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Stadt der Schweinehunde: Thriller

Stadt der Schweinehunde: Thriller

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Stadt der Schweinehunde

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Stadt der Schweinehunde

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Thriller von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 200 Taschenbuchseiten.

Mein Name ist Murray Abdul.

Und dies ist meine Story.

Ich jage irre Killer.

Aber es kommt durchaus öfter mal vor, dass ich denke, ich bin selber irre.

Ich überlasse Ihnen die letzte Bewertung. Ich selbst sehe mich dazu inzwischen außerstande.

Alfred Bekker ist Autor zahlreicher Fantasy-Romane und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA und die GORIAN-Trilogie machten ihn einem großen Publikum bekannt. Im Bereich des Krimis war er Mitautor von Romanserien wie Kommissar X und Jerry Cotton. Außerdem schrieb er Kriminalromane, u.a. die Titel MÜNSTERWÖLFE, EINE KUGEL FÜR LORANT, TUCH UND TOD, DER ARMBRUSTMÖRDER und zuletzt in dem Roman DER TEUFEL AUS MÜNSTER, in dem er einen Helden aus seinen Fantasy-Romanen zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

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Ich sehe die Bilder von den einstürzenden Türmen. Die Bilder vom 11.September 2001, als zwei Flugzeuge von irren Terroristen in das World Trade Center gejagt haben. Immer wieder sehe ich diese Bilder. Im Fernsehen und in Gedanken. Wie oft sind die schon wiederholt worden? Es ist wie bei der Gedankenschleife eines Zwangsgestörten. Der Zwang zur Wiederholung, der Zwang, den Blick auf dieses unfassbare Geschehen zu richten und sich den Schmerz immer und immer wieder anzutun.

Die Irren, die das getan haben, waren unglücklicherweise Muslime.

Unglücklicherweise deshalb, weil ich auch Muslim bin.

Ich ging noch zur High School, als die Türme des World Trade Centers einstürzten. Und ich hatte damals keine Ahnung, dass dieser Augenblick für uns alle alles ändern würde.

Es gibt ein Davor und ein Danach.

Und das Danach ist leider die schlechtere Seite.

Inzwischen sind ein paar Jahre vergangen.

Mein Job ist es, solche Irren, wie die, die das damals getan haben, zu fassen. Besser noch: Zu verhindern, dass sie etwas Ähnliches tun werden. Aber man muss realistisch bleiben. Letzteres kommt nur sehr selten und mit viel Glück vor.

Mein Name ist Murray Abdul.

Und dies ist meine Story.

Ich jage irre Killer.

Aber es kommt durchaus öfter mal vor, dass ich denke, ich bin selber irre.

Ich überlasse Ihnen die letzte Bewertung. Ich selbst sehe mich dazu inzwischen außerstande.

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Diese verdammten Schweinehunde!, dachte ich. Manchmal läuft alles schief. Es gibt Tage, an denen scheint sich alles gegen einen verschworen zu haben. Und genau so einen hatte ich wohl gerade erwischt. Ich glaube, so was nennt man wohl Schicksal. Auf jeden Fall scheint es unvermeidlich zu sein. Ich steckte also ziemlich böse in der Klemme. So böse wie schon lange nicht mehr. Aber vom Klagen wird’s auch nicht besser.

Ich saß einfach mal wieder bis zum Hals in der Scheiße. Plötzlich in der Jauchegrube - das scheint für jemanden wie mich, der Titel des ganz persönlichen Lebensromans zu sein.

Ich blinzelte.

Und hörte, was man mir sagte.

„Schön ruhig bleiben. Die Hände hoch und keine falsche Bewegung!“

„Hören Sie!“

„Nein, Sie hören! Beine auseinander und an die Wand!“

Es waren Cops, die mich filzten.

Sie tasteten mich ab. Holten meine Pistole hervor.

„Sieh an“, sagte einer der Kerle. „Noch nichts davon gehört, dass das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit in New York illegal ist?“

„Nicht, wenn man dafür einen Grund hat.”

„Sind Sie Cop? Haben Sie eine Lizenz als Privatdetektiv? Arbeiten Sie für eine Sicherheitsfirma?“

„Bin ich das Büro für Fragen und Antworten?“

„Besser wir hören jetzt eine vernünftige Antwort, oder..”

„Oder was?”

„Scheiße, wir werden nicht gerne verarscht, hörst du?”

„Ja, aber ich muss mir dasselbe von euch Blödmännern gefallen lassen, oder was?”

