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Alpengold 340 - Heimatroman

Lump mit Herz

Roman um die Folgen einer Begegnung voller Leidenschaft und Liebe

Von Toni Wendhofer

Einmal hat es wohl so kommen müssen: Er ist beim Wildern erwischt worden! Die bösen Ahnungen der Schwester und der Mutter haben sich erfüllt. Sein rechter Oberschenkel, in den ihn der Schuss getroffen hat, schmerzt höllisch. Und mit jeder Minute der verhängnisvollen Flucht wird der Schmerz unerträglicher.

Matthias Moosbrunner hat keine Chance! Die Schritte seines Verfolgers kommen immer näher. Und dann stehen sie sich gegenüber – der Wildschütz und die bildschöne Jägerstochter Gusti ...

»Hoch soll sie leben! Hoch soll sie leben! Dreimal hoch!«, drang es mehrstimmig aus den untersten Fenstern des großen, herrschaftlich aussehenden Bauernhauses.

Den reichen Erlers gehörte es. Die Tochter, die bildhübsche Gusti, hatte heute die Jägerprüfung bestanden. Das wurde jetzt gefeiert.

»Kinder soll sie kriegen! Kinder soll sie kriegen ...«, sang der Jagdaufseher, der Pepi Langhammer, nach dem dreimal Hoch weiter. Er hatte schon ein Räuschlein.

Ein knappes Dutzend Personen füllte die große, mit schweren Möbeln ausgestattete und in der Mitte von einer kunstvoll geschnitzten Holzsäule abgestützte Stube. Eigentlich sah sie mehr wie ein Rittersaal aus, mit Bogenfenstern nach zwei Seiten, die einen zum Obstgarten, die anderen zum Hof. Das Gesinde durfte mitfeiern, zwei Mägde und der Pferdeknecht.

Auch der Bürgermeister von Ried hatte sich eingefunden, um der Tochter des wohlhabendsten Bürgers zu gratulieren. Jetzt durfte sie Rehböcke, Hirsche und Gämsen schießen und in der hofeigenen Jagd die Büchse knallen lassen.

Der Vater litt in letzter Zeit so stark an Rheuma, dass er die Wald- und Wildpflege dem Pepi überlassen musste, der mit seiner Frau und sechs Kindern hinten im Talwinkel hauste und noch nebenbei von einer kleinen Landwirtschaft lebte.

»Leute, ich dank euch herzlich, dass ihr euch mit mir freut«, sagte das rotblonde Mädel mit dem Weinglas in der Hand. Im maßgeschneiderten Jagdkostüm stand sie neben dem Vater, der stolz den Arm um sie gelegt hatte.

»Den Jagdschein erwirbt man ja nur einmal«, erklärte er lächelnd.

»Ich werde mich immer bemühen, meinen Pflichten als Jägerin nachzukommen und die Jagd net nur aus Spaß an der Freude, sondern mit Respekt vor dem Wild auszuüben.«

»Bravo! Das lässt sich hören!«, rief die Bassstimme des Oberforstmeisters, den Gustav Erler als Ehrengast eingeladen hatte. Die Privatjagd grenzte an den Staatsforst. Da musste man gute Verbindung halten und die Freundschaft pflegen.

Heiteres Stimmendurcheinander herrschte. Toni, der Pferdeknecht, stimmte auf der Zither ein Lied an und sang dazu. Ein Jägerlied war es.

»Leute, so greift doch zu und esst, was euch schmeckt!«, feuerte die Hausfrau, die noch immer jugendlich wirkende Lina Erler, die Gäste an und wies auf das kalte Büfett.

Anna, die Jungmagd, schenkte Wein und Schnaps aus, wobei sie mit dem zitherspielenden Toni Augenverbindung hielt. Aus dem beiderseitigen Geblinzel war zu schließen, dass es irgendwann zu einer Hochzeit kommen würde.

Einer fehlte noch. Immer wieder warf Gusti einen Blick aus dem Fenster auf die Hofzufahrt. Sie erwartete den Adi Hornberger, mit dem sie seit dem Bauernball ein Liebesverhältnis unterhielt.

