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BACCARA EXKLUSIV BAND 132

CAROLYN ANDREWS

Das Geheimnis von Barclay Mansion

Ausgerechnet Barclay Mansion möchte die süße Mattie wieder herrichten! Grant Whittaker ist gar nicht begeistert von dem Vorschlag. Dem Haus seiner Familie haftet ein alter Fluch an – ein Geist soll dort sein Unwesen treiben. Und wenn einer so zauberhaften Frau wie Mattie etwas passieren würde, könnte er sich das nie verzeihen!

MICHELLE CELMER

Ein Prinz für gewisse Stunden

Was für eine faszinierende Frau! Prinz Ethan kann nicht anders – im Mondschein auf dem Balkon muss er die geheimnisvolle Schönheit einfach küssen. Sofort flammt die Leidenschaft in ihnen beiden auf. Sie verbringen eine heiße Nacht miteinander, und Ethan hofft schon, es könnte mehr daraus werden – da erfährt er, wer sie wirklich ist …

JAN HUDSON

Unschuld in starken Armen

Eve lacht, als Matt ihr einen Heiratsantrag macht. Es kann doch nur ein Scherz sein, dass ein Mann wie er sich für sie interessiert! Schließlich ist er umwerfend, sexy und reich – alles, was sie nicht ist. Dann jedoch steht er plötzlich wieder vor ihrer Tür. Hat er seine charmanten Worte tatsächlich ernst gemeint? Oder spielt er nur mit ihren Gefühlen?

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Das Geheimnis von Barclay Mansion

1. KAPITEL

Mattie Farrell hatte sich verspätet. Jetzt schob sie sich über den Schalthebel ihres roten Toyota, öffnete die Beifahrertür und stieg aus. Die Fahrertür war zugeklebt, bis sie das Geld für die Reparatur des Schlosses hatte. Und die wiederum musste warten, bis der Ersatzreifen erneuert war. Glücklicherweise war sie trotz der Reifenpanne vorhin bis Barclayville gekommen.

Sie konnte es sich nicht leisten, den Termin bei Grant Whittaker zu versäumen. Ihre Pläne, ihr Restaurant zu erweitern, hingen von ihm ab. Bisher hatte sie diesen geheimnisvollen Mann noch nie getroffen. Den ersten Mietvertrag hatte sie mit seinem Freund George Schuler ausgehandelt.

Mattie sah auf die Uhr. Es war halb zwei, eine halbe Stunde zu spät. Sie hasste es, wenn ihr Terminplan durcheinandergeriet. Die Millers, die um sieben einen Tisch reserviert hatten, erwarteten eine „Bombe au chocolat“ als Dessert.

Am Fuß der Treppe blieb Mattie stehen. Selbstvertrauen, sagte sie sich. Nur damit war es ihr gelungen, George Schuler zu überreden, ihr Whittaker House zu vermieten, denn er war sehr skeptisch gewesen, was ein Gourmetrestaurant in solch einer kleinen Stadt anging. Jetzt, ein Jahr später, lief der Laden ausgesprochen gut.

Mattie wischte sich die Handfläche an den Jeans ab. Sie hätte mehr Selbstvertrauen gehabt, wenn sie auch heute mit George hätte verhandeln können, aber der fünfundsechzig Jahre alte Mann war nach einem schlimmen Sturz vorübergehend in ein Pflegeheim gekommen. Deshalb war Grant Whittaker nach achtzehn Jahren Abwesenheit nach Barclayville zurückgekehrt und führte nun das Schnellrestaurant seines Freundes, bis George bis erholt hatte.

Mattie atmete tief ein. Es war albern, so nervös zu sein. Immerhin hatte Whittaker dem ursprünglichen Mietvertrag zugestimmt. Sicher würde er ihr heute keine Schwierigkeiten machen. Immerhin bekam er so die Gelegenheit, Profit zu machen mit einem Gebäude, das seit fast fünfzig Jahren leer stand.

Die Schultern gestrafft, stieg die Stufen hinauf. Ihr selbst ging es um wesentlich mehr. Es war ihr Traum, einen Landgasthof zu führen. Beim ersten Anlauf war sie gescheitert. Sogar jetzt tat es noch weh, wenn sie daran dachte, wie ihr Partner Mark Brenner sie gezwungen hatte, ihm ihre Anteile an dem Betrieb in Maryland zu verkaufen. Sie würde nie wieder den Fehler begehen, einen Teilhaber zu akzeptieren.

Als sie versuchte, die Tür zu öffnen, stellte sie fest, dass sie verschlossen war. Auf ihr Klopfen kam keine Antwort. Nun spähte sie durch die Glastür. Das Lokal war leer! Während der Woche war es nur zum Frühstück geöffnet. Deshalb hatte Grant den Termin auf ein Uhr festgesetzt. Auf dem Highway raste ein Truck vorbei. Es roch nach von der Sonne gewärmtem Teer, frisch gemähtem Gras und außerdem etwas Gebackenem. Die Küche! Mattie eilte zur Rückseite des Hauses.

Doch als sie um die Ecke bog, versperrte ihr ein großes schwarzes Motorrad den Weg. Gehörte die Maschine Grant Whittaker? Alles, was Mattie über ihn wusste, war, dass er an der Cornell University Hotelmanagement unterrichtete, wenn er nicht gerade als Berater durchs Land reiste.

Fuhr er dabei mit dem Motorrad? Sie hatte ihn sich in George Schulers Alter vorgestellt, als ältlichen Professor mit grauem Haar und Pfeife. Das passte nicht zusammen.

Ein leises Bellen hinter dem Haus erregte jetzt ihre Aufmerksamkeit. Sie sah zwar noch keinen Hund, aber den Mann bemerkte sie sofort, als sie um die Ecke bog. Er lag in einer Hängematte.

Den Job möchte ich auch haben, dachte sie. Es sah kühl und einladend aus hier. Irgendwo hörte man auch Wasser über Felsen rauschen. Mattie zog ihr Hemd von ihrem Rücken weg und versuchte, nicht daran zu denken, dass für sie der Tag schon um fünf begonnen hatte und noch ewig weitergehen würde.

Der Mann schlief tief und fest. Matties Blick fiel auf seine nackte Brust, die sich regelmäßig hob und senkte. Tatsächlich trug er nichts als sehr kurze Shorts. Mattie hatte Mühe, den Blick von seinem gebräunten Körper loszureißen und ihn auf sein Gesicht zu richten, das halb unter einer Baseballmütze versteckt war. Der Mann war rund dreißig Jahre jünger als George Schuler. Sein Haar war dicht und hellbraun, ohne einen Anflug von Grau. Auch auf seiner Brust, seinen Armen und seinen starken Beinen hatte er eine Menge davon, und Mattie konnte sich mühelos vorstellen, wie es sich unter ihren Händen anfühlen würde. Sie trat vor und streckte eine Hand aus, gerade als er seufzte und sich leicht bewegte.

Mattie wich schnell zurück. Beinahe hätte sie ihn aus einem Impuls heraus berührt. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Ihr Magen knurrte, und sie presste eine Hand darauf. Das war ihr Problem. Sie hatte Hunger.

Grant Whittaker seufzte und drehte sich auf die andere Seite. Er war seit weniger als einer Woche wieder in Barclayville, und schon spürte er den Drang zu flüchten. Aber die eine Person auf der Welt, die ihn nie im Stich gelassen hatte, war George Schuler. George hatte Grant bei sich aufgenommen, als er zehn Jahre alt gewesen war.

Nein, er durfte nicht davonlaufen, aber wenn er lange genug hier liegen blieb, kam er vielleicht zu dem Schluss, dass die deprimierende Aussicht, den ganzen Sommer in Barclayville bleiben zu müssen, nur ein Traum war.

Mit achtzehn hatte er geglaubt, den Ort für immer hinter sich zu lassen. Dabei hätte er eigentlich schon lernen müssen, dass nichts für immer war, als seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Damals war er erst fünf gewesen. Als er im Alter von zehn Jahren von seinem Vater im Stich gelassen wurde, hätte ihm das eine Lehre sein müssen, nichts für beständig zu halten. Schließlich hatte ihn noch das Scheitern seiner Ehe vor fünf Jahren daran erinnert, und der immer noch andauernde Sorgerechtsstreit um seinen Sohn.

Nun war er also wieder in Barclayville. Doch sobald George sich erholt hatte, würde er, Grant, so schnell wie möglich verschwinden.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. Zu leise für Donner, mehr wie ein Knurren. Er nahm seine Mütze ab, schwang die Beine über die Seite der Hängematte und setzte sich auf.

Das Erste, was er bemerkte, waren ihre Augen. Sie waren dunkelblau, fast violett. Vielleicht trug sie farbige Kontaktlinsen. Aber alles andere wirkte echt. Ihr Haar hatte zu viele verschiedene Rottöne, als dass es hätte gefärbt sein können. Ihm gefiel der französische Zopf, zu dem sie es geflochten hatte. Ein paar Locken umrahmten ihr Gesicht. Die Junisonne war heiß, aber diese Lady schaffte es, ordentlich und kühl auszusehen in weißen Jeans und einem weißen Hemd mit einer roten Gürteltasche um die Taille. Ihre Schuhe waren ebenfalls rot, mit Plateausohlen und dünnen Riemen. Falls das ein Traum war, war er vielversprechend. Grant lächelte.

„Ich suche Grant Whittaker“, sagte die Frau.

„Sie sind am richtigen Ort.“

„Sie sind Mr Whittaker.“ Es war keine Frage. Plötzlich war Mattie sicher, dass dieser Mann ihre Zukunft in den Händen hielt.

„Allerdings. Nennen Sie mich Grant.“

Matties Blick fiel wieder auf seine breiten Schultern und die deutlich ausgeprägten Muskeln seiner Arme. Erneut knurrte ihr Magen.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte Grant.

„Es tut mir leid, dass ich zu spät komme.“ Sie reichte Grant ihre Geschäftskarte. „Ich hatte eine Reifenpanne.“ Sie sah auf die Uhr und stellte fest, dass weitere zehn Minuten vergangen waren. Vermutlich würde sie den Millers einen zusätzlichen Appetithappen servieren müssen, weil es mit der „Bombe au chocolat“ länger dauern würde. Dann blickte sie wieder zu Grant auf und merkte, dass er sie mit zusammengekniffenen Augen musterte.

„Miss M. Farrell. Sie können unmöglich die Lady sein, die das Gourmetrestaurant in meinem Elternhaus führt.“

Selbstvertrauen, ermahnte Mattie sich und lächelte strahlend. „Doch, das bin ich.“

„Ich dachte, Sie wären älter.“

Es klang wie eine Anschuldigung. „Ich habe Sie mir auch älter vorgestellt“, erwiderte Mattie ein bisschen verwirrt. Da Sie ein Freund von George sind …“ Wieder wurde sie vom Knurren ihres Magens unterbrochen.

„Kommen Sie.“ Grant stand auf, und Mattie stellte fest, dass er sie um etliches überragte. Er führte sie ins Lokal. „Sie können etwas essen, bevor wir übers Geschäft reden.“

Mattie wollte gerade protestieren, als ein sehr großer schmutziger Hund erschien. Bevor sie ihm ausweichen konnte, sprang er an ihr hoch, presste die schlammigen Pfoten auf ihr Hemd und fuhr ihr mit seiner feuchten Zunge über die Wangen. Mattie verlor das Gleichgewicht und lehnte sich Halt suchend an Grant.

