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Als das Leben unsere Träume fand

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Anmerkung
  7. Widmunug
  8. Zitate
  9. Erster Teil: Drei Reisen
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
  10. Zweiter Teil: Der Fleischmarkt
    1. Kapitel 14
    2. Kapitel 15
    3. Kapitel 16
    4. Kapitel 17
    5. Kapitel 18
    6. Kapitel 19
    7. Kapitel 20
    8. Kapitel 21
    9. Kapitel 22
    10. Kapitel 23
    11. Kapitel 24
    12. Kapitel 25
    13. Kapitel 26
    14. Kapitel 27
    15. Kapitel 28
    16. Kapitel 29
    17. Kapitel 30
    18. Kapitel 31
    19. Kapitel 32
    20. Kapitel 33
    21. Kapitel 34
    22. Kapitel 35
    23. Kapitel 36
    24. Kapitel 37
    25. Kapitel 38
    26. Kapitel 39
    27. Kapitel 40
  11. Dritter Teil: Der Ruf der Vergangenheit
    1. Kapitel 41
    2. Kapitel 42
    3. Kapitel 43
    4. Kapitel 44
    5. Kapitel 45
    6. Kapitel 46
    7. Kapitel 47
    8. Kapitel 48
    9. Kapitel 49
    10. Kapitel 50
    11. Kapitel 51
    12. Kapitel 52
    13. Kapitel 53
    14. Kapitel 54
    15. Kapitel 55
    16. Kapitel 56
    17. Kapitel 57
  12. Vierter Teil: Der Tango der Neuen Welt
    1. Kapitel 58
    2. Kapitel 59
    3. Kapitel 60
    4. Kapitel 61
    5. Kapitel 62
    6. Kapitel 63
    7. Kapitel 64
    8. Kapitel 65
    9. Kapitel 66
    10. Kapitel 67
    11. Kapitel 68
    12. Kapitel 69
    13. Kapitel 70
    14. Kapitel 71
    15. Kapitel 72
    16. Kapitel 73
    17. Kapitel 74
    18. Kapitel 75

Über dieses Buch

1913. Der zwanzigjährige Rocco aus einem Dorf in Sizilien hat sich mit der Mafia angelegt, der er nicht dienen will wie einst sein Vater. Rosetta, ebenfalls 20, hat mit dem Don ihres sizilianischen Geburtsorts die Stirn geboten und nur knapp eine Vergewaltigung überlebt, und die dreizehnjährige Raquel ist die einzige Überlebende eines Pogroms gegen ihr jüdisches Heimatdorf in der Ukraine. - Drei junge Waisen in auswegloser Situation begeben sich auf eine gefährliche Reise nach Argentinien, um dort ihr Glück zu finden. Doch das Leben, das sie in Buenos Aires erwartet, stellt sie abermals vor schier unüberwindbare Hindernisse.

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Bevor er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d‘Arte Drammatica Silvio D‘Amico. Seine Romane Der Junge, der Träume schenkte und Das Mädchen, das den Himmel berührte standen monatelang auf den ersten Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste.

Luca Di Fulvio

Als das
Leben unsere
Träume
fand

Roman

Aus dem Italienischen von
Katharina Schmidt und Barbara Neeb

Dieses Buch ist ein Werk der Fantasie. Jede Ähnlichkeit mit Tatsachen sowie lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig. Mit Ausnahme der Sociedad Israelita de Socorros Mutuos Varsovia, seit 1929 bekannt als Zwi Migdal. Aber sie hat schon lange vorher existiert. Und zwar vor den Augen der ganzen Welt.

Für meine Frau Elisa

Descendemos de los barcos.

Wir kommen von den Schiffen.

Redewendung aus Argentinien

Eine neue Chance beginnt immer mit der
vollständigen Vernichtung der Vergangenheit.

Jean-Christophe Grangé, Purpurne Rache

Erster Teil

Drei Reisen

1912

1

Alcamo, Sizilien

»Bottana!«, zischte jemand.

Doch Rosetta Tricarico setzte ihren Weg durch die staubigen Gassen von Alcamo fort, ohne sich nach der Frau umzudrehen, die sie als Hure beschimpft hatte.

»Bottana svergognata!«, rief eine andere, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete alte Frau, deren Gesicht mit zahllosen Falten übersät und von der unbarmherzigen Sonne Siziliens gebräunt war.

Schamlose Hure, so hatte sie sie genannt. Aber auch das konnte Rosetta nichts anhaben, sie hastete unbeirrt weiter, barfuß, in ihrem luftigen mohnroten Kleid, dessen Saum um ihre Beine flatterte.

An einem Tisch unter dem schilfgedeckten Vorbau der Osteria saßen ein paar Männer, in Hemden mit speckigen Kragenrändern und dunklen Westen mit ausgebeulten Taschen, die coppola tief in die Stirn gezogen, und mit Bartstoppeln am Kinn. Sie alle verschlangen Rosetta wie eine Jagdbeute mit geradezu gierigen Blicken. Einer spuckte einen zähen Klumpen Schleim aus, dunkel vom Tabak.

»Wo willst du denn so eilig hin?«, höhnte der Wirt, während er sich die Hände an seiner Schürze abwischte.

Die Männer lachten spöttisch, doch Rosetta ging wortlos und mit erhobenem Haupt an ihnen vorbei.

Einer der Männer trank einen großen Schluck süßen Passito. »Ich hab gehört, heut Nacht sind die Wölfe aus den Bergen gekommen«, sagte er, und wieder lachten alle. »Zum Glück haben sie meine Herde verschont«, fuhr der Mann fort.

»Wölfe suchen halt nur Huren heim, brave Christenmenschen lassen sie in Ruhe«, warf der Wirt ein, und alle Männer nickten.

Rosetta blieb abrupt stehen. Sie ballte die Hände zu Fäusten, hielt den Männern aber den Rücken zugewandt.

»Hast du uns was zu sagen?«, fragte einer herausfordernd.

Rosetta zitterte vor Wut, antwortete aber nicht. Schließlich riss sie sich zusammen und setzte ihren Weg zur Kirche San Francesco d’Assisi fort. Dort stürmte sie wie eine Furie in das Pfarrhaus und baute sich vor dem Pfarrer auf.

»Wie könnt Ihr so etwas zulassen, Pater?«, brüllte sie. Ihr Gesicht war weiß vor Wut, ihre Haare, schwarz und glänzend wie das Gefieder eines Raben, fielen offen über ihre Schultern, ihre dunklen Augen, von dichten Wimpern umrahmt, glühten im Zorn wie zwei brennende Kohlestücke. »Wie kann ein Mann Gottes wie Ihr nur so tun, als wäre nichts geschehen?«

»Was meinst du?«, fragte Pater Cecè sichtlich verlegen.

»Das wisst Ihr sehr genau!«

»Beruhige dich …«

»Heute Nacht haben sie zehn meiner Schafe getötet!«

»Ach so … das … natürlich«, stammelte der Pfarrer. »Man sagt, das waren die Wölfe …«

»Wölfe schneiden Schafen nicht die Kehle durch!«

»Aber mein Kind … wie kannst du das sagen …«

»Wölfe fressen Schafe auf«, fuhr Rosetta fort. In ihrem Blick lag jetzt neben Wut auch Verzweiflung. »Sie fressen sie! Sie lassen sie nicht einfach liegen!« Wieder ballte Rosetta die Hände zu Fäusten, so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. »Aber das wisst Ihr sicher«, fügte sie hinzu. »Wie könnt Ihr, wie könnt Ihr nur …?«

Pater Cecè seufzte, er fühlte sich sichtlich unwohl unter Rosettas Blick. Als er sich abwandte, bemerkte er, dass die Haushälterin sie belauschte. »Verschwinde!«, fuhr er sie an und schloss die Tür. Dann holte er aus dem hinteren Teil des Raumes zwei Stühle, die er einander gegenüber aufstellte. Einen davon wies er Rosetta zu.

Rosetta trat auf ihn zu und sah ihn lange an, ehe sie sich schließlich setzte. »Wie könnt Ihr das nur zulassen?«, fragte sie noch einmal.

»Ich habe dich lange nicht mehr in der Kirche gesehen«, entgegnete der Pfarrer.

Rosetta lächelte bitter. »Na und? Wenn ich in die Kirche komme, helft Ihr mir dann?«

»Unser Herr wird dir helfen.«

»Und wie?«

»Er wird zu deinem Herzen sprechen und dir raten, was du tun sollst.«

Rosetta sprang auf. »Ihr seid doch auch bloß ein Knecht des Barons«, rief sie verächtlich.

Der Pfarrer stieß noch einmal einen tiefen Seufzer aus. Dann beugte er sich vor und nahm Rosettas Hand, doch sie schüttelte ihn ab.

»Setz dich wieder hin«, forderte Pater Cecè sie sanft auf.

Und Rosetta setzte sich.

»Du kämpfst jetzt schon über ein Jahr, meine Tochter. Seit dem Tod deines Vaters«, begann der Pfarrer. »Es ist an der Zeit, aufzugeben.«

»Niemals!«

»Aber sieh doch: Niemand kauft mehr von deiner Ernte, sie verfault auf dem Feld. Vor zwei Monaten ist gar die Hälfte davon verbrannt …«

Rosetta ließ den Blick zu ihrem rechten Unterarm wandern, der von einer Brandnarbe gezeichnet war.

»Und je länger dieser Streit zwischen dir und dem Baron dauert, desto seltsamer und trotziger wirst du.« Pater Cecè deutete auf ihr Kleid. »Sieh dich doch bloß an, sieh doch, was für ein Kleid du trägst …«

»Was ist daran auszusetzen?« Rosetta blickte den Pfarrer an. »Ich bin keine Witwe, also muss ich auch nicht Schwarz tragen. Der Rock reicht bis zu den Knöcheln, und die Brüste sind bedeckt.«

»Hör dir doch zu, wie du redest«, seufzte der Pfarrer.

»Wie eine bottana«, höhnte Rosetta und sah ihm fest in die Augen. »Aber ich bin keine Hure. Und das wisst Ihr.«

»Ja, das weiß ich.«

»Alle schimpfen mich eine Hure, nur weil ich mich nicht beuge …«

»Das verstehst du nicht!«

»O doch, ich verstehe sehr gut, um was es geht!« Wieder sprang Rosetta auf. »Der Baron besitzt Hunderte Hektar Land, aber er hat sich in den Kopf gesetzt, auch noch meine vier Hektar zu bekommen, weil dort der Bach verläuft. Dann würde ihm alles Wasser gehören. Aber dieses Land gehört mir! Meine Familie schuftet dort seit drei Generationen, und genau das will ich auch, das ist alles. Die Leute aus dem Dorf sollten mir helfen, aber alle haben Angst vor dem Baron. Sie sind allesamt Feiglinge, elende Feiglinge.«

»Du verstehst es nicht«, sagte Pater Cecè. »Natürlich fürchten die Leute den Baron, aber glaubst du wirklich, dass das der Grund ist, weshalb sie auf dich losgehen? Du irrst dich, du hast nichts verstanden. Für sie bist du noch viel gefährlicher als der Baron … Und in mancherlei Hinsicht muss ich ihnen sogar recht geben. Du bist eine Frau, Rosetta.«

»Ja und?«

»Was wäre, wenn andere Frauen sich auch so benehmen würden wie du?«, ereiferte sich Pater Cecè. »Das ist gegen die Natur! Gott selbst verdammt es!«

»Ich bin genauso viel wert wie ein Mann!«

»Genau das verdammt Gott!« Der Pfarrer packte sie bei den Schultern. »Eine Frau muss …«

»Diese Leier kenne ich«, unterbrach Rosetta ihn und schüttelte seine Hände ab. »Eine Frau muss heiraten, Kinder kriegen und die Schläge ihres Ehemannes ohne Gegenwehr hinnehmen, ganz wie eine brave Magd.«

»Wie kannst du das heilige Sakrament der Ehe so in den Schmutz ziehen?«

»Mein Großvater hat seine Frau geschlagen. Bis aufs Blut!« Rosettas Nasenlöcher bebten vor Wut. »Und mein Vater ebenso meine Mutter. Er hat ihr das ganze Leben lang vorgeworfen, ihm nur eine Tochter geboren zu haben. Wenn er betrunken war, schlug er sie mit dem Gürtel. Und dann schlug er auch mich und sagte, ich wäre nur für eine Sache gut: für einen Mann die Beine breitzumachen.« Rosetta ballte die Fäuste, die Erinnerung an diese Zeit füllte ihre Augen mit Tränen der Wut und des Schmerzes. »Ist das Eure von Gott geheiligte Ehe? Dann hört mir genau zu: Ich werde niemandem erlauben, mich zu schlagen wie ein Stück Vieh!«

»Dann verkaufe.«

»Nein.«

»Ich mache mir Sorgen um dich …«

»Macht Euch lieber Sorgen um Eure Seele, wenn Ihr den Bauern Absolution erteilt, die meine Schafe umgebracht haben.« Rosetta starrte den Pfarrer wütend an. »Ihr habt meinen Vater doch von seinen Sünden losgesprochen, oder? Hat er Euch gesagt, dass er mir mit dem Gürtel die Haut vom Rücken geprügelt hat? Dass er mir mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen hat? Habt Ihr die Blutergüsse in meinem Gesicht nicht gesehen? Nicht die im Gesicht meiner Mutter? Habt Ihr unsere aufgeplatzten Lippen nicht gesehen, die selbst beim Beten des Ave Maria bluteten? Sie ist aus Angst, Leid und Trauer gestorben.« Rosetta hielt kurz inne. »Und Ihr habt ihn losgesprochen«, zischte sie schließlich voller Hass. »Behaltet Euren Gott, wenn das alles ist, was er Euch rät.«

»Versündige dich nicht! Er ist auch dein Gott!«

»Nein!«, rief Rosetta. »Mein Gott will Gerechtigkeit!« Sie lief zur Tür und riss sie auf. Und sah sich der Haushälterin gegenüber, die am Schlüsselloch gelauscht hatte. Rosetta stieß sie beiseite und verließ das Pfarrhaus.

Die Haushälterin bekreuzigte sich dreimal, als wäre sie dem Teufel höchstpersönlich begegnet, und murmelte: »Bottana

Rosetta trat ins Freie und wurde sogleich vom grellen Schein der Sonne geblendet. Vor der Kirche hatte sich eine kleine Gruppe Neugieriger versammelt, die sie schweigend anstarrten und ihr den Weg in die Gasse versperrten.

Rosetta lief mit klopfendem Herzen auf die bedrohliche Menge zu, obwohl sie am liebsten geflohen wäre. Ihr Atem ging schnell, das Blut hämmerte in ihren Schläfen, während ein leichter Windhauch ihre offenen schwarzen Haare zerzauste. Einen Schritt von dem ersten Dorfbewohner entfernt blieb sie stehen. Sie presste ihre Lippen zusammen und fixierte ihn mit dem Blick.

Der Mann zögerte kurz und trat dann beiseite.

Rosetta trat langsam einen Schritt und dann weitere vorwärts, während die Leute nach und nach zur Seite wichen.

Als Rosetta den letzten Mann passiert hatte, war sie am Ende ihrer Kraft. Dennoch zwang sie sich, so aufrecht wie möglich weiterzugehen und auch das Tempo nicht zu erhöhen. Doch kaum hatte sie die Ecke erreicht, an der sie zu ihrem Hof abbiegen musste, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei, und sie rannte los, als wären hundert Ungeheuer hinter ihr her.

Sie überquerte das Feld, auf dem die getöteten Schafe lagen, zwang sich, nicht hinzusehen, und rannte in das weißgetünchte Haus, in dem sie schon geboren worden war. Sie verriegelte die Tür von innen und lehnte sich keuchend dagegen. Plötzlich überkam sie ein Würgereiz, und sie fiel zusammengekrümmt auf die Knie. Sie stützte sich mit den Armen auf den sonnengetrockneten Backsteinfliesen ab und rang nach Luft.

Alle Dorfbewohner glaubten, sie würde nichts und niemanden fürchten. Doch innerlich wurde Rosettas Seele von Angst fast zerfressen, seit sie ein kleines Mädchen war. Und jede einzelne Nacht kehrten die Albträume zurück, um sie zu quälen.

Rosetta versuchte vergeblich, die Schluchzer zu unterdrücken, die sie schüttelten, und brach schließlich in Tränen aus. Immer und immer wieder murmelte sie die Worte, die sie als kleines Mädchen vor sich hin gesagt hatte, wenn ihr Vater sie bis aufs Blut schlug: »Es tut nicht weh … Es tut nicht weh …«

2

Sorotschinzy, Gouvernement Poltawa, Russisches Zarenreich

Mit dreizehn Jahren – selbst wenn man in einem schtetl in der Nähe von Sorotschinzy aufwuchs, das so armselig und gottverlassen war, dass es nicht einmal einen Namen hatte, selbst wenn man sich an die ständigen Pogrome von Polizisten und Bauern gewöhnt hatte, die in den Juden das Böse auf der Welt sahen, selbst wenn man zwanzig Grad unter null mit Holzpantinen an den Füßen und einem Stoffkleidchen voller Löcher überstand, selbst wenn man mit einer einzigen halbverfaulten Rübe im Bauch drei Tage überleben konnte –, mit dreizehn Jahren sollte niemand erfahren müssen, wie das Leben wirklich war. Und wie grausam es sein konnte.