Jetzt mischte sich der andere Cop ein. Ein dunkler Lockenkopf. „Er sieht nicht aus wie der Kerl, hinter dem wir her sind“, sagte er.

Allah sei Dank! Es gibt doch noch so etwas wie einen vernunftbegabten Cop, dachte ich.

„Aber hier ist doch sonst niemand“, meinte der erste Cop.

„Scheiße, trotzdem! Das ist der Falsche!“

„Ach, jetzt plötzlich, ja?”

„Ja.”

„Mann, was ist plötzlich los? Fällt dir jetzt plötzlich ein, dass der Wichser dich irgendwann mal an seinem Kokain hat riechen lassen oder was? Das darf dich nicht wahr sein.”

„Vielleicht regst du dich mal.”

„Ich will mich aber nicht abregen! Im Moment weiß ich nicht, wem ich zuerst eins Fresse hauen soll - dir, oder dem da!” Und damit deutete er auf mich.

„Durchsuch ihn einfach zu Ende und halt den Mund.”

Der erste Cop hatte inzwischen meine Jackettinnentasche erreicht. Er zog meinen Ausweis heraus. Meine Dienstausweis. Ich konnte sein dummes Gesicht leider nicht sehen.

„Sie sind auch Cop?“

„Agent Murray Abdul, Special Cases Field Office.“

„Hier steht Muhammad Abdul.“

„Nennt mich aber keiner so.“

„So heißt doch kein Cop“, meinte der andere. „Das ist bestimmt eine Fälschung.“

„Sieht mir auch so aus!”, meinte der andere.

Was für Idioten, dachte ich, während sie immer noch auf meinen Ausweis glotzten und sich einfach nicht vorstellen konnten, dass jemand mit dem Namen Muhammad ein Cop sein kann. An Basketballspieler und Boxer mit so einem Namen hat man sich gewöhnt. Sogar an einen Präsidenten, dessen zweiter Vornahme Hussein lautet. Aber ein Cop, der Muhammad heißt? Nein, das geht wohl einfach zu weit.

Ich drehte mich um. Dieser Augenblick der Verwunderung bei meinem Gegenüber gestattete mir das.

„Hey, habe ich was davon gesagt, dass wir fertig sind?“, fragte der erste Cop, der das als eine Art Majestätsbeleidigung angesehen hat.

„Ich sage das“, erwiderte ich. „Meine Waffe!“

„Wie bitte?”

„Sofort!”

Ich streckte die Hand aus.

„Das muss erst überprüft werden“, sagte der erste Cop.

„Weil Sie denken, dass Leute, die Muhammad Abdul heißen eher Terroristen als Cops sind?“

„Deswegen auch. Aber jemanden mit roten Haaren heißt normalerweise auch nicht so.“

„Da ist ein Foto...“

„Das beweist nichts.“

„Meine Mutter war Irin, die einen syrischen Einwanderer geheiratet hat!“

„Schöne Geschichte. Wer werden mal in Ihrem Field Office anrufen, ob Sie überhaupt existieren, Mister Abdul.“

Der Cop griff zu seinem Handy.

Ich fasste mit beiden Händen zu, gab ihm einen Schubs, dass wir beide augenblicklich zu Boden fielen.

Der zweite Cop wollte zu seiner Waffe greifen, riss sie heraus. Dann zuckte sein Körper. Ein roter Laserpunkt tanzte. Ein Geräusch wie der Schlag mit einer Zeitung war zu hören. Zweimal, dreimal, viermal.

Der zweite Cop hatte mehrere Löcher in Kopf und Oberkörper. Er sackte leblos in sich zusammen. Ein sauberer Kopftreffer war dabei. Nichtmal eine Kevlar-Weste hätte ihn retten können.

Dem Cop, mit dem ich zu Boden gestürzt war, nahm ich meine Waffe wieder ab. Ich riss sie an mich, feuerte in Richtung des Schattens, den ich gesehen hatte.

Ein Schatten am Ende des engen Durchgangs zwischen zwei Brownstone-Häusern in der Lower East Side. Dort hatten mich die beiden Cops angehalten.

Ich schoss.

Der Schatten war weg.

Und ich bemerkte, dass der Cop, den ich zu Boden gerissen hatte, auch etwas abbekommen hatte.

Ein Schuss war ihm von der Seite ins Herz gedrungen.

Seine Augen waren starr.

Verdammt!, dachte ich.

So ein verdammter Mist!

