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BACCARA EXKLUSIV BAND 140

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Eine Nacht in Samt und Seide

PROLOG

Vielleicht hatten sie ja doch alle recht gehabt. Vielleicht war er, Joey Fabiano, wirklich wilder und leidenschaftlicher, als für ihn gut war. Vielleicht war er auch tatsächlich nur ein Taugenichts.

Egal. Joey biss die Zähne zusammen.

Er hatte Angst um Heather, alles andere war gleichgültig.

Das Wetter war stürmisch und unbeständig, und passte genau zu seiner Stimmung. Es regnete mit wenigen Unterbrechungen, und nur hin und wieder ließ sich der Mond flüchtig durch die Wolkenfetzen sehen.

Joey fuhr, als wäre der Teufel hinter ihm her. Er hielt das Lenkrad fest umklammert, sodass die Handknöchel weiß hervortraten, und brachte den alten Chevy seines Vaters schließlich mit kreischenden Bremsen auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus zum Stehen.

Das massige rechteckige Gebäude wirkte dunkel und abweisend wie ein Gefängnis und wurde nur selten vom kalkweißen Mondlicht beleuchtet. Der Himmel über Texas war schwarz und bedrohlich.

Irgendwo da drinnen war Heather, und vielleicht lag sie gerade im Sterben.

In seinem Inneren krampfte sich alles zusammen, als ihn wieder eine entsetzliche Angst überfiel. Aber er packte das Steuerrad fester und setzte sich gerade hin. Er musste seine ganze Kraft zusammennehmen. Ihre einflussreiche Familie würde alles dransetzen, damit er Heather nicht wiedersah.

Sollten sie es doch versuchen.

Er stieß die Wagentür auf und stieg aus. Immer noch regnete es, aber er schien es nicht zu bemerken, auch nicht, dass er die Scheinwerfer noch nicht ausgeschaltet hatte und die Fahrertür offen ließ. Er stürzte auf den Eingang zu und versuchte, die Panik zu unterdrücken, die die schrillen Sirenen der Krankenwagen in ihm auslösten.

Das konnte doch nicht wahr sein! Ausgerechnet der Polizeibeamte, der ihn vor einer Woche beschuldigt hatte, Ben getötet zu haben, stand neben dem Eingang und sah Joey finster an. Ben, seinen besten Freund und Heathers Bruder. Ben, dessen Grab er gerade vor einer Stunde aufgesucht hatte, um ihn um Verzeihung zu bitten.

Lächeln, immer freundlich sein, cool bleiben, befahl Joey sich und ging an dem Beamten vorbei. Die Glastüren öffneten sich lautlos und schlossen sich wieder hinter ihm. Sein schwarzes Haar war nass vom Regen, und er strich es ungeduldig aus der Stirn. Ein hübsches junges Mädchen starrte ihn mit offenem Mund an und lächelte ihm dann zu, so wie alle jungen Mädchen ihn immer anlächelten. Er sah, wie ihr Vater ihn misstrauisch musterte, sie fester bei den Schultern packte und zur Seite schob.

Halb Junge und halb Mann, schien Joey sich immer noch nicht an seine Größe und seinen muskulösen Körper gewöhnt zu haben. Seine Bewegungen waren ein wenig ungelenk und zu schnell, als könne er seine Kräfte nicht recht einschätzen, dennoch war er ungeheuer attraktiv. Er wirkte aufreizend sexy, was alle Eltern und Lehrer verunsicherte und misstrauisch machte. Und alle jungen Männer in seinem Alter, die schon eine Freundin hatten, hielten sie möglichst von ihm fern.

„Du bist der Traum jedes Mädchens und der Albtraum eines jeden Vaters“, hatte sein Trainer grinsend zu ihm gesagt, als Joey in der High School zum Schüler des Jahres gewählt worden war. „Als ich so alt war wie du, hatte ich Pickel und fettiges Haar. Man kann dich nur beneiden, mein Junge. Dein Aussehen wird dir noch manche Tür öffnen.“

An der Rezeption saß eine Krankenschwester und aß seelenruhig ihre Pizza zu Ende, ohne sich von dem Blinken des Telefons stören zu lassen.

Aber ihn würde sie nicht übersehen können, vor allen Dingen nicht, wenn er lächelte. Dann konnte ihm keine Frau widerstehen.

Joey setzte sein strahlendstes Lächeln auf.

„Spar dir deinen Charme, Sonnyboy. Die Besuchszeiten sind vorbei.“

Offensichtlich hatte sie eine Tochter in seinem Alter.

Sofort wurde er ernst. „Bitte, Ma’am … ich muss unbedingt jemanden hier finden … Sie ist sehr krank.“

Die Schwester schüttelte nur den Kopf, steckte sich das letzte Stück Pizza in den Mund und wandte sich dem Telefon zu.

Joey nahm ihr den Hörer aus der Hand. „Es handelt sich um Heather Wade“, sagte er mit dunkler, rauer Stimme. Plötzlich schien er sehr viel älter als zwanzig zu sein. „Die Tochter von Senator Wade. In welchem Zimmer liegt sie?“

„Dein hübsches Gesicht macht dich wohl größenwahnsinnig.“ Die Schwester blieb ungerührt. „Vielleicht hast du bei kleinen Mädchen gute Chancen, die für dunkle, große Männer schwärmen, aber eine Wade würde dich nicht einmal als Fußabtreter benutzen … selbst wenn du sie geschwängert haben solltest.“

Joey ließ den Kopf sinken. Er war kurz davor, die Fassung zu verlieren. „Bitte, wo …“ Seine Stimme klang verzweifelt und atemlos wie die eines Kindes.

Mit einer schnellen Bewegung nahm die Schwester ihm den Telefonhörer aus der Hand. Ihr Blick war abweisend. „Hau ab, Sonny, bevor du Schwierigkeiten bekommst. Der Senator war hier und hat mir alles erzählt. Auf dich sollte ich besonders genau achtgeben, meinte er.“

Als Joey sich nicht vom Fleck rührte, machte sie dem Polizeibeamten ein Zeichen, der die Szene beobachtet hatte. „Officer, das ist er! Das ist dieser Joey Fabiano!“

Joey drehte sich um und rannte los. Er sprintete durch die weißen Korridore, die Treppe hinauf, und er hörte, dass der Polizist Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Dafür würden sie ihn einbuchten, aber das war ihm egal. Er musste Heather finden, bevor es zu spät war.

Schließlich stieß er eine gepolsterte Doppeltür auf und stürzte in einen großen Raum. Pech gehabt, er war in einem Vorraum im obersten Stockwerk, und es gab keinen zweiten Ausgang. Er wandte sich verzweifelt um, das Herz hämmerte ihm in der Brust. Grinsend schob der Polizist die Tür auf und trat in den Raum.

Plötzlich hörte Joey hinter sich die Stimme von Senator Wade. „Was willst du denn hier, Fabiano?“

„Ich muss Heather sehen.“

„Nur über meine Leiche.“

Vor der Tür zu Heathers Zimmer stand eine Gruppe elegant gekleideter Menschen, die sich empört umwandten.

„Sie können mich nicht aufhalten. Heather!“ Joey schrie wie ein Wahnsinniger. „Heather!“

Heathers Mutter kam aus dem Krankenzimmer. „Sie will Sie nicht sehen.“

„Sie lügen.“ Joey stürzte an ihr vorbei und meinte, so etwas wie Mitleid in ihren Augen erkennen zu können. „Lassen Sie mich vorbei.“

Die Jalousien waren herabgelassen, der Raum war nur schwach erleuchtet und lag in einem milchigen grauen Licht. War diese zerbrechliche Gestalt da hinten wirklich seine vor Leben sprühende Heather?

„Baby, was haben sie mit dir gemacht …?“ Er schluckte. „Oh, Gott, was habe ich getan?“

Ihre dunkelblauen Augen, die normalerweise aufleuchteten, wenn sie ihn sah, wirkten stumpf und schmerzerfüllt. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, ein Zeichen von Erschöpfung und quälendem Kummer. Sie starrte ihn an, als sei er ein Gespenst. Dann drehte sie den Kopf zur Seite und blieb bewegungslos liegen.

Selbst in diesem Zustand war sie das schönste Mädchen der Welt für Joey. Schnell setzte er sich neben sie und nahm ihre schmale Hand in seine. Er blickte Heather erschreckt an. Ihre Finger waren kalt und steif und leblos, so wie sie bei Ben gewesen waren.

„Wie geht es dir?“

„Danke, gut“, flüsterte sie.

Ihr Puls war kaum zu fühlen, und ihr blasses Gesicht wirkte beinahe durchsichtig. Sie sah so verändert aus, dass es ihm die Kehle zuschnürte.

„Bitte, geh jetzt“, flüsterte sie mit einer dünnen, ihm fremden Stimme.

Er umschloss ihre zarten Finger mit seinen kräftigen, warmen Händen. „Was ist mit unserem Baby?“

Sie schluchzte kurz auf. „Es gibt kein Baby.“

Seine Augen brannten. Er versuchte verzweifelt, die Tränen zurückzudrängen, und holte tief Luft. Wie ein Ertrinkender fühlte er sich, der sich an nichts festhalten konnte. „Aber …“

„Du musst aus meinem Leben verschwinden, Joey.“

„Heather.“ Ihm war elend, und er konnte in diesem Raum kaum atmen. „Hör mir zu. Wir werden trotzdem heiraten …“

„Nein, das geht nicht“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie die eines Roboters, „ich möchte … ganz neu anfangen.“

„Wohl mit irgendeinem reichen Mann wie Roth, sodass dein Vater …“ Joey brach hilflos ab.

„Daddy sagt, wenn herauskommt, dass ich schwanger war, wird er dafür büßen müssen. Er meint sowieso, dass ich ihm immer nur Schwierigkeiten gemacht habe.“

Joey schüttelte den Kopf und sah Heather beschwörend an. „Nein, er macht Schwierigkeiten, nicht du. Er will immer alles bestimmen, auch über dein Leben. Du kannst doch aber nicht dauernd die folgsame Tochter spielen, die nur das tut, was er sagt. Du würdest zugrunde gehen.“

„Er meint, dass ich nur dieses eine Mal an ihn denken und mich ihm zuliebe wie eine normale Tochter verhalten soll. Ich soll die Schule beenden und dich vergessen.“

„Soso. Dann musst du ihm eben sagen, dass das nicht so einfach ist, wie er es sich vorstellt. Denn ich werde dich nie vergessen, und ich werde dafür sorgen, dass auch du mich nicht vergisst.“

„Mach es mir doch nicht so schwer, Joey. Wenn wir zwei uns nicht angefreundet hätten, wäre Ben noch am Leben.“

„Behaupten deine Eltern das?“

„Ich darf ihnen gerade jetzt nicht noch mehr Kummer machen, besonders Daddy nicht und nicht in dieser Situation.“

„Aber ich wollte doch nicht, dass dein Bruder stirbt, und auch nicht, dass du schwanger wirst.“ Joey konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. „Ich wollte ihnen nicht wehtun. Ich liebe dich.“ Er senkte den Kopf.

