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BACCARA EXKLUSIV BAND 128

RUTH JEAN DALE

War es nur die Leidenschaft?

Lehrerin Maggie ist verwirrt! Ausgerechnet sie soll Chase Brittons Tochter unterrichten? Und das, obwohl sie den selbstherrlichen Restaurantbesitzer nicht ausstehen kann! Schließlich willigt Maggie ein – und schon bald knistert es heftig zwischen Chase und ihr. Verliebt beginnt Maggie von einer gemeinsamen Zukunft zu träumen. Aber erwidert Chase ihre Gefühle?

HEIDI BETTS

Das süße Mädchen von nebenan

„Was für süße Kätzchen.“ Als Mitch Ramsey auf dem Heuboden seiner Nachbarin Mandy den neuesten Familienzuwachs bewundert, geschieht etwas Magisches: Plötzlich hat Mitch nur noch Augen für die hübsche Blondine. Nach stürmischen Küssen und leidenschaftlichem Sex glaubt Mitch: Mandy könnte die Frau fürs L eben sein. Da erwischt er sie in den Armen seines Bruders …

MAUREEN CHILD

Nur in den Nächten gehörst du mir

Ich will nicht mehr allein sein! Traurig gesteht Abby sich ein, dass ihre Ehe alles andere als glücklich ist. Zwar liebt sie ihren Mann Luke von Herzen, doch der zieht es vor, Karriere zu machen. Da keimt in Abby ein böser Verdacht: Hat Luke eine Geliebte? Verzweifelt stellt sie ihn zur Rede – doch was sie dann erfährt, übersteigt ihre schlimmsten Befürchtungen!

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War es nur die Leidenschaft?

1. KAPITEL

Maggie Cameron Colby blickte an dem Restaurant hoch, das zwischen Bäumen versteckt an einem Berghang über dem Tal lag. Ein eleganter Bau aus Chrom, Glas und Schwarz – aufdringlich-bescheiden wie das diskrete Schild über dem Eingang: CHASE BRITTON’S.

Er hatte das Restaurant nach sich benannt. Typisch. Maggie fand ihr seit Langem gefasstes Urteil bestätigt.

Was sollte sie hier? Sie ärgerte sich, dass sie mitgekommen war. Als ihr Bruder Ben und seine Frau Betsy sie zu der Einkaufsfahrt nach Aspen eingeladen hatten, hätte sie entschlossen ablehnen sollen. Es war vorauszusehen gewesen, dass Betsy diesen Vorschlag machen würde – Lunch im Restaurant ihres alten Freundes Chase Britton.

Hier war sie nun also, im Begriff, die Höhle jenes Mannes zu betreten, der schuld war …

„Kommst du, Maggie?“ Ihr Bruder hielt ihr die Tür auf. Betsy war bereits drinnen verschwunden. Es gab kein Zurück mehr. Sie würde es durchstehen müssen.

Im zarten Alter von sieben Jahren machte Chase Britton eine erstaunliche Entdeckung: Nicht jeder liebte ihn. Die bestürzende Erkenntnis verdankte er einer jungen Dame ähnlichen Alters, der Tochter eines Großhändlers, der die Restaurantkette seines Vaters belieferte.

Chase hatte ihr vertrauensvoll sein gewinnendstes Lächeln geschenkt, jenes Lächeln, das ihm nach seiner siebenjährigen Lebenserfahrung alles verschaffte, was er haben wollte.

Sie hingegen hatte ihm eine dicke Lippe verpasst, mit einem gezielten Fausthieb, der ihn mit Bewunderung erfüllte. Selbst dann noch, als er Blut im Mund schmeckte.

Ihr Vater hatte sie angeschrien, aber damit war der Schaden nicht repariert. Chase hatte auf die drastischste Weise erfahren, wie sehr Zurückweisung schmerzt. Sein erster Impuls war Vergeltung, aber dann hätte sein Vater mehr getan als nur geschrien. Bei den Brittons hatte ein Junge sich zivilisiert zu benehmen. Jungen schlagen Mädchen nicht. Basta. Ende der Diskussion.

Also leckte Chase sich das Blut von den Lippen und setzte wieder sein bewährtes Lächeln auf. Und statt die Miniaturterroristin mit Worten fertigzumachen, sagte er freundlich: „Ich lass dich auf meinem Pony reiten, wenn du versprichst, ihm nicht wehzutun.“

Danach war sie Wachs in seinen Händen.

Chase führte seine Gäste in den Speiseraum. Verrückt, dass er jedes Mal, wenn er mit Margaret Colby zusammentraf, an jenes kleine Mädchen dachte, an dessen Namen er sich nicht einmal erinnerte. Zum Glück sah er Maggie nur selten und kurz. Aber diesmal zwangen die Umstände ihn, sie länger als nur ein paar Minuten zu ertragen. Zwar zeigte sie ihm ihre Abneigung nicht mit der Faust, aber ihr kühler Blick sprach Bände. Dreißig Jahre früher, und Chase hätte ihr sein Pony auf der Stelle geschenkt.

Anfangs hatte er sich über den unerwarteten Besuch der Camerons gefreut, da sie eine hässliche Szene mit seiner Tochter unterbrochen hatten. Ganz der großzügige Gastgeber, hatte er sie zur fröhlichen Feier des Wiedersehens zum Lunch eingeladen.

Fröhliche Feier? Vielleicht, wenn er sich auf den Kopf gestellt oder Zaubertricks vorgeführt hätte.

Jedenfalls erfüllte er seine Gastgeberpflichten und tat sein Bestes. Schenkte für alle Champagner ein, reichte Maggie lächelnd ihr Glas, nachdem sie mit einem säuerlichen Blick die Einrichtung und die Speisekarte inspiziert hatte. Nun starrte sie in ihr Glas, als glaubte sie, er wolle sie vergiften.

Sie hatte sich nicht verändert, seit er sie das letzte Mal in Betsys Café „Zum verrosteten Hufeisen“ in Cupid gesehen hatte. Cupid! Wer hatte bloß den absurden Einfall gehabt, ein kleines Gebirgsnest in Colorado nach dem antiken Liebesgott Cupido zu benennen! Auf Maggie hatte der beziehungsreiche Ortsname jedenfalls nicht abgefärbt. Sie war kühl wie eh und je. Und wahrscheinlich noch dieselbe scharfzüngige Zicke, an die Chase sich allzugut erinnerte. Noch hatte sie nicht den Mund aufgemacht, aber es war nur eine Frage der Zeit, wann sie ihr Gift versprühen würde.

Es gab nicht viele Leute, mit denen Chase nicht auskam. Unglücklicherweise saßen jetzt gleich zwei von ihnen mit ihm zusammen am Tisch: Maggie Colby und seine Tochter. Blair hatte aus der Perspektive eines zwölfjährigen Kindes allen Grund, ihn abzulehnen. Maggie mochte denken, dass sie berechtigte Gründe hatte. Aber das „Missverständnis“ zwischen ihnen hatte sie verschuldet, nicht er. Der Himmel wusste, welche verdrehten Gedankengänge sie zu einer gegenteiligen Annahme führten.

Chase beobachtete sie unauffällig. Die strenge Zopffrisur passte zu ihrer Humorlosigkeit und machte ihre Erscheinung noch reizloser. Ihr ovales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der olivfarbenen Haut war ohne Ausdruck – abgesehen von den Augen. Tiefbraune, lebendige Augen von einer wachen Intelligenz, die jedoch soviel Überheblichkeit widerspiegelten, dass Chase sie nur anzusehen brauchte, um sich provoziert zu fühlen.

Sie war auch eine Heuchlerin, was ihn noch mehr störte.

Als sie ihren Champagnerkelch gegen das Licht hob, war er, der unkomplizierte, friedfertige Chase Britton, auf alles gefasst.

„Cleopatras geschmolzene Perlen – an einem Wochentag“, sagte sie in leicht tadelndem Ton. „Das war wirklich nicht nötig, Chase.“

Ein Byron-Zitat, wie geistreich! Chase behielt sein Lächeln bei, obwohl er sich gewaltig zusammenreißen musste. „Aber wir haben etwas zu feiern. Unser erstes Treffen in meinem Revier. So denkwürdige Anfänge sollte man nur mit Champagner begießen.“

Sie nippte. „Man besiegelt auch ein Ende mit Champagner“, bemerkte sie spitz.

„Wie auch immer – Champagner macht jeden Anlass zu etwas Besonderem.“ Chase lächelte noch immer. Leicht war es nicht, mit zusammengepressten Kiefer zu lächeln. Er fragte sich, wie ein Mann es mit solch einer widerspenstigen Frau aushielt. Komisch, dass er Maggie nie zusammen mit ihrem Mann getroffen hatte. Der arme Kerl musste mächtig zu tun haben.

Oder er flüchtete sich in Arbeit, was Chase ihm gut nachfühlen konnte. Maggie hatte ihn mit ein paar Sätzen dermaßen auf die Palme gebracht, dass er Mühe hatte, sich zu beherrschen. Wären sie allein gewesen, hätte er ihr seine Meinung gesagt.

Aber sie waren nicht allein. Seine spontane Essenseinladung galt vor allem Betsy, einer alten Freundin aus seiner Zeit in Kalifornien. Zufällig waren sie beide wieder in ihrem Heimatstaat Colorado gelandet – er als Restaurantbesitzer und sie als Ehefrau des Ranchers Ben Cameron. Wie kam Betsy bloß mit ihrer scharfzüngigen und besserwisserischen Schwägerin aus?

Er blickte zu ihr. Mit einem nervösen Lächeln hob Betsy ihr Glas. „Auf die guten Anfänge! Ich persönlich könnte jeden Tag und zu jeder Gelegenheit Champagner trinken. Es gibt nichts Köstlicheres.“

Chase nickte abwesend. Maggies mürrische Miene verdarb ihm restlos die Laune. „Mundet der Tropfen Ihnen nicht?“, fragte er lächelnd. „Vielleicht ein anderer Jahrgang? Moment, ich rufe den Weinkellner.“

„Machen Sie bitte keine Umstände.“ Ihr Blick blieb kühl.

„Aber Sie scheinen ihn nicht zu genießen.“

„Vermutlich, weil ich nichts anderes als ordinären Sekt kenne. Das Zeug für fünf Dollar die Flasche, wissen Sie. Ich fürchte, das ist mein Qualitätsmaßstab.“

Chase hätte sich fast an dem Schluck aus der Hundertdollarflasche verschluckt. Konnte er die kratzbürstige Maggie überhaupt nicht beeindrucken? Er fuhr seinen edelsten Champagner auf, und sie machte sich über ihn lustig. Oder etwa nicht?

Seine Tochter rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Ihr muffiges Gesicht kündigte Sturm an. Chase warf ihr einen Blick zu, aber sie nahm keine Notiz von ihm. Hätte er sie bloß nicht gedrängt, an dem Essen teilzunehmen! Jetzt war es zu spät.

Blair stützte die Ellenbogen auf den Tisch und starrte Ben unverfroren an. „Und was stellen Sie vor? Einen Cowboy oder was?“

Ben war völlig perplex. Er blickte an seinem blau karierten Westernhemd hinab und dann zu Blair, die ihn unverwandt mit demselben unverschämten Ausdruck musterte.

