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Alpengold - Folge 267

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bluemchen

Die schönste Bäuerin im Tal

Ein Bergroman für glückliche Stunden

Von Toni Wendhofer

Lilli liegt wach in ihrem Bett. Wie heiß es in ihrer Kammer ist! Plötzlich hält sie es nicht mehr aus. Sie steht auf und geht zum Fenster, um ein wenig frische Luft ins Zimmer zu lassen. Da prallt sie mit einem erstickten Aufschrei zurück.

Ein Mann ist über eine Leiter zu ihrer Kammer aufgestiegen und grinst ihr mitten ins Gesicht.

»Verschwind oder ich schmeiß dich von der Leiter, Wastl!«, schreit sie den Mann an.

»Her mit dem Busserl!«, schnauft er und will sie umschlingen. Da sieht Lilli nur einen Ausweg: Sie packt die Enden der Leiter …

Es ist wohl für jede Frau ein beglückendes Gefühl, morgens aufzuwachen, Böllerschüsse zu hören und zu wissen, dass heute der wichtigste und schönste Tag des Lebens beginnt.

Und Lilli Thalhammer ist heute auf dem Höhepunkt des Glücks angelangt. Um zehn Uhr wird sie mit Ewald Horn getraut, der aus dem Nachbarort Aschau ist – zwar nur ein Knecht, doch heute wird er ihr Mann und damit auch der Bauer auf dem großen Thalhammerhof.

Die Verwandtschaft ist vollzählig eingetroffen und logiert schon seit vorgestern in den oberen Zimmern des zweistöckigen und imposanten Bauernhauses, zu dem ein großer Stall mit vierzig Stück Vieh, zwei Stadel, ein Wagenschuppen und über hundertvierzig Tagwerk Grund und Boden gehören.

Die eingeladenen Onkel, die sich zum Frühstück anziehen, besprechen noch einmal das bevorstehende Ereignis.

»Ich gönn der Lilli das Glück, ich gönn’s ihr von ganzem Herzen«, versichert Onkel Walter, der Mann von Tante Emmi. »Mit zwanzig Jahren zu heiraten, ist das beste Alter.«

Der Onkel Berdl aus Zorndorf nimmt die Schnurrbartbinde ab und erwidert: »Ehrlich gesagt, ich hab für die Lilli ein bisserl schwarzgesehen. Dass sie mit ihrem Gehfehler doch noch einen Mann gekriegt hat, freut mich wirklich sehr. Auch ich gönn ihr das Glück! Dieser Ewald ist ein netter Kerl, mir ist er recht sympathisch.«

Das Haus ist hochzeitlich geschmückt, duftet nach Kuchen und Kaffee, füllt sich mit Stimmen und nervöser Heiterkeit. Die Brautmutter, die Gusti Thalhammer, fühlt sich gar nicht wohl in ihrem steifen Bäuerinnenstaat. Sie muss alle Augenblicke heulen – vor Freude, versteht sich –, und der Vater, der Anton Thalhammer, bekämpft seinen aufgewühlten Gemütszustand mit Vogelbeerschnaps und hat schon einen kleinen Rausch, der aber nicht weiter auffällt.

Kurz vor dem allgemeinen Frühstück erdröhnt draußen auf dem Hof das Hochzeitsständchen. Vierundzwanzig Mann sind aufmarschiert und spielen den Bayerischen Defiliermarsch – so laut, dass das Vieh im Stall vor Angst brüllt und sämtliche Tauben erschrocken davonfliegen.

»Los, einen Wiener Walzer!«, ruft Anton Thalhammer nach einer Weile und umfasst seine gerührt schluchzende Gusti.

Man tanzt vor dem Haus auf dem Hof. Lilli steht mit einem glücklichen Lächeln da und bekämpft ein paar Tränen. Es ist ja ein so glücklicher Tag! Der schönste ihres Lebens! Sollen sie alle nur lustig sein! Bald muss ja auch der Ewald aus Aschau herüberkommen! Sein Bruder, bei dem er in Diensten steht, will ihn mit dem Gespann herbringen. Um neun Uhr erwarten alle das Eintreffen des Bräutigams.

Plötzlich taucht ein Radfahrer auf, ein junger Bursch im Arbeitsgewand. Er springt vom Radl, bleibt stehen, guckt sich das frohe Treiben an und geht dann auf die Braut zu, die lächelnd unter der Haustür steht.

»Grüß Gott!«, sagt der junge Kerl. Er hat eine Stupsnase und Sommersprossen im runden Gesicht.

Lilli nickt freundlich. Sie kennt den Burschen nicht. Er kommt jetzt ganz nah heran und ruft in die Walzermelodie hinein: »Ich soll dir einen Brief bringen, Lilli, vom …«

Der Bursche bricht ab und hält Lilli einen etwas zerknitterten Brief hin.

»Wer bist du denn?«, fragt sie, den Brief in Empfang nehmend. Wahrscheinlich ist es eine Gratulation.