Er fühlte, wie sie ihm mit der anderen Hand sanft durch das dichte, lockige Haar fuhr, sie dann aber schnell wieder zurückzog, als hätte sie sich verbrannt. „Daddy meint, ich hätte ihm mehr Schwierigkeiten bereitet als zehn Kinder.“

Er grinste leicht. „Das ist doch noch gar nichts verglichen mit mir.“

„Daddy meint, du hast einen schlechten Einfluss auf mich.“

Immer wieder schob sie ihren Vater vor, aber es war nicht das, sondern eher ihre leise, gleichgültige Stimme, die etwas in ihm zerbrechen ließ. „Ich dachte, du liebst mich.“

Langsam entzog sie ihm die Hand und schloss die Augen.

„Heather …“

Tränen drangen unter ihren geschlossenen Lidern hervor und rollten über die blassen Wangen.

„Heather …“

Sie biss sich auf die Lippen.

Er beugte sich über sie. „Bitte, Baby, geh nicht weg von mir. Ich kann nicht ohne dich sein. Du bist alles, was ich habe, alles, was ich jemals wollte.“

Die Tür ging auf. „Du hast reichlich Zeit gehabt, Fabiano. Jetzt aber raus, bevor ich die Polizei rufe.“

Neben Senator Wade stand Laurence Roth in der Tür. Die anderen Verwandten starrten Joey an, als sei er ein wildes Tier, das sie endlich gestellt hatten und nun erledigen wollten.

„Sie meinen, so viel zu wissen. Dabei kennen Sie noch nicht einmal Ihre eigene Tochter. Sie bringen Heather um. Sie töten uns beide.“

„Raus, Fabiano, bevor ich die Geduld verliere. Durch dich habe ich schon ein Kind verloren. Du solltest dich lieber beeilen, oder ich setze doch meinen Einfluss ein und lasse dich fertig machen für das, was du meiner Tochter angetan hast.“

„Joey …“ Das war Heathers schwache, bittende Stimme hinter ihm. Joey drehte sich zu ihr um. Sie hielt die Augen geschlossen, und unablässig strömten Tränen über ihr Gesicht. „Geh.“

Er hatte ihr wehgetan. Er war schuld daran, dass sie weinte. Ihre Familie hatte ja nie viel von ihm gehalten. Heather hatte das ewige Versteckspielen gehasst, wenn sie sich mit ihm treffen wollte. Und jetzt, wo das mit Ben und mit dem Baby passiert war, würden sie ihn alle hassen.

Er hatte sie verloren. Wie konnte er weiterleben? Er war weder reich noch mächtig wie ihre Familie. Für ihn gab es nur Heather, sie war alles, was er hatte.

Wie sehr sehnte er sich danach, sie in die Arme zu schließen und einfach nur zu halten, bis sie aufhörte zu weinen. Er wollte sie sanft hin und her wiegen und sie nie wieder loslassen. Aber Travis Wade würde ihn wahrscheinlich töten, wenn er es wagen sollte, sie noch einmal zu berühren.

Joey warf den Kopf zurück und ging zwischen Wade und Roth hindurch, ohne die beiden Männer anzusehen. Auf seinem Gesicht stand das überhebliche Lächeln eines Jungen, der nichts mehr zu verlieren hat als seinen Stolz.

Joey hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Ohne Heather war ihm alles egal.

Er wusste nur, dass er Texas verlassen musste. Und dass er erst dann zurückkommen würde, wenn er ebenso reich und mächtig war wie diese ganze arrogante Bande.

Und dann würden er es ihnen heimzahlen.

1. KAPITEL

Viele kluge Menschen glaubten zwar nicht an den Teufel, aber Heather Wade wusste es besser. Denn es war eindeutig, dass der Teufel, der als Schlange Eva in Versuchung geführt hatte, jetzt Joey Fabiano auf sie, Heather, angesetzt hatte. Für andere reiche Senatorentöchter mochte es leicht sein, auf dem Pfad der Tugend zu bleiben, nicht aber für Heather.

Das war einfach unmöglich, wenn Joey in der Nähe war. Er brachte in ihr Wünsche zum Vorschein, die sie während ihrer konventionellen Erziehung zu unterdrücken gelernt hatte. Mit ihm zusammen konnte sie sich so verhalten, wie sie wollte. Deshalb hatte sie sich damals auch in ihn verliebt.

Und deshalb musste sie ihn unbedingt vergessen, jetzt, wo sie eine erwachsene Frau war und kurz vor der Hochzeit stand.

Groß, breitschultrig, mit schwarzen Augen und schwarzem Haar hatte Joey Fabiano bereits von Anfang an geradezu sündhaft gut ausgesehen, schon Jahre bevor er die Kinokassen füllte. Möglicherweise fanden nicht alle siebenjährige Mädchen ihn so aufregend wie sie damals. Und nicht alle hätten sich wie sie amüsiert, als Joey die großen Spitzenslips von Reverend Scotts Frau von der Wäscheleine stahl. Er brauchte nur sein unbekümmertes Grinsen aufzusetzen, und sie wusste, dass das Beisammensein mit ihm so viel lustiger war als das mit ihren braven Spielgefährten. Und das hatte sich auch nicht geändert, als ihre Spiele sich veränderten und Sex sie noch fester an ihn fesselte als vorher.

Vor sechs Jahren hatte sie sich endlich von diesem Verführer losgesagt. Und wer brannte jetzt mit seinen dunklen Augen geradezu Löcher in ihren Bildschirm und ließ sie schneller atmen vor Erregung?

Zum Teufel mit diesen kohlschwarzen Augen und den langen geschwungenen Wimpern!

Zum Teufel mit ihrem pochenden Herzen und dem Wissen, dass sie sich seit Jahren nicht so lebendig gefühlt hatte wie in diesem Moment!

Irgendwie war sein Blick aus dem Fernsehapparat wirklicher als alles, was sich in ihrem Schlafzimmer befand, war realer als der weiche, teure Teppich, auf dem sie lag, sprach ihre Sinne mehr an als der Rotwein in dem Glas, das neben dem Stapel von Hochzeitsmagazinen stand, war weicher als der rote Chiffonrock, der ihre langen wohlgeformten Beine bedeckte.

Sie starrte auf das dichte, schwarze Haar, das ihm über die dunklen Augenbrauen fiel, und immer, wenn er ihren Namen aussprach, schien ihr Herz einen kleinen Satz zu machen.

Sie wusste, sie sollte den Apparat ausstellen und ins Bett gehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Joey Unordnung in ihr Leben brachte. Und sie durfte es nicht wieder geschehen lassen.

Erst vor wenigen Minuten war sie von einer dieser zahllosen gesellschaftlichen Veranstaltungen zurückgekommen, deren Besuch ihr zur Pflicht geworden war. Müde und gelangweilt hatte sie im Schlafzimmer den Anrufbeantworter angestellt. Und schon hatte die schrille Stimme ihrer Mutter sie in die Wirklichkeit hineinkatapultiert. Bis zu diesem Zeitpunkt war Heather davon überzeugt gewesen, dass sie Larry Roth durchaus heiraten konnte, auch, um ihren Vater glücklich zu machen, der kurz vor der Wiederwahl stand.

Doch dann war Joey Fabiano, der zur Zeit berühmteste Filmschauspieler Hollywoods, wieder mit Macht in ihr Leben eingedrungen.

Joey, der der einzige Mensch war, der sie jemals wirklich gekannt hatte, der immer gewusst hatte, wie er mit ihr umgehen musste, der Verständnis für das freiheitsliebende Mädchen gehabt hatte, das sie einmal gewesen war, ein Mädchen, das immer die ungewöhnlichsten Dinge ausprobieren wollte.

Wenn Heather also nun aufgrund der Nachricht ihrer Mutter bei dem Gedanken an die bevorstehende Hochzeit Panik überfiel, so war das eigentlich kein Wunder.

Es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass dein früherer Geliebter, der sich zu dem attraktivsten Filmstar der Welt gemausert hat, einen Oscar bekommt und deinem Leben eine totale Wende gibt, dachte sie. Und natürlich war es typisch Joey, dass er die goldene Statue an sein Herz drückte und vor Millionen Zuschauern mit seiner tiefen vibrierenden Stimme gestand, dass er sie, Heather, nicht vergessen konnte.

Und dabei hatte sie noch nicht einmal die Liveübertragung gesehen. Um ihrer Mutter einen Gefallen zu tun, hatte sie an dieser Wohltätigkeitsveranstaltung teilgenommen und die Oscar-Verleihung auf Video aufgenommen.

Ihre Mutter war außer sich gewesen.

„Wie kommt Joey Fabiano, dieser weltbekannte Bösewicht des Films, dazu, sich ausgerechnet bei dir zu bedanken? Warum bist gerade du für ihn unvergesslich? Du hast versprochen, ihn nie wiederzusehen. Hast du mit ihm Kontakt gehabt, Heather Ann? Dein Vater ist sehr wütend. Ruf mich an, wir müssen miteinander reden. Und wenn du noch so spät nach Hause kommst, ruf mich an!“

Heather lächelte traurig und schüttelte nur den Kopf. Sie nahm den Hörer ab und legte ihn neben das Telefon, kickte die hohen Pumps von den Füßen und spulte das Videoband wieder zurück. Sie ließ sich auf den Teppich sinken und sah immer wieder, wie Joey den Preis entgegennahm. Und jedes Mal, wenn er ihren Namen flüsterte und das Wort „unvergesslich“ aussprach, wagte sie kaum zu atmen. Obgleich sie todmüde war, hätte sie das Band wohl noch einmal zurückgespult, wenn nicht ein Zweig an ihrer Fensterscheibe gekratzt hätte.

Sie fuhr zusammen und umklammerte die Fernbedienung fester. Heather bewegte sich nicht. Dann stand sie langsam auf und versuchte, sich ganz auf die Geräusche außerhalb des Hauses zu konzentrieren. Jetzt war nur der Wind zu hören und hin und wieder ein einsames Käuzchen. Sie riss sich zusammen und stand auf. Vielleicht sollte sie rasch noch mal nach Nicky sehen.

Doch dann beruhigte sie sich allmählich. Sie ging zum Fenster und sah hinaus. Sie brauchte keine Angst zu haben wie damals vor zwei Jahren. Seitdem es den hohen Zaun gab und den Wachmann, der ständig patrouillierte, konnte gar nichts geschehen.

„Unvergesslich“, hörte sie wieder Joeys raue Stimme flüstern.

Seinetwegen war sie so nervös. Sie hatte Jahre gebraucht, um ihn zu vergessen. Und das war ihr nicht leicht gemacht worden, denn als Amerikas Sexsymbol Nummer eins wurde er natürlich ständig in sämtlichen einschlägigen Zeitschriften abgebildet, und das noch meist in hautengen schwarzen Lederhosen.