Doch das Leben hatte beschlossen, Raechel Bücherbaum nicht das Geringste zu ersparen.

Es begann an einem Morgen, der so dunkel war, dass er unter den dichten, undurchdringlichen Wolken eher wirkte wie eine milchig trübe Nacht.

Wie an jedem schabbat begleitete Raechel ihren Vater zu dem ehemaligen Stall, den die Gemeinde zu ihrer Synagoge umgebaut hatte. An der Tür der schul, vor der man den ersten Schnee des Jahres zur Seite geschippt hatte, blieb sie stehen und verabschiedete sich vom Vater, um zur Außentreppe zu gehen, die auf den Heuboden führte. Dort hatte man die Empore eingerichtet, von der aus die Frauen getrennt von den Männern den Gebeten folgten. Doch dann bemerkte sie in dem den Männern vorbehaltenen Teil ein gelbliches Blatt Papier an der Wand. Neugierig reckte sie den Hals in dem Versuch, etwas von dessen Inhalt zu erhaschen, und setzte einen Fuß in den Raum.

»Halt, Raechel«, mahnte der Vater, den die Unbotmäßigkeit seiner Tochter keineswegs überraschte.

»Was steht dort?«, fragte Raechel, ohne den Blick von dem Blatt zu wenden.

»Geh weg!« Der Vater wedelte mit einer Hand in der Luft herum, wie er es tat, wenn er die Hühner scheuchte.

»Ich will nur wissen, was dort steht«, beharrte Raechel.

»Wenn es die Gemeinde betrifft, wird der Rabbi es nach dem schiur verlesen«, antwortete der Vater mit einem geduldigen Lächeln, bevor er sie mit einer Kopfbewegung des Raumes verwies, die auch seinen gewellten, in einer gepflegten Spitze auslaufenden Bart in Bewegung brachte. Er hob mahnend den Finger: »Beherrsch dich bitte und sing nicht wieder wie sonst lauter als alle anderen.« Dann verschwand er in der schul.

Raechel schnaubte und wandte sich der Treppe zur Frauenempore zu, blieb jedoch stehen, als sie Elias erblickte, einen mageren, pickligen Jungen in ihrem Alter.

»Guten Morgen, Elias«, begrüßte sie ihn mit einem übertrieben freundlichen Lächeln.

»Guten Morgen, Raechel«, brummte der Junge, ohne seine Schritte zu verlangsamen.

»Warte. Du musst mir einen Gefallen tun«, bat Raechel.

»Welchen?« Elias schien misstrauisch.

»Siehst du das Blatt da an der Wand?«, fragte Raechel immer noch lächelnd. »Ich will wissen, was darauf steht.«

Elias blickte zu dem Blatt, dann wieder zu Raechel. »Ich kann nicht lesen«, sagte er schulterzuckend.

»Das weiß ich. Du sollst es ja nur holen und mir geben, dann lese ich es dir vor.«

Doch Elias verharrte unschlüssig auf der Stelle und kratzte mit einem Fingernagel einen Pickel an seiner Wange auf.

In diesem Moment trat Tamar zu ihnen, das schönste Mädchen des ganzen Dorfes. Sie bedachte Raechel mit einem abfälligen Grinsen. »Grüß dich, Stachelschwein«, sagte sie und stieg die Stufen hinauf.

Elias’ Augen funkelten anzüglich. »Wenn die da mich um was bitten würde, dann würde ich es sofort tun«, sagte er und ließ ein dümmliches Kichern folgen.

»Und damit einen Riesenfehler machen«, antwortete Raechel schlagfertig. »Weil Tamar dir nie erlauben würde, ihre Brüste anzufassen, wie du es dir erhoffst.«

Elias’ Gesichtsfarbe wechselte zu knallrot.

»Außerdem kann auch sie nicht lesen. Also tu es für mich.«

Elias starrte ungeniert auf Raechels Brust. Die flach wie ein Brett war. Dann blickte er ihr ins Gesicht, in dem eine schmale lange Nase thronte. Und dazu hatte sie noch diese schrecklichen Haare, die sie nicht, wie all die anderen Mädchen, ordentlich zu Zöpfen geflochten trug, sondern offen und wirr abstehend wie Gestrüpp. Oder laut Tamar wie bei einem Stachelschwein. Aber zu guter Letzt war sie doch immerhin ein Mädchen. »Was krieg ich dafür, wenn ich es tue?«, fragte er grinsend.

»Dass ich dir keinen auf die Nase gebe, du pickliges Ferkel«, antwortete Raechel.

Das dumme Grinsen verschwand aus Elias’ Gesicht.

»Los, mach schon«, drängte Raechel.

Der Junge zögerte kurz, trat dann aber langsam zu dem Blatt, um es herunterzunehmen.

»Was machst du da, Elias?«, fragte ein Mann.

»Sie ist schuld«, rief Elias und deutete anklagend auf Raechel.

»Feigling!«, stieß Raechel voller Verachtung hervor.

»Was ist hier los?« Raechels Vater erschien jetzt ebenfalls in der Tür.

»Deine Tochter wollte offenbar, dass Elias ihr dieses Blatt gibt, und der Trottel hat ihr gehorcht.« Der Mann versetzte Elias einen Klaps. »Die Männer sagen den Frauen, was sie zu tun haben, und nicht umgekehrt, du Dummkopf.«

»Raechel, du bist störrisch wie ein Maulesel.« Der Vater schüttelte den Kopf, lächelte ihr dabei aber gutmütig zu. »Jetzt geh endlich hinauf.«

»Mach schon, du unverschämtes Ding«, befahl die zweite Ehefrau ihres Vaters, ein dürres Weib mit verhärmtem Gesicht, die hinzugetreten war, und packte sie grob am Arm.

Raechel versuchte, sich loszureißen.

»Sie hat nichts Unrechtes getan«, verteidigte der Vater seine einzige Tochter, die er nach dem Tod seiner ersten Frau allein aufgezogen hatte und über alles liebte.

»Genau, ich habe nichts Unrechtes getan«, wiederholte sie grinsend.

»Nein, natürlich nicht. Aber nur, weil du vorher erwischt wurdest«, erklärte ihr die Stiefmutter bissig und zog sie am Arm mit sich.

»Was steht da?«, beharrte Raechel.

»Hinauf mit dir«, befahl der Vater lachend.

Raechel ließ sich von ihrer Stiefmutter auf die Empore schleifen, wobei ihre Pantinen lauter als nötig auf den Stufen aufknallten. Du läufst wie ein Mann, dachte sie und begann sogleich, innerlich bis drei zu zählen.

»Du läufst wie ein Mann«, sagte ihre Stiefmutter sodann wie erwartet, und Raechel konnte sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. Es verging kein Tag, an dem die zweite Frau ihres Vaters ihr nicht vorhielt, hässlich und unscheinbar zu sein, unweiblich und gänzlich ohne Anmut, eben wie ein Junge. Und um sie zu ärgern, änderte Raechel ihr Verhalten nicht etwa, sondern verstärkte das Männliche darin eher noch. Außerdem weigerte sie sich standhaft, ihre störrische Haarmähne mit Bändern und Nadeln zu bändigen.

Oben auf der Empore drängelte sie sich unter Einsatz ihrer Ellenbogen bis in die erste Reihe durch und beugte sich vor, um ihren Vater zu beobachten. Er war der chasan, der Vorbeter der Gemeinde, der nun mit seiner Tenorstimme die Melodie des schiur anstimmte und die ungeübteren Stimmen der Gläubigen meisterhaft leitete, damit sie die Gebete richtig sangen. Mein Vater ist der beste Vorbeter, den ich je gehört habe, dachte Raechel stolz. Sie selbst sang auch gut, aber Frauen durften nicht chasan werden. Überhaupt konnten Frauen all die Dinge nicht tun, die Spaß machten und die Männer taten. Raechels wahre Leidenschaften waren das Lesen und das Schreiben. Sie konnte von rechts nach links schreiben, und zwar alle Lettern ihrer Sprache. Und sie konnte sogar von links nach rechts schreiben, sowohl diese seltsamen kyrillischen Buchstaben des Russischen als auch die der westlichen Welt. Sie hatte alles gelesen, was sie in die Finger bekommen hatte, selbst wenn ihr das als Mädchen eigentlich verboten war. Allerdings waren das immer nur heilige Schriften gewesen, und sie träumte davon, einen Roman zu lesen. Doch das war strengstens verboten, die Lektüre eine schanda, eine Sünde, und so hatte niemand in ihrem schtetl je einen Roman zu Gesicht bekommen. In Raechels Augen war das nicht richtig. Es gab überhaupt viel zu viele ungerechte Vorschriften, die eine Frau dazu zwangen, nicht so frei leben zu können wie ein Mann.

»Baruch atta Adonai, elohenu melech ha-olam …«, sang Raechel mit dem Chor.

»Nicht so laut!«, mahnte die Stiefmutter verärgert.

Normalerweise hätte Raechel nun erst recht lauter gesungen, aber heute kreisten ihre Gedanken um das Blatt, das unten an der Wand hing. Es musste sich auf etwas beziehen, das nichts mit ihrem schtetl zu tun hatte, da Gemeindeangelegenheiten auf den Versammlungen besprochen wurden. Mündlich, denn schließlich konnten nur der Rabbi, sein Sohn, Raechels Vater und sie selbst lesen, alle anderen konnten nicht mehr als ihren Namen schreiben. Das ganze schiur über kreisten Raechels Gedanken um den geheimnisvollen Aushang.

Als der Rabbi endlich das Blatt nahm und sich mit einem Räuspern über den langen weißen Bart strich, wurde es totenstill im Raum. Alle lauschten gespannt den Worten des Rabbi, der sie quälend langsam und genauso salbungsvoll vorlas, als würde er die heiligen Worte der Torah verkünden. Raechels Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, doch als er geendet hatte, ließ das Mädchen ihrer Begeisterung freien Lauf und sprang aufgeregt auf der Empore auf und ab.

Nur fünf Personen ihrer kleinen Gemeinde erfüllten die auf dem Papier geforderten Eigenschaften. Und eine davon war sie selbst.

Auf dem Heimweg hakte sich Raechel bei ihrem Vater unter. Sie musterte ihn schweigend, in der Hoffnung, er würde etwas sagen. Doch einzig und allein das Knirschen ihrer Schritte auf dem gefrorenen Schnee war zu hören.

Offensichtlich in Gedanken über das Gehörte vertieft, schwieg ihr Vater den ganzen Weg über, und seine Miene war finster. »Nein, du bist zu jung«, sagte er schließlich, als sie zu Hause ankamen.

»Aber Vater!«, protestierte Raechel.

»Geh und sammle die Eier ein«, befahl er.

»Warum darf ich nicht mit?«, fragte Raechel aufgebracht.

»Weil du zu jung bist«, wiederholte der Vater.

Die Stiefmutter packte sie am Arm und schob sie auf den Hühnerstall zu. »Nun sammle schon die Eier ein, dumme Gans«, rief sie mit gewohnt hasserfüllter Miene.

»Lass mich los!« Raechel befreite sich aus ihrem Griff und rannte davon. Erst zum Sonnenuntergang kam sie wieder nach Hause.

Die Mutter empfing sie mit einem herausfordernden Grinsen. »Ohne Abendessen ins Bett mit dir, du unverschämtes Ding.«

»Nein«, ging der Vater dazwischen. »Bei dem Wenigen, das wir haben, kann sich keiner leisten, das Abendessen auszulassen.« Er sah seine Frau streng an. »Für meine Tochter würde ich mir jeden Bissen vom Munde absparen.«

»Sie war ungehorsam«, wandte die Frau ein.

»Und dafür wird sie um Entschuldigung bitten«, erwiderte der Vater mit einer harschen Geste in Richtung seiner Tochter.

»Entschuldige«, flüsterte Raechel, ohne die Frau anzusehen.

»Glaubst du etwa, damit kommst du durch?«, beharrte ihre Stiefmutter.

»Das reicht!« Der Vater schlug gebieterisch mit der Hand auf den Tisch, und seine zweite Frau schwieg, mit vor Wut zusammengepressten Lippen.

Raechels Vater forderte seine Tochter auf, sich neben ihn zu setzen. Er schnitt das altbackene Brot und tauchte es zum Aufweichen in eine Tasse Brühe, gekocht aus einer alten Henne, deren Fleisch sie schon vor einer Woche gegessen hatten. Auch eine halbe Rote Bete legte er vor Raechel. »Iss jetzt, wir reden später.«

»Du musst dich so einem verzogenen Balg gegenüber überhaupt nicht rechtfertigen«, protestierte die Stiefmutter. »Sie muss dir bedingungslos gehorchen. In diesem Haus befiehlst du.«

Der Vater wandte sich mit einem strengen Blick an seine Frau. »Du hast recht, hier befehle ich. Auch über dich.« Seine Stimme war eisig. »Und ich habe gesagt, dass die Sache damit erledigt ist.« Er starrte sie an, bis die Frau den Blick senkte. Gebieterisch und kalt fügte er hinzu: »Lass uns allein. Meine Tochter und ich müssen reden.«

Als sie allein waren, forderte er Raechel auf zu essen. Raechel verschlang das Brot und die Rote Bete und wartete gespannt, was ihr Vater ihr zu sagen hatte.

»Wissen wir, wer die Leute sind, die die Nachricht hinterlassen haben?«, fragte ihr Vater.

»Aber …«

»Ja oder nein?«

»Nein.«

»Gut, also fangen wir damit an«, meinte er. »Die oberste Pflicht eines guten Vaters ist es, Sorgfalt walten zu lassen.«

Raechel biss sich auf die Zunge, um sich zurückzuhalten. Dieses Blatt Papier hatte in ihr eine Welt voller abenteuerlicher Vorstellungen erweckt, die weit aus diesem erbärmlichen schtetl hinausführten, in dem sie zu ersticken glaubte.

»Und die zweite, aber nicht minder wichtige Pflicht eines guten Vaters ist es, das Beste für sein Kind zu wollen …« Sein Blick trübte sich kurz. »Selbst wenn man sich von ihm trennen muss.«

Raechel fühlte einen Schauer der Aufregung über ihren Rücken laufen. Was bedeutete diese letzte Bemerkung? Hatte ihr Vater seine Meinung geändert? War er bereit, sie ziehen zu lassen?

»Wenn du drei oder auch nur zwei Jahre älter wärst, hätte ich die Sache in Betracht gezogen«, fuhr er fort. »Aber du bist noch ein Mädchen.«

»Ich bin dreizehn!«, protestierte Raechel. »Auf dem Papier stand: alle Mädchen im Alter von dreizehn bis siebzehn Jahren!«

Der Vater sah sie voller Liebe an. »Ich frage mich schon den ganzen Tag, ob ich mich nur aus Egoismus gegen den Gedanken sträube, mich von dir zu trennen. Du bist schließlich meine größte Freude.«

Raechel senkte den Blick und spürte, wie sie errötete. Sie hatte nicht einen Gedanken an die Trennung von ihrem Vater verschwendet, hatte überhaupt kein Problem darin gesehen. Das bereitete ihr nun ein schlechtes Gewissen.

Ihr Vater kannte sie gut und wusste, was in ihr vorging. »Das ist nicht schlimm«, sagte er gütig. »Ich weiß, dass du mich liebst.« Zärtlich strich er ihr durch die schwarzen Haare, deren ungezügelte Wildheit im Dorf so viel Spott und Missbilligung hervorrief. Er dagegen legte keinen Wert auf solche Äußerlichkeiten. »Wenn man jung ist, kann man nicht alles gleichzeitig bedenken. Es ist ein Vorrecht der Erwachsenen, den Berg einmal ganz zu umrunden, bevor man zu der Entscheidung gelangt, von welcher Seite man ihn besteigen will.« Er stieß einen tiefen Seufzer aus und beugte sich vor, um seiner Tochter nahe zu sein. »Du weißt doch, dass dein Name in unserer Sprache ›unschuldiges Lamm‹ bedeutet.«

»Ja, natürlich.« Raechel war ungeduldig.

»Und der Hirte muss über seine Herde wachen. Ganz besonders über die Lämmer, selbst wenn er sie in einen Pferch einsperren muss, damit sie durch ihr Ungestüm nicht in eine Felsspalte fallen«, sagte der Vater ruhig und zog sie zu einer liebevollen Umarmung an sich.

Raechel lehnte den Kopf an seine Schulter und genoss für einen Moment das Gefühl tiefer Geborgenheit. Es gab keinen anderen Menschen, bei dem sie sich so geliebt und beschützt fühlte wie bei ihm. Wie so oft wanderten ihre Gedanken zu ihrer Mutter, die gestorben war, als sie selbst noch ein kleines Mädchen gewesen war. Raechel erinnerte sich kaum an sie, und doch war sie sicher, dass ihre Mutter ganz anders gewesen sein musste als die zweite Ehefrau ihres Vaters. »War Mama eine gute Frau?«, fragte sie vorsichtig.

Der Vater schwieg einen Moment, dann strich er ihr erneut über das Haar. »Ja, sie war eine gute Frau«, sagte er ruhig, und seine Stimme klang zutiefst traurig.

Raechel umarmte ihn fest. »Konnte sie auch lesen?«, fragte sie schließlich und hob den Kopf von seiner Schulter.

