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Agenten lieben besser

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1. KAPITEL

„Ach, du heiliger Cowboy …“ Molly Broome richtete sich gerade auf, und ihre Kopfhaut prickelte, als hätte sie soeben einen Geist gesehen.

Keinen Geist. Einen Cowboy.

Und was für einen!

Sie beugte sich vor, um Pferd und Reiter besser in Augenschein nehmen zu können. Genau wie im Film, dachte sie und zog eine Grimasse. Selbst nach einer Woche in Wyoming hatte sie sich noch nicht daran gewöhnt. Die majestätischen Rockies, die sanften Täler, die Bilderbuch-Ranchen mit den weißköpfigen Rindern und den Stacheldrahtzäunen, all das war genau wie im Film. Nur die Cowboys waren enttäuschend … bis jetzt.

Dicke Regentropfen trommelten auf die Windschutzscheibe, Vorboten eines heftigen Schauers. Molly tastete suchend nach dem Schalter für die Scheibenwischer. Die Schotterstraße war mit Schlaglöchern durchsetzt, und der Regen, der in der eiskalten Bergluft zu Graupel wurde, machte die Straße noch tückischer.

Sie drosselte die Geschwindigkeit und richtete den Blick wieder auf den Cowboy. Sein Pferd, ein prächtiger schwarz-weiß gescheckter Appaloosa, galoppierte auf gleicher Höhe mit Shanes Pick-up durch die kahle Winterlandschaft.

Dagegen wirkte der Reiter weitaus unscheinbarer. Er trug einen braunen Hut, den er sich tief in die Stirn gezogen hatte, dicke Lederhandschuhe und einen schweren Staubmantel aus Ölzeug, dessen Schöße im Wind flatterten und den Blick freigaben auf braune Lederchaps. Von seinem Gesicht war nicht viel zu erkennen, lediglich ein scharfes Profil und ein unrasiertes Kinn.

Aber egal. Als eingeschworenem Western-Fan genügte Molly ein Blick, um Geschichte und Charakter eines Cowboys richtig einzuschätzen. Der hier gehörte definitiv zum Typ „einsamer Wolf“. Eine einsame Seele, die es in irgendein Kaff an der Grenze verschlagen hatte, ausgestattet mit einem Gewehr, einem Pferd und eisernem Willen. Wie er gekommen war, so würde er auch wieder verschwinden: ohne Vorwarnung, nachdem er als Sieger aus einer Schießerei mit einer Horde Banditen hervorgegangen war und er eine junge Witwe mit einer heruntergekommenen Ranch vor den üblen Machenschaften des hiesigen Viehbarons gerettet hatte.

Fünfzehn Jahre Mitgliedschaft im „Cowgirl-Club“ hatten Mollys Sinn für Romantik geschärft: Die Rolle der einsamen Witwe übernahm in ihrer Fantasie natürlich sie selbst. Ihre wohlgerundete Figur passte zwar besser in hübsche Baumwollkleider mit Spitzenkragen, doch sie sah sich zu gern als skandalumwitterte Witwe in Reithosen, die besser ritt als jeder Cowboy.

Nur der einsame Wolf konnte sie zähmen. Seine leidenschaftlichen Küsse erinnerten sie daran, wie gut es sich anfühlte, ganz Frau zu sein … bis zum diskreten Schnitt, der so typisch war für die alten Western. Glücklicherweise verfügte Molly über eine lebhafte Fantasie, sie spann den Faden weiter.

Erneut riskierte Molly einen neugierigen Blick auf den unbekannten Reiter, der plötzlich die Hand hob und sich grüßend an den Hut tippte.

Erwischt! Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht, doch das konnte der Mann zu Mollys Erleichterung nicht sehen. Unvermittelt gab er dem Pferd die Sporen, riss die Zügel herum und verschwand über einen Hügel.

Molly guckte sich die Augen aus nach dem stolzen Reiter, der entgegen allen Regeln der Kunst nicht in einen flammend roten Sonnenuntergang galoppiert war, sondern in wabernde Nebelschwaden, die über der trostlosen Novemberlandschaft hingen.

