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Arztroman Sammelband 8 Romane Februar 2020

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Inhaltsverzeichnis

  • Arztroman Sammelband 8 Romane Februar 2020
  • Copyright
  • Dr. Härtling und das Doppelleben einer Ärztin
  • Ein Schutzengel für Dr. Heinze
  • Drei Schicksale und eine Ärztin mit Herz
  • Sie liebte einen verheirateten Mann
  • Rätselhaft, doch vielgeliebt
  • Ein schwieriger Fall
  • Dr. Härtling und der gelähmte Kollege
  • Ein Brautkleid für Dana Härtling Arztroman von A. F. Morland
  • Der Playboy und das Findelkind

Arztroman Sammelband 8 Romane Februar 2020

A. F. Morland, Thomas West, G.S.Friebel

Dieses Buch enthält folgende Romane:



A.F.Morland: Dr. Härtling und das Doppelleben einer Ärztin

Thomas West: Ein Schutzengel für Dr. Heinze

Thomas West: Drei Schicksale und eine Ärztin mit Herz

Thomas West: Sie liebte einen verheirateten Mann

A.F.Morland: Rätselhaft, doch vielgeliebt

G.S.Friebel: Ein schwieriger Fall

A.F.Morland: Ein Brautkleid für Dana Härtling

A.F.Morland: Der Playboy und das Findelkind






Dr. Katja Arndt, die aparte Internistin, ist neu an der Paracelsus-Klinik, aber sie hat sich schon als kompetente und liebenswerte Mitarbeiterin bewährt. Um so größer ist Dr. Härtlings Enttäuschung, als Katja plötzlich immer häufiger Schwächen zeigt. Worunter leidet sie? Warum strahlen ihre schönen Augen nicht mehr? Wer hat ihr Böses angetan?

Norbert Arndt, der Ehemann der jungen Ärztin, trägt ein bitteres Geheimnis mit sich herum, ein Geheimnis, das ihn zu zerbrechen droht. Als er keinen Ausweg mehr sieht, greift er zu Schlaftabletten, will seinem Leben ein Ende setzen. Im letzten Augenblick kann Katja ihn retten. Aber… kann sie auch seine Probleme lösen? Kann sie ihr Eheglück bewahren?

Dr. Härtling und das Doppelleben einer Ärztin

Arztroman von A. F. Morland





Dr. Katja Arndt, die aparte Internistin, ist neu an der Paracelsus-Klinik, aber sie hat sich schon als kompetente und liebenswerte Mitarbeiterin bewährt. Um so größer ist Dr. Härtlings Enttäuschung, als Katja plötzlich immer häufiger Schwächen zeigt. Worunter leidet sie? Warum strahlen ihre schönen Augen nicht mehr? Wer hat ihr Böses angetan?

Norbert Arndt, der Ehemann der jungen Ärztin, trägt ein bitteres Geheimnis mit sich herum, ein Geheimnis, das ihn zu zerbrechen droht. Als er keinen Ausweg mehr sieht, greift er zu Schlaftabletten, will seinem Leben ein Ende setzen. Im letzten Augenblick kann Katja ihn retten. Aber… kann sie auch seine Probleme lösen? Kann sie ihr Eheglück bewahren?


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Es war ein warmer Sommerabend. Die Schwüle der vergangenen Tage hatte den Menschen in München sehr zu schaffen gemacht, doch nun hatte sich das Wetter gebessert, und alle atmeten erleichtert auf.

Chefarzt Dr. Sören Härtling verließ mit Dr. Katja Arndt, einer neuen Kollegin, die Paracelsus-Klinik. Er atmete tief ein und sagte: „Ich werde diesen wunderbaren Abend mit meiner Frau auf der Terrasse genießen. Ein Glas Wein. Ein nettes Gespräch …“

„Das hört sich gut an“, fiel die Ärztin ihm ins Wort. Sie war elegant gekleidet und brauchte so gut wie kein Make-up, um gut auszusehen. „Vielleicht mache ich das mit meinem Mann auch.“

Dr. Härtling blieb stehen. „Morgen ist Ihr Probemonat um.“

Katja Arndt sah ihn an. „Ich hoffe, Sie waren mit meiner bisherigen Leistung zufrieden.“

Der Klinikchef nickte. „Sie sind eine hervorragende Internistin.“

Die blonde Ärztin schmunzelte. Sie war Anfang dreißig, sah aber wesentlich jünger aus. „Ein Lob aus so berufenem Mund macht mich stolz.“

„Sie sind bei Kollegen und Patienten sehr beliebt“, fuhr Sören Härtling fort.

Katja Arndt lächelte bescheiden. „Ich kann mit Menschen umgehen. Das wurde mir zum Glück in die Wiege gelegt.“

„Mir kam zu Ohren, dass die Patienten auf der internen Station einen Dr. Katja-Arndt-Fanklub gründen möchten.“

„Ehrlich?“ Die attraktive Internistin lachte. „Nein, das glaube ich nicht.“

„Wie auch immer, Sie sind ein echter Gewinn für die Paracelsus-Klinik, deshalb wird es mir morgen ein Vergnügen sein, Ihren Dienstvertrag zu unterschreiben.“

Dr. Katja Arndt riss begeistert die Augen auf. Es sah einen Moment so aus, als wollte sie dem Klinikchef enthusiastisch um den Hals fallen und ihn küssen. „Dann ist auf der Terrasse sitzen zu wenig“, sagte sie.

„Wie bitte?“

Katja Arndt sah Sören Härtling mit freudestrahlenden Augen an. „Sie sagten, Sie würden diesen wunderbaren Abend mit Ihrer Frau auf der Terrasse genießen. Ein Glas Wein. Ein nettes Gespräch … Und ich sagte, ich würde das mit meinem Mann vielleicht auch tun, doch nun gibt es einen erfreulichen Grund zum Feiern, und deshalb werde ich meinen Mann bitten, mit mir auszugehen.“

„Na, dann viel Spaß“, sagte der Klinikchef und ging zu seinem Wagen.

Katjas Auto stand nicht so nahe beim Klinikeingang. So privilegiert waren nur Dr. Sören Härtling, Dr. Daniel Falk, Dr. Andrea Kellberg und Dr. Renate Sanders. Als die aparte Internistin den Parkplatz überquerte, rief hinter ihr plötzlich jemand ihren Namen. Sie blieb stehen, drehte sich um und sah eine große, schlanke Frau mit schulterlangem blondem Haar, auffällig gekleidet und mit recht viel Schmuck ausgestattet, auf sich zukommen.

„Katja! Meine Güte, du bist es wirklich. Ich dachte zuerst, ich würde mich irren, aber nein, du bist es, du bist es.“

„Und du bist Biggi.“

„Erraten.“

„Biggi Ruprecht.“

Die Blonde breitete lachend die Arme aus. „Wie sie leibt und lebt.“

„Du siehst phantastisch aus“, stellte die Internistin neidlos fest.

„Mir geht es sehr gut“, erklärte Biggi Ruprecht strahlend. Sie trug an jedem Finger einen hübschen Ring, hatte sich schon als Teenager gerne geschmückt. Damals mit billigem Talmi. Heute war alles, was an ihr blitzte und funkelte, mit Sicherheit echt.

„Warst du in der Klinik?“, fragte Katja.

„Ja, ich habe eine Bekannte besucht. Sie wird morgen entlassen, hatte einen Autounfall, humpelt mit ’nem Gipsbein herum. Und was machst du hier?“

„Ich arbeite in der Paracelsus-Klinik.“ Es klang stolz, wie Dr. Katja Arndt das sagte.

Biggi Ruprecht war beeindruckt. „Ist nicht wahr. Seit wann?“

„Seit einem Monat. Morgen unterschreibt der Klinikchef meinen Dienstvertrag.“

„Hast du Lust, das mit mir zu feiern?“, fragte Biggi Ruprecht spontan.

„Feiern werde ich es“, sagte Katja Arndt, „aber mit Norbert, meinem Mann.“

„Wir haben uns lange nicht gesehen. Wir müssen uns unbedingt mal zusammensetzen und reden.“ Biggi Ruprecht öffnete ihre Designer-Handtasche und gab der Freundin ihre Karte. „Rufst du mich an?“

Die Ärztin nickte und warf einen Blick auf die Karte. „Noble Wohngegend.“

„Ich hab’ mir da ein nettes kleines Häuschen gekauft. Es wird dir gefallen.“

Katja steckte die Karte ein. „Ich lass’ von mir hören.“

„Feiert mal schön.“

„Das werden wir tun“, versicherte Dr. Arndt und ging zu ihrem Wagen. Während sie einstieg, sah sie, dass Biggi Ruprecht sich in einen dicken BMW setzte. Sie muss auf eine Goldader gestoßen sein, dachte Katja. Hat sie reich geheiratet? Auf ihrer Karte steht ihr Mädchenname. Welchen Beruf übt sie aus? Ihre Karte gibt darüber keine Auskunft.

Katja war sicher, dass Biggi ihr alle Fragen beantworten würde, wenn sie demnächst wieder mit ihr zusammenkam.



2

Ottilie, die grauhaarige Haushälterin der Familie Härtling, war zu Besuch bei Veronika Triebe, einer alten Bekannten. Das Wohnzimmer war vollgestellt mit alten Möbeln. Frau Triebe hatte früher in einer größeren Wohnung gewohnt, sich nach dem Tod ihres Mannes vor sieben Jahren nach einer kleineren Unterkunft umgesehen und fast alle Möbel mitgenommen.

Obwohl das Wohnzimmer nicht klein war, fühlte Ottilie sich darin beengt. In einem großen Käfig neben dem Fenster saß ein schöner Nymphensittich. Obwohl das Türchen offen war, kam er nicht heraus. Offenbar hatte er Angst vor Ottilie.

„Seit ich regelmäßig meinen Tee trinke, fühle ich mich wie neugeboren“, erzählte Veronika Triebe ihrer Freundin, während Bubi, der Sittich, sein Gefieder säuberte.

„Was ist das denn für ein Tee?“, erkundigte sich Ottilie, der gleich beim Eintreten aufgefallen war, dass Veronika heute frischer und vitaler wirkte als bei ihrem letzten Besuch.

„Er entwässert und fördert die Ausscheidung von Harnsäure“, sagte Frau Triebe.

„Und wie heißt er?“

„Vollmers Tee.“ Veronika Triebe holte die Packung und eine kleine Informationsschrift. Unter der Überschrift „Aktuelles aus der Naturheil-Medizin“ stand: Das Geheimnis vieler Erkrankungen liegt in Störungen der Verdauung. Die Nahrung bleibt zu lange im Körper. Damit verzögert sich die Ausscheidung von Stoffwechselabbauprodukten, der Kreislauf möglicher Gesundheitsstörungen beginnt: Viele Menschen klagen dann über nervöse Erschöpfung, Nervenschwäche und sogar Kopfschmerzen.

„Dieser präparierte grüne Hafertee fördert die Verdauung, regt den Gesamtstoffwechsel an, vermindert die Möglichkeit der Wasseransammlung im Körper und ist ein hervorragendes Aufbau- und Kräftigungsmittel“, erklärte Ottilies Freundin.

Die Wirtschafterin der Familie Härtling nickte interessiert. „Und wo bekommt man es?“

„In Apotheken und Reformhäusern.“

„Muss ich mir merken“, sagte Ottilie. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und erschrak. „Gott, so spät schon. Ich muss gehen.“ Als sie sich erhob, flog Bubi aufgeregt im Käfig hin und her.

„Verrückter Kerl“, schalt Veronika Triebe ihn. „Ottilie tut dir doch nichts.“

„Sprichst du oft mit ihm?“, fragte Ottilie, während sie ihre Handtasche aufnahm.

„Eigentlich immer, wenn ich allein bin, und er hört mir aufmerksam zu.“

„Und widerspricht dir nie“, sagte Ottilie schmunzelnd und verließ mit der Freundin das enge Wohnzimmer. Nicht einmal die Tür konnte man ganz aufmachen, weil ein alter Schrank dahinterstand und dies verhinderte.

Frau Triebe seufzte. „Wenn ich doch nur das Herz hätte, mich von drei, vier Möbelstücken zu trennen, aber an jedem einzelnen hängen so viele Erinnerungen, dass ich einfach nichts rausschmeißen kann.“

„War wieder mal nett, mit dir zu plaudern“, sagte Ottilie.

„Wir sehen einander hoffentlich bald wieder.“

„Ich rufe dich an, wenn ich Zeit habe“, versprach Ottilie und ging.

Nur eine halbe Stunde später servierte sie der Familie Härtling das Abendessen. Es grenzte an Zauberei, und sie verriet nicht, wie sie es gemacht hatte.



3

Zur selben Zeit aß auch das Ehepaar Lassow zu Abend. Allerdings nicht zu Hause, sondern in einem netten kleinen Restaurant nahe dem Gärtnerplatz-Theater.

Trix und Axel Lassow hatten es ihren Kindern Sören und Michaela freigestellt, mitzukommen oder sich von Fastfood zu ernähren, und die beiden hatten sich für letzteres entschieden, was vor allem Axel Lassow, der bekannte Rechtsanwalt, nicht verstehen konnte.

Wenn er hungrig war und es sehr eilig hatte, kam es schon mal vor, dass er einen Hamburger aß. Er lehnte diese Art der Nahrungsaufnahme nicht grundsätzlich ab, aber wenn er Zeit hatte, setzte er sich schon lieber in ein gemütliches Restaurant und ließ sich mit delikaten Köstlichkeiten verwöhnen.

Sie hatten eine köstliche Forelle blau gegessen und trockenen Weißwein dazu getrunken. Als sie noch einmal die Karte verlangten, um sich für einen leckeren Nachtisch zu entscheiden, stand plötzlich Clemens Bennet, der Plattenproduzent und Rennstallbesitzer, ein Mann, der Gott und die Welt kannte, vor ihrem Tisch.

Er küsste Trix Lassow, Dr. Härtlings attraktiver Schwester, galant die Hand und begrüßte ihren Mann mit einem kräftigen Händedruck. Seine klugen Augen strahlten. Dr. Lassow lud ihn ein, sich zu ihnen zu setzen.

„Würde ich wahnsinnig gerne tun“, gab Clemens Bennet bedauernd zurück, „geht aber leider nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich bin nicht allein hier“, erklärte der Produzent. „Wolf-Dietrich Bockmayer ist mein Gast.“

Trix Lassow hob überrascht die Augenbrauen. „Der Modeschöpfer?“

Bennet nickte. „Genau der. Er sitzt dort hinten.“ Er deutete mit dem Kopf in die entsprechende Richtung. „Ich wollte nur mal schnell Hallo! Sagen.“

Trix Lassow neigte sich etwas zur Seite, um an Clemens Bennet vorbeisehen zu können. Der Designer hielt im Moment ein Handy an sein Ohr und führte ein ernstes Gespräch. Wolf-Dietrich Bockmayer war todschick gekleidet und geschminkt und trug eine auffallende Rothaarperücke mit vielen Locken.

„Guten Hunger“, sagte Clemens Bennet.

„Wir sind schon beim Dessert“, gab Dr. Lassow schmunzelnd zurück. „Soll ich euch einen Tipp geben?“

Axel Lassow nickte. „Nur zu.“

„Das Erdbeersorbet ist hier ein Gedicht.“

„Erdbeersorbet“, sagte Trix Lassow. „Das nehme ich.“

„Ich auch“, sagte Dr. Lassow und legte die Karte beiseite.



4

Dr. Katja Arndt öffnete schwungvoll die Tür und betrat das Haus, in dem sie seit drei Jahren mit ihrem Mann wohnte. Sie hatte es von einem weitschichtigen Onkel geerbt und nach ihrem Geschmack eingerichtet.

Norbert hätte alles so gelassen, wie es war, doch das kam für sie nicht in Frage. Sie musste dem Haus erst ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken, um sich darin wohl zu fühlen. „Halloho!“, rief sie auf gekratzt. „Ist jemand daheim?“

Keine Antwort.

„Norbert?“

Stille im Haus.

Im Wohnzimmer lagen ein paar Zeitungen unordentlich auf dem Tisch. Katja Arndt faltete sie zusammen und schob sie in den Zeitschriftenständer.

Ihr fiel auf, dass der Anrufbeantworter blinkte, sie drückte auf den Wiedergabeknopf und hörte die Stimme ihres Bruders.

„Alle ausgeflogen?“, sagte Jürgen. Er war zehn Jahre jünger als seine Schwester. „Keiner da? Okay, ich nehm’s zur Kenntnis, aber ich möchte nicht wieder zu hören kriegen, ich würde mich zu selten bei euch melden.“

Sie rief ihn zurück. „Hallo, Bruderherz“, sagte sie, als er sich meldete. „Schön, dass du dich mal wieder an uns erinnert hast. Wie geht es dir?“

„Ich kann nicht klagen“, antwortete Jürgen Möhner.

„Das hört man gern.“

„Und wie geht es euch?“, wollte Katjas Bruder wissen.

„Oh, ganz gut. Ich bekomme morgen meinen Anstellungsvertrag.“

„Dann bist du also jetzt Ärztin an der Paracelsus-Klinik?“

„Ja.“

„Gratuliere.“

„Danke“, sagte die Ärztin.

„Und Norbert?“, fragte ihr Bruder.

„Norbert?“

„Lässt er endlich die Finger von den Karten?“, fragte Jürgen Möhner.

Katja Arndts Blick verdüsterte sich. „Er hat es mir ganz fest versprochen.“

Jürgen seufzte. „Ich mag ihn, ich mag ihn wirklich. Er ist ein furchtbar netter Typ, mein Schwager, aber seine Spiel- und Wettleidenschaft ist eine echte Katastrophe.“

Katja runzelte die Stirn. „Es ist eine Krankheit, Jürgen“, sagte sie sehr ernst, „und ich werde alles tun, um ihm zu helfen, sie zu besiegen.“

„Du bist ein Schatz, Katja. Ich hoffe, dein Mann weiß das.“

„Er weiß es. Und er weiß es zu schätzen.“

„Da fällt mir ein … ich soll dich von Mama grüßen“, sagte Jürgen Möhner. Seine und Katjas Mutter weilte zur Zeit zur Kur im Schwarzwald. Katja wusste, dass ihr Bruder sie am vergangenen Wochenende besuchen wollte.

„Geht es ihr gut?“, fragte die Internistin.

„Sie sieht blendend aus, und ich glaube, sie hat sich einen Kurschatten zugelegt.“ Jürgens Stimme klang mit einem Mal rau.

„Was?“ Katja staunte. „Unsere Mutter?“

„Sie hat mich einem pensionierten Telekom-Beamten vorgestellt, und sie hat ihn dabei sehr eigenartig angesehen“, berichtete Jürgen Möhner. Er räusperte sich. „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kann mir einen anderen Mann an der Seite unserer Mutter nur sehr schwer vorstellen.“

„Sie ist seit acht Jahren allein, Jürgen. Ich finde, sie hat ein Recht auf eine schöne, erfüllende und harmonische Zweisamkeit und auf ein neues Glück mit einem anderen Mann nach dem allzu frühen Tod unseres Vaters. Soll sie bis an ihr Lebensende allein bleiben und trauern?“

„Sie ist unsere Mutter“, sagte Jürgen Möhner. „Was immer sie tut, wie immer sie ihr Leben in Zukunft gestalten wird – ich werde mir Mühe geben, mich irgendwie damit abzufinden.“

„Das ist die richtige Einstellung“, lobte Katja ihren Bruder. „Bist ein braver Junge, Jürgen.“



5

Nach dem Abendessen holte Dr. Sören Härtling eine Flasche Moselwein aus dem Keller und setzte sich mit seiner Frau Jana auf die Terrasse.

Während er einschenkte, sagte er: „Ich befinde mich in Gesellschaft einer ebenso schönen wie intelligenten Frau, in den Gläsern funkelt goldener Wein, der Abend ist warm, still und friedlich … Ich muss sagen, ich bin rundum zufrieden.“

„Danke für das Kompliment“, sagte Jana Härtling und stieß mit ihm an.

„Auf dein Wohl, Liebes“, sagte der Klinikchef sanft. Da seine Frau Mitinhaberin der Paracelsus-Klinik war (ihr Vater Prof. Dr. Walter Paracelsus hatte das renommierte Krankenhaus vor mehr als vier Jahrzehnten gegründet) und da sie zudem ebenfalls Ärztin war und sich für alles interessierte, was in dem Klinikum geschah, das ihr Mann seit vielen Jahren sehr erfolgreich, umsichtig und souverän leitete, erzählte Sören ihr von der neuen Internistin, die von morgen an zum Team gehören würde.

„Sie ist tüchtig und beliebt, ist eine hervorragende Diagnostikerin, strebsam, zuverlässig und kompetent – ein echter Glücksfall für die Klinik.“

Jana hob die Augenbrauen. „Und sie ist bildschön.“ Sie hatte Dr. Katja Arndt vor zwei Wochen kennengelernt, als sie vor der Paracelsus-Klinik auf ihren Mann gewartet hatte.

„Ja, das ist sie“, bestätigte Sören Härtling, „aber warum erwähnst du das?“

Er musterte seine Frau mit schmalen Augen.

Jana zuckte mit den Schultern. „Nur so.“

Dr. Härtling setzte sich mit einem Ruck gerade. „Schatz, du denkst doch nicht etwa, ich hätte sie nur ihrer Schönheit wegen aufgenommen? Wenn sie sich nicht fachlich qualifiziert hätte, hätte sie ganz sicher keinen Vertrag bekommen.“

Jana Härtling schmunzelte. „Ich werde Schwester Annegret bitten, ein Auge auf dich zu haben.“

„Also hör mal …“

„Kann es schaden?“

„Also, Schatz, ich muss schon sagen …“

Jana legte lachend die Hand auf seinen Arm. „War doch nur ein Scherz, Liebster, reg dich wieder ab. Ich weiß doch, dass Katja Arndt keine Gefahr für unsere Ehe ist.“

„Ist sie auch nicht“, brummelte Sören Härtling.

„Sag’ ich ja.“ Jana beugte sich zu ihm hinüber und gab ihm einen zärtlichen Kuss. „Ich liebe dich, Sören Härtling, und ich würde keiner Frau raten, ihre rot oder sonstwie lackierten Krallen nach dir auszustrecken, denn ich würde mein Eheglück mit Klauen und Zähnen verteidigen. Du gehörst mir, mir ganz allein. Heute. Morgen. Immer.“

Sören widersprach nicht, denn er war damit sehr einverstanden.



6

Die Spiel- und Wettleidenschaft, die Katjas Bruder vorhin angesprochen hatte, war eine echte Belastung für die Ehe der jungen Ärztin.

Wenn sie ihren Mann nicht so sehr geliebt hätte, wäre dies ein triftiger Grund gewesen, sich von ihm zu trennen, bevor er sie mit in den Abgrund riss, dem er bereits vor geraumer Zeit beängstigend nahe gekommen war. Doch da sie trotz allem Kummer nicht ohne Norbert leben wollte, war es ihr unmöglich, ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen und so zu tun, als ginge er sie nichts an, als wäre er für sie nichts weiter als irgendein x-beliebiger Fremder.