»Willst du wissen, ob sie dich hätte gehen lassen?«

»Ja … Nein … Es ist bloß …«

»Sie war, was das Lesen betraf, wie alle Frauen hier im Dorf«, antwortete der Vater. Dann breitete sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht aus. »Aber ich habe es ihr heimlich beigebracht.«

Raechel traute ihren Ohren nicht. »Du hast es ihr beigebracht?«

»Ja. Weil nicht alle Vorschriften gerecht sind.«

In Raechel breitete sich ein Gefühl des Stolzes aus. Ihr Vater war wirklich ein besonderer Mensch. In der Gemeinde gab es keinen zweiten Mann wie ihn. Dann kam ihr ein Gedanke. »Und … die?«, fragte sie mit einem Nicken in Richtung Nebenraum, in dem ihre Stiefmutter war. »Warum hast du die da geheiratet?«

Der Vater ließ die Schultern hängen. »Weil du langsam älter wurdest und ich glaubte, wenn du allmählich zur Frau würdest, Unterstützung bei gewissen Dingen zu brauchen. Und … vielleicht auch, weil ich mich allein fühlte … Als Mann, meine ich.«

»Sie hasst mich«, sagte Raechel hart.

»Sie ist nur eifersüchtig.«

»Sie hasst mich!«

»Ich habe es nie geschafft, ihr auch nur einen Bruchteil der Zuwendung zu geben, die ich dir schenke. Ihr Verhalten dir gegenüber ist ihre Art, mich dafür zu bestrafen.« Der Vater sah Raechel liebevoll an. »Sie kann nicht hinnehmen, dass eine zweite Frau weniger wichtig ist als eine Tochter. Aber mach dir darüber keine Gedanken. Ich werde immer für dich da sein, und dir wird nichts geschehen.« Er strich ihr zärtlich über die Wange. Dann holte er tief Luft. »Also: Auf dem Blatt steht, dass eine Gesellschaft namens Sociedad Israelita de Socorros Mutuos Varsovia Mädchen sucht, die sie ihrem erbärmlichen Leben entreißen will, um ihnen stattdessen respektable Ehen und gute Stellungen als Dienstmädchen in den Haushalten reicher Juden in Buenos Aires in Argentinien zu vermitteln …« Er streifte seine Tochter mit kummervollem Blick. »Auf der anderen Seite der Welt.«

»Aber ich werde dir schreiben! Ich werde dir all das Geld schicken, das ich verdiene, damit du zu mir kommen kannst!«, rief Raechel.

Der Vater schüttelte den Kopf. »Ich werde nicht dort sein können, um dich zu beschützen«, sagte er und stand auf. »Und du bist noch zu jung, um auf dich selbst aufzupassen.« Erneut strich er ihr zärtlich über den Kopf. »Reden wir nicht mehr darüber. Und jetzt geh schlafen.«

Am nächsten Tag beobachtete Raechel, wie vier Mädchen aus dem Dorf, unter ihnen auch Tamar, miteinander tuschelten. Ihren strahlenden Blicken entnahm sie, dass sie abreisen würden.

»Und was ist mit dir, Stachelschwein? Kommst du nicht mit?«, höhnte Tamar.

»Nein, ich habe keine Lust.« Raechel ging mit schnellen Schritten die schlammige Straße im schtetl entlang, verfolgt vom Gelächter der Mädchen. Niemand sollte sehen, dass sich ihre dunklen Augen mit Tränen der Enttäuschung füllten. Irgendwann versteckte sie sich hinter einem Schuppen und trat wütend auf einen Hackklotz ein, bis eine ihrer Holzpantinen einen Sprung bekam. Sie erhob drohend die Fäuste gegen einen kleinen Jungen, der sie verwundert beobachtete und sogleich ängstlich davonrannte. Schließlich zerrte sie eine alte Axt aus dem Klotz, ging damit an den Waldrand und spaltete dort Holz, bis sie erschöpft auf einem Baumstamm niedersank. In ihrem Kopf war nur ein Gedanke: Tamar und die anderen Mädchen würden morgen nach Buenos Aires aufbrechen, wo auch immer das lag, und ein wunderbares Abenteuer erleben, das wie Manna vom Himmel gefallen war – wie ein echtes Wunder.

»Und ich werde hierbleiben und altes Brot mit Rote Bete essen«, schimpfte sie neidisch, »und die Hühnerkacke von den Eiern waschen.« Sie stand auf und richtete den Blick zum Himmel: »Adonai«, sagte sie ernst, »ich weiß nicht, ob du dieses Gebot geschrieben hast oder die Rabbis. Aber mein Vater hat recht, wenn er sagt, dass nicht alle Regeln gerecht sind. Und auch wenn es eine Sünde ist, gelobe ich hiermit, dass ich dafür kämpfen werde, einmal genauso frei zu sein wie die Männer.« Die Dreizehnjährige richtete den Finger zum Himmel, auf den sie immer noch starrte, und bewegte die Hand beinahe drohend hin und her. »Und das meine ich ernst«, fügte sie hinzu.

Im gleichen Moment waren Lärm und laute Rufe zu vernehmen. Ein Blick in Richtung schtetl zeigte ihr, dass dort etwa fünfzig Bauern und Soldaten, allesamt Männer des Zaren, die Gemeinde angriffen. Ohne zu zögern rannte sie auf das Getümmel zu. Beim Laufen zerbrach die Holzpantine, die durch ihre Fußtritte einen Riss bekommen hatte, doch Raechel lief unbeirrt weiter, mit einem nackten Fuß, der immer wieder im Schnee versank. Eine Art Vorahnung schnürte ihr die Brust zu.

Je näher sie dem Tumult kam, desto deutlicher hörte sie die Beschuldigungen der Bauern und Soldaten: Die Juden vergifteten die Brunnen, schrien sie, die Juden verhexten die Ernte, damit sie schlecht wurde, sie zögen Gottes Zorn auf Mütterchen Russland herab, und sie hätten Christus’ Mörder beherbergt. Für Raechel war das nicht ungewöhnlich, denn wenn der Schrecken sich mit entwaffnender Regelmäßigkeit wiederholt, fürchtet man ihn zwar weiterhin, aber er überrascht einen nicht mehr.

Nach dem Angriff lagen viele Männer und Frauen des Dorfes am Boden, mit zerschlagenen, blutenden Gesichtern, mit gebrochenen Knochen und mit Wunden, deren Narben sie für den Rest ihres Lebens entstellen würden. Als Erster fiel Raechel der Rabbi ins Auge. Er hob kniend die Hände zum Himmel. Etwas an ihm war anders, auch wenn Raechel nicht gleich wusste, was. Bis sie bemerkte, dass sein langer, weißer Bart fehlte. Der war ihm mitsamt einem Stück seines Kinns abgeschnitten worden, von dem nun reichlich Blut herunterfloss. Und der alte Mann flehte den Herrn von Davids Volk mit zum Himmel erhobenen Händen an, er möge ihm verzeihen, dass er mit dieser Blöße vor sein Angesicht trat.

Erst dann bemerkte Raechel ihren Vater, der ganz in der Nähe des Rabbi reglos auf dem Boden lag. Sie schrie auf und rannte zu ihm.

Der Vater atmete rasselnd. In der Mitte seiner Brust senkte sich eine tiefe, unnatürliche Delle. Raechel wusste sofort, was das bedeutete, so etwas sah man auf dem Land häufiger, wo es nicht ungewöhnlich war, dass man von den Hufen eines Pferdes oder eines Stiers getroffen wurde. Oder mit Fußtritten misshandelt. Letzteres musste ihrem Vater widerfahren sein. Und Raechel wusste nur zu gut, dass solche Wunden tödlich waren, da das Blut nicht abfließen konnte, sondern im Inneren blieb. Manche Leute hielten eine Woche durch, andere hatten das Glück, sofort zu sterben.

»Vater …« Raechel begann zu weinen und beobachtete entsetzt, wie seine Augen, die sonst so lebendig funkelten, sich jetzt trübten.

Der Vater bewegte die Lippen in dem Versuch, etwas zu sagen, aber aus seinem Mund kam nur ein kleiner Blutklumpen.

Raechel wischte ihm sanft die Lippen ab.

Mit letzter Kraft nahm der Vater ihre Hand in seine. Dann versuchte er es noch einmal, doch er brachte nur ein unverständliches Gurgeln heraus.

»Streng dich nicht an, Vater«, sagte Raechel.

Doch er gab nicht auf, er hatte ihr etwas Wichtiges zu sagen, und ihm blieb nur noch wenig Zeit, das wusste er. Er bedeutete ihr, sich zu ihm vorzubeugen.

Gehorsam legte Raechel ihr Ohr an die Lippen des Vaters.

»Geh … fort …«, flüsterte er mit übermenschlicher Anstrengung.

Raechel wich zurück, überrascht und verwirrt zugleich.

Der Vater nickte, zum Zeichen, dass sie richtig gehört hatte. Er wiederholte mit einer Stimme, die nichts mehr mit der Klarheit des Vorbeters der Gemeinde gemein hatte: »Geh … fort … mei…ne … Toch…ter …« Dann verharrte er mit offenem Mund, während der Tod ihm den letzten Atemzug raubte.

3

Palermo, Viertel Mondello, Sizilien

»Rocco … Rocco …« Don Mimì Zappacosta betonte jede Silbe einzeln. Der Boss saß auf einem Korbstuhl unter dem Vordach seines Sommerhauses am Meer in Mondello und trank einen Schluck kalte Limonade, bevor er missbilligend den Kopf schüttelte. »Rocco«, begann er von neuem, »stimmt es, was man mir über dich erzählt?«

Rocco Bonfiglio, zwanzig Jahre alt und mit blondem Haar, das er von irgendeinem normannischen Vorfahren geerbt hatte, stand aufrecht vor Don Mimì und hielt dessen Blick stand. Hinter ihm warteten mit umgehängten Gewehren die beiden Männer, die ihn hergebracht hatten.

»Was erzählt man denn?«, fragte Rocco.

Don Mimì seufzte. »Wie lange kenne ich dich jetzt schon, Rocco?« Er trank noch einen Schluck und stellte dann das Glas auf dem Korbtisch neben seinem Sessel ab. Richtete eine schlichte Goldnadel am Aufschlag seines weißen Leinenjacketts und stand auf. »Ich kenne dich seit deiner Geburt!«, sagte er wohlwollend, während er lächelnd zu Rocco trat und sich bei ihm unterhakte. »Lass uns ein paar Schritte am Strand entlanggehen. Der Arzt sagt, Spazierengehen sei gut für meine Gelenke.« Er stützte sich auf Rocco, umklammerte aber dessen Unterarm mit seiner mageren Hand sehr fest, als wolle er ihn spüren lassen, wie stark er war.

Wortlos stiegen sie die fünf Stufen hinab und durchquerten den Garten voller Kaktusfeigenbäume und hoher Bougainvilleabüsche, deren violette Blüten aussahen, als wären sie aus Papier. Am Ende des Gartens öffnete einer der Männer mit Gewehr ihnen diensteifrig das Tor zum Strand. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und die Wasseroberfläche kräuselte sich leicht im Maestrale. Kleine Wellen schwappten träge an den Strand.

Rocco war angespannt. Es war niemals ein gutes Zeichen, wenn Don Mimì Zappacosta, der Boss der Stadtviertel Brancaccio und Boccadifalco in Palermo, zum Gespräch bat.

Der Tod seiner Mutter lag jetzt ein Jahr zurück, und noch auf dem Sterbebett hatte sie ihm eingeschärft, jeden Befehl von Don Mimì zu befolgen.

Wie alle hier es taten. Wie sein Vater es getan hatte.

Er selbst aber hatte sich dagegen entschieden. Er wollte ein anderes Leben als das, welches ihm vorbestimmt, zu dem er verdammt war.

An der Wasserlinie blieb Don Mimì stehen und ließ seinen Blick über das Meer und den verlassenen unberührten Strand wandern. Seine Hand umklammerte immer noch Roccos Unterarm. »Ein Paradies, nicht wahr?« Mit der freien Hand nahm er ein paar Stücke Brot aus seiner Jackentasche und warf sie von sich. Sofort stürzten sich einige Möwen darauf und zankten sich darum. Don Mimì lachte. »Und jeder muss sich sein Paradies selbst erobern.« Er warf den Möwen zwei weitere Brotkrumen hin. »Und jeder kann Stückchen für Stückchen das Paradies ergattern, das er verdient.« Er deutete auf die Möwen. »Schau sie dir genau an, Rocco. Sieht es so aus, als verschmähten sie mein Brot?«

Rocco schwieg.

»Hat man dir etwa die Zunge rausgeschnitten?«, scherzte Don Mimì. Und doch klang seine Stimme nicht so, als meinte er es lustig.

»Nein.«

»Auf welche der beiden Fragen ist das die Antwort?«

»Auf beide.«

»Sie haben dir die Zunge nicht rausgeschnitten, und die Möwen verschmähen mein Brot nicht, richtig?«

»Ja.«

»Ja.« Don Mimì nickte nachdenklich und lief weiter. Die beiden Leibwächter folgten ihnen in geringem Abstand. »Also stimmt es, was man mir über dich erzählt, Rocco?«

»Was erzählt man denn über mich?«, hakte Rocco noch einmal nach, obwohl er die Antwort kannte.

Don Mimì stieß einen tiefen Seufzer aus. »Minchia«, fluchte er, »du würdest selbst einen Heiligen zur Verzweiflung treiben!« Mit einem dröhnenden Lachen blieb er stehen, ließ Roccos Arm los und sah ihm fest in die Augen. Dann gab er ihm einen Klaps auf die Wange. »Man erzählt, dass du, anders als die Möwen hier, mein Brot durchaus verschmähst.«

Rocco wandte sich ab.

»Du verschmähst mein Brot also wirklich, Rocco?« Don Mimìs Stimme klang nun nicht mehr wohlwollend.

»Worüber genau beschwert Ihr Euch, Don Mimì?«, fragte Rocco.

»Das kann ich dir sagen: Nardu Impellizzeri, mein Statthalter in Boccadifalco, hat mir berichtet, dass du kein Ehrenmann werden willst«, erwiderte Don Mimì hart.

»Don Mimì …«, begann Rocco. Er mühte sich, mutig zu wirken, doch seine Anspannung stieg zunehmend, insbesondere, als sein Blick die goldene Nadel an Don Mimìs Jackenaufschlag streifte. »Ich will …«

»Ja – du willst was??«

»Ich will nicht zur Cosa Nostra gehören«, stieß Rocco in einem Atemzug hervor. »Nichts für ungut.«

»Nichts für ungut?«, rief Don Mimì laut und schlug Rocco hart ins Gesicht.

Dieser ballte die Fäuste und spannte die Muskeln an.

Die beiden Männer hinter ihnen traten einen Schritt vor, doch Don Mimì hielt sie mit einer knappen Handbewegung zurück. »Du gehörst längst zur famiglia, genau wie dein Vater«, sagte er.

»Mein Vater wurde umgebracht, als ich dreizehn Jahre alt war«, erklärte Rocco. Noch heute träumte er in manchen Nächten davon. In seinen Träumen sah er ihn auf dem Straßenpflaster vor der Kirche San Giovanni dei Lebbrosi liegen, die Augen weit aufgerissen und die Brust von einer Gewehrsalve zerfleischt, die Don Mimì gegolten hatte.

»Er starb ehrenvoll, indem er mir das Leben gerettet hat«, sagte Don Mimì. »Und seit dem Tag hat die famiglia für dich gesorgt. Ist es nicht so? Habe ich es dir je an etwas fehlen lassen?«

»Ich habe mir den Buckel krumm geschuftet in Eurem Weinberg«, antwortete Rocco. »Ich habe Euch alles mit meinem Schweiß zurückgezahlt.«

»Du hast mein Brot gegessen«, beharrte Don Mimì und bohrte einen Finger gegen Roccos Brust. »Ich hätte dich auf die Straße werfen können. Aber aus Respekt gegenüber deinem Vater habe ich dich bei mir behalten.«

»Eure Statthalter haben mir befohlen, arme Tagelöhner zu verprügeln, die ihr Land nicht verlassen wollten«, sagte Rocco. Das Blut pulsierte heftig in seinen Adern. »Und letzten Winter ist eins ihrer Kinder verhungert. Ihr habt sie zugrunde gerichtet.«

»Das haben sie schon selbst getan!«, erwiderte Don Mimì ohne jede Spur von Mitleid. »Ich habe ihnen ein großzügiges Angebot gemacht. Ich hätte es ihnen abgekauft, das Land. Aber die … dumme unwissende Bauern. Sie mussten ja zu diesen Sozialistenschweinen laufen. Sie haben diesen Jungen getötet.«

»Nein! Ich war es!«, brüllte Rocco. »Ich habe ihn auf dem Gewissen!«

»Red keinen Unsinn!« Don Mimì wurde wütend. »Wenn nicht du, dann hätte ein anderer diesen Job erledigt.«

»Aber ich war es«, sagte Rocco traurig. »Und deshalb werde ich nie zu Eurer famiglia gehören – oder zu irgendeiner anderen.« Er sah den Boss herausfordernd an, bevor er hinzufügte: »Ich bin nicht wie mein Vater.«

»Nein, das bist du nicht«, sagte Don Mimì voller Bitterkeit. Er musterte Rocco eine Weile schweigend, dann wandte er ihm den Rücken zu, warf den Möwen weitere Brotkrumen hin und beobachtete, wie sie sie verschlangen. »Das Leben ist eine schwierige Angelegenheit, Rocco«, sagte er langsam. »Viel komplizierter, als ein junger Mann wie du es erkennen kann.« Er entfernte sich ein paar Schritte, trat dann aber wieder zu Rocco und sah ihm fest in die Augen. »Und was willst du stattdessen werden?«

»Automechaniker in Palermo«, antwortete Rocco.