Joey selbst ist unbedeutend, und es ist doch ganz gleichgültig, was er heute im Fernsehen über dich gesagt hat. Du lebst in Louisiana, Tausende Meilen von ihm entfernt. Euch trennen Welten. Du wirst heiraten, er ist ein berühmter Filmstar. Du bist eine alleinerziehende Mutter, und er hatte dich schon vor Jahren vergessen.

Heather war es nicht gewohnt, Wein zu trinken, und so war sie überrascht, wie klar sie plötzlich vieles sah und wie einfach es war, die lange unterdrückten Gefühle zuzulassen. Plötzlich wurden ihr Zusammenhänge klar, die sie bisher immer weggeschoben hatte, so zum Beispiel der wahre Grund dafür, warum sie nach Joey die unmöglichsten Freunde gehabt hatte, bis sie sich schließlich auf Larry besann.

Ihr Vater war wegen der kommenden Wahl beunruhigt. Sie griff nach einem Schnappschuss von Nicky und zitterte bei dem Gedanken, was Joey wohl tun würde, wenn er herausfand, dass sie einen Sohn hatte. Denn dass er es erfahren würde, daran hatte sie keinen Zweifel.

Männer wie Joey Fabiano sollten mit einem Stempel auf der Stirn geboren werden „zu sexy“. Oder „Achtung, zu viel Testosteron.“ Und leicht beeinflussbare Mädchen sollten so lange in ein Kloster eingeschlossen werden, bis sie wussten, wie sie mit Männern wie Joey umzugehen hatten.

Vor sechs Jahren hatte sie sich endlich von ihm losgesagt. Und bis zu dem Zeitpunkt, als sie ihn auf dem Bildschirm sah, mit seinen dunklen Augen und dem überlegenen Lächeln, und ihn dann auch noch ihren Namen flüstern hörte, hätte sie schwören können, sie würden niemals mehr etwas miteinander zu tun haben.

Schließlich wollte sie in einer Woche den Mann heiraten, den sich ihr Vater immer schon als Schwiegersohn gewünscht hatte. Außerdem hatte Joey gerade damit Schlagzeilen gemacht, dass er ein weltbekanntes Model nackt aus seinem Swimmingpool gefischt hatte.

Aber dann hatte Joey den Oscar an die Brust gedrückt wie ein Baby, hatte sich zum Mikrofon vorgebeugt und hatte zuerst der Jury gedankt, dann seinem Agenten und dem Regisseur. Daraufhin hatte er eine kurze Pause gemacht und dann ihr gedankt, der Freundin von früher, und nicht etwa dem Supermodel aus den Schlagzeilen. Er hatte gesagt, dass er sie nie vergessen würde.

Du liebe Zeit! Auf keinen Fall wollte sie, dass Joey wieder in ihr Leben eingriff. Sein Charme war oberflächlich, und in Bezug auf Frauen hatte er einen ausgesprochen schlechten Geschmack.

Heather würde einmal viel Geld erben; sie hatte als Fotojournalistin Erfolg gehabt, den Beruf aufgegeben, um sich ganz ihren karitativen Aufgaben zu widmen. Sie hatte ein Kind und würde demnächst heiraten. Ihr Leben war ausgefüllt auch ohne ihn.

Heather schüttelte unglücklich den Kopf und seufzte.

Sie machte sich etwas vor. Ihr ganzes Leben war Theater. Sie war eine so gute Schauspielerin, dass sie sich manchmal sogar selbst überzeugen konnte.

Warum hatte sie denn die Oscar-Verleihung auf Video aufgenommen, obwohl sie doch wusste, dass Joey als bester männlicher Darsteller ausgezeichnet werden sollte?

Warum hatte sie das blinkende Licht des Anrufbeantworters nicht ignoriert und war ins Bett gegangen? Warum konnte sie die raue Stimme in ihrem Kopf nicht abstellen?

Warum? Warum? Warum? Ihre Gefühle für Joey hatte sie nie begründen können. Sie waren einfach nur sehr stark gewesen. So stark, dass sie jahrelang vor ihnen davongelaufen war.

Beinahe unbewusst schob sie auf dem polierten Eichentisch zwei Fotografien nebeneinander. Zwei kleine Jungen lächelten sie an, die aussahen wie eineiige Zwillinge. Beide hatten sie große dunkle Augen und ein sorgloses Lächeln, hatten den gleichen Haarwirbel über der linken Schläfe.

Da sie jetzt nach Texas zurückkehrte, würde Joey früher oder später alles herausfinden. Kein Wunder, dass sie Angst hatte. Aber warum war sie denn noch auf eine andere, tiefere Art und Weise berührt?

„Heather Ann, du musst uns schwören, dass du Joey nie etwas von Nicky erzählen wirst.“

Ihre Eltern und ihre beste Freundin Julia hatten so blass und so besorgt ausgesehen, als sie neben Nickys Bettchen standen, dass Heather es ihnen fest versprochen hatte.

Heather hatte ihr langes goldblondes Haar in einem Knoten im Nacken zusammengefasst. Sie trug ein Diamantencollier ihrer Mutter. Aber wie sie da auf dem Teppich saß, die nackten Füße unter das Kleid gezogen, die Lippen ungeschminkt, entsprach sie weniger einer Dame der Gesellschaft als dem unkonventionellen Mädchen, in das Joey sich verliebt hatte.

Bilder, besonders Fotos, hatten auf sie immer schon einen tiefen Eindruck gemacht. Diese beiden Fotos, die sie jetzt mit klopfendem Herzen betrachtete, zeigten beide einen fünfjährigen Jungen mit pechschwarzen Augen und dunklen Locken, der kopfüber an einem Ast hing. Ein Fremder würde annehmen, es handele sich hier um ein und dasselbe Kind. Doch das eine Bild war vor zwanzig Jahren im Frühling in Texas aufgenommen worden und das andere erst gestern in ihrem Garten.

Langsam und beinahe liebevoll strich sie über das vergilbte Foto. „Joey …“

Damals war er noch ein unschuldiges Kind gewesen. Heute Abend hatte er verbittert und gefährlich gewirkt. Sie hob das Bild an die Lippen.

Früher war Joey Fabiano für sie der Mann ihres Lebens gewesen, Joey, der immer mit geschlossenen Augen küsste, der tagsüber nur Unsinn im Kopf hatte, aber nachts, wenn er schlief, wie ein Engel aussah.

Joey hatte ihr stets direkt in die Augen gesehen und hatte sie immer sofort durchschaut. Ihm hatte sie nie etwas vormachen können.

Die weiche, feuchte Luft in Louisiana war warm und duftete nach den Rosen, die die große Veranda umrankten. Belle Christine, das große Landhaus, hatte einst ihrer Großmutter gehört und war nun ihres. Vielleicht war das alte Herrenhaus mit seiner reichen Vergangenheit daran schuld, dass sie so oft an früher denken musste. Plötzlich hatte sie den armen, ehrgeizigen Jungen vor Augen, der den Kopf voller Träume hatte. Und diese Bilder schienen auf einmal sehr viel realer zu sein als ihr kleiner polierter Schreibtisch aus Mahagoni oder die Blätter des Bananenbaumes, die sich an der Hauswand rieben.

Joey.

Wieder war sie siebzehn, und sie fühlte, wie das zerschlissene Leder in dem alten Chevy ihre nackten Beine in den kurzen Shorts piekte. Joey versuchte, ihre Bluse aufzuknöpfen und küsste sie währenddessen mit einer Leidenschaft, die sie schwindelig machte. Solange Heather denken konnte, hatte sie, die aus einer der ersten Familien des Landes stammte, sich zu Joey Fabiano aus dem Armenviertel hingezogen gefühlt.

Sie musste ihn vergessen.

Jetzt, mit sechsundzwanzig, war Heather schön, reich und wurde von allen beneidet. Sie gehörte zum texanischen Geldadel, auch wenn sie zur Zeit in Louisiana lebte. Ihr Vater hatte sie finanziell so abgesichert, dass sie sich um Geld nie mehr würde Gedanken machen müssen. Ihr hartnäckiger Verehrer und zukünftiger Mann Laurence Roth war ehrgeizig und beruflich sehr erfolgreich.

Aber sie hatte auch Schweres erlebt. Ihre ältere Schwester Alison war mit zehn Jahren an einer Kinderkrankheit gestorben. Später war ihr Bruder Ben bei einem Autounfall ums Leben gekommen. So war Heather als Einzige übrig geblieben und litt unter der Verpflichtung, ihre Eltern glücklich zu machen.

In ihrem dritten Berufsjahr hatte Heather ein Foto gemacht, für das sie den Pulitzerpreis erhielt. Doch anstatt auf dieser Auszeichnung ihre Karriere aufzubauen, gab sie den Beruf auf. Die neidischen Kollegen jubelten, und auch ihre Eltern waren erleichtert, denn die Tochter sollte sich endlich auf ihre eigentliche Aufgabe als Frau und Mutter besinnen. Lediglich Joey hatte angerufen und gefragt, ob etwas nicht in Ordnung sei. Sie hatte nichts gesagt, sondern zitternd den Hörer aufgelegt. Als das Telefon wieder klingelte, war sie in den Garten gelaufen, um es nicht hören zu müssen.

Sie drehte nervös an ihrem Verlobungsring. Sie musste sich Joey endlich aus dem Kopf schlagen.

Die meisten Frauen hätten alles dafür getan, um Laurence heiraten zu können. Heathers Mutter wurde nicht müde, ihr immer wieder zu predigen, dass sie erst in der Ehe die Erfüllung finden würde, die ihr die Karriere versagt hätte. Deshalb hatte Heather es schließlich auch geschehen lassen, dass Laurence ihr eines Tages in ihrem Rosengarten mit einem leicht triumphierenden Lächeln den Verlobungsring ansteckte.

Laurence kaufte ein Haus oben in den Bergen von Texas und ließ Heather als Besitzerin eintragen. Das war sein Hochzeitsgeschenk, und er gab ihr auch in Bezug auf die Einrichtung vollkommen freie Hand. Der berühmteste Innenarchitekt von Texas wurde engagiert.

Wie in Trance hatte Heather gut tausend Einladungskarten adressiert. Die Kleider für zehn Brautjungfern waren bestellt worden, Hawaii wurde als Ziel der Hochzeitsreise festgelegt. Julia war von ihrem Orden freigestellt worden, um sich während der Hochzeitsfeierlichkeiten und der Hochzeitsreise um Nicky zu kümmern.

Jeder erzählte Heather, dass sie die glücklichste Frau auf Erden war. Sie seufzte leise und griff zur Fernbedienung. Als Joey ins Bild kam, drückte sie auf „Pause“. Sie starrte ihn an, bis ihre Augen sich mit Tränen füllten. Ihre mühsam aufrechterhaltene Fassung bröckelte.

