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Navigasjönn

Markus Schwenk

[Navigasjönn]

Ein Frauenversteher-Roman

oder

„Die vier Frauen des Winfried F.“

1

„An der nächsten Kreuzung bitte rechts abbiegen!“

Die freundliche, aber sehr direktive Frauenstimme aus dem Navigationsgerät weiß immer ganz genau, wo es langgeht. Winfried lenkt seinen Wagen noch ein Stück weiter geradeaus und bereitet sich innerlich schon auf das nächste, unvermeidliche Kommando vor.

„Jetzt bitte rechts abbiegen!“

Winfried biegt rechts ab.

Winfried! Wie kann man seinen Sohn nur Winfried nennen! Was denken sich Eltern dabei eigentlich? Winfried! Da wird über kurz oder lang mit tödlicher Sicherheit Winnie draus. Und das bereits im Kindergarten. Winnie! Das klingt dann so wie Winnie the Pooh. Drollig-tapsig-doof. Oder später in der Schule wie ein lächerlicher Typ mit Brille, dicken Pickeln und zu kurzem Pimmel. Klasse! Augen auf bei der Namenswahl! Winfried! Dankeschön, liebste Eltern. Wirklich vielen herzlichen Dank!

Winfrieds Pimmel ist gar nicht zu kurz. Er ist vollkommen normal. Wie Winfried eigentlich auch. Anfang 40, ziemlich cooler Typ, Akademiker, 181 groß und wirklich nur ganz, ganz leichtes Übergewicht. Dunkelblond mit beginnendem Geheimratseckenansatz und zartem Grau hie und da. Kein Schönling oder Adonis, aber auch mit Sicherheit kein Quasimodo. Ansehnlich, charmant, sportlich und absolut humorvoll. Schon viel erlebt und viel gesehen. Und immer noch richtig neugierig.

„An der nächsten Kreuzung bitte halbrechts abbiegen!“

Er nennt sie Claudette. Die Frauenstimme aus dem Navigationsgerät. Sie klingt weich, manchmal sogar fast ein wenig lasziv, aber sie lässt absolut keine Widerrede zu. Und wenn das doch einmal vorkommt, dann kennt sie keine Gnade:

„Wenn möglich, bitte wenden!“

Das wiederholt sie dann so lange, bis Winfried endlich wieder in der richtigen Richtung unterwegs ist. Den Namen Claudette hat er sich ausgedacht, weil er ein absoluter Frankreich-Fan ist. Er liebt das Land, die Leute, das gute Essen und das savoir-vivre. Vor allem im Süden. In der Provence oder im Languedoc hat er schon ein paarmal wunderschöne Urlaube verbracht. Er genießt den generösen Charme der alten Städte und die moderne Küche der jungen Maîtres. Richtig toll wäre es natürlich, wenn Claudette mit leichtem Akzent spräche.

„An die näxe Kreusüng bittä albreschs abbiege!“

Wie schön! Aber so etwas gibt es leider noch nicht. Eine richtige Marktlücke eigentlich. Winfried würde sich sofort ein Fronkreisch-Navigationsgerät zulegen.

„Jetzt bitte halbrechts abbiegen!“

Winfried biegt halbrechts ab. Er ist auf dem Weg zu einem Date, einer amourösen Verabredung. Er hat sie im Internet kennengelernt. Eigentlich ist er gar nicht der Typ für Internet-Bekanntschaften. Und es ist auch das erste Mal, dass er bei einer dieser neumodischen Dating-Plattformen mitmacht.

Together Now hat ihm sein alter Kumpel Axel empfohlen. Wer auch sonst? Axel ist groß, schlank, gebildet, ein gutaussehender Dressman-Typ und eine echte Frauenverschleißmaschine. Früher hat er seine Mädels immer aus Bars oder aus der Disco abgezogen, aber Internet geht schneller. Und einfacher. Sagt Axel. Und „Man wird ja schließlich nicht jünger“, sagt er auch. Winfried hat gerade eine langjährige Beziehung hinter sich, ist etwas aus der Rendezvous-Übung und hat daher nichts zu verlieren. Also Together Now! Axel hat ihm erklärt, wie das so funktioniert. Erst mal ein passendes Profil erstellen. Das muss eine Mischung aus Soft-Macho, Frauenversteher, Marlboro-Mann und Pferdestehler sein. Natürlich mit wahnsinnig viel Humor und irrem Charme. Und einem gewissen Esprit. Und natürlich „Gerissma“. Das ist einer von Axels Lieblingsausdrücken. Eine Mischung aus Gerissenheit und Charisma. Also etwas für auf den ersten Blick einfältige Gemüter, dann aber doch mit diesem Anklang von Cleverness durchs Hintertürchen. Aus schlau mach blöd und wieder zurück. Wenn man einigermaßen intelligent ist, kann man sich ja ganz einfach doof stellen. Anders herum ist das schon sehr viel schwieriger!

Als Perspektive wünschen sich Frauen im Internet meißt eine langfristige Partnerschaft. Da muss man natürlich sorgfältig drauf eingehen. Das versteht Axel allerdings in seiner eigenen Welt so, dass er dabei eingehen würde. Also erst mal so tun als ob und dann halt doch nicht. Nach vier Wochen ist der Spaßfaktor sowieso rückläufig. Sagt Axel. Und macht dann aus Together Now ganz schnell Apart Soon. Damit wieder woanders etwas together geht. Wobei es da durchaus gewisse Überlappungszeiträume geben kann. Gewissermaßen zwei Togethers. Oder drei. Oder wie sich das auch immer entwickelt. Kann ja Axel nichts dafür, dass es so viele einsame Herzen gibt, die getröstet werden wollen.

