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1001 Wüstennacht - Prinz meines Herzens

Susanna Carr, Susan Stephens, Annie West, Abby Green, Jane Porter

1001 Wüstennacht - Prinz meines Herzens

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1. Kapitel

Tiefe Dunkelheit senkte sich über die Wüste, als der schwarze Geländewagen vor dem Gasthof hielt, einem großen, aber schlichten Gebäude mitten im Dorf. Die Rundbögen und Pfeiler im Innenhof waren mit Blumengirlanden geschmückt, und in den üppigen Palmen hingen Lichterketten. Leise Folkloreklänge wehten zu Scheich Nadir ibn Shihab herüber, und ein Feuerwerk erleuchtete den Abendhimmel und kündigte seine Ankunft an.

Es war Zeit, seine Braut zu treffen.

Nadir verspürte weder Vorfreude noch Neugier oder Furcht. Eine Frau zu heiraten war für ihn Mittel zum Zweck. Seine Wahl basierte nicht auf Gefühlen, sondern auf einem Arrangement, auf das er sich wegen einer einzigen übereilten emotionalen Reaktion vor zwei Jahren eingelassen hatte.

Er schob seine Gedanken beiseite, weil er jetzt nicht über die Ungerechtigkeit nachdenken wollte. Mit dieser Heirat würde er seinen Ruf wiederherstellen, und niemand im Königreich Jazaar würde den Schritt infrage stellen, durch den er sich der traditionellen Lebensweise verpflichtete.

Nadir stieg aus dem Wagen. Seine Dishdasha, ein hemdartiges, bodenlanges Gewand, klebte an seinem muskulösen Körper, sein schwarzer Umhang und der weiße Kopfschmuck bauschten sich im Wind. Nadir fühlte sich fremd in der traditionellen Kleidung, aber an diesem Tag trug er sie aus Respekt vor der landesüblichen Sitte.

Er sah, dass sein jüngerer Bruder sich näherte. Nadir musste bei dem ungewohnten Anblick lächeln, den Rashid in der ebenfalls traditionellen Kleidung bot. Sie umarmten sich zur Begrüßung.

„Du bist sehr spät dran für deine Hochzeit“, sagte Rashid leise.

„Sie fängt ja nicht ohne mich an“, erwiderte Nadir und trat zurück.

Rashid konnte über die Arroganz seines Bruders nur den Kopf schütteln. „Ich meine es ernst, Nadir. So kannst du den Stamm nicht umstimmen.“

„Dessen bin ich mir bewusst. Ich bin so schnell gekommen wie ich konnte.“ Er hatte fast den ganzen Tag damit zugebracht, mit zwei verfeindeten Stämmen über ein Stück Land zu verhandeln. Und das war wichtiger als ein Hochzeitsfest. Selbst wenn es dabei um seine eigene Hochzeit ging.

„Das reicht nicht für die Ältesten“, sagte Rashid, als sie zum Hotel gingen. „In ihren Augen hast du dich ihnen gegenüber vor zwei Jahren äußerst respektlos gezeigt. Sie werden dir deine Unpünktlichkeit nicht verzeihen.“

Nadir war nicht in der Stimmung, sich Belehrungen von seinem jüngeren Bruder anzuhören. „Ich heirate die Frau, die sie ausgewählt haben, oder nicht?“

Die Heirat diente dem Zweck einer politischen Verbindung mit einem einflussreichen Stamm, der ihn respektierte und gleichzeitig fürchtete. Nadir hatte gehört, dass man ihn in diesem Teil der Wüste die Bestie nannte. Und als wollten sie einen Dämon beschwichtigen, waren die Ältesten bereit gewesen, eine Jungfrau zu opfern und ihm zur Braut zu geben.

Nadir näherte sich der Reihe der Ältesten, die in ihre besten Gewänder gekleidet waren. Die ernsten Mienen der Männer zeigten ihm, dass Rashid recht hatte. Sie waren nicht glücklich mit ihm. Wäre der Stamm nicht so wichtig für seine Modernisierungspläne in diesem Land, hätte Nadir seine Existenz schlicht ignoriert.

„Ich bitte ergebenst um Verzeihung.“ Nadir begrüßte den Ältestenrat, verbeugte sich tief und drückte sein Bedauern über seine Verspätung aus. Es war ihm egal, ob diese Männer beleidigt waren, weil er so spät kam; trotzdem musste er sich den Gepflogenheiten beugen und sich diplomatisch verhalten.

Höflich geleiteten die Ältesten ihn in den Innenhof, als der altertümliche Gesang, begleitet von Trommeln, die Luft erfüllte. Auch wenn Nadir tief im Inneren davon berührt wurde, stimmte er nicht ein. Zwar waren die Gäste glücklich darüber, dass der Scheich eine der ihren heiratete, er selbst war jedoch nicht erfreut über den Lauf der Ereignisse.

„Weißt du irgendetwas über die Braut?“, flüsterte Rashid seinem Bruder ins Ohr. „Was ist, wenn sie sich als unpassend erweist?“

„Das ist nicht wichtig“, erklärte Nadir ruhig. „Ich habe nicht vor, mit ihr als Mann und Frau zu leben. Ich werde sie heiraten und in mein Bett nehmen. Wenn die Hochzeitszeremonie erst einmal vorbei ist, wird sie im Sultanspalast im Harem leben. Ihr wird es an nichts fehlen, und ich habe meine Freiheit. Wenn alles gut geht, werden wir einander nie wieder zu Gesicht bekommen.“

Nadirs Blick schweifte über die Menge. Die Männer, in Weiß gekleidet, standen auf der einen Seite und forderten die Frauen auf der anderen Seite mit ihrem Gesang und dem rhythmischen Klatschen dazu auf, noch schneller zu tanzen. Die Gewänder der Frauen leuchteten in kräftigen Farben, waren großzügig mit Gold durchsetzt. Plötzlich wurden alle Anwesenden sich seiner Gegenwart bewusst. Die Musik endete abrupt, alle standen wie versteinert da und starrten ihn an. Er fühlte sich wie ein unwillkommener Gast – und das auf seiner eigenen Hochzeit.

Nadir war es gewohnt, dass man ihn mit Vorsicht beäugte, angefangen von den Bediensteten bis hin zu Staatsoberhäuptern. Internationale Geschäftsmänner beschuldigten ihn, verschlagen wie ein Schakal zu sein, wenn er ihre Versuche vereitelte, sich Jazaars Ressourcen illegal anzueignen. Journalisten erklärten, dass er das Gesetz des Sultans unbarmherzig durchsetze. Er war sogar einmal mit einer Viper verglichen worden, als er Jazaar mit unerschütterlicher Härte gegen blutrünstige Rebellen verteidigt hatte. Seine Landsleute mochten Angst haben, ihm direkt ins Auge zu sehen, aber sie wussten, dass er sie beschützen würde, koste es, was es wolle.

Langsam ging Nadir weiter, gefolgt von Rashid. Allmählich verfielen die Gäste wieder in Feierlaune und sangen laut, während sie Rosenblüten auf ihn niederregnen ließen. Sie schienen zutiefst erleichtert, dass die dreitägige Hochzeitszeremonie endlich ihren Anfang nahm. Stirnrunzelnd nahm er das breite Lächeln der Männer und das hohe Trillern der Frauen zur Kenntnis. Sie glaubten wohl, die Bestie auf diese Weise besänftigen zu können.

Sein Blick war weiter geradeaus auf das Ende des Innenhofs gerichtet. Auf einem Podium in der Mitte standen zwei thronähnliche Stühle, flankiert von Diwanen. Auf einem der Stühle saß seine Braut und wartete auf ihn, den Kopf gesenkt.

Nadir ging langsamer, als er sah, dass seine Braut ein landesübliches Hochzeitskleid in einem tiefen Purpurrot trug. Ein schwerer Schleier verbarg ihr Haar und umrahmte ihr Gesicht, um dann in einer Kaskade über Schultern und Arme zu fallen. Das enge Oberteil war mit goldenen Perlen durchwirkt und betonte die kleinen Brüste und die schmale Taille. Ihre zarten Hände, verziert mit einem verschlungenen Muster aus Henna, lagen auf dem ausgestellten Brokatrock.

Er krauste die Stirn, während er die Frau musterte. Irgendetwas war anders, war falsch an dieser Braut. Abrupt blieb er stehen, als ihn die Erkenntnis wie ein Donnerschlag traf.

„Nadir!“, flüsterte Rashid streng.

„Verstehe.“ Er klang entsetzt. Die Frau vor ihm war keine Braut der Jazaari, die zu einem Scheich passte.

Sie war eine Außenseiterin. Eine Frau, die kein Mann heiraten würde.

Die Stammesführer hatten ihn hereingelegt. Reglos stand Nadir da, während Wut in ihm hochkochte. Als Beweis seines Vertrauens hatte er zugestimmt, eine Braut zu heiraten, die der Stamm erwählte. Im Gegenzug hatten sie ihm die aus Amerika stammende verwaiste Nichte einer ihrer Familien gegeben.

Ein Affront, dachte er und bezwang seine Wut. Damit zeigten sie ihm, dass er für sie zu modern war, um eine traditionelle Braut der Jazaari schätzen zu können.

„Wie können sie es wagen?“, grollte Rashid. „Wir gehen sofort. Sobald der Sultan von dieser Sache erfahren hat, werden wir dem Stamm offiziell aus dem Weg gehen und …“

„Nein.“ Nadir hatte sich schnell entschieden. Auch wenn ihm das Ganze nicht gefiel, sagte ihm sein Instinkt, dass diese Heirat einem höheren Zweck diente. „Ich habe ihre Wahl akzeptiert.“

„Das musst du nicht, Nadir.“

„Doch, ich muss.“

Denn der Stamm erwartete, dass er diese Frau als seine Braut ablehnen würde. Sie wollten, dass er die Tradition missachtete und damit bewies, dass er den Lebensstil der Jazaari nicht zu schätzen wusste.

Das konnte er sich nicht leisten. Nicht noch einmal.

Und das wussten die Ältesten.

Nadir verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. Er würde diese unwürdige Frau als seine Braut akzeptieren. Und wenn die Hochzeit erst einmal vorbei war, würde er die Ältesten dieses Stammes einen nach dem anderen vernichten.

„Ich muss Protest einlegen“, sagte Rashid. „Ein Scheich heiratet keine Außenseiterin.“

„Das stimmt. Aber da ich eine Braut brauche, ist mir jede Frau dieses Stammes recht. Ärger machen sie ohnehin alle.“

„Aber …“

„Keine Sorge, Rashid. Ich ändere meine Pläne. Sie wird nicht im Sultanspalast leben. Stattdessen schicke ich sie in den abgeschiedenen Palast in den Bergen.“ Er würde diese Frau verstecken – und damit jeden Beweis, dass dieser Stamm ihn beschämt hatte. Niemand würde je von der enormen Mitgift erfahren, die er für eine minderwertige Braut bezahlt hatte.

Nadir zwang sich weiterzugehen, und sein weißglühender Zorn verwandelte sich in Eis, als er zu seiner Braut trat. Ihm fiel auf, dass ihr Gesicht sich blass gegen die dunkelroten Lippen und die mit Kajal geschwärzten Lider abhob. Ein breites Band aus Rubinen und Diamanten schmückte ihr Haar. Überdies trug sie ein Gewirr an Halsketten und eine lange Reihe goldener Armreifen.

Auch wenn sie wie eine echte Jazaari-Braut gekleidet war, ließ sich der Schwindel nicht übersehen. Ihr gesenkter Blick und die sittsame Haltung konnten nicht über ihre wahre Natur hinwegtäuschen. Es ging etwas Starkes, Sinnliches und Aufmüpfiges von ihr aus. Eine anständige Braut würde schüchtern und bescheiden sein. Sie dagegen wirkte wie eine geheimnisvolle, exotische Frau, die barfuß in einer dunklen Wüstennacht um ein Freudenfeuer tanzte.

Vorsichtig sah seine Braut unter dichten Wimpern zu ihm hoch, und er fing ihren erschreckten Blick auf, der ihn mit seltsamer Macht traf.

Zoe Martins Puls raste, als sie in dunkle, hypnotische Augen sah. Obwohl sie den Blick abwenden wollte, schaffte sie es nicht. Stattdessen hatte sie das Gefühl, in einem Wirbelsturm gefangen zu sein.

Lass ihn bitte nicht der Mann sein, den ich heiraten werde! Sie hatte sich vorgenommen, ihrem Ehemann während der Flitterwochen etwas vorzumachen und ihn zu manipulieren, doch ein Blick auf diesen Fremden zeigte ihr sofort, dass er viel zu gefährlich war für ihre Pläne.

Scheich Nadir ibn Shihab war nicht hübsch im üblichen Sinne. Dafür wirkten seine Züge zu hart, mit der kräftigen Beduinen-Nase und dem entschiedenen Kinn. Seine vollen Lippen zeigten einen Anflug von Weichheit, doch der zynisch verzogene Mund sprach von Ungeduld. Das Weiß seiner Dishdasha hob sich von seiner goldbraunen Haut ab, und jede seiner Bewegungen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf seinen großen, muskulösen Körper. Für sie war seine elegante Aufmachung nur Täuschung. Zweifellos war er in einer Welt des Reichtums und der Privilegien aufgewachsen, doch dieser Mann war wie die erbarmungslose, menschenfeindliche Wüste, faszinierend und grausam zugleich.

Auch wenn der Scheich keinerlei Regung zeigte, spürte Zoe umso deutlicher seine wilde Stärke. Sie zuckte zusammen, und ihre Haut schien zu prickeln unter seinem kühnen Blick. Am liebsten hätte sie die Arme um sich geschlungen, um sich vor ihm zu schützen.

Furcht zog ihre Brust zusammen. Warum empfand sie so? Der Scheich hatte sie bisher nicht einmal berührt.

Plötzlich wurde sie von dem Drang überwältigt zu fliehen. Sie hörte ihr eigenes Herz laut in ihren Ohren hämmern, ihre Kehle war wie zugeschnürt, und obwohl ihr Selbsterhaltungstrieb sie förmlich anschrie davonzulaufen, konnte sie sich nicht bewegen.

„As-salamu ’alaykum“, grüßte Nadir, als er sich neben sie setzte.

Ein Schaudern durchlief Zoe beim Klang der männlichen Stimme, die etwas Dunkles, Unbekanntes tief in ihr berührte.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte er mit kühler Höflichkeit.

Zoe zuckte zusammen, und ihr Goldschmuck klimperte bei der plötzlichen Bewegung. Er hatte auf Englisch zu ihr gesprochen. Es war schon so lange her, dass sie ihre Muttersprache zuletzt gehört hatte. Plötzlich brannten Tränen in ihren Augen, und sie kämpfte um Haltung.

Es hätte sie nicht überraschen sollen, dass der Scheich Englisch sprach. Er war in Amerika ausgebildet worden, reiste häufig und beherrschte verschiedene Sprachen genauso gut wie die unterschiedlichen Dialekte, die man in Jazaar sprach. Dass er die Welt bereiste, war mit ein Grund für sie gewesen, einer Heirat mit ihm zuzustimmen.

Ihre Stimme zitterte, als sie fragte: „Warum reden Sie Englisch mit mir?“

„Sie sind Amerikanerin. Es ist Ihre Sprache.“

Zoe nickte knapp und blickte auf ihre ineinander verkrampften Hände hinunter. Englisch war einmal ihre Sprache gewesen. Bis ihr Onkel sie ihr verboten hatte. „Sie wird hier nicht gesprochen“, flüsterte sie.

„Deshalb benutze ich sie“, meinte Nadir desinteressiert, während sein Blick über den Innenhof schweifte. „Englisch wird unsere Sprache sein, und niemand wird wissen, was wir sagen.“

Aha. Jetzt verstand sie. Er wollte den Anschein einer unmittelbaren Verbindung zwischen ihnen erwecken. Eine clevere Strategie, aber sie würde sich nicht dafür erwärmen.

„Ich darf während der Zeremonie nicht sprechen“, rief sie ihm in Erinnerung.

Sie spürte wieder seine Aufmerksamkeit. „Aber ich will, dass Sie sprechen.“

Wollte er sie vielleicht testen, ob sie als Jazaari-Braut geeignet war? „Meine Tanten haben mir strikte Anweisung gegeben, den Kopf gesenkt zu halten und nicht zu reden.“

„Wessen Standpunkt ist wichtiger für Sie?“ Die Arroganz in seinem Ton war nicht zu überhören. „Der Ihrer Tanten oder der Ihres Ehemannes?“

Weder noch, reizte es sie zu erwidern, aber sie wusste, dass sie mitspielen musste. „Ich werde tun, was Sie wünschen“, brachte sie mühsam heraus.

Sein leises Lachen klang sehr männlich. „Halten Sie sich weiterhin daran, dann werden wir gut miteinander auskommen.“

Zoe presste die Lippen zusammen, um einer scharfen Bemerkung zuvorzukommen, die ihr auf der Zunge lag. Gerade noch rechtzeitig, denn das Oberhaupt der Ältesten betrat eben das Podium. Wie nicht anders zu erwarten, ignorierte der ältere Mann sie und sprach nur mit dem Scheich.

Sie starrte auf ihre Hände im Schoss und presste die Finger gegeneinander. Doch der Schmerz lenkte sie nicht von ihren verstörenden Gedanken ab. Die schüchtern-zurückhaltende Miene würde sie nie aufrechterhalten können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie einen Fehler machte. Auch ihre Familie wusste das. Die missbilligenden Blicke ihrer Tanten zeigten dies deutlich genug.

Zoe wusste, dass ihr Auftreten und ihr Verhalten nicht den Erwartungen der Familie entsprachen. Das war nie so gewesen. Ihr Gesicht war viel zu blass, und ihr fehlte es an Kultiviertheit und weiblichem Charme.

Da war es egal, ob der Schleier ihre Züge verhüllte oder sie den Kopf gebeugt hielt und so ihre großen Augen mit dem forschen Blick vor den anderen verbarg. Sie wusste, dass sie nicht dem Bild einer anständigen jungen Frau gleichkam. Sie sprach lauter als angebracht, ging schneller als sie sollte und war aufmüpfig.

Sie war viel zu sehr Amerikanerin, machte einfach zu viele Probleme. Ihre Verwandten wollten sie scheu und unterwürfig und hatten mit all den barbarischen Strafen, die sie kannten, versucht, sie zu einem solchen Wesen zu formen. Hungern. Schlafentzug. Schläge. Nichts hatte geholfen. Vielmehr hatten sie Zoe damit noch rebellischer gemacht und ihren Entschluss gefestigt, dieser Hölle zu entkommen. Sie wünschte nur, dass ihre Freiheit nicht davon abhing, die perfekte Frau vorzutäuschen.

Nachdem der Letzte der Ältesten das Podium wieder verlassen hatte, spürte Zoe den eindringlichen Blick des Scheichs auf sich ruhen. Würde sie in seinen Augen Gnade finden?

„Wie lautet Ihr Name?“, fragte der Scheich.

Zoes Augen weiteten sich. Dies war nicht gerade die Frage, die eine Frau am Hochzeitstag von ihrem Bräutigam hören wollte. Zoe widerstand dem Drang, ihm einen falschen Namen zu nennen.

„Zoe Martin“, antwortete sie.

„Und wie alt sind Sie?“

Alt genug. Sie biss sich auf die Zunge, ehe sie mit dieser Antwort herausplatzen konnte. „Ich bin einundzwanzig.“

Wie war das möglich, dass der Scheich rein gar nichts von ihr wusste? War er nicht neugierig gewesen auf die Frau, die er heiraten würde? Bedeutete sie ihm nichts?

„Höre ich da einen texanischen Akzent heraus?“, fragte er.

Zoe biss sich auf die Lippen, als eine Erinnerung an ihr Zuhause in Texas in ihr aufstieg. Es war das letzte Mal, dass sie sich einer Familie zugehörig, sich geliebt und beschützt gefühlt hatte. Nun war sie das Eigentum ihres Onkels.

„Sie haben ein sehr gutes Ohr“, antwortete sie heiser. „Ich dachte, ich hätte den Akzent inzwischen verloren.“ Zusammen mit allem anderen.

„Texas ist weit weg von hier.“

Ach ja? Aber ihr war bewusst, was tatsächlich hinter seiner Bemerkung steckte. Er fragte sich, warum um alles in der Welt sie ausgerechnet in Jazaar gelandet war. Eine Frage, die sie sich selbst oft genug stellte. „Mein Vater hat als Arzt bei einem medizinischen Hilfsprojekt gearbeitet und hat meine Mutter bei seinem Aufenthalt in Jazaar kennengelernt. Hat Ihnen denn niemand von mir erzählt?“

„Mir wurde alles gesagt, was ich wissen muss.“

Das machte sie neugierig. Was hatte man wohl über sie erzählt? „Und das wäre?“, fragte sie und sah, wie die Bediensteten große Platten mit Essen zum Podium trugen.

Er zuckte die Schultern. „Sie sind Teil dieses Stammes und in heiratsfähigem Alter.“

Sie wartete einen Herzschlag lang. „Sonst noch etwas?“

„Was müsste ich denn sonst noch wissen?“

Mit großen Augen sah sie ihn an. Seine Gleichgültigkeit nahm ihr den Atem, obwohl sie ihm eigentlich dankbar dafür sein sollte. Es war besser, dass er keine Fragen gestellt hatte und damit unweigerlich herausfinden würde, was für eine Frau er heiraten wollte.

Zoe aß kaum etwas von dem Festessen. Normalerweise hatte sie einen gesunden Appetit – zu gesund, wie manche meinten –, aber an diesem Abend waren ihr die verschiedenen Aromen und Gerüche zu viel. Sofort nach dem Essen trat eine Prozession an Gästen zum Podium, um dem glücklichen Paar zu gratulieren. Zu ihrer Erleichterung erwartete niemand von ihr, dass sie etwas sagte. Sie hörte ohnehin kaum zu, was gesprochen wurde, da sie sich des Mannes neben ihr viel zu bewusst war.

„Mit dieser da habt Ihr alle Hände voll zu tun, Königliche Hoheit. Sie macht nichts als Ärger.“

Zoe sah bei diesen Worten auf. Es überraschte sie, dass jemand den Scheich vor ihr warnte. Hatten sie Zoe durch diese Heirat nicht loswerden wollen?

Sie war noch nie mit der Frau des reichen Ladenbesitzers ausgekommen, die eben gesprochen hatte. Die Ältere hatte ihr verboten, das Geschäft zu betreten. Doch Zoe war es gewohnt, ausgeschlossen zu werden.