Die Eltern wussten darum und hatten nichts dagegen, dass der gut aussehende Sparkassen-Kassierer bei der Tochter Hahn im Korb war und Chancen hatte, mehr als nur ihr Freund zu werden. Aber ihr fehlte noch der nötige Ernst, um über eine Heirat nachzudenken. Viel wichtiger war da schon die Jagd!

Gusti war gerade dabei, dem bärtigen Oberforstmeister einen hausgebrannten Vogelbeerschnaps einzuschenken, als ein grünes, nicht mehr ganz neues Auto vorfuhr und ein schlanker junger Mann heraussprang. Er holte den Kamm aus der Jackentasche und kämmte sich das blonde Haar, dann das gleichfarbene Oberlippenbärtchen.

Adolf Hornberger, von Freunden und vom Kassenleiter Adi genannt, vierundzwanzig Jahre jung, eilte in das mit Trubel und Zitherklängen erfüllte Haus. Aus der Begrüßung war zu schließen, dass Gusti sich nun doch über das Erscheinen ihres Herzbuben ebenso freute wie über den Jagdschein. Sie fiel Adi ungeniert um den Hals und küsste ihn.

»Ich dachte schon, du kommst net«, sagte sie ein wenig vorwurfsvoll. Eine Sitzung habe ihn daran gehindert, pünktlich zu erscheinen, erklärte er.

Dann begrüßte Adi artig den Erler und seine Frau, die ihm gleich einen Teller für die Selbstbedienung am Büfett reichte.

»Iss nur, Adi!«, ermunterte sie ihn. »Du siehst, es ist genug da!«

Dies war auch der Fall, aber die Gäste sorgten dafür, dass die vielen Silberplatten mit kaltem Wildbraten, Wildschwein und anderen Magenfreuden sich nach und nach leerten.

Als es langsam Zeit wurde, die Stallarbeiten zu verrichten, legte der Rossknecht Toni seine Zither in den Kasten. Luisi, die Stallmagd, und die rothaarige Küchenmagd Anna begannen mit dem Abräumen des Büfetts, und der Oberforstmeister und der Bürgermeister verabschiedeten sich.

Adi erbettelte sich von Gusti einen Besuch ihres im ersten Stock befindlichen Zimmers, und dann hielten sie sich verliebt in den Armen, küssten sich und sanken auf das Bett. Aber Gusti verschenkte nicht mehr als ein paar lange, weinselige Küsse und verstand es, ihrem stürmischen Liebhaber den Wind aus den Segeln zu nehmen.

»Ein andermal«, beschied sie ihn. Und dann fragte sie ihn: »Kommst du mit auf die Bockjagd? In einer Stunde geh ich mit dem Pepi los. Auf der Loseralm steht ein kapitaler Bock.«

Adi sah sie enttäuscht an. Es passte ihm ohnehin nicht, dass sie so heiß aufs Jagen war. Auch im Schützenverein spielte sie die erste Geige.

»Mach das allein, Gusti!«, lehnte er ab. »Ich bin ein Tierliebhaber und schau mir einen Rehbock lieber an, wenn er grast.«

»Äst«, korrigierte sie ihn. »Grasen tun die Kühe. Na gut, dann geh ich halt allein.«

»Aber ich möchte jetzt etwas anderes von dir wissen, Gusti. Wann heiraten wir?«, fragte er, über sie gebeugt und ihre hübsche gerade Nase mit dem Zeigefinger nachzeichnend. »Der Pöschl geht in drei Monaten in Pension. Ich soll sein Nachfolger werden.« Pöschl war der langjährige Kassenleiter, unter dem Adi Bankkaufmann gelernt hatte.

»Na prima«, freute sich Gusti. »Dann können wir ja meinen Leuten mitteilen, dass Martini Hochzeit ist.« Sie schlang die Arme um seinen Nacken. »Ich hab dich aufrichtig gern, Adi, ich möcht keinen anderen als dich.«

Ein langer Kuss besiegelte das Geständnis.