Norbert war selbständiger Handelsvertreter. Derzeit ging das Geschäft nicht besonders gut, aber wenn er die Finger von den Karten ließ, so dass sich nicht wieder ein neuer erdrückender Schuldenberg anhäufte, den abzubauen sie in der Vergangenheit jedes Mal sehr viel finanzielle Substanz gekostet hatte, brauchten sie nicht am Hungertuch zu nagen.

Katja ging in die Küche und holte sich ein Glas Orangensaft, dann warf sie einen Blick in Norberts Büro. Walnussgetäfelte Wände, zum Bersten volle Holzregale, auf dem großen Schreibtisch eine pilzförmige Lampe, ein PC, ein Laserdrucker, ein Telefon, ein Faxgerät, ein Modem, ein Laptop, Norberts Handy …

Norberts Handy!

Er ging niemals ohne dieses Ding aus dem Haus, um immer und überall für jedermann erreichbar zu sein, damit ihm kein gutes Geschäft entging. Wenn Norberts Mobiltelefon hier war, musste auch er hier sein. Es war noch nie vorgekommen, dass er das Handy (seit er eines besaß) zu Hause vergessen hatte. Oder doch. Einmal.

Aber da war er fast hundert Kilometer zurückgefahren, um es zu holen.

„Norbert?“ Katja verließ das Büro ihres Mannes. Sie trank den Orangensaft und stellte das Glas weg. War Norbert oben im Schlafzimmer? Hatte er sich hingelegt? War er müde? Fühlte er sich nicht wohl?

Er hatte seit fast einem Monat nicht mehr gespielt, hatte jeglicher Versuchung widerstanden und wacker gegen seine bedrohliche Sucht angekämpft.

„Norbert!“ Katja stand unten vor der Treppe und rief nach oben. Ihr Mann antwortete nicht. Hatte er doch zum ersten Mal sein Handy vergessen? Alles passiert irgendwann einmal zum ersten Mal, dachte die Ärztin, während sie langsam die Stufen hinaufstieg.

Im Obergeschoss blieb sie kurz stehen. Die Stille im Haus war erdrückend. Wie bedauernswert sind Menschen, die das Schicksal zwingt, ihr Leben lang allein zu sein und immer in einer so grausamen Stille leben zu müssen, dachte Katja. Ohne Aussicht, dass sich daran jemals etwas ändert.

Die Tür zum Bad war offen. Das Licht der Sonne durchdrang das gerippte Glas des großen Fensters und ließ die Bodenfliesen auf eine beinahe unnatürliche Weise strahlen. Katja ging daran vorbei und öffnete die Schlafzimmertür. Norbert war da. Er lag angezogen auf dem Bett und schlief. Nicht einmal die Schuhe hatte er abgestreift. Wenn er das in einem dieser amerikanischen Filme sieht, beredet er es immer, dachte die Ärztin, und jetzt macht er es schon selbst.

Katja Arndt trat näher. Norbert schnarchte. Um diese Zeit! Katja beugte sich über ihn. Irgendetwas schien nicht in Ordnung zu sein.

Die Ärztin glaubte, das fühlen zu können. Sie hatte eine Antenne für unangenehme Dinge. Hatte Norbert getrunken? War er betrunken?

Sie roch tatsächlich Alkohol. Auf dem Nachttisch stand ein Whiskyglas. Waren irgendwelche Probleme aufgetreten? Hatte Norbert sie im Schnaps ertränkt?

Warum hat er mich nicht in der Klinik angerufen?, ging es Katja durch den Sinn. Ich hätte mir frei genommen, wäre heimgefahren, wir hätten reden können. Sich zu betrinken ist nur eine scheinbare Lösung. Eine Lösung für den Augenblick, denn wenn man aufwacht, ist das Problem noch immer da und in vielen Fällen sogar noch größer geworden. Plötzlich fuhr ihr ein eisiger Schreck in die Glieder. Neben dem Whiskyglas lag ein Glasröhrchen. Es war leer. LEER!

„O mein Gott!“, stieß die Internistin entsetzt hervor. Ihr Mann schlief hier keinen gewöhnlichen Schlaf. Er schlief dem Tod entgegen! Alkohol und Schlaftabletten das war eine sehr fatale Kombination. „Norbert!“, schrie Katja, so laut sie konnte. Er durfte nicht schlafen, durfte auf keinen Fall schlafen. Sie musste ihn unbedingt wach kriegen. „Norbert! Norbert, wach auf! Himmel, warum hast du das getan?“

Sie rüttelte und schüttelte ihn und schlug mit den Fäusten auf ihn ein wild, brutal, hysterisch. Sie drehte ihn auf den Rücken und ohrfeigte ihn so kräftig, als wäre sie ganz schrecklich wütend auf ihn.

„Norbert! Norbert, du verfluchter Idiot!“

Er bewegte sich, versuchte sie mit schlaffer Hand von sich zu schieben, wollte seine Ruhe haben, wollte in Ruhe sterben, doch diese Ruhe gab sie ihm nicht.

Sie rüttelte, schüttelte und schlug ihn immer weiter, zerrte ihn hoch und brüllte ihm ins Gesicht: „Hörst du mich, Norbert? He! He! Hörst du mich? Sag etwas! Komm zu dir!“

Gutturale Laute kamen aus seinem Mund.

„Hast du alle Tabletten genommen, die in dem Röhrchen waren?“

Er antwortete nur mit einem Seufzer.

„Hast du sie alle geschluckt?“

Er röchelte.

„Wann hast du sie genommen?“

Sein Kopf pendelte hin und her, als wäre er schlecht befestigt.

„Wie lange liegst du schon hier?“

Er antwortete nicht, konnte nicht sprechen, war nicht da, war aber zum Glück auch noch nicht drüben.

„Ich lass’ nicht zu, dass du abhaust!“, schrie Katja Arndt zornig. „Ich lass’ nicht zu, dass du mich allein lässt, du gottverdammter Mistkerl! Ich liebe dich! Ich will nicht ohne dich leben!“ Sie riss ihn aus dem Bett. Er plumpste auf den Boden. Sie schleifte ihn ins Bad. Er war schwer, obwohl er nicht übergewichtig war.

Keuchend und schwitzend stemmte sie ihn im Bad hoch. Sie brachte ihn auf die Knie. Sein Oberkörper hing in die Wanne. Sie griff ihm mit zwei Fingern in den Mund und sorgte dafür, dass er sich erbrach.

Als aus Norberts Magen nichts mehr hochkam, richtete Katja Arndt die Handbrause gegen das Gesicht ihres Mannes. Das kalte Wasser ließ ihn japsen.

Katja legte sich seinen Arm um die Schultern und stand mit ihm auf. Er musste gehen, musste sich bewegen. Sein Kreislauf musste wieder in Schwung kommen.

„Geh!“, befahl sie ihm. „Geh! Eins, zwei. Eins, zwei. Beweg deine Beine!“

Er knickte ein, hing wie ein nasser Sack an ihr. Sie schleppte ihn hin und her, hin und her, hin und her. „Geh! Geh! Geh!“, schrie sie immer wieder und irgendwann fing er an zu gehen.



7

Durch die weißen Gardinen zeichneten sich die dunklen Silhouetten von Dr. Sören Härtling und seiner Frau Jana ab. Im Wohnzimmer saßen der achtzehnjährige Ben und seine Zwillingsschwester Dana. Sie spielten Karten.

Ben deutete mit dem Kopf Richtung Vorhänge und meinte seufzend: „Wenn man die beiden so sieht, glaubt man nicht, dass sie schon so lange miteinander verheiratet sind. Sie gehen wunderbar miteinander um. Und das noch nach zwanzig Jahren. Das ist echt eine reife Leistung. Daran könnten sich viele andere Ehepaare ein Beispiel nehmen.“

„Angeblich reden die meisten Eheleute nach zwanzig Jahren nur noch sieben Minuten pro Tag miteinander“, sagte Dana.

„Woher hast du das?“, wollte Ben wissen.

„Stand in einer Illustrierten“, antwortete das Mädchen. „Hat eine große Umfrage in Deutschland ergeben.“

„Sieben Minuten.“ Ben wiegte den Kopf. „Das ist nicht viel.“

„Mutti und Paps sind zum Glück die große Ausnahme von der Regel.“

Ben betrachtete die Schatten seiner Eltern. „Wenn ich mal verheiratet bin, möchte ich auch so eine harmonische Ehe führen.“

Dana schmunzelte. „Was sollte dich daran hindern?“

Ben zuckte mit den Schultern. „Meine Partnerin. Wenn sie nicht mitspielt, wird nichts aus dem harmonischen Eheleben.“

„Ich bin sicher, du wirst die richtige Partnerin finden.“ Dana hob ihre Spielkarten. „Wer ist dran?“

„Ich“, sagte Ben.

„Bist du sicher?“ Dana sah ihn zweifelnd an.

„Denkst du, ich mogle?“, grollte ihr Zwillingsbruder.

„Auf jeden Fall würde ich nicht meine Hand für dich ins Feuer legen“, erwiderte Dana.

Ben legte die Karten mit dem „Gesicht“ nach unten auf den Tisch. „Wenn du mir unterstellst, dass ich nicht ehrlich spiele, lassen wir es lieber bleiben.“

„Meinst du, ich durchschaue dich nicht?“, sagte Dana spitz. „Du legst die Karten weg, weil sie nichts taugen. Wenn du ein besseres Blatt hättest, könnte ich dich nicht so leicht beleidigen. Nimm die Karten wieder in die Hand, und ich spiele aus.“

Ben nahm die Spielkarten wieder auf und meinte finster: „Wenn man außer Betracht lässt, dass wir Geschwister sind, denke ich, dass wir beide kein ideales Ehepaar abgeben würden.“

„Da hast du ausnahmsweise mal absolut recht“, pflichtete Dana ihm bei, spielte schmunzelnd aus, und es ärgerte Ben, dass er nicht stechen konnte.



8

Dr. Katja Arndt hatte ihrem Mann Wasser mit Senf eingeflößt und damit weiteres Erbrechen provoziert. Anschließend hatte sie ihm ein herzkreislaufstärkendes Mittel injiziert, starken schwarzen Kaffee gekocht, ihm Tasse für Tasse zu trinken gegeben und nicht aufgehört, mit ihm im Wohnzimmer im Kreis zu laufen. Sie hatte ganz kurz überlegt, ihn in die Paracelsus-Klinik zu bringen, war davon aber wieder abgekommen. Es hätte kein gutes Bild gemacht, wenn sie da mit Norbert aufgekreuzt wäre.

Der Selbstmordversuch ihres Mannes hätte viele Fragen aufgeworfen, die zu beantworten sie begreiflicherweise nicht die geringste Lust hatte.

Es war besser, wenn niemand davon erfuhr. Sie wusste, was zu tun war. Sie brauchte die Hilfe der Kollegen nicht, um Norbert zu helfen. Er schien die Tabletten noch nicht lange im Magen gehabt zu haben. Hatte er gehofft, dass sie ihn rechtzeitig finden und retten würde? War dieser Selbstmordversuch ein Hilferuf gewesen?

Katja lief mit ihrem Mann so lange im Kreis, bis sie nicht mehr konnte, dann sank sie mit ihm aufs Sofa und fragte atemlos: „Warum? Warum hast du das getan?“

Er bedeckte sein blasses Gesicht mit den Händen und weinte.

„Ich möchte eine Antwort, Norbert!“, sagte die Ärztin energisch.

„Ich schäme mich ja so …“ Er schluchzte laut.

„Warum wolltest du dich umbringen?“

„Verzeih mir, Katja.“ Seine Stimme klang zutiefst verzweifelt. „Ich wollte mich aus der Verantwortung stehlen.“

„Aus welcher Verantwortung?“

„Ich bin kein Mann. Ich bin ein Feigling, eine Memme, ein jämmerlicher Waschlappen. Ich verachte mich selbst.“

„Weswegen? Was ist passiert?“

Er weinte haltlos.

Sie begriff. „Du hast wieder gespielt.“

Er sagte nichts.

„Hast du wieder gespielt? Sag es! Sag es mir!“ Sie packte ihn und schüttelte ihn.

„Ja“, gab er kleinlaut zu.

Diese verdammte Sucht, dachte Katja.

„Ich wollte es nicht, wirklich nicht“, murmelte Norbert Arndt unglücklich. „Ich wollte standhaft bleiben aber es war stärker. Ich bin kein Mann für dich, Katja. Geh! Verlasse mich! Du verdienst einen besseren als mich. Du kannst mir nicht helfen. Niemand kann das. Ich bin unheilbar krank, werde irgendwann vor die Hunde gehen. Du solltest nicht mehr bei mir sein, wenn es dazu kommt.“

„Ich muss schon sagen, du hast noch nie größeren Blödsinn dahergeredet. Ich bin deine Frau. Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe, und ich habe gelobt, in guten wie in schlechten Zeiten zu dir zu halten und bei dir zu bleiben.“

„Aber aber ich bin dein Untergang.“

„Du hast also wieder gespielt.“

„Ja.“

„Und du hast verloren.“

„Ja.“

„Wie viel?“

„Sehr viel.“

„Wie viel ist sehr viel?“

„Zweihunderttausend.“

„Zwei … O mein Gott.“

„Es tut mir wahnsinnig leid, Katja. Ich hatte anfangs eine Glückssträhne. Als sie zu Ende ging, wollte ich es nicht wahrhaben. Ich dachte, das Glück würde nur mal kurz Pause machen und sich dann wieder an meine Seite stellen, doch es kam nicht mehr zu mir zurück.“

„Wem schuldest du das Geld?“, wollte Katja wissen.

„Der Mann heißt Jan Achberger.“ Norbert Arndt strich sich die schweißnassen dunklen Haarsträhnen aus der Stirn und legte die Hände in den Schoß. „Er lebt davon, Geld zu verleihen. Wenn man nirgendwo mehr Geld bekommt – von Jan Achberger kriegt man welches.“

„Und dafür verlangt er Wucherzinsen.“

„Das ist klar.“

„Wo finde ich diesen Mann?“

Norbert Arndt sah seine Frau erschrocken an. „Was hast du vor?“

„Ich werde mit ihm reden.“

„Was versprichst du dir davon? Dass er meinen Schuldschein zerreißt?“

Katja schüttelte den Kopf. „Ich werde mit ihm eine Zahlungsvereinbarung treffen.“

„Ich lasse dich nicht zu ihm gehen. Dieser Mann ist gefährlich.“

„Er wird mir nichts tun.“

„Er arbeitet mit Gangstern zusammen. Säumige Zahler werden von seinen Schlägern brutal misshandelt.“

„Wir sind keine säumigen Zahler“, sagte Katja. „Wir werden die Summe auf Heller und Pfennig zurückzahlen.“

„Wir haben keine zweihunderttausend Mark, stehen bei der Bank in der Kreide, und unser Haus ist auch belastet.“

„Ich werde mit Herrn Achberger eine Ratenzahlung vereinbaren. Wir zahlen jeden Monat so viel zurück, wie wir können.“

„Darauf wird er nicht einsteigen.“

„Er wird es müssen!“



9

Jan Achberger war ein schleimiger Mittvierziger mit nassen Lippen und Basedowaugen. Er hatte Gold im Mund, um den Hals und an den Fingern.

Sein „Büro“ befand sich im verrauchten Hinterzimmer einer Kneipe. Sein Geschäft ging so gut, dass Katja fast eine Stunde warten musste, bis er für sie Zeit hatte. Zerlumpte, ausgemergelte Gestalten schlurften an ihr vorbei. Desperados, mit Geld von Achberger in der Tasche, das ihnen für kurze Zeit über die Runden half. Ob sie wussten, wie sie es zurückzahlen konnten? Katja bezweifelte es.

Die Ärztin war entschlossen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um Norberts Hals zu retten, und sie hatte nur eine einzige Bedingung daran geknüpft: Ihr Mann musste sich therapieren lassen. Wenn er damit nicht einverstanden gewesen wäre, hätte das Katjas Liebe erheblich abgekühlt, denn lieben heißt, bereit sein, für den andern Opfer zu bringen, und das gilt für beide Seiten.

Als sie Jan Achberger endlich gegenübersaß, öffnete er die eiserne Kasse, die neben ihm auf dem Tisch stand, und holte den Schuldschein ihres Mannes heraus.

Er rauchte Zigarre, und sein Gesicht war vom Schnaps gerötet. Ungesunder konnte man kaum leben. Mit gelangweilter Miene hörte er sich an, was Katja ihm vorschlug. Er wusste, dass sie Ärztin war und in der Paracelsus-Klinik arbeitete, und er sagte, dass er sich normalerweise nicht auf Ratengeschäfte einlassen, in ihrem Fall aber eine Ausnahme machen würde.

Die Ratenhöhe, die Katja ihm anbot, entlockte ihm dann aber nur ein mitleidiges Lächeln, und er sagte, er habe keine Lust, ewig auf sein Geld zu warten. Katja war gezwungen, ihr Angebot zu erhöhen. Sie tat es in kleinen Schritten, und er schüttelte so lange den Kopf, bis ihr Angebot doppelt so hoch war wie ihr ursprüngliches.

Mehr dürfe sie jederzeit abzahlen, aber nie weniger, machte er ihr unmissverständlich klar. „Und“, sagte er mit erhobenem, nikotinbraunem Zeigefinger, „ich berechne Ihnen ein Prozent pro Tag.“ Man hätte meinen können, das wäre nicht viel, aber aufs Jahr umgelegt waren das 365 Prozent! Und nicht vom fallenden Kapital, sondern immer von den ganzen zweihunderttausend Mark, wie Jan Achberger durchtrieben lächelnd hinzufügte.

Katja musste schlucken.

„Sind wir uns einig?“, erkundigte sich der Wucherer. Katja versuchte, ihn auf ein halbes Prozent zu drücken, doch er blieb hart. Ihre Schönheit fiel dabei überhaupt nicht ins Gewicht. Wenn er Geschäfte machte, hatte er für so etwas kein Auge. „Sie können meine Bedingungen akzeptieren oder mir mein Geld auf einmal zurückgeben“, sagte er kühl.

Katja schüttelte immer wieder den Kopf. „Ein Prozent …“

Jan Achberger breitete die Arme aus. „Je höher Ihre Raten ausfallen, je rascher ich mein Geld wiederhabe, desto weniger werden Ihnen die Zinsen weh tun.“



10

Trix Lassow, Dr. Härtlings attraktive Schwester, war allein zu Hause, als das Telefon läutete. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich.

Am anderen Ende war Clemens Bennet. „Hallo, Clemens“, rief Trix erfreut aus. „Manchmal hört und sieht man tage-, wochen-, ja sogar monatelang nichts von dir …“

„Und dann geht es Schlag auf Schlag.“ Der Plattenproduzent und Rennstallbesitzer lachte. „Tut mir leid, dass ich mich nicht zu euch setzen konnte. Ich hoffe, ihr hattet trotzdem einen netten Abend.“

„Hatten wir. Und du mit dem großen Mode-Zampano?“

„Ich auch“, sagte Clemens Bennet. „Dieser Wolf-Dietrich Bockmayer ist ein ganz reizender Mensch.“

„Hast du geschäftlich mit ihm zu tun?“

„Ja, wir planen einige recht interessante Projekte.“

„Falls du mit Axel sprechen möchtest – er ist in der Kanzlei.“

„Er lässt seine wunderschöne Frau allein?“, fragte Bennet erstaunt.

„Er muss Geld verdienen, muss für den Wohlstand, den er seiner Familie bietet, hart arbeiten. Ihm wird nichts geschenkt. Von nichts kommt nichts.“

„Ich soll dich von Wolf-Dietrich Bockmayer ganz herzlich grüßen“, sagte der Plattenproduzent.

„Mich?“ Trix Lassow fühlte sich geschmeichelt. Sie prüfte mit einer sehr weiblichen Geste ihre Frisur.

„Du hast sehr großen Eindruck auf ihn gemacht“, verriet Clemens Bennet ihr.

„Ich?“ Sie staunte. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich überhaupt bemerkte.“

„Na, hör mal, eine so schöne Frau übersieht dieser Mann doch nicht. Wir haben vor, zusammen eine Benefiz-Veranstaltung auf die Beine zu stellen, deren Reinerlös behinderten Kindern zugute kommen soll, und Wolf-Dietrich hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du dabei mitmachen würdest.“ Trix lachte. „Als was denn?“

„Als Mannequin natürlich.“

„Lieber Himmel, ich bin gute vierzig.“

„Es kommt nicht darauf an, wie alt man ist, sondern wie alt man sich fühlt“, erklärte der Anrufer. „Du würdest Wolf-Dietrich eine große Freude machen, wenn du seine Kreationen vorführen würdest.“

„Ich … Auf einem Laufsteg … Das muss ich mir noch sehr gut überlegen.“


11

Moni Wolfram, Dr. Härtlings tüchtige Sekretärin, betrat mit der Unterschriftenmappe sein Büro. Moni war mit dem jungen Assistenzarzt Dr. Michael Wolfram glücklich verheiratet. Sie trug ein schlichtes cremefarbenes Kleid,aus dessen Brusttasche ein weinrotes Stecktuch hing.

Sören Härtling klappte die Mappe auf und las sich jedes Schriftstück aufmerksam durch, bevor er es unterzeichnete.

„Gut“, sagte er, nachdem er seinen Namen zum letzten Mal schwungvoll geschrieben hatte. Er warf einen Blick auf die Uhr, die neben dem Foto seiner Familie auf seinem Schreibtisch stand. In zwanzig Minuten begann die Vormittagssprechstunde. Er hatte also noch Zeit für eine Tasse Kaffee.

Als er das sagte, flitzte Moni sogleich hinaus, um die Maschine anzuwerfen.

Sörens Telefon läutete. Er schnappte sich den Hörer. „Ja?“

„Ihre Schwester, Chef“, sagte Moni Wolfram.

„Schicken Sie sie herein.“

„Sie ist nicht hier. Sie ist am Telefon.“

„Stellen Sie sie durch“, verlangte der Klinikchef.

„Okay.“

Gleich darauf hatte Sören Härtling seine Schwester an der Strippe. „Trixi, wie geht’s?“

„Gut.“

„Was kann ich dir antun?“

„Was sagt dir der Name Wolf-Dietrich Bockmayer?“, erkundigte sich Trix Lassow.

„Sehr viel. Wer noch nie von unserem großen Mode-Zaren gehört hat, muss blind und taub sein.“

„Er möchte, dass ich seine Kreationen auf einer Benefiz-Veranstaltung vorführe.“

„Gratuliere!“

„Ich weiß noch nicht, ob ich es machen werde …“

„Was hast du für Bedenken?“, wollte Dr. Härtling wissen. Moni Wolfram trat mit dem Kaffee ein, stellte die Tasse auf den Schreibtisch und ging wieder hinaus.

