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11 Februar Krimis 2018 auf 1422 Seiten

11 Februar Krimis 2018 auf 1422 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

11 Februar Krimis 2018 auf 1422 Seiten

Copyright

​  Ein Killer in Ostfriesland

​  Personen

​  Copyright

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Tardelli und die Straße des Todes

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Letzter Ausweg: Mord!: N.Y.D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Tardelli und die Falschgeld-Haie

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Tardelli und die schwarzen Engel

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ein Killer in Marseille

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Personal

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Die Ulmer Erbschaft

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KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

Tardelli und der Schwarze Killer

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Tödliche Spuren

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1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Die Schock-Spezialisten

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1

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About the Author

About the Publisher

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11 Februar Krimis 2018 auf 1422 Seiten

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

––––––––

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ALFRED BEKKER: EIN Killer in Ostfriesland

Hans-Jürgen Raben: Tardelli und die Straße des Todes

Wolf G. Rahn: Letzter Ausweg Mord

Fred Breinersdorfer: Sally Strass 1

A.F.Morland: Tardelli und die Falschgeldhaie

A.F.Morland: Tardelli und die schwarzen Engel

Alfred Bekker: Ein Killer in Marseille

Walter G. Pfaus: Die Ulmer Erbschaft

A.F.Morland: Tardelli und der Schwarze Killer

Theodor Horschelt: Tödliche Spuren

Earl Warren: Die Schock-Spezialisten

––––––––

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EINE REIHE VON MORDEN erschüttert Marseille. Alle werden auf dieselbe Art mit einem Spezialmesser begangen. Das Tatmuster ist den Kommissaren Pierre Marquanteur und Francois Leroc nicht unbekannt, denn es gehört zu einem Täter, der die Hornisse genannt wird, der aber seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Haben die Kommissare es wirklich mit der "Hornisse" zu tun oder mit einem Nachahmungstäter?

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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​  Ein Killer in Ostfriesland

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

Eine Serie von Attentatsversuchen und Morden erschüttert Norddeutschland. Aber die Opfer scheinen nichts gemeinsam zu haben. Privatdetektiv Björn Kilian übernimmt den Fall, aber plötzlich will sein Auftraggeberin nicht mehr, dass er ihn auch tatsächlich aufklärt ...

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​  Personen

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​  Björn Kilian - Privatdetektiv

​  Eltje Dirksen - seine Assistentin

​  Tammo Remmers - der Chef der Kripo Emden

​  Herr Cornelius - ein Ermittler

​  Undine Lübbert - will, dass der Mord an ihrem Vater aufgeklärt wird

​   

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​  Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Als Ihno Lübbert sich an diesem Morgen von seinem Chauffeur ins Büro fahren ließ, war seine Laune nicht gerade besonders gut.

Es gab Ärger in seiner Firma und wie es schien, würde er mit dem eisernen Besen fegen müssen, um da wieder aufzuräumen. Aber im Augenblick schienen seine Gedanken ganz woanders zu sein. Er blickte nachdenklich aus dem Fenster, während der Chauffeur die schwarze Limousine durch den Emder Morgenverkehr lenkte.

Es gab einen Punkt, an dem man sich fragte: Wozu das alles?

Und vielleicht war Ihno Lübbert an diesem Punkt. Zwischendurch schaute er kurz auf die Uhr.

Er war spät dran. Wenn man hinaus in den Regen sah und auf die baustellenbedingte Blechlawine schaute, die sich durch die Straßen quälte, konnte man auf die Idee kommen, dass es damit zu tun hatte, dass Ihno Lübbert heute zum ersten Mal seit Jahren nicht pünktlich war.

Aber daran lag es nicht.

Lübbert hatte seinem Notar noch einen kurzen Besuch abgestattet. Auch eine Sache, die ihm nicht angenehm gewesen war und die er lange vor sich hergeschoben hatte. Was soll's!, dachte er. Jetzt habe ich wenigstens das hinter mir!

Und die Firma lief ihm schließlich nicht davon.

Wenn es sich einer leisten konnte, spät dran zu sein, dann er, denn er war der Boss.

Es dauerte nicht mehr lange und der Wagen hielt vor dem mächtigen Gebäude, in dessen Mauern die Lübbert Holding ihre Büros hatte.

Der Wagen hielt; der Chauffeur stieg als Erster aus, um seinem Boss die Tür zu öffnen.

Die Tür ging Sekunden später auf.

"Vielleicht brauche ich Sie in einer halben Stunde wieder!", meinte Lübbert zum Chauffeur. "Halten Sie sich also bereit."

"Jawohl, Herr Lübbert!"

Lübbert stieg mit umständlichen, etwas ungeschickt wirkenden Bewegungen aus.

Er hatte mindestens ein Dutzend Kilo Übergewicht und das machte ihn langsam. Er keuchte erbärmlich und sein Gesicht war puterrot angelaufen, als er schließlich neben seinem Chauffeur stand.

Dann geschah es.

Lübbert hörte quietschende Reifen und das Heranbrausen eines anderen Wagens.

Er drehte sich unwillkürlich dorthin um. Es war ein zweisitziger Sportwagen mit verdunkelten Scheiben, so viel sah er noch.

Alles Weitere dauerte nur Sekunden!

Eine der Scheiben ging ein Stück hinunter, etwas Längliches schob sich einige Zentimeter hindurch und dann blitzte es auf einmal.

Es war ein Mündungsfeuer ohne Schussgeräusch. Nur ein Klacken des Abzugs, das durch die Geräusche der Umgebung fast völlig verschluckt wurde.

Und trotzdem war es ein Geräusch, das Ihno Lübbert das Blut in den Adern gefrieren ließ, denn er kannte es nur zu gut ... Es war ein verdammt hässliches Geräusch, auch wenn es kaum zu hören war.

Ihno Lübbert sah eine Kugel am Lack der Limousine kratzen, direkt vor seinen Augen, oben auf dem Dach.

Und noch ehe er wirklich begriffen hatte, was vor sich ging, und dass der Fahrer des fremden Wagens es ganz offensichtlich auf sein Leben abgesehen hatte, wurde ein zweiter Schuss abgefeuert. Und ein Dritter und dann noch ein Vierter. Lübbert sah den Chauffeur mit einem kleinen, runden Loch im Kopf auf dem Pflaster liegen.

Die Augen starrten weit aufgerissen in den bewölkten Himmel. Er war tot.

Lübbert war wie gelähmt.

Dann fühlte er einen höllischen Schmerz in der linken Schulter. Die Wucht des ersten Treffers riss ihn herum. Die zweite Kugel fuhr ihm seitlich in den Brustkorb.

Das Letzte, was er fühlte, war Schwindel.

Alles begann sich drehen.

Und dann kam die Schwäche.

Seine Beine knickten ihm unter dem Körper weg, und er sackte zu Boden. Er hörte noch wie Leute zusammenliefen und aufgeregt durcheinanderredeten.

Irgendjemand schrie hysterisch.

Und dann hörte Lübbert die quietschenden Reifen des Sportwagens mit den verdunkelten Scheiben, der offensichtlich davonraste.

Soon Schiet!

Das war sein letzter Gedanke.

Dann wurde es auf einmal stumm in seiner Umgebung und dunkel vor seinen Augen.

Sehr, sehr dunkel ...

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​  2

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Die Tür flog auf und Björn Kilian kam schwungvoll herein. Er hatte den Mantel bereits ausgezogen, knöpfte sich nun den obersten Hemdknopf auf und lockerte dann seine Krawatte etwas.

"Guten Morgen, Eltje!", grüßte er gut gelaunt Eltje Dirksen, seine Assistentin.

"Moin, Björn!"

"Moin, Moin. Ich weiß, ich bin etwas spät dran. Aber dieser verdammte Verkehr!"

"Emden wird umgebaut."

"So kann man es auch ausdrücken."

Eltje erhob sich von ihrem Platz und trat zu Kilian heran, der unterdessen seinen Mantel irgendwo abgelegt hatte.

"Du hast Glück, Björn!"

"Inwiefern?"

"Die Klientin, die seit fast einer Stunde in deinem Büro wartet und der ich bereits die dritte Tasse Kaffee aufgebrüht habe, sieht dermaßen verzweifelt aus, dass sie wahrscheinlich auch noch ein paar weitere Stunden auf sich genommen hätte!" Björn zuckte mit den Schultern.

"Leute, die ein sorgloses Leben führen und keinerlei Probleme haben sind ja auch nicht gerade die typische Kundschaft eines Privatdetektivs, oder?"

Als Björn Kilian einen Moment später sein Büro betrat, wusste er, was Eltje gemeint hatte.

Da saß eine junge Frau vor ihm im Sessel, die wirklich alles andere, als ein glückliches Gesicht machte. Sie hatte ausdrucksstarke, grüngraue Augen, ein fein geschnittenes Gesicht und das lange blonde Haar fiel ihr auf die Schultern herab.

Sie gefiel Björn.

Aber es war ihrem Gesicht anzusehen, dass sie große Sorgen haben musste.

Björn grüßte höflich.

"Moin, Frau ..."

"Undine Lübbert", sagte sie.

Björn gab ihr die Hand und versuchte zu lächeln.

"Angenehm."

"Sie sind Björn Kilian, der Privatdetektiv?"

"Richtig."

"Eigentlich eine dumme Frage. Ich habe Ihr Bild nämlich vor ein paar Tagen in der Zeitung gesehen ... Sie sollen der Beste sein, Herr Kilian."

"Man tut was man kann", erwiderte Björn bescheiden und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. "Aber nennen Sie mich Björn! Und dann sagen Sie mir bitte, was Sie auf dem Herzen haben."

"Waren Sie ein Hippie?"

"Wieso?"

"Weil Sie sich Björn nennen lassen. Eigentlich sind Sie nicht ganz der richtige Jahrgang, um diese Zeiten noch erlebt zu haben. Oder biedern Sie sich an diesen amerikanischen Business-Umgang an, der auch die inflationäre Benutzung des Vornamens vorsieht."

Björn atmete tief durch.

"Wie gesagt, nennen Sie mich Björn, wenn Sie wollen", sagte er dann. Eine komplizierte Frau, dachte er. Vielleicht auch ein komplizierter Fall. Mal sehen.

Sie sagte: "Vielleicht haben Sie schon einmal den Namen meines Vaters gehört - Ihno Lübbert."

Björn überlegte kurz, aber dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, tut mir leid. Jedenfalls fällt es mir im Moment nicht ein."

"Ihno Lübbert von der Ihno Lübbert Holding."

"Ich lese zwar nicht regelmäßig den Wirtschaftsteil in der Zeitung, aber den Namen der Firma habe ich schon gehört. Was ist mit Ihrem Vater?"

"Auf ihn wurde gestern ein Mordanschlag verübt. Es steht heute in den Zeitungen."

Björn sah das zusammengefaltete Exemplar der Emder Nachrichten auf seinem Tisch liegen.

"Ich bin heute noch nicht dazu gekommen, die Zeitung zu lesen oder ins Internet zu sehen!", gab er zu. "Und abgesehen davon war ich eine Woche in Holland. Zum Segeln. Darum bin ich vielleicht nicht so ganz im Bilde, was sich hier in Emden so ereignet hat."

"Das hiesige ‘Große Meer’ ist zu klein für einen Mann von Welt - wie Sie?"

Björn Kilian hob die Augenbrauen.

"Manchmal ja."

"Wechseln Sie nur die Segelreviere oder sind Sie auch sonst ein wechselhafter Charakter?"

"Jedenfalls kann sich jeder, der mir einen Ermittlungsauftrag gibt, darauf verlassen, dass ich ihn auch so weit wie irgend möglich zu Ende führe."

"Das freut mich zu hören."

"Das dachte ich mir."

"Nun ..."

"Erzählen Sie mir, was passiert ist und ich werde Ihnen dann sagen, ob ich etwas für Sie tun kann."

Sie nickte.

"In Ordnung."

Björn Kilian lehnte sich etwas zurück und schlug die Beine übereinander.

"Ich höre."

"Ein Wagen kam vorbei. Mit verdunkelten Scheiben. Und dann wurde geschossen. Der Chauffeur ist dabei ums Leben gekommen, aber es sieht wohl ganz so aus, als hätte man es eigentlich auf Pa abgesehen gehabt ... Mein Vater liegt jetzt noch immer auf der Intensivstation. Er ist noch nicht über den Berg."

"Hat die Polizei schon ...?"

"Die können nicht viel machen."

"Aber ..."

"Es ist nicht der erste Versuch, Papa umzubringen, Herr Kilian - ich meine: Björn!"

"Ach, nein?"

"Nein. Einmal hat jemand seinen Wagen in die Luft gesprengt. Das ist drei Wochen her. Er hatte Glück, denn er ist noch mal ausgestiegen, weil er etwas vergessen hatte. Da ist der Wagen in die Luft gegangen."

"Stimmt - davon habe ich gelesen."

"Selbst das Fernsehen hat darüber berichtet. War leider nicht zu verhindern."

"Das sieht nach der Arbeit von Profis aus", meinte Kilian. Undine Lübbert nickte.

"Ja, das haben die Leute von der Polizei auch gesagt."

"Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?"

"Ja. Die Sache ist ziemlich eindeutig." Björn runzelte die Stirn.

So etwas hatte man selten. Eindeutig, dachte der Privatdetektiv, ist ein großes Wort und sie spricht es sehr gelassen aus.

Björn fragte: "Und wer?"

"Darko Markovic. Ich denke, dass er hinter den Killern steckt."

Björn pfiff durch die Zähne.

"Markovic?" Er atmete tief durch. "Wenn das der Markovic ist, den ich im Auge habe, dann hat Ihr Pa aber keinen besonders guten Umgang!"

"Ich weiß, Björn."

"Haben Sie Polizeischutz für Ihren Vater gefordert?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Er hat seine eigenen Bewacher und Sicherheitsleute!"

"Die kann Markovic mit seiner Portokasse kaufen!"

"Das könnte er auch bei einem Polizisten, oder etwa nicht?" Da musste Björn ihr Recht geben.

"Stimmt. Aber er ist in Gefahr. Und Sie auch."

"Ich bin nicht ängstlich!"

"Das sollten Sie in diesem Fall aber. Markovic war mutmaßlich schon eine große Nummer im organisierten Verbrechen Norddeutschlands, als ich noch bei der Polizei war. Man konnte ihm allerdings nie etwas nachweisen, obwohl jedem klar war, dass seine Geschäfte faul waren. Waffen, Drogen, Geldwäsche, Schutzgelderpressung - der hat seine Finger überall, wo es viel zu verdienen gibt." Björn beugte sich etwas vor. "Was hatte Ihr Vater mit Darko Markovic zu tun? Wie kommt es, dass Markovic ihn tot sehen will? Vorausgesetzt es stimmt, was Sie mir da erzählt haben."