Ich hockte da - mit zwei toten Kollegen auf dem Pflaster. Deren Blut mischte sich jetzt mit dem Dreck der Straße. So einen Anblick vergisst man nicht. Das bleibt. Für immer.

Dieser Tag hätte eine besseren Anfang verdient gehabt, dachte ich.

Aber - wie oft habe ich das schon gesagt?

Und wie oft ist nichts daraus geworden.

Verdammte Scheiße!, dachte ich.

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Director Jay Chang Lee war Chef des Special Cases Field Office New York, einer Spezialeinheit des FBI, für die ich seit geraumer Zeit arbeite. Ein Mann so porentief rein und ehrbar, dass es schon fast nicht auszuhalten war.

Die Tugend in Person, so hätte man ihn auch nennen können.

Absolut korrekt.

Absolut integer.

Absolut ausgewogen.

Und absolut besonnen.

Und selbstverständlich war er in allem absolut der Beste in der ganze Abteilung und hatte immer absolut Recht.

Sie ahnen es schon.

Diese Sorte Vorgesetzte hat auch erhebliche Nachteile, wie Sie sich unschwer vorstellen können.

Mein Partner Lew brachte es mal auf den Punkt, indem er sagte: „Man kommt sich neben ihm immer irgendwie schmutzig und unvollkommen vor.”

Aber das ist eben der Unterschied.

Der Unterschied, der dafür sorgt, dass Leute wie Lew und ich auf der Straße Dienst machen und jemand wie Director Lee eben der Chef ist.

Dass Director Lee noch wesentlich höher steigt glaube ich allerdings nicht.

Wieso nicht?

Ganz einfach. Von einer gewissen Hierarchiestufe an sind dann wieder die eher etwas unappetitlichen, schmierigen Typen gefragt. Und da hat so ein Ultra-Saubermann, gegen den die Glatze von Meister Propper wie eine ölige Fettpfütze aussieht, eben keine Chance.

Lee fixierte mich mit seinem Blick.

Sein unbewegliches Gesicht musterte mich, während ich in seinem Büro saß und ihm einen mündlichen Bericht der Ereignisse gab. Seine dunklen Augen unterzogen mich der gewohnten Musterung. Eigentlich sagt man Asiaten ja nach, dass sie einen nicht so direkt anstarren. Aber Director Lee sah nur asiatisch aus. Er war in den USA geboren und so amerikanisch wie man nur sein konnte. Vielleicht sogar noch amerikanischer als es jemand mit langer Nase und und runden Augen sein musste. Ich hatte oft den Eindruck, dass Director Lee in puncto Patriotismus etwas kompensieren zu müssen glaubte.

Aber wehe, man spricht sowas aus.

In diesem Punkt war Director Lee ganz sicher nicht reif für die Wahrheit, so unerschrocken er auch sonst Fakten ins Gesicht zu blicken pflegte.

Was die dunklen Seiten seiner eigenen Person betraf, galt das nicht.

Aber das hatte er wohl mit vielen von uns gemeinsam. Also konnte er in diesem Punkt mit meiner Nachsucht rechnen.

Bis zu einem gewissen Punkt zumindest.

Aber dazu später mehr.

Nur so viel: Er überschritt diesen berühmten Punkt irgendwann in einer Weise, wie ich es nie für möglich gehalten hätte.

Aber der Reihe nach.

„Sie denken, es ist wieder derselbe?“, fragte er schließlich, nachdem er mir eine Weile schweigend zugehört hatte.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Wird sich herausstellen.“

„Sicher.”

„Um ehrlich zu sein, ich bin ziemlich ratlos. Was glauben Sie, wie oft ich mir schon das Hirn darüber zermartert habe, wer dieser Irre sein könnte.”

„Offenbar nicht oft genug”, sagte Director Lee nüchtern.

„Tja, das mag sein.”

„Denken Sie immer wieder über die Frage nach, wer so einen Hass auf Sie haben könnte...“

Ich hob die Augenbrauen und vollendete seinen Satz, wovon ich eigentlich wusste, dass Director Lee das nicht leiden konnte. „...dass er mehrere Mordanschläge auf mich verübt?“

Lee verstand es ausgezeichnet, seinen Ärger darüber zu verbergen. Es war unmöglich, zu wissen, was hinter seiner glatten Stirn vor sich ging, die sich niemals in Falten legte und was dieser gleichförmige Gesichtsausdruck zu bedeuteten hatte, von dem man immer im Zweifel blieb, ob es sich wirklich um ein Lächeln handelte oder um etwas ganz anderes.

