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Alpengold 328 - Heimatroman

Bei uns sind Männer unerwünscht

Roman um einen herrlichen Hof und allzu trotzige Schwestern

Von Toni Wendhofer

Evi und Lisa Oberwallner haben die Nase von den Mannsbildern gestrichen voll, und das aus gutem Grund: Evis Liebster hat sich nämlich als dreister Wilderer entpuppt, und Lisa ist von ihrem Verlobten vor dem Traualtar sitzengelassen worden. Drum sind auf dem Oberwallner-Hof künftig Männer unerwünscht.

Aber weil die beiden Schwestern nun einmal ausgesprochen hübsch und liebenswert sind, ist es kein Wunder, dass sich sehr bald einige Burschen zusammentun, um die „Trutzburg“ und die Herzen der beiden enttäuschten Madln zu erobern …

Es war ein Sonntagnachmittag im Mai.

Die Kirchturmuhr von Riedbach schlug drei, als der Ortsgeistliche das Pfarrhaus verließ, unter der Soutane die Schnupftabakdose hervorholte und sich eine Prise Tabak genehmigte. Dann ging er über den Friedhof.

Tauben gurrten auf den Mauersimsen, und die ersten Schwalben segelten durch die Luft. Die Sonne stand an einem unwahrscheinlich blauen Himmel, und die Berge ringsum hatten noch weiße Häupter.

An einem Grab an der Friedhofsmauer kauerte eine alte Frau und zupfte an den Stiefmütterchen welke Blätter ab.

»Grüß Gott, Hochwürden«, sagte sie, als sie ihn bemerkte. »Gelobt sei Jesus Christus.«

»In Ewigkeit Amen, Mutter Anna«, erwiderte der Geistliche und blieb stehen. »Wie lange ist’s jetzt her, dass der Wastl tot ist?«, fragte er.

Die alte Frau seufzte. »Vor dreiundzwanzig Jahren ist das Unglück passiert, Hochwürden. Da ist er betrunken vom Wirtshausstuhl gefallen und war tot. Er war schon ein versoffener Kerl, mein Wastl, aber ich hatt’ ihn trotzdem gern. Und vielleicht folg’ ich ihm ja bald.«

»Geh, Anna, du bist doch noch rüstig genug. Wie alt bist du jetzt?«

»Dreiundsiebzig.«

»Das ist doch noch kein Alter. Ist bei dir jemand daheim?«, fragte der Pastor.

»Ja«, erwiderte die alte Oberwallnerin, »die Maria. Die zwei Madln sind mit dem Fahrrad ein bisserl spazieren gefahren.«

»Dann werd’ ich die Maria mal besuchen«, erwiderte der Hochwürden. »Ich hätt’ da was mit ihr zu besprechen.«

Der Oberwallner-Hof lag unmittelbar neben der Kirche und fiel jedem Betrachter schon durch den üppigen Blumenschmuck an den Balkonen auf.

Die Oberwallner-Frauen liebten Blumen. Von Männern hingegen wollten sie nichts wissen. Darum nannten die Spötter den Hof auch den »männerscheuen« Hof«, was verschiedene Burschen freilich nicht daran hinderte, sich die eine oder andere Hoffnung zu machen.

Maria Oberwallner, die Mutter, war die Bäuerin und hatte das Sagen im Haus wie auch auf dem Hof.

Ihr Mann, der Sepp, der die Trinklust vom Vater geerbt hatte, war vor sieben Jahren beim Sprengen von Wurzelstöcken tödlich verunglückt. Wahrscheinlich hatte er bei der Arbeit Schnaps getrunken und die Sprengladung zu früh hochgehen lassen.

Aus dieser Ehe stammten zwei Mädchen, Lisa und Evi. Lisa war die Ältere, wurde bald dreißig und blieb wohl ledig, weil ihr der Bräutigam fünf Minuten vor der Hochzeit davongelaufen und spurlos verschwunden war. Vor fünf Jahren war das passiert. Seither war Lisa eine Männerfeindin.

