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Alpengold 323 - Heimatroman

Der kleine Sonnenschein

Ein Seitensprung bleibt nicht ohne Folgen

Von Traudl Anrainer

Die Ehe des Franzl Loderer mit der zänkischen Vroni ist die Hölle. Nichts kann er ihr recht machen, ständig hat sie etwas an ihm auszusetzen. Um einmal ein paar Tage Ruhe vor dem Weibsteufel daheim zu haben, fährt der Franzl zu seiner Schwester. Auf deren Hof begegnet er der bildhübschen Magd Josi. Sie hat all das, was der Franzl bei seiner eigenen Frau entbehrt. Schon bald erliegen die beiden dem Rausch einer leidenschaftlichen Liebe.

Diese bleibt nicht ohne Folgen, aber bei der Geburt des Kindes muss die reizende Josi ihr Leben lassen …

Eigentlich wollte der Loderer-Franzl seiner Schwester in Rotkirchen nur für ein paar Tage einen Besuch abstatten, damit er endlich mal aus der Nähe seiner zänkischen Alten kam, aber dann wurde doch ein richtiges Drama daraus.

Dabei fing die Sache ganz harmlos und wohl auch ein bisserl komisch an.

An einem Tag im Herbst war es, da machte die Loderin dem armen Franzl mal wieder tüchtig die Hölle heiß, nur weil er am Abend erst um elf Uhr aus dem Wirtshaus heimgekommen war statt um zehn, wie die Frau es ihm aufgetragen hatte.

„Nix als saufen könnt ihr Mannsbilder!“, zeterte sie.

„Ich hab doch nur zwei getrunken“, verteidigte Franzl sich.

„Wenn du zwei zugibst, waren es mindestens sechs!“, warf sie ihm an den Kopf. „Scher dich in deine Kammer und schlaf deinen Rausch aus, sonst taugst du morgen net zum Arbeiten.“

Ja, so musste Franzl sich also trollen, denn gegen seine Alte kam er nun mal nicht an. Aber als er im Bett lag, fasste er einen Plan, der ihm ausnehmend gut gefiel.

Gleich morgen, so beschloss er, wollte er seiner Schwester in Rotkirchen einen Brief schreiben.

Und das tat der Loderer dann auch. Mit seiner krakeligen, ungelenken Schrift bat er seine Schwester, ihm einen Brief zu schicken, in dem sie ihm mitteilen solle, dass sie sich in der letzten Zeit gar nicht wohlfühle und daher gern den Bruder noch einmal gesehen hätte. Und Franzl verriet Anni auch, warum sie diese fromme Notlüge niederschreiben sollte: weil er es bei seiner Alten nicht mehr aushielt.

Schon nach zehn Tagen traf der erhoffte Brief tatsächlich ein, und man musste der Schwester zugestehen, dass sie ihre Sache sehr gut gemacht hatte. Es klang richtig echt, was sie da zu Papier gebracht hatte.

„Du fährst natürlich hin!“, ging die Frau dem Loderer prompt auf den Leim. „Vielleicht stirbt sie bald, und da wird es höchste Zeit, dass du dich um ihr Testament kümmerst.“

„Das hab ich mir auch schon gedacht.“ Franzl nickte betrübt. „Man weiß ja nie, was für einen Schmarrn sich eine alleinstehende Frau so in den Kopf setzt.“

„Du musst natürlich Haupterbe werden!“, sagte die Bäuerin. „Und sieh bloß zu, dass die Kirche nix abkriegt, denn die hat eh schon genug!“

„Ich werde alles so richten, wie du es willst“, beteuerte der Mann mit einem gottvollen Hundeblick.

Gleich am übernächsten Tag packte der Loderer einen Koffer. Er war zwar schon sehr alt und abgewetzt, aber dafür aus echtem Leder. Dann stieg Franzl in sein Auto, fuhr los und atmete erst mal tief auf, denn seine Frau hatte ihm bis zum letzten Augenblick alle möglichen Verhaltensmaßregeln in die Ohren geblasen.

Eine tiefe Freude stieg in dem Bauern auf, je weiter er sich vom Hof entfernte. Jetzt, so wusste er, konnte die Alte ihn nicht mehr zurückholen. Jetzt lagen ein paar Tage der goldenen Freiheit vor ihm.