„In meinem Alter über einen Laufsteg trippeln … Ich weiß nicht …“

„Wenn Bockmayer es dir zutraut, dann kannst du das auch“, sagte Sören Härtling überzeugt,

„Die Models sind heutzutage sechzehn bis zwanzig Jahre alt“, gab Trix zu bedenken. „Mit dreißig gehen die meisten schon in Rente. Und dann kommt eine daher, die ist über vierzig.“

„Aber noch phantastisch erhalten“, wandte Dr. Härtling ein.

„Ich habe Angst, mich lächerlich zu machen.“

„Wie ist Bockmayer auf dich gekommen?“, fragte Sören.

Trix erzählte es ihm.

„Also, ich würd’s machen, wenn ich du wäre“, sagte Dr. Härtling. „Du wirst dich bestimmt nicht blamieren. Hast du schon mit Axel darüber gesprochen? Was sagt er dazu?“

„Er hat einen Gerichtstermin. Ich kann ihn nicht erreichen, deshalb habe ich dich angerufen, um deine Meinung zu hören. Du rätst mir also dazu.“

„Unbedingt“, sagte der Klinikchef. „Und ich werde in der ersten Reihe sitzen und dir stolz applaudieren, wenn du über den Catwalk gehst.“

„Das war eine Ansicht“, sagte Trix Lassow. „Ich werde auch noch andere einholen.“



12

„Jana?“, sagte Sören Härtlings Schwester zehn Minuten später am Telefon zu ihrer Schwägerin. „Hier ist Trixi.“

„Hallo, Trixi.“

„Störe ich dich bei irgendetwas Wichtigem?“

„Überhaupt nicht“, antwortete Jana Härtling.

„Hör zu, ich habe ein Problem und bin an deinem ehrlichen Urteil interessiert.“

„In Ordnung. Schieß los.“

Trix Lassow erzählte der Schwägerin von Wolf-Dietrich Bockmayers Angebot und fragte abschließend: „Würdest du dich für so etwas hergeben?“

„Was heißt für so etwas hergeben? Schicke Kleider vorzuführen ist nichts Unanständiges. Du hast nach wie vor eine Traumfigur.“

„Du auch. Und du bist genauso hübsch wie ich.“

„Bockmayer will aber nicht mich, sondern dich haben“, sagte Jana Härtling.

„Wenn er dich gefragt hätte, was hättest du getan?“, wollte Trix Lassow wissen.

„Ich hätte mich mit meiner Familie beraten.“

„Das tue ich heute Abend“, sagte die Frau des Rechtsanwalts. „Versetz dich für einen Moment mal bitte in meine Lage, Jana. Angenommen, deine Familie würde sich dafür aussprechen – würdest du Bockmayer dann zusagen?“

„Kann sein.“

Trix Lassow lachte. „Ich liebe einfache, klare Antworten“, sagte sie ironisch. „Damit kann ich wirklich sehr viel anfangen. Du erleichterst mir meine Entscheidung ungemein.“

„Jemandem einen Rat zu geben ist eine Sache“, erwiderte Jana. „Etwas für sich selbst entscheiden ist jedoch was ganz anderes.“



13

„Was hat er gesagt?“ Diese Frage platzte aus Norbert Arndt heraus, kaum dass seine Frau das Haus betreten hatte.

„Wir dürfen die zweihunderttausend Mark abstottern.“

Norbert stand mit wirrem Haar und bis zum Nabel offenen Hemd vor ihr. Sein Atem roch nach Cognac, und sein Blick war glasig. „Ich habe noch nie gehört, dass er sich schon mal auf Ratenzahlung eingelassen hat“, sagte er. „Wie hast du ihn dazu gebracht? Was musstest du ihm dafür geben? Was hat er für dieses Entgegenkommen verlangt?“

„Nichts.“

Norbert Arndt schüttelte ungläubig den Kopf. „Jan Achberger ist kein Philanthrop. Hat er dich … Was musstest du tun, um … Grundgütiger, ich hätte dich nicht zu ihm gehen lassen sollen. Das war ein Fehler, den ich mir nie verzeihen werde. Dieser Mistkerl! Ich bringe ihn um!“

„Wieso hörst du mir nicht zu?“, fragte die Ärztin ärgerlich. „Ich sagte, er hat nichts verlangt, und er hat nichts bekommen!“

Norbert schlug immer wieder mit den Fäusten gegen seine Schläfen.

„Hör auf damit!“, sagte Katja. Norbert machte weiter.

„Hör auf damit!“, wiederholte seine Frau scharf. „Bitte!“

Er ließ die Fäuste sinken.

„Er berechnet uns ein Prozent pro Tag“, sagte Katja.

„Dieser Blutsauger.“ Norbert zog verächtlich die Mundwinkel nach unten.

Katja nannte die Höhe der von Achberger festgesetzten Raten.

Norbert sah sie entgeistert an. „Darauf hast du dich eingelassen? Wie sollen wir denn das bezahlen? Da bleibt uns ja nichts mehr zum Leben.“

„Wir kriegen das schon irgendwie hin“, meinte Katja optimistisch.

„Wie denn? Wie? Meine Geschäfte gehen schlecht …“

„Sie werden auch mal wieder besser gehen.“

„O mein Gott“, stöhnte Norbert Arndt verzweifelt, „in was hat meine Krankheit uns da bloß hineingeritten.“

Die Ärztin zuckte mit den Schultern. „Jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen und durch. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.“

„Nie mehr!“ Norbert Arndt ballte die Hände zu Fäusten und schüttelte mit grimmiger Miene den Kopf. „Nie mehr rühre ich auch nur eine einzige Spielkarte an!“

Katja winkte ab. „Ach, Norbert, wie oft hast du das schon gesagt.“

„Es war mir noch nie so ernst wie diesmal“, beteuerte er seiner schönen Frau, „und ich werde mich auch, wie versprochen, therapieren lassen. Ich muss von diesem teuflischen Zwang loskommen, sonst macht er dich und mich kaputt.“



14

Am Abend erzählte Dr. Härtling nach dem Essen von Trix Lassows Anruf in der Paracelsus-Klinik. Jana schmunzelte. „Dich hat sie auch angerufen?“

„Dich etwa auch?“, staunte der Klinikchef.

„Wozu hast du ihr geraten?“, wollte seine Frau wissen.

„Sie soll es machen.“

Jana nickte. „Das habe ich auch gesagt.“

Dana Härtling seufzte. „Wieso fragt mich keiner? Ich wäre sofort dabei.“

„Ich auch“, meldete sich die zehnjährige Josee.

„Du.“ Der hochaufgeschossene vierzehnjährige Tom lachte. „Was willst du Bohnenstange denn auf einem Laufsteg?“

Josee warf ihm einen erbosten Blick zu. „Ich bin keine Bohnenstange.“

„Ich würde mal in einen Spiegel gucken“, empfahl Tom seiner kleinen Schwester.

„Wieso hackst du immer auf mir ’rum?“

„Tu’ ich ja gar nicht.“

„Klar tust du das.“

„Ich bitte euch, seid friedlich, Kinder“, ging Jana Härtling dazwischen.

Josee zeigte zornig auf Tom. „Er hat kein Recht, mich zu beleidigen.“

„Stimmt, hat er nicht“, gab Jana Härtling ihrer jüngsten Tochter recht, „und nun will ich kein unfreundliches Wort mehr hören. Von niemandem, klar?“

Dr. Härtling lächelte. „Ich bin gespannt, wie meine Schwester sich entscheidet.“

„Tante Trixi ist lebhaft, modebewusst, selbstsicher und sehr hübsch“, sagte Ben. „Sie wird den Spaß ganz bestimmt mitmachen.“



15

Dr. Katja Arndt stieg aus ihrem Wagen und staunte. „Ich hab ’ mir ein nettes kleines Häuschen gekauft“, hatte Biggi Ruprecht gesagt, als sie sich auf dem Parkplatz der Paracelsus-Klinik zufällig getroffen hatten. „Es wird dir gefallen.“

Ein nettes kleines Häuschen, dachte die Internistin beeindruckt. Mädchen, das ist die Untertreibung des Jahres. Dieses Haus ist wunderschön und überhaupt nicht klein.

Zwei große Löwen aus Sandstein bewachten den Eingang. Der Garten war kunstvoll angelegt und fachmännisch gepflegt. Katja ging an einer Vogeltränke vorbei, an deren Rand ein schwarzes Amselmännchen saß und sie furchtlos ansah.

„Na, du kleiner Gelbschnabel“, sagte sie lächelnd. „Wo ist deine Frau?“ Das Amselmännchen flog weg. Der Mensch bezeichnet sich in seiner grenzenlosen Überheblichkeit als Krone der Schöpfung, ging es Katja durch den Sinn. Wieso darf er das? Wer gibt ihm dieses Recht? Ist er nicht anmaßend, wenn er sich eitel über alle Kreaturen des Planeten stellt? Er führt sinnlose Kriege, ist fanatisch, raubt, brandschatzt, plündert, mordet, vergewaltigt, übervorteilt andere, lügt, betrügt, nimmt Drogen, ist eitel, rücksichtslos, grausam, egoistisch, raffgierig spielsüchtig … All das gibt es in der Tierwelt nicht. Dürfen wir uns wirklich bei so vielen negativen Eigenschaften als Krone der Schöpfung sehen? Sind nicht die Tiere die besseren Menschen?

Katja stöckelte über unregelmäßige Natursteinplatten. Sie hatte Biggi angerufen und sich mit ihr verabredet. Jetzt öffnete sich die Haustür aus gehämmertem Kupfer, und Biggi Ruprecht erschien in einem wallenden Hauskleid aus glänzendem Goldlamé. Biggi schien zu wissen, wie man zu Geld kam, und Katja erhoffte sich einen Tipp von ihr. Die Freundin umarmte sie herzlich und führte sie in einen luxuriös ausgestatteten Salon.

„Meine Güte, Biggi“, sagte Katja beeindruckt, „du hast gesagt, du hättest dir ein nettes kleines Häuschen gekauft. Das ist ja ein Palast.“

„Nun ja, ich wollte nicht übertreiben“, gab Biggi Ruprecht bescheiden zurück. Sie setzte sich mit der verblüfften Freundin auf eine weiße Ledercouch, neben der eine fahrbare Hausbar stand, zeigte auf die vielen Flaschen und ließ Katja wählen.

Die Ärztin entschied sich für Campari Soda und sagte: „Du fährst einen schweren Wagen, bist teuer gekleidet, wohnst in einem solchen Traumhaus … Darf ich fragen, wer das alles finanziert hat?“

Biggi lächelte. „Ich.“ Sie mixte zwei Campari Soda.

„Du?“ Katja kam aus dem Staunen nicht heraus. „Gibt es keinen reichen Freund im Hintergrund?“

Biggi reichte Katja ihr Glas. „Lass uns erst mal anstoßen.“ Die Gläser klirrten leise, und Biggi sagte: „Schön, dich hier zu haben. Ich bin sehr froh, dass wir uns vor der Paracelsus-Klinik über den Weg gelaufen sind.“

Sie tranken.

„Mich hat es auch gefreut, dich wiederzusehen“, sagte Dr. Katja Arndt.

„Ist bestimmt eine Auszeichnung, in einer so bekannten und renommierten Privatklinik arbeiten zu dürfen“, meinte Biggi Ruprecht. „Du musst beruflich sehr viel drauf haben.“

„Ich versuche Tag für Tag mein Bestes zu geben.“

„Dann musst du mit Leib und Seele Ärztin sein.“

„Das bin ich“, bestätigte die Internistin mit einem leidenschaftlichen Funkeln in den goldbraunen Augen. „Ich könnte mir für mich keinen schöneren und befriedigenderen Beruf vorstellen.“

Biggi zwinkerte mit dem rechten Auge. „Und obendrein hast du noch einen furchtbar netten Chef.“

„Du kennst Dr. Härtling?“

„Er hat mir vor zwei Jahren eine Zyste wegoperiert“, sagte Biggi Ruprecht. „Ich hab’ ein bisschen mit ihm geflirtet, wie es so meine Art ist, und es hat mir mächtig imponiert, wie standhaft er war. Scheint sehr gut verheiratet zu sein, der phantastisch aussehende Klinikchef.“

„Und wie sieht es damit bei dir aus?“, fragte Katja.

„Mit dem Heiraten?“

Katja nickte. „Mhm.“

Biggi schüttelte den Kopf. „Ich habe nicht vor, mich so fest zu binden.“

„Warum nicht? Du hast doch nicht etwa Angst vor der Ehe?“

„Angst?“ Biggi schüttelte wieder den Kopf. „Nein.“ Sie trank einen Schluck Campari Soda. „Ich meine nur, dass die Ehe nichts für mich ist. Angst habe ich davor keine. Es gibt überhaupt nicht viel, wovor ich Angst habe. Ich fürchte mich nicht einmal vor dem Tod, wenn es schnell geht. Leiden, dahinsiechen, auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen sein … Das möchte ich nicht.“

„Das will niemand.“

„Aber wenn es schnell geht … Klack! Von einer Sekunde zur andern …“ Biggi Ruprecht lachte plötzlich. „Großer Gott, worüber reden wir denn da auf einmal? Das ist doch kein Thema, wenn man sich nach langer Zeit wiedersieht.“ Sie stand auf und legte eine Scheibe in den CD-Player. Ravels „Bolero“ erklang.

„Du schuldest mir noch eine Antwort“, sagte Katja Arndt.

„Eine Antwort worauf?“ Biggi setzte sich wieder und schlug die Beine übereinander.

„Auf meine Frage: Gibt es keinen reichen Freund im Hintergrund?“

Biggi schaute in ihr Glas. „Nun, sagen wir, es gibt keinen speziellen reichen Freund …“

„Wie darf ich das verstehen?“, erkundigte sich Katja.

„Es gibt mehrere.“

„Die dir deinen Luxus finanzieren?“

„Könnte man sagen.“ Biggi nickte. „Ja.“

„Darf ich fragen, was du beruflich machst?“

Biggi sah die Freundin an. „Ich habe einen Vertrag mit Flamingo.“

„Aha.“

Biggi lächelte. „Du weißt nicht, was das ist?“

„Ich habe keinen blassen Schimmer“, gab Katja zu.

„Flamingo ist eine Begleitagentur“, erklärte Biggi Ruprecht. „Die beste in München“, fügte sie hinzu. „Kunden mit dicken Brieftaschen …“

Katja war perplex. „Du gehst für Geld mit Männern aus?“

„Findest du’s verwerflich?“, fragte Biggi amüsiert.

Katja gab darauf keine Antwort. „Und davon kann man so gut leben?“, fragte sie stattdessen.

Ihre alte Freundin breitete die Arme aus. „Wie du siehst. Unsere Kunden können es sich leisten, großzügig sein.“

Katja wiegte den Kopf. „Ich mag in dieser Hinsicht ja ein bisschen naiv sein, aber kein vernünftiger reicher Mann gibt sein gutes Geld für nichts aus.“

„Er bezahlt für eine nette Zeit mit einem attraktiven Mädchen“, sagte Biggi Ruprecht. „Ich gehe mit den Herren essen, ins Theater, ins Konzert. Ich unterhalte mich mit ihnen. Sie erzählen mir ihre Geschichten und freuen sich, in ein hübsches Gesicht sehen zu dürfen und nicht allein sein zu müssen.“

„Und das ist alles?“, fragte Katja Arndt mit schmalen Augen.

Biggi hob die Hände. „Es passiert nichts, was ich nicht will.“

„Und was passiert, wenn du …“

„Wenn mir ein Mann gefällt, kommt es schon mal vor, dass ich mit ihm schlafe“, gab Biggi Ruprecht offen zu.

„Für Geld.“

„Ich verlange nichts“, sagte Biggi, „aber wenn ein Freund mir etwas geben möchte, stoße ich ihn nicht vor den Kopf, indem ich sein Geschenk zurückweise. Ich bin frei und ungebunden. Ich kann tun und lassen, was ich will.“

„Ja, aber …“

„Ich gehe mit netten, sympathischen Männern ins Bett. Das habe ich schon getan, bevor ich bei Flamingo war, und nichts anderes tue ich heute.“

Es ist Prostitution, dachte Katja. Du nimmst Geld für etwas, das nichts kosten darf, wenn zwei Menschen sich aufrichtig gern haben. Man schenkt sich einander, weil man sich liebt.

„Es macht mir Spaß, mit Männern, die mir gefallen, zu schlafen“, sagte Biggi ungeniert. „Schockiert dich das?“

„Es ist dein Leben. Du kannst es führen, wie du es für richtig hältst. Es steht mir nicht zu, irgendein Urteil dazu abzugeben.“

„Aber du heißt es nicht gut.“

„Ich würde es für mich nicht gutheißen, schließlich bin ich verheiratet“ , sagte Katja. „Was du tust, ist deine Sache. Wenn du es mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, ist es okay.“

Sie schwiegen eine Weile, tranken. Ravels „Bolero“ ging zu Ende, die „Carmen“ Ouvertüre von Bizet erklang, und Biggi Ruprecht fragte: „Darf ich neugierig sein?“

„Was möchtest du wissen?“, fragte Katja zurück.

„Bist du glücklich verheiratet?“

„Ich liebe meinen Mann.“

„Scheint in eurer Ehe immer nur die Sonne?“

„Das natürlich nicht“, antwortete die Ärztin. „Manchmal ziehen auch Gewitterwolken auf, wie in jeder Partnerschaft.“

„Da ist ein Ausdruck in deinen Augen, der mich vermuten lässt, dass du Kummer hast. Dich scheint irgendetwas zu bedrücken.“

Katja lächelte schmal. „Du bist eine gute Beobachterin.“

„Ich hatte immer schon einen Blick fürs Nebensächliche. Hängt der Haussegen schief? Kann ich dir irgendwie helfen?“

Dr. Katja Arndt schlug die Augen nieder. Sie sprach über die fatale Spielsucht ihres Mannes und die daraus resultierenden Folgen.

„Zweihunderttausend Mark.“ Biggi Ruprecht wiegte bedenklich den Kopf. „Das ist eine Menge Geld. Wenn ich es hätte, würde ich es dir leihen, aber ich habe alles, was ich hatte, ausgegeben für das Haus, für den Wagen, für Schmuck und Kleider. Das einzige, was ich für dich tun könnte, wäre, dich bei Flamingo unterzubringen.“

„Lieber Gott, nein“, stieß Katja erschrocken hervor. „Ich könnte nie mit einem anderen Mann …“

„Das würde auch niemand von dir verlangen“, sagte Biggi. „Das tue ich, weil es mir Spaß macht. Wenn du nicht so weit gehen möchtest, ist das in Ordnung. Niemand würde dich dazu zwingen. Es lässt sich auch so reichlich Geld verdienen. Wenn Jan Achberger sein Geld so bald wie möglich zurückbekommen soll, brauchst du einen einträglichen Nebenjob, und den könnte ich dir verschaffen.“

Katja nagte an der Unterlippe. „Ich weiß nicht …“

„Was weißt du nicht?“

„Ob ich mich für so etwas eigne“, sagte die Internistin.

„Du wirst dich doch noch mit einem netten fremden Mann kultiviert unterhalten können.“

„Das schon, aber …“

„Du verstehst dich hübsch zu kleiden, bist attraktiv und gebildet“, zählte Biggi auf. „Es ist selbst für eine verheiratete Frau nicht anstößig, einem einsamen Mann Gesellschaft zu leisten. Es sind einige Ehefrauen für Flamingo tätig, und die können alle ihren Männern noch reinen Gewissens in die Augen sehen, wenn sie von einem Job nach Hause kommen.“ Katja leerte ihr Glas. „Das muss ich mir in Ruhe durch den Kopf gehen lassen.“

Biggi nickte. „Du musst wissen, wie viel Zeit du hast.“

„Und ich muss mit meinem Mann darüber reden“, sagte die Ärztin. „Ich könnte das nicht ohne Norberts Einverständnis tun.“

„Das ist klar.“ Biggi Ruprecht nickte. „Wenn er vernünftig ist, wird er dich nicht davon abhalten. Schließlich willst du ihm ja nur aus einer Patsche helfen, in die er euch beide hineingeritten hat.“

„Und da ist dann noch die Paracelsus-Klinik“, sagte Katja Arndt. „Ich möchte auf gar keinen Fall meinen Arbeitsplatz aufs Spiel setzen. Wenn es die Runde macht, dass Frau Dr. Arndt von der internen Station in ihrer Freizeit als Begleitdame jobbt, bin ich erledigt.“

„Wenn du es niemandem erzählst, wird es keiner wissen.“

„Es kann rauskommen“, meinte Katja heiser. „Es braucht nur einer der Herren, mit denen ich aus war, in die Paracelsus-Klinik zu kommen. Als Besucher. Als Patient …“

Biggi Ruprecht winkte ab. „Konstruiere keine Krisen. Du brauchst für eine gewisse Zeit ein zusätzliches Einkommen, und ich kann dir dazu verhelfen. Das ist alles.“



16

Ottilie brühte sich gerade ihren Vollmers-Tee, als das Telefon läutete. Es hatte sich gezeigt, dass der arzneilich wirksame präparierte grüne Hafertee ihre Verdauung sehr gut förderte, und deshalb versuchte sie ihn so regelmäßig wie möglich zu trinken. Die alte Wirtschafterin verließ die Küche und nahm den Anruf entgegen. „Bei Härtling“, meldete sie sich.

„Hallo, Ottilie“, sagte Trix Lassow am anderen Ende, „ist meine Schwägerin zu Hause?“

„Tag, Frau Lassow“, sagte die grauhaarige Haushälterin. „Einen Augenblick, ich hole sie an den Apparat.“

Jana Härtling befand sich im Garten, schnitt ein paar Rosen für die Vase ab und entfernte die Dornen.

„Frau Doktor!“, rief Ottilie von der Terrasse aus.

„Ja?“, antwortete Jana, richtete sich auf und drehte sich um.

„Ihre Schwägerin ist am Apparat.“

„Ich komme!“ Auf der Terrasse drückte Jana der Wirtschafterin die Rosen in die Hand. „Würden Sie die bitte ins Wohnzimmer bringen?“

„Selbstverständlich.“

Jana eilte an den Apparat. „Hallo, Trixi, was ist los?“, fragte sie ein wenig außer Atem. „Hast du Wolf-Dietrich Bockmayer zugesagt?“

„Hab’ ich.“

„Bravo!“

„Unter einer Bedingung“, sagte die Frau des Rechtsanwalts.

„Unter welcher?“

„Dass du auch mitmachen darfst.“ Jana Härtling hatte das Gefühl, jemand hätte sie mit Eiswasser übergossen. „Bist du verrückt?“

„Ich habe Bockmayer eine Fotografie von dir gezeigt. Er ist einverstanden. Bitte, Jana, du darfst mich nicht hängenlassen.“

Jana war fassungslos und verstört. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Mannequin. Sie. O Gott! „Ich ich bin Mutter von vier Kindern“, stammelte sie.