Allerdings gibt es Regeln für diese Mehrgleisigkeit. Strenge, eiserne Regeln. Regel Nummer 1 ist die Dislozierung. Zur Vermeidung unerwünschter Kollisionen. Axel und Winfried wohnen in München, in der für beide unstrittig schönsten Stadt Deutschlands, ach was: der Welt! Da gibt es sehr viele tolle Frauen. Gute Voraussetzungen. Aber die sind leider alle tabu. Denn es besteht die Gefahr eines unerwünschten Zusammentreffens. Mal angenommen, Axel geht mit Date Nummer 1 – nennen wir sie Elisabeth – abends aus. Und dabei stößt er dummerweise und rein zufällig auf Date Nummer 2 – nennen wir sie Sabine. Der Teufel ist bekanntlich ein Eichhörnchen. Was passiert wohl, wenn Sabine Axel mit Elisabeth bei Giovanni erwischt, wo er zärtlich an Elisabethens Ohr knabbert und den Arm besitzergreifend um sie gelegt hat? Axel erlebt dann wahrscheinlich die wundersame und blitzartige Verwandlung eines Lachs-Carpaccios in ein äußerst klebriges Latz-Carpaccio, dann nämlich, wenn das hauchdünne Fischgericht beschwingt auf seinem bis dato sauberen Hemd landet. Er wird Zeuge, wie aus einem halben Liter feinherbem Vermentino eine erfrischende Ganzkörperdusche wird, und kommt anschließend – oder gerne auch mal vorher – in den fragwürdigen Genuss einer schallenden fica del orecchio, einer gemeinen Ohrfeige also. Das alles gilt es natürlich unbedingt zu vermeiden. Also: Dislozierung! Daher kümmert sich Axel ausschließlich um die geneigte Weiblichkeit aus Augsburg, Ingolstadt, Rosenheim, Garmisch, Tölz, Erding und was sonst noch alles in einem ausreichenden Sicherheitsabstand um München herum liegt. Das Risiko wird so erheblich minimiert. Das müsste schon wirklich ein arger Zufall sein, wenn Andrea aus Pfaffenhofen plötzlich in Bad Aibling auftaucht. Und Birgit aus Landshut hat jetzt auch nicht unbedingt so viele Gründe, in Landsberg in den Biergarten zu gehen. Axel schon, denn dort wohnt ja Annette. Und sogar wenn Axel mit seinen Damen in München unterwegs ist, kann er sich relativ sicher fühlen. Also nochmal, superwichtig: Dislozierung!

„In 300 Metern bitte geradeaus fahren!“ Jaja, Claudette, was immer du befiehlst.

Regel Nummer 2: Lieber Auswärts- als Heimspiele. Begegnungen im eigenen Stadion sind immer sehr gefährlich. Was die Gastmannschaften da so alles hinterlassen. Lippenstift an den Gläsern, Haare auf dem Spielfeld und in der Umkleidekabine, Dusch- und Pflegeutensilien in den Nasszellen und Trikotteile an allen möglichen und unmöglichen Orten. Blöd, wenn am nächsten Abend dann schon das nächste Freundschaftsspiel stattfindet und der Greenkeeper seine Arbeit noch nicht sorgfältig genug erledigt hat.

„Was ist denn das da für ein schwarzes Haar unter dem Kissen?“ ist eine Frage, die man nicht wirklich hören und schon gar nicht beantworten möchte.

Außerdem besteht die Gefahr, dass Gastmannschaften Souvenirs aus dem Stadion klauen oder sogar offen für sich reklamieren.

„Schenkst du mir was von dir? Deinen blauen Pulli? Und bitte nicht waschen!“

Und wenn ich ihn nicht kriege, nehm‘ ich ihn halt heimlich mit! Den blauen Reliquien-Pulli? Der schon seit mehr als 12 Jahren im Vereinsbesitz ist? Der schon unzählige legendäre Heim- und Auswärtsspiele bestritten hat? Der Hattrick-Pulli? Geht’s noch? Frauen verstehen so etwas nicht wirklich. Sie haben einfach keinen Sinn dafür.

Zugegeben, so etwas kann auch bei einem Auswärtsspiel passieren. Aber da hat man die Sache immerhin besser im Griff. Man merkt ja dann hoffentlich noch, ob man mit oder ohne Pullover heimgeht. Und es gibt immer gute Erklärungen, warum der Pulli gerade nicht abkömmlich ist. Zu kalt draußen. Oder dann beim nächsten Mal. Oder „Nö, doch nicht das alte Ding! Ich kauf Dir lieber einen schönen neuen Pullover, einverstanden?“ Oder ein Paar Schuhe. Schuhe ziehen immer.

Das Heimstadion bleibt auf alle Fälle sauber. Keine Haare in der Dusche oder auf dem weißen Laken, keine Stringtangas in der Bettritze und keine vergessenen Ohrringe auf dem Nachtkästchen. Von originellen Lippenstift-Messages auf dem Badezimmerspiegel mal ganz zu schweigen. Ruhe und Frieden. Das Heimstadion ist auch deswegen als Austragungsort gefährlich, weil während eines regulären Punktspiels plötzlich eine Gastmannschaft zum unangekündigten Freundschaftsspiel auflaufen kann. Überraschung! Ja, Pustekuchen: Panik! Das ist dann wie ein Elfmeter, nur halt aus 11 Millimeter Entfernung in der 89. Minute beim Stand von 0:0. Und der Torwart muss auch noch einen Meter hinter der Torlinie stehen. Eine anschließende rote Karte ist sicher, vielleicht sogar Schlimmeres. Platzverweis, Sperre, Ausschluss aus dem Verband. Na gut, man kann sich ja am nächsten Tag in einer neuen Liga anmelden, aber muss ja nicht sein: Auswärtsspiel, bringt dir viel! Sagt Axel.

„Im nächsten Kreisverkehr bitte die dritte Ausfahrt nehmen!“

Kreisverkehr klingt immer irgendwie wie der alte Witz mit den Mönchen, die im Klosterhof …

Aber das gehört jetzt nicht hierher.

Lieber Regel Nummer 3: Handy aus! Das klingt so wunderbar nach Wertschätzung. „Wenn ich bei Dir bin, dann bin ich bei Dir. Basta! Da brauch ich keinen blöden Anruf aus’m Büro oder sonstwoher. Ich bin auch gar nicht so der Handy-Typ. Muss ja nicht immer und überall erreichbar sein wie diese modernen Telefon-Junkies!“ Das spart eine Menge Ärger. Kein peinliches Gebimmel, kein Weggedrücke und keine unerwünschten Störungen. Andersrum heißt das auch: Wenn Du mich erreichen möchtest und ich geh nicht ran, dann hab ich mein Handy mal wieder aus – das kennst Du ja –, weil ich beim Sport bin, weil ich mich gerade entspanne oder weil ich kreativ arbeite. Quatsch auf die Mobilbox und ich ruf Dich zurück, sobald ich das blöde Ding wieder eingeschaltet habe. Ganz normal. So wie früher. Da war man ja auch nicht immer erreichbar.