Chase fühlte sich verpflichtet, einzugreifen. „Das war ungezogen, Blair.“ Verdammt, wie schlapp das klang. Keine Spur Respekt einflößend. Aber seit Blair zu ihm nach Aspen gezogen war, hatte sie ihn mürbe gemacht. Sie hatten sich wegen jeder Kleinigkeit in den Haaren.

Ben hatte sich von seiner Überraschung erholt und grinste amüsiert. „Nicht so schlimm.“ Zu Blair gewandt sagte er, dass er Rancher sei. „Rancher sind Cowboys, aber nicht alle Cowboys sind Rancher.“

Blair starrte ihn unfreundlich an. „Soll das ein Rätsel sein? Falls ja – ich hab’ keine Lust auf Ratespiele.“

„Blair!“ Chase blickte entschuldigend in die Runde.

„Es war eine ehrliche Frage.“ Betsy lächelte Blair an. „Was weiß Blair schon über Rancher? Sie ist ein Neuling in Colorado. Nicht wahr, Blair? Hast du dich denn schon etwas eingelebt? Wie gefällt es dir in Aspen?“

„Überhaupt nicht!“, schoss Blair zurück. „Ich wär’ lieber bei meiner Mutter in New York. Wenn er mich lassen würde. Aber er bestimmt über mich. Ich hab’ nichts zu sagen.“ Sie blickte feindselig zu ihrem Vater.

Betsys Lächeln schwand keine Sekunde. „Wenn du dich erst eingewöhnt hast, wirst du sehen, wie schön Aspen ist. Und ganz Colorado.“

Blair ließ die Schultern hängen. „Colorado kann mir gestohlen bleiben.“

Maggie, die Blair direkt gegenübersaß, hatte den Wortwechsel aufmerksam verfolgt. „Wusstest du nicht, dass wir auf einer Ranch leben, Blair?“, fragte sie. Chase war überrascht, wie sanft ihre Stimme auf einmal klang.

„Ich wusste nur, dass sie auf ’ner Ranch wohnt.“ Blair nickte zu Betsy, ohne sie anzusehen.

„Wir wohnen alle drei dort“, sagte Maggie, „zusammen mit unserer Großmutter, mit Bens und Betsys Kindern und meinen jüngeren Geschwistern Julie und Jason. Sie sind Zwillinge. Wir sind eine große Familie auf einer großen Ranch mit Pferden und Kühen und Hunden und … und …“

„Bären?“, fragte Blair.

„Ja. Und Pumas, Rehen, Biebern …“

„Okay, okay, ich hab’ schon kapiert. Es ist irgendwo mitten in der Wildnis“, brummte Blair, aber ihre Miene war nicht mehr ganz so verschlossen. „Sonst noch was?“

„Ja. Vielleicht hast du Lust, uns mal zu besuchen. Es ist wirklich schön auf der Straight Arrow Ranch. Wir würden uns freuen, wenn du kämst.“

Chase hielt den Atem an. In den fünf Monaten, die seine Tochter bei ihm war, hatte sie für niemanden und nichts Interesse gezeigt. Aber jetzt leuchteten ihre Augen. Er hatte keinen Zweifel, dass sie Maggies Einladung begeistert annehmen würde.

Aber nein. Sie setzte sofort wieder ihre muffige Miene auf und zuckte mit den Schultern. „Mir ist es egal. Wir tun sowieso nur, was er will. Er bestimmt.“

Ben schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und grinste ironisch. „So ist es richtig! Wo kämen wir hin, wenn die Kinder …“

Betsy stieß ihm den Ellenbogen in die Seite und schnitt den Rest seiner pädagogischen Ausführungen ab. Und dann erschien der Weinkellner am Tisch, gefolgt vom Küchenchef. Chase konzentrierte sich wieder auf seine Gastgeberrolle, aber in Gedanken war er bei der eben abgelaufenen Szene. Blair hatte Maggie ein deutliches „Vielleicht“ signalisiert.

Und das war mehr, als er in fünf Monaten aus ihr herausgelockt hatte.

Maggie stand stirnrunzelnd vor dem riesigen Wandspiegel im Waschraum. Die unbarmherzige Beleuchtung enthüllte alle ihre Makel. Sie strich die Haarsträhnen zurück, die sich aus ihrem langen Zopf gelöst hatten, und steckte die Seitenkämme fest. Ihr Haar war ihr einziges Plus – lang, voll, dunkel wie die Nacht und sprühend vor Vitalität. Aber da Maggie jegliche Eitelkeit für eine Frau ihres Alters und in ihrer Lage für Zeitverschwendung hielt – sie war fünfunddreißig, verwitwet und ohne weibliche Reize – machte sie aus ihrem Haar nicht viel her.

Betsy hatte ihr zugeredet, es für den Besuch in Aspen offen zu tragen. Warum? Damit dieser eingebildete Fatzke dachte, dass sie ihn mit ihrem nicht vorhandenen Sex-Appeal einwickeln wollte? Leider wusste Maggie nur zu gut, dass Chase Britton dazu neigte, die falschen Schlüsse zu ziehen.

Die Tür flog auf. Blairs Erscheinen lenkte Maggies Gedanken vom Vater auf die Tochter. Trotz seiner Bockigkeit und fürchterlichen Manieren hatte das Mädchen etwas an sich, was Maggie rührte. Sie mochte Kinder, und dieses Kind mochte sie besonders. Sie spürte, dass Blairs Widerspenstigkeit nur eine Schutzmauer war, hinter der sich eine empfindsame Kinderseele versteckte, voller Unsicherheit und Einsamkeit. Blair wirkte innerlich verwundet, so als habe sie mehr durchgemacht, als ein Kind in ihrem Alter verkraften konnte.

Wie Äußerlichkeiten trügen können, dachte Maggie. Blairs gesunde Gesichtsfarbe, ihr erstklassiger Haarschnitt, die Kakishorts, das gelbe Polohemd und die sportlichen Ledersandalen ließen ein glückliches Kind vermuten. Aber all das trug nur ein und dasselbe Etikett: Geld. Was war Geld, wenn alles andere nicht stimmte? Und das in einem Alter, wo ein Mädchen besonders viel Verständnis brauchte? Maggie schätzte Blair auf zwölf oder dreizehn Jahre. Wenn das Leben fair wäre, hätte sie ein Kind in diesem Alter gehabt.

Blair blieb stehen. Die Hände auf dem Rücken, den Kopf zur Seite geneigt, musterte sie Maggie. „Sie haben hübsches Haar“, sagte sie und wippte auf den Schuhsohlen.

Maggie lächelte. „Danke. Du auch.“

Blair fuhr sich durch ihren braunen Bubikopf. „Ich hasse mein Haar. Es ist so normal.“

„Es ist voll und hat einen schönen Glanz.“

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Dann fragte Blair unvermittelt: „Warum mögen Sie ihn nicht?“

Die scharfsinnige Beobachtung erstaunte Maggie. Sie tat, als hätte sie nicht verstanden. „Wen soll ich nicht mögen?“

Blair spielte das Spiel mit. „Meinen Vater. Sie können es mir ruhig sagen. Ich mag ihn auch nicht.“

Maggie befand sich in einem Dilemma. Was sollte sie antworten? Lügen oder die Wahrheit sagen? Eine Lüge würde Blair vermutlich durchschauen. Sie benahm sich wie jemand, der oft belogen worden ist. Von ihrem Vater?

Maggie kannte nur skizzenhafte Details von den familiären Verhältnissen der Brittons. Blairs Eltern waren seit Langem geschieden. Sie hatte bei ihrer Mutter gelebt und war vor einigen Monaten zu ihrem Vater nach Aspen gezogen. Betsy hatte dies irgendwann am Rande erwähnt. Warum das Sorgerecht Chase übertragen worden war, wusste Maggie nicht, und es ging sie auch nichts an. Dies unglückliche Kind aber ging sie sehr wohl etwas an. Sie wollte Blair weder belügen noch mit allzu großer Offenheit schockieren. Also antwortete sie vorsichtig: „Es ist wahr, ich bin von deinem Vater nicht gerade hingerissen. Manchmal können zwei Leute eben nicht miteinander. Das bedeutet nicht, dass einer von beiden ein schlechter Mensch ist. Es bedeutet einfach nur, dass … dass …“

„… dass die Chemie nicht stimmt?“

Maggie lachte. „Was weiß ein Mädchen in deinem Alter von Chemie?“

„Ich bin für mein Alter ziemlich weit.“ Blair reckte auftrumpfend das Kinn. „Ich weiß eine ganze Menge.“

„Vielleicht doch nicht soviel, wie du meinst. Ich schlage vor …“

„Wenn Sie mich runterputzen wollen …“

„Das will ich ganz bestimmt nicht.“

„Was dann?“

„Ein Wort von Frau zu Frau, okay?“

Blair zögerte. „Okay. Meinetwegen.“

„Ich weiß nicht, was mit dir los ist, und ich werde dich auch nicht fragen. Jedenfalls warst du nicht gerade liebenswürdig, seit wir hier sind. Mir ist nicht ganz klar, was du mit deinem Benehmen bezweckst. Falls du deinen Vater schlecht hinstellen willst – vergiss es. Du stellst nur dich selbst in ein schlechtes Licht. Tut mir leid, wenn das hart klingt. Aber es ist wahr.“

Blairs Gesicht verspannte sich etwas. Sonst zeigte sie keine Regung. Kein Zweifel – sie war hart im Nehmen. „Was soll ich denn sonst tun?“, murrte sie. „Soll ich etwa nett zu ihm sein, wenn er mich gezwungen hat, hierher zu kommen?“

Oje, dachte Maggie. Da hast du dir ein Problem aufgeladen, Chase Britton. „Sei es, wie es will“, sagte sie ruhig. „Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit Essig.“

„Ich will aber keine Fliegen fangen.“

„Aber irgendwas willst du doch, oder? Um es zu bekommen, musst du deine Taktik ändern. Mit deiner Kratzbürstigkeit bringst du deinen Vater nur gegen dich auf und machst dich selbst noch unglücklicher.“

„Ich soll klein beigeben? Das ist nicht fair.“

„Das Leben ist nicht immer fair. Gegen einige Dinge kann man kämpfen und gegen andere nicht.“ Maggie tätschelte Blairs steife Schulter. „Was hast du davon, wenn du zu wohlmeinenden Fremden grob und unfreundlich bist? Denk doch mal nach.“

„Worüber?“, murmelte Blair.

„Hör mal. Ein cleveres Mädchen wie du wird das schon wissen.“

Endlich! dachte Maggie, als Blair widerstrebend lächelte. Doch als sie über den teppichbelegten Korridor in den Speiseraum zurückgingen, dachte sie über ihren weisen Rat nach. Und gab Blair im Stillen eine Erklärung mit: Worte und Taten sind zweierlei. Du sollst tun, was ich gesagt habe. Was ich tue, darfst du nicht beachten.

Sie wünschte Blair, dass sie mit ihrem Vater ins Reine käme. Für sie selbst bestand glücklicherweise kein Grund, Chase Britton Honig um den Bart zu schmieren. Der Mann war schlicht und einfach ein Ärgernis.