Sogleich wurde ihre Unachtsamkeit bestraft, und der Pick-up kam nach links von der Straße ab. Einer der Reifen prallte auf einen unter Wasser liegenden Fels. Sofort war Molly hellwach. Sie verstärkte den Griff ums Lenkrad und lenkte den schweren Wagen wieder auf die Piste zurück. Die Räder schlitterten über den glitschigen Boden, drehten einen Moment lang durch, bevor sie endlich wieder Bodenkontakt fanden. Mit einem Ruck schoss der Pick-up eine Steigung hinauf. Aus dem Augenwinkel sah Molly etwas Weißes in dem Graben aufblitzen, den sie soeben haarscharf umschifft hatte. Etwas Weißes, das sich bewegte.

Sie trat auf die Bremse und spähte in den Rückspiegel. Ein plötzlicher Platzregen prasselte auf die verlassene Straße nieder. Sie dachte an ihren neuen Mantel und die Tatsache, dass sie auf die Triple Eight Dude Ranch unterwegs war, um sich um einen Job zu bewerben. Es wäre idiotisch, sich im strömenden Regen durch den Matsch zu quälen, nur weil sie meinte, irgendetwas – etwas Lebendiges – gesehen zu haben.

Seufzend öffnete Molly die Tür und stieg aus. Der Eisregen traktierte ihr Gesicht wie feine Nadelstiche. Erschaudernd klappte sie den Mantelkragen hoch und stapfte zügig den Weg zurück, den sie gekommen war. Wandte sich dem Straßengraben zu, wobei sie sich bemühte, die schlimmsten Dreckpfützen zu vermeiden. Zunächst erspähte sie nichts weiter als schlammige Rinnsale und Klumpen abgestorbenen Laubs. Doch da – eine winzige Bewegung! Aus den Tiefen des Grabens drang ein erbarmungswürdiges Jaulen zu ihr empor.

Kaninchen? Kätzchen? In New York pflegte man keine halb ertrunkenen Kätzchen zu retten, es sei denn, man hieß Audrey Hepburn und sah auch in durchweichten Kleidern und mit nassem, angeklatschtem Haar noch umwerfend aus. Aber jetzt war Molly in Wyoming, und ein neues, noch konturloses Leben lag vor ihr. Sie verwarf den Gedanken an ihren neuen beigefarbenen Rock und das bevorstehende Bewerbungsgespräch und kletterte die glitschige Böschung in den Graben hinab. Kaum hatte sie zwei Schritte getan, da schlitterte sie auch schon auf dem unbefestigten, nassen Schotter aus und landete mit einem schmatzenden Geräusch, das eine horrende Reinigungsrechnung in Aussicht stellte, auf dem Po.

Mühsam hievte sie sich wieder hoch, wobei sie sich die Handflächen ordentlich mit Matsch beschmierte. Sie strich sich den feuchten Pony aus der Stirn und blinzelte in den eisigen Regen. Himmel, selbst unter den günstigsten Umständen war sie keine Audrey Hepburn! Auch noch den letzten Rest Würde in den Wind schreibend, stapfte sie weiter durch den Graben, bis sie die ausgesetzten Kätzchen gefunden hatte. Mit einem erschrockenen Aufschrei bückte sie sich und hob die kleinen, völlig durchnässten Wesen hoch und drückte sie an ihre Brust. Drei Kätzchen, bis auf die Knochen abgemagert, das weiße Fell schmutzverkrustet. „Okay, Babys“, säuselte sie, „ihr seid in Sicherheit.“

Molly kletterte mühsam die Böschung hinauf und trottete durch den strömenden Eisregen zurück zu ihrem Wagen, wobei sie die Kätzchen beschützend unter ihren Mantel schob. Sie hatte den Motor angelassen, sodass es im Inneren des Wagens schön warm war. Mit einer stummen Entschuldigung an Shane McHenry, den Besitzer des Pick-ups und Verlobten ihrer besten Freundin Grace Farrow, schlüpfte Molly aus ihrem schlammbespritzten Mantel und bereitete den Kätzchen auf dem Beifahrersitz damit ein kuscheliges Lager. Sie kuschelten sich dicht aneinander, zitternde, schmutzige kleine Fellknäuel.