Winfried und Axel gehören nämlich noch zu der goldenen Generation vor Handy und Internet. Sie sind mit Schwarz-Weiß-Fernsehern ohne Fernbedienung aufgewachsen. Wenn man umschalten wollte, ist man einfach aufgestanden, die drei Meter zur Klimperkiste hingelaufen, hat auf einen Knopf gedrückt und ist wieder zurückmarschiert. Deshalb waren wohl auch früher die Leute nicht so übergewichtig. So ein bisschen Kommunikations-Nostalgie ist ja fast schon wieder sexy. Wer wirklich cool ist, der ist nicht immer im Netz, schon gar nicht auf Gesichtsbuch oder einer anderen komischen Ich-hab-gerade-einen-feuchten-Pups-gelassen-Plattform. Und der kann auch mal locker drei Tage ohne Handy auskommen. Passt auch gut in das Marlboro-Mann-Image. War draußen auf der Ranch, Baby, hab die Zäune an der Nordgrenze repariert, wilde Mustangs mit bloßen Händen eingefangen und den aufmüpfigen Hendersons mal wieder gezeigt, wer hier das Sagen hat. Dazu braucht man kein Handy.

Also mit diesen drei Regeln kommt Axel gut durchs Leben.

„In 300 Metern bitte links abbiegen! In die Zielstraße!“

So, jetzt wird’s dann langsam ernst. Winfrieds erstes richtiges Date seit fast neun Jahren. So lange war er mit Carola zusammen gewesen. Gemeinsame Wohnung, gemeinsamer Freundeskreis, gemeinsame Urlaube und gemeine Trennung. Carola hatte nämlich einen anderen. Und zwar schon länger. Seit mindestens vier Monaten. So einen schmierigen Bank-Fuzzi mit einem Haufen Kohle, einem schnittigen Cabrio und einer fetten Penthouse-Wohnung in bester Lage. Den hatte sie auf einer Party bei ihrer besten Freundin Corinna kennengelernt. Eine der Partys, vor denen sich Winfried erfolgreich hatte drücken können. Wo sich blasse Cocktail-Schwenker über ihren sensationellen Abschlag auf den Cayman Islands unterhalten, die PS-Zahlen ihrer wahlweise schwäbischen oder italienischen Boliden vergleichen und nebenbei sabbernd die Absatzhöhe der Gastgeberin bewundern. Winfried mochte diese Partys bei Corinna nicht. Wahrscheinlich, weil er lieber ehrlichen Roero trank, weder Golf spielte noch die Caymans jemals in natura gesehen hatte. Und wohl auch niemals in diesem Leben dort hinkommen würde. Die Kanaren vielleicht. Oder mal nach Kreta. Auch denkbar. Die heißen Stilettos von Corinna allerdings – na ja, die waren wirklich nicht schlecht.

Jedenfalls ist Carola jetzt weg, stolpert wahrscheinlich irgendwo mit ihren 15 cm-Plateaus über exotische 18-Loch-Plätze und schlürft Sex on the Beach on the beach. Das Schlimmste ist allerdings, dass Winfried scheinbar der Letzte war, der davon erfahren hatte. Die volle Supertrottelvollidiotennummer. Alle wissen Bescheid und nur du allein bist der Depp!

So etwas stellt sich Winfried als alter Filmliebhaber immer als cineastische Szene mit expliziten Drehbuch-Anweisungen vor. Bildausschnitt: Carola und ihr neuer Lover beim Sex. Er rackert laut stöhnend hin und her, während Carola auf ihre Frisur achtet. Dann zieht die Kamera langsam auf die Totale und gibt den Blick auf das ganze Liebesnest frei. Es ist voller Freunde und Bekannter. Und sonstigen Personen aus dem näheren und weiteren Umfeld. Da ist der Friseur, der Mann von der Bank, die Nachbarin, der Tennislehrer und der gesamte Abschlussjahrgang aus dem Studium. Sie sitzen alle ganz ungezwungen da, unterhalten sich leise, nehmen einen bunten Drink und knabbern Chips oder lesen Zeitung. Hinten in der Ecke wird Poker gespielt. Keiner beachtet den schweißtreibenden Paarungsakt. Plötzlich reißt Carola mitten im Liebesspiel weit die Augen auf, zuckt und – ein Orgasmus! Nein: Zu hören ist ihre etwas zu schrille Stimme, die nur von einer einzigen Sorge kündet: „Aber bloß nix dem Winfried sagen!“

Drei ewige Sekunden lang herrscht konsternierte Stille. Dann ein vielstimmiges „Nein, nein“, Kopfschütteln allenthalben, Abwinken, thumbs up und die berühmten „Moi? Non!“-Gesten. Keine Sorge, wir halten dicht! Ein zufriedenes Lächeln macht sich auf Carolas Gesicht breit, während Bänkmän lautstark kommt und in der nächsten Sekunde röchelnd auf ihr zusammenbricht. Alle haben es gewusst!

„Sie haben Ihr Ziel erreicht! Das Ziel befindet sich links!“

Wieso siezt ihn Claudette eigentlich immer noch? Sie kennen sich doch schon seit fast vier Jahren. Sie könnte doch ohne weiteres „Du“ zu ihm sagen. Also er hätte nichts dagegen. Das ist auch irgendwie viel persönlicher.