Als Maggie wieder am Tisch saß, musterte sie den Hausherrn so objektiv, wie ihre Abneigung es zuließ. Er sah umwerfend gut aus – Grund genug für eine graue Maus wie sie, sich noch unattraktiver zu fühlen. Sein dunkles Haar war an den Schläfen silbergrau durchzogen, obwohl er erst siebenunddreißig war. Ein schlanker, athletischer Enddreißiger. Seine fein geschnittenen Gesichtszüge hatten nichts Weichliches, sondern eine durch und durch maskuline Ausstrahlung. Seine Augen … hier stockte Maggies sachliche Bestandsaufnahme. Es waren seine Augen, die sie faszinierten – so ungern sie es zugab. Diese ausdrucksvollen haselnussbraunen Augen waren das zusätzliche Plus eines Mannes, der sich seiner selbst, seines Charmes und seines Platzes im Universum so sicher war, dass nichts und niemand eine Chance gegen ihn hatte.

Außer vielleicht ein zwölfjähriges verdrossenes Mädchen. Ganz bestimmt keine unscheinbare Provinzlerin.

Chase Britton mochte ein alter Freund von Betsy sein. Sie, Maggie, würde sich niemals mit ihm anfreunden können. Sie traute ihm nicht über den Weg.

Wahrscheinlich hatte seine Tochter das richtige Gespür.

Blair fragte artig, ob sie aufstehen dürfe. Sie wartete auf das Okay ihres Vaters, verabschiedete sich freundlich von allen und ging.

Chase blickte ihr verwundert nach. „Ich möchte wissen, was plötzlich in sie gefahren ist. Und wo ich noch mehr davon kriegen kann.“

Betsy nickte mitfühlend. „Wie lange ist Blair jetzt bei dir, Chase?“

„Fünf Monate, und die letzten zehn Minuten waren mit Abstand der beste Teil.“ Chase strich sich über seine Schläfen. „Ich bin mit meiner Weisheit am Ende, Betsy. Sie ist frech, sie ist aufmüpfig, sie ist … todunglücklich, und ich weiß nicht, wie ich das ändern kann. Sie ist auch intelligent, aber ihre Noten sind miserabel. Ich muss für die Sommerferien eine Privatlehrerin anheuern, aber Blair hat alle, die sich vorgestellt haben, abgelehnt.“

Maggie konnte förmlich sehen, wie der Gedanke hinter Betsys Stirn Gestalt annahm: Welch ein Zufall! Maggie ist eine erfahrene Lehrerin!

Sie sandte ein Warnsignal an ihre Schwägerin. „Findest du nicht, dass wir allmählich aufbrechen sollten? Wir haben noch Besorgungen zu machen, ich wollte mir auch noch nach ein paar Bücher besorgen und …“

„Maggie, wäre das nicht …“

„Es ist Zeit, dass wir gehen, Betsy!“ Maggies Ton war so eindringlich, dass Betsy den Wink verstand und verstummte. Sie stand auf und konnte es nicht lassen, einen letzten Pfeil auf Chase abzuschießen. „Vielen Dank für alles – für den erlesenen Champagner, das köstliche Mahl und Ihre Gesellschaft. Mit Ihnen zu speisen war höchst … interessant.“

Er nahm den Fehdehandschuh auf. „Nur interessant? Sie enttäuschen mich, Maggie. Als wir uns das erste Mal begegnet sind …“

„Vergessen Sie das erste Mal.“ Sie lächelte süß und konterte mit einer unverfrorenen Lüge. „Ich hab’s schon lange vergessen.“

Betsy ließ das Thema ruhen, bis sie zur Rückfahrt nach Cupid starteten. Sie drehte sich zu Maggie, die hinter Ben auf der Rückbank saß und in einem ihrer neu erstandenen Bücher blätterte. „Sag mal, was sollte das?“

„Was?“ Maggie klappte das Buch zu – die Geschichte der Indianer von Colorado. Was sie in ihrer kleinen Heimatstadt am meisten vermisste, war eine gut sortierte Buchhandlung. Beim Krämer und im Drugstore gab es eine kleine Auswahl Taschenbücher – nicht gerade das, was Maggie interessierte. Gerade erst hatte sie über hundert Dollar für Bücher hingeblättert, eine Ausgabe, die sie sich eigentlich nicht leisten konnte und trotzdem nicht bereute.

Denn was war das Leben ohne Bücher? Nach Maggies Meinung kaum lebenswert. Und bei ihrer trostlosen Finanzlage fielen hundert Dollar mehr oder weniger kaum noch ins Gewicht.

Betsy seufzte ungeduldig. „Du weißt genau, wovon ich rede. Warum sollte ich Chase nicht erzählen, dass du Lehrerin bist?“

„Ich will Blair keinen Nachhilfeunterricht geben.“

„Warum denn nicht? Du wärst perfekt für den Job. Außerdem magst du Blair und …“

„Ich mag alle Kinder. Sonst wäre ich nicht Lehrerin geworden. Aber ich habe keine Lust, in meiner Sommerpause dasselbe zu tun, was ich in dem Dreivierteljahr davor getan habe.“

„An deiner Stelle wäre ich nicht so wählerisch.“ Betsy zog die Stirn kraus. „Schau, Maggie. Es ist in der Familie kein Geheimnis, dass du Geld verdienen musst.“

„Es ist auch kein Geheimnis in der Stadt. Hast du vergessen, dass ich für die Sommermonate schon einen Job habe? Ich werde wie im letzten Jahr wieder im ‚Rostigen Hufeisen‘ kellnern.“

„Was kannst du in unserem armseligen kleinen Café schon groß verdienen? Als Privatlehrerin würdest du viel mehr bekommen.“

„Stimmt, aber …“

„Und du brauchst das Geld.“

„Stimmt, aber …“

„Und die Aussicht, den Sommer in Aspen zu verbringen, dürfte auch nicht allzu düster sein.“

„Für mich wär’ es eine Strafe“, bemerkte Ben, als er den Geländewagen in eine der unzähligen Haarnadelkurven der Passstraße lenkte.

„Dich hat niemand gefragt, Ben Cameron!“ Betsy warf ihrem Mann einen scharfen Blick zu, bevor sie sich wieder zu Maggie drehte. „Du hast doch nichts gegen Aspen, oder?“

„Nein, aber darf ich vielleicht auch mal ein kurzes Wort einwerfen?“

Betsy presste die Lippen zusammen und nickte.

„Es gibt da ein kleines Problem.“

„Und das wäre?“

„Ich kann Chase Britton nicht ausstehen.“

Betsy starrte Maggie erstaunt an. „Warum um alles in der Welt …? Chase ist ein wunderbarer Mensch! Er ist aufrichtig und vertrauenswürdig und reich und gebildet. Und hässlich ist er auch nicht gerade. Was hast du an ihm auszusetzen?“

„Okay, du hast gefragt, und ich werde es dir sagen.“ Maggie entschied, dass es keine Lüge wäre, wenn sie einen Teil der Wahrheit verschwieg. „Als Chase das erste Mal nach Cupid kam, hat er versucht, sich an dich heranzumachen. Mir passte das natürlich nicht, weil wir alle so schwer daran arbeiteten, dich mit diesem sturen Knilch zu verkuppeln, der zufällig mein Bruder ist. Chase hätte uns fast dazwischengefunkt.“

„So ein Blödsinn!“

„Bist du wirklich so naiv, Betsy? Oder warst du schon so in Ben verknallt, dass du nicht mitgekriegt hast, was ablief?“

„Pscht!“ Betsy legte einen Finger an die Lippen. „Willst du, dass dein sturer Bruder auch noch ein eingebildeter Gockel wird?“

„Zu spät!“ Maggie feixte hinter Bens Rücken. „Jedenfalls hab’ ich damals feststellen können, dass Mr Chase Britton ein selbstgefälliger Blödmann ist.“

„Hm. War da etwas, wovon ich nichts weiß?“

„Wir hatten einen … Wortwechsel.“

„Aber Maggie, du bist viel zu intelligent, um aus einer einzigen Unterhaltung auf den Charakter einer Person zu schließen.“

„Ich habe Chase seitdem noch einige Male getroffen. Und mein erster Eindruck hat sich jedes Mal bestätigt. Warum soll ich also für Chase Britton arbeiten wollen?“

„Weil du das Geld brauchst“, warf Ben ein.

„So dringend brauche ich es auch wieder nicht. Außerdem ist Aspen zu weit weg, um jeden Tag hin- und herzufahren. Und wenn ich mir in Aspen ein Zimmer miete, bleibt von dem Verdienst nicht viel übrig. Ihr kennt die Preise in Aspen. Es ist einer der teuersten Urlaubsorte in den Staaten.“

„Das ist wahr“, gab Betsy zu. „Aber Maggie, er ist wirklich sehr nett …“

„Schließlich und endlich hat er mir den Job nicht angeboten.“

„Weil er nicht weiß, dass du Lehrerin bist.“

„Und dabei sollte es bleiben.“ Maggie unterstrich ihre Worte mit jenem Blick, der jede Diskussion unter den Camerons wirkungsvoll beendete.

Sie kamen gerade rechtzeitig zum Abendbrot nach Hause und wurden stürmisch von Betsys und Bens Kindern begrüßt – Lisa Marie und Joey, sieben und acht Jahre alt, und von der zweijährigen Catherine. In ihrem Schlepptau folgten Lisa Maries Katze Erica und Joeys Hund Killer.

Kurz danach kam Maggies Schwester Julie von der Arbeit – sie war Redakteurin bei dem kleinen Wochenblatt von Cupid – und stimmte in das allabendliche Familienpalaver ein. Grandma Cameron hantierte indessen mit Töpfen und Pfannen am Herd und verkündete, dass das Essen jeden Moment auf den Tisch komme.

Eine große Familie, in der zwei Gesichter fehlten. Julies Zwillingsbruder Jason würde irgendwann nach Cupid zurückkehren. Er steckte irgendwo in Texas oder Oklahoma oder Wyoming – wo immer gerade ein wichtiger Rodeowettkampf stattfand. Vor drei Jahren war er aufgebrochen, um sich seinen Jugendtraum zu erfüllen. Inzwischen fünfundzwanzig, war er ein erfolgreicher Rodeoreiter und hoffte, bei den nächsten Meisterschaftskämpfen in Las Vegas dabei zu sein. Jason wollte Cupid demnächst einen Besuch abstatten, worüber besonders Ben sich freute. So würde er in dem Frauenclan wenigstens für eine Weile männliche Verstärkung haben. Wäre es nach Ben gegangen, hätte er die Familie wie eine Companie geführt. Dummerweise war das angesichts der weiblichen Übermacht nicht möglich. Aber da Ben jede der Frauen auf der Straight Arrow Ranch über alles liebte, war das kleine Ärgernis zu ertragen.

Das andere fehlende Gesicht würde nie wieder in der Familienrunde sein. Maggies Mann Chuck war vor dreizehn Monaten gestorben – nach medizinischer Definition. Im Grunde hatte sein Sterben sich über Jahre hingezogen. Ein langsamer, grausamer Tod.