„Ich bin ebenfalls Mutter.“

„Aber nur von zwei Kindern.“

„Zwei Kinder mehr oder weniger.“

„Ich kann doch nicht …“

„Wenn ich es kann, kannst du es auch“, sagte Trix Lassow nüchtern.

Hitze brannte in Jana Härtlings Wangen. „Meine Familie wird nie und nimmer damit einverstanden sein.“

„Sie wird auf dich genauso stolz sein, wie es meine Familie auf mich ist.“ Jana fühlte sich von ihrer Schwägerin total überrumpelt. Sie sah sich im Geist auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg stolpern, umkippen und stürzen und vermeinte das wiehernde Gelächter des Publikums zu hören. Grauenvoll. „Ich sollte dir meine Freundschaft aufkündigen“, sagte sie mit belegter Stimme.

Trix lachte. „Warum denn?“

„Das fragst du noch?“

„Du musst bei dieser Benefiz-Veranstaltung mitmachen, Jana“, sagte Trix Lassow beschwörend. „Ich traue mich da allein nicht hin. Wenn es nicht für einen guten Zweck wäre, hätte ich mich bestimmt nicht breitschlagen lassen, aber da der Reinerlös behinderten Kindern zugute kommt, dürfen wir uns davor auf gar keinen Fall drücken, so unangenehm es uns auch sein mag.“

Behinderte Kinder … Trix Lassow war schlau. Sie wusste: Wenn Jana Härtling weich zu kriegen war, dann nur mit diesem starken Argument.



17

Als Dr. Katja Arndt ihrem Mann erzählte, auf welche Weise Biggi Ruprecht ihr helfen konnte, fiel er aus allen Wolken. „Meine Frau geht nicht mit wildfremden Männern aus!“, stieß er empört hervor. „Das lasse ich niemals zu!“

„Es wäre ja nur für eine gewisse Zeit“, sagte die Ärztin, die sich inzwischen mit dem Gedanken ein klein wenig angefreundet hatte.

Norbert Arndt schüttelte heftig den Kopf. „Nein, kommt nicht in Frage.“

„Es würde nichts passieren, womit ich nicht einverstanden wäre“, sagte die Internistin.

Auch ihr wäre es lieber gewesen, sich mit einer Beschäftigung bei „Flamingo“ nicht auseinandersetzen zu müssen, aber sie sah weit und breit keine Alternative.

„Diese widerlichen Mistkerle würden sich an deinem Anblick ergötzen“, giftete Norbert. „Sie würden dich betatschen.“

„Das würde ich nicht zulassen.“

„Aber sie würden es versuchen.“ Norbert rang die Hände. „Mein Gott, Katja, muss ich dir wirklich sagen, wie Männer sind, was alles vorfallen kann, wenn der Hormonspiegel steigt?“

Katja sah ihren Mann ernst an. „Wir brauchen das Geld, Norbert. Wenn wir nicht schnell zahlen, bringen die Zinsen uns um.“

Das sah Norbert zwar ein, aber es war ihm nicht möglich, sich damit einverstanden zu erklären, dass seine Frau, die er über alles liebte, sich dafür hergab, dass fremde Männer sich gut amüsierten. „Du weißt, dass du mir vertrauen kannst“, sagte Katja mit Nachdruck. „Ich würde dich niemals betrügen. Das wäre mir einfach nicht möglich.“

Norbert sah seine Frau an. Seine Augen schwammen in Tränen. „In was für eine entsetzliche Situation habe ich uns bloß gebracht, Katja? Wieso kann ich nicht an die Folgen denken, wenn ich mich an einen Spieltisch setze? Es sind doch immer dieselben. Es läuft doch immer auf das gleiche hinaus. Ich spiele. Ich verliere. Und hinterher kommen Ernüchterung, Katzenjammer, Verzweiflung, Wut, Ratlosigkeit, Selbstvorwürfe … Die ganze bekannte Palette. Wieso lerne ich nicht aus meinen Fehlern? Wieso werde ich immer wieder rückfällig?“

„Weil du dich bisher immer geweigert hast, dich therapieren zu lassen. Ohne die Hilfe eines erfahrenen Psychotherapeuten wirst du deine Sucht aber nie besiegen. In meinen Augen ist es ein großer und wertvoller Schritt in die richtige Richtung, dass du dich nicht mehr gegen diese so wichtige und unerlässliche Therapie sträubst. Ich habe mich inzwischen in der Paracelsus-Klinik umgehört …“

Norbert Arndt erschrak. „Du hast in der Paracelsus-Klinik über unser über mein Problem gesprochen?“

„Ich habe nicht gesagt, dass mein Mann Schwierigkeiten hat“, sagte Katja. „Ich habe mich nur ganz allgemein erkundigt, wer wohl in so einem Fall am besten helfen könnte, und sowohl Dr. Härtling als auch Dr. Falk und Dr. Jordan haben unabhängig voneinander denselben Namen genannt: Dr. Georg Weißmann. Er ist auf Suchtprobleme aller Art spezialisiert. Du solltest ihn anrufen und dir einen Termin geben lassen.“

Norbert nickte deprimiert. „Ich werde ihn anrufen.“

„Ich gebe dir nachher seine Telefonnummer“, sagte Katja. „Wenn du möchtest, begleite ich dich auch zu ihm.“

„Ich bin kein kleines Kind“, sagte Norbert schroff.

„Ich dachte nur, dass es dir dann ein wenig leichter fällt …“

Norbert Arndt sah seine schöne Frau mit zusammengekniffenen Augen an. „Du möchtest dich davon überzeugen, dass ich da auch wirklich hingehe.“

„Wenn du es mir versprichst, genügt mir das.“

Norbert zog die Mundwinkel nach unten. „Was ist das Wort eines Spielers schon wert?“

„Es ist das Wort meines Mannes, auf das ich mich verlasse“, erwiderte Katja mit fester Stimme.

Norbert seufzte unglücklich. „Verzeih mir, Liebling. Du versuchst alles zu tun, um mir zu helfen, und ich bin unausstehlich.“

„Ich weiß, dass du es nicht so meinst.“ Sie streichelte zärtlich seine Wange. „Krieg’ ich einen Kuss?“

Er zog sie in seine Arme, drückte sie fest und küsste sie innig. „Ach, Katja, Katja. Du bist eine wunderbare Frau. Womit habe ich dich verdient?“

Sie lächelte sanft. „Damit, dass du ein ganz wunderbarer Ehemann bist.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte er ungläubig.

„Mein vollster Ernst.“ Katja nahm seine Hand. „Komm, lass uns nach oben gehen.“ Sie suchten das Schlafzimmer auf und zeigten einander, wie groß ihre Liebe trotz aller Probleme, die auf ihnen lasteten, war.

Später brachte Katja das Gespräch noch einmal auf „Flamingo“. Sie bat ihren Mann, es sie wenigstens mal versuchen zu lassen, und er willigte nach einem schweren inneren Kampf schließlich wenig begeistert ein.



18

Jana Härtling war von ihrer Familie enttäuscht. Sie hatte gehofft, dass sich alle gegen einen Auftritt von ihr bei dieser Benefiz-Veranstaltung aussprechen würden, doch das Gegenteil war der Fall.

„Mutti auf ’nem Laufsteg“, sagte Tom begeistert. „Das ist cool.“

„Das muss ich sofort meinen Schulfreundinnen erzählen“, sagte Josee.

„Mutti in Kleidern von Wolf-Dietrich Bockmayer“, strahlte Dana. „Das lasse ich mir auf gar keinen Fall entgehen.“

„Du kannst es hoffentlich so einrichten, dass deine Familie einen Tisch direkt neben dem Laufsteg bekommt“, sagte Ben zu seiner enttäuschten Mutter.

Und Dr. Härtling meinte: „Es erfüllt mich mit unbeschreiblichem Stolz, dass meine Frau und meine Schwester in die Welt der Haute Couture eingeladen werden. Ihr werdet Bockmayers Kreationen mit Schönheit und Grazie adeln.“

Ja, selbst Ottilie, die ihre Meinung stets wie ein Familienmitglied zu jedem Thema kundtun durfte, sprach sich nicht dagegen aus. „Die eleganten Roben des Herrn Bockmayer werden Ihnen großartig stehen“, sagte die alte Haushälterin.

Womit sie mir also alle in den Rücken gefallen wären, dachte Jana Härtling verbittert. Eine feine Familie habe ich. Sie lässt mich, wenn’s kritisch wird, glatt im Stich. Anstatt mir zu helfen, sich wie ein Mann hinter meine ablehnende Haltung zu stellen und mir mit den entsprechenden Worten den Rücken zu stärken, drängt sie mich in dieses entsetzliche Abenteuer. Lieber Gott, gib, dass ich mich nicht bis auf die Knochen blamiere.

„Ich danke euch für eure wertvolle Meinung“, sagte Jana mit leicht ironischem Unterton. „Ihr macht es mir leicht, mich zu entscheiden.“

Tom rieb sich die Hände. „Mutti und Tante Trixi Models wie Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista und wie sie alle heißen. Das finde ich echt megastark, einfach irre.“

Ob er das auch noch sagen wird, wenn die Show zu Ende ist?, fragte sich Jana Härtling mit einem Kopf voller düsterer Befürchtungen und unheilschwangerer Ahnungen.



19

„Sei doch nicht so schrecklich nervös“, sagte Biggi Ruprecht lächelnd zu ihrer Freundin.

Dr. Katja Arndt seufzte geplagt. „Du hast leicht reden.“ Sie trug ein hübsches mintfarbenes Sommerkleid – sehr mini, sehr sexy. Es gehörte nicht ihr, Biggi hatte es ihr geliehen. Sie war in einem allzu schlichten Leinenkostüm bei der Freundin erschienen, und Biggi hatte ihr empfohlen, sich umzuziehen und sich etwas flotter zu frisieren.

„Wovor hast du Angst?“, fragte die attraktive Frau, während der Lift, in dem sie sich befanden, zum ersten Stock hochfuhr. „Dass Gabi Hauff, die Agenturchefin, dich nicht nimmt?“

Die Ärztin lächelte gequält. „Ich befürchte eher, dass sie mich nimmt.“

„Aus diesem Grund sind wir doch hier.“

„Ja, ich weiß.“ Katja Arndt verdrehte die Augen. „Gib nichts auf das, was eine Verrückte sagt.“ Der Fahrstuhl hielt. Biggi Ruprecht öffnete die Tür und verließ die Kabine. Katja folgte ihr mit sehr gemischten Gefühlen.

Sie würde von nun an ein Doppelleben führen – am Tag als Ärztin in der Paracelsus-Klinik und am Abend als Begleitung gutsituierter Männer, die nicht allein sein wollten.

Der Gang, den Biggi mit Katja entlangging, war hell, mit lindengrün gestrichenen Wänden. Ein anthrazitgrauer Sisalläufer lag auf dem sandfarbenen PVC-Boden.

„Gabi ist sehr nett“, sagte Biggi. „Sie wird von dir begeistert sein.“

Sie erreichten eine weiß lackierte Tür, an der ein Messingschild befestigt war: BEGLEITAGENTUR „FLAMINGO“ stand auf dem Schild.

Biggi klopfte und trat gleich ein. Katja folgte ihr bangen Herzens. Viel lieber wäre ich jetzt ganz weit weg, dachte die Internistin. In Asien, in Afrika oder auf dem Mond …

Das Agenturbüro war nicht groß. Katja sah einen Karteischrank, hübsche Bilder an den Wänden, drei Chrom-Leder-Sessel vor einem großen Schreibtisch, hinter dem eine junge Frau in Katjas und Biggis Alter saß und einen Computer bediente. Das Telefon war zugleich auch Faxgerät und Anrufbeantworter.

Die Agenturchefin warf einen letzten Blick auf den Bildschirm, klickte das Symbol für „Speichern“ an und erhob sich sodann, um Biggi Ruprecht und Katja Arndt zu begrüßen.

„Hallo“, sagte sie zu Katja, als sie ihr die Hand gab. Ihr schulterlanges Haar war kastanienbraun und frisch gewaschen. Es glänzte wie Seide. Auch sie war sehr hübsch und hatte selbst für eine Begleitagentur gearbeitet, bevor sie „Flamingo“ gegründet hatte. Heute stand sie nur noch ganz wenigen speziellen Kunden persönlich zur Verfügung. Alle anderen durften aus dem attraktiven und breit gefächerten Agenturangebot wählen. „Ich bin Gabi Hauff“, sagte sie. „Biggi hat mir von deinen Schwierigkeiten erzählt.“ Sie forderte Katja und Biggi auf, sich zu setzen, nahm ebenfalls Platz, schaute Biggi an und fragte: „Kenne ich das Kleid, das deine Freundin trägt?“

Biggi Ruprecht nickte. „Es gehört mir. Ich habe es ihr geliehen.“

Gabi Hauff wandte sich an Katja. „Schlimme Geschichte, in die du da hineingeraten bist. Darf ich ehrlich sein? Ich finde es beachtenswert, dass du trotz allem zu deinem Mann hältst. Viele Frauen würden ihn verlassen, um nicht mit ihm unterzugehen. Du aber versuchst, ihm mit allen dir zu Gebote stehenden Mitteln zu helfen. Das beweist mir, dass du einen großartigen Charakter hast und sich so manche Frau, die vorgibt, ihren Mann ganz schrecklich zu lieben, bei der ersten auftretenden Schwierigkeit aber sofort die Scheidung einreicht, an dir ein Beispiel nehmen könnte.“

Gabi kam auf die Geschäftsbedingungen der Begleitagentur zu sprechen. Sie erzählte Katja Arndt nicht viel Neues. Das meiste wusste die Ärztin bereits von ihrer Freundin.

Der Vertrag, den Gabi Hauff der Neuen vorlegte, hatte keine Fußangeln im Kleingedruckten. Katja konnte ihn bedenkenlos unterschreiben.

Es war ein eigenartiges Gefühl für Katja Arndt, nunmehr zum „Flamingo“-Angebot zu gehören. Gabi Hauff schickte sie zu einem Fotografen, der von ihr Bilder für den Katalog machen sollte. Unabhängig davon hätte sie gleich für diesen Abend einen Job für Katja gehabt, doch so rasch wollte diese es nicht angehen.

„Ich muss mich erst seelisch darauf vorbereiten“, sagte die Ärztin, und Gabi Hauff zeigte Verständnis dafür.



20

„Ich wusste es.“ Trix Lassow lachte am anderen Ende der Leitung. „Ich wusste, was deine Familie zu dieser Verrücktheit sagen würde.“

„Ich fühle mich von den Meinen verkauft und verraten“, schmollte Jana Härtling.

„Du musst das anders sehen“, sagte Trix. „Sie sind stolz auf uns. Meine Kinder haben zum Beispiel gesagt, keiner ihrer Schulfreunde hätte eine Mutter, die geeignet wäre, Wolf-Dietrich Bockmayers Kreationen vorzuführen. Wenn man es aus dieser Sicht betrachtet, ist es eine Ehre und eine Auszeichnung, dass der berühmte Mode-Zar uns ein solches Angebot macht. Wir sollten uns darüber freuen und uns geschmeichelt fühlen.“

„Irgendwie schmeichelt es mir ja auch, wenn ich ehrlich sein soll“, gab Jana Härtling zu, „aber wenn ich mir vorstelle, wie ich über den Laufsteg schreite, angestarrt von Hunderten von Augen, ständig die Angst im Nacken, ich könnte irgendetwas falsch machen, kriege ich ganz weiche Knie.“

„Wir werden das so lange üben, bis wir so perfekt sind wie Claudia und ihre schönen Kolleginnen. Ich bin froh, dass du mitmachst, Jana.“

„Ich habe noch nicht gesagt, dass ich mitmache“, wandte Jana ein. Sie horte, wie Trix Lassow erschrak.

„Du lässt mich diesen Spießrutenlauf nicht allein machen“, sagte die Frau des Rechtsanwalts mit belegter Stimme. „Du lässt deine einzige Schwägerin nicht im Stich. Nein, das tust du nicht. So bist du nicht.“

„Wieso sagen wir dem Modeschöpfer nicht beide nett, aber bestimmt ab?“

„Das wäre natürlich möglich“, gab Trixi zu. „Niemand kann uns zwingen, vor so vielen fremden Menschen über den Laufsteg zu trippeln. Anderseits … Möchtest du nicht auch gern mal dieses Prickeln und Kribbeln spüren, das einen nur im gleißenden Scheinwerferlicht befällt?“

„Man schwitzt, regt sich wahnsinnig auf, hat vor lauter Nervosität Magenkrämpfe. Warum soll ich mir das antun?“

„Weil ich dich darum bitte.“

„Hast du ein etwas stärkeres Argument?“

„Im Augenblick nicht“, gab Trix Lassow zur Antwort.



21

Dr. Sören Härtling hatte auf der internen Station ausgeholfen. Er hatte mit Dr. Katja Arndt hervorragend zusammengearbeitet und erstaunt festgestellt, dass sie ein wenig nervös gewesen war. Seinetwegen? Das konnte er sich nicht gut vorstellen, denn er behandelte sie freundlich und mit Respekt, und sie war fachlich so perfekt, dass sie viel lockerer hätte sein können.

Ihm fiel auf, dass ihre Nervosität mit jeder Minute, die der Dienstschluss näherrückte, wuchs. Er konnte nicht wissen, dass die neue Ärztin heute ihre erste „Flamingo“-Verabredung hatte. Die Bilder, die der Fotograf von ihr gemacht hatte, waren sehr gut geworden und befanden sich nun im „Flamingo“-Katalog. Katja hatte Gabi Hauff gesagt, sie würde ihr Bescheid geben, wann sie seelisch soweit war und heute würde sie zum ersten Mal für Geld mit einem fremden Mann ausgehen.

„Bedrückt Sie irgendetwas, Frau Kollegin?“, erkundigte sich Dr. Härtling.

Katja zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt. Ihre Lider flatterten. „Nein“, stieß sie hastig hervor. „Wieso fragen Sie?“

Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik hob die Schultern. „Ich habe den Eindruck, dass Sie Probleme haben.“

Dr. Katja Arndt schüttelte den Kopf. „Der Schein trügt“, sagte sie. „Es ist alles in Ordnung.“

Dr. Härtling nahm es nickend zur Kenntnis. „Nun, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Abend.“

„Wünsche ich Ihnen auch“, gab die Internistin zurück.

„Sollten Sie mal ein Problem haben – meine Tür ist immer für Sie offen“, sagte Sören Härtling.

„Danke, Chef“, erwiderte Katja Arndt. „Es ist gut, das zu wissen.“

Sie trennten sich. Dr. Härtling kehrte in sein Büro zurück, und während er mit Moni Wolfram noch ein paar Worte wechselte und dabei aus dem Fenster schaute, sah er Katja in ihren Wagen steigen und wegfahren.



22

Katja Arndt fuhr nach Hause, duschte und zog sich um. Sie war froh, dass ihr Mann nicht da war, denn er hätte sich mit Sicherheit wieder gegen ihren Zweitjob ausgesprochen. Ihr wäre es ja selbst lieber gewesen, wenn sie darauf hätte verzichten können, aber Jan Achberger und seine Wucherzinsen waren ein triftiger Grund, in den sauren Apfel zu beißen, die Sache mit der nötigen Konsequenz durchzuziehen und das Beste daraus zu machen.

Irgendwann wird auch dieser bittere Kelch zur Neige gehen, sagte sich die junge Ärztin. Nichts dauert ewig. Sobald Achberger sein Geld hat, höre ich auf mit dieser Tätigkeit für „Flamingo“. Aber im Moment muss es sein. Es muss sein!

Katja warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie sah verführerisch aus. Hoffentlich nicht zu verführerisch, ging es ihr durch den Sinn.

Sie schloss die Augen, atmete mehrmals kräftig durch, und dann sagte sie: „Auf in den Kampf, Mädchen! Und mach deine Sache gut! Du bist auf diese zusätzliche Einnahmequelle angewiesen.“

Sie traf den Mann, der sich an „Flamingo“ gewandt hatte, in einem noblen Restaurant beim Kapuzinerhölzl. Er war Schweizer, Anfang sechzig, sehr distinguiert, mit dichtem grauem Haar und sorgfältig gestutztem Oberlippenbärtchen.

Sein dunkler Nadelstreifanzug war nach Maß gefertigt und saß wie angegossen, die Bügelfalten seiner Hosen waren rasiermesserscharf.

Im Knopfloch trug er eine weiße Nelke, das Erkennungszeichen. Er küsste Katja galant die Hand und bat sie höflich, sich an seinen Tisch zu setzen.

Sie nahm Platz, und er stand hinter ihr und rückte ihr den Stuhl zurecht. Ein Gentleman mit besten Manieren. Das konnte ein netter Abend werden.

Leicht verdientes Geld, dachte Katja, während sie den Schweizer freundlich anlächelte. Er winkte dem Kellner und bestellte mit ihrem Einverständnis zwei Aperitifs.

Sein Name war Urs Kägi. Er war im Bankwesen tätig und gestand ihr, dass er zum ersten Mal in seinem Leben die Dienste einer Begleitagentur in Anspruch nahm.

Entsprach diese Behauptung der Wahrheit?

Katja schien ihn so skeptisch anzusehen, dass er in schweizerisch gefärbtem Hochdeutsch mit ausgeprägtem „ch“ fragte: „Glauben Sie mir etwa nicht?“

„Ich habe keinen Grund, an Ihren Worten zu zweifeln“, gab die junge Frau zur Antwort.

„Das sagt Ihr Mund. Ihre Augen sagen etwas anderes.“

Katja lächelte. „Dann entschuldige ich mich für meine Augen.“ Der Kellner brachte die Drinks und zog sich gleich wieder zurück. Katja nahm ihr Glas und fragte: „Darf ich mit Ihnen auf einen schönen, harmonischen Abend anstoßen, Herr Kägi?“

„Nennen Sie mich bitte Urs.“

„Urs.“

Er stieß mit ihr an. „Auf diesen Abend und auf Ihre märchenhafte Schönheit.“

Sie schlug verlegen die Augen nieder. „Ich muss Ihnen ebenfalls ein Geständnis machen, Urs.“

„Nur zu.“

„Auch für mich ist es heute das erste Mal, dass ich …“ Sie unterbrach sich.

Er lachte. „Da hat der Zufall zwei blutige Anfänger zusammengeführt. Ist das nicht verrückt?“ Auch sein „ck“ war sehr prägnant.

Sie tranken, und Urs Kägi erzählte, dass er bis vor einem Jahr verheiratet gewesen war. „Manchmal habe ich meine Frau mitgenommen, wenn ich geschäftlich verreisen musste. Aber auch wenn sie nicht mitkam, konnte sie sich darauf verlassen, dass ich solide blieb. Ich halte nichts von flüchtigen Abenteuern, die von beiden Seiten nicht ehrlich gemeint sind.“

Katjas anfängliche Verkrampfung löste sich. Es schien wirklich nicht nötig zu sein, sich vor dem sympathischen Schweizer in acht zu nehmen.