Ja, das Ziel ist zwar erreicht, aber die Zielzeit stimmt noch nicht. Wie immer, viel zu früh. Winfried ist gern pünktlich. Überpünktlich. Das bedeutet leider, dass er viel Zeit mit Warten verbringt. Warten beim Arzt, warten beim Friseur, warten beim Kundentermin. Und natürlich ärgern. Ärgern beim Arzt, ärgern beim Friseur, ärgern beim Kundentermin. Ärgern über sich selbst. Weil er es nicht schafft, etwas lässiger mit seiner Zeit umzugehen. Weil er immer wieder unnötig Zeit verdödelt. Lebenszeit. Zeit, in der er tolle Sachen hätte machen können. Es gibt ja diese Statistiken, wie viel Zeit ihres Lebens die Menschen mit was auch immer verbringen. 35 Jahre einfach verschlafen, drei Jahre im Stau stehen, acht Jahre vor der Glotze und drei Wochen Zehennägel schneiden. Winfried wird wohl mal 18 Jahre seines Lebens einfach nur gewartet haben. Und das Schlimme ist, dass er während des Wartens nichts anderes macht. Er könnte ja wenigstens etwas lesen, alte Freunde anrufen, Gedichte auswendig lernen oder den filigransten Holzkochlöffel dieser Welt schnitzen. Aber er tut nichts. Nur warten. Und sich kräftig ärgern, dass er einfach nur wartet. Ziemlich doof eigentlich!

Obwohl, diesmal ist das ein bisschen anders. Er kann sich nämlich ein wenig geistig vorbereiten. Auf das anstehende Date. Auf sein hoffentlich cooles Date-Verhalten. Und auf Heidi natürlich. Heidi ist 162 cm groß, rotbraunblond, schlank und 38 Jahre jung. Das steht zumindest in ihrem Profil. Ledig, keine Kinder. Will die keiner? Ist das eine Übriggebliebene? Eine Zicke? Naja, Winfried ist ja schließlich auch ledig ohne Kinder. Also vielleicht gibt es da eine ganz normale Erklärung. Heidi arbeitet in der Werbebranche. Das kann man auch behaupten, wenn man mit einem Plakat von Erols Dönerbude um den Hals in der Fußgängerzone rumspaziert und lauthals türkische Spezialitäten anpreist. Aber sie hat bestimmt einen hippen, aber unterbezahlten Job in so einer dieser Agenturen für Medien-Trallala-Dingsda-Design. Supervoll trendig und cool, aber wahrscheinlich nix auf dem Lohnstreifen. Ihr Bild ist toll. Sehr schöne, sehr große Augen, lange eher blonde Locken, ein zuckersüßes Lächeln und das, was man so vom Rest des Oberkörpers sehen kann, ist auch nicht von schlechten Eltern. Als Hobbys gibt sie Reisen, Lesen, Kochen und Freunde treffen an. Das klingt ganz vernünftig. Macht Winfried ja auch gerne. Reisen in die Provence, Krimis lesen, tote Fische auf den Grill werfen, Zitrone drauf kippen und gemeinsam mit Freunden und reichlich Weißwein runterspülen. Was aber, wenn Heidi Island-Fan ist, esoterischen Müll liest, Körnerzeug mit Tofu futtert und mit ihren Freundinnen aus der Feministinnengruppe über die baldige Rettung der Welt diskutiert? Obwohl – so sieht sie eigentlich nicht aus.

Also dann, erst mal die passenden Gesprächsthemen. Das ist unheimlich wichtig, sagt Axel. Du musst mit den Mädels reden. Möglichst nicht so viel über dich, eher was über Gott und die Welt. Über dich wollen sie sowieso früher oder später alles wissen. Also erst mal über sie. Was sie so macht. Was? Echt? Das ist ja superspannend! Also, egal was sie macht, es ist immer superspannend. Und es passt so gut zu ihr! Und es ist auch so wichtig, dass jemand das macht. Also nicht irgendjemand, sondern genau sie! Wahnsinn! Und was ihr so wichtig ist im Leben? Tatsächlich? Toll! Und wie sie zu grundsätzlichen Themen steht, das Leben, Freundschaft und Beziehung, Freunde und Familie, das Universum und was noch dahinter kommt. Das reicht schon mal für die erste Stunde. Dann natürlich ein paar Reisegeschichten, etwas Klatsch und Tratsch aus der Stadt und aus der Boulevardpresse, ein Hauch politischer Ausrichtung und das übliche Gedönse über Lieblingsfarbe, -musik, -essen, -tier und sonstigen Firlefanz. Was gar nicht geht, ist Religion. Und Probleme. Und Zukunftspläne familiärer Art. Und ansteckende oder nicht ansteckende Krankheiten mit oder ohne Eiter.

So, jetzt also noch zehn Minuten. Ein letztes mal kurz die Essentials checken. Hosenladen zu. Check! O. k. Nichts zwischen den Zähnen hängen. Check! O. k. Pfefferminzbonbon gegen möglichen Mundgeruch. Check! O. k. Keinen Last-Minute-Pickel auf der Nase. Check! O. k. Handy aus. Check! O. k.

Zur Kleidung: Schwarze Budapester, Jeans mit schwarzem Ledergürtel, hellblaues Hemd und schon fertig. Trotzdem ist Winfried jetzt ein wenig nervös. Puh, das ist dann doch schon eine Weile her mit dem letzten Date. Während der Zeit mit Carola war er ja ganz artig. Nur der klitzekleine Flirt mit Eva. Aber das ist ja überhaupt nicht vergleichbar. Über acht Jahre keine echte Dating-Praxis. Ist das wie mit dem berühmten Fahrradfahren, das man angeblich nicht verlernt? Oder würde er total trottelmäßig versagen, sein Ego knicken und schamvoll nach Hause kriechen, um seine Wunden zu lecken? Da gibt es nur eine Lösung: rausfinden! Also durchatmen und einfach los!

Das Lokal hat Heidi vorgeschlagen. Ein gediegener Italiener mittlerer Güteklasse. Also relativ normal. Nix Schickimicki, aber auch keine schmierige Schlumpfkneipe. Winfried ist noch nie da gewesen. Er betritt das Restaurant, blickt sich um und fühlt sich gleich wohl. Unaufdringliche mediterrane Atmosphäre, gedämpftes Licht, gemütliche Sitzecken in kleinen Nischen und leise Italo-Musik. Alles wirklich sehr dezent. Es sind erst zwei Tische besetzt. Ein sizilianisch anmutender Mafioso mit Oberlippenbart kommt auf Winfried zu und stellt sich überschwänglich, aber sehr charmant vor.

