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Alpengold - Folge 233

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Niemals will ich mich verlieben

Angelika kann keinem Mann vertrauen

Von Lothar Eschbach

Männer! Wenn die hübsche Angelika Meisinger dieses Wort nur hört, bekommt sie eine Gänsehaut. Viel zu oft hat sie erlebt, wie sich ihre Freundinnen wegen eines Mannsbilds die Augen ausgeweint haben. Für Angelika ist klar: Sie bleibt Single – und glücklich!

Doch als eines Tages ein Studienfreund ihres Bruders, der unverschämt gut aussehende Peter Kleinschmidt, vor der Tür steht, gerät ihr dummes Herz gehörig ins Stolpern …

Es war eine Unruhe im Haus, wie am Tag vor einer Hochzeit oder einer Kindstaufe. Die beiden Männer waren in die Brauerei geflüchtet, weil sie nicht dauernd über Putzeimer, Staubsauger und aufgerollte Teppiche stolpern wollten. Die Fenster in der Halle im Erdgeschoss standen sperrangelweit offen, und mittendrin in dem Chaos stand Angelika und dirigierte die Putzkolonnen: das Hausmädchen, die Köchin und zwei Arbeiterinnen aus der Brauerei, die Angelika für den Großreinemachtag ihrem Vater abgeschwatzt hatte.

Roberta Meisinger, Angelikas Mutter, beteiligte sich nicht an der Putzerei. Von Zeit zu Zeit kam sie aus ihrem Zimmer im ersten Stock, um nachzusehen, ob das Wüten der dienstbaren Geister beendet war.

Sie blieb auf der breiten Treppe, die in den Oberstock führte, stehen und betrachtete kopfschüttelnd, aber auch lächelnd das Durcheinander.

»Jetzt sag bloß, Kind, was in dich gefahren ist? Veranstaltest du das ganze Theater wegen dem Prinzregenten oder wegen deiner Freundin Gretel?«

»In Bayern gibt’s keinen Prinzregenten mehr«, antwortete ihre Tochter. Sie trug ausgewaschene Jeans und eine ebenso verwaschene Bluse, was ihren Bruder Hannes schon beim gemeinsamen Frühstück zu der Bemerkung veranlasst hatte: »Wenn ein Mann dich so sieht, geht er lieber nach Altötting zum Wallfahren als mit dir an den Traualtar.«

»Ich brauch keinen Mann«, lautete Angelikas schnippische Antwort. »Mir langen schon du und der Papa. Ihr zwei habt mir die Gedanken an eine Heirat gründlich ausgetrieben.«

Josef Meisinger lächelte, wie er eigentlich meistens lächelte, wenn seine heiß geliebte Angelika etwas sagte.

Er war in jeder Beziehung ein typischer Brauereibesitzer, groß, fast gewaltig, mit einem mächtigen Bauch und einem roten Gesicht, aus dem zwei vergnügte Augen lachten.

Seine Kinder, die dreiundzwanzigjährige Angelika und der sechsundzwanzig Jahre alte Hannes, sahen sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Sie kamen auf die Mutter, die immer noch, obwohl sie die Fünfzig überschritten hatte, eine gut aussehende Frau war.

Hannes und Angelika hätten Zwillinge sein können, wenn nicht der Altersunterschied gewesen wäre. Beide waren hochgewachsen, schlank, hatten blonde Haare und tiefblaue Augen. Beide hatten die gleichen schmalen Gesichter, und wenn sie lachten, bekamen sie auf der linken Wange ein Grübchen.

Und Angelikas Aussage, dass ihr Vater und der Bruder den Appetit auf einen Ehemann verdorben hatten, brauchte man nicht so ernst zu nehmen.

Das Haus Meisinger war ein lustiges Haus, wo überhaupt alles nicht so tierisch ernst genommen wurde. Und weil das so war, nahm Angelika den Besuch ihrer heiß geliebten Freundin Gretel zum Anlass, wenigstens im Erdgeschoss mal wieder alles umzukrempeln und frischen Dampf in das alte Gemäuer zu lassen, wie sie sich ausdrückte.