»Sagen wir's deinen Leuten gleich, oder sollen wir damit noch ein bisserl warten?«, erkundigte sich Adi, während sie sich von ihm löste und aufstand. Gusti ging zu einer Kommode, auf der ein Kippspiegel stand, ergriff die Haarbürste und strich ordnend über das gelockte Haar.

»Ich werd's ihnen gelegentlich sagen«, erwiderte sie, im Spiegel zu ihm blickend. »Heut war Trubel genug. Der Vater und die Mutter rechnen sowieso schon damit, dass wir heiraten werden.«

Adi sprang auf und kam zu ihr, umschlang sie und presste sie verliebt an sich.

»Nix wünsch ich mir mehr, als dass wir heiraten und miteinander glücklich werden ... eine Familie gründen ... zwei Kinder kriegen ... ein Pärchen ... ein Dirndl, so hübsch wie die Mutter.« Er küsste sie auf den Nacken.

Gusti schloss für ein paar Sekunden die Augen, spürte Sehnsucht, verscheuchte sie aber wieder.

»Ich glaub auch fest dran, dass wir miteinander glücklich werden«, versicherte sie verträumt. Dann schlug sie einen resoluten Ton an. »So, und jetzt gehen wir runter, und ich zeig dir das Gewehr, das ich vom Vater geschenkt bekommen habe.«

Arm in Arm begaben sie sich wieder in die große Stube. Stolz zeigte Gusti dem Adi die nagelneue Büchse, einen teuren Drilling mit allem jägerischen Zubehör.

Als Adi sich bald darauf verabschiedete, weil er mit dem Herrn Pöschl für einen Kundenbesuch verabredet war, nahm er die befriedigende Tatsache mit, das begehrteste Mädchen im ganzen Tal zu besitzen und irgendwann mehr als nur ein mäßig besoldeter Kassenleiter zu sein.

***

Ein schriller Pfiff holte ein schlankes dunkelhaariges Mädchen aus dem Stall.

»Spann den Hansl aus und gib ihm die doppelte Portion Hafer!«, ordnete der große, breitschultrige Mann an, der mit einer hoch beladenen Fuhre Holz auf dem Hof angekommen war.

Die alte Arbeitshose steckte in verdreckten Stiefeln, das rechte Hosenbein war aufgerissen. Der geflickte Leinenjanker hing an den breiten Schultern, und das verschwitzte, tief aufgeknöpfte karierte Hemd ließ eine braun gebrannte Brust mit dunkler Behaarung sehen.

Ein kraftstrotzender Kerl war der Matthias Moosbrunner, der Hias, sechsundzwanzig gewesen im Mai, gewachsen wie eine Tanne und mit einem markanten Kopf auf den eckigen Schultern.

Das braune Haar hing ihm ungepflegt bis auf die Schultern, und der dunkle Bart verlieh ihm das Aussehen eines Künstlers. Schöne graue Augen besaß er, die ruhig in die Welt schauten und denen nichts entging, was sehenswert oder verdächtig war.

Das Mädel, das eilig herankam, hinkte. Die Poldi war mit diesem Gebrechen geboren worden, das sie mit ihren zweiundzwanzig Jahren daran hinderte, einen Mann zu bekommen. Nur träumen durfte sie davon.

Das Schicksal hatte es ihr abverlangt, sich mit dem Hüftfehler abzufinden. Eine Operation hätte ihn wahrscheinlich beseitigen können, aber die Moosbrunners waren arm und lebten von dem, was der kleine Hof mit vier Milchkühen, drei Schweinen, sechs Schafen und einem Stall voll Hühnern hergab.

Der Hias versuchte auch noch, durch Kräutersammeln den stets schwindsüchtigen Etat aufzubessern. Da blieb nichts übrig für eine Hüftgelenk-Operation im unbezahlbaren Krankenhaus.

Zu dritt lebten sie auf dem Einödhof, von dem eine holprige Fahrstraße zum Dorf führte, zu Fuß eine halbe Stunde weit, im Winter wegen hohem Schnee nicht befahrbar. Da musste man sich einen Weg schaufeln oder trampeln.