„Wem sind Sie in letzter Zeit auf die Füße getreten?“, fragte Director Lee.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Zu vielen.“

„Irgendjemand davon präsentiert Ihnen jetzt die Rechnung.“

Es war nur einer von mehreren Anschlägen auf mein Leben gewesen, die ich überlebt hatte. Manchmal ließ sich der Täter eine Weile Zeit, ehe er wieder zuschlug. Manchmal jahrelang. So lange, dass man schon glauben konnte, er hätte sein Ziel, mir eine Kugel in den Kopf zu jagen, inzwischen aufgegeben. Aber das hatte er nicht. Und das würde er auch niemals. Das hatte ich im Gefühl.

„Sir, darf ich vielleicht mal offen sprechen?“, sagte ich.

Director Jay Chang Lee hob die Augenbrauen, die bei ihm so gerade waren, als hätte jemand sie mit einem Kayal-Stift und einem Lineal gezogen. Aber bei ihm war das nur eine Laune der Natur.

„Bitte, tun Sie das, Murray. Was haben Sie auf dem Herzen?“

Unsere Blicke begegneten sich. Ich hatte dann oft das Gefühl, dass er zwar meine, ich aber nicht seine Gedanken lesen konnte. Natürlich war das alles nur Einbildung, aber das Gefühl war trotzdem real.

Ich sagte schließlich: „Was ich Ihnen jetzt sage, klingt vielleicht verrückt.“

Director Lee schien das nicht weiter abzuschrecken. Er sah mich mit seinem gewohnt regungslosen Gesicht an.

„Spucken Sie es trotzdem aus”, verlangte er.

Ich rieb mir das Kinn. Eine Verlegenheitsgeste. Und ich ärgerte mich darüber, sie gemacht zu haben, denn ich wusste, dass mein Chef sie richtig zu interpretieren wusste. Aber es war zu spät, um diese Bewegung noch mittendrin abzubrechen. Das hätte noch lächerlicher ausgesehen.

„Ganz, wie Sie meinen.“

„Also?“ Dieses Also hatte den Ton, den man in einem Verhör erwartet. Schien eine Berufskrankheit unseres Directors zu sein, die er einfach nicht ablegen konnte. Aber das ist bei mir vielleicht genauso. Also. Er sagte es mit der Schärfe einer Rasierklinge und einer unterschwelligen Sub-Botschaft, die nicht mehr, aber auch nicht weniger sagte als, dass es irgendwelche schrecklichen Konsequenzen nach sich ziehen würde, sollte man es wagen, irgendeine relevante Information zurückzuhalten. Director Lee hatte es drauf. Das Einschüchtern, meine ich. Das musste der Neid ihm lassen. Und das funktionierte nicht nur bei Verdächtigen. Bei Untergebenen klappte das mindestens genauso gut. Und ich war da leider keine Ausnahme.

Die wirklich guten Tricks funktionieren eben auch dann, wenn der Gegner sie durchschaut.

Wenn man dann derjenige ist, der darauf hereinfällt, ärgert man sich nochmal so heftig - und kann doch nichts machen.

Leider.

Ist Kismet.

Schicksal.

„Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Irre mich wirklich ERSCHIESSEN will, wenn Sie verstehen, was ich meine”, erklärte ich.

Director Lee schüttelte energisch den Kopf.

„Ehrlich gesagt: Nein.“

„Was ich damit sagen wollte ist: Es könnte auch sein, dass er mich nur erschrecken will..“

Die undurchdringlichen Züge von Director Jay Chang Lee ließen nicht erkennen, was er von meinen Worten hielt. Augen sind Fenster der Seele, sagt man. In dieser Hinsicht waren Mister Jay Chang Lees Augen vollkommen blind. Fenster, durch die man gar nicht erst hineinzusehen brauchte. Sie waren so vollkommen verhangen, wie bei meinen syrischen Großeltern, die immer der Auffassung gewesen zu sein schienen, dass niemand ihnen in die Wohnung zu blicken hatte und die eigenen vier Wände so etwas wie ein abgeschottetes Heiligtum waren.

„Sir, der Killer hat bis jetzt immer nur Leute in meiner Umgebung umgebracht. Er schießt gut. Er macht sich keine Mühe seine Täterschaft zu verschleiert, indem er verschiedene Waffen benutzt.“

„Er will, dass man ihn als denselben Täter identifiziert? Denken Sie das?“

„Ja. Aber wissen Sie, wenn dieser Kerl wirklich mir eine Kugel in den Kopf jagen wollte, dann hätte er es, glaube ich, längst getan.“

Jay Chang Lee rieb sich das Kinn.

