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3 Fantasy Abenteuer Dezember 2018

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Inhaltsverzeichnis

  • Copyright
  • 3 Fantasy Abenteuer Dezember 2018
  • Die Legende von Wybran
  • ​Louise Cooper: DAS BUCH DER PARADOXE
  • Joan D. Vinge: LADYHAWKE – DER TAG DES FALKEN

3 Fantasy Abenteuer Dezember 2018

Hendrik M. Bekker, Louise Cooper, Joan D. Vinge

Dieses Buch enthält folgende Fantasy-Abenteuer:



Hendrik M. Bekker: Die Legende von Wybran

Louise Cooper: Das Buch der Paradoxe

Joan D. Vinge: Ladyhawke - Der Tag des Falken


König Beiran schickt sich an, die benachbarten Reiche zu erobern, doch dies ist für den Schmiedesohn Wybran Zirkena nicht von Bedeutung. Für ihn sind es nur ferne Kriege großer Könige.
Wybran macht sich auf, sein Glück zu finden, doch was ihm auf seiner Reise begegnet, hätte er sich nie träumen lassen.
Werwölfe, Riesen, Sklavenhändler und auch Nixen kreuzen seinen Weg, den möglicherweise jemand anderes für ihn bereitet hat. Wo wird ihn das Schicksal hinbringen? Wird er den Gefahren gewachsen sein, die ihm begegnen? Was will der geheimnisvolle Mann in seinen Träumen von ihm? Wozu entscheidet man sich, wenn einen die Welt vor die Wahl stellt?

Die Legende von Wybran

von Hendrik M. Bekker









Prolog

Es begab sich aber im Lande Rasurlan, dass der König Hironimura der Zweite verstarb. Sein Sohn, König Beiran der Erste, kam auf den Thron, nachdem seine Brüder bereits alle verstorben waren. König Beiran der Erste hatte nun schon immer einen Streit mit dem Herrn des Königreichs Neeird. Dieser hieß König Nerthur und sie hatten sich stets verabscheut. König Nerthur hatte die Brüder Beirans immer mehr gemocht und war sehr bestürzt gewesen, als diese gestorben waren. Er glaubte nicht daran, dass Beiran ein guter König würde, so munkelte man am Hofe. Oft hatte Nerthur, der ein guter Freund von König Hironimura war, auf ihn eingeredet, dass Beiran eine schlechte Wahl war.

Als nun König Hironimura verstorben war und das große Begräbnis mit allen Ehren abgehalten wurde, begann König Beiran bereits mit seinen Generälen einen Angriff auf das Land König Nerthurs vorzubereiten. Einige von ihnen, die noch im Dienste seines Vaters gestanden hatten, weigerten sich das unschuldige Nachbarkönigreich anzugreifen, doch König Beiran brachte all diese Stimmen zum Schweigen.

Kurz darauf griff das Königreich Neeird das Königreich Beirans an, Togrot. Es heißt, dass Beiran selbst den Angriff befahl, dass er eigene Truppen einsetzte, um ein Grenzdorf zu überfallen und so einen Kriegsgrund schuf. Doch weiß heute niemand mehr, ob es wahr ist oder König Nerthur nur einen Erstschlag verüben wollte. Die Historiker streiten darüber, doch es soll uns nicht interessieren. König Beiran begab sich in den Krieg und zog mit seinen Männern mordend und plündernd durch das Königreich Neeird, so dass sich sein Heer von den umliegenden Dörfern ernährte. Den Bewohnern wurde oft alles genommen. In manchen Dörfern wüteten sie schlimmer als in anderen, vor allem in denen, die über Verteidigungsbefestigungen verfügten und sich stark fühlten. Jene wurden mit Gewalt geplündert, die Jungen wurden hingerichtet und die Frauen geschändet oder in die Sklaverei verkauft.

So kam es, dass eine Frau, Ayuana, von Beiran selbst geschändet wurde. Als er mit ihr fertig war, wehrte sie sich immer noch so sehr, dass er sie heftig schlug. Er hielt sie für tot und ließ sie so liegen, weshalb sie überlebte. Es heißt, sie heiratete einen Schmied, nicht weit von Tolga.

- Das ältere Buch Zirkena




Als König Beirans Heer die Hauptstadt von Neeird erreichte, die stolze Stadt Amung, gab es keine Warnung. Im Schutze der Dämmerung griffen sie die Stadt an. Welle um Welle brandete sein Heer gegen die Mauern der Stadt bei dem Versuch sie einzunehmen. Schließlich vermochten seine Truppen in die Stadt einzufallen und plünderten und brandschatzten fürchterlich. Doch die Feste der Stadt schien uneinnehmbar.

Hier nun widersprechen sich die Aussagen. Einige berichten, König Beiran wurde beim Sturm auf die Feste im Herzen der Stadt von einem Pfeil getroffen. Andere meinen, der Pfeil habe ihn verfehlt, weil er kurz darauf wieder im Kampfgeschehen zu sehen war und fürchterlich unter den Verteidigern wütete. Manche behaupten gar, er habe mit Nidrr, dem finsteren Drachen im Jenseits, eine Abmachung getroffen. Nidrr, der sich an den Seelen labt, habe einen Pakt mit Beiran geschlossen. Deswegen habe Beiran seit damals kein Jahr vergehen lassen, in dem er nicht im Krieg war. Er müsse Nidrr einen steten Strom Seelen liefern, für dessen Gunst.

Beiran heiratete nie und hatte keine Kinder. Man sagt, es sei aus Angst, weil Nidrr, bekannt für seine Verschlagenheit, ihm prophezeite, dass sein eigener Sprössling ihm den Tod bringen würde.

- Die Chroniken der Stadt Amung

Kapitel 1: Aufbruch

Ein Vogel zwitscherte nicht weit entfernt von ihrem Haus. Es war ein sonniger Tag mit leichtem Westwind, als Wybran das Haus betrat.

Wybran blickte auf die breite Gestalt von Albrionan Zirkena. Dessen braunes Haar hatte bereits begonnen grau zu werden und sich von der Stirn zurückzuziehen. Sein Vollbart war ebenfalls silbern durchwirkt, was ihm etwas Weises gab, wie Wybran fand.

„Nun mach die Augen zu“, sagte Albrionan mit seiner freundlichen, sonoren Stimme.

„Wenn es sein muss“, sagte Wybran mit gespielt genervtem Tonfall und schloss die Augen.

Er hörte, wie sein Vater einige Schritte ging, dann ein Knarzen. Wybran vermutete, dass es die alte Holztruhe unter dem Fenster war, aus der er nun das Geschenk holte.

Sein Vater kam zu ihm zurück.

„Streck deine Hände aus“, sagte sein Vater. Wybran tat wie geheißen. Er spürte ein Gewicht in den Händen. Er öffnete seine Augen. Er hielt in Händen ein Schwert, einen Einhänder. Es hatte eine recht breite Klinge mit einer kleinen Aussparung auf der Hälfte. Der Griff war aus einem harten Holz gefertigt und von den kleinen, kaum vorhandenen Parierstangen ging ein Verbindungsstück bis zum Knauf des Schwertes, als Handschutz. Er wog es in den Händen.


„Probiere es ruhig aus, es ist gut ausbalanciert“, sagte sein Vater. Wybran schlug ein paar Mal mit dem Schwert in die Luft und ließ die Klinge kreisen. Sie war wirklich gut ausbalanciert, nein, fast schon perfekt im Vergleich zu den Schwertern, mit denen er bisher trainiert hatte.

„Die gibt es natürlich dazu“, sagte sein Vater und reichte ihm einen schmalen Gürtel aus dunklem Leder, an dem eine Schwertscheide für die Klinge war. Die Scheide war mit sechs Nieten beschlagen, die symmetrisch angeordnet waren. Wybran legte den Gürtel an und steckte die Klinge in die Scheide.

„Danke, Vater“, sagte er und umarmte Albrionan. Sein Vater hatte ihm bisher nie erlaubt, eine eigene Klinge zu haben. Albrionan war Schmied und hatte Wybran gezeigt, wie man Messer und Schwerter fertigte, wie man mit ihnen umging und wie man sich bewaffnet und unbewaffnet gegen sie verteidigte. Doch er hatte immer gesagt, ein Schwert zu besitzen sei etwas für einen Mann, nicht für einen Jungen. Bisher hatte Wybran nur ein Messer besessen.

„Du hast es dir verdient“, sagte Albrionan und Wybran lächelte.

„Das heißt, ab heute bin ich ein Mann?“

„Nun, in deinem Alter schickte mich mein Vater auf Wanderschaft. Ich sollte mich in einer fremden Stadt verdient machen, reisen so fern es mir möglich war und mein Glück machen. Wobei du auch eingeladen bist, jederzeit heimzukommen und mir in der Schmiede zu helfen“, erklärte sein Vater und Wybran fand, dass es aussah, als würde sich sein Vater eine Träne verkneifen.

„Ich werde nach Tolga gehen und von dort meine Reise beginnen“, überlegte Wybran und sein Vater nickte. „Eine weise Entscheidung.“ Er nahm sich noch ein Stück von dem Kuchen, den er Wybran zum Geburtstag vom Dorfbäckermeister hatte backen lassen. Tolga war die nächste große Stadt.

„Dort sollen über zwölftausend Menschen leben, jene, die nur im Hafen hausen ohne rechtes Dach, nicht mitgezählt“, sagte Wybran. „Dort werde ich sicher Arbeit finden.“

„Die Stadt fasziniert dich doch, seit wir das erste Mal dort waren“, stellte sein Vater fest und Wybran nickte. „Ja, sie hat Eindruck auf mich gemacht. So groß, so voller Leben.“

„So dreckig“, fügte sein Vater lächelnd hinzu. Wybran nickte und musste schmunzeln. Er erinnerte sich daran, wie schmutzig die Seitenstraßen gewesen waren, abseits der gepflasterten Hauptstraßen.

„Ich will hoffen, dass meine Stiefel noch dicht sind“, sagte er und tätschelte seine dunkelbraunen Stiefel, die er zu seiner abgewetzten Hose und dem schwarzen Hemd trug.

So saßen sie da und redeten über allerlei Dinge, bis die Sonne bereits versank.

Wybran hatte bereits während des Redens seinen Rucksack gepackt und seinen alten Mantel darüber geworfen, der so oft geflickt worden war, dass es schien, dass er mehr aus vielen kleinen Lederflicken bestand.



Es war Nacht um Wybran, er stand auf dem Wehrgang einer Festung, die im Dunkeln dalag und unbewohnt wirkte. Kein Feuer brannte, kein Mensch, kein Tier war zu sehen.

Er kannte diese Träume. Sie waren anders als seine normalen Träume. Sie waren beängstigender. Realer. Er wusste, wer nun kommen würde.

Guten Abend, mein junger Mann“, sagte eine schmeichelnde Stimme aus dem Dunkeln neben Wybran. Etwas Spöttisches schwang bei der Betonung des Wortes „Mann“ mit. Die Stimme war rau und tief, doch gleichzeitig beruhigend in ihrer Vibration. Sie war körperlos im Dunkel.

Nidrr, was willst du diesmal, lass mich schlafen“, erwiderte Wybran. Er hatte den Fremden, der in seine Träume eindrang, nach dem Drachen der Unterwelt benannt. Dieser war bekannt für seine Verschlagenheit. Es hieß, dass Nidrr verantwortlich für alle Albträume war. Als Wybran das allererste Mal solch einen Traum gehabt hatte, war ihm der Fremde als Drache erschienen. Er hatte sich nie gegen den Namen Nidrr gewehrt, noch etwas dagegen gesagt, weshalb Wybran ihn weiter benutzte. Er wusste nicht, ob es der wirkliche Nidrr war, doch wieso sollte ein so mächtiges Wesen immer wieder ihn im Traum besuchen? Vielleicht war es ja auch nur Einbildung? Einfach ein Traum.

Ich bin hier, um dich zu fragen, ob du es wirklich tun willst.“

Was?“, erwiderte Wybran. Er ahnte, dass der Fremde wieder in seinen Gedanken gewesen war. Er wusste manchmal Dinge einfach. Anfangs hatte Wybran dies Sorgen bereitet, doch er hatte gelernt, dass der Fremde nicht seine Gedanken lesen konnte. Das hatte ihn beruhigt.

Die Reise. Du hoffst, deine Mutter zu finden, vielleicht ein oder zwei Abenteuer zu bestehen. Du bist hungrig. Hungrig auf die Welt dort draußen. Hungrig auf alles, was fremd ist in der Welt, was nicht bekannt dem kleinen Schmiedesohn.“

Du sprichst aus, weshalb ich gehen will“, stellte Wybran fest.

Du könntest dabei auf mannigfaltige Weise sterben, junger Mann“, erklärte die Stimme. Die Dunkelheit schien an einer Stelle in Bewegung zu geraten wie tausende kleine Insekten.

Eine bleiche, hochgewachsene Gestalt, die nur eine lange, mönchsartige Kutte trug, bildete sich aus den Teilen heraus. Der Körper war dünn, so als hätte man nur Haut über die Knochen gespannt. Ein kahler Schädel mit tiefliegenden Augen ohne Pupille, voller tiefer Schwärze, wandte sich Wybran zu.