Kägi schien tatsächlich nur an einem unterhaltsamen Abendessen in netter Gesellschaft interessiert zu sein, ohne jeden Hintergedanken.

Der gute Eindruck, den sie von ihm gewann, ließ sie rasch auftauen. Er hatte gesagt, er wäre bis vor einem Jahr verheiratet gewesen.

Katja fragte ihn behutsam, wieso er nun nicht mehr verheiratet war. Er wurde traurig. „Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben“, sagte er dunkel.

„Das tut mir leid.“

„Das Herz“, sagte Urs Kägi. „Es hörte plötzlich auf zu schlagen. Wir saßen beim Frühstück. Auf einmal griff meine Frau sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Brust, sackte zusammen und schon war es vorbei. Ein gnädiger Tod für sie. Ein schwerer Schock für mich.“

„Wie alt war sie?“

„Achtundfünfzig. Sie hat mich viel zu früh verlassen.“

„Haben Sie eine gute Ehe geführt?“

„Es war eine sehr glückliche Ehe“, sagte Urs Kägi ernst.

„Haben Sie Kinder?“

Kägi schüttelte den Kopf und seufzte: „Meine Frau konnte keine bekommen.“

Zwei Frauen und zwei Männer nahmen am Nachbartisch Platz. Einer der beiden Männer sah bei flüchtigem Hinsehen aus wie Dr. Jan Jordan, einer der Assistenzärzte der Paracelsus-Klinik.

Katja überlief es kalt. Großer Gott, wenn es tatsächlich Dr. Jordan gewesen wäre, wäre ihr Doppelleben von kurzer Dauer gewesen.

So etwas konnte jedes Mal passieren, wenn sie mit einem Kunden ausging. Sich vorzunehmen, vorsichtig zu sein, war ein Ding der Unmöglichkeit, denn Katja konnte nie wissen, wohin es einen ihrer Kollegen, einen Pfleger oder eine Schwester verschlug. „Entschuldigen Sie“, sagte Urs Kägi.

„Wie, bitte?“

„Ich langweile Sie mit meiner traurigen Geschichte …“

„Nein“, bestritt Katja Arndt mit Nachdruck. „Nein, das tun Sie nicht. Ich schwör’s. Es tut Ihnen sicher gut, sich mal von der Seele zu reden, was Sie bedrückt.“

Obwohl Katja das sagte, sprach der Schweizer nicht weiter über seine Frau. „Wollen wir uns die Karte bringen lassen?“, fragte er stattdessen. Katja nickte. Kägi gab dem Kellner ein Zeichen, und dieser brachte zwei riesige Karten.



23

Als Katja nach Hause kam, saß ihr Mann regungslos im dunklen Garten. Sie suchte ihn zunächst im Haus, trat dann auf die Terrasse und entdeckte ihn schließlich unter den Birken. Sie ging zu ihm. Es war fast Mitternacht.

„Wieso sitzt du hier draußen?“, fragte sie.

„Ich habe es im Haus einfach nicht ausgehalten“, antwortete er rau.

Sie beugte sich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss, den er nicht erwiderte. Sie hatte sogar den Eindruck, dass er den Kopf am liebsten zur Seite gedreht hätte. Das war nicht fair.

„Hast du dich gut amüsiert?“, fragte er heiser.

„Was soll das, Norbert?“

„Hast du?“

„Ich war mit einem einsamen Bankier aus der Schweiz aus, der seit einem Jahr Witwer ist“, erwiderte Katja steif. Sie war müde, wollte zu Bett gehen, hatte morgen einen anstrengenden Tag in der Paracelsus-Klinik vor sich, durfte sich als Ärztin keine Fehler erlauben.

„Was hat der Mann von dir verlangt?“, stieß Norbert Arndt gepresst hervor.

„Nichts. Er wollte seinen letzten Abend in München bloß nicht allein verbringen. Morgen früh fliegt er zurück nach Zürich.“

„Ich bin im Haus wie ein Verrückter im Kreis gelaufen“, stöhnte Norbert. „Die Eifersucht hat mich schier um den Verstand gebracht.“

„Du weißt doch, dass du mir vertrauen kannst.“

„Jeden Augenblick fragte ich mich: Was tut sie in diesem Moment? Wie viel Geld bietet er ihr, wenn sie dies oder jenes tut? Kann sie der Versuchung widerstehen, oder wird sie sich das Geld verdienen? O Liebling, es war für mich die Hölle.“

„Urs war ein vollendeter Gentleman.“

„Urs?“ Norbert hob die rechte Augenbraue.

„Urs Kägi.“

Norbert sah seine Frau finster an. „Du nennst ihn immerhin beim Vornamen.“

„Er hat mich darum gebeten“, sagte Katja.

„Hast du ihn geküsst?“, fragte ihr Mann mit belegter Stimme.

„Natürlich nicht.“

„Natürlich nicht. Das sagst du. Aber entspricht es auch der Wahrheit?“

„Habe ich dich schon mal belogen?“, fragte Katja missgestimmt.

Norbert zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Hast du?“

Sie wurde ärgerlich. „Norbert, so darf das nicht weitergehen“, sagte sie energisch. „Auf diese Weise machen wir uns kaputt. Vergiss nicht, ich bemühe mich, dir zu helfen. Nur darum geht es mir. Ich bin nicht an Spaß mit fremden Männern interessiert. Ich liebe dich. Geht das nicht in deinen Kopf rein? Ich liebe dich!“

Er legte die Hände auf sein Gesicht und schluchzte. „Bitte verzeih mir, Katja. Ich liebe dich auch. Deshalb quält mich das alles ja so sehr.“

„Es ist spät. Komm ins Haus.“

Er stand auf und ging mit ihr. Später, im Bett, gab sie ihm einen flüchtigen Gutenachtkuss und löschte das Licht, aber er ließ sie noch nicht schlafen. Er wollte noch zu ihr kommen.

„Bitte, Norbert, ich bin müde“, seufzte sie.

Er rückte näher. „Du hast gesagt, dass du mich liebst.“ Seine Hände streichelten ihren Körper.

„Das tue ich“, sagte sie.

„Was soll dann diese abweisende Haltung?“, fragte er verständnislos. „Ich bin müde. – Ich habe Kopfschmerzen. – Ich habe Migräne. – Das sind die wohl am meisten gebrauchten Ausreden von euch Frauen, wenn ihr keine Lust auf Sex habt.“ Er presste sich an sie. „Ich muss wissen, ob du mich tatsächlich liebst, Katja. Ich muss es wissen, sonst kriege ich die ganze Nacht kein Auge zu.“

Sie gab nach, ließ ihm seinen Willen, aber es war nicht schön für sie.



24

Dem Chefarzt der Paracelsus-Klinik fiel auf, dass Dr. Katja Arndt nicht ganz auf der Höhe war, aber er beredete es nicht. Jeder hat hin und wieder mal eine schlechte Nacht hinter sich. Auch er war davor nicht gefeit, deshalb ging er großzügig darüber hinweg und bat den Assistenzarzt Dr. Peter Donat, der Internistin ein wenig mehr zur Hand zu gehen, um sie zu entlasten.

Im Laufe des Vormittags kam die Ärztin immer besser in Schwung, und von ihrer Müdigkeit war bald nichts mehr zu sehen. Als es auf Mittag zuging, merkte Schwester Annegret – sie arbeitete seit mehr als vierzig Jahren im Klinikum und hätte längst in Rente gehen können, wollte das aber nicht – dass die Gedanken des Klinikchefs immer wieder kurz abschweiften.

Die alte Pflegerin kannte Dr. Sören Härtling schon so lange, dass er keine Gemütsregung vor ihr verbergen konnte. Und sie durfte ihn auch jederzeit darauf ansprechen.

„Sie sind nervös, Chef“, stellte sie fest, während sie ihm ein Handtuch reichte. Er hatte sich die Hände gewaschen. Die Vormittagssprechstunde war zu Ende. Die letzte Patientin hatte sich soeben verabschiedet.

Dr. Härtling sah die grauhaarige Mitarbeiterin lächelnd an. „Merkt man das?“ Er trocknete seine Hände ab und gab der Pflegerin das Handtuch zurück.

Annegret schmunzelte. „Ich schon.“

Sören Härtling nickte. „Sie haben recht, Annchen, ich bin nervös. Meine Frau und meine Schwester werden nämlich in Kürze mit Wolf-Dietrich Bockmayer speisen, und bei dieser Gelegenheit werden sie ihm in die Hand versprechen, ihm als Mannequins zur Verfügung zu stehen. Das Ganze dient einem guten Zweck, sonst würden sie’s nicht machen.“

„Wann soll das große Ereignis denn stattfinden?“, fragte Schwester Annegret interessiert.

„Ein Termin steht noch nicht fest.“ Dr. Härtling machte eine vage Handbewegung. „Irgendwann im Spätsommer oder Anfang Herbst, denke ich.“

„Das wird bestimmt eine sehr aufregende Sache werden.“

„Jana befürchtet, dass sie zu aufregend für sie wird“, sagte der Klinikchef und streifte sich die Ärmel runter. „Deshalb würde sie auch lieber weiterhin im Verborgenen blühen, aber das lässt meine Schwester nicht zu.“

„Ihre Frau und Ihre Schwester werden auf dem Laufsteg ganz bestimmt eine sehr gute Figur machen“, versicherte die alte Pflegerin überzeugt.

Dr. Härtling nickte lächelnd. „Das hoffen wir alle.“



25

Clemens Bennet holte die Damen von zu Hause ab. Er steuerte seinen Wagen nicht selbst. Sein Chauffeur fuhr, damit er sich ungestört den zukünftigen Laufsteg-Stars, wie er sie nannte, widmen konnte.

Jana Härtling seufzte geplagt. „Was man sich im Leben alles antut!“

„Eure Mitwirkung wird ein echtes Highlight für euch sein“, sagte Bennet überzeugt.

Der Wagen rollte mit dem Verkehrsstrom durch Haidhausen, auf das Klinikum rechts der Isar zu. Verabredet waren sie mit Wolf-Dietrich Bockmayer in einem First-Class-Restaurant in der Prinzregentenstraße.

Jana Härtling hob die Hände. „Das ist noch nicht sicher.“

Clemens Bennet legte die Hand auf ihren Arm. „Wovor hast du Angst?“

„Vor einer Blamage“, gab Jana offen zu. „Wenn Bockmayer seine Kreationen zeigt, ist das stets ein großes Medienspektakel Fernsehen, Presse, Rundfunk … Und auf dem Laufsteg zwei blutige Anfängerinnen!“

„Ihr werdet eure Aufgabe mit Bravour meistern.“

Jana stöhnte. „Dein Wort in Gottes Ohr.“

„Ich habe nicht die geringsten Bedenken.“

Jana lachte. „Du brauchst ja auch nicht über den Laufsteg zu gehen.“ Vor dem Restaurant stand Bockmayers weißer Rolls-Royce. „Ah“, sagte Clemens Bennet, „unser Freund ist bereits da.“

Der Modeschöpfer war wie immer todschick gekleidet. Er trug einen Anzug aus weißer Seide. Das Jackett war hochgeschlossen und der schlichten indischen Kleidung nachempfunden. Selbstverständlich war Bockmayer wieder geschminkt. Ungeschminkt könne er sich nicht anschauen, hatte er erst kürzlich wieder in einer Talk Show gestanden, und seit er prominent war, ging er auch nicht mehr aus dem Haus, ohne sich vorher mit Eyeliner, Wimperntusche und Lidschatten zurechtgemacht zu haben. Seine auffallende Rothaarperücke mit den vielen Locken war für ihn inzwischen zum Markenzeichen geworden. Keiner konnte sagen, welches Haar sich darunter befand. Vielleicht war sein Kopf sogar total kahl. Auch das war möglich. Niemand wusste es.

Bockmayer begrüßte Jana Härtling und Trix Lassow mit einem Handkuss und verlieh seiner Freude darüber Ausdruck, dass sie seiner Idee wohlwollend gegenüberstanden. Bevor das Essen kam, zeigte er Jana und Trix die Modelle, die er eigens für sie entworfen hatte – traumhaft schöne, tragbare Stücke, in die die beiden „Mannequins“ sich sofort verliebten. Eines davon würden sie nach der Veranstaltung behalten dürfen, stellte der Modezar ihnen in Aussicht. Wer könnte da noch ablehnen, dachte Jana und seufzte leise.

Das Essen fand in angenehm lockerer Atmosphäre statt. Obwohl Wolf-Dietrich Bockmayer reich und berühmt war und auf den ersten Blick ziemlich exaltiert wirkte, hatte er keinerlei unangenehme Allüren.

Man konnte sich mit ihm wunderbar unterhalten, und je länger Jana und Trix mit ihm zusammen waren, desto besser konnten sie sich vorstellen, dass das, was Bockmayer ihnen zutraute, tatsächlich zu schaffen war.



26

Die schätzungsweise fünfundfünfzigjährige, geschmackvoll gekleidete Frau schien verstört durch die Paracelsus-Klinik zu irren, deshalb sprach Dr. Härtling sie an. „Kann ich Ihnen helfen?“

Sie sah ihn verwirrt an, schien die Orientierung verloren zu haben. „Oh. Äh. Ja. Schon möglich. Vielleicht …“

„Ich bin Dr. Härtling, der Leiter dieser Klinik“, stellte Sören sich mit einem freundlichen Lächeln vor.

„Ja, dann können Sie mir sicher helfen“ , sagte die Frau und nickte. „Mein Name ist Möhner. Charlotte Möhner. Meine Tochter arbeitet hier. Ich bin die Mutter von Dr. Katja Arndt.“ Sören hob erfreut die Augenbrauen. „Die Mutter unserer neuen Internistin.“ Er gab Charlotte Möhner die Hand. „Freut mich außerordentlich, Ihre Bekanntschaft zu machen, gnädige Frau.“

„Ich hoffe, Sie sind mit Katja zufrieden.“

„Sie ist eine hervorragende Ärztin.“

„Es tut gut, das zu hören“, sagte Charlotte Möhner. „Ich war zur Kur, bin heute heimgekommen und dachte, ich melde mich kurz bei Katja zurück.“

„Kein Problem“, sagte Dr. Härtling. „Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr.“ Er zeigte der Frau den Weg zur internen Station. Eine Tür öffnete sich, und Katja trat, in Gedanken versunken, mit Röntgenbildern unterm Arm auf den Flur.

Sie hätte weder den Klinikchef noch ihre Mutter bemerkt, wenn Sören sie nicht angesprochen hätte, als sie ihnen den Rücken zukehrte.

„Einen Augenblick, Frau Kollegin“, bat Dr. Härtling. „Da ist jemand, der Sie sprechen möchte.“

Katja schreckte aus ihren Gedanken hoch, blieb stehen und drehte sich schwungvoll um. Als sie ihre Mutter erblickte, strahlte sie vor Freude. „Mama!“

Charlotte Möhner trat vor. Mutter und Tochter umarmten einander innig. „Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte Frau Möhner. Sie sah Dr. Härtling an. „Ich bleibe auch nur wenige Minuten.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte der Klinikchef und entfernte sich.

Katja brachte die Röntgenaufnahmen ins Ärztezimmer und ging mit ihrer Mutter anschließend in den Klinikpark. „Du siehst großartig aus, Mama“, stellte sie erfreut fest.

„Ich fühle mich wie neugeboren.“

„Manche Kuren bewirken wahre Wunder“, sagte Katja lächelnd, und sie dachte dabei an die Worte ihres Bruders. „Sie hat mich einem pensionierten Telekom-Beamten vorgestellt, und sie hat ihn dabei sehr eigenartig angesehen“, hatte er ihr erzählt, nachdem er Mutter im Schwarzwald besucht hatte.

Sie nahmen im Schatten eines großen Kastanienbaumes auf einer Holzbank Platz.

„Das Essen war hervorragend“, erzählte Charlotte Möhner.

„Hast du zugenommen?“

Frau Möhner schüttelte den Kopf. „Zum Glück nicht. Du weißt ja, wie schwer ich die Pfunde, die ich hinauffuttere, wieder runterkriege.“

„Wie konntest du dein Gewicht halten?“

„Mit sehr viel Bewegung“, sagte Katjas Mutter. „Der Schwarzwald ist ja wunderschön. Wir haben unvergessliche Wanderungen gemacht.“

„Wir?“

„Ein Bekannter und ich. Hat dir Jürgen nicht von ihm erzählt?“

„Er hat von einem pensionierten Telekom-Beamten gesprochen.“

Charlotte Möhner nickte. „Cornelius Eichinger ist sein Name. Ein ganz reizender Mensch. Ein Kavalier der alten Schule. Hilfsbereit und zuvorkommend, intelligent und unterhaltsam. Wir haben während unseres Kuraufenthaltes unglaublich viele Gemeinsamkeiten entdeckt.“

Katja Arndt schmunzelte. „Herr Eichinger scheint dich verzaubert zu haben. Mir kommt vor, als hätte er wieder Leben in deine Augen gebracht. Und Zufriedenheit. Und neues Glück.“

Frau Möhner senkte den Blick. „Er ist nett. Ich mag ihn sehr.“

„Wohnt er ebenfalls in München?“

„Er hat ein Haus in Blumenau.“ Das war der Stadtteil neben Kleinhadern, nördlich der Ammerseestraße.

Katja nahm die Hände ihrer Mutter und sah ihr lächelnd ins Gesicht. „Jürgen kennt ihn schon. Wann lerne ich ihn kennen?“

„Gut, dass du das fragst“, sagte Charlotte Möhner. „Wie wäre es, wenn wir uns demnächst mal alle bei mir treffen würden? Du, Jürgen, Norbert und Cornelius.“

Katja dachte an ihre zwei Jobs. „Ich habe zwar sehr viel zu tun“, sagte sie, „aber wenn du mir rechtzeitig Bescheid gibst, halte ich mir den Termin frei.“



27

Katjas Terminkalender füllte sich immer mehr. Sie ging mit einem japanischen Gesandten in die Oper, mit einem australischen Viehzüchter ins Theater, mit einem britischen Software-König ins Konzert.

Ein Hamburger Reeder genoss ihre Gesellschaft ebenso wie ein Aachener Limonadenfabrikant und ein Berliner Börsenmakler. Sie verdiente sehr gut bei „Flamingo“, und es wäre noch wesentlich mehr für sie drin gewesen, wenn sie bereit gewesen wäre, mit ihren Kunden auch zu schlafen, doch das lehnte sie strikt ab, das kam für sie nicht in Frage, und Gabi Hauff respektierte ihre Haltung und übte keinerlei Druck auf sie aus.

Norbert Arndts geschäftliche Flaute ging zu Ende, so dass auch von dieser Seite wieder mehr Geld hereinkam. Geld für Jan Achberger, den Wucherer. Geld aber auch für Dr. Georg Weißmann, den Psychotherapeuten, zu dem Norbert zweimal in der Woche ging, damit er ihn von seiner krankhaften Spielleidenschaft heilte.

Das von Charlotte Möhner vorgeschlagene „Familientreffen“ fand an einem Samstagnachmittag statt. Katja Arndt hätte einen „Flamingo“-Job gehabt: Ein argentinischer Rinderbaron brauchte für zwei Tage eine charmante Begleitung.

Eine saubere Sache ohne Pferdefuß. Katja hätte das sehr gerne übernommen, musste Gabi Hauff aber bitten, dem argentinischen Granden jemand anders zu empfehlen.

Als sie dann den neuen Schwarm ihrer Mutter kennenlernte, war sie nicht sonderlich von ihm angetan. Er sah für sein Alter recht passabel aus. Wenn er behauptet hätte, er wäre Anfang fünfzig, hätten viele ihm das sogar abgenommen. Das lag wohl in erster Linie an seiner quirligen Art und an seiner Gabe, sich höchst lebendig bei allen ins beste Licht zu rücken.

Dennoch hatte er irgendetwas an sich, das Katja nicht richtig zusagte. Da ihre Mutter aber an seiner Seite glücklich war, behielt sie ihre Meinung für sich, denn nichts durfte mehr Gewicht haben als Mutters Freude und Zufriedenheit. Bei Kuchen und Kaffee wurde geredet und gelacht. Jeder trug das Seine dazu bei, dass die Stimmung gut war. Katja merkte, dass ihr Bruder sich sehr bemühte, nett mit Cornelius Eichinger umzugehen, und seine Mutter dankte es ihm mit freundlichen Blicken.

Eichinger gestand, nachdem mehrere Stunden verstrichen waren, dass er ziemlich nervös hierher gekommen wäre. „Man kommt auf einen unsichtbaren Prüfstand, alle fühlen einem auf den Zahn, man wird unter die Lupe genommen, durchgecheckt, befragt, examiniert, eingeschätzt und getestet und möchte natürlich den allerbesten Eindruck machen. Ein falsches Wort, und schon gibt es einen dicken Minuspunkt, der kaum mehr auszuradieren ist.“

Charlotte Möhner tätschelte seine Hand. „Ich finde, du hast die Prüfung mit Auszeichnung bestanden.“ Sie sah ihre Tochter, ihren Sohn und ihren Schwiegersohn an. „Oder ist jemand anderer Meinung?“

Keiner widersprach.

Norbert Arndts Handy läutete. „Entschuldigt bitte“, sagte er, stand auf, ging zum Fenster und nahm den Anruf entgegen. Am anderen Ende war ein Kunde, der ihn so bald wie möglich, am besten noch in dieser Stunde, sehen wollte.

Norbert witterte einen größeren Auftrag und versprach, gleich loszufahren. Katja hatte dafür Verständnis. Er verabschiedete sich von ihr, von ihrer Mutter, von seinem jungen Schwager und dem möglicherweise neuen Lebenspartner seiner Schwiegermutter und ging.

Auch Katja wollte aufbrechen, und Jürgen bot ihr an, sie nach Hause zu fahren. Die Geschwister umarmten ihre Mutter, gaben Cornelius Eichinger die Hand und verließen die Wohnung.

Sobald Katja neben Jürgen im Auto saß, fragte er: „Na, wie gefällt dir unser neuer Vater?“

„Was soll der Quatsch?“, gab Katja Arndt unwillig zurück.

Jürgen Möhner schob den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn. Der Motor sprang an. „Die beiden werden heiraten“, sagte Jürgen.

„Sie kennen sich doch erst seit ein paar Wochen?“

„Sie werden heiraten, da bin ich ganz sicher.“ Jürgen fuhr los. „Wäre dir das recht?“ Er warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu. „Ich bitte um eine ehrliche Antwort.“

„Nein“, sagte Katja aufrichtig, „es wäre mir nicht recht.“

Ihr Bruder kniff die Augen zusammen.

„Eichinger hat irgendetwas Unaufrichtiges an sich.“

„Ein Heiratsschwindler ist er aber mit Sicherheit nicht. Da hätte er sich eine Dame ausgesucht, bei der es mehr zu holen gibt als bei unserer Mutter.“

„Hoffentlich gibt es für Mama nicht irgendwann ein böses Erwachen“, brummte Jürgen.

