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Alpengold - Folge 231

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Das Wunder von St. Martin

Als ein Dorf über Nacht berühmt wurde

Von Lothar Eschbach

Barbara Zöllner ist ein modernes, aufgeklärtes, junges Madl. Sie liest keine Horoskope, und sie auch nicht abergläubisch.

Doch dann wird in dem abgelegenen Bergdorf St. Martin, wo sie gerade bei ihrem Großvater zu Besuch ist, angeblich eine »Wunderquelle« entdeckt. Über Nacht wird der kleine Ort berühmt, und die Touristen kommen scharenweise, um das Wunder mit eigenen Augen zu erleben.

Unter ihnen ist auch der junge Wissenschaftler Bernhard Riedmann, der seine Großmutter begleitet. Natürlich ist er skeptisch, was die Wunder betrifft – bis er der bezaubernden Barbara an der Quelle begegnet und die Liebe auf geradezu wundersame Weise sein einsames Herz berührt …

Sie stand ganz oben auf dem abgeflachten Gipfel des zwölfhundert Meter hohen Berges. Die Chronik der herrlichen Barockkirche berichtete von einem Wunder, das der heilige Martin im Jahre 1704 bewirkt haben sollte.

Zwei kleine Mädchen im Alter von sieben und neun Jahren waren damals von einem Bären angegriffen worden, von einem der mächtigen Tiere, die es damals noch in den oberbayerischen Bergen gegeben hatte. In ihrer Not waren die Kinder auf die Knie gesunken und hatten den heiligen Martin, der ein Ritter gewesen war, um Hilfe angefleht.

Ein Reiter war daraufhin zwischen den Bäumen hervorgesprengt und hatte den Bären mit einem wohlgezielten Lanzenwurf erlegt. Bär und Lanze waren von den Bewohnern des kleinen Bergdorfes gefunden worden, und der mächtige Kopf des Bären sowie die Lanze waren auch heute noch in der Wallfahrtskirche zu besichtigen.

In den Jahren 1712 bis 1714 hatten die Bauern des Bergdorfes mit Unterstützung des Bischofs die Kirche erbaut und ihr Dorf nach dem heiligen Martin benannt.

Seit dieser Zeit kamen die Wallfahrer, und die zahlreichen Votivtafeln berichten von den vielen Heilungen und den erfüllten Bitten, die die Gläubigen auf dem Berg an den Heiligen gerichtet hatten.

In späteren Jahren hatten sich Franziskanermönche hier angesiedelt und ein kleines Kloster gebaut, das wie ein Burghof die Kirche umgab.

Gleich neben dem mächtigen Klostertor befand sich ein kleiner Andenkenladen, in dem der alte Rochus Zollner seine Andenken verkaufte. Bilder vor allem vom Sankt Martin, Rosenkränze und geweihte Kerzen, Ansichtskarten und tausend andere Dinge, die in irgendeinem, manchmal nur recht losem Zusammenhang zum Wallfahrtsort standen.

Rochus Zollner war ein echtes oberbayerisches Original. Selbst so groß und mächtig von Gestalt wie ein Grizzlybär, weißhaarig und mit hellen, zeitweise ärgerlich blitzenden Augen, wenn die Wallfahrer den Laden stürmten und jeder als Erster bedient sein wollte.

Wie eine Festung stand er dann in der Schlacht, die um ihn tobte, gab Antworten auf die vielen Fragen, nannte die Preise und gab auch mal Anekdoten zum Besten, wenn er besonders gut aufgelegt war.

Heute war es ruhig in seinem Laden, denn seit drei Tagen ging ein Dauerregen über den Bergen nieder, der die meisten Gläubigen davon abhielt, den beschwerlichen Weg auf den Berg hinaufzuschreiten.

Da besuchten nur ein paar Unentwegte die Kirche. Vielleicht waren es auch diejenigen, die ein besonderes Anliegen beim heiligen Martin vorzubringen hatten. Und die, das wusste der Rochus aus Erfahrung, gehörten nicht zu den Leuten, die in seinem Laden das Meiste kauften.