Schon Jahre bevor sie sich in seinem Chevy vergnügten, hatte sie sich in Joey verliebt. Als sie fünf war, hatte er sie in sein Versteck eingeladen und mit ihr „Doktor“ gespielt. Das hatte endlose Ermahnungen ihrer Eltern zur Folge, die den kleinen Joey für verderbter hielten als seinen trunksüchtigen Vater. Aber sie hatte sich zu gut mit Joey verstanden, als dass sie ihn aufgeben wollte. Und allmählich war aus der Freundschaft Liebe geworden.

Dann starb ihr Bruder Ben, und mit ihm zerbrach ihre Welt.

Später, als Joey längst ein berühmter Filmstar war, redete sie sich ein, er habe sie vergessen. Selbst als er nach Wimberley zurückkehrte, der Stadt, in der sie aufgewachsen waren, und zum großen Ärger ihres Vaters dort Land aufkaufte, hielt sie an ihrer Überzeugung fest. Schließlich hatte er sie absichtlich nicht beachtet, als sie ihm zweimal auf dem Marktplatz von Wimberley begegnet war.

Und dann heute Nacht, im Angesicht von Millionen, hatte er etwas so völlig Verrücktes getan, und ihr ebenso verrücktes Herz hatte sofort stark darauf reagiert.

Panik überfiel sie, als sie sich in dem Raum umsah. Da hing ihr Brautkleid in jungfräulichem Weiß, daneben der kostbare Kopfschmuck und der Schleier, sorgsam in einen langen Plastiksack gehüllt. Sechs gepackte Lederkoffer standen bereit, und lediglich ihre Kameras lagen noch ungeordnet auf dem Tisch, weil sie sich noch nicht entschieden hatte, ob sie sie mitnehmen sollte.

Alles war bereit für die lange Fahrt morgen nach Texas.

Heather nahm die Weinflasche und goss sich ein viertes Glas ein. Dann ließ sie das Video weiterlaufen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Warum tu ich mir das nur an?

Es ist bereits zwei Uhr morgens, und ich habe eine lange Fahrt vor mir. Außerdem bin ich alles andere als ein Morgenmensch.

Heather ließ den Kopf sinken. Sie fühlte sich verspannt, und ihr ganzer Körper schmerzte. Vier Fotoalben aus High-School-Tagen rutschten ihr vom Schoß, und viele Bilder fielen heraus. Meist waren es Bilder von Joey. Sie hatte sich in die Bilder vertieft und war dabei immer trauriger geworden. Joey hatte sie geliebt, wirklich geliebt.

Du musst ins Bett gehen.

Sie schüttelte den Kopf und griff erneut nach der Fernbedienung.

Sie zitterte, als sie sein Gesicht wieder auf dem Bildschirm sah. Warum war er nur so verdammt sexy?

„Er ist nichts wert. Wie sein Vater.“

Aber so unwiderstehlich wie dunkle süße Schokolade. Selbst im Fernsehen waren seine Augen eine einzige Versuchung. Und dieser Mund musste alle Mädchen schwach machen. Sein verführerisches, leicht zynisches Lächeln ließ ihren Puls schneller gehen.

Hör auf damit, befahl sie sich. Er wird dir wieder wehtun, er wird deine Familie verletzen und besonders Nicky. Du gehörst zu Laurence.

Heather konzentrierte sich auf Joeys Bild auf dem Fernsehschirm. Er hatte die Haare im Nacken zusammengenommen. Sein Smoking saß perfekt und betonte die breiten Schultern und die schmalen Hüften.

Der ungehobelte Junge aus ihrer Jugend war verschwunden. Diese neue und nach Jahren ältere Ausgabe wirkte elegant, aber irgendwie härter. Die scharfen Linien seines arroganten Gesichtes machten deutlich, dass eine Art Finsternis in seine Seele eingedrungen war. Er hatte Piraten gespielt, Biker, Zigeuner, Krieger und Mafiatypen, alles gefährliche, aber betörende Männer, und Heather schien dieser Mann, der die Frauen mit seinen Liebesszenen schwach machte, ein Fremder.

Warum aber ließ dann bereits sein bloßer Anblick ihr Herz schneller schlagen? Warum sehnte sich ihr ganzer Körper nach ihm, wurde ihr der Mund trocken und setzte ihr Verstand aus?

Seine raue Stimme schien sich über sie lustig zu machen. „Keinen Wein mehr, Baby.“

Wenn er nur ihrem geliebten Nicky nicht so ähnlich sähe! Die Hände wurden ihr feucht.

Seine Begleiterin bei der Oscar-Verleihung, das Topmodel Daniella Wolfe, war schlank und groß. Sie hatte goldene Locken und dunkelblaue Augen.

Sie sieht aus wie ich, schoss es ihr durch den Kopf. Warum sehen seine Freundinnen immer so aus wie ich?

Wieder glaubte sie Joeys Stimme zu hören. „Bilde dir nur nichts ein. Es hat nichts mit dir zu tun, dass ich auf langbeinige Blondinen stehe.“

Jetzt lehnte er sich weit in seinem Sitz zurück, genau, wie er es damals immer getan hatte, um die Lehrer zu ärgern, wenn er die Antwort nicht gewusst hatte. Sein männlich geschnittener Mund verzog sich zu einem überlegenen Lächeln so wie damals, wenn man sich über seine abgetragene Kleidung lustig gemacht hatte.

„Auch wenn du es deinem Vater nicht erzählst, wirst du mich nie vergessen können, Heather Wade, und auch nicht das, was wir zusammen gemacht haben … im Bett … im Wald … in meinem Versteck.“

Sie ballte die Hände zu Fäusten. Doch, ich habe dich bereits vergessen …

„Gott hat mich nur für dich geschaffen, Baby.“

Joey war der erste Junge gewesen, der Heather mitten auf den Mund geküsst hatte. Er war auch der erste, der sie richtig geküsst hatte. Mit siebzehn hatte sie dann das erste Mal mit ihm geschlafen. Er war achtzehn, und es war auch für ihn das erste Mal gewesen. Vieles hatte sie mit Joey das erste Mal getan.

Die Klatschblätter machten deutlich, dass Joey heutzutage nicht besonders wählerisch war, wenn es um Frauen ging. Die Starlets und Models gaben sich vor seinem Schlafzimmer sozusagen die Türklinke in die Hand. Aber er war schließlich momentan auch der aufregendste Star Hollywoods.

Nun war die zur Zeit berühmteste Schauspielerin im Bild. Sie hielt einen Umschlag in der Hand, den sie jetzt langsam aufschlitzte.

„Als männlicher Darsteller wurde ausgezeichnet …“

Applaus brandete auf. Als Joeys Name fiel, hob Heather ihr Weinglas.

Jetzt würde er blass werden, dann mit einem schnellen Satz auf die Bühne springen und …

Heather hielt den Atem an.

Nicht noch einmal, befahl sie sich. Lass es sein. Mach den Apparat aus.

Aber sie konnte den Blick nicht von ihm lösen. Der Augenblick, auf den sie wartete, war schon da.

Nachdem er der Akademie gedankt hatte, seinem Agenten und seinem Regisseur, stockte Joey plötzlich. Er trat von einem Fuß auf den anderen, wurde blass und ernst und umklammerte die goldene Statue. Für einen harten Burschen wirkte er ausgesprochen nervös.

Genauso hatte er damals im Krankenhaus ausgesehen.

Schweigend beugte er sich zum Mikrofon herunter. Er presste kurz die Zähne aufeinander. Dann sah er direkt in die Kamera, blickte direkt Heather an. In diesem Augenblick war er wieder der überhebliche und gleichzeitig unsichere Junge von früher, und es gab nur sie zwei auf der Welt.

Er lächelte kurz. „Ich würde gern jemandem aus meinem privaten Umfeld danken, aber mir fällt keiner ein. Sie glauben wahrscheinlich, dass ich der glücklichste Mensch auf Erden sein sollte, aber ich bin es nicht. Ich bin vielleicht der … einsamste Mensch auf der Welt.“

Auch als Kind war er schon sehr einsam gewesen, arm, schlecht gekleidet, verlacht von den anderen.

Heather musste unwillkürlich an ihre gemeinsame Kindheit denken. Sie sah Joey vor sich, wie er in seiner abgerissenen Kleidung hinten im Klassenzimmer sah und heimlich Bücher las, die er sich aus der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Sie hatte ihn oft gehänselt, aber er hatte nur gegrinst und gemeint: „Eines Tages wirst du dafür büßen müssen, Heather.“ Sie starrte auf den Fernsehschirm.

Der elegante Mann mit der Goldstatuette richtete sich wieder auf. Seine Stimme wurde rau. „Aber es gibt jemanden … jemanden, der mir unvergesslich bleibt. Deshalb, Heather … Baby, wenn du da irgendwo bist, wenn du mich hörst … ich möchte dir danken, jetzt in diesem Augenblick, weil es vielleicht die letzte Gelegenheit ist. Du warst der erste Mensch, der an mich geglaubt hat, der einzige wirkliche Freund… Ich wünschte, wir könnten noch einmal von vorne anfangen.“ Er schwieg. Dann wandte er sich seiner Nachbarin auf der Bühne zu. „Ich mache mich hier zum Narren, und all das wegen einer Frau, die mich weggeschickt …“ Plötzlich schien ihm wieder bewusst zu werden, wo er sich befand, er machte eine knappe Verbeugung und verließ schnell die Bühne.

Die Zuhörer standen auf und klatschten wie besessen, lange, nachdem er sich wieder hingesetzt hatte. Lediglich das Topmodel Daniella blieb sitzen und entzog ihm ihre Hand, als Joey danach greifen wollte.

Heathers Augen brannten. Joey wirkte nicht glücklich. Sein Gesichtsausdruck war arrogant, stolz, und er wusste, was er wert war. Gleichzeitig aber sah er einsam aus, verletzt, und sie fühlte seinen Schmerz.

Ihre Eltern wie auch die ganze Stadt hatten ihn dafür verachtet, dass er Theo Fabianos Sohn war. Joey war sich immer wie der letzte Dreck vorgekommen. Jetzt war er zwar von aller Welt anerkannt, aber er schien trotzdem unglücklich zu sein, so wie damals im Krankenhaus, als sie ihn abgewiesen hatte.

„Bitte, Baby, verlass mich nicht. Ich kann nicht ohne dich leben.“

Aber ihr Schmerz und ihre Schuldgefühle wegen Ben waren damals so stark gewesen, dass sie Joeys Kummer nicht wahrnehmen wollte.

Und er hatte es ja auch ohne sie geschafft.

Heather wollte ihn anrufen und ihm gratulieren.

Nein, lieber nicht.

Aber er hatte sie doch auch damals angerufen, um sie zu fragen, warum sie nach diesem Erfolg den Beruf an den Nagel hängen wollte.

Seine Stimme hatte besorgt geklungen, doch sie hatte ohne Antwort den Hörer aufgelegt. Als er zurückrief, hatte sie schon den Anrufbeantworter angestellt, und Joey hatte seine Nummer hinterlassen. Sie hatte sich die Nummer aufgeschrieben, und manche Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte, hatte sie den Zettel hervorgeholt und die Nummer angestarrt, als sei sie die letzte Verbindung zu ihm.