„Willst du ihr Eichinger ausreden?“

„Könnte ich das?“

„Wenn ich die Sache richtig beurteile, nein“, sagte Dr. Katja Arndt.

Ihr Bruder zuckte mit den Schultern. „Dann versuche ich es erst gar nicht.“



28

„Frau Dr. Arndt scheint neuerdings an chronischer Müdigkeit zu leiden“, sagte Dr. Härtling zu Schwester Annegret.

„Das ist mir auch schon auf gefallen“, stimmte die alte Pflegerin ihm zu. Sie standen auf dem Flur beisammen. Hinter Dr. Härtling befand sich die Tür, die in sein Büro führte. „Gestern morgen, zum Beispiel, konnte sie die Augen kaum offenhalten“, sagte Annegret. „Das gab sich erst nach einigen Tassen schwarzen Kaffees.“

Sören Härtling runzelte besorgt die Stirn. „Was macht sie so müde?“

Schwester Annegret hob die Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Wenn sie frisch verheiratet wäre, würde ich denken …“ Sie unterbrach sich lächelnd. „Aber das ist nicht der Fall.“

„Sie brütet hoffentlich keine Krankheit aus“, sagte Dr. Härtling und schob die Hände in die Taschen seines weißen Arztkittels. „Ich werde mich mal mit ihr unterhalten. Schicken Sie sie zu mir, wenn Sie sie sehen.“

„In Ordnung, Chef.“ Die alte Pflegerin entfernte sich, und Dr. Härtling betrat sein Büro.

Der Schreibtisch im Vorzimmer war verwaist. Moni Wolfram war beim Zahnarzt.

Es vergingen zwanzig Minuten, bis Katja Arndt beim Klinikchef erschien. „Schwester Annegret sagte, Sie möchten mich sprechen.“

„Ja. Bitte setzen Sie sich, Frau Kollegin.“

„Entschuldigen Sie, dass ich jetzt erst komme“, sagte Katja, während sie vor dem Schreibtisch des Klinikchefs Platz nahm, „aber Frau Thalberg ließ mich nicht früher weg.“

Die reiche, viermal verwitwete Patientin war erst seit zwei Tagen in der Paracelsus-Klinik, aber jeder kannte sie bereits und mied, wenn möglich, ihre Nähe, denn sie war eine ganz und gar unleidliche Person, eine unermüdliche Nörglerin, der man nichts recht machen konnte.

„Wie kommen Sie mit Frau Thalberg klar?“, erkundigte sich Dr. Härtling.

„Es geht so einigermaßen“, gab die Internistin zur Antwort, „aber manchmal stellt sie meine Geduld auf eine sehr harte Probe.“

„Geht sie Ihnen auf die Nerven?“

„Sie geht jedem auf die Nerven.“

Der Klinikchef sah die junge Ärztin prüfend an. „Fühlen Sie sich gut, Frau Kollegin?“

Katja Arndt nickte. „Ja. Danke.“

„Gibt es irgendetwas, das Sie nicht schlafen lässt?“

Durch Katjas Körper ging ein kaum merklicher Ruck. Dr. Härtling schienen die Folgen ihrer Mehrfachbelastung bereits aufgefallen zu sein. „Warum fragen Sie?“, fragte sie mit belegter Stimme.

Der Klinikchef legte die Handflächen aneinander, als wollte er beten. „Weil ich den Eindruck habe, dass Sie in letzter Zeit nicht genug Schlaf bekommen“ , erklärte er.

Katjas Sonnengeflecht zog sich zusammen. „Sind Sie mit meiner Leistung unzufrieden?“, fragte sie unruhig.

„Bis jetzt noch nicht“, gab Sören ehrlich zurück, „aber wenn Sie weiterhin jeden Morgen so müde zum Dienst erscheinen, werden sich irgendwann die ersten Fehler einschleichen. Deshalb muss ich Ihnen im Interesse der Menschen, um die Sie sich zu kümmern haben, raten, mehr zu schlafen, Frau Kollegin.“

Katja nickte. Ich muss kürzertreten, dachte sie zerknirscht. Ich hab’s übertrieben. Ich darf nicht mehr so viele Aufträge übernehmen, muss zwischendurch auch mal einen Auftrag ablehnen, muss zur Ruhe kommen, mich erholen, neue Kräfte sammeln. „Ich werde Ihren Rat beherzigen, Chef“, versprach sie und erhob sich.



29

„Mein Eifer zeigt Wirkung“, sagte Katja Arndt am Abend zu ihrer Freundin. Sie befand sich in Biggi Ruprechts tollem Haus.

Biggi schmunzelte. „Wächst dein Bankkonto?“

Katja schüttelte ernst den Kopf. „Das meine ich nicht. Ich bin meinem Chef zum ersten Mal unangenehm aufgefallen.“

„In welcher Weise?“ Biggi stellte Katja einen Martini hin.

Katja seufzte. „Ich war in letzter Zeit jeden Abend mit einem Kunden aus, kam immer erst nach Mitternacht nach Hause und musste nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder raus aus den Federn.“

„Ehrlich gesagt, ich habe mich gefragt, wie du das durchhältst, und ich habe dich insgeheim um deine eiserne Konstitution beneidet“, gestand Biggi.

„So eisern ist die gar nicht, wie sich inzwischen gezeigt hat“, sagte Katja deprimiert, „aber das wollte ich um nichts in der Welt wahrhaben.“

„Wenn ich das tun würde, wäre das etwas anderes“, meinte Biggi Ruprecht. „Ich habe ja nur diesen einen Job. Aber du …“

Katja schob ihr Martiniglas mit gefurchter Stirn auf dem Tisch hin und her. „Ich muss kürzer treten. Wenn mir in der Paracelsus-Klinik ein Fehler unterläuft, kann das katastrophale Folgen haben.“ Sie hob das Glas an ihre Lippen und trank. „Ich habe nur das Geld gesehen, das ich bei Gabi verdienen kann. Einige Kunden haben mir großzügig noch extra was zugesteckt, weil sie sich in meiner Gesellschaft so wohl gefühlt hatten. Ich habe nichts davon ausgegeben, habe jede Mark für Jan Achberger, diesen verfluchten Blutsauger, beiseite gelegt, aber das Tempo, das ich mir zugemutet habe, war zu scharf.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Ich bin Ärztin. Ich hätte wissen müssen, dass dieser Stress nicht lange gutgeht.“

„Macht Norbert denn wenigstens beim Therapeuten Fortschritte?“, erkundigte sich Biggi Ruprecht.

„Angeblich ja.“ Katja zuckte mit den Schultern. „Ich kann es nicht überprüfen.“

Biggi erzählte von ihrem letzten Kunden. Bis in die frühen Morgenstunden war sie bei ihm gewesen. Sie wiegte den Kopf und verzog das Gesicht, als hätte sie Essig getrunken.

„Der hatte Spielchen drauf, die selbst mir fast zu viel waren.“ Sie grinste. „Manche dieser Grauköpfe haben es wahrhaftig faustdick hinter den Ohren, ohne dass man es ihnen ansieht.“ Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. „Na ja, es ist vergessen und vorbei. Aber ein zweites Mal gehe ich da nicht hin, und Gabi hat den flotten Cornelius auch sofort auf die schwarze Liste gesetzt. Der kriegt kein Mädchen mehr von Flamingo, und von einigen anderen Agenturen, deren Chefs Gabi kennt, auch nicht. Sie sind alle gewarnt.“

Katja schluckte trocken. „Wie war das? Was hast du eben gesagt?“

„Gabi Hauff hat alle Agenturchefs vor diesem Außenseiter gewarnt.“

„Das meine ich nicht.“ Katja Arndt wedelte mit der Hand, als hätte sie sich die Finger verbrannt. „Wie hast du ihn genannt? Wie heißt er?“

„Cornelius. Cornelius Eichinger heißt der alte Lüstling. Kennst du ihn vielleicht?“

„Er ist … Er war der Kurschatten meiner Mutter. Sie hat sich in ihn verliebt.“

„In den Typen?“, fragte Biggi verständnislos.

„In den.“ Katja nickte betrübt. „Ich hatte es gleich im Gefühl, dass mit ihm irgendetwas nicht stimmt.“ Sie seufzte schwer. „Lieber Himmel, wie bringt man das seiner endlich wieder glücklichen Mutter bei?“



30

Jürgen Möhner fiel aus allen Wolken, als seine Schwester ihm von den heimlichen Ausschweifungen von Mutters Kurschatten, den sie einen Kavalier der alten Schule genannt hatte, erzählte. Jürgen presste die Lippen zusammen. Sie hatten sich am Karlsplatz getroffen und schlenderten nun die Neuhauser Straße Richtung Marienplatz entlang.

„Ich war von Anfang an gegen ihn“, sagte der Mann grimmig. „Ich muss irgendwie gespürt haben, dass mit dem etwas nicht stimmt. Mir war noch nie jemand auf Anhieb so suspekt wie dieser Cornelius Eichinger.“ Er blieb stehen und sah seine Schwester besorgt an. „Was will so einer von unserer Mutter?“

Katja Arndt hob die Schultern. „Vielleicht ist er eine gespaltene Persönlichkeit.“

Sie gingen weiter. Jürgen schüttelte langsam den Kopf. „Am Tag der ehrenwerte Dr. Jekyll und nachts kommt der verschlagene, hinterhältige Mr. Hyde heraus. Wie kann Mutter so ein Monster in ihr Herz schließen?“

„Er hat sich ihr bisher ja nur von seiner guten Seite gezeigt.“

„Und wann wird sie die andere Seite kennenlernen?“

„Ich weiß es nicht“, murmelte Katja. „Hoffentlich nie.“

„Wir müssen Mutter die Augen öffnen, müssen sie vor diesem feinen Herrn warnen.“

Katja nickte zustimmend. „Das wird uns nicht erspart bleiben.“

„Es ist zu befürchten, dass sie uns nicht glaubt“, sagte Jürgen Möhner mit bedenklicher Miene.

„Dann werden wir sie mit Biggi Ruprecht zusammenbringen.“

Jürgen verzog das Gesicht. „Ich hasse es, Mutter weh tun zu müssen.“

„Wenn wir es nicht tun, tut es Cornelius Eichinger auf eine viel schlimmere Art.“

„Ich war ziemlich sicher, dass die beiden heiraten würden“, sagte Jürgen Möhner dumpf. „Es wäre mir nicht recht gewesen. Dir auch nicht. Aber ich hätte den Mund gehalten und es geschehen lassen. Wenn wir aber jetzt schweigen, machen wir uns an allem mitschuldig, was dieser Kerl unserer Mutter irgendwann antut. Also müssen wir handeln, und zwar bald.“



31

An diesem Morgen bekam Dana Härtling keinen Kaffee von Ottilie, sondern mit Dr. Härtlings Einverständnis Vollmers präparierten grünen Hafertee, um ihre seit zwei Tagen träge Verdauung anzukurbeln.

Es war angenehm still und friedlich beim Frühstück in der Härtling’schen Villa. Josee und Tom waren zu müde zum Streiten (eine willkommene Seltenheit), und Ben hatte auch keine Lust, irgendetwas zu sagen, nachdem er mit Freunden auf einer ausgedehnten Disco-Tour gewesen und erst lange nach Mitternacht nach Hause gekommen war.

Sören Härtling genoss sein Frühstücksei, aß ein frisches Brötchen mit wenig Butter dazu, trank den restlichen Kaffee, der sich noch in der Tasse befand, und verabschiedete sich sodann von seiner Familie.

In der Paracelsus-Klinik begleiteten ihn Dr. Daniel Falk, Dr. Peter Donat, Dr. Katja Arndt und noch einige weitere Kollegen auf seiner Morgenvisite, und er stellte zufrieden fest, dass die Internistin einen ausgeruhten Eindruck machte. Sie schien sich das, was er gesagt hatte, wie versprochen zu Herzen genommen zu haben, und das fand er sehr erfreulich. Nach der Visite bekam die junge Ärztin einen Anruf von ihrem Bruder. Er weinte und schluchzte und war kaum zu verstehen.

„Bitte, Jürgen, beruhige dich“, sagte Katja eindringlich.

Er stammelte, stotterte …

„Jürgen, um Himmels willen, reiß dich zusammen!“, verlangte die Internistin laut.

„Katja …“ Seine Stimme war schwach, kiekste.

„Was ist denn passiert?“

„Es ist … Ich bin … Ich habe … O Katja … Katja …“

„Was willst du mir sagen, Jürgen?“, fragte die Ärztin nervös und ungeduldig. „Was?“

„Mutter …“

Katja Arndts Kopfhaut spannte sich. „Was ist mit Mutter?“

„Ich habe sie umgebracht!“ Diese Worte waren plötzlich grausam deutlich zu verstehen.

„Was?“, schrie Katja wie vom Donner gerührt auf. Ihr war einen Augenblick schwindelig. Sie schloss die Augen und atmete mehrmals tief durch. „Ich hab’s ihr gesagt …“

„Die Sache mit Eichinger?“

„Ja …“

„Das wollten wir ihr doch gemeinsam so schonend wie möglich beibringen“, sagte Katja Arndt.

„Ich weiß. Ich wollte auch nicht darüber reden. Ich wollte es wirklich nicht. Es ist mir herausgerutscht. Mutter hat Cornelius Eichinger über den grünen Klee gelobt, hat ihn mir als Mann empfohlen, an dem ich mir ein Beispiel nehmen könne. Da da ist mir der Kragen geplatzt. Ehe mir recht bewusst wurde, was ich sagte, war schon alles draußen.“

Katja überlief es eiskalt. „Und Mutter?“

„Sie nannte mich einen Lügner, glaubte mir kein Wort. Sie schrie, war wütend, regte sich entsetzlich auf und und dann …“

„Und dann?“

Jürgen sagte nichts.

„Und dann?“, schrie Katja mit Tränen in den Augen.

„Sie … Sie … Sie … Mutter war furchtbar rot im Gesicht, verdrehte plötzlich die Augen und brach zusammen.“ Das sah nach einem Schlaganfall aus.

„Mutter liegt auf dem Boden und rührt sich nicht.“

„Atmet sie?“

„Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht.“

„Du musst sofort einen Krankenwagen rufen.“

„Das habe ich bereits getan.“

„Jetzt lagerst du Mutters Kopf und Oberkörper hoch, um ihr die Atmung zu erleichtern. Du öffnest ihre beengenden Kleidungsstücke und machst ihr kalte Kopf Umschläge, verstanden?“

Jürgen sagte nichts.

„Hast du mich verstanden?“, schrie Katja wieder.

„Ja …“, kam es dünn durch die Leitung.

„Dann tu es, und wenn der Krankenwagen eintrifft, sorge dafür, dass man Mutter in die Paracelsus-Klinik bringt.“ Katja legte auf und schluchzte in ihre Hände.

Sie brauchte einige Minuten, um sich zu sammeln, dann hastete sie zu Dr. Härtling, um ihm von dem schrecklichen Vorfall zu berichten.

Der Klinikchef ließ sofort alles für eine rasche medizinische Erstversorgung vorbereiten, und als Charlotte Möhner zwanzig Minuten später eingeliefert wurde, wurde unverzüglich eine der Diagnose Dr. Härtlings entsprechende Therapie eingeleitet, um schwere Schädigungen des Gehirns zu vermeiden. Man verabreichte der bewusstlosen Patientin intravenös gerinnungshemmende Medikamente, sogenannte Antikoagulanzien, um eine ausreichende Durchblutung der gefährdeten Bereiche zu sichern und die Bildung möglicher Blutpfropfen zu verhindern.

Nachdem für Katjas Mutter alles getan worden war, um ihr über die Folgen des schweren Schlaganfalls hinwegzuhelfen, kam sie auf die Intensivstation, und Dr. Härtling sagte zu der jungen Internistin: „Gehen Sie nach Hause, Frau Kollegin. Wir kümmern uns um Ihre Mutter.“

Doch Dr. Katja Arndt schüttelte den Kopf und bat, bleiben zu dürfen. „Ich möchte bei meiner Mutter sein“, sagte sie mit belegter Stimme. „Ich möchte etwas für sie tun. Bitte schicken Sie mich nicht heim, Chef.“

Dr. Härtling nickte. „Wir wollen hoffen, dass Ihre Mutter bald wieder auf die Beine kommt.“

Auf dem Flur tigerte Jürgen hin und her. Katja begab sich zu ihm. Er warf sich ihr in die Arme und weinte herzzerreißend. „Wenn sie stirbt, werde ich mir das nie verzeihen.“

Katja, zehn Jahre älter, bemühte sich um Stärke und Zuversicht. „Sie wird nicht sterben“, versicherte sie leise. „Sie wird leben.“

„Ich dachte schon, sie wäre tot“, schluchzte Jürgen. „Als sie so regungslos auf dem Boden lag, war mir, als würde ich den Verstand verlieren.“ Er löste sich von seiner Schwester und starrte sie mit tränennassen Augen an. „Das ist alles Cornelius Eichingers Schuld“, stieß er hasserfüllt hervor. „Wenn der Mistkerl mir unter die Augen kommt, schlage ich ihm den Schädel ein.“

Katja strich ihm mit der Hand das Haar aus der Stirn. „Du wirst ihn in Ruhe lassen“, sagte sie streng. „Er ist es nicht wert, dass man sich an ihm die Finger schmutzig macht.“



32

Es war auch für Norbert Arndt ein Schock, als seine Frau ihm erzählte, was seiner Schwiegermutter zugestoßen war, und auch er stieß wüste Verwünschungen und aggressive Drohungen gegen den pensionierten Beamten aus.

Dass Katja bis auf weiteres keinen „Flamingo“-Job übernehmen konnte, verstand sich von selbst, doch es war ihr absolut unwichtig, dass sie vorläufig kein Geld verdiente.

Sie wäre in diesen Tagen eine schlechte Gesellschafterin gewesen, da ihre Gedanken fortwährend um ihre kranke Mutter kreisten.

„Das mit deiner Mutter tut mir sehr leid“, sagte Gabi Hauff mit aufrichtigem Mitgefühl, als Katja

sie anrief und ihr erklärte, sie müsse vorübergehend pausieren. „Ich hoffe, es geht ihr bald wieder besser.“

„Danke, Gabi.“

„Wenn ich irgendetwas für dich tun kann …“

„Ich wüsste nicht, was.“

„Das hat indirekt dieser Dreckskerl zu verantworten“ , sagte Gabi Hauff mit unverhohlener Feindseligkeit.

„Ich werde dafür sorgen, dass er in Zukunft seine Finger von meiner Mutter lässt“, kam es hart über Katjas Lippen.

„Es gibt mehr Irre als Bürgermeister auf dieser Welt.“

„Da sagst du was.“

„Vielleicht findet er irgendwo eine Gleichgesinnte, die er glücklich machen kann“, sagte die Agenturchefin zynisch. „Ruf mich an, wenn du wieder für mich arbeiten möchtest. Bis dahin alles Gute.“



33

Am zweiten Tag kam Charlotte Möhner zu sich. Sie war verwirrt, halbseitig gelähmt und konnte nicht sprechen, aber sie bekam einigermaßen mit, was man ihr sagte. Es war sehr wichtig, dass im Anschluss an die akute Phase sofort mit der Rehabilitation der Patientin begonnen wurde, um nach Möglichkeit die volle Mobilität der gelähmten Körperhälfte wiederherzustellen. Da ein möglichst frühzeitiger Behandlungsbeginn von entscheidender Bedeutung war, wurde für die Patientin unverzüglich ein effizientes bewegungstherapeutisches Programm zusammengestellt, das langsam und schrittweise abgewickelt werden musste.

Da der Mensch erwiesenermaßen nur einen Teil seines Gehirnvolumens nützt, können zerstörte Nervenzellen sehr oft durch andere ersetzt werden, wodurch die ursprünglich gelähmten Extremitäten wieder ihre volle Funktion zurückerhalten. Darauf arbeitete man auch bei Charlotte Möhner hin.

Am dritten Tag erschien Cornelius Eichinger mit einem kleinen, billig aussehenden Blumenstrauß in der Paracelsus-Klinik, um Charlotte Möhner zu besuchen. Der Zufall wollte es, dass Dr. Katja Arndt ihm auf dem Flur begegnete. Sie hatte Lust, ihm die Blumen aus der Hand zu schlagen, konnte sich nur mühsam beherrschen.

„Wie geht es Charlotte?“, erkundigte sich der Mann.

„Nicht sehr gut“, gab Katja kühl zur Antwort, „aber sie befindet sich auf dem Wege der Besserung.“

Cornelius Eichinger stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Dem Himmel sei Dank. Darf ich zu ihr?“

Katja schüttelte entschieden den Kopf. „Auf gar keinen Fall.“

„Wieso musste ich von Charlottes Nachbarin erfahren, was passiert war?“, fragte Eichinger befremdet. „Warum haben Sie mir nicht Bescheid gesagt?“

„Warum hätte ich das tun sollen?“, fragte Katja frostig zurück.

Der Mann schien sich ihre abweisende Haltung nicht erklären zu können. „Ich bin mit Ihrer Mutter immerhin seit einigen Wochen sehr eng befreundet“, sagte er fahrig.

Sie maß ihn mit abschätzigem Blick. Noch nie hatte ein Mensch so viel Abscheu in ihr hervorgerufen. „Was tun Sie, wenn Sie nicht mit meiner Mutter zusammen sind?“

„Ich verstehe Ihre Frage nicht.“

„Sie scheinheiliger Pharisäer …“

„Was erlauben Sie sich?“, brauste er auf.

„Wissen Sie wirklich nicht, wovon ich rede?“

„Was soll dieser aggressive Ton?“

„Seien Sie froh, dass ich Sie nicht in aller Öffentlichkeit ohrfeige“, zischte Katja Arndt.

Eichinger riss die Augen auf. „Sind Sie verrückt geworden?“

„Sie werden meine Mutter nicht wiedersehen“ , sagte Katja scharf. „Ist das klar?“

„Sie können wirklich nicht bei Trost sein“, entrüstete sich Cornelius Eichinger. „Das geht doch wohl nur Charlotte und mich etwas an.“

„Der Schlaganfall, den Mutter erlitten hat, geht auf Ihr Konto“, fuhr Katja ihn an.

„Ich begreife nicht, wie man jemanden wie Sie auf kranke Menschen loslassen kann.“ Eichinger tippte sich an die Stirn. „Bei Ihnen müssen hier oben ein paar Schrauben locker sein.“

Katjas Augen wurden schmal. „Wollen wir herausfinden, bei wem mehr Schrauben locker sind? Bei Ihnen oder bei mir!“

„Ich verbitte mir diesen impertinenten Ton“, fauchte Eichinger gereizt.