„Sie lernt unglaublich langsam“, fuhr die ältere Frau fort. „Und ihr Onkel kann sie noch so hart schlagen, sie gibt trotzdem immer noch Widerworte.“

„Ach ja?“, meinte der Scheich gedehnt. „Vielleicht ist ihr Onkel derjenige, der langsam lernt. Er sollte es mit einer neuen Strategie versuchen.“

Verblüfft zuckte Zoe zusammen und senkte schnell den Kopf, damit niemand von ihrer Miene ablesen konnte. Stellte er damit etwa Onkel Tareefs Methoden infrage? Sie hatte immer gedacht, Männer würden zusammenhalten.

„Nichts funktioniert bei Zoe“, informierte die Frau des Ladenbesitzers den Scheich. „Einmal hat sie das Abendessen anbrennen lassen. Natürlich wurde sie bestraft. Man sollte doch glauben, sie hätte ihre Lektion gelernt. Aber nein. Am nächsten Tag hat sie eine ganze Dose scharfen Pfeffer ins Abendessen geschüttet. Ihr Onkel hatte noch Wochen später Blasen im Mund.“

„Es war nicht meine Schuld, dass er immer weiter gegessen hat“, sagte Zoe mit funkelndem Blick auf die Frau und senkte schnell wieder den Kopf, als sei nichts passiert. Lange herrschte Schweigen, und Zoe fühlte den Blick des Scheichs auf sich ruhen. Instinktiv zog sie die Schultern hoch, als könnte sie sich dadurch kleiner machen. Unsichtbar.

„Hoffentlich haben deine Kochkünste sich verbessert“, sagte er schließlich mit vertraulicher Anrede, um seine Verbundenheit vor der Öffentlichkeit kundzutun.

Vorsichtig nickte Zoe. Es war eine Lüge, aber das würde er nie herausfinden. Sie war dankbar, dass er ihren Ausbruch ignorierte, und es überraschte sie, dass er keinen Kommentar dazu abgab.

Vermutlich spart er sich das für später auf, dachte sie angespannt. Nach der Zeremonie würde er ihr sicher eine gehörige Lektion erteilen.

„Als alles fehlschlug“, fuhr die ältere Frau unbeirrt fort, „wurde Zoe gezwungen, die Kranken zu versorgen, bis sie gelernt hatte, wie man sich benimmt. Sie hat sich über Jahre um die armen Frauen gekümmert.“

Zoe wusste, dass die Versorgung der Kranken den Sklaven im Stamm vorbehalten war, aber es war ihr egal. Denn genau das war ihr Wunsch gewesen.

„Zoe, du musst nicht länger die Kranken versorgen“, sagte Nadir.

Sie runzelte die Stirn, unsicher, was sie darauf antworten sollte. „Ich habe nichts gegen harte Arbeit, und ich mache meine Sache sehr gut.“

„Zoe!“ Die ältere Frau klang schockiert. „Eine Jazaari-Frau sollte bescheiden sein.“

Nadir erhob sich von seinem Platz, und Zoe bemerkte, wie groß und Ehrfurcht einflößend er war. Er bedeutete dem Oberhaupt der Ältesten, zum Podium zu kommen. Zoe drehte sich der Magen um vor Angst. Was hatte der Scheich vor? Sie hatte sein Missfallen erregt, und er würde sie sicher dafür bestrafen.

Triumphierend lächelte die ältere Frau und ging beschwingt davon, als der Älteste herantrat. Zoe war wütend auf sich, weil sie sich von der alten Schrulle hatte provozieren lassen.

Der Scheich legte die Hand auf seine Brust, als er zu dem Ältesten sagte: „Ihr habt mir Ehre erwiesen, indem Ihr mir Zoe zur Braut gegeben habt.“

Der Älteste konnte seine Überraschung nicht verbergen, genauso wenig wie die Gäste, die aufgeregt flüsterten. Zoe verspürte keine Erleichterung, sondern Misstrauen. Er fühlte sich geehrt? Er wusste doch überhaupt nichts über sie.

„Mit Freude nehme ich die Pflicht an, sie zu beschützen und ihr Zuflucht zu bieten“, fuhr der Scheich mit klarer, kräftiger Stimme fort. „Ihr wird es an nichts fehlen.“

Ihr Misstrauen verstärkte sich, als das Tuscheln lauter wurde. Was hatte er vor? Wenn ein Mann derlei Versprechen machte, tat er höchstwahrscheinlich genau das Gegenteil, das wusste sie aus Erfahrung. So wie Onkel Tareef versprochen hatte, sie bei sich aufzunehmen und sich um sie zu kümmern. Stattdessen hatte er ihr Erbe gestohlen und sie als unbezahlte Bedienstete in seinem Haushalt gehalten.

„Und als eure Sheika“, verkündete Nadir, „wird sie ihre Tage und Nächte damit verbringen, sich um mich zu kümmern.“

Zoe senkte den Kopf, als die Gäste in Jubel ausbrachen. Zorn erfüllte ihre Brust. Der Stamm war begeistert, dass sie dem Scheich gefiel. Er würde nicht zulassen, dass sie von seiner Seite wich, sodass sie keine Zeit mehr haben würde, sich um die Kranken zu kümmern. Schließlich ihr war die Ehre zuteil geworden, nach seiner Pfeife zu tanzen.

Dieser Mann hatte doch keine Ahnung, wie wichtig es für sie war zu arbeiten. Ehe ihre Eltern starben, hatte Zoe mit ihrer Mutter ehrenamtlich im Krankenhaus gearbeitet. Es war aufregend gewesen, und sie hatte erkannt, dass sie auch Ärztin werden wollte, genau wie ihr Vater.

Doch ihr Traum, bei ihrem Vater zu lernen, war zerstört worden, als ihre Eltern bei einem Autounfall starben. Plötzlich hatte sie sich in einem fremden Land wiedergefunden, bei Menschen, die sie nicht kannte. Sie hatte unter der Sprachbarriere gelitten, dem fremden Essen und dem abweisenden Stamm. Doch als sie dann zusah, wie der Heiler die Kranken behandelte, hatte sie sich wieder auf vertrautem Terrain befunden.

Ein paar Monate später ging sie dem Heiler zur Hand. Die Aufgabe war als Strafe gedacht, aber sie wollte lernen. Als Zoe dann merkte, dass die armen Frauen sich schwertaten, männliche Hilfe anzunehmen, übernahm sie dankbar die weiblichen Patienten. Auf diese Weise führte sie das Familienerbe fort, und die Aufgabe wurde zu ihrem Rettungsanker.

Endlich hatte sie einen Weg gefunden, sich von Onkel Tareefs Haus fernzuhalten und sich auf etwas anderes zu konzentrieren als ihre missliche Lage. Und wenn sie einen medizinischen Notfall behandelte, verspürte sie die gleiche Begeisterung wie damals im Krankenhaus zu Hause. Den notleidenden Frauen zu helfen, hatte ihrem Leben einen Sinn gegeben.

Und all das wollte der Scheich ihr jetzt nehmen? Sie sollte das Einzige aufgeben, das sie interessierte und worin sie gut war, nur weil es Nadir nicht gefiel? Das war nicht fair. Am liebsten hätte sie ihm auf der Stelle widersprochen.

Aber warum regte sie sich überhaupt auf? Was Nadir wollte, berührte ihre Zukunft nicht, in der er keinen Platz mehr haben würde.

„Ich muss sagen, du hast mich überrascht.“

Zoe wandte sich der großen, schlanken Frau zu, die nun neben ihr saß – ihre Cousine Fatimah. Sie trug ein schimmerndes graues Gewand, dazu schweren Goldschmuck um Hals, Handgelenke und an den Ohren. Fatimah liebte den dramatisch-glamourösen Auftritt.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du es tun würdest“, fuhr Fatimah an Zoe gerichtet in heiterem Plauderton fort. „Ich weiß doch, wie sehr ihr Amerikaner an eine Liebesheirat glaubt.“

Zoe sagte nichts dazu. Sie hatte ihre Cousine noch nie gemocht. Fatimah würde sich nie mit einer Außenseiterin wie Zoe verbünden. Jetzt bemerkte sie den dunklen Blick ihrer Cousine. Fatimah war auf der Suche nach Ärger und hatte ihre Zielscheibe gefunden.

Die Cousine schenkte ihr ein schmales Lächeln. „Ich kann es gar nicht erwarten, Musad davon zu erzählen.“

Zoe zwang sich, ruhig zu bleiben. „Tu, was du nicht lassen kannst.“

Sie hoffte, es irgendwann zu schaffen, nicht mehr auf seinen Namen zu reagieren. Musad stand einst für eine zarte und dennoch erblühende Liebe in einer Welt voller Hass und Gleichgültigkeit. Jetzt erinnerte sie sein Name daran, dass man keinem Mann trauen konnte.

„Soll ich ihm einen Liebesgruß von dir überbringen?“, schlug die Cousine gehässig vor.

Zoe zuckte mit den Schultern. Musad hatte keine Bedeutung mehr für sie, seit er vor einem Jahr einfach nach Amerika gegangen war. Gelassen lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück. „Sag ihm, was du willst.“

Fatimah legte ihre Hand auf Zoes Arm und beugte sich vor. „Wie kannst du so etwas sagen, wo ihr doch so eng wart.“

Zoe spürte, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich und eiskalte Angst sie erfasste. Fatimah wusste Bescheid, das zeigte ihr böse funkelnder Blick. Irgendwie musste sie von Zoes verbotener Beziehung zu Musad erfahren haben.

Sie musste Fatimah zum Schweigen bringen. Sollte sie ein Wort gegenüber ihrer Familie verlauten lassen … oder dem Scheich …

„Zoe?“

Als sie aufsah, entdeckte sie ihre Tanten und weitere Cousinen, die aufrichtig lächelten. Also hatten sie wohl nichts von Fatimahs Gehässigkeiten mitbekommen.

„Komm, Zoe.“ Eine ihrer Cousinen zog sie vom Stuhl hoch. „Es ist Zeit, dich für die Hochzeitsnacht vorzubereiten.“

Ihre Hochzeitsnacht. Bei dem Gedanken drehte sich Zoe der Magen um. Kichernd geleiteten ihre Tanten sie aus dem Innenhof und brachten sie nach oben in die Hochzeitssuite. Blanke Angst machte sich in Zoe breit, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie nun dem Scheich gehörte. Einem Mann, der die Bestie genannt wurde.

Ihre verheirateten Cousinen gaben ihr Ratschläge, wie sie ihren Mann erfreuen könnte, aber Zoe hörte nichts von all dem, obwohl die Frauen sich in ihren derben Hinweisen überschlugen.

Zoe leistete keinen Widerstand, als die Frauen sie mitten auf dem Bett platzierten. Sie kniete sich auf die Matratze, die Hände vor sich gefaltet, den Kopf gebeugt. Auch wenn sie am liebsten davongelaufen wäre, wusste sie, dass die Frauen sie zurückbringen und bewachen würden. Also schloss sie die Augen und atmete zitternd durch. Schließlich hörte sie, wie die Frauen den Raum verließen.

In Zoes Wunschträumen war ihr Hochzeitstag angefüllt mit Lachen, Freude und Liebe.

Die Realität hingegen sah trostlos aus. Langsam öffnete sie die Augen. Sie hatte geheiratet, weil sie keine andere Wahl hatte und diese Ehe zu ihrem Vorteil nutzen wollte. Aber vielleicht gab sie bei diesem Mann mehr auf als nur ihre Freiheit, einem Mann, der ein gefährlicher Fremder für sie war.

Was hatte sie nur getan?

Blanke Panik umklammerte ihr Herz.

„Ich kann nicht mit ihm schlafen“, sagte Zoe laut, weil sie sich allein glaubte – bis Fatimah antwortete.

„Es wird von ihm verlangt, dass er die Ehe vollzieht“, sagte ihre Cousine. „Sonst wird sie nicht anerkannt.“

„Verlangt?“ Zoe drehte sich der Magen um. Das klang so unromantisch.

Fatimah warf einen verärgerten Blick in ihre Richtung. „Darauf basiert ja die letzte Zeremonie am dritten Tag, an dem der Vollzug der Ehe gefeiert wird.“

Zoe blieb der Mund offen stehen. „Ist das dein Ernst?“

„Und wenn du nicht nach seinem Geschmack bist“, fuhr Fatimah fort und sah sie von der Seite an, „kann er dich fortjagen.“

Zoe krauste die Stirn. „Fortjagen? Du meinst zurück zu meiner Familie? Nein, das kann er nicht. Netter Versuch, Fatimah, aber ich falle nicht mehr auf deine Lügen herein.“

„Ich lüge nicht“, schwor Fatimah und legte ihre flache Hand auf die Brust. „Das hat der Scheich mit seiner ersten Frau auch gemacht.“

Seine erste Frau? Überrascht starrte Zoe ihre Cousine an. „Wovon redest du?“

„Hat dir das niemand erzählt?“ Fatimahs Miene hellte sich auf, als ihr klar wurde, dass sie Zoe einen weiteren Schlag versetzen konnte. „Vor zwei Jahren heiratete der Scheich die Tochter einer der besten Familien des Stammes. Yusra. Erinnerst du dich an sie?“

„Kaum.“ Yusra war wunderschön, äußerst weiblich und das vollkommene Jazaari-Mädchen. Insgeheim hatte Zoe sie jedoch für eine verzogene, hochnäsige Göre gehalten. Sie war froh gewesen, als deren Familie den Ort verlassen hatte.

„Es war eine sagenhafte Zeremonie. Ganz anders als alle, die ich bisher gesehen habe. Und viel schöner als deine. Erinnerst du dich nicht?“

„Wahrscheinlich war ich nicht eingeladen.“ Sie war eine Außenseiterin. Entweder wurde sie ignoriert oder tyrannisiert. Jedes Stammesmitglied konnte sie öffentlich erniedrigen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Denn alle wussten, dass ihr Onkel sich nicht schützend vor sie stellen würde.

„Nun, der dritte Tag der Zeremonie hatte kaum begonnen, als er Yusra vor aller Augen zu ihren Eltern zurückjagte.“ Fatimah wedelte mit der Hand, dass ihre goldenen Armreife klimperten. „Er sagte, sie sei nicht nach seinem Geschmack.“

„Er hat mir ihr geschlafen und sie dann fallen lassen? Kann er denn so etwas tun?“

„Es hat einen Skandal gegeben“, erklärte die Cousine. „Wie kommt es, dass du nichts davon weißt? Du hast doch hier gelebt, als es passierte.“

Vermutlich hatte Zoe davon gehört, das Ganze aber wohl als übertrieben abgetan. So wie all die Geschichten, die nur dem Zweck dienten, die jungen Mädchen zu ängstigen, damit sie sich anständig benahmen.

Ihre Knie zitterten, als eine Welle der Angst über ihr zusammenschlug. Wenn sie nicht mit dem Scheich schliefe, würde er sie zu ihrer Familie zurückschicken. Und wenn doch, hätte sie vermutlich das gleiche Problem.

2. Kapitel

Was soll ich nur tun? dachte Zoe, nachdem ihre Cousine verschwunden war. Ihr Blick irrte zu den geöffneten Fenstern mit den durchsichtigen Vorhängen, die in der Brise flatterten. Nein, auf diesem Weg konnte sie nicht entkommen.

Selbst wenn sie es schaffte, gab es keinen Platz, an dem sie sich verstecken könnte. Das hatte sie über die Jahre bitter lernen müssen, nach all den fehlgeschlagenen Fluchtversuchen. Niemand würde ihr Zuflucht gewähren, und die Wüste war eine Todesfalle. Beim letzten Mal hätte sie fast nicht überlebt.

Sie war gefangen und musste sich etwas einfallen lassen. Fest kniff Zoe die Augen zusammen. Denk nach.

Doch sie konnte nur an eines denken. Keuschheit war bei einer Frau hoch angesehen, und sie war keine Jungfrau mehr.

Der Stamm hatte sehr strikte Regeln in Bezug auf Sex außerhalb der Ehe. Die Männer wurden bestraft, aber nicht so hart wie die Frauen. Zoe verdrängte die Erinnerung an die Wunden ihrer Patientinnen, die ausgepeitscht oder mit einer Gerte gezüchtigt worden waren.

Ein Mann wie der Scheich verlangte nach einer unberührten Braut. Zoe hatte davon gewusst, ehe sie dieses Arrangement akzeptierte, hatte jedoch geglaubt, sicher zu sein, sobald der Ehevertrag erst einmal unterschrieben war. Was für ein Irrtum.

Die Tür öffnete sich, und Zoe hielt die Luft an. Am liebsten wäre sie davongelaufen. Stattdessen senkte sie den Kopf und presste die Hände gegeneinander.

Schmerzlich zuckte sie zusammen, als die Tür sich schloss. Aber sie wusste, dass sie dem Scheich gefallen musste und ihn nicht beleidigen durfte.

„Möchtest du einen Drink, Zoe?“, fragte er sanft, als er neben der Tür aus seinen Schuhen schlüpfte.

Wortlos schüttelte sie den Kopf. Ihre Kehle brannte und es verlangte sie nach Alkohol, um ihre Sinne zu betäuben. Aber sie würde wahrscheinlich keinen Tropfen hinunterbekommen, ohne würgen zu müssen.

Wie sollte sie diese Nacht nur überstehen? Vielleicht würde er ja nicht merken, dass sie keine Jungfrau mehr war? Ihr tat der Kopf weh, während sie fieberhaft überlegte. Sollte sie so tun, als sei sie noch unberührt? Ob sie damit durchkommen würde? Nach dem, was sie über ihren Ehemann gehört hatte, war er sehr erfahren und unersättlich in seinem Verlangen.

Sie hörte, wie sein Umhang zu Boden fiel, ehe etwas Weicheres folgte. Wie magisch angezogen ging ihr Blick zu ihm, und sie sah, dass er seinen Turban abgenommen hatte. Er hatte kurzes, dichtes schwarzes Haar.

Doch er wirkte keineswegs weniger einschüchternd. Vielmehr erschien er noch härter, rücksichtsloser. Ein Abbild an Kraft und Stärke und ein Mann, der in der Blüte seiner Jahre stand.

Zoe wandte den Blick ab und starrte auf ihre Hände. Was war nur los mit ihr? Sie hatte doch kein Interesse an dem Scheich. Vielmehr könnte er ein Hindernis darstellen für ihren Traum, nach Hause zurückzukehren.

„Es war eine gute Zeremonie“, sagte der Scheich. „Kurz. So ist es mir am liebsten.“

Zoe nickte, obwohl ihr das Fest entsetzlich lang vorgekommen war. Und diese Nacht würde endlos werden. Wie sollte sie sich nur verhalten? Vielleicht sollte sie sich sittsam geben, sodass er ihr nicht nahe genug kam, um herauszufinden, ob sie noch Jungfrau war oder nicht. Oder sie könnte so tun, als würde sie bei seinem hüllenlosen Anblick ohnmächtig dahinsinken. Vielleicht weinen. Zwei Tage und Nächte lang. Männer hielten es bei weinenden Frauen ja nie lange aus.

Obwohl der Scheich anders sein mochte. Wahrscheinlich war er es gewohnt, dass Frauen in seiner Gegenwart zitterten und weinten.

Sie hörte, dass sich Schritte dem Bett näherten. Zoe blieb fast der Atem stehen.

„Zoe?“ Der Scheich stand unmittelbar neben ihr.

Sie entschloss sich, ihrem ursprünglichen Plan zu folgen, nicht mit dem Scheich zu schlafen. Fatimah hatte wieder einmal versucht, sie zu verunsichern, aber sie würde nicht darauf hereinfallen. Denn sie musste in dieser Nacht nichts anders tun, als ihren Ehemann auf Distanz zu halten und die schüchterne Braut zu spielen, bis sie in die Flitterwochen aufbrechen würden. Hatten sie Jazaar dann erst einmal hinter sich gelassen, könnte sie entfliehen.

„Du strafst mich also mit Schweigen?“ Er klang amüsiert. „Dabei sind wir noch nicht einmal einen Tag verheiratet.“

Schweigen? Ihr Problem war eher, dass sie sagte, was sie dachte. „Ich bin nervös, Königliche Hoheit“, erwiderte sie und hasste sich dafür, dass ihre Stimme zitterte.

„Du könntest mich Nadir nennen. Und du musst bei mir nicht nervös sein.“

Natürlich musste sie das. Er hatte die Macht, ihr Leben zu zerstören oder ihr unwissentlich dabei zu helfen, dass sie sich ein neues schuf. Sie neigte den Kopf, um anzudeuten, dass sie ihn verstanden hatte, verspannte sich aber sofort, als er sich vor sie auf die Matratze kniete.

Sie fühlte sich plötzlich kleiner, da Nadir über ihr aufragte. Entschlossen hielt sie den Blick auf ihre Fäuste im Schoß gesenkt. Wachsam beobachtete sie, wie er mit seiner großen dunklen Hand nach einer ihrer Hände griff und zuckte zurück, als Hitze sie bei seiner Berührung durchfuhr.

Zoe spürte seine Kraft, als er sanft ihre Faust öffnete und die Armreife abstreifte. Ihr Arm fühlte sich viel leichter an, als die Reife zu Boden fielen.

Träge fuhr Nadir mit einer Fingerspitze über das Hennamuster auf ihrer Hand. Ihre Haut prickelte, und Zoe war versucht, ihre Hand zurückzuziehen.

Nadir strich über ihren Kopf, und Zoe musste sich zwingen, nicht zurückzuweichen. Mit seiner sanften Berührung schien er einen Anspruch auf sie auszudrücken, den Zoe nicht akzeptieren würde. Sie wollte seine Hände nicht auf sich spüren, wollte vom Bett springen. Stattdessen bemühte sie sich darum, reglos zu bleiben. Hitze durchströmte ihre Adern, während Nadir die Haarnadeln löste, die den Schleier hielten. Achtlos warf er sie auf den Boden, ehe er den Schleier hob, der ebenfalls am Boden landete.

Auch wenn Zoe dankbar war, das Gewicht nicht länger tragen zu müssen, hatte sie nun keine Möglichkeit mehr, sich hinter dem Schleier zu verstecken.

Sie hielt den Kopf gesenkt, als Nadir mit seinen Fingern durch ihr langes braunes Haar fuhr.

„Sieh mich an, Zoe.“

Ihr Puls überschlug sich. Sie war noch nicht bereit, ihn anzusehen. Trotzdem nahm sie all ihren Mut zusammen, hob langsam den Kopf und begegnete Nadirs Blick.

