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Alpengold - Folge 238

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bluemchen

Als das Glück auszog …

Die zweite Frau des Vaters machte Sandra das Leben zur Hölle

Von Sissi Merz

Nach einem längeren Reha-Aufenthalt kehrt der verwitwete Mittfünfziger Johannes Riedmeier auf den Schlehenhof zurück – aber nicht allein. Der Großbauer hat sich nicht nur bestens von seinem schweren Herzinfarkt erholt, sondern er hat sich in der Kur verliebt und gleich Nägel mit Köpfen gemacht.

Seine Kinder Sandra und Florian staunen nicht schlecht, als er ihnen seine junge Frau vorstellt. Doch sie sind entschlossen, dem Vater das neue Glück zu gönnen. Allerdings entpuppt sich Marianne schon nach kurzer Zeit als die sprichwörtlich böse Stiefmutter und macht vor allem Sandra das Leben zur Hölle. Der verliebte Großbauer genießt derweil seinen zweiten Frühling und ist blind für Mariannes wahren Charakter. Während Sandra schon überlegt, den Hof für immer zu verlassen, bricht ihr Vater plötzlich zusammen und muss ins Spital eingeliefert werden. Und kurz darauf verschwindet sein geliebtes Marianderl, wie er seine zweite Frau liebevoll nennt, spurlos …

Es war noch früh am Morgen, die Sonne stieg eben erst über die charakteristische Spitze des Schinders und erfüllte das Tal des Schliersees mit goldenem Licht. Tief verschneit lag die liebliche Landschaft rund um das bekannte Gewässer an diesem Morgen Mitte Februar da, ein reines Postkartenidyll.

In den Pensionen und Hotels der Umgebung ging das Personal bereits seiner Arbeit nach, während die meisten Feriengäste noch in süßem Schlummer lagen. Erst später am Tag, wenn sich die Sessellifte hinauf zu Stolzenberg, Rotkopf und Huberspitz wieder in Bewegung gesetzt hatten, würden die Wintersportler den sonnigen Tag auf ihre Weise genießen.

Das Gebiet rund um die bekanntesten Seen Oberbayerns war touristisch seit langer Zeit erschlossen, doch die Menschen in dieser Gegend lebten nicht alle vom Fremdenverkehr.

Es gab durchaus auch noch traditionsreiche Bauernhöfe, die seit Generationen ihre Bewohner ernährten. Der Schlehenhof in Steinhausen am See war so ein Anwesen. Es gehörte in vierter Generation der Familie Riedmeier. Johannes Riedmeier hatte den Erbhof nach seiner Heirat von seinem Vater Alois übernommen. Das war nun mehr als fünfundzwanzig Jahre her.

Damals hatte der fesche Jungbauer die zarte Hoftochter Ursel Weller heimgeführt. Es war für beide Liebe auf den ersten Blick gewesen. Und als Ursel ihrem Johannes das Jawort gegeben hatte, war dieser sich vorgekommen wie der glücklichste Mensch auf Gottes schöner Erde.

Bereits nach Jahresfrist hatte ein strammer Stammhalter in der Wiege gelegen, und zwei Jahre später war noch ein kleines Madel auf die Welt gekommen, das seiner schönen Mutter sehr ähnlich geworden war.

Im Laufe der Jahre hatte Johannes sich zu einem gewieften Geschäftsmann entwickelt, der neben dem größten Hof in Steinhausen noch einen Viehhandel aufgebaut hatte. Er wollte für seine Kinder etwas schaffen, sie sollten stolz auf ihn sein.

Seine Zeit hatte er zwischen Hofarbeit und Geschaftelhuberei aufgeteilt und dabei offenbar vergessen, dass der Tag niemals mehr als vierundzwanzig Stunden hatte. Sein Privatleben hatte gelitten, denn ein erfolgreicher Geschäftsmann musste sich freilich auch lokalpolitisch betätigen, und einige Vorsitze in den ortsüblichen Vereinen durften ebenfalls nicht fehlen.

Ursel hatte sich irgendwann damit abgefunden, dass sie ihren Mann nur noch selten zu sehen bekam. Sie konnte sicher sein, dass er ihr treu blieb, denn seine Liebe zu ihr war echt und unverbrüchlich. Doch ein wahrhaft gemeinsames Leben zu führen, alles miteinander zu teilen, das stellte die Bäuerin sich anders vor. Allerdings wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, sich zu beschweren, dazu war sie zu still und zu sanft.

