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BACCARA EXKLUSIV BAND 146

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Falsches Spiel, wahre Leidenschaft

PROLOG

„Ich setze meinen Ferrari“, sagte Devlin Hudson zu seinem Bruder Luc. Die Luft im Zimmer war angefüllt von Zigarrenrauch und dem Aroma teuren Whiskys.

„Deinen Ferrari hast du doch verkauft“, entgegnete Luc und ordnete die Spielkarten in seiner Hand. „Ich setze meinen fünfundzwanzig Jahre alten Scotch.“

„Das mit dem Auto ist reine Formsache, weil ich sowieso gewinne“, gab Devlin zurück und kaute auf seiner Zigarre herum. „Ich will sehen.“

„Ich wette, du hast ein ganz mieses Blatt“, kommentierte Luc.

Nachdenklich nippte Max Hudson an seinem Scotch. „Ich halte mit.“

Jack Hudson, der Cousin der Brüder, fluchte. „Er hält sich so bedeckt. Das bedeutet garantiert, dass er ein Bombenblatt hat.“

Jack hatte zwar unbestritten eine gute Menschenkenntnis, aber Luc wusste auch, dass Max sehr gut bluffen konnte. „Genau das sollst du glauben, Jack. Das will er doch nur.“

Max warf Luc einen Seitenblick zu. „Ich glaube, deine PR-Psychologie ist dir zu Kopf gestiegen.“

„Irrtum“, kommentierte Luc. „Ich merke ganz genau, wenn jemand mich aufs Kreuz legen will. Und genau das ist hier der Fall.“

Jack sah erst Luc, dann Max an. „Ich akzeptiere deinen Scotch und erhöhe um meinen Luxus-Tequila.“

„Du bist erledigt“, sagte Luc.

„Halt die Klappe“, entgegnete Max.

Entnervt stöhnte Devlin auf.

Plötzlich klingelte Lucs Handy und unterbrach das Spiel.

„Ist das wieder eins von deinen jungen Mäuschen?“, fragte Jack anzüglich.

„Er steht wirklich auf junges Gemüse“, stimmte Max zu.

„Wer auch nur ein bisschen Reife besitzt, würde sich erst gar nicht auf ihn einlassen“, fügte Dev hinzu.

„Luc Hudson“, sprach Luc ins Handy.

„Hier ist Officer Walker vom Los Angeles Police Department. Ich rufe wegen Miss Nicki McCord an. Wir haben sie wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen, und sie bat mich, Sie anzurufen.“ Der Mann räusperte sich. „Es geht ihr nicht besonders gut.“

Luc sprang auf. „Wo bringen Sie sie hin?“

Der Officer nannte ihm die Adresse. „Sir, sie ist falsch herum in eine Einbahnstraße gefahren. Um ein Haar wäre sie mit dem Wagen einer Familie zusammengestoßen, die gerade von einem Trip nach Disneyland zurückkam.“

Nervös fuhr sich Luc mit der Hand durchs Haar und schüttelte den Kopf. „Ich komme sofort“, sagte er und beendete das Gespräch. „Tut mir leid, Jungs, ich muss weg. Es geht um Nicki McCord.“

„Lass mich raten“, warf Devlin leicht verärgert ein. „Sie ist betrunken Auto gefahren, stimmt’s?“

Luc nickte.

„Verdammt“, stieß Max hervor. „Was machen wir jetzt wegen der Werbekampagne für ‚Das Wartezimmer‘? Nicki sollte doch ab nächster Woche auf PR-Tour für den Film gehen.“

„Ein Jammer, dass du es mit Nicki und nicht mit ihrer Schwester Gwen zu tun hast“, kommentierte Jack. „Die war wenigstens ein echter Profi.“

„Außer das eine Mal“, warf Devlin ein. „Als sie Knall auf Fall ihren Exmann verlassen hat, während sie ihren letzten Film drehten.“

„Bei Peter Horrigan weiß man allerdings nie, ob das nicht alles nur Show war. Geschickte Öffentlichkeitsarbeit.“

Lucs Miene verfinsterte sich. „Und jetzt bin ich dran. Jetzt muss ich geschickte Öffentlichkeitsarbeit leisten und retten, was zu retten ist.“