Ein Zeichen dafür, dass er nachdachte.

Und ein Zeichen dafür, dass er im Moment nichts sagen, sondern einfach nur einen Augenblick nachdenken wollte. Man störte ihn besser nicht bei seinen tiefschürfenden Gedankengängen. Man wartete am besten einfach ab, bis diese tiefen Gedanken schließlich zu einem Resultat kamen, das sich verbal ausdrücken ließ.

Director Lee atmete tief durch und ließ die Hände in den weiten Taschen seiner Flanellhose verschwinden.

Dann sagte mein Chef plötzlich: „Vielleicht haben Sie Recht, Murray... Er will Ihnen zeigen, wie mächtig er ist. Dass er Sie ausknipsen kann, wann immer er will.“

Ich nickte. „So ähnlich.“

„Er zeigt Ihnen mit jeder dieser perversen Aktionen, dass er über Ihr Leben absolut gebietet, Murray. Er könnte Sie jederzeit töten. Noch hat er es nicht getan, aber Sie wissen natürlich, dass Sie gar nicht die Macht hätten, es zu verhindern, Murray.”

„Ja, leider...” murmelte ich. Und genau dieser Punkt machte mich nahezu rasend.

Director Lee fuhr fort: „Er wählt Orte aus, an denen Sie eigentlich nicht mit ihm rechnen dürften - und dann schlägt er erbarmungslos zu.”

„All die unschuldigen Toten...”, murmelte ich.

„Belastet Sie das?”

Ich hob die Augenbrauen.

„Was denken Sie denn, Director Lee! Glauben Sie, ich bin aus Holz?”

„Natürlich nicht.”

„Denken Sie vielleicht, Muslime werden mit dem Sprengstoffgürtel am Körper geboren und ein paar Tote mehr oder weniger machen ihnen nichts aus?”

„Murray...”

Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist doch wahr”, knurrte ich und es wahr wohl unüberhörbar, wie gereizt ich war.

Director Lee nahm das zur Kenntnis - und blieb dabei kalt wie ein Fisch. Genau, wie man es von ihm erwartete.

Er sagte: „Jetzt werden Sie unsachlich, Murray. Die Sache scheint Sie doch mehr Nerven zu kosten, als Sie uns allen vielleicht weiszumachen versuchen.”

„Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben.”

„Wieso übertreiben? Sie sind so geladen wie eine Hochspannungsleitung. Wehe, Ihnen kommt jemand zu nahe, dann kriegt er hunderttausend Volt ab und wird gegrillt wie auf dem elektrischen Stuhl.”

„Quatsch, ich bin vollkommen ruhig.”

„Sind Sie nicht.”

„Die Ruhe selbst!”

„Eine wandelnde Atombombe.”

Scheiße, ich begann zu ahnen, worauf das hinauslief. Und je mehr ich darüber aufregte, desto klarer würde Director Lee die Sache in seinem Sinn entscheiden.

Und das gefiel mir nicht.

Ich war nämlich weder irre noch arbeitsunfähig oder sonstwas. Es gab keinen Grund, mich vom Dienst zu suspendieren oder in Erholungsurlaub zu schicken. Ich wollte einfach nur weiter meinen Job machen. Routine, das erschien mir das Beste im Moment.

Wobei mein Job eigentlich kaum Routine zulässt. Aber das ist wiederum ein anderes Thema. Ein ganz anderes.

Ich musste erstmal eine ganze Ladung purer Luft hinausblasen. Luft, die sich in mir irgendwie angestaut hatte und die mich wahrscheinlich irgendwann ganz einfach zum Platzen gebracht hätte, hätte ich in diesem Moment nicht die Möglichkeit gehabt, sie loszuwerden.

Das Schlimme war: Director Lee hatte Recht. Diese Sache ging mir mehr an die Nieren, als ich wahrhaben wollte. Mehr als viele andere unangenehme Dinge, die ich in den letzten Jahren während meines Dienstes im Special Cases Field Office des FBI erlebt hatte.

Und genau das war wohl auch letztlich der Grund, warum ich so absolut empfindlich reagierte, obwohl ich durchaus sagen kann, dass das ansonsten gar nicht meine Art ist. Meine Mutter zum Beispiel hält mich heute noch für einen richtigen Phlegmatiker. Es gibt eben immer unterschiedliche Facetten. 

Eine Pause folgte.

Und dann kam der Hammer.