Das Wohnhaus der Familie Meisinger war tatsächlich alt. Es stammte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und wirkte von außen wie ein kleiner Herrschaftssitz mit dem kleinen Türmchen, das auf der linken Seite aufgesetzt war.

Die Mauern waren mehr als einen Meter dick, was bei der Renovierung vor zwanzig Jahren, besonders bei der Installation einer Zentralheizung, große Schwierigkeiten bereitet hatte.

Und natürlich verbrauchte das Haus, das eigentlich für die Familie viel zu groß war, eine Menge Heizöl.

»Der Bräu hat’s ja«, sagten die Leute, wenn wieder mal der Tankwagen vorfuhr und Öl brachte.

»Jetzt machst aber bald Schluss, gell? Man kann auch alles übertreiben. Wenn ich der Gretel erzähle, was sie bei uns für einen Aufstand ausgelöst hat, dann …«

»Untersteh dich, Mutter!« Angelika drohte ihr schelmisch mit dem Finger. »Ein Wort – und ich bin tödlich beleidigt.«

Aber Angelika hatte ein Einsehen. Zuerst schickte sie die Kathl zurück in die Küche. Denn wenn die Männer nicht pünktlich ihr Mittagessen bekamen, waren sie stocksauer. Vor allem ihr Vater, dem es dann einfallen konnte, Kundschaft essen zu gehen, was bedeutete, dass er mit dem Hannes über Land fuhr, um seine eigenen, verpachteten Dorfwirtschaften aufzusuchen, wohin er auch das Bier lieferte.

Kundschaft essen nannte man das in Oberbayern … Aber meistens wurde ein Kundschaft trinken daraus, was dem Sepp dann wieder den sowieso schon zu hohen Blutdruck hochtrieb und seiner Frau große Sorgen machte.

Als die Teppiche in der Halle an Ort und Stelle lagen, durfte sich die Resi um die oberen Zimmer kümmern. Die beiden Arbeiterinnen, die sonst in der Abfüllanlage die Maschinen bedienten, wurden ebenfalls von Angelika mit einem zusätzlichen Trinkgeld entlassen und bekamen noch ein paar Süßigkeiten für die Kinder in die Hand gedrückt.

Angelika sah sich wohlgefällig um.

»Ist nicht alles schön geworden, Mutter? Jetzt hol ich noch Blumen aus dem Garten, fülle die Bodenvasen, und dann ist’s wieder richtig gemütlich.«

»Gott sei Dank«, stöhnte ihre Mutter. »Lange hätte ich das Theater nicht mehr ausgehalten. Wann kommt denn die Gretel? Kommt’s mit dem Wagen oder mit der Bahn?«

»Mit der Bahn. Ich hole sie kurz vor achtzehn Uhr in Miesbach ab. Und wenn du der Kathl sagst, dass sie den Rehrücken für sieben Uhr fertig haben soll, dann wäre das gerade recht.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Dass dir ausgerechnet als Begrüßungsessen ein Rehbraten eingefallen ist. Findest du das passend? Gretels Vater ist schließlich Förster. Meinst du net, dass der Gretel was anderes lieber gewesen wäre?«

»Eben nicht, Mutter. Bei unserem letzten Telefongespräch hat sie extra einen Rehrücken haben wollen. Weil die Kathl darin eine Meisterin ist, hat sie gesagt, und weil ihr Reh daheim überhaupt net schmeckt.«

»Hoffentlich bleibt sie recht lang, die Gretel. Ich mag sie genauso gern wie du. Und ihr zwei seid ja wie Schwestern gewesen, als ihr noch bei den Englischen Fräulein im Internat wart.«

Angelika hakte sich bei ihrer Mutter ein und nahm sie mit hinaus in den Garten.

»Ich freu mich ganz narrisch, Mutter. Aber mir ist die Gretel ein bisserl bedrückt vorgekommen am Telefon. Und sie hat auch so geheimnisvolle Andeutungen gemacht, dass sie bei uns in der Gegend was Familiäres zu erledigen hätte. Ich kann mir bloß net vorstellen, was das sein soll.«

Ihre Mutter setzte sich auf die weiß gestrichene Gartenbank und sah zu, wie Angelika die Blumen abschnitt. Möglichst langstielig, dass die Blumen auch nach was aussahen, wenn sie in die Bodenvase kamen.