Undine schwieg.

Björn lehnte sich zurück und legte etwas die Stirn in Falten. Etwas war faul an der Sache. Etwas stimmte hier nicht, vielleicht betraf das nicht die junge Frau, die vor ihm saß, aber bestimmt ihren Vater.

"Dazu möchte ich nichts sagen", meinte sie. "Und ich denke, Sie müssen das auch nicht wissen! Ich möchte einfach nur, dass Sie dafür sorgen, dass mein Vater am Leben bleibt. Mehr nicht!"

"Warum können das nicht die Sicherheitsleute Ihrer Firma?"

"Sie können das schon, aber ich traue ihnen nicht."

"Aber mir trauen Sie?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Vielleicht. Irgendetwas muss man ja unternehmen!" Björn sah sie einen Moment lang nachdenklich an. Dann sagte er: "Sie sollten mir sagen, was zwischen Ihrem Vater und Markovic war und wodurch er ihm auf die Füße getreten hat!"

Einen Moment lang schien sie unschlüssig zu sein. Dann schüttelte sie mit Entschiedenheit den Kopf.

"Nein", sagte sie. "Das kommt nicht infrage!"

"Dann kann ich leider nichts für Sie tun!"

"Aber ..."

"Ich muss wissen, worum es geht, wenn ich Ihren Vater schützen soll! Jedenfalls ungefähr! Ansonsten sollten Sie sich jemand anderen suchen!"

Björn hatte sich erhoben.

"So war das nicht gemeint", beeilte sich Undine. "Kann ich mich auf Ihre Diskretion verlassen?"

"So, als wenn Sie zur Beichte gehen würden."

Sie schluckte.

"In Ordnung."

"Gut."

"Dann hören Sie mir jetzt zu ..."

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​  3

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Als Undine gegangen war und nachdem sie bei Eltje Dirksen ihre Adresse sowie die Adresse des Krankenhauses, in dem sich ihr Vater befand, hinterlassen hatte, wusste Björn Kilian, dass sie ihm nicht alles gesagt hatte, was sie wusste.

Fest stand wohl, dass Ihno Lübbert nicht immer jener seriöse Geschäftsmann gewesen war, als der er heute auftrat. Die Tatsache allein, dass Lübbert mit einem Mann wie Darko Markovic in Beziehung stand, belegte das noch nicht, denn Markovics Unternehmen teilten sich in einen legalen und einen kriminellen Zweig - sowie alles was dazwischen denkbar war. Undine hatte gesagt, es sei vor vielen Jahren um ein illegales Geldwäschegeschäft gegangen, bei dem Lübbert dann ausgestiegen sei.

Und das hätte Markovic ihm nicht verzeihen können. Aus seinem Syndikat stieg man nicht so einfach aus. Lübbert - er hatte damals diesen Namen noch nicht getragen - war untergetaucht und hatte unter neuer Identität von vorne angefangen. Aber jetzt - nach all den Jahren - schien Markovic auf ihn aufmerksam geworden zu sein ...

Der Instinkt sagte Kilian, dass da noch mehr war ... Er konnte das nicht begründen, jedenfalls nicht logisch. Es war einfach so ein Gedanke, der ihn angeflogen hatte und sich nun hartnäckig in seinem Gehirn festsetzte.

Wie beiläufig griff Björn zum Telefon und wählte eine Nummer - eine Nummer, die er im Schlaf kannte.

"Moin", kam es zwischen seinen Lippen hindurch, als auf der anderen Seite jemand den Hörer abnahm.

"Wer spricht dort?"

Es war eine unfreundliche, gestresste Männerstimme, die er da auf der anderen Seite hörte. Aber sie gehörte nicht dem Mann, den er jetzt sprechen wollte.

"Hier ist Björn Kilian. Ist Hauptkommissar Remmers zu sprechen?"

"Nein. Ist nicht da. Vielleicht kann ich Ihnen helfen!"

"Wann kommt Remmers zurück?"

"Keine Ahnung. Könnte länger dauern. Vielleicht am Nachmittag."

Kilian verzog ärgerlich das Gesicht.

"Tschüss", brummte er und legte auf. Dann erhob er sich ging hinaus zu Eltje.

"Du kannst etwas für mich tun", meinte er. Eltje lächelte von einem Ohr zum anderen.

"Aber immer, Björn!"

"Bring alles in Erfahrung, was sich über Ihno Lübbert herausbekommen lässt! Das dürfte nicht allzu schwierig sein, schließlich ist er relativ bekannt!"

"Okay, Björn. Und wohin gehst du?"

"Kleiner Ausflug", meinte er nur und grinste. Und dabei hatte er schon den Mantel gegriffen. Draußen regnete es Bindfäden.

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Es war eine ziemlich heruntergekommene Bar. Dicke Rauchschwaden hingen über den einfachen Tischen. An der Theke saßen ein paar Damen des horizontalen Gewerbes herum und tranken mit verkaterten Gesichtern Kaffee. Es war noch zu früh am Tag. Zu früh, um zu arbeiten, zu früh für Kundschaft. Ein Stockwerk höher war das, was sich offiziell ein Hotel nannte. Dort hatten die Frauen ihre Zimmer.

Der dicke Barkeeper hinter dem Schanktisch, der höchstwahrscheinlich auch sein eigener Rausschmeißer war, hatte sein Lokal durchgehend geöffnet. Er konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Cent zu verschenken, den irgendein Zecher hier vertrinken wollte.

Als Björn Kilian den Laden betrat, glitt sein Blick schnell durch den Raum. Dann, als er zum Billardtisch sah, hatte er gefunden, wen er suchte.

Ein kleiner, fast kahlköpfiger Mann versuchte sich dort in verschiedenen Kunststößen.

Er spielte allein.

Das war der Mann, den Kilian gesucht hatte!

"Tag, Bradenbach!", meinte der Privatdetektiv knapp, als er zu ihm an den Billardtisch trat.

Bradenbach blickte auf und runzelte zunächst die Stirn. Dann entspannte sich sein Gesichtsausdruck ein wenig. Schließlich grinste er von einem Ohr bis zum anderen.

"Tag, Kilian. Wie geht's?"

"Ich kann nicht klagen. Und Ihnen?"

"Die Zeiten sind hart für Leute wie mich!"

"Für Leute wie Sie gibt's doch immer ein paar Schleichwege oder irre ich mich da etwa?"

Kilian hatte damit gerechnet, Bradenbach um diese Zeit hier anzutreffen. Er war ein Hehler, der Geschäfte mit allem machte, was sich zu Geld machen ließ.

Roy Bradenbach war fünf Nummern kleiner als Leute vom Schlage eines Darko Markovic, aber mit diesen hatte er gemein, dass die eine Hälfte seiner Geschäfte diesseits, die andere Hälfte jenseits der Grenze lag, die das Gesetz zog.

Bradenbach handelte mit allem.

Auch mit Informationen und genau das war der Grund, weshalb Björn Kilian ihn ab und zu aufsuchte.

Björn blickte sich nach den Mädchen an der Theke um, aber die kümmerten sich nicht um ihn oder Bradenbach.

Und auch der Barkeeper machte sich - nach ein paar anfänglichen misstrauischen Blicken - an seinen Gläsern zu schaffen. Er spülte ab und schepperte dabei so laut herum, dass das allein schon einen guten Schutz gegen unliebsame Zuhörer bedeutete.

"Ich schätze, Sie sind nicht gekommen, um mir beim Billard zuzusehen!", meinte Bradenbach.

"Nein, das ist richtig."

"Kommen Sie! Es ist langweilig, allein zu spielen!"

"Nein, danke. Ich habe es ziemlich eilig." Bradenbach ließ die Kugeln über den Tisch sausen, dann richtete er sich auf und stützte den Queue auf den Boden.

"Also ... Zur Sache, Kilian! Was wollen Sie wissen?" Anrede mit Nachnamen und ohne ein höfliches ‘Herr’ davor - das war ostfriesisch.

Sich dabei zu siezen, allerdings nicht. Das war hochdeutsch - und wirkte in dieser speziellen Mischung dann auch immer etwas angestrengt.

Der Privatdetektiv sah Roy Bradenbach gerade an.

"Darko Markovic ...", murmelte Björn.

Bradenbach pfiff durch die Zähne.

"Wie kommen Sie denn an den?"

"Meine Sache."

"Gut, aber Auskünfte über Markovic sind nicht billig, Kilian!"

"Ich verstehe ..."

Björn Kilian griff in seine Manteltasche und holte ein paar Scheine heraus, von denen er Bradenbach einige auf den Billardtisch legte.

Bradenbach zählte nach und steckte das Geld weg. Aber sein hungriger Blick blieb bei den Scheinen, die Björn noch in den Händen hielt.

"Was wollen Sie über Markovic wissen?"

"Alles. Was macht er im Moment so?"

"Sie sind doch mal bei der Polizei gewesen, oder?"

"Ja ..."

"Hm ..."

"Ist schon länger her ..."

"Trotzdem ..."

"Was trotzdem?"

"Dann dürfte Ihnen der Name Markovic doch geläufig sein, Herr Kilian!"

"Ist er mir auch."

"Ach, nee!?"

"Ich möchte aber wissen, was er jetzt so treibt."

"Dasselbe wie eh und je."

"Hätte ich mir denken können."

"Aber er bemüht sich nun sehr darum, saubere Finger zu behalten. An seinen Händen klebt kein Blut, nicht einmal Dreck. Da achtet er sehr drauf. Wollen Sie genau wissen, in welchen Geschäften er im Moment drinhängt?"

"Ja, das kann nicht schaden. Hören Sie sich in der Szene um!"

"Gut, ich rufe Sie dann an, Kilian. War's das?"

"Nein. Da ist noch etwas Spezielles ..." Bradenbach zog die Augenbrauen hoch.

"Raus damit, Kilian!"

"Irgendjemand hat es auf Ihno Lübbert von der Ihno Lübbert Holding abgesehen. Gestern ist auf ihn geschossen worden, jetzt liegt er in der Intensivstation ..."

"Und Sie denken, dass Markovic dahintersteckt."

"Ja."

"Das ist 'ne heikle Sache!"

"Ich weiß."

"Wenn Markovic tatsächlich dahintersteckt, macht er das so, dass niemand die Sache mit ihm in Verbindung bringen kann. Profis, Sie verstehen?"

"Natürlich. Versuchen Sie trotzdem, etwas aufzuschnappen."

"Dafür reicht das aber nicht, was Sie mir gerade gegeben haben!"

Björn Kilian lachte und legte Bradenbach die restlichen Scheine hin, die er noch in der Hand hielt. Dann drehte Björn sich um und ging.

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Draußen war das Wetter immer noch hundsmiserabel. Aber immerhin war der Platzregen von einem beständigen Nieseln abgelöst worden.

Es roch nach Salz.

Salz und Meer.

Der Wind blies vom Dollart her.

Björn Kilian schlug sich den Mantelkragen hoch und beeilte sich damit, hinter das Steuer seines Wagens zu kommen. Eine halbe Stunde später war Björn Kilian auf der Intensivstation jener Klinik, die Undine ihm angegeben hatte. Als er das rot geweinte Gesicht der jungen Frau sah, wusste er, dass etwas geschehen war. Es war nicht schwer zu erraten, was. Björn legte ihr den Arm um die Schulter und gab ihr sein Taschentuch.

"Er ist tot", murmelte sie. "Pa ist tot! Er ist seinen Verletzungen erlegen, hat der Arzt gesagt. Sie konnten nichts mehr machen ..."

"Es tut mir leid für Sie, Undine!"

Sie blickte auf und Björn Kilian geradewegs in die Augen.

"Jetzt ist ein Mordfall daraus geworden, nicht wahr?"

Björn nickte. "Ja."

"Ich möchte, dass Sie den finden, der meinen Vater umgebracht hat. Geld spielt dabei keine Rolle!"

"Ich werde tun, was ich kann!"

"Tun Sie das!"

"Sind Sie mit dem Taxi gekommen, das da draußen wartet?"

"Ja."

"Soll ich Sie nach Hause bringen?"

Zwei Sekunden lang schien sie unschlüssig zu sein und zu überlegen.

Aber dann nickte sie schließlich.

"Ja."

Es machte den Eindruck, als wären ihre Gedanken weit weg. Sehr weit ...

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Sie fuhren durch den dichten Stadtverkehr und den Regen. Beide schienen innerhalb der letzten halben Stunde wieder zugenommen zu haben.

Sie sprachen kaum mehr als das Nötigste.

Undine wohnte in der Villa ihres Vaters, draußen in Suurhusen.

Und genau dorthin ging es jetzt.

Vielleicht würde es etwas bringen, sich dort etwas umzusehen, irgendetwas - und wenn es nur eine Kleinigkeit war ... Wenn es wirklich Markovic war, der hinter diesem Mord steckte, dann würde die Schwierigkeit darin bestehen, es ihm zu beweisen. Zumindest, dass er den Auftrag gegeben hatte. Den Mann, der den Abzug der Schalldämpfer-Pistole betätigt hatte, würde man wahrscheinlich in hundert Jahren nicht in die Hände bekommen.

Der hatte sich wahrscheinlich längst abgesetzt und war über alle Berge. Und irgendwann würde er dann wieder aus dem Nichts heraus auftauchen, um einen anderen Menschen umzubringen, für einen anderen Auftraggeber ...

Aber vielleicht hatten sie Glück und es handelte sich um einen Killer, der öfter für Markovic arbeitete, einen aus seinem eigenen Stall.

In dem Fall gab es vielleicht eine Fährte, die nicht schon völlig kalt war.

Und vielleicht war in Ihno Lübberts Haus, in seinen Unterlagen, privaten Aufzeichnungen, irgendwo etwas zu finden, das auf Markovic hindeutete.

Während der Wagen über die Straße glitt, blickte Björn kurz zu Undine hinüber, die mit in sich gekehrtem Gesicht neben ihm auf dem Beifahrersitz saß und hinaus aus dem Fenster blickte.

Direkt in den trostlosen Regen hinein.

Und genauso sah es auch wohl in ihrem Inneren aus. Björn hatte Verständnis dafür. Aber vielleicht war es an der Zeit, sie ein wenig abzulenken.

"Hat die Polizei Sie eigentlich schon vernommen?", fragte er plötzlich und unterbrach damit das Schweigen.

"Ja, kurz. Gerade eben im Krankenhaus. Der Mann ist gegangen, bevor Sie kamen ..."

"Und?"

"Der Ermittler hat mir, ehrlich gesagt, wenig Hoffnung auf eine schnelle Aufklärung gemacht. Er hat mir alles Mögliche erzählt ..."