Da kaufte mal einer eine Kerze, die er unter dem Standbild des Heiligen anzünden wollte, oder vielleicht einen Rosenkranz. Aber das war meistens schon alles, was an solchen verregneten Tagen verlangt wurde.

Rochus Zollner verlebte einen geruhsamen Vormittag, und als die Kirchenuhr die elfte Stunde einläutete, ertönte auch das Glockenspiel an der Ladentür.

Rochus brauchte nicht aufzuschauen, um zu wissen, wer seinen Laden betrat. Um elf Uhr war es immer derselbe, der ihn besuchte, das war seit bald dreißig Jahren so.

Es war ebenfalls ein alter Mann, aber gut eineinhalb Köpfe kleiner als Rochus. Alles, was beim Rochus riesig aussah, war bei dem Eintretenden klein, beinahe zierlich.

Nur in einem waren sie sich ähnlich: Auch der Stangassinger-Korbinian hatte schlohweiße Haare und helle, aufmerksame Augen, denen nichts entging, was auf dem Wallfahrtsberg geschah. Da konnte der Andrang noch so groß sein. Der Korbinian behielt die Übersicht.

Eigentlich war er der Totengräber des Friedhofs von St. Martin. Aber im Laufe der Zeit war mehr und mehr daraus geworden. Er war ein Faktotum und gleichzeitig eine Institution. Er sorgte für Ordnung unter den Wallfahrern, wies den Autos und den Omnibussen, die sich den steilen Weg heraufgequält hatten, ihre Plätze an, räumte den weggeworfenen Abfall beiseite und führte auch manchmal die Leute durch die Kirche, um ihnen den Ausbau des Gotteshauses zu erklären und ein paar dazu passende Geschichten anzuhängen.

»Ist er noch hübsch heiß, der Leberkäs?«, brummte der Rochus hinter der Theke hervor. »Hast du auch genug Senf mitgebracht?«

Korbinian legte ein großes Paket auf den Tisch. Es war dick mit Zeitungspapier eingeschlagen, damit er auch warm blieb, der Leberkäs, oder heiß, wie der Rochus gerade gesagt hatte.

»Kannst dir auch mal was anderes einfallen lassen, Rochus. Jeden Tag fragst du mich dasselbe. Und … ist er vielleicht schon mal kalt gewesen?«

»Ich hab halt bloß gemeint«, brummte der Rochus, holte zwei Teller und zwei Messer aus dem Hinterstübchen und fing an, auszupacken. Korbinian setzte sich auf den altersschwachen Hocker. Die beiden Männer begannen ihre Brotzeit, und dazu aß jeder eine frische Laugenbrezel, die der Korbinian aus der Tasche zog.

Fünf Minuten lang fiel kein einziges Wort. Jeder war mit seiner nicht gerade kleinen Portion beschäftigt. Jeder nickte dazu, was so viel bedeutete wie: Gut ist er heute wieder, der Leberkäs. Der Kammerloher versteht schon sein Geschäft. Der Leberkäs ist einfach einmalig!

Aber das sagten sie nicht, weil sie es früher schon tausendmal gesagt hatten. Jetzt nickten sie nur, und der eine wusste vom anderen, was der mit dem Nicken sagen wollte.

Nachdem sie sich die Finger an den Papierservietten abgewischt hatten, die der Rochus aus seinem Bestand zur Verfügung stellte, konnte man zum gemütlichen Teil übergehen.

Aber auch hier galten eiserne Regeln, von denen nur in besonderen Notfällen abgewichen wurde.

Die Unterhaltung eröffnete Korbinian immer mit den Worten: »Hast du gut geschlafen, Rochus? Was hast du geträumt? Oder gibt’s was Neues …?«

An dieser Stelle bestätigte der Rochus meistens, dass er wie »ein Maulwurf« geschlafen habe. Tief und fest halt, und dann begann er meistens einen wirklichen oder einen erfundenen Traum zu erzählen, der immer in irgendeiner Beziehung zum heiligen Martin stand.

Heute wich er allerdings von dem Ritual ab.