Hitze flammte in ihr auf, als sie das Verlangen in seinen Augen bemerkte. Sie wusste, dass sie den Blick abwenden sollte, blieb jedoch bewegungslos sitzen, während er mit seinem Mund über ihre Stirn strich.

Ihre Lippen prickelten voller Erwartung, als sie seinen warmen Atem spürte, ehe er sanfte Küsse auf ihre Wange hauchte, die Hände in ihrem dichten Haar vergraben. Leise seufzte sie auf.

Zoe rückte näher, hielt dann aber abrupt inne. Beinahe hätte sie ihrem Verlangen nachgegeben, dabei sollte sie sich doch wie eine schüchterne Jungfrau verhalten.

Warum reagierte sie so begierig auf ihn? Verlangte ihr Körper so sehr nach der Berührung eines Mannes, weil es schon so lange her war? Oder wusste Nadir einfach, wie man eine Frau berühren musste, um sie alles andere vergessen zu machen?

Sie würde nicht darauf hereinfallen. Offensichtlich hatte er vor, sie an seine Annäherungsversuche zu gewöhnen, statt sie als Bedrohung zu empfinden.

Aber dafür war es zu spät. Seit er sie berührt hatte, stellte Nadir eine Bedrohung für sie dar. Weil sie sich nach mehr sehnte.

Doch sie durfte ihre Abwehr nicht aufgeben und ihn zu nahe an sich heranlassen. Ihre Zukunft hing davon ab.

Nadir umfasste ihr Gesicht und bedeckte ihren Mund mit seinem.

Wildes Verlangen explodierte in ihr. Noch nie war sie so geküsst worden. Sein Kuss zeugte von Besitzanspruch. Dominanz.

Sie konnte sich ihm nicht hingeben, sonst würde er die Wahrheit über sie herausfinden. Zoe wusste, dass sie seiner Verführung Einhalt gebieten sollte, doch wie von selbst teilten sich ihre Lippen, sodass er mit seiner Zunge in ihren Mund vordringen konnte.

Von Gefühlen überwältigt, klammerte sie sich an Nadirs Schultern. Sie wollte mehr, so viel mehr.

Zoe achtete nicht auf die Warnung, die der Verstand ihr eingab, bis sie Nadir stöhnen hörte. Er war zu sinnlich, zu gefährlich. Sie beendete den Kuss und drehte schnell den Kopf zur Seite.

Sie merkte, wie er versuchte, sein Verlangen zu bändigen, und wusste, dass sie ihr Glück herausforderte. Sie durfte ihn nicht enttäuschen. „Es tut mir leid“, flüsterte sie und wandte den Blick wieder ab.

Zoe presste die Fingerspitzen auf ihre geschwollenen Lippen. Ihre Brüste fühlten sich schwer an, und tief in ihrem Bauch spürte sie einen süßen Schmerz. Sie musste dieses Bett verlassen. Sofort.

Während sie gegen ihre Begierde ankämpfte, wurde Zoe bewusst, dass sie diesen entscheidenden Punkt in ihrem Plan nicht berücksichtigt hatte. Sie hätte nie gedacht, so ein Verlangen nach dem Scheich haben zu können, dass sie alle Vorsicht vergaß.

Und das durfte nicht sein. Sie musste vor ihm verbergen, dass sie sich in beschämender Weise zu ihm hingezogen fühlte. Unter keinen Umständen durfte sie ihn näher an sich heranlassen. Und keine Küsse mehr.

„Ist schon in Ordnung“, murmelte er und hauchte Küsse auf ihren Hals. „Ich möchte, dass du mich auch küsst.“

Sie wollte mehr als ihn nur küssen. Wobei sie doch unerfahren und schüchtern wirken musste, wie sie sich in Erinnerung rief, während Nadir ihr eine Halskette nach der anderen abnahm. Wieso hatte er so viel Macht über ihre Empfindungen?

Sie spürte, wie seine Hände ihren Rücken hinunterwanderten und ihr Oberteil öffneten. Er hatte tatsächlich die Druckknöpfe gefunden, die sich hinten unter der Perlenstickerei versteckten. Die Hochzeitsnacht nahm einen Verlauf, den sie nicht wollte, und sie wusste nicht, wie sie dem Einhalt gebieten konnte. Nadir zog ihr das Oberteil über die Schultern und enthüllte ein dünnes weißes Hemdchen.

Sie spürte seinen brennenden Blick und zitterte in gefährlicher Erregung, obwohl sie sich doch unsicher und entblößt fühlen sollte. Was würde eine Jungfrau jetzt tun? Verspätet verschränkte Zoe die Arme vor der Brust, doch Nadir griff nach ihren Handgelenken.

„Nicht“, befahl er schroff und zog ihr die Arme herunter. „Versteck dich niemals vor mir. Du bist wunderschön.“

Zoe wollte glauben, dass dieses Kompliment ihm automatisch über die Lippen gekommen war, weil er es zu allen Frauen sagte, die er in sein Bett holte. Aber sie fühlte sich tatsächlich wunderschön. Begehrt. So hatte sie schon lange nicht mehr empfunden. Doch sie musste sehr vorsichtig sein, durfte nicht ihrem Instinkt folgen, auch wenn das Blut lustvoll in ihren Adern pulsierte.

Nadir senkte den Kopf und eroberte ihren Mund. Diesmal war er nicht sanft. Vielmehr hatte sie seine Angriffslust geschürt. Sein Kuss war hart, hungrig. Er konnte nicht verbergen, wie sehr er sie wollte und brauchte.

Hitze wirbelte durch ihren Leib, und sie fuhr mit den Händen in seine Haare, als er sie auf das Bett legte. Sie würde ihm noch einen Kuss erlauben und sich dann von ihm lösen. Nur noch einen …

Sie protestierte nicht, als Nadir den schweren Rock über ihre Hüften schob. Dann setzte er sich zurück und sie sah benommen zu, wie er seine Dishdasha auszog und auf den Boden schleuderte.

Beim Anblick seiner muskulösen Brust schnappte Zoe nach Luft. Okay, neue Regel, entschied sie hektisch. Weiter würden sie sich auf keinen Fall ausziehen.

Ohne nachzudenken, streckte sie die Hand aus und streichelte seine Brust, während sie sich vorstellte, wie er sich schweißnass gegen ihre Brüste presste.

Sie schob die Hüften vor, als das Verlangen in ihrem Innern stärker wurde. Oje. Das hätte sie nicht tun sollen. Ob Nadir den schamlosen Vorstoß bemerkt hatte?

Sie sollte sich nicht so forsch geben, denn eine Jungfrau hatte schüchtern und unsicher zu sein. Und Nadir durfte nicht wissen, wie viel Freude es ihr bereitete, seinen Körper zu erkunden.

„Berühr mich noch einmal“, flüsterte er heiser. „Berühr mich, so viel du willst.“

Er hätte sie nicht ermutigen sollen, denn sie wollte ihn berühren, wieder und wieder. Auf eine Weise, die ihn sicher schockierte.

Aber sie konnte sich auch nicht verweigern. Okay, die neue Regel musste überarbeitet werden. Sie würde nur seinen Oberkörper berühren, dann konnte nichts passieren. Sie spreizte die Finger und liebkoste seine Arme und Schultern, ließ die Hände über seinen Rücken und zurück zu seiner Brust wandern.

Nadirs Muskeln spannten sich an, als sie mit ihrem Fingernagel über seine Brustwarze fuhr. Ein Gefühl von Macht durchfuhr sie bei dieser Reaktion. Mit beiden Händen strich sie über seinen harten Bauch, bis zum Bund seiner weißen Boxershorts.

Irgendetwas in ihrem Blick musste verraten haben, was sie fühlte. Sie sah, dass Nadirs Miene angespannt wirkte und Feuer in seinen Augen glomm, bevor er erneut ihren Mund in einem langen Kuss eroberte.

Unbewusst spreizte sie die Beine, ehe er sich dazwischen legte. Zoe spürte, dass er sich darum bemühte, langsam vorzugehen, während er ihr Bein streichelte.

Dann vertiefte er den Kuss und umfasste ihre Brust, eine besitzergreifende Berührung, die Zoe überraschte. Es fühlte sich gut an. Richtig. Ihre Knospe wurde hart, ihre Brüste waren voll und schwer.

Benommen wurde ihr klar, dass sie ihm Einhalt gebieten sollte. Noch war sie nicht an dem Punkt, wo es kein Zurück mehr gab; trotzdem hatte sie sich von ihrem ursprünglichen Plan schon weit entfernt. Sie sollte das Ganze jetzt beenden, egal, wie sehr sie es wollte.

Zoe keuchte, als er ihre Knospe zwischen seine Finger nahm. Heftiges Verlangen breitete sich in ihr aus, und sie bewegte sich unter ihm, weil sie mehr von ihm wollte.

Nadir kam ihrer stummen Aufforderung nicht nach, sondern zog sich zurück, um ihr mit zitternder Hand das Hemdchen herunterzustreifen. Sie glaubte, ein zufriedenes Schnurren zu hören, ehe er sich hinabbeugte und ihre Brust mit seinem Mund umschloss.

Ein Stöhnen stieg in Zoes Kehle auf, das so gar nicht unschuldig klang. Sie warf den Kopf zurück, von heißer Begierde durchflutet, schloss die Augen und wollte doch nicht zeigen, wie schwach sie sich in ihrem Verlangen fühlte. Nadir schien genau zu wissen, was sie brauchte.

Instinktiv schlang sie ihre Beine um seine schmalen Hüften und zog ihn näher zu sich heran. Sie wollte ihn in sich spüren, aber dann würde er die Wahrheit herausfinden.

Schnell nahm sie ihre Beine wieder herunter, von Panik überwältigt. Sie umfasste seine breiten Schultern und wollte ihn von sich stoßen, doch er war zu stark. „Wir sind weit genug gegangen“, platzte sie heraus. „Ich werde nicht mit dir schlafen.“

Sie schlug die Hand vor den Mund. Angespannte Stille hing im Raum. Nadir rührte sich nicht, aber sie spürte, dass er sich verspannte.

Jetzt hatte sie es getan. Zoe zog die Schultern zusammen und wartete darauf, dass er explodieren würde. Jungfräuliche Zurückhaltung war das eine, aber offene Verweigerung etwas ganz anderes. Der Scheich würde sie zurück zu ihrer Familie jagen, noch ehe diese Nacht vorbei war.

Nadir erschauerte in dem Versuch, sich zurückzuhalten. Es verlangte ihn so sehr nach Zoe. Er wollte von ihr kosten, sich in ihr versenken und sie auf ungebremste Art und Weise nehmen.

Warum er sich so sehr von ihr angezogen fühlte, wollte er nicht hinterfragen. Es war ein unerwarteter Bonus dieser arrangierten Ehe, und er wollte für ein paar Nächte das Beste daraus machen, ehe er seine Braut fortschickte.

Doch Zoe sah das anders. Ob das ungewohnte Verlangen sie ängstigte? Oder steckte etwas anderes dahinter? Vielleicht hatte sie von den Gerüchten über ihn gehört, die wohl jede Braut in Panik versetzen würden.

„Zoe.“ Er streckte die Hand nach ihr aus, hielt aber inne, als sie zusammenzuckte. Glaubte sie etwa, er wolle sie schlagen?

„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich wollte das nicht sagen.“

„Doch, das wolltest du.“ Eindringlich sah er sie an, und ihr Gesicht verriet, dass sie fieberhaft über ihre nächsten Worte nachdachte.

„Also gut, ja“, gestand sie. „Aber … du musst das verstehen. Ich kenne dich nicht.“

Er stützte sich auf dem Bett ab und sah sie an. „Ich bin dein Ehemann. Mehr musst du nicht wissen.“

Ihre Miene wirkte nun entschlossen, als sie bekräftigte: „Ich weiß überhaupt nichts von dir.“

Es war nicht das, was sie eigentlich hatte sagen wollen, das verriet ihr ausdrucksvoller Blick. „Ich weiß auch nichts über dich“, meinte er, „aber das ist in Ordnung für mich.“

Zoes Augen verengten sich. „Frauen sehen das eben anders.“

Scharf stieß Nadir die Luft aus. Das stimmte. Für Frauen war Sex nicht einfach nur Sex. Für sie ging es auch um Beziehung, Intimität. Und für eine Jungfrau sollte es eine magische Erfahrung sein.

Zur Hölle mit diesen Jungfrauen. Warum mussten sie ein schlichtes Vergnügen zu solch einem Problem machen?

„Ich weiß wirklich nicht mehr über dich als deinen Namen“, fuhr sie leise fort.

Den sie bis jetzt nicht einmal ausgesprochen hatte, wie ihm klar wurde. Dabei hatte er sich vorgestellt, wie sie ihn immer wieder hinausschrie, aber das würde in dieser Nacht nicht passieren. Widerwillig streifte Nadir ihr den dünnen Träger des Hemdchens wieder über die Schulter.

„Ich kenne weder deine Lieblingsfarbe, noch welchen Drink du bevorzugst.“

Die Worte sprudelten über ihre roten Lippen, in dem verzweifelten Versuch, ihr Verhalten zu erklären. Aber er glaubte ihr kein Wort. Zoe versuchte, eine Mauer zwischen ihnen zu errichten.

„Ich weiß nicht, was dich am meisten aufbringt oder welche Ziele du hast. Es ist schwierig, mit einem Fremden zu schlafen, selbst wenn man mit ihm verheiratet ist.“

„Seit Jahrhunderten leben Frauen in arrangierten Ehen“, widersprach er. „Das ist normal.“

„Nicht für mich.“

Nadir presste die Zähne aufeinander. Eine amerikanische Braut war wohl das Schlimmste vom Schlimmsten.

Tatsächlich war seine Braut sehr amerikanisch. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie erkannte, dass auch er vom westlichen Geist durchdrungen war? Bei Zoe musste er auf der Hut sein, denn sollte sie Verdacht schöpfen, dass er nicht so konservativ war, wie er vorgab, könnte sie dieses Wissen gegen ihn verwenden.

„Jetzt habe ich dich wütend gemacht“, sagte sie und ihre Unterlippe zitterte.

Würde sie anfangen zu weinen? Er hatte nicht einmal seine Stimme erhoben. Er wusste, dass dies ein sehr gefühlsgeladener Tag für sie war. Und offensichtlich war sie sich nun der Tatsache bewusst, dass sie einen Mann geheiratet hatte, den sie die Bestie nannten.

Kein sehr angenehmer Gedanke. Sie war viel zu nervös, um sie zu sinnlichen Freuden verführen zu können, und er würde sie nicht dazu zwingen.

Eine Braut, die Angst vor ihm hatte, war das Letzte, was er brauchte. Denn das würde nur noch mehr Fragen aufwerfen und weitere Gerüchte in Umlauf bringen. Er musste dem Stamm zeigen, dass er in der Lage war, die amerikanische Wildkatze in eine traditionelle Jazaari-Frau zu verwandeln. Hatten sie erst einmal das Dorf verlassen, würde er sie fortschicken. Bis dahin musste er rücksichtsvoll sein. Geduldig.

Dabei war er kein geduldiger Mann, und ohne seine einschüchternde Rücksichtslosigkeit wäre er nie so weit gekommen. Aber seiner verängstigten Frau musste er seine zärtliche Seite zeigen.

Wenn er denn eine hatte.

„Ich bin nicht wütend, Zoe. Hör auf, dich vor mir zu ducken.“

Scharf atmete sie ein. „Ich ducke mich nicht“, schoss sie zurück.

Aha, dann sind das wohl Krokodilstränen gewesen. „Du hast recht damit, dass wir einander fremd sind und uns besser kennenlernen müssen.“

Eifrig nickte sie, und Erleichterung glomm in ihren Augen. „Ganz genau.“

„Aber du teilst trotzdem das Bett mit mir“, erklärte er und bemerkte ihren gehetzten Blick, als er sich neben sie setzte. „Wie sollten wir sonst mehr voneinander erfahren?“

„Ich … ich …“

Unruhig ging ihr Blick durch den Raum, als suchte sie nach einer Antwort.

Es war notwendig, dass sie im gleichen Bett schliefen. Denn sollte nur einer der Bediensteten mitbekommen, dass sie getrennt schliefen, würde sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreiten, und es war ganz und gar nicht in seinem Interesse, dass die Stammesältesten davon erfuhren.

„Ich werde dich erst berühren, wenn du bereit dafür bist“, sagte Nadir.

Misstrauisch verengte Zoe die Augen – eine Beleidigung für ihn. Warum sollte sie sein Wort infrage stellen? Er war ein Scheich. Und ihr Ehemann.

„Ich muss mich einer Frau nicht aufzwingen“, sagte er gefährlich ruhig.

Sie wurde blass. „Ich … habe nie gesagt …“

„Ich weiß.“ Das musste sie auch nicht. Ihr Blick verriet, dass sie ihn für die sagenumwobene Bestie hielt, die ihr Opfer im Schlaf verschlingen würde. Nadir schluckte einen tiefen Seufzer hinunter und machte das Licht aus. „Jetzt schlaf, Zoe.“

Nadir bemerkte, dass sie so weit wie möglich von ihm abrückte. Dann drehte sie sich auf die Seite und sah ihn an, als müsste sie ihn im Auge behalten.

Träge streckte er die Hand nach ihr aus. Mit einem Aufschrei protestierte sie und verspannte sich, als er sie an seine Seite zog. Wobei er versuchte, nicht darauf zu achten, wie gut ihre Körper zueinander passten.

„Du wolltest mich doch erst berühren, wenn ich bereit dafür bin“, sagte sie steif.

„Ich werde keinen Sex mit dir haben, bis du bereit dafür bist“, verbesserte er sich. Und sie würden bald miteinander schlafen, dafür würde er sorgen. „Aber wenn du am anderen Ende der Matratze liegst, wirst du mich nie näher kennenlernen.“

Auch wenn sie sich nicht aus seiner Umarmung löste, spürte er, dass sie es wollte. Wahrscheinlich würde Zoe das Bett verlassen, sobald er eingeschlafen war. Also musste er schnell ein harmonisches Verhältnis zwischen ihnen schaffen, aber wie sollte er das anstellen, ohne mit ihr zu schlafen?

Nadir sah zur Decke, während er über andere Möglichkeiten nachgrübelte. Er dachte an das, was Zoe gesagt hatte, und verdrehte die Augen. Es war lächerlich, aber vielleicht war es einen Versuch wert. „Es ist Blau.“

„Was ist blau?“, fragte sie.

„Meine Lieblingsfarbe“, erwiderte er brummig. „Ein tiefes Saphirblau. So wie der Himmel über der Wüste, bevor es Nacht wird.“

Schweigen hing über ihnen. „Blau ist auch meine Lieblingsfarbe“, gab sie schließlich widerwillig zu.

„Das dachte ich mir.“ Nadir wusste nicht, ob sie ihm damit einen Gefallen tun wollte oder ob es der Wahrheit entsprach. Aber das war egal, solange sie ein bisschen mehr von ihm kennenlernte. Und morgen würde sie ihn in ihrem Bett akzeptieren, nein, willkommen heißen. Dann würde er seine Frau auf die köstlichste Weise zähmen, ehe er sie fortschickte.

Er schloss die Augen, immer noch erregt, während er Zoes Duft einatmete. Ihre langen Haare flossen über seine Schulter und ihr weicher Körper war an seinen gepresst. Haut an Haut.

Und er konnte nichts tun.

Er hatte nicht erwartet, derart leiden zu müssen, und trotzdem war es sehr viel besser als seine letzte Hochzeitsnacht.

3. Kapitel

Zoe schreckte aus dem Schlaf. Ihr Herz hämmerte, und ihre Muskeln waren so verspannt, dass es wehtat. Sie legte den Kopf schräg, wie ein kleines Tier, das Gefahr witterte. Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster, und sie hörte gedämpftes Murmeln unten aus dem Innenhof. Vorsichtig sah sie zur Seite und betete darum, dass Nadir sie nicht im Schlaf beobachtet hatte. Erleichtert stellte sie fest, dass das Bett leer war.

Sie strich sich die zerzausten Haare aus den Augen und konnte immer noch nicht glauben, dass sie tatsächlich eingeschlafen war. Sicher aus Erschöpfung, wie sie sich einredete, und nicht deshalb, weil sie Nadirs Wort glaubte. Die ganze Nacht hatte sie angespannt in Nadirs Armen gelegen. Es hatte sich nicht nur fremd angefühlt, ihr Bett mit ihm zu teilen, sondern es war auch eine Herausforderung für sie gewesen, ihre Hände bei sich zu behalten. Auf ihr unerklärliche Weise war sie versucht gewesen, Nadirs muskulösen Körper zu erkunden.

Zoe sprang aus dem Bett und ging ins Bad. Im Schrank hingen einige Kleider, und sie griff nach einem senfgelben Kaftan. Als sie im Vorbeigehen einen Blick in den Spiegel warf, der über dem Waschbecken hing, blieb sie ruckartig stehen.

Ach du liebe Güte. Sie fuhr mit den Händen durch ihre völlig zerzausten Haare und starrte auf ihr verschmiertes Make-up. Unter ihrem dünnen Nachthemd zeichnete sich deutlich ihr Körper ab. Sie sah draufgängerisch und sexy aus, als hätte sie eine Nacht voller Ausschweifungen erlebt. Und glaubte man den Gerüchten über Nadirs legendäre Triebhaftigkeit, war es ein Wunder, dass er nicht mit ihr geschlafen hatte.

Warum nicht? Nadir musste etwas vorhaben. Männer sind nun einmal so, entschied sie, als sie sich unter die Dusche stellte. Sie versprechen einem Liebe und Fürsorge, tatsächlich aber benutzen sie einen nur.

Aber diesmal benutzte sie einen Mann, wurde ihr mit dunkler Befriedigung bewusst. Sie nutzte ihren Ehemann zu ihrem Vorteil.

Während das heiße Wasser auf ihren Körper hinunterprasselte, überdachte sie ihren Plan. Ihr war nicht erlaubt zu reisen, außer in Begleitung eines männlichen Verwandten. Dabei war es egal, dass sie über achtzehn war und amerikanische Staatsbürgerin. Aber wenn sie den dritten Tag der Hochzeitszeremonie hinter sich gebracht hatte, würde sie mit Nadir in die Flitterwochen aufbrechen. Und hatte sie erst einmal die Grenzen von Jazaar hinter sich gelassen, konnte sie nach Texas flüchten.

Sie musste herausfinden, wohin die Hochzeitsreise ging. Hoffentlich irgendwo nahe bei Amerika. War sie erst zurück in ihrer richtigen Heimat, konnte sie ihre Ausbildung abschließen und ein Leben nach ihren Vorstellungen führen.