„Du bist nun mal der Problemlöser der Familie“, kommentierte Devlin. „Und jetzt hau ab, und erledige deinen Job.“

1. KAPITEL

„Mein Name ist Luc Hudson. Mit Ihrer Schwester hat es … ein kleines Problem gegeben.“

Gwen McCord fühlte, wie ihr Herz wild zu pochen begann. Entsetzt sah sie den großen, attraktiven Mann an, der auf ihrer Veranda stand. Sie war so verwirrt, dass sie das Bellen ihres sandfarbenen Labradors kaum wahrnahm. „Um Himmels willen, wie geht es ihr? Sie ist doch nicht …“ Sie konnte nicht weitersprechen.

„Nein, keine Sorge, sie lebt“, sagte der Mann und wies mit einem Kopfnicken zur Tür. „Darf ich reinkommen?“

„Ja, natürlich“, antwortete Gwen. Sie zog ihre Hündin June von der Tür weg, damit er eintreten konnte. Obwohl sie fast verrückt vor Sorge um ihre Schwester war, entging ihr nicht, wie gut er nach einem dezenten Männerparfüm duftete. Bevor sie das Haus betrat, blickte sie noch kurz auf den teuren Geländewagen, mit dem er zur Ranch gekommen war. Wenn jemand von den Hudsons, einer der mächtigsten Familien Hollywoods, persönlich hier bei ihr in Montana auftauchte, musste wirklich etwas Schlimmes geschehen sein.

Voller Sorge verspürte Gwen eine leichte Übelkeit. „Sagen Sie mir bitte, was passiert ist. Ist Nicki im Krankenhaus?“

„Wir haben sie in eine spezielle Entzugsklinik bringen lassen“, antwortete Luc. „Die Polizei hat sie festgenommen, weil sie betrunken Auto gefahren ist – verkehrt herum auf einer Einbahnstraße und obendrein viel zu schnell. Um ein Haar wäre sie mit dem Auto einer vierköpfigen Familie zusammengestoßen, die gerade auf dem Rückweg von Disneyland war.“

„Oh mein Gott“, stieß Gwen hervor. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen, und ihre Knie gaben nach. Luc fing sie in seinen starken Armen auf und drückte sie gegen seinen harten Brustkorb.

Besorgt sah er ihr in die Augen. „Möchten Sie sich lieber hinsetzen?“

Sie nickte. „Das wäre wirklich besser, glaube ich“, antwortete sie. Er geleitete sie zum Sofa.

„Wo ist die Küche?“, fragte Luc. „Ich hole Ihnen ein Glas Wasser.“

„Den Flur entlang und dann links.“ Gwen barg ihr Gesicht in den Händen. Sie machte sich schwere Vorwürfe. Hätte sie nur mehr Einfluss auf ihre Schwester gehabt! Immer wieder hatte sie sie bekniet, nicht so exzessiv zu leben, aber Nicki hatte nicht auf sie gehört. Ihre jüngere Schwester wollte sich unbedingt einen Namen machen, egal wie – mit dem Ergebnis, dass es in den Zeitungsartikeln über sie mehr um ihre Party-Exzesse als um ihre Schauspielkunst ging.

Luc kam mit einem Glas Wasser zurück. Als Gwen aufstehen wollte, schüttelte er den Kopf. „Lassen Sie das lieber“, riet er ihr. „Sie sind ja immer noch ganz blass.“

Gwen trank einen Schluck Wasser und atmete tief durch. „Ich sollte sie in der Entzugsklinik besuchen.“

„Das können Sie nicht. Während der Entgiftungsphase darf niemand zu ihr.“

Entsetzt starrte sie ihn an. „Nicht mal enge Verwandte?“

„Absolut niemand“, antwortete er. „Das war eine der Bedingungen für ihre Aufnahme in diese Klinik. Das Institut hat eine außergewöhnlich hohe Erfolgsquote.“

Gwen konnte nicht länger still sitzen und erhob sich. „Ich habe alles Mögliche versucht, um sie aus diesem Teufelskreis rauszuholen. Schließlich konnte ich sie überreden, für ein paar Tage hier auf die Ranch zu kommen. Ich hatte die Hoffnung, die Ruhe und die frische Luft würden ihr guttun – und vor allem wäre sie endlich mal aus dieser ganzen Partyszene raus. Aber dauernd haben ihre Freunde angerufen und ihr SMS aufs Handy geschickt. Schließlich wurde sie ganz kribbelig und reiste vorzeitig wieder ab. Ich habe ihr noch das Versprechen abgenommen, es vorsichtiger angehen zu lassen.“