Lee sprach den Punkt an, auf den das ganze Gespräch wohl von Anfang an hatte hinauslaufen sollen - zumindest wenn es nach Lees Regie ging. Und danach ging es immer. Bei allem, was innerhalb der Abteilung geschah. Es gab keinen Furz, der nicht kontrolliert und von ihm genehmigt gewesen wäre.

„Können Sie arbeiten?“, fragte Mister Jay Chang Lee.

Jetzt war es also raus. Können Sie arbeiten? Eine Frage, die schon wie ein Urteil klang. Ein Urteil, das da lautete: Reif fürs Irrenhaus.

Ich antwortete und versuchte innerliche Überzeugung vorzutäuschen. Aber das geht eigentlich immer schief. Man kann nur gut lügen, wenn man die eigene Lüge glaubwürdig findet. Zumindest für einen kurzen Moment. Oder sich zumindest vorstellen kann, dass diese Lüge auch der Wahrheit entsprechen könnte. Aber so konnte das nichts werden. Und ich wusste das.

„Sicher“, behauptete ich.

Überzeugend klag das nicht.

Ganz und gar nicht.

Director Lee durchbohrte mich förmlich mit seinem Blick.

„Ich meine, unter diesen Bedingungen“, fügte er noch hinzu.

Diese Bedingungen! Zum Teufel mit diesen Bedingungen!

Ich zuckte mit den Schultern. „Wieso nicht? Ich werde ja jetzt vermutlich erstmal wieder eine ganze Weile Ruhe vor dem Kerl haben?“

„Seien Sie sich nicht zu sicher...“

„Ein bisschen Zeit wird er sich wohl lassen...“

„Nein, das meine ich nicht.“

Ich sah auf. „Nicht?“

„Ich meinte, dass es ein Kerl ist. Da sollten Sie sich nicht zu sicher sein.“

„Ach so.”

Ich hatte eigentlich erwartet, dass er jetzt etwas von Erholung, Urlaub, Suspendierung, Innendienst, psychologischer Behandlung und so weiter sagte.

Aber das tat er nicht.

Diese Stufe der Eskalation wollte er sich offenbar noch aufsparen. Oder er schätzte mich als stabil genug ein, um den Dienst ganz normal fortzusetzen.

So aufgefasst, war Director Lees Schweigen zu allem weiteren vielleicht sogar eine Art von Kompliment. Die Art von Kompliment, die man von einem Perfektionisten wie Lee eben erwarten konnte. So richtig herzlich und warmherzig kam er eben nunmal nicht rüber.

Vielleicht ahnte er im tiefsten Inneren seiner Seele auch, dass er vielleicht all das, was er mir nicht vorgeschlagen hatte, selbst viel nötiger hatte als ich. Ich fragte mich nicht zu erstenmal, ob diese glatte, harte Fassade der Perfektion und Tugendhaftigkeit vielleicht wirklich nichts weiter war als eben eine Fassade. Und dass da dahinter gar nichts weiter war oder irgendwas Weiches und vielleicht sogar Faules. Dinge, die zu gut sind, um wahr zu sein, will man einfach nicht glauben.

„Sie können gehen, Murray.”

„Danke, Sir.”

Bevor ich das Büro des Chefs verließ, fragte er mich dann doch noch etwas. Ich hatte gerade die Türklinke angefasst, um den Raum zu verlassen. Director Lee hatte wirklich einen außergewöhnlichen Sinn für’s Timing.

„Wie kommen Sie mit Ihrem Partner klar, Murray?“

„Mit Lew Parker?“

„Ja.“

„Wir kommen super klar.“

„Freut mich.“

Ich hatte die Tür schon mit einem Fuß durchschritten, da drehte ich ich noch einmal um.

„Haben Sie das gefragt, weil Lew Jude oder weil er schwul ist?“

Director Jay Chang Lee hatte bereits hinter seinem Schreibtisch platzgenommen.

Er sah auf.

Für einen kurzen Moment glaubte ich, den Ausdruck von Überraschung in seinem Gesicht erkennen zu können.

Oder zumindest so etwas wie die Ahnung von Überraschung.

Vielleicht war es auch nur Einbildung.