Ich will dich warnen“, stellte die Gestalt fest. Ihr Mund bewegte sich dabei kaum, er öffnete sich leicht und die Stimme klang diesmal doppelt, sie schien von überall zu kommen und doch auch von dem Mann geflüstert zu werden.

Was bist du?“, fragte Wybran. Er fragte es nicht zum ersten Mal, doch konnte er sich oft nicht vollständig an diese Träume erinnern. Er wusste nicht, ob ihm Nidrr schon einmal geantwortet hatte.

Bist du ein Magier?“

Was lässt dich denken, dass ich etwas dir Fremdes bin?“, erwiderte Nidrr und grinste höhnisch.

Wybran überlegte, ob Nidrr das Böse war, das in jedem Menschen lebte, so wie ihm einmal sein Vater erklärt hatte. Man müsse sich gegen die Stimme des Bösen, gegen seine Ideen wehren und nicht tun, was es wollte, sonst beherrsche es einen.

Bist du das Böse?“, fragte Wybran nach einer Weile völliger Stille.

Was des einen böseste Tat, ist des anderen glanzvolle Stunde“, erwiderte Nidrr. „Ist ein Soldat böse, der seinen Feind tötet? Ist er böser, als ein Mann, der einen anderen aus Hass erschlägt?“

Der Zusammenhang ist wichtig, in welchem sie geschah, ebenso wie die Tat salbst“, erwiderte Wybran. Er wusste es nicht, doch hatte er die Unterhaltung schon oft mit Nidrr im Traum geführt.

Bist du das Böse in mir?“

Nidrr lachte laut und hämisch. Er löste sich auf, die vielen kleinen schwarzen Teilchen, in die er zerstob, bildeten eine große Echse, die sich auf Wybran stürzte!



Wybran schrak aus seinem Traum auf und blickte in sein dunkles Zimmer, das nur beleuchtet wurde vom fahlen Mondlicht. Er schüttelte den Kopf und beruhigte seine Atmung. Dann legte er sich zurück in die Kissen und fiel in traumlosen Schlaf.



Am nächsten Morgen warf sich Wybran seinen Mantel nach dem Frühstück über und schickte sich an, das Haus zu verlassen. Sein Vater begleitete ihn bis draußen vor die Tür. Der Bach neben ihrem Haus plätscherte und das Rad, das in ihn hineinragte, knarzte, während es von ihm angetrieben wurde.

„Danke“, sagte Wybran schließlich nach einem langen Schweigen zwischen ihnen. Er wusste nicht, was er sagen sollte, und seinem Vater schien es ähnlich zu gehen. „Ich komme wieder, Vater“, versprach er. Albrionan lächelte.

„Ayuana wäre stolz auf dich“, sagte er und musterte seinen Sohn. „Ich wünschte, du hättest deine Mutter noch richtig kennengelernt.“

Wybrans Mutter, Ayuana, war verstorben, wenige Monate nach seiner Geburt. Sein Vater redete nicht oft von dieser Zeit.

„Mach uns stolz. Aber denk immer daran, dass du dich nicht übernimmst“, sagte sein Vater. Wybran nickte und kämpfte gegen eine Träne an. Er blinzelte sie weg. Er wollte nicht weinen, er war nun neunzehn Winter alt. Er wollte erwachsen wirken.

Er umarmte seinen Vater und ging los, auf dem Rücken einen kleinen Rucksack mit seinem Hab und Gut, an seiner Seite das Schwert. In der Rechten hielt er einen Stock, der fast genauso groß war wie er. Er begann ein Lied zu pfeifen und war gespannt darauf, was auf ihn wartete.



Gegen Mittag erreichte er Tolga, die große Hafenstadt am Horag und Knotenpunkt der meisten Handelsrouten nach Togrot hinein oder hinaus.

Der Horag war so etwas wie eine Lebensader für den Handel, die meisten Waren wurden über ihn verschifft.

Tolga selbst wirkte bereits beeindruckend, als Wybran den Wald verließ. Vor ihm erstreckten sich eine weite Wiese und das Ufer des Horag. Tolga selbst wurde von mehr als dreimannhohen Stadtmauern umgeben und war eher länger als breit. Die Stadt schmiegte sich an den Horag, der für sie den stetigen Fluss an Waren bedeutete. Die meisten Gebäude waren Fachwerkhäuser, an denen Wybran vorbeikam, als er die Hauptstraße entlangging. Sie führte vom Haupttor der Stadt, das hier meist „großes Tor“ genannt wurde, gerade zum Hafen herunter. Immer wieder zweigten kleinere und größere Gassen von der Hauptstraße ab. Der Reichtum der Stadt zeigte sich für Wybran auch darin, dass jede Nebenstraße und Gasse gepflastert war. Manche zwar nur mit den Schieferplatten der nahen Hisos-Bergkette, aber trotzdem mehr als nur plattgetretene Erde.

Er erreichte den Hafen. Über die gesamte Länge der Stadt schien sich der Hafen zu ziehen, überall ragten Stege, gemauert und aus Holz, ins Wasser, an denen Schiffe aller Arten an- und ablegten. Kriegsschiffe, Fischerboote, kleine Segelschiffe und große, schwere, bauchige Transportschiffe.

„Wenn du anheuern willst, da versammeln sie sich immer“, erklärte ein Mann mit starkem Sonnenbrand, der an Wybran vorbeiging.

„Wie bitte?“, erwiderte Wybran, doch der Fremde war schon weiter. Wybran vermutete, dass er durch seine neugierigen Blicke als ein Fremder aufgefallen war. Da er tatsächlich Arbeit suchte, schlenderte er hinab zu einer größeren Gruppe Menschen. Alle Altersklassen waren vertreten, sie saßen beisammen und spielten Karten und Würfelspiele, manche um Geld, andere um das, was sie am Leib trugen.

„Ich suche Söldner und solche, die sich in einer Miliz verdienen wollen“, erklärte ein untersetzter Mann mit kahlem Schädel und einer dunklen ledernen Haut, der zu der Gruppe getreten war. Er wurde flankiert von einem hochgewachsenen Mann mit braunem, fettig-strähnigem Haar, der einen Mantel ohne Ärmel zu einer braunen Hose trug. Seine Haut war etwas heller als die des kleinen dicken Mannes, doch immer noch dunkler als die Wybrans. Er hatte ein schmales Kadvanisches Schwert umgegürtet, wie auch der kleine Dicke. Die Schwerter aus Kadva waren lang wie Einhänder, hatten aber längere Griffe, so dass man sie ein- und beidhändig führen konnte. Außerdem waren ihre Klingen geschwungen und an mehreren Stellen perforiert, wodurch sie leichter waren.

„Wie wär‘s mit dir, Bursche?“, fragte der kleine Dicke und rückte sich den breiten Gürtel zurecht, mit dem er seine Kutte zusammenhielt. „Ihr habt sicher davon gehört, das glorreiche Königreich Kadva wurde von Togrot in der Schlacht bei Entakan besiegt. Leider ist dabei ein erheblicher Teil der Armee draufgegangen, nun brauchen wir frische Männer, die mit dem Schwert die öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Wer ist dabei?“

Einige Männer standen auf und gesellten sich zu den beiden Männern. Einige zögerten, genau wie Wybran.

„Nun ziert euch nicht, ihr feigen Weiber“, sagte der kleine Dicke. „Ihr verdient euch die Überfahrt, indem ihr auf dem Schiff helft und das Deck schrubbt. Wer mitgenommen wird, wird in Kadva-Stadt gemustert. Wer nicht genommen wird, kann sich gerne die Überfahrt zurück wieder verdienen. Oder er macht was draus, dass er im großartigen Ken‘Kassad ist und findet schnell eine andere Tätigkeit.“

Den Begriff Ken‘Kassad hatte Wybran schon einmal gehört. Es hieß „Reich der Sonne“, denn das Königreich Kadva galt als sehr trockene und heiße Region.

Wybran stellte sich nun ebenfalls dazu. Es erschien ihm eine interessante Gelegenheit.

Der Lange schien sie kurz zu zählen und nickte dann dem Dicken zu. Er schien zufrieden zu sein.

„Folgt uns“, erklärte dieser und ging mit kleinen Schritten voraus. Wybran sah kurz noch einmal in die Augen des Langen und es schauderte ihm innerlich vor ihm. Der Lange musterte, während sie gingen, die Umgebung und in seinen Augen lag eine berechnende Kälte. Es war ein seltsamer harter Zug um seine Augen, der im Kontrast stand zu den gutmütigen braunen Augen des Dicken.

Sie wurden zu einem Schiff geführt, das an einem der hölzernen Stege anlag. Wybran vermutete, dass es ein mittleres Transportschiff war, denn obwohl es einen recht großen Laderaum besitzen musste, wirkte es dabei noch schnittig genug, um im Notfall bei einem Angriff gut manövrierbar zu sein.

„Ihr“, sagte der Dicke. „Ich bin Kapitän Hirowaz und das ist mein Erster Maat Rozza, ihr werdet uns entweder so anreden oder mit ‚Herr‘. Die erste Schicht von euch wird jetzt das Deck der schönen ‚Irene‘ schrubben und sonst alles tun, was von der Deckmannschaft befohlen wird. Die zweite Hälfte geht unter Deck und ruht sich bis zum Wachwechsel aus.“

Wybran wurde für die zweite Schicht eingeteilt und mit den anderen unter Deck geschickt. Dort saßen sie in einem großen Raum, der ansonsten der Fracht diente, und warteten. Die meisten waren viel zu aufgeregt, um sich auszuruhen, und auch Wybran war nervös. Ihm fielen seltsame Geschichten von den Sklavenhändlern aus Kadva, dem „Ken‘Kassad“, ein. Doch er vertrieb diese Gedanken. Man hätte sie entwaffnet, wenn man sie für so etwas in eine Falle hätte locken wollen. Oder? Unter einem Vorwand hätte man sie ganz sicher entwaffnet. Er blickte sich im Raum um, mindestens ein halbes Dutzend der Anwesenden trug ein Schwert, ein weiteres Dutzend hatte Messer oder Beile bei sich. Viele der Älteren im Laderaum wirkten entspannter als die Jüngeren. Sie saßen selbstsicher da. Wybran vermutete, dass einige sich bereits auf ähnliche Weise ihr Geld im Dienste eines Reiches verdient hatten. Sie waren ruhig, was Wybran als gutes Zeichen wertete. Es schien alles in Ordnung zu sein.

Er war sicher, zumindest vorerst, beruhigte sich Wybran selbst.

Kapitel 2: Der Radaman

Sterne beleuchteten das Deck, als Wybran zum ersten Mal aus dem Frachtraum zu seiner Schicht geholt wurde. Zu beiden Seiten des Flusses erstreckte sich ein dichter Wald.

„Wo sind wir?“, fragte Wybran einen der dunkelhäutigen Männer, die mit ihm zusammen Dienst hatten und zur regulären Mannschaft gehörten.

Dieser reichte Wybran ein Tau und sagte lediglich: „Zieh, wenn ich es sage.“ Er selbst ging zu einem anderen Tau und rief: „Zieh!“ Wybran zog, der Fremde löste ein anderes Tau und spannte ein weiteres neu, da Wybran mit dem Ziehen seines Taus von einem anderen die Spannung genommen hatte. Alle Taue waren über Umwege mit dem Mast und dem Segel verbunden.

„Wir sind auf dem Radaman“, erklärte der dunkelhäutige Mann unvermittelt, als er fertig war. „Lass los.“ Wybran tat wie geheißen.

Der Radaman war ein Nebenfluss des Horag, der ein ganzes Stück von Tolga entfernt von ihm abzweigte.

„Ist der schnellste Weg“, fügte der Dunkelhäutige hinzu.

„Wieso sind so viele Bewaffnete an Deck?“, fragte Wybran etwas später, als er dem Dunkelhäutigen half, eine Kiste zu tragen. Es standen sicherlich vier dunkelhäutige Männer mit Pfeil und Bogen an Deck, die nichts anderes taten als Wache zu schieben. Dazu kam, dass zwei Männer im Krähennest saßen und ein weiterer vorne am Bug saß, ebenfalls mit Bogen.

„Piraten“, erwiderte der Dunkelhäutige. „Dafür seid ihr ja da.“

„Wie?“

„Kadva fehlen die Mittel, um gegen die Piraten auf dem Fluss vorzugehen und die Städte zu sichern, deswegen werdet ihr so dringend gebraucht.“

Wybran nickte abwesend. Er vermutete, dass Kapitän Hirowaz und seine Männer eine Provision dafür bekamen, dass sie mögliche Rekruten von überallher brachten.

„Seid ihr schon einmal überfallen worden?“, fragte Wybran nach einer Weile, als seine Arbeit erledigt war und er sich neben den dunkelhäutigen Mann setzte. Dieser schüttelte den Kopf. „Die Irene wurde noch nie im Kampf eingesetzt, aber Hirowaz hat früher in der Marine von Kadva gedient, so sagt man.“

„Wie lange dienst du schon hier unter ihm?“, fragte Wybran. Er blickte den dunklen Mann an und dieser erwiderte den Blick. Er rollte genervt mit den Augen.