»Du kannst gut mit Maschinen umgehen, das stimmt. Das hat mir Firmino erzählt, der dir all das beigebracht hat, was er selbst wusste.«

»Der wurde auch umgebracht«, murmelte Rocco.

»Jeder stirbt früher oder später. Und in Sizilien ist Blei eine Krankheit wie jede andere«, sagte Don Mimì beiläufig, als wäre es belanglos. »Man tötet oder man wird getötet. Das Leben ist Krieg.«

»Aber dies ist nicht mein Krieg.«

»Ein Soldat kämpft den Krieg des Generals. Er hat nichts zu entscheiden.«

»Aber ich will entscheiden!« Rocco bereute den Satz sofort, aber es war zu spät.

Don Mimì wandte sich den beiden Leibwächtern zu. »Habt ihr gehört, was für einen Blödsinn er erzählt?« Und mit diesen Worten schlug er ihm mit dem Handrücken ins Gesicht.

»Macht das nicht noch einmal, Don Mimì!«, knurrte Rocco, dem es zunehmend schwerfiel, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seine dunklen Augen schienen zu glühen.

Doch Don Mimì schlug ihn noch einmal.

Rocco ballte die Fäuste, tat aber nichts.

»Glaubst du etwa, du kannst einfach so nach Palermo verschwinden und dort ungestraft Arbeit finden?« Don Mimì wirkte beängstigend ruhig. »Wie würde ich denn dann dastehen? He? Sag es mir!« Der Boss trat noch näher und flüsterte ihm ins Ohr: »So wahr mir Gott helfe: Dir wird niemand Arbeit geben.«

Rocco hielt seinem Blick stand, die Wangen gerötet von Ohrfeigen und Wut.

»Wie würde ich dastehen, wenn du nicht als Ehrenmann in meine famiglia eintrittst?«, fuhr Don Mimì fort. »Alle werden glauben, dass ich schwach bin. Und irgendjemand wird dann denken, dass man Don Mimì Zappacosta wirklich etwas abschlagen kann und damit einfach so davonkommt. Glaubst du etwa, das könnte ich mir erlauben?« Don Mimì legte Rocco eine Hand auf die Schulter, die Geste eines gütigen Vaters. »Das tut mir weh, Rocco. Es schmerzt mich sehr nach allem, was ich für dich und deine Mutter getan habe, Friede ihrer armen Seele.« Dann nahm er Roccos Gesicht in beide Hände. »Pe’ mia sei come un figghiu, picciottu. Du bist wie ein Sohn für mich. Was soll ich jetzt tun? Ein anderer an deiner Stelle wäre schon tot, begreifst du das? Dass du noch am Leben bist, hast du nur deinem Vater zu verdanken.«

Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs verspürte Rocco Angst. Er kannte die Methoden der Cosa Nostra, schließlich war er im Umfeld dieser Leute groß geworden. Und hatte sich mit der Zeit an ihr System gewöhnt, so wie jemand, der neben einer Müllhalde wohnt, irgendwann den Gestank nicht mehr riecht. Er hatte noch nie jemanden getötet oder sich an Schutzgelderpressungen beteiligt, und er hatte auch noch nie den Laden eines Kaufmanns angezündet, der kein Schutzgeld zahlen wollte. Er hatte sich aus allem rausgehalten. Doch im vergangenen Jahr war er zu einem so genannten avvicinato geworden. Das war so beschlossen worden, er hatte keine Wahl gehabt. Eines Nachts hatte man ihn betrunken gemacht und dann mitgenommen, um die Familie eines Tagelöhners zu verprügeln. Die Tat war seine Initiation gewesen, der erste Schritt zur Aufnahme in die famiglia. Rocco hatte daran nur unzusammenhängende Erinnerungen. Doch als er die armen Kerle zwei Wochen später im Stadtteil Boccadifalco auf der Straße getroffen hatte, waren sie zusammengezuckt und hatten ihn ängstlich gegrüßt. Rocco hatte sich schmutzig gefühlt und feige noch dazu. Später im Winter hatte ihm einer von Don Mimìs Soldaten grinsend erzählt, dass der Jüngste der Familie verhungert war. An diesem Tag hatte Rocco sich verändert. Und er hatte sich geschworen, niemandem jemals mehr etwas anzutun.

»Was soll ich nur mit dir machen, Rocco?«, fuhr Don Mimì fort, in diesem ruhigen Ton, der weitaus bedrohlicher war als lautes Gebrüll. »Soll ich mich von dir verabschieden, deinen Vater um Verzeihung bitten, mich wieder zu meiner Limonade setzen und dich denen da überlassen?« Er deutete auf die beiden Leibwächter, die jetzt Klappmesser in der Hand hielten.

Roccos Herz schlug schneller. Plötzlich war der Mut verschwunden, den er gestern noch bei Nardu Impellizzeri, dem Statthalter von Boccadifalco, an den Tag gelegt hatte.

»Hilf mir, Rocco.« Ein Lächeln des Bedauerns umspielte Don Mimìs Lippen. »Stell mich nicht mit dem Rücken zur Wand. Ein Mann, der mit dem Rücken zur Wand steht, hat keine Wahl. Zwing mich nicht, diese unglückselige Entscheidung zu treffen.«

»Was wollt Ihr von mir?« Rocco gelang es kaum, seine Stimme zu kontrollieren.

»Ich will nur einen Job als Automechaniker in Palermo für dich finden.« Don Mimì kniff ihn in die Wange. »Was ist denn so schlimm daran? Was? Sag es mir!«

Rocco sah ihn an, und mit einem Mal wich alle Kraft aus ihm. Entweder er beugte sich jetzt, oder er starb. So waren die Regeln der Mafia.

»Tritt in die famiglia ein. Mach mich stolz. Leg den Eid ab«, sagte Don Mimì wohlwollend. »Spiel nicht den toten Helden.«

Rocco senkte den Kopf, zum ersten Mal. Er war besiegt. Und zu jung, um zu sterben.

»So gefällst du mir, picciottu.« Don Mimì lachte. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte ihn nach unten. »Knie dich hin, mein Junge.«

Roccos Knie versanken im Sand.

Don Mimì zog die goldene Nadel aus dem Revers, nahm Roccos rechte Hand und stieß die Nadel ohne das geringste Zögern tief in den Zeigefinger. Wartete, bis sich ein Blutstropfen bildete, und zog dann ein Heiligenbildchen aus der Tasche, auf das er den Tropfen fallen ließ. »Nimm es in beide Hände«, sagte er zu Rocco.

Das Blut befleckte das auf dem Bild abgebildete Gesicht, und so konnte Rocco nicht erkennen, um welchen Heiligen es sich handelte.

Don Mimì hielt ein brennendes Streichholz an das Bild und zündete es an.

»Sprich mir nach: Ich schwöre, dass ich der Cosa Nostra treu sein werde …«

»Ich schwöre … dass ich der … Cosa Nostra treu sein werde«, brachte Rocco stockend hervor, während das Heiligenbildchen Feuer fing und sich zusammenrollte.

»Wenn ich sie je verraten sollte …«

»Wenn ich sie je verraten sollte …«

»… soll mein Körper brennen wie dieses Bild.«

»… soll mein Körper brennen wie dieses Bild«, wiederholte Rocco, während die Flamme an seine Fingerkuppen züngelte.

»Bravo, picciottu«, sagte Don Mimì. »Jetzt bist du ein Ehrenmann.«

Rocco streckte die Finger, und das verkohlte Heiligenbildchen glitt wie ein schwarzer Schmetterling in der leichten Brise davon.

Don Mimìs Miene wurde mit einem Mal hart. »Von jetzt an bist du in meinem Haus nicht mehr willkommen«, stieß er hervor. »Du wirst meinem Statthalter gehorchen und ihm ein Zehntel deines Mechaniker-Lohns geben. Dein Leben gehört jetzt der famiglia, vergiss das nie.« Damit ging er, begleitet von den beiden Leibwächtern, zu seiner Villa, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Rocco kniete wie erstarrt im Sand und betrachtete mit gesenktem Kopf die Sandkörner vor sich, bis er schließlich langsam den Blick zum Meer wandte.

Ich lebe, dachte er, ohne dabei jedoch Erleichterung zu verspüren.

Denn innerlich war ihm, als wäre er schon gestorben.

4

Alcamo, Sizilien

Am Morgen stand Rosetta mit schwerem Herzen auf, doch sie konnte die Sache nicht länger hinauszögern.

Sie trat vor die Tür, holte einen Spaten aus dem Werkzeugschuppen und machte sich auf zu dem Feld, auf dem noch immer die abgeschlachteten Schafe lagen. Die heiße Luft war angefüllt vom Geruch nach Blut und Verwesung, Wolken von Fliegen umschwirrten die rot gefärbten Fellbündel.

Rosetta schlug einen Knoten in ihren Rock, sodass die Beine frei waren, und löste die obersten drei Knöpfe ihres Kleides bis zum Dekolleté. Dann schwang sie den Spaten hoch in die Luft und ließ ihn auf die harte, vertrocknete Erde niedersausen.

Sie brauchte beinahe eine Stunde, um das erste Loch auszuheben. Ihr Haar klebte nass an ihrer Stirn, der Schweiß brannte in ihren Augen, als sie ein Schaf bei den Hinterläufen packte, zu der Grube schleifte und es hineinwarf, bemüht, das Tier so wenig wie möglich anzusehen. Anschließend zerrte sie ein weiteres Schaf zu dem Loch, doch als sie es hineinwarf, landete der steife Körper des Tieres mit den Beinen nach oben. Rosetta blieb nichts anderes übrig, als sich in das Loch hinabzulassen und das Tier auf die Seite zu drehen. Dabei bemerkte sie, dass die Raben ihm die Augen ausgepickt hatten. Die Augenhöhlen waren nun leer, umsprenkelt von schwarzen Flecken, Wachstränen gleich. Rosetta wandte den Blick ab, kletterte aus dem Loch und bedeckte es mit Erde. Ein paar Meter weiter grub sie ein zweites Loch, tiefer und breiter als das erste, und warf drei Schafe hinein. Als sie auch dieses Loch wieder mit Erde aufgefüllt hatte, hielt sie keuchend inne. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Der Gestank war inzwischen kaum noch zu ertragen, die Fliegen schwirrten laut summend um sie herum, und ihr schweißnasses Kleid war voller dunkelroter Flecken. Hände und Schultern schmerzten. Erschöpft ließ sie sich zu Boden sinken.

»Weiber sind halt nicht so stark wie wir Männer«, hörte sie in diesem Moment eine Stimme hinter sich.

Rosetta fuhr herum und erblickte auf dem Zaun des Gatters fünf junge Burschen aus dem Dorf, die sie beobachteten.

Sofort breitete sich die vertraute Angst vor Männern in ihr aus, die sie in deren Gegenwart stets befiel. Sie sprang auf. »Verschwindet!«, schrie sie. »Das hier ist mein Land!«

Die Burschen sahen sie an und grinsten höhnisch, rührten sich jedoch nicht von der Stelle. »Und wenn nicht – was machst du dann?«, fragte einer.

»Verschwindet, oder ich hol die Gendarmen!«

»Wen meinst du?«, höhnte ein anderer. »Meinen Vater?«

»Oder meinen Vetter?«, setzte ein Rothaariger namens Saro nach.

Als hätte sie nicht schon vorher gewusst, dass die Gendarmen ihr nicht helfen würden. Ein feindseliges Schweigen breitete sich aus, während dessen die Burschen sie unentwegt anstarrten.

»Hübsche Beine hast du!«, sagte schließlich einer.

Erst in dem Moment wurde Rosetta bewusst, dass sie halbnackt dastand. Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken und löste hastig den Knoten des Rocks und knöpfte das Kleid zu.

Die Burschen lachten.

Wütend zeigte Rosetta mit dem Finger auf Saro. »Mit denen zusammen fühlst du dich stark, was?« Ihre Nasenflügel bebten vor Zorn. »Hast du etwa vergessen, wie du mir hinterhergelaufen bist und mich angebettelt hast? Hm? Hast du das auch deinen Freunden erzählt?«

Saro errötete heftig und spuckte in ihre Richtung aus. »Eine bottana wie dich fass’ ich doch nicht mal mit der Zange an.«

»Verschwindet«, wiederholte Rosetta.

»Du kannst mich mal!« Saro verschränkte trotzig die Arme vor der Brust, und die anderen taten es ihm gleich.

»Wir sehen dich halt gern an!«, sagte ein anderer.

Rosetta fühlte sich hilflos, in ihrem Hals bildete sich ein Kloß. Die Leute aus dem Dorf hatten unrecht, wenn sie dachten, sie hätte vor nichts und niemandem Angst. Jetzt zum Beispiel hatte sie Angst. Und manchmal seit dem Tod ihres Vaters hatte sie Angst, allein im Haus zu sein, schließlich war die Tür leicht aufzubrechen. Aber in einem hatten die Leute aus dem Dorf recht: Sie war stark. Und stur wie ein Maulesel. Also wandte Rosetta den jungen Burschen entschlossen den Rücken zu und begann, ein weiteres Loch zu graben. Sie ließ all ihre Wut am Boden aus und grub weiter, der Hitze und Erschöpfung zum Trotz.

»Du bist härter als Stein«, beschwor sie leise.

Erst als sie die letzten fünf Schafe begraben hatte, drehte sie sich mit herausforderndem Blick wieder zum Zaun um. Sie war vollkommen außer Atem, ihre Hände waren mit Blasen übersät, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, und ihre Beine zitterten.

Aber die jungen Burschen saßen nicht mehr dort. Rosetta war darüber nicht etwa erleichtert, sondern beunruhigt. Sie hatte sie nicht weggehen hören und lauschte nun angespannt. Nichts. Nur das Summen der Fliegen und das Zirpen der Zikaden in der sengenden Sonne des Südens.

»Ich mache mir Sorgen um dich«, hatte Pater Cecè gesagt.

Rosetta entschied, sich heute nicht im Bach zu waschen, sie wollte sich nicht ausziehen. Stattdessen lief sie zum Haus zurück, wobei sie immer wieder misstrauische Blicke über die Schulter warf. Im Haus verriegelte sie hastig die Tür hinter sich.

Sie aß einen Rest pane cunzato und trank ein halbes Glas Rotwein. Dann trat sie ans Fenster und sah hinaus auf die Felder. Niemand war zu sehen. Erschöpft sank sie auf ihr Bett und fiel sogleich in einen unruhigen Schlaf. Als sie zwei Stunden später aufwachte, war ihr Mund trocken und schmeckte nach den getrockneten Tomaten und Kapern des pane cunzato. Sie hatte Durst.

Rosetta schob den Riegel zurück und trat ins Freie. Die untergehende Sonne berührte bereits den Gipfel des Monte Bonifato, und die Natur kam allmählich zur Ruhe. Sie ging zum Brunnen, zog den Eimer hoch und trank einen tiefen Zug aus der hölzernen Schöpfkelle. Dann tauchte sie die Hände in den Eimer und wusch sich das Gesicht. Sie schloss die Augen und fuhr sich mit den nassen Händen über den Nacken. Sofort fühlte sie sich besser. Ich werde mich nicht geschlagen geben, dachte sie, während sie die obersten Knöpfe des Kleides öffnete, um auch den Oberkörper mit dem kühlen Wasser zu erfrischen. Denn mein Kampf ist gerecht. Und bei diesem Gedanken fühlte sie sich gleich stärker.

In diesem Moment warf ihr jemand eine Kapuze über den Kopf und packte sie bei den Schultern. Dann schlossen sich Hände um ihre Arme und hielten sie fest.

Rosetta schrie. Als sie versuchte, sich zu befreien, hörte sie, wie der Eimer zurück in den Brunnen fiel.

»Schrei, bottana, schrei. Hier hört dich niemand«, flüsterte jemand mit verstellter Stimme.

Rosetta hatte Todesangst. Bei jedem Atemzug legte sich der Stoff vor ihren Mund und ihre Nase. »Wer seid Ihr?«, schrie sie.

»Wir sind niemand.«

Dann wurde sie auf den Boden geworfen, eine Hand packte ihr Kleid, wo sie begonnen hatte, es aufzuknöpfen, riss es entzwei und entblößte ihre Brüste. Rosetta schrie unaufhörlich und versuchte, sich zu wehren. Sie stieß die Hand in Richtung des Angreifers vor, um ihn wegzustoßen, und als ihre Fingerkuppen den Hals des Mannes berührten, grub sie sofort ihre Nägel hinein. Der Mann stöhnte auf und schlug sie mit der Faust. Dann packten andere Hände erneut ihre Arme und hielten sie fest, weit auseinander wie bei Christus am Kreuz. Jemand schob ihren Rock hoch.

