In meinem Zimmer. Im Dunkeln. Wieder allein.

Ich habe diese Träume jetzt schon seit Wochen. Sie sind immer gleich: Ty und ich machen Sachen, die wir häufig gemacht haben, reden so wie immer, und nach einer Weile läuft etwas schief und Ty stirbt. Bisher ist er schon mit dem Flugzeug abgestürzt, von einem Gangmitglied erschossen und bei einem Gewitter vom Blitz getroffen worden. In einem Traum ist er eine Treppe runtergefallen und hat sich den Hals gebrochen. In einem anderen sind wir mit dem Fahrrad zur Schule gefahren und Ty wurde von einem Auto mitgerissen. Die Träume sind wie meine Version von Kenny aus South Park, nur dass Ty nie so stirbt, wie er im wahren Leben gestorben ist. Und immer, wenn er stirbt, jedes Mal, wenn ich dabei zusehen muss, fühlt es sich real an.

Mein Magen brennt, als müsste ich mich gleich übergeben. Ich atme ein paarmal tief in meine Körpermitte, wie Dad es uns gezeigt hat, als er seine Pilatesphase hatte. Dann setze ich mich auf. Ich streiche mir das zerzauste Haar aus dem Gesicht. Und dann gefriert mir das Herz in der Brust zu einem Eisbrocken.

In dem fahlen Licht, das durch mein Schlafzimmerfenster fällt, kann ich eine Gestalt erkennen. Einen Umriss. Einen Menschen.

„Ty?“, krächze ich.

Die Gestalt bewegt sich leicht, als hätte sie gerade auf die Straße hinausgeguckt und würde sich jetzt zu mir umdrehen. Sie spricht nicht. Ich taste nach meiner Brille auf dem Nachtschränkchen. Ohne die Brille bin ich blind wie ein Maulwurf. Als Kind hab ich mir mitten in der Nacht immer selber einen Wahnsinnsschrecken eingejagt, indem ich mir ausmalte, dass ich das Monster, das aus meinem Schrank kommt, um mich zu holen, erst erkennen würde, wenn es schon zu spät ist.

Meine Finger schließen sich um das Brillengestell. Ich klappe vorsichtig die Bügel auf, setze mir die Brille auf und schaue zum Fenster.

Da ist niemand. Es war nur der Schatten der Trauerweide draußen im Garten.

Ich lasse mich wieder ins Kissen fallen.

Ein Schatten. Ein dämlicher Schatten. Von einem dämlichen Baum.

Ty wird nie wieder hier sein, wenn ich die Augen aufmache, sage ich mir streng. Nicht im wahren Leben. Ganz egal, was ich träume.

Ich drehe mich auf die Seite, sodass ich die Wand angucke. Ich will wieder schlafen und setze auf ein probates Mittel: Zahlen. 0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, jede Zahl ist die Summe der beiden vorherigen Zahlen. Die Fibonacci-Folge, benannt nach einem italienischen Mathematiker, der im Jahr 1202 darüber geschrieben hat. Die Fibonacci-Zahlen sind überall, sogar in der Natur, in den Mustern der Blätter an einem Stiel, in den Ringen auf einer Ananasschale und der Anordnung der Samen auf einem Pinienzapfen. Mathematik. Die sichere, verlässliche Mathematik.

Es gibt nichts Realeres als Zahlen.

Mein Herzschlag wird langsamer. Meine Schultern entspannen sich. Ich bemühe mich, ruhig zu atmen. 34. 55. 89. 144.

Als mir einfällt, dass ich die Brille noch aufhabe, nehme ich sie ab, klappe sie zusammen und strecke den Arm nach hinten, um sie auf den Nachttisch zu legen. Das Zimmer wird dunkel und verschwommen, wie ein impressionistisches Gemälde. Farben, aber keine klaren Linien. Wie ein Gemälde von van Gogh, habe ich mir früher immer gesagt. Die Sternennacht. Ich ziehe mir die Decke bis unters Kinn.

233. 377. 610. 987. 1.597. 2.584.

Und genau in diesem Augenblick, als meine Lider schwer werden und ich anfange, in die graue Weite hinüberzugleiten, in der Ty noch lebt, rieche ich es.

Eine Mischung aus Sandelholz und Basilikum und einem Hauch von Zitrone.

Brut.

Ich rieche das Eau de Cologne meines Bruders.