Ich muss ihn vergessen, ich darf ihn auf keinen Fall anrufen.

„Du kannst mich nicht aus deinem Leben streichen, Baby. Wenn du jemand anderen heiratest, dann werde ich dich noch bis in dein Bett verfolgen. Auch in deiner Hochzeitsnacht werden wir zu dritt sein.“

Er hatte recht. Immer wenn sie Larry küsste, hörte sie im Geist Joeys dunkle verführerische Stimme.

„Er ist nicht so gut wie ich, was, Baby?“

Aber damit musste jetzt Schluss sein.

Sie würde tun, was man von ihr erwartete, und würde glücklich werden. Das geordnete Leben mit Laurence würde ihr Ruhe bringen. Und Nicky hätte endlich einen Vater. Julia könnte sich ganz auf ihre Berufung konzentrieren. Und Heathers Eltern wären froh und erleichtert, dass sie nun standesgemäß verheiratet war.

Ja, ihre Eltern hatten wirklich genug gelitten, und es war jetzt Heathers Aufgabe, sie dafür zu entschädigen.

Und dennoch war sie nicht glücklich. Joey war der Einzige, der sie wirklich kannte, mit all ihren Wünschen und ungewöhnlichen Fantasien, denn er war ihr ähnlich. Er war ihr bester Freund gewesen. Er hatte jeden Gedanken und jedes Gefühl mit ihr geteilt, etwas, was bei Laurence nie vorkam, der den ganzen Tag in seinem Büro saß.

Aber Joey gehörte zur Vergangenheit.

Sie musste sich auf die Gegenwart konzentrieren.

Joey war Fantasie, Laurence war Realität. Hatte sie während ihrer Berufstätigkeit nicht erfahren, wie fatal es war, beides zu vermischen?

Joeys Bettgeschichten waren legendär.

Laurence war diskret und verlässlich. Er respektierte sie. Eine glückliche Ehe erforderte Zeit, Bemühen, Zuneigung. Sex war nicht so wichtig. Sie wollte Sicherheit. Und die verkörperte Larry wie kein anderer.

„Und was ist mit der Liebe?“ Das war wieder die dunkle Stimme.

Und was ist mit Nicky?

Was würde passieren, wenn Joey die Wahrheit über Nicky herausfand?

2. KAPITEL

Die drei Fahrgäste in der schwarzen Limousine waren in ein unbehagliches Schweigen versunken. Jeder war noch innerlich mit dem beschäftigt, was Joey auf der Bühne gesagt hatte.

Mac, der Agent, starrte verbissen aus dem Fenster. Joey verfluchte sich innerlich dafür, dass er den Mund nicht hatte halten können. Sie waren unterwegs zu dem absoluten In-Restaurant von Los Angeles, in dem Mac für Joey eine Party gab.

Als sie den Parkplatz des Restaurants erreicht hatten, wandte sich Daniella mit zusammengezogenen Brauen zu Joey um. Doch sie kam nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn sofort war das Auto von einer kreischenden Menge umgeben.

Mac hatte sich bemüht, Daniella aufzuheitern. „Honey, das wird noch peinlich genug für ihn werden. Sei du wenigstens wieder nett zu ihm.“ Aber Daniella hatte nur schrill gelacht. „Du brauchst ihn nicht zu bedauern. Seine Fans werden begeistert sein. Der arme Joey, der sich nach seiner alten Liebe verzehrt … Und wo bleibe ich?“

Joey hatte sich seufzend abgewandt. Daniella ging ihm schon länger auf die Nerven, aber davon abgesehen verachtete er sich für das, was er gesagt hatte. Warum, um Himmels willen, hatte er Heather gedankt? Sie heiratete demnächst Larry Roth und sollte ihm wirklich vollkommen gleichgültig sein.

Es hätte die glücklichste Nacht seines Lebens sein sollen. Stattdessen hatte er da auf der Bühne gestanden, hatte den Applaus gehört und sich gewundert, warum ihm das alles auf einmal so unwichtig war. Sicher, er hatte es in kurzer Zeit weit gebracht. Nie würde er vergessen, wie er als Sohn eines Trinkers aufwuchs und sich später sein Geld mühsam als Tellerwäscher und Kellner verdiente. Oder wie er in einem miesen Stück auf irgendeiner Hintertreppenbühne nackt auftreten sollte, bei der Premiere aber schon die Nerven verlor und mitten in der Aufführung von der Bühne sprang und davonzulaufen versuchte. Da hatte ihn irgendein Produzent mit einer Videokamera überrascht und aufgenommen. Aber Mac war unter den Zuschauern gewesen und war von ihm begeistert. Er war ihm bis in seine kleine Wohnung gefolgt und hatte ihm angeboten, sein Agent zu sein.

„Ich will nie mehr auf die Bühne“, hatte Joey gesagt.

Aber Mac hatte es verstanden, sein Vertrauen zu gewinnen, und sie hatten sich mehrere Stunden lang unterhalten.

Mac hatte dafür gesorgt, dass er die richtigen Leute kennenlernte. Er hatte ihm Schauspielunterricht gegeben, ihm gezeigt, wie er seine Rollen anpacken musste. Mac und seine Frau Titania managten schließlich Joeys Leben vollkommen, seine Launen, seine Frauen und sein Geld. Er vertraute ihnen, sie waren dafür verantwortlich, dass er es geschafft hatte. Außer ihnen hatte er niemanden.

Das war ihm heute bei der Oscar-Verleihung so erschreckend klar geworden. Mac und Titania hatten wenigstens einander, er war allein. Vielleicht hatte er deshalb angefangen, Land in seiner Heimatstadt zu kaufen.

„Du hättest dich auch bei mir bedanken können“, unterbrach Daniella seine Gedanken.

„Danke“, sagte Joey knapp. Du liebe Zeit, immer dreht sich alles nur um sie, dachte er.

„Du behandelst mich, als bedeute ich dir gar nichts.“

„Immerhin schläft er doch mit dir.“ Mac grinste.

Daniella lächelte verächtlich und schwieg.

Hoffentlich hielt sie den Mund. Er wusste auch nicht, was mit ihm los war. Er galt als jemand, der die Frauen reihenweise vernaschte. Daniella war eine bildhübsche Frau, und trotzdem hatte er keinerlei Interesse an Sex mit ihr. Auch vor ihr schon hatte er sich von Mädchen getrennt, die mehr als nur seine hübsche Begleiterin sein wollten. Er konnte jede haben, aber warum wollte er mit keiner schlafen?

„Ich bin dir gleichgültig“, fing Daniella wieder an.

Was erwartete sie? Er war doch für sie auch nur eine weitere Trophäe in ihrer Sammlung.

Er hatte sie nicht darum gebeten, nackt in seinen Pool zu springen und zu schreien, sie könne nicht schwimmen. Wahrscheinlich hatte sie den Fotografen auch selbst engagiert, der schon auf einem Baum lauerte.

Am nächsten Morgen waren die Zeitungen voll von ihnen gewesen. Und kurz danach bei einer Party hatte sie sich an ihn geschmiegt und geflüstert: „Jeder glaubt doch, dass wir es schon tun, warum tun wir es dann nicht?“ Bevor er sie wegschieben konnte, hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihn geküsst. Wieder standen lange Artikel über sie in der Regenbogenpresse. Sie hatte ihn nur benutzt, um sich Publicity zu verschaffen.

„Wir geben einander doch, was wir brauchen, Daniella.“

„Ich will aber mehr, Joey.“

Aber Joey war mit den Gedanken schon wieder in der Vergangenheit, bei dem Nachmittag vor vielen Jahren, als er versucht hatte, Heather beizubringen, wie man Kieselsteine übers Wasser hüpfen ließ. Sie hatten so gelacht, als sie sich ungeschickt anstellte. Aber später im Bett hatte sie ihm gezeigt, was sie schon alles von ihm gelernt hatte.

Heather würde in einer Woche heiraten.

Joey wandte sich der schlanken Blondine neben ihm zu. „Was willst du denn noch?“

Sie hielt ihm neckisch die weiße Hand hin. „Einen Ring.“

„Du meinst heiraten?“

Sie sagte nichts, aber die Antwort war deutlich in ihrem Gesicht zu lesen.

„Auf keinen Fall.“

Daniella kniff die Augen zusammen. „Ach, geh doch zum Teufel, Joey.“ Sie rutschte so weit von ihm ab wie möglich und sah aus dem Fenster.

Joey konnte sich wieder seinen Gedanken überlassen. Warum nur hatte er sich bei der Oscar-Verleihung nur so gehen lassen? Er hatte sich plötzlich schrecklich einsam gefühlt, und da hatte er das gesagt, was ihm als erstes in den Sinn gekommen war.

Heather – wieder sah er Bens leuchtend roten Wagen vor sich, total zerstört, wieder sah er Heather, wie sie sich über den Bruder beugte. Als er sie trösten wollte, hatte sie ihn zurückgestoßen und ihn angeschrien, er sei schuld an Bens Tod. Dann war der aalglatte Larry gekommen, hatte den Arm um sie gelegt und sie weggeführt.

Das Kreischen der Menge brachte Joey wieder in die Gegenwart zurück.

Ein junges Mädchen schlug gegen die Glasscheibe. „Ich liebe dich, Joey, lass mich rein.“ Eine andere Frau presste die Brüste ans Fenster.

„Ja, so ist es, wenn man berühmt ist.“ Mac grinste. „Das war doch immer dein Ziel.“

Joey lachte kurz auf, aber er wusste, dies war der Preis dafür, dass er den Beruf ausüben konnte, den er liebte. Oder lieben würde, wenn sie ihm endlich anspruchsvollere Rollen anbieten würden. Es hing ihm zum Hals heraus, dass er für alle Frauen nur der Traummann im Bett war.

Louie, sein Bodyguard, öffnete vorsichtig die Autotür. Eine Blondine drängte sich zu Mac vor, der aber nur lächelnd die Hand mit dem Ehering vor die Kameras hielt.

Joey zog Daniella aus dem Wagen und versuchte, sie mit seinem Körper von der Menge abzuschirmen. „Los, komm“, zischte er ihr zu, als er merkte, dass sie ihren Auftritt genoss. Sie lächelte in die Kameras und strich langsam ihr hautenges Kleid glatt.

„Umarmt euch“, schrie ein junges Mädchen.

„Küss sie!“

Langsam wandte sich Daniella zu Joey um, legte ihm die Hand um den Nacken und drückte ihm die vollen roten Lippen auf den Mund. „Küss mich, du Schlappschwanz“, zischte sie. „Das wirst du doch noch schaffen. Schließlich bist du Schauspieler.“

Doch er schüttelte sie ab.

Drinnen im Restaurant war die Hölle los. Als Joey eintrat, stoppte die Musik. Alle starrten ihn für einen Moment schweigend an, dann brach ein begeisterter Jubel los. Joey lächelte gequält und dankte mit einem Kopfnicken.

„Sag etwas!“, schrie eine weibliche Stimme.