„Ach, egal … Wer A sagt, muss auch B sagen.“ Molly streifte sich den blauen Kaschmirpullover über den Kopf, dankbar, in der Zwiebeltechnik gekleidet zu sein. Vorsichtig rieb sie die Katzenbabys mit dem Pullover ab. Ihre winzigen pinkfarbenen Mäulchen öffneten sich zu einem herzzerreißenden Maunzen.

Molly warf einen verzweifelten Blick in den Spiegel. Nasse braune Strähnen umrahmten ihr rundes, matschverschmiertes Gesicht. Dunkle Augen, in denen sich Besorgnis und Unsicherheit spiegelten. Vielleicht sogar ein Anflug von Panik. Normalerweise war sie eine energische, solide, gepflegte, gelassene und verlässliche Person, die tief greifende Veränderungen in ihrem Leben strikt ablehnte.

Sie rümpfte die Nase über diese Beschreibung. Doch sie hatte keine andere Wahl, als der Realität ins Gesicht zu blicken. Molly Broome und die raue, gespenstische Landschaft in Wyoming passten nicht zusammen.

Sie nahm eines der maunzenden Kätzchen hoch und drückte das flaumige Bündel sanft gegen ihre Wange. „Wie sind wir bloß in diesen Schlamassel geraten, Kleines?“

Nun, für das Kätzchen konnte sie natürlich nicht sprechen, aber was sie selbst betraf, so hatte sie ihren gut bezahlten Job in New York aufgrund einer Firmenpleite verloren und sah sich mit einem rasch schrumpfenden Bankkonto konfrontiert. Grace, die sich gerade häuslich auf der Goldstream-Ranch eingerichtet hatte, hatte Molly überredet, auf ein verlängertes Thanksgiving-Wochenende nach Wyoming zu kommen. Ihrer Meinung nach gab es keinen besseren Ort als die Rockies, um sich über neue Lebensperspektiven klar zu werden. Molly, die zum ersten Mal in ihrem Leben völlig aus der Bahn geworfen war, hatte die Einladung dankbar angenommen.

Sie besaß ein unschlagbares Talent im Organisieren von Partys, und ihr liebstes Hobby war Kochen. So hatte sie die Gelegenheit ergriffen, sich nützlich zu machen, indem sie das McHenry’sche Thanksgiving-Dinner für zehn Personen in die Hand nahm. Das Essen war ein derartiger Erfolg gewesen, dass Lilah Evers, die Frau von Shanes Vorarbeiter, ihr vorgeschlagen hatte, sich um einen Job auf der Triple Eight Dude Ranch zu bewerben. Die Gerüchteküche besagte nämlich, dass Mrs. Peet, die Managerin der Ferienlodge, sich einen komplizierten dreifachen Beinbruch zugezogen hatte und voraussichtlich für die nächsten drei Monate ans Bett gefesselt sein würde. Das wäre zumindest besser als nichts, fand Molly, die sonst keine konkreten Berufsaussichten hatte.

Nicht in ihren schlimmsten Träumen allerdings hätte sie sich vorstellen können, in einem derart verwahrlosten Aufzug bei ihrem potenziellen neuen Arbeitgeber vorstellig zu werden. Sie legte das Kätzchen wieder zu seinen Geschwistern und überlegte, ob sie nicht besser umkehren sollte. Der Anblick der zitternden Kätzchen nahm ihr die Entscheidung ab. Sie brauchten dringend einen Unterschlupf und warme Milch. Und die Triple Eight war nicht mehr weit.

Sie legte den Gang ein, und mit einem hysterischen Durchdrehen der Hinterräder setzte der Pick-up sich schwerfällig in Bewegung. Molly war in Gedanken derart mit dem Schicksal ihrer kleinen Findelkinder beschäftigt, dass sie es versäumte, beim Anfahren in den Rückspiegel zu schauen. Deshalb bemerkte sie auch nicht den Wagen, der beim Versuch, ihrem Pick-up auszuweichen, von der glatten Fahrbahn abkam und direkt in den Graben schlitterte.