„Sönne gutte Abend, Signore, i binne di Francesco, habbe sie eine Tisse reservierte?“

Wenn Francesco lächelt, was er sehr schön tut, sieht man seine nicht gerade wenigen Goldzähne. Nein, einen Tisch hat Winfried nicht reserviert. Ob Heidi reserviert hat, weiß er nicht.

„Sie sinde alleine?“, möchte das Goldzahnlächeln wissen.

„Nein, ich bin nur etwas zu früh. Wir sind zu zweit.“

„Ah, wunderbare, i habbe eine sönne Tisse hier, wie gefällte?“

„Ja, sehr schön.“

Winfried nimmt so Platz, dass er einen guten Blick auf den Eingang hat. Schließlich will er ja nicht durch einen spitzen Finger auf der Schulter überrascht werden. Der Tisch ist schön gedeckt, sogar mit echten, frischen Blumen. Allerdings gibt es keine Stoffservietten. Das ist für Winfried der Inbegriff gehobener Gastlichkeit: Stoffservietten. Aber man kann ja nicht alles haben.

„Eine Aperitivo?“

Francesco grinst sein Goldzahngrinsen und blickt Winfried erwartungsvoll an. Ja, was nimmt man denn da am besten? Und noch viel wichtiger: Was sagt das dann über den Aperitif-Nehmer aus? Aperol Spritz ist ja total trendy. Aber will er denn trendy wirken? Champagner ist sicherlich etwas zu übertrieben. Außerdem ist er ja beim Italiener und nicht chez Michelle. Einfach nur Wasser ist auch ein wenig fad. Das wirkt dann zu asketisch. Oder schon mal den fetten Barolo bestellen? Mut antrinken? Nö, das passt auch nicht. Am liebsten würde Winfried, wie das so seine Art ist, ganz einfach auf den Aperitif verzichten und gleich einen schönen, trockenen Weißwein bestellen. Dazu ein Wasser mit Blubber. Aber welchen Wein trinkt sie. Und wenn er dann mit einer ganzen Flasche dasitzt? Auch blöd. Offener Wein? Auch nicht wirklich. Das ist eher was für Pseudos. Also folgt die vermeintlich italienischste Lösung: ein Glas Prosecco und eine Flasche Wasser. Con gaz. Und wenn Heidi sine gaz will, kann er ja locker noch eine zweite Flasche nachbestellen. Prima!

„Eine Prosecco unde eine Wasser, molto bene!“ Francesco grinst und zieht fröhlich von dannen.

Jetzt wird es langsam spannend. Um sieben ist das Rendezvous ausgemacht und jetzt zeigt die Uhr zwei vor. Was sagt Pünktlichkeit eigentlich über einen Menschen aus? Bei Winfried ist das klar. Er ist ja immer invers unpünktlich. Zu früh halt. Auch wer zu früh kommt, ist irgendwie unpünktlich. Und wie ist das jetzt bei Heidi? Also zu früh zu kommen, ist so etwas wie ein Eingeständnis: Ich hab’s nötig. Ich will bloß kein Risiko eingehen. Nicht, dass er nach fünf Minuten wieder abhaut, wenn ich nicht in time aufkreuze. Aber dafür sind jetzt nur noch 90 Sekunden Zeit.

Pünktlich zu sein, nineteenhundred sharp, haargenau, das ist schon fast pedantisch. Ping, 19:00:00 Uhr und ich bin da! Puh, da fragt man sich, was da sonst noch alles genau nach Zeitplan ablaufen muss.

„Du bist schon wieder 14 Sekunden zu spät gekommen!“ (schlimmste Variante: Im Bett!) und „Du wolltest mich doch schon vor zwei Minuten anrufen!“ oder „Wo warst Du denn mal wieder die ganze Zeit? Wir wollten uns doch um zwölf treffen und nicht erst um vier nach!

Aber wie’s aussieht, kommt sie sowieso zu spät. Logo. So ein bisschen warten lassen, das muss schon sein. Sonst lohnt sich’s ja gar nicht. Worauf man nicht zu warten bereit ist, hat keinen Wert. „Was nix koschd, is nix!“, wie der Schwabe sagt. Die Frage ist nur: wie lange darf das Warten dauern? Also so ein akademisches Viertelstündchen würde sich Winfried schon noch gefallen lassen. Alles, was länger dauert, ist dann doch schon wieder eher nervig. Und auch ungehörig, fast schon respektlos. Außer natürlich es steckt eine gute Begründung dahinter.

Ich musste noch rasch die Barakudazucht meiner verreisten Nachbarin füttern, konnte ja nicht wissen, dass man für die sechs Kilometer zu Fuß hierher doch mehr als zwei Minuten braucht, oder kurz vorm Gehen habe ich mir aus Versehen den rechten Daumen halb abgeschnitten und musste noch eben mal schnell in die Notaufnahme.

Oder was einem da auch immer so einfällt.

Beim Gongschlag ist es 19:00 Uhr! Also jetzt ist es amtlich. Heidi kommt zu spät. Klassisch. Winfried schlürft an seinem Prosecco, der inzwischen eingetroffen ist, und schenkt sich ein halbes Glas Wasser ein. Ist das jetzt halb voll oder halb leer? Dieser Philosophenquatsch immer! Winfried überrascht gern mit der Aussage, dass das Glas ganz voll sei, bis zur Hälfte mit Wasser und der Rest eben mit Luft. Meist kann er sich damit aus der Pessimisten-Optimisten-Diskussion auf die Pragmatiker-Schiene retten und vermeidet weitere Ausführungen zu dieser fruchtlosen Thematik. Wenn er schon philosophiert, dann am besten mit sich allein. Das ist ihm lieber, als seine Gedanken über den Sinn des Lebens nach außen zu tragen. Und außerdem …

… da ist sie! 19:06 Uhr! Sie sieht genau so aus, wie auf dem Profilbild bei Together Now. Winfried hat sie sofort erkannt. Große Augen, riesige Augen! Wunderbare Augen! Und lange Locken, rotbraunblonde Locken. Und dieses Lächeln! Fantastisch!