10. KAPITEL

Jemand klopft an die Haustür.

Ich ignoriere es. Ich hab alle Hände voll zu tun, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Ärmel sind hochgekrempelt, ich hab Gummihandschuhe und eine Schürze an – die volle Montur – und stecke bis zu den Ellenbogen in heißem Spülwasser, inmitten des Bergs aus schmutzigem Geschirr, der sich die Woche über auf der Küchenanrichte angesammelt hat, weil weder Mom noch ich die nötige Energie abzuwaschen hatten.

Ich habe nicht sonderlich gut geschlafen.

Jetzt, habe ich beschlossen, ist nicht der richtige Augenblick für einen Besuch der Beileidsparade.

Wer-auch-immer-es-ist hämmert noch mal gegen die Tür.

Ich bin genervt. Mom schläft noch. Ja, es ist nach drei Uhr nachmittags an einem Sonntag, aber sie ist schon den ganzen Tag k. o. Sie ist nicht mal aufgestanden, um in die Kirche zu gehen, was ein schlechtes Zeichen ist. Bisher hat sie es immer geschafft, sich für Gott zusammenzureißen.

Es klopft wieder.

Hey, ist schon gut, denke ich, ignoriere das Geräusch weiter und stelle den nächsten Teller in die Spüle. Mom muss nicht in die Kirche gehen. Wir haben das Recht, die sozialen Erwartungen nicht zu erfüllen. Wir dürfen so lange schlafen, wie wir wollen. Wir haben einen Freifahrtschein. Das ist der einzige Vorteil der ganzen Ich-habmeinen-Bruder-verloren-Chose: Man darf sich auf unbestimmte Zeit mit Ausreden durchmogeln. Ich muss die Tür nicht öffnen.

Aber dieses Klopfen. Es ist laut. Hartnäckig. Ein Klopfen, das nicht so bald aufhören wird.

Dann fällt mir ein, dass Wer-auch-immer-es-ist uns vielleicht Abendessen vorbeibringen will. Das ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur im Umgang mit dem Tod: Man bringt einen Auflauf vorbei. Einen Kuchen. Obstsalat. Durch dieses Ritual hat der Gebende das Gefühl, etwas Sinnvolles für uns getan zu haben: Er hat uns gefüttert. So zeigt er uns seine Fürsorge.

In der ersten Woche waren die Leute wahnsinnig fürsorglich. Wir hatten so viel Essen, dass der Großteil schlecht geworden ist, bevor wir ihn hätten essen können. Mom und ich hatten damals nicht mal den Anflug von Appetit. Eigentlich saßen wir nur in verschiedenen Haltungen auf verschiedenen Möbelstücken, und die Leute schlichen um uns herum, brachten uns Taschentücher und Wasser und fragten alle paar Stunden, ob wir etwas essen wollten. Ich habe das Essen immer verweigert, aber Mom hat es probiert. Sie wollte höflich sein. Ich sah, wie sie am Tisch saß und sich zu all den Bewegungen zwang, die zum Essen dazugehören, wie sie jeden Bissen sorgfältig kaute, schluckte, zu lächeln versuchte und immer wieder bestätigte, wie gut das jeweilige Gericht war, was für eine nette Aufmerksamkeit.

Als die meisten Leute in der zweiten Woche fort waren, stocherten wir in den besten Sachen herum, die übrig waren: den Schokotorten, den Brathühnchen, den Milchbrötchen. Den Rest warf ich weg. In der dritten oder vierten Woche kehrte mein Appetit wenigstens teilweise zurück, aber ziemlich genau zu der Zeit hörten die Besuche auf.

Die Leute kehrten in ihr altes Leben zurück.

Auch wenn wir das nicht konnten.

Was ziemlich blöd ist, weil ich nämlich beim besten Willen nicht kochen kann, und wenn mein Leben davon abhinge. Dazu kommt, dass Mom in dieser Hinsicht immer unzuverlässiger wird.

Als ich zur Tür gehe, bin ich plötzlich voller Hoffnung. Auflauf klingt toll. Ich bin am Verhungern.

Nachdem ich die Tür aufgemacht habe, steht Sadie McIntyre vor mir, unsere Nachbarin, die drei Häuser weiter wohnt. Voilà. Aber irgendwas stimmt nicht. Sie hält sich nicht an das übliche Besucherprotokoll: Sie lächelt nicht, fragt mich nicht, wie es mir geht. Sie hält mir keinen Teller Kekse hin, keinen Enchiladatopf und hat auch sonst keine gute Gabe. Sie steht einfach nur mit überkreuzten Beinen da und starrt mich mit einem neutralen Ausdruck in ihren leuchtend blauen Augen an.