»Nein!«, schrie Rosetta und versuchte, sich loszureißen.

Ein schwerer Körper warf sich auf sie und spreizte ihre Beine.

Rosetta hörte, wie jemand ausspuckte, bevor eine speichelnasse Hand sie zwischen den Beinen befeuchtete. »Nein!«, rief sie noch einmal verzweifelt, in vollem Bewusstsein dessen, was nun geschehen würde. »Nein!«

Einen Moment später stieß jemand heftig in sie. Etwas in ihr riss, und sie war sogleich von Schmerz erfüllt, der ihr den Atem raubte und die Tränen in die Augen trieb.

Der Körper auf ihr begann, sich schnell auf und ab zu bewegen.

Rosettas Augen unter der Kapuze waren weit aufgerissen, ihr Mund zu einem Schrei verzerrt, doch kein Laut drang mehr über ihre Lippen. In ihren Ohren dröhnte nichts als das bestialische Keuchen des Mannes, der sie zu Boden drückte und von ihr Besitz ergriff.

Dann bäumte der Körper über ihr sich auf und bohrte sich ein letztes Mal tief in sie.

Rosetta hörte eine Art Grunzen und fühlte, wie sich eine lauwarme Flüssigkeit in sie ergoss.

Der Körper zog sich zurück. »Die bottana war noch Jungfrau«, sagte jemand mit höhnischem Lachen.

Doch es war noch nicht vorbei. Ein anderer Körper warf sich auf sie und machte dasselbe mit ihr wie der erste.

»Es tut nicht weh … es tut nicht weh …«, murmelte Rosetta nun vor sich hin.

»Nein, das tut nicht weh«, lachte jemand. »Das gefällt dir, was, bottana

Nach einer Weile grunzte auch dieser Körper, erstarrte kurz und füllte sie mit Flüssigkeit.

Dann kam der dritte an die Reihe, und schließlich sagte die Stimme, die als erste zu ihr gesprochen hatte: »Wag es ja nicht, die Kapuze abzunehmen, sonst schneid’ ich dir die Kehle durch.«

Rosetta blieb reglos liegen, während sie den sich schnell entfernenden Schritten lauschte. Sie war unfähig, sich zu bewegen, zu denken. Unfähig, das schreckliche Leid vollends zu empfinden, welches ihr zugefügt worden war. Unfähig, die Hölle wahrzunehmen, die in ihr tobte, und die tiefe Demütigung zu ermessen. Sie blieb einfach liegen, bis sie vor Kälte anfing zu zittern. Eine Kälte, die aus ihrem Inneren kam, von dort, wo sie an Leib und Seele verletzt worden war.

Erst da zog sie sich mit bebenden Fingern die Kapuze vom Kopf. Als es ihr endlich gelang sich aufzurichten, ließ das Licht der untergehenden Sonne das Blut, das an ihren Schenkeln entlanglief, tiefrot erscheinen. Rosetta stand mit weit aufgerissenen Augen und Mund da. Sie blickte zum Haus. Und dann hinüber zu dem Feld, auf dem sie die Schafe begraben hatte. Und weiter dorthin, wo die verkohlten Olivenbäume ihre verkrüppelten Äste in den Himmel streckten und die Erde noch schwarz war nach dem Brand vor zwei Monaten.

Sie bewegte die Lippen, als wollte sie um Hilfe rufen, aber kein Laut entwand sich ihrer Kehle. Sie spürte nicht einmal, dass sie atmete. Oder ob ihr Herz noch schlug. Sie war wie tot.

Nur eins hörte sie in der Ferne: die Glocke der Kirche San Francesco d’Assisi.

Und da lief sie los, den steinigen Weg entlang, mechanisch, ohne es überhaupt zu merken. Mit langsamen, unsicheren Schritten. Wie im Traum. Als sei es gar nicht sie, die lief.

In Alcamo angekommen, spürte sie weder, dass die Dorfbewohner sie anstarrten, noch bemerkte sie, dass alle hinter ihr herliefen.

Sie ließ sich allein von dem Nachklang der inzwischen verstummten Glocke leiten, dem einzigen Geräusch, das zu ihr durchgedrungen war.

So gelangte sie zur Kirche San Francesco d’Assisi, stieg die Eingangsstufen hinauf und öffnete die Tür.

»Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto«, sprach Pater Cecè gerade das abendliche Rosenkranzgebet.

Rosetta machte einen Schritt in die Kirche hinein.

»Sicut erat in principio et nunc et semper et in sæcula sæculorum«, erwiderten die alten Frauen im Chor.

Rosetta, deren Beine nachzugeben drohten, stützte sich auf eine Bank, die daraufhin ein lautes Ächzen von sich gab.

Die Frauen und Pater Cecè drehten sich um und verstummten.

Rosetta bot einen erbarmungswürdigen Anblick. Das zerrissene Kleid gab den Blick auf ihre Brüste frei, und durch den langen Riss an den Beinen entlang war das Blut zu sehen, das die Schenkel heruntergelaufen war. In ihren Augen stand ein Schmerz, der im dämmrigen Licht der Kirche mitleiderregend aufleuchtete.

Hinter ihr drängten wie bei einer düsteren Prozession die Dorfbewohner in die Kirche, die ihr gefolgt waren.

Da breitete Rosetta, so zugerichtet und voll der Schande wie eine Maria Magdalena, mit erhobenen Handflächen die Arme aus, als wolle sie sich der Gemeinde überliefern, und sagte mit gebrochener Stimme in die Stille hinein: »Ihr habt gewonnen.«

»Amen«, murmelte eine Frau und bekreuzigte sich.

5

Sorotschinzy, Gouvernement Poltawa, Russisches Zarenreich

Raechels Vater wurde auf dem Friedhof des schtetl begraben.

Der alte Rabbi, dessen Kinn mit immer noch rot verfärbten Tüchern verbunden war und der aus Scham ob dieser Schande den Kopf gesenkt hielt, stimmte mit so schwacher Stimme das kaddisch an, dass es kaum zu hören war.

Raechels Augen waren vom Weinen geschwollen, doch als ihre Stimme sich zu der leisen des Rabbi gesellte und sie kraftvoll übertönte, klang sie so rein und dabei so voller Schmerz, dass niemand es wagte, sie zu unterbrechen oder zu tadeln, weil eine Frau das Totengebet eigentlich nicht anführen durfte.

Als die letzten Töne des kaddisch verklungen waren, schloss der Rabbi in der bewegten Stille mit den Worten: »Schma Jisrael, Adonai elohenu, Adonai echad.«

Höre Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige, ist einzig.

Da kniete Raechel behutsam neben dem Grab nieder und legte, wie das Begräbnisritual es vorsah, einen Stein auf die frisch aufgeschüttete Erde, evèn, der in ihrer alten Sprache den Stamm der Worte von Vater und Sohn in einem einzigen Wort vereinte. Und mit jedem weiteren Moment wuchs das Gefühl, alle Kraft würde sie verlassen, so wie ihr Vater sie verlassen hatte. Als sie ihre Finger in die Erde des Grabes krallte, glaubte sie dieselbe Eiseskälte zu spüren, die den Leichnam ihres Vaters umfing. Plötzlich erschien ihr die Zukunft wie ein unbezwingbarer Berg. Und in dieser Unsicherheit, in dieser Verlorenheit, war sie auf einen Schlag wieder nur ein dreizehnjähriges Mädchen, das nicht wusste, wie es sich dem Leben stellen sollte.

Kaum eine Stunde später trafen vier geschlossene Kutschen, jede von vier Pferden gezogen, im schtetl ein. Der ersten entstiegen drei Männer in langen schwarzen Kaftanen aus dicker Wolle mit Pelzkragen. Entschlossenen Schrittes traten sie auf den Rabbi zu.

»Schalom Aleichem«, grüßten sie respektvoll.

»Aleichem Schalom«, erwiderte der Rabbi mit gesenktem Kopf.

Raechel betrachtete das Geschehen mit einem mulmigen Gefühl. Das, was sie sich noch bis zum Vortag von ganzem Herzen gewünscht hatte und ihr als einmalige Chance erschienen war, flößte ihr nun Furcht ein. »Geh fort«, hatte ihr Vater kurz vor seinem Tod gesagt. Doch Raechel hatte der Mut verlassen, sie hatte keine Kraft mehr, weder um fortzugehen noch um zu bleiben. In diesem Augenblick verspürte sie nur den einen Wunsch: zu verschwinden, weg von diesem schrecklichen Schmerz und der nicht zu schließenden Lücke in ihrem Inneren. Sie musste nachdenken und eine Entscheidung treffen.

Bald war die gesamte Gemeinde versammelt. Die drei Männer aus der Kutsche schüttelten den Kopf angesichts der Wunden auf den Gesichtern und Körpern der Menschen. Dann gab der größte von ihnen, ein feister Mann mit geröteten Wangen, ein Handzeichen, und gleich darauf erschienen zwei weitere Männer, ebenfalls in bodenlange Kaftane gehüllt, die ein vier Fuß hohes Fass vor dem Rabbi abstellten.

»Darin ist nach dem Ritual geschächtetes und gepökeltes Fleisch«, sagte der feiste Mann. »Nimm es für deine Leute entgegen.«

»Baruch Schem Kawod, Malkhuto leOlam waEt«, sprach der Rabbi, und aus der Gemeinde waren gemurmelte Dankesworte zu hören.

»Ja, Rabbi. Gelobt sei der Name voll Ehre, seine Herrschaft sei für immer und ewig!«, nahm der feiste Mann die Worte des Rabbi auf. »Ich heiße Amos Fein. Habt Ihr die Nachricht gelesen, die wir Euch gesandt haben?«

»Ja«, erwiderte der Rabbi.

»Gut«, sagte Amos. »Und was habt Ihr beschlossen?«

»Werdet Ihr Euch um unsere Töchter kümmern?«

Amos drehte sich zu den beiden Männern um, die das Fass mit dem Pökelfleisch gebracht hatten. Er gab ihnen erneut ein Zeichen, woraufhin sie die Türen der Kutschen öffneten, aus denen sogleich etwa zwanzig lachende, fröhliche Mädchen ausstiegen.

»Sieh sie dir an, sie sind jetzt unsere Töchter«, verkündete Amos feierlich. »Die Sociedad Israelita de Socorros Mutuos Varsovia bietet ihnen die Möglichkeit, nicht an den Folgen von Not oder Verfolgung zu sterben. Frag sie doch einfach selbst, wenn du mir nicht glaubst.«

Der Rabbi musterte die Mädchen lange und blickte dann zu den Eltern der vier Mädchen aus seiner Gemeinde, die schweigend nickten. »Vier unserer geliebten Töchter werden mit Euch kommen«, verkündete er schließlich.

»Fünf«, meldete sich Raechel mit zitternder Stimme zu Wort.

»Nein, Rabbi«, rief die Stiefmutter und wandte sich mit schroffer Stimme an Raechel: »Dein Vater wollte nicht, dass du fährst. Ehre die Erinnerung an ihn, indem du seinen letzten Willen respektierst.«

»Mein Vater hat mir im Sterben gesagt, dass ich fahren soll«, protestierte Raechel schwach. »Das waren seine letzten Worte.«

»Lügnerin«, stieß die Stiefmutter voller Verachtung hervor.

Raechel sah sie mit leerem Blick an. Gestern noch hätte sie sich heftig widersetzt, doch nun fehlte ihr die Kraft dazu.

»Gut, entschuldige, Rabbi«, ging nun Amos dazwischen, der sich noch nicht von der Enttäuschung erholt hatte, die ihn beim ersten Anblick Raechels überkommen hatte. Dieses Mädchen hatte ganz und gar nichts Weibliches an sich. Ihr Gesicht war nicht gerade hübsch mit den hervorstehenden Wangenknochen, der langen Nase, den schmalen Lippen und den wirren Haaren einer Wilden. Und der magere Körper, der fast hölzern wirkte, mit den knochigen Schultern und ohne den geringsten Ansatz eines Busens, ließ sie mehr wie einen Knaben aussehen. »Ich will keinen Ärger. Wenn sie bleiben soll … dann soll sie bleiben«, sagte er.

»Gebt uns kurz Zeit, diese Frage zu klären«, erwiderte der Rabbi. »Folgt mir«, befahl er Raechel und ihrer Stiefmutter.

Vor dem Eingang zur schul blieb er stehen und bedachte beide mit einem strengen Blick. »Nun, wie stellt sich die Sache dar?«, fragte er schließlich Raechel.

»Wie ich es Euch gesagt habe«, antwortete Raechel. Ihr Herz schlug so heftig in ihrer Brust, als stünde sie an einem Abgrund.

»Das ist nicht wahr«, widersprach die Stiefmutter sofort. »Mein geliebter Mann wollte nicht, dass sie fährt, Rabbi. Er sagte zu ihr, sie sei zu jung und könne nicht für sich selbst sorgen.«

Raechel kam der Gedanke, dass der Vater recht gehabt und sie in ihrer Überheblichkeit nur nicht verstanden hatte, dass sie ohne ihn schutzlos war.

»Ist das so?«, fragte der Rabbi Raechel.

»Ja, aber dann«, begann Raechel mit leiser Stimme, »kurz bevor er starb … hat er mir gesagt, dass ich fortgehen soll.« Bei der Erinnerung brach ihr die Stimme vor Schmerz, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Wir waren nur wenige Schritte von Euch entfernt …«

»Ich habe seine Worte aber nicht gehört«, sagte der Rabbi.

»Er sprach ganz leise«, setzte Raechel erneut an.

»Hast du es gehört?«, fragte der Rabbi die Stiefmutter.

»Nein«, erwiderte diese.

»Wie hättest du ihn auch hören können?«, stieß Raechel voller Verachtung hervor. »Du bist ja davongelaufen. Du hast ihn allein sterben lassen …«

Die Stiefmutter errötete, sagte aber nichts.

Der Rabbi ließ seinen Blick von einer zur anderen wandern. »Hier steht ein Wort gegen das andere. Ich werde nach dem Gesetz entscheiden.« Er hob die Hand an sein Gesicht, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Der Bart, über den er wie so oft hatte streichen wollen, war weg. Er seufzte. »Ich habe die Art und Weise, in der dein Vater dich erzogen hat, immer missbilligt. Und ihm das stets gesagt«, begann er. »Er jedoch hat stets geantwortet, du seist mit mehr Intelligenz gesegnet als die anderen. Es sei eine Sünde gegen den Ewigen, diese zu beschneiden, sagte er.«

Raechels Herz zog sich zusammen. Wie sehr ihr Vater sie doch beschützt und geliebt hatte! In diesem Moment wurden ihr die vielen Freiheiten bewusst, die er ihr zugestanden hatte. Sie hatte ihnen wenig Bedeutung beigemessen, obwohl deren Durchsetzung den Vater wahrscheinlich tagtäglich Kämpfe gekostet hatte. Ohne ihn war sie nichts.

»Und nun sieh nur, was das Ergebnis seiner Erziehung ist«, fuhr der Rabbi streng fort. »Hochmut!«

Auf dem Gesicht der Stiefmutter breitete sich ein zufriedenes Lächeln aus.

»Du bist noch nicht volljährig«, sprach der Rabbi sein Urteil. »Und ich bestimme, dass die Frau deines Vaters deine Mutter wird.«

Raechel war wie gelähmt vor Entsetzen »Nein …«, hauchte sie. »Sie will nur …«

»Und wenn sie meint, es sei für dich das Beste, nicht zu fahren, dann sei es so«, fuhr der Rabbi unbeirrbar fort. »Du wirst ihr eine Stütze sein. Amen.«

»Nein«, wiederholte Raechel mit Tränen in den Augen. »Ich bedeute ihr nichts. Sie braucht nur eine Sklavin.«

Doch den Rabbi kümmerten ihre Worte nicht. »Frau«, sagte er zur Stiefmutter, »führe deine Tochter fort. Schließe sie, wenn nötig, zu Hause ein.« Er wandte sich an Raechel. »Ich hätte niemals gewünscht, dass dein Vater umkommt«, sagte er ernst. »Aber da es nun passiert ist, machen wir das Beste aus diesem Unglück und bringen dich auf den rechten Weg, den zu zeigen er dir nicht vermochte.«

Raechel starrte ihn an. »Wie könnt Ihr nur so von meinem Vater sprechen? Er war besser als ihr alle zusammen. Heuchler!«, stieß sie empört hervor.

Der Rabbi riss die Augen auf. »Der Teufel selbst spricht aus deinem Mund«, rief er. »Schaff sie fort, Frau!«

Die Stiefmutter packte sie sogleich mit festem Griff an einem Arm und zerrte sie mit sich.

Raechel wehrte sich nicht, sie war wie erstarrt. »Wie könnt Ihr so von meinem Vater sprechen …«, wiederholte sie fassungslos.

Als die Stiefmutter sie Minuten später ins Haus schob und die Tür hinter ihnen mit dem Holzriegel verschloss, war von draußen noch immer das muntere Geplapper der Mädchen zu hören. Kurz darauf war zu vernehmen, wie die Türen der Kutschen zugeschlagen wurden, Peitschen knallten, Pferde wieherten, und dann ertönte ein Knirschen, das Raechel verriet, dass die Kutschen in Gang gezogen wurden und die Räder die dünne Eisschicht aufbrachen, die wie Zuckerguss auf den Straßen des schtetl lag. Sie lief zum einzigen Fenster des Hauses und sah den schwarzen Kutschen hinterher, die sich im Schritttempo entfernten.