»Der Hochreiter-Girgl bin ich«, sagt der Bursche, »aus Aschau.«

»Ach, der Hochreiter!«, ruft sie überrascht. Denn er ist der Sohn des Bauern, bei dem Ewald bis jetzt im Dienst war. »Wart nur, kriegst gleich was!«

Aber der Girgl dreht das Rad um, schwingt sich drauf und radelt schnell davon.

Die Musik spielt, die Paare walzen auf dem Hof herum, als Lilli das Kuvert öffnet. Sie entnimmt ihm ein zusammengefaltetes Briefblatt. Dann liest sie die wenigen krakelig geschriebenen Worte.

»Liebe Lilli!

Ich hab es mir anders überlegt – ich kann Dich nicht heiraten. Verzeih mir, bitte schön. Ich bin schon weit fort, wenn Du diesen Brief bekommst.

Leb wohl. – Ewald.«

Lillis Gesicht wird weiß wie ihr Kleid. Sie starrt den Brief an, der Boden scheint unter ihr zu schwanken.

Ist’s denn möglich? Ist’s zu fassen? Die Hochzeit findet nicht statt? Der Ewald hat es sich anders überlegt und ist durchgebrannt? Fort von ihr?

Jetzt kommt die Mutter heran, schaut erschrocken auf die Tochter, packt sie am Arm und fragt: »Madl, was ist denn? Was ist denn?«

Die Musik endet. Noch klatschen die Tanten und Onkel Beifall, und der Vater probiert einen Jodler, der leicht misslingt.

»Jesses!«, ächzt die Mutter, als sie den Brief überflogen hat, und dann: »Du lieber Himmel, das ist doch net möglich! Anton!«, schreit sie und winkt den Vater heran. Mit ihm treten auch die Verwandten näher und reißen neugierig die Augen auf.

»Was gibt’s?«, fragt der Anton Thalhammer.

Da rafft sich die Lilli auf und erklärt mit fremder Stimme: »Heut gibt’s keine Hochzeit, Leut! Mein Bräutigam, der Ewald Horn, ist davongelaufen. Geht’s heim, Musikanten!«

Kreidebleich ist sie, aber aufrecht steht sie da. Dann rafft sie das Brautkleid hoch und geht, leicht hinkend, ins Haus.

Draußen auf dem Hof herrscht Totenstille. Die Menschen schauen sich fassungslos und verstört an. Gusti Thalhammer bekommt einen Weinkrampf. Dann hört man die Schritte der Musiker, die schweigend oder leise miteinander redend den Hof verlassen.

Seit jenem Tag ist aus der heiteren, freundlichen Lilli ein anderer, fremd erscheinender Mensch geworden, über den noch viele den Kopf schütteln sollten.

***

Bald ist auch über diese trübe Geschichte Gras gewachsen, und die Riedhofer erinnern sich nur noch gelegentlich an das merkwürdige Geschehen vor zwei Jahren, da eine Hochzeit stattfinden sollte, zu der dann der wichtigste Teilnehmer, der Bräutigam, ausblieb, weil er es sich in allerletzter Minute doch noch anders überlegt hatte. Man hat nie wieder etwas von diesem Ewald Horn gehört, und man will auch gar nicht wissen, wohin er sich verkrochen hat.

Auf dem Thalhammerhof geht das Leben weiter wie seit eh und je, es herrscht keine Not – es hat hier noch nie welche gegeben. Den Leuten geht es gut, obwohl sie sich dafür rechtschaffen schinden und abrackern müssen.

Seit dem Ereignis, mit dem für Lilli Glück und Liebe zerbrachen, ist aus dem Madl beinahe ein Mannsbild geworden. Sie ist fast die Herrin auf dem Hof. Sie kommandiert und scheucht die Dienstboten an die Arbeit, was immer zu geschehen hat, sie entscheidet es, und sie hat es sich wohl in den Kopf gesetzt, den herkömmlichen Arbeitsrhythmus in einen neuen, lebendigeren zu verwandeln und mit alten Gepflogenheiten aufzuräumen. Maschinen müssen angeschafft werden.

Es ist genug Geld da, und Anton Thalhammer gibt es – weil es die Tochter so will – ohne viel zu fragen aus. Denn auch er freut sich an den technischen Errungenschaften, die die Arbeit erleichtern. Und so kommt es, dass die Eltern Thalhammer und Lilli die Arbeiten alleine schaffen, wobei ihnen nur noch ein altes Ehepaar, die Meisels, hilft.

Heute ist Lilli auf dem Kartoffelacker. Sie sitzt in Hosen und mit einer geflickten Arbeitsjacke auf dem emsig schnurrenden Traktor und zieht die Furchen für die Steckkartoffeln, die die Meisels in die Erde bringen.

Am Himmel steht ein Gewitter. Kohlschwarz baut sich die Wetterwand über dem fast dreitausend Meter hohen Kammerkör, dem mächtigen Felsberg, auf und schiebt sich bedrohlich näher.

»Tummelt euch, Leut, wir müssen fertig werden!«, ruft Lilli vom Traktor herunter.

Das Mädchengesicht unter dem Männerhut ist braun und schmal, die dunklen Augen, die gespannt geradeaus schauen, könnten schön sein, wenn ihnen nicht ein herrischer Ernst anhaften würde.