„Hi?“, sage ich fragend.

„Ich gehe ins Jamba Juice“, erwidert sie mit ihrer zigarettenrauen Stimme. „Willst du mitkommen?“

Diese Frage ergibt aus mehreren Gründen keinen Sinn.

1. Es ist Februar. In Nebraska. Heute ist ein besonders kalter Tag. Mein gesprungenes Handy berichtet, dass wir gerade etwa -15 ° haben. Sadies Frage schwebt in einem weißen Dampfwölkchen aus kondensiertem Atem durch die Luft.

Willst du mit ins Jamba Juice?

Wo heute vermutlich nur gefrorene Getränke im Angebot sind.

2. Sadie und ich haben seit der Grundschule so gut wie nichts mehr miteinander zu tun.

Als wir Kinder waren, also noch richtig klein, wohnten wir praktisch beieinander. Ich hatte meinen Geheimpfad durch unsere Hintertür über die Veranda von Mr Croft entlang der großen Steinmauer, die durch Mrs Widdisons Garten verläuft, durch eine Lücke in den Fliederbüschen am Grundstücksrand der McIntyres und über ihren Rasen bis zu Sadies Zimmerfenster.

Sadie war meine erste Freundin. An die Zeit, bevor ich sie kannte, kann ich mich nicht mal mehr erinnern, auch wenn unsere Eltern uns gern die Geschichte erzählten, wie Sadie mit zwei Jahren von zu Hause weglief und im Sandkasten in unserem Garten landete, wo wir uns kennenlernten. Meine Eltern nannten Sadie immer den kleinen Knallfrosch. Über Jahre hinweg war sie meine beste Freundin. Wenn mich andere Kinder Vierauge oder Brillenschlange oder Fensterfresse nannten (damals war die Brille noch ein gewaltiges Handicap), konnte ich mich immer darauf verlassen, dass Sadie mich verteidigte. Sie hatte vier ältere Brüder, und wenn jemand eine von uns ärgerte, setzte Sadie ihre Brüder wie ein Rudel Hunde auf denjenigen an. Dass ich die Grundschule überlebt habe, verdanke ich zu einem Großteil Sadie und den McIntyre-Jungs.

Ich habe die Sadie von damals noch immer vor Augen: dürr und braungebrannt, ihr lockiges, dünnes Haar von der Sommersonne fast weiß gebleicht, in einem sauberen, aber verblichenen T-Shirt, das einer ihrer älteren Brüder ausgemistet hatte und so lang war, dass es Sadie beim Rennen um die Knie flatterte. Sadie liebte rennen. Sie spazierte nie irgendwohin, wenn sie auch hinrennen konnte. Und weil ich sie so mochte und weil sie meine Freundin war, rannte ich ihr immer hinterher.

Bis Sadie eines Tages mit dem Rennen aufhörte. Als sie in die sechste Klasse kam, bekam sie ein Fahrrad und übernahm die Zeitungsroute von ihrem älteren Bruder, damit sie sich eigene Klamotten kaufen konnte. Sie fing an Make-up zu tragen und hatte ein neues Lächeln. Sie verwandelte sich in eine rundum neue Sadie.

Der Gerechtigkeit halber muss ich sagen, dass ich mich in dem Jahr auch veränderte. Ich fing an, mit Beaker, Eleanor und Steven rumzuhängen. Sadie und ich entwickelten uns auseinander. So was kommt vor. In der Zehnten war Sadie in eine ziemlich unangenehme Sache verwickelt, bei dem es um Ladendiebstahl ging. Die ganze Nachbarschaft weiß davon, auch wenn das Thema totgeschwiegen wird. Sie hängt mit den Kiffern rum, ich bin bei der Strebertruppe. Wir sind immer noch nett zueinander, aber die Kreise, in denen wir verkehren, überschneiden sich kaum.

Jetzt steht sie in einer abgetragenen roten Karojacke und Jeans, die sie an den Beinen absichtlich zerlöchert hat, auf meiner Türschwelle. Ihre blonden Locken hat sie unter eine schwarze Strickmütze geschoben. Sie trägt Handschuhe und zu viel Eyeliner. Ich frage mich, warum alle Kiffermädchen den Drang verspüren, Eyeliner zu benutzen.