„Lass die Fragerei, Jodash“, knurrte er und schloss seine Augen. „Ich hab eine zu lange Schicht und du freu dich einfach still, dass du nichts zu tun hast. Von mir aus bete zu wem auch immer, dass es so bleibt, aber halte deine Lippen dabei verschlossen.“

Wybran nickte und schwieg. „Jodash“ hatte er schon einmal in Tolga gehört, als er mit seinem Vater in der Stadt auf dem Markt gewesen war. Es war ein Wort aus einer Sprache Kadvas und bedeutete Fuchs, wurde aber oft von Menschen von dort benutzt, um auszudrücken, dass jemand neugierig war, zu neugierig.

Der Mond schien hell am Himmel und beleuchtete die klare Nacht. Es war noch eine ganze Weile hin bis zum Winter und der Wind war angenehm kühl auf Wybrans Gesicht im Vergleich zur Wärme des Tages.

Wybran sah hinauf zu den Sternen. Es hieß, dass der Eine Gott, dessen Namen man nicht aussprechen durfte, sie an den Himmel gesetzt habe und sie sein größtes Kunstwerk sein sollten. Während Wybran sich die Sterne ansah, befand er, dass der Eine Gott ein gutes Werk damit getan hatte.

Sein Vater hatte ihm vom Einen Gott erzählt, der Glaube an ihn verbreitete sich seit einigen Jahren rasch von den Ländereien Kadvas aus über das ganze Land. Niemand kannte seinen wahren Namen, doch es hieß, er sei mächtiger als alle anderen Götter. Er sei der Schöpfer des Himmels und der Erde und habe sich den Menschen, seiner Schöpfung, offenbart, um sie den rechten Weg zu lehren. Wybran hatte nicht allzu gut zugehört, doch er erinnerte sich, dass die Anhänger des Einen Gottes davon sprachen, dass Respekt und Aufrichtigkeit zueinander als oberstes Gebot galten.

Wybran vermutete, dass im Königreich Togrot bei König Beiran die Religion kaum Fuß fassen würde, respektvolles Behandeln aller schien ihm zu unvereinbar mit der Kriegstreiberei, die dieser Mann veranstaltete. Die Geschichten über König Beirans Schlachten und Feldzüge waren legendär. Es hieß, dass kein König vor ihm so lange Zeit mehr Krieger in seinem Reich gehabt habe als Bauern und Handwerker.

Langsam döste Wybran ein.



Wybran stand auf einer Lichtung. Er blickte sich um. Irgendetwas stimmte nicht. Er wusste nicht was, doch es war falsch. Der Boden unter seinen Stiefeln fühlte sich an wie Boden, der Wind in seinem Gesicht fühlte sich an wie Wind sich anfühlen musste, doch etwas war nicht richtig. Dann begriff Wybran, was es war. Es war still. Vollkommen still. Der Wald machte kein einziges Geräusch, kein Tier, kein Insekt, kein Rascheln. Alles hielt den Atem an, so schien es. Dann rannte eine Kreatur auf die Lichtung. Sie war gigantisch. Als sie sich vor ihm aufrichtete und zum Himmel schrie, war sie mehr als drei volle Schritte hoch. Sie war bedeckt mit dichtem Pelz, die Schnauze erinnerte an einen Wolf, auch die Tatzen an den Füßen. Doch die Hände hatten eher Finger, sie wirkte wie eine widernatürliche Mischung eines Wolfes mit einem Menschen.

Wybran griff an seine Seite, wo er sein Schwert vorzufinden erwartete, doch es war nicht da! Er wirbelte herum und rannte. Er hörte das Brüllen der Kreatur. Folgte sie ihm?

Er war sich nicht sicher, weshalb er weiterrannte, immer noch das Bild der großen Reißzähne der Kreatur vor Augen.

Wybran“, hörte er eine Stimme. Nidrr, der hagere Mann, stand nicht weit von ihm im Wald und betrachtete ihn. Wybran wurde langsamer, als er sich ihm näherte. Der Hagere grinste süffisant.

Du bist also den Gefahren der Welt begegnet“, stellte dieser fest. Wybran schüttelte den Kopf. „Wenn du hier bist, ist das ein Traum“, erwiderte er.

Das heißt, dir kann nichts geschehen?“, versicherte sich Nidrr. Wybran zögerte. Konnte ihm etwas geschehen? Die Träume mit Nidrr waren anderes. Sie waren anders als alle Träume, die er sonst hatte.

Ja, mir kann hier nichts geschehen“, stellte Wybran fest. Nidrr grinste böse und warf ihm sein Schwert zu, das er aus der Falte seiner Kutte zog. Wybran fing es am Heft auf. Dann zog Nidrr ein zweites Schwert, nicht länger als der Arm eines erwachsenen Mannes und leicht gebogen.

Er schlug damit nach Wybran, der den Schlag blockte.

Wieso blockst du, wenn es ein Traum ist?“, fragte Nidrr.

Wybran erwiderte nichts, da er einen weiteren Schlag Nidrrs abblocken musste.

Wieso verlässt du dein behagliches Nest?“, fragte Nidrr und erhöhte das Tempo seiner Schläge. Wybran hatte Mühe sie zu blocken, doch bald erkannte er Nidrrs Schlagmuster und schaffte es zu kontern. Er griff mit der Hand nach Nidrrs Hand, die eisig kalt war, und drückte so seine Klinge zur Seite, während er selbst mit seiner Klinge Nidrr in die Schulter stach. Dieser verzog keine Miene.

Weil ich unvollständig bin“, stellte Wybran fest. „Ich bin neugierig auf die Welt, ich will mir ansehen, was sie zu bieten hat, und abwägen.“

Und wenn du falsch wägst? Ein Leben nimmst, das du nicht nehmen solltest? Ein vermeintlicher Dieb, der doch auch ein Vater sein kann, der sich um seine Kinder sorgt?“, fragte Nidrr und griff Wybran erneut mit seinem Schwert an.

Nidrr schien die Wunde gar nicht zu spüren. Wybran bemerkte, dass sie nicht blutete.

Doch trifft er seine Entscheidung, wenn er ein Dieb ist“, erwiderte Wybran und schlug horizontal fest nach Nidrr, der nach hinten mit einer Schnelligkeit auswich, die man dem knochigen Mann nicht zutraute.

Wenn er gezwungen ist, ein Dieb zu sein? Er könnte keine Wahl haben, für seine Kinder stiehlt er, bis es ihnen besser geht“, sagte Nidrr. Er nutzte die Tatsache, dass Wybran nachdachte, um ihm einen Schnitt an der Wange zu versetzen. Er war nicht tief, aber tief genug, dass er blutete. Und es schmerzte wie ein echter Schnitt.

Er ... es gibt immer eine Wahl, nur weil die Not es verlangt, wird ein Unrecht nicht recht“, stellte Wybran trotzig fest. „Was bezweckst du mit alledem?“

Die letzten Worte brüllte er, während er wütend nach Nidrr schlug. Dieser blockte und Wybran schmerzte der Arm, er hatte das Gefühl, nicht gegen eine andere Klinge geschlagen zu haben, sondern gegen Fels.

Du bist eine Klinge, die es zu schleifen gilt“, erklärte Nidrr und lachte.



„Wach auf, Jodash“, zischte der schwarze Mann, während er Wybran hart an der Schulter riss. „Wach auf!“

Wybran öffnete die Augen. Er war eingeschlafen, auf einem Bündel zusammengerollter Taue liegend. Er schüttelte den Kopf, um die seltsamen Bilder zu verdrängen. Dunkel erinnerte er sich an einen Wald, doch sein Traum war verflogen, sobald er versuchte, sich an ihn zu erinnern.

„Was ist?“

„Alle Männer an Deck müssen wach sein, es nähert sich uns ein Schiff. Wir können die Flagge im Dunkeln nicht erkennen, sie scheint schwarz zu sein“, erklärte der schwarze Mann.

Wybran blickte ihn fragend an. „Und?“

„Nur Piraten fahren mit schwarzer Flagge“, erklärte er. „Sie kommen schnell näher, sie fahren gegen den Wind, aber mit der Strömung, wir haben Rückenwind.“

„Deswegen können wir nicht einfach umdrehen und fliehen“, stellte Wybran fest. Der schwarze Mann nickte. „Genau.“

Wybran sah, dass einige Männer mehr an Deck standen und Bögen in den Händen hielten. Sie trugen Köcher mit Pfeilen und hatten ein Fass in die Mitte des Schiffes gestellt, in dem Pfeile waren. Zwei andere schleppten gerade ein Fass an Deck, aus dem Speere wurfbereit herausragten.



Das fremde Schiff näherte sich schnell und bald wurde darauf eine Feuerschale entzündet.

„Ergebt euch, wir wollen eure Ladung, nicht eure Leben“, rief jemand vom anderen Schiff herüber und wiederholte den Ruf dann in der knurrenden Sprache, die man in Kadva sprach.

„Wenn der wüsste, was wir geladen haben“, brummte Kapitän Hirowaz zu seinem ersten Maat, der nickte.

„Alle Männer an Deck, an die Waffen“, befahl nun Kapitän Hirowaz. „Ich will jeden mit einer Waffe ausgerüstet haben. Die Löschmannschaft weiß, was zu tun ist.“

Die Löschmannschaft waren einige derer, die mit Wybran zusammen angeheuert worden waren und nun fleißig Wassereimer mit einem Seil in den Fluss hinabließen und an Deck zogen. Dort reihten sie die Eimer auf, damit die Männer im Falle eines Brandes schnell reagieren konnten.



Das fremde Schiff kam näher und ein gutes Dutzend brennender Pfeile flog zu ihnen hinüber.

Einige schlugen an Deck ein und blieben stecken, manche nahe genug an der Takelage, um die Seile in Brand zu setzen. Einer durchschlug das Segel und zündete es an, es brannte sofort und ein brennendes Loch entstand. Ein Mann in der Nähe Wybrans wurde getroffen und war sofort tot, der Pfeil ragte ihm aus dem Hals.

Mehrere kleine Feuer breiteten sich nun von den Pfeilen an Deck aus.

Sie waren in einem Öl getränkt worden, das Wybran kannte. Es kam aus dem Königreich Kadva und wurde oft für Lampen benutzt, es brannte lange und hell. Vor allem war es schwer zu löschen, wie sich herausstellte, als Wybran sah, wie die Löschmannschaft sich abmühte das brennende Segel zu löschen.

„Feuert“, rief der Kapitän, als die Irene etwas näher am fremden Schiff war, und auch Wybran schnappte sich einen Speer und warf. Pfeile und Speere flogen hinüber auf das Deck des Piratenschiffes, das weniger als zwei Dutzend Schritte weg war. Mehrere Männer wurden getroffen. Schreie waren zu hören. Wybran selbst verschanzte sich mit einigen Bogenschützen hinter Kisten, die sie an Deck der Irene gebracht hatten. Es war ihr Proviant, denn da sie unterwegs waren, um Männer nach Kadva zu bringen, hatten sie viel Proviant geladen.

Die Piraten warfen Seile mit metallenen Widerhaken hinüber, die sich überall festhakten, und zogen die Schiffe aneinander. Wybran schaffte es, einige dieser Seile zu durchtrennen, als sich zwei Enterhaken dicht neben ihm in der Reling festklemmten. Aber es waren zu viele und an einige Seile kam man nicht heran, ohne im Pfeilhagel zu sterben.

Pfeile flogen von Deck zu Deck, bis die gegnerische Seite zwei Planken an Deck holte und sie zwischen der Reling des Piratenschiffes und der Irene befestigte. Nun stürmten sie herüber. Es war eine bunte Mischung von Männern, viele von ihnen hatten die typische Hautfarbe der Menschen Kadvas, aber auch viele mit heller Haut waren darunter.

Ein großer schwarzer Mann stürmte auf Wybran zu und hieb mit einem langen Säbel nach ihm. Wybran wich dem vertikalen Hieb aus und stach nach dem Mann. Er schaffte es, ihn am Oberschenkel zu verletzen, was diesen aber nicht sonderlich behinderte, sondern ihn nur wütend zu machen schien. Er brüllte laut und hieb mehrmals horizontal nach Wybran. Dieser wich aus und blockte einen Schlag. Seine Hände schmerzten von der Wucht des abgefangenen Schlages und er verlor beim Blocken eines zweiten Schlages das Gleichgewicht, so dass er zur Seite fiel. Auf dem Rücken liegend musste er einen vertikalen Hieb des Angreifers abfangen. Dieser schlug erneut zu und wieder schaffte Wybran es, den Schlag abzublocken, wobei er die Zähne so fest aufeinander presste, dass sie schmerzten.

Als der Angreifer erneut ausholte, rollte sich Wybran zur Seite und stach zu. Seine Klinge drang bis zur Hälfte in den Bauch des Fremden ein. Mit einem beherzten Tritt gegen den Oberkörper des Mannes löste Wybran seine Klinge. Entsetzt sah er auf das Blut an seinem Schwert und begriff, dass er das erste Mal getötet hatte. Kein Tier. Einen Menschen.

Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, griff ihn ein weiter Pirat an. Mit einem sehr langstieligen Beil hieb er horizontal nach Wybran. Dieser wich einen Schritt nach hinten aus und anschließend einen zur Seite, als der Fremde erneut zuschlug.

Ein weiterer Hieb folgte, den Wybran blockte. Axtstiel und Klinge schlugen aufeinander. Der Pirat grinste und veränderte den Winkel der Axt, so dass die Klinge Wybrans sich verkeilte. Er riss sie Wybran aus der Hand. Das Schwert fiel klappernd ein paar Schritte weiter zu Boden.

Wybran griff sich eine Lampe, die in seiner Nähe stand, und schleuderte sie mit aller Kraft auf den Angreifer. Diesem schlug sie gegen seine linke Hand, die er nutzte, um sich zu schützen. Die Lampe zersprang und helles Lampenöl floss über seinen Arm. Der Pirat grinste und Wybran sah sich fieberhaft suchend nach einer neuen Waffe um. Er fand keine und musste sich unter einem Axthieb wegducken. Er sprang zur Seite und schnappte sich sein Schwert zurück. Als er gerade im Aufstehen begriffen war und sein Schwert hob, um sich zu verteidigen, knallte die stumpfe Seite der Axt gegen seinen Kopf.

Der Pirat hatte sich im Winkel verschätzt, so dass Wybran nur die Seite abbekam.

Sterne tanzten vor Wybrans Augen und er spürte, wie seine Beine nachgaben. Der Pirat schlug erneut zu, doch verfehlte er Wybran um Haaresbreite, als dieser nach hinten über die Reling fiel. Er konnte den Lufthauch des Beils spüren.

Dann schlug er mit dem Rücken hart auf der Wasseroberfläche auf und tauchte in den Fluss ein.

Die kalten Fluten schlugen über ihm zusammen. Er versuchte mit einigen Zügen an die Wasseroberfläche zu kommen. Sein Mantel wirkte wie ein schweres Gewicht und behinderte ihn bei jeder Bewegung. Mehrere Pfeile schlugen über ihm in die Wasseroberfläche ein und glitten langsam an ihm vorbei, gebremst durch das Wasser.

An den Rändern seines Blickfeldes war es dunkel und die dröhnenden Kopfschmerzen wurden schlimmer.

So sank er in die Finsternis.

Bevor er das Bewusstsein verlor, hatte er das Gefühl, dass ihn etwas am Bein packte.

Eine Hand.



Kapitel 3: Malusine

Warmes Sonnenlicht schien auf sein Gesicht.

Ein angenehmer Wind wehte ihm um die Nase, als Wybran Zirkena die Augen öffnete. Er lag an einem kleinen flachen Sandstrand. Es war vermutlich eine der vielen geschützten Buchten, die es entlang das Radaman geben sollte. Neben sich steckte sein Schwert bis zur Hälfte im Sand.

Wybran erhob sich langsam und berührte seine Schläfe, wo ihn die Axt getroffen hatte. Er verzog das Gesicht vor Schmerzen. Er blickte in das Wasser vor sich, das seine Stiefel umspülte, und sah sein Spiegelbild. Seine linke Schläfe war dunkelblau verfärbt, aber ansonsten schien ihm nichts zu fehlen. Plötzlich fiel ihm auf, dass ihm sein Mantel fehlte.

„Du bist wach“, sagte eine melodische Frauenstimme leise, aber klar und deutlich hörbar.

Eine Frau saß einige Meter von ihm entfernt, mit nichts weiter bekleidet als mit seinem Mantel, wie es schien. Ihr langes schwarzes Haar fiel ihr bis über die Schultern, als sie ihn verschmitzt lächelnd mit ihren seltsamen Augen musterte. Die Augen waren grün mit kleinen roten Sprenkeln.

Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte ihn belustigt. Wybran senkte schamvoll den Blick und drehte sich um.

„Bist du meine Retterin?“, fragte er. Ihm war klar, dass er nicht von alleine hergetrieben worden sein konnte.

„Ja, das bin ich“, sagte sie.

„Wie, wenn ich fragen darf? Ich war recht tief im Wasser und wir wurden angegriffen, nirgendwo war ein Dorf zu sehen am Ufer, wie hast du mich gerettet? Wo sind wir?“

„In den Ashoriar-Wäldern, am Radaman gelegen. Es ist eine kleine Bucht, niemand außer mir kommt hierher. Hier habe ich meine Ruhe“, sagte sie. Sie klang belustigt, als sie weitersprach: „Wie ich, ein schwaches kleines Mädchen, dich aus dem Wasser fischen konnte, willst du wissen?“, fragte sie und er nickte. „Ja“, fügte er hinzu. Er hörte, wie sie hinter ihm zum Ufer ging und seinen Mantel ablegte. Dann sprang sie einen großen Satz und tauchte im Wasser unter.

„Ich bin eine Nixe“, erklärte sie, als sie auftauchte und sich mit beiden Händen die langen Haare aus dem Gesicht nach hinten strich.

„Was?“ Wybran drehte sich zu ihr. Er ging den Strand entlang und sammelte seinen Mantel ein, nachdem er im Vorbeigehen seine Klinge aus dem Boden gezogen und eingesteckt hatte.

„Der Name, den sich mein Volk selbst gibt, wird dir nichts sagen. Deinesgleichen nennt mich eine Nixe“, sagte sie und lachte melodisch. „Sieh her“, sagte sie und tauchte ein. Sie schwamm ein Stück hin und her, nicht allzu weit vom Ufer entfernt. Wybrans Augen weiteten sich, als er sah, dass sie kurz unter dem Bauchnabel keine Haut mehr hatte. Dort begann ein dichtes Schuppenkleid, statt Beinen hatte sie einen kräftigen Fischschwanz, der sich im Wasser hin- und herbewegte.

„Ich habe Geschichten gehört, dort wo ich herkomme, nennt man euch Wassermenschen“, erwiderte Wybran. Sie schwamm auf der Stelle und legte den Kopf schief.

„Wie passend“, sagte sie und lachte. „Der Name, den wir euch gegeben haben, heißt in eurer Sprache so viel wie ‚Landmenschen‘, musst du wissen“, erklärte sie.

„Aber es heißt, dass die Wassermenschen sterben, wenn sie an Land gehen. Es gibt ein Märchen von einer, die durch eine Hexe verwandelt wurde und deswegen Beine bekam. Bist du die, von der das Märchen erzählt?“, fragte Wybran.

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich kann laufen“, sagte sie. „Du hast meine Beine gesehen. Wenn ich das Wasser verlasse, bekomme ich Beine. Doch wir Nixen sterben, wenn wir ein paar Stunden außerhalb des Wassers sind. Ihr sollt einst wie wir gewesen sein. Angeblich wurde deine Art verflucht, so dass sie nur noch an Land leben kann.“

„Wie ist dein Name?“, fragte Wybran. „Ich bin Wybran Zirkena.“

Sie machte einen seltsamen Laut, zischend und flüsternd, fast wie eine kleine Melodie. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nenn mich Malusine, denn meinen Namen wirst du nie aussprechen können, Wybran.“

„Wie kann ich dir danken für meine Rettung, Malusine? Ohne dich wäre ich jetzt tot.“

„Zweifellos. Du bist gesunken, als hättest du versucht einen Stein zu imitieren“, stimmte sie ihm zu und lachte wieder ihr melodisches Lachen. Es lag kein Spott in diesem Lachen, nur Freude. „Du kannst tatsächlich etwas für mich tun. Mir wurde etwas gestohlen.“

„Gestohlen?“

„Ich lag eines Nachts an einem Strand, näher zu dem Berg dort“, sie deutete auf einen Berg, der aus dem Dickicht des Waldes herausragte und weithin sichtbar war. „Dort lag ich im feinen Sand und spielte an meiner silbernen Kette herum, die mir einst mein Liebster schenkte. Es ist eine silberne Münze an einer Kette. Auf der Münze sind zwei ineinandergreifende Kreise einziseliert, mit Gold. Es ist aus feinstem Metall, doch für mich ist die Erinnerung noch viel wichtiger“, erklärte sie. „Ein Zwerg, den ich vor dem Ertrinken rettete, stahl sie mir. Er schlich in die Wälder und wartete, bis ich in der Brandung einschlief. Dann kam er herbei und riss mir die Kette herunter, ich bemerkte es erst, als er bereits im Wald verschwand. Ich verfolgte ihn, musste aber aufgeben, weil ich um mein Leben fürchten musste, so lange fern des Wassers“, erklärte sie und eine einzelne Träne rann ihre Wange hinab und blieb an ihrem Kinn hängen. Wie in Zeitlupe schien sie von dort ins Wasser zu fallen. Wybran blickte gebannt der Träne hinterher, bis sie aufs Wasser aufschlug. Dann suchten seine Augen erneut ihren Blick.

„Würdest du sie mir zurückholen?“, fragte sie. Wybran nickte.

„Ich verspreche es, denn ich schulde dir mein Leben, Malusine“, erwiderte er und überlegte zugleich, ob das Versprechen klug war. Andererseits meinte er, was er sagte. Sie hatte sein Leben gerettet, so stand er in ihrer Schuld. Es wäre unehrenhaft, ihr nicht zu helfen.

„Wo ist der Zwerg hin?“

„Nachdem ich ihn, Horadag nannte er sich, gerettet hatte, erzählte er mir, dass er in einer Höhle im Berg lebt. Ich glaube, sein eigenes Volk hat diesen diebischen Halunken verstoßen. Deswegen muss er hier draußen hausen. Ich hätte ihn ersaufen lassen sollen“, zischte Malusine und verlor dabei ihre heiteren Züge. Aber auch jede Trauer und Gutmütigkeit wich aus ihrem Gesicht. Dann schien sie ihre Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu haben und sah ihn mit einem hinreißenden Lächeln an. Wybran nickte und blickte hinauf zum Berg.

„Ich werde ihn finden“, versprach er. „Warte hier auf mich.“ Mit diesen Worten machte er sich auf den Weg ins Dickicht des Waldes.



Er ging quer durchs Unterholz und immer wieder musste er einen Umweg in Kauf nehmen, weil irgendein größeres Gewächs oder ein Dornenbusch ihm den Weg versperrte. Irgendwann musste er sogar ein Stück weit auf einen Baum klettern, um zu überprüfen, wo er war und ob er immer noch auf den Berg zuging. Zwar merkte er die Steigung, hatte aber Sorge an ihm vorbeizulaufen. Zum Glück stellte sich heraus, dass er immer noch richtig ging.


Langsam sank die Sonne tiefer und als der Wald im schummrigen Zwielicht dalag, öffnete er sich zum Berg hin auf eine große Lichtung.

Ein paar Baumstämme lagen entwurzelt herum und faulten vor sich hin. Satte Farne wiegten sich in einer leichten Brise.

Plötzlich stob ein großer, schwarz-rot gefiederter Vogel aus dem Dickicht vor Wybran auf. Er zuckte und wollte sein Schwert ziehen, als er begriff, dass es nur ein Vogel war.

Wybran legte die Hand auf seinen Schwertgriff und schlich vorwärts. Er musterte die Umgebung, darauf gefasst angegriffen zu werden.

Wybran entdeckte eine Schneise im hohen Gras, das musste ein schmaler Trampelpfad sein. Er ging vom Waldrand aus auf den Berg zu. Wybran folgte ihm in Richtung des Berges und sah immer wieder Hufabdrücke, die recht frisch wirkten.



Einige Zeit nach Einbruch der Dämmerung lagerte er in eine kleine Baumgruppe, die noch in die Lichtung hineinragte.

Der Mond erhob sich langsam über dem Horizont und beschien in dieser klaren und hellen Nacht schwach Wybrans Weg. Es war nun fast windstill um ihn herum. Einige Meter entfernt vernahm er Geräusche, das Wiehern eines Pferdes und leise Stimmen.

„Horadag, was hast du Schönes für mich?“, fragte eine Männerstimme. Wybran schlich vom Weg herunter, querfeldein ins Unterholz auf die Stimme zu.

„Sieh‘s dir an, alles feinste Waren“, erwiderte eine tiefe kratzige Stimme. Das musste der Zwerg Horadag sein!

Wybran rutschte einen kleinen Hügel hinauf und sah den Zwerg. Horadag hatte einen schwarzen Bart, der ihm bis zum Bauch reichte, und wettergegerbte Haut. Er trug Hose und Hemd, aus Lederflicken zusammengesetzt. Um die Hüfte hatte er einen breiten Gürtel, an dem ein kleiner Beutel und ein Schwert hingen. Vor sich auf dem Boden hatte er einen Sack ausgebreitet, in dem allerlei Dinge lagen. Ein hagerer Mann mit dünnem braunem Haar betrachtete prüfend den Inhalt und nahm immer wieder etwas heraus, um es sich genauer anzusehen. Edles silbernes Essbesteck war ebenso dabei wie ein bronzener Ring mit einem grünen Stein darauf.