Abgesehen von jämmerlichen drei glücklichen Monaten hatte Chuck seine Ehejahre im Rollstuhl verbracht. Von Beruf Lkw-Fahrer, war er bei einem schweren Unfall zum Invaliden geworden. Maggie hatte zusehen müssen, wie ihr großer fröhlicher Ehemann langsam verkümmerte, bis er nur noch eine Hülle seines einstigen lebensstrotzenden Selbst war. Von ständigem Schmerz gequält, hatte er den Tod als Erlösung herbeigesehnt. An einem Abend im vergangenen Mai war er in Maggies Armen eingeschlafen, in ihrem Schlafzimmer hier im Ranchhaus.

Manchmal hatte Maggie das Gefühl, als wäre sie mit ihm gestorben. Es war, als hätte sie in den Jahren, die sie Chuck pflegte, vergessen, wie man lebt. Da sie so zurückgezogen gelebt hatte, fehlte ihr die Leichtigkeit im Umgang mit Menschen. Ihre berufliche Laufbahn war aus den Fugen. Zur Vertretungslehrkraft zurückgestuft, hatte sie weder den Status noch das Gehalt, die einer Lehrerin ihres Alters und mit ihrer Erfahrung eigentlich zustanden.

Nein, leicht hatte Maggie es nicht. Nicht nur, dass Chuck ihr entsetzlich fehlte. Nicht nur, dass sie sich schuldig fühlte, weil er fort war und sie noch lebte. Was sie zusätzlich niederdrückte, waren die astronomischen Arztrechnungen, die sich seit Chucks Unfall angehäuft hatten.

Ben hatte angeboten zu helfen. Und Granny. Sogar Jason und Julie, die keine Spartalente waren, waren zu ihr gekommen – einzeln und gemeinsam – um ihr ihre mageren Ersparnisse aufzudrängen.

Sie hatte alle Angebote dankend zurückgewiesen. Denn sie wollte sich wenigstens ihren Stolz erhalten – das Einzige, was ihr geblieben war. Chuck war ihr Mann gewesen, und sie würde ihrer beider Schulden bezahlen. Die Familie hatte schon mehr als genug getan, hatte ihr Leben umorganisiert, um Maggie und Chuck aufzunehmen, als sie nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Maggie hatte bereits zu viel von ihnen angenommen.

Als sie nach dem Abendessen die Post durchsah, waren darunter drei Briefe an sie – Briefe in Geschäftsumschlägen mit maschinengeschriebener Anschrift. Maggie brauchte die Umschläge nicht zu öffnen. Sie wusste, was sie enthielten. Sobald sie mit ihrem Sommerjob etwas Geld zusammengekratzt hätte, würde sie auf jede Rechnung eine Anzahlung machen. Betsys Café war zwar keine Goldgrube, aber besser als nichts.

Maggie bemerkte Betsys und Grannys mitfühlenden Blicke und legte die Briefe beiseite. Sie half, die Küche aufzuräumen, und brachte zusammen mit Betsy die Kinder ins Bett, während Granny die abendliche Kanne Kaffee aufbrühte. Als Ruhe ins Haus eingekehrt war – Ben hatte sich mit seinen Zeitschriften ins Wohnzimmer zurückgezogen – setzte Maggie sich mit einem Block und Kugelschreiber an den Küchentisch und rechnete ihre Finanzen durch. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Betsy ans Wandtelefon ging. Die Telefonierstunde nach dem Abendessen war ein Ritual, das sie sich nicht nehmen ließ. Telefonieren ist mein Kontakt zur Welt, pflegte sie zu sagen.

Maggie lächelte in sich hinein, als Betsy die erste Nummer wählte. Ihr Lächeln schwand, als sie hörte, mit wem Betsy sprach …

2. KAPITEL

Maggie knallte den Kugelschreiber auf den Tisch und erntete einen neugierigen Blick von Granny.

Betsy drehte sich von ihren Zuhörern fort. „Ich wollte mich noch einmal für die nette Bewirtung bedanken, Chase. … Wie? … Oh, vielen Dank. Wir haben es auch sehr genossen. Weißt du, für uns Hinterwäldler war es ein wundervoller Ausflug in die große weite Welt.“ Sie lachte. „Genau! Sag mal, wie sieht es aus mit einem Besuch auf unserer Ranch?“ Betsy war einen Moment still und lachte wieder. „Natürlich gilt Maggies Einladung noch. Wir würden uns wirklich freuen, wenn ihr kämt. Passt es dir Samstag? … Ja, diesen Sonnabend. Blair wird es hier gefallen. Dir sicher auch. … Also, du fährst durch Cupid durch, dann noch zwei Meilen weiter nach Norden bis zu der Abzweigung …“

Während Betsy den Weg beschrieb, saß Maggie am Tisch und kochte innerlich. Als Betsy endlich auflegte, platzte sie los. „Ich will nicht, dass du mich als Nachhilfelehrerin für Chase Brittons Tochter vermittelst, okay?“

Betsy drehte sich um und sah sie nachdenklich an. Kein Wunder, dass Chase sich für sie interessiert hatte, dachte Maggie. Sie hätten ideal zusammengepasst – zwei schöne Menschen, die in Reichtum hineingeboren waren. Es erschien Maggie noch immer wie ein kleines Wunder, dass ihr Bruder Chase ausgestochen hatte.

„Nein, nicht okay“, sagte Betsy resolut.

„Verdammt, Betsy, du kannst nicht einfach …“

Grandma Cameron intervenierte. „Immer sachte, Maggie.“ Sie ließ ihre Handarbeit sinken und nahm die Brille ab. Trotz ihrer dreiundachtzig Jahre hatte Etta May ein erstaunlich faltenloses Gesicht, und ihre wachen grauen Augen sprühten vor Lebendigkeit. „Betsy hat mir die Sache erklärt, und ich finde, du solltest erst mal gründlich nachdenken, bevor du Nein sagst. Das Mädchen braucht dich, und der Himmel weiß, dass du das Geld brauchst.“

„Es ist nicht zu fassen!“ Maggie schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ihr beiden habt schon alles ausgeklügelt, und er weiß noch nicht mal, dass ich Lehrerin bin. Und wenn er es erfährt, wird er mir den Job nie und nimmer anbieten. Er kann mich nämlich ebenso wenig leiden wie ich ihn.“

„Ach, tatsächlich?“ Granny klang nicht sehr überzeugt.

„Jawohl, tatsächlich.“

„Das ist nicht wahr!“ Betsy kam langsam zum Tisch. „Was ist der wahre Grund, Maggie? Warum sträubst du dich so sehr gegen diese tolle Chance?“

„Ich hab’s dir doch gesagt, ich verabscheue den Mann. Auch, wenn er ein Freund von dir ist.“ Maggie stand auf und sammelte ihre Papiere zusammen. „Ich weiß, du meinst es gut, aber ich will nicht! Chase Brittons Angestellte, nein, besten Dank!“

Im Hinausgehen hörte Maggie Grannys Kommentar. „Mir deucht, die Lady protestiert zu heftig.“

Zum Kuckuck mit Shakespeare!

„Ist es noch weit?“, fragte Blair zum fünften Mal und wippelte ungeduldig im Beifahrersitz.

Chase konnte nicht glauben, dass dies dasselbe Mädchen war, das vor ein paar Stunden mürrisch zum Frühstückstisch geschlurft war. Er unterdrückte ein Lächeln. „Nein, wir sind bald da. Siehst du, da vorn liegt Cupid.“

Der Jaguar schnurrte am „Hideout“ vorbei, einem Tanzschuppen am Ortseingang. Chase hatte lebhafte Erinnerungen an das Lokal, obwohl er nur einmal dort gewesen war. Und das lag einige Jahre zurück …

„Wie wär’s mit einem kurzen Stop bei dem Drive-in da vorn? Auf eine Cola, oder was du sonst magst?“ Blair war ein Kind der Fast Food-Generation, und Chase versuchte, sie von Hamburgern und Pommes frites zu entwöhnen. Aber eine gelegentliche Cola fand er vertretbar. Er fuhr langsamer.

„Halt nicht an!“

„Wie bitte?“

Blair starrte aus dem Fenster, um ihre Aufregung zu verbergen. „Fahr weiter, okay? Ich … möchte nicht unpünktlich sein.“

„Oh, verstehe. Du hast recht. Wir wollen nicht zu spät kommen.“

Chase trat aufs Gaspedal und fuhr aus der Stadt.

Blair sah zu ihm und dann schnell wieder nach vorn. „Was meinst du – ob sie mich wirklich reiten lassen?“

„Ich schätze, sie werden darauf bestehen“, antwortete er trocken. Chase kannte die Vorliebe der Rancher, jeden Besucher auf ein Pferd zu hieven. Besonders Grünschnäbel aus der Stadt, die in der Regel einen „lammfrommen Gaul“ namens Oldie oder Suzy bekamen und nicht ahnten, was ihnen blühte.

Chase wusste – mit Blair würden die Camerons sich keinen Ulk erlauben. Denn Frauen und Kinder behandelten die rauen Rancher rücksichtsvoll. Was ihn selbst betraf, war er auf alles gefasst.

Von ihm aus sollten sie ihn auf die Probe stellen. Er freute sich sogar darauf. Verdammt, er war in Colorado geboren, oder etwa nicht? Wenn auch mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund, was sie vermutlich alle wussten.

Aber Chase war nicht wie eine Treibhauspflanze aufgewachsen. Sein Vater, jetzt ein rüstiger Endsechziger und Chef der Britton-Kette mit siebenundzwanzig Feinschmeckerrestaurants, hatte dafür gesorgt, dass sein einziger Sohn beizeiten selbstständig wurde. Seit seinem zwölften Lebensjahr hatte Chase jeden Sommer auf einer Rinderranch in Montana verbracht und sich seinen Aufenthalt mit echter Männerarbeit verdient. Erst später begriff Chase, dass Charles Brittons Motive nicht so altruistisch waren, wie es schien. Der junge Witwer hatte nämlich acht Monate nach dem Tod seiner Frau ein Showgirl aus Las Vegas kennengelernt.

Chloe war nach den Worten ihres Geliebten eine „gute alte Haut“. Trotzdem fand Vater Britton, dass sie für seinen leicht beeindruckbaren Jungen nicht der richtige Umgang sei.

Aber Täuschungen lassen sich nur für eine gewisse Zeit aufrechterhalten. Irgendwann lernte Chase Chloe kennen und teilte bald das Urteil seines Vaters. Sie war in der Tat eine gute alte Haut – großzügig, liebenswert und vorurteilslos.

Auch nachdem das Geheimnis Chloe gelüftet war, arbeitete Chase weiterhin jeden Sommer auf der Ranch in Montana, bis er seinen Schulabschluss machte und ans College ging. Er hatte die Lektionen nie vergessen, die er in sieben Sommern gelernt hatte – Lektionen über Zuverlässigkeit, Vertrauen und Fairness.

Chase verlangsamte die Fahrt und konzentrierte sich auf die Umgebung. Nach Betsys Beschreibung konnte es nicht mehr weit zu der Abzweigung sein, die zur Straight Arrow Ranch führte. Stellt mich ruhig auf den Prüfstand, Leute, dachte er selbstgefällig. Er würde nichts dagegen haben, auf seine Tochter Eindruck zu machen.

