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Alpengold - Folge 201

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bluemchen

Bitterarm, doch stolz und schön

Zu Herzen gehender Roman um die Magd vom Königshof

Von Traudl Anrainer

Daniela Kirchner hat schon viel Schlimmes erlebt in ihrem jungen Leben: den Tod der Mutter, die aus Gram gestorben ist, das Leid des Vaters, der Jahre im Gefängnis verbracht hat und der seine Entlassung nicht lange überlebt hat. Dann ist da das tägliche Ringen um die Anerkennung der Dörfler, für die Daniela nur die Tochter eines Verbrechers ist.

Alles hat das schöne Madel tapfer durchgestanden. Doch in dieser Nacht verlässt sie der Mut. Todesangst erfüllt ihr Herz, als sie von dem kleinen Hügel aus, auf den sie sich gerettet hat, mit ansehen muss, wie das furchtbare Hochwasser ihr winziges Häuschen zerstört.

Die Verzweiflung schnürt Daniela die Kehle zu. Was soll aus ihr werden, nun, da der Gewittersturm ihr den einzigen Besitz vernichtet und ihr somit die Heimat, die Zuflucht genommen hat?

Man konnte nicht behaupten, dass Veit Königshofer ein Banause gewesen wäre, der außer seinen Rindviechern, seinem vielen Geld und dem guten Tiroler Roten nichts im Sinn gehabt hätte. Obwohl er nicht gerade aus einer den schönen Künsten aufgeschlossenen Familie stammte.

Er war vielmehr auf dem Königshof von Winkelberg geboren, einem Nest, das seinem Namen alle Ehre machte, weil es tief hineingerückt war in ein kleines Seitental der herrlichen bayerischen Bergwelt, so tief, dass Touristen es bis auf den heutigen Tag noch nicht entdeckt hatten.

Wenn man aus Winkelberg hinausfahren wollte, war man auf die schmale Zufahrtsstraße angewiesen, die sich neben dem Dorfbach durch eine enge, steilwandige Klamm zwängte und erst weit draußen die Hauptdurchgangsstraße erreichte, über die man in die Kreisstadt und bis nach München gelangen konnte.

Es kam aber auch noch hinzu, dass auf dem stolzen Königshof ein jeder hart mit anpacken musste, damit die viele Arbeit auf dem großen Besitz, die anfiel, auch bewältigt wurde. Das hatten der Großvater und der Vater des heutigen Königshof-Bauern schon getan, und er selber tat es natürlich auch.

Selbstverständlich hatte sich diese harte Arbeit über Generationen hinweg reichlich ausgezahlt. Neben dem großen landwirtschaftlichen Betrieb hier in Winkelberg gehörten dem alten Königshofer heute die Hälfte der Brauerei in der Kreisstadt, außerdem zwei große Sägewerke in der Umgebung und – was kaum jemand wusste – ein Viertel der Landmaschinenfabrik, die der größte Betrieb in der schönen alten Kreisstadt war.

Doch das alles und noch einiges mehr hatten die Königshofer-Bauern damit erkauft, dass sie ihr Lebtag lang nicht nach rechts und nicht nach links geschaut hatten, dass sie nie auf die Idee gekommen waren, ein Buch in die Hand zu nehmen oder gar ins Theater zu gehen oder in die Oper oder sich anderweitig zu zerstreuen.

Doch seit etwa zwei Jahren, seit der Königshofer seinen Sohn Robert wieder bei sich auf dem Hof hatte, nachdem dieser mit seinen agronomischen Studien fertig geworden war und es sogar zum »Doktor der Agrarwissenschaften« gebracht hatte, hatte sich einiges geändert.

Während der Studienzeit war Robert ganz von selbst auf die Idee verfallen, ins Theater zu gehen oder in die Oper. Er hatte auch seinen Vater bei dessen Besuchen in München mitgenommen, und dabei hatte Veit entdeckt, dass die große Kunst gar nicht so schlimm und anstrengend war, wie er immer geglaubt hatte.