„Und die Besitzer?“, fragte der Hagere. Er hielt eine Dose gegen das Licht, die aus Bronze zu bestehen schien. Mit feinem Silber war eine Gravur darin ausgegossen worden, die einen Mann zeigte, der einen Troll erstach.

„Werden dich keinesfalls bei einem Verkauf auf dem Markt belästigen“, erwiderte Horadag und lachte gehässig, während er den Griff seines kurzen Schwertes tätschelte.

„Was willst du?“

„Hundertachtzig“, sagte Horadag mit Bestimmtheit. „Du kannst auf dem Markt locker zweihundertdreißig rausholen.“

„Hundertsechzig“, erwiderte der Hagere. Horadag schüttelte den Kopf.

„Hundertachtzig ist zu viel. Leg wenigstens noch was drauf, deine Kette zum Beispiel, ist das Silber?“, fragte der Hagere. Er deutete auf Horadags Kette, die im dämmrigen Licht glänzte.

„Nein, hundertsiebzig ist mein letztes Angebot“, stellte der Zwerg fest. „Die Kette ist unverkäuflich.“

Wybran sah, als sie das Licht reflektierte, dass es die Kette war, die Malusine beschrieben hatte.

Der Mond näherte sich dem Zenit. Horadag blickte immer wieder ungeduldig in seine Richtung. Der Hagere musterte erneut das Diebesgut und nickte dann. „Hundertsiebzig dann“, stellte er fest.

Der Hagere erhob sich und fischte einige Münzen aus seinem Beutel. Er reichte ihn an den Zwerg weiter. Dieser sah hinein, stocherte etwas mit dem Finger im Lederbeutel und nickte.

„Stimmt so“, stellte Horadag fest.

„Das kannst du bei dem Licht sehen?“, fragte der Hagere skeptisch. Der Zwerg nickte und schnaubte gehässig.

„Natürlich, es gibt einen Grund, wieso ich so gut bin“, erwiderte Horadag und der Hagere nahm den Sack, in dem die Gegenstände waren. Er befestigte ihn am Sattel des Pferdes und schwang sich hinauf.

„Wir sehen uns dann bei Neumond“, sagte er.

Horadag nickte. „Keinen Tag früher.“

Der Zwerg sah sich nervös um. Der Mond hatte bereits den Zenit erreicht.

Horadag stiefelte ins Unterholz und der Hagere ritt auf dem Pfad weg.

Wybran wartete einen Moment, bis der Zwerg einen Vorsprung hatte und begann dann ihm zu folgen.

Er schlich durch das Unterholz, der gedrungenen Gestalt hinterher. Der Zwerg war kaum zu sehen vor dem im Dunkeln liegenden Wald. Allerdings schien er sich auch sicher zu fühlen. Wybran hörte immer wieder deutlich Äste knacken, der Zwerg gab sich keine Mühe leise durchs Unterholz zu kommen. Anfangs befürchtete Wybran, dass er bemerkt hatte, dass man ihn verfolgte. Doch nach einer Weile war sich Wybran sicher, dass es einen anderen Grund hatte. Der Zwerg sah immer wieder zum Mond, der den Zenit überschritten hatte und sich nun dem Horizont näherte. Er wurde dabei immer schneller, umso näher der Mond dem Horizont kam. Zum Schluss begann er zu fluchen und zu rennen, als langsam ein heller Streifen des nahenden Tages am Horizont zu sehen war.

Wybran begann ebenfalls zu laufen, um Schritt mit ihm zu halten. Dabei fiel er aber immer weiter zurück, da er sich Mühe gab, weiterhin nicht zu viel Lärm zu machen.

Plötzlich wirbelte der Zwerg herum, als Wybran nicht schnell genug reagierte und einen Zweig in Schulterhöhe abbrach. Er knackte laut und deutlich. Wybran ließ sich fallen, als Horadag sich umdrehte. Wybran konnte zwischen dem dichten Farn vor sich den Zwerg erkennen. Horadag blickte sich misstrauisch um, die Hand am Schwertgriff. Dann schüttelte er den Kopf und rannte weiter.

Wybran folgte ihm weiter, bis sie schließlich an eine steile Felswand kamen, an der eine Efeupflanze fast die Hälfte der Fläche bewuchs.

Der Zwerg drückte auf einen spitzen Stein in Höhe seines Kopfes. Es knirschte so, als wenn Stein auf Stein riebe. Dicht neben dem Zwerg tat sich eine runde Öffnung auf, die ungefähr zwei Schritt Durchmesser hatte.

Wybran hielt vor Schreck den Atem an. Der Zwerg schritt durch die Öffnung, die sich so vollkommen wieder verschloss, dass nichts darauf hindeutete, dass dort je etwas war.


Wybran schritt auf die Felswand zu und fuhr mit der Hand über die Stelle, durch die der Zwerg eben noch verschwunden war. Es war gewöhnlicher Stein, nahtlos. Nirgendwo war eine Öffnung oder eine Spur von Bearbeitung zu sehen.

Er saß eine Weile auf einem kleinen Felsblock gegenüber der Wand und überlegte, was er tun sollte. Langsam vertrieb der Tag währenddessen die Dunkelheit um ihn völlig.

Sonnenlicht, das war es, fuhr es ihm durch den Kopf. Im Märchen konnten Zwerge das Sonnenlicht nicht vertragen. Blieb aber das Problem, dass er ihn herauslocken müsste.

Er schüttelte den Kopf. Er wusste nun, wo das Versteck des Zwerges war und musste sich in Ruhe einen Plan überlegen.

Er sah sich nach einem Weg oder Pfad um, fand aber keinen. So ging er bis zur Lichtung zurück, wo sich die Wege des Hageren und des Zwergs getrennt hatten. Er fand den Weg, den der Hagere genommen hatte und folgte ihm. Die Spur des Pferdes war noch frisch und im leicht feuchten Boden konnte er die Hufabdrücke immer wieder deutlich erkennen.

So gelangte Wybran nach einer Weile zu einem kleinen Dorf.

Der Wald schien hier in einer tiefen Schneise gerodet worden zu sein; viele der Häuser bestanden aus dem dunklen Holz der hiesigen Bäume.

Wybran schritt die breite Straße entlang, die zu einem Marktplatz führte, auf dem verschiedene Händler ihre Waren feilboten. Einige verkauften Fisch, andere Messer oder Haushaltsgegenstände und einer bot Tierfelle an. Andere hatten allerlei Früchte und Obst im Angebot.

„Entschuldigt, wo kann man eine gute Mahlzeit zu sich nehmen?“, fragte Wybran einen Mann, der sich die Messer eines Händlers ansah. Der Mann sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an und deutete dann auf ein Gebäude, das mit der Rückseite zum Marktplatz stand.

„Das ist die Wirtschaft von Jokrad, da kann man gut essen und nächtigen“, erwiderte er. Wybran bedankte sich und der Mann nickte. Er wandte sich wieder den Klingen zu.

Wybran ging zu dem Gebäude. Als er es umrundet hatte, sah er über der Tür ein Schild. „Zum geköpften Elb“. Daneben war ein Kopf gemalt, stilisiert mit Schwarz auf Weiß. Der Kopf hatte auffallend spitze Ohren.

Wybran kannte die Legende, dass es Elben und Waldgeister geben sollte, die Wanderer in die Irre führten. Angeblich zündeten sie in den Mooren die Irrlichter des Nachts an, um Opfer zu fangen, die sie fressen konnten.


Wybran betrat die Schenke und nahm an der breiten Theke Platz. Ein einziger Gast befand sich im Raum: ein bärtiger älterer Mann, der auf einen Tisch gestützt schlief.

„Was darf‘s sein?“, fragte der Wirt hinter dem Tresen. Er war ein breitschultriger Mann mit einem dünnen braunen Haarkranz. Sein Haupthaar war schon lange ausgefallen und seine Nase wirkte, als wäre sie mehr als einmal gebrochen worden. Eine fingerlange Narbe zog sich von seinem Nasenansatz herab über seine linke Wange.

Trotzdem strahlte er eine Ruhe und Sicherheit aus wie eine Festungsmauer. Er würde niemanden angreifen, ohne dazu provoziert zu werden, schien es Wybran.

Wybran bestellte eine große Portion Eintopf, den es preiswert gab, da er noch vom Vortag war und nur aufgewärmt werden musste. Er hatte erst beim Betreten der Taverne bemerkt, wie hungrig er war.

Während er aß, überlegte er weiter, wie er dem Zwerg die Kette abnehmen konnte. Dieser war ihm vermutlich an Körperkraft überlegen, sicher auch an Kampferfahrung. Er würde sich etwas ausdenken müssen.

Plötzlich kam Wybran eine Idee. Er aß zu Ende, zahlte und ging zurück zum Marktplatz. Er war froh, dass er seine Münzen immer in einem Beutel an seinem Gürtel trug, so waren sie nicht zusammen mit seinem Rucksack an Bord des Schiffes zurückgeblieben.

Die Obst- und Gemüsehändler waren bereits dabei einzupacken, der Trödelhändler mit seinen Messern und Haushaltsgegenständen hatte es sich hingegen gemütlich gemacht.

„Ihr bleibt länger?“, fragte Wybran. Der Mann nickte. Er hatte einen schwarzen Zopf und einen schmalen Oberlippenbart, dessen Enden nach oben abstanden und gezwirbelt waren.

„Bin für diese Woche hier, nächste schon weg. Die Leute kommen schon noch, für meine Waren ist immer Bedarf da“, erwiderte er. „Was willst du, junger Mann? Kann ich dir eines meiner vortrefflichen Messer anbieten? Oder gedenkst du deinem jungen Eheweibe etwas Nützliches mitzubringen? Ich habe Töpfe, die Jahre halten, aus speziellen Legierungen“, begann er seine Waren zu preisen.

Wybran schüttelte den Kopf. „Ich will ein Netz“, erklärte er. „Das, mit dem Ihr Eure Töpfe da zusammenrafft, das ist ein altes Fischernetz, oder?“

„Ja, und es steht eigentlich nicht zum Verkauf“, erwiderte der Händler. Gier blitzte in seinen Augen auf. „Was wäre es dir wert?“

Wybran streckte ihm die Hand entgegen, in der er bereits einige Münzen hielt. Er wusste, dass der Preis etwas über dem wirklichen Wert des Netzes lag, aber er benötigte es. Es war gut geknüpft und ziemlich engmaschig.

Der Händler leckte sich über die Lippen und nickte.

„Fein. Es ist dein, junger Mann. Darf man fragen, was du damit zu tun gedenkst?“

„Fragen dürft Ihr, nur keine Antwort erwarten“, erwiderte Wybran. „Eine Flasche von diesem Lampenöl möchte ich auch haben.“

Der Händler nickte geflissentlich. Kundschaft, die keine Fragen wollte, hatte er häufig. Was für ein Händler wäre er, wenn er ihre Wünsche nicht respektieren würde?

Kapitel 4: Der Unterschlupf im Berg

Wybran ging gemächlich mit dem Netz in den Wald zurück. Er hatte es nicht eilig. Vermutlich würde der Zwerg den ganzen Tag über die Höhle nicht verlassen.

Wybran verbrachte den Tag damit, sich einen perfekten Unterschlupf zu suchen. Einige Schritte von der Felswand weg gab es einen umgestürzten Baum, der sich vortrefflich als Deckung eignete.

Dort wartete er dann bis zur Dämmerung geduldig.

Wybran suchte sich einen stabilen Ast und baute aus ihm mit Hilfe des Lampenöls und eines Stofffetzens, den er sich von seinem Ärmel abriss, eine Fackel.

Anschließend setzte er sich hin. Er entspannte sich und lauschte dem Leben im Wald. Er musste zwischenzeitlich so leise gewesen sein, dass sogar ein Reh bis auf wenige Meter an ihn heranging und aufschreckte, als es ihn dann schließlich doch sah. Panisch stob es davon.

Die Sonne sank zum Horizont. Als dieser sich zu entzünden schien, während sie versank, war plötzlich ein Knirschen zu hören. Die Felswand öffnete sich und Horadag trat hinaus in die klare Nachtluft. Auf den Rücken trug er einen Lederbeutel geschnallt. Er blickte sich kurz um und ging dann querfeldein in den Wald hinein. Bald darauf war er aus dem Sichtfeld Wybrans verschwunden. Dieser wartete noch einige Momente. Er zählte in Gedanken bis vierzig. Dann machte er sich auf den Weg zur Felswand. Das Tor hatte sich inzwischen wieder verschlossen, doch er wusste noch, welcher Stein es war, den Horadag gedrückt hatte.

Als er an der Felswand war, sah er sich um. Er konnte den Zwerg nirgendwo im Dunkeln ausmachen, also betätigte er den Mechanismus. Der Stein ließ sich leicht in die Wand drücken. Er fühlte sich anders an als seine Umgebung, leichter.

Es knirschte, tief in der Steinwand rieb irgendetwas aneinander. Dann öffnete sich langsam die Öffnung in der Felswand.

Wybran entzündete die Fackel mit seinen beiden Feuersteinen. Ein Funke flog und sofort brannte der ölgetränkte Lappen lichterloh.