Sie hatte die Kinder erzogen, den Haushalt geführt, mit ihrer schönen Singstimme den Kirchenchor bereichert und ab und an mal einen Ausflug mit den anderen Landfrauen unternommen. Alles in allem kein schlechtes Leben. Aber das, worauf es wirklich ankam, hatte sie immer stärker vermisst. Erst als sie mit nicht einmal vierzig Jahren die Augen für immer geschlossen hatte, war dies auch Johannes zu Bewusstsein gekommen.

Wie ein eisiger Hieb hatte ihn die Erkenntnis getroffen und niedergestreckt. Das Liebste im Leben hatte er verloren – und wofür? Ein Ehrenamt mehr, eine gewonnene Kommunalwahl, einen neuen, protzigen Jeep, eine Einladung ins Jagdhaus des Ministers?

Der plötzliche und völlig unerwartete Herztod seiner Frau hatte den Riedmeier ganz aus der Bahn geworfen. Lange und intensiv hatte er getrauert, nichts im Leben hatte ihn noch reizen können, an nichts hatte er mehr Gefallen gefunden. Die halbwüchsigen Kinder hatte er der Hauserin Erika überlassen und sich über Wochen und Monate dem Suff hingegeben. Er hatte all seine Ämter niedergelegt und wollte von seinem alten Leben nichts mehr wissen.

Es wäre wohl weiter bergab mit dem Großbauern gegangen, und womöglich wäre der stolze Schlehenhof ganz verlottert, weil seinem Besitzer das Leben an sich zuwider geworden war. Aber dann war die kleine Sandra sehr krank geworden, ein Notfall, zu spät erkannt und wie durch ein Wunder eben noch dem Sensenmann von der Klinge gesprungen.

Nach einer durchwachten Nacht im Spital, vielen verzweifelten Gebeten und noch zahlreicheren Versprechungen, hatte der Großbauer sein Tief überwunden.

Sandra war gesund geworden, und ihr Vater führte fortan wieder ein geregeltes Leben. Ans Heiraten dachte er nicht mehr, auch wenn manche Nachbarin und Bekannte ihn sozusagen mit Kusshand genommen hätte. Doch von der Liebe wollte Johannes nichts mehr wissen, denn die hatte er mit seiner Ursel für immer begraben.

In der Zwischenzeit waren Sandra und ihr zwei Jahre älterer Bruder erwachsen geworden.

Die bildschöne Hoftochter, ebenso zart von Gestalt wie ihre selige Mutter, mit glänzendem Blondhaar und klaren tiefblauen Augen, hatte den beständigen Charakter des Vaters geerbt. Sie war klug und fleißig und eine umsichtige Wirtschafterin. Nach der mittleren Reife hatte sie die Haushaltsschule in Schliersee besucht und führte nun zusammen mit der schon betagten Hauserin Erika den Haushalt auf dem Schlehenhof.

Florian war ein ausgekochter Geschäftsmann, der den Viehhandel ausgebaut und noch profitabler gemacht hatte. Er war ein fescher Bursche, der den Madeln gefiel. Und die Madeln gefielen ihm. Bis vor einer Weile war er sozusagen der Platzhirsch von Steinhausen gewesen, hatte die Freundinnen wie die Hemden gewechselt und nicht mal im Traum daran gedacht, nur einer treu zu sein. Das hatte sich erst geändert, als er sein Herz an die bildsaubere und charakterstarke Hoftochter Vroni Holzer verloren hatte.

Der Hof der Holzers fand sich im Nachbarort Josephstal, war fast so groß wie der Schlehenhof und ernährte ebenfalls seit Generationen seine Bewohner. Der Holzer-Sepp war ein gemütlicher Mensch, der eine harmonische Ehe führte und bei dem das Gesinde ein gutes Leben hatte.

Seine Frau Walli hingeben war ein kleiner Feuerteufel, fix und hell im Kopf, gut im Rechnen und ebenso sparsam. Sie konnte aus allem etwas machen und war sozusagen die Seele des Hofes. Vroni kam ganz nach der Mutter, während ihr älterer Bruder Markus von ruhigem, gutmütigem Wesen war.

Von der Mutter hatte Vroni nicht nur die Willensstärke, sondern auch die Schönheit geerbt.

Als Florian Riedmeier zum ersten Mal in ihre veilchenblauen Augen schaute, da war es um ihn geschehen. Die hübsche Hoftochter hatte sein Herz gestohlen, und schon nach einem halben Jahr hatte das junge Paar Verlobung gefeiert.