"Wie hieß der Mann?"

"Ich glaube Cornelius. Kennen Sie ihn, Björn?"

"Nein."

"Einen sehr aufgeweckten Eindruck machte der jedenfalls nicht."

"So?"

"Und würde mich auch nicht wundern, wenn diese ostfriesischen Dorfpolizisten nicht gerade einen übermäßigen Ermittlungseifer an den Tag legen werden."

"Wieso?"

"Pa hatte Feinde. Mächtige Feinde. Auch in der Politik, im Rathaus und bei den Behörden. Das ist doch alles ein einziger Klüngel, wenn Sie verstehen, was ich meine."

"Nein, ich fürchte, ich weiß nicht genau, was Sie meinen."

"Nicht?"

"Können Sie mir irgendetwas Konkretes sagen? Namen ...?"

Sie hob die Augenbrauen.

"Wenn ich die so genau wüsste, dann bräuchte ich Sie nicht zu engagieren, oder?"

"Auch wieder wahr."

"Pa hat nicht viel über diese Dinge geredet. Geschäftliches war kein Gesprächsthema. Und diese ... unangenehmen Dinge ... auch nicht. Aber so manches Projekt der Lübbert Holding hatte mächtige Gegner."

"Zum Beispiel?"

"Zum Beispiel weiß ich, dass sich die Lübbert Holding an einer Supermarktkette beteiligt hat, die in Emden zwei Filialen aufmachen will. Klar, dass Sie dann für den Einzelhandel der Todfeind sind und auch entsprechend nett formulierte und natürlich anonyme Drohbriefe bekommen."

"Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich in den Sachen Ihres Vaters herumstöbern würde?"

"Nein. Was hoffen Sie denn zu finden?"

Er zuckte mit den Schultern. "Vorher weiß man das nie so genau!"

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Die Villa der Lübberts war gut gesichert, das fiel Björn sofort auf. Es war das Haus eines Mannes, der in ständiger Angst davor gelebt haben musste, dass er eines Tages unliebsamen Besuch bekommen würde.

Jedenfalls machte es ganz den Anschein.

Eine hohe Mauer umgab das Anwesen und ein Wachmann öffnete für Björn Kilians Wagen das Tor, nachdem Undine sich an einem Sprechgerät zu erkennen gegeben hatte. Ein massives, gusseisernes Tor ging zur Seite und Björn fuhr den Wagen bis vor das Haus, das von einem weiträumigen Garten umgeben war.

Björn blickte sich kurz um und bemerkte die Video-Anlage, die das Grundstück überwachte. Irgendwo bellte ein Hund. Es war ein aggressives Geräusch und klang ganz und gar nicht nach einem Schoßhund.

Vielleicht ein Dobermann, überlegte Björn. Irgend so etwas in der Art musste es sein!

"Kommen Sie, Björn!", meinte Undine und öffnete die Tür. Sie stiegen beide aus, die Türen klappten zu.

Ein paar Stufen führten zu einem großen Portal und wenig später waren sie dann drinnen.

Ein Hausmädchen empfing sie bei der Tür.

Als sie dann in das große Wohnzimmer kamen, erstarrte Undine plötzlich.

Auf dem Sofa lag ein Mann.

Er lag ausgestreckt da, hatte die Schuhe ausgezogen und über den Teppich verstreut. Auf dem Tisch standen ein paar Flaschen, alles Spirituosen und ein Tropfen edler als der andere.

"Hinnerk!", entfuhr es Undine Lübbert völlig überrascht. Björn Kilian hob die Augenbrauen und wartete ab. Undine ging auf Hinnerk zu, der sich - offenbar mit einiger Mühe - aufsetzte. In der Rechten hatte er ein Glas. Er rülpste ungeniert. Anscheinend hatte er ein paar Gläser zu viel zu sich genommen.

"Moin, Undine", murmelte er. "Wie geht's dir?" Sie schien alles andere, als erfreut zu sein.

"Seit wann bist du hier, Hinnerk?", erkundigte sie sich dann in einem ziemlich reservierten Tonfall.

"Ein paar Stunden schon ..."

"Was willst du hier? Geld?"

"Ich habe das mit Pa gehört und da ..."

"Im Krankenhaus bist du jedenfalls noch nicht gewesen!" Ihr Gesicht war eisig geworden und ihr Gegenüber musste ihre letzten Worte wie ein Schlag ins Gesicht empfinden. Aber Hinnerk zuckte nur mit den Achseln, als wäre es nichts.

"Na, und? Ich dachte mir, ich komme erst einmal hierher!"

"Vater ist inzwischen gestorben!"

Zunächst verursachte diese Nachricht bei Hinnerk keine sichtbare Reaktion.

Dann zuckte er erneut mit den Schultern.

Undine wandte sich zu Björn herum.

"Das ist Hinnerk Lübbert - mein ehrenwerter Herr Bruder!" Björn nickte ihm zu und Hinnerk hob sein Glas.

"Angenehm!", rief er und stand dann auf. Er war sichtlich unsicher auf seinen Füßen. "Vielleicht sagst du mir mal, wen du da mitgebracht hast, Schwesterherz! Ein Geliebter vielleicht?"

"Du bist geschmacklos, Hinnerk!"

"War ja nur eine Frage!"

"Das ist Björn Kilian. Er ist Privatdetektiv und soll herausfinden, wer Vater umgebracht hat!"

Hinnerk Lübbert verzog das Gesicht.

Dann brummte er: "Das liegt doch auf der Hand! Markovic hat ihn endlich erwischt! War ja letztlich auch nur eine Frage der Zeit!" Er rülpste erneut.

"Das ist eine Vermutung", erklärte Björn Kilian. "Mehr nicht."

"Klar, ich verstehe!", meinte Hinnerk. "Sie wollen auch Ihr Geld verdienen. Habe ich Verständnis für! Bestimmt! Und unser alter Herr war ja auch kein armer Mann! Da können Sie gesalzene Honorare einfordern!" Er wandte sich an Undine. "Du musst wissen, was du tust, Schwester!"

"Ich weiß sehr genau, was ich tue!", versetzte Undine bissig. Hinnerk wandte sich ab, nahm eine der Flaschen vom Tisch und verließ den Raum. Irgendwo hörte man ihn eine Treppe hochschlurfen.

"Ihren Bruder haben Sie mir bisher verschwiegen!", meinte Björn.

"Sie haben mich bisher auch nicht danach gefragt!"

"Eins zu null für Sie! Ihr Verhältnis scheint nicht das Beste zu sein, habe ich recht?"

Sie atmete tief durch.

"Hinnerk hat ein paar Probleme." Sie deutete auf die Flaschen und Björn verstand, was sie meinte.

"Das ist nicht zu übersehen", meinte er.

"Er trinkt unmäßig, ist über dreißig und hat bisher immer nur von dem gelebt, was Pa ihm geschickt hat."

"Er lebt nicht in Emden, nicht wahr?"

"Nein, in Berlin. Dort hat er studiert - oder besser gesagt: Er hat dort das getrieben, was er so zu nennen pflegt! Es wundert mich, dass er offensichtlich genug Geld zur Hand gehabt haben muss, um sich eine Bahnkarte leisten zu können."

"Wir sollten uns jetzt beeilen!", meinte Björn.

"Beeilen?"

"Ja, mit der Durchsicht der Sachen Ihres Vaters. Wenn die Polizei erst einmal alles in Unordnung gebracht hat ..."

"Sie meinen, dass die noch kommen?"

"Es ist ein Wunder, dass sie noch nicht da waren! Wahrscheinlich sehen die sich erst einmal die Büroräume der Ihno Lübbert Holding an!"

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Die Durchsicht der Privatsachen von Ihno Lübbert brachte kaum neue Erkenntnisse.

Sie wollten es schon aufgeben, da tauchte ein merkwürdiger Brief auf. Undine fand ihn in einem der Jacketts ihres Vaters. Die Buchstaben waren aus Zeitungen und Magazinen herausgeschnitten und auf ein weißes Blatt Papier geklebt worden: DU RATTE! DEIN LEBEN IST ZU ENDE!

Undine gab Björn das Papier und dieser las mit nachdenklichem Gesicht die zwei Zeilen.

"Könnte Markovic sein, nicht wahr?", meinte Undine.

Björn Kilian nickte. "Ja, es passt alles zusammen ..."

Als Björn und Undine wieder ins Wohnzimmer zurückkehrten, klingelte es an der Tür.

Wenig später brachte das Hausmädchen zwei Männer ins Wohnzimmer.

Einer von ihnen trug eine Polizeiuniform, der andere war in Zivil.

Aber in was für einem Zivil!

Björn Kilian musste unwillkürlich etwas Schmunzeln. Der Mann trug einen riesigen Stetson auf dem Kopf und eine kurze braune Jacke, dazu Blue Jeans und Cowboystiefel. Er sah aus, als wäre er einem Wildwest-Film entstiegen. Lediglich die Rolex an seinem Arm störte diesen Eindruck ein wenig.

Er zog seine Marke hervor und hielt sie Björn und Undine entgegen.

"Cornelius, Kriminalpolizei. Wir kennen uns ja schon", raunte er. Er hatte einen typisch ostfriesischen Akzent und sprach sehr langsam und überdeutlich. Wie ein Ostfriese, der hochdeutsch zu sprechen versucht und dabei sehr genau darauf achtet, auch ja jede grammatische Endung richtig zu bilden.

Dabei hätte er das gar nicht nötig gehabt. Schließlich gab ihm der Cowboy-Hut eigentlich doch schon genug weltmännische Aura.

Cornelius holte ein Papier aus der Tasche und hielt es Undine unter die Nase.

Björn brauchte gar nicht erst hinzusehen. Er wusste auch so, worum es sich handelte. Solche Blätter hatte er oft genug gesehen!

Björn lächelte dünn, während Cornelius eine überaus wichtige Miene aufsetzte und sich breitbeinig aufbaute. Er wandte sich an Undine.

"Wir haben einen Durchsuchungsbefehl, Frau Lübbert. Ich denke, Sie machen uns keine Schwierigkeiten!" Sein Tonfall war ziemlich scharf und Undine Lübbert machte einen teils überrumpelten, teils verwirrten Eindruck.

"Nein, natürlich nicht! Warum sollte ich?", meinte sie und hob dabei die Augenbrauen.

Cornelius zuckte mit den Schultern.

"Hätte ja sein können." Dann wandte er sich an Björn. "Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier zu suchen haben?" Die burschikose Art seines Gegenübers sagte Björn nicht allzu sehr zu. Aber er sagte sich, dass dahinter vermutlich eine große Unsicherheit verborgen lag.

Björn hoffte nur, dass sich mit diesem Cowboy zusammenarbeiten ließ, denn schließlich waren sie beide hinter demjenigen her, der Ihno Lübbert auf dem Gewissen hatte. Björn stellte sich vor.

"Mein Name ist Björn Kilian", sagte er. "Ich bin Privatdetektiv."

"Zeigen Sie mal Ihren Ausweis!"

Björn holte ihn hervor und hielt ihn Cornelius hin. Dieser nahm ihn mit einer nachlässigen Geste an sich. Cornelius warf einen Blick auf das Dokument, nickte dann und gab es seinem Besitzer zurück.

"Okay. Und was tun Sie hier?"

"Frau Lübbert hat mich engagiert, um den Mörder ihres Vaters zur Rechenschaft zu ziehen!"

Cornelius schob sich den riesigen Stetson in den Nacken und verzog das Gesicht.

Die Anwesenheit des Privatdetektivs schien ihm nicht so recht zu schmecken.

"Sie vertrauen der Arbeit der Polizei nicht?", brummte er. "Ist ja reizend ..."

"Nehmen Sie es nicht persönlich", meinte Björn und lächelte dünn.

Cornelius machte eine großspurige Geste.

"Wie käme ich dazu", meinte er sarkastisch. Er nahm es sehr wohl persönlich, das war ihm deutlich anzusehen.

"Dann ist ja alles in Ordnung", murmelte Björn und dabei dachte er: Der Mann hat etwas von einem bissigen Terrier, der um jeden Preis sein Revier verteidigt!

"Ich glaube, Hauptkommissar Remmers hat Ihren Namen mal erwähnt, Herr Kilian ..."

"Grüßen Sie ihn von mir, wenn Sie ihn sehen!"

"Täglich!" Er atmete tief durch. "Ich schätze, Sie haben hier schon alles durchgewühlt."

"So ist das nun einmal, wenn man zu spät dran ist, Herr Cornelius!"

"Wir waren in den Büroräumen."

"Habe ich mir gedacht."

"Haben Sie irgendetwas gefunden, dass für den Fall von Interesse sein könnte? Sie wissen, dass das Zurückhalten von Beweismaterial strafbar ist, nicht wahr?"

"Herr Cornelius, ich schlage vor, dass wir zusammenarbeiten!"

Cornelius lachte rau.

"Wie stellen Sie sich das konkret vor?"

"Ein Deal, Herr Cornelius! Sie sagen mir, was in den Büroräumen gefunden wurde, und ich sehe dann, was ich für Sie tun kann!"

"Oh, nein, Herr Kilian! So nicht!"

"Bitte, wie Sie wollen! Aber Sie könnten vielleicht eine Menge Zeit sparen!"

Cornelius schien unsicher.

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Dann nickte er.

"Gut. Erst Sie, Herr Kilian!"

"Nein, umgekehrt!"

"Sie sind eine harte Nuss, Herr Kilian!"

"Wollen Sie weiter lamentieren oder Ihre Pflicht tun und etwas unternehmen, damit ein Mörder gefasst wird?"

Cornelius bleckte die Zähne. Dann seufzte er hörbar.

"Sie haben gewonnen, Herr Kilian! Aber wehe, wenn Sie dann am Ende nichts vorzuweisen haben!"

"Schießen Sie los!"

"Wir haben die Leute in der Firma vernommen und die Büroräume durchsucht. Die Lübbert Holding hat nicht mehr als zwei Dutzend Angestellte, obwohl sie einen Umsatz von mehreren hundert Millionen im Jahr hat. Diese Firma besitzt ihrerseits wiederum erhebliche Beteiligungen an verschiedenen Firmen und bestimmt zum Teil auch deren Firmenpolitik."

"Was für Firmen?"

"Quer durch den Garten. Von der Seifenfabrik bis zur Elektronik. Offensichtlich gab es Ärger in der Firma. Ihno Lübbert war mit einigen Angestellten nicht zufrieden und hat offenbar daran gedacht, sie zu feuern. Und dann hat es den Anschein, dass einer der Angestellten in die eigene Tasche gewirtschaftet hat ... Ein gewisser Arthur Petersen."