„Ich habe gefragt, weil ich wissen wollte, wie es mit Ihnen beiden läuft.“

„Und ich hatte schon geglaubt, dass Sie deswegen fragen, weil Sie glauben, dass jeder, der ein Muslim ist oder auch nur einen halben Tropfen arabischen Blutes in den Adern fließen hat, intolerant, schwulenfeindlich und antisemitisch beziehungsweise antizionistisch ist und dass ein schwuler Jude als Partner so etwas wie der ultimative Toleranztest für mich sein könnte. Ob ich wirklich mehr auf dem Boden der amerikanischen Verfassung als auf dem des Korans stehe.“

„Ihr Glaube ist Ihre Privatsache, Murray.”

„Ach wirklich, ist er das?”

„Ja.”

„Und warum fragen Sie mich dann sowas?”

„Weil ich sowas jeden frage, Murray.”

„Na dann...”

„Und im Übrigen pflege ich mir beim Fragen von Niemandem Vorschriften machen zu lassen. Auch nicht von Ihnen, Murray. Und wenn ich bei Ihnen da irgendeine empfindliche Stelle getroffen habe, dann tut es mir keineswegs leid.”

Mister Jay Chang Lee blieb so kalt wie ein zu hoch eingestellter Gefrierschrank.

Das traf es sehr exakt.

Und es war keineswegs da erste Mal, dass er so auf mich wirkte.

Nein, das war einfach seine Art.

Freundlich formuliert hätte man auch ‘sachlich’ dazu sagen können.

Man hätte...

Aber warum hätte ich freundlich sein sollen, Director Lee war es ja schließlich nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit, in der ich in seiner Abteilung war. Man sagt immer, Gegensätze ziehen sich an. Tun sie aber nicht. Ich sage Ihnen, sie tun es wirklich nicht. Die Wahrheit ist: Sie stoßen sich ab. Mal mehr und mal weniger heftig, aber in der Regel doch deutlich spürbar. Und genau das war zwischen Director Lee und mir auch der Fall.

Lee hob die Augenbrauen. Die Art und Weise, wie er das machte, mochte ich nicht. Lee gehörte zu den Menschen, die nicht extra Worte machen mussten, um ihrem Gegenüber zu zeigen: Ich bin tausendmal schlauer als du.

Es gibt Leute, die brauchen dazu nur ihre Augenbrauen, um ihre Geringschätzung deutlich zu machen.

Und Lee war einer davon. Und bei ihm machte das auch viel Sinn, die Augenbrauen zu benutzen. Über eine nennenswerte Gesichtsmimik verfügte er ja schließlich nicht.

„Sie können gehen, Murray.“

„Genau genommen, bin ich schon weg.“

„Um so besser.“

„Na, sehen Sie!”

„Sie sind unverbesserlich, Murray.”

„Ich weiß, Sir.”

Lee sah mich an.

Lange.

Sehr lange.

Und wie gewohnt unangenehm.

Ein Blick, den ich nicht vergessen würde.

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Ziehen wir es durch!”

„Okay.”

Einer von ihnen rülpste.

Vielleicht hatte er das Falsche gegessen vor dieser wichtigen Sache. Manchmal können große Coups an banalen Dingen scheitern.

„Scheiße”, sagte er.

„Hauptsache, du furzt nicht noch.”

„Wieso?”

„Dann identifiziert dich nachher jeder an den Fäulnisgasen, die du hinterlässt und wir sind am Arsch.”

„Auf jeden Fall bleibst du beim Thema.”

„Häh?”

„Verdauung.”

Die Männer trugen blaue Overalls und hatten Werkzeugkoffer in den Händen. Der eine war hochgewachsen, hatte kurzgeschorenes blondes Haar, und sein Gesicht wirkte eckig und brutal. Der andere Kerl war dunkelhaarig, breitschultrig und untersetzt.

Der Blonde hatte die Rechte in der Tasche seines Overalls versenkt. Seine Faust umklammerte den harten Stahl einer Automatik mit aufgesetztem Schalldämpfer.

Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick, als sie den Aufzug verließen. Dann gingen sie den Korridor entlang auf die Wohnungstür eines Penthouses zu.

Vor der Tür stand ein riesiger Kerl. Seine Bodybuilderfigur sprengte beinahe den grauen Flanellanzug.

Das Gesicht war eine konturlose Maske, die völlig bewegungslos blieb.

Er hob die Arme und die Ausbeulung, die sich dabei unter seiner Schulter abzeichnete, zeigte, dass er unter dem Jackett eine Waffe trug.

„Halt!“, sagte der Riese, und die beiden Männer in den Overalls blieben einige Schritte vor ihm stehen.

„Wir wollen zu Mister Ugarimov“, sagte der Blonde. „Wegen der Heizung...“

Aus den Augen des Riesen wurden schmale Schlitze. Sein Gesicht verzog sich etwas. Seine Züge drückten leichtes Misstrauen aus.