Aber auch ihre jüngere Schwester Evi, die im Dezember einundzwanzig Jahre wurde, hatte eine Enttäuschung hinter sich. Ihr Freund war beim Wildern erwischt worden und wurde für zwei Jahre ins Gefängnis gesteckt. So einen Burschen mit so einem Charakter wollte die Evi natürlich nicht heiraten, deswegen war sie auch noch ledig. Sie wollte es auch bleiben, obwohl sie für eine alte Jungfer viel zu schade schien.

Jedenfalls begab Hochwürden sich auf einen Hof, auf dem ein Mannsbild nichts zu suchen hatte – ein Hof, auf dem Ordnung, Sauberkeit und auch sichtbarer Wohlstand herrschten.

In der großen Wohnstube saß eine kräftig gewachsene Frau am Tisch und hatte um sich herum viele Zettel und Rechnungen ausgebreitet.

Maria Oberwallner benutzte den Sonntagnachmittag, um die Hofwirtschaft zu erledigen.

Als im Hausflur ein Räuspern ertönte, brach Maria ihre Arbeit ab und blickte erwartungsvoll zur Stubentür.

Es klopfte, und auf das »Herein« von ihr betrat der Geistliche das Zimmer.

Der Pastor und die Oberwallnerin verstanden sich sehr gut. Das sah man schon auf den ersten Blick. Sie begrüßten einander freundlich. Maria bot dem Geistlichen einen Schnaps an, den er dankend annahm.

Zunächst sprachen die beiden nur über Belanglosigkeiten, aber dann fragte Maria Oberwallner plötzlich: »Wann geht’s denn nun los mit der Kirchenrenovierung, Herr Pfarrer?«

»Bald schon«, erwiderte Hochwürden, prostete seiner Gastgeberin zu und nahm einen Schluck von dem Schnaps, bevor er fortfuhr: »Tja, liebe Maria, wegen der Renovierung komm’ ich auch zu dir. Ich hätt’ da eine große Bitte. Der bestellte Kirchenrestaurator kann morgen schon hier eintreffen. Ich hatte für ihn beim Brenner-Wirt ein Zimmer bestellt, aber heute teilt mir der Brenner auf einmal mit, dass er es für einen Dauergast braucht, der in Pension gegangen sein soll und sich in Riedbach ansiedeln will. Kurzum, ich suche jetzt eine gute Unterkunft für den Restaurator. Es wär’ günstig, wenn er bei euch hier unterkommen könnt’. Ich denk’, ihr habt Platz genug, oder?« Er blickte Maria erwartungsvoll an.

»Kennen Sie ihn denn schon?«, erkundigte sich die Oberwallnerin. Sie schien nicht gerade erfreut zu sein.

»Ich hab den jungen Mann durch das bischöfliche Ordinariat kennengelernt. Er heißt Felix Kornbacher, es geht ja hauptsächlich darum, dass der Herr Kornbacher so nah wie möglich bei der Kirche wohnt. Und ihr wohnt nun mal am nächsten dran. Ich weiß zwar, dass bei euch auf dem Hof Männer …«

»Ja, das ist allgemein bekannt«, fiel Maria ihm rasch ins Wort. »Wissen Sie was, Herr Pastor, ich werd’ mal mit meinen Madln über die Sach’ reden.«

»Das wär’ nett. Zumindest brauche ich dann die Hoffnung net gleich aufzugeben, dass es doch net klappt«, erwiderte Hochwürden und stellte das Stamperl wieder auf den Tisch.