Aber sie hat ihn offenbar noch nicht erkannt. Geht aber dennoch weiter auf seinen Tisch zu. Ein schlichtes, blütenweißes Kleid, sehr figurbetont, dezenter Ausschnitt, der aber dennoch mehr erahnen lässt, ein rehbrauner Gürtel mit Goldschnalle und farblich passende Ballerinas. Auch mit Goldschnalle. Sehr chic. Noch drei Meter. Kein Zeichen des Erkennens in ihrem Gesicht. Noch ein Schritt. Keine Reaktion. Jetzt stolpert sie gleich über den Stuhl.

„Heidi?“

Pling! Winfried hätte es nicht für möglich gehalten, aber dieses Lächeln war steigerungsfähig. Es wird zu einem Glühen, zu einem inneren Leuchten, zu einem … Rums! Jetzt ist sie doch über den Stuhl gestolpert. Eine Blindschleiche also, kurzsichtig wie ein Grottenolm. Und wohl zu eitel für eine Brille. Obwohl Winfried Frauen mit Brille mag. Aber das kann sie ja noch nicht wissen. Gibt es da nicht sowas wie Kontaktlinsen? Na, erst mal egal.

„Winfried!“

Da ist dieses Leuchten wieder. Jetzt scheint sie ihn auch zu erkennen. Sie schaut in seine Richtung. Zumindest grob. Also mehr so auf sein linkes Ohr. Silberblick-Blindschleiche. Winfried schießt von seinem Stuhl hoch. Begrüßung. Da hätte er sich mal drauf vorbereiten sollen! Was jetzt, bieder die Hand geben und einen braven Diener machen? Handkuss auf wienerisch, gnädige Frau? Bussi-Bussi, Umarmung? Aber das erübrigt sich sowieso, denn bei dem Versuch, den ersten Stolperer auszugleichen, landet Heidi jetzt so schwungvoll an Winfrieds Brust, dass er sie automatisch auffangen muss. Auch wenn Heidis Lippenstift sehr dezent ist, kann man nun deutlich eine Abriebspur auf Winfrieds vorderer Schulterpartie erkennen. Und auf Heides Wange.

„Huch!“

Das hat Winfrieds Großmutter auch immer gesagt, wenn ihr mal wieder die dritten Zähne runtergefallen waren. Oder wenn der Pfannkuchen an der Küchendecke hängen geblieben ist. Aber süß, wie sie das so sagt. Winfried spürt ihre Haut, ihre Wärme, ihren Duft. Frisch nach Aprikosen oder Pfirsich. Mit einem ganz leichten Hauch von Muskatnuss. War halt doch zu was gut, dass er neulich auf diesem Weinseminar war.

Heidi hat sich mittlerweile wieder gefangen, ist langsam einen halben Schritt zurückgetreten, aber immer noch so nah, dass Winfried sie am Arm halten kann.

„Das ist wieder typisch! Tschuldige, Holterdiepolter, so bin ich …“

„Nichts passiert, alles o. k., komm, setz dich!“

„Ja, danke, puh!“

Mit einem leichten Stöhnen nimmt sie ihm gegenüber Platz. Winfried rückt ihr brav den Stuhl zurecht. Der Silberblick gefällt ihm. Für ihn darf eine Frau alles sein, nur nicht perfekt. Ein kleiner Makel muss sein. Eine etwas zu große Nase, ein feines Lispeln, leicht abstehende Öhrchen. Also jetzt keinen griechischen Zinken und keinen wirklichen Chprachfehler. Auch keine fetten Segelohren. Aber eben diese kleine Abweichung von der gesellschaftlichen Schönheitsnorm. Zartes Lispeln. Wunderbar!

„Hast Du lange gewartet?“

Ja, wie immer war ich Trottel schon viel zu früh da und hab meine geistigen Warteschleifen gedreht.

„Nein, du, bin grad eben gekommen, hab einen Prosecco bestellt und dann warst du auch schon da. Möchtest du auch einen?“

„Ja, gerne! Und ich hab einen Riesenhunger!“ Na, das ist doch mal eine Aussage. Winfried mag Frauen mit Hunger, denen man’s aber nicht allzu sehr ansieht. In jungen Jahren hatte er mal eine heißbegehrte Mitschülerin zum Essen eingeladen, auch beim Italiener. Sie wollte einen kleinen Salat mit Meeresfrüchten, aber ohne Öl, aß natürlich keinen Bissen Brot dazu und trank stilles Mineralwasser. Im Bett war sie dann genau so langweilig. Frauen, die sich nichts aus lukullischen Genüssen machen, haben auch sonst ein etwas schräges Verhältnis zum Genießen. Die sind irgendwie gehemmt, wenn es um Lust geht. Lust am Essen, Lust am Trinken, Lust am Sex, Lust am Leben. Was ist denn das überhaupt für ein Leben, wenn man keinen Spaß haben darf? Egal, Heidi ist da ja offensichtlich anders gepolt.

„Ja, dann lass uns doch mal in die Speisekarte blicken. Was magst du denn gerne?“

„Gemischte Antipasti, Spaghetti alle vongole, gegrillten Fisch und Tiramisu! Und Wein! Rotwein!“, sagt Heidi, ohne die Speisekarte auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen.

Volltreffer! Eine Frau ganz nach Winfrieds Geschmack. Also keine, bei der man sich wie ein verfressenes Fettmonster vorkommt, wenn man mal was Ordentliches zu Essen bestellt. Winfried winkt dem Ober zu und Francesco eilt wieselflink herbei. Winfried ordert. Er kann ein bisschen italienisch, also eher nur so Speisekarten-Italienisch. Wenn Heidi auch nur einen leisen Hauch von Grammatik hat, dann ist er jetzt schon verloren. Wenn nicht, kann er der Held des Abends werden. Wichtig ist nur, dass Francesco brav „Si, si!“ sagt und keine dümmlichen Rückfragen stellt. Winfried trägt die gemeinsamen Speisewünsche mit tiefer Stimme vor. Klingt ganz gut, wenn man so ungefähr bis Lektion 14 beim Volkshochschulkurs Italienisch für Fortgeschrittene vorgedrungen ist. Francesco sagt nach der Bestellung artig „Si, va bene, Signore!“, zieht die Augenbrauen hoch und verschwindet in Richtung Küche. Das ging ja schon mal gut.

So, jetzt also Konversation. Heidi strahlt ihn an. Also kann sie kein italienisch, oder eben auch nur ein paar Restaurant-Brocken, oder sie ist höflich. Egal.