Sandra hingegen war schüchtern, was die Burschen anging. Sie ging selten aus, auch wenn sie gern die Tanzfeste besuchte. Aber meist gab es auf dem Hof zu viel zu tun, und ihr ausgeprägtes Pflichtbewusstsein ließ es nicht zu, dass sie sich einfach mal einen Abend freinahm.

Vor knapp einem Jahr hatte Johannes einen schweren Herzinfarkt erlitten. Der Altbauer hatte Wochen auf der Intensivstation des Spitals in Schliersee verbracht, sein Leben hatte sozusagen am seidenen Faden gehangen. Dass er es letztendlich geschafft hatte, verdankte er der Meinung der Ärzte nach vor allem seiner robusten Natur und seinem eisernen Willen.

Nachdem der Altbauer aus dem Spital entlassen worden war, hatte er noch für ein halbes Jahr in die Rehabilitation gehen müssen. Diese Zeit neigte sich nun allmählich dem Ende zu, worüber alle auf dem Schlehenhof erleichtert waren.

Sandra hatte in den zurückliegenden Monaten viele Pflichten des Vaters übernommen und den Hof sozusagen in Eigenregie geführt. Ihr Bruder hatte ihr nach Kräften geholfen, und das Madel war überzeugt, dass alles nur deshalb wie gewohnt weitergegangen war, weil das Gesinde sie mochte und mitgespielt hatte.

Nun würde diese sehr anstrengende Zeit im Leben der Hoftochter bald vorbei sein, wofür Sandra dankbar war. Sie freute sich darauf, den Vater wieder daheim zu haben, denn sie wusste, dass es ihm wieder gut ging. Zwar musste er ein wenig kürzertreten als früher, doch er würde den Schlehenhof weiterhin führen können. Das war sehr wichtig für ihn, denn mit Anfang fünfzig wollte er noch längst nicht in den Austrag gehen.

An diesem sonnigen Wintermorgen hatte Sandra bereits einige Schreibarbeiten erledigt und im Stall nach dem Rechten gesehen, als sie sich nun neben ihren Bruder an den Frühstückstisch setzte.

Auf dem Schlehenhof war es Tradition, dass Bauersleute und Gesinde ihre Mahlzeiten gemeinsam am großen Tisch im Esszimmer einnahmen. Der Platz am Kopf der Tafel, wo sonst der Altbauer saß, blieb nun leer.

Andi, der Großknecht, sprach Sandra auf einige Dinge an, die an diesem Tag erledigt werden mussten, und behandelte sie dabei mit dem gleichen Respekt wie sonst den Bauern. Das Madel wusste dies zu schätzen.

»Wann kommt denn der Bauer nun heim?«, fragte die Hauserin Erika, nachdem alles besprochen war. »Wenn wir vorher noch backen und ein besonderes Willkommensessen richten wollen, müsste ich das wissen.«

»Ganz genau kann ich es dir noch net sagen, Erika. Der Vater ruft noch mal vorher an, das hat er versprochen.«

»Sollen wir ihn net aus der Reha-Klinik abholen?«, schlug Florian vor. »Dann muss er sich net mit dem Gepäck in der Bahn abquälen, und es ist bequemer für ihn.«

Sandra hob die Schultern.

»Wenn er sich meldet, frag ich ihn. Aber ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir ihn eh holen fahren. Na, mal schauen, was er sagt.«

»Du zählst gewiss die Minuten, bis der Vater wieder hinter seinem Schreibtisch sitzt, net wahr?«

»Ein bisserl schon. Aber ich freu mich auch einfach, dass er gesund ist und heimkommt.«

»Das tun wir alle«, versicherte Andi. »Und du sollst wissen, dass du deine Sache gut gemacht hast, Sandra. Als Bäuerin hast du dich in den vergangenen Monaten bewährt.«

Der Meinung war das gesamte Gesinde, denn alle klatschten Sandra einhellig Beifall.

»Lasst gut sein, ohne euch hätt ich’s net geschafft«, erwiderte das Madel verlegen. »Ich dank euch allen.«

Nach dem Frühstück fuhr Florian zur Viehhandlung, denn er hatte an diesem Morgen einige Termine mit Kunden. Seine Schwester kehrte ins Arbeitszimmer zurück und setzte sich hinter den wuchtigen Schreibtisch aus antiker Eiche. Dieser war ihr in den vergangenen Monaten recht vertraut geworden. Sie wollte dem Vater nun einen aufgeräumten Arbeitsplatz übergeben, alles sollte korrekt und geordnet sein.

Das Madel hatte sich gerade in die Lohnabrechnungen vertieft, als das Telefon klingelte.