„Lex?“, hakt sie nach, weil ich ihre Frage immer noch nicht beantwortet habe.

Ach ja, richtig. Jamba Juice.

Ich habe keine Ahnung, was sie von mir wollen könnte, was sie im Schilde führt, aber mir fällt auch keine gute Ausrede ein, und um ehrlich zu sein gefällt mir die Vorstellung, für eine Weile aus dem Haus zu kommen. Also nicke ich und streife die Gummihandschuhe ab.

„Klar“, sage ich. „Ich hole nur schnell meine Jacke.“

Als wir ankommen, ist das Jamba Juice gähnend leer. Wahnsinnsüberraschung. Der Typ hinter dem Tresen tut so, als wäre er überrascht, überhaupt jemanden hier zu sehen, und als wären wir nur versehentlich hereinspaziert.

„Puh“, meint Sadie grinsend, als sie zum Tresen schlendert. „Superheiß da draußen. Ich bin am Verdursten.“

Sie macht nur Spaß, aber Tresentypie scheint das zu entgehen: Er hört auf, auf seinem Handy herumzutippen, legt es weg und starrt uns an, als wäre er bei Versteckte Kamera gelandet und würde gleich das Filmteam entdecken.

„Ich nehme den Matcha Green Tea Blast“, sagt Sadie, ohne die Karte eines Blickes zu würdigen. Scheint so, als wäre sie jeden Tag hier. „Mit dem Antioxidant Boost.“ Sie sieht mich an. „Und für dich auch einen, Lex. Ich lad dich ein. Wir sagen den freien Randalierern den Kampf an.“

Freie Radikale, denke ich, korrigiere sie aber nicht. Ich bestelle dasselbe.

„Können wir uns irgendwo hinsetzen?“, fragte Sadie Tresentypie beim Bezahlen. „Oder müssen wir warten, bis ein Tisch frei wird?“

Er weist auf den leeren Laden und verschanzt sich wieder hinter seinem Handy. Zweifellos nervt ihn, dass wir ihn in seiner Freizeit stören. Sadie sucht einen Tisch in der hintersten Ecke aus, hängt ihre ziemlich große Ledertasche an die Rückenlehne ihres Stuhls, lässt sich fallen und fällt umgehend über ihren Shake her, der, wie ich anmerken sollte, ungefähr die Farbe und Konsistenz von frischer Guacamole hat.

Es könnte interessant werden.

„Manche Leute“, murmelt sie, „haben nicht mal ansatzweise Sinn für Humor.“

Ich nippe zögerlich an meinem Smoothie. Er schmeckt überraschend gut.

„Also“, sagt Sadie, nachdem wir etwa ein Viertel unserer Gläser geleert haben. „Es gibt da was, über das ich gern mit dir reden würde.“

Und los geht’s: Die „Es tut mir so leid“-Ansprache. Das mitfühlende Handtätscheln. Das „Kann ich irgendwas für dich tun“-Angebot, das ich ablehne, wofür ich mich dann auch noch schuldig fühlen werde. Der Teil, in dem mich Sadie zu ihrem neuen Projekt macht.

„Ich hab dich neulich Abend gesehen“, fährt sie fort. „Als du gerannt bist.“

Oh. Das. Ich blinzle sie an. Ich versuche mir vorzustellen, wie ich da draußen wohl ausgesehen habe, als ich ohne Jacke durch die Nachbarschaft gefetzt bin, als wäre ein Rudel hungriger Wölfe hinter mir her.

Wie eine Geistesgestörte, so hab ich ausgesehen. Wie eine rasende Irre.

„Hast du mit Laufen angefangen?“, fragt Sadie.

Die Vorstellung ist dermaßen absurd, dass ich fast laut auflache. Selbst damals, als ich immer hinter Sadie hergelaufen bin, habe ich es gehasst. Ich hasste alles am Laufen: das Schwitzen, das Keuchen, den komischen Geschmack, den ich dabei immer im Mund hatte, die Schmerzen danach in meinen Beinen. Es gehört zu meinen Grundsätzen, körperliche Anstrengungen möglichst ganz zu vermeiden.

Aber was soll ich ihr sagen? Dass ich vor dem Geist meines toten Bruders weggelaufen bin?