»Die Kinder haben gestern Abend angerufen. Heute Abend werden sie hier sein.«

Mit den Kindern waren seine beiden Enkeltöchter gemeint, die neunzehnjährige Barbara, die gerade ihr Abitur gemacht hatte, und die zweiundzwanzigjährige Regine, die Hauswirtschaftslehrerin werden wollte und sich im Frühjahr mit Gustl, dem Sohn vom Gastwirt Kammerloher, verlobt hatte.

Korbinian nickte, mehr war bei ihm auch nicht drin. Denn die Kinder waren auch seine Kinder, zwar nicht nach dem Blut, aber nach dem innigen Verhältnis, das ihn mit den beiden Mädchen verband, die er, als sie noch klein waren, auf seinen Knien geschaukelt hatte und, wie er manchmal stolz verkündete, auch mit großgezogen hatte, wenn sie bei ihrem Großvater waren.

Und das war im Laufe der Jahre oft der Fall gewesen.

Die beiden Männer, der Rochus siebzig, der Korbinian achtundsechzig, stopften sich ihre Tabakspfeifen aus dem Porzellanbehälter, den der Rochus auf die Theke stellte. Gesprochen wurde dabei niemals, weil das Pfeifestopfen auch zu den rituellen Handlungen gehörte.

Erst wenn es gehörig dampfte, war der Rochus an der Reihe. Und das hörte sich dann so an: »Hast du’s wieder im Kreuz, Korbinian? Musst dich einschmieren mit dem Murmeltierfett, das uns der Förster aus dem Allgäu mitgebracht hat. Oder hast du es wieder vergessen?«

»Ich schmier schon«, pflegte Korbinian darauf zu erwidern, dabei verzog er stets das Gesicht, um zu dokumentieren, dass ihm das Kreuz noch allweil wehtat.

Aber heute war es auch bei ihm anders.

»Geschlafen hab ich überhaupt net«, knurrte er. »Gestern Abend ist doch tatsächlich noch der Kammerloher bei mir gewesen und wollt mich beschwatzen.«

»Wegen dem Beinhaus …?«

»Genau, Rochus, du hast’s mal wieder genau getroffen. Er möchte lieber einen Parkplatz neben der Friedhofsmauer anbauen. Er tät ihn sogar zahlen, hat er gesagt. Bloß, damit noch mehr Wallfahrer den Berg rauffahren und bei ihm ihren Schweinsbraten essen. Ist das eine Einstellung, frag ich dich? Als ob der heilige Martin nur dazu da wär, um ihm sein Geldsäckerl zu füllen.«

»Hast ihm deine Meinung gesagt, gell?« Der Rochus schmunzelte, denn Korbinian war dafür bekannt, dass er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hielt und seine Worte auch gut zu setzen wusste, sodass viele der Mönche meinten, dass an dem Korbinian ein Advokat verloren gegangen wäre.

Korbinian lächelte nur bei solchen Reden, wie er überhaupt meistens lächelte, wenn man etwas über ihn erzählte.

Und man sprach viel über den Korbinian. Nicht nur in St. Martin. Er war weit über die Grenzen des Dorfes hinaus bekannt. Zum Beispiel sagte man von ihm, dass er laut mit den Toten redete. Und es gab sogar welche, die aus den Gräbern heraus Antworten gehört haben wollten.

Fragte man den Korbinian danach, lächelte er – und schwieg.

»Und weißt du noch was? Der Kammerloher möchte mit dem Abt reden. Er, der bloß in die Kirche geht, damit man sieht, was er für ein gottesfürchtiger Mann ist. Aber da wird er sich schneiden mit dem Parkplatz. Da lass ich mir schon was einfallen«, kicherte er. »Das darfst mir glauben, Rochus, dass der Kammerloher seinen Parkplatz nicht kriegt. Ich aber mein neues Beinhaus. Oder willst du mir sagen, wo ich hin soll mit den Knochen und Köpfen, die ich finde, wenn ich ein frisches Grab ausheben muss? Der Friedhof ist halt nicht größer, als er ist. Da müssen die Toten eben ein bisserl zusammenrücken. Ist das net auch deine Meinung?«

»Mich brauchst du net zu fragen, Korbinian. Ich bin ganz auf deiner Seite. Und auf mich kannst rechnen, wenn wir den Kammerloher abschmettern.«

»Und der Gustl? Wo er doch jetzt mit der Regine verlobt ist?«

»Der Gustl ist schon recht. Das ist ein braver Bursch. Der geht nach seiner Mutter, Gott hab sie selig …«

Die Männer bekreuzigten sich, weil es in den Bergen so Brauch ist, wenn man von einem Verstorbenen spricht.