Zoe sah auf ihre Hände mit dem Hennamuster. Natürlich wäre sie immer noch mit dem Scheich verheiratet, wenn sie in Amerika ankam, aber sie könnte die Ehe annullieren lassen, falls Nadir es nicht schon vor ihr tun würde. Er würde ihr nicht nachreisen, denn er hatte die Auswahl unter den Frauen. Für einen Mann wie Nadir war sie leicht ersetzbar.

Nachdem Zoe sich angezogen hatte, ging sie zum Wohnzimmer der Hotelsuite. Sie hatte alles getan, um so unscheinbar wie möglich auszusehen. Ihre braunen Haare, immer noch feucht, waren zu einem strengen Zopf geflochten. Sie hatte kein Make-up aufgelegt und auf jeglichen Schmuck verzichtet. Ihr verblichener Kaftan zeigte nichts von ihrer Figur, und der gelbe Farbton ließ ihre Haut blass wirken.

Nadir würde entsetzt sein – was gut war, wie sie sich in Erinnerung rief, als sie still den Raum betrat. Wenn er sie nicht attraktiv fand, würde er keine Eile haben, mit ihr zu schlafen.

Jetzt sah sie zwei Bedienstete, die Platten mit Essen trugen und entdeckte Nadir, der auf den großen Seidenkissen am Boden neben dem niedrigen Tisch saß. Er trug ein kurzärmliges graues Hemd und eine dunkle Hose. Geschmeidig stand er auf, als er sie bemerkte.

Stirnrunzelnd musterte Nadir ihre Aufmachung. Sie kannte diesen Blick. Er drückte Missfallen aus. Enttäuschung. Zoe fragte sich, ob er ihre arrangierte Ehe bereits bereute.

„Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, meinte er schließlich.

„Ja, danke“, log sie.

Das Funkeln in seinen dunklen Augen verriet ihr, dass er die Wahrheit kannte. Er wusste, dass sie die ganze Nacht auf der Hut gewesen war. Jedes Mal, wenn sie glaubte, von ihm abrücken zu können, hatte er sie mit festem Griff daran gehindert.

„Bitte, nimm dir Frühstück.“ Er deutete auf den niedrigen Tisch, der beladen war mit Speisen. Sie atmete das Aroma von starkem Kaffee und schmackhaftem Frühstück ein.

Aber sie war es nicht gewohnt, früh am Morgen so viel zu essen, und mit Nadir zu frühstücken, schien ihr zu vertraut. „Nein, danke. Ich frühstücke nicht.“

„Gestern Abend hast du nicht viel gegessen.“ Er legte seine Hand auf ihren Rücken. Die unerwartete Berührung verblüffte sie, und sie zuckte zusammen. Nadir runzelte die Stirn, als sie automatisch einen Schritt zur Seite trat. „Ich bestehe darauf, dass du etwas isst.“

Es überraschte sie, dass er ihren mangelnden Appetit bemerkt hatte. Was bemerkte dieser Mann noch alles? Sie musste wachsam bleiben, entschied sie und wollte auf die andere Seite des Tisches gehen.

„Nein, Zoe, setz dich neben mich.“ Er deutete auf das große Seidenkissen, das sie sich teilen würden.

Zoes Blick flog zu seinem Gesicht. Etwas flackerte in seinen Augen auf, ehe seine Miene einen unschuldigen Ausdruck annahm. Aber sie wusste es besser. Er spielte nur die Rolle des vernarrten Ehemannes.

Ob er diese Rolle für die Bediensteten spielte, die beflissen in der Nähe des Tisches standen? Vielleicht glaubte er, sie würden tratschen?

Oder war das nur für sie bestimmt? Seine Braut zeigte sich widerwillig, also könnte er sie wohl am besten in sein Bett locken, indem er den zärtlichen und umsichtigen Ehemann gab? Sie glaubte nicht, dass er die Rolle auf Dauer durchhalten würde, aber solange er sich so vorbildlich verhielt, würde sie sich dies zunutze machen.

Schweigend ließ sie sich auf dem Kissen nieder. Als Nadir sich neben sie setzte, berührte er unweigerlich ihre Arme und Beine. Sie mochte es nicht, so nahe bei jemandem zu sitzen, besonders nicht bei einem Mann. Zu viele Jahre hatte sie die Gefühlsausbrüche ihres Onkels über sich ergehen lassen müssen und hielt Männer lieber auf Abstand.

Wie eine Ertrinkende griff sie nach der Kaffeekanne, während Nadir ein Stück von dem Fladenbrot abbrach, ein wenig Hammelfleisch daraufhäufte und es ihr hinhielt. Zoe warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Iss nur“, meinte er.

„Es gibt genug zu essen.“ Sie deutete auf all die Schüsseln und Platten auf dem Tisch. „Ich muss nicht deines nehmen.“

„Aber ich möchte es mit dir teilen.“ Er führte das Brot an ihre Lippen.

Es war nicht leicht für sie, sich zu fügen. Aus Nadirs Hand zu essen erforderte von ihr ein gewisses Maß an Vertrauen. Als sie ein wenig den Mund öffnete, schob er das Stück hinein.

Zoe schloss den Mund zu schnell und erwischte die Spitze seines Daumens. Nadir nutzte die Gelegenheit und strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe, während sie Mühe hatte, den Bissen hinunterzuschlucken.

Ob er all das nur tat, um sie berühren zu können? Warum sollte er, so blass wie sie aussah? Plötzlich war sie froh um die Bediensteten, deren Anwesenheit jede Intimität im Keim ersticken würde.

Oder versuchte er, sie von sich abhängig zu machen? Wollte er sie glauben machen, dass er für sie sorgte? Selbst wenn, durfte sie ihm nicht trauen.

„Es hat mich gefreut, deinen Bruder bei den Feierlichkeiten kennenzulernen“, log sie lächelnd. Denn der Mann hatte ihr klar zu verstehen gegeben, dass sie es nicht wert war, mit ihm in einem Raum zu sitzen. „Wird er uns heute besuchen?“

„Nein, Rashid ist bereits zum Palast zurückgekehrt. Er hat sein Bedauern ausgedrückt.“

Natürlich bedauerte Rashid. Aber wohl eher, weil er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass sie in die Familie eingeheiratet hatte. „Hast du noch mehr Brüder oder Schwestern?“

„Nein, meine Mutter ist bei Rashids Geburt gestorben. Es gibt nur mich, meinen Bruder und meinen Vater.“

„Wird dein Vater an der letzten Zeremonie teilnehmen?“

Nadir schüttelte den Kopf. „Mein Vater ist nicht in der Lage zu reisen.“

„Das tut mir leid. Wann werde ich ihn denn kennenlernen?“ Zoe runzelte die Stirn, als Nadir zögerte.

„Das ist schwer zu sagen.“ Nadir wich ihrem Blick aus. „Der Sultan fühlt sich nicht wohl und empfängt derzeit keine Besucher.“

Zoe verengte die Augen. Nadir wollte vielleicht nicht, dass sie seinen Vater kennenlernte. Schämte er sich ihrer? Der Gedanke tat weh.

„Ich habe ganz vergessen, dich zu fragen“, sagte sie hastig, um das Thema zu wechseln, „wo wir unsere Flitterwochen verbringen werden.“

Er wandte sich wieder seinem Frühstück zu. „In meinem Haus in den Bergen.“

Ihre Finger krampften sich um ihre Kaffeetasse. „Ach“, brachte sie nur heraus.

Sie würden Jazaar nicht verlassen? Oh nein! So hatte sie das nicht geplant.

Er hielt ihr noch ein Stück Brot mit Hammel hin und musterte sie eindringlich. „Bist du enttäuscht?“

„Es ist sicher ein schönes Haus“, beeilte sie sich zu sagen, denn sie durfte ihn nicht beleidigen. „Ich hatte nur gedacht, wir würden ins Ausland fahren, weil du so oft verreist.“

„Das gehört zu meiner Arbeit, nicht zu meinem Privatleben.“ Er hielt ihr den Bissen an die Lippen. „Ich würde meine Frau nie mit auf eine Geschäftsreise nehmen.“

„Aha.“ Vorsichtig nahm sie den Bissen an, während sie fieberhaft überlegte. Mit seiner Entscheidung ruinierte er alles.

Mit schräg gelegtem Kopf betrachtete er ihr Gesicht. „Möchtest du irgendwo anders hin?“

Hastig schluckte sie. Das war ihre Chance, die sie sich nicht entgehen lassen durfte. „Na ja, ich bin eine ganze Weile nicht mehr weggekommen. Ich würde gern verreisen.“

„Schwebt dir etwas Bestimmtes vor?“

Sie zuckte die Schultern, darum bemüht, sich gelassen zu geben, obwohl sie nervös war. „Europa. Australien. Vielleicht Amerika.“

Er runzelte die Stirn. „Aber du kommst doch aus Amerika. Das kann doch nicht so interessant für dich sein.“

„Amerika ist groß“, erwiderte sie und nahm einen Schluck von dem heißen, starken Kaffee. „Es gibt dort vieles, was ich noch nicht gesehen habe.“

„Warum willst du verreisen?“, wollte er wissen. „Was würdest du in einem anderen Land tun?“

Fliehen. Medizin studieren. Endlich ihr eigenes Leben führen.

„Da gibt es viele Dinge, die mich interessieren würden.“

„Du bist noch nicht so weit, Jazaar repräsentieren zu können“, erklärte er und nahm sich eine Dattel aus der Obstschale. „Die zukünftige Sultanin muss eine perfekte Jazaari-Frau sein und die Werte des Stammes verkörpern.“

Schönheit, Kultiviertheit und Gehorsam. Geschlagen schloss Zoe die Augen. Verdammt.

Lächelnd hielt Nadir ihr die Dattel an die Lippen. „Wie ich schon sagte, die Welt draußen ist noch nicht bereit für eine Sheika wie dich.“

Entsetzt riss Zoe die Augen auf. Hatte sie etwa laut geflucht? Es wurde immer schlimmer. Automatisch öffnete sie den Mund und nahm die Dattel. „Habe ich denn bei unserer Hochzeit nicht wie die perfekte Jazaari-Braut ausgesehen?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich kannte die Wahrheit, kaum dass ich dich gesehen hatte.“

Was sie nicht hoffen wollte. Aber wenn sie Nadir nicht davon überzeugen könnte, dass sie eine schöne und gehorsame Frau war, würde sie diesem Land nie entkommen. „Ich kann deine Erwartungen erfüllen. Dazu brauche ich nur einen neuen Kaftan und bessere Sandalen.“

Ungläubig sah er sie an, ehe er ihren gelben Kaftan musterte. „Hast du nur diesen einen?“

„Ich habe noch meine Hochzeitsgewänder. Warum?“

„Du brauchst mehr Kleider.“ Er hielt ihr noch eine Dattel hin.

Sie kaute verbissen. „Denkst du doch daran zu verreisen?“

„Nein, aber als Sheika brauchst du etwas Passendes zum Anziehen.“ Missbilligend sah er auf ihren Kaftan.

Es fiel ihr schwer, sich nun als Sheika zu sehen, da sie bis vor wenigen Tagen noch bei ihrem Onkel die Böden geschrubbt hatte. „Im Dorf gibt es nicht so viele Geschäfte.“

„Wir fliegen mit meinem Helikopter nach Omaira.“

Ihr Puls ging schneller. Omaira war die größte Stadt in Jazaar, eine Metropole, die sich mit Marrakesch oder Dubai messen konnte. Es war durchaus möglich, dass es dort eine amerikanische Botschaft gab, wo man ihr Zuflucht gewähren würde, sobald sie das Gebäude betreten hatte.

„Sag mir Bescheid, wenn du so weit bist.“

Ein wenig heftig setzte sie ihre Tasse ab. „Jetzt“, erklärte sie.

Es war keine besonders gute Idee gewesen.

Nadir hatte schnell herausgefunden, dass er Zoe wie ein Adler beobachten musste, als sie Omaira erkundeten. Sie war begeistert von der Stadt und hatte sofort um einen Stadtplan gebeten, obwohl er selbst die verstecktesten Winkel hier kannte. Doch sie bestand auf ihrer Unabhängigkeit und war immer wieder in den dunklen Gässchen verschwunden, kaum hatte er den Kopf von ihr abgewandt.

Die Geschäftigkeit auf dem alten Marktplatz begeisterte sie, und sie erfreute sich an den Gewürzen und Speisen, all den Menschen und Geschäften.

Sie interessierte sich für alles und jeden, außer für ihn. Tatsächlich schien sie enttäuscht, dass er schützend an ihrer Seite war und ihr nicht erlaubte, sich von ihm wegzubewegen.

Wusste Zoe denn nicht, dass eine gute Jazaari-Braut ihre ganze Aufmerksamkeit nur auf ihren Ehemann richtete? Vielleicht sollten sie besser ins Dorf zurückkehren, wo es nicht so viel Ablenkung gab? Oder war es nur Schüchternheit ihrem Mann gegenüber, das sie sich nicht mit ihm beschäftigte?

Nein, das war es nicht. Zoe war stur und ungehorsam, aber niemals verschüchtert. Wenn sie still wurde, brütete sie etwas aus, das wusste er bereits.

Nadir zog ihren Arm unter seinen, als sie wieder zu entwischen drohte. „Hier entlang, Zoe.“

„Ich kann allein gehen“, erwiderte sie. „Du tust gerade so, als müsstest du mich an die Leine legen.“

„Führ mich nicht in Versuchung.“ Zuerst hatte er geglaubt, der Lärm und all die Menschen würden sie überwältigen. Aber diese Möglichkeit hatte er verworfen, nachdem er sie das fünfte Mal aus den Augen verloren hatte. Ihr Orientierungssinn war wohl kaum so schwach ausgeprägt. Vielmehr wurde Nadir das Gefühl nicht los, dass sie versuchte, ihm zu entwischen.

„Da wären wir.“ Er blieb vor dem Eingang eines modernen Gebäudes aus Stahl und Glas stehen.

„Ein Juwelierladen?“

Nadir verkniff sich ein Lächeln. Keine Frau aus Jazaar würde diesen Ausdruck wählen. Paradies, vielleicht Himmel, aber nie einfach nur „Juwelierladen“. „Fayruz ist seit Jahrzehnten der Juwelier der königlichen Familie.“

Zoe war nicht beeindruckt. „Warum sind wir hier?“

„Du brauchst ein paar Dinge.“ Im Morgenlicht war ihm aufgefallen, dass ihre Halsketten und Ohrringe, die sie zur Hochzeit getragen hatte, unecht waren. Es überraschte ihn, dass ihre Familie ihr keinen echten Schmuck mitgegeben hatte, der auch als finanzieller Notgroschen gedacht war.

Sie winkte ab. „Das, was ich habe, reicht mir.“

„Es wirft ein schlechtes Licht auf mich, Zoe, wenn du keinen passenden Schmuck trägst. Also werde ich dir eine Halskette, Ohrringe und vielleicht ein paar Armreife kaufen.“

Eine Grundausstattung, die sie für ihre neue Rolle brauchte. Normalerweise trug eine Sheika die königlichen Juwelen, aber diese Ehe bestand nur auf dem Papier. Sie würde nicht an seiner Seite sein oder mit ihm zusammenleben, aber die Menschen würden wissen, dass sie immer noch unter seinem Schutz stand, wenn sie seinen Schmuck trug.

„Nein, das musst du nicht. Du hast mir sowieso schon zu viel gekauft.“ Sie stöhnte auf. „All diese Kleider.“

Den meisten Frauen gefiel es sehr, neue Kleider zu bekommen, doch Zoe hatte alle Designer-Outfits nur widerwillig anprobiert und ihm erfolglos auszureden versucht, etwas zu kaufen.

„Du brauchst die Kleidung für deine neue Rolle“, rief er ihr in Erinnerung.

„Aber die Sachen waren so teuer. Mit dem Geld hätte ich alle schwangeren Frauen im Dorf mit Arzneimitteln und was sie sonst noch an Hilfsmitteln brauchen versorgen können.“

„Die Frauen brauchen das nicht.“

Zoe war entgeistert. „Soll das ein Scherz sein? Den Frauen im Dorf steht nicht einmal ein Minimum an medizinischer Versorgung zur Verfügung.“

„Unmöglich. Jazaar ist ein wohlhabendes Königreich. Der Gesundheitsminister hat Millionen zugeteilt bekommen, selbst für die abgelegensten Dörfer.“

„Das Geld geht an die Männer“, murmelte sie. „Denn die Ältesten entscheiden, wofür es ausgegeben wird.“

„Es reicht. Ich werde nicht weiter darüber diskutieren“, erklärte er und wollte sie in den Laden ziehen. Mit Schmuck gewann man den Respekt einer Frau. Er wusste aus Erfahrung, dass selbst die launischste Freundin mit teurem Glitterzeug besänftigt werden konnte.

Zoe blieb zurück. „Ich weiß die neuen Kleider zu schätzen, aber wenn du zeigen willst, wie reich Jazaar ist, wäre mir lieber, du würdest das Geld in ein Frauenkrankenhaus in unserem Dorf stecken.“

Eindringlich betrachtete er ihre ernste Miene. „Unser Dorf braucht keins.“

„Doch. Aber ich brauche keine Halskette.“

Sein Handy klingelte, und er schluckte einen Fluch hinunter, weil er jetzt eigentlich nicht gestört werden wollte. „Entschuldige, ich muss das Gespräch annehmen.“

Er versuchte auf das zu hören, was sein Vorstandsassistent am anderen Ende sagte und beobachtete Zoe. Sie sah aus, als würde sie sein Handy am liebsten davonschleudern und weiter mit ihm diskutieren. Nadir wusste, dass er einen Blick auf die wahre Zoe erhascht hatte. Endlich.

Er entschuldigte sich mit einer Handbewegung bei Zoe, wandte sich ab und hörte seinem Assistenten zu. Nachdem er ihm Anweisungen gegeben hatte, legte er auf.

Würde seine Frau sich doch auch so gefügig geben. „Wie ich schon sagte …“

Er drehte sich um und sah, dass Zoe nicht mehr in seiner Nähe stand. Sein Blick suchte den Gehsteig ab, doch er konnte sie nirgends entdecken.

Zoe ging mit forschem Schritt weiter, während ihr Herz in der Brust hämmerte. Sie wollte am liebsten rennen, so schnell sie konnte, hätte damit jedoch nur Aufsehen erregt.

Sie sah die Straße hinunter und erkannte die Geschäfte wieder, weil sie den ganzen Tag damit verbracht hatte, sich die Straßenaufteilung von Omaira einzuprägen. Unglücklicherweise befand sich die amerikanische Botschaft auf der anderen Seite der Stadt.

Nadir hatte seinen Anruf wohl inzwischen beendet und würde nun nach ihr suchen. Also huschte sie in einen Laden, weil er sie auf der Straße leicht entdecken konnte. Es war am besten, sich für eine Weile zu verstecken.

Als sie sich umsah, merkte sie, dass sie sich in einem Buchladen befand. Der vertraute Geruch der Bücher stieg ihr in die Nase.

Zoe nahm ein Buch aus dem Metallregal, kannte jedoch weder Titel noch Autor. Sie blätterte durch die Seiten und erfreute sich an dem Rascheln des Papiers.

„Da bist du ja, Zoe.“

Verdammt. Zoe verspannte sich, als sie Nadirs Stimme hörte. Er hatte sie bereits gefunden und damit ihre Chance auf eine Flucht zunichtegemacht.

Sie spürte seine Enttäuschung und Wut. In ähnlicher Situation mit ihrem Onkel hatte sie immer die Schultern hochgezogen und auf den unvermeidlichen Schlag gewartet. Wenn sie sich weggeduckt hatte, war Onkel Tareef noch wütender geworden.

Doch wie Nadir reagieren würde, konnte sie nicht voraussehen. Am liebsten wäre sie davongelaufen, stand jedoch reglos da und wartete darauf, was er als Nächstes tun würde.

Auch wenn er sie nicht berührte, fühlte sie sich gleichsam von ihm eingekreist. „Ich habe dich gesucht.“ Er war verärgert, erhob jedoch nicht die Stimme. „Du musst mir sagen, wohin du gehst.“

Zoe merkte, dass er ungehalten war, doch sie musste sich unschuldig geben und so tun, als sei sie nicht absichtlich davongelaufen.

Sie hielt den Blick auf das Buch gerichtet und strich mit den Fingern darüber. Es fühlte sich gut an, endlich wieder ein Buch in der Hand zu halten.

„Zoe.“ Seine Stimme klang tief und rau. „Du wirst mich nicht einfach ignorieren.“

„Tut mir leid.“ Langsam wandte sie sich Nadir zu. „Es ist schon eine Weile her, seit ich zuletzt in einem Buchladen war.“

Er schüttelte den Kopf. „Du hast dieses Geschäft also von dort gesehen, wo wir standen?“

„Ja“, log sie.

Nadir atmete langsam aus, um nicht gänzlich die Geduld zu verlieren. „Du hättest dich verlaufen können. Wieder einmal“, sagte er betont ruhig. „Bleib an meiner Seite, dann kann dir das nicht passieren.“

Sie presste die Lippen aufeinander. Dass ein Mann da sein würde, wenn man ihn brauchte, war ein Trugschluss. Schon vor langer Zeit hatte sie gelernt, sich auf niemanden zu verlassen.

„Wolltest du dieses haben?“ Er deutete mit dem Kopf auf das Buch in ihrer Hand.

Bedauernd seufzte sie und stellte das Buch widerstrebend zurück. „Nein.“

„Such dir ein Buch aus. Von mir aus Hunderte“, schlug Nadir vor und zeigte auf die Regale.

„Das ist sehr großzügig von dir, aber es muss nicht sein.“

Scharf atmete er ein. „Warum lehnst du jedes meiner Geschenke ab?“

Sie musste ihm die Wahrheit sagen, ganz egal, wie peinlich es für sie war. „Ich kann diese Bücher nicht lesen“, flüsterte sie, und ihr Gesicht lief rot an.

Nadir erstarrte. „Du kannst nicht lesen?“

Ihr Kopf ging hoch, und sie streckte das Kinn vor. „Natürlich. Ich lese sogar liebend gerne. Aber ich kann nur englische Bücher lesen.“

„Hat dein Onkel dich nicht zur Schule geschickt?“

„Nein. Aber ich möchte nicht darüber reden.“

„Ich bin sicher, er hatte einen guten Grund dafür“, sagte Nadir.