Er betrat die Höhle und blickte sich neugierig um. Er war in einem Gang, der kreisrund in den Fels gehauen war. Er reichte ein ganzes Stück in den Fels, bis er einen Knick machte. Was dahinter lag, konnte Wybran nicht erahnen.

Der Boden sank sanft ab, während Wybran hineinging. Als sich hinter ihm das Portal schloss, sah er, dass alleine die Abbiegung einen guten Meter tiefer unter der Erde liegen musste als der Eingang.

Hinter der Abbiegung lag eine Kammer voller Plunder. Schränke standen herum. Einige grob gezimmerte Regale waren hier. Es wirkte wie eine Eingangshalle, die man mit Gerümpel vollgestellt hatte. Sechs Säulen waren in dieser Kammer symmetrisch verteilt und stützten die Decke. Acht Gänge führten ins Dunkel. Vor einem war ein Holzverschlag angebracht worden. Wybran ging neugierig dorthin und spähte durch die Öffnungen zwischen den Brettern, mit denen der Eingang zugenagelt worden war. Dahinter lag nur endlose Finsternis.

Er blickte sich im Raum um. Hier lagen Schmuckstücke neben Silberbesteck, Tellern, Pokalen und Schwertern. Einige Messer lagen ebenso herum wie Tassen mit Verzierungen.

Dazu einige Stapel mit Büchern, deren Titel Wybran nichts sagten. Andere schienen in einer Schrift geschrieben zu sein, die viel eckiger und kantiger war als die Schriftsprache, die Wybran kannte. Er sah sich weiter um und entdeckte ein kleines, mehr oder weniger schön gezimmertes Bett in einer Ecke des Raumes. Eine Karte lag darauf. Sie sah aus, als hätte der Zwerg sie selbst gezeichnet. An einigen Stellen waren Dörfer vermerkt. Es war eine Karte der Umgebung. Hier und dort war etwas in der seltsamen eckigen Schrift vermerkt, die Wybran bei den Büchern bereits aufgefallen war.

Er sah sich die Karte in Ruhe an und merkte sich genauestens, in welcher Richtung er später wieder zur Zivilisation kommen würde.

Dann setzte er sich hinter ein Regal, wo er sicher war, dass man ihn nicht sehen konnte, und platzierte das Netz dort, so dass er es sofort auf Horadag werfen konnte, wenn er den Raum betrat. Er sah sich um. Es gab einige kleine Gaslampen. In der Decke waren kleine Löcher.

Vermutlich führen sie nach draußen, ansonsten würde der Zwerg hier ersticken, ging es Wybran durch den Kopf.

Er nahm sich eine der Öllampen und setzte sich damit hinter das Regal. Seine Fackel löschte er. Die Lampe war schneller und leiser zu löschen, so dass er sie als Lichtquelle vorzog.

Er ging zurück zum Eingang und sah ihn sich im Schein der Lampe an. Das Licht flackerte immer wieder. In Hüfthöhe Wybrans ragte ein Hebel aus der Wand hinaus, an dem er zog. Die Luke öffnete sich und warme Luft strömte ihm entgegen.

Er nickte zufrieden und wartete darauf, dass sich die Luke wieder schloss. Danach wandte sich Wybran wieder in den großen Raum.



Er saß eine Weile so da und nahm dann die Karte des Zwerges zur Hand. Er studierte sie. Auf ihr war mehr oder weniger verzeichnet, wo der Zwerg schon hingekommen war. Doch waren nur die Exkursionen in die umliegenden Dörfer und ein, zwei weitere Reisen in größere Städte verzeichnet. Sobald man den Wald verließ, endete die Karte auch schon.

Vermutlich ist er nie weiter gekommen, wenn er das Sonnenlicht nicht verträgt.

Bald hörte Wybran das ihm inzwischen vertraute Knirschen, bevor sich die Tür öffnete.

Wybran löschte seine Lampe, während er in Deckung huschte. Er lauschte angestrengt.

Fest auftretend betrat der Zwerg den Raum und warf seine Tasche auf den Boden. Er ging zu einer Lampe, die zentral im Raum stand und relativ groß war für eine Öllampe. Er fummelte etwas an ihr herum, dann begann ihr Docht zu brennen und tauchte die Höhle in mattes Licht.

Horadag ging weiter zu einer anderen Lampe und wollte sie ebenfalls entzünden, doch in diesem Augenblick ergriff Wybran die Gelegenheit. Geschickt warf er das Netz über den Zwerg, der ihm den Rücken zukehrte.

„Was ...“, brüllte der Horadag auf, doch da zog sich das Netz bereits um ihn zusammen. Wybran hatte extra ein Seil hindurchgefädelt, mit dem er das Netz nun wie einen Sack schloss und den Zwerg zusätzlich etwas einschnürte. Das war nicht einfach, weil dieser sich wild gebärdete und um sich schlug. Wybran bekam dabei einen Tritt in den Magen und taumelte, verpasste dem Zwerg dann aber einen beherzten Schlag in die Rippen. Der Zwerg ächzte. Er hielt lange genug still, damit ihm Wybran die Hände zusammen am Netz festbinden konnte.

„Wer bist du?“, knurrte Horadag.

„Ist das wichtig?“, fragte Wybran. „Ich hole mir nur Diebesgut von einem Dieb.“

Er drückte dem Zwerg sein Knie auf den Rücken und löste die Kette Malusines vom Handgelenk des gefesselten Zwerges.

„Das gehört dir nicht, Mensch, das ist meines“, erklärte der Zwerg.

„Ist das so, Herr Zwerg?“, fragte Wybran. Er nahm eines der Messer und ließ es über den Handrücken des Zwerges gleiten.

„Ich bin ein Zauberer, ich sehe, wenn jemand lügt“, erklärte Wybran. „Es gehört nicht Euch, oder?“

„Doch“, erwiderte der Zwerg nach einer Pause. Er schien sich zu überlegen, ob Wybran bluffte. Wybran holte mit dem Messer aus. Der Zwerg konnte zwar nicht direkt sehen, was Wybran machte, doch am Schatten erkannte er es.

„Schon gut, schon gut!“, rief der Zwerg. „Es gehörte einer Nixe, einem Wasserweib, das im Fluss lebt.“

„Ihr habt es ihr gestohlen, nicht wahr?“

„Ja, dreimal ja, warum auch nicht? Ihre Schönheit dürfte ihr doch genug Aufmerksamkeit bescheren, dieses Kleinod wird einmal einer viel unscheinbareren Frau die Aufmerksamkeit besorgen, die sie verdient“, erklärte Horadag und lachte gehässig. Seine Stimme troff vor Zynismus. „Es würde im Wasser nur Schaden nehmen.“

„Es bedeutet ihr viel“, erwiderte Wybran. „Ihr seid ein Dieb, was Ihr schließlich auch nicht bestreitet.“

„Ich weiß um den Wert der Dinge, glaub mir“, sagte Horadag und grinste böse. Wybran legte das Messer zurück auf den Tisch. Er wollte nicht selbst zum Dieb werden, nur weil er die Gelegenheit hatte. „Du kannst mich nicht hier so liegenlassen“, erklärte Horadag. „Das wäre nicht richtig, ich würde elendig verhungern. Das kannst du nicht tun.“

„Ein Dieb ersucht um Gnade? Wieso sollte ich sie Euch gewähren? Wenn man Euch beim Diebstahl dieses Silbers erwischt hätte, wäre das hier ein freundlicher Tod im Vergleich zu dem, was die Menschen mit einem diebischen Zwerg tun.“ Wybran hatte nicht vor, den Zwerg hier sterben zu lassen, gefesselt. Nein, das wäre nicht seine Art. Er vermutete, dass der Zwerg zwar genau dies mit ihm tun getan hätte, aber das war für Wybran kein Grund, es ihm gleichzutun.

„Ich bin nicht wie Ihr“, sagte Wybran leise und nahm das Messer vom Tisch. Er legte es dem Zwerg in die Hand, so dass dieser sich damit langsam und mühsam die Handfessel durchschneiden konnte. Danach würde er das Fischernetz aufbekommen.

Horadag erwiderte nichts, sondern klammerte sich stumm an das Messer. Wybran erwartete keinen Dank und wandte sich ab.

Er verließ direkt die Höhle und orientierte sich anhand der Karte des Zwerges, die er sich gemerkt hatte. Er ging geradewegs ins Dickicht des Waldes, immer in Richtung des Flusses.

Er erreichte den Fluss. Durch den Stand der Sonne wusste er, in welche Richtung er dem Flusslauf folgen musste, und begann nach der Bucht zu suchen. Er überlegte, ob er ihren Namen rufen sollte, ließ es aber. Er wusste nicht, wer zuhörte, oder was.

Nach einer Weile fand er schließlich die Bucht, an der ihn die Nixe an Land gezogen hatte. Er setzte sich in den warmen Sand und wartete.

„Malusine! Malusine!“, rief er ein paar Mal. Sie reagierte nicht. Nur Vogelgezwitscher antwortete ihm, und der ferne Ruf eines Tieres. Es klang dunkel, wie von einem ochsengroßen Wesen.

Er überlegte, was er tun sollte. Vielleicht wusste der Zwerg von dieser Bucht. Vielleicht würde er seine Spur finden. Wie gut war er im Fährtenlesen?, ging es ihm durch den Kopf.



Während Wybran so dasaß und darüber nachdachte, in was er da geraten war, hörte er ein Platschen. Er blickte zur Bucht und sah, dass etwas dicht unter der Wasseroberfläche auf ihn zukam. Malusine tauchte einige Meter vom Ufer entfernt auf und winkte ihm zu. Sie warf ihre Haare zurück und lächelte.

„Da bist du ja“, rief sie freudig aus. „Hast du es gefunden? Wie ist es dir ergangen?“

Wybran winkte zurück und hielt das Kleinod zur Antwort in die Luft. Sie schrie vor Freude auf.

Er berichtete ihr vom Ufer aus, was er getan hatte. Während er sprach, lehnte sie sich auf einen Felsen am Ufer, so dass ihr Unterkörper im Wasser blieb.

Nachdem er berichtet hatte, wie er herkam, unterbrach sie ihn.

„Also lebt der Zwerg“, sagte sie leise bei sich. „Komm her, gib es mir wieder“, fügte sie dann hinzu und setzte wieder ihr Lächeln auf.

Wybran stand auf und watete einige Schritte zu ihr ins Wasser. Er reichte ihr die Kette, die sie freudestrahlend anlegte.

„Du hast mir einen großen Dienst erwiesen. Obwohl du ein Reisender bist, der mich leicht hätte hintergehen können, hast du es nicht getan“, sagte sie und schwamm dabei näher zu ihm hin. Sie war nun weniger als eine Armlänge von ihm entfernt. Wybran war gefesselt von ihrem Blick.

„Halt die Luft an“, sagte sie. Bevor Wybran reagieren konnte, spürte er, wie die Nixe ihn am Bauch umarmte und ins Wasser zog. Er schaffte es einen großen Zug Luft zu nehmen, bevor das Wasser über ihm zusammenschlug. Sie zog ihn weit auf den Fluss hinaus in die Fluten. Immer wieder tauchten sie kurz auf und Wybran vermochte einen Luftzug zu nehmen. Verzweifelt hörte er auf, sich zu wehren und nutzte seine verbleibende Kraft, um sein Schwert festzuhalten.

Nach einer für Wybran schier endlosen Zeitspanne war die Tortur vorbei und sie zog ihn ans Ufer des Radaman.

„Von hier nicht weit ist ein kleines Dorf, stromaufwärts. Fischer, gute, ehrliche Leute, die keinem was zu Leide tun“, erklärte Malusine und half Wybran aufzustehen.

„Der Zwerg wird sicher fast zwei Tage brauchen, wenn er dich verfolgen will. Zudem wird es schwer deine Spur zu verfolgen, da sie am Ufer endet. Es ist mein kleines Geschenk. Außerdem“, sagte sie und beugte sich zu ihm, während sie ihn umarmte, „außerdem verfügen wir Nixen über eine Gabe, die wir nicht leichtfertig anwenden.“

„Eine Gabe?“, fragte Wybran. Ihm war unwohl, dass ihm die Nixe erneut so nahe war, er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass sie ihn kaum noch einmal so lange durch die Fluten ziehen würde.

„Ja“, sagte sie und etwas tropfte von ihr auf seinen Hals. Es brannte, das war kein gewöhnliches Wasser, das von ihr abperlte. Er stieß sie weg und fasste an die Stelle, doch fühlte er nur seine Haut.

„Es tut mir leid, es ist nicht ohne Schmerz, wie so vieles auf der Welt“, sagte Malusine. „Es ist ein Nixensegen. Wann immer du anderen Gutes tust, so heißt es bei uns, wird dir gelingen, was du anfängst.“

Sie wandte sich ab und sprang beherzt in die reißenden Fluten, denn der Radaman floss hier deutlich schneller.

Wybran blickte ihr nach, bis er die Bewegungen im Wasser aus dem Auge verlor. Vermutlich schwamm sie nun tiefer.

Das glaubt mir keiner, ging es ihm durch den Kopf. Er rieb sich noch einmal die brennende Stelle und machte sich auf zu dem Dorf, das Malusine erwähnt hatte.