"Ja", meinte Undine plötzlich. "Das stimmt! Pa hat herausbekommen, dass er mit Firmengeldern spekuliert hat."

"Und warum hat Ihr Vater diesen Petersen nicht entlassen?"

"Um einen Skandal zu vermeiden. Die Lübbert-Aktien wären sofort in den Keller gegangen, wenn etwas durchgesickert wäre. Pa wollte mit ihm ein Arrangement treffen ..." Cornelius machte eine unbestimmte Geste mit der Hand.

"So, Herr Kilian! Jetzt sind Sie dran!"

"Ein bisschen dünn, was Sie da geboten haben, finden Sie nicht auch?" Er holte den zusammengeklebten Brief aus der Tasche und reichte ihn dem Kriminalbeamten. "Hier!"

"Was ist das?"

"Sehen Sie es sich erst einmal genau an, bevor Sie fragen. Frau Lübbert hat es in einem Jackett ihres Vaters gefunden!" Björn wandte sich an Undine. "Sie sollten dem Herrn jetzt sagen, was Sie wissen, Undine. Auch von ihrem Verdacht gegen Markovic ..."

"Aber ..."

"Ihr Pa ist tot und selbst wenn er sich in einem früheren Leben die Hände schmutzig gemacht hat - es kann ihm nun nicht mehr schaden, wenn es irgendjemand erfährt."

Cornelius runzelte die Stirn.

"Habe ich da eben 'Markovic' gehört?"

"Haben Sie", nickte Björn.

"Ich bin nach meinem Austauschjahr beim New York Police Department und einem Zwischenspiel beim BKA in Berlin noch nicht lange hier in Emden, aber selbst in der kurzen Zeit ist mir dieser verdammte Name schon ein paarmal zu Ohren gekommen!"

Angeber!, dachte der Privatdetektiv. Eine ganze Karriere in einem Nebensatz untergebracht! So was lernt man eigentlich nur bei einem Coach für Bewerbungsgespräche ...

Björn zuckte mit den Schultern.

"Das wäre kein Wunder!", meinte er.

Und dann machte Undine ihre Aussage und Cornelius anschließend ein langes Gesicht.

"Üble Sache!", meinte er. Er hob den Brief in die Höhe und fuhr dann fort: "Scheint wirklich alles darauf hinzudeuten, dass Markovic dahintersteckt ... Welchen Namen trug Ihr Vater, bevor er seine Identität wechselte?"

Sie errötete und musste schlucken. Aber sie behielt die Fassung.

"Paul Thorrell", sagte sie dann.

"Wie alt waren Sie damals?", fragte Björn.

"Ich war in der Grundschule. Mein Bruder auch. Da sind wir von Hamburg hierher nach Ostfriesland gezogen und er hat seine Firma gegründet, die dann kometenhaft aufgestiegen ist. Wir hießen jetzt Lübbert und durften den alten Namen nicht mehr erwähnen. Ich dachte immer, dass hing mit unserer Mutter zusammen."

"Wieso?"

"Weil sie versucht hat, meinen Bruder, mich und sich selbst umzubringen, indem sie uns etwas ins Essen mischte. Sie kam nicht ins Gefängnis, weil sie angeblich psychisch krank war. Aber wir hatten ständig Angst, dass sie eines Tages aus der Psychiatrie entlassen werden würde ... Zuerst dachte ich, dass wir deswegen neue Namen bekommen haben und umgezogen sind ... Ihno Lübbert - klingt ja auch sehr passend."

"Und wann haben Sie erfahren, dass es nicht so war?"

Sie blickte auf, sah von Cornelius kurz zu Björn Kilian und fuhr dann fort: "Pa hat es mir gesagt, als ich älter war und die Widersprüche zu offensichtlich wurden."

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Wenig später brachte Undine Björn Kilian zur Tür.

"Was werden Sie jetzt unternehmen, Björn?" Aber Björn gab ihr keine Antwort, sondern stellte seinerseits eine Frage.

"Wo wohnt Herr Petersen?"

Undine hob die Augenbrauen.

"Wollen Sie seine Adresse?"

"Ja, ganz richtig ..."

"Er hat eine Wohnung hier in Emden. Aber im Moment dürften sie ihn in seinem Büro antreffen. Sie wissen ja, wo das ist ..."

"Ja."

"Was wollen Sie von Herrn Petersen?"

"Mit ihm reden!", gab Björn lakonisch zurück.

"Markovic ist der Mann, den Sie sich vorknöpfen müssen!", gab sie ihrer Überzeugung Ausdruck. "Ich glaube nicht, dass Petersen etwas mit Pas Tod zu tun hat!"

"Er hatte aber ein Motiv!"

"Sie meinen die Veruntreuung? Ich sagte doch, dass Pa ein Übereinkommen mit ihm treffen wollte. Sein Tod konnte ihm höchstens Nachteile bringen!"

"Ich möchte mich trotzdem mit ihm unterhalten. Wer weiß, was dabei herauskommt ..."

"Und ich sage Ihnen, Sie irren sich!"

Björn lächelte.

"Versuchen Sie nicht, mir vorzuschreiben, wie ich meine Arbeit zu machen habe!"

"Die Sache ist doch klar! Kümmern Sie sich um Markovic!"

"Soll ich vielleicht in Markovics Büro spazieren - vorausgesetzt ich komme so weit - und ihn fragen, ob er zufällig der Mörder Ihres Vaters ist? Nein, so einfach geht das nicht! Das fängt man anders an ..."

"Und wie?"

"Jedenfalls nicht, indem man vorzeitig sämtliche Pferde scheu macht!"

Sie atmete tief durch. Dann begegneten sich ihre Blicke. Sie sah ihn einen Augenblick lang ruhig an und meinte dann: "Vielleicht haben Sie recht! Vielleicht sollte ich Ihnen mehr vertrauen!"

Das war auch Björns Meinung und so nickte er.

"Ja, das sollten Sie! Ich verstehe meinen Job!"

"So war das nicht gemeint!"

"Das weiß ich!"

"Sie sind ein toller Kerl, Björn!"

Und dann schlang sie plötzlich ihre schlanken Arme um seinen Hals und gab ihm einen leidenschaftlichen Kuss. Alles ging viel zu schnell.

Bevor Björn so recht gemerkt hatte, was hier gespielt wurde und den Zungenschlag erwidern konnte, war es auch schon vorbei.

Sie hatte sich von ihm gelöst und war etwas zurückgetreten.

"Machen Sie Ihre Sache gut, Björn!"

"Das verspreche ich Ihnen hiermit", murmelte Björn der noch immer ein wenig verwirrt war.

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Björn Kilian traf Arthur Petersen nicht in seinem Büro an, sondern in einem Restaurant in der Umgebung.

Ein kleiner, dicker Mann saß vor einem riesigen Steak und Björn dachte sich, dass dieser Mann Arthur Petersen sein musste.

"Herr Petersen?"

Der Mann blickte auf, kaute seinen Bissen zu Ende und murmelte dann: "Was wollen Sie? Ich kenne Sie nicht!" Björn setzte sich zu ihm an den Tisch.

"Ich Sie auch nicht, aber die Beschreibung Ihrer Sekretärin passt auf Sie ..."

Petersen verzog das Gesicht.

"So?"

"Mein Name ist Björn Kilian. Ich bin Privatdetektiv. Frau Undine Lübbert hat mich engagiert wegen der Sache mit ihrem Vater." Petersen blickte auf und nahm einen Schluck aus dem Glas Rotwein, das neben seinem Teller stand. Dann wischte er sich mit der Hand den Mund ab und schob den halb leeren Teller ein Stück von sich weg.

Aus irgendeinem Grund schien ihm der Appetit mit einem Mal vergangen zu sein.

"Was wollen Sie von mir, Herr Kilian? Ich bin ein vielbeschäftigter Mann, und wenn Sie mir schon meine Mittagspause stehlen, dann haben Sie dafür hoffentlich einen guten Grund!"

"Ich habe ein paar Fragen", erklärte Björn sachlich. "Und diese Fragen halte ich für einen guten Grund!" Petersen machte ein zweifelndes Gesicht.

"Ich habe eigentlich keine Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten!"

"Sie haben Gelder der Ihno Lübbert Holding veruntreut, nicht wahr?"

Der Angesprochene runzelte die Stirn, dann löste er den obersten Hemdknopf, so dass sein Doppelkinn etwas mehr Platz bekam. Petersen schien sich sichtlich unwohl in seiner Haut zu fühlen und Björn konnte das durchaus nachvollziehen.

"Sie können es ruhig zugeben, Herr Petersen. Ich weiß es, die Polizei weiß es."

"Es hat mich niemand angeklagt."

"Weil niemand einen Skandal wollte."

"Sehr richtig. Herr Lübbert und ich waren uns einig, dass ..."

"Was, wenn Lübbert und Sie sich doch nicht so einig gewesen sind, wie Sie es allgemein glauben machen wollen und er Sie auf irgendeine Art und Weise ans Messer liefern wollte?"

"Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen, Herr Kilian. Ich habe aber nicht die Absicht, dieses Spiel mitzumachen!"

"Es ist kein Spiel, Herr Petersen!"

Der dicke Mann zuckte mit den Schultern.

"Wie dem auch sei." Dann verengte er die Augen und fixierte Björn Kilian mit einem ärgerlichen Blick. "Sie wollen doch nicht behaupten, dass ich in dem Wagen gesessen habe, von dem aus auf Herrn Lübbert geschossen wurde!"

"Sie hätten vielleicht ein Motiv!"

"Aber ich habe ein handfestes Alibi! Ich war auf einer Konferenz, als es passierte! Dafür gibt es ein halbes Dutzend Zeugen!"

"Sie könnten die Tat in Auftrag gegeben haben, Herr Petersen!"

Er wurde noch bleicher, als er ohnehin schon war. Dann bleckte er wütend die Zähne.

"Guten Tag, Herr Kilian! Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen!"

Kilian erhob sich.

"Ich schätze, dass ich nicht der Einzige bleiben werde, der Ihnen diese Fragen stellt!"

Petersens Gelassenheit machte auf Kilian einen gespielten Eindruck.

"Abwarten, Herr Kilian!"

"Auf Wiedersehen, Herr Petersen. Es würde mich nicht wundern, wenn wir uns in nächster Zeit noch öfter über den Weg laufen!"

Während Kilian schon in Richtung Tür unterwegs war, knurrte Arthur Petersen noch etwas Unverständliches vor sich hin. Aber es hörte sich alles andere als freundlich an.

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Tammo Remmers war nicht gerade gut gelaunt, als Björn ihn auf dem Flur abpasste.

"Ah, Björn! Du hast mir heute noch gefehlt!" Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Du solltest langsam mal ans Abnehmen denken, Tammo, dachte Björn bei sich, aber er hütete sich davor, es auch laut auszusprechen.

"Moin, Tammo! Was soll denn das heißen? Ich dachte, wir sind Freunde!"

"Klar, sind wir auch! Aber wenn du hier auftauchst, dann gibt das garantiert Arbeit für mich! Und ich stecke schon bis über beide Ohren drin! Bis über beide Ohren, hörst du, Björn?" Remmers stemmte die Arme in die Hüften und baute sich breitbeinig auf.

Björn wollte nicht wissen, auf welche Werte der Blutdruck des Polizei-Hauptkommissars in den letzten zwanzig Sekunden gestiegen war.

Remmers atmete tief durch und quetschte dann zwischen den Lippen hindurch: "Also schieß los! Worum geht's?"

"Es geht um den Mordfall Lübbert."

"Ihno Lübbert?"

"Ja, welcher Lübbert wohl sonst!"

"Ein Mann aus meiner Dienststelle bearbeitet den Fall. Er heißt Cornelius. Sieht ein bisschen merkwürdig aus, aber er soll ein ganz toller Hecht sein. So viele Belobigungen in einer Personalakte habe ich selten gesehen ..."

"War in Amerika und beim BKA in Berlin."

"Woher weißt du das denn?"

"Ich kann neuerdings hellsehen, Tammo."

"Ah, ja ..."

"Ich habe mit Cornelius bereits gesprochen. Die Sache ist die: Hinter dem Mord steckt wahrscheinlich Darko Markovic. Und ich möchte wissen, was der im Augenblick so treibt."

Remmers pustete wie ein Walross.

"Komm mit!", meinte er. "Wozu habe ich schließlich so ein gastliches Büro?"

Wenig später saßen sie sich dann in Remmers' Büro gegenüber.

Der Hauptkommissar lehnte sich zurück und kratzte sich im Genick.

"Der Name Markovic dürfte dir doch noch von früher her geläufig sein, Björn", meinte er.

Kilian nickte.

"Ist er auch. Aber das ist schließlich schon eine ganze Weile her!"

"Aber einer wie Markovic ändert sich nicht. Der steigt entweder auf oder endet vorher als Wasserleiche im Knockster Tief - mit einem schönen, runden Loch in der Stirn!"

Björn Kilian zog die Augenbrauen in die Höhe.

"Nach allem, was man hört, ist Markovic aufgestiegen!"

"Kann man wohl sagen! Früher haben wir ja immer vermutet, dass er illegal Elektronik in den Iran exportiert hat. Aber das ist lange her. Heute vermutet man ihn hinter Waffenschieber- und Drogenringen. Aber wir konnten dem verflixten Hund bisher nichts nachweisen. Er ist einfach zu geschickt! Strohmänner machen die Drecksarbeit für ihn und die schweigen eisern, denn jeder von ihnen weiß, dass er ein toter Mann ist, sobald er singt. Sein Arm reicht bis in die Gefängnisse hinein - vielleicht sogar bis in die Polizei und die Staatsanwaltschaft."

"Dann gibt es also im Grunde genommen nichts Neues!"

"Nein. Was Markovic angeht, nicht. Es ist alles nur ein paar Nummern größer geworden."

"Nichts Konkretes?"

"Björn, wenn ich etwas Konkretes hätte, würde er nicht mehr frei herumlaufen und seine unsauberen Geschäfte machen!"

"Verstehe ..."

"Dann ist da allerdings noch etwas, das dich interessieren könnte."

In Björns Augen blitzte es.

"Heraus damit, Tammo!"

"In den letzten Wochen gibt es eine Art Mord-Serie. Alle begangen in der Art von professionellen Killern - so, wie es auch bei Ihno Lübbert der Fall zu sein scheint. Alle Opfer hatten etwas gemeinsam: Sie machten Geschäfte mit Darko Markovic!"

"Eine Säuberungsaktion?"

"Ja, so etwas in der Art muss es wohl sein."

"Ich möchte eine Liste der Opfer."

"Kannst du haben!"