Im Frühjahr toste dann der Wildbach bedrohlich nah am Hof vorbei, schien aber mit ihm Erbarmen zu haben und blieb im steinigen Bett. Nur einmal war der Hof überschwemmt worden, aber das lag weit zurück.

Poldi spannte das schwitzende Ross, einen kräftigen Haflinger, aus und brachte es in den Verschlag neben dem Kuhstall. Ein Haferfeld am anderen Bachufer sorgte dafür, dass es dem Hansel besser ging als seinen Leuten.

Die alte Mutter war noch da. Sie war durch den Tod des Mannes, der vor vier Jahren beim Holzfällen tödlich verunglückt war, vorzeitig gealtert, arbeitete nur noch im Haus und ging jeden zweiten Tag ins Dorf auf den Friedhof, um das Grab vom Anton aufzusuchen. Wenn sie den Rosenkranz gebetet hatte, setzte sie sich in die Kirche auf ihren angestammten Platz und betete noch einmal einen Rosenkranz.

»Sie spinnt ein wengerl«, war die Meinung des Hias, aber er hinderte sie nicht daran, zu frömmeln und sich in Gedanken mit ihrem gottseligen Toni zu unterhalten.

Hias wusch sich im Brunnentrog Gesicht und Hände, schaute zum Himmel, der sich wolkenlos und blau über dem Tal spannte. Vollmond war zu erwarten. Als Hias droben am Fuchsanger das hofeigene Klafterholz aufgeladen hatte, der Tannenduft ihm in die Nase gestiegen war und die Häher im Bergwald gestritten hatten, das hatte ihn wieder die Lust zum Wildern gepackt.

Fast berufsmäßig übte er die heimliche Pirsch aus, weil er für das Wildbret einen guten Abnehmer hatte – auf der anderen Bergseite den zwielichtigen Gastwirt und Viehhändler Adam Strobl in Almau.

Die Loseralm lag nur ein paar Minuten vom Fuchsanger entfernt. Sie gehörte den reichen Erlers von Ried, wurde nur alle zwei Jahre als Viehweide und Almwirtschaft genutzt. Dort standen die besten Rehböcke, im Spätherbst kämpften auch die Hirsche da und erfüllten die kalten Nebelnächte mit ihrem schauerlichen Röhren.

Dort hatte Hias wieder den kapitalen Rehbock gesehen. Es schien sein Revier zu sein. Ein Prachtbock! Bevor ihn der Erler oder der Jagdaufseher Pepi Langhammer schoss, musste er, Hias, ihn kriegen. Schon allein des schönen Hörndls wegen, für das ein zusätzlicher Verdienst ausgehandelt werden konnte.

Eigentlich wilderte Hias auch aus einem verständlichen Grund: um das Geld für eine Hüftgelenk-Operation zusammenzukriegen. Die Poldi, an der Hias sehr hing, sollte wieder ordentlich laufen können, um einen Mann zu bekommen.

Der Kunibert Stöger, der in der großen Sennerei von Ried arbeitete, ein Freund vom Hias, hätte sich unter Umständen für eine Heirat interessiert, aber eine Frau mit einem Gehfehler zu heiraten, dies getraute er sich dann doch nicht. Aber er war immer nett und freundlich zur Poldi, wenn er einmal zu Besuch kam oder man sich zufällig im Dorf begegnete.

Wie gesagt, den Hias juckte es heute wieder mächtig. Während die Schwester das Ross mit einer großen Portion Hafer und Häcksel für die schwere Arbeit belohnte, die Mutter wie ein schwarzer Strich vor dem Haus auf der Bank saß und den Rosenkranz durch die knochigen Finger gleiten ließ, beschloss er, die Mondnacht für die Pirsch zu nutzen.

Das Kleinkalibergewehr mit dem Schalldämpfer und ein paar Schachteln Munition wurden im Werkzeugschuppen hinter dem wurmstichigen Schrank verwahrt, versteckt ...

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