„Jetzt ist sie aber in guten Händen und bekommt professionelle Hilfe.“

Gwen kämpfte mit den Tränen. „Ich komme mir wie eine Versagerin vor. Ich hätte …“

Beruhigend legte Luc ihr die Hand auf die Schulter. „Machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie ist erwachsen und ganz allein für ihr Handeln verantwortlich. Sie konnten sie ja schließlich nicht vierundzwanzig Stunden am Tag überwachen.“

In ihrem Innersten wusste Gwen, dass er recht hatte. Als Außenstehende hätte sie es ebenso gesehen, aber trotzdem nagten Schuldgefühle an ihr. Sie fühlte sich hilflos.

Den Hudsons war sie dankbar. Sie waren dafür verantwortlich, dass sich ihre Schwester jetzt an einem sicheren Ort befand. „Vielen Dank, dass Sie sich um sie gekümmert haben. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte für sie da sein können, aber immerhin bekommt sie jetzt die Hilfe, die sie braucht. Es hätte alles viel schlimmer ausgehen können.“

Luc nickte und sah sie nachdenklich an. „Wir alle wollen, dass es Nicki bald besser geht. Das Dumme ist nur, dass ihr Ausfall für die Firma Hudson Pictures zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt kommt. Nicki sollte sich gerade auf die Werbetour für den Film ‚Das Wartezimmer‘ vorbereiten. Wenn jetzt durchsickert, dass sie eine Entziehungskur macht … nicht auszudenken, was das für den Film bedeutet.“

Gwen kannte die PR-Maschinerie aus ihrer Zeit als Schauspielerin nur zu gut. Zwar hatte sie Hollywood und ihre vielversprechende Karriere hinter sich gelassen, aber sie konnte sich noch sehr gut daran erinnern, was die unverzichtbare Ochsentour durch die Medien alles mit sich brachte – Interviews mit Zeitungen und Zeitschriften, Auftritte in Fernsehtalkshows …

„Eine dumme Situation“, gab sie zu. Dann zuckte sie mit den Schultern. „Aber wenn Nicki eine Entziehungskur macht, kann man es halt nicht ändern.“

Luc sah sie mit einer Entschlossenheit an, die sie total verunsicherte. „Man kann doch etwas tun“, sagte er, und seine Stimme klang samtweich. „In diesem Fall bedeutet das: Die Presse muss abgelenkt werden. Wir müssen sie mit etwas anderem füttern. Nachdem wir Nicki gestern in die Klinik eingeliefert hatten, haben wir eine Krisensitzung abgehalten – und eine Lösung gefunden.“

Wieder zuckte Gwen mit den Schultern. Warum erzählte er ihr das? Ihr ging es doch nur um Nicki, nicht um Hudson Pictures. „Das freut mich.“

Luc lächelte kurz. „Das wird sich noch herausstellen.“ Schlagartig wurde er ernst. „Um Nicki aus den Schlagzeilen herauszuhalten, haben wir gestern – gewissermaßen zur Ablenkung – eine andere Pressemeldung herausgegeben.“

„Ja, und?“

„Die Meldung besagt, dass Sie und ich … dass wir uns verlobt haben.“

Gwen starrte Luc ungläubig an. Sie konnte sich nur verhört haben! „Wie war das bitte?“

„Die Presse geht jetzt davon aus, dass Sie und ich verlobt sind und in absehbarer Zeit heiraten werden.“

Entschlossen schüttelte Gwen den Kopf. „Kommt nicht infrage. Ich kenne Sie doch überhaupt nicht.“ In scharfem Tonfall ergänzte sie: „Und ich will Sie auch gar nicht näher kennenlernen.“

Als er schwieg, fügte sie hinzu: „Das war nämlich einer der Gründe, warum ich Hollywood den Rücken gekehrt habe. Ich hatte diese ewige Public-Relations-Maschinerie satt bis obenhin. Und nichts auf der Welt würde mich …“