„Was wollen Sie?“, fragte die kleine Frau in mittleren Jahren unwirsch, als sie Molly auf ihr wiederholtes Klopfen hin die Tür öffnete. „Mit Pack wie Ihnen will ich nichts zu tun haben. Sehen Sie denn nicht, dass hier alles drunter und drüber geht?“

Molly blinzelte durch feuchte Wimpern. Im Moment konnte sie nicht allzu viel sehen. Der Sturm war schlimmer geworden, und sie war vom Pick-up zur Eingangstür gerannt, ohne sich groß umzusehen. In der Ferne grollte der Donner.

„Was ist los? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?“ Die Frau spähte misstrauisch hinter der nur halb geöffneten Tür hervor. Ihre Haare waren zu gelb und ihre Diamantohrringe zu protzig, um echt zu sein.

„Eigentlich …“ Molly presste ihren beschmutzten Mantel, in dem die Kätzchen eingewickelt waren, gegen ihre Brust.

„Ach, Sie sind wegen des Jobs hier.“ Die schwere Holztür wurde weit aufgerissen. „Wir haben Sie schon erwartet. Der Mann ist in der Scheune und sieht nach den Pferden. Er kommt aber gleich wieder.“

Molly trat zögernd ein. Was sollte das heißen, dass man sie schon erwartet hatte? Lilah hatte ihr geraten, Cord Wyatt, dem Besitzer der Triple Eight, einfach einen Überraschungsbesuch abzustatten und sich nach dem Job zu erkundigen.

„Setzen Sie sich ruhig.“ Die Frau mit der schrillen Stimme deutete auf die eigenwillige Zusammenstellung klobiger Sessel und Sofas in der nur trübe beleuchteten Lobby. „Ich muss Pfützen aufwischen.“

Dicke Wassertropfen platschten von der Decke und sammelten sich auf dem lackierten Pinienholzboden zu einer dicken Pfütze.

Die Frau ließ ein gackerndes Lachen hören und stellte einen Zinkeimer unter das Leck in der Decke.

In einem Anflug von Melancholie dachte Molly an den Abend zurück, als sie „Händels Wassermusik“ in der Met gehört hatte. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen. Der Fußboden war bepflastert mit einer bunten Auswahl an Schüsseln und Eimern. Und angesichts des Stapels Schüsseln, den die Frau schwerfällig in einer Karre zu der geschwungenen Holztreppe bugsierte, schloss Molly, dass sämtliche Decken in diesem Haus undicht sein mussten.

Mollys Herz sank. In dieser baufälligen Ruine zu arbeiten wäre nicht gerade eine Zierde für ihren Lebenslauf. „Hm, entschuldigen Sie bitte …“ Wenn es ihr gelang, rasch die Kätzchen hier unterzubringen, konnte sie immer noch verschwinden, bevor jemand auftauchte, um das Bewerbungsgespräch mit ihr zu führen.

Die Frau wandte sich stirnrunzelnd um. „Sind Sie immer noch da?“

„Ja, Mrs. …“ Molly sah die Frau fragend an. Erst jetzt fiel ihr auf, wie schrill deren Outfit war. Ihr wasserstoffblondes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie war über und über mit billigen Klunkern behängt. Sie trug ein knallrotes T-Shirt mit dem Abbild einer Tequila-Flasche auf der Brust, abgetragene Aerobic-Schuhe und einen kurzen Jeansrock, der unbarmherzig den Blick auf ihre knochigen, dürren weißen Beine mit den dicken blauen Krampfadern freigab.

„Ich heiße Etta Sue Carson Wyatt Kopinski Lawless Frain.“ Sie quittierte Mollys verwirrten Blick mit einem spöttischen Lachen. „Ich hatte fünf Taugenichtse von Ehemännern und hab genauso viele schmutzige Scheidungen hinter mir. Leg’ keinen Wert drauf, mit meinem vollen Namen angesprochen zu werden. Nennen Sie mich also getrost Etta Sue. Ich bin hier die Verwalterin.“ Sie warf sich wichtigtuerisch in die Brust.