Mit dem Ergebnis, dass er auch heute noch gern in sein Auto stieg und hinüber in die Kreisstadt fuhr, wenn die dortige Kulturgemeinde, wie sich die örtliche Vereinigung nannte, wieder einmal ein Theatergastspiel veranstaltete.

Da saß der Königshofer-Veit dann, hineingezwängt in seinen Sessel, und ließ die große Kunst über sich ergehen. Er gab sich alle Mühe, die Dinge zu verstehen, die ihm da präsentiert wurden, zuweilen schaffte er es nicht, aber meistens begriff er es doch, und er war richtig stolz, wenn er nach Ende der Vorstellung heimfahren und dem Robert berichten konnte, was er soeben erlebt hatte.

Kein Wunder also, dass an diesem heutigen Abend der Königshofer-Veit wieder einmal zufrieden mit seinem schweren Wagen aus der Kreisstadt zurückkehrte, trotz des seit dem frühen Vormittag rauschenden Regens, trotz der tiefen Dunkelheit.

In seinen Ohren klangen noch Shakespeares zuweilen schwer verdauliche Verse nach, er sah noch die bunten Bühnenbilder vor sich und die junge Schauspielerin, die ein so hübsches Gesicht gehabt hatte und mit ihrem hochgeschnürten Mieder ein durchaus erfreulicher Anblick gewesen war.

Der Scheibenwischer surrte, die Räder des Wagens rollten durch die Regenpfützen und ließen das schmutzige Wasser nach rechts und links hoch aufspritzen.

Veit hatte die Abzweigung nach Winkelberg schon hinter sich gebracht, die schmale Straße führte über das ebene Vorland der hohen Berge hinweg, nach wenigen Hundert Metern aber zwängte sie sich in die enge Klamm, durch die sie in das Winkelberger Tal führte.

Jetzt hieß es aufpassen, damit man in dem strömenden Regen, in dem man ja kaum die Hand vor Augen sah, nicht von der Straße hinuntergeriet. Der Scheibenwischer schaffte die Wassermassen kaum, die über die Windschutzscheibe rannen, und außerdem beschlugen die Wagenfenster andauernd, weil es draußen während des Regens wieder recht kalt geworden war, kein Wunder eigentlich, jetzt gegen Ende des Winters.

Da war die Klamm. Der Bauer minderte das Tempo noch ein wenig mehr, seine Hände umkrampften das Lenkrad noch fester, und er neigte sich vor, um besser zu sehen. Die scharfe Kurve nach rechts. Da war auch schon die Klamm. Sie sah aus, als wäre sie nicht die Zufahrt nach Winkelberg, sondern eher das Eingangstor zur Hölle.

Noch eine Kurve und noch eine, und ein paar Augenblicke später konnte der Königshofer befreit aufatmen, denn nun hatte er die Klamm schon fast hinter sich gebracht – aber da geschah es!

Dicht vor dem Wagen polterten plötzlich ein paar Gesteinsbrocken auf die Straße herab. Veit schrie unwillkürlich auf und gab Gas, doch da donnerte ein anderer Brocken auf das Wagendach herunter, so laut und krachend, dass dem Königshofer fast das Herz stehen bleiben wollte.

Instinktiv beschleunigte er den Wagen noch mehr, doch das nutzte nichts. Abermals wurde das Auto von Felsbrocken getroffen. Mit einem Ruck blieb der Wagen stehen, noch einmal schrie der alte Königshofer auf, und dann auf einmal gab es ein ohrenbetäubendes Krachen.

Der Wagen wurde förmlich zur Seite geschleudert. Er wurde abermals von einem großen Stein getroffen. Das Dach brach ein, der Königshofer erhielt einen harten Schlag gegen den Kopf und gleich darauf einen ins Kreuz, und dann war nichts mehr. Überhaupt nichts mehr.

***

Erst am nächsten Morgen gegen sechs Uhr, als die Regenwolken sich längst verzogen hatten und die Sonne sich anschickte, sich über die Gipfel der hohen Berge zu erheben, rumpelte der Postbus in die Winkelberger Klamm.