„Wie wär’s, wenn du diesmal mir vor versammelter Mannschaft dankst?“, rief eine junge Frau herausfordernd.

„Der einsame, unglückliche Herzensbrecher!“

Alle lachten, nur Joey nicht. Plötzlich, in all dem Trubel, sehnte er sich nach der Ruhe seiner Ranch in Texas.

„Ich komme mit dir, wohin du willst“, sagte ein hübsches Mädchen.

Joey verzog das Gesicht zu einer bedauernden Grimasse und wandte sich um. Nie würde er lernen, mit dieser Seite des Ruhmes fertig zu werden. Immer angestarrt werden, nie ein richtiges Privatleben haben, daran würde er sich nie gewöhnen können.

Wieder legte ihm jemand die Hand auf den Rücken. „Kann ich irgend etwas für dich tun, Darling?“

„Nein, ich bin mit Begleitung gekommen.“

„Die ist aber anderweitig beschäftigt“, flüsterte die Stimme.

Joey drehte sich zur Tanzfläche um. Daniella tanzte eng umschlungen mit Zachary Ranch, seinem Regisseur. Umso besser.

Bloß weg von hier! Joey wollte Mac und Titania gegenüber wirklich nicht unhöflich sein, aber er hielt es nicht mehr aus. Er musste nach Hause, nach Texas, wo die Leute einen noch normal behandelten. Und er musste nach Texas, bevor Heather diese Ehe einging. Das war ihm auf einmal klar.

Er zog sein Handy heraus und tippte schnell die Nummer seines Piloten ein. Seine Anordnung war kurz. Dann packte er Daniella beim Arm. „Los, komm.“

Sie schmiegte sich enger an Zach. „Nein, ich will noch nicht. Es ist gerade so schön.“

„Gut, dann bleib.“

„Nein, nein, warte, ich komme schon.“

Draußen wurden sie wieder von einer kreischenden Menge erwartet. Alle wollten ein Autogramm, und Louie wurde schon ganz ungeduldig, als Joey sich für ein kleines Mädchen auf Krücken besonders viel Zeit nahm und ihr noch liebevoll über das Haar strich.

In dreißig Minuten waren sie am Flugplatz, wo Howard, der Pilot, bereits auf sie wartete. Joey lenkte den Learjet selbst, bis sie ihre Flughöhe erreicht hatten, dann übergab er das Steuer dem Piloten und setzte sich Daniella gegenüber, die immer noch schmollend in der Ecke saß. Er schloss die Augen und war so erschöpft, dass er sofort einschlief.

Als er die Tür des Ranchhauses aufschloss, war die Nacht schon beinahe um. Joey öffnete die Fenster weit, um die warme duftende Morgenluft hereinzulassen. Das Telefon klingelte.

Daniella nahm ab und knallte kurz darauf den Hörer wieder auf.

„Wer …?“

„Irgendso ein Irrer, der sich nicht meldet.“ Sie stolzierte in Richtung Badezimmer.

Er sah auf sein Display. Nur eine Nummer, kein Name. Das war auch nicht nötig, denn Heathers Nummer kannte er auswendig.

Verdammt, wenn er doch bloß nicht diese blöde Beichte da vor den Augen der Welt abgelegt hätte! Heather war wirklich der letzte Mensch, mit dem er jetzt sprechen konnte. Er war nicht ganz bei sich gewesen, sein Starruhm hatte ihn um den Verstand gebracht. Schließlich liebten ihn Millionen. Millionen fremde Menschen …

Dass er nach Texas geflogen war, hatte doch nichts mit Heather Wade zu tun. Er wollte nur endlich wieder Boden unter die Füße kriegen, wollte wissen, wer er selbst war und was er wollte. Die Presse hatte so viele Lügen über ihn gedruckt, dass er den Kontakt zu dem wirklichen Joey Fabiano vollkommen verloren hatte. Die Medien hatten aus ihm einen Sexgott gemacht, einen Supermacho. Wer war er wirklich? Wann war ihm die Kontrolle über sein Leben entglitten? Wie konnte er das ändern?

Heather hat angerufen, dachte er und unterdrückte ein Stöhnen.

Vergiss sie.

Er wollte sie hassen, wollte nie wieder an sie denken, aber das war nicht so leicht.

Joey seufzte. Obgleich er Karriere gemacht hatte, obgleich er ein großes Vermögen besaß, war und blieb er doch ein Filmschauspieler, ein Nichts in Heathers Welt. Ihr Verlobter gehörte zu den ersten Familien des Landes und stammte aus altem Geldadel. Joey dagegen hatte sein Geld mit Rollen verdient, die die Massen begeisterten. Er hatte keine Ahnung von klassischer Musik oder Literatur. Er konnte Teepartys und Debütantinnenbälle nicht leiden.

Die Badezimmertür öffnete sich, und Daniella trat heraus, mit nichts bekleidet als ihren hochhackigen Pumps. Das Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Sie sah phantastisch aus, und beunruhigt stellte er fest, dass sie ihn überhaupt nicht erregte.

Er entkleidete sich rasch, nahm einen Pyjama aus einer Schublade und zog ihn schnell über. Dann sprang er ins Bett und löschte das Licht.

„Ich bin müde“, sagte er mürrisch. „Gute Nacht.“

Sie schlüpfte neben ihn unter die Decke. Er atmete tief durch, als sie sich eng an ihn schmiegte, sodass ihre Brüste seinen Rücken kitzelten. Ganz ruhig lag Joey da, aber seine Muskeln waren angespannt. Als sie mit der Hand in seine Pyjamahose fuhr, schob er sie zur Seite.

„Nicht heute, Baby.“

„Du verfluchter Schlappschwanz!“ Sie sprang aus dem Bett. „Was würdest du sagen, wenn ich der Öffentlichkeit von deinem kleinen Problem erzählen wurde?“

Er wurde wütend. „Nur zu, ich habe nichts dagegen. Das wäre ja mal was anderes.“ Entnervt schloss er die Augen.

Als Joey am nächsten Morgen aufstand, war Daniella verschwunden und mit ihr der Diamantschmuck, den er für die Oscar-Nacht geliehen hatte.

Wieder ließ er die letzte Rufnummer auf dem Display erscheinen. Heathers Nummer. Er ging zum Kühlschrank, leer. Wütend warf er die Kühlschranktür zu und ging ins Wohnzimmer. Er war froh, dass Daniella gegangen war, auch wenn es jetzt hier noch einsamer war.

Heather. Weshalb musste er dauernd an sie denken? Schließlich waren sie und ihre Familie doch daran schuld, dass er sich immer wertlos vorgekommen war. Er sollte sich lieber mit den neuen Drehbüchern beschäftigen, außerdem musste er dringend ein paar Telefongespräche führen.

Dennoch ging er unruhig hin und her. Schließlich blieb er vor einer kleinen Kommode stehen und zog die oberste Schublade auf. Er nahm ein zerlesenes Nachrichtenmagazin heraus. Das Titelbild zeigte einen gutaussehenden dunkelhaarigen Mann, der einen kleinen Jungen auf den Schultern trug. Der Weg schimmerte golden im Schein der untergehenden Sonne. Das war das Foto, mit dem Heather den Pulitzerpreis gewonnen hatte. Auf den ersten Blick wirkte der Gesichtsausdruck des Mannes nur wachsam. Erst auf den zweiten sah er böse aus. Der Junge starrte aus großen Augen geradeaus. Auf Grund dieses Fotos hatte man Trevor Pilot, einen kaltblütigen Kidnapper, hinter Gitter bringen können. Der Vater des Kindes war der britische Botschafter, und die Nachricht von der Entführung war um die ganze Welt gegangen. Als das Kind lebend aufgefunden wurde, war Heather ins Weiße Haus eingeladen worden, aber sie war vorher verschwunden, wie sie auch nach Bens Tod einfach verschwunden war.

Der verzweifelte Ausdruck in den Augen des Kindes berührte Joey immer wieder tief. Heather war eine so talentierte Fotografin. Warum hatte sie bloß ihren Beruf an den Nagel gehängt?

Er warf das Magazin zurück in die Schublade und trat auf die Terrasse hinaus. Da hinten hatten er und Heather immer gespielt. Was waren das für wunderbare Sommer gewesen, voller Sonne und Glück.

Sie hatten sich vollkommen vertraut. Nur sie wusste, dass sein Vater ihn schlug und dass er sich wegen seiner abgetragenen Sachen schämte. Sie hatte sich besonders einfach gekleidet, wenn sie mit ihm zusammen war, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.

Als sie ihm im ersten Collegejahr erzählte, dass sie schwanger sei, hatte er sie gebeten, ihn zu heiraten.

Seine Stimmung wurde düsterer. Und Hunger hatte er auch. Aber er konnte nicht einfach in den Ort fahren, um etwas essen zu gehen. Man würde ihn erkennen und ihm Fragen wegen Heather stellen. Und er wusste nicht, was er darauf antworten sollte.

Er hatte immer noch nicht gelernt, wie er mit seiner Berühmtheit umgehen sollte.

Er rief Cass an, seinen Verwalter, der versprach, ihm etwas zu essen zu bringen. Joey ließ sich auf das Sofa vor dem Fernsehapparat fallen und drückte auf den Knopf der Fernbedienung. Auf einem Parkplatz in Austin hatte es eine Schießerei gegeben. In den nächsten Tagen wurde eine große Hitzewelle erwartet. Senator Wade hatte sich zur Wiederwahl gestellt. Seine Tochter würde heiraten.

Ruckartig richtete Joey sich auf. Sein Puls beschleunigte sich, als er Heather und Larry sah. Genauso hatte Larry damals vor sechs Jahren die Arme um sie gelegt, als Ben gestorben war. Merkwürdig, dass sie sich damals Roth zugewandt hatte, dem Sohn von Freunden ihrer Eltern, der schon immer hinter ihr her gewesen war. Und merkwürdig, dass er, Joey, an dem Tag nicht begriffen hatte, dass er sie genau in diesem Moment verlor.

Roth sah noch genauso aus wie damals mit seinem streng nach hinten gekämmten blonden Haar und den kalten Augen. Vielleicht fand sie, dass er gut aussah, nach all den verrückten Freunden, die sie gehabt hatte. Joey gefiel es nicht, wie Roth jedesmal verärgert blickte, wenn Heather spontan etwas äußerte.

Aber auch Heathers Lächeln wirkte angestrengt. Sie war zu dünn und wirkte wie eine aufgezogene Puppe ohne eigenen Willen. Sie war elegant angezogen, aber der klassische Anzug und der Knoten im Nacken hätten zu ihrer Mutter viel besser gepasst. Das war nicht mehr die ungebärdige Heather von früher, die Überraschungen liebte, das Haar offen trug und am liebsten fließende Kleider anhatte. Diese junge Dame der Gesellschaft mit dem angespannten Lächeln glich kaum noch seiner Heather, die immer zu Abenteuern aufgelegt war, die ihn unter ihren wirren Locken hervor fröhlich anlächelte und die das Leben voll auskosten wollte. Die kühle Beherrschung der Person dort auf dem Bildschirm passte überhaupt nicht zu ihr.