„Mein Name ist Molly Broome. Ich bin wegen des Jobs hier, aber ich nahm an, Mrs. Peet – die Dame, die sich das Bein gebrochen hat – sei die Verwalterin.“

„Tja, man könnte mich auch als leitende Haushälterin bezeichnen.“

Mehr Schein als Sein, dachte Molly skeptisch nach einem Blick auf den auffällig mit Reinigungsutensilien beladenen Rollwagen der Frau. Eine durchdringende Schnapswolke ging von ihr aus, stechend wie eine Chemiebombe.

Die Kätzchen in Mollys Armen fingen an zu rumoren und machten Anstalten, aus dem warmen Nest zu kriechen. Molly presste sie schützend an sich. „Ich hab diese Kätzchen auf der Straße gefunden.“

Etta Sue warf einen raschen Blick auf Mollys niedliche Fracht und zog den Kopf dann ruckartig zurück wie eine Schildkröte. „Wir brauchen keine Katzen auf der Triple Eight“, meinte sie abweisend. „Hätten Sie die mal lieber im Graben liegen lassen.“

„So etwas würde ich im Traum nicht tun! Ich bin sicher, dass ich ein Zuhause für sie finde.“

Etta Sue zuckte ihre knochigen Schultern und brüllte die Treppe hinauf: „Sharleen!“, mit einer Stimme rau wie Sandpapier. „Sharleen Jackleen, beweg endlich deinen faulen Hintern hier runter!“ An Molly gewandt fügte sie erklärend hinzu: „Sharleen ist das Hausmädchen. Sie arbeitet unter mir.“

Das Licht flackerte. In diesem Moment polterte ein kleines Mädchen die Treppe hinunter. „Mom putzt gerade Mr. Wyatts Badezimmer!“

Etta Sue zog vielsagend die Brauen hoch und raunte Molly zu: „Sharleen arbeitet auch unter Cord, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ Wild mit dem Besen herumfuchtelnd, rief sie dem Mädchen zu: „Jocelyn, wir haben kleine Kätzchen hier.“

„Kätzchen?“ Das Mädchen sauste an Etta Sue vorbei und blickte mit glänzenden Augen auf Mollys süße Fracht. „Darf ich sie streicheln?“

„Vorsichtig“, ermahnte Molly sie. Das Kind musste sechs oder sieben sein. Es hatte rosige runde Wangen, und das lockige braune Haar wurde von einer verwegen gebundenen Schleife gehalten. Das Mädchen tätschelte die Kätzchen mit seinen plumpen kleinen Händen, an deren kurzen Nägeln pinkfarbener Nagellack abblätterte.

In diesem Moment kam auch besagte Sharleen die Treppe hinunter, eine dralle Blondine mit dunklem Haaransatz und langen, grell lackierten Fingernägeln, die zum Putzen wenig geeignet schienen. Ihre glänzende Satinbluse steckte im Bund einer hautengen Jeans.

„Hi. Ich bin Molly Broome“, sagte Molly. „Ich war gerade auf dem Weg zum Vorstellungsgespräch hierher, als ich die armen Dinger ausgesetzt in einem Graben gefunden habe. Hätten Sie vielleicht ein bisschen warme Milch und ein Handtuch …?“

Sharleen Jackleen setzte eine entzückte Miene auf und beugte sich über die Kätzchen. „Butsibutsibu!“, flötete sie begeistert.

„Na los, verschwindet schon in die Küche“, brummte Etta Sue. „Macht euch bloß keinen Kopf um mich. Ich kümmere mich inzwischen darum, dass uns das Haus nicht unter den Füßen wegschwimmt.“

Unter Jocelyns Führung machten die drei sich auf den Weg in die Küche. Dabei passierten sie ein großes Esszimmer, in dem etwa ein halbes Dutzend rustikale Tische standen. Im Moment war hier nicht viel los, hatte Lilah Evers Molly erklärt, aber wenn die Skisaison begann, wurde ein massiver Touristenansturm erwartet.