„Und, kommst du öfter hierher?“

„Nö, heut das erste Mal. Hat mir ’ne Freundin empfohlen. Aber ich liebe italienisches Essen und überhaupt Italien. Da war ich letztes Jahr auch im Urlaub, in der Toskana. Einfach wunderbar dort, die Leute, die Kultur, das Essen und halt das ganze Drum und Dran. Dolce Vita und einfach den Tag genießen. Und außerdem …“

Winfried schließt kurz die Augen und sieht sich mit Heidi Hand in Hand über eine toskanische Piazza flanieren, ein Eis kaufen, die Füße in einen Brunnen stecken und später auf einer Terrasse zu Abend essen …

„… da waren dann diese heißen Schwefelquellen. Puh, das hat echt fies gestunken, aber nach einer Weile hat man sich dran gewöhnt und das soll ja auch gesund sein …“

… Winfried steht mit Heidi an einer Brüstung und blickt auf die Lichter des Dörfchens hinunter. Er legt sanft den Arm um Heidis Hüfte und sie schmiegt sich wohlig an ihn. Er spürt ihre zarte Haut und …

„… bis es dann ganz dunkel war. Äh, Winfried?“

Ja gibt’s denn das? Winfried schreckt leicht hoch und stellt erschüttert fest: Ihn hat’s voll erwischt, aber so richtig. Er weiß nicht, wie lange Heidi ihm schon etwas erzählt hat und schon gar nicht was. Aber er will sie jetzt sofort heiraten, eine Familie gründen und mit ihr alt werden. Zumindest fühlt er sich so.

„Ja, äh, bis es ganz dunkel war.“

„Genau, fast ein bisschen gruselig, nicht?“

Wenn Winfried jetzt nur wüsste, von was sie redet.

„So, swei male die Antipasti della vitrina, bitte!“ Giovanni rettet die Situation und kommt mit schwungvoller Geste und riesigen Tellern angewackelt. Sieht alles sehr lecker aus. Dazu noch Grissini und ein fröhliches „Gutte Appetitte!“

Jetzt erst mal etwas essen. Heidi blickt verzückt auf ihren Teller, legt sich gekonnt die Serviette über die Oberschenkel und lächelt Winfried an. Und dann haut sie rein. Nicht, dass das jetzt unästhetisch aussähe. Sie kann sehr elegant mit Messer und Gabel umgehen, schiebt sich nicht mehr als 50 Gramm auf einmal zwischen die zarten Lippen und spricht dann auch nicht mit vollem Mund. Also fast nicht. Aber man sieht, dass es ihr wirklich schmeckt. Und das gefällt Winfried sehr. Seine anfängliche, stumme Verzücktheit ist in aktive Begeisterung umgeschlagen. Angeregt plaudern und speisen er und Heidi sich durch den Vorspeisenteller, wobei Winfried auf alles verzichtet, was er später mit üblem Mundgeruch bezahlen müsste. Also bleiben die cipolle in acetto, die pikanten Knoblauchzehen und das eingelegte Fischlein erst mal liegen. Erst mal. Denn als Heidi das sieht, kann sie offenbar nicht widerstehen.

„Magst du deine Zwiebelchen nicht?“

„Nöö …“

Und zack, schon spießt ihre Gabel in seinem Teller herum. Das hätte Winfried normalerweise echt gestört, aber mit Heidi ist das sogar schon irgendwie eine Geste der Vertrautheit. Nach 15 Minuten! Schön!

„Und deinen Knoblauch?“

„Magst du ihn?“

Zack, schon verschwindet die grün-weiße, eingelegte Knolle hinter einer Reihe sauberer Strahlezähne. Nur der Fisch bleibt dann doch auf Winfrieds Teller liegen. Irgendwie auch besser so, denkt Winfried.

Jetzt mal die berufliche Nummer.

„Und, was machst du denn so in deiner Werbeagentur? Ist doch bestimmt ziemlich aufregend, diese Branche …“

„Och, ich kümmer mich so um alles, was sonst keiner machen mag. Kalkulation, Planung, Steuern, Angebote, Kunden, Schreibkram, Akquise, Personal und so was. Ich bin ja die Chefin …“

Winfried muss kurz schlucken. Leider verschluckt er sich dabei und bekommt einen mittleren Hustenanfall. Blödes Grissini-Geknabbere. Sanft beugt sich Heidi zu ihm rüber und klopft ihm auf die Schulter. Puterrot schnappt er nach Luft und es dauert ein Weilchen, bis er wieder normal atmen kann.

„Puh, die Chefin! Ja cool! Wie viele Leute arbeiten denn da bei dir?“

„Also hier in München sind’s zwölf und insgesamt knappe vierzig“, lächelt sie ihn an.

„Insgesamt? Wo hast du denn da noch Büros?“

„Wir haben noch ein kleines Office in Linz und dann das Stammhaus meines Vaters in Wien. Ich bin ja Österreicherin. Hab ich das nicht geschrieben?“

Nein, hat sie nicht. Ist aber auch egal. Österreich und Bayern, da ist für Winfried kein großer Unterschied, und außerdem mag er das schöne Alpenland. Tu felix Austria! Aber mit Ende 30 Chefin einer Werbeagentur mit vierzig Mitarbeitern und dabei so ein natürlicher Zuckerkäfer ganz ohne Schickimicki und Allüren! Das ist schon sehr außergewöhnlich. In ihrem Profil hat sie davon natürlich nichts gesagt. Leider hat Winfried überhaupt keine Ahnung von der Werbebranche. Er selbst arbeitet als kleiner Ingenieur bei einer großen Firma, ist dort zwar Teamleiter von drei Kollegen, aber der ganz große Zug nach oben ist schon lange abgefahren. Sein Gruppenleiter ist fünf Jahre jünger als er und sein Abteilungsleiter ist in seinem Alter. Glatte Karriere-Typen halt. Oder besser: Streber! Also das Gegenteil von Winfried. Winfried ist ganz zufrieden mit seinem Job. Nicht zu viel Verantwortung, aber eben doch nicht nur der Hausmeister. Das Gehalt ist o. k., er kann relativ pünktlich Feierabend machen, hat 30 Tage Urlaub im Jahr und sogar Anspruch auf eine Betriebsrente. Mehr wäre nur mit übermenschlichem Einsatz möglich. Und mit einer kräftigen Portion Schleim. Und das ist nichts für Winfried. Aber jetzt sitzt er der Geschäftsführerin einer Werbeagentur gegenüber. Und was für eine Sahneschnitte. So erfrischend nett und total natürlich.