»Schad, dass die Sonnenblumen noch nicht so weit sind. Sonnenblumen sehen in der Halle immer besonders schön aus.«

Roberta Meisinger, die von ihrem Mann nur Bertl gerufen wurde, nickte gedankenverloren, ohne Angelikas Bemerkung ganz verstanden zu haben.

Wenn sie durch die Zweige der hohen Bäume blickte, konnte sie das rote Dach der Brauerei sehen. Die Gebäude lagen gut dreihundert Meter vom Wohnhaus entfernt und lehnten sich an einen Berghang an, von dem auch das herrliche Wasser kam, mit dem die Meisingers schon seit acht Generationen ihr würziges Bier brauten.

Der Meisinger hätte sich längst vergrößern können, weil sein Bier wirklich ganz einmalig schmeckte. Aber durch die eigenen Quellen waren ihm gewisse Grenzen gesteckt. Er konnte nicht mehr einbrauen, wie die Quellen aus dem Berg hergaben. Und anderes Wasser wollte er nicht verwenden.

Roberta war stolz auf den Besitz. Sie war stolz auf ihren Mann und stolz auf ihre Kinder, auch wenn sich manchmal ein bedrückendes Gefühl bei ihr einschlich. Wegen der Angelika, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit betonte, dass sie ledig bleiben wollte.

Warum bloß, überlegte die Bertl immer wieder. Hat sie vielleicht irgendwann einmal eine Enttäuschung erlebt?

Die besorgte Mutter nahm sich vor, die Gretel deswegen mal ganz vorsichtig auszuhorchen. Der Hannes hatte noch Zeit. Er war erst seit einem halben Jahr aus Weihenstephan zurück, wo er die Prüfung als Braumeister mit Auszeichnung abgelegt hatte.

»Träumst du, Mutter?«, hörte sie plötzlich ihre Tochter sagen. »Ich hab dich gebeten, die Blumen ein bisserl zu ordnen, damit ich weiß, wie viele ich noch abschneiden muss. Aber du hast mich net gehört. Ist dir vielleicht nicht gut?«, fragte sie besorgt.

Roberta Meisinger nahm die Hände ihrer Tochter und streichelte sie.

»Nein, nein, es ist alles in Ordnung. Ich bin wohl ein bisserl eingenickt. Es ist schwül, hoffentlich gibt’s kein Gewitter.«

Aber Angelika war nicht so leicht abzuspeisen. Sie setzte sich zu ihrer Mutter auf die Bank und sagte leise: »Du hast eben ganz unglücklich ausgeschaut, Mutter. Machst du dir über irgendetwas Sorgen, was du mir net sagen willst?«

»Was hast du denn bloß? Man wird doch mal einnicken dürfen, wenn man über die Fünfzig ist?«

Aber Angelika wusste ganz genau, dass ihre Mutter nicht eingenickt war, wie sie behauptete. Ihre Augen waren offen gewesen, aber irgendwie leer. Sie hatte einfach durch ihre Tochter hindurchgeblickt. Und das machte man nur, wenn man mit seinen Gedanken ganz, ganz weit weg war. Oder wenn man sich Sorgen machte.

***

Angelika sah ihre Freundin schon an der Tür stehen, als der Zug langsam in den Bahnhof einrollte. Es stiegen nur wenige Leute aus.

»Gretel, dass du endlich mal gekommen bist«, freute sich Angelika. »Wie geht’s dir, wie geht’s deinem Vater? Hast du viel Zeit mitgebracht?«

Margarete Mühlbacher war so groß wie ihre Freundin. Sie hatte lange braune Haare und tiefbraune Augen, die manchmal fast schwarz wirkten.

Sie trug ein grünes Trachtenkostüm, dazu einen passenden Hut mit einer Spielhahnfeder.