„Sie sind früh“, meinte er.

„Mister Ugarimov erwartet uns.“

„Ach, ja?”

„Ja.”

„Dann nehmen Sie bitte die Hände hoch, damit ich Sie abtasten kann.”

„Bin kitzelig.”

„Ihr Pech.”

„Wenn du mich anfasst wie ein Schwuler, hast du gleich keinen Kopf mehr.”

„Immer mit der Ruhe. Setzen Sie die Werkzeugkoffer ganz langsam auf den Boden ab und öffnen Sie die Dinger.“

Der Blonde runzelte die Stirn.

„Was soll das?“

„Anordnung von Mister Ugarimov. Hier kommt keiner rein, der nicht genau durchsucht worden ist! Also, machen Sie keine Schwierigkeiten.“

Der Blonde atmete tief durch, während der Untersetzte bereits seinen Werkzeugkoffer absetzte und damit begann, die Schnallenverschlüsse zu öffnen. Blöder Wichser! So ein verfluchter Wichtigtuer! Dieser Gedanke schwirrte ihm durch den Kopf. Er konnte es nicht leiden, aufgehalten zu werden.

Der Riese an der Tür beobachtete ihn genau.

In diesem Augenblick passierte es.

Die Bewegungen des blonden Overallträgers schienen zu explodieren, er riss die Automatik hervor, war mit einem Schritt bei dem Riesen vor der Tür und presste ihm den Schalldämpfer unter das Kinn noch bevor der Bodyguard reagieren konnte.

Der Riese erstarrte zur Salzsäule.

Seine Augen wurden groß. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Er war Profi genug, um zu wissen, dass er in diesem Moment keine Chance hatte und jetzt am besten gar nichts tat.

Der Untersetzte hatte nun ebenfalls seine Waffe hervorgeholt. Auch er trat an den Riesen heran, griff unter dessen Jackett und holte dessen Pistole zum Vorschein.

Für den Bruchteil einer Sekunde kam es dem Riesen in den Sinn, den Blonden mit einem gezielten Handkantenschlag zu töten. Er konnte das, hatte es lange trainiert. Aber das Risiko war zu groß, die anderen waren zu zweit, der Untersetzte würde sofort schießen, und man würde den Schuss drinnen im Penthouse nicht mal hören. Schweißtropfen bildeten sich auf der Stirn des Riesen.

„Sie gehen voran“, befahl der blonde Overallträger, und seine Stimme war wie das Zischen einer Kobra.

Der Riese drehte sich langsam um.

Beinahe provozierend langsam, wenn man die Lage bedachte, in der er sich befand. Der Schalldämpfer wurde ihm jetzt in den Nacken gedrückt.

„Was immer Sie auch vorhaben, es ist ein Fehler“, sagte der Riese, aber seine Stimme klang dabei brüchig, denn er wusste, dass er keine Chance hatte. Er hatte es mit Profis zu tun und das hieß, dass sie ihn mit Sicherheit nicht am Leben lassen würden. So ging das Spiel nun mal. Der Riese hatte es selbst schon gespielt.

„Mund halten!“, erwiderte der Blonde kalt.

„Man kann über alles reden und Mister Ugarimov...“

„Mund halten!”

„Ja, schon gut.”

„Und Tür öffnen!“

„Mit Ihnen kann man nicht diskutieren, was?“

„Nein.“

„Scheiße, dachte ich mir doch...“

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Der Blonde schob den Riesen vor sich her, drückte ihm noch immer die Waffe in den Nacken.

Ziemlich grob sogar.

Und schmerzhaft.

Der Untersetzte schloss hinter ihnen die Tür.

Die lichtdurchflutete Penthousewohnung mit dem traumhaften Blick auf den Central Park war sehr weiträumig und hatte mehrere Zimmer.

Im Empfangsraum befand sich eine moderne Sitzecke.

Futuristisches Design. Viel Plastik in geschwungenen Formen, dafür wenig Polster. Eine Wohnung, die aussehen soll, als käme sie aus dem übernächsten Jahrhundert.

Ein Mann saß dort, er hätte der Zwilling des Riesen sein können, zumindest was den Körperbau betraf. Allerdings war er rothaarig.

„He, Joe. Was ist denn...?“ Er blickte von der Zeitung auf, in der er gelesen hatte, dann sprang er hoch, griff unter sein Jackett.

Er reagierte schnell, aber doch nicht schnell genug.

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