Hinter einer Tankstelle ging eine ungepflasterte schmale Straße nach links ab. Chase lenkte seinen Luxuswagen lässig in die Kurve und fuhr mitten hinein in eine der schönsten Gebirgsszenerien Colorados – oder der Welt.

Zwanzig Minuten später rollte der Jaguar in den Hof des Ranchhauses. Auf den Stufen saßen wartend Betsy und ihre Kinder.

Sie hat nie besser ausgesehen, dachte Chase bewundernd. Offenbar war sie in ihrer Ehe sehr glücklich.

Betsy begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange. Während sie plaudernd beisammenstanden, nahmen Lisa Marie und Joey Blair in Beschlag und liefen mit ihr zum Corral, wo Ben schon die Pferde sattelte.

Chase winkte ihm zu und beobachtete die Kinder, die sich offenbar auf Anhieb verstanden. „Unglaublich, wie groß Lisa Marie geworden ist! Und so selbstbewusst. Das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war sie ein kleiner tollpatschiger Pummel.“

„Ja, sie hat sich fein herausgemacht. Reitet wie ein Irrwisch und liebt das Leben auf der Ranch. Wenn man bedenkt, wie scheu und verstört sie war, als sie zu uns kam …“ Betsy fasste Chase am Arm. „Komm rein und sag dem Rest der Familie Guten Tag.“

In der Tür kam ihnen ein kleiner blonder Lockenkopf entgegengelaufen. Betsy nahm ihre Jüngste auf den Arm und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. „Dies ist Catherine. Sag ‚Hallo‘ zu dem netten Mann, Cat.“

„Nein!“ Cat lächelte ein hinreißendes Kinderlächeln. „Hallo, Mann.“

Chase fühlte, wie sein Herz sich zusammenschnürte. Als Zweijährige war Blair auch so in seine Arme gelaufen. Damals hatte seine Tochter ihn vergöttert – natürlich erinnerte sie sich nicht daran.

Fast wünschte Chase, dass auch er sich nicht an die glückliche Zeit erinnerte. Es schmerzte zu sehr.

Betsy stellte das Kind wieder auf die Füße. „Danke, dass du mich nicht blamiert hast, Schatz. So, und wo stecken die anderen schrecklichen Camerons?“ Sie richtete sich auf und erblickte ihre Schwägerin. „Maggie, Chase ist da.“

„Ja, wie man sieht.“

Chase erwiderte Maggies nicht gerade überschwängliche Begrüßung mit einem Kopfnicken. Wie die anderen trug sie Jeans, Stiefel und ein kariertes Hemd. Im Gegensatz zu Betsys war ihres unförmig und etliche Nummern zu groß – als hätte sie es von ihrem Bruder oder Mann ausgeliehen. Chase dachte an die anderen Male, die er sie gesehen hatte. Sie schien überhaupt nur Kleidung zu tragen, die ihren Körper verhüllte. Er begann sich zu fragen, was mit ihrer Figur nicht stimmte.

„Seid gegrüßt, oh Fremder!“ Julie kam lachend herein, mit einem nett aussehenden jungen Mann an der Seite. „Rick, dies ist Chase Britton aus Aspen. Chase, mein Verlobter Rick Michaels.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Rick.“

„Ganz meinerseits.“ Die Männer schüttelten sich die Hand.

Nun trat eine alte Frau von imposanter Größe aus einer Tür und musterte Chase eindringlich.

„Erinnerst du dich an Chase Britton, Granny? Er war auf unserer Hochzeit. Seine Tochter Blair ist mit den Kindern draußen.“

„Ma’am.“ Chase verneigte sich galant. „Ich freue mich, Sie wiederzusehen.“

Etta Mays prüfender Ausdruck verwandelte sich in ein breites Lächeln. Chase fand, dass Maggie es auch mal ausprobieren sollte. „Meiner Treu“, sagte Granny beeindruckt. „Sie sind wirklich ein Gentleman! Ich hab’ schon viel von Ihnen gehört, junger Mann. Herzlich willkommen!“ Sie begrüßte Chase mit einem kräftigen Händedruck. „So, jetzt muss ich aber wieder in meine Küche. Sonst wird es nie was mit dem Picknick.“

Sie nickte Chase zu und verschwand wieder durch die Tür, aus der sie gekommen war.

Betsy blickte der alten Dame liebevoll nach und wandte sich wieder zu Chase. „Das ist die Crew – bis auf Jason. Er ist irgendwo im Süden unterwegs und bricht sich wahrscheinlich grade auf einem Rodeo die Knochen.“

Chase warf einen Blick zu Maggie. „Ich dachte …“

Betsy schnitt ihm das Wort ab. „Hast du das mit Chuck nicht gewusst?“

„Chuck?“

„Mein Mann.“ Maggies Stimme war ungewöhnlich leise. „Ich glaube, Sie haben ihn nie kennengelernt.“

Chase schüttelte den Kopf.

„Er ist vor einem Jahr gestorben.“ Maggies Züge verspannten sich. „Entschuldigt mich bitte. Granny braucht Hilfe in der Küche.“ Sie ging steif die Diele hinunter. Die Küchentür klappte hinter ihr zu.

„Es tut mir leid“, sagte Chase bestürzt. „Ich wollte nicht taktlos sein.“

Betsy schüttelte den Kopf. „Das warst du nicht. Du wusstest ja nichts davon.“ Sie erzählte von Chucks Unfall und seinem langen Leiden.

„Oh mein Gott! Nein, das habe ich nicht gewusst.“ Das erklärt eine ganze Menge, dachte Chase.

„Als ich hierherkam, war er schon jahrelang an den Rollstuhl gefesselt“, fuhr Betsy fort. „Und all die Jahre hat Maggie ihn gepflegt. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, hat sie Schwierigkeiten, ins normale Leben zurückzufinden. Sie braucht unbedingt etwas, was sie aus ihrem Trott reißt.“

„Manche Leute richten sich in ihrem alten Trott ganz gut ein“, bemerkte Chase und dachte dabei sowohl an Maggie als auch an sich selbst. Seit Blair bei ihm lebte, war er aus dem angenehmsten Trott geworfen, den ein Mann sich wünschen konnte. Maggies Situation war natürlich mit seiner nicht vergleichbar. Sie war wirklich schlimm dran.

„Komm, lass uns rausgehen und nachsehen, was die Kinder machen.“ Betsy führte Chase zu ihrem Lieblingsplatz, einer alten Bank unter einem alten Apfelbaum, der sein erstes zartes Grün zeigte. Der Platz lag etwas erhöht, sodass man den Corral überblicken konnte, wo Ben einer eifrigen Blair das Reiten beibrachte. Lachen und Wortfetzen drangen zu ihnen hinüber. Chase empfand eine melancholische Dankbarkeit gegenüber diesen Menschen, die seine unglückliche Tochter wieder zum Lachen brachten.

„Chase?“

Betsys ernster Ton alarmierte Chase.

„Ja?“

„Hast du schon einen Privatlehrer für Blair gefunden?“

Seine Miene verdüsterte sich. Er hatte gehofft, wenigstens einen Tag nicht daran denken zu müssen. Nicht nur seine Zeit, auch die Kandidaten wurden knapp. „Nein, ich suche noch immer. Montag stellen sich wieder zwei Bewerberinnen vor, aber optimistisch bin ich nicht.“

„Sag die Termine ab.“

„Warum denn das?“

„Weil ich die ideale Person für den Job weiß.“

Eine ungute Vorahnung erfasste ihn. „Wen?“

„Maggie.“

Er schüttelte den Kopf. „Ich brauche eine pädagogische Fachkraft. Jemanden mit Erfahrung.“

„Maggie ist Lehrerin. Sie war jahrelang Klassenlehrerin an der Grundschule von Cupid. Dann kam sie in den Vertretungspool … du weißt schon … wegen Chuck. Es liegt nicht an mangelnden Fähigkeiten, dass sie zurückgestuft wurde. Maggie liebt Kinder und ist eine hervorragende Pädagogin. Sie ist für den Job mehr als qualifiziert.“

„Mag sein, aber …“

„Und sie wäre ein großartiges Vorbild für Blair. Sie ist klug, gebildet und hat hohe Wertmaßstäbe.“

Chase geriet ins Schwitzen. „Die Fahrt ist zu weit.“

Betsy lachte. „Chase, ich hab’ dein Haus gesehen. Du hast Platz für zehn Privatlehrer.“

„In meinem Haus? Sie soll mit mir zusammenleben?“

„Nein, du Dussel, mit Blair. Stell sie dir als eine Art Gouvernante vor. Das macht die Sache weniger kompliziert.“

Die spröde, scharfzüngige Maggie in seinem Haus? Er sollte sie Tag und Nacht am Hals haben? „Schau, Betsy …“ – Chase suchte verzweifelt nach einer Ausflucht – „… sie … sie würde es nie im Leben tun. Ich … mache sie nervös.“ Das klang auf jeden Fall besser als „Sie kann mich nicht ausstehen“.

„Sei nicht albern!“ Betsy seufzte ungeduldig. „Selbst wenn eine Spur Wahrheit dran wäre – Maggie mag Blair, und das ist wohl die Hauptsache. Sie hat einen guten Draht zu deiner Tochter.“

Chase blickte zu Blair, die ihn überhaupt nicht wahrzunehmen schien. Zu ihm hatte sie keinen Draht, und er wusste nicht, was er daran ändern konnte. Betsys letztes Argument erschütterte seine Abwehr. „Ich werd’s mir überlegen.“

„Gut.“ Sie stand auf. „Denk auch über die Bezahlung nach. Maggie kämpft gegen einen Berg von Arztrechnungen. Ein großzügiges Angebot wird sie nicht ablehnen können.“

Chase folgte Betsy zum Corral. Erwartete sie wirklich von ihm, den ganzen Sommer lang Maggie Colby zu ertragen und sie für das Privileg ihrer unerfreulichen Gesellschaft auch noch fürstlich zu entlohnen?

Ich, ein Mann, der gefügigere Frauen gewohnt ist?

Nein! Verdammt, nein! Aber wozu regte er sich auf? Maggie würde sich sowieso nie auf diesen hirnverbrannten Vorschlag einlassen.

Blair zeigte sich von ihrer besten Seite. Genaugenommen entdeckte Chase erst jetzt, dass sie eine „beste Seite“ besaß.

Sie half, die Pferde abzusatteln und zu striegeln. Sie spielte bereitwillig mit Lisa Marie und Joey. Sie ließ Cat auf ihrem Schoß reiten, streichelte die Haustiere und bedankte sich bei Grandma Cameron für das leckere Essen. Sie sagte: „Ja, bitte, Sir“ und „Nein, danke, Sir“ zu Ben, womit sie mühelos seine Sympathie gewann. Sie war freundlich zu Betsy und lachte und alberte mit Julie herum.