»Wie machst du es bloß, dass du immer noch eine Figur hast wie eine Sechzehnjährige?«, staunte Angelika. »Ich muss ab und zu einen Hungertag einlegen, wenn ich mein Gewicht halten will.«

»Ich auch«, entgegnete Gretel lachend. Ihre Stimme lag um eine Terz tiefer als die ihrer Freundin. »Um aber gleich deine erste Frage zu beantworten. Ich hab diesmal viel Zeit! Ich werde euch ganz schön auf die Nerven fallen. Denn ich hab mir eine Menge vorgenommen.«

»Erzähl schnell!«, unterbrach Angelika sie eifrig, während sie zum Gepäckschalter gingen, um die Koffer abzuholen. Als alles verstaut war und die Freundinnen nebeneinander im Auto saßen, fing Angelika wieder an: »Was hast du dir vorgenommen? Was willst du unternehmen?«

Gretel seufzte. »Das ist gar keine so schöne Geschichte. Und sie liegt schon viele, viele Jahre zurück. Du weißt doch, dass meine Mutter tödlich verunglückt ist, als ich noch ein ganz kleines Mädchen war.«

Angelika nickte. »Du hast mir mal alles erzählt, als wir noch im Internat waren. Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern. Ich bin zu dir ins Bett gekrochen, weil die Schwestern mal wieder so wenig geheizt hatten und wir unheimlich gefroren haben.«

»Genauso war’s. Aber ich hab dir nichts Genaues sagen können über den Tod meiner Mutter. Es wurde zu Hause immer so eine Art Geheimnis daraus gemacht. Erst in der letzten Zeit habe ich meinen Vater immer wieder gebeten, mir etwas über meine Mutter zu erzählen.«

»Und …?«

Gretel schüttelte den Kopf. »Ich bin immer bei ihm gegen eine Wand gestoßen. Erzählt hat er immer dasselbe. Wie gut sie sich verstanden und wie sehr er meine Mutter geliebt hatte. Aber ich wollte mehr wissen. Vor allem etwas über die Familie meiner Mutter, die hier ganz bei euch in der Nähe einen großen Bauernhof haben soll.«

»Wo?«

»In Elsterbach.«

»Kenne ich gut«, erwiderte Angelika lebhaft. »In Elsterbach gibt es den Gasthof Zur Eiche. Der gehört uns. Was war denn der Mädchenname deiner Mutter?«

»Angerer hat sie geheißen.«

»Angerer …« Angelika nickte. »Das ist wirklich der größte Bauernhof in Elsterbach. Die Leute nennen den Angerer den Dukaten-Bauer, weil der Großvater oder der Urgroßvater, das weiß ich nicht so genau, sein ganzes Barvermögen immer auf dem Hof aufbewahrt hat. Eben in lauter Dukaten. Vielleicht waren es auch ganz normale Goldstückl. Von diesem Hof stammt also deine Mutter?«

»Ja, und ich möcht mir mal meine Verwandtschaft ansehen. Onkel und Tante und einen Vetter soll’s auch geben.«

Angelika ließ den Motor an und legte den Gang ein. Dann fuhr sie gleich hinter der Bahnhofsstraße eine steile Bergstraße hoch, die weiter nach Tegernsee führte. Nach vier Kilometern zweigte eine Staatsstraße nach Mietenkam ab.

Gretel blickte sich aufmerksam um.

»Bei euch ist es einfach schöner als bei uns im Bayerischen Wald. Schon die Häuser! Das ist ein Stil, den ich gern mag. Mir geht es jedes Mal so, wenn ich dich besuche. Irgendwie fühle ich mich hier mehr daheim als bei uns.«

Angelika wusste gleich eine Antwort. »Das kommt wahrscheinlich daher, weil deine Mutter aus dieser Gegend stammt.«

»Mein Vater ja auch. Er ist in Schliersee geboren, wo sein Vater Oberförster bei den Wittelsbachern gewesen ist. Der war noch ein echter kurbayerischer Oberförster, der oft mit dem Prinzregenten zur Jagd gegangen ist. Vater ist erst kurz vor meiner Geburt in den Bayerischen Wald versetzt worden.«

»Vielleicht wird er mal wieder zurückversetzt?«

Gretel glaubte das nicht. »Er ist im vergangenen Jahr Oberforstrat geworden und verwaltet einen riesigen Bezirk. Einschließlich des neuen Naturparks, den sie bei uns eingerichtet haben.«

»Ist ja auch egal«, meinte Angelika. »Ich freu mich jedenfalls von ganzem Herzen, dass du jetzt bei uns bist.«

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