„Runter, Hannibal!“, befahl Grant. „Sind Sie in Ordnung?“

Mattie antwortete nicht sofort. Seine Brust fühlte sich an ihrem Rücken so solide wie ein Felsen an. Und sie stellte auch fest, dass sie ein bisschen atemlos war, so als wäre sie einen steilen Hügel hinaufgerannt. Ihre Knie waren ebenfalls weich, besonders als Grant sie in seinen Armen zu sich umdrehte.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er wieder.

„Ja.“ Ihre Stimme klang schwach. Sie räusperte sich. „Ja, wirklich.“

„Tut mir leid.“ Er ließ sie noch nicht los. Ihr Gesicht war seinem sehr nahe, und er konnte die violetten Pünktchen in ihren Augen erkennen. Ein zarter Duft umgab Miss Farrell, der ihn an Vanille erinnerte. Sein Blick fiel auf ihren Mund. Gerade als er anfing, sich zu überlegen, wie ihre weichen, vollen Lippen wohl schmecken mochten, trat sie einen Schritt zurück.

Der Hund bellte, doch diesmal hielt Grant ihn fest, bevor er hochspringen konnte. „Pfui, Hannibal!“

Der Vierbeiner setzte sich hin und wedelte mit dem Schwanz. Grant beobachtete, wie Mattie sich mit dem Hund bekannt machte, und wartete darauf, dass sein Körper sich beruhigte. Aber er brauchte diese Frau bloß anzusehen und schon musste er daran denken, wie sie sich in seinen Armen angefühlt hatte. Schlanker, als sie aussah. Zierlicher. Einen Moment lang hatte er sich gewünscht, sie zu küssen. Tatsächlich tat er das immer noch.

Er blickte auf ihre Hände hinunter, während sie Hannibal streichelte. Sie trug einen goldenen Ring mit einem kleinen Stein, und zwar an der rechten Hand.

Grant rief sich ins Gedächtnis, was George ihm über seine Mieterin erzählt hatte. Nicht viel, außer dass sie jahrzehntelange Erfahrung im Restaurantgeschäft hatte. Er beobachtete, wie geschmeidig sie nun aufstand. Das konnte nur stimmen, falls sie schon als Kind am Herd gestanden hatte.

„Schauen Sie, Mr Whittaker …“

„Grant.“ Erst jetzt sah er die Pfotenabdrücke auf ihrer Brust. „Ihr Hemd ist ruiniert. Ich werde es ersetzen.“

„Das ist nur Dreck.“ Der Hund bellte wieder und schob sich unter ihre Hand. „Sehen Sie, er entschuldigt sich. Gehört er Ihnen?“

„Er schließt sich jedem an, der ihn füttert. Und was das Essen angeht, haben Sie Glück. Es gibt heute frischen Blaubeerkuchen, und wenn Sie mit Hannibal teilen, haben Sie sein Herz gewonnen.“

Das Innere des Schnellrestaurants war makellos sauber. Der Tresen glänzte. Mattie nahm auf einem Hocker Platz und öffnete ihre Aktentasche.

„Zuerst das Vergnügen.“ Grant Eiskaffee und ein Stück Blaubeerkuchen vor ihr ab.

Mattie starrte den Kuchen an. „Der ist ja blau.“

„Deshalb heißen die Dinger Blaubeeren.“

„Aber der ganze Kuchen ist blau!“

Grant zwinkerte ihr zu. „Dies ist kein Gourmettempel. Wir haben hier keine Zeit, uns um das Aussehen Gedanken zu machen. Die Beeren waren so groß und reif, dass sie den Teig ein bisschen gefärbt haben. Kosten Sie.“

Mattie trank erst mal einen Schluck Eiskaffee, um Zeit zu gewinnen. Der Kuchen sah wirklich schrecklich aus. „Gutes Essen sollte alle Sinne ansprechen.“

„Sie dürfen gern zuerst dran schnüffeln, wenn Sie wollen.“

Das tat sie. Zu ihrer Überraschung duftete der Kuchen viel besser, als er aussah.

Hannibal jaulte, und Grant warf ihm einen Happen zu. Er fing ihn auf und ließ sich dann vor der Tür nieder.

„Sehen Sie? Hannibal mag ihn, und wenn wir übers Geschäft sprechen wollen, wird das viel schneller gehen ohne Ihr dauerndes Magenknurren.“

Resigniert steckte Mattie ein Stück in den Mund. Und gleich noch eins. „Der schmeckt ja herrlich.“ Sie aß noch einen dritten Bissen. Als kein einziger Krümel mehr übrig war, blickte sie zu Grant auf und stellte fest, dass er grinste. „Es muss aber eine Möglichkeit geben, ihn besser aussehen zu lassen“, sagte sie.

„Wahrscheinlich. Aber in einem Schnellrestaurant geht es hauptsächlich um den Geschmack.“

„In Gourmetrestaurants sind wir der Ansicht, dass Aussehen und Präsentation den Geschmack verbessern.“

Grant sah zuerst Matties Lippen an, dann blickte er ihr in die Augen. „Wir können Ihre Theorie gleich testen, wenn Sie möchten.“

Mattie erschauerte, kämpfte jedoch dagegen an. „Geben Sie mir das Rezept, und lassen Sie mich ein herumexperimentieren.“

Er lachte. „Ich habe geschworen zu schweigen. Sie müssen George danach fragen.“

„Wie geht es ihm?“

„Er beschwert sich bei den Ärzten, dass er noch nicht wieder herumrennen kann, und flirtet mit den Schwestern.“ Grant musterte Mattie einen Moment. „Wissen Sie, ich glaube, er hat mich absichtlich irregeleitet, was Ihr Alter angeht. Er hat mir erzählt, Sie hätten jahrzehntelange Erfahrung im Restaurantgeschäft, und dass Sie einen Gasthof in Maryland geführt haben.“

„Er hat nicht gelogen. Ich habe im Restaurant meiner Mutter in Syracuse angefangen zu kochen, gleich nachdem mein Vater getötet worden war. Mein Bruder und meine Schwester haben ebenfalls geholfen. Ich war damals zehn, also ist es fast zwanzig Jahre her. Und ich hatte wirklich ein Jahr lang einen Gasthof in Maryland.“

„Den haben Sie verlassen, um nach Barclayville zu kommen?“

Mattie merkte, dass sie die Hände verkrampft hatte. „Ich hatte Probleme mit meinem Teilhaber. Der Gasthof war erfolgreich und ist es immer noch. Wieso ist mein Alter ein Problem?“

„Wenn Sie älter wären, würde es nicht so viel ausmachen. Zur Hölle, George weiß doch, wie ich denke. Er hat mich sogar in dem Glauben gelassen, er wäre in Sie verliebt.“ Matties verblüffter Gesichtsausdruck verriet Grant, dass er sich völlig unklar ausdrückte. „Ich sollte besser am Anfang beginnen. Ich habe Whittaker House und das alte Herrenhaus auf dem Hügel geerbt, als ich siebzehn war. Damals habe ich geschworen, dass ich beide leer stehen lassen würde, solange sie mir gehören.“

„Warum?“

„Weil ich fand, dass sie schon genügend Leben ruiniert hatten. Es gibt eine lange Geschichte von unglücklichen Vorkommnissen, die mit beiden Häusern verbunden sind. Ich wollte dem ein Ende setzen.“

„Und wenn ich in Georges Alter wäre, gäbe es bei mir nicht mehr viel zu ruinieren?“ Mattie griff nach ihrem Eiskaffee.

„Ja, das habe ich wohl gedacht. Es ist nicht so, als hätte ich bisher Leute abweisen müssen. Whittaker House war fünfundzwanzig Jahre unbewohnt.“ Grant stellte Matties Teller in die Spüle. „Alle machen den Geist dafür verantwortlich.“

Mattie erstickte fast an ihrem Eiskaffee. „Einen Geist?“ Sie begann zu husten.

Grant lehnte sich über den Tresen und klopfte ihr auf den Rücken. „Ich weiß, es klingt komisch.“ Sobald Mattie wieder normal atmete, fuhr er fort. „Ich persönlich halte es für Unsinn, aber die gesamte Stadt glaubt daran, dass meine Großtante im Whittaker House spukt.“

„Sie glauben es nicht?“

„Ich dachte immer, dass kein Geist, der etwas auf sich hält, in dieser Stadt bleiben würde. Und warum wollen Sie das übrigens? Ich weiß, Sie sind hier, um den Mietvertrag zu erweitern, aber ich bin bereit, Sie ganz davon zu entbinden. Der vernünftigste Rat, den ich Ihnen geben kann, ist, aus Barclayville zu verschwinden.“

Mattie starrte ihn an. Er meinte es offensichtlich völlig ernst.

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Hatte Mark Brenner sie nicht aus dem Geschäft gedrängt, nachdem sie ihm geholfen hatte, dessen Erfolg zu begründen? Hoffte Grant Whittaker, auf dem aufzubauen, was sie geschaffen hatte? Ob sein Kuchen nun blau war oder nicht, er hatte eine Menge Erfahrung im Hotelmanagement. „Haben Sie vor, ein eigenes Restaurant zu eröffnen? Wollen Sie mich deshalb loswerden?“

Grant schüttelte ungeduldig den Kopf. „Nein. Sobald George sich erholt hat, verschwinde ich. Barclayville ist einfach kein guter Ort, um sich niederzulassen.“

Mattie lächelte erleichtert. „Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich wohne ja nicht hier, sondern führe nur ein Lokal. Und das Restaurant läuft sehr gut, besonders wenn man bedenkt, dass es nur von Donnerstag bis Sonntag geöffnet hat.“ Sie holte den Mietvertrag und einen schmalen Ordner aus ihrer Aktentasche und legte sie auf den Tisch. „Tatsächlich läuft es so gut, dass ich es erweitern will. Ich möchte das alte Herrenhaus auf dem Hügel hinter Whittake House renovieren, Badezimmer einbauen und Übernachtungsmöglichkeiten anbieten.“ Sie deutete auf den Ordner. „Hier habe ich einen kompletten Geschäftsplan für die ersten zwei Jahre mit vielversprechender Gewinnspanne. Die Bedingungen des Mietvertrages wären die gleichen wie bisher. Ich habe immer noch die Option, innerhalb von drei Jahren zu kaufen.“ Sie blätterte um. „Da ist nur ein Unterschied. Weil ein gewisses Risiko besteht, gebe ich Ihnen eine Gewinnbeteiligung von fünfzehn Prozent.“ Sie hielt Grant einen Stift hin.