Kein Zweifel – Blair mochte die Camerons. Aber Maggie verehrte sie geradezu. Chase sah es an ihren bewundernden Blicken. Er sah auch, wie Maggie auf Blairs Zuneigung reagierte. Sie drängte nicht, sondern hielt sich zurück und ließ das Mädchen kommen.

Und Blair kam. Sie setzte sich neben Maggie an den Picknicktisch, unterhielt sich mit ihr wie eine Erwachsene, fragte sie zu den verschiedensten Themen nach ihrer Meinung und überredete sie sogar, nach dem Lunch mit ihr auszureiten.

„Chase, hast du nicht auch Lust?“, fragte Betsy.

Er sah das Entsetzen in Maggies Gesicht. Es war klar, dass sie ihn nicht dabeihaben wollte, und schon deshalb hätte er fast „ja“ gesagt. „Ich …“ – sie warf ihm einen eisigen Blick zu – „… ich glaube, ich passe“, sagte er trocken.

Ben schüttelte enttäuscht den Kopf. „Schade. Ich hätte Ihnen den alten Dobbin gegeben. Ist ein lammfrommer Gaul.“

Den wilden Hengst Fury, übersetzte Chase in Gedanken. Betsy hatte ihm von dem verrückten Dobbin erzählt. „Tut mir leid, dass ich den zahmen alten Dobbin um seinen Spaziergang bringe, aber Blair möchte sicher gern mal was ohne ihren Dad unternehmen.“

Alle blickten zu Blair, die hastig drauflos redete. „Mr Cameron hat gesagt, dass ich eine gute Reiterin werden kann, wenn ich genug übe. Ich hab’s genauso schnell gelernt wie alle anderen, denen er’s beigebracht hat. Jetzt brauch ich nur noch Trainingsmeilen, damit ich sicherer werde. Bei Maggie kann ich mir bestimmt noch ein paar Tricks abgucken.“

Maggie sah zu Chase. In ihren Augen war ein mitleidiger Ausdruck, als ob sie wüsste, dass Blair ihn verletzt hatte. Sie wusste nicht, wie sehr.

Granny stand auf und sammelte die leer gegessenen Pappteller ein. „Seid vorsichtig, Mädchen! Die Wolken da hinten gefallen mir nicht. Irgendwas braut sich da zusammen – fragt sich nur, was. An eurer Stelle würd’ ich nicht zu weit reiten.“

Maggie folgte dem Blick ihrer Großmutter zu dem strahlendblauen Junihimmel und der schmalen grauen Wolkenbank am Horizont im Westen. „Ich werde aufpassen, Granny, bestimmt. Wir reiten ein Stück am Horsethief Creek entlang und kommen dann auf dem kürzesten Weg zurück.“ Zu Chase gewandt fügte sie hinzu: „Natürlich nur, wenn Sie einverstanden sind.“

„Selbstverständlich.“ Was sollte er sonst sagen, unter dem bohrenden Blick seiner Tochter, der ihn warnte, ihr dieses kleine Abenteuer ja nicht zu verderben.

Maggie und Blair ritten im Schritt am Ufer des kleinen Wildbaches entlang. Maggie zeigte zu einer Gruppe von Baumwollsträuchern. „Das war früher mein Lieblingsversteck. Wenn ich Ruhe vor meinen Geschwistern haben wollte, bin ich durch die Büsche gekrochen, hab’ mir eine kleine Lichtung freigemacht und meine Schmöker gelesen.“

Blair grinste. Sie ging mit ihrem Pferd schon sehr geschickt um und lernte schnell dazu, indem sie Maggies Bewegungen kopierte. Wie diese kreuzte sie lässig die Hände über dem Sattelknauf und sagte leichthin: „Ich hab’ keine Geschwister. Und werd’ nie welche haben.“

„Sei dir da nicht so sicher.“ Maggie schwang sich von ihrem Pferd und half Maggie beim Absteigen. „Deine Mutter oder dein Vater könnten …“

„Keine Chance! Sie mögen beide keine Kinder.“

„Sie mögen dich.“ Maggie band die Pferde an einen Baum und ließ sich auf einem Graspolster nieder. Blair setzte sich neben sie. „Nein. Ich bin ihnen lästig. Ein Klotz am Bein.“

„Das glaube ich nicht.“

„Es ist aber wahr.“ Blairs Stimme klang auf einmal todernst. Tränen standen in ihren Augen – Augen von derselben Farbe wie die ihres Vaters. Maggie fragte sich unwillkürlich, wie ihre Mutter sein mochte. Welche Art Frau hatte den Playboy Chase Britton so angezogen, dass er sie geheiratet hatte?

„Blair, ich bin sicher …“

„Ich dachte, Sie wären auf meiner Seite.“

Blairs dünne Kleinmädchenstimme rührte Maggie. „Das bin ich, Blair. Aber …“

„Sie mögen ihn auch nicht. Das haben Sie zugegeben.“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn nicht mag. Du hast es selbst sehr treffend ausgedrückt: Die Chemie stimmt nicht zwischen uns. Das ist nicht dasselbe.“

„Für mich schon. Daddy ist so ein Miesling. Jahrelang hat er mich nicht mal besucht, und plötzlich muss ich bei ihm leben und tun, was er sagt. Er kennt mich nicht mal richtig, aber er tut, als wüsste er genau, was gut und was schlecht für mich ist.“

Maggie hätte das verstörte Mädchen am liebsten in den Arm genommen. „Genau das ist es, Blair. Er kennt dich nicht richtig. Vielleicht weiß er nicht, wie er dich behandeln muss. Findest du nicht, dass du ihm eine Chance geben solltest?“

Zu Maggies Erstaunen nickte Blair. „Okay, ich werd’ ihm eine Chance geben. Ich hab’ mir überlegt, was ich will – genau, wie Sie gesagt haben.“

Maggie erinnerte sich an ihre Worte. „Mit Honig Fliegen fangen …“ Sie war neugierig, wie Blair ihren Rat umzusetzen gedachte. Und etwas nervös. „Was hast du vor?“

„Ich möchte … Sie als Lehrerin.“

„Woher weißt du …?“

„Joey hat mir erzählt, dass Sie die beste Lehrerin auf der ganzen Welt sind. Bitte, bitte, Maggie, ich … brauche Sie.“ Blair senkte den Kopf, als ob sie sich schämte.

Maggie wusste nicht, was sie antworten sollte. Dem hartnäckigen Drängen ihrer Familie vermochte sie genauso hartnäckig zu widerstehen. Aber sich der Bitte eines Kindes in Not zu verschließen, das fiel ihr schwer.

Blair blickte wieder auf. „Verstehen Sie denn nicht? Sie sind garantiert die einzige Lehrerin, die sich nicht an ihn ranmachen würde.“ Sie schnaubte verächtlich. „Überhaupt möchte ich gern mal wissen, was sie alle an ihm finden.“

„Wer … sie?“

„Diese Frauen!“

„Wie viele haben sich denn schon vorgestellt?“

„Zu viele. Aber das mein’ ich nicht. Ich rede von all den Tussies, die ins Haus kommen und sich am liebsten für immer bei uns einnisten würden. Es ist widerlich, wie sie sich alle an ihn ranschmeißen.“

Maggie war entsetzt. Was mutete dieser Mann seiner Tochter zu? Was für eine bodenlose Rücksichtlosigkeit, vor ihren Augen sein Playboyleben zu führen! Kein Wunder, dass Blair ihn verachtete.

„Wenn Sie da wären, hätten seine Freundinnen nicht den Nerv, dauernd im Haus rumzuhängen. Sie brauchten nicht mal den Mund aufzumachen, um sie zu vergraulen. Dieser Blick wäre schon genug.“

„Was für ein Blick?“

„Sie wissen schon, der Blick, mit dem Sie Daddy immer ansehen. Aber da ist noch was, warum Sie meine letzte Hoffnung sind.“

Maggie schwirrte der Kopf. „Und das wäre?“

„Sie würde er nie um den Finger wickeln. Sie sind die Einzige, die …“

Ein prasselndes Geräusch in den Blättern schreckte beide auf. Maggie begriff als Erste, was es war. Dicke Hagelkörner fielen auf das Blätterdach. Sie stand schnell auf und fasste Blairs Hand. „Wir müssen zurück, bevor es richtig losgeht. Pass auf, ich setz dich jetzt auf dein Pferd, und du hältst dich mit beiden Händen am Sattelhorn fest. Das kannst du doch, oder?“

„Klar, aber wie soll ich dann das Pferd lenken?“

Maggie lachte. „Das brauchst du nicht, weil ich dein Pferd führen werde. Wir müssen schnell reiten, und ich will nicht riskieren, dass du zurückbleibst oder mir davonpreschst, falls dein Pferd mit dir durchgeht.“ Sie hob Blair in den Sattel. „Du hast doch keine Angst?“

„Natürlich nicht! Galoppieren wir?“

„Wie der Wind!“ Maggie schwang sich auf ihr Pferd und griff nach Blairs Zügeln. Der Hagel prasselte heftiger. Noch war es nicht die eisharte Sorte, die wie Nadeln in die Haut sticht. „Alles klar?“, fragte Maggie.

„Alles klar.“ Blairs Gesicht glühte vor Aufregung.

„Dann sprich dein Gebet und halt dich fest.“ Maggie fasste ihre Zügel, schlang die anderen um den Sattelknauf und kickte ihrem Pferd die Hacken in die Flanken.

Er hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Halb krank vor Sorge nahm Chase einen Sattel von der Stallwand. Er würde losreiten und sie suchen – jetzt sofort. Die Camerons machten sich keine Gedanken – warum auch? Sie waren in diesen Bergen, in diesem verrückten Klima aufgewachsen. Blair nicht. Sie war ein Kind aus Kalifornien und würde in Panik geraten. Und Maggie sowieso.

Zwei Pferde preschten durch das offene Tor in den Stall. Chase sprang zurück und entkam den fliegenden Hufen um Haaresbreite. Von den Reitern erhaschte er nur einen flüchtigen Blick, bis die Pferde stillstanden.

In einer schwungvollen, anmutigen Bewegung stieg Maggie ab. Sie sagte nichts weiter als: „Wollten Sie sich umbringen, oder was?“

Ihr bissiger Spott machte Chase rasend, aber er zwang sich zu einem ruhigen Ton. „Ich war im Begriff, ein Pferd zu satteln, um nach meiner Tochter zu suchen.“ Er ging zu Blair. „Alles in Ordnung, Schatz? Ich habe mich um dich geängstigt.“

Aus ihrem Sattel blickte Blair voller Verachtung zu ihm hinab. „Denkst du, ich bin ein Baby? Natürlich bin ich okay, das siehst du doch.“ Sie schwang ihr rechtes Bein über den Pferderücken, zog den linken Fuß aus dem Steigbügel und glitt zu Boden, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan.

„Aber du bist völlig durchnässt.“

Maggie zog eine Grimasse. „Haben Sie Angst, sie schmilzt? Wir sind beide durchgeweicht.“

„Es ragelt“, bemerkte Blair.

„Was?“

„Ragel – halb Regen, halb Hagel. Manchmal schnagelt es – halb Schnee, halb Hagel. Stimmt’s, Maggie?“

„Ja, so nennen wir es auf der Straight Arrow.“ Maggie hängte einen Steigbügel über den Sattelknauf und begann, den Gurt zu lösen.