Katjas Blick wurde feindselig und eisig. „Ich sage nur Biggi! Biggi Ruprecht!“

Er zuckte heftig zusammen, wurde blass und verfiel. „Was wissen Sie …“

„Alles.“ Ein wildes Triumphgefühl durchtobte sie. Es tat unendlich gut, zu sehen, wie sehr sie ihn aus der Fassung gebracht hatte. „Ich weiß alles, und deshalb rate ich Ihnen, auf der Stelle zu verschwinden und sich nie mehr in der Nähe meiner Mutter blicken zu lassen. Machen Sie, dass Sie fortkommen!“



34

Nach zwei Wochen kam Charlotte Möhner in eine Rehabilitationsklinik. Man hatte in der Paracelsus-Klinik ihr tägliches Training mit einfachsten passiven Bewegungen begonnen, um eine Versteifung der Gelenke zu verhindern, und sobald die ersten Anzeichen eines spontanen Bewegungsvermögens vorhanden gewesen waren, hatte man diese Eigenbeweglichkeit sukzessive ausgebaut. Nun gewöhnte man sie in der Reha-Klinik an Bewegungen im Stehen und leitete schließlich zu Gehübungen mit Hilfe von Krücken über.

Die Patientin befand sich dabei zuerst auf einer ebenen Fläche vor einem Spiegel, um die eigenen Bewegungen kontrollieren zu können, und stieg in der weiteren Folge einige Stufen hinauf und hinunter.

Die Rehabilitation ihres Armes lief im Großen und Ganzen genauso ab, mit Ausnahme der Handbewegungen, die auf Grund ihrer Feinmotorik eine gesonderte Behandlung erforderlich machte. Sie lernte auch wieder sprechen, und die Worte kamen von Mal zu Mal deutlicher aus ihrem Mund.

Katja Arndt nahm ihre Tätigkeit bei „Flamingo“ wieder auf. Sie versuchte Versäumtes nachzuholen und wieder Geld zu scheffeln für Jan Achberger, doch inzwischen wusste sie, was sie sich zumuten durfte, ohne ihren Job in der Paracelsus-Klinik zu gefährden, und sie ging nie über dieses Leistungslimit hinaus.

Sie wusste bald nicht mehr, mit wie vielen Männern sie nach Urs Kägi noch aus gewesen war. Es wurde für sie zum Alltag, zur Routine.

Da sie gebildet war, konnte sie intellektuell spielend mit allen Männern mithalten, und wenn sich einer nicht an die vorher festgelegten Spielregeln halten wollte, was leider auch hin und wieder vorkam, ging sie, nachdem sie den Sünder dreimal verwarnt hatte, kurzerhand nach Hause.

Und dann …

… lernte sie Patrick Kress kennen, einen großen, stattlichen, unwahrscheinlich gutaussehenden Mann Mitte dreißig, von dem sie sich so stark angezogen fühlte, dass es sie erschreckte. Er war der erste Kunde, der ihr unter die Haut ging. Wenn sie nicht verheiratet gewesen wäre, wenn sie ihren Mann nicht so sehr geliebt hätte, hätte Patrick Kress ihr – da machte sie sich nichts vor – ernsthaft gefährlich werden können.

Patrick Kress ein Mann wie ein Erdbeben. Witzig, charmant und reich. Sektfabrikant wie sein Vater, Ingemar Kress. Man hätte meinen können, die Frauenwelt würde Patrick, dem Inbegriff des schönen Mannes, zu Füßen liegen, deshalb konnte Katja Arndt nicht verstehen, wieso er die Dienste einer Begleitagentur in Anspruch nahm und viel Geld dafür bezahlte, damit eine schöne Frau an seiner Seite war. Das hätte er doch mit Sicherheit auch umsonst haben können.

Katja ging mit ihm essen und anschließend in einen noblen Nachtklub. Während ein gelenkiger Jongleur auf der Bühne seine Kunststücke vorführte, fragte Patrick Kress: „Arbeitest du schon lange für Gabi?“

Katja schüttelte den Kopf. „Noch nicht sehr lange.“ Sie hatte einen Bananenflip vor sich stehen, Patrick trank seinen zweiten gewässerten Ouzo.

„Als Gabi mir dein Foto zeigte, wusste ich sofort, dass du etwas Besonderes bist“, sagte Patrick Kress.

Katja schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Vielen Dank.“

„Das ist kein daher gesagtes Kompliment, sondern ernst gemeint“, behauptete der attraktive Mann.

Der Jongleur arbeitete mit Reifen und Keulen. Obwohl seine Darbietung außergewöhnlich war, schenkten Katja Arndt und Patrick Kress ihm kaum Beachtung.

„Sagst du immer, was du denkst?“, fragte Katja ihr Gegenüber.

Patrick griente. „Ich bin ein geradezu besessener Wahrheitsfanatiker.“ Er breitete die Arme aus. „Möchtest du mich testen?“

Sie schmunzelte. „Soll ich?“

Er nickte auffordernd. „Du kannst mich fragen, was du willst. Ich werde die Wahrheit sagen.“ Er hob die Hand wie zum Schwur. „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe.“

Sie lachte, stellte aber keine Frage.

„Möchtest du wissen, wie alt ich bin?“, fragte Patrick an ihrer Stelle. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine gelbe, interessant gemusterte Krawatte. „Ich bin fünfunddreißig. Familienstand? Ledig? Verheiratet? Geschieden?“, fragte er weiter. „Geschieden“, antwortete er. „Zweimal.“

„Zweimal?“, staunte Katja. Der Jongleur verneigte sich zu einem dürftigen Applaus und verließ die Bühne. Musik spielte. Man konnte tanzen.

„Schockiert dich das?“, fragte Patrick.

Katja überging seine Frage. „Was ist in deinen Ehen schief gelaufen?“

Er hob die Schultern und schürzte die Lippen. „Beim ersten Versuch war ich neunzehn und noch nicht reif für die Ehe.“

„Warum hast du dann geheiratet?“

Er zuckte mit den Schultern. „Weil ich Britta, so hieß meine erste Frau, sie war genauso unreif wie ich, eine Freude machen wollte. Ihre beiden besten Freundinnen hatten geheiratet. Sie wollte das auch, also habe ich ihr ihren verrückten romantischen Wunsch erfüllt. Es ging nicht lange gut. Wir kamen beide sehr bald drauf, dass wir es unmöglich schaffen würden, bis ans Ende unserer Tage glücklich und zufrieden miteinander zu leben, und so zogen wir nach einem halben Jahr einen Schlussstrich unter diesen Unfug.“

Es entstand eine kurze Pause. Patrick nahm einen Schluck von seinem milchweißen Ouzo. „Und dann?“, fragte Katja nach einer Weile.

„Dann kamen erst mal ein paar wilde Jahre, in denen ich nichts anbrennen ließ“, erzählte Patrick offen. „Ich nahm alles mit, was ich kriegen konnte.“ Er sah Katja ernst in die Augen. „Ich bin heute weder stolz darauf, noch schäme ich mich deswegen. Man muss es einfach als Teil meiner Entwicklung sehen. Es war nötig, um mich zu formen.“ Er drehte sein Glas zwischen den Handflächen. „Meine zweite Ehe begann vielversprechend.“

„Wie lange liegt sie zurück?“, wollte Katja Arndt wissen.

„Zwei Jahre. Ich war verliebt und im siebten Himmel. Mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass Claudia mich nur wegen unserer Sektkellerei geheiratet hatte.“ Ein harter Ausdruck kerbte sich um Patricks Lippen. „Sie war einem brutalen Kerl hörig“, fuhr er mit dumpfer Stimme fort. „Er brauchte nicht zu arbeiten. Sie fütterte ihn durch, steckte ihm laufend Geld zu und besuchte ihn regelmäßig. Irgendwann wurde sie mit ihm gesehen.“ Er zögerte, seufzte. „Pech. Sie war nicht vorsichtig genug gewesen. Die Geschichte platzte wie eine Seifenblase, und Claudia bestritt auch gar nichts, als ich ihr ihre Untreue vorhielt. Sie packte wortlos ihre Sachen und verschwand.“

„Ist sie noch mit diesem anderen Mann zusammen?“

„Schon möglich, ich weiß es nicht. Es interessiert mich nicht. Nach dieser kalten Dusche sagte ich mir: Junge, du hast kein glückliches Händchen für die Ehe, also lass es künftig bleiben.“

„Gebranntes Kind fürchtet das Feuer.“

Patrick Kress nickte. „Könnte man sagen.“

„Gehst du seither nur noch mit Frauen wie mir aus?“, fragte Katja Arndt.

Er nickte wieder. „Du hast es erfasst. Das ist ein ehrliches Geschäft. Es wird nicht geheuchelt oder gelogen. Ich gebe Gabi Hauff Geld und kriege, was ich möchte.“

„Du weißt, was du von mir bekommst.“

Er lächelte mit blitzweißen Zähnen. „Nicht alles, aber das ist okay. Darf ich fragen, wieso du für Gabi arbeitest?“

„Ich brauche Geld.“

„Wofür?“

Er war der erste Kunde, dem sie die Wahrheit erzählte. Sie war schon oft gefragt worden, warum sie zum Angebot von „Flamingo“ gehörte, und sie hatte jedes Mal ein trauriges Märchen erzählt, das durchaus auch hätte wahr sein können. Patrick gegenüber wollte sie jedoch fair sein, nachdem er ihr schon so viel ungeschminkt Wahres von sich erzählt hatte.

Sie erwähnte die hohen Schulden, die bei Jan Achberger abzustottern waren, und verheimlichte Patrick auch nicht, dass sie verheiratet war.

Er nahm es zur Kenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken. Lächelnd meinte er: „Es hätte mich sehr gewundert, wenn du nicht verheiratet gewesen wärst.“ Er zückte spontan sein Scheckheft, stellte einen Barscheck auf zehntausend Mark aus und schob ihn ihr über den Tisch zu. „Hier“, sagte er. „Damit ihr eure Schulden ein bisschen schneller loswerdet.“

„Danke“, sagte Katja und steckte das Papier in ihre Handtasche.

„Ich würde dich gerne wiedersehen.“

„Du weißt, was du tun musst.“

Patrick Kress nickte. „Gabi anrufen.“

„Genau.“

„Und wenn ich dich privat treffen möchte?“, fragte der gutaussehende Sektfabrikant.

Katja schenkte ihm ein bedauerndes Lächeln. „Ich bin verheiratet und habe einen Vertrag mit Flamingo. Wenn ich dich privat treffe, bekommt Gabi Hauff keine Provision, und es wäre auch meinem Mann gegenüber nicht fair.“

„Wie heißt dein Mann?“

„Norbert.“

„Ich beneide ihn“, sagte Patrick Kress. Er deutete mit dem Kopf zur Tanzfläche. „Möchtest du tanzen?“

„Okay.“ Katja stand auf.

Patrick nahm sie auf der Tanzfläche in die Arme. Sie schmiegte sich an ihn und genoss seine Nähe. Obwohl es ihr sehr angenehm war, ihm so nahe zu sein, hatte sie kein schlechtes Gewissen, denn sie wusste, wie weit sie gehen durfte, und sie würde diese Grenze auf keinen Fall überschreiten.

„Weißt du, was ich tun werde?“, fragte Patrick leise an ihrem Ohr.

Ein wohliger Schauer rieselte ihr über den Rücken. „Was?“

„Ich werde mit Gabi eine Dauerbuchung vereinbaren. Dann wirst du nur noch mit mir ausgehen. Was sagst du dazu? Bist du damit einverstanden?“

„Ich tue, was Gabi mir sagt.“

Er nahm den Kopf etwas zurück und schaute ihr in die Augen. „Von nun an brauchst du dich nicht mehr jedes Mal auf einen neuen Kunden einzustellen. Ich kaufe deine gesamte Flamingo-Zeit.“

„Warum tust du das?“

„Weil ich noch mit keiner Frau so gern zusammen war wie mit dir“, gab Patrick Kress zur Antwort. „Du tanzt übrigens hervorragend.“



35

Katja hatte keine Geheimnisse vor ihrem Mann. Sie musste offen und ehrlich zu ihm sein, wenn dieses kräfteraubende Doppelleben, für das sie sich entschieden hatte, einigermaßen gut funktionieren sollte.

Deshalb erzählte sie ihm auch von Patrick Kress, dem reichen, großzügigen Sektfabrikanten. „Ich werde bis auf Weiteres nur noch mit ihm ausgehen“, sagte sie. „Das minimiert das Risiko, das es bei diesen Dates immer gibt. Man weiß nie, an wen man als nächstes gerät.“

„Warum will dieser Kress dich so oft sehen?“, fragte Norbert argwöhnisch. Sie saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa, und aus den Lautsprechern der HiFi-Anlage kam die oscargekrönte „Titanic“-Filmmusik.

„Er ist eben gern mit einer intelligenten Frau zusammen“, sagte Katja Arndt.

„Benimmt er sich dir gegenüber korrekt?“

„Sein Benehmen ist untadelig.“

„Ist er verliebt in dich?“

„Nein.“ Katja schüttelte den Kopf. „Ich glaube ich nicht.“

Norbert spielte mit ihrem aschblonden Haar. „Empfindest du etwas für ihn?“

„Bestimmt nicht mehr, als mir als verheirateter Frau gestattet ist“, beruhigte sie ihren Mann. „Ich sehe in Patrick lediglich einen sehr guten Freund.“

„Und wenn du nicht verheiratet wärst?“

„Ich bin verheiratet.“

„Ja, aber wenn du es nicht wärst – hätte Kress dann bei dir Chancen?“

Katja zuckte mit den Schultern. „Das weiß ich nicht.“

„Du weißt es nicht?“

„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht“, meinte Katja, und sie fühlte sich nicht ganz wohl dabei, denn es entsprach nicht hundertprozentig der Wahrheit.

Fing sie an, sich eine Scheinwahrheit zurechtzubasteln? War das nicht eine bedenkliche Entwicklung? Wann würde der Tag kommen, an dem sie ihrem Mann nicht mehr reinen Gewissens in die Augen sehen konnte?

Sie hoffte nie, denn das hätte ihre Ehe gefährdet und sie in eine gefährliche Krise schlittern lassen. Es hätte der Anfang vom Ende sein können.

Norberts Blick umwölkte sich. „Mit Patrick Kress wärst du besser dran als mit mir.“

„So etwas Dummes möchte ich nie wieder hören.“ Katja küsste ihren Mann auf den Mund. „Hast du mich verstanden? Nie wieder.“



36

Die prunkvolle Kress-Villa, im verspielten Jugendstil erbaut, stand am Rand von München, war umgeben von einem schönen, großen, herrlich grünen Park und glich einem verträumten Märchenschloss.

Hier wohnten Vater und Sohn und die Bediensteten. Isabella Kress, die Ehefrau und Mutter, war vor vier Jahren nach langem, schwerem Leiden verstorben, und es wäre dem achtundsiebzigjährigen Ingemar Kress unmöglich gewesen, sich an eine neue Frau an seiner Seite zu gewöhnen.

Der drahtige, geistig noch unglaublich rege Sektfabrikant kleidete sich wie ein englischer Lord, hielt sich stets kerzengerade, hatte schneeweißes Haar und lenkte die Firma, die er vor fünfzig Jahren aus dem Nichts aufgebaut hatte, noch immer mit eiserner Hand, und seine marktstrategischen Ideen waren manchmal progressiver als die seines Sohnes, mit dem er hervorragend zusammenarbeitete.

Ingemar und Patrick Kress waren nicht nur Vater und Sohn, sondern auch Geschäftspartner, Vertraute und Freunde, die keine Geheimnisse voreinander hatten, und so blieb es auch nicht aus, dass Patrick (nachdem er dreimal mit Katja aus gewesen war) seinem Vater im großen, mahagonigetäfelten Salon eröffnete: „Ich habe mich verliebt, Papa.“

„In dieses Mädchen von der Begleitagentur?“, fragte Ingemar Kress. Sein Sohn hatte ihm gleich nach dem ersten Abend, den er mit Katja Arndt verbracht hatte, enthusiastisch von ihr erzählt.

Patrick nickte. „In Katja, ja. Ich bin noch nie mit einer schöneren, gebildeteren und unterhaltsameren Frau zusammen gewesen.“

Ingemar Kress lächelte. „Deine beiden Ehefrauen waren auch nicht gerade hässlich, dumm und langweilig.“

„Katja stellt sie mit Leichtigkeit in den Schatten. Wenn ich mit ihr zusammen bin, fühle ich mich wie im siebten Himmel.“

Ingemar Kress wiegte mit bedenklicher Miene den Kopf. „Junge, dich scheint es ja wirklich schlimm erwischt zu haben.“

Patrick lachte. „Schlimmer geht’s nicht mehr.“

Sein Vater zog die buschigen weißen Augenbrauen zusammen. „Das macht mir Angst.“

„Wieso?“

„Du investierst zu viel Gefühl in diese Sache“, befand Ingemar Kress. „Für Katja Arndt ist das nur ein Job.“

„Das glaube ich nicht.“ Patrick schüttelte energisch den Kopf. „Es ist bestimmt viel mehr für sie.“

Der alte Mann legte seinem Sohn den Arm um die Schultern. „Sie ist verheiratet und liebt ihren Mann. Das hast du mir selbst erzählt. Widrige Umstände zwingen sie zu diesem Job, den sie niemals ausüben würde, wenn sie nicht müsste. Willst du dich in eine intakte Ehe drängen?“ Er sah Patrick ernst an. „Du weißt, dass du das nicht darfst, dass du dazu kein Recht hast. Wer von purem Egoismus getrieben eine Ehe zerstört, die heil und in Ordnung ist und ein Leben lang halten könnte, hat einen miserablen Charakter, und ich glaube nicht, dass du den hast. Du bist wie ich, aufrecht, geradlinig und ehrlich. Männern wie uns widerstrebt es, Unrecht zu tun. Aber nehmen wir an, es würde dir gelingen, Katja so sehr zu verwirren, dass sie ihren Mann verlässt. Du würdest mit ihr nicht glücklich werden, mein Junge. Diese Sünde würde immer zwischen euch stehen und ein Verschmelzen eurer Herzen niemals zulassen.“

Patrick schwieg. Er wusste, dass sein Vater recht hatte.

„Darf ich dir einen sowohl väterlichen als auch freundschaftlichen Rat geben, mein Junge?“, fragte der weißhaarige Mann.

Patrick sah ihn abwartend an.

„Lass Katja in Ruhe“, sagte Ingemar Kress. „Amüsiere dich mit einem anderen Flamingo-Mädchen.“

Patrick schlug die Augen nieder, schüttelte langsam den Kopf und sagte leise: „Tut mir leid, Vater, das kann ich nicht mehr, seit mir Katja begegnet ist.“



37

Ende der Vormittagssprechstunde. Die letzte Patientin war gegangen. Schwester Annegret sortierte die Karteikarten, die auf Dr. Härtlings Schreibtisch lagen und fragte beiläufig: „Sind Sie an Klatsch und Tratsch interessiert, Chef?“

Der Klinikchef schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht.“

„Gut, dann behalte ich die neuesten Neuigkeiten für mich“, sagte die alte Pflegerin. Es war ihr anzusehen, dass ihr das nicht gerade leichtfiel. „Wann haben denn nun Ihre Frau und Ihre Schwester ihren großen Laufsteg-Auftritt?“, erkundigte sie sich.

„Ich habe den genauen Termin nicht im Kopf“, gestand Sören Härtling, „aber allzu fern ist er nicht mehr. Jana und Trixi üben jeden Tag mehrere Stunden wie besessen. Sie nehmen sich gegenseitig mit einer Videokamera auf, spielen sich die Bänder nachher vor und suchen mit selbstkritischem Eifer nach Fehlern, die es auszumerzen gilt.“

„Sie werden perfekt sein“, sagte Schwester Annegret überzeugt.

„Aber wir haben darunter zu leiden“, sagte Dr. Härtling. „Jana und Trixi sind kaum noch ansprechbar. Und wenn sie mal reden, gibt es für sie nur ein Thema.“

Annegret lächelte. „Sie nehmen die Sache eben ernst.“

„Man kann es auch übertreiben.“ Sören Härtling seufzte. „Wenn ich geahnt hätte, wozu das führt, hätte ich mich nicht dafür ausgesprochen, dass meine Frau bei dieser Benefiz-Veranstaltung mitmacht.“

Klatsch und Tratsch standen noch im Raum und ließen die Luft knistern. Das, was Schwester Annegret gerne losgeworden wäre, schien ihr bereits Löcher in die Zunge zu brennen, deshalb forderte der Klinikchef sie schmunzelnd auf, es nun doch herauszulassen.

„Es geht um Frau Dr. Arndt“, sagte die alte Krankenschwester. „Einer der Pfleger will sie in einem Nachtklub gesehen haben.“

„Warum sollte sie nicht mal in einen Nachtklub gehen?“, meinte Dr. Härtling gleichgültig.

„Sie war in Begleitung eines Herrn.“

Sören Härtling lächelte. „Allein wird Frau Dr. Arndt wohl kaum einen Nachtklub aufsuchen. Natürlich war sie in Begleitung eines Herrn. Sie ist schließlich verheiratet.“

„Sie war nicht mit ihrem Ehemann da.“

„Sondern mit wem?“

„Mit dem reichen Sektfabrikanten Patrick Kress“, ließ Schwester Annegret die Katze aus dem Sack. Kress war bekannt wie ein bunter Hund. Seine Eskapaden und Affären hatten früher die Gazetten gefüllt. In letzter Zeit war es ruhig geworden um den begehrten, gutaussehenden jungen Mann.

Dr. Härtling betrachtete die alte Pflegerin mit einem prüfenden Blick. „Und was schließen Sie daraus, Annchen?“, fragte er. „Dass es in Frau Dr. Arndts Ehe kriselt? Das glaube ich nicht, aber selbst wenn es so wäre – wenn sie ihren Dienst zu jedermanns Zufriedenheit versieht, ist alles andere ihre Privatangelegenheit und hat uns nicht zu interessieren.“

Er sah Katja Arndt eine halbe Stunde später auf der internen Station. Sie lächelte ihn an, er lächelte zurück. Sie wirkte ausgeglichen und zufrieden.

So sieht keine Frau aus, die Eheprobleme hat und ihren Mann betrügt, ging es Dr. Härtling durch den Sinn. Er erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Mutter.

„Sie geht schon recht gut ohne Stock“, berichtete die Internistin. „Und ihre Hand kann sie auch wieder gebrauchen. Nur mit dem Sprechen hapert es noch ein wenig. Ihr fallen manche Wörter nicht ein, und einige davon spricht sie noch undeutlich aus, aber die Kollegen, die sie betreuen, sind zuversichtlich, dass sie wieder ganz gesund werden wird.“



38

Als Dr. Katja Arndt am Abend dieses Tages müde und abgespannt nach Hause kam, erlebte sie eine höchst unerfreuliche Überraschung: Ihr Mann war sturzbetrunken. Er hockte im Wohnzimmer mit weit von sich gestreckten Beinen in einem der Sessel. Sein Blick war glasig, sein Kopf wackelte, seine Lippen glänzten feucht.

„Norbert!“, stieß sie erschrocken hervor.

Er sah sie mit rotgeweinten Augen an. „Ich mache dir nur Kummer, nur Kummer“, sagte er entsetzlich undeutlich. Er hatte den Krawattenknopf gelockert und den Kragen geöffnet.