»Mach mir etwas zu essen«, befahl die Stiefmutter.

Raechel drehte sich um und bemerkte im Gesicht der verhassten Frau ein bösartiges, triumphierendes Lächeln. »Von nun an herrscht hier ein anderer Ton. Finde dich damit ab.«

Raechel wandte sich wortlos wieder zum Fenster und sah, dass die Kutschen schon weit weg waren. Mit jedem Meter, den sie zurücklegten, lastete die Bürde ihres zukünftigen Lebens schwerer auf ihr. Sie hatte nicht nur ihren Vater verloren, man hatte ihr auch noch jede hoffnungsvolle Aussicht genommen. Sie fühlte sich, als würde sie in eine undurchdringliche Dunkelheit versenkt, aus der es kein Zurück gab. Hier erwartete sie ein lebenslängliches Gefängnis. Ein kleiner Tod.

»Beeil dich«, drängte die Stiefmutter.

Raechel schlurfte mit hängenden Schultern zur Feuerstelle. Sie verrät Euch, Vater, dachte sie. Und sie verrät mich. Mechanisch rührte sie in der Suppe.

Wenig später klopfte es an der Tür.

»Übergib mir alle Bücher«, befahl der Rabbi. »Ich werde sie aufbewahren. In diesem Haus wird keine Frau mehr lesen.«

»Das ist alles, was mir von meinem Vater bleibt … Ich bitte Euch … nein«, rief Raechel, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Doch weder die Stiefmutter noch der Rabbi schenkten ihr Beachtung. Raechel sah zu, wie die Frau die Bücher zu zwei hohen Stapeln auftürmte, fand aber nicht die Kraft, sich zu widersetzen.

»Hilf mir, sie fortzutragen«, bat der Rabbi die Stiefmutter. »Allein schaffe ich das nicht.«

»Was ist mit ihr?« Die Stiefmutter deutete auf Raechel.

»Wohin soll sie schon gehen?«, fragte der Rabbi fast verächtlich. »Schließ die Tür von außen ab.«

Die beiden verließen mit den Büchern das Haus, und Raechel hörte, wie der Riegel von außen vorgeschoben wurde.

Sie trat ans Fenster. Die Kutschen waren nicht mehr zu sehen, aber sie konnte sich ungefähr vorstellen, wo sie jetzt waren. Dem Städtchen war ein kleiner Berg vorgelagert, um den die Straße, welche die Kutschen genommen hatten, herumführte. Diese in einer Art Halbkreis geführte Strecke war zwar deutlich länger als der direkte Weg über den Hügel, hatte aber den Vorteil, dass die – oft von schwachen oder alten Tieren gezogenen – Wagen nicht die Steigung hinaufmussten. Raechel dachte daran, wie sie als kleines Mädchen die Abkürzung über den Hügel genommen hatte, um ihren Vater auf seinem Weg zur Arbeit beobachten zu können. Dank ihrer schnellen Beine hätte sie den Vater stets einholen können, bevor er den Halbkreis der Straße hinter sich gebracht hatte. Sie hatte sich zuvor nur immer durch das Fenster zwängen müssen, das kaum größer war als eine Schießscharte, aber dazu war sie stets klein genug gewesen.

Und mit diesem Gedanken zerriss mit einem Mal der Nebelschleier, der sie seit dem Tod ihres Vaters umfangen hielt. Sie starrte auf das Fenster. Wie oft hatte ihr Vater, dem gottergebenen Lebensstil der Gemeinde zum Trotz, nicht betont, jeder Mensch sei das Ergebnis seiner eigenen Entscheidungen und jeder habe die Pflicht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen! In diesem Moment fasste Raechel einen Entschluss: Sie würde fliehen. Eilig trat sie zu ihrem Bett und zog unter ihrer Decke das einzige Buch hervor, das dem Rabbi und der Stiefmutter entgangen war. Das Gebetbuch ihres Vaters. Ein ganz besonderes Buch, mit einem abgenutzten Einband, das sie am Vorabend mit ins Bett genommen hatte, um sich dem Vater nahe zu fühlen. Raechel holte ein altes Leibchen hervor und wickelte das Buch darin ein, bevor sie zum Fenster zurückkehrte. Was sie vorhatte, war vollkommen verrückt. Aber sie hatte keine Wahl. Wenn sie hier blieb, würde sie zugrunde gehen.

Sie öffnete vorsichtig das Fenster und warf das Buch hinaus. Dann schob sie einen Hocker unter das Fenster, stellte sich darauf und steckte den Kopf durch die Öffnung. Ihr war sofort klar, dass ihre Schultern so niemals hindurchpassen würden, also zog sie den Kopf zurück und streckte erst die Arme hinaus. Dann schob sie den Kopf hindurch und schließlich mit großer Mühe auch die Schultern. Sie atmete tief aus und schob sich weiter vor, suchte mit den Fingern Halt an den Tannenstämmen, aus denen die Außenwand des Hauses gebaut war. Als sie sich bis zur Hüfte vorgearbeitet hatte, steckte sie fest. Nach mehreren erfolglosen Versuchen musste sie sich voller Entsetzen eingestehen, dass ihr die Kraft fehlte, sich vollends mit den Armen nach außen zu schieben.

Und genau in diesem Moment kam der picklige Elias vorbei. Der Junge starrte sie überrascht an und warf dann einen Blick über die Schulter zu den anderen Häusern.

Raechel wusste sofort, was er dachte. »Wenn du petzen gehst, bring ich dich um«, drohte sie ihm.

Elias tat dennoch einen Schritt in Richtung Dorf.

»Elias, ich bitte dich«, flehte Raechel ihn an.

Der Junge blieb stehen.

»Bitte … verrat mich nicht«, stöhnte Raechel. »Hilf mir …«

Elias kam langsam heran. »Was hast du vor?«, fragte er, als er nur noch einen Schritt von Raechels Armen entfernt war. »Willst du auch weggehen?«

»Hilf mir …«

»Alle geht ihr weg«, sagte Elias traurig.

»Hilf mir …«

»Wenn du jetzt auch noch gehst, bleibe ich ganz allein hier.«

»Bitte …«

Nach einem kurzen Zögern packte Elias sie an den Armen und zog, doch nichts geschah. Er versuchte es erneut, mit demselben Ergebnis, gab aber nicht auf. Immer wieder rutschte er aus, zog aber keuchend weiter.

Plötzlich spürte Raechel, wie etwas an den Beinen kratzte, und dann glitt sie durch die Öffnung und fiel in den Straßendreck. Sie rappelte sich auf und hob das Gebetbuch des Vaters auf. »Danke, du bist ein Freund«, sagte sie zu Elias.

Der Junge lächelte schüchtern. »Wirklich?«

»Ja, du hast mir das Leben gerettet.« Raechel gab ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund. Dann lief sie los, so schnell sie ihre Beine trugen.

Elias fuhr sich mit den Fingern über den Mund, als wolle er den ersten Kuss seines Lebens berühren.

Doch das sah Raechel nicht mehr. Sie rannte so schnell sie konnte zum Hügel und hinauf. Erst an seiner Kuppe blieb sie vollkommen außer Atem stehen. Sie blickte zum Friedhof hinüber. Aus dieser Entfernung wirkte das Grab des Vaters wie ein Häuflein aufgeschütteter Erde, ein unbedeutender dunkler Fleck auf der weißen Schneedecke. Raechel blickte in die entgegengesetzte Richtung und bemerkte beunruhigt, dass die Kutschen schon weit entfernt waren. Trotzdem entschied sie, einen Versuch zu wagen und ihnen hinterherzulaufen. Mit fliegenden Beinen rannte sie den Hügel hinab, doch als sie die Straße erreichte, waren die Kutschen nicht mehr zu sehen.

Das schaffe ich nie, dachte sie. Sie verlangsamte ihre Schritte, bis sie schließlich ganz stehen blieb. Ihr war zum Weinen zumute, und in ihrem Kopf war nichts als dieser eine Satz: Das schaffe ich nie.

Doch dann vernahm sie in der Stille dieses eisigen, gottverlassen Stückchens Erde auf einmal eine Stimme, die direkt aus ihrem Herzen zu kommen schien. »Doch, du schaffst das, meine geliebte Tochter«, hörte sie sich selbst sagen. Die Stimme ihres toten Vaters.

»Du hast mich nicht verlassen«, flüsterte sie gerührt und ließ ihren Tränen freien Lauf.

»Ich werde dich nie verlassen, meine Tochter«, sprach sie weiter, mit dem Gefühl, ihr Vater stünde an ihrer Seite.

Blind vor Tränen umklammerte sie das Buch.

»Nun, mein Kind, hör auf zu weinen«, sagte ihr Vater.

Aber Raechel konnte nicht aufhören. Die Tränen strömten aus ihr wie aus einem Fass ohne Boden.

»Hör auf zu weinen!«, befahl da ihr Vater energisch. Und kaum, dass das letzte seiner Worte in der Eiseskälte verklungen war, hörte Raechel ihren Vater sagen: »Lebe dein Leben. Voll und ganz.«

Raechel nickte und wischte sich die Tränen vom Gesicht. Dann lief sie los. Und jedes Mal, wenn sie das Gefühl hatte, sie könne nicht mehr weiterlaufen, dachte sie an ihren Vater und hörte ihn sagen: »Lauf, mein Kind, lauf. Du schaffst das.«

Und so folgte sie Schritt für Schritt weiter der Straße, die sie endgültig aus ihrem alten Leben in ein neues führte, von dem sie nicht wusste, wie es aussehen und ob sie es überhaupt je finden würde.

Einige Mal näherten sich von hinten Bauern mit ihren Karren.

»Versteck dich«, riet der Vater ihr dann, woraufhin Raechel sich sofort in die Felder schlug und sich auf die eiskalte, nasse Erde in den Ackerfurchen kauerte.

Als die Sonne langsam unterging, sagte sie: »Ich habe Angst, Vater.«

»Ich bin hier, um dich zu beschützen«, antwortete er. »Gib nicht auf.«

»Gleich wird es dunkel …«

»Ich werde dir den Weg leuchten.«

»Die Wölfe gehen auf die Jagd.«

»Ich werde dich für deine Feinde unsichtbar machen.«

»Verlasst mich nicht, Vater …«

»Ich werde dich nie verlassen, geliebte Tochter.«

Und so lief Rachael durch die hereinbrechende Dunkelheit, wobei sie bei jedem Geräusch ängstlich zusammenzuckte.

»Sagt es mir noch einmal«, flüsterte sie ein ums andere Mal, wenn die Furcht sie zu überwältigen drohte.

Und der Vater wiederholte mit warmer, beruhigender Stimme: »Ich werde dich nie verlassen, geliebte Tochter.«

Mit jeder Stunde, die verstrich, schwanden Raechels Kräfte. Sie fror entsetzlich und hatte Hunger, und irgendwann hatte sie keine Kraft mehr in den Beinen. Sie spürte ihre Füße nicht mehr und konnte die Finger nicht mehr bewegen. Ihre Ohren und ihre Nase schienen wie zu Eis gefroren. Ihr Blick trübte sich, die Schatten der von einem schwächlichen Dämmerschein beleuchteten Bäume um sie herum wogten bedrohlich, und Raechels Schritte kamen am Rand der Straße zum Stehen.

»Es tut mir leid, Vater«, sagte sie, während sie zu Boden fiel.

»Steh auf«, sagte der Vater.

»Nur ganz kurz«, antwortete Raechel leise. »Nur ganz kurz …« Sie schloss die Augen und ergab sich einem Schlaf, dem nur noch der Tod folgen würde.

»Tochter!«, rief der Vater mit einer Stimme wie aus weiter Ferne. »Tochter …«

Aber Raechel hörte ihn nicht mehr.

Sie spürte auch die Kälte und die Erschöpfung nicht mehr. Hatte keine Wünsche oder Ängste mehr.

Ein tröstlicher Frieden legte sich über sie. Dann erlosch jeder Gedanke in ihr.

6

Palermo, Viertel Boccadifalco, Sizilien

Zwei Tage schuftete Rocco im Weinberg von Don Mimì wie ein Besessener. Während er die Erde umgrub, haftete das Gefühl, innerlich gestorben zu sein, wie klebriger Leim an ihm. Sein Kopf war leer, ganz so, als verweigere er jeden Gedanken. Es war, als hätte sein Herz aufgehört zu schlagen, um sich der Niederlage nicht stellen zu müssen. Der Kapitulation. Wie hochmütig war doch die Annahme gewesen, er würde nicht in diesem Morast versinken! Im Gegenteil! Nun war er langsam, aber unerbittlich in ein Schicksal gesogen worden, das vom kriminellen Leben seines Vaters vorgezeichnet war und ihm damit die Möglichkeit verwehrte, es selbst in die Hand zu nehmen. Er war verdammt. Er war kein freier Mensch, er war nicht mehr als der Schatten seines Vaters. Und nun war er besiegt und der Kraft beraubt, sich dagegen aufzulehnen.

Die beiden Tage zogen vorüber wie im Nebel.

Am dritten Tag schließlich klopfte Nardu Impellizzeri an seine Tür. »Und – ist dein Kamm abgeschwollen, Göckelchen?«, fragte er mit einem höhnischen Grinsen.

Rocco nickte erschöpft.

»Don Mimì lässt dir ausrichten, dass du dich in der Werkstatt von Balistreri vorstellen sollst, mit einem Gruß von ihm«, sagte Nardu. »Sasà Balistreri ist ein Freund. Er wird dich als Lehrling nehmen.«

»Lehrling?«

»Minchia, was dachtest du denn, etwa gleich als Chefmechaniker?«

»Und wo ist diese Werkstatt?«

»An der Cala, im Viertel Castellammare.«

»Wann soll ich da sein?«

»Du kannst gleich loslaufen. Oder erwartest du, dass man dich mit einer Kutsche abholt?«

Rocco seufzte und machte sich auf den Weg.

Er durchquerte den Boccadifalco, das von den Einheimischen Vuccheifaiccu genannte Vorstadtviertel, das an der Grenze dessen entstanden war, was vom ehemaligen königlichen Jagdrevier, der Riserva Reale Borbonica, übrig geblieben war. Er lief an den alten Metzgereien, den Tavernen und armseligen Behausungen der Arbeiter vorbei und bog im Zentrum in den Borgo Vecchio ein, bevor er den Cassaro betrat, die älteste Straße Palermos, die kein Mensch beim offiziellen Namen Corso Vittorio Emanuele nannte. Rocco passierte die hochherrschaftlichen Palazzi. Als ihm schließlich ein stechender Fischgeruch in die Nase stieg, bog er links in eine Gasse ein, die ihn zum Vuccirìa führte, dem alten Markt. Ungeachtet der Rufe der Händler ließ er die Stände hinter sich und erreichte schließlich die Cala, den ersten Hafen von Palermo. Hier endete die Stadt am Meer.

Er wandte sich an einen alten Fischer, der ein Netz flickte. »Wo ist die Werkstatt von Balistreri?«

Der Mann deutete schweigend nach rechts.

»Danke.« Rocco ging auf das Gebäude zu, dessen Fassade mit drei großen Bögen zum Hafen ausgerichtet war und das er auf den ersten Blick für einen Bootsschuppen gehalten hatte.

»Ich suche Sasà Balistreri«, sagte er zu einem korpulenten Mann, der an einer Kasse vor dem Gebäude saß und eine Zigarre rauchte.

»Und wer sucht ihn?«, fragte der Mann, ohne den Blick von dem trüben Hafenwasser abzuwenden.

»Don Mimì Zappacosta schickt mich. Ich soll mich hier vorstellen«, erwiderte Rocco.

Der Mann wandte sich zu ihm um. »Dann bist du also der Sohn von Carmine Bonfiglio.« Er musterte ihn gründlich, bevor er hinzufügte: »Du siehst ihm gar nicht ähnlich.«

»Nein. Ich komme auf meine Mutter.«

»Was zählt, ist das Blut«, gab der Mann zurück. Dann packte er Roccos Hand und überprüfte die Fingerkuppe des Zeigefingers. »Hat dich eine Mücke gestochen?«

Rocco schwieg.

Der Mann lachte. »Sasà Balistreri sitzt vor dir, picciottu«, sagte er und klopfte sich mit der Hand auf den ausladenden Bauch.

»Was soll ich tun?«, fragte Rocco.

»Minchia, eine Plaudertasche bist du nicht gerade, oder?«

Rocco starrte ihn schweigend an.

»Besser zu wenige als zu viele Worte.« Balistreri erhob sich mühsam. »Das sage ich meiner Frau auch immer. Die hat ein loses Mundwerk, aber ihre Ohren sind immer fest verschlossen.« Rocco stimmte nicht ein in sein Lachen über den abgedroschenen Witz. Er folgte Balistreri in die Werkstatt und dort zu einem Holzverschlag mit Glasscheibe, wo sein Lehrmeister hinter einem mit Werkzeug zugestellten Schreibtisch Platz nahm. »Mach die Tür zu«, befahl er Rocco. Danach deutete er mit seinem fettigen Zeigefinger auf ihn. »Ich brauchte dich eigentlich nicht«, erklärte er. »Aber wenn Don Mimì mich ruft, sage ich sofort: Hier bin ich! Jederzeit und überall.«

Sie sagten alle das Gleiche. Wie eine Schallplatte, die einen Sprung hatte. Die Gesichter änderten sich, die Worte aber blieben immer dieselben. Und vielleicht würde er sie eines Tages selbst auch sagen.