Tammo Remmers stand auf, holte eine Akte aus dem Schrank und knallte sie vor Kilian auf den Tisch. "Schreib dir die Namen heraus, wenn es dir Spaß macht!"

"Danke!"

Björn Kilian nahm sein Handy und fotografierte den Ausdruck ab.

"Du hättest mir auch eine Mail schicken können", sagte der Privatdetektiv.

"Nein, das hätte ich nicht, Björn."

"Wieso nicht?"

"Dann wäre es offiziell, dass ich dir etwas weitergegeben habe."

"Und jetzt?"

"Hat es klick gemacht, als ich dir gerade einen Kaffee von nebenan geholt habe."

"Habt ihr Kaffee?"

"Ist alle, wir müssen sparen." Tammo Remmers deutete auf den Ausdruck. "Was willst du damit, Björn?"

Kilian zuckte mit den Schultern.

"Mal sehen. Ich weiß es noch nicht."

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Es war bereits ziemlich dunkel und es regnete wieder, als Roy Bradenbach ins Freie trat und sich nach rechts und links umdrehte. Er schlug sich den Mantelkragen hoch und schlang sich den Schal vor den Mund.

Es war hundekalt und dennoch stand Bradenbach der Schweiß auf der Stirn, als er die Straße überquerte. Es war kalter Angstschweiß und sein Gesicht war von nackter Furcht gezeichnet.

"Oh, mein Gott", flüsterte er kaum hörbar in seinen Schal hinein, obwohl er eine Kirche zum letzten Mal von innen gesehen hatte, als seine Mutter ihn zur Taufe getragen hatte.

Er schluckte.

Ich hätte mich nie auf diese Dinge einlassen sollen, durchfuhr es ihn.

Aber nun war es zu spät.

Einfach zu spät.

Bis zum Hals steckte er im Sumpf und er sah nicht die geringste Chance, sich selbst wieder herauszuziehen.

Bradenbach fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen.

Überall konnte er auf ihn lauern.

Er musste auf der Hut sein und aufpassen.

Er musste hinüber zur Telefonzelle auf der anderen Straßenseite.

Er wollte auf jeden Fall ungestört sein, wenn er den Hörer abnahm.

Bradenbach atmete schwer.

Er war derart nervös, dass ihn beinahe ein Auto erwischte, das dann hupend weiterfuhr.

Oh, verdammt!, schoss es ihm durch den Kopf. Ich beginne bereits die Nerven zu verlieren!

Jetzt hieß es, kühlen Kopf zu bewahren. Nur dann hatte er noch eine Chance. Kühlen Kopf und stahlharte Nerven. Aber wie es schien, hatte er weder das eine noch das andere. Schließlich hatte er die andere Straßenseite erreicht. Noch einmal blickte er sich nach allen Seiten um. Er sah einen Stadtstreicher mit speckigem Parka, vor Dreck starrenden Jeans und einer schmuddeligen Wollmütze, die er tief ins Gesicht gezogen hatte.

Der Mann hob eine Zeitung vom Boden auf, die irgendjemand achtlos weggeworfen hatte und blätterte darin.

Keine Gefahr, dachte Bradenbach bei diesem Anblick oder besser: Er versuchte, es sich einzureden. Immer wieder: Keine Gefahr!

Außer dem Stadtstreicher sah er niemanden in der Nähe. Er öffnete die Tür des Telefonhäuschens, ließ sie dann hinter sich zuschlagen und fingerte mit zitternden Händen ein paar Münzen aus der Manteltasche heraus. Es war einer der letzten Münzfernsprecher in ganz Ostfriesland. Wahrscheinlich in ganz Deutschland. Das Relikt einer vergangenen Zeit. Und eine Möglichkeit, mit jemandem zu kommunizieren, ohne dass man es später zurückverfolgen konnte.

Roy Bradenbach schluckte.

Dann begann er eine Nummer zu wählen.

Mach schon!, rief es in ihm. Verdammt noch mal, nun nimm doch endlich ab!

Sein Stoßgebet wurde im nächsten Moment erhört. Eine weibliche Stimme meldete sich.

"Ist da das Büro von Björn Kilian?"

"Ja. Wer spricht dort, bitte?"

"Hier ist Roy Bradenbach. Ich habe Herrn Kilian etwas Wichtiges mitzuteilen. Ich ..."

"Kann ich Herrn Kilian etwas ausrichten, Herr Bradenbach? Hallo ... Sind sie noch dran?"

Bradenbach war noch dran, aber ihm waren die Worte vor Entsetzen buchstäblich im Halse stecken geblieben, als er sich umgewandt und in das Gesicht des Stadtstreichers geblickt hatte, der urplötzlich vor der Telefonzelle aufgetaucht war. Alles, was dann geschah, dauerte kaum länger als eine Sekunde.

Plötzlich war Bradenbach klar, dass dieser Mann gar kein Stadtstreicher war, sondern sich nur so aufgemacht hatte. Der Kerl hatte hier auf ihn gewartet, ihn wahrscheinlich schon längere Zeit beobachtet und nun war seine Chance gekommen!

Der Mann hatte ein kalt glitzerndes Augenpaar, das ihn geschäftsmäßig musterte.

Eine hässliche Narbe, die vermutlich von einer Messerstecherei herrührte, zog sich von der Stirn über das Auge und fast die gesamte rechte Wange.

Der Mann verzog das Gesicht und bleckte die Zähne. Bradenbach sah die Zeitung seines Gegenübers, jene Zeitung, die dieser vom Boden aufgesammelt hatte.

Die Zeitung glitt zur Seite und die Mündung einer Pistole mit Schalldämpfer wurde für den Bruchteil eines Augenblicks sichtbar.

Bradenbachs Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.

"Nein", flüsterte er fast tonlos, aber da hatte sein Gegenüber bereits abgedrückt.

Am Ausgang des Schalldämpfers blitzte ein Mündungsfeuer. Es gab ein hässliches, dumpfes Geräusch.

Das Projektil durchschlug die Scheibe der Telefonzelle, ließ das Glas splittern und fuhr Bradenbach dann direkt in die linke Brust. Bradenbach wurde durch die Wucht des Geschosses nach hinten gerissen, ließ den Hörer fallen und ächzte noch einmal unterdrückt.

Der Killer wollte sichergehen.

Ein zweiter Schuss traf Bradenbach mitten in der Stirn, bevor er dann mit starren, weit aufgerissenen Augen zu Boden rutschte. Der Killer steckte die Waffe in die weite Seitentasche seiner Parka, beugte sich nieder, hob den Hörer auf und hängte ihn die Gabel.

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Das Handy klingelte und Björn nahm das Gespräch über die Freisprechanlage entgegen.

Es war Eltje.

"Was gibt es?", fragte Björn.

"Ein Mann namens Roy Bradenbach hat angerufen. Er ist ein Informant, nicht wahr?"

"Ja, was hat er gesagt?"

"Er ist nicht mehr dazu gekommen, etwas auszupacken. Es sei sehr wichtig hat er gesagt, und dann gab es ein merkwürdiges Geräusch - wie aus einer Schalldämpferpistole. Ich fürchte, er lebt nicht mehr, Björn."

Björn atmete tief durch.

"Das fürchte ich auch, Eltje."

"Er hat aus einer Zelle angerufen."

"So was gibt es noch?"

"Selten."

"Offenbar wollte er sichergehen, nicht abgehört oder zurückverfolgt zu werden."

"So sehe ich das auch."

"Du hast den Anruf getracked?"

"Ja. GPS-Koordinaten habe ich dir geschickt."

"Ich kann mir denken, wo das ist", flüsterte Björn, mehr zu sich selbst als zu seiner Gesprächspartnerin. "Hast du die Polizei schon benachrichtigt?"

"Nein. Ich dachte mir, ich sage erst dir Bescheid."

"Okay, dann werde ich das von hier aus erledigen ..." Zwei Sekunden später hatte Björn Kilian aufgelegt. Er suchte eine Seitenstraße, in der er seinen Wagen drehen konnte.

Bradenbach war umgelegt worden und es gab sicher ein paar Dutzend Leute, die dafür infrage kamen. Aber einer von ihnen war Darko Markovic!

Björn Kilian dachte an die Liste, die Hauptkommissar Remmers ihm gegeben hatte. Bradenbach passte vorzüglich in diese Liste von Leuten hinein, die zwei Dinge gemeinsam hatten: Sie hatten mit Markovic zu tun und sie waren mausetot.

So viele Zufälle kann es nicht geben, dachte Kilian. Bradenbach hatte ihm etwas Wichtiges zu sagen gehabt, was nur heißen konnte, dass er etwas über Markovic herausgefunden haben musste. Eine andere Möglichkeit gab es kaum.

Endlich hatte Björn eine Möglichkeit zum Drehen gefunden. Es dauerte ein bisschen, bis er sich wieder in den Verkehr - diesmal in entgegengesetzte Richtung - einfädeln konnte. Dann wählte er über die Spracheingabe seines Handys die Nummer der Polizei.

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Es war ganz so, wie Björn Kilian gedacht hatte. Bradenbach war in der Telefonzelle ermordet worden, die der Kaschemme gegenüber lag, in der man ihn sonst immer antreffen konnte.

Wahrscheinlich hat er ungestört mit mir sprechen wollen, kam es Björn in den Sinn, als er seinen Wagen an der Seite abstellte, die Tür öffnete und die zerschossene Zelle sah.

Bradenbach lag mit seltsam verrenkten Armen und Beinen in der Zelle. Seine Augen blickten Björn starr an, während sich mitten auf seiner Stirn ein kleines, rotes Loch befand. Björn schluckte.

Er kannte Bradenbach schon einige Jahre und der kleine Hehler hatte ihn immer mit wertvollen Informationen versorgt.

Er war einer, der buchstäblich das Gras wachsen hörte.

Gras - und auch andere Dinge.

Nicht alles, was Bradenbach getan hatte, war legal, aber im Grunde war er nur ein ganz kleiner Fisch. Und ein solches Ende hatte er in keinem Fall verdient.

Niemand hatte das.

Björn Kilian ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten und fühlte Grimm in sich hochsteigen.

Wer immer hier dahintersteckte und die Fäden zog: Es musste sich um jemanden handeln, der buchstäblich über Leichen ging. Björn blickte sich dann etwas nach Spuren um.

Aber da war auf den ersten Blick nichts zu sehen, dass irgendeinen Hinweis geben konnte. Mit was für einer Waffe Bradenbach erschossen worden war, dass würde später die Polizei feststellen. Doch viel würde dabei vermutlich auch nicht herauskommen. Nichts, was einem den Täter auf dem Silbertablett servierte, denn es war nicht anzunehmen, dass der Killer so dumm gewesen war, eine Waffe zu benutzen, die bereits polizeibekannt war.

Jedenfalls nicht, wenn es sich um einen Profi handelte.

Und davon ging Björn mittlerweile stillschweigend aus.

Man konnte Bradenbachs Augen noch ansehen, wie überrascht er gewesen sein musste.

Björn beugte sich nieder und drückte ihm die Lider zu. Mehr konnte er nicht mehr für ihn tun - außer vielleicht denjenigen zu finden, der dafür verantwortlich war.

Ganz korrekt war das natürlich kriminaltechnisch gesehen nicht. Die Erkennungsdienstler der Polizei mochten es natürlich nicht, wenn man die Leiche eines Mordopfers noch anfasste - ganz egal wo. Und in diesem Fall würden sie sich vermutlich über die geschlossenen Augen wundern. Ich werde es ihnen sagen, nahm sich Björn Kilian vor. Zumindest, wenn ich sie noch antreffe ...

Die Polizei würde sicher bald eintreffen.

Aber der Erkennungsdienst? Das konnte etwas dauern. Schließlich kamen die vermutlich aus Oldenburg, wenn es um anspruchsvollere Aufgaben ging, die der Kripo-Normalbeamte aus Emden nicht allein hinbekommen konnte.

Eine Weile verharrte Björn Kilian so bei dem Toten, dann nahm er mit den Augenwinkeln plötzlich eine Bewegung in der Nähe war.

Blitzartig war seine Rechte unter den offenen Mantel und das Jackett gefahren und hatte mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit die Pistole aus dem Schulterholster gerissen und in Anschlag gebracht.

"Nicht schießen!"

Der Mann, der da zitternd vor Björn Kilian stand, wirkte wie eine Jammergestalt. Er hatte die Hände gehoben, in der Rechten hielt er eine Bierflasche.

Björn blickte in ein stoppelbärtiges Gesicht mit einer roten Trinkernase.

"Bitte, nicht schießen!", wiederholte er noch einmal. Ihm schlotterten vor Angst schier die Knie und Björn ließ die Waffe sinken.

"Keine Angst!", meinte er. "Ich schieße nicht." Der Mann drehte sich und wollte sich wohl davonmachen. Aber Björn hatte noch ein paar Fragen an ihn.

"Hey, stehen bleiben!"

Der Kerl zuckte zusammen und drehte sich vorsichtig herum. Erleichtert stellte er fest, dass Björn seine Waffe inzwischen wieder eingesteckt hatte.

"Erstmal Moin", sagte Björn Kilian.

"Moin", sagte der Mann.

"Ich tue Ihnen nichts", versicherte Björn noch einmal, denn er sah deutliches Misstrauen in den Augen seines Gegenübers. Björn kam ein paar Schritte heran.

"Was ist noch? Was wollen Sie?"

"Nur ein paar Fragen!"

"Wer sind Sie?"

Björn kam noch näher heran und hielt ihm seinen Ausweis unter die Nase. "Privatdetektiv", fügte er noch als Erklärung hinzu.

Der Mann atmete auf. "Gott sei Dank. Ich dachte schon, Sie gehörten zu ihm."

Björn runzelte die Stirn. "Zu wem soll ich gehören?"

"Schließlich tragen Sie auch eine Waffe ..."

"Von wem, zum Teufel, haben Sie gerade gesprochen?"

Der Mann mit der Bierflasche in der Hand, deutete auf die Telefonzelle. "Sie haben doch gesehen, was hier passiert ist."

"Allerdings!"

"Ich spreche von dem Mann, der das getan hat!"

"Sie haben ihn gesehen?", fragte Björn.

"Ich habe alles beobachtet!"

"Raus mit der Sprache!"

Björn hatte selbst gemerkt, dass in seiner Stimme ein Quäntchen zu viel Ungeduld mitgeschwungen hatte. Und das hatte sein Gegenüber genauestens registriert.

Der Mann zögerte mit seiner Antwort, rieb sich mit der Linken die rote Nase und trank dann seine Bierdose leer. Die Büchse warf er auf den Bürgersteig und meinte: "Ich habe nichts zu trinken mehr, Herr ..."

Björn begriff, worauf er hinauswollte.