Er ignorierte ihn. „Sie können das nicht ernst meinen. Haben Sie mit irgendwem in der Stadt darüber geredet?“

„Mit den Clemson-Schwestern. Sie helfen mir im Whittaker House.“

„Und die beiden haben Sie ermutigt? Sie haben den Fluch nicht erwähnt?“

„Ermutigt“, war nicht gerade das Wort, das Mattie gewählt hätte, um die Reaktion der Clemson-Schwestern zu beschreiben. Doch jetzt konzentrierte sie sich auf Grants letzten Satz. „Welchen Fluch?“

„Die Whittakers, die Barclays und alle, die jemals mit dem Ort zu tun hatten, sind davon betroffen, sogar Dienstboten und Lieferanten. Er hat so ziemlich alle jüngeren Leute von hier vertrieben.“

Mattie sah zu, wie Grant hinter dem Tresen hin und her ging. „Sie glauben nicht an diesen Geist, aber an den Fluch?“

Er beugte sich zu ihr herüber. „Es kommt mir schon lächerlich vor, auch nur darüber zu reden, aber es gibt eine Menge Beweise dafür.“

Er war ihr so nah, dass sie seine faszinierenden Augen ganz deutlich sehen konnte. Jetzt legte sie den Stift weg. „Was genau richtet diese Großtante von Ihnen denn angeblich an?“

„Sie bringt Ehen zum Scheitern.“ Grant fluchte im Stillen. Es klang immer so lahm, wenn er es in Worte fasste. „Seit sie Peter Barclay hat sitzen lassen, ist es niemandem, der mit dem Haus zu tun hatte, gelungen, verheiratet zu bleiben. Sie lassen sich alle scheiden.“

„Das ist es?“ Mattie hatte Mühe, ernst zu bleiben. „Sie müssen wissen, dass dieser Fluch nicht auf Barclayville beschränkt ist. Mehr als die Hälfte aller Ehen in diesem Land scheitern.“ Sie griff wieder nach dem Stift und hielt ihn Grant hin. „Ich bin bereit, es zu riskieren.“

„Nein. Ich kann nichts gegen Ihren Mietvertrag für Whittaker House machen, aber ich werde Ihnen bei Ihren Erweiterungsplänen nicht helfen, indem ich Ihnen das Herrenhaus überlasse.“

Mattie lächelte strahlend. „Und wenn ich Ihnen schriftlich bestätige, dass ich nicht heiraten werde? Dazu werde ich viel zu beschäftigt sein. Außerdem weiß ich aus Erfahrung, dass es nichts bringt, Beruf und Privatleben zu vermischen.“

„Ich merke, dass Sie es für einen Witz halten, und mir ist auch klar, wie es klingt, aber ich versichere Ihnen …“

Das Telefon klingelte. Grant griff nach dem Hörer. „Joel. Wie war es in San Diego?“

Mattie beobachtete ihn und stellte fest, dass er ein vielschichtiger Mensch war. Hinter dem charmanten Äußeren steckte eine ernsthafte Seite. Und sie war sicher, dass er es gut meinte. Doch so etwas konnte manchmal sehr frustrierend sein. Ihr älterer Bruder spielte den Schutzengel für sie, seit sie aus Maryland zurück war, und wenn ein Staatsanwalt das tat, konnte es peinlich werden. Beispielsweise als er einen Bekannten, mit dem sie sich verabredet hatte, vorsichtshalber gleich diskret überprüfen ließ …

In gewisser Weise erinnerte Grant sie an Roarke. Sie würde ihm genauso aus dem Weg gehen müssen wie ihrem Bruder, sobald sie ihn dazu gebracht hatte zu unterschreiben.

Mit einem Mal änderte sich Grants eben noch freundschaftlicher Ton. „Ja, deine Sekretärin hat es mir berichtet. Ich bin deshalb nicht begeistert, weil ich meine Ex-Frau kenne. Wenn Lisa bereit ist, das Sorgerecht aufzugeben, dann ist da ein Haken. Bevor ich feiere, will ich, dass du das Kleingedruckte interpretierst.“ Grant sah auf seine Uhr. „Okay. Ich bin um vier in deinem Büro.“

Matties Blick fiel auf die Dokumente vor ihr. Der Mietvertrag war nur zwei Seiten lang, und ein gebildeter Mensch würde nicht länger als fünf Minuten brauchen, um ihn zu lesen. Wie lange hatte man wohl mit einer Sorgerechtsvereinbarung zu tun? Wie stand ein Elternteil das durch, wenn es um die Zukunft eines Kindes ging?

Als sie Grant nun ansah, starrte er aus dem Fenster.

„Mr Whittaker“, sagte sie und rutschte von ihrem Hocker.

„Grant“, antwortete er automatisch, blickte jedoch weiter auf den Parkplatz hinaus.

„Wie wäre es, wenn ich Ihnen die Papiere hierlassen würde? Sie könnten sie später durchsehen.“ Mattie ging zur Tür, aber die ließ sich nicht öffnen, weil Hannibal genau davor lag.

„Der Weg zu Hannibals Herz führt immer durch seinen Magen.“

Mattie drehte sich um. Grant winkte mit einem Stück Blaubeerkuchen. Als er es ein paar Meter weit warf, sprang der Hund auf und stürzte sich darauf. Grant grinste Mattie zu. „Der Geschmack ist gut genug, um Berge zu versetzen. Fällt Ihnen dagegen noch ein Argument ein?“

„Wer weiß, was der Kuchen erst bewirken würde, wenn er besser aussähe?“ Mattie öffnete die Tür. „Ich muss für heute Abend einiges vorbereiten. Ich lasse Ihnen die Papiere hier.“

Grant beobachtete, wie sie die Stufen hinunterlief. Eigentlich wollte er ihr nachrufen, dass er seine Meinung nicht ändern würde, aber dann wurde er von ihrer geschmeidigen Art, sich zu bewegen, abgelenkt.

Er folgte ihr zum Auto. „Wenn wir uns wieder unterhalten, sollte ich Ihren Vornamen kennen. Wofür steht das M? Mary? Martha? Nein. Miranda vielleicht? Minerva? Marguerita?“ Er machte eine Pause, während sie sich über den Beifahrersitz schob und hinter dem Lenkrad Platz nahm. Dann beugte er sich zum Fenster vor. „Mamie? Mandy? Minnie? Nein, eine Maus sind Sie bestimmt nicht.“

Mattie musste lachen. Grant griff nach ihrer Hand, und ihr Puls begann zu rasen.

„Der Ring ist hübsch. Aber Sie sind nicht verlobt.“

„Das geht Sie …“

„… nichts an. Ich weiß.“ Grant legte ihre Hand aufs Lenkrad zurück. „Ich weiß nur gern, womit ich es zu tun habe.“

„Stellen Sie sich eine Betonmauer vor.“

Er lachte. „Es scheint, dass ich schon gegen eine gelaufen bin. Ich kann Sie nicht mal dazu bewegen, mir Ihren Namen zu verraten.“

Wenn sein Lachen nicht so ansteckend gewesen wäre, hätte sie sich vielleicht weiter ärgern können. Aber das gelang ihr nicht. „Sie haben gewonnen. Ich wurde Moira getauft, aber nur mein Bruder wagt es, mich so zu nennen. Mein Vater hat mich Mattie genannt, und das ist hängen geblieben.“ Sie startete den Motor und fuhr los.

Grant sah ihr mit einem jungenhaften Grinsen nach. Mattie! Der Sommer in Barclayville versprach viel interessanter zu werden, als er gedacht hatte.

In Matties Kopf drehte sich alles, als sie vor dem Whittaker House hielt. Geister, Flüche und Grant Whittaker … besonders Grant Whittaker beschäftigte sie.

Nun steuerte sie auf ihr Restaurant zu. Vom ersten Tag an hatte sie sich hier zu Hause gefühlt. Schon der Anblick des zweistöckigen weißen Gebäudes mit den roten Fensterläden brachte sie zum Lächeln.

Ihr Vater hätte es geliebt. Er hatte immer davon geredet, einen Gasthof auf dem Land zu eröffnen, weit entfernt von den Gefahren des Großstadtlebens. Wie er die Stadt gehasst hatte! Und am Ende hatte sie ihn das Leben gekostet.

Sie betrachtete den Rasen. In letzter Zeit dachte sie oft an ihren Vater. Besonders seit sie in Maryland gescheitert war, weil sie Mark Brenner vertraut hatte und geglaubt hatte, ihn zu lieben. Aber das war Vergangenheit. Diesmal würde sie sich nur auf sich selbst verlassen.

Ihr Vater hätte ihr in dieser Hinsicht zugestimmt. Als sie damals mit einem blauen Auge vom Spielplatz gekommen war, hatte er gesagt: „Mach dir keine Sorgen deswegen. Lass bloß nicht zu, dass der Kerl dich noch einmal schlägt.“

Sie würde sich nicht von Grant Whittaker aufhalten lassen.

Immerhin hatte sie das dem Geist auch nicht erlaubt.

Chopin-Klänge kamen ihr entgegen, als sie die Veranda überquerte, und die Tür schwang auf. Im Foyer stand ein Blumenkübel genau vor der Treppe.

Wie lange wusste sie schon, dass es in Whittaker House spukte? Mattie dachte nach, während sie den Blumenkübel an seinen Platz zurückschob. Die Musik brach ab, und eine Art Kichern erklang. Mattie grinste unwillkürlich.

Seit das Restaurant eröffnet worden war, gab es Ärger um den Standplatz des Kübels. Mattie hatte keine Ahnung, warum. Und dann dieser Fleck oben an der Treppe, wo es immer kalt war. Doch sie selbst war der einzige Mensch, der Grund hatte, nach oben zu gehen. Sie konnte nur vermuten, dass ihr Geist einen Tick hatte, was Treppen anging.

Mattie war sich von Anfang an bewusst gewesen, dass etwas in diesem Haus nicht mit rechten Dingen zuging. Zuerst war da der Fliederduft gewesen – an einem regnerischen Tag im März. Damals war die Tür noch nicht aufgeschwungen, aber einen Schlüssel hatte Mattie trotzdem nie gebraucht. Als sie das erste Mal die Musik gehört hatte, hatte sie geschlafen. Am nächsten Tag hatte sie auf dem Speicher das Cembalo entdeckt.

Mattie ging zwischen den Tischen hindurch zu der Nische, in der es jetzt stand. Niemand in Barclayville hatte auch nur ein Wort über den Geist gesagt, obwohl alle Bescheid gewusst hatten. Sogar George Schuler hatte es für sich behalten.

Mattie allerdings auch. Ein ganzes Jahr lang hatte sie den Geist mit keinem Wort erwähnt, nicht mal ihrer Familie gegenüber. Wie lange hätte sie das Geheimnis noch gewahrt, wenn Grant Whittaker nichts gesagt hätte? Mattie drehte sich wieder zum Cembalo um. „Ich habe heute deinen Großneffen kennengelernt.“

Nichts.

„Er meint, jeder hier weiß über dich Bescheid. Aber er glaubt nicht an dich.“

Das Cembalo schwieg.

„Er hat mir auch von dem Fluch erzählt.“

Immer noch keine Antwort. Mattie steuerte auf die Küche zu, doch bevor sie dort ankam, erklangen die erste Takte von Mendelssohns Hochzeitsmarsch. „Du weißt also davon? Ich verstehe aber nicht, wieso du alle Ehen in Barclayville zum Scheitern bringen solltest.“

Wieder drehte sich alles in ihrem Kopf. Was war los mit ihr? Sie sprach tatsächlich mit einem Geist, an den sie glaubte, über einen Fluch, an den sie nicht glaubte. Doch beides erschien ihr weniger verwirrend als Grant Whittaker und ihre Reaktion auf ihn.