»Don Mimì meinte, dass du ganz gut mit Motoren umgehen kannst«, fuhr Balistreri fort.

»Dann lasst mich als Mechaniker arbeiten, nicht als Lehrling«, sagte Rocco.

»Du wirst wirklich als Mechaniker arbeiten.« Balistreri lächelte ihm bedeutungsvoll zu. »Aber in der Nacht.«

»Ich verstehe nicht …«

»Dann werde ich es dir erklären. Wie viele Autos und Lieferwagen gibt es in Palermo? Hundert? Vielleicht auch zweihundert.« Er beugte sich zu Rocco vor. »Und wie soll ein Ehrenmann wie ich davon leben?« Er sah ihn lächelnd an. »Hast du jetzt verstanden?«

»Nein«, erwiderte Rocco.

»Deren Motoren müssen kaputtgehen, picciottu! Denk doch mal nach.« Balistreri legte einen Finger an die Schläfe. »Du machst nachts diese verdammten Motoren kaputt … und dann werden wir sie reparieren.«

»Ich will Motoren reparieren, nicht kaputt machen«, sagte Rocco.

»Du wirst das tun, was ich dir sage. Ich bin der Statthalter von Castellammare.« Er starrte Rocco an, sein vorgereckter dreckiger Zeigefinger wedelte in der Luft. »Don Mimì hat mir versichert, dass er dir den Kopf zurechtrückt«, fuhr er drohend fort. »Und ich will wirklich nicht zu einem großen Boss wie ihm gehen und mich beklagen müssen. Haben wir uns verstanden?«

Rocco senkte schweigend den Blick.

»Haben wir uns verstanden?«, wiederholte Balistreri lauter.

Rocco nickte.

»Sehr gut.« Balistreri lehnte sich zurück. »In deinem Alter hatte dein Vater bereits große Dinge vollbracht«, sagte er kopfschüttelnd. »Offenbar hast du nicht nur die Haare von deiner Mutter geerbt.«

Rocco zeigte keinerlei Reaktion.

»Du fängst heute Nacht an«, fuhr Balistreri fort. »Minicuzzu wird dich begleiten. Er wird dir alles beibringen, was du wissen musst, und dir den Rücken freihalten.« Dann zündete er die Zigarre an, die inzwischen ausgegangen war, und sagte, ohne den Blick davon abzuwenden: »Bring mir einen Kaffee mit Schuss.«

Rocco verließ den Verschlag. In der Werkstatt hielten sich vier Leute auf. Drei von ihnen waren ölverschmiert und arbeiteten an dem Motor eines Fischerbootes, das an einer Winde befestigt war. Der vierte stand etwas abseits, hatte saubere Kleider und Hände. Er war klein und wirkte nervös.

»Salutiamo«, sagte er zu Rocco.

»Salutiamo«, grüßte Rocco zurück. »Wo hole ich den Kaffee für Signor Balistreri?«

»In der Cafeteria«, meinte der Mann.

Die drei Mechaniker lachten.

»Und wo ist die Cafeteria?«

»Da, wo sie immer ist«, antwortete der Mann.

»Danke«, brummte Rocco und wandte sich zum Ausgang.

Die drei Mechaniker lachten immer noch. »Minicuzzu, du solltest Komiker werden«, sagte einer von ihnen.

»Picciottu«, rief Minicuzzu.

Rocco blieb stehen.

»Verstehst du keinen Spaß?« Minicuzzu grinste über das ganze Gesicht.

Rocco starrte ihn an, verzog aber keine Miene.

»Wisst ihr, wessen Sohn dieser picciottu hier ist?«, fragte Minicuzzu die Mechaniker. »Der von Carmine Bonfiglio.«

»Von dem Carmine Bonfiglio?«

»Genau der.« Minicuzzu nickte.

Sofort war Rocco von den drei Mechanikern umringt, die sich die Hände an ihren Overalls abwischten und ihm respektvoll die Hand schüttelten. »Es ist eine Ehre«, sagten sie. »Dein Vater war ein großer Mann.«

»Die Caffetteria degli Aranci liegt zwanzig Schritte weiter rechts. Nicht zahlen, lass anschreiben«, sagte Minicuzzu. »Und wenn du schon mal da bist, bring mir auch einen Kaffee mit. Aber beeil dich, ich trinke ihn am liebsten heiß.«

Den ganzen Tag über lief Rocco immer wieder zwischen der Caffetteria degli Aranci und der Werkstatt hin und her. Doch jedes Mal, wenn er sich dem Motor des Fischerbootes nähern wollte, schickten die Männer ihn wieder fort. Sie ließen ihn nur das Werkzeug wegräumen, das er mit alten Zeitungen und einem Lösungsmittel, das noch schmutziger wirkte als die Arbeitsgeräte, von Dreck und Öl befreit hatte.

Gegen fünf Uhr nachmittags, als die anderen sich auf den Feierabend vorbereiteten, nahm Minicuzzu ihn beiseite. »Ruh dich jetzt aus, heute Nacht musst du hellwach sein. Um elf Uhr hole ich dich ab. Wir arbeiten bei dir um die Ecke.«

Doch Rocco blieb wach. Er aß nichts und starrte ins Leere, erfüllt von jener tiefen Einsamkeit, die seit langem sein engster Begleiter war. Und die niemand je zu durchdringen vermocht hatte.

Punkt elf Uhr hörte er, wie ein Wagen vor seiner Hütte vorfuhr. Daraus stiegen Minicuzzu und ein Junge, der vermutlich noch keine zwölf Jahre alt war.

»Wir gehen zu Fuß«, sagte Minicuzzu und trat zu ihm. Er trug nun eine schwarze Hose und einen schwarzen Pullover.

Der Junge war barfuß und hatte eine kurze Hose an, aus der dürre, zerkratzte Beine hervorragten. Er holte eine Ledertasche aus der Kalesche und verlor fast das Gleichgewicht, als er sich das schwere Gewicht quer über die Schulter hängte.

»Gib sie mir«, sagte Rocco.

»Nein«, sagte der Junge und ging stolz an ihm vorbei.

»Totò trägt die Tasche«, bestimmte Minicuzzu. »Denn wenn er das nicht tut, kann er gleich zu Hause bleiben, dann nützt er uns hier einen Scheißdreck. Richtig, Totò?«

»Ich schaff das schon«, presste Totò angestrengt hervor.

»Warum kommt der Junge mit?«, wollte Rocco wissen.

»Weil ich ihn großziehe«, erwiderte Minicuzzu.

»Ist er dein Sohn?«

»Vielleicht. Wer weiß das schon?« Minicuzzu lachte. »Sag selbst, womit deine Mutter ihr Geld verdient, Totò.«

»Als bottana.« Totò errötete.

Minicuzzu lachte wieder. »Aber er wird mal ein tapferer picciottu, nicht wahr, Totò?«

»Sagt mir, wem ich die Kehle aufschlitzen soll, und ich tu’s«, gab Totò mit feierlichem Ernst zurück.

Der Junge ist noch nicht mal im Stimmbruch, dachte Rocco. Totò war fast noch ein Kind und plapperte prahlerische Sprüche nach, ohne zu verstehen, wovon er redete. Aber wenn er diese Sprüche ständig wiederholte, würde er sie eines Tages selbst glauben. Früher oder später würde Minicuzzu ihm ein Klappmesser oder eine Lupara in die Hand drücken. Und Totò würde zum Tier werden, wie alle Ehrenmänner. Sie werden ihm dasselbe antun wie mir, dachte Rocco. Sie werden ihn schon kleinkriegen, auf die sanfte oder auf die harte Tour.

»Ruhe jetzt, wir sind gleich da«, flüsterte Minicuzzu.

»Das ist doch das Grundstück von Vicenzo Calò«, sagte Rocco.

»Schnauze.«

»Aber das ist das Grundstück von Vicenzo Calò«, wiederholte Rocco.

Minicuzzu wedelte drohend mit der Faust vor Rocco. »Nein, das ist ein Ort, an dem ein Laster steht, der repariert werden muss. Kümmert mich einen Scheißdreck, wem der gehört.«

»Der Fiat 15 von Vincenzo ist nicht kaputt. Ich habe ihn selbst repariert«, sagte Rocco.

Minicuzzu ließ sein Klappmesser aufschnappen und hielt es Rocco drohend vor die Brust. »Und man kann sehr genau sehen, dass du ihn schlecht repariert hast. Der muss in eine Spezialwerkstatt«, knurrte er ihn an. »Jetzt setz dich endlich in Bewegung. Sonst stech ich dich ab und lass dich hier verrecken, so wahr Gott mein Zeuge ist«, sagte er und drückte das Messer gegen Roccos Rippen.

Rocco seufzte und lief los.

Als sie beim Lieferwagen angekommen waren, winkte Minicuzzo den Jungen heran. »Totò, bring uns die Tasche.« Er flüsterte Rocco zu: »Was brauchst du?«

»Minicuzzu, bitte. Vincenzo muss zwei Familien ernähren«, sagte Rocco. »Er hat all seine Ersparnisse zusammengekratzt, um auf einer Versteigerung diesen Militärlaster zu kaufen. Der ist alt, Baujahr 1909, und war da schon reichlich ramponiert. Er hat ihn mit Mühe wiederhergerichtet, und ich habe ihm mit dem Motor geholfen.«

»Ja und?«

»Ruiniert ihn nicht …«

»Soll ich dir mal zeigen, welchen Scheiß mich das interessiert?« Minicuzzu stieß Rocco beiseite und bohrte die Klinge seines Klappmessers tief in einen Hinterreifen, der mit einem Zischen erschlaffte. »Das werden wir in der Werkstatt schon wieder hinbekommen.«

»Nein … ich bitte Euch …«, murmelte Rocco.

Minicuzzu lachte.

Vor Roccos Augen tauchten die Gesichter der Tagelöhner auf, die er selbst, wenn auch betrunken, verprügelt hatte. Er sah deren erschrockene Blicke bei der Begegnung im Ort wieder vor sich. Ihnen war klar, dass er ein Ehrenmann war und deshalb mit ihrem Leben machen konnte, was er wollte, ein gedungener Mörder, der ihnen noch mehr Schaden zufügen konnte, nachdem er ihnen schon ungestraft das Land, das sie ernährte, unter dem Hintern weggezogen hatte. Er sah das kleine Kind vor sich, das im folgenden Winter verhungert war, betrauert von seinen Eltern und verlacht von Don Mimìs Soldaten. Und in diesem Moment stellte er sich auch das Leben von Vincenzo Calò vor, das gerade zugrunde gerichtet wurde. Aber vor allem sah er noch einmal sich selbst, wie er vor drei Tagen besiegt worden war, wie er voller Angst am Strand von Mondello kniete, wie er mit einem blutbeschmierten Heiligenbildchen, das zwischen seinen Fingern brannte, schwor, ein Ehrenmann zu werden. Ein beschissener Ehrenmann. Der lachend andere Leute in die Armut oder in den Tod schickte. Und mit einem Schlag fiel die Betäubung der letzten Tage von ihm ab, er war vielmehr wie geblendet, als ob jemand ihm mit einer Taschenlampe direkt in die Augen leuchtete.

»Nein!«, schrie er.

Und während Minicuzzu lächelnd und voller Hohn sein Klappmesser auch in einen Vorderreifen des Transporters bohrte, vollzog sich in Roccos Innerem eine Wandlung, und er verlor die Beherrschung. Er sprang Minicuzzu an die Kehle und schlug dessen Kopf gegen ein Seitenfenster, das in der Stille der Nacht klirrend zerbrach.

»Wer ist da?«, ertönte eine Stimme aus dem Haus.

Minicuzzu schwang sein Messer und traf den Arm seines Widersachers.

Rocco sprang sogleich zurück. Er war auf der Straße aufgewachsen und viel stärker als Minicuzzu. Und er wollte kein Schatten mehr sein. Um keinen Preis. Er trat Minicuzzu zwischen die Beine und schlug mit den Fäusten auf ihn ein.

»Lass ihn«, schrie Totò und stürzte sich auf ihn.

»Wer ist da?«, wiederholte die Stimme, dann wurde die Tür des Hauses geöffnet, und im Schein einer Gaslampe erschien ein Mann mit einer doppelläufigen Schrotflinte. »Diebe!«, schrie er und richtete sein Gewehr auf sie.

»Nichts wie weg!«, rief Minicuzzu.

Totò ergriff die schwere Tasche und lief los, so schnell er konnte.

Ein Schuss hallte durch die Nacht.

Minicuzzu schloss zu Totò auf, packte ihn am Oberkörper und setzte den Jungen als Schutzschild ein.

Rocco lief geduckt hinter ihnen her.

Beim zweiten Schuss aus der Schrotflinte meinte Rocco einen Blitz zu sehen, dann war ein Stöhnen zu hören.

Minicuzzu ließ Totò fallen und lief weiter.

»Ich bring’ euch um!«, schrie der Mann aus dem Haus, während er sein Gewehr nachlud.

Rocco erreichte Totò, der sich stöhnend am Boden krümmte. Mit einem Satz sprang er über ihn hinweg, das Herz schlug ihm bis zum Halse, er konnte an nichts anderes denken, als sich zu retten, sich aus der Schussweite der Flinte zu bringen. Doch nach wenigen Schritten blieb er stehen. Dort auf dem Boden lag Totò und jammerte mit seiner Kinderstimme, Rocco konnte ihn nicht einfach dort liegen lassen. Also drehte er um und lud sich den Jungen auf die Schulter. Noch ehe der dritte Schuss durch die Nacht hallte, war er in der Dunkelheit verschwunden. Die schwere Tasche ließ er zurück.

Als er seine Hütte erreichte, war Minicuzzu bereits in den Wagen gestiegen und wollte gerade das Pferd antreiben. Rocco legte Totò auf dem Boden ab, packte Minicuzzu am Kragen und zerrte ihn hinunter in den Straßenschmutz, immer noch voller Wut. »Du Feigling!«, schrie er und versetzte ihm einen Fausthieb. Er warf sich auf ihn und schlug wild auf ihn ein. »Ich bring dich um!«, schrie er, von unkontrollierbarer Wut erfasst.

»Lass ihn los, Dreckskerl!«, schrie Totò.

Rocco ließ von Minicuzzu ab und kehrte langsam in die Wirklichkeit zurück. Sein Herz klopfte, als wollte es seine Brust sprengen, und seine Lungen brannten bei jedem Atemzug.

Totò weinte.

Rocco trat zu ihm und bemerkte, dass der rechte Oberschenkel des Jungen von einer Schrotladung getroffen war.

»Das tut so weh«, jammerte Totò. »Das tut weh …«

Minicuzzu erhob sich mit blutendem Gesicht aus dem Staub. »Du elender Feigling«, schrie Rocco ihn an, »erst benutzt du den Jungen als Deckung, und dann lässt du ihn einfach liegen!«

»Du bist ein toter Mann!«, knurrte Minicuzzu, während er mühsam auf den Kutschbock kletterte. »Totò, beweg dich!«

Totò schleppte sich, immer noch heulend, zum Wagen. »Wohin gehst du?«, fragte Rocco. »Der da wollte dich gerade umbringen lassen.«

»Nein, das ist nicht wahr!«, schrie Totò mit Tränen in den Augen.

»Totò …« Rocco packte ihn am Arm, um ihn aufzuhalten.

»Lass mich!«

Rocco starrte ihn überrascht an. »Er hätte zugesehen, wie du erschossen wirst!«

»Nein! Er hat mich gern!«

Rocco fehlten die Worte. Er sah ihm hinterher, wie er sich mit seinem blutenden Bein zur Kalesche schleppte.

Minicuzzu packte den Jungen und zog ihn zu sich auf den Kutschbock. Dann gab er dem Pferd die Peitsche. »Wo ist die Tasche?«, fragte er, während der Wagen losfuhr.

»Die habe ich fallen lassen. Wegen dem da …«

Minicuzzu versetzte dem Jungen eine Ohrfeige. »Du warst für die Tasche verantwortlich.« Dann drehte er sich noch mal zu Rocco um, und während er in Boccadifalco verschwand, wo am nächsten Morgen niemand behaupten würde, etwas gehört oder gesehen zu haben, schrie er noch einmal: »Du bist ein toter Mann!«

Rocco fühlte sich vollkommen leer. Was Totò getan hatte, war bezeichnend. Man konnte nicht gewinnen. Niemand konnte es. Es war Wahnsinn. Ein Fluch. Ein wilder, schmerzhafter Zorn wogte durch Rocco. Und es blieb ein unangenehmer Nachgeschmack wegen der ungebremsten Wut, mit der er sich auf Minicuzzu gestürzt hatte. Rocco musste sich bestürzt eingestehen, dass er den Mann umgebracht hätte, wenn Totòs Bitten ihn nicht aufgehalten und in die Wirklichkeit zurückgebracht hätten. Er wollte sich auf den Weg ins Haus machen, hielt dann aber inne und wandte sich um. Und in der sternklaren Nacht ließ er seinen Blick auf die bröckelnde Mauer des kleinen Friedhofs von Boccadifalco gleiten.