»Ich denk’ schon, dass der junge Mann bei uns wohnen kann, Hochwürden. Aber es ist schon besser, ich spreche erst mal mit den Madln darüber.«

»Natürlich, natürlich«, erwiderte der Pastor schnell. »Nun gut, dann ist diese Sache also schon mal geklärt. Sagst mir dann, was die Lisa und die Evi von der Idee halten?«

»Ich geb’ Ihnen gern Bescheid, Hochwürden.«

»Gut, Maria. So, jetzt muss ich aber wieder zurück. Pfüat dich, Oberwallnerin.«

Der Pastor stand auf, reichte der Frau zum Abschied noch einmal die Hand und machte sich auf den Heimweg.

Er war sehr zufrieden mit dem Ergebnis dieser Unterredung.

***

Die zwei Radfahrerinnen kamen den Waldweg entlang und fuhren hintereinander her.

Die eine war kräftig und hatte lange braune Haare, und die andere war blond und hatte die Haare zu einer Hochfrisur aufgesteckt. Beide trugen bunte Dirndlkleider mit Mieder und Schürzen.

»Fahren wir noch zur Resl, Lisa?«, fragte die Jüngere der beiden.

»Ich denk’, es ist besser, wir fahren heim!«, rief Lisa Oberwallner über die Schulter zurück. »Um fünf müssen wir schließlich mit der Stallarbeit anfangen.«

»Dann fahren wir halt heim«, erwiderte Evi ein bisschen enttäuscht.

So ein schöner Sonntagnachmittag ging allemal viel zu schnell vorüber. Immer nur arbeiten, war auch nicht lustig. Für ein junges, einundzwanzigjähriges Mädchen gab es weiß Gott auch noch etwas anderes, als jeden Tag dasselbe zu tun, aber darüber wollte sich die Evi nicht beklagen. Schließlich blieb ihr ja nichts anderes übrig.

Die beiden Schwestern kamen zu Hause an und stellten die Räder in den Schuppen.

Ihre Großmutter saß auf der Hausbank und strickte. Eine andere Freizeitbeschäftigung kannte sie nicht.

»Na, seid ihr wieder zurück, Madln?«, fragte sie. »Wo ward ihr denn überhaupt?«

»Am Hintersee«, erzählte Lisa. »Schön ist’s da, Oma. Du solltest auch mal dorthin spazieren gehen!«

»Nein, nein, lieber net.« Die alte Frau winkte heftig ab. »Ich kann mit meinen schlimmen Füßen net mehr so weit laufen.«

Evi und Lisa gingen in die Stube. Die Mutter räumte das Wirtschaftsbuch und die ganzen Rechnungen weg, als die beiden Töchter eintraten und begeistert von ihrem Radausflug zum Hintersee berichteten.

Dann erfuhren sie, dass der Pfarrer ein Anliegen gehabt hatte.

»Der Restaurator soll ein netter Mensch sein«, erklärte die Mutter ihren Töchtern. »Das bischöfliche Ordinariat hat ihn empfohlen. Ich möcht’ dem Herrn Pfarrer schon helfen, dass der Herr gut untergebracht wird. Seid ihr damit einverstanden?« Die Mutter sah ihre beiden Töchter an.

Die Madln wechselten einen unschlüssigen Blick miteinander.

»Ist er jung oder alt?«, wollte Evi dann wissen.

»Das weiß ich net«, antwortete die Mutter. »Es sollte auch egal sein. Wenn der Herr unsere Kirch’ verschönert, muss er auch einen guten Wohnplatz haben.«

»Platz genug hätten wir ja«, meinte Lisa nun. »Ich hätt’ nix dagegen, wenn er bei uns wohnt.«

Die drei sprachen noch eine Weile über den Einzug eines Mannsbildes, und wenn auch übereinstimmend festgestellt wurde, dass man ja nur dem Pfarrer und nicht zuletzt auch dem Herrgott einen Gefallen tue, so war doch jemand da, der sehr neugierig auf diesen Restaurator war: die Evi. Sie war halt noch zu jung, um sich mit der Schwester und der Mutter zu verschwören, die Männer mit Nichtachtung zu strafen.