Er gab ihm einen Geldschein.

Und noch einen.

"So!", meinte der Privatdetektiv. "Jetzt will ich aber auch eine überzeugende Story hören! Sonst hole ich mir die Mäuse zurück!"

"Ich habe alles gesehen!"

"Das sagten Sie bereits!"

"Der Kerl ist seinem Opfer bis zur Telefonzelle gefolgt und hat geschossen."

"Haben Sie den Schuss gehört?"

"Nein. Man konnte nichts hören. Aber ich habe die Waffe gesehen und ich sah es in der Dunkelheit aufblitzen ..."

"Wie sah der Mann aus?"

"Er hatte eine Narbe quer über das Gesicht ..." Und dabei zog er mit dem Finger eine Linie von der Stirn über das Auge und die rechte Wange.

Björn runzelte die Stirn.

"Von wo aus haben Sie das alles beobachtet?"

"Von der anderen Straßenseite aus. Als es dann passiert war, bin ich schließlich hergekommen, um ..."

Er zögerte und Björn vollendete schließlich: "... um die Leiche zu fleddern, nicht wahr?"

"Unsereins muss auch leben!"

Björn warf einen kurzen Blick hinüber.

Dann meinte der Privatdetektiv ziemlich ungehalten: "Das ist unmöglich. Auf die Entfernung und bei diesen Lichtverhältnissen konnten Sie unmöglich die Narbe des Mannes sehen! Sie erzählen mir was!"

"Nein! Das war anders! Ich habe die Narbe des Mannes vorher gesehen."

"Wann vorher?"

"Als wir ein Bier zusammen getrunken haben, drüben vor der Snack Bar."

"Sie haben ein Bier zusammen getrunken?"

"Ja, er sah aus wie einer von uns. Wie einer, der auf der Straße lebt. Und dann haben wir einen zusammen gehoben. Aber in Wirklichkeit hat er wohl die ganze Zeit über nur auf den gewartet, der da jetzt mausetot in der Telefonzelle liegt ..." Björn nickte.

"Okay", murmelte er.

Wenn der Täter wirklich eine so auffällige Narbe hatte, wie dieser Mann behauptete, dann war das vielleicht eine Spur. Und wenn er bereits einschlägig in Erscheinung getreten war, dann würde man das Rätsel um seine Identität auch bald lüften können. Die Martinshörner von Polizeiwagen ließen Björn Kilian herumfahren und als er dann eine Sekunde später den Blick zurück zu seinem Gegenüber schnellen ließ, da hatte sich dieser bereits davongemacht.

Björn sah keine Spur mehr von ihm.

Auf einen engeren Kontakt mit der uniformierten Staatsmacht hatte der Mann offenbar keine Lust.

Er konnte in eine der dunklen Nischen zwischen den Häusern geflüchtet sein. Es gab hier Dutzende von Orten, an denen man sich verkriechen konnte.

Der Mann war über alle Berge.

Offensichtlich legte er keinen Wert darauf, mit den Gesetzeshütern zusammenzutreffen, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht, vielleicht hatte er auch selbst irgendwelche kleineren Sachen auf dem Kerbholz.

Ein paar uniformierte Beamte sprangen aus den heulenden Streifenwagen. Und dann kamen auch Kripo-Leute in Zivil. Ein paar Augenblicke nur und die Nacht schien zum Tag zu werden.

Aus den umliegenden Häusern liefen die Leute zusammen, um zu sehen, was sich dort abspielte.

Ein paar Augenblicke später sah Björn dann die massige Gestalt von Hauptkommissar Remmers zum Tatort wanken.

"Moin, Tammo! Was machst du denn hier? Ist das nicht eher etwas für deine Untergebenen?"

Remmers verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Ein müdes, gequältes Lächeln ging über seine Züge, bevor er dann einen hörbaren Seufzer ausstieß.

"Diese Mordserie scheint inzwischen auch ein paar Etagen über mir Unruhe auszulösen! Und so, wie du es am Telefon dargestellt hast, passt dieser Mord hier genau ins Raster", presste Remmers heraus. "Die Sache ist jetzt mein Job. Und zwar höchstpersönlich!"

"Armer Tammo!"

"Auf dein Mitleid kann ich verzichten, Björn!" In seinen Augen blitzte es giftig. "Ich hoffe, du hast nichts angefasst."

"Ich bin ja kein Anfänger!"

"Soso."

"Bis auf die Augenlider."

"Wie?"

"Die habe ich ihm geschlossen."

"Kein Anfänger, aber sentimental."

"Nein, Tammo. Nur menschlich. Das ist was anderes als sentimental."

"Na, wenn du Schlaumeier das sagst, Björn!"

"Ich sehe das so."

"Sag mal, was könnte Bradenbach denn über Markovic herausgefunden haben? Du hast am Telefon nicht mehr darüber gesagt ..."

"Ich weiß auch nicht mehr darüber, Tammo. Er wurde zuvor erschossen."

Sie gingen zur Telefonzelle, an der sich bereits ein paar Kripo-Leute damit beschäftigten, den Tatort fototechnisch zu dokumentieren.

"Sag mal, kennst du einen Mann, der eine Narbe hat, die etwa so verläuft?" Und dabei fuhr Björn sich mit dem Finger über die rechte Gesichtshälfte.

Hauptkommissar Remmers runzelte die Stirn.

"Was soll das für einer sein?", murmelte er dann.

"Ein Killer", erklärte Björn.

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"Wir sollten uns Bradenbachs Wohnung vorknöpfen", meinte Björn etwas später an Remmers gewandt.

Der Hauptkommissar nickte.

"Alles zu seiner Zeit. Wenn wir hier fertig sind, Björn."

Aber Björn Kilian war damit überhaupt nicht einverstanden. "Dann kann es zu spät sein", meinte er.

Remmers runzelte die Stirn. "Wie kommst auf diese Idee?"

"Bradenbach war ein Informant von mir. Er sollte sich mal umhören, was Markovic so in letzter Zeit treibt. Und kurz bevor er Eltje am Telefon etwas sagen konnte, wurde er erschossen."

"Du meinst, dass er etwas herausgefunden hatte!"

"Warum hätte er sonst mein Büro anrufen sollen?"

"Worum könnte es hier gehen, Björn?"

"Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber vielleicht finden wir etwas in seiner Wohnung, das uns Aufschluss geben könnte. Aber wenn wir zu langsam sind, dann könnte uns der zuvorkommen, der Bradenbach umgebracht hat!"

"... und vielleicht verhindern wollte, dass er dir eine Nachricht zukommen lässt!"

Björn nickte.

"Ja, das könnte sein."

"Sieht ganz nach Markovic und seinen Leuten aus, nicht wahr?"

"Ja, scheint so."

Dann machte Björn sich endgültig davon. Bevor er in den Wagen stieg, rief er noch zu Remmers hinüber: "Falls du mit deiner Meute doch noch nachkommen willst: Bradenbach trägt einen Führerschein bei sich, da steht seine Adresse drin!" Remmers zog eine Grimasse.

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Kilian parkte den Wagen am Straßenrand, wobei er wusste, dass es schon fast einer Provokation gleichkam, einen solchen Wagen in einer Gegend wie dieser abzustellen.

Aber was sollte er machen?

Sich eigens für seinen Abstecher zu Bradenbachs Wohnung einen anderen, weniger auffälligen Wagen zulegen?

Björn öffnete die Tür und stieg aus.

Es war finster hier, ein paar der Straßenlaternen funktionierten nicht. In einiger Entfernung sah Björn mehrere leer stehende Geschäfte.

Björn verschloss sorgfältig den Wagen, obwohl er wusste, dass das im Ernstfall wenig nützen würde.

Dann blickte er sich um.

Diese Straße hatte schon bessere Zeiten gesehen, das ließen die Fassaden der Häuser erahnen, die jetzt sämtlich herunterblätterten.

Aber das musste schon lange her sein.

Jetzt wohnten hier vor allem jene, die es sich nicht leisten konnten, anderswo zu wohnen.

Bradenbach wohnte in einem dreistöckigen Haus, dass seit zwanzig Jahren nicht mehr gestrichen worden war.

Von irgendwoher waren Stimmen zu hören.

Björn ließ den Blick schweifen, sah aber zunächst nichts. Dann bogen drei hochgewachsene, kräftig wirkende Kerle um die die nächste Straßenecke.

Sie trugen dunkle Lederjacken mit martialischen Totenkopfemblemen, die bei allen dreien identisch waren.

Es war kurz vor dem Haus, in dem Bradenbachs Wohnung war, als Björn mit ihnen zusammentraf.

Sie bedachten den Privatdetektiv mit einem überheblichen Grinsen. Einer der Kerle hatte einen Schlagring, ein anderer wedelte mit einer Eisenkette herum.

Björn begann sich darauf einzustellen, dass es Ärger geben würde.

Sie kamen in breiter Front nebeneinander auf Björn zu und blieben dann vor ihm stehen.

"Vielleicht haben Sie sich in der Straße geirrt!", meinte einer von ihnen.

Es war der Mittlere, ein massiger Blondschopf mit einem gemeinen Zug um die Mundwinkel.

"Macht keinen Ärger!", warnte Björn.

Die Kerle kamen noch etwas näher heran.

Der Blondschopf machte eine unbestimmte Geste, zeigte einen Moment lang die Zähne und meinte dann: "Es war ein verdammter Fehler, in diese Straße zu kommen! Dies ist nämlich unsere Straße!"

"Der sieht aus, als hätte er Geld!", meinte der Rechte. Der Blondschopf grinste hässlich.

"Er könnte uns ja etwas davon abgeben - und wir vergessen dafür, dass er hier nichts zu suchen hat!"

"Besser, ihr geht mir aus dem Weg!", warnte Björn, aber als er ihre Gesichter studierte, wusste er, dass das in den Wind geredet war.

Auf diesem Ohr waren sie taub.

Björn musterte sie einen nach dem anderen und versuchte sie abzuschätzen. Sie fühlten sich sehr sicher. Einer gegen drei, das schien eine klare Angelegenheit zu sein.

Für den Bruchteil eines Augenblicks hing alles noch in der Schwebe. Noch war nichts geschehen, hatte niemand einen Finger gerührt.

Dann packte der Blondschopf Björn an den Mantelkragen, um ihm die Brieftasche abzunehmen.

Björn hörte rechts das Rasseln der Kette. Und der Kerl auf der linken Seite holte nun einen kurzläufigen Revolver aus dem Hosenbund und richtete ihn auf Björn.

Björn Kilian reagierte blitzschnell.

Er packte den Blondschopf beim Handgelenk und verpasste ihm gleichzeitig einen Handkantenschlag, der ihn rückwärts in Richtung seiner Komplizen taumeln ließ.

In der nächsten Sekunde schon sah er dann das Aufblitzen des Revolvers, aber er hatte sich rechtzeitig zu Boden geworfen und auf dem Pflaster abgerollt, sodass der Schuss über ihn hinwegpfiff. Björn musste erneut herumrollen.

Dicht neben ihm, nur Zentimeter von seinem Körper entfernt schlug ein Projektil ein und sprang dann als Querschläger weiter. Indessen hatte Björn die eigene Waffe herausgerissen und ballerte zurück.

Sein Gegenüber schrie und hielt sich den Arm.

Der Revolver fiel zu Boden.

"Der Kerl hat eine Waffe!", hörte Björn einen der Kerle rufen und da schwang so etwas wie Entsetzen im Tonfall mit.

"Verflucht! Das muss ein Bulle sein!", rief ein anderer. Und dann sah Björn sie einen Augenblick später in die Dunkelheit davonrennen, auch den, den er am Arm erwischt hatte.

Björn erhob sich und steckte seine Waffe weg. Dann klopfte er sich Dreck von den Sachen und ging zu dem noch immer auf dem Pflaster liegenden Revolver, bückte sich und steckte diese Waffe ebenfalls ein.

So konnte jedenfalls niemand mehr Unfug damit machen. Als Björn Kilian sich dann umwandte sah er dort, wo Bradenbachs Wohnung sein musste eine Bewegung am Fenster. Einen Moment lang war das Licht an gewesen, aber jetzt war alles dunkel.

Soweit Björn wusste, war Bradenbach unverheiratet gewesen und hatte allein gelebt. Der Privatdetektiv ließ noch einmal den Blick über jene dunklen Fenstern schweifen, hinter denen Bradenbachs Wohnung liegen musste. Nichts regte sich.

Aber Björn mochte nicht daran glauben, dass er sich so getäuscht haben sollte.

Vielleicht war er schon zu spät dran.

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Björn hetzte die Treppe hinauf und befand sich wenig später vor der Tür von Bradenbachs Wohnung. Auf dem Weg dorthin war ihm niemand begegnet.

Björn wusste nicht, ob es einen zweiten Ausgang gab, aber sofern sich tatsächlich jemand in Bradenbachs Wohnung befand, so musste davon ausgegangen werden, dass er noch dort war. Die Tür war verschlossen, aber für Björn Kilian war es kein Problem, sie mit Hilfe eines kleinen Stück Drahtes, dass er aus der Manteltasche zog, zu öffnen.

Knarrend ging die Tür auf und Björn nahm seine Automatic in die Rechte.

Drinnen herrschte gähnende Finsternis.

Björn wusste, dass er vorsichtig sein musste.

Er lauschte angestrengt, aber es war nirgends etwas zu hören. Dann suchte er den Lichtschalter und fand ihn schließlich auch. Björn Kilian blickte sich um und sah eine halb offene Tür, die in einen dunklen Nachbarraum führte. Björn schlich sich an die Tür heran, die Automatic im Anschlag.

Alles schien in Ordnung zu ein.

Mit der Waffe im Anschlag kam er in den Raum und riss die Tür zu Seite. Aber da lauerte niemand auf ihn. Er ließ die Waffe sinken, ging zum Fenster und blickte von dort aus hinunter auf die Straße.

Als er sich dann wieder herumdrehte, erstarrte er mitten in der Bewegung.

Björn Kilian starrte direkt in die Mündung eines Revolvers.

Die Hand, die diese Waffe auf Björn gerichtet hielt war sehr zart, die Fingernägel lackiert.

"Waffe weg!", sagte eine weibliche Stimme, deren Tonfall es an Entschlossenheit nicht mangeln ließ, und so legte Björn seine Pistole erst einmal auf den nahen Glastisch, der in der Mitte des Zimmers stand. "Schön langsam und vorsichtig!" Björn lächelte dünn.

"Bleibt mir wohl nichts anderes übrig", meinte er.

"Und jetzt die Hände hoch! Schön hochhalten und oben lassen!"

Björn atmete tief durch und gehorchte.