„Ja natürlich.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Onkel Tareef hatte es gar nicht gefallen, dass sie mit ihrer Intelligenz die seine herausgefordert hatte.

Fragend sah Nadir sie an. „Wie konntest du dann den Ehevertrag lesen?“

Zoe zuckte zusammen. Das Ganze wurde immer vertrackter. Also sollte sie bei der Wahrheit bleiben und auf das Beste hoffen. „Gar nicht.“

„Hat dir irgendjemand erklärt, was der Vertrag beinhaltet?“

„Nein.“ Sie starrte auf ihre Füße, unsicher, was nun geschehen würde. War die Ehe damit ungültig? Würde er sie zu ihren Verwandten zurückschicken?

„Das geht nicht. Du bist eine Sheika. Also solltest du unsere Sprache lesen und schreiben können. Ich werde umgehend Abhilfe schaffen.“

Sie sah, dass er sein Handy herauszog. „Was hast du vor?“

„Ich werde meinen Assistenten bitten, einen Privatlehrer für dich zu engagieren.“ Er tippte eine Nachricht ein. „An unserem ersten Hochzeitstag wirst du Arabisch lesen und schreiben können.“

Sie wusste nicht, ob sie ihm glauben sollte. Zu oft waren Versprechen gebrochen worden, so wie von Musad. Oder ihrem Onkel, der versprochen hatte, sie dürfe zur Schule gehen, wenn sie brav sei. Das Problem war nur, dass sie es ihm nie hatte recht machen können und irgendwann aufgehört hatte, es noch weiter zu versuchen.

„Das ist sehr freundlich von dir“, sagte Zoe höflich. Sie sollte dankbarer, begeisterter klingen, schaffte es jedoch nicht.

„Das hat nichts mit Freundlichkeit zu tun. Es ist wichtig, dass du über diese Fähigkeiten verfügst.“

Nicht wenn sie ihre Pläne umsetzen könnte. Mit ein bisschen Glück wäre sie nicht mehr im Lande, wenn der Lehrer auftauchte. „Danke.“

„Gern geschehen.“ Nadir tippte noch eine Nachricht in sein Handy. „Zeit für einen Tee.“

Sie folgte Nadir, warf aber noch einen letzten Blick auf den Buchladen.

Heute in einem Jahr würde sie umgeben sein von Büchern, die sie lesen konnte. Nein, heute in einem Monat, entschied sie. Denn sobald sie zu Hause war, würde sie in eine Bibliothek gehen und so viele Bücher verschlingen, wie sie wollte.

Schweigend betrat sie mit Nadir ein elegantes Restaurant. Im Gegensatz zu den anderen Gästen wirkte ihr Aufzug billig und abgetragen. Man wies ihnen den besten Tisch in der Mitte des Raums zu, obwohl Zoe am liebsten davongelaufen wäre.

Sie wusste, dass es ihr an der Kultiviertheit und Bildung fehlte, die Nadir von einer Frau erwartete, aber er beschwerte sich nicht. Das musste er auch nicht, denn die abwertenden Blicke der Gäste waren für sie Strafe genug.

Deshalb war sie dankbar, als er sie mit der Frage nach ihren Lieblingsbüchern ablenkte. Wollte er nur Konversation machen oder herausfinden, was sie bewegte? Sie ließ sich auf das Gespräch ein und fand es aufregend, aber auch beängstigend, im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit zu stehen.

Im Stillen erfreute sie sich an dem Hauch von Freiheit, der sie umwehte, seit sie das Dorf verlassen hatten. Alles schien heller, leichter, und sie konnte wieder freier atmen.

Und sie war dankbar, dass ihr Ehemann ihre wachsende Begeisterung nicht zerschlug. Ihrem Onkel gegenüber musste sie ihre Interessen immer verheimlichen. Nadir hingegen unterstützte ihre Neugier, sprach über das, was ihr gefiel und ermunterte sie, Fragen zu stellen. Mit Nadir zusammen schien ihre Welt plötzlich größer.

Als sie schließlich das Restaurant verließen, bemerkte Zoe, dass Nadir auf sein Handy sah und die Stirn runzelte, als er die eingegangenen Nachrichten checkte.

„Stimmt was nicht?“, fragte sie.

Er zuckte die Schultern. „Ein geschäftliches Problem in Singapur.“

Singapur. Sie klammerte sich daran fest. Singapur lag zwar nicht nahe bei Amerika, aber weit entfernt von Jazaar. „Ich bin noch nie dort gewesen. Singapur soll ja recht schön sein.“

„So ist es“, murmelte er abwesend, noch immer mit seinem Handy beschäftigt.

„Perfekt für Flitterwochen.“

Er warf ihr einen fragenden Blick zu, während ihre Luxuslimousine am Straßenrand vorfuhr. Nachdem sie beide eingestiegen waren, entdeckte sie ein Päckchen an ihrem Platz, eingewickelt in Geschenkpapier.

„Das ist für dich“, sagte Nadir und scrollte weiter durch seine Nachrichten.

„Danke.“ Sie wollte kein weiteres Geschenk von ihm annehmen. Er bemühte sich sehr, sie für sich zu gewinnen, doch sie verspürte nichts als ein schlechtes Gewissen.

Vorsichtig entfernte sie die Verpackung und öffnete widerwillig die Schachtel. Sie hatte Schmuck erwartet, etwas obszön Teures wie eine Tiara. Stattdessen entdeckte sie ein kleines graues elektronisches Gerät mit Bildschirm. „Was ist das?“

„Ein E-Reader. Mein Assistent hat ihn schon programmiert, sodass du dir sofort Bücher herunterladen kannst. Damit hast du die Möglichkeit zu lesen, was und wann immer du willst.“

Ihr schwindelte bei dem Gedanken. „Du hast mir eine Bibliothek geschenkt?“

Er legte sein Handy ab und lächelte sie an. „So kann man es auch sehen.“

Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Sicher gab es einen Haken bei der Sache, doch sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken. So viele Jahre hatte sie keine Gelegenheit gehabt zu lesen, und jetzt könnte sie alles lesen, was sie wollte. Sie drückte den E-Reader an ihre Brust. „Danke, Nadir“, flüsterte sie.

Seine Augen leuchteten auf, als sie seinen Namen sagte. „Gern geschehen, Zoe.“ Zärtlich strich er mit den Fingerspitzen über ihre Wange. „Aber jetzt müssen wir fahren. Der Helikopter wartet auf uns.“

Sie würden ins Dorf zurückkehren? Zoe glaubte zu ersticken. Sie hatte von der Freiheit gekostet und wollte mehr davon. „Möchtest du nicht doch noch länger in Omaira bleiben?“, fragte sie hintersinnig. „Hast du nicht gesagt, du hättest hier ein Haus?“

„Das würde ich dir auch gerne zeigen“, erwiderte er, „aber die Tradition verlangt, dass wir vor Sonnenuntergang zurück sind. Die Bediensteten haben bereits mit den Vorbereitungen begonnen.“

„Vorbereitungen für was?“ Soweit sie wusste, mussten sie an diesem Abend keine Feierlichkeiten über sich ergehen lassen.

„Unsere erste Nacht, die wir ganz für uns allein haben.“ Nadir lächelte in Vorfreude. „Ohne Ablenkung oder Unterbrechung.“

Zoe schluckte. Sie hatte ihn noch eine weitere Nacht auf Abstand halten wollen, doch Nadir hatte offenbar vor, sie nach allen Regeln der Kunst zu verführen.

Aber sie war einfach nicht die richtige Frau für einen Mann wie ihn.

4. Kapitel

Zoe wurde immer nervöser, während sie in den Spiegel starrte. Reglos saß sie vor der Frisierkommode, während zwei Dienstmädchen letzte Hand an ihre Verwandlung legten. Jetzt sah sie nicht mehr aus wie ein unschuldiges Mädchen oder eine schüchterne Braut. Sie sah aus wie eine Verführerin.

Und das war entsetzlich. Wie sollte sie in dieser Aufmachung noch eine Jungfrau spielen? Zoe atmete das würzige Parfüm ein, das sie ihr aufgelegt hatten und dessen Duft nach Jasmin und Weihrauch wie eine verbotene Einladung zum Sex wirkte. Das Letzte, was Zoe von Nadir wollte.

Sie presste die Hände zusammen, während die Dienstmädchen geschäftig um sie herumflatterten. Die älteren Frauen waren Expertinnen darin, die Braut auf die traditionelle Weise für ihren Bräutigam vorzubereiten und hatten nur abgewunken, als Zoe Bedenken äußerte.

Erneut warf Zoe einen Blick in den Spiegel. Mit ihrem neuen Aussehen schien sie bereit für eine Nacht endlosen sinnlichen Vergnügens. Sie war gebadet, eingeölt und parfümiert worden. Genauso gut hätte man ihr einen kleinen roten Pfeil um den Hals hängen können mit der Aufschrift „Nimm mich“.

Ein leichtes Zittern überlief sie bei der Vorstellung, wie er auf eine solch offene Einladung reagieren würde. Nadir würde ihr sicherlich größtes Vergnügen bereiten, aber das durfte sie nicht zulassen. Nicht heute Nacht, da er entdecken könnte, dass sie keine Jungfrau mehr war.

Hätte sie nur irgendeine Art Rüstung für die bevorstehende Schlacht. Das hochgeschlossene gelbe Nachthemd, das ihre Figur verhüllte, war verschwunden. Sie hatte gehört, wie Amina, eines der Dienstmädchen, den anderen leise verriet, dass sie es verbrannt hatte. Stattdessen trug sie nun ein langes, saphirblaues Negligé, das seitlich geschlitzt war und den Blick auf ihre nackten Beine freigab. Aber wer würde schon auf ihre Beine schauen, wenn sich unter der dünnen Seide deutlich ihre Brüste und der sanfte Schwung ihrer Hüften abzeichneten?

„Der Scheich hat großen Gefallen an Ihnen“, sagte Amina, während sie Zoes langes, dichtes braunes Haar bürstete.

„Mmh.“ Zoe wusste nichts darauf zu erwidern. Sie war nicht sicher, ob sie ihm gefiel.

„Sie haben die Hochzeitsnacht überlebt“, meinte Halima, das andere Mädchen. „Kein einziger Tropfen Blut.“

Zoes Herz setzte einen Schlag aus. Was sollte das heißen? Hatten sie auf dem Laken nach einem Blutfleck gesucht, der ihre Unschuld beweisen würde? Diese Möglichkeit hatte sie nicht in Erwägung gezogen.

„Die letzte Hochzeitsnacht des Scheichs …“ Halima schnalzte mit der Zunge und schüttelte den Kopf. „Das Bett war so voller Blut, dass die Braut ins Krankenhaus von Omaira gebracht werden musste.“

Entsetzt starrte Zoe die ältere Frau an. Sie sprachen über eine andere Hochzeitsnacht, eine andere Braut.

Nadirs erste Frau musste nach der Hochzeitsnacht also ins Krankenhaus? Fatimah hatte nichts davon erwähnt, obwohl ihre Cousine doch sonst nichts ausließ. „Wovon redet ihr?“

Amina beugte sich vor, und ihre Blicke trafen sich im Spiegel. „Haben Sie sich nie gefragt, warum man ihn die Bestie nennt?“, fragte sie in leisem, verschwörerischem Ton.

Die beiden Frauen nahmen automatisch das Schlimmste von Nadir an. Oder waren sie nur auf skandalöse Einzelheiten ihrer Hochzeitsnacht aus? Zoe kniff die Augen zusammen. Den Gefallen würde sie ihnen nicht tun.

„Glaubt kein Wort davon“, warnte Zoe die Mädchen. „Der Scheich ist ein Mann von Ehre. Ein Gentleman.“

Spöttisch hob Halima die Hände. „Das sollte keine Beleidigung sein.“

„Wir wollten Sie nur warnen“, fügte Amina hinzu und fuhr fort, Zoes Haare zu bürsten.

Ängstigen war wohl eher das richtige Wort. Zoe wusste, dass es ihr egal sein sollte, aber das war es nicht. Vielleicht weil sie ahnte, wie sehr Klatsch einem Menschen schaden konnte.

„Mein Mann würde einer Frau nie etwas antun“, sagte sie ruhig und entschieden.

„Sie waren in dieser Nacht ja nicht dabei“, erklärte Amina. „Ich weiß, wovon ich rede.“

Zoe wusste nicht mehr, was sie glauben sollte. Denn im Moment benahm Nadir sich musterhaft. Er schien entschlossen, eine Verbindung zu seiner Frau zu schaffen.

In ihrem Stamm hatte Zoe sich als Heilerin um die Frauen gekümmert, die Opfer häuslicher Gewalt geworden waren. Sie hatte sich deren Geschichten angehört, war mit ihrer Sorge um sie bei den Stammesführern aber auf taube Ohren gestoßen. Sie hatte auch mitbekommen, was im Haus ihres Onkels vor sich ging und zu ihrer eigenen Sicherheit gelernt, auf seine Launen zu achten.

Auch wenn Zoe Männern im Allgemeinen nicht traute, glaubte sie nicht, dass Nadir gewalttätig war. Das schloss sie aus seinem Verhalten in der vergangenen Nacht. Er hatte sie nicht in sein Bett gezwungen, sondern sich nach ihren Wünschen gerichtet. Eine Bestie hingegen hätte sie einfach bedenkenlos genommen.

„Unterschätzen Sie den Scheich nicht“, flüsterte Amina in unheilverkündendem Ton. „Sie hätten hören sollen, was Yusras Mutter gesagt hat. Da hätten sich Ihnen die Haare aufgestellt.“

Zoe verdrehte die Augen. „Das ist also deine Quelle? Yusras Mutter? Jeder weiß doch, dass diese Frau eine boshafte Klatschtante ist. Ich würde nie ein Wort von dem glauben, was sie sagt.“

„Aber wie erklären Sie sich dann …“

„Das muss ich nicht“, fiel Zoe Halima ins Wort. „Ich dulde keinen Klatsch über meinen Ehemann, besonders nicht in meiner Gegenwart.“

„Verteidigst du gerade meine Ehre, Zoe?“ Nadir sprach Englisch.

Abrupt drehte Zoe sich um, und ihr Puls schlug schnell, als sie Nadir an der Tür entdeckte. Seine dunklen Augen funkelten, und der Raum schien plötzlich geladen vor Energie. Auch wenn er lässig am Türrahmen lehnte, wusste Zoe, dass er sich nicht so fühlte. Er war es müde zu warten und wollte endlich Anspruch auf seine Braut erheben.

Nadir hatte nicht erwartet, dass Zoe ihn verteidigen würde. Es war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. Was jedoch nicht hieß, dass sie sich an ihn gebunden fühlte – das rief er sich in Erinnerung, während er zusah, wie Zoe die beschämten Dienstmädchen eilig entließ. Vielleicht gehörte sie einfach nur zu den wenigen Frauen, die keinen Klatsch mochten. Trotzdem, es war ein guter Anfang.

Oder nicht? Allmählich bekam sie offenbar eine Vorstellung davon, was für ein Mann er war. Es würde nicht lange dauern, bis sie auch herausfand, dass er versuchte, Tradition und Innovation in Einklang zu bringen. Und dass er anders war als die Männer, über die er eines Tages herrschen würde.

„Es gehört sich nicht, das Ankleidezimmer einer Frau zu betreten“, sagte Zoe scharf.

„Und ich weiß auch warum. Weil man unerwartete Dinge erfahren kann.“

„Diese Frauen geben den Klatsch einfach weiter, ohne die Quelle zu hinterfragen. Mach dir deswegen keine Sorgen.“

„Habe ich auch nicht.“ Seine einzige Sorge galt dem, was Zoe über ihn dachte. Sie glaubte den Gerüchten über seine erste Hochzeitsnacht nicht, denn sie hatte ihn ohne zu zögern verteidigt.

„Warum bist du hier?“, fragte Zoe nach einem längeren Schweigen.

„Weil ich mich allmählich gefragt habe, wo meine Braut steckt“, entgegnete er mit verhaltenem Lächeln. „Der Abend ist angebrochen, aber die Suite ist leer. Ich wollte nachsehen, ob du nicht vor lauter Lampenfieber aus dem Fenster geflüchtet bist.“

Sie schreckte zusammen. „Unsinn.“

Er fing ihren schuldbewussten Blick auf. Sie wollte sich verstecken, davonlaufen. Auch wenn sie erklärt hatte, er sei keine Bestie. Aber glaubte sie das wirklich?

Nadir wusste, dass er an diesem Abend vorsichtig vorgehen sollte. Er musste sie an sich binden und durfte ihr keine Angst einjagen. Das hieß, romantisch und charmant zu sein und die Begierde zu zügeln. Er wollte ihr die schönste Nacht ihres Lebens schenken und sie nicht mit seiner Intensität in Angst und Schrecken versetzen.

„Tut mir leid für die Verspätung“, sagte Zoe und erhob sich widerwillig. „Die Vorbereitungen haben länger gedauert als erwartet.“

Reglos stand Nadir da und beobachtete, wie sie langsam auf ihn zukam. Ihr Aussehen und ihre Bewegungen versprachen die Erfüllung all seiner Fantasien. „Das Ergebnis war die Warterei wert“, meinte er sanft. „Du bist wunderschön.“

Als er sah, dass Zoe bei seinem Kompliment errötete, wurde ihm klar, dass Lob ihr unangenehm war. Also musste er sehr umsichtig sein, wenn er sie mit Schmeicheleien ins Bett locken wollte.

„Komm.“ Er nahm ihre Hand und achtete nicht auf die Hitze, die bei dieser kleinen Berührung durch seine Adern strömte. „Das Abendessen ist fertig.“

Zoe glaubte, das Essen nicht überstehen zu können, ohne in Panik zu verfallen. Sie waren allein und saßen nebeneinander an dem niedrigen Tisch, nachdem Nadir die Bediensteten hinausgeschickt hatte. Obwohl sie sich nicht bewegte, berührten ihre Körper sich immer wieder.

Sie musste diesen Zauberbann zerstören, den er um sie herum gewoben hatte.

„Dein Handy hat noch gar nicht geklingelt“, sagte sie deshalb. „Hast du alle Probleme lösen können?“

„Leider nein. Aber ich habe das Handy ausgestellt. Ums Geschäftliche kümmere ich mich morgen wieder.“

Zoes Augen weiteten sich. „Du … du hast dein Handy ausgemacht? Warum?“ Ausgerechnet heute Abend.

Er zuckte die Schultern. „Ich wollte nicht, dass wir in der ersten Nacht, die nur uns gehört, durch irgendetwas gestört werden.“

Zoes Lächeln gefror. „Sehr umsichtig.“ Es machte sie nervös, dass ihr Ehemann so unglaublich aufmerksam und charmant war. Sie aß kaum etwas und hatte ständig Angst, dass einer der dünnen Träger ihres Negligés herunterrutschen könnte, während sie sich Nadirs Blicken sehr bewusst war.

Sie war es nicht gewohnt, dass ihr jemand so viel Aufmerksamkeit schenkte. Stattdessen blieb sie meist im Hintergrund, wurde ausgeschlossen und ignoriert. Was ihr lieber war, weil sie sich dann sicherer fühlte.

Doch nun wollte ein Teil von ihr in dieser Aufmerksamkeit baden. Denn wie oft traf man schon einen so kultivierten und sinnlichen Mann? Hätte sie ihn unter anderen Umständen kennengelernt, zum Beispiel in einem Nachtclub oder einem Café, hätte sie auch mit ihm geflirtet.

Aber sie war in Jazaar, und wenn Nadir herausfand, dass sie keine Jungfrau mehr war, könnte er diese Ehe mit Leichtigkeit beenden. Sie wusste, dass sie auf Distanz bleiben musste. Trotzdem begann ihre Mauer aus kühler Höflichkeit zu bröckeln, als er sie mit Geschichten von seinen Reisen aufheiterte. Nadir verstand sich darauf, ihre Abwehr ins Wanken zu bringen.

Auch wenn sie wusste, dass er ein Mann von Welt war, überraschte er sie immer wieder mit seinen Ansichten. Ausgebildet in den besten Schulen Amerikas, war Nadir sehr belesen und wusste über alles Bescheid. Zoe entdeckte, dass er risikofreudig war und einige sehr moderne Ideen über Jazaar entwickelt hatte. Sie stimmte nicht in allem mit ihm überein und war versucht, ihre eigenen Vorstellungen darzulegen. Aber sie trug noch immer die Narben vom letzten Mal, als sie einem männlichen Jazaari widersprochen hatte.

Erneut fragte sie sich, warum er sich einverstanden erklärt hatte, eine Frau wie sie zu heiraten. Dabei hätte er doch jede im Stamm haben können.

Sie hatte nicht sein Format, und das betraf nicht nur den Sozialstatus. Dieser Mann wusste, wie man eine Frau verführte. Ein Kuss, und sie vergaß alles. Und das wusste er auch. Was hielt ihn also zurück.

Bei ihrem Einkaufsbummel in Omaira hatte Nadir jedes Mal seinen Willen durchgesetzt, wobei er sich von seiner besten Seite gezeigt hatte. Wie würde er sich wohl verhalten, wenn sich ihm ein echtes Hindernis in den Weg stellte? Den wahren Charakter eines Mannes konnte man erfahrungsgemäß erst dann erkennen, wenn er sich unter Druck fühlte. Ihr Onkel hatte geschlagen. Musad hatte sich aus dem Staub gemacht. Was würde Nadir tun?

Zoe sah, wie er sich eine Traube nahm. „Probier mal“, sagte er und hielt ihr die Frucht hin.

Einen Moment presste Zoe die Lippen aufeinander, aber sie wusste, dass es sinnlos war, sich zu widersetzen. Also öffnete sie schüchtern den Mund, und Nadir schob ihr die Traube zwischen die Lippen, ehe er sanft mit dem Daumen darüberfuhr, Begierde im Blick.

Sie schluckte schwer, als heißes Verlangen in ihr entflammte, das sie zu verbergen suchte. Aber es war aussichtslos. Nadir beugte seinen Kopf und berührte mit seinem Mund den ihren.

Ein weicher, sanfter Kuss, wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Schweigend wartete Nadir darauf, dass sie den Kuss erwiderte.

Abrupt wandte Zoe den Kopf ab. Was war nur los mit ihr? Nadir hatte sie überrumpelt, und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Dieser Mann war keine Bestie, dafür aber schlau wie ein Fuchs.

Sie musste sofort die Kontrolle zurückgewinnen und sich für eine weitere Nacht wie eine verängstigte Jungfrau geben. Ein schwieriger Balanceakt, weil sie nicht zu viel zulassen, ihn aber auch nicht zu sehr frustrieren durfte.