Mit schweren Schritten setzte er sich in Bewegung, lief darauf zu. Als folgte er einem Ruf.

Schließlich kletterte er über die Mauer.

Um ihn herum standen nur kleine verwitterte Kreuze – abgesehen von einem Grabstein aus weißem Marmor, der auf einem normalen Friedhof nicht weiter aufgefallen wäre, hier jedoch hervorstach, als stünde er auf einer Familiengruft. Diesen Grabstein hatte Don Mimì Zappacosta bezahlt.

Rocco stellte sich genau davor und betrachtete ihn.

In der Mitte des Grabsteins war das inzwischen von der Sonne ausgeblichene Foto eines Mannes mit einem schmalen Schnurrbart zu sehen. Darunter stand, wie Rocco wusste, obwohl es jetzt kaum mehr zu lesen war: »Carmelo Bonfiglio, in Ehre gestorben«. Und dann die Daten des kurzen Lebens: »12. April 1871 – 23. September 1905«.

Gleich darunter war auf einem neueren Foto eine Frau mit blonden, zu einem Dutt zusammengefassten Haaren zu sehen, deren Leben laut Inschrift ebenfalls viel zu kurz gewesen war. »Domenica Chinnici, verheiratete Bonfiglio – 3. Januar 1876 – 9. Dezember 1912«

Rocco betrachtete das Unkraut, das um den Grabstein wucherte. Doch er riss es nicht aus, er war nicht gekommen, um das Grab zu pflegen oder ein Gebet zu sprechen.

»Ich habe ja versucht, das zu tun, was Ihr wolltet, Mutter«, begann er verbittert. »Ich habe Don Mimì doch zugesagt.« Er ließ den Kopf hängen. »Aber nur, weil ich ein Feigling bin.« Seine vollen Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln, dann suchte sein Blick wieder das Foto der Mutter. »Vielleicht solltet Ihr Euch jetzt besser die Ohren verstopfen, denn ich muss ein paar Dinge loswerden, die Euch nicht gefallen werden«, sagte er mit einer Stimme, deren Sanftheit erahnen ließ, wie sehr er die Frau liebte, die ihn zur Welt gebracht hatte. Nur langsam glitt sein Blick hinüber zu dem Mann auf dem Foto. »Vater, ich wusste, dass Ihr Euch meinetwegen geschämt habt«, begann er. Er atmete einmal tief durch, denn das, was er nun sagen wollte, lastete schon lange wie ein Felsbrocken auf seinem Herzen. Doch nun war der Moment gekommen, sich von dieser Last zu befreien. »Aber auch ich schäme mich für Euch.« Seine Stimme brach, und die Worte hallten wie Donnerschläge in seinen Ohren nach. »Es heißt, Ihr habt mehr Menschen die Kehle durchgeschnitten als Zicklein.« Er schluckte schwer. Sein Mund war wie ausgedörrt, in seinem Inneren tobten Wut und Schmerz. »Und ich schäme mich für unsere Leute, die … die mich nur respektieren, weil ich der Sohn …«, hier zögerte er kurz und ballte die Fäuste, bevor er fortfuhr, »der Sohn … eines Mörders bin.« Rocco atmete noch einmal tief durch und versuchte mit aller Kraft, das Gefühl zurückzuhalten, das nach draußen drängte. Er presste die Zähne so fest zusammen, bis sie knirschten, doch als er spürte, dass die Tränen wie Gift in seinen Augen brannten, schrie er: »Ich hasse Euch, Vater! Und ich schwöre hier auf Eurem Grab, dass ich niemals ein Mafioso sein werde!« Dann fiel er auf die Knie, niedergedrückt von dieser Ungeheuerlichkeit. Er legte eine Hand auf die Wunde an seinem Arm, bohrte einen Finger hinein und schmierte das Blut auf das Foto des Vaters. »Ihr wolltet mein Blut?«, fragte er mit rauer Stimme. »Hier habt Ihr es. Es gehört Euch.« Dann legte er die Hände auf die Erde, in der seine Eltern begraben waren, und verharrte schweigend, überwältigt von dem Sturm der Gefühle. Als er wieder zur Ruhe gekommen war, rieb er sich die in Strömen fließenden Tränen von den Wangen und fuhr mit der dreckigen Hand über seine Hose, bevor er die Finger erneut in die Wunde tauchte. Dann legte er sie abermals auf das Foto seines Vaters und beschmierte es wieder mit Blut, dieses Mal in einer fast sanften Geste. In ihm war kein Zorn mehr, nur Schmerz. »Als ich klein war, dachte ich, Ihr wärt ein Held«, flüsterte er. Er hielt inne, denn das, was er jetzt sagen würde, war eine schreckliche Wahrheit. »Ich liebte Euch von ganzem Herzen, Vater«, flüsterte er, zerrissen vor Schmerz.

Zu Hause angekommen, warf er sich in seiner Kleidung aufs Bett und blieb wie gelähmt liegen. Sein Kopf war leer, die Augen in der Dunkelheit weit aufgerissen, wartete er auf den Beginn der Dämmerung. Er rührte sich auch nicht, als die Glocke der Kapelle zusammen mit den zirpenden Zikaden zur Mittagsmesse rief. Und er lag immer noch dort, als die Zikaden am Spätnachmittag verstummten.

Da hörte er, wie ein Wagen vor seinem Haus hielt.

Sie kommen, dachte er kurz, und in ihm breitete sich Erleichterung aus, weil bald alles zu Ende sein würde.

Kurz darauf wurde die Tür eingetreten. Zwei Männer mit abgesägter Schrotflinte stürmten das Haus und traten an sein Bett.

Rocco starrte sie wortlos an.

Dann schwang einer der Männer seine Waffe und schlug ihm den Lauf des Gewehrs gegen die Stirn.

Rocco fühlte, wie Knochen brachen, und danach einen brennenden Schmerz.

Als alles um ihn herum dunkel wurde, kam ihm der Gedanke, dass niemand ein Foto von ihm aufgenommen hatte, das man in den Grabstein einfügen konnte. Neben dem von seinem Vater und dem seiner Mutter.

7

Gouvernement Poltawa, Russisches Zarenreich – Polen

Raechel befand sich auf einer kleinen Lichtung inmitten einer üppigen Wiese, die von leuchtenden Mohnblumen durchsetzt war. Sie war von einem sanften Frieden und Glück erfüllt, und die Sonne am wolkenlosen Himmel spendete ihr angenehme Wärme. Obwohl sie barfuß war, fror sie nicht, und die Berührung mit dem saftigen weichen Gras bereitete ihr Wohlbehagen. Sie lächelte.

Mit einem Mal bemerkte sie, dass die Mohnblumen nicht überall wuchsen, sondern vielmehr eine fließende, wellenartige Linie bildeten, die zum Wald führte. Raechel kam sich in diesem Paradies wie ein Eindringling vor, wenngleich sie nicht verstand, aus welchem Grund.

Sie lief auf dieses Meer aus roten Blüten zu, die ihr den Weg deuteten, während der innere Frieden, den sie gerade eben noch empfunden hatte, langsam dem Gefühl von drohender Gefahr wich. Trotzdem ging Raechel weiter. Sie erreichte die erste Mohnblüte und strich zärtlich darüber. Doch bei der ersten Berührung löste die Blüte sich auf und befleckte ihre Finger mit einer roten klebrigen Flüssigkeit. Raechel versuchte, sie am Kleid abzuwischen, doch die Flüssigkeit blieb an ihren Fingerkuppen haften.

Ihre Unruhe wuchs, aber sie lief weiter. Und bemerkte, dass das, was sie für Mohnblüten gehalten hatte, eigentlich Flecken der gleichen roten Flüssigkeit waren, die ihre Finger beschmutzt hatte. Ich trampele hier durch Blutspuren, dachte sie, und ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie sah an sich herunter: Ihre Beine und ihr Kleid trieften vor Blut.

Doch es gelang ihr nicht, sich abzuwenden und zu fliehen. Irgendetwas zwang sie, dieser roten Spur zu folgen, zog sie an wie ein mächtiger, wenngleich stummer Ruf. Mit einem Vorgefühl des Todes sah sie auf zum Wald, dorthin, wo die blutige Spur endete.

Und entdeckte dort den Vater, der sich an einen Baumstamm klammerte, um sich auf den Beinen zu halten.

Raechel lief schneller. »Vater!«

Das Gesicht des Vaters war blutüberströmt. Er öffnete den Mund, doch kein Wort entwich seinen Lippen.

Als sie ihn endlich erreichte, ging Raechel auf, dass er blutige Tränen weinte. Es zerriss ihr das Herz. »Vater …«, flüsterte sie.

Aber der Vater wandte sich ab und wankte weiter in den Wald hinein.

Raechel folgte ihm, und kaum war sie in den Wald eingedrungen, verschwand das wohlige Gefühl von Wärme. Die Nadeln der Kiefern und Tannen bohrten sich schmerzhaft in ihre bloßen Füße. Sie zitterte vor Kälte, und bemerkte, dass sie über Schnee ging.

»Vater … wartet auf mich …«, stammelte sie.

Doch der Vater drehte sich nicht um, sondern schritt taumelnd weiter, hinterließ eine Spur roter Flecken, die jetzt den Schnee färbten wie zuvor die Wiese.

Raechel bemühte sich, ihm zu folgen, versank aber beständig im Schnee, geriet aus dem Gleichgewicht und suchte an Baumstämmen Halt, wobei sie sich die Hände an den trockenen Zweigen aufschürfte.

Dann trat ihr Vater aus dem Wald und blieb mitten auf einer Straße stehen. Er deutete auf etwas, das am Wegesrand auf dem Boden lag und wie ein Lumpenbündel aussah.

Kaum hatte Raechel einen Blick darauf geworfen, wich sie erschrocken zurück.

Das zusammengekrümmte Etwas dort auf der Straße war sie selbst.

Ihr Gesicht war zu einer Leidensmiene verzerrt. Es war so blass, dass es sich kaum noch vom Schnee abhob. Ihre Haare und Augenbrauen waren schneeverkrustet, die zu Fäusten verkrampften Hände blau gefroren. Aus den Nasenlöchern entwich ein dünner, immer schwächer werdender Atemhauch.

Raechel blickte zum Vater.

Der sah sie schmerzerfüllt an. »Weck sie auf, meine Tochter …«, sagte er. Er heftete seinen Blick wieder auf die Raechel, die zusammengekauert auf dem Boden lag. »Weck sie auf …« Raechel widerstand dem Impuls, zurück auf die angenehm warme Lichtung zu fliehen und dem Gefühl des inneren Friedens dort. Sie sank neben sich selbst auf die Knie, strich über das gefrorene Gesicht, legte sich auf sich selbst, um ihre Wärme auf den anderen Körper zu übertragen. Und plötzlich durchdrang sie eine Eiseskälte, die sich schmerzhaft und heftig wie ein Dolchstoß in ihren Körper bohrte.

Raechel erwachte mit einem Schrei. Ihre vereisten Lippen platzten, und als sie die Augen aufriss, spürte sie das Knirschen ihrer festgefrorenen Wimpern. Ein eisiger Luftzug erfüllte ihre Lungen, und ihr gesamter Körper bog sich unter Krämpfen.

Sie sah sich um – offenbar hatte sie nur geträumt. Sie lag noch immer auf der Straße, dort, wo sie erschöpft zusammengesunken war. Es war Nacht, am Himmel funkelten einzelne Sterne.

Es war eisig kalt. Sie war allein.

Aber sie wusste, was sie zu tun hatte.

Obwohl sie immer wieder von heftigen Frostschauern geschüttelt wurde, während derer sie das Gleichgewicht verlor, gelang es Raechel, mit schier übermenschlicher Anstrengung aufzustehen. Sie presste das Buch ihres Vaters fest an die Brust und tat einen Schritt. Sie spürte ihre Füße nicht, trotzdem tat sie noch einen Schritt, und noch einen, bis sie sicher war, dass sie vorwärtslief.

»Du hast mich gerettet, Vater«, hauchte sie.

Raechel lief durch die dunkle Nacht. Der bleiche Streifen Straße gab ihr die Richtung vor. Sie hatte kein Gefühl für die Zeit, war von Muskelkrämpfen gebeutelt und folgte nur einem Gedanken: »Ich muss vorwärtsgehen.«

Nach einer Weile wollte ihr Körper erneut der Kälte und der Müdigkeit nachgeben.

Ich kann nicht mehr, dachte sie erschöpft.

Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihrem Vater eine Stimme zu verleihen.

Ihre Finger, die immer noch das Buch umklammerten, waren daran festgefroren. Ihre Füße zwei gefühllose Stecken, die nicht mehr zu ihr gehörten.

Doch als sie schon aufgeben wollte, sah sie in der Dunkelheit ein flackerndes Licht.

»Ein Feuer …«

Das ferne, unbeständige Licht erweckte ihre letzten Kräfte. Sie meinte zu rennen, während sie in Wirklichkeit nur langsam vorwärtstaumelte. Als sie noch etwa zwanzig Meter von dem Feuer entfernt war, versagten ihr die Beine. Sie fiel auf die Knie. Versuchte aufzustehen. Fiel wieder hin. Stand auf. Setzte schleppend einen Fuß vor den anderen.

»Hilfe …«, rief sie in Richtung des Feuers, während ihr Blick sich trübte und die Kälte den Sieg davontrug, ein paar Schritte von der Rettung entfernt. Um nicht zu fallen, versuchte sie sich an einem Baum festzuhalten, dabei brach raschelnd ein vertrockneter Zweig ab.

»Wer ist da?«, hörte sie einen Mann rufen.

»Ich bin … hier …«, antwortete Raechel. Doch niemand schien sie hören. Wie verrückt es doch ist, dachte sie, dass ich nur einen Schritt von der Rettung entfernt sterben muss.

»Wer ist da?«, rief der Mann wieder.

Raechel füllte ihre Lungen noch einmal mit Luft. »Hilfe …«, rief sie, so laut sie vermochte.

Dann hörte sie Schritte im Schnee und sah verschwommen eine Gestalt mit einer Laterne auf sich zukommen. Kurz darauf wurde sie hochgehoben.

Raechel spürte, wie jemand sie wegtrug, doch sie empfand keine Erleichterung. Ihr Kopf war leer.

»Wer ist das?«, hörte sie jemanden sagen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete der Mann, der sie trug, und legte sie nahe am Feuer ab. Die plötzliche Wärme brannte wie Nadeln auf ihrer Haut.

»Das ist doch Stachelschwein!«, rief eine weibliche Stimme.

»Wer?«

»Raechel Bücherbaum, das Mädchen aus unserem Dorf, das mitkommen wollte.«

»Tamar«, murmelte Raechel. »Danke … Vater … ohne Euch hätte ich es niemals geschafft.«

»Was hat sie gesagt?«, fragte der Mann.

»Das Stachelschwein spricht zu ihrem Vater«, sagte Tamar mit ihrer schrillen Stimme. »Aber der Vater ist tot.«

Nein, er ist hier bei mir, dachte Raechel. Und dann schwanden ihr die Sinne.

Es gab nur noch die Dunkelheit, den schwarzen Strudel, der sie einsog.

Als sie erwachte, lag sie in zwei dicke Decken gehüllt im Innenraum einer Kutsche. Das Erste, was sie fühlte, waren stechende Schmerzen. Ihre Hände und Füße waren geschwollen, das Blut pulsierte heftig in ihren Adern.

»Trink«, sagte ein Mädchen und hielt ihr einen Becher Brühe hin.

Raechel nahm einen Schluck, und sofort brannten ihre von der Kälte aufgesprungenen Lippen. Aber die Brühe wärmte sie innerlich.

»Du hast furchtbare Frostbeulen. Hoffentlich verlierst du nicht die Finger«, sagte ein anderes Mädchen. »Du solltest dir auf die Füße und die Hände pinkeln.«

Raechel nickte wortlos. Sie kannte dieses altbewährte Heilmittel.

Dann wurde die Wagentür geöffnet, und Amos, der Leiter der Gesellschaft, sah Raechel genauso zweifelnd an wie schon im Dorf. »Was willst du hier?«, fragte er von draußen.

»Ich komme mit euch«, antwortete Raechel schwach.

»Du bist fortgelaufen«, entgegnete Amos.

»Nein, Herr …«, stammelte Raechel. »Schließlich … hat man es … mir doch … erlaubt …«

Amos sah sie an. »Ich weiß nicht, was ich mit dir anfangen soll«, sagte er hart und erbarmungslos.

Die Mädchen in der Kutsche verfolgten gebannt das Geschehen. »Ich werde alles tun, was Ihr mir sagt. Ich werde Tag und Nacht arbeiten und mich nie beschweren. Bitte, Herr«, flehte Raechel.

Amos sah zu den Mädchen hinüber, die jetzt ihre Blicke auf ihn gerichtet hatten.

Er musste Wohlwollen zeigen, damit auf der Reise Ruhe herrschte. Deshalb konnte er diese hässliche kleine Vogelscheuche nicht einfach wegjagen, wie er es am liebsten getan hätte. »Na gut, du kannst bleiben«, sagte er schließlich.

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