Was sie wirklich nötig hatte, waren zwei Stunden in ihrer Küche, in denen sie sich nur auf die „Bombe au chocolat“ konzentrierte. Danach würde sie fähig sein, mit allem fertig zu werden, sogar mit Grant Whittaker.

Aus dem Speisesaal kamen wieder Chopin-Klänge, diesmal eine Polonaise. Mattie lachte. Der Geist war offenbar auf ihrer Seite.

„Wenn du deinen Sohn willst, nutz diese Gelegenheit.“

Grant beobachtete, wie sein Anwalt auf dem Orientteppich hin und her ging. Joel Lawson wirkte eher wie ein Sportler, nicht wie der beste Experte für Sorgerechtsfälle. Aber das luxuriöse Büro bewies seinen Erfolg, und außerdem kannte Grant ihn seit dem Studium und vertraute ihm.

Joel nahm auf der Schreibtischecke Platz. „Lisa stellt Bedingungen, das ist richtig. Aber keine, die du nicht erfüllen kannst. Und nichts, von dem J. D. nicht profitieren würde. Sie will sicherstellen, dass du ihm ein stabiles Zuhause schaffst.“

„Damit habe ich kein Problem.“

Joel sah ihm in die Augen. „Das bedeutet ein Haus, kein Apartment, ein Auto, kein Motorrad, und du musst zumindest vorläufig die Beratertätigkeit aufgeben. Ich schlage vor, du konzentrierst dich in den nächsten Semestern ganz aufs Unterrichten.“

„Und soll ich auch noch einen Kopfstand machen, bevor sie mir meinen Sohn gibt?“, wollte Grant wissen.

Joel seufzte. „Es wird leichter, wenn du es nicht so betrachtest. Ich habe zweimal mit dem Anwalt deiner Ex-Frau gesprochen. Sie ist schwanger, und ihr neuer Ehemann setzt sie unter Druck, damit sie dir J. D. überlässt und so mehr Zeit für das Baby hat. Wenn sie jetzt Ansprüche stellt, ist das wohl ihre Art, mit ihrem Schuldgefühl umzugehen. Was immer sie verlangt, du solltest noch einen Schritt weiter gehen. Und zwar schnell. Je eher du sie überzeugen kannst, dass du sesshaft geworden bist, um so besser.“

Grant starrte zum Fenster hinaus. Seine Wanderlust war von Beginn ihrer Ehe an Anlass zu Streit gewesen. Er hatte damals die Beraterjobs reduziert, aber nicht aufgegeben, mit dem Argument, dass die praktische Erfahrung ihn zu einem besseren Lehrer machte.

„Okay. Es ist kein Problem, mehr zu unterrichten. Und da sind Kollegen, die meine Beraterjobs übernehmen können. Aber ich kann Barclayville noch mindestens zwei Monate lang nicht verlassen.“

„Das ist in Ordnung.“

Grant verzog das Gesicht. „Muss ich mir nicht ein Haus suchen?“

„Nicht wenn du dort bleibst.“ Joel holte ein Dokument hervor. „Besitzt du nicht zwei Häuser? Ja, es steht in der Scheidungsvereinbarung. Dein Elternhaus und das Herrenhaus, das deine Großtante als Verlobungsgeschenk bekommen hat. Ich wüsste immer noch gern, wie sie es geschafft hat, den Kerl sitzen zu lassen und das Haus zu behalten. Sie muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein.“ Joel blickte auf. „Zieh in eins der Häuser. Und könntest du eventuell dieses Schnellrestaurant kaufen, das du gerade führst?“

„Nein! Ich habe keinerlei Bedürfnis, dort zu bleiben.“

„Das würde aber deiner Ex-Frau beweisen, dass du J. D. Sicherheit geben kannst.“

„Du verstehst das nicht. Ich will ihn nicht dort aufziehen.“ Grant zögerte.

„Du machst dir doch wohl keine Sorgen wegen des Fluchs?“ Joel grinste. „Ist es mit damit nicht so wie mit den Blitzen, die auch nicht zweimal an derselben Stelle einschlagen? Und du bist ja schon mal getroffen worden.“

Grant starrte ihn an. „Woher …“

„Du hast es mir mal erzählt.“ Joel lächelte. „Da hattest du eine Menge Bier getrunken. Keine Angst. Ich habe es nie jemandem verraten, weil ich mir dachte, dass du es nicht wirklich ernst gemeint hast.“

„Natürlich nicht. Vom Verstand her weiß ich, dass es so etwas nicht gibt.“ Grant griff nach der Rückenlehne eines Stuhls. „Es hatte nichts mit dem Unfall meiner Mutter zu tun.“ Aber er brauchte nur daran zu denken, schon sah er wieder vor sich, wie er mit fünf Jahren auf der Veranda gestanden und gesehen hatte, wie ein paar Teenager mit ihrem Wagen in das Auto seiner Mutter hineingerast waren. „Und als mein Vater zum Alkoholiker wurde, war auch kein Fluch daran schuld. Doch für ein Kind ist es eine Versuchung, irgendwas … irgendwen … für all diese traurigen Dinge verantwortlich zu machen.“ Er versuchte sich zu entspannen. „Es ist lächerlich, ich weiß. Vielleicht lag es daran, dass ich mit einem Geist verwandt bin, dem alle in diesem Ort die Schuld an ihrem Unglück geben. Ich dachte, ich könnte dem ein Ende setzen, wenn ich die Häuser zusperre und wegziehe.“

Joel lehnte sich zurück. „Ich würde nicht empfehlen, dass du dort hinziehst, wenn es nicht das Beste für J. D. wäre.“

„Das ist mir klar.“ Grant setzte sich. „Wie lange müsste ich mit ihm in Barclayville bleiben?“

Joel winkte ab. „Über deine langfristigen Pläne will ich gar nichts wissen. Ich brauche nur überzeugende Einzelheiten für den Anwalt deiner Ex-Frau.“

Grant dachte nach. „Lisa wäre nicht beeindruckt von einem Schnellrestaurant. Und ihre Mutter auch nicht.“

„Dann mach einen dieser Fünf-Sterne-Gourmettempel draus. Du hast ja genügend Leuten geholfen, in dem Geschäft Fuß zu fassen. Jetzt setz deine Kenntnisse für dich selbst ein.“

„Es gibt schon ein erstklassiges Restaurant in Barclayville. George hat einen Mietvertrag für mein Elternhaus ausgehandelt. Ich glaube nicht, dass dort zwei solche Läden laufen können.“

„Moment mal. Whittaker House ist schon ein Restaurant?“

„Ja. Es wird von einer jungen Frau namens Mattie Farrell geführt, und ich habe zufällig ihren Geschäftsbericht über das erste Jahr und einen Erweiterungsplan.“

„Kauf es ihr ab.“

Grant dachte an Matties Entschlossenheit. „Ich glaube nicht, dass sie verkaufen würde.“

„Dann mach ihr ein Partnerschaftsangebot.“

„Ich möchte nichts zu tun haben mit etwas, das jemanden in Barclayville festhält.“

Joel seufzte und holte eine Flasche Scotch. „Wieder der Fluch.“ Er goss ein und reichte Grant ein Glas. „Erzähl ihr davon. Dann bist du abgesichert für den Fall, dass sie klagt.“

„Das habe ich schon.“

Joel trank einen Schluck. „Du hast doch keine Beziehung zu dieser Frau, oder?“

„Natürlich nicht. Ich habe zurzeit genug um die Ohren.“

„Worüber machst du dir dann Sorgen? Als ihr Teilhaber kannst du sie ja notfalls schützen.“

Grant hob sein Glas. „Und wenn sie keinen Teilhaber will?“

Joel stieß mit ihm an. „Denk an deinen Sohn, und mach ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.“

2. KAPITEL

Es war fast Mitternacht, als die letzten Gäste gingen. Die Küche war bereits makellos sauber. Ada Mae Clemson stand am Herd und rührte in einem Topf.

„Heiße Milch!“ Sie drohte Mattie mit einem Finger. „Keine Widerrede. Sie sind erschöpft und brauchen Schlaf.“

Ada Mae war nur eins fünfundfünfzig groß, aber gebaut wie ein Boxer, und sie benahm sich wie ein Ausbilder bei der Armee. Mattie hatte schon vor einiger Zeit gelernt, dass es sinnlos war, sich mit ihr zu streiten. Und es gab auch wichtigere Dinge, die sie mit den beiden Schwestern besprechen musste.

„Was ist das?“ Lily kam herein, warf einen Blick in den Topf und verzog die Nase. „Heiße Milch ist etwas für alte Damen. Mattie braucht einen Mann.“

Ada Mae schnaubte nur und goss etwas Brandy in den Topf.

Mattie musterte die beiden. Sie hätten nicht verschiedener sein können. Ada Mae war eine Mischung aus General Patton und Mary Poppins, Lily dagegen hatte etwas Katzenhaftes.

Ada Mae war alleinstehend und hatte über dreißig Jahre lang an der Grundschule von Barclayville unterrichtet. Sie war voller Energie, während ihre jüngere Schwester eher träge war. Lily stand nie, wenn sie sitzen konnte, und saß nie, wenn sie sich hinlegen konnte. Laut Ada Mae hatte Lily ihre Ehemänner fast ebenso oft gewechselt wie ihre Haarfarbe. Zur Zeit waren ihre Locken pfirsichfarben.

„Trinken Sie.“ Ada Mae stellte eine Tasse vor Mattie ab.

„Was halten Sie von Grant Whittaker?“, fragte Lily.

Mattie blies in ihre Milch, während sie überlegte. Was sie von Grant Whittaker hielt, war nicht annähernd so beunruhigend wie die Häufigkeit, mit der sie an ihn dachte. Er war ihr den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen. „Er ist nett“, sagte sie nun. „Aber er bringt Schwierigkeiten mit sich.“

Lily lachte. „Wundervoll. Eine Frau erwartet nie Ärger von einen Mann, wenn nicht ein Funke übergesprungen ist.“

Ada Mae sah ihre Schwester böse an. „Achten Sie nicht auf Lily“, riet sie Mattie. „Ich will wissen, ob er den Mietvertrag unterschrieben hat.“

„Noch nicht. Aber wir treffen uns wieder.“

„Nun, ich hoffe, er bringt Sie zur Vernunft.“

Mattie stellte ihre Tasse weg. „Er hat mir von dem Fluch erzählt, falls Sie das damit meinen.“

„Pscht!“ Lily blickte über die Schulter. „Sie wird Sie hören.“

Ada Mae warf ihrer Schwester einen mörderischen Blick zu. „Lily …“

„Von dem Geist hat er mir auch erzählt“, fügte Mattie hinzu. „Was ich gern wüsste, ist, warum keine von Ihnen sich die Mühe gemacht hat zu erwähnen, dass es in meinem Restaurant spukt.“

„Nicht jeder ist fähig, die Anwesenheit eines Geistes zu spüren“, begann Lily.

„Unsinn.“ Ada Mae goss sich Brandy ein und kippte ihn hinunter. „Wir haben es Ihnen nicht gesagt, weil wir Sie nicht abschrecken wollten.“

„Und Sie dachten, ich merke nicht, dass Zucker in den Salzstreuern ist, dass das Cembalo von allein spielt und dass dieser Blumenkübel immer die Treppe blockiert?“

„Kinderkram“, meinte Ada Mae.