Zoe starrte auf den Tisch, während sie im Geist verschiedene Strategien durchging. Ihr Blick fiel nun auf den Teller mit Obst. „Du solltest auch eine probieren“, sagte sie rau und hielt ihm eine Traube hin.

Eine einfache Geste, die sich für sie jedoch plötzlich zu intim anfühlte.

Nadir umschlang ihre Hand und führte sie zu seinem Mund. Zoe gefiel nicht, wie er die Kontrolle übernahm, konnte aber nichts anderes tun, als ihn zu beobachten.

Sie runzelte die Stirn, als er die Traube in ihrer Hand ignorierte und stattdessen sanft ihre Fingerknöchel küsste und dann leicht in die Spitze ihres kleinen Fingers biss.

Sollte das eine versteckte Warnung sein, keine Spielchen zu treiben?

Er nahm den nächsten Finger in den Mund und saugte an der Kuppe. Ihr verschlug es den Atem, als sie ein Ziehen im Leib verspürte.

Verblüfft ließ sie die Traube fallen. Zoe versuchte nicht einmal, ihm die Hand zu entziehen, kämpfte jedoch gegen das heftige Sehnen an.

Das Leuchten in seinen Augen bewies ihr, dass er um ihre Reaktion auf ihn wusste, auch wenn sie es zu verbergen suchte. Er kannte ihren Körper besser als sie selbst.

Und das machte ihr Angst. Sie musste ihm Einhalt gebieten, ehe er die Kontrolle ganz an sich reißen würde.

„Nadir?“ Ihre Stimme klang heiser, als sie ihre Hand wegzog und überrascht feststellte, dass sie seinem Griff leicht entkam.

Nadir beugte sich noch näher, sodass sie nun gefangen war zwischen seinen starken Armen. Sie schloss die Augen, als er eine Spur von Küssen auf ihren Hals legte. Ihr war bewusst, dass er seine Taktik änderte und sie an diesem Abend einlullte, damit sie sich unterwarf. Sie sollte erleichtert sein, dass sie nicht die ganze Wucht seiner Kraft zu spüren bekam, doch diese Art der Verführung brachte ihre Sinne völlig durcheinander.

„Nadir …“ Sie schluckte ein Stöhnen hinunter, als er die empfindliche Stelle unter ihrem Ohr küsste. „Wir … wir sollten …“

„Ja“, flüsterte er an ihrem Ohr, und sein warmer Atem kitzelte ihre Haut. „Wir sollten.“

Er eroberte ihren Mund mit seinem. Seine Berührung glich einer zärtlichen Explosion, als er kleine Küsse auf ihren Mund hauchte und dann mit seiner Zunge hineintauchte.

Nadir umfasste ihren Kopf und vertiefte den Kuss. Sie strich mit der Hand über seine Brust und legte ihre Fingerspitzen an seinen Hals. Dort spürte sie, wie sein Puls schneller schlug, als sie seinen Kuss zögernd erwiderte.

Er begehrte sie, das verriet sein Kuss. Und er sehnte sich nach ihrem Vertrauen. Er wollte, dass sie sich ergab, sich an ihn klammerte, aber das würde nie geschehen.

Erst als sie in ihrem Rücken kühle Seide spürte, merkte sie, dass Nadir sie auf das Kissen gelegt hatte. Sie verkrampfte sich, und Nadir versuchte sie mit seinen streichelnden Händen zu beruhigen.

Zoe war versucht, sich zurückzuziehen, dabei küssten sie sich ja nur. Beide trugen noch ihre Kleider und befanden sich nicht einmal in der Nähe eines Bettes. Trotzdem witterte sie Gefahr und war nahe an dem Punkt, wo es kein Zurück mehr gab.

Sie würde nicht zulassen, dass er diese langsame Verführung zu weit trieb, beschloss sie, als sie mit gespreizten Fingern in sein dichtes Haar fuhr und ihn näher zu sich zog. Sein unterdrücktes Stöhnen erregte sie.

Zoe hatte das Gefühl, als ob Nadir ihr mit jedem Kuss einen kleinen Teil seiner Seele offenbarte, während er zugleich ein bisschen von ihrer stahl.

Sie spürte, dass seine Hand zitterte, als er sie unter den dünnen Träger ihres Negligés schob. Ob er genauso erregt war wie sie?

Nadir streifte einen Träger herunter und legte seine Hand auf ihre nackte Brust. Seine Berührung war besitzergreifend. Sie bog sich seiner Hand entgegen und unterdrückte ein Stöhnen.

Kurz sah Zoe Leidenschaft in Nadirs Blick aufglühen und Angst stieg in ihr auf, die jedoch sofort verflog, als er seine Zunge gegen ihre harte Knospe drückte.

Sie keuchte auf und umklammerte Nadirs Hinterkopf. Hitze loderte ihn ihr hoch, während er sie mit Mund und Fingern neckte.

Ihre Brüste spannten, und ein verzehrendes Sehnen pochte zwischen ihren Schenkeln. Langsam zog Nadir ihr Negligé hoch, fuhr mit der Hand über ihr Bein und tastete sich kühn zu ihrem Schoß vor. Sie hob sich ihm lustvoll entgegen.

Zoes Verstand setzte genau in dem Moment aus, als Nadir seine Finger auf ihre empfindsamste Stelle presste. Sie konnte ihr Verlangen nicht länger bremsen. Gefühlvoll tauchte er seinen Finger in ihre feuchte Hitze und sie wand sich unter seiner gekonnten Berührung.

„Lass dich gehen, Zoe“, raunte Nadir heiser, weil er spürte, wie sie dem Höhepunkt entgegenstrebte.

Sie versuchte, den wundervollen Moment hinauszuzögern und die reine Lust so lange wie möglich auszukosten. Um sich dann doch endlich zu verlieren.

Kraftlos sank sie auf das Kissen zurück und versuchte, zu Atem zu kommen. Nadir kniete sich zwischen ihre Schenkel – sofort spannten sich ihre Muskeln an.

„Ich bin nicht … ich kann nicht …“, stammelte sie und spürte Nadirs erregte Männlichkeit zwischen ihren Beinen. Ihr verräterischer Körper pulsierte immer noch und empfing ihn nur zu bereitwillig.

Nadir drang in sie ein, dann hielt er inne. Zoe sah, wie er die Augen zukniff, und seine Kiefermuskeln sich verspannten.

Sie glaubte, seine langsame und sanfte Verführung nicht länger ertragen zu können. Instinktiv hob sie die Hüften, um ihn tiefer in sich aufzunehmen. Nadir warf den Kopf zurück, und sie spürte, dass er sich nicht länger zurückhalten wollte. Ein tiefes Stöhnen kam über seine Lippen, ehe er ganz in ihr versank.

Zoe hatte noch nie so gefühlt. Mit jedem kräftigen Stoß wurde ihre Lust stärker, brannte heißer und heller und drohte, sie zu verschlingen. Die Befriedigung, die Nadir ihr schenkte, war überwältigend.

Sie schlang die Arme um ihn und hielt ihn an sich gepresst, ihre Brüste gegen seine Brust, ihre Beine um seine Hüften geschlungen. Fest klammerte sie sich an ihn. Sie wusste, dass Nadir sie halten würde.

Glühend heiß durchzuckte es sie, während Nadir immer härter zustieß. Er stöhnte immer lauter, was ihre Leidenschaft noch weiter anfachte.

Sie konnte nicht genug von ihm bekommen und folgte seinem ungezügelten Rhythmus. Ihr Innerstes pulsierte. Nadirs Muskeln spannten sich an unter ihren Händen. Mit einem kräftigen Stoß stieß er einen letzten, heiseren Schrei aus und fand seine Erfüllung. Erschöpft lag er schließlich auf ihr.

Schweigen breitete sich im Raum aus, nur unterbrochen von heftigem Atmen. Allmählich wurde sie sich der Anspannung bewusst. Der Augenblick reiner Glückseligkeit verflog, als Zoe widerstrebend die Augen öffnete.

Ihr verführerischer Geliebter hatte sich in einen gefährlichen Mann verwandelt. Seine Miene wirkte wütend und bedrohlich, während er sie mit seinem Gewicht auf der Matratze festhielt.

Angst stieg in ihr auf. Zoe hatte sich noch nie so verletzlich, so bloßgestellt gefühlt. Er kannte die Wahrheit über sie. Das wusste sie, ehe er die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorstieß.

„Du warst keine Jungfrau mehr.“

5. Kapitel

Zoe konnte nicht fliehen. Wehrlos lag sie auf dem Rücken, während Nadir über ihr war und ihre Hände mit seinen festhielt.

Ihr Herz hämmerte so wild, dass es schmerzte. Sie hatte sich vor ihm entblößt und war nun ungeschützt. Ihr Körper pulsierte immer noch von seiner Berührung, und vorsichtig begegnete sie seinem Blick.

Nadirs düstere Laune war fast greifbar. Zoe konnte kaum glauben, dass er sie noch vor wenigen Momenten so sanft liebkost hatte.

Sie hätte ihm nicht erlauben dürfen, ihr so nahe zu kommen. Obwohl seine Zärtlichkeit sicher nur aufgesetzt war, war sie darauf hereingefallen. Warum nur? Weil sie sich für einen Augenblick nicht so allein gefühlt hatte?

Tränen brannten hinter ihren Lidern. Sie war ein Bild des Jammers. Und dumm. Wann würde sie je dazulernen? Männer waren nur nett zu ihr, wenn sie etwas wollten.

Nadir musste ihre Einsamkeit gespürt haben und hatte sie zu seinem Vorteil genutzt. Und naiv wie sie war, hatte sie dies zugelassen. Nun musste sie die Konsequenzen tragen.

„Antworte mir, Zoe“, grollte er.

„Wie kannst du mich derart beschuldigen?“ Die einzige Strategie, die ihr einfiel, war Leugnen, obwohl Nadir die Wahrheit kannte.

„Damit kommst du nicht durch“, entgegnete er. „Ich weiß, dass du keine Jungfrau mehr warst. Das habe ich gespürt. Du hast keine Schmerzen gehabt, und es wird sicher auch kein Blut geben, das deine Unschuld beweist.“

„Das hat überhaupt nichts zu bedeuten.“

„Treib es nicht zu weit. Rede endlich. Wie kannst du nur glauben, dass du so davonkommst?“

Ihr Herz drohte zu zerspringen. „Ich weiß überhaupt nicht, warum du so etwas sagst.“

Nadir verengte die Augen. „Hast du geglaubt, ich merke es nicht?“ Er berührte sie mit seiner Hüfte.

Entsetzt schnappte Zoe nach Luft, als ihr Körper reagierte. Dabei sollten all ihre Sinne auf Abwehr eingestellt sein, bereit zum Kampf oder zur Flucht.

„Na gut“, stieß sie hervor, als die Angst sie zu ersticken drohte. Wenn sie ihm noch länger etwas vormachte, würde alles nur noch schlimmer werden. Zoe sackte auf das Kissen unter sich und wandte den Blick ab, als sie gestand: „Ich war keine Jungfrau mehr.“

Bleiernes Schweigen hing zwischen ihnen. Zoe biss sich auf die Lippen, und ihr war plötzlich eiskalt. Was würde Nadir nun mit ihr machen? Wäre sie stark genug, dem standzuhalten?

Verzweifelt versuchte Zoe, ihre Tränen fortzublinzeln. „Würdest du von mir heruntergehen … bitte?“ Ihre Stimme zitterte.

Sie spürte, dass Nadir zögerte. Er würde nicht auf sie hören, das entsprach nicht seinem Wesen. Umso überraschter war sie, als Nadir sich widerwillig von ihr hob und aufstand.

Aber warum sollte er sie auch noch berühren wollen? Sie war nicht die perfekte Jazaari-Braut und wohl kaum ein würdiger Gegner. Weshalb sollte er sich da noch die Mühe machen, sich mit ihr abzugeben?

„Hast du einen Freund? Einen Liebhaber?“, fragte er. „Ist er immer noch aktuell?“

Diese Frage hatte sie nicht erwartet? Warum sollte ihn das interessieren? „Nein.“ Langsam setzte sie sich auf, unsicher, ob das wirklich der Wahrheit entsprach. Musad gehörte zwar der Vergangenheit an, bedrohte aber immer noch ihre Zukunft.

„Ich möchte die Wahrheit hören, Zoe. Ich will nicht, dass sich noch irgendein Exliebhaber hier herumtreibt. Du gehörst jetzt zu mir.“

Ach, sie hätte es wissen müssen. Die Männer waren doch alle gleich. Für Nadir war nur wichtig, dass sie sein Besitz war und dass ihm von einem anderen Kerl das geraubt worden war, was er als das Seine betrachtete.

„Ich soll dir gehören?“, fragte sie scharf. Sie gehörte zu niemandem, und nirgendwohin.

Hastig zog sie den Träger wieder hoch, um sich zu bedecken. „Warum gibst du mir keine Liste von all den Frauen, mit denen du geschlafen hast? Nur für den Fall, dass ich ihnen mal über den Weg laufe.“

Angriffslustig stemmte Nadir die Hände in die Hüften. „Mit wie vielen Männern hast du schon geschlafen?“

Das wurde ja immer schlimmer. Zoe wusste, dass es besser gewesen wäre zu schweigen und zu warten, bis sein Zorn verraucht war. Aber sie hatte sich einfach nicht bremsen können.

„Wie viele, Zoe?“ Seine raue Stimme sandte ihr einen Schauer über den Rücken.

„Einer. Es war nur einer“, gestand sie widerstrebend und stand auf. Ein Mann hatte genügt, um ihr Leben zu zerstören. Sie hatte wirklich ein Händchen dafür, sich genau den Richtigen auszusuchen.

„Ich glaube dir nicht.“

Natürlich nicht. Warum sollte sie auch die Wahrheit sagen? Zoe biss die Zähne aufeinander. Es machte sie zornig, dass er ihr unterstellte, sie müsse viele Männer gehabt haben, nur weil sie keine Jungfrau mehr war. „Du solltest nicht von dir auf andere schließen.“

Röte färbte Nadirs Wangen. „Ich jedenfalls habe nicht so getan, als sei ich noch unschuldig“, erklärte er.

„Das wird auch nicht von dir verlangt, stimmt’s?“ Er war der Scheich und folgte anderen Regeln. Sie hingegen hatte so rein zu sein wie frisch gefallener Schnee. „Aber ich habe nie gesagt, dass ich Jungfrau bin. Du hast es nur angenommen.“

„Und du hast die Rolle perfekt gespielt“, warf Nadir ein und verbeugte sich vor ihren schauspielerischen Fähigkeiten. Ein Blick in ihre braunen Augen, und er war bereit, ihr alles zu glauben.

Dabei war er mit ihr so geduldig gewesen. Angewidert ging Nadir im Raum hin und her. Und er hatte geglaubt, sie sei verängstigt und eingeschüchtert von all den starken Gefühlen. Er war ein Idiot.

Nein, schlimmer noch. Nadir senkte den Kopf, als er eine hässliche Wahrheit über sich selbst erkannte. Seit seiner Teenagerzeit hielt er sich für einen Menschen mit modernen Ansichten. Er folgte nicht blind den Bräuchen und Gepflogenheiten seiner Heimat, sondern stellte alles infrage und hielt sich nur an die Traditionen, die ihm sinnvoll erschienen. Ansonsten war er entschlossen, im Namen des Fortschritts Veränderungen zuzulassen.

Doch als ihm bewusst wurde, dass Zoe nicht mehr unschuldig war, hatte er nicht sehr viel von seiner Kultiviertheit verspürt. Vielmehr hatten seine Urinstinkte ihn mit wütender Macht überfallen. Er wollte jeglichen anderen Besitzanspruch auslöschen, genauso wie ihre Erinnerungen an ihren ersten Liebhaber. Sie sollte dessen Existenz schlicht vergessen.

Scharf sog Nadir die Luft ein und rieb sich über das Gesicht. Er war nicht so wie seine barbarischen Vorfahren und würde sich nicht von primitiven Regeln oder seinen Emotionen leiten lassen.

Doch seine größte Herausforderung war die ungeheure Anziehungskraft, die Zoe auf ihn ausübte. Er hätte sofort aufhören sollen, als er merkte, dass sie nicht mehr unschuldig war. Stattdessen hatte er sich von einem unkontrollierbaren Verlangen treiben lassen, das ihn drängte, Zoe zu der Seinen zu machen.

Dass sie eine Vergangenheit hatte, ein Liebesleben, veränderte alles. Zoe war keine naive Jungfrau, die er mit seinen Verführungskünsten dazu bringen konnte, ihm zu gehorchen. Sie würde seine Befehle nicht blind befolgen, nur weil er ihr geschmeichelt und sie liebkost hatte. Sie würde sich auch nicht freiwillig in seinen Palast in den Bergen schicken lassen. Schlimmer noch, er glaubte nicht, dass er imstande war, sich von ihr fernzuhalten.

Selbst jetzt war er noch versucht, wieder mit ihr zu schlafen. Er wollte seinen Namen von ihren Lippen hören, ihren Körper und ihre Seele besitzen. Sie musste ihn nicht einmal berühren, und trotzdem drängte es ihn, sie bis zur Besinnungslosigkeit zu küssen und mit ihr aufs Bett zu sinken.

Nadir hätte nie gedacht, dass eine Frau so viel Macht über ihn haben könnte. Zoe hatte keine Ahnung davon, wofür er dankbar war. Denn andernfalls wäre er verloren. Er musste dieses gefährliche Verlangen so schnell wie möglich bezwingen.

Langsam ging er zum Fenster und sah zum sternenübersäten Himmel hoch. Er war enttäuscht, dass er nicht ihr erster Mann war, aber der Verlust der Jungfräulichkeit vor der Ehe war für ihn kein Verbrechen. Hatte sie deshalb immer wieder versucht davonzulaufen? Glaubte sie, dass er die Ehe deswegen annullieren und sie züchtigen lassen würde?

Natürlich glaubte sie das. Schließlich war er die Bestie. Wahrscheinlich nahm sie sogar an, dass er selbst den Stock gegen sie erheben würde.

Er wandte sich um und musterte sie. Ihr Haar war zerzaust von seinen Fingern, ihre Lippen rot und geschwollen von seinem Mund. Eine Hand hatte sie auf die Schulter gelegt, die andere um die Hüfte geschlungen. Als wollte sie sich bedecken, was sinnlos war, denn er erinnerte sich noch immer an ihre sinnliche Schönheit und daran, wie ihre Haut geschmeckt hatte.

Er sah ihr in die Augen, in denen Schmerz und Wut standen. Aber noch etwas anderes. Zoe hatte also noch mehr Geheimnisse, wie er erbost feststellte. Er musste in die Offensive gehen.

„Wer kennt die Wahrheit über dich?“ Vielleicht hatte der Stamm ihm eine unkeusche Frau überlassen, um zu sehen, wie er reagierte. „Die Ältesten?“

Sie sah ihn an, als habe er den Verstand verloren. „Himmel, nein!“

„Bist du sicher?“ Er würde Zoes Geheimnis nicht preisgeben, aber es wäre zu seinem Nachteil, wenn jemand anders davon wüsste.

In ihren Augen flammte Zorn. „Wüssten sie davon, wäre ich wieder einmal gezüchtigt worden und hätte Wunden davongetragen.“

Sie hatte recht. Seine Brust hatte sich vor Qual zusammengeschnürt, als er das erste Mal ihre Narben gesehen hatte. Am liebsten hätte er die Schuldigen gnadenlos für das bestraft, was sie ihr angetan hatten, ganz egal, welchen Grund sie dafür gehabt haben mochten.

„Dir ist doch klar, dass ich die Ehe deshalb annullieren lassen könnte?“, sagte er, darum bemüht, unpersönlich zu klingen. Er musste ihr einen Schreck einjagen. Sie sollte sich nur nicht in Sicherheit wiegen, weil sie annahm, er könne es sich nicht leisten, den Stamm vor den Kopf zu stoßen.

Zoe zuckte zusammen, als hätte er sie geschlagen. „Annullieren?“, flüsterte sie und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. „Würdest du mir das antun?“

Er wollte sich nicht schuldig fühlen. „So steht es im Ehevertrag.“

Angespannt sah sie ihn an. „Ich glaube dir nicht.“ Sie trat einen Schritt vor, anklagend den Finger auf ihn gerichtet. „Du versuchst nur, mich einzuschüchtern, weil du weißt, dass ich den Vertrag nicht lesen kann. Ich hätte wissen sollen, dass du diese Information gegen mich verwendest.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. Er musste rücksichtslos vorgehen und würde sich nicht dafür entschuldigen. „Ich sage die Wahrheit“, erklärte er. „Laut Vertrag hast du dir unter falschen Voraussetzungen die Ehe erschlichen.“

„Welcher Mann würde heutzutage denn eine Ehe beenden, nur weil seine Frau nicht mehr unschuldig war?“

Das war auch nicht sein Beweggrund. Die politischen Folgen einer weiteren Annullierung wären eine Katastrophe. Er hatte eindeutig mehr zu verlieren als Zoe, doch das würde er nicht offenbaren, um ihr ja keine Munition zu liefern.

„Du bist mit einer Lüge in diese Ehe gegangen.“ Nadir deutete zur Tür. „Kein Jazaari-Mann würde bei einer Frau bleiben, der er nicht vertrauen kann.“

„Du hast recht.“ Wütend warf sie die Hände in die Luft. „Die meisten Männer, die ich kenne, verstehen nichts von der Bedeutung einer Verpflichtung.“

Nadir strich seine Haare mit den Fingern nach hinten. Ihm fiel es schwer zu atmen, weil ihm ein bleischweres Gewicht auf der Brust zu liegen schien. Hatte sie deshalb akzeptiert, die Bestie zu heiraten? Weil er es sich nicht leisten konnte, eine zweite Ehe annullieren zu lassen?

Eindringlich sah er sie an. Nein, wüsste sie, warum diese Ehe für ihn funktionieren musste, hätte sie dies bereits in ihrem Wortwechsel erwähnt. Tatsächlich verriet ihr Blick, dass Zoe mehr daran interessiert war, ihre eigenen Gründe für diese Hochzeit vor ihm zu verbergen.

Er legte den Kopf schräg. „Was verheimlichst du mir noch?“, wollte er wissen.