Da entdeckte der Fahrer zu seinem Entsetzen, dass die Straße fast am Ausgang der Klamm halb verschüttet war und dass unter den zum Teil sehr großen Gesteinsbrocken ein demoliertes Auto steckte.

Weil die Straße an dieser Stelle sehr eng war, musste der Fahrer den Bus ein ganzes Stück zurücksetzen, bis er ihn endlich wenden und denselben Weg davonfahren konnte, den er eben gekommen war.

Vom nächsten Dorf aus schlug er Alarm, denn sein Handy hatte in der Klamm keinen Empfang gehabt. Die Rettungsmannschaften rückten an, und irgendjemand entdeckte, dass in dem verschütteten Auto kein anderer als der Königshofer-Veit steckte.

Der reiche Bauer regte sich nicht, gab auch keine Lebenszeichen von sich, als jemand vorsichtig an seiner Schulter rüttelte, und erst einige Zeit später, als der Notarzt eingetroffen war, stellte man fest, dass Veit noch lebte.

Hektische Betriebsamkeit setzte ein. Mit schwerem technischen Gerät legte die Feuerwehr das Auto frei, die Gesteinsbrocken wurden zur Seite gewälzt, und schließlich wurde der Bauer aus seinem Auto regelrecht herausgeschweißt. Er war immer noch bewusstlos, als man ihn in den Rettungswagen schob und in rasender Fahrt zum Spital in der Kreisstadt brachte.

Kurz nach seiner Einlieferung in das Spital erwachte der Königshofer-Veit. Er bewegte sich stöhnend, die Lider flatterten, er stöhnte abermals und versuchte, die Augen zu öffnen. Es gelang ihm mit Mühe, sein Blick war stumpf, aber er schärfte sich rasch, und ein paar Sekunden später entdeckte der Bauer, dass an seinem Bett zwei Ärzte in weißen Kitteln standen – und Robert, sein Sohn.

»Vater, was machst denn du für Geschichten?«, presste Robert erschüttert hervor. »Als ich gehört hab, dass du unter einen Steinschlag geraten bist in der Klamm, da hab ich geglaubt, das Ende aller Zeiten wär gekommen!«

Der Vater wollte antworten, aber Lippen und Zunge gehorchten ihm nicht. Er brachte nur ein paar knurrende Laute zustande. Einer der beiden Ärzte trat zu ihm ans Bett und fühlte nach dem Puls. Er lächelte sein berufsmäßig aufmunterndes Lächeln.

»Da sind wir ja wieder, Herr Königshofer«, erklärte er in einem Tonfall, der verriet, dass er ihn jahrelang für solche Fälle angewendet hatte. »Ich möchte sagen, dass Sie ungeheures Glück hatten. Sie haben sich zwar einen Arm und ein Bein gebrochen, Sie haben einen bösen Schlag gegen den Hinterkopf erhalten, es gibt auch Hautabschürfungen und Prellungen, aber Sie leben noch, und das ist ein richtiges Wunder. Ich bin sicher, dass wir Sie bald wieder zusammengeflickt haben.«

Der Arzt schaute ihn prüfend an und fragte dann: »Können Sie verstehen, was ich sage?«

Der Königshofer wollte nicken, aber er stöhnte auf und verzog schmerzhaft das Gesicht, denn der ganze Kopf tat ihm bei dieser Bewegung weh.

Der Arzt legte beruhigend die Hand auf die Schulter des Bauern.

»Strengen Sie sich nicht an, Herr Königshofer. Ich bin Professor Wallner, und das hier ist mein Oberarzt Dr. Vogel. Wir haben Sie verarztet, so gut es im Moment möglich war, und wir sind voller Zuversicht.«

Der Professor warf Robert einen aufmunternden Blick zu und machte ihm Platz, damit er an das Bett seines Vaters herantreten konnte.

»Keine Bange, Vater, dich schmeißt so schnell nix um.« Seine Stimme war rau vor Erregung und Angst. »Der Herr Professor hat alles getan, was man sich denken kann, und er sagt, dass du eine Natur hast wie ein Stier. So stark, gesund und kräftig. Daher mache ich mir keine Sorgen, dass du bald wieder auf beiden Beinen stehen und weiter ins Theater fahren wirst.«

Der Königshofer bewegte sich abermals. Erneut verzog er schmerzhaft das Gesicht, aber diesmal brachte er sogar schon ein paar Worte heraus.