In der Küche angekommen, machte Sharleen sich sogleich daran, Milch im Mikrowellenofen aufzuwärmen. Molly sah sich inzwischen interessiert um. Die professionelle Einrichtung ließ darauf schließen, dass hier normalerweise eine Menge Leute bekocht wurden.

„Die Küche ist Mrs. Peets Domäne“, erklärte Sharleen. „Selbst im Sommer, wenn Cord einen Koch und eine ganze Horde Hilfskräfte einstellt, hat sie hier das Sagen.“ Sie bedachte Molly mit einem flüchtigen Lächeln. „Nicht, dass ich scharf auf den Job bin. Ich hasse Kochen.“

„Saubermachen hasst du auch“, platzte Jocelyn heraus und zog sogleich den Kopf ein, als erwarte sie eine Ohrfeige.

Doch Sharleen lachte nur. „Was du nicht sagst.“

Vorsichtig stellte Jocelyn das Schälchen mit Milch auf den Linoleumboden. Gespannt beobachtete sie, wie Molly die Kätzchen freiließ. „Meine Mom will Sängerin werden“, verkündete sie stolz.

„Ich bin bereits Sängerin“, korrigierte Sharleen ihre Tochter schnippisch. Mit herausforderndem Blick wandte sie sich an Molly. „Ich muss nur noch berühmt werden! Der Durchbruch kann nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Molly bot ein freundliches Lächeln an. „Country-and-Western?“

„Klar doch.“ Sharleen tätschelte selbstverliebt ihren völlig überholten wasserstoffblonden Dutt. „Cord prophezeit mir eine glänzende Karriere.“

Molly, die nur mit Mühe ernst bleiben konnte, hockte sich neben Jocelyn auf den Boden und beobachtete die Kätzchen. „Hast du dir schon Namen für sie ausgedacht?“

Die Kätzchen schleckten eifrig die nahrhafte Milch, drei kleine Fellknäuel mit winzigen rosa Zungen.

„Ich muss noch darüber nachdenken“, erwiderte das Mädchen ernst. „Die Namen sollen schließlich passen.“

„Ganz langsam mit den jungen Hunden“, meinte Sharleen geistesabwesend, während sie aufmerksam die Lackschicht auf ihren langen Nägeln inspizierte. „Keine Haustiere mehr, hat Cord nach dem letzten Mal gesagt.“

Tränen schimmerten in den Augen des Mädchens, und es ließ den Kopf hängen.

„Du kannst ihnen trotzdem Namen geben“, meinte Molly aufmunternd. „Selbst wenn sie dann woanders ein neues Zuhause finden, gehören sie irgendwie immer noch dir.“

„Ja.“ Jocelyn nahm eines der Kätzchen hoch und lächelte tapfer. „Das wäre schön.“

Molly stand auf und drückte tröstend ihre Schulter. „Die armen Dinger haben sich womöglich verkühlt. Könnten Sie mir wohl einen Pappkarton und ein Heizkissen leihen?“, wandte sie sich an Sharleen.

Doch diese hatte offensichtlich das Interesse an dem Thema verloren. „Nicht meine Sache. Jocelyn wird alles herrichten.“ Sie fingerte an ihrem Satinkragen, während sie Molly von Kopf bis Fuß musterte. „Nichts für ungut, aber Ihnen könnte es auch nicht schaden, sich ein bisschen herzurichten.“

„Oh.“ Molly hob die Hand an die Wange. Schmutzspuren überzogen ihr Gesicht wie die Kriegsbemalung eines Indianers, ihre Frisur war ruiniert, und vorne auf der weißen Bluse und auf dem Hinterteil ihrer Hose prangten große feuchte Flecken. Verflixt! Sie war schon gepflegter zu Vorstellungsgesprächen erschienen.