Am anderen Ende meldete sich Johannes Riedmeier. Seine Stimme klang aufgeräumt und fröhlich.

»Übermorgen habt ihr mich wieder«, ließ er seine Tochter wissen. »Ich hoff, ihr habt euch net zu sehr an das Leben ohne mich gewöhnt.«

»Mei, Vaterl, du weißt genau, dass wir uns alle auf deine Heimkehr freuen. Ich hab dich arg vermisst. Und du wirst hier alles zu deiner Zufriedenheit vorfinden.«

»Das hört man gern. Ich hab ja gewusst, dass ich mich auf dich verlassen kann, Tschapperl. Sind denn auch alle gesund und munter? Keine Beschwerden?«

»Keinerlei, alles bestens. Du kannst dich auf ein feines Essen zum Willkommen freuen. Die Erika backt deinen Lieblingskuchen. Und die Vroni wird auch da sein.«

»Das ist schön. Aber wie steht’s mit einem Schwiegersohn? Noch nix in Sicht bei dir?«

»Mei, Vaterl …« Sandra lachte verlegen.

»Ich hab’s schon vermutet, dass du allerweil nur an die Arbeit gedacht hast und net an dich selbst. Es wird Zeit, dass du wieder ein bisserl mehr Zeit für die schönen Dinge des Lebens hast, mein fleißiges Madel.«

»Ist schon recht, Vater. Die Arbeit macht mir auch Spaß«, versicherte sie bescheiden. »Der Florian lässt übrigens fragen, ob wir dich abholen sollen. Oder magst du mit der Bahn kommen?«

»Ich komm schon heim, keine Sorge«, versprach der Großbauer. »Außerdem hab ich eine recht große Überraschung und bin schon gespannt, was ihr dazu sagen werdet.«

»Eine Überraschung? Was denn für eine?«

»Wenn ich’s verrate, ist’s fei keine mehr«, meinte Johannes lachend. »Du musst dich schon noch ein bisserl gedulden. Dann bis übermorgen, mein Madel. Ich freu mich aufs Heimkommen!«

»Und wir freuen uns auf dich«, betonte Sandra noch einmal. Nachdem das Telefonat beendet war, fragte sie sich, was der Vater wohl für eine Überraschung mitbringen wollte. Dass er aber auch nicht die kleinste Andeutung gemacht hatte! Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu sein.

Was Sandra und ihren Bruder tatsächlich erwartete, das hätte das Madel sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen ausmalen können …

***

Als Erika am nächsten Tag daran ging, ihre berühmte Schwarzwälder Kirsch zu backen, stellte sich heraus, dass zu wenig dunkle Kuvertüre im Haus war. Sandra, die an diesem Nachmittag noch ein paar Dinge im Kramladen der Hofstetter-Afra hatte besorgen wollen, versprach, das Fehlende mitzubringen.

Vroni Holzer leistete dem Madel an diesem Tag Gesellschaft. Die beiden waren im gleichen Alter und kannten sich noch aus Schultagen. Sie hatten sich immer gut verstanden, und Sandra freute sich darauf, dass Vroni ihre Schwägerin wurde. Sie war davon überzeugt, dass die Freundin die rechte Frau für ihren unsteten Bruder war.

Vroni hatte Florian von Herzen lieb, konnte aber auch streng sein, wenn es angebracht war. Sandra hatte festgestellt, dass der Hallodri bei seiner Liebsten handzahm wurde.

Vroni begleitete Sandra zum Kramladen, die Freundinnen stapften fröhlich durch den kalten, aber sonnigen Wintertag.

»Der Markus fragt mich allerweil nach dir«, ließ Vroni anklingen und bemühte sich, gleichmütig zu wirken. Sie wusste, dass ihr Bruder Sandra sehr gernhatte. Und sie hatte schon feststellen können, dass diese Sympathie von dem schönen Madel durchaus erwidert wurde. Weil aber beide sehr schüchterne Charaktere waren, würde wohl kaum einer den ersten Schritt tun.

Vroni hatte damit kein Problem. Es machte ihr sogar Spaß, ein wenig zwischen den zweien zu kuppeln, denn sie war davon überzeugt, dass sie wunderbar zusammenpassten.

Die patente Hoftochter hatte bereits so manche Andeutung in die entsprechende Richtung gemacht, jedoch bislang mit recht mäßigem Erfolg. Markus traute sich nicht, Sandra direkt anzusprechen oder gar einzuladen. Und das Madel wurde allein bei der Erwähnung des Jungbauern schamhaft rot. So auch jetzt.

»W

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