Sie streckte das Kinn vor. „Ich weiß nicht, wovon du redest. Ich verheimliche gar nichts.“

Doch, das tat sie. „Bist du sicher?“ Furcht umkrampfte seine Brust. „Vielleicht ein Baby?“

„Ein Baby?“ Sie war sichtlich schockiert. „Glaubst du, ich bin schwanger?“

Nadir zuckte die Schultern und konnte ein wenig leichter atmen. Seine Beschuldigung hatte sie schockiert. Und es war nicht gespielt. Also war es kein Baby, das sie ihm verheimlichte?

Entsetzt weiteten sich Zoes Augen. „Sehe ich denn schwanger aus?“

„Nein, schuldbewusst.“

„Damit ich das richtig verstehe“, sagte Zoe betont langsam. „Weil ich keine Jungfrau mehr bin, muss ich also ein Flittchen sein. Und weil ich in der Vergangenheit Sex hatte, bin ich jetzt schwanger?“

Er hob eine Braue, als er sah, wie empört sie war. „Von Sex wird man nun einmal schwanger.“

„Aber das bin ich nicht“, presste sie hervor.

„Und das soll ich dir glauben?“ Er deutete auf sie. „Nachdem du es mit der Wahrheit ja nicht so genau nimmst?“

Trotzig hob sie das Kinn. „Ich werde mit Freuden einen Schwangerschaftstest machen. Jetzt gleich, wenn ich muss.“

„Entschuldige, aber ich werde nicht am zweiten Tag meiner Flitterwochen bei der Rezeption nach einen Test fragen.“

„Ich verheimliche keine Schwangerschaft.“ Beschwörend legte sie die Hand auf die Brust. „So etwas würde ich weder einem Mann antun noch einem Kind.“

Ein Punkt für sie, was aber nicht hieß, dass er ihr auf der Stelle vertrauen würde. „Das ist sehr bewundernswert“, gab er spöttisch zurück, „aber du bist nicht aufrichtig zu mir gewesen.“

„Tut mir leid, dass ich nicht die perfekte Jazaari-Braut bin, die zu einem Scheich passt. Aber du bist auch kein Hauptgewinn.“

Er trat einen Schritt vor. „Verzeihung?“

„Ich habe geglaubt, dass du dein Versprechen hältst.“

„Was sagst du da? Ich halte immer meine Versprechen.“ Nadir umfasste Zoes Schulter. „Auf meine Zusage ist Verlass.“

Sie schüttelte seine Hand ab. „Du hast versprochen, wir würden erst miteinander schlafen, wenn ich bereit dazu bin. Heute Abend hast du mich verführt und dein Versprechen gebrochen.“

Den Schuh wollte er sich jedoch nicht anziehen. „Du hättest mir jederzeit Einhalt gebieten können.“

Zoe hob eine Braue und schürzte die Lippen. „Wir wissen beide, dass das nicht stimmt.“

Nadirs Kiefer mahlten. Vielleicht war ihr bewusst, dass er seine Hände nicht von ihr lassen konnte. Er musste Abstand wahren. Er vertraute ihr nicht, aber noch wichtiger war, dass er sich selbst nicht vertraute.

Also sollte er sich darauf konzentrieren, dass Zoe ihm immer noch etwas verheimlichte. „Du hast mir dieses Versprechen nur abgerungen, damit ich nicht herausfinde, dass du keine Jungfrau mehr bist.“

Langsam nickte sie. „Das stimmt.“

Ihr Eingeständnis überraschte ihn. Warum war sie plötzlich so freigebig mit der Wahrheit? Das machte ihn noch misstrauischer als eine freche Lüge von ihr.

„Du wusstet, dass ich die Wahrheit herausfinden würde“, fügte er hinzu. „Und dass die Annullierung die mögliche Konsequenz sein könnte.“

„Ich hatte gehofft, du würdest es erst nach Abschluss der letzten Feierlichkeiten entdecken.“

Das machte Sinn. Denn nach der letzten Zeremonie war es beinahe unmöglich, sich scheiden zu lassen. „Wenn ich an dich gebunden wäre?“

„Wenn wir beide aneinander gebunden wären“, verbesserte sie. „Sag mir ehrlich, Nadir, was du jetzt tun willst.“

Er wusste es nicht. Er brauchte diese Ehe, vertraute Zoe aber nicht.

Mit feucht schimmernden Augen sah sie ihn an. „Willst du mich für eine Tat bestrafen, die geschehen ist, bevor ich dich kennenlernte?“

Sie glaubte, dass er aufgebracht war, weil sie keine Jungfrau mehr gewesen war. Und er ließ sie in dem Glauben, während er versuchte, ihre anderen Geheimnisse zu enthüllen. „Du hast nicht das Recht zu fragen.“

„Doch, ich habe das Recht!“ Zorn blitzte in ihren Augen auf, während sie mit dem Fuß aufstampfte. „Deine Entscheidung wird sich auf meine Zukunft auswirken.“

„Daran hättest du denken sollen, bevor du mit mir oder dem anderen Mann geschlafen hast.“

„Ach ja?“ Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Was hättest du denn an meiner Stelle getan? Wie hättest du dieses Thema zur Sprache gebracht?“

„Es ist Zeitverschwendung, darüber nachzudenken“, sagte er und ging an dem niedrigen Tisch vorbei. „Was geschehen ist, ist geschehen.“

Sein Blick fiel auf die Kissen. Was hatte er sich nur dabei gedacht, seine Braut auf dem Boden zu nehmen, verdammt? So hatte er sich diesen Abend nicht vorgestellt.

Jäh blieb er bei diesem Gedanken stehen. Die Verführung war nicht so gelaufen wie geplant. Er hatte sich nicht geschützt.

Nadir schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten. Es bestand die Möglichkeit, dass Zoe mit seinem Kind schwanger war.

Und das veränderte alles. Selbst wenn er bereit wäre, sich dem Zorn eines einflussreichen Stammes zu stellen, weil er eine weitere Ehe annullieren lassen würde, konnte er so etwas seinem Kind nicht antun.

Er musste sich an eine Frau binden, der er nicht vertraute. Und diese Ungerechtigkeit betäubte seinen Verstand. Tief im Inneren wusste er, dass die Schicksalsmächte ihn nun für sein Verhalten nach der ersten Hochzeitsnacht bestraften.

„Nadir, was ist denn?“, fragte Zoe, die hinter ihm stand.

„Ich werde gehen.“ Er musste nachdenken und seine Möglichkeiten abwägen. Auch wenn er bereits wusste, dass er mit Zoe verheiratet bleiben würde, war er noch nicht bereit, dies auszusprechen.

„Wo gehst du denn hin?“, fragte sie ängstlich.

„Ich suche mir einen anderen Platz zum Schlafen für heute Nacht“, entgegnete er auf dem Weg zur Tür. Er musste alles überdenken, ehe er den nächsten Schritt machte.

Zoe zog an seinem Arm. „Das kannst du nicht machen.“

Er sah auf ihre Hand mit dem Hennamuster. „Warum nicht?“ Die Gefühle, die in ihm kämpften, machten ihn benommen. „Hast du Angst um deinen Ruf?“

„Ja, das habe ich tatsächlich.“ Entschieden fasste sie nach seinem Ärmel. „Der Bräutigam bleibt in der Hochzeitssuite. Wenn sich herumspricht, dass ich dir missfallen habe, bekomme ich große Probleme.“

„Niemand würde so etwas annehmen.“ Aber stimmte das wirklich? Der Stamm, dem Zoe angehörte, war eine verschworene Gemeinschaft. Bei Sonnenaufgang würde jeder wissen, dass Zoe nicht nach seinem Geschmack war. Sie war bereits eine Außenseiterin, und diese neue Entwicklung würde ihr das Leben noch schwerer machen.

„Nadir, hör mir zu.“ Sie vergrub ihre hellroten Nägel in dem weichen Hemdstoff. „Du kannst mich nicht meinem Onkel zurückgeben.“

Er wusste, dass es grausam wäre, sie zu ihrer Familie zurückzuschicken.

„Mein Onkel wäre dadurch entehrt und würde mich töten.“ Ihre Stimme zitterte. „Niemand würde ihm Einhalt gebieten. Meine Tanten und der Stamm würden seine Entscheidung unterstützen und ihn in seinem Tun ermutigen.“

„Ein Ehrenmord ist in Jazaar verboten.“ Vermutlich war sie im Haus ihres Onkels bereits misshandelt worden, denn sie war zu jung, um schon so zynisch zu sein. Hatte ihr Onkel sie nicht beschützt? Hatten die Verwandten ihr die Wunden zugefügt? Er musste mehr über ihre Vergangenheit und das Leben in ihrer Familie wissen.

„Das wird ihn nicht abhalten“, sagte Zoe. „Bitte, Nadir. Du kannst mich nicht den Wölfen zum Fraß vorwerfen.“

„Sag du mir nicht, was ich tun soll“, erwiderte Nadir und öffnete die Tür.

„Du gehst trotzdem – nach allem, was ich dir gesagt habe?“ Zoe ließ seinen Arm los. „Willst du diese Ehe annullieren lassen?“

„Hör auf, mich zu bedrängen“, mahnte er und ging auf den Flur. „Du wirst es bei der Zeremonie erfahren, so wie alle anderen.“

6. Kapitel

Am nächsten Abend kehrte Nadir in die Hochzeitssuite zurück. Er hatte eine Entscheidung getroffen, war jedoch nicht glücklich damit. An seinem Vorsatz hatte sich nicht viel geändert, seit ihm bewusst geworden war, dass Zoe von ihm schwanger sein könnte.

Bis jetzt hatte er alles versucht, ihr fernzubleiben, und wie erwartet wagte keiner danach zu fragen, warum er ein anderes Zimmer benötigte. Da er ständig geschäftliche Anrufe bekam, hatte der kurze Hinweis genügt, er wolle seine Frau nicht stören.

Ein schiefes Lächeln umspielte seine Lippen. Er war fast schon genauso gut im Lügen wie seine Frau.

Seine Frau. Wie Messer schnitten ihm die zwei Worte ins Herz. Seine betrügerische, unzuverlässige Frau. Der Gedanke an sie hatte ihn die ganze Nacht wachgehalten.

Noch schlimmer war, dass er sich tagsüber nicht auf die dringenden Geschäftsverhandlungen konzentrieren konnte. Immer wieder dachte er an ihre weiche, duftende Haut oder daran, wie sie in der Hitze der Leidenschaft die Beine um seine Hüften geschlungen hatte. Sein Wunsch, mit ihr zusammen zu sein, war genauso stark wie der, sich von ihr fernzuhalten.

Erregt durch die sinnliche Erinnerung blieb Nadir stehen. Er musste dieses mächtige Verlangen bezwingen. Entschlossen schob er die Schlüsselkarte in die Tür.

Nadir würde Zoe deutlich machen, dass er sich von ihren weiblichen Reizen oder den Tränen nicht beeindrucken ließ. Die Nacht würde eine Qual werden. Auf der einen Seite musste er den glücklichen Bräutigam spielen, auf der anderen Seite den körperlichen Kontakt auf ein Minimum reduzieren.

Nachdem er die Suite betreten hatte, runzelte er die Stirn, da seine widerspenstige Braut nicht im Wohnzimmer auf ihn wartete. Ein schlechter Zug von ihr, wie er fand. Wenn Zoe mit ihm verheiratet bleiben wollte, sollte sie gehorsam und schweigend bereitstehen für ihn.

Bei diesem Gedanken verzog er das Gesicht. Er klang wie sein Vater mit seinem archaischen Denken und den überholten Wertvorstellungen. Zoe hatte eine bemerkenswerte Fähigkeit, seine Ideale infrage zu stellen.

Als Nadir sich dem Schlafzimmer zuwandte, entdeckte er die beiden Dienstmädchen, die für Zoe zuständig waren. Zaghaft klopften sie mit ihren ringgeschmückten Händen an die geschlossene Tür.

„Warum helft ihr der Sheika nicht beim Anziehen?“, fragte er und trat zu ihnen.

Keuchend wirbelte Amina herum und umklammerte ihre klobige Halskette. Halima sah ihn nur kurz an, ehe sie ergeben den Kopf senkte.

„Wir hatten gerade letzte Hand angelegt“, sagte Amina. „Dann hat sie uns hinausgeschickt und sich im Schlafzimmer eingeschlossen.“

Nadir ließ sich nichts anmerken, obwohl er wusste, dass Zoe das Schlafzimmer nicht kampflos verlassen würde.

„Sie sagt, dass sie nicht zur Zeremonie geht“, fügte Halima mit hängendem Kopf hinzu.

Es war grundfalsch von Zoe, dies abzulehnen. Sie würde bald lernen, ihn nicht so unverschämt herauszufordern. „Ihr könnt jetzt gehen“, erklärte er. „Ich werde meine Frau selbst für die Zeremonie vorbereiten.“

Amina und Halima wechselten einen Blick, der davon sprach, dass seine zur Schau gestellte Geduld sie wenig überzeugte.

„Kein Grund zur Sorge“, meinte er mit aufgesetztem Lächeln. „Meine Frau hasst Zeremonien und ist es nicht gewohnt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Ich kümmere mich darum.“

Immer noch zögerten die beiden älteren Frauen und eilten erst davon, als Nadir ihnen einen Befehl erteilte, verbunden mit der Einladung, am Fest teilzunehmen. Schließlich überlegte er, wie sein Vater und Großvater mit einer ungehorsamen Braut verfahren wären.

Nein, dachte Nadir und schloss die Augen. Er würde sich nicht wie seine Vorfahren verhalten. Zoe war eine moderne Frau, und er würde sich wie ein zivilisierter Mann benehmen.

Entschieden klopfte er an die verschlossene Tür. „Zoe? Es ist Zeit, zur Zeremonie aufzubrechen.“

„Ich gehe nicht.“

Nadir vermutete, dass er wieder einmal einen Blick auf die wahre Zoe erhascht hatte. Stur. Unkontrollierbar. Faszinierend. „Mach die Tür auf“, sagte er warnend.

„Damit du mich dem Stamm präsentieren und ihm sagen kannst, dass ich deiner nicht wert bin? Und danach schickst du mich zu meinem Onkel zurück? Vergiss es.“

Dieses Thema würde er sicher nicht durch die verschlossene Tür mit ihr diskutieren. „Ich warne dich, zum letzten Mal.“

„Du kannst die Erklärung auch ohne mich abgeben“, sagte Zoe. „Und mir später erzählen, wie das Fest war.“

Nadir trat einen Schritt zurück, ehe er fest gegen die Tür trat. Zoes entsetzten Aufschrei hörte er kaum über das Splittern von Holz hinweg. Die Tür schwang auf und krachte gegen die Wand.

Zoes goldenes Gewand wirbelte um sie herum, als sie sich umdrehte. Nadir hielt sich am Türrahmen fest, weil seine Knie nachzugeben drohten.

Lange sah er sie schweigend an, während sein Herz hämmerte. Ihre dunklen Haare waren zu einer weichen Lockenpracht hochgesteckt, und statt eines Schleiers trug sie eine schmale funkelnde Tiara. Zoe war in eine wahrhaft königliche Schönheit verwandelt worden.

Der Kaftan betonte ihre Rundungen, und Nadir schluckte schwer. Schon beim ersten Anblick hatte er Zoe sexy gefunden, doch jetzt war er überwältigt von ihrer sinnlichen Anziehungskraft.

Abwehrend stand sie vor ihm, die Hände zu Fäusten geballt, Kampfgeist und Furcht im Blick. „Solltest du mich mit Gewalt zur Zeremonie schleppen“, sagte sie gepresst, „werde ich um mich treten und schreien.“

„Das bezweifle ich nicht.“ Nadir war wie hypnotisiert.

Zoe verengte die Augen, als sie sah, wie er den Raum betrat. „Ich werde nicht neben dir stehen, nur um mich öffentlich beleidigen zu lassen.“

Vorsichtig näherte er sich ihr. Sie war unwiderstehlich und er traute seiner Selbstkontrolle nicht. „Wenn du dich benimmst, werde ich nicht um die Annullierung bitten.“

Zoes Blick zeigte keine Erleichterung, sondern Misstrauen. „Ich glaube dir nicht. Deine Psycho-Spielchen ziehen nicht bei mir.“

„Mir ist egal, dass du in unserer Hochzeitsnacht nicht mehr unschuldig warst.“

Zoe sah hastig zur Tür. „Sprich leise.“

„Aber mir ist nicht egal, dass du Geheimnisse vor mir hast. Ich will keine unliebsamen Überraschungen.“ Er hielt kurz inne. „Wenn ich diese Ehe wirklich beenden wollte, müsste ich nur die Ältesten in dieses Zimmer bitten, um die notwendigen Rituale durchzuführen.“

Abwehrend streckte sie die Hand aus. „Komm keinen Schritt näher.“

Er ignorierte ihren Einwand und trat zu ihr, bis ihre ausgestreckte Hand an seine Brust stieß. Er spürte, dass ihre Finger zitterten. „Du wirst dieser Zeremonie beiwohnen, Zoe. Und du wirst mit glücklichem und zufriedenem Gesicht an meiner Seite stehen.“

Freudlos lachte Zoe auf. „Das wird sicher nicht geschehen.“

Tief atmete Nadir durch. „Du solltest wissen, dass meine letzte Hochzeit meiner Beziehung zu deinem Stamm sehr geschadet hat.“

Langsam senkte sie die Hand. „Ach ja?“

Er nutzte die Gelegenheit und trat noch näher. „Die Ältesten glauben, dass ich zu modern denke, um eines Tages über Jazaar herrschen zu können. Deshalb haben sie mir dich gegeben. Eine amerikanische Braut. Viele haben mein Vorgehen bei der letzten Hochzeit als Beispiel dafür gesehen, dass ich die Tradition nicht respektiere.“

„Dann wirst du also ein moderner Herrscher sein. Sie werden lernen müssen, es zu akzeptieren. Wo soll also das Problem sein?“

Er zögerte. Wollte er Zoe wirklich wissen lassen, dass er auf sie angewiesen war? Sie könnte die Information gegen ihn verwenden, aber er musste sich trotzdem erklären.

„Sie werden versuchen, mich zu zerstören, Zoe, um ihren eigenen Lebensstil zu schützen.“

Vorsichtig sah sie ihn an, um herauszufinden, ob dies nur eine geschickte Lüge war.

„Wenn ich um eine weitere Annullierung bitte, wird dies ernste politische Folgen nach sich ziehen“, räumte er ein.

Er sah, dass sie den Blick abwandte. Ob sie über seine Worte nachdachte? Oder sich schon seinen Untergang ausmalte?

„Denk dabei nicht an mich“, sagte er ruhig. „Denk an die, die du geheilt hast. Die Familien, um die du dich gekümmert und die Kinder, die du mit zur Welt gebracht hast. Sie werden alles verlieren, wenn der Stamm versucht, mich zu bekämpfen.“

Er spürte, dass sie mit sich rang. Zoe mochte in ihrem Stamm eine Außenseiterin sein, aber sie war nicht nachtragend. Und die Menschen, denen sie geholfen hatte, waren ihr sehr wichtig.

„Du musst mir vertrauen“, bat er heiser, da die Gefühle seine Brust zusammenschnürten.

Sie schüttelte den Kopf. „Du hast dein Versprechen mir gegenüber schon einmal gebrochen. Du hast deine erste Frau wieder zu ihrem Stamm zurückgeschickt, und ich soll dir jetzt glauben, dass du nicht noch einmal das Gleiche tust?“

Er musste einräumen, dass er sehr viel von ihr verlangte, aber mit weniger würde er sich bei seiner Frau nicht zufriedengeben.

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Du wirst vielleicht einen Rückschlag erleiden, aber ich werde diejenige sein, die zerstört wird. Dich kann doch in Wahrheit niemand aufhalten.“

Und nichts kann mich davon abhalten, dich über meine Schulter zu werfen und aus diesem Zimmer zu tragen“, erwiderte er.

Ihre Blicke begegneten sich, die Luft erfüllt von gespannter Erwartung. Nadir hatte ihr nichts verheimlicht, weil er entschlossen war, ihr zu zeigen, dass er nicht log. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zum letzten Mal so bloßgestellt gefühlt hatte.

„Eines lass dir gesagt sein, Nadir“, presste Zoe zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Wenn du mich anlügst, werde ich dich mit meinen bloßen Händen töten.“

Erleichterung durchflutete ihn, und er umfasste ihr Handgelenk, als sie an ihm vorbeiging. Abrupt blieb sie stehen. Er spürte ihren hämmernden Puls unter seinen Fingerspitzen. „Bleib an meiner Seite und nimm meinen Arm.“

Sie murmelte etwas, das er nicht verstand, weil sein Blut laut in seinen Ohren rauschte. Als sie ihre Hand in seine Armbeuge legte, spürte er überrascht die Energie, die sie verströmte.

Ob sie ihm wirklich glaubte, oder war sie darauf aus, ihm einen katastrophalen Abend zu bereiten? Nadir konnte es nicht sagen, und ihm gefiel nicht, ein Schlachtfeld zu betreten, ohne seine Verbündeten und seine Feinde zu kennen.

Sanft legte er seine Hand auf ihre. „Jetzt überlass dich meiner Führung.“

Sie weigerte sich, ihn anzusehen. „Dann sorge dafür, dass ich es nicht bereue.“

Zoe wollte sich zwar nicht an Nadirs Arm festhalten, glaubte aber, sich allein nicht aufrecht halten zu können. Ihre Beine zitterten entsetzlich, und sie fühlte sich benommen.

Als ein Bediensteter den Aufzug für sie anhielt, protestierte Zoes Körper dagegen, weiterzugehen. Beinahe wäre sie gestolpert, als Nadir sie sanft anstupste.

„Entspann dich“, flüsterte er, nachdem sie den Lift betreten hatten.

Ach ja, entspannen? Sagt der Scharfrichter zu dem Gefangenen, ehe er die Axt schwingt?

Zoe schloss die Augen und atmete zitternd ein. Sie traute Nadir nicht, obwohl sie es wollte. Schon der Gedanke war erschreckend, weil sie bisher kaum einem Mann vertraut hatte. Früher oder später hatten alle sie enttäuscht. Sie betrogen. Benutzt. Warum sollte Nadir anders sein?

Nervös warf sie einen Blick zu ihm, doch er sah sie nicht an. Sie wusste nicht, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war. Um das herauszufinden, musste sie in seine Augen sehen. Sollte ein Funke von Freundlichkeit darin liegen, wüsste sie, dass alles gut verlaufen würde.

„Nadir?“ Ihr gefiel überhaupt nicht, wie ihre Stimme zitterte.

Er sah zur Anzeige, die ihm verriet, in welchem Stock sie waren. „Gleich wirst du deine beste Vorstellung geben.“

Sie hörte das Klingeln und trat einen Schritt zurück. Sie war nicht bereit, den Aufzug zu verlassen. Aber es gab kein Zurück, denn Nadir verstärkte seinen Griff um ihre Hand.