„Was ist passiert? Was hast du getan?“

„Ich bringe dir kein Glück …“

„Würdest du mir endlich sagen …“

„Du hättest mich damals sterben lassen sollen.“

„Herrgott noch mal, hör auf, solchen Blödsinn zu reden!“, herrschte sie ihn an.

Er schluchzte hysterisch. Sie lief in die Küche, füllte einen Krug mit kaltem Wasser und schüttete es ihm mit Schwung ins Gesicht. Er japste nach Luft und prustete.

Ihre Kopfhaut zog sich plötzlich schmerzhaft zusammen. Sie sah ihren Mann entgeistert an. Ein schrecklicher Gedanke war ihr gekommen.

„O nein!“, krächzte sie. „Nein, bitte das nicht!“

Sie hetzte durch das Zimmer. Morgen war wieder eine Rate fällig. Diesmal hatten sie besonders viel zusammenbekommen: fünfundvierzigtausend Mark!

Das Geld lag in einer Holzschatulle, und diese stand im Wohnzimmerschrank. Der größere Betrag stammte von Katja, aber auch Norbert hatte jeden Geldschein, den er erübrigen konnte, dazugelegt.

Katja Arndt riss die Schranktüren auf. Ihre Hände stießen vor. Sie packte die Schatulle, stellte sie auf ein Blumentischchen (die Birkenfeige, die bis vor einem Monat darauf gestanden hatte, lebte nicht mehr), öffnete den Deckel und sah das, was sie befürchtet hatte.

„Leer!“ Sie erkannte ihre Stimme selbst nicht wieder. „Fünfundvierzigtausend … Norbert … Wo ist das Geld?“

Er ließ die Schultern hängen, sagte nichts.

„Du bist rückfällig geworden, hast wieder gespielt.“

Er nickte und weinte.

„Hast verloren.“

Er nickte.

„Die ganzen fünfundvierzigtausend Mark.“

Nicken.

„O Norbert, Norbert.“ Sie schloss unendlich traurig die Schatulle.

Er seufzte. „Ich hatte so ein gutes Blatt. Ich wollte Jan Achberger alles auf einmal zurückzahlen. Es hätte beinahe geklappt, aber leider nur beinahe.“

„Fünfundvierzigtausend Mark …“ Katja war es unbegreiflich, wie er schon wieder so viel Geld verspielen konnte.

„Die Therapie – sie hat nicht gegriffen“ , sagte er lallend. „Es tut mir leid. Das war rausgeschmissenes Geld. Ich geh’ da nie wieder hin. Dr. Weißmann konnte mir nicht helfen. Niemand kann das. Ich bin unheilbar krank. Ich werde immer wieder rückfällig werden. Ich bin wie ein willensschwacher Alkoholiker, dem es unmöglich ist, ein Leben lang trocken zu bleiben.“

Sie sah ihn wütend an. „Findest du nicht, dass du es dir ein bisschen zu einfach machst, Norbert? Dr. Weißmann ist eine Niete, du gehst da nicht wieder hin aus und basta. Und wie soll es weitergehen? Wir haben eine Abmachung …“

„Ich kann sie nicht erfüllen“, sagte er mit schwerer Zunge. „Ich hab’s versucht. Ich hab’s ehrlich versucht. Gott ist mein Zeuge.“

„Wenn Dr. Weißmann dir nicht helfen kann, kann es vielleicht ein anderer.“

Norbert Arndt schüttelte deprimiert den Kopf. „Begreif doch, Katja, es hat keinen Sinn. Wie oft muss ich dich noch enttäuschen, bis du das einsiehst?“ Sie schaute ihm fest in die Augen. „Unsere Ehe steht auf dem Spiel, Norbert.“

Er nickte verzweifelt.

„Ich habe weiß Gott alles getan, um sie zu retten“, sagte Katja.

Norbert hob die Hände und nuschelte: „Du bist frei von jeder Schuld. Es gibt nichts, was ich dir vorwerfen könnte.“ Er stand auf, schob seinen nassen Krawattenknopf hoch und schloss sein Jackett.

Als er die ersten unsicheren Schritte machte, fragte sie ihn finster: „Wohin gehst du?“

„Ich hab’ noch was zu erledigen“, antwortete er schleppend und kaum verständlich.

„Um diese Zeit? In diesem Zustand?“ Sie deutete auf das nasse Hemd, das nasse Jackett und seine schwankende Gestalt.

Er zuckte mit den Schultern. Es schien ihm egal zu sein, wie er aussah. „Warte nicht auf mich“, murmelte er. „Ich muss noch ein paar Dinge klären. Das kann dauern.“

„Wer will mit einem, der sich in einer so jämmerlichen Verfassung befindet, etwas zu tun haben?“, fragte Katja. Und mit eindringlicher Stimme fuhr sie fort: „Was immer du vorhast, verschiebe es auf morgen.“

Norbert schüttelte störrisch den Kopf. „Es muss heute sein.“

„Dann begleite ich dich.“

„Du lässt mich allein gehen“, lallte Norbert Arndt mürrisch. „Ich bestehe darauf.“

„Und wohin gehst du, wenn ich fragen darf?“

„Das geht dich nichts an“, sagte er harsch und verließ das Haus. Allein, wie er es wollte. Katja trat ans Fenster und sah, wie er sich entfernte. Er konnte nicht gerade gehen, sondern schwankte deutlich sichtbar.

Das letzte Wort ist in dieser Sache noch nicht gesprochen, mein Lieber, dachte Katja trotzig. So schnell gebe ich nicht auf, und ich habe all die Mühsal in jüngster Vergangenheit auch nicht umsonst auf mich genommen. Das muss irgendwann Früchte tragen. Eher gebe ich mich nicht zufrieden.



39

Norbert Arndt torkelte die Straße entlang. Ein Mann kam ihm mit einem Hund entgegen. Das Tier knurrte ihn an. „Er mag keine Betrunkenen“, sagte Arndt. „Richtig so. Ich kann sie auch nicht ausstehen.“

Er wankte weiter. Sein Ziel war der nahe Bahndamm. Er kletterte die steile Böschung auf allen Vieren hoch und ging zwischen den Schienen auf den Schwellen. Wenn er Glück hatte, kam bald ein Zug. Es würde schnell gehen. Er würde nichts spüren.

Ich muss es tun, dachte er. Dr. Weißmann schafft es nicht, mich vor einem Rückfall zu bewahren, aber ich kann das. Katja ist ein Engel. Sie hat ein besseres Leben verdient als das an meiner Seite. Wenn sie sich nicht von mir trennen kann, muss ich mich von ihr trennen. Es muss Schluss sein. Unwiderruflich. Für immer. Keine Spielkarten und keine Wetten mehr. Keine Enttäuschungen mehr für Katja. Sie soll meinetwegen nie wieder unglücklich sein. Was ich heute tue, tue ich für dich, geliebte Katja, um dich von mir zu befreien, damit du endlich so glücklich werden kannst, wie du es verdienst.

Der Zug kam. Norbert Arndt hatte keine Angst vor ihm. Er ging ihm mit einem Lächeln auf den Lippen entgegen wie einem guten Freund. Die Schwellen unter seinen Füßen begannen zu vibrieren. Er dachte an Katja, an Jan Achberger und an Patrick Kress.

Bis vor Kurzem hatte es ihn noch rasend eifersüchtig gemacht, wenn er sich Kress an Katjas Seite vorgestellt hatte. Jetzt nicht mehr.

Das war vorbei. Er hoffte, dass die beiden nach seinem Tod zusammenkamen und glücklich wurden. Wenn er noch einen letzten Wunsch hätte äußern dürfen, dann wäre es dieser gewesen.

Das schrille Signal des Zugs sollte ihn von den Geleisen fegen, doch er ging unbeeindruckt weiter. Der Zugführer leitete eine aussichtslose Notbremsung ein.

Viele Tonnen schoben den Zug kraftvoll weiter vorwärts, auf den klein aussehenden Mann zu, der nicht im Traum daran dachte, sich in Sicherheit zu bringen.

Bremsen kreischten, Funken sprühten. Norbert Arndt blieb stehen, hob die Arme, streckte sie zur Seite und rief in den immer lauter werdenden Lärm hinein: „Katjaaa …! Ich liebe dich! Katjaaa!“

Dann war der Zug heran und an ihm, in ihm und über ihm …



40

Als die Polizei zu Dr. Katja Arndt kam, wusste sie sofort, dass ihr Mann nicht mehr lebte. „Ich hab’ noch was zu erledigen“, hatte er gesagt, bevor er das Haus verlassen hatte, und dann hatte er sich selbst „erledigt“, um seine Frau von sich zu befreien, ihr weiteren Kummer und noch mehr Sorgen zu ersparen und einen Neustart mit Patrick Kress zu ermöglichen. Bestimmt hatten seine Überlegungen so ausgesehen.

Habe ich irgendwie geahnt, was er vorhatte?, fragte sich Katja erschüttert. Habe ich es tief in meinem Innersten gewusst? Wieso habe ich ihn gehen lassen? Wieso habe ich ihn nicht zurückgehalten? Ich hätte es gekonnt. Er war schwer betrunken. Ich hätte ihn aufhalten können. Habe ich mich am Tod meines Mannes mit schuldig gemacht?

Sie war eingekreist von Selbstvorwürfen. Ihre Gedanken rasten durch ein finsteres Labyrinth, suchten verzweifelt nach einem Ausgang, konnten jedoch keinen finden, und die Folge davon war ein Nervenzusammenbruch, der sie in die Paracelsus-Klinik brachte.

Die Wirklichkeit wurde für sie zu einer glatten Scheibe, die jäh kippte. Katja hatte das Gefühl, zu stürzen und abzurutschen. Sie hatte keine Möglichkeit, sich irgendwo festzuhalten und den Fall in den irrealen Abgrund zu verhindern. Sie sauste über den Rand hinaus, hatte innerhalb weniger Augenblicke keinen Boden mehr unter sich, fiel, fiel, fiel und überschlug sich dabei ungezählte Male.

Dr. Härtling sagte etwas zu ihr, das sie nicht verstand. Es klang sanft und tröstend, und dann zog Dr. Härtling oder sonst jemand ein schwarzes Laken über ihr Gesicht. Sie sah nichts mehr, spürte nichts mehr, konnte nicht mehr denken, hörte auf, bewusst zu existieren …

Man hielt sie zwei Tage in einem schützenden Dämmerzustand und holte sie dann behutsam wieder an die Oberfläche des bitteren Bewusstseins.

Dr. Härtling verbrachte sehr viel Zeit bei ihr, und wenn er anderweitig unabkömmlich war, kümmerte sich Schwester Annegret um sie. Katja war nie allein, hatte immer jemanden bei sich, mit dem sie reden, bei dem sie abladen konnte, was ihr tonnenschwer auf Geist und Seele drückte.

„Weiß es meine Mutter schon?“, fragte sie, als wieder einmal der Klinikchef bei ihr war. „Irgend jemand muss es ihr sagen.“

„Das hat Ihr Bruder bereits getan“, sagte Sören Härtling.

„Wie hat sie’s aufgenommen?“

„Sie war sehr traurig.“

„Hat sich ihr Zustand nicht wieder verschlechtert?“

Dr. Härtling schüttelte den Kopf. „Ihr Zustand ist stabil geblieben.“

Katja strich mit der Hand fahrig über die Bettdecke. „Wieso ist das Schicksal manchmal so grausam?“

„Alles hat irgendwo seinen übergeordneten Sinn, sagt man“, erwiderte der Klinikchef. „Der Mensch ist bloß zu klein, um ihn zu erkennen.“



41

Drei Tage nach Norberts Beerdigung erschien Dr. Katja Arndt wieder zum Dienst in der Paracelsus-Klinik. Sie musste arbeiten, um sich abzulenken, um den Kreislauf ihrer tristen Gedanken zu unterbinden, und um das Gefühl zu haben, zu etwas nütze zu sein.

Eifrig und engagiert kümmerte sie sich um die ihr anvertrauten Patienten und stellte ihr persönliches Seelenleid hintan. Nichts war ihr wichtiger als für andere Menschen da zu sein, ihnen zu helfen und zu spüren, dass sie gebraucht wurde. Doch der Alptraum war für sie noch nicht zu Ende …

Als sie die Klinik nach zwölf Stunden kräfteraubender Arbeit verließ, trat ihr plötzlich ein Mann in den Weg. Ein schleimiger Mittvierziger mit Basedowaugen, Gold im Mund, um den Hals und an den Fingern Jan Achberger.

„Hallo, Frau Doktor“, sagte er mit übertriebener Freundlichkeit. „Wie geht es Ihnen?“

Sie antwortete nicht, starrte den Blutsauger feindselig an.

„Die Sache mit Ihrem Mann tut mir leid“, behauptete Achberger. „Ehrlich. Man ist schließlich kein Unmensch.“ Er nickte, als wäre er mit dem, was er gesagt hatte, sehr einverstanden. „Ich bedaure auch außerordentlich, dass ich auf Ihren Schmerz keine Rücksicht nehmen kann“, fuhr er mit betrübter Miene fort. „Ich bin Geschäftsmann und lebe nicht vom Draufzahlen. Ich muss sehen, wie ich mein Geld wiederkriege.“ Er rümpfte die Nase. „Ist nicht fair, was Norbert Ihnen angetan hat. Sich einfach so aus der Verantwortung zu stehlen und Sie mit einem Haufen Schulden sitzenzulassen.“ Er schüttelte den Kopf, als würde er ein so egoistisches Verhalten zutiefst verabscheuen. „Er kann keinen Augenblick an Sie gedacht haben. Er hätte das nicht tun dürfen. Das war nicht in Ordnung.“

Achberger verlangte, dass Katja in den nächsten Tagen in sein „Büro“ kam, damit sie neue Zahlungsmodalitäten festlegen konnten. Dann wünschte er ihr einen guten Abend und verschwand.

Seit Norberts schrecklichem Freitod war vieles in Bewegung geraten, und manches hatte sich aufgelöst und seine Gültigkeit verloren.

Zu letzterem gehörte auch der Vertrag, den Katja bei „Flamingo“ unterschrieben hatte. Gabi Hauff hatte sie wissen lassen, dass sie sich nicht mehr daran gebunden zu fühlen brauche, und so war es möglich, dass Katja und Patrick zusammenkamen, ohne dass der junge Sektfabrikant dafür bezahlen musste.

Aus dem gut honorierten Job war eine vorbildliche Freundschaft geworden, und wenn Patrick sich in dieser schweren Zeit nicht so sehr um Katja gekümmert hätte, wäre sie vielleicht einen ähnlichen Weg gegangen wie ihr Mann.

Patrick spendete ihr Trost und bot ihr jenen Halt, den sie jetzt so dringend brauchte, und sie war sich der Tatsache bewusst, dass sie ohne ihn verloren gewesen wäre. Als sie ihm von Jan Achbergers Auftritt vor der Paracelsus-Klinik erzählte, strich er ihr sanft übers aschblonde Haar und sagte: „Ich werde dafür sorgen, dass er dich in Ruhe lässt.“

Sie sah ihn ängstlich an. „Was hast du vor?“

„Ich werde zu ihm gehen und mit ihm reden.“

„Dieser Mann ist gefährlich. Er arbeitet mit brutalen Gangstern zusammen. Ich möchte nicht, dass dir etwas zustößt.“

„Mach dir um mich keine Sorgen.“ Patrick Kress lächelte zuversichtlich. „Ich bringe für dich alles ins Lot.“



42

Tags darauf erschien Patrick Kress bei Jan Achberger und befreite Katja Arndt mit einem Scheck von allen weiteren Verpflichtungen.

Als Katja davon erfuhr, wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Sie war lange Zeit sprachlos und schämte sich. Nachdem sie sich einigermaßen gesammelt hatte, krächzte sie: „Du musst verrückt sein. Wieso hast du das getan?“

Er lächelte. „Kannst du dir das nicht denken?“

„Ich kann dir nichts Gleichwertiges dafür geben.“

Er winkte ab. „Mach dir deswegen keine Sorgen.“

„Jetzt stehe ich so tief in deiner Schuld …“

„Ach was“, fiel er ihr ins Wort. „Ist doch nur Geld, das ich Achberger gegeben habe. Das verpflichtet dich zu überhaupt nichts.“

Nur Geld, dachte Katja. Er sagt das so, als wäre das gar nichts. Dabei prägt Geld, seit man es erfunden hat, das Leben nahezu aller Menschen. Es kann sie glücklich machen oder leiden lassen, kann Wünsche erfüllen oder Träume zerstören. Was habe ich nicht alles auf mich genommen, um an mehr Geld zu kommen. Geld zerstört Freundschaften, vernichtet Existenzen, treibt Menschen in den Tod. Und Patrick sagt: „Ist doch nur Geld, das ich Achberger gegeben habe“.

Als Katjas Mutter die Reha-Klinik verlassen durfte, war sie nahezu völlig wiederhergestellt. Nur wenn sie müde war und ihre Konzentration nachließ, kamen ihr die Worte nicht mehr ganz deutlich über die Lippen, aber die Ärzte hatten gesagt, dass auch das mit der Zeit vergehen würde.

Katja nahm ihre Mutter für eine Weile zu sich. Sie halfen sich damit gegenseitig, indem eine für die andere da war. Von Cornelius Eichinger hörten sie nie wieder, und das war gut so.

Biggi Ruprecht lud die junge Internistin und Gabi Hauff zu einer kleinen Abschiedsfeier in ihr schönes Haus ein, und Gabi sagte zu Katja: „Ich wünschte, ich hätte mehr Mädchen wie dich im Angebot, und es tut mir aufrichtig leid, dass du Flamingo, was ich natürlich verstehen kann, nicht mehr zur Verfügung stehst. Du warst sehr begehrt, und ich hatte nie Probleme mit dir. Es war wirklich sehr angenehm, mit dir zu arbeiten, und solltest du jemals wieder den Wunsch haben, in unserer Branche tätig zu sein, würde ich dich mit offenen Armen empfangen.“ Gabi lächelte. „Ich weiß natürlich, dass das nie passieren wird, aber ich wollte es trotzdem gesagt haben.“



43

Und dann kam endlich der Tag der großen, von Wolf-Dietrich Bockmayer und Clemens Bennet ins Leben gerufenen Benefiz-Veranstaltung, der Jana Härtling und Trix Lassow und ihre Familien schon so lange entgegengefiebert hatten. Alles, was Rang und Namen hatte, kam, um zu sehen und gesehen zu werden. Man hatte viele Top-Models für diesen Abend gewinnen können, deren klangvolle Namen das Lampenfieber der beiden Amateur-Mannequins noch mehr in die Höhe trieben.

„Meine Güte, wie sollen wir neben diesen blutjungen Grazien bestehen?“, stöhnte Jana Härtling.

Ihre Schwägerin trug es mit Humor, indem sie erwiderte: „Die Frage muss lauten: Wie können diese mageren Püppchen neben uns gut gebauten Vollblutfrauen bestehen?“

Darüber mussten sie herzlich lachen. Clemens Bennet hörte es, kam zu ihnen und sagte: „Schön, zu sehen, dass ihr so guter Dinge seid.“

Jana Härtling feixte. „Das ist reiner Galgenhumor.“

„Ihr werdet einen phantastischen Auftritt haben“, sagte der Plattenproduzent und Rennstallbesitzer zuversichtlich. Er trug einen nachtschwarzen Smoking, der ihm hervorragend passte. „Wolf-Dietrichs sensationelle Kreationen werden euch zu viel bestaunten Laufsteg-Göttinnen erheben“, versprach er. Fanfaren erklangen. „Ich muss gehen“, sagte Clemens. „Toi! Toi! Toi!“

Er eilte davon, betrat die große, helle Bühne und begrüßte das zahlreich erschienene illustre Publikum mit der ihm eigenen Herzlichkeit.

Die Härtlings, die Lassows, die Paracelsus – der ganze Clan war gekommen, um dabei zu sein, wenn Jana und Trix die eleganten Roben des begnadeten Modeschöpfers vorführten.

Patrick Kress hatte Dr. Katja Arndt überredet, mit ihm an diesem großen Ereignis, dessen Reinerlös behinderten Kindern zugute kommen sollte, teilzunehmen.

Wenn die Veranstaltung keinem guten Zweck gedient hätte, wäre Katja nicht mitgekommen. So aber saß sie mit Patrick direkt am Laufsteg und ließ die Show mit melancholischem Blick an sich vorüberziehen.

Sie bewunderte Jana Härtlings und Trix Lassows Mut, als Models zu agieren, fand, dass die beiden ihre Aufgabe bravourös meisterten, und belohnte ihre Courage mit lautem Klatschen. In der Pause gab Patrick ihr ein kleines dunkelblaues Schächtelchen.

„Was ist das?“ Katja sah ihn überrascht an.

Er lächelte, und in seinen Augen war unendlich viel Wärme. „Mach es auf.“ Sie öffnete das Schächtelchen. Es befand sich ein weißes Seidenkissen darin, in dem ein Ring steckte, der ein

Vermögen gekostet haben musste, und dessen Gleißen, Strahlen und Funkeln sie blendete.

Ihr stockte der Atem.

„Gefällt er dir?“, fragte Patrick.

„Er ist wunderschön, aber so ein kostbares Geschenk kann ich nicht annehmen.“

„Bitte, Katja, ich möchte, dass du ihn trägst. Er ist nur ein bescheidener Beweis der großen Hochachtung und Zuneigung, die ich für dich empfinde. Alle Schätze dieser Welt würden nicht ausreichen, um dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe.“ Er nahm den Ring, nahm ihre Hand. Sie wollte sie ihm entziehen, doch er hielt sie fest und steckte ihr den kostbaren Ring an den Finger. „Aller guten Dinge sind drei“, sagte er.

„Was meinst du damit?“, fragte sie verwirrt.

„Ich war zweimal verheiratet. Beim dritten Mal wird es gutgehen.“

„Beim dritten Mal?“ Ihr Herz raste. „Aber … Ich …“

Er legte ihr den Finger auf die Lippen, und sie verstummte. „Du brauchst nichts zu sagen“, flüsterte er zärtlich. „Ich weiß alles. Ich kenne dich, kenne dein ganzes Leben, kenne die schrecklichen Turbulenzen der jüngsten Vergangenheit, die nur sehr mühsam aufzuarbeiten sein werden, und es ist mir absolut bewusst, dass es noch sehr lange dauern kann, bis du bereit bist, meine Frau zu werden. Aber das macht mir überhaupt nichts aus, denn mir wurde eine ganz große Tugend in die Wiege gelegt: Wenn ich etwas unbedingt haben will, kann ich mich unendlich lange in Geduld fassen und darauf warten.“

Katja sah ihn dankbar an. Tränen glitzerten in ihren Augen, und sie fühlte, dass das Glück, das sie verlassen hatte, irgendwann zu ihr zurückkehren würde. Einen ersten Schritt hatte es bereits getan.


ENDE

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