Die Fahrt dauerte etwas mehr als eine gute Stunde.

Rotkirchen lag im Vorland der schönen, hohen Berge. Es war ein ziemlich reizloser Ort, in dem es aber eine stattliche Anzahl großer Höfe gab. Einer der größten von ihnen gehörte Loderers Schwester.

Er gehörte ihr wirklich ganz allein, denn ihr Mann war schon vor einigen Jahren gestorben, und Kinder waren nicht vorhanden. Einen Buben hatte die Bäuerin zur Welt gebracht, aber der war bei einem Unfall während der Feldarbeit ums Leben gekommen.

So war Anni also jetzt Alleinbesitzerin des schönen Anwesens, und in der Verwandtschaft herrschte natürlich beträchtliche Spannung wegen der Frage, an wen der Hof einmal fallen würde.

So gegen elf Uhr traf der Loderer-Franzl auf dem Hof seiner Schwester ein.

Als sie den Wagen kommen hörte, trat sie aus dem Haus, eine etwas rundliche Frau mit grauem Haar. Sie trug ein Dirndlkleid, das für ihr Alter eigentlich ein bisserl zu bunt war, aber so war nun mal eben ihr Geschmack.

Franzl fuhr den Wagen hinten neben den Schuppen, wo er nicht im Wege stand, stieg aus, nahm seinen Koffer heraus und ging auf seine Schwester zu. Sie reichten sich die Hände und begrüßten sich herzlich.

„Pumperlgesund schaust du aus!“, sagte der Loderer lachend. „Grüß dich, Anni! Und ein herzliches Vergelt’s Gott für den schönen Brief!“

„Grüß dich, Franzl! Das wäre ja noch schöner gewesen, wenn ich meinen eigenen Bruder in der Not hätte sitzen lassen. Aber komm nur herein, ich hab dir eine Brotzeit richten lassen.“

Sie betraten das schöne, stattliche Haus, und gleich darauf polterte der Loderer in die große Küche. In der Ecke unter dem Herrgottswinkel stand der große Tisch. Ein Platz war gedeckt, und auf einem langen Holzbrett lagen die leckersten Sachen, die man sich nur denken konnte.

„Autofahren macht mich immer hungrig“, gestand Franzl und langte tüchtig zu.

Seine Schwester begnügte sich mit einer Tasse Kaffee.

„Ist’s denn wirklich so arg mit deiner lieben Frau, Franzl?“, fragte Anni, als der Loderer sich einen Landjäger zwischen die Zähne schob.

„Noch viel schlimmer, als du’s dir vorstellen kannst, Anni, und mit jedem Tag wird’s noch ärger.“

„Ich hab dich ja damals gleich vor ihr gewarnt, wie du sie hast heiraten wollen“, erinnerte die Schwester ihn. „Aber du hast ja net auf mich gehört.“

„Hätte ich’s bloß getan!“, seufzte Franzl. „Soll ich dir verraten, was für einen Rat sie mir mit auf den Weg gegeben hat?“

„Welchen denn?“

„Ich soll mich net gar zu arg um dich kümmern.“

„Warum denn das?“

„Sie hat gemeint, der Herrgott tät dich sicherlich bald zu sich holen, und da soll man ihm net ins Handwerk pfuschen.“

„Das ist doch allerhand!“, ereiferte Anni sich.

„Und ich verrate dir auch, warum sie das gesagt hat: damit du früher stirbst und sie eher an deinen Hof kommt.“

„So was Gemeines!“

„Ja, es ist hundsgemein von ihr, dieser raffgierigen Alten“, pflichtete Franzl seiner Schwester bei und machte das harmloseste Gesicht der Welt. „Wenn du die Absicht haben solltest, mich in deinem Testament zu bedenken, dann schreib’s bloß so auf, dass sie net was davon abkriegen kann. Aber zum Glück hat’s ja mit dem Testament noch eine lange Weile Zeit.“

Wie man sehen konnte, war der Loderer-Franzl ziemlich geschickt. Er verteufelte seiner Schwester gegenüber seine Frau, und damit erreichte er, dass er selbst umso edler und selbstloser dastand. In Wahrheit jedoch brannte auch er darauf, dass die Schwester ihm ihren Besitz vermachte.