„Wenn Sie für Cord Wyatt arbeiten wollen, dann ist gutes Aussehen oberstes Gebot“, fuhr Sharleen herablassend fort. „Na gut, eins spricht für Sie – Cord mag Frauen mit Kurven an den richtigen Stellen.“ Sie tätschelte ihre Stundenglas-Hüften. Ihr dünnlippiges Lächeln enthielt die Warnung, nur ja die Finger von ihrem Mann zu lassen.

„Ich ziehe es vor, auf meine Berufserfahrung und auf mein Können zurückzugreifen“, konterte Molly kühl.

„Ja, ich auch!“, höhnte Sharleen. „Mensch, Mädchen, regen Sie sich bloß nicht künstlich auf!“

Ein greller Blitz zuckte über den grauen Himmel, und Molly fuhr erschrocken zusammen. Doch sie fing sich sogleich wieder und zog ihre Bewerbungsmappe aus der Schultertasche. „Ich habe meinen Lebenslauf mitgebracht.“

Das laute Krachen des Donners ließ die Fensterscheiben klirren. Im selben Moment wurde die Hintertür aufgestoßen, und ein eiskalter Wind wehte herein, gemischt mit dem Geruch von nassem Leder.

Molly blickte auf und direkt ins Gesicht des Kino-Cowboys. Seine attraktiven Züge, das Zahnpasta-Lächeln und die unglaublich blauen Augen waren reif für eine Großaufnahme. Tatsächlich war es aber Molly, die im Fokus stand, doch anstatt sich auf ihren Text vorzubereiten, verlor sie den Kopf und stammelte: „Sie sind das!“

Sein Lächeln erlosch, und mit verwirrter Miene sagte er etwas, was Molly nun ganz und gar nicht erwartet hatte. „Aber Sie sind nicht die richtige Frau …“

Und dann ging glücklicherweise das Licht aus.

2. KAPITEL

„Iiiiee!“ Sharleen stieß ein helles Quieken aus und warf sich Raleigh an die Brust. Verzweifelt schlang sie ihm die Arme um den Nacken. „Halt mich fest, Sugar“, stieß sie hervor. „Ich hab Angst im Dunklen.“

„Keiner bewegt sich“, befahl Molly mit fester Stimme. „Jocelyn?“

„Ja, Madam?“

„Hast du die Kätzchen?“

„Nur das eine.“

Raleigh hörte, wie sich die Fremde vorsichtig in der Dunkelheit bewegte und sagte: „Wir versuchen mal, die anderen zu finden, bevor sie uns entwischen.“ Ihr besonnenes Verhalten und ihre beruhigende Art waren ihm sofort sympathisch. Doch er war verdammt sicher, dass sie nicht die Agentin war, die er erwartet hatte.

„Kätzchen?“, fragte er und befreite sich aus Sharleens Umarmung. Im dämmrig-grauen Licht, das durch das Fenster hereinfiel, konnte er vage Schemen auf dem Fußboden herumkriechen sehen.

„Ausgesetzte Kätzchen.“

Er trat näher, wobei er geschickt Sharleens grabschenden Händen auswich. Suchend klopfte er seine Taschen ab, fand ein Briefchen mit Streichhölzern und riss eines an. Einige Fuß weit entfernt entdeckte er die Frau auf allen vieren auf dem Boden kriechen. Im flackernden Schein des Streichholzes wirkte ihr rundes Gesicht fast geisterhaft, die hübschen Züge entstellt durch die tanzenden Schatten. Das Weiße in ihren Augen glänzte.

Einen Moment lang starrten die beiden sich schweigend an – lange genug für Raleigh, um sich zu fragen, wie sie wohl auf einen Kuss reagieren würde –, und dann erlosch die Flamme, wobei er sich fast die Fingerspitzen verbrannte. „Autsch!“ Er ließ das Streichholz fallen.

„Ich hab eins gefunden!“, ertönte Jocelyns triumphierende Stimme aus der Mitte des Raums.

Er riss ein weiteres Streichholz an und erhaschte einen Blick auf den hübsch gerundeten Po der Unbekannten, als sie über den Küchenfußboden ...

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