„So was in der Art“, murmle ich.

Sadie nickt, als hätte ich gerade ein Gerücht bestätigt, das ihr über mich zu Ohren gekommen ist. „Das ist ja super“, erwidert sie. „Ich wollte nämlich auch wieder mit Laufen anfangen. Ich hab so eine App auf dem Handy, die einem dabei helfen soll, dass man bei null Kondition in nur einem Monat auf fünf Kilometer Laufstrecke kommt. Am Anfang geht und joggt man abwechselnd, und am Ende joggt man dann die ganze Strecke. Man verbrennt dabei ungefähr fünfhundert Kalorien pro Stunde.“

„Von so was hab ich auch schon gehört.“

„Wir könnten ja vielleicht zusammen laufen gehen“, schlägt sie beiläufig vor und fixiert mich mit diesem seltsamen Starrblick, als würde sie mich gleich zu irgendwas herausfordern.

Oh, oh. Gefahr im Anmarsch! Höchste Alarmstufe!

„Äh, ja, sicher“, ist alles, was mir einfällt. „Auf jeden Fall. Ich meine, im Moment hab ich ziemlich viel um die Ohren, aber in ein paar Wochen vielleicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es eine so tolle Idee ist, in der Kälte joggen zu gehen, wegen der Lungen und so. Vielleicht ja im Frühling. Ach, aber dann ist der Physikwettbewerb und ich hab die ganzen Einstufungstest fürs College, da wird es auch wieder brenzlig mit der Freizeit. Vielleicht ja im Sommer …“

Sadie mustert mich scharf.

„Ach, Lex“, sagt sie dann. „Na klar.“

In der fünften Klasse haben wir eine Zeitlang ein Kartenspiel gespielt, das wir „Na klar“ nannten. Kurz gesagt ging es darum, so schnell wie möglich alle seine Karten loszuwerden, indem man darüber lügt, was man auf der Hand hat. Aber wenn jemand Na klar sagte und einen damit beim Lügen erwischte, musste man den ganzen Ablagestapel aufnehmen. Mir fällt wieder ein, dass Sadie in dem Spiel wahnsinnig gut gewesen ist. Sie hat mich immer beim Flunkern erwischt.

Also bezeichnet sie mich gerade als Lügnerin.

„Sadie …“, setze ich an.

„Irgendwas ist los mit dir“, sagt sie und verschränkt die Arme vor der Brust. „Du hattest Schiss, neulich Nacht auf der Straße. Ich will wissen, vor was du weggelaufen bist.“

Ich starre sie hilflos an. „Ich bin vor gar nichts weg…“

„Na klar, Lex“, beharrt sie. „Na klar. Du steckst in Schwierigkeiten, ich weiß es genau.“

Schweigen breitet sich zwischen uns aus. Ich denke: Natürlich stecke ich in Schwierigkeiten. Hast du in den letzten zwei Monaten denn überhaupt nichts mitbekommen? Und: Was interessieren dich meine Schwierigkeiten überhaupt? So nahe stehen wir uns doch schon seit Jahren nicht mehr. Das hier geht dich gar nichts an. Aber dann packt mich wie eine Flutwelle das Bedürfnis, mit jemandem zu reden – über die vergangene Woche, die mir wie ein Stein auf dem Herzen liegt. Sadie ist immer noch meine Freundin. Und sie ist ganz anders als meine anderen Freunde. Sie ist nicht superrational und wissenschaftlich, vielleicht wird sie nicht gleich auf den zweifelhaften Zustand meiner geistigen Gesundheit schließen. Vielleicht ist sie ja unvoreingenommen.

Vielleicht hört sie ja zu.

Hastig sehe ich mich im Laden um. Tresentypie ist nirgendwo in Sicht, vermutlich ist er irgendwo im Hinterzimmer verschwunden. Das Jamba Juice ist leer.

„Ich bin gerannt, weil …“ Ich hole tief Luft. „Weil ich dachte, ich hätte Ty gesehen. Und deswegen musste ich für eine Weile aus dem Haus raus.“

Sadie beugt sich vor. Ihr Blick wirkt absolut ernst.