„Mit dem Testament hat’s wirklich noch eine Weile Zeit“, sagte die ahnungslose Schwester. „Aber vielleicht rede ich mal mit dem Herrn Pfarrer darüber. Man kann ja nie wissen.“

„Bloß net mit dem Pfarrer!“, entfuhr es dem Bauern.

„Warum denn net, Franzl?“

„Weil der von so was nix versteht. Geh lieber zu einem guten Advokaten, der kann dich besser beraten.“

„Aber der verlangt bestimmt Geld dafür, und der Herr Pfarrer tut’s umsonst.“ Anni war also auch nicht gerade auf den Kopf gefallen.

„Umsonst ist nix auf der Welt, Anni“, mahnte der Loderer und schnitt sich noch ein Stück Schinken ab. „Der Pfarrer, der ist bestimmt darauf aus, dass du die Kirche in deinem Testament bedenkst. Man kennt das ja.“

„Also gut, ich geh zu einem Advokaten.“

„Wenn’s dir zu teuer wird“, bot Franzl mit einem treuherzigen Augenaufschlag an, „dann kannst du mich ja an den Kosten für den Advokaten beteiligen. Für dich tu ich alles, Anni, das weißt du ja.“

Sie lachte und klopfte ihm auf die Schulter.

„Das weiß ich, Franzl“, entgegnete sie belustigt. „Du kommst sogar her und willst mich gesund pflegen, obwohl ich gar net krank bin. Magst du jetzt einen Enzian?“

„Da sag ich ganz gewiss net Nein“, erklärte Franzl grinsend und begann sich ausgesprochen wohlzufühlen.

Nach dem dritten Enzian trug er seinen Koffer in die Kammer, die die Schwester ihm anwies. Dann wusch er sich die Hände und kehrte in das Erdgeschoss des großen Hauses zurück.

Die Schwester war nicht in der Küche, also schlenderte Franzl Loderer ins Freie hinaus und schaute sich auf dem Hof um.

Sieh an, Anni hatte sich eine neue Hühnerfarm zugelegt. Drüben hinter dem Schober standen ein paar neue flache Holzbauten, und in einem dazugehörigen Gehege wimmelte eine große Menge Federvieh herum.

Er ging hin, weil die Farm ihn interessierte – und da erblickte er Josi zum ersten Mal …

***

Franzl gab es richtig einen Ruck, als er sie gewahrte. Denn Josi war, das konnte niemand bestreiten, ein blitzsauberes Frauenzimmer.

Sie mochte knapp unter dreißig Jahre alt sein, hatte pechschwarzes Haar, eine dunkel getönte Haut und zwei Augen, die die Funken nur so versprühten. Ihr Mund war rot und hatte volle, blühende Lippen, und wie sie gewachsen war – Herrschaftszeiten, das konnte einem richtig den Atem verschlagen! Da fehlte nichts, und alles saß genau an der richtigen Stelle!

Langsam und mit klopfendem Herzen ging der Loderer näher. Der Kragen war ihm auf einmal ein wenig eng, als er zu sprechen begann.

„Grüß Gott“, sagte er freundlich. „Dich hab ich aber noch niemals gesehen …“

„Ich Sie auch net“, gab die junge Frau zurück. „Aber ich bin schon seit einem halben Jahr hier.“

„Ich bin ja auch arg lang net da gewesen – leider“, erklärte der Bauer und reichte ihr die Hand. „Ich bin der Loderer-Franzl, der Bruder von der Bäuerin. Und du kannst ruhig Du zu mir sagen.“

„Gern, Franzl.“ Ihr Lächeln hätte einem Stein das Herzklopfen beibringen können. „Bist du hergekommen, um deine Schwester zu besuchen?“

„Freilich. Man kümmert sich ja viel zu wenig umeinander. Arbeitest du immer hier auf der Hühnerfarm?“

„Ja. Die Bäuerin hat mir die Aufsicht übertragen. Ich hab so was nämlich schon früher mal gemacht.“

„Tüchtig, tüchtig“, lobte Franzl sie. „Aber magst du mir net verraten, wie du eigentlich heißt?“

„Ich bin die Josi.“

„So, die Josi. Ein hübscher Name. Genauso hübsch wie du selber.“ Franzl hüstelte und wäre am liebsten noch eine Stunde lang geblieben, aber das ging wohl schlecht. „Jetzt muss ich schauen, dass ich weiterkomme“, sagte er daher schweren Herzens. „Wir sehen uns ja bestimmt noch.“

„Freilich, Franzl. Ich wohne ja hier auf dem Hof.“

Franzl lächelte sie an, und er legte sein ganzes Herz in dieses Lächeln, ehe er sich entfernte.