»Traktor-Lilli!«, so wird sie im Dorf genannt. Dieser Titel stammt vom Lechner-Wastl. Er hat sich ihr im vorigen Jahr vergeblich zu nähern versucht, und ihre klare Abfuhr brachte ihn so auf, dass er ihr in seinem Zorn den Namen »Traktor-Lilli« gab. Dafür bekam er freilich eine mächtige Watschen, sodass er drei Tage lang auf dem rechten Ohr taub war, aber seither ist der Lilli diese Bezeichnung geblieben.

Man hütet sich wohl, sie freiheraus so anzureden, aber ab und zu kommt es doch vor, dass einer im Spaß mal »Traktor-Lilli« sagt. Aber man hat Respekt vor der Lilli – Respekt und Hochachtung! Denn sie ist sehr tüchtig und tut – nach Meinung einiger Riedhofer – nur gut daran, sich um kein Mannsbild mehr zu kümmern.

Die schwarze Wetterwand rückt unerbittlich näher. Schon zucken hinter dem Kammerkör grelle Lichtschlangen nieder, schon grollt es in der Ferne.

Die Saatkartoffeln aber kommen doch noch in den Boden.

»Los, aufsitzen!«, ruft Lilli dann vom Traktorsitz herunter, hilft erst der Meisel-Anna, dann deren Mann herauf, und dann rumpelt das Fahrzeug mit Vollgas, das Ackergerät hinter sich herziehend, zum Dorf zurück.

Vielleicht gibt Lilli etwas zu viel Gas, vielleicht übersteuert sie auch das Fahrzeug, jedenfalls kracht es plötzlich, und der hochräderige Traktor schlenkert, kommt vom Weg ab, kippt nach rechts weg und bleibt, in einer blauen Auspuffwolke, mit laufendem Motor an einem kleinen Hang liegen. Lilli ist heruntergeschleudert worden, und die beiden Alten sind in hohem Bogen auf die Wiese geflogen.

Ganz schrill hat die alte Meisel aufgeschrien, jetzt liegt sie da und ächzt. Aber als der Mann nach ihr schaut, ist ihr nichts weiter passiert, als dass sie sich das Hinterteil geprellt hat. Der Mann trägt ein aufgeschlagenes Knie davon.

Lilli ist unverletzt geblieben und versucht jetzt, den laufenden Motor abzustellen. Endlich hört das Knattern auf, aber nun setzt ein Sturmwind ein, der die Büsche peitscht, die Bäume biegt und das Wiesengras zu Boden drückt. Blitze zucken, und schmetternde Donnerschläge begleiten das Bemühen der drei Leute, den umgestürzten Traktor wieder auf die Räder zu stellen, der allerdings fast achthundert Kilo Gewicht hat.

»Los, hebt an!«, schreit die Lilli in das Heulen des Sturmes. »Hooo ruck – Hooo ruck!«

Aber der Traktor rührt sich nicht. Und gleich wird der Sturzregen einsetzen, das Kammerkör ist schon nicht mehr zu sehen, sondern in einer triefend schwarzen Wolke verschwunden.

»Probieren wir’s noch einmal!«, ruft Lilli.

Vergebens.

»Lauf heim, Toni«, befiehlt sie. »Der Vater soll mit dem Ross kommen!«

Die beiden Alten hasten davon. Lilli geniert sich sehr, dass ihr dieses Malheur passiert ist. Wenn es jemand sieht! Der Lechnerhof, der nur einen Steinwurf weit weg liegt und auf dem der Wastl daheim ist, der im vorigen Jahr die Ohrfeige bekommen hat, könnte ja Hilfe bringen, aber Lilli will von dort niemanden bitten.

So steht das Hosenmädchen da, lässt sich vom Sturm beuteln und zieht den Hut ganz fest in die Stirn, damit er nicht davonfliegt. Sie stemmt sich mit dem Rücken gegen die ungestüme Windsbraut und sieht daher nicht, dass eine hünenhafte Gestalt, ebenfalls vom Sturm vorwärtsgetrieben, den Weg daherkommt und ein bepacktes Fahrrad schiebt.

Jetzt bemerkt der Fremde den umgestürzten Traktor und bleibt stehen.

»Jöj!«, ruft er, und seine tiefblauen Augen in dem braunen breiten Gesicht betrachten neugierig und verwundert die Situation. »Kann ich helfen?«

Sie schaut ihn kurz an. Er sieht sehr kräftig aus. Jetzt legt er das mit einem riesigen Rucksack bepackte Rad hin und kommt auf langen Beinen heran, spuckt in die Riesenfäuste und schreit gegen den Wind an: »Probieren wir’s!« Und schon bückt er sich ein wenig, stemmt sich mit den breiten Schultern gegen das Fahrzeug, verankert irgendwo die Fäuste und hebt an.

Und tatsächlich – er bewegt die achthundert Kilo allein, als wären sie ein umgefallener Tisch, ein Nachtkastl. Lilli vergisst vor Staunen und Verwunderung zuzupacken, und noch ehe sie sich darauf besinnt, hopst der Traktor auch schon auf ...

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