„Glauben Sie mir, meine Liebe“, flüsterte Lily. „Der Geist mag Sie. Sie will Sie hier haben, sonst wären Sie schon fort.“

„Sie hatte immer ihren eigenen Kopf.“ Ada Mae stellte ihr Glas weg.

„Sie kannten sie?“ Mattie sah von einer Schwester zur anderen. „Wie war sie?“

Lily seufzte. „Eine Herzensbrecherin. Und sehr emanzipiert für ihre Zeit. Nachdem ihr Bruder geheiratet hatte und weggezogen war, hat sie dieses Haus in eine Pension verwandelt. Eine sehr erfolgreiche noch dazu. Sie war eine ausgezeichnete Köchin. Als Peter Barclay ihr einen Heiratsantrag machte, war sie schon vierundzwanzig, fast eine alte Jungfer.“

Ada Mae schnaubte. „Sie hat auf einen reichen Mann gewartet.“

Lily schüttelte den Kopf. „Es war eine märchenhafte Geschichte. Die Barclays stammten aus Manhattan und waren Bankiers und Politiker. Sie verbrachten nur die Sommer hier, aber einige ihrer Gäste … Senatoren kamen her und einmal sogar der Gouverneur. Wenn ich zehn Jahre älter gewesen wäre, hätte ich mir Peter selbst geangelt.“

„Warum hat sie ihn dann verlassen?“

„Sie hat es sich anders überlegt und ist einfach verschwunden“, berichtete Ada Mae. „Und seitdem ist die ganze Stadt mit unglücklichen Ehen gestraft. Es könnte alles von vorn anfangen, wenn Sie sich wieder am Herrenhaus zu schaffen machen.“

„Ich glaube das nicht“, sagte Mattie. „Der Geist, den ich kenne, würde so etwas nicht tun.“

Vorn im Haus schwang plötzlich die Tür auf, und aus dem Speisesaal erklang der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn.

„Was ist denn das?“ Ada Mae griff nach einer Bratpfanne und rannte los.

Grant trat vorsichtig ins Foyer. Er hatte noch nicht einmal die Hand heben können, um zu klopfen, da war die Tür schon aufgeschwungen und drinnen gegen die Wand geknallt. Zusätzlich war das Licht ausgegangen. Warum war er nur hergekommen? Er gab gar nicht gern zu, dass ihn ein starker Drang in die Einfahrt vom Whittaker House getrieben hatte. Er war müde. Eigentlich hatte er sein Gespräch mit Mattie Farrell auf morgen verschieben wollen. Doch sein Motorrad hatte offenbar einen eigenen Willen.

Nun sah er sich in dem dunklen Gebäude um. Es war fünfundzwanzig Jahre her, seit er es zuletzt betreten hatte. Seit George ihn mitgenommen hatte, hatte er nie zurückkommen wollen. Ein vorübergehendes Arrangement, hatte George damals gesagt. Nur bis Grants Vater wiederkam. Aber der war nie mehr zurückgekehrt.

Grant hatte sich schließlich bei George heimischer gefühlt als in seinem Elternhaus. Trotzdem nahm er jetzt etwas wahr, was ihm eigenartig vertraut erschien. Fliederduft? Dazu die Musik. Diese Melodie hatte er schon gehört.

Schritte näherten sich. Das Licht ging an, und Mattie stand vor ihm. Sie war nicht allein. Und sie war schön in ihrer weißen Hose und der weißen Jacke. Im Lampenlicht wirkte ihr Haar eher golden als rot, und ihre blauvioletten Augen schienen größer zu sein, als er sie in Erinnerung hatte. Grants Mund wurde trocken. Und er spürte wieder diese Anziehungskraft, nur noch stärker.

Mattie musterte Grant. Er wirkte anders als mittags, vielleicht weil er diesmal angezogen war. Sie konnte sich vorstellen, wie angenehm sich sein Leinenanzug und das weiche Hemd unter ihren Händen anfühlen würden. Und es waren nicht nur die Kleidungsstücke, die sie gern berührt hätte. Unwillkürlich trat sie weiter vor.

Dann lief Lily an ihr vorbei. „Grant Whittaker, du hast uns fast zu Tode erschreckt.“

Er hatte Mühe, seinen Blick von Mattie abzuwenden. „Tut mir leid. Aber die Tür ist von selbst aufgegangen.“

„Das macht sie leider oft.“ Ada Mae schloss die Tür und wandte sich dann an Grant. „Vielleicht möchtest du uns erklären, was du so spät hier zu suchen hast.“

„Miss Farrell und ich wurden heute unterbrochen, als wir über Geschäfte sprachen, und ich kam gerade vorbei und habe gesehen, dass noch Licht an war …“

„Geschäfte?“ Ada Mae nickte. „Nun, dann konzentrier dich auch darauf und bring Miss Farrell zur Vernunft. Komm, Lily.“ Sie zog ihre Schwester hinaus.

Grant sah den beiden nach. „Bei ihr habe ich immer noch das Gefühl, Schüler zu sein.“

Mattie lachte. „Das ist ein besonderes Talent von ihr.“ Sie stellte fest, dass sie sich freute, Grant zu sehen. „Kommen Sie in den Salon.“ Sie wollte vorausgehen, aber der Blumenkübel war im Weg. Und als sie ihn beiseite rücken wollte, gelang ihr das nicht.

„Lassen Sie mich.“ Grant schaffte es leicht, ihn hochzuheben. „Wohin?“

„In die Nische da. Allerdings wird er dort nicht lange bleiben.“

Als Grant sich wieder aufrichtete, sah Mattie ihm in die Augen. „Ihre Großtante blockiert damit immer die Treppe, mindestens einmal am Tag.“

Grant starrte sie nur an, und sie redete schnell weiter. „Ich fürchte, ich habe in Ihnen heute den falschen Eindruck geweckt, was den Geist angeht. Tatsächlich kenne ich den schon. Ich wusste bloß nicht, dass auch alle anderen in der Stadt Bescheid wissen.“

Grant starrte sie noch immer an, als wären ihr plötzlich Hörner gewachsen. Mattie fiel ein, wo er gerade herkam und warum, und zog ihn in den Salon. „Aber Sie sind nicht hier, um sich Geistergeschichten anzuhören.“ Sie trat hinter die Bar. „Hätten Sie gern Wein, Bier oder etwas Stärkeres?“

„Bier, bitte.“ Grant sah sich um. Der Salon wirkte jetzt viel einladender als in seiner Kindheit. Zwei Sofas standen sich vor dem Kamin gegenüber. Darüber hing ein Familienporträt – Mutter, Vater, ein Mädchen mit mutwillig funkelnden Augen und ein Junge, der sich offenbar zu Tode langweilte.

„Wo haben Sie das gefunden?“, fragte er Mattie, als sie ihm sein Glas reichte.

„Auf dem Speicher.“

Er hob das Glas. „Auf eine glückliche Familie. Es war zweifellos das letzte Mal für die Whittakers. Der Junge dürfte mein Großvater sein. Ich sah in dem Alter fast genauso aus.“

„Dann ist das Mädchen Ihre Großtante.“ Mattie ging näher heran. „Ich habe mir schon gedacht, dass sie der Geist ist. Wie hieß sie?“

Grant starrte Mattie an. „Sie wissen es wirklich nicht, oder?“

„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich heute zum ersten Mal über sie spreche.“

„Ihr Name war Mattie Whittaker.“

Mattie lief ein kalter Schauder über den Rücken. Hatte sie sich deshalb von Anfang an so von dem Haus angezogen gefühlt? War sie deswegen so sicher, dass der Geist … Mattie … ihr freundlich gesinnt war?

Nein, es war bloß Zufall. Sie glaubte ganz gewiss nicht an Reinkarnation. Allerdings hatte sie früher auch nicht an Geister geglaubt.

„Setzen Sie sich.“ Grant schob sie aufs Sofa. Er hatte nie zuvor jemanden so schnell blass werden sehen. Nun holte er ein Glas Brandy und gab es ihr.

„Jemand hätte mir das sagen sollen“, meinte sie.

Als sie aufstehen wollte, hinderte Grant sie daran. „Trinken Sie zuerst. Sie sind ja so bleich wie ein …“

„Gespenst?“ Sie trank einen Schluck. Dann atmete sie tief ein und warf einen Blick auf das Porträt. Von Mattie Whittaker hatte sie nichts zu befürchten, da war sie sicher.

„Sie glauben wirklich, dass sie hier spukt, was?“, fragte Grant.

„Ja. Haben Sie nie etwas gespürt, als Sie noch hier gewohnt haben?“

Grant schüttelte den Kopf.

„Sie müssen doch den Fliederduft bemerkt haben.“

„Das Haus hat immer nach Flieder gerochen.“

„Das ist sie.“ Mattie stand auf und ging zum Kamin. „Heute Mittag wollten Sie, dass ich an den Fluch glaube. Aber Sie akzeptieren nicht, dass Ihre Großtante noch in diesem Haus gegenwärtig sein könnte. Das ergibt keinen Sinn.“

„Ich wollte nie an den Geist glauben. Alle in der Stadt haben es getan. Mein Vater hat ihn für den Tod meiner Mutter verantwortlich gemacht und für alles Schlechte, das ihm je passiert ist. Wenn sie Peter Barclay geheiratet hätte, wäre es uns gut gegangen. Das behauptete er immer, wenn er getrunken hatte.“

Grant griff nach seinem Glas und musterte wieder das Porträt. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, dass Mattie Whittaker verstand, warum er ihre Existenz leugnete. Er war als kleiner Junge von seinen Eltern verlassen worden. Wie konnte er da seiner Großtante vertrauen?

Nun wandte er sich Mattie Farrell zu. Sie hatte sich inzwischen auf die Armlehne des Sofas gesetzt und hielt die Hände genauso wie Mattie Whittaker auf dem Gemälde. Grant fühlte sich, als hätte er beide Frauen gegen sich. Doch das war lächerlich.