Die Frau, die da mit der 38er vor ihm stand, mochte Mitte zwanzig sein, war ziemlich klein und grazil. Mochte der Teufel wissen, was sie hier suchte, aber es sah ganz danach aus, als würde Björn zunächst keine Gelegenheit bekommen, ihr seine Fragen zu stellen.

"Wer sind Sie?", fragte sie und kam einen Schritt näher.

"Bevor wir uns unterhalten, tun Sie besser das Ding da in ihrer Hand weg!"

Sie verzog ihren Schmollmund zu einer Grimasse.

"Das hätten Sie wohl gerne! Sie dringen hier so einfach in die Wohnung ein ... Was glauben Sie, was Sie hier hätten stehlen können?" Sie sah an ihm herunter. Dann meinte sie: "Sie sehen mir nicht wie einer aus, der es nötig hätte, den Leuten, die hier wohnen und schon wenig genug haben, noch etwas wegzunehmen!"

Björn nickte ihr zu.

"Gut beobachtet!", meinte er nicht ohne Ironie. Die Frau zuckte mit den Schultern.

"Man täuscht sich eben immer wieder. Gut, dass Roy mir die Waffe dagelassen hat! Es gibt zwar jede Menge Gesindel hier, aber bis jetzt habe ich sie zum Glück noch nicht benutzen müssen. Es ist das erste Mal."

"Sie kennen Roy Bradenbach?", fragte Björn Kilian. Für eine Sekunde veränderte sich ihr Gesicht und Björn schöpfte Hoffnung, sie doch zur Vernunft zu bringen. Aber dann wurden ihre Züge hart.

"Hören Sie gut zu: Versuchen Sie nicht, mich aufs Kreuz zu legen!"

"Das tue ich nicht!"

"Sie wollen mir weismachen, dass Sie Roy kennen und mich verunsichern!"

"Ich kenne Roy Bradenbach wirklich."

"Sie könnten seinen Namen auch an seinem Briefkasten gelesen haben."

"Roy Bradenbach ist tot!", warf Björn dann ein. Er sah ihre großen Augen, ihr Kopfschütteln, ihr Unverständnis.

"Nein", flüsterte sie. "Sie lügen!"

"Ich bin Privatdetektiv", erklärte Björn dann weiter. "Mein Ausweis ist in der Jackettinnentasche, Sie können sich bedienen."

"Das ist nur eine Falle. Wenn ich dann bei Ihnen nachschaue, greifen Sie nach meiner Waffe und überwältigen mich."

"Warum rufen Sie nicht die Polizei, wenn Sie überzeugt sind, dass ich ein Einbrecher bin? Die würde Ihnen übrigens alles bestätigen können, was ich bis Ihnen bis jetzt gesagt habe", erklärte Björn dann.

Wenn diese Frau - wie es Björns Vermutung war - hier mit Bradenbach zusammen gelebt hatte, dann wusste sie wohl auch von seinen krummen Geschäften.

Daher kam das wohl kaum infrage.

Prompt schüttelte sie den Kopf.

"Nein, ich rufe die Polizei nicht!"

"Weil Sie heiße Ware in der Wohnung haben, nicht wahr?"

"Was geht Sie das an?"

"Gar nichts. Und ich bin auch nicht dran interessiert."

Sie zog die Augenbrauen die Höhe. "Und woran sind Sie interessiert, Herr ..."

"Kilian. Björn Kilian."

"Ich glaube, Ihren Namen habe ich schon einmal gehört!"

"Das kann gut sein. Er steht ab und zu in der Zeitung. Außerdem hat Roy Bradenbach für mich als Informant gearbeitet."

"Sie haben noch immer nicht gesagt, was Sie hier eigentlich suchen!"

"Den Mörder von Roy Bradenbach - und noch ein paar anderen." Björn sah, wie ihr auf einmal die Tränen über das Gesicht liefen.

"Dann ist Roy wirklich tot?"

Sie senkte die Waffe.

"Oh, mein Gott!"

Björn hielt seine Stunde für gekommen.

Er trat einen Schritt vor, aber sein Gegenüber schien weiterhin wild entschlossen zu sein, den Privatdetektiv in Schach zu halten. Ihre Hände zitterten, als sie die Waffe wieder hob und auf Björn Kilian richtete.

"Ich ... Ich warne Sie, Kilian - oder wie immer Ihr richtiger Name sein mag!"

"Es ist mein richtiger Name!", erwiderte Kilian so ruhig und sachlich das in dieser Lage möglich war. "Hören Sie, ich will Ihnen nichts tun, sondern Sie nur davon überzeugen, dass ich die Wahrheit spreche!"

Und dabei machte Björn einen Schritt nach vorn.

Die Frau wurde nervös. Ihr zitternder Zeigefinger spannte sich um den Abzug.

"Ich warne Sie zum letzten Mal!", rief sie. "Ich werde schießen!"

Aber Björn Kilian schüttelte den Kopf.

"Sie werden nicht schießen!", erklärte er, als wäre es eine unumstößliche Tatsache. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie eine kaltblütige Mörderin sind."

Sie wich etwas zurück, als Björn einen weiteren Fuß voran setzte. Dann senkte er die Arme und griff sehr langsam und behutsam in die Innentasche seines Jacketts. Er hätte auch in die Manteltasche greifen können, wo sich der Revolver befand, den er draußen den Kerlen mit den Totenkopfjacken abgenommen hatte.

Aber das tat er nicht.

Er war sich sicher, die Sache auch so zu einem guten Ende bringen zu können. Außerdem war es zu vermuten, dass aus ihrer Waffe sofort ein Schuss kam, wenn sie den Revolver in Kilians Hand sah.

Björn hatte seinen Ausweis zwischen den Fingern und zog sie langsam heraus. Dann warf er ihr den Ausweis vor die Füße.

"Sie können sich überzeugen."

Sie zitterte erbärmlich und schluchzte plötzlich. Björn Kilian sah ihr an, dass sie kurz vor einem regelrechten Nervenzusammenbruch stand.

Und dann war er mit einem energischen Satz vorgeschnellt, hatte ihren Arm mit eisernem Griff gepackt und ihr die Revolver entrissen.

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Es dauerte eine Weile, bis Björn Kilian mit der Frau reden konnte. Sie war völlig aufgelöst, schluchzte dauernd und war kaum ansprechbar.

Björn setzte sich neben sie auf das Sofa und versuchte sie zu trösten, aber das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Als sie sich wieder etwas gefangen hatte, erzählte ihr Björn in knappen Worten, was sich zugetragen hatte.

Er gab ihr sein Taschentuch und sie wischte sich das Gesicht ab, das dann zu einer steinernen Maske wurde.

"Sie haben Roy geliebt?", fragte Björn.

Sie nickte verhalten. "Ja."

"Es tut mir leid für Sie."

"Danke. Aber das macht ihn nicht wieder lebendig!"

"Ich weiß. Das Einzige, was wir jetzt noch für ihn tun können, ist dafür zu sorgen, dass sein Mörder nicht straffrei davonkommt!" Beziehungsweise der, der den Killer geschickt hat!, setzte Björn in Gedanken hinzu und dachte dabei an Darko Markovic. Ihr Blick blieb starr, als sie erwiderte: "Ja, vielleicht haben Sie ja recht!"

"Ich kannte Roy Bradenbach schon ein paar Jahre", meinte Björn dann. "Aber er hat Sie nie erwähnt."

"Wir waren auch noch nicht lange zusammen." Sie zuckte mit den Schultern. "Ein paar Monate nur. Er hat mich in einer Bar aufgelesen, in der ich als Stripperin gearbeitet habe. Wir wollten ein neues Leben anfangen. Aber der Traum hat nicht lange gedauert!"

"Wie heißen Sie?"

"Laura Springmann."

"Der Mann, der Bradenbach erschossen hat, hatte eine auffallende Narbe auf der rechten Gesichtshälfte. Kennen Sie jemanden, der so aussieht?"

Sie sah ihn mit ihren großen Augen an, in denen schon wieder Tränen glitzerten.

Dann schüttelte sie den Kopf.

"Nein. Aber in letzter Zeit schien er große Angst zu haben und war immer sehr vorsichtig."

Björn runzelte die Stirn.

"Wovor hatte er Angst?"

"Ich weiß es nicht, worum es ging. Es fing jedenfalls an, als er einen seltsamen Anruf bekam. Er war kreidebleich, als er den Hörer auflegte. Ich habe ihn gefragt, wer ihm denn einen solchen Schrecken eingejagt hätte."

"Und?"

"Ein Verrückter, so sagte er nur. Und nun ist Roy tot ..." Sie barg ihr Gesicht mit den Händen.

Björn erhob sich vom Sofa.

Nicht mehr lange und Remmers' Meute würde hier auftauchen und das Unterste zuoberst kehren.

Björn blickte sich in dem karg eingerichteten Wohnraum um. Zu großem Wohlstand hatten Roy Bradenbach seine Hehlergeschäfte nicht verholfen. Aber das konnte nur jemanden wundern, der diesen Mann nicht kannte.

Er hatte nämlich eine verhängnisvolle Leidenschaft gehabt. Er spielte für sein Leben gern - und verlor meistens. Björn Kilian konnte sich nicht erinnern, ihn jemals anders angetroffen zu haben, als in finanziellen Nöten. Björns Blick blieb bei einem Photo an der Wand hängen. Es zeigte ein paar junge Kerle in Uniform. Soldaten ...

"Roy bei der Bundeswehr?", fragte Björn.

Laura nickte.

"Er war ein paar Jahre Zeitsoldat."

"Hat er mir nie erzählt."

"Keine Ahnung, worüber Sie sich so mit ihm unterhalten haben."

"Wieso?"

"Na, die wesentlichen Dinge können das nicht gewesen sein."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Er hat Ihnen ja auch nicht von mir erzählt."

"Auch wieder wahr."

"Sehen Sie!"

"Das Bild sieht nach Afghanistan-Einsatz aus", stellte Björn fest. "Die hellen Uniformen, das ISAF-Zeichen auf den Fahrzeugen im Hintergrund, die Landschaft."

Laura seufzte.

"Ja, Roy war in Afghanistan. Vor vierzehn, fünfzehn Jahren muss das gewesen sein ..."

Björns Blick fiel auf ein gerahmtes Bild, dass den Schlagersänger Roy Black in seinen besten Zeiten zeigte - irgendwann in den Siebzigern.

Laura schien Björn Kilians Gedanken dazu zu erraten.

"Roy hat seinen Vornamen diesem Kerl zu verdanken. Seine Mutter war ein Roy-Black-Fan."

"Hm."

"Und Roy mochte dessen Musik."

"Das überrascht mich jetzt wirklich. Ich habe immer gedacht, er wäre ein harter Knochen."

"Er hatte auch eine weiche Seite."

"Wer hätte das gedacht."

"Wird die Polizei noch kommen?"

"Natürlich."

"Helfen Sie mir, ein paar Sachen wegzuräumen, die die nicht unbedingt sehen müssen?"

"Also ..."

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Hinnerk Lübbert stand nachdenklich am Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Er hatte etwas geschlafen, jetzt war er etwas frischer. In der rechten hielt er eine Flasche Weinbrand. Als Undine den Raum betrat wandte er sich nicht um.

"Wie kommt es eigentlich, dass du hier so schnell aufgetaucht bist", meinte sie dann. "Ist doch merkwürdig, Brörke, findest du nicht auch?"

Brörke - plattdeutsch für Brüderchen.

So hatte sie Hinnerk früher oft etwas herablassend genannt.

Hinnerk zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus der Flasche.

"Es stimmt, dass wir uns nicht richtig verstanden haben, Pa und ich ..."

"Das ist noch sehr harmlos ausgedrückt!"

"Über den Anschlag wurde doch in allen Zeitungen berichtet. Da habe ich gleich den nächsten Zug genommen!"

"Und jetzt hoffst du auf Geld aus dem Erbe?"

Jetzt endlich wandte er sich zu ihr herum.

Er verzog den Mund zu einer zynischen Maske.

"Warum nicht?", meinte er.

"Es wäre wohl das erste Mal in deinem Leben gewesen, dass du keine Geldschwierigkeiten gehabt hättest, nicht wahr, Hinnerk?"

"Irgendwann ist immer das erste Mal, Schwester. Das solltest du inzwischen wissen."

Dann veränderte sich sein Gesicht.

Er versuchte mit der Linken eine versöhnliche Geste und stellte schließlich die Flasche ab. Er kam ein paar Schritte näher, aber Undine wich zurück.

Er ist mein Bruder!, dachte sie. Aber im Grunde weiß ich kaum etwas über ihn!

Seit Jahren hatte es keinerlei Kontakte zwischen ihr und Vater auf der einen und ihm auf der anderen Seite gegeben. Zunächst war noch regelmäßig mit der Forderung nach mehr Geld bei Ihno Lübbert vorstellig geworden. Aber der hatte schließlich die Geduld verloren und bei irgendeiner nichtigen Gelegenheit war es dann zum endgültigen Bruch gekommen.

Lübbert hatte weiterhin regelmäßig Beträge an Hinnerk überwiesen, aber sie hatten seit damals kein Wort mehr miteinander gesprochen.

All die langen Jahre hindurch.

Und nun, da Ihno Lübbert tot war, da tauchte er wieder aus der Versenkung auf.

"Wir haben verschiedene Ansichten, Undine, aber das sollte uns doch nicht daran hindern, miteinander auszukommen!"

"Nein, Hinnerk. Das geht viel tiefer."

"Und wenn schon! Schließen wir Waffenstillstand!"

Undine überlegte kurz. "Okay...", murmelte sie dann.

"Sieh mal, ich werde nicht lange hierbleiben. Die Beerdigung ist morgen, nicht wahr?"

"Ja."

"Okay ..."

"Ich hoffe, du hast etwas Anständiges anzuziehen."

"Keine Sorge, ich habe dran gedacht."

"Wenigstens etwas!"

"Und das Testament?"

"Was soll damit sein?"

"Na, wann die Testamentseröffnung ist? Pa war ja schließlich keine arme Kirchenmaus."

Undines Blick wurde sehr ernst. Sie musterte ihren Bruder kühl.

"Du bist einzig und allein deswegen gekommen, nicht wahr, Hinnerk?"

Er wich ihrem Blick aus und schien sich in diesem Moment nicht allzu wohl in seiner Haut zu fühlen. Dann meinte er bissig: "Und wenn schon!"

"Ich habe mir so etwas in der Art gedacht, Hinnerk."

"Was ist schon dabei! Ich nehme meinen Teil und verschwinde. Du siehst mich nie wieder, Undine, das ist versprochen!"

Undine verzog den Mund.

"Dir passt Pas Tod gut in den Kram, nicht wahr, Hinnerk?"