Kapitel 5: Nixensegen

Das Dorf war eine kleine Ansammlung von Hütten.

Wybran kaufte sich in einem Gemischtwarenladen mit auffälligem Schild über dem Eingang einen neuen Rucksack. Seinen alten hatte er ja auf dem Schiff zurücklassen müssen. Der Verkäufer schien froh zu sein, Kundschaft zu haben und plauderte munter vor sich hin. Er schien kurz davor gewesen zu sein, für heute zuzumachen. Wybran erkundigte sich bei ihm nach einer Möglichkeit etwas zu essen. Er wurde an ein Wirtshaus die Straße hinunter verwiesen.

Es gab nur ein Wirtshaus, oder zumindest eines, das ein Namensschild hatte, weswegen Wybran nicht lange überlegte und hineinging. Ein paar Männer standen an der Theke und tranken aus hölzernen Humpen. Einige Tische standen im Raum, waren aber leer.

„Was darf‘s sein, Fremder?“, fragte eine ältere Frau mit hochgestecktem braunem Haar, als sich Wybran gesetzt hatte. Erste graue Strähnen waren zu sehen. Sie trug ein weißes Kleid mit einer dunklen Lederweste darüber. Hinter ihr tollten zwei kleine Kinder durch die Schenke. Eines der beiden, ein Mädchen, hatte dieselben braunen Haare wie die Frau.

Sie rief mit „Oma“ nach ihr, doch die Frau ließ sich nicht von ihrer Kundschaft ablenken.

„Etwas zu essen und etwas zu trinken“, sagte Wybran erschöpft. Seine Kleidung war noch nicht ganz trocken, so dass ihm langsam kalt wurde.

„Seid Ihr alleine draußen unterwegs gewesen?“, fragte die Frau, als sie mit einem gefüllten Humpen zurückkam.

„Ja, wieso?“

„Wollt Ihr etwa heute noch weiter?“

„Vielleicht“, erwiderte Wybran. Irgendetwas hatte die Frau, sie wirkte nervös.

„Das solltet Ihr lassen. Wir machen Euch einen guten Preis für ein Zimmer und Ihr reist morgen weiter“, sagte sie.

Wybran sah sie einen Moment an. Wollte sie nur sein Geld, einen Gast für die Nacht, oder war da etwas anderes? Einerseits war Wybran misstrauisch. Etwas verschwieg sie ihm. Andererseits hatte er aber auch keine rechte Lust, nachts noch loszuziehen, vor allem da er sich hier nicht auskannte. Er nickte.

„Ein Zimmer für die Nacht wäre sicher nicht verkehrt“, stimmte er zu. Die Frau nickte erfreut und ging los.

„Ich werde es herrichten“, sagte sie dabei im Gehen.

Wybran unterhielt sich zwischendurch mit einem Mann des Dorfes und erfuhr, dass dieses Dorf Kasbedel hieß und man nur selten Kundschaft im Wirtshaus habe.

Wybran vermutete inzwischen, dass die alte Frau einfach nur jemanden wollte, der übernachtete und gut zahlte.

Man bewirtete ihn gut und abends legte er sich in das breite Bett, das man ihm zugewiesen hatte. Es war ein kleines gemütliches Zimmer, das vor allem mit einem schweren eichenen Bettgestell und einem Holztisch eingerichtet war. Auf ihm standen eine Schale und ein Krug mit Wasser zum Waschen. Das Wirtshaus hatte verglaste Fenster. Wybrans Zimmer hatte ein großes zweiflügeliges Butzenfenster. Es bestand aus vielen kleinen bunten Glasscheiben.

Er legte müde seine Kleider und das Schwert ab und fiel ins Bett in einen tiefen Schlaf.



Er stand alleine auf einer Lichtung. Nidrr stand als kahlköpfiger Mann unter einem der Bäume. Ein fahles Licht, das aus den Wolken kam, beschien die Szenerie. Es war zu hell für Mondlicht, das eine Wolkendecke durchdrang, doch was sollte es sonst sein?

Was versteckst du dich dort, halb in den Schatten?“, fragte Wybran und legte die Hand auf sein Schwert, das er diesmal trug.

Er fürchtete einen Angriff des Fremden. Während des Traumes erinnerte er sich mit einer seltenen Klarheit an die früheren Träume, anders als im Wachzustand.

Ich verstecke mich nicht“, zischte Nidrr zurück.

Wybran berührte seinen Hals, dort, wo Malusine ihm den Nixensegen gegeben hatte. Es juckte dort, wie es damals brannte, als er als Kind mit der Hand eine Brennnessel berührt hatte.

Was tust du dann dort?“, fragte Wybran, doch er erhielt keine Antwort. Nidrr blickte nur böse in seine Richtung, wandte sich ab und zerstob in eine Wolke aus kleinen schwarzen Teilchen. Anschließend fiel Wybran in erholsamen, aber völlig traumlosen Schlaf.



Er erwachte am nächsten Morgen, als die Sonne in sein Fenster hineinschien und durch die Butzenscheiben ein farbenfrohes Lichterspiel auf seinem Bett tanzte. Er erhob und wusch sich, wobei er sein Spiegelbild in der Schale betrachtete und feststellte, dass er am Hals eine tränenförmige Narbe hatte.

Das muss der Nixensegen sein, ging es ihm durch den Kopf. Es war exakt die Stelle, an der er den Schmerz verspürt hatte.

Plötzlich hörte er einen lauten Aufschrei aus der unteren Etage. Er warf sich Hemd und Mantel über und gürtete sein Schwert um, so dass er für den Notfall reisefertig war. Dann öffnete Wybran die Tür und lauschte. Unten waren Stimmen zu hören, eine Frau weinte bitterlich und ein Mann redete mit tiefer, beruhigender Stimme auf sie ein.

Wybran betrat die Treppe hinunter, während zwei junge Männer an ihm vorbeistürmten und die Räume oben durchsuchten. Ein weiterer kam auf ihn zu und fragte: „Habt Ihr sie gesehen?“

„Wen?“, erwiderte Wybran perplex.

„Sara, die kleine Enkelin der Wirtin, sie hat braunes Haar und ist ungefähr so groß“, erklärte der Mann und zeigte mit der Hand die Größe des Mädchens.

„Nein, sie spielte gestern in der Schenke, als ich sie betrat, seitdem hab ich sie nicht mehr gesehen“, erklärte Wybran. „Was ist geschehen?“

„Sie ist fort“, erklärte der Mann. „Die Moorfrau wird sie geholt haben.“

„Wer?“, erkundigte sich Wybran.

„Die Moorfrau. Eine seltsame alte Hexe, die im Moor lebt. Dort wo die Torfstecher nicht hingehen, weil es zu unsicher ist. Es heißt, sie frisst kleine Kinder und einsame Wanderer im Moor.“

„Das ist Unsinn. Wen sie da gefressen haben soll, der ist doch einfach versunken wegen eigener Blödheit“, erwiderte ein Mann vom unteren Ende der Treppe. „Das ist doch Blödsinn, die Kleine ist einfach weggelaufen. Wenn wir sie im Moor finden, sagt ihr natürlich, es war die Moorfrau. Aber ich sage, sie ist Einbildung.“

„Wir werden ja sehen, eines Tages werden wir sehen, wer Recht hat, Heral“, erwiderte der Mann neben Wybran giftig.

„Wir werden jetzt in kleinen Gruppen rausgehen und sie suchen, die Frauen durchsuchen das Dorf“, erklärte der als Heral angesprochene Mann unten an der Treppe an Wybran gerichtet.

„Wollt Ihr uns begleiten, Fremder? Wir können jeden Mann gebrauchen und die eine oder andere Münze wird Jana sicher übrig haben, wenn Ihr ihre Enkelin rettet.“

Wybran überlegte nicht lange und nickte. „Natürlich helfe ich“, sagte er und folgte Heral.



Heral und die anderen gingen mit Wybran zu einem kleinen Wäldchen. Es war abgetrennt vom dichten Wald, in dem Wybran noch kurz zuvor gewesen war. Sie hatten sich in Gruppen aufgeteilt, die anderen würden das Flussufer absuchen. Doch kaum jemand glaubte, dass sie dort sei. Man war sich einig, dass die Moorfrau sie entführt habe und sie verspeisen wolle. Die Bauern und Fischer waren bewaffnet mit allem, was sie so hatten, von Messern aller Längen über ein paar Sensen bis hin zu einer Mistforke, deren Nahkampfqualität Wybran anzweifelte.

Wybran hatte inzwischen erfahren, dass die Eltern des Kindes bereits tot waren und sich nun die Großeltern um es kümmerten.

Sie gingen in kleinen Drei- und Vier-Mann-Gruppen ins Moor, immer einige Schritte zwischen sich, so dass man sich sah aber auch ein großes Gebiet durchkämmen konnte. Die, die ein Messer hatten, hatten sich lange Stöcke mitgenommen. Wybran wurde ebenfalls einer gereicht. Mit ihm sollte er in den Boden vor sich stechen, um zu sehen, ob er ihn trug oder zu sumpfig war.

Im dämmrigen Licht begannen sie mit der Suche. Ein leichter Nebel war aufgezogen und hielt sich hartnäckig über dem Moor. Langsam fächerte sich die Gruppe immer weiter auf. Immer wieder schallten die Rufe nach Sara über das Moor.

Irgendwann bemerkte Wybran, dass er die anderen aus den Augen verloren hatte. Er konnte gute zwei Dutzend Schritte weit sehen, dann war Schluss. Eine dichte, wabernde Wand aus Nebel umgab ihn.

Er fluchte innerlich, dass er zu sehr auf den Boden vor sich geachtet hatte und nicht darauf, in der Nähe der anderen zu bleiben.

Er wollte gerade nach den anderen rufen, als er plötzlich ein leises, dumpfes Geräusch hörte. Schwach, wie durch eine Wand gedämpft, hörte er ein Kinderschreien. Es war ein Wimmern und Jammern, das nur kleine Kinder hervorbringen können.

Er lauschte und wandte sich vorsichtig mit dem Stock den Weg abtastend in die Richtung.

Nach einer Weile erreichte er einen alten, knorrigen Baumstumpf, der ihm bis zur Schulter reichte. Er war im Durchmesser so groß, dass nicht einmal zwei erwachsene Männer ihn gemeinsam hätten umfassen können.

Wybran ging näher an den Baum heran und legte ein Ohr an die Rinde. Das Geräusch kam eindeutig aus dem Baum! Wie war das möglich?

Er tastete über den Stamm und spürte eine Kante. Da war eine geheime Tür, die nachgab, als er sanft dagegen drückte. Sie schwang nach innen auf und gab den Weg frei in ein Loch im Boden, in das eine Leiter hinabführte. Das Kinderjammern war nun nicht mehr zu überhören. Wybran lehnte seinen Stock an den Stamm und kletterte die Leiter hinunter in eine große Höhle, in der eine Gestalt in einen braunen Umhang gewickelt dasaß und versuchte, die kleine Sara, die vor ihr hockte, zu trösten. Die Gestalt wandte Wybran den Rücken zu.

„Schhh, alles ist gut“, sagte sie, aber das Kind schien da ganz anderer Ansicht. Sara heulte aus voller Kraft. Plötzlich verstummte sie.

Ihre Augen wurden groß, als sie sich auf Wybran hefteten. „Ich kenne dich“, stellte sie fest und zeigte mit dem Finger auf ihn.

Die Gestalt wirbelte herum und dabei verrutschte ihre Kapuze, so dass Wybran das Gesicht einer jungen, schönen Frau erkennen konnte. Sie hatte ebenmäßige Gesichtszüge, allerdings wuchs ihr eine Schicht dunkelgrünen Mooses in einem breiten Streifen über das Gesicht.

„Wer bist du?“, zischte sie und zog einen Dolch. Sie stach mit seiner Spitze in Richtung Wybran und hielt Sara fest bei der Hand.

„Du tust mir weh“, sagte Sara und begann erneut zu jammern.

„Geh weg, Fremder“, sagte die Frau. Wybran schüttelte den Kopf.

„Das ist nicht dein Kind“, hielt er ihr vor und legte die Hand auf seinen Schwertgriff. „Du kannst mich mit dem kleinen Messer nicht verletzen, lange vorher bist du in meiner Reichweite.“ Er fühlte sich sehr sicher: Die Frau hatte nur die Möglichkeit sich zu ergeben. Dann tat sie, was er nicht erwartet hatte. Sie hob Sara vor sich und hielt ihr das Messer an die Kehle.

„Geh oder sie stirbt.“

„Was willst du überhaupt mit ihr?“, fragte Wybran und zog nun sein Schwert. Er hielt es locker nach unten gerichtet, es gab ihm etwas Sicherheit. Vielleicht könnte er sie erschlagen, bevor sie reagierte.

„Das geht dich nichts an“, zischte sie. „Ihr sollt mich einfach nur alle in Ruhe lassen!“

„Du willst ihr doch nichts tun, oder?“ Er versuchte, seiner Stimme einen beschwichtigenden Klang zu geben. Sie hielt das Kind zwar fest, aber er bemerkte, dass sie die Klinge so hielt, dass sich das Kind nicht selbst verletzte, während es strampelte.