„Und was machst du da bei deinem Ingenieur-Ding so genau?“

„Ich bin bei SEDA in der Entwicklungsabteilung, als Versuchs-Ingenieur. Wir machen so …“

„Ah, SEDA, kenn ich. Ist ein Kunde von uns. Da war ich erst vor zwei Wochen mit Dr. Fartbichler beim Essen. Ganz netter Typ eigentlich, aber staubtrocken. Ich glaub, der lebt nur für die Firma, oder?“

Dr. Fartbichler ist der Chef des Chefs von Winfrieds Abteilungsleiter. Natürlich wird er hinter seinem Rücken nur „Dr. Furzbichler“ genannt. In der Tat ist er ein „furztrockener“ Knochen, der sich nur für die Arbeit interessiert. Und für gute Zigarren. Und für gutes Essen. Und das sieht man ihm auch an. Er hat blasse, fahlgraue Haut und davon auch noch jede Menge. Irgendwie sieht er wie eine mächtig dicke Bulldogge oder wie ein altes Walross aus. Fast ein bisschen unappetitlich. Winfried stellt sich vor, wie der alte Furzbichler mit Heidi beim Essen ist. Ein „gut-bürgerliches“ Wirtshaus, Eisbein mit Sauerkraut und Stampfkartoffeln, dazu zwei Pils, hinterher einen Korn und dann eine fette Zigarre. Furzbichler leidet sehr unter dem Rauchverbot in Gaststätten. Deswegen bevorzugt er Restaurants mit Terrasse oder Biergarten. Gerne auch mal im März oder spät im Oktober. Oft zum Leidwesen seiner jeweiligen Begleitungen. Legendär ist seine hausinterne Geburtstagsfeier mit allen Führungskräften auf der Dachterrasse der Vorstandskantine. Am 27. Februar. Wenigstens hatte es nicht geschneit. Gerüchteweise war Furzbichler bei dieser Veranstaltung der einzige Teilnehmer mit Angora-Unterwäsche, Skisocken und Taschenwärmern. Ansonsten ist er im Unternehmen als Doppelvorstand für Vertrieb und Entwicklung sehr geachtet, aber auch gefürchtet. „Streng, aber gerecht“ ist eine gute Umschreibung seines Führungsstils.

„Ja, der Fu…, äh der Fartbichler, der ist schon sehr stark mit der Firma verheiratet. Das stimmt. Und du machst für uns Werbung? Echt? Das’s ja‘n Zufall!“

„Ja, ne?“

„So klein ist die Welt.“

„Eine Spaghetti alle vongole und eine Rigatoni con verdure, bitte sönne!“ Francesco lächelt sein breites Goldlächeln.

„Wunderbar!“ Heidi strahlt. „Guten Appetit, sieht ja super aus!“

Sie macht sich sofort inbrünstig über ihre zweite Vorspeise her. Die nun folgende Szene läuft aus Winfrieds Sicht wie mit einer superhochauflösenden Hochgeschwindigkeitskamera in HD gefilmt ab. In Superzeitlupe versenkt Heidi ihre Gabel inmitten des dampfenden Spaghetti-Berges. Zwischen den Windungen der dünnen Nudeln läuft kräftig rote Tomatensoße mit eingestreuten dunkleren Kräuterfitzelchen und saftigen Tomatenstückchen den Gesetzen der Schwerkraft folgend nach unten. Dazwischen sitzen kleine Muscheln – noch in der Schale. Das sieht sehr, sehr lecker aus. Heidi beginnt, ihre Gabel in eine rotierende Bewegung zu versetzen. Die Drehgeschwindigkeit nimmt beständig zu und am unteren Gabelende hat sich bereits ein kleiner Nudelklops gebildet, der nun stetig größer wird. An den Rändern des Klopses zeigen sich schon die ersten losen Spaghetti-Enden, die getrieben von der Zentrifugalkraft den Versuch unternehmen, im rechten Winkel von der Gabelrotationsachse wegzustehen. Das an sich ist nicht schlimm, eher ein ganz normaler physikalischer Vorgang. Verheerend ist jedoch die Tatsache, dass sich die Soße, die Kräuterfitzelchen und die Tomatenstückchen ebenfalls der Zentrifugalkraft unterwerfen und an den Spaghetti entlang nach außen wandern. Und da ist dann irgendwann das Ende der Nudel erreicht. Jetzt ist da natürlich immer noch die Oberflächenspannung, die den Tomatenstückchen den Verbleib an der Nudel nahelegt, aber die Zentrifugalkraft ruft ihnen mit Vehemenz zu: „Fliegt, fliegt, ihr kleinen Tomatenstückchen! Ihr seid frei wie die Vögel unter der goldenen Sonne Apuliens!“ Und dann passiert es: Ein als eher groß zu bezeichnendes Tomatenfleischteil mit einer geschätzten Kantenlänge von etwa drei Millimetern löst sich vom Nudelende und schießt in seine Umlaufbahn. Wobei Umlaufbahn nicht ganz korrekt ist, denn es fliegt einfach gerade aus. Rotiert dabei allerding um die eigene Achse und entlässt seinerseits ein kleines Kräuterfitzelchen in die Freiheit, das in einem spitzen Winkel Richtung Tischdecke taumelt. Das Fatale ist nun die unausweichliche Richtung der ganzen Lehrstunde in Astrophysik. Die zielt nämlich genau auf Winfried, der seinen Raketenabwehrschild – andere sagen einfach Serviette dazu – noch nicht abschließend installiert hat. Wie ein unheilbringendes Schrapnell schlägt das Tomatengeschoss schließlich auf Winfrieds Hemd ein und hinterlässt dort eindeutige Spuren. Wäre es eine echte Kugel gewesen, würde er jetzt sofort tot zusammensacken – Herzschuss! Winfried kann nichts mehr tun, er ist letal getroffen.

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