Bebend holte sie Luft und betete um ein Wunder. Als die Tür aufging, hob sie den Kopf, setzte ein höfliches Lächeln auf und trat hinaus.

In der kleinen Lobby war es still und fast menschenleer, weil die meisten Gäste im Innenhof auf sie warteten. Musik und Stimmen drangen von draußen herein.

„Zoe?“ Ihre Cousine Fatimah stand vor den Aufzügen. Sie trug einen aufsehenerregenden Kaftan in leuchtendem Rot.

Nein, nein, nein. Zoes Lächeln gefror. Ihre boshafte Cousine, die Nadir vielleicht noch einen zusätzlichen Grund liefern würde, sie zu verlassen, war das Letzte, was sie jetzt brauchte.

„Meine herzlichsten Glückwünsche zu deiner Hochzeit.“

„Danke, Fatimah“, sagte Zoe steif, weil sie wusste, wie falsch die Worte waren.

Fatimah warf Nadir einen verschlagenen Blick zu. „Und auch an Eure Hoheit. Ich bin so froh, dass Zoe Euch gefallen hat.“

Misstrauisch legte Zoe den Kopf schräg. Etwas im Ton ihrer Cousine verriet ihr, dass sie zum ersten Schlag ausholte.

„Aber das überrascht mich nicht“, fuhr Fatimah im Plauderton fort, ein böses Funkeln in den Augen. „Wenn man bedenkt, wie viel Erfahrung sie mit Männern hat.“

Zoe erstarrte. Die vernichtenden Worte ihrer Cousine hatten sie wie ein Peitschenhieb getroffen. Sie konnte nicht glauben, wie sehr Fatimah sie hasste.

„Du solltest sehr, sehr vorsichtig sein, Fatimah“, sagte Nadir mit gefährlich klingendem Unterton. „Alles, was gegen Zoe gerichtet ist, ist auch gegen mich gerichtet.“

Fatimah sah Nadir an, als hätte sie einen ihr unbekannten Gegner vor sich. „Ich verstehe nicht“, meinte sie süßlich.

„Dann lass es mich klar und deutlich sagen.“ Auch wenn er seine Stimme nicht erhob, klang er sehr bedrohlich. „Sollte es irgendwelche boshaften Gerüchte über Zoe geben, werde ich dich dafür verantwortlich machen.“

Entsetzt zuckte Fatimah zusammen. „Aber das ist nicht fair.“

Nadir zuckte die Schultern; es war ihm egal. „Ich bin ein verständnisvoller Mann, aber wenn man mir in die Quere kommt, kenne ich keine Gnade.“

Zoe klammerte sich an Nadirs Arm, als er Fatimah stehen ließ und mit seiner Frau weiter zum Innenhof ging.

„Deine Cousine wird versuchen, dir noch einen Schlag zu versetzen“, murmelte er, „aber ich habe ihr die Krallen gestutzt. Sie dürfte keine wahre Bedrohung mehr darstellen.“

„Danke“, erwiderte sie schwach, unsicher, was sie sagen oder tun sollte. Es war so lange her, dass jemand sie verteidigt hatte.

Sein Griff um ihre Hand verstärkte sich, sodass sie ihn ansehen musste. Seine Miene verriet nur Kälte, keinen Hauch von Weichheit. „Ich dachte, niemand wüsste davon.“

Zoe verspannte sich. Sie würde sich nichts vorwerfen lassen. „Ich habe nie jemandem ein Wort gesagt. Das wäre Selbstmord gewesen.“

„Dann hast du deinem Liebhaber wohl nicht genug bedeutet, dass er dich beschützt“, entgegnete er mit brutaler Ehrlichkeit. „Und du warst äußerst leichtsinnig.“

„Könnten wir das Thema im Moment fallen lassen?“, fragte sie, als die Geräusche aus dem Innenhof lauter wurden.

„Mit Vergnügen.“

Die Hochzeitsgäste warteten schon ungeduldig und begrüßten Zoe und Nadir mit Applaus. Zoe wäre am liebsten zurückgeblieben und hätte sich in Luft aufgelöst.

Als sie zum Podium mit den persischen Teppichen schritten, bemerkte Zoe die neugierigen Blicke. Panik erfasste sie und der süße Duft der Blumen drohte sie zu ersticken.

Sie zwang sich, ihr Lächeln beizubehalten, während die Stammesleute Nadirs Miene musterten. Wahrscheinlich hatten sie Wetten über den Ausgang dieser Hochzeit abgeschlossen.

Zoe warf erneut einen Blick zu Nadir. Seine Miene gab nichts preis. Er wird dich nicht zu deinem Onkel zurückschicken, redete sie sich verbissen ein, während sie dem Podium immer näher kam. Hier würde über ihr Schicksal entschieden werden. Er hat dich gegen Fatimah verteidigt. Doch vielleicht war das einfach nur eine letzte Beschützergeste, bevor er sie fortjagte. Und was würde geschehen, wenn Nadir nicht mehr da war, um auf sie aufzupassen?

Er würde die Ehe annullieren lassen, dessen war Zoe sicher. Von Angst erfüllt starrte sie auf die persischen Teppiche und überlegte, wie sie entkommen könnte.

Aber sie konnte sich nirgendwo verstecken, denn sie würde es nicht einmal einen Tag in der Wüste aushalten, die das Dorf umgab. Also blieb ihr nur, sich allen zu stellen.

Plötzlich endete die Musik, und die Gäste verstummten. Benommen hörte Zoe das vertraute Rascheln, das die Ankunft des Stammesoberhauptes ankündigte. Nur noch wenige Augenblicke, bis Nadir sie entweder als seine Frau beanspruchen oder sie verstoßen würde.

Jetzt stand der Älteste vor ihnen. Zoe sah schwarze Punkte vor den Augen und klammerte sich fester an Nadirs Arm. Es erschien ihr seltsam, sich auf einen Mann zu verlassen, dessen Stärke sie zerstören konnte.

Ihre Hände waren eiskalt, während Nadir und der Älteste Höflichkeiten austauschten. Als sie Zoe schließlich ihre Aufmerksamkeit zuwandten, glaubte sie zu zerbrechen.

„Erlaubt mir, Euch meine Frau vorzustellen“, sagte Nadir zu dem älteren Mann.

Ihr Atem setzte aus. Sie hatte Angst, sich an Nadir zu lehnen. Sollte sie seine Worte nur geträumt haben? Erst als die Gäste in Jubel ausbrachen, wusste sie, dass sie nicht länger unter der herzlosen Macht ihres Onkels stand.

Jetzt gehörte sie zu Nadir, dem Scheich.

7. Kapitel

Zoe schickte ihre neugierigen Dienstmädchen an diesem Abend fort und warf einen letzten Blick zur Uhr. Die Zeremonie hatte schon vor Stunden ihr Ende genommen. Statt mit Zoe in die Hochzeitssuite zurückzukehren, war Nadir einer Einladung des Stammesältesten gefolgt. Er hatte sie nach oben geschickt, ohne ihr noch einmal einen Blick zuzuwerfen.

Nachdem sie alles riskiert hatte, hatte er keine Verwendung mehr für sie. Na schön, dachte Zoe, schnippte gegen ihr kurzes grünes Negligé und ging zum Bett. Sie war froh darum, denn sie war müde und musste sich so nicht länger von ihrer besten Seite zeigen.

Nachdem sie zwischen die Laken geschlüpft war und das Licht gelöscht hatte, bettete sie den Kopf auf das Kissen. Könnte sie doch vergessen, welches Vergnügen Nadir ihr letzte Nacht bereitet hatte. Sie musste Abstand wahren, sich nicht von ihm abhängig machen. Ihn nicht begehren. Das brachte ihr nur Ärger ein.

Zoe runzelte die Stirn, als Bilder von Nadir und Onkel Tareef vor ihrem geistigen Auge aufstiegen. Sie hatten sich während der Zeremonie wie Freunde unterhalten. Und das tat ihr weh, weil Nadir wusste, wie der Onkel sie behandelt hatte. Vielleicht glaubte Nadir ihr nicht. Welcher Mann würde das Wort einer Frau schon über das eines Mannes stellen?

Solange sie in diesem ultrakonservativen Wüstenkönigreich lebte, war sie weder sicher noch frei, stand aber zumindest unter dem Schutz des Scheichs.

Schutz war alles, was sie von Nadir bekommen würde. Und damit war sie sehr zufrieden. Wenn sie Glück hatte, würde er ihr kaum Aufmerksamkeit schenken. Er hatte die Ehe vollzogen und musste nicht länger mit seiner Frau zusammen sein. Wahrscheinlich war er jetzt schon in der zweiten Hotelsuite, während sie sich nach seiner Berührung sehnte.

Rastlos drehte sie sich hin und her. Was machte es schon, dass sie eine lieblose Ehe führte? Sich nach einem Mann sehnte, der nicht das Bett mit ihr teilen wollte? Es war besser so. Sie würde darüber hinwegkommen, dass er sie ablehnte. Und wenn sie erst wieder in Texas war, würden ihre alten Freunde sie herzlich aufnehmen und sie würde sich nicht mehr so allein fühlen.

Sie boxte gegen das Kissen. Jedenfalls würde sie sich Nadir nicht an den Hals werfen, nur weil sie einsam war. Und sie würde auch nicht den Fehler machen, Liebe mit Sex gleichzusetzen. Nur gut, dass sie bei Musad ihre Lektion gelernt hatte, denn sollte Nadir sie erneut verführen wollen, könnte sie ihm nicht widerstehen.

Aber sie musste sich ohnehin keine Sorgen machen, denn er würde sicher nicht mehr in dieses Bett zurückkehren.

Zoe rollte sich zusammen, um von einem besseren Morgen zu träumen, aber sie konnte sich nicht entspannen.

Gerade als sie in den Schlaf gleiten wollte, wurde das Laken angehoben, und die Matratze gab neben ihr nach. Benommen blinzelte sie und sah, dass Nadir neben ihr lag.

Hitze strömte durch ihre Adern. Ihr gefiel ganz und gar nicht, wie elektrisiert sie sich bei Nadir fühlte, aber gleichzeitig war dieses Gefühl berauschend. „Was machst du hier?“

„Das ist mein Bett.“

Gaukelten die Schatten ihr vor, dass er näher rückte? Dabei hätte sie schwören können, dass er sich nicht bewegt hatte. „Letzte Nacht war es auch dein Bett, aber du hast nicht darin geschlafen.“

„Letzte Nacht kannte ich auch noch nicht deine niedrigen Beweggründe für die Heirat mit der Bestie.“

Ihr stockte der Atem. Auch wenn er überzeugt klang, wusste er nicht alles. Das war unmöglich. „Und jetzt weißt du es?“, fragte sie und versteckte ihre Verletzlichkeit hinter einem angriffslustigen Ton.

„Du hast einer arrangierten Ehe zugestimmt, weil du das Haus deines Onkels verlassen wolltest, ehe er von deiner … unklugen Romanze erfuhr.“

Wäre sie nicht so nervös gewesen, hätte sie darüber gelacht, wie er den größten Fehler ihres Lebens herunterzuspielen versuchte.

„Auch wenn du mich damit überrumpelt hast, ist es mir egal, ob du als Jungfrau in die Ehe gegangen bist oder nicht.“

„Wie modern du denkst“, meinte sie gedehnt.

„Du hättest mich vorwarnen können.“

„Nein, das konnte ich nicht.“

„Letzte Nacht hatte ich das Gefühl, dass du noch etwas verheimlichst. Etwas Ernsteres. Aber deine einzige Sorge war, dass du zu deiner Familie zurückgeschickt wirst. Diese Sorge ist aus dem Weg geräumt. Heute Nacht gibt es also nichts mehr zu verheimlichen.“

Wie falsch er doch lag. „Du bist ja sehr versöhnlich gestimmt“, sagte sie. „Um was geht es denn wirklich?“

„Soll ich ehrlich sein?“ Er zog sie an sich. „Ich konnte mich nicht von dir fernhalten.“

„Hör auf, mich aufzuziehen. Das ist nicht witzig.“ Sie presste die Hände gegen seine nackte Brust. Als sie gegen seine Beine stieß, spürte sie, dass sie ebenfalls nackt waren. Erregung durchflutete sie.

„Du glaubst mir nicht?“ Seine Stimme klang rau. „Dann lass es mich dir zeigen.“

Zoe wusste, dass sie protestieren und sich ihm entziehen sollte. Aber wenn er sie berührte, konnte sie an nichts anderes denken. Die Gefühle, die er in ihr weckte, waren so intensiv, dass sie alles andere für den Moment vergaß.

Nadir bedeckte ihren Mund mit seinem. Heißes prickelndes Verlangen durchzuckte sie, und sie schmiegte sich an ihn, als seine Küsse fordernder wurden.

Sie sollte sich nicht so schnell geschlagen geben. Vielmehr sollte sie sich innerlich von ihm distanzieren und nichts von ihren tiefsten Ängsten und Wünschen verraten. Nadir durfte niemals so viel Macht über sie haben.

Sie rückte von ihm ab. „Es ist nicht notwendig, dass wir im gleichen Bett schlafen. Wir sind bereits offiziell verheiratet.“

„Und ich weiß, wie wir diese Heirat zelebrieren können.“ Nadir zog sie wieder an seine Brust, und sie spürte die Hitze, die ihm entströmte. „Und dafür braucht man ein Bett.“

„Das ist keine gute Idee“, flüsterte sie. „Wir müssen nicht miteinander schlafen. Die Ehe ist vollzogen und damit legal. Es gibt kein Zurück mehr.“

„Dann sieh es als Zusatzversicherung“, schlug er vor und liebkoste ihren Rücken.

Zoe presste ihre Brüste an ihn, und die harten Knospen rieben über die dünne Seide. Sie war bereit, die notdürftige Erklärung zu akzeptieren, denn sie wollte noch eine Nacht mit dem Scheich verbringen.

Ungeduldig zupfte Nadir an dem Träger ihres Negligés. „Zieh das aus“, sagte er an ihrem Mund.

Zögernd schüttelte Zoe den Kopf. Je mehr zwischen ihnen stand, desto besser war es für sie.

Nadir versuchte nun, sie mit seinen Küssen zu überzeugen. „Du musst bei mir nicht schüchtern sein“, flüsterte er.

Mit Schüchternheit hatte das nichts zu tun.

Obwohl ihr erster Impuls gewesen war, das Negligé auszuziehen, konnte sie nicht so schnell kapitulieren und ihm die Führung überlassen. Hätte sie nur so viel Macht über ihn wie er über sie.

„Und was ist, wenn ich dir die Führung überlasse?“, fragte er.

Zoe biss sich auf die Lippe. „Du wirst mir die Kontrolle wieder entreißen.“ Es war nicht die ganze Wahrheit, nur einer der Gründe.

„Stell mich auf die Probe.“

Das würde sie liebend gern, aber sie konnte es nicht tun. Sie wollte Nadir, durfte ihm jedoch nicht zu nahe kommen. Aber es wäre ja nur noch dieses eine Mal …

Zoe strich mit den Händen über seine breiten Schultern und den Rücken. Sie spürte die Stärke und Kraft unter seiner warmen Haut. Als sie mit den Fingerspitzen über seinen Hüftknochen fuhr, zuckte er zusammen, was Zoe ein Lächeln entlockte. Er war also kitzlig, und es freute sie über die Maßen, einen Schwachpunkt bei ihm entdeckt zu haben.

Ihre Hand wanderte weiter nach unten, bis Nadir ihr Handgelenk umfasste. Enttäuscht stöhnte sie auf, als er ihre Hand auf seine Schulter legte.

„Willst du nicht, dass ich dich berühre?“, fragte sie.

„Ich will nicht, dass dies endet, bevor es begonnen hat“, entgegnete er und schob den Träger über ihre Schulter.

„Wir haben noch die ganze Nacht Zeit“, erinnerte sie ihn und fuhr mit den Fingerspitzen über seine Brust.

Als Nadir sie eindringlich ansah, hielt Zoe die Luft an. Sie war nicht sicher, was er zu finden hoffte. Die Dunkelheit lag wie ein Schleier über ihrem Gesicht, sodass er nicht in ihren Augen lesen konnte.

Zu ihrer Überraschung zog Nadir sie an sich, rollte sich auf den Rücken, sodass sie auf ihm lag und ihn verwirrt ansah.

„Berühre mich, sooft du willst“, bot er an.

Zoes Herz hämmerte, ihre Haut fühlte sich heiß an. Sie wollte alles von ihm kosten, aber damit würde sie verraten, wie sehr sie ihn begehrte und dass sie nicht die Hände von ihm lassen konnte. Das würde er zu seinem Vorteil nutzen.

Außer sie würde ihn vor Lust zur Raserei bringen, obwohl sie nicht wusste, ob sie das schaffen würde. Langsam spreizte sie seine Beine und legte ihre Hände auf seine Schultern.

„Leg die Hände hinter deinen Kopf“, befahl sie sanft und fügte auf seinen neugierigen Blick hinzu: „Ich will nicht, dass du mich abhältst.“

„Nie im Leben“, sagte er gedehnt und schob die Hände unter seinen Kopf.

Sie bemerkte sein arrogantes Lächeln und das männliche Selbstbewusstsein, das er verströmte. Und sie wollte ihn in seinem Selbstvertrauen aus dem Konzept bringen.

Zoe senkte den Kopf, sodass ihre langen Haare seine Schultern umflossen. Mit der Zunge strich sie über sein Schlüsselbein und seinen Hals hinauf. Er schmeckte warm, männlich. Bewusst sinnlich leckte sie sich dann über die Lippen und sah, dass seine Miene angespannt wirkte.

„Soll ich aufhören?“, quälte sie ihn.

Seine Augen funkelten. „Nein“, brummte er.

Feuer durchströmte ihre Adern. Er wollte genauso wenig Schwäche zeigen wie sie selbst. Langsam streichelte sie seine Brust, dann neckte sie seine Brustwarzen mit den Zähnen. Als sie schließlich seinen Bauch liebkoste, spürte sie, wie er die Luft anhielt und seine Muskeln sich unter ihrer Berührung verspannten.

Sanft umfasste sie seine harte Männlichkeit. Er bog sich ihr entgegen, als sie ihn in den Mund nahm, und vergrub seine Finger in ihrem seidigen Haar.

Plötzlich schob er sie hoch und umfasste ihre Taille. Benommen sah sie ihn an, während er sie rittlings auf seine Hüften setzte.

„Ich dachte, ich habe das Sagen“, murmelte sie.

„Ich habe es mir anders überlegt“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Sie spürte die sinnliche Energie, die von ihm ausging. Hitze durchzuckte sie, als sie seine Männlichkeit in sich aufnahm. Sie wollte die Augen schließen, damit er nicht sah, was sie fühlte, aber sie konnte den Blick nicht von ihm wenden.

Bewusst langsam zog sie das Negligé aus und fühlte sich unter seinem brennenden Blick nicht mehr verletzlich, sondern wunderschön. Sexy. Mächtig.

Als er ihre Hüften fester umfasste, wusste sie, dass er nun die Führung übernahm. Unversehens verfiel er in einen ungezügelten Rhythmus.

Das Vergnügen, das Nadir ihr bereitete, war überwältigend. Sie verlor jede Kontrolle und folgte ihm gedankenlos. Ihr schien, als ob ihr Körper ein Eigenleben führte.

Zoe schrie auf, konnte ihre Lust nicht länger verbergen. Sie ritt auf der Welle ungezügelter Leidenschaft, als sie spürte, dass auch Nadir Erleichterung fand.

Erschöpft bettete sie schließlich ihren Kopf an seine Schulter. Sie wusste, dass es besser wäre, sich wieder auf ihre Seite des Bettes zu legen, aber sie wollte die Nähe noch ein wenig länger genießen.

Sie kniff die Augen zusammen und lauschte dem Pochen von Nadirs Herz. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie sich noch in ihren Ehemann verlieben.

Und das wäre der größte Fehler, den sie machen könnte.

8. Kapitel

Helle Sonnenstrahlen fielen durch die Schlafzimmerfenster. Nadir stützte sich auf, legte das Kinn in die Hand und betrachtete die schlafende Zoe. Sie hatte sich zusammengerollt, die Fäuste unter dem Kissen.

Selbst im Schlaf verschloss sie sich. Er wusste, dass das nicht immer so war. Einem Mann hatte sie den Zugang zu ihrem Herzen erlaubt. Einem Mann, der ihr Vertrauen nicht wert gewesen war.

Bald würde Zoe lernen, ihm zu vertrauen und sich auf ihn zu verlassen. Es war sein Recht, absolute Loyalität und Ehrerbietung von seiner Frau zu erwarten. Vielleicht müsste er sie von Zeit zu Zeit in den Bergen besuchen, um ihre Bereitschaft wieder zu bestärken. Es würde ihm nicht schwerfallen, das Bett mit ihr zu teilen, wann immer er sie besuchte.

Aber sie würde niemals im Sultanspalast leben. Dafür war sie zu amerikanisch, zu unpassend, um seine Frau zu sein. Wollte er die politische Unterstützung der Jazaari-Männer, musste er sie verstecken.

Nadir strich ihr eine Haarsträhne von der Wange. Zoe runzelte die Stirn und rollte sich noch enger zusammen.

Er war versucht, sie zu streicheln, damit sie sich ihm öffnete. So wie letzte Nacht, als er einen Blick erhascht hatte auf die Leidenschaft, die in ihr brannte. Er malte sich aus, wie wild und intensiv ihr Liebesleben sein würde, wenn sie ihm erst ganz vertraute.

Unruhig verlagerte er sein Gewicht, als Erregung ihn erfasste. Er wollte sie schon wieder, wurde langsam unersättlich. Selbst im Schlaf hatte er sie berührt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal bei einer Frau so gefühlt hatte. Trotzdem wollte er dieses Verlangen nicht näher hinterfragen, denn er war sicher, dass die brennende Begierde abkühlte, sobald die Flitterwochen vorbei waren.

Als sein Handy klingelte, war er versucht, seine Pflichten zu vergessen und den Rest der Welt auszuschließen, um sich an diesem Morgen nur der Lust mit Zoe hinzugeben.

Doch das ständige Klingeln erinnerte ihn daran, dass er seinen geschäftlichen Pflichten nicht entkommen konnte. Also stand er so leise wie möglich auf, um Zoe nicht zu wecken. Nackt ging er ins Wohnzimmer, auf der Suche nach seinem Handy.

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