Rochus griff in das Regal hinter sich, das mit allerlei Flaschen vollgestellt war. Eine davon war bedeutend größer als alle anderen, dafür trug sie auch kein Etikett.

»Magst du einen?«, fragte er, wartete aber die Antwort seines Freundes gar nicht ab, sondern füllte zwei Wassergläser gut halb voll.

Sie tranken nicht, weil es ihnen schmeckte, wie sie sich gegenseitig immer wieder betonten. Für sie war der Obstler reine Medizin, die den Kopf klar und die Beine geschmeidig halten sollte, was sie bisher auch getan hatte.

Den zwei Alten konnte man alles Mögliche nachsagen. Aber wer meinte, dass sie schon leicht verkalkt wären, der irrte sich ganz gewaltig.

Ohne Korbinian und Rochus ging nichts in St. Martin. Nicht im Bereich der Wallfahrtskirche und des Klosters und ebenso nicht in dem Dorf, das sich anschloss und auf gut einen Kilometer Länge den Berg hinunterschlängelte. Sie waren die geheimen Oberhäupter des Berges, zwar ohne jeden Titel und ohne offizielle Machtbefugnis, aber mit einem sicheren Instinkt ausgestattet, der es ihnen ermöglichte, die Geschicke von St. Martin in ihrem Sinn zu leiten und zu gestalten.

»Ja, dann«, sagte der Korbinian und wandte sich zum Gehen.

»Was hast du’s denn so eilig?«, fragte Rochus erstaunt. »Es regnet doch noch immer wie die Pest!«

Korbinian lächelte. »Eben drum, da kommt mir keiner in die Quere, wenn ich die Baugrube für das Beinhaus anfange auszuheben.«

»Ohne Baugenehmigung?«

»Geh zu, Rochus, ist doch alles Kirchengrund. Wenn ich erst mal den Grund ausgehoben hab, wird der Abt den Bauantrag beim Landratsamt schon durchbringen. Weißt doch, wie’s ist. Die geistlichen Herren muss man manchmal vor vollendete Tatsachen stellen. Und den Kammerloher erst recht.«

»Aber zum Kaffee kommst du doch wieder?«, rief ihm der Rochus hinterher. »Ich hab noch ein paar Butterkipferl vom letzten Sonntag. Die müssen wir zusammen wegputzen, bevor die Kinder kommen. Du weißt doch, die Barbara backt so gern. Aber wenn noch was da ist, lässt sie sich mit dem Nachschub Zeit.«

Es klingelte wieder, als der Korbinian den Laden verließ. Rochus räumte alles weg, was von der Brotzeit übrig geblieben war, setzte sich in den Lehnstuhl hinter der Theke und nahm sich die Zeitung vor, die er noch nicht gelesen hatte.

»Hoffentlich kommt niemand«, murmelte er dabei vor sich hin. Denn er ließ sich nur ungern stören, wenn er sich über die hohe Politik informierte. Weil er nicht nur ein sehr weiser Mann und ein erfolgreicher Andenkenhändler, sondern vor allem auch ein politisch sehr interessierter Mensch war.

***

Es war Juli, aber über Nacht waren die Berge noch einmal weiß geworden. Ihre Spitzen glitzerten in den ersten Strahlen der Morgensonne, die wie ein feuerroter Ball am Horizont auftauchte und die Landschaft in helles Licht tauchte.

An den Blättern der Bäume hingen noch dicke Tautropfen, ebenso an den Grashalmen, die auf den zweiten, den Sommerschnitt, warteten und teilweise fast achtzig Zentimeter hoch standen.

Regine und Barbara öffneten den Laden, stellten den Ständer mit den Ansichtskarten ins Freie und fingen an, die Regale aufzuräumen.

»Muss das sein?«, brummte Rochus, als ...

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