„Lassen Sie mich das machen.“ Chase legte die Hände auf Maggies Schultern, um sie beiseitezuschieben. Ihr nasses Hemd war kalt, aber darunter fühlte er Wärme.

Bei seiner Berührung durchzuckte es sie wie ein elektrischer Strom. „Ich kann mein Pferd selbst absatteln, vielen Dank.“ Sie beugte sich hastig vor, und seine Hände fielen hinab.

„Wie Sie wollen.“ Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es schmerzte. „Dann werde ich mich um Blairs Pferd kümmern. Geh ins Haus, Darling, und wärm dich auf, okay?“

Blair sah ihn an, als wollte sie einen Streit anfangen. Doch dann wandte sie sich zu Maggie. „Einverstanden, Maggie?“

„Natürlich.“ Maggie hievte den schweren Sattel vom Pferderücken. „Sag Julie, sie soll dir trockene Sachen geben. Vielleicht ein Sweatshirt von mir und eine Jogginghose.“

„Okay. Vergessen Sie nicht, worüber wir gesprochen haben.“ Blairs Blick glitt zu ihrem Vater.

„Als ob ich das vergessen könnte“, sagte Maggie grimmig. „Und jetzt raus mit dir! Sieh zu, dass du aus den nassen Klamotten kommst.“

Blair lief durch das Tor in den Hof, wo die Sonne wieder von einem strahlend blauen Himmel schien.

Maggie wuchtete den Sattel auf einen Sägebock und drehte sich zu Chase. „Tut mir leid, dass wir Sie beunruhigt haben. Wir …“ Sie verstummte mitten im Satz.

Denn Chase sah sie an, wie sie seit langer, langer Zeit kein Mann mehr angesehen hatte.

3. KAPITEL

Maggie wurde entsetzlich verlegen. Sie sah an sich hinab. Ihre Bluse klebte von der Schulter bis zur Taille an ihrer Haut. Unter dem nassen Stoff zeichneten sich deutlich ihre Brüste ab, was ihr Gegenüber mit sichtlichem Vergnügen registrierte. Sie fühlte, wie ihre Brustspitzen hart wurden, und konnte zu ihrem Ärger nichts dagegen tun.

Außer einem raschen Rückzug. Maggie ging um ihr Pferd herum und benutzte es als Bollwerk gegen Chase Brittons Blick. Es war fast wie eine Berührung gewesen, eine erotische, herausfordernde Berührung. Sie griff nach dem Zaumzeug, wütend, dass ihre Hände zitterten.

Chase räusperte sich. „Tja, also … äh, ich habe wohl überreagiert. Aber als Vater bin ich eben nicht besonders erfahren.“

„Was Sie nicht sagen.“ Sie streifte dem Pferd das Zaumzeug ab und strich dem Tier durch die Mähne. „Sonst noch was?“

„Ja – gut, dass Sie fragen. Blair sagte etwas von einem Gespräch, das Sie nicht vergessen sollten. Darf man wissen, worum es ging?“

Dummerweise musste Maggie ihn ansehen, während sie mit ihm sprach. Im Gegensatz zu seiner Tochter verstand sie sehr gut, warum die Frauen hinter ihm her waren. Er sah gut aus und war unglaublich sexy. Und was ihn noch attraktiver machte, war sein Geld.

Er war auch ein Dandy – helle Leinenhose, graues Strickhemd, teure lederne Sportschuhe. Aber kein Weichling. Seine muskulösen Arme, die breiten Schultern und schmalen Hüften verrieten einen echten Mann. Maggie konnte ihn sich Punkte sammelnd in einer zünftigen Barprügelei vorstellen.

Rein äußerlich stimmte alles an Chase Britton. Wie es hinter der attraktiven Fassade aussah, war eine andere Sache. Diesem Mann war nicht zu trauen. Er benutzte die Frauen, er spielte mit ihnen, er nahm sie und ließ sie fallen. Wer wusste, was er seiner Ex-Frau angetan hatte? Warum hatte sie Blair plötzlich zu ihm geschickt?

Er lächelte, und Maggies Knie wurden weich. Gut, dass sie Halt an ihrem Pferd hatte.

„Also, worüber haben Sie sich mit Blair unterhalten? Vielleicht hilft es mir, sie besser zu verstehen. Ich geb’ mir alle Mühe, aber für heranwachsende Mädchen habe ich mich zuletzt vor einem Vierteljahrhundert interessiert. Können Sie mir nicht wenigstens einen kleinen Tipp geben?“

„Sicher.“ Er schien so aufrichtig und ernst, aber Maggie ließ sich nicht täuschen. „Blair findet, dass Sie ein mieser Typ sind. Außerdem möchte sie mich als Nachhilfelehrerin. Ich schätze, sie will nur Verstärkung auf ihrer Seite.“

Chase schien empört. „Und Ihre Antwort?“

„Keine. Unsere Diskussion wurde buchstäblich verhagelt.“ Damit war für Maggie auch dieses Gespräch beendet. Sie führte ihr Pferd zu dem anderen Tor, hinter dem sich die Weide befand.

Chase folgte ihr auf den Fersen. „Und was war Ihre Antwort auf den ‚miesen Typ‘?“

Maggie gab dem Pferd einen Klaps und ließ es auf die Weide laufen. „Ich hab’ ihr gesagt, sie soll Ihnen eine Chance geben. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich …“

„Einen Moment noch.“

„Herrje, was …?“

„Ich habe nichts davon gewusst.“

Sie begriff sofort, was er meinte. Chucks Krankheit und Tod. Das Blut wich aus ihrem Gesicht. „Ob Sie es wussten oder nicht, tut überhaupt nichts zur Sache. Es ist vollkommen unwichtig.“

„Ist es nicht. Es erklärt …“

„… nichts! Es erklärt überhaupt nichts!“ Maggie schlüpfte unter dem Gatter hindurch und war fort.

Was sollte er tun? Chase ging grübelnd zum Haus zurück. Jedes Mal, wenn er den Mund aufmachte, mochte Maggie ihn weniger. Aber Blair wollte sie, und er wollte für seine Tochter das Beste. Trotzdem – musste es ausgerechnet Maggie Colby sein?

Zugegeben, in einem Punkt konnte er sein negatives Bild von ihr korrigieren. Wenigstens wusste er jetzt, was sich hinter ihrer unförmigen Kleidung und ihrem frostigen Benehmen verbarg. Ihre nasse Bluse hatte wie eine zweite Haut an ihrem Körper geklebt und alles gezeigt, was sie sonst verhüllte. Hübsche runde Schultern, eine schmale Taille und … wundervolle üppige Brüste. Ihre Brustspitzen waren unter seinem taxierenden Blick zu festen harten Knospen geworden – oh ja, sie war eine Frau aus Fleisch und Blut und alles andere als ein Eisklotz.

Eigentlich schade, dachte Chase. Nicht, dass er Absichten gehabt hätte. Er würde nie etwas mit Maggie anfangen, und Betsy und Blair waren nur zwei von vielen Gründen. Er musste Blairs Respekt gewinnen und wollte Betsys nicht verlieren.

Was also würde passieren, wenn er Maggie in sein Haus holte? Sie würde sein Liebesleben stören.

Und wenn schon. Frauen gab es wie Sand am Meer, aber er hatte nur eine Tochter.

Chase wartete auf seine Chance. Bei all den Camerons, die im Haus herumwimmelten, dauerte es eine Weile, bis er Maggie allein erwischte. Sie stand im Wohnzimmer am Fenster und blickte auf eine blumenbesäte Wiese, die sich bis zum Fuß eines mit Immergrün bewachsenen Bergs erstreckte.

Das nasse Hemd hatte sie gegen ein weites Sweatshirt vertauscht, und ihr noch feuchtes Haar war wieder zu einem festen Zopf geflochten. Chase stellte sich vor, wie sie aussehen würde, wenn sie dieses herrliche volle Haar frei über ihre Schultern fallen ließ. Er schloss die Tür hinter sich und ging zu ihr.

Sie warf ihm einen abweisenden Blick zu. „Ja?“

„Ich habe nachgedacht.“ Er trat dicht neben sie. Ein Schauer rieselte ihr über den Rücken. Sie rückte einen Schritt von ihm ab. „Worüber?“

„Über Blair. Und über Sie. Es ist erstaunlich, wie gut Sie sich mit ihr verstehen.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Ich mag Kinder.“

„Aber Blair mag kaum jemanden. Seit sie bei mir in Aspen ist, hat sie sich nur mit einem einzigen Mädchen locker angefreundet.“

„Sie ist ein Kind. Lassen Sie ihr Zeit.“ Maggie trat noch ein Stück zur Seite. „Falls das alles ist, was Sie mir sagen wollten, werde ich jetzt Granny in der Küche …“

„Es ist nicht alles.“ Er hatte es bisher noch nie bemerkt. In ihren braunen Augen tanzten goldene Sprenkel, und ihre dichten schwarzen Wimpern waren lang und geschwungen. Sehr hübsch, wirklich …

Komm zum Thema, Britton! „Betsy hat recht. Sie wären die ideale Lehrerin für Blair. Ich habe mich entschlossen, Ihnen den Job anzubieten.“

„Sehr großzügig, aber nein danke. Ich bin nicht interessiert.“ Sie drehte ihm den Rücken und ging zur Tür.

„Maggie …!“

Sie ließ sich seufzend ins Sofa sinken. „Sie sind Absagen nicht gewohnt, nicht wahr?“

„Ich bin in Druck, Maggie. Ich würde Sie sogar überbezahlen.“

Das brachte ihm fast ein Lächeln ein. „Selbst dann würde es sich finanziell nicht für mich lohnen. Ich müsste mir eine Bleibe in Aspen suchen, und bei den horrenden Mieten …“

„Wer sagt, dass Sie sich eine Wohnung mieten müssen?“

„Soll ich etwa jeden Tag zweimal die Fahrt über den Pass machen?“

„Natürlich nicht. Sie werden bei uns wohnen. Ich zahle Ihnen ein großzügiges Gehalt – plus Unterkunft und Verpflegung.“

Sie setzte sich kerzengerade auf. „Kommt nicht infrage.“

„Hey, ich erwarte nicht von Ihnen, dass Sie Fußböden schrubben und Fenster putzen.“ Humorlos, wie sie war, reagierte sie nicht auf seinen Scherz. Er versuchte es mit nüchternem Ernst. „Ist Ihnen der Gedanke unbehaglich, mit mir unter einem Dach zu leben? Falls es das ist – um Ihre Tugend brauchen Sie nicht zu fürchten. Und ich habe Personal – Haushälterin, Putzfrau, Gärtner. Was ich nicht habe, ist jemand für meine Tochter. Eine Frau wie Sie, der Blairs Wohl am Herzen liegt.“

Maggie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Ich begreife Sie nicht! Betsy hat gesagt, dass Sie das Geld brauchen.“

„Betsy hat einen großen Mund.“

„Und ein großes Herz.“

„Und ich habe einen freien Willen. Ich will den Job nicht.“

„Und warum nicht? Nennen Sie mir einen Grund, Maggie. Einen triftigen Grund.“

„Na gut, wenn Sie es unbedingt hören wollen – ich mag Sie nicht. Das dürfte Grund genug sein.“

Er hätte es sich denken können. Was sollte er antworten? Dass die Antipathie auf Gegenseitigkeit beruhte? Aber musste er sein hartes Urteil nicht korrigieren, nachdem er einiges mehr über Maggie wusste? Während Chase nach einer Antwort suchte, kamen die Kinder ins Zimmer.