So, die schöne Josi wohnte also hier auf dem Hof. Augenscheinlich hatte sie keine eigene Bleibe. Woher sie wohl stammen mochte? Und warum sah sie so exotisch aus? Eine Ausländerin war sie nicht, dazu sprach sie ein viel zu gutes Bayerisch.

Der Loderer machte noch einen kleinen Bogen, dann kehrte er in die Küche zurück. Diesmal war seine Schwester da. Zusammen mit der Küchenmagd hantierte sie am großen Herd herum.

Als sie den Franzl erblickte, kam sie nach wenigen Augenblicken zu ihm.

„Ich muss rasch noch zur Post“, sagte sie. „Magst du mich begleiten? Es ist ja net weit.“

„Freilich begleite ich dich“, stimmte der Bruder ihr zu.

Anni nahm eine Tragetasche an sich, in der ein Paket steckte. Der zu erwartenden Erbschaft wegen nahm der Loderer ihr die Tasche aus der Hand und trug sie.

„Ich habe eben die Josi kennengelernt“, sagte Franzl nach den ersten paar Schritten.

Die Schwester blickte ihn von der Seite an.

„Und? Was sagst du zu ihr?“

„Sie ist blitzsauber!“

„Ja, das ist sie. Du kannst dir net vorstellen, wie die Burschen hinter ihr her sind. Aber sie mag von ihnen nix wissen.“

„Nix wissen? Warum denn net?“

„Das ist eine etwas traurige Geschichte, Franzl. Ich erzähl sie nur dir, keiner sonst kennt sie im Dorf. Josi war verheiratet, aber das Mannsbild hat nix getaugt. Er hat den ganzen Tag nix getan, hat Josi zur Arbeit geschickt, und am Ende hat er noch mit krummen Sachen angefangen. Raub und Diebstahl und so. Jetzt sitzt der Kerl im Gefängnis.“

„Sakra, das hätte ich mir net träumen lassen! Ist sie mit dem Kerl denn noch verheiratet?“

„Natürlich net. Sie hat sich scheiden lassen, und man kann das wirklich verstehen.“

„Freilich. Was soll sie auch mit einem solchen Halunken. Hat sie vielleicht Kinder?“

„Nein, Kinder hat sie nicht.“

„Ein Glück.“

„Ja, sie kann wirklich froh darüber sein.“

„Mag sie net noch mal heiraten?“

„Der reicht’s gewiss für immer“, urteilte die Bäuerin. „Jedenfalls pass ich ein bisserl auf sie auf, damit ihr kein Leid geschieht.“

„Wie bist du überhaupt an sie gekommen?“ Franzl gab immer noch keine Ruhe.

„Durch die Stellenvermittlung. Ich hab eine erste Kraft für die Hühnerfarm gesucht. Wie gefällt sie dir überhaupt, die Farm?“

„Sauber, sauber. Ich hab zwar noch net viel davon gesehen, aber … Und die Josi wohnt bei dir im Hof?“, wechselte Franzl wieder zu seinem Hauptthema zurück.

„Ja, ich hab ihr eine Kammer gegeben. Sie hat ja net gewusst, wo sie bleiben sollte. Sag mal, Franzl, warum fragst du so viel nach ihr?“

Annis Bruder hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Er versuchte, ein möglichst gleichmütiges Gesicht zu machen.

„Ihr Schicksal interessiert mich halt. Es ist ein feiner Zug von dir, dass du dich um sie kümmerst. Gewiss wird sie das Leid, das hinter ihr liegt, bei dir auf dem Hof bald wieder vergessen.“

„Sie ist schon regelrecht aufgeblüht“, erzählte die Bäuerin.

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