„Wenn du Sara hättest töten wollen, hättest du das längst getan“, stellte Wybran fest. „Warum also entführst du dieses kleine Mädchen, nimmst es seinen Großeltern weg?“

„Weil ... weil ... weil jetzt meine Zeit ist. Ich habe genauso ein Recht auf Glück“, stammelte sie. Die letzten Worte brüllte sie fast.

„Sie ist aber eindeutig nicht glücklich bei dir. Willst du wirklich, dass dein Glück auf dem Leid einer anderen basiert?“

Sie zögerte und wirkte etwas abwesend, während sie nachdachte.

„Wenn du sie gehen lässt und sie unversehrt ist, wirst du von mir genauso Gnade erfahren.“

Dann ließ sie den Griff etwas lockerer, so dass sich Sara freistrampelte und zu Wybran rannte. Sie nahm seine Hand und presste sie fest.

„Bring mich zu Oma“, sagte sie entschieden. Tränen liefen ihr immer noch übers Gesicht.

„Ich war neidisch“, sagte die Frau traurig. „Es tut mir leid“, fügte sie hinzu. Sie legte das Messer auf einen Tisch und setzte sich auf einen alten hölzernen Stuhl.

„Was ist mit dir geschehen?“

„Ich bin schon immer so gewesen“, stellte sie fest und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Dabei sah Wybran, dass ihre Hand ebenfalls von moosigem Geflecht überzogen war. Das, was an ihrer Hand nicht davon überzogen war, erinnerte ein wenig an Holz.

„Ich war schon immer anders, weshalb ich hier lebe. Man duldete mich. Man ignorierte mich. Doch ich wollte ein normales Leben, ich wollte Kinder wie jeder andere. Doch wer sollte mich auch nur ansehen, mit diesem Körper? Wie sollten mir Kinder vergönnt sein?“

„Also hast du dich entschieden, dein Glück anders zu bekommen. Dir hätte klar sein müssen, dass es nicht funktionieren konnte“, erwiderte Wybran. Sie nickte betrübt.

„Sie werden mich jagen, nicht wahr?“, fragte sie nach einem Moment der Stille.

„Ich fürchte ja“, stimmte ihr Wybran zu. „Du hast mein Wort, dass ich dich ziehen lasse, doch werden sie sicher nach dir suchen. Du solltest fliehen.“

Er wandte sich von ihr ab und ließ Sara vor sich die Leiter hinaufklettern. Er folgte ihr und verließ den Baumstumpf. Mit Sara an der einen Hand und dem Stock in der anderen ertastete er sich den Weg zurück in das Dorf.

Er sah sich immer wieder um, doch die Frau folgte ihnen nicht.

Im Dorf angekommen, brachte Wybran sie ins Wirtshaus. Einige der Männer waren bereits vom Suchen zurück und berieten sich, was nun zu tun sei.

Saras Oma Jana umarmte Wybran stürmisch, als er mit ihrer Enkelin den Raum betrat. Die Gespräche verstummten und ein älterer Mann mit einem grau durchwirkten Bart trat auf ihn zu. Er war, wie Wybran richtig vermutete, der Großvater Saras. Er stellte sich ihm als Kendan vor.

Er bedankte sich ebenfalls überschwänglich bei Wybran und ließ sich berichten, wie dieser Sara gefunden hatte. Wybran beschrieb sehr grob den Ort, an dem der Baumstumpf stand. Er hoffte, dass die Moorfrau nicht mehr dort wäre, wenn die wütenden Männer des Dorfes dort eintrafen. Deswegen behauptete er, dass er sie mühevoll in die Flucht geschlagen habe und sie nicht quer durchs Moor verfolgen wollte. Sara sagte nichts dazu und aß glücklich und lächelnd von der Suppe, die ihr ihre Großmutter aufgetischt hatte.

Wybran bekam ebenfalls ein fürstliches Mahl.



„Vielen, vielen Dank“, wiederholte Jana immer wieder, während sie ihm neues Essen auftischte. „Wir würden uns gerne erkenntlich zeigen“, setzte sie dann etwas später an und reichte ihm einen Beutel. Es klimperte vernehmlich darin. Wybran schüttelte den Kopf.

„Ich wüsste gar nicht, was ich damit sollte. Gebt mir lieber zwei Münzen und ein gutes Pferd“, entschied Wybran.

„Ihr könntet Euch davon eines kaufen“, erwiderte Saras Großmutter. „Mehrere, wenn Ihr wollt.“

„Ja, aber erstens bleibt so viel mehr Geld für Euch und Sara übrig“, erklärte Wybran und nickte zu Sara, die inzwischen auf dem Schoß ihres Großvaters Kendan eingeschlafen war. Sie hatte darauf bestanden, dass er ihr ihr liebstes Märchen erzählte. Nun war sie, vor dem Ende, bereits in tiefen Schlaf gesunken.

„Zum anderen, wisst Ihr, wer hier gute Pferde verkauft und ob er jemanden übers Ohr hauen will. Ihr kriegt ein gutes Pferd zu einem ganz anderen Preis als ich, der Fremde“, fügte Wybran hinzu.

Ihre Großmutter nickte. „Wie Ihr es wünscht“, sagte sie.

„Ach ja, einen Blick auf eine Karte der Umgebung“, fügte Wybran noch hinzu. „Ich muss wissen, wo ich bin.“

„Und wie Ihr von dort wieder wegkommt“, setzte Kendan lächelnd hinzu, als er die schlafende Sara ihrer Großmutter übergab.

„Ich kümmere mich darum, morgen früh nach dem Frühstück werde ich Euch mit Eurem neuen Pferd bekanntmachen.“



Am besagten nächsten Morgen, trat Wybran aus der Schenke und sah vor sich einen prächtigen Schimmel stehen.

„Sein Name ist ‚Glanzmähne‘“, erklärte Saras Großvater.

Wybran trat zu dem Schimmel und strich ihm über die Mähne.

„Ein passender Name“, stellte er fest.

„Mein Name ist Wybran“, erklärte er dem Pferd. Dieses war vollkommen ruhig. Es wich nicht zurück, als er es streichelte.

„Ich danke Euch“, fügte er an Kendan gewandt hinzu. „Es wird mir sicher gute Dienste leisten.

Nachdem er sich in der Schenke noch einmal die Karte der Umgebung angesehen hatte, verabschiedete sich Wybran von Sara und ihrer Großmutter.

So machte er sich, kurz nachdem die Sonne im Zenit gestanden hatte, auf den Weg in Richtung Kadva.



Nach einigen Stunden des Reitens, während die Sonne langsam tiefer sank, kam er an einem kleinen Wäldchen vorbei, an dem er rastete. Er sammelte einige Äste und machte sich ein Feuer für die Nacht, das ihn wärmen sollte.

Mit den ersten Sonnenstrahlen zusammen erhob sich Wybran von seinem Lager. Das Feuer war über Nacht heruntergebrannt. Nach einem kurzen, einfachen Frühstück mit trockenem Brot schwang er sich auf sein Pferd und ritt weiter den Verlauf des Flusses entlang.

Er ritt den ganzen Tag hindurch. Erst gegen Mittag legte er eine Pause ein, um sein Pferd zu tränken. Wybran ließ ihm genügend Zeit, etwas zu grasen, bevor er weiterritt. Er wusste von den Pferden seines Vaters, dass man ihnen genauso Ruhe gönnen musste wie einem selbst. Sein Vater hatte ihm stets gesagt, dass es für ihn etwas mit Dankbarkeit zu tun habe. Dankbarkeit dafür, dass man den Weg nicht laufen musste. Es war eine Partnerschaft zwischen Reiter und Pferd.

Nach einer weiteren Strecke zügelte Wybran sein Pferd und betrachtete den Anblick, der sich ihm bot. Er stand auf einem kleinen Hügel und vor ihm erstreckte sich eine endlose Zeltstadt. In ihrem Zentrum schien eine kleine Stadt zu stehen, mit zweistöckigen Häusern und einer einfachen Mauer aus groben Steinen. Das konnte noch nicht Kadva-Stadt sein. Die Siedlung war viel zu klein.

Er ließ sein Pferd näher traben. An einem der Zelte saß ein älterer Mann und war dabei einen Fisch auszuweiden.

„Seid gegrüßt“, begann Wybran. Der Alte hob kurz den Blick vom Fisch. Er nickte und widmete dann seine Aufmerksamkeit wieder voll und ganz dem toten Fisch.

„Was wollt Ihr?“, fragte er mürrisch.

„Ich bin neu hier, sagt, was treibt die Menschen in die Stadt? Eine solche Zeltstadt habe ich noch nie gesehen“, formulierte Wybran seine Frage.

Der Alte lachte trocken. „Oh, wir sind nicht freiwillig hier“, sagte er und hustete. „Die Missgeburt Beiran treibt uns her. Wie ein angriffslustiger Hund beißt er in jede Richtung. Ich komme aus Kanja, einem kleinen Dorf, das von Beiran gebrandschatzt wurde. Der Krieg ernährt den Krieg, wisst Ihr? Was immer sein Heer benötigt, er nimmt es sich. Bündnisse sind immer nur ein Momentschutz. Wer nicht für ihn kämpft, ist Getier, das im Weg steht.“

Der Alte spuckte angewidert aus. „Jetzt bitten wir hier, in Tekkerstief um Hilfe. Doch die Stadt ist voll. Vielleicht sollten wir weiterziehen nach Kadva.“

„Wie weit ist es von hier nach Kadva-Stadt?“

„Eine Woche, mit Beinen wie denen“, sagte er und tätschelte sein Knie. „Auf einem kräftigen Pferd wie Eurem? Was man so hört, zwei Tage, vielleicht einen, wenn Ihr Euch beeilt.“

Wybran bedankte sich und ritt weiter. Die Sonne sank langsam. Er würde sich die Zeitangabe von einem Wirt der Stadt bestätigen lassen. Er wollte übernachten, um dann in aller Frühe aufzubrechen.

Doch er wurde enttäuscht. Zumindest das eine seiner Ziele war unerreichbar. Er fragte in allen vier Herbergen der Stadt nach. Keine hatte mehr ein Bett frei. Was nicht vermietet war, war auf Anordnung des Bürgermeisters den Kranken unter den Flüchtlingen zur Verfügung gestellt worden. Selbst Scheunen und Dachböden wurden genutzt.



Wybran ritt aus der Stadt hinaus, ein gutes Stück hinter die letzte Reihe von Zelten. Er konnte die Lichter der Stadt sehen, genauso wie das Licht der untergehenden Sonne sich farbenfroh im Fluss spiegelte.

Ein Lager für die Nacht war schnell errichtet, wobei er auf ein Feuer verzichtete. Es war keine kalte Nacht und er wollte keine unnötige Aufmerksamkeit.



Wybran erwachte einige Stunden später. Es war eine klare Nacht, nur beleuchtet von den Sternen.

Etwas hatte ihn geweckt. Da war Hufgetrappel. Stimmen.

Traben, langsames Traben. Die Stimmen tuschelten. Er öffnete die Augen und drehte sich um. Eine Gruppe von gut zwei Dutzend Männern kam auf ihn zu. Keiner von ihnen hatte eine Fackel entzündet. Sie hatten mehrere unbeladene Pferde bei sich.

Sie schienen auf sein Pferd aufmerksam geworden zu sein.

„Das gibt einen guten Preis“, sagte einer, was Wybran undeutlich verstehen konnte. Sie schienen noch nicht bemerkt zu haben, dass er wach war.

Dann waren sie heran. Wybran sprang auf und zog sein Schwert heraus, das er neben sich gelegt hatte.

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr?“, rief er. Die Fremden zogen ihrerseits nun ihre Schwerter. Sie begannen ihn einzukreisen.

„Wir sind Geschäftsleute auf der Suche nach Investitionen“, erklärte einer mit kahlem Schädel und einer Nase, die aussah als wäre sie schon viele Male gebrochen worden. Die übrigen lachten dreckig. Wybran umklammerte sein Schwert fester.

In diesem Moment traf ihn ein Stein von hinten gegen den Kopf. Er taumelte, fühlte sich benommen. Etwas traf ihn erneut am Hinterkopf.

Dann wurde die Welt dunkel.



Er erwachte einige Zeit später und rappelte sich langsam auf. Er spürte, dass man ihm sein Schwert abgenommen hatte, da das inzwischen vertraute Gewicht fehlte.

Wybran war in einer kleinen Zelle, vier oder fünf Schritte in jede Richtung konnte er tun, dann versperrte ihm dreimal eine kalte Steinmauer den Weg. Zu einer Seite war ein Gitter aus dicken Eisenstäben eingelassen. In deren Mitte war eine hölzerne Tür mit einem nur von außen zu öffnenden Schloss. Wybran ging zu dem Eingang und versuchte zwischen den Stäben hindurchzugreifen, um das Schloss zu erreichen, doch seine Arme passten nicht einmal zwischen den Gitterstäben durch.

„Lass gut sein, Junge“,

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