Blair fixierte ihren Vater und dann Maggie. „Also, was ist? Haben Sie zugesagt, Maggie?“

Sie schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Blair. Ich hoffe, du verstehst es.“

„Okay.“ Blair schien hierauf gefasst gewesen zu sein. „Dann weiter zu Plan B.“

„Plan B?“ Was hatte sie jetzt ausgebrütet? Chase seufzte resigniert.

„Ja, Plan B. Die Schweiz. Maggie hat mir geraten, in ein Schweizer Internat zu gehen, falls sie den Job nicht annehmen kann.“ Blair verschränkte kampfbereit die Arme vor der Brust.

„In die Schweiz! Maggie hat …“

„Ich habe nichts dergleichen gesagt!“

„Aber irgendetwas müssen Sie ihr erzählt haben. Was?“

„Ich habe ihr gesagt, dass sie wahrscheinlich glücklicher wäre, wenn sie sich nicht länger wie ein dummes Gör benehmen würde.“

Blair stampfte mit dem Fuß auf. „Ein dummes Gör – so haben Sie mich nie genannt. Denken Sie so über mich? Ich dachte, Sie wären meine Freundin.“

„Das bin ich, aber manchmal benimmst du dich wie …“

„Zurück zum Thema Schweiz, okay?“, unterbrach Chase. „Blair, hat Maggie dir gegenüber je die Schweiz erwähnt?“

„Nein, ich bin von selbst drauf gekommen“, sagte Blair voller Stolz. „Ich hab’ eine Freundin, deren große Schwester da zur Schule geht. Sie findet es super. Maggie hat mich nur auf die Idee gebracht. Sie hat nämlich gesagt, dass ich mir überlegen soll, was ich wirklich will.“

„Statt dich …“ Maggie gestikulierte, um den Rest aus Blair herauszubekommen.

„Statt mich unmöglich zu benehmen.“

„Aha, das hat sie also gesagt.“

Blair nickte. „Ich weiß jetzt, was ich will. Ich will besser in der Schule werden, und wenn ich Maggie nicht haben kann, dann geh ich aufs Internat in die Schweiz.“

„Nein!“

„Aber …“

Chase schüttelte energisch den Kopf. „Keine Diskussionen. Die Antwort ist nein.“

„Dann will ich wieder zu Mom!“ Blair bebte vor Wut. Tränen stürzten ihr aus den Augen.

Chase konnte sich nur mühsam beherrschen. „Das geht nicht!“

Im Zimmer war es ganz still geworden. Lisa Marie und Joey drückten sich an Betsy, die inzwischen hereingekommen war. Auseinandersetzungen waren den Cameron-Kindern nicht fremd – in einer so großen Familie blieb es nicht aus, dass man mal heftig aneinandergeriet.

Aber einen so wilden Gefühlsausbruch hatten sie noch nicht erlebt. Ebenso wenig Maggie. Wie erstarrt verfolgte sie die Szene. Blair sah aus, als sei sie kurz davor, sich auf ihren Vater zu stürzen, ihn zu treten, zu boxen und zu kratzen. Gleichzeitig wirkte sie so verletzlich, dass man fürchten musste, sie könnte an einem zu harten Wort zerbrechen.

Und Chase. Chase schien vollkommen hilflos. Eine Welle des Mitleids stieg in Maggie hoch, die sie jedoch sofort zurückdrängte.

Blair war noch lange nicht fertig. „Du bist an diesem ganzen Mist schuld!“, schrie sie. „Du hast Mom dazu getrieben, mich aufzugeben. Wie du das geschafft hast, weiß ich nicht, aber ich hasse dich deswegen. Wahrscheinlich wolltest du dich für irgendwas an ihr rächen. Du boxt ja alles durch, was du willst.“

„Blair“, entgegnete Chase mit belegter Stimme. „Du verstehst das nicht.“

Obwohl ihr die Tränen über das Gesicht strömten, schob sie trotzig das Kinn vor. „Dann erklär’s mir. Erklär mir, warum du all die Jahre so getan hast, als würde es mich nicht geben. Erzähl mir, warum du Mom das Leben zur Hölle gemacht hast. Das würde ich wirklich gern wissen.“

Wie schon ein paarmal vorher provozierte Blair ihren Vater, und er wich aus. „Was zwischen deiner Mutter und mir war, hat nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun“, sagte er. „Ich lasse dich nicht in die Schweiz, weil ich dich bei mir haben möchte und nicht Tausende von Meilen weit fort.“

„Warum?“, schrie sie außer sich.

„Weil du meine Tochter bist.“

„Na und?“ Ihre Stimme überschlug sich. „Soll ich dir sagen, warum du mich nicht gehen lässt? Weil du mies und geizig bist wie deine …“ Plötzlich schien sie zu merken, dass sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Sie wurde blass und wich zurück. „Verzeihung“, flüsterte sie und sah alle an – außer ihren Vater. „Ich hoffe, ich habe nicht …“ Sie machte ein paar staksige Schritte, wirbelte herum und blieb hilflos stehen. Verwirrt und entsetzlich verlegen, wusste sie nicht, wohin sie gehen, was sie tun oder sagen sollte.

Julie war nach einem langen Abschied von ihrem Verlobten als letzte ins Zimmer gekommen und hatte den Höhepunkt des Feuerwerks miterlebt. Sie legte den Arm um Blairs Schulter. „Lass uns rausgehen und ein wenig frische Luft schnappen“, sagte sie freundlich, als ob nichts passiert wäre. „Wir haben ein neues Fohlen, das du bestimmt sehen möchtest. Eine Schönheit – rabenschwarz mit einer Blesse und weißen Vorderläufen …“ Ihre sanfte Stimme verklang in der Diele.

„Junge, Junge“, murmelte Betsy betreten. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten.“

Chase stieß tief die Luft aus. „Ich muss mich bei euch allen entschuldigen.“

„Ach was!“ Granny, angelockt von Blairs Geschrei, wischte sich die nassen Hände an ihrer Küchenschürze ab. „So was kommt in den besten Familien vor. Machen Sie sich um uns keine Sorgen. Beratschlagt lieber, wie ihr dem Kind helfen könnt. Das Mädchen leidet. Kommt, ihr zwei, wollt ihr die Geschichte von den Bergriesen weiterhören?“ Sie winkte Lisa Marie und Joey heran, die stumm und mit großen Augen dastanden, und zog sich mit ihren Urenkeln im Schlepptau in die Küche zurück.

„Sie haben noch gar nichts gesagt“, bemerkte Chase zu Maggie.

„Was gibt es da zu sagen?“ Sie war bestürzt – sah er das etwa nicht? „Außer dass ich Blair wirklich nicht zu einem Internat in der Schweiz geraten habe. Was meine anderen Ratschläge betrifft …“ – sie konnte ihm nicht ins Gesicht sehen – „ich hätte meinen großen Mund halten sollen. Und ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich meine Nase in Ihre Angelegenheiten gesteckt habe.“

„Sie können es wiedergutmachen, wenn Sie im Sommer mit Blair arbeiten. Sehen Sie denn nicht, wie sehr sie Sie braucht?“

„Das ist Erpressung!“

„Nur, wenn was draus wird.“

„Es wird nichts draus.“

„Dann ist es nur ein weiterer missglückter Versuch von mir, meiner Tochter zu helfen.“ Chase warf Betsy einen flehenden Blick zu, aber die hütete sich, sich einzumischen. „Würden Sie mir bitte verraten, warum Sie sich so hartnäckig gegen diesen lukrativen Job sträuben? Erstens ist es nur für ein paar Monate, zweitens zahle ich Ihnen dreimal soviel, wie Sie anderswo kriegen würden, und drittens hätten Sie jeden Luxus und vollkommen freie Hand mit Blair. Ihr Wort ist Gesetz. Verdammt, viel mehr als ich werden Sie nicht falsch machen können.“

Maggie antwortete nicht auf seine Selbstanklage. Ihre Blicke trafen sich – seiner bittend, ihrer hart.

Er seufzte. „Okay, verstehe. Es ist rein persönlich. Ich weiß, wann ich mich geschlagen geben muss. Schade für Blair. Ich werd’ also weitersuchen müssen.“

Maggie hielt sich bewusst abseits, als Chase kurze Zeit später seine wieder gefügige Tochter ins Auto verfrachtete. Vom Fenster aus sah sie sie fortfahren und redete sich ein, dass sie nicht ihr Problem seien. Weder Vater noch Tochter Britton hatten ein Recht, sie in ihr unglückliches Leben zu zerren. Sie hatte das einzig Richtige getan.

Warum fühlte sie sich dann so entsetzlich elend?

Als ihre Familie sie in die Mangel genommen hatte, fühlte sie sich noch schlechter.

Betsy, die eine feinere Erziehung genossen hatte als ihr Mann und ihre angeheirateten Verwandten, schürzte nur die Lippen und schüttelte den Kopf – ein Ausdruck schmerzlicher Enttäuschung.

Aber Ben nahm kein Blatt vor den Mund. „Ich kann Chase Britton ebenso wenig leiden wie du.“ Ein Blick in Betsys Richtung war Erklärung genug. „Aber kein Mensch verlangt von dir, mit dem Mann zu schlafen, Maggie. Du musst nur mit der Kleinen pauken, damit sie nächstes Jahr die Versetzung schafft. Und ordentlich abkassieren.“ Sein Ton wurde sanfter. „Sie ist kein schlechter Kerl, auch wenn sie ein freches Mundwerk hat. Jedenfalls würde ihr etwas LFV bestimmt guttun.“

„Liebe, Fürsorge, Verständnis“ – und das aus Bens Mund! Typisch, dass er die schnodderige Kurzform benutzte, aber trotzdem eine bemerkenswerte Äußerung. Betsy starrte ihren Mann überrascht an, bevor sie die Arme um seinen Hals schlang und ihn innig küsste. Nicht minder überrascht war Maggie. Ihr Bruder hatte tatsächlich einmal etwas halbwegs Sensibles gesagt.

Viel mehr aber beschäftigte sie Bens andere Bemerkung: „Kein Mensch verlangt von dir, mit dem Mann zu schlafen.“

Natürlich verlangte das keiner von ihr. Chase Britton am allerwenigsten. Lächerlich, auch nur daran zu denken.

Aber Maggie dachte daran und konnte den Gedanken nicht loswerden. Dabei glaubte sie, dass sie sich nach zwölf Jahren sexueller Enthaltsamkeit mit den Frustrationen abgefunden hatte, die sie in ihren einsamen Nächten quälten. Nächte, in denen ihr hungriger Körper sich nach Zärtlichkeit sehnte. Nächte der Erinnerung an ein viel zu kurzes Glück.

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