»Ich … Ich hab immer … geahnt, dass die hohe Kunst dem … dem Menschen nur schadet!«, keuchte er in einem Anflug von grimmigem Galgenhumor. »Aber das … das ist im Moment gar net so wichtig. Du musst dich jetzt allein um den Hof und alles andere kümmern, Bub. Ich … ich fürchte, dass ich dir dabei so rasch net helfen kann.«

Robert musste schlucken. »Mach dir nur darüber keine Sorgen, Vater, das schaff ich schon«, sagte er. »Ich weiß ja genau, was zu tun ist und worauf es ankommt. Sieh du nur zu, dass du so schnell wie möglich wieder gesund wirst, denn wir brauchen dich. Der Hof braucht dich, die Leut brauchen dich, weil sie es gewohnt sind, dass du sie zusammenstauchst.« Er lächelte. »Die Gemeinde braucht dich, denn du bist ja schließlich der Bürgermeister, und sogar der Herr Landrat kann net auf dich verzichten, weil er von dir zur nächsten Jagd eingeladen werden will. Aber bis dahin ist ja noch genug Zeit, und im Herbst, wenn die Jagd wieder losgeht, bist du längst wieder so gut beisammen, dass du die Jagd net ausfallen lassen musst.«

Dieser Meinung schlossen sich die Ärzte an. Sie sprachen noch ein paar aufmunternde Worte mit Veit, und dann verabschiedeten sie sich, weil sie meinten, dass er erst einmal Ruhe haben müsste.

Draußen auf dem Flur reichten sie Robert mitfühlend die Hand.

»Keine Sorge, Herr Dr. Königshofer«, erklärte Professor Wallner, »Ihr Vater ist wie eine alte Eiche oder wie der Adlerberg dort drüben.« Der Professor wies zum Fenster hinaus zum Hausberg hinüber. »Durch nichts zu erschüttern oder zu Fall zu bringen. Wie ich höre, wird die Tatsache, dass Ihr Vater erst einmal auf dem Hof ausfällt, nicht gleich eine Katastrophe bewirken.«

Robert lächelte und schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Professor, das ganz gewiss net. Seit ich mit meinen Studien fertig bin, habe ich dem Vater bei der Bewirtschaftung des Hofes und der Verwaltung unserer übrigen Besitzungen geholfen, sodass ich jetzt ohne Schwierigkeiten für ihn einspringen kann. Im Übrigen hat er ja eh schon einige Male die Absicht geäußert, sich auf das Altenteil zurückzuziehen und sich ein angenehmeres Leben zu machen, als er es bisher geführt hat.«

»Na, das hört sich ja sehr gut an«, erklärte der Professor gönnerhaft und hätte dem reichen Bauernsohn um ein Haar väterlich auf die Schulter geklopft. »Wir sehen uns ja sicherlich während der nächsten Zeit noch öfter. Sollte irgendetwas sein – Sie können immer auf mich zählen.«

Damit war Robert entlassen. Er blickte noch einmal hinüber zu der Tür, hinter der sein Vater lag, aber weil er dem Professor versprochen hatte, ihn nicht mehr zu stören, ging Robert mit gesenktem Kopf zu seinem Auto, stieg ein und fuhr nach Hause.

Vom Himmel strahlte die Sonne herab, als hätte es nie geregnet. Feiner Dunst stieg von den Weiden auf, und drüben vor dem steil abfallenden Felshang kreiste ein Segelflugzeug. Es roch nach feuchter Erde, und es war deutlich zu spüren, dass der Frühling in der Luft lag.

Robert erreichte die Klamm, durch die sich die Straße nach Winkelberg wand und in der sein Vater verunglückt war.

Die Rettungsmannschaften waren längst abgerückt, an ihre Stelle waren Straßenarbeiter getreten, die die Durchfahrt freilegten.

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