„Okay“, sagt sie nach den garantiert längsten sechzig Sekunden meines Lebens. „Erzähl mir die ganze Geschichte.“

Eine Stunde später haben wir uns in meinem Zimmer verkrochen und gucken Long Island Medium, so eine Realitysendung, in der eine Frau namens Theresa Caputo, die von sich behauptet, ein Medium zu sein, versucht, Kontakt zu den Toten aufzunehmen. Nachdem ich Sadie die „Ty-ist-vielleicht-ein-Geist“-Geschichte in groben Zügen erzählt hatte, bestand sie darauf, mit zu mir nach Hause zu kommen und sich die Kerbe in der Wand anzuschauen, die entstanden ist, als ich mein Handy nach Ty geworfen habe. Sie schien den Beweis mit eigenen Augen sehen zu wollen, auch wenn es gar keinen richtigen Beweis gibt. Sie hat mich mit Fragen bombardiert: um wie viel Uhr genau ich meinen Bruder gesehen habe. Ob mir in seiner Gegenwart kalt oder warm gewesen ist. Ob er Schwarz oder Weiß getragen hat. Ob er wie immer oder irgendwie verändert ausgesehen hat.

Ich versuchte, so genau wie möglich zu antworten.

Dann stand sie mitten in seinem Zimmer und sah so konzentriert in den Spiegel, als würde sie erwarten, dass er jede Sekunde darin erschien. Ich war nicht sicher, ob es mich erleichterte oder enttäuschte, dass er nicht auftauchte.

„Ist das hier sein Abschiedsbrief?“, fragte sie. Ihr Blick ruhte auf dem Post-it.

Sorry, Mom, aber ich war mehr als alle. Ich nickte.

Sie starrte den Zettel noch ein paar Sekunden an, dann fragte sie ganz leise: „Hat er mit dir gesprochen?“

„Nein“, antwortete ich und dachte dabei: Das hier ist doch verrückt. Wir reden darüber, als ob es wirklich passiert wäre. „Er war beide Male nur ein oder zwei Sekunden lang da. Wie ein Blitz.“

„Na ja“, sagte sie ernst, „bestimmt sucht er eine Möglichkeit, dir mitzuteilen, was er will. Er ist aus einem bestimmten Grund hier, und du musst rausfinden, was dieser Grund ist.“

Genau.

„Warum weißt du überhaupt so viel über Geister?“, fragte ich.

Und so kam es dazu, dass wir bei mir oben gelandet sind und auf dem Laptop Long Island Medium gucken. Ich hab die Sendung noch nie gesehen, Sadie dagegen scheint kaum eine Folge verpasst zu haben.

„Theresa ist urkomisch“, sagt sie jetzt. Sie liegt quer über dem Fußende meines Bettes auf dem Bauch, ihre Füße baumeln in der Luft. „Es wirkt fast so, als ob sie einfach nicht anders kann: Wenn sie auf einen Geist trifft, muss sie mit ihm reden.“

Das stimmt. In der Folge, die wir gerade gucken, hat Theresa, die den nasalen, haspeligen Dialekt von Long Island spricht und einen toupierten, platinblond gefärbten Berg Haare auf dem Kopf hat, schon ungefragt dem Typen im chinesischen Schnellimbiss und einem Mädchen, das sie im Kochkurs kennengelernt hat, eine Nachricht aus dem Jenseits überbracht.

„Sie beißt sich immer auf die Lippe, wenn sie Stimmen aus dem Jenseits hört“, fügt Sadie hinzu. „Ich find’s toll, wie sie mit den Leuten redet. Wie sie einfach ganz offen sagt: ‚Ich bin ein Medium. Ich rede mit Toten.‘“

Ich bin nicht so angetan. Nicht, dass die Sendung nicht unterhaltsam wäre. Denn das ist sie, wenn ich ehrlich bin. Aber ich habe den Eindruck, dass das Medium den Leuten einfach nur das sagt, was sie natürlich hören wollen: dass es dem Toten gut geht, dass er glücklich ist und seinen Frieden gefunden hat. Und dass sie sich nicht schuldig fühlen sollten für das, wofür sie sich eben schuldig fühlen, dass alles in Ordnung ist.

Denn meiner Erfahrung nach ist nicht alles in Ordnung.

„Also“, meint Sadie, als die Folge zu Ende ist. „Was glaubst du, was Ty dir mitteilen will? Warum ist er hier?“

Ich zögere. Dann hole ich meinen Rucksack aus der Ecke und kippe den Inhalt auf meinen Schreibtisch.