„Die Aktion läuft“, unterbrach er sie. „Wenn Sie nicht wollen, dass der Ruf Ihrer Schwester endgültig den Bach runtergeht, spielen Sie mit.“

Seine Stimme klang kühl. In seinen Augen sah sie eine Härte, die sie erschauern ließ. „Das hört sich wie Erpressung an.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen“, gab er zurück. „Ich bin gut in meinem Job, aber auch ich kann keine Wunder vollbringen. Ihre Schwester hat einen riesigen Scherbenhaufen hinterlassen, und jemand muss ihn wegräumen. Wenn ‚Das Wartezimmer‘ ein Flop wird, weil Nicki sich so unreif und undiszipliniert verhalten hat, ist niemandem gedient – ihr schon gar nicht.“

Gwen hatte das Gefühl, ihre Schwester verteidigen zu müssen.

„Sie wissen ja gar nicht, was Nicki alles durchmachen musste. Als meine Eltern sich scheiden ließen, war das ein schwerer Schlag für sie. Sie kam sich vor wie verwaist. Über dieses Trauma ist sie nie hinweggekommen.“

„Wozu gibt es Psychotherapeuten?“, gab Luc kühl zurück. „Niemand hat das Glück gepachtet. Für jeden kommt irgendwann die Zeit, erwachsen zu werden und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Bei Nicki ist das überfällig.“

So ganz unrecht hatte er zwar nicht, aber sein mangelndes Mitgefühl verärgerte Gwen. „Niemand hat das Glück gepachtet? Das können Sie leicht sagen. Sie sind immerhin nahe dran. Schließlich gehören Sie zur mächtigen und glücklichen Hudson-Familie.“

Ein ironischer Zug umspielte seine Lippen. „Mächtig und glücklich? Wenn Sie das von uns denken, liegt es daran, dass ich meinen PR-Job gut gemacht habe. Genauso, wie ich jetzt meinen Job mache – für diesen Film und für Ihre Schwester.“

In genau dieser Reihenfolge, dachte Gwen. Erst kommt der Film, dann kommt meine Schwester. Wenn überhaupt. Seine Einstellung machte sie wütend. „Netter Versuch, aber ich glaube kaum, dass es funktioniert. Für mich interessieren sich die Leute doch schon längst nicht mehr. Ich gehöre doch nicht mehr zur Hollywood-Szene. Was die Paparazzi angeht – für die führe ich ein langweiliges Leben auf der Ranch meines Onkels und rette Pferde. In den Augen der Öffentlichkeit ein todlangweiliges Leben. Und genauso will ich es, genauso soll es bleiben.“

„Sie irren sich, Gwen. Sie waren ein Publikumsliebling, und zwar obendrein für beide Geschlechter, das ist selten. Die Frauen haben Sie wegen Ihrer unschlagbaren Kombination aus Schönheit und Stärke geliebt, und die Männer haben Sie begehrt – Punkt. Ihr letzter Film kam vor einem Jahr in die Kinos, und wenn er in zwei Wochen auf DVD erscheint, wird er aller Voraussicht nach ein Bestseller.“

Gwen lachte auf. „Ach, dann bin ich plötzlich wieder ganz heiße Ware oder wie ihr PR-Fuzzis das nennt?“ Wenn sie an Lucs Plan dachte, fühlte sie sich plötzlich eingeengt wie in einer Zwangsjacke. „Das läuft trotzdem nicht. Ich muss mich um die Ranch kümmern.“

„Das können Sie auch. Der Plan sieht sowieso vor, dass ich erst mal eine Zeit lang hier bei Ihnen auf der Ranch wohne. Und in ein paar Wochen haben wir in Los Angeles unseren großen gemeinsamen Auftritt.“

„Und ich soll wochenlang die liebende Verlobte spielen? Das halte ich nicht mal drei Sekunden durch.“

„Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie für Ihre Schauspielkünste einen Golden Globe gewonnen haben und für den Oscar nominiert waren? Das spielen Sie doch mit links.“

„Mit links“, murmelte sie ungläubig. „Da könnte ich mich ja gleich mit dem Teufel verloben. Ich war mal mit einem Mann verheiratet, der mich nur aus einem Grund wollte, und zwar …“ Sie konnte nicht weitersprechen. Die Erinnerung an all das, was sich zwischen ihr und ihrem Mann abgespielt hatte, schmerzte immer noch zu sehr. „Ich kann mich nicht noch einmal so verstellen.“

„Doch, das können Sie“, gab er zurück. „Für Ihre Schwester.“

Erbost ging Gwen zum Schuhschrank und zog ihre schweren Gummistiefel hervor. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um die Pferdeboxen auszumisten, dachte sie. Ich muss jetzt irgendwas tun, irgendwas mit den Händen, sonst explodiere ich. Während sie ihre Schuhe auszog und in die Stiefel schlüpfte, strafte sie den hochgewachsenen Besucher, der direkt neben ihr stand, mit Missachtung.

„Wo soll ich während meines Aufenthalts hier unterkommen?“, fragte er. „Haben Sie ein Gästezimmer?“

Am liebsten hätte sie Luc klar und deutlich gesagt, wo sie ihn hin wünschte, aber sie biss sich auf die Zunge.

Er bemerkte ihre Wut und grinste nur. „Am liebsten würden Sie mich sicherlich im Stall einquartieren“, merkte er an.

„Das könnte ich den Pferden niemals antun“, erwiderte sie giftig. „Gehen Sie den Flur runter und dann durch die zweite Tür rechts. In dem Zimmer steht ein Messingbett mit einem Schafwollvorleger davor. Das Zimmer können Sie haben.“ Dann verließ sie ohne ein weiteres Wort das Haus. Sie war recht zufrieden damit, wie sie die Situation gehandhabt hatte. Es war zwar das Zimmer direkt neben ihrem Schlafzimmer, was ihr nicht so ganz passte, aber es war komplett in Rosa eingerichtet, und das gönnte sie ihm. Ursprünglich war der Raum für Nicki gedacht gewesen und ihrem damaligen Geschmack entsprechend dekoriert worden – alles in Rosa, mit Blümchenmustern und Spitzendeckchen.

So viel Rosa – mit ein bisschen Glück würde das Luc, diesen überaus maskulinen Mann, in den Wahnsinn treiben. Und vielleicht sogar aus ihrem Haus und aus ihrem Leben.

Luc hatte seinen Koffer aus dem Wagen geholt und betrat das ihm zugewiesene Zimmer. Wie furchtbar, dachte er. Ein typisches Mädchenzimmer voller Schnickschnack, wie für einen unreifen Teenager. Ein schreiender Gegensatz zu seinem klar und kühl eingerichteten Zuhause, wo alles in Schwarz und Weiß gehalten war. Es juckte ihn überall, als ob er auf diesen übertriebenen Firlefanz allergisch reagierte.

Wie sollte er hier arbeiten, sich konzentrieren? Überall standen Figürchen und sonstiger Kitsch herum. Dabei hasste Luc jede Art von überflüssigem Zeug. Schließlich war es sein Job, das Chaos und Wirrwarr, das andere Leute anrichteten, in Ordnung zu bringen. Deshalb war er hier.

Er dachte an die Frau, die ihm helfen sollte, das Täuschungs- und Ablenkungsmanöver durchzuziehen. Wenn man ihr persönlich gegenüberstand, war sie noch beeindruckender als auf der Kinoleinwand. Ihr Gesicht übte eine Faszination aus, der man sich kaum entziehen konnte. Eigentlich war er sehr gut darin, Menschen schon nach wenigen Sekunden einzuschätzen, doch bei ihr klappte es nicht. Sie war zu vielschichtig.

Es gab auch eine Akte über sie, aber die hatte er nicht gelesen. Ihre Geschichte hatte schließlich in jeder Zeitung und Zeitschrift gestanden. Die Gerüchte besagten, dass sie eine Affäre mit einem Schauspielerkollegen gehabt hatte. Daraufhin war ihre Ehe mit einem von Hollywoods Top-Filmproduzenten in die Brüche gegangen, und sie war von der Bildfläche verschwunden.

Was ganz offensichtlich nicht verschwunden war, waren ihre Schönheit und ihr Talent. Und auch die Sinnlichkeit, die dicht unter ihrer kühlen Oberfläche brodelte, war immer noch im Übermaß vorhanden. Leider hatte Luc schlechte Erfahrungen damit gemacht, sich mit Schauspielerinnen einzulassen. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte er nur zu gern Gwens Geheimnisse erkundet – im Bett und außerhalb. Aber nein, dachte er sich, gebranntes Kind scheut das Feuer.

Sein Handy klingelte. Es war sein Bruder Max. „Hallo, Max, es hat alles geklappt.“

„Ich wollte lieber mal nachfragen, weil ich so lange nichts von dir gehört hatte.“

„Es war schwieriger als gedacht, den Leihwagen zu bekommen. Gwens Ranch liegt wirklich in der totalen Einöde. Sie wollte Los Angeles wohl so weit wie möglich hinter sich lassen.“

„Wie hat sie die Neuigkeiten aufgenommen?“

„Kommt darauf an, welche du meinst“, sagte Luc und trat näher ans Fenster. „Was Nicki angeht … sie war sehr besorgt und wollte sie unbedingt aufsuchen.“

„Was du natürlich abgelehnt hast.“

„Ja.“

„Und wie hat die Lady auf ihre bevorstehende Hochzeit reagiert?“

Luc runzelte die Stirn. „Was ich nicht alles für unser Familienunternehmen tue! Sagen wir mal so … Ich bin froh, dass sie keine scharfen Gegenstände in greifbarer Nähe hatte, als ich es ihr erzählte.“

Max lachte. „Sie war also nicht gerade scharf darauf, einen der begehrtesten Junggesellen der Stadt zu heiraten?“

„Ich habe das Gefühl, du nimmst die Angelegenheit nicht ernst genug. Das ist kein Spaß.“

„Aber du könntest jede Menge Spaß haben, wenn du deine Karten richtig ausspielst. Gwen McCord war eine verdammt scharfe Braut. War sie nicht vor ein paar Jahren in irgend so einer Zeitschrift auf der Liste der heißesten Frauen?“

Sogar in mehreren Zeitschriften. Luc konnte sich noch gut an ein besonders aufreizendes Foto aus einem ihrer Filme erinnern. Gwen hatte ein offenes Männerhemd getragen, sonst nichts. Man konnte verdammt viel von ihrer verführerischen Oberweite sehen, dazu ihre schier endlos langen Beine. Allein dieses eine Bild hatte wahrscheinlich Millionen von jungen und nicht mehr so jungen Männern erregt. Aber Luc verbannte es augenblicklich aus seinen Gedanken. „Wenn Gwen jetzt heiß ist, dann vor Wut. Vor Wut auf mich und die Hudsons.“

„Oh, sieht sie nicht mehr so gut aus wie früher?“

„Doch“, antwortete Luc. „Sie ist schön wie eh und je. Aber im Moment ist sie natürlich total sauer, dass sie in diese Scheinverlobung gedrängt worden ist.“

„Sie sollte uns lieber dankbar sein, dass wir ihre verrückte Schwester so schnell in der Entzugsklinik untergebracht haben“, erwiderte Max.

„Das ist sie ja auch. Sie möchte halt nur nicht wieder ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden.“ Während er sprach, öffnete Luc den Schrank und war erleichtert, dass er fast leer war. Gott sei Dank. Hier konnte er all den überflüssigen Krimskrams aus dem Zimmer unterbringen.

„Meinst du, sie spielt mit?“, fragte sein Bruder.

„Sie hat keine Wahl“, antwortete Luc. „Deshalb ist sie ja so gereizt. Aber das ist egal – Hauptsache, sie macht mit.“

„Diesen entschlossenen Tonfall kenne ich von dir“, sagte Max. „Ich weiß gar nicht, wer mir mehr leidtun soll – du oder sie.“

„Ich brauche dein Mitleid jedenfalls nicht“, kommentierte Luc zähneknirschend und blickte auf die rosafarbenen Wände. „Verlass dich drauf, ich komme schon klar.“

Nachdem Gwen die Pferdeboxen ausgemistet und die Pferde gefüttert hatte, ging sie zum Haus zurück. Zwar war sie immer noch verärgert, aber sie hatte sich jetzt wieder unter Kontrolle. Ihre Stiefel ließ sie vor der Eingangstür stehen und machte sich auf