Was hatte sie so verändert? Und warum hatte sie ihren Beruf aufgegeben?

Jetzt wurden Bilder von ihrem Herrenhaus in der Nähe von New Orleans gezeigt. Plötzlich schoss ein schwarzhaariges kleines Wesen aus der Tür und warf sich in Roths Arme.

Der kleine Junge grinste in die Kamera und winkte. Er konnte kaum mehr als fünf sein …

Plötzlich erstarrte Joey. Der Junge sah genauso aus wie er in dem Alter. Er hatte sogar den gleichen Haarwirbel oberhalb der linken Schläfe.

Zufall?

Die nächste Einstellung zeigte, wie Heather versuchte, den kleinen Jungen schnell in das Haus zu schieben. Sie wirkte nervös, ja, erschrocken.

Joey sprang auf. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Hatte sie ihn so verachtet und für so minderwertig gehalten, dass sie ihm ihr gemeinsames Kind verschwieg?

Sofort musste er daran denken, wie Heather bei Bens Beerdigung ohnmächtig geworden war und gleich ins Krankenhaus geschafft wurde. Erst Stunden später hatte er sie zu Gesicht bekommen.

Sie hatte wie tot dagelegen, hatte dann den Kopf zur Seite gedreht, als er an ihr Bett getreten war. Sie hatte ihn weggeschickt. „Es gibt kein Baby“, hatte sie gesagt.

Zu Hause hatte sein Vater ihn verprügelt, weil seine Schwester Julia weggelaufen war. Als er sich endlich losmachen konnte und aus der Haustür taumelte, hatten Larry Roth und Travis Wade schon auf ihn gewartet, hatten ihn beschimpft und in Larrys Auto gezerrt. Dann hatten sie ihn außerhalb der Stadt aus dem Auto gestoßen. Wades Stimme hatte er noch im Ohr. „Bleib weg von meiner Tochter. Sie braucht keinen Nichtsnutz wie dich. Wenn du dich noch mal hier blicken lässt, wirst du das bitter bereuen.“

Sechs Jahre lang hatte Joey sich wie tot gefühlt. Er hatte versucht, die innere Leere mit Ruhm, Geld und Sex auszufüllen. Den Drogen hatte er immer ausweichen können, unüblich unter Schauspielern, die einer gnadenlosen Konkurrenz ausgesetzt waren. Auch als Star war ihm stets bewusst, dass der Ruhm kurzer Dauer sein konnte.

Was würde er dann tun?

Er liebte Heather. Nicht wegen ihres Vermögens, sondern wegen ihres unverwechselbaren Wesens. Und auch, als er endlich Geld hatte und erfolgreich war, hatte er sich, mit einer Ausnahme, nie mit ihr in Verbindung gesetzt. Denn sie hatte deutlich gemacht, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte.

Plötzlich wurde er ganz ruhig. Er wusste, was zu tun war.

„Es gibt kein Baby.“

Er trank sein Bier aus und stellte die Dose langsam auf den Tisch.

Und wessen Kind war der Junge?

Heather würde nach Texas kommen.

Joey beschloss, sie zu fragen.

3. KAPITEL

Die Freundinnen ihrer Mutter wären entsetzt, wenn sie sie so sehen könnten. Heather hatte die unfrisierten Locken zu einem Pferdeschwanz gebunden. Statt des eleganten roten Kleides trug sie zerschlissene Jeans und ein altes verblichenes Football-T-Shirt.

Sie war ungeschminkt an diesem ungewöhnlich heißen Vormittag und wünschte, sie hätte Shorts angezogen. Angestrengt konzentrierte sie sich auf die drei Kartons, die sie auf den Armen balancierte, während sie mit dem Knie die Fliegengittertür aufstieß. Sie war erst in der Morgendämmerung zu Bett gegangen und hatte den Wecker glatt überhört. Den Hörer hatte sie bisher nicht wieder aufgelegt, und ihre Mutter angerufen hatte sie auch noch nicht.

„Wie konnte ich nur so lange schlafen?“ Heather sah Julia verzweifelt an, die geduldig neben ihr stand. „Laurence und Mutter vermuten mich wahrscheinlich schon in Mitteltexas. Sie sind sicher wahnsinnig wütend, nach dem, was Joey gestern getan hat.“

„Mom, ich weiß was Neues!“ Nicky stürmte auf sie zu und hätte Heather fast umgeworfen.

„Was denn, Liebling?“

„Etwas ganz Komisches!“ Nickys Stimme überschlug sich vor Eifer. „Eichhörnchen sind Nagetiere. Sie sind mit den Ratten und Mäusen verwandt.“

Heather lachte und nickte. „Ja, aber nun geh wieder spielen. Wir haben noch viel zu tun.“

Julia nahm einen Stapel Schachteln hoch. „Ich weiß, warum du spät dran bist“, sagte sie ruhig. „Dein Herz will diese Hochzeit nicht. Du hast meinen Bruder nicht vergessen können, so wie auch er …“

„Bitte, Julia, hör endlich damit auf. Joey war ein großer Fehler in meinem Leben. Ich kann nicht mehr zurück, und ich denke nicht daran, mein Leben damit zu verplempern, jemandem hinterherzuweinen und etwas zu tun, was nicht gut für mich ist. Ganz im Gegensatz zu dir.“

Julia blickte zu Boden.

Heather warf ihr schnell einen Blick zu und biss sich reumütig auf die Lippen. „Entschuldige, ich hätte das nicht sagen sollen.“

Schließlich hatte sie nach dem Tod von Bruder und Schwester und dem Verlust von Joey nur noch Julia, die ihre liebste Freundin war und dazu noch Joeys Schwester. Die beiden jungen Mädchen hatten sich nach den fürchterlichen Ereignissen eng aneinander angeschlossen. Deshalb hatte Heather auch Angst, sie zu verlieren.

„Du hast geschworen, dass du nicht wieder damit anfangen wirst“, sagte Julia leise.

„Entschuldige.“

Julia war immer noch verletzt. „Ich bin sehr glücklich in meinem Orden. Du musst mir das glauben.“

Julias ebenmäßiges schönes Gesicht war rein wie das eines Engels. Ihr dichtes schwarzes Haar, das ihr früher in weichen Wellen über die Schultern fiel, war kurz geschnitten und lag ihr wie eine Kappe um den Kopf. Die früher so übermütig blitzenden Augen blickten ernst und gelassen.

„Ich kann nur schwer akzeptieren, dass du jetzt Nonne bist.“

„Dann betrachte mich doch einfach als Lehrerin, die bei kleinen Kindern Wunder vollbringen will.“

„Das wird dir auch gelingen. Es grenzt wirklich an ein Wunder, wie du mit deiner sanften Stimme sogar die schlimmsten Rowdys zum Verstummen bringst.“

„Auch ich war mal so wild wie sie.“

„Das stimmt.“ Heather lachte leise.

Wahrscheinlich konnte sie gerade deshalb die würdige Schwester Julia schwer akzeptieren, weil sie die frühere Julia so gut gekannt hatte. Ihre Julia war auf Bäume geklettert und hatte mehr Schrammen gehabt als Joey oder Nicky. Ihre Julia hatte Ben genauso leidenschaftlich geliebt wie Heather Joey.

„Ich bin ja mit deiner Wahl einverstanden“, sagte Heather ruhig, „wenn du auch meine akzeptieren kannst.“

„Das ist nicht fair. Meine Wahl ist richtig.“

„Ich muss einen Sohn aufziehen. Ich will ihn nicht länger verstecken. Larry will ihn adoptieren, und so kann Nicky endlich ganz offiziell bei mir leben. Außerdem wird es Zeit, dass ich heirate und zur Ruhe komme.“

„Ja, aber mit einem Mann, den du liebst und der dich liebt. Du kannst doch nicht immer das tun, was dein Vater will.“

„Laurence und ich lieben uns.“

„Nein“, sagte Julia leise und strich sich über das erhitzte Gesicht. „Deine Familie liebt das konventionelle Leben, das Laurence dir bieten kann. Sie mochten weder Joey noch den Musiker oder deinen arabischen Freund. Sie möchten, dass du das Leben führst, das Alison geführt hätte, nämlich das der hübschen Tochter, die sich mit ihrem Lächeln für die Wiederwahl des Vaters einsetzt, die hübsche Babys hat, sich aber ansonsten im Hintergrund hält. Du bist nicht dieser Typ.“

„Doch, von nun an schon.“

„Du opferst dich wieder. Larry ist viel zu alt für dich. Frauen wie du können nur einen Mann lieben. Du liebst meinen Bruder.“

„Nein. Du und ich, wir kennen die Gefahr einer solchen Liebe.“

Julia warf einen traurigen Blick auf Nicky, der begeistert und mit Ausdauer die Autotür auf und zu machte. „Immer, wenn ich Nicky ansehe, glaube ich, Joey vor mir zu haben. Vielleicht haben wir beide sogar einen größeren Fehler gemacht, als wir uns eingestehen wollen.“

Plötzlich sah Heather Joey wieder vor sich, wie er da auf der Bühne den Oscar entgegennahm. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Doch dann straffte sie die Schultern und trug die Kartons zum Auto. Nicky ließ den Türgriff los und zog an ihrem Hemd.

„Ich möchte mit dir fahren.“

Heather stellte die Kartons ab und beugte sich vor. „Nicky, Liebling, du möchtest doch hier mit Julia bleiben.“

Nicky griff nach einem kleinen Karton und machte ihn auf. Fotoalben und lose Fotos waren darin. „Wenn du mich nicht mitnimmst, verstecke ich den Kasten.“

Er griff in den Karton und zog das vergilbte Kinderfoto von Joey heraus. „Bin ich das?“

Heather stieg die Röte in die Wangen, und sie schüttelte heftig den Kopf.

„Wer ist das?“

„Gib es wieder her.“

Er lächelte sie spitzbübisch an, genauso wie Joey immer gelächelt hatte. „Hol es dir.“

Sie griff nach dem Bild, und plötzlich hielt jeder eine Hälfte in der Hand. Nicky sah seine Mutter erschrocken an und verschwand im Garten.

Heather seufzte und sah ihrem Sohn hinterher. Mit jedem Tag wurde er Joey ähnlicher.

Inzwischen hatte Julia den Karton ausgeschüttet und starrte verblüfft auf die vielen alten Fotos. „Oh, du hast sie ja alle aufgehoben. Hier, das ist Joey, und hier, da sind auch Ben und ich.“ Alle vier hatten sie schwarze Lederjacken an und saßen lachend in Bens knallrotem Sportwagen.

Julia schluckte. „Das war immer mein Lieblingsbild von Ben. Und auf diesem hier“, flüsterte sie, „war ich schwanger. Du hast doch geschworen, du hättest die Bilder vernichtet.“

„Du warst damals so deprimiert, und ich wollte dir nicht noch mehr Kummer machen. Es tut mir leid, aber du weisst, wie ich mit Fotos bin. Ich kann sie einfach nicht wegwerfen.“

„Wir waren so jung damals, und Ben war so glücklich und voller Lebensfreude.“ Julia wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen.