„Ich will immer noch nicht an sie glauben“, sagte er. „Ich ziehe logische Erklärungen vor und akzeptiere nur, was ich sehen kann.“ Er musterte Mattie. „Oder berühren.“

Was hat dieser Mann nur an sich? dachte sie. Er brauchte bloß das Wort auszusprechen, und schon fragte sie sich, wie es wäre, von ihm berührt zu werden. Sie erinnerte sich an ihr Verlangen, ihn anzufassen, als er in der Hängematte gelegen hatte. Und dann vorhin im Foyer. Unwillkürlich blickte sie auf seine Hände. Sie waren schön, mit schlanken, feingliedrigen Fingern, die sich nun um das Glas schlossen. Plötzlich merkte sie, dass er etwas gesagt hatte. „Hm?“

Er lächelte. „Ich glaube auch an das, was ich schmecken kann. Und Sie?“

„Ja.“ Sie riss sich zusammen. „Doch sollten die gleichen Regeln nicht auch für den Fluch gelten? Sie behaupten, es gäbe Beweise. Aber könnten all die Ehen nicht auch aus anderen Gründen gescheitert sein?“

Grant konnte nicht anders, als sie zu bewundern. Sie hatte sein eigenes Argument gegen ihn gerichtet und ihm außerdem das perfekte Stichwort geliefert, um ihr von seiner Meinungsänderung zu erzählen. Aber er zögerte. „Ich habe ernst gemeint, was ich heute Mittag gesagt habe. Es wäre besser für Sie, wenn Sie Barclayville verlassen würden.“

Mattie hob das Kinn. „Ich bleibe.“

Grant nickte. Er und Joel hatte seine Rede beim Dinner geübt. Alles entsprach der Wahrheit. „Ich war nicht fair zu Ihnen. Gewöhnlich treffe ich nie Entscheidungen, ohne die Pläne zu studieren und den Standort zu besichtigen. Ich habe Ihre Papiere inzwischen gelesen und bin beeindruckt.“

„Und jetzt werden Sie den Mietvertrag unterschreiben?“

„Zuerst muss ich mich umsehen.“

„Ich kann Sie morgen herumführen.“

„Ich bin nicht sicher, ob ich so schnell einen Architekten herbekommen kann.“

Mattie winkte ab. „Es gibt keine Bauschäden. Das ist schon überprüft worden. Wie wäre es mit ein Uhr?“

„Gut.“ Grant stand auf. „Aber ich brauche noch einen Bericht von meinem eigenen Architekten.“

„Sicher.“ Mattie konnte kaum ihre Aufregung unterdrücken, als sie ihm zur Tür folgte. Fast wäre sie gegen Grant gestoßen, als er plötzlich stehen blieb, um den Blumenkübel wieder aus dem Weg zu schieben. „Ihre Großtante wird Sie noch überzeugen.“

„Dazu ist mehr nötig. Ich werde prüfen lassen, ob der Boden eben ist.“

„Das ist er. Sie werden schon sehen.“

Was er sah, war Mattie Farrell mit ihrem amüsierten Blick und dem erhobenen Kinn. Er schob ihr eine Locke hinters Ohr. „Selbst wenn es Ihnen gelingt, mich zu überzeugen, dass es hier zwei Matties gibt …“, er strich mit einem Finger über ihre Wange, „… würde ich doch Sie vorziehen.“

Mattie spürte noch immer die Hitze in ihrem Gesicht, lange, nachdem Grant gegangen war.

Am nächsten Tag ging Grant mit Hannibal die lange Einfahrt zum Barclay House hinauf. Sobald das Haus in Sicht war, blieb er stehen. Der Hauptteil war über hundert Jahre alt, und die Barclays hatten mehrmals angebaut. Ein intensiver Duft nach wild wachsendem Geißblatt hing in der Luft.

Jetzt bei Licht fiel es Grant leichter, Geister und Flüche als pure Fantasieprodukte abzutun. Was den Fluch anging, hatte Mattie durchaus recht. Wie viele gescheiterte Ehen waren wirklich darauf zurückzuführen? Seine eigene bestimmt nicht. Eine ungeplante Schwangerschaft war nie eine gute Basis für eine Ehe. Das eigentliche Opfer der Scheidung war J. D., der nun mit fünf Jahren wieder einmal entwurzelt werden würde. Aber zum letzten Mal, das schwor Grant sich.

Er stieg die Stufen hinauf und beobachtete, wie Hannibal sich vor die Tür legte. Grant drehte sich um. Zu seiner Rechten lag das Tal mit den genutzten Feldern, direkt vor ihm Whittaker House, von Apfelbäumen umgeben. Die beiden Häuser waren nicht weit von einander entfernt. Es würde leicht sein, einen Weg anzulegen, auf dem die Gäste spazieren gehen konnten.

Grant verzog das Gesicht. Er sah Matties Pläne bereits als Realität, und das durfte er sich nicht anmerken lassen. Es machte ihm zu schaffen, dass er Mattie hintergehen musste. Sobald er ihre Unterschrift auf dem Partnerschaftsvertrag hatte, würde er ihr die Wahrheit sagen.

In diesem Moment sah er sie über die Wiese näherkommen. Sie trug wieder weiße Jeans, ein Hemd und die rote Gürteltasche. Aber heute hatte sie Turnschuhe an. Während er sie beobachtete, dachte Grant, dass er womöglich leichter mit Geistern und Flüchen fertig werden konnte als mit Miss Farrell.

Sie war eine kluge Geschäftsfrau. Ihre Unterlagen waren bestens ausgearbeitet. Zu seiner großen Überraschung hatte er auch festgestellt, dass sie das Restaurant nicht aus einer Laune heraus eröffnet, sondern vorher genau recherchiert hatte. Whittaker House war weniger als eine Fahrstunde von sechs Colleges und Universitäten und vier mittelgroßen Städten entfernt – ein ausgezeichneter Ort für einen Landgasthof.

Doch ihre beruflichen Fähigkeiten waren nicht das einzige an ihr, das ihn verblüffte. Gestern Abend hatte er das Gefühl gehabt, die Kontrolle zu verlieren. Er fühlte sich zu ihr hingezogen. Sehr sogar.

Aber er musste an J. D. denken. Es war klüger, sich darauf zu konzentrieren. Als er sah, wie die Sonne auf Matties Haar schien, kam ihm allerdings der Gedanke, dass das Leben kurz war. Vielleicht konnte er es sich gar nicht leisten, Geschäft und Vergnügen auseinanderzuhalten.

„Komme ich zu spät?“, fragte Mattie.

„Hannibal und ich waren zu früh da.“

Der Hund schüttelte sich und nieste, als Grant ihn von der Tür wegzerrte.

„Wieso schläft er immer ausgerechnet vor Türen?“, wollte Mattie wissen.

„Ich vermute, dass er auf dem laufenden bleiben will, wer kommt und geht. Er war mal ein ziemlich guter Wachhund.“

Mattie zog die Augenbrauen hoch.

Grant grinste. „Und er hat Angst, verlassen zu werden.“

„Das glaube ich eher.“

Gleich, nachdem sie aufgeschlossen und das Foyer betreten hatten, ließ Hannibal sich wieder auf der Türschwelle nieder. Mattie steuerte auf die Treppe zu.

Grant griff nach ihrem Arm, als sie schon halb oben war. „Haben Sie es immer so eilig?“

„Ich verschwende nicht gern Zeit.“

„Das werde ich mir merken.“

Mattie blickte auf seine Hand hinunter. „Und ich steige schon allein Treppen hinauf, seit ich zwei Jahre alt war.“

„Diese ist ziemlich steil. Ich möchte nicht, dass Sie fallen.“

Er ließ die Hand auf ihrem Arm, bis sie oben waren. Dann entzog Mattie sich ihm. „Das Geländer ist handgeschnitzt.“ Sie holte eine Taschenlampe hervor und beleuchtete den Pfosten. „Das merkt man daran, dass es unregelmäßig ist.“

Grant strich darüber. „Hier sind ein paar Kratzer.“

Mattie verzog das Gesicht. „Das hatte ich noch nicht bemerkt. Aber sie sind nicht tief. Es gibt erstaunlich wenig Spuren von Vandalismus, wenn man bedenkt, dass das Haus schon so lange leer steht. Ist es wirklich der Fluch, der die Leute fünfzig Jahre lang ferngehalten hat?“

„Ich denke, es war eine Kombination aus Angst und Geldmangel. Die Barclay-Familie hat die Möbel abgeholt und das Haus abgeschlossen, nachdem Mattie Peter verlassen hatte. Erst nach Peter Barclays Tod erfuhr mein Großvater, dass Peter Mattie das Haus zur Verlobung geschenkt hatte. Meine Familie konnte es sich nicht leisten, es einzurichten. Doch es war wahrscheinlich der Fluch, der Eindringlinge abgeschreckt hat.“

„Dann hatte er zumindest eine gute Auswirkung.“

„Sie scheinen sich hier auszukennen“, stellte Grant fest.

„Ich war ein paarmal drin.“

„Unbefugtes Betreten?“

Sie blieb vor einer geschnitzten Eichentür stehen. „Es ist kein Schild dran. Und die Terrassentür lässt sich leicht öffnen. Sie wollen doch wohl nicht behaupten, dass Sie nie hier eingebrochen sind, solange Sie in Barclayville gelebt haben?“

Grant lächelte. „Zu Halloween war ich manchmal mit Freunden hier, aber wir sind nicht lange geblieben.“

„Haben Sie Flieder gerochen?“

„Nein.“

Sie griffen gleichzeitig nach dem Türknauf, und einen Moment lag Grants Hand auf Matties. Sie versuchte das erregende Prickeln zu ignorieren, das durch ihren Körper lief, und schob die Tür auf.

„Das war wahrscheinlich das Hauptschlafzimmer.“ Sie deutete auf die Porzellanfliesen neben dem Kamin und die zwei Fenster, die auf das Tal hinausgingen. Grant strich mit einem Finger über den Kamin. Er wirkte entspannt, während Mattie ziemlich durcheinander war.

Es war Zeit, dass sie den Tatsachen ins Auge sah. Etwas an diesem Mann ging ihr unter die Haut. Vielleicht war es die Art, wie er sie ansah, irgendwie erwartungsvoll. Nun, sie hatte jedenfalls keine Zeit für so etwas. Sie musste sich ganz darauf konzentrieren, ihm ihre Idee zu verkaufen.

Sie öffnete die Tür zu einem winzigen angrenzenden Zimmer.

Grant streckte die Arme aus und konnte die gegenüberliegenden Wände gleichzeitig berühren. „Ich wette, hier musste Mr Barclay schlafen, wenn Mrs Barclay sauer war.“

Mattie presste die Lippen zusammen, um nicht zu lächeln, und öffnete eine weitere Tür, die in den Flur führte.

„Oder Mr Barclay ist hierher geflüchtet, um sich mit dem Hausmädchen zu vergnügen.“

Diesmal musste Mattie doch lachen. „Hatten die Barclay-Männer diesen Ruf? Kein Wunder, dass Ihre Großtante Peter sitzen ließ.“

„Ich habe keine Ahnung. Aber man macht sich unwillkürlich Gedanken.“

„Dann denken Sie mal statt dessen an ein Badezimmer.“ Sie trat in den Flur hinaus. „Das ist der perfekte Platz für eins. Ich hoffe, noch vier weitere zu finden.“ Sie machte die nächste Tür auf. „Diese Suite ist sogar noch vielversprechender, meinen Sie nicht?“

Grant trat an den Kamin aus schwarzem Marmor. Mattie winkte ihn zum Fenster hinüber. „Sehen Sie das Loch da? Dort könnte man einen Teich anlegen und im Winter Schlittschuh laufen.“

Grant hatte keine Schwierigkeiten, sich das vorzustellen. „Ihre Ideen beeindrucken mich“, erklärte er. „Sie sind eine gute Geschäftsfrau und haben Fantasie und Weitblick.“

Das freute Mattie. „Danke.“

„Keine Ursache. Jemand mit weniger Weitblick würde einen Swimmingpool planen.“

„Der würde die Atmosphäre zerstören“, meinte sie. „Ich will auch keine Tennisplätze, aber ein kleines Sommerhäuschen wäre möglich.“

„Für Picknicks?“ Grant hob eine Augenbraue.