Hinnerk runzelte die Stirn.

"Was soll das?"

"Gib es zu!"

"Ja, gut, ich gebe es zu! Etwas Besseres hätte mir gar nicht passieren können, als dass jemand daherkommt und ihn niederschießt! Wer weiß, wie lange ich sonst noch auf mein Geld hätte warten müssen!"

Undine lachte freudlos.

"'Mein Geld!' - Eine feine Art hast du, das auszudrücken!"

"Was soll das ganze eigentlich? Soll das eine Art Verhör sein? Denkst du vielleicht, ich hätte Pa auf dem Gewissen?"

"Ein Motiv hättest du doch, oder etwa nicht? Du hast es vorhin ja selbst zugegeben!" Sie musterte ihn kurz, sah wie er mit zitterigen Fingern nach der Flasche griff und sie zum Mund führte.

Dann schüttelte sie energisch den Kopf.

"Nein, Hinnerk, ich denke, es ist ziemlich ausgeschlossen, dass du es warst. Schau dir nur deine Hände an ... Du bist doch gar nicht in der Lage, eine Waffe ruhig genug zu halten, um damit jemanden zu treffen."

Hinnerk lief puterrot an und knurrte ärgerlich vor sich hin.

"Man muss stets versuchen, aus den Dingen seinen Nutzen zu ziehen, ganz gleich in welche Richtung sie laufen", meinte Hinnerk dann, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte. "Ich habe gewusst, dass es irgendwann so weit sein würde. Und jetzt ist es eben so weit. Jetzt hat er die Kugel im Schädel, die schon vor langer Zeit für ihn bestimmt gewesen ist."

"Gute Nacht, Hinnerk. Ich hoffe, du verschwindest hier möglichst schnell wieder."

"Gute Nacht, Schwester! Sobald ich mein Geld habe, kann ich mir jedes Hotel leisten!"

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Es war eine üble Absteige, rund um die Uhr geöffnet und im Drei-Schicht-System mit jeweils wechselnden Portiers besetzt. Aber für den Mann, der in diesem Augenblick durch die Tür trat, war es genau das Richtige.

Der Mann war hochgewachsen und schlecht gekleidet und trat mit bedächtigen Schritten auf den Tresen zu, hinter dem der Nachtportier saß.

Dieser schreckte von seiner Illustrierten hoch, in der er Kreuzworträtsel gelöst hatte.

Der Portier musste schlucken, als er das Gesicht seines Gegenübers sah. Im Schein der Neonröhre war die Narbe gut sichtbar, die die rechte Gesichtshälfte verunstaltete.

"Moin! Was wollen Sie?", fragte der Portier.

"Ich wohne hier."

Der Portier runzelte die Stirn, während der Mann mit der Narbe mit der flachen Hand auf den Tresen schlug. Seine Augen waren kaum mehr als schmale Schlitze, sein Mund ein dünner Strich.

Der Portier hatte diesen Mann noch nie gesehen, aber bei dem schichtweise wechselnden Personal war das auch kein Wunder.

"Welche Nummer?"

"Dreiundzwanzig."

Der Portier drehte sich herum und ging zu dem Nagelbrett, an dem die Schlüssel hingen. Schließlich hatte er den richtigen gefunden und knallte ihn eine Sekunde später auf den Tresen.

"Hier, Herr ..."

Der Narbige hob den Kopf und unterzog sein Gegenüber einer kurzen Musterung.

"Brücker!", flüsterte er dann.

Es war der Name, unter dem er sich eingetragen hatte, aber es war nicht sein wirklicher.

"Wollen Sie morgen früh Frühstück, Herr Brücker?"

"Nein."

Der Portier zuckte mit den Schultern.

"Wie Sie wollen ..."

"Noch was?"

"Nein."

"Das ist gut. Sie quatschen nämlich zu viel!"

"Ich dachte nur ..."

"Gute Nacht!"

Der Mann, der sich Brücker nannte, drehte sich um und ging die Treppe hinauf, um zu seinem Zimmer zu gelangen. Die Stufen knarrten entsetzlich ...

Es hat mich niemand gesehen, dachte er und fühlte die Schalldämpfer-Pistole in der Tasche seiner Parka. Verdammt, es ist alles in Ordnung! Alles läuft wie am Schnürchen!

Aber Brücker war unruhig.

Er fühlte seinen Puls schlagen, obwohl es dafür doch eigentlich keinen Anlass gab. Bradenbach war tot und die Gefahr, die er dargestellt hatte, vorüber.

Brücker öffnete die Tür zu seinem Zimmer und verschloss sie sogleich sorgfältig hinter sich.

Dann atmete er tief durch.

Es war noch nicht zu Ende!

Roy Bradenbach war nicht der Letzte auf seiner Liste!

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​  21

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Als Björn Kilian am nächsten Morgen ins Büro kam, schlug ihm gleich Eltjes helle Stimme entgegen.

"Björn! Du kommst gerade richtig!"

"Was ist denn?"

"Telefon!"

Sie hielt den Hörer in der Hand.

Björn behielt den Mantel an. Er hatte es so im Gefühl, dass es sich vielleicht nicht lohnte, ihn auszuziehen.

"Wer ist es?"

"Hauptkommissar Remmers."

Björn nahm den Apparat ans Ohr.

"Tammo?"

"Ja, ich bin's!"

"Moin."

"Auch Moin."

"Sag bloß, die Polizei arbeitet schon zu dieser frühen Stunde!"

"Jetzt ist keine Zeit für Witze, Björn! Wir wollen Markovic einen Besuch abstatten! Und da dachte ich, dass du vielleicht gerne dabei sein möchtest!"

Björn musste unwillkürlich grinsen.

"Schön, dass du an mich gedacht hast ...", meinte er mit einem deutlich sarkastischen Unterton.

In Wahrheit konnte das nur heißen, dass Remmers bei seinen Ermittlungen gegen Markovic auf der Stelle trat und er von oben Druck bekommen hatte.

Nun, es war Björn einerlei, worin die großzügige Kooperationsbereitschaft letztlich begründet lag.

"Wir sind schon auf dem Weg!", meinte Remmers. "Halte dich bereit! Wir kommen bei dir vorbei und laden dich ein!"

"Okay!"

Björn legte auf.

Er würde Markovic einige Fragen zu stellen haben. Und es konnte sicher nicht schaden, den Antworten genau zuzuhören. Vielleicht kam ja etwas dabei heraus.

Björn stand einen Augenblick lang nachdenklich da, dann holte er sein Smartphone aus seiner Tasche und holte ein Foto auf das Display. Ein Foto jener Liste, auf der ein paar Namen standen, die er in Remmers' Büro fotografiert hatte.

"Was ist das?", fragte Eltje.

"Eine Liste", murmelte Björn lakonisch. "Habe ich dir auch zugeschickt."

"Ich weiß. Trotzdem weiß ich nicht, was das ist."

"Eine Liste von Männern, die allesamt zu Markovics Organisation gehörten oder mit ihm zu tun hatten - und nun mausetot sind."

Eltje warf einen Blick darauf.

"Joel Gärtner ...", entzifferte sie. "Sag mal, können wir das nicht auf dem Großbildschirm lesen?"

"Ein Barbesitzer", meinte Björn. "Aber das war vermutlich nur Tarnung."

"Was machte er wirklich?"

"Er handelte mit Crack und anderen synthetischen Drogen. Und zwar im großen Stil. Leider wird man es ihm jetzt wohl kaum noch nachweisen können."

"Und wer ist das? Ferry Kräwinkel?"

"Ein Hehler."

"Für was?"

"Alles, was sich denken lässt."

"Genau wie Roy Bradenbach, dein Informant!"

"Ja, aber Kräwinkel war ein paar Nummern größer." In Gedanken setzte Björn die Namen Bradenbach und Lübbert hinzu.

Aber sie schienen irgendwie nicht zu passen. Bradenbach nicht, weil er ein zu kleiner Fisch gewesen war, und Lübbert nicht, weil er seit Jahrzehnten ein seriöser Geschäftsmann war, der mit Markovic und seiner Organisation nichts zu tun gehabt hatte ... Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte Björn unwillkürlich. Er schob Eltje die Liste hinüber.

"Hier!", meinte er und öffnete dann ein Dokument. "Ich habe sie mir schon dutzendfach angeschaut - alle Daten, die mir wichtig erschienen, habe ich zusammengetragen ..."

"Lässt Remmers dich immer noch an das Datenverbundsystem der Polizei? Oder hast du noch irgendwo einen alten Kollegen, der dir seinen aktuellen Zugangscode ausleiht?"

Björn Kilian gab darauf keine Antwort.

Manche Geheimnisse musste man eben am besten einfach bewahren.

So hatte er es schon immer gehalten.

Vier Namen standen jetzt auf dem Display.

Außer Kräwinkel und Gärtner noch der von Jonny Michaelsen, der ein Inkasso-Büro betrieb und unter anderem für Markovic Schulden eintrieb, sowie Rainer Gregor, der ein Büro betrieb, das unter anderem im Verdacht stand, Söldner zu vermittelten.

Vermutlich hatte Gregor seine Finger aber auch im internationalen Waffenhandel und vermittelte Mordaufträge an professionelle Killer.

Einmal war er deswegen schon festgenommen worden. Man hatte sein Büro abgehört und ihn dabei erwischt, wie er sich gerade um die Belange eines Klienten kümmerte, der einen unliebsamen Konkurrenten aus dem Weg geräumt haben wollte. Aber man hatte Rainer Gregor wieder freilassen müssen, weil den Beamten ein schwerwiegender Formfehler passiert war, der dazu geführt hatte, dass das gesamte Beweismaterial nicht berücksichtigt werden konnte.

In den letzten Jahren hatte sich Gregor besser vorgesehen und alles vermieden, mit der Polizei in Konflikt zu kommen. Aber niemand, der sich in der Szene auskannte, zweifelte daran, dass er noch war aktiv war.

"Rechnet man Lübbert und Bradenbach hinzu, dann haben alle gemeinsam, dass sie etwa im selben Alter sind!", meinte Björn. "Genau wie Markovic. Und sie haben auch alle zusammen etwas mit organisiertem Verbrechen zu tun. Sie sind in diesem Sumpf zusammen groß geworden. Einer hat den anderen abgestützt. Nur Lübbert ist da irgendwann ausgestiegen."

"Und zum seriösen Geschäftsmann mutiert?"

"Ja."

"Wenn Markovic es ist, der sie alle - einer nach dem anderen - von einem Profi killen lässt, dann verstehe ich nicht, warum er das tun sollte!"

Er zuckte die Achseln.

"Mal sehen, was Markovic so ausspuckt", meinte er dann.

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Eine Viertelstunde später saß Kilian neben Hauptkommissar Remmers auf dem Rücksitz eines Streifenwagens.

"Wohin geht es jetzt?", fragte Björn.

"In Markovics Büro. Dort sind wir mit ihm verabredet!"

"Oh, ihr habt euch richtig schön brav angemeldet!"

"Und wenn schon ..."

"Ich habe ja nichts gesagt, Tammo!"

"Dann will ich auch nichts gehört haben."

"Ihr sitzt fest, nicht wahr? Gegen Markovic kommt ihr nicht weiter, da beißt ihr auf Granit!"

"Björn, du weißt doch selbst, was das für einer ist ..."

"Natürlich weiß ich das!"

"Okay, du hast recht! Es ist genauso, wie du vermutet hast: Wir stecken fest! Alles sieht nach einer Säuberungsaktion Markovics in den eigenen Reihen aus ... Alle Opfer wurden mit derselben Waffe erschossen."

"Das steht inzwischen fest?"

"Ja. Felsenfest. Übrigens wurden mit dieser Waffe auch Ihno Lübbert und Roy Bradenbach erschossen!"

"Dann wird es auch derselbe Täter gewesen sein, der sie abgedrückt hat, nicht wahr?"

"Sieht so aus, Björn."

"Sollte man von einem wirklichen Profi nicht erwarten, dass er nach jedem Mord die Waffe verschwinden lässt und sich eine andere besorgt - schon allein, um es unmöglich zu machen, irgendwelche Verbindungslinien zu ziehen ..."

Remmers zuckte mit den Schultern.

"Wahrscheinlich hat jeder Killer seine eigenen Methoden, Björn!"

"War ja nur so ein Gedanke."

Björn machte eine unbestimmte Geste mit der Hand und zuckte mit den Schultern.

Dann fuhr er nachdenklich fort: "Trotzdem scheinen mir Lübbert und Bradenbach nicht so ganz in die Serie hineinzupassen ... Aber warten wir erst einmal ab, was Markovic uns zu erzählen hat."

"Am Telefon schien er mir ganz zugänglich", meinte Remmers.

"Machte ganz einen auf seriösen Geschäftsmann."

"Das war ja schon immer seine Tour."

"Richtig, Björn. Entweder er hat wirklich nichts mit den Morden zu tun - was ich nicht glaube – oder ..."

"Oder?"

"Oder aber er fühlt sich verdammt sicher!"

"Und das wahrscheinlich mit Recht! Er war ja schließlich immer sehr vorsichtig."

Tammo Remmers verzog das Gesicht.

"Dieser verdammte Hund tanzt uns schon viel zu lange ungestraft auf der Nase herum!" Remmers schnappte nach Luft und ächzte.

"Was ist mit dem Killer?", fragte Björn unvermittelt.

"Du meinst den mit der Narbe!"

"Ja."

"Fehlanzeige!"

"Was?"

"Ja, in den Polizeiarchiven gibt es nichts über einen Killer mit einer solchen Narbe!"

"Das ist seltsam ..."

"Tut mir leid, aber es ist so! Ich habe ihn in die Fahndung gegeben. Ein Phantombild ist an die Presse gegangen. Vielleicht kommt ja etwas dabei heraus."

"Hoffentlich! Dieser Mann ist schließlich nicht gerade unauffällig, was seine äußere Erscheinung angeht. Irgendjemand muss ihn ja sonst noch gesehen haben! Schließlich muss der Kerl irgendwo schlafen, er muss sich ernähren ..."

"Täusch dich da nicht, Björn! Auch mitten im reichen, konsumorientierten Deutschland kann man wie ein Eremit leben! Ich hoffe nur, dass dieser Stadtstreicher dir nicht einen Bären aufgebunden hat!"

Björn schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, daran glaube ich nicht."

Björn seufzte.

Dass der Killer mit der Narbe nicht in den Archiven zu finden war, konnte einerseits bedeuten, dass dieser Täter bisher noch nicht einschlägig in Erscheinung getreten war. Und das würde die Suche nach ihm nicht gerade erleichtern.

Die andere Möglichkeit war, dass er seine Narbe noch nicht allzu lange hatte ...