Sie schwiegen. Beide mussten an den Unfall denken, an Ben, wie er da leblos und bleich auf der Erde lag.

Heather nahm Julia vorsichtig das Bild aus der Hand. „Es ist genug, Julia. Wir können nicht ändern, was damals geschehen ist.“

Julia griff nach der Hälfte von Joeys Kinderbild. „Vielleicht ist es Gottes Wille, dass Nicky ihm so ähnlich sieht. Vielleicht sollst du ihn nicht vergessen.“

Heather wurde blass und starrte geradeaus. Ja, es hatte Zeiten gegeben, da hatte sie es vor Sehnsucht nach Joey kaum mehr ausgehalten. Aber um Nickys willen hatte sie sich immer wieder zusammengenommen.

„Du liebst ihn immer noch“, sagte Julia.

Schnell warf Heather das halb zerrissene Foto wieder in den Karton.

„Du kannst es nicht verbergen.“

„Bitte, Julia …“

„Du kannst Laurence nicht heiraten. Du liebst Kinder … und möchtest gern helfen. Du magst Menschen ganz allgemein und nicht nur die oberen Zehntausend. Larry dagegen ist kalt und berechnend.“

„Du kennst ihn nicht.“

„Aber ich kenne Joey.“

„Der ist auch nicht gerade ein Heiliger.“

„Joey ist einsam, genauso wie du. Und aus demselben Grund.“

Heather wollte protestieren, aber Julia legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie liebevoll an sich.

„Es tut mir so leid, Heather, du hast immer so viel ertragen müssen, weil du so viel Mitgefühl für andere hast. Auch ich stehe in deiner Schuld.“

Nickys schwarzer Schopf wurde hinter einem grünen Busch sichtbar.

„Und wir hätten Joey schon längst die Wahrheit sagen sollen.“ Julia blickte die Freundin ernst an.

„Aber du weißt, er hätte uns nicht in Ruhe gelassen. Er ist so berühmt, und die Blätter wären voll gewesen von ihm und mir und Nicky. Nicht auszudenken, was das für meinen Vater bedeutet hätte. Und deinen.“

„Vielleicht hätten wir uns einmal gegen unsere Väter behaupten sollen. Ich glaube, wir haben einen großen Fehler gemacht.“ Julia sah nachdenklich zu Nicky hinüber. „Joey würde Nicky sehr lieben, genauso wie du.“

Trotz der Hitze fuhr Heather schaudernd zusammen. Sie mochte nicht daran denken, was Joey sagen würde, wenn er die Wahrheit erfuhr.

Kein Wunder, dass heute so viele Paparazzi unterwegs waren. Es gab ja auch allerlei zu sehen. Gerade eben hatte Joey beobachtet, wie sich ein Paar splitterfasernackt in dem eiskalten Flüsschen geliebt hatte.

Er schüttelte amüsiert den Kopf und schlich um die Ecke des Bootshauses, von der aus er einen guten Blick auf das hell erleuchtete Herrenhaus der Wades hatte. Er spähte durch sein Fernglas und hielt den Atem an, als Heather in sein Gesichtsfeld trat. Sie trug ein hellgelbes Kleid, das ihre fantastische Figur gut zur Geltung brachte, und hatte das Haar locker hochgesteckt. Sofort war Joey erregt wie ein liebeshungriger Teenager.

Er war selbst über seine heftige Reaktion erstaunt, vielleicht, weil er etwas Derartiges so lange nicht mehr verspürt hatte. Aber warum wirkte Heather so verloren? Sie stand da, umringt von Freunden und Familie, und sah trotzdem so einsam aus. Wo war denn ihr Bräutigam?

Was ging ihn das an?

Sie wurde gerufen und verschwand. Aber ihr trauriger Gesichtsausdruck ließ Joey nicht mehr los. Genau diesen Ausdruck hatte auch er, wenn er in den Spiegel schaute.

Er ließ das Fernglas sinken. Ihre Lügen waren die Hölle für ihn gewesen. Dass er überhaupt etwas für sie empfand, und sei es nur Begierde, ärgerte ihn. Weshalb bedauerte er sie? Sie hatte wahrscheinlich viel Spaß auf ihrer Party.

Ihretwegen war er die letzten Jahre so einsam und unglücklich gewesen, und daran würde sich auch nichts ändern. Sie würde ihn nie einladen. Sie verschwendete wahrscheinlich keinen Gedanken an ihn. Sie glaubte, ihr Geheimnis sei sicher und sie sei ihn los.

Aber er würde hierbleiben, bis er die Wahrheit über das Kind herausgefunden hatte. Wenn ihm das heute Nacht nicht gelang, würde er ihr morgen bis in die Kirche folgen, zum Entsetzen ihrer hochnäsigen Freunde. Eigentlich sollte er sich nach der Oscar-Nacht nicht schon wieder zum Narren machen, aber das zweite Mal war es sicher leichter zu ertragen, da war er ja beinahe schon daran gewöhnt.

Es war ein Uhr nachts, und er war todmüde. Seit einer Woche hatte er versucht, sie zu erreichen, und jetzt lief ihm die Zeit davon. Er musste sie heute Nacht sprechen. Vorher würde er sich nicht auf seine schwere Maschine schwingen und zur Ranch zurückfahren.

Senator Wade hatte Wachen an jeder Tür postiert. Joey hatte versucht, Heather telefonisch zu erreichen, aber Wade hatte den Hörer abgenommen und gesagt, er solle sich zum Teufel scheren.

Gelächter und Musik drangen bis zu ihm hinüber. Joey sah, wie Heather mit jedem Mann tanzte, nur nicht mit ihrem Verlobten. Immer noch wirkte sie ernst und traurig. Man hätte fast meinen können, Braut und Bräutigam gingen sich regelrecht aus dem Weg.

Gerade, als Joey sich näher ans Haus heranschleichen wollte, kamen zwei Männer in weißen Dinnerjacketts aus dem Haus und gingen schnell Richtung Bootshaus.

Der eine war blond und sehr elegant. Er verzog missbilligend den Mund, während er dem anderen Mann zuhörte.

Volltreffer! Mr. Laurence Roth, der fehlende Bräutigam.

Der andere Mann sah aus wie eine schlechte Kopie von Roth. Er war jünger, schmaler und unrasiert. Das Haar hing ihm strähnig um das blasse Gesicht. Er lächelte, als Laurence einen Umschlag aus der Tasche zog.

„Es ist viel zu heiß, um hier draußen zu sein“, sagte Laurence missmutig. „Also lass uns die Sache rasch über die Bühne bringen.“

„Ich muss jemanden ganz schnell bezahlen.“

„Das sollte erst mal genug sein.“ Laurence hielt den Umschlag hoch, sodass der andere ihn nicht erreichen konnte.

„Soll ich dich etwa anflehen?“

„Das soll nur eine freundliche Warnung sein.“

„So was passiert nun mal.“

„Aber nicht ohne dein Zutun, Oscar.“

Oscar stellte sich auf die Zehenspitzen und riss Laurence den Umschlag aus der Hand.

„Du kannst dich ruhig bedanken“, sagte Roth kühl.

„Pah! Wozu gibt es schließlich Brüder.“

„Das habe ich mich auch schon oft gefragt.“

„Gut. Ich stehe in deiner Schuld.“

„Viel Glück auf deiner langen Reise.“

„Vielleicht möchte ich dich aber morgen noch in der Kirche bewundern.“

„Nein!“

„Hast du ihr von mir erzählt?“

„Sie glaubt, ich helfe dir aus lauter Edelmut.“

„Ist sie auch so scharf wie deine anderen Schlampen?“

Joey biss die Zähne zusammen. Dieses Schwein!

„Sie ist die Tochter des Senators. Ihr Vater kann sehr nützlich sein.“

„Dann hast du sie dir noch gar nicht ordentlich vorgenommen?“

„Ich möchte dieses Gespräch beenden.“

„Aber ich habe da etwas für dich, was sie endlich diesen Schauspieler vergessen lassen könnte…“ Oscar griff in seine Gesäßtasche.

Joey wurde ganz elend, als jetzt eine schlanke blonde Frau in einem hellgelben Kleid mit einem Glas in der Hand auf die Terrasse trat. Nein, bitte nicht! dachte er. Wieder reagierte sein Körper sofort auf sie.

Sie sah sich suchend um. „Larry?“

„Hier, Darling.“ Larry stieß Oscar in die Seite. „Hau ab!“

„Erst wenn ich ihr das hier in den Drink getan habe.“

„Du hast doch geschworen, clean zu sein.“

Joey holte tief Luft. Er hatte schon davon gehört, dass in manchen Bars Frauen etwas in den Drink getan wurde, um sie gefügig zu machen.

Heather hatte die beiden Männer am Bootshaus schon erreicht.

„Du erinnerst dich doch noch an Oscar, Darling?“

„Oh, ja, dein Bruder! Herzlich willkommen.“

„Oscar muss sein Flugzeug kriegen. Er muss jetzt los.“

„Aber …“ Sie stellte das Glas auf dem Geländer ab. Sofort ließ Oscar etwas hineinfallen lassen.

Als Heather ihr Glas hob und es austrank, grinste Oscar. „Ihr werdet viel Spaß miteinander haben, großer Bruder. Und … vielen Dank.“

Die Band fing wieder an zu spielen, und Oscar war bereits im Dunkeln verschwunden. Larry legte den Arm um Heather. „Es tut mir so leid, dass ich mich so vergaß wegen dieses Joey … wie auch immer er heißt.“

„Fabiano. Du kennst seinen Namen.“

Roth packte ihren Arm fester.

„Ich weiß, es ist etwas warm heute, aber würdest du trotzdem mit mir tanzen?“, flüsterte sie.

„Ich dachte schon, du würdest mich nie fragen.“

Sie tanzten. Nach wenigen Sekunden ließ sie den Kopf an seine Schulter sinken.

„Vielleicht ist es die Hitze … ich fühle mich so schwach …“ Ihre Stimme klang leise und atemlos.

Laurence hob ihr Kinn an und küsste sie.

Joey kochte vor Zorn.

„Meine wunderschöne Heather“, flüsterte Lawrence und liebkoste ihr Ohr. Heather drückte sich eng an ihn, als er sie wieder leidenschaftlich küsste.

Bald waren sie so eng miteinander verschmolzen, dass Joey voll Abscheu den Blick senkte. Verdammt.

Als er wieder hochguckte, hatte sich Heathers Frisur gelöst, und das blonde Haar fiel ihr offen auf die Schultern. Sie versuchte ganz offensichtlich, sich aus Larrys Umarmung zu befreien. Aber Larry ließ sie nicht los, sondern drückte sie gegen eine Säule und schob ihr das Knie zwischen die Schenkel.

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