Sie lächelte zuckersüß. „Oder um sich im Geheimen zu vergnügen.“

Grant lachte. „Sie sind einmalig, Mattie.“ Es drang genügend Sonnenlicht durch das schmutzige Fenster, um ihr Haar leuchten zu lassen. Er schob ihr eine Strähne hinters Ohr. „Sie haben mir nie erzählt, wieso Ihr Vater Sie Mattie genannt hat.“

„Er hatte einen zweiten Sohn erwartet, und den wollte er nach seinem Vater benennen, Matthew Farrell. Der war mal ein berühmter Boxer.“ Mattie trat in den Flur. „Als sich herausstellte, dass ich ein Mädchen war, weigerte sich meine Mutter entschieden, mich Mathilda zu nennen. Moira war ein Kompromiss, aber mein Vater nannte mich immer Mattie. Als ich eines Tages mit einem blauen Auge aus dem Kindergarten kam, meinte er, das wäre ein Zeichen, dass er recht gehabt hatte.“

„Sie sagten, Ihr Bruder nennt Sie Moira?“ Grant probierte es aus. „Moira.“

Mattie warf ihm einen warnenden Blick zu. „Nur weil er mein Bruder ist. Und bevor Sie auf irgendwelche Ideen kommen … dieser Junge im Kindergarten hat zwei Vorderzähne verloren.“

„Also Mattie.“ Er führte sie ins nächste Zimmer. „Was haben Sie hier für Pläne?“

Sie tat ihr Bestes, um sich auf ihr Ziel zu konzentrieren und Abstand von Grant Whittaker zu halten. Doch jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war er da … mit einer Hand auf ihrem Arm oder Rücken, um ihr über ein unebenes Stück Boden zu helfen oder ein paar morsche Stufen. Wie oft musste sie dieses elektrisierende Prickeln noch erleben, bevor sie sich daran gewöhnte? Würde sie das jemals?

„Dies wäre eine großartige Bibliothek“, erklärte sie im Salon. „Vorläufig habe ich kein Geld dafür, aber irgendwann will ich hier Regale mit seltenen alten Büchern aufstellen.“

Grant konnte sich das wunderbar vorstellen. Jetzt ging er zur Terrassentür und blickte hinaus. Plötzlich sah er einen Teich mit Schlittschuhläufern vor sich. Und nach dem Schlittschuhlaufen würden sie hereinkommen und heiße Schokolade oder Glühwein trinken. Doch an manchen Abenden würde er mit Mattie allein sein. Ihn erfasste wieder das gleiche Gefühl wie am Abend zuvor. Irritiert schüttelte er den Kopf. Fantasien waren ja nett, aber er musste jetzt an seinen Sohn denken.

„Grant?“

„Hm?“

„Der Keller ist als nächstes dran.“

„Dafür haben Sie auch Pläne?“

„Nein. Aber Ihr Architekt wird ihn sehen wollen.“

Mattie ging mit der Taschenlampe voraus und atmete erleichtert auf, als sie die steile, enge Treppe hinter sich hatte. Der Keller machte ihr ein bisschen Angst, und sie war froh, Grant bei sich zu haben. Zu ihrer Überraschung stellte sie fest, dass der Hund ihnen gefolgt war.

„Was ist mit ihm? Ich dachte, er bewacht nur Türen.“

„Vielleicht glaubt er, das wäre ein Fluchtweg. Gibt es noch einen Ausgang?“, fragte Grant.

„Nicht dass ich wüsste. Außer den Fenstern.“ Die waren klein und schmutzig und hoch über ihren Köpfen.

„Darf ich?“ Grant griff nach der Taschenlampe, die in dieser Dunkelheit nicht viel ausrichten konnte, und fing an, sich an der Wand entlangzutasten.

„Sind Sie zu Halloween nie hier runtergegangen?“, erkundigte sich Mattie.

Grant schmunzelte. „Wir fanden, dass wir unsern Mut zur Genüge bewiesen hatten, wenn wir nur durch den Salon und wieder raus gerannt waren. Wenn Sie allein hier unten waren, ziehe ich den Hut vor Ihnen.“

Mattie blieb dicht hinter ihm. „Um ehrlich zu sein, ich habe einen Tag gewählt, als meine Familie hier war. Ich wusste, dass mein Bruder mich nicht ohne Begleitung runterlassen würde.“

„Also sind Sie doch nicht ganz so furchtlos, wie Sie wirken.“

Sie waren sich so nah, dass Mattie Grants Duft wahrnahm – eine zarte Mischung aus Rasierwasser und frischer Luft. Und sie spürte seine Wärme, die auf sie überzuströmen schien. Obwohl sie gern zurückgewichen oder sogar die Treppe hinauf geflüchtet wäre, blieb sie, wo sie war.

Als Grant ihr eine Spinnwebe aus dem Haar zog, erschauerte sie bis hinunter zu den Zehen. Doch auch jetzt wich sie noch nicht aus. Wie immer, wenn sie ein Problem hatte, bemühte sie sich, es zu verstehen und zu lösen.

Grant beobachtete sie. Sogar in dem schwachen Licht erkannte er, wie entschlossen sie wirkte. Er spürte wieder diese Anziehungskraft. Jetzt ließ er seine Hand von Matties Haar bis zu ihrem Kinn gleiten. Ihre Haut war so weich, wie er es sich vorgestellt hatte. Sicher waren ihre Lippen das auch. Er überlegte, wie sie wohl schmecken mochte.

Dann senkte er den Kopf und küsste Mattie sanft auf den Mund. Sie hätte sich nicht mal rühren können, wenn sie das gewollt hätte. Ihre Knie waren weich. Ihr Herz schlug heftig. Grants Finger lagen nun in ihrem Nacken. Das einzige Geräusch in dem stillen Keller war das ihres Atems.

Und dann küsste Grant sie.

Mattie hatte noch nie so etwas erlebt. Sie war sicher, dass sie sich immer an dieses Gefühl erinnern würde … an den Druck seiner Lippen, die Form seines Mundes, seine Zunge. Und an seinen Geschmack. Berauschend, sinnlich …

Sie ballte die Hände zu Fäusten, schmiegte sich noch fester an ihn und fand die Hitze, die sie erwartet hatte. Mattie schmolz dahin und erwiderte den Kuss mit jäh aufflammender Begierde. Ihr zitterten die Knie, und wenn Grant sie nicht fest umarmt hätte, wäre sie womöglich auf den Boden gesunken.

Grant streichelte ihren Körper, erforschte sie, presste sie hart an sich, und sie genoss es und murmelte seinen Namen.

Grant hatte von Anfang an gemerkt, welche Leidenschaft in Mattie schlummerte, aber dies übertraf seine Erwartungen bei Weitem. Sie weckte ein unbezähmbares Verlangen in ihm, das jeden anderen Gedanken auslöschte.

Plötzlich begann Hannibal, laut zu bellen. Dann knurrte er.

Grant hielt Mattie weiter fest, während sie zu dem Hund gingen, der an einigen Steinen, die sich von der Wand gelöst hatten, mit den Pfoten kratzte. Grant leuchtete in das Loch hinein, aus dem sie stammten.

Mattie atmete tief ein. „Keine Sorge“, sagte sie. „Das Fundament bröckelt nicht. Dies ist ein alter Kamin. Ist es nicht eine Schande, dass er zugemauert wurde?“

Hannibal bellte wieder. Diesmal klang es gedämpft, weil sein Kopf in dem Loch steckte. Weitere Steine lösten sich unter seinen Pfoten.

Grant griff nach dem Hund und zog. Hannibal ignorierte ihn und scharrte weiter.

„Hannibal!“ Diesmal gelang es Grant, den Hund herauszuzerren, zusammen mit weiteren Steinen. Hannibal ließ triumphierend einen Knochen vor Matties Füße fallen und bellte.

Grant richtete die Taschenlampe darauf und beugte sich vor, um besser sehen zu können. Es hätte ein Stock sein können, nur war es viel weißer. Während sie das Ding noch anstarrten, präsentierte Hannibal ihnen einen weiteren Knochen, kürzer und gerundet diesmal.

„Das sieht wie eine Rippe aus“, flüsterte Mattie.

Hannibals Kopf steckte schon wieder in dem Loch. Und dann bestand kein Zweifel mehr daran, was er dort gefunden hatte.

Grant trat vor Mattie, um ihr die Sicht zu versperren. Er hatte bloß eine Sekunde gebraucht, um zu erkennen, was das war. Er zog Mattie zur Treppe.

„Das ist ein Schädel“, sagte sie.

„Ja.“

Mattie blieb sie stehen. „Der Hund. Wir können ihn nicht …“

„Er wird uns folgen“, versicherte Grant ihr und zog sie weiter.

Mitten auf der Treppe leistete Mattie erneut Widerstand. „Wir können sie nicht hier lassen.“

„Sie?“, fragte Grant.

„Hast du nicht den Fliederduft bemerkt? Dieser Schädel gehört deiner Großtante Mattie.“

3. KAPITEL

Mattie saß auf der Veranda, die Arme fest um die Knie geschlungen. Es war zwei Stunden her, seit sie und Grant die Polizei angerufen hatten.

Es hatte sich herausgestellt, dass Sheriff Mac Delaney ein alter Klassenkamerad von Grant war. Er hatte sofort ein Team bestellt, das den Kamin offenlegen sollte.

Es war still, abgesehen vom Summen der Insekten und Hannibals Schnarchen. Der Hund lag wieder genau vor der Tür. Das Hämmern unten hatte vor ungefähr zwanzig Minuten aufgehört.

„Hannibal!“

Grant schob ihn aus dem Weg und trat mit dem Sheriff auf die Veranda.

„Wir sind fast fertig, Ma’am“, sagte Delaney. „Ich bringe alles, was wir gefunden haben, ins Labor bringen. Sie sollten versuchen, es zu vergessen. Ich vermute, dass diese Sache schon vor langer Zeit passiert ist.“

„Wird das man die Tote eindeutig identifizieren können?“, wollte Mattie wissen.

„Wen?“

„Mattie glaubt, wir hätten meine Großtante gefunden“, erklärte Grant.

„Gibt es einen bestimmten Grund, das anzunehmen?“

„Ich habe Flieder gerochen“, begann Mattie.

„Das ist eine lange Geschichte“, bemerkte Grant, als der Sheriff ihn neugierig ansah. „Nichts, das auf Tatsachen basiert.“

„Na ja, es ist erstaunlich, was unsere Labore tun können, um das Alter eines Skeletts festzustellen. Man kann sogar herausfinden, wie lange es vergraben war. Ich möchte, dass ihr Montag vorbeikommt, um ein Protokoll zu unterschreiben. Du kennst ja wohl den Weg nach Mason’s Corner.“

Grant war überrascht. „Du lebst nicht hier in der Stadt, Mac?“

„Barclayville hat keinen eigenen Sheriff mehr. Um Steuern zu sparen, teilen sich mehrere Orte einen.“

Einer seiner Leute rief nach ihm. „Mac, wir sind fertig.“

Mattie beobachtete, wie die Männer einen Karton in den Wagen des Sheriffs stellten. Mac und Grant unterhielten sich noch.

„Für wie lange bist du wieder hier, Mac?“

„Schwer zu sagen. Ich habe mich vorübergehend verpflichtet, weil ich Urlaub von New York brauchte. Hier kann man sich über Stress nicht beklagen. Und du? Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich hier noch mal sehe.“

„Mac, können wir das mit dem Skelett geheim halten?“, bat Grant. „Mattie hat vor, ihr Restaurant zu erweitern und dieses Haus als Gasthof zu nutzen. Wenn es Gerüchte gibt …“

Mac sah Mattie voller Respekt an. „Wie mutig von Ihnen. Zuerst ein Haus, in dem es spukt, und jetzt das. Ich wünsche Ihnen Glück. Es wird auch Zeit, dass jemand neues Leben in diese Stadt bringt.“ Er wandte sich wieder an Grant. „Meine Leute stammen von hier. Bis heute Abend wird jeder im Umkreis von zwanzig Meilen Bescheid wissen. Sobald die Untersuchung beginnt, wird die Presse ebenfalls Wind von der Sache bekommen.“

„Untersuchung?“, wiederholte Mattie.

„Wer immer es war, er wird sich kaum selbst eingemauert haben. Und der Schuldige wird sich nicht über die Entdeckung freuen. Mord verjährt nicht“, erwiderte Mac.

Mattie und Grant schwiegen, bis Macs Wagen verschwunden war.

„Mir war nicht klar, was für Folgen das alles haben könnte“, sagte Mattie dann.

Grant musterte sie. Das war wie immer ein Vergnügen. Er hatte Mühe, sich auf ihre Worte zu konzentrieren.

„Ich habe niemandem von dem Geist erzählt, nicht mal meiner Familie. Mein Bruder hätte vermutlich eine Art Geisterjäger engagiert. Und ich hatte Angst, es könnte Gäste abschrecken. Doch jetzt …“ Sie hob die Hände und ließ sie wieder sinken.

Grant hatte sie noch nie so ratlos erlebt. „Wenn du die richtige Werbung betreibst, bist du zu Halloween ausgebucht.“

Sie starrte ihn eine Sekunde an, dann lachte sie, so sehr, dass sie kaum noch Luft bekam. „Das ist nicht komisch“, erklärte sie, als sie sich etwas beruhigt hatte, kicherte aber gleich weiter.

Grant hatte nicht geahnt, wie viel Spaß es ihm bereiten würde, sie zum Lachen zu bringen. Sanft umfasste er ihr Kinn, und dabei bemerkte er Tränen in ihren Augen. Sie hatte recht. Es war nicht komisch gewesen. „Mattie …“

„Es geht mir gut. Wirklich. Ich werde nicht hysterisch.“ Sie brachte ein Lächeln zustande. „Das Lachen hat mir geholfen. Seit wir deine Großtante gefunden haben, bin ich kaum zu Atem gekommen.“

„Wir wissen nicht sicher, dass sie es ist.“

„Doch, ich weiß es“, behauptete Mattie. „Und sie war erst vierundzwanzig. Das ist die wirkliche Tragödie. Wenn dir dein ganzes Leben genommen wird. Mein Vater war achtunddreißig, als er von einem Einbrecher erschossen wurde. Wir müssen herausfinden, was geschehen ist.“

Grant dachte unwillkürlich an seine Mutter. Er zog Mattie an sich. Es war schlimm genug, einen Elternteil durch einen Unfall zu verlieren, aber durch eine Gewalttat … „Mac ist ein guter Polizist. Er hat zur Zeit Urlaub vom New Yorker Police Department. Wenn er dorthin zurückkehrt, wird er Captain.“

„Ich glaube trotzdem, dass wir ihm helfen sollten.“

Grant legte einen Finger auf ihre Lippen. „Du kannst nicht alles tun.“

„Du verstehst nicht. Polizisten machen Fehler, egal, wie gut sie sind. Der Mann, der meinen Vater ermordet ist, ist nie gefasst worden.“

„Mattie …“ Grant fiel nichts weiter ein. Er nahm sie in die Arme, streichelte ihren Rücken und hielt sie fest. Als sie ihn ebenfalls berührte, wurde ihm ganz warm, und er hätte sie am liebsten nie wieder losgelassen.

Mattie wusste, dass sie sich von ihm hätte lösen sollen, aber es fühlte sich so natürlich an, in seinen Armen zu liegen und seinen regelmäßigen Herzschlag zu hören. Einen Moment entspannte sie sich einfach. Sie konnte sich nicht erinnern, sich so sicher gefühlt zu haben, seit sie ein Kind gewesen war. Es war anders als vorhin, als Grant sie im Keller geküsst hatte und diese überwältigenden Empfindungen sie erfasst hatten. Doch schließlich konzentrierte sie sich wieder auf seine Großtante. „Verstehst du, warum ich es nicht Mac überlassen will?“

„Aber wie kannst du einen fünfzig Jahre alten Mord aufklären? Und ist das wichtiger deine Erweiterungspläne?“

Sie trat von ihm weg. „Du hast gesagt, Mattie wäre für den Fluch verantwortlich gemacht worden. Und das ist nicht fair. Sie hat Peter Barclay nicht verlassen. Jemand hat sie ermordet und so die Hochzeit verhindert.“

„Selbst wenn du recht hast, sehe ich nicht, was wir tun können.“

„Wir können den Fluch aufheben, indem wir dafür sorgen, dass alle die Wahrheit erfahren.“

Grant lächelte. „Letzte Nacht hast du versucht, mich von der Existenz des Geistes zu überzeugen. Jetzt glaubst du auch an den Fluch?“

Sie musterte ihn eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. „Wir sind sehr verschieden, oder?“

„Das macht es ja so interessant.“

„Was?“

„Was zwischen uns geschehen wird.“

Mattie hob das Kinn. „Das wird alles rein geschäftlich sein.“

„Egal wie du es nennst, es bleibt das gleiche.“

Da Mattie keine passende Antwort einfiel, stieg sie die Stufen hinunter und verschwand über die Wiese.

„Es ist spät“, sagte Ada Mae, als Mattie hereinkam. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

„Ich habe mich mit Grant getroffen.“

„Die Robinsons haben angerufen. Sie kommen erst um halb sieben.“

Das Cembalo begann zu spielen. Mattie zuckte zusammen. „Das ist nur Lily“, erklärte Ada Mae. „Was ist los mit Ihnen? Es liegt an ihr, oder?“

„Kommen Sie mit. Lily muss es auch erfahren.“

Zum zweiten Mal berichtete Mattie, wie Hannibal die Knochen von Mattie Whittaker ausgegraben hatte.

Lily beugte sich vor. „Sind Sie sicher, dass sie es ist?“

„Ich weiß es“, meinte Mattie erschöpft.

Ada Mae schob Mattie auf einen Stuhl. „Setzen Sie sich.“ Dann verschwand sie auf die vordere Veranda.

„Warum mag sie Mattie Whittaker nicht?“, fragte Mattie.

„Sie hat ihr nie verziehen, dass sie George Schuler wehgetan hat. Er war schrecklich in Mattie verliebt, obwohl sie neun Jahre älter war als er. Es hat ihn sehr getroffen, als sie sich verlobte.“

„Und deswegen ist Ada Mae immer noch böse auf sie?“

„Sie glaubt, George würde immer noch Mattie Whittaker nachtrauern.“ Als Mattie sie ungläubig ansah, fuhr sie fort. „Er hat Grant aufgenommen, nachdem dessen Vater ihn verlassen hatte, und er hat sich all die Jahre um Matties Häuser gekümmert. Tatsächlich gehören sie jetzt Grant, aber ursprünglich waren es Matties.“

Ada Mae kam zurück und brachte Brandy mit. „Trinkt.“

Sie kippte ihren Schnaps herunter, während Lily und Mattie langsam tranken, dann fing sie an, die Salzstreuer zu überprüfen. Das taten sie jeden Tag, bevor die Gäste kamen.

„Was für einen Ruf hatte Peter Barclay, was Frauen anging?“, wollte Mattie wissen.

Lily seufzte. „Er war sündhaft attraktiv. Und reich.“

„Gab es Gerüchte, dass er Affären hatte?“

„Nein. Aber es wurde gemunkelt, er wäre fünf Jahre vor seiner Verlobung in ein anderes Mädchen verliebt gewesen. Rachel Williams hieß sie, wenn mich nicht alles täuscht. Sie hat in der Küche des Herrenhauses gearbeitet. Aber er zog dann in den Krieg, und Rachel ging fort. Er hat nie geheiratet. Seine Schwester Amelia lebte bei ihm. Sie hat auch nie geheiratet.“

„Ich habe drei gefunden, die mit Zucker gefüllt waren.“ Ada Mae griff jetzt nach dem Salzstreuer, der vor Mattie stand, und kostete. „Vier.“

„Also sind die Barclays alle ledig geblieben. Ist das die Art, wie sich der Fluch auswirkt?“, wollte Mattie wissen.

„Pscht!“, machte Lily. „Es ist nicht gut, darüber zu sprechen. Dadurch bekommt er mehr Macht.“

Mattie stand auf. „Davon hatte er schon genug. Und man hat der falschen Person die Schuld gegeben. Mattie Whittaker hat Peter Barclay nicht verlassen. Jemand hat sie getötet, und ich werde herausfinden, wer das war.“

Im Licht des Vollmondes wirkte das Whittaker House nicht so, als würde es darin spuken. Tatsächlich fand Grant es einladend. Mattie hatte gute Arbeit geleistet. Er war zuversichtlich, dass ihr das auch im Herrenhaus gelingen würde, und freute sich schon darauf, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Vor wenigen Minuten hatte er sie kurz am Fenster gesehen, und seitdem überlegte er, ob er sie stören sollte. Er konnte sich aufs Geschäft berufen. Der Partnerschaftsvertrag steckte in seiner Tasche.

Es war spät. Halb eins. Im Schnellrestaurant war viel los gewesen, und alle hatten über das Skelett geredet.

Aber war es das Geschäft, das ihn zum Whittaker House geführt hatte, oder irgendeine übersinnliche Kraft? Eigentlich wünschte er sich einfach, Mattie zu sehen.

Warum zögerte er dann? Es sah ihm nicht ähnlich, so unsicher zu sein. Wenn das Geschäft als Ausrede nicht genügte, konnte er behaupten, er hätte einfach mal nachschauen wollen, ob es Mattie gut ging.

Die Musik begann, als er zur Veranda hinaufstieg. Hannibal winselte und ließ sich am Fuß der Treppe nieder. Die Haustür schwang auf.

Als Mattie erschien, verzog Grant das Gesicht. „Du musst diese Tür in Ordnung bringen lassen. Sie sollte nicht von selbst aufgehen. Ich hätte ja ein Massenmörder sein können.“

„In Barclayville?“ Sie ließ ihn herein. „Außerdem spielt deine Großtante das nur für dich.“ Der Hochzeitsmarsch näherte sich seinem Höhepunkt. „Das scheint deine Erkennungsmelodie zu sein.“

Das erste, was Grant sah, war, dass der Blumenkübel wieder im Weg stand. „Warum tut sie das?“

„Du glaubst inzwischen an sie. Ich wusste es.“

„Es war eine rein hypothetische Frage.“

Mattie zuckte mit den Schultern. „Meine Vermutung ist, dass sie etwas gegen Treppen hat. Da oben ein Fleck, wo es immer kalt und zugig ist, aber nicht jeder spürt es. Lily erschaudert, doch Ada Mae merkt es nicht.

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