„Wow, ist die Rose da aus Papier?“, fragt Sadie und schwingt sich in eine Sitzhaltung hoch. „Die ist ja der Wahnsinn! Wo hast du die her?“

„Nirgends.“ Ich jage eine Reißzwecke durch den Drahtstängel und pinne die Blume neben das Gänseblümchen vom letzten Jahr an die Wand, bevor Sadie Gelegenheit hat, sie genauer zu untersuchen. Ich will jetzt wirklich, wirklich nicht über mein Liebesleben reden. Stattdessen hole ich Tys Brief aus meinem Collegeblock. Ich halte ihn einen Moment lang fest, spüre sein Gewicht in meiner Hand, will ihn nicht hergeben, aber dann reiche ich ihn Sadie.

„Den hab ich in seinem Schreibtisch gefunden“, erkläre ich, ein Detail, das ich bisher ausgelassen habe. „Nachdem ich Ty gesehen habe.“

„Wer ist Ashley?“, fragt Sadie wie aus der Pistole geschossen.

Ich seufze. „Das Mädchen, mit dem er auf dem Schulball gewesen ist. Mehr weiß ich leider auch nicht.“

Ich zeige ihr den Ausdruck meiner Liste der möglichen Ashleys.

„Verdammt.“ Sadie lässt ihren Finger die Namensliste entlanggleiten. „Das sind aber eine Menge Ashleys.“

„Allerdings.“

„Und du hast keine weiteren Hinweise?“

Ich schlucke. „Sie ist blond. Ich hab sie nur einmal gesehen, und das auch nur von hinten.“

„Viel ist das nicht.“ Sadie schaut mich an und schneidet ein Gesicht. „Jetzt hör schon auf mit den Schuldgefühlen. Ich weiß auch nie, mit wem meine Brüder gerade zusammen sind. In meiner Familie geht es gerade zu wie in einer Folge vom Bachelor. Wenn ich wissen will, wer von ihnen gerade eine Freundin hat, muss ich im Internet nachgucken.“

Wodurch ich mich vielleicht fünf Prozent besser fühle.

Und dann hab ich plötzlich die Antwort.

Ich schnappe nach Luft und nach meinem Laptop. „Aber natürlich! Ich bin ja so blöd manchmal!“

„Was denn?“ Sadie sieht mir über die Schulter.

„Das Internet. Vielleicht hat Ty ja was über den Schulball gepostet.“

Ich verbringe nicht sonderlich viel Zeit online, aber auf den meisten Social-Media-Seiten habe ich einen Account. Ich logge mich auf einer von ihnen ein und gehe auf Tys Seite. Sie ist überflutet mit Posts von anderen Leuten, in denen Zeug steht wie Wir vermissen Dich, Ty und Warum musstest Du uns schon verlassen? und Wir vergessen Dich nicht.

Wir sollten unbedingt seine Accounts löschen lassen, denke ich. Ich kann gar nicht genau sagen, was mich so an der Vorstellung stört, dass Tys Internetpräsenz immer noch vorhanden ist, obwohl er selbst nicht mehr da ist. Aber es stört mich.

„Wann war der Schulball noch mal?“, fragt Sadie. „Im September? Ich geh nie zu diesen blöden Feiern.“

„Oktober.“ Ich scrolle bis ganz nach unten, drücke auf ältere posts und scrolle weiter, bis ich im Oktober angekommen bin.

Und da ist es plötzlich. Einfach so. Ein Bild von Ty und dem Mädchen, mit dem er auf dem Schulball gewesen ist. Er steht hinter ihr, vor einem blauen Satinvorhang. Seine Hände liegen auf der Taille ihres hauchdünnen rosafarbenen Kleids, und er lächelt breit. Sie hat den Kopf gedreht und schaut zu ihm hoch, ihr Mund steht ein bisschen offen, so als hätte die Kamera ihr Lachen eingefangen.

Ich frage mich, ob ihr das Make-up aufgefallen ist.

Ihr Haar ist lang und blond, wie ich es in Erinnerung hatte, und aus dieser Perspektive lässt sich nicht sagen, welche Augenfarbe sie hat. Aber ich erkenne sie trotzdem sofort.

Sie muss sich die Haare abgeschnitten haben. Sie muss sie gefärbt haben.

Denn ich kenne das Mädchen auf dem Foto. Ich ziehe die Maus über ihr Gesicht, und ihr Name poppt auf.

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