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***

Am Mittwochnachmittag war es dann so weit. Ein schmutziggrauer Transporter, mit Leitern und Farbkübeln beladen, fuhr die Bergstraße hinauf.

Am Steuer des Wagens saß ein etwa dreißigjähriger, sympathisch aussehender Mann.

Felix Kornbacher konnte seinen Arbeitsauftrag erst heute antreten, weil sich der letzte um zwei Tage verzögert hatte.

Felix dachte beim Chauffieren seiner mobilen Werkstatt an die Mutter daheim in Augsburg. Sie kränkelte ein wenig. Es bestand der Verdacht auf Nierensteine. Hoffentlich blieb es auch nur ein Verdacht! Felix hing nämlich an seiner Mutter, der er eine schöne Jugend, eine gute Schulbildung und das Studium auf der Akademie der bildenden Künste verdankte.

Mit seinen dreißig Jahren hätte er natürlich nicht mehr allein in der Weltgeschichte herumzugondeln brauchen, aber bisher war ihm die Richtige noch nicht begegnet.

Es gefiel ihm aber, von Auftrag zu Auftrag fahren zu können, ohne jemandem gegenüber verantwortlich sein zu müssen – außer natürlich der Mutter.

Ein verheirateter Restaurator musste schon eine Frau haben, die viel Verständnis für diesen Beruf aufbrachte! Und so eine hatte der Felix noch nicht gefunden. Aber das störte ihn nicht im Geringsten, da er sein Junggesellendasein genoss.

Inzwischen hatte Felix den idyllischen Ort Riedbach erreicht. Der junge Mann visierte die Kirche an, weil er sich beim Pastor melden musste. Wie hieß der doch gleich?

Der Name stand auf einem Zettel, den Felix auf das Armaturenbrett gelegt hatte: Gustav Adesberger. Ein netter Herr, wie Felix sich erinnerte. Das Kontaktgespräch lag allerdings schon ziemlich weit zurück. Die beiden hatten sich im bischöflichen Ordinariat getroffen und kennengelernt.

Felix konnte den Auftrag nicht gleich annehmen, weil er sehr beschäftigt und für die nächsten zwei Jahre vollkommen ausgebucht war.

Das Pfarrhaus war leicht zu finden. Felix stellte den Wagen vor der Gartenpforte ab, stieg aus und streckte erst einmal seine Glieder. Dann schaute er sich um. Im Pfarrgarten duftete der blühende Flieder.

Eine Frau erschien hinter einem der offenstehenden Fenster und verschwand sogleich wieder.

Felix war von großer, schlanker Statur. Er trug eine abgewetzte tabakbraune Wildlederjacke und eine Cordhose.

Gemächlich ging er auf die Haustür zu und zog dort am Glockenstrang. Bald darauf wurde die Tür geöffnet, und Hochwürden selbst stand vor ihm.

»Herzlich willkommen, Herr Kornbacher!«, rief der Pastor erfreut und streckte Felix die Hand entgegen. »Ich freu’ mich, dass Sie da sind! Treten S’ doch näher!«

Der freundliche Empfang trug dazu bei, dass Felix sich sofort wohlfühlte. Dies war immer die erste Voraussetzung für seine Arbeit.

Auch die etwas ältere Dame, die ihn begrüßte und ins Wohnzimmer des Pfarrherrn bat, die Pfarrköchin, vermittelte Felix sofort das Gefühl, sich in einer gemütlichen Umgebung zu befinden.

Bei Kaffee und Streuselkuchen kam es dann zu einem angeregten Gespräch.

Felix erfuhr, dass er ganz in der Nähe seines Arbeitsplatzes auf einem Bauernhof untergebracht sei, auf dem vier Frauen in Harmonie und Eintracht zusammenlebten, und dass er bei ihnen gut aufgehoben sein werde.

Der Pastor vermied es, die einzelnen Gründe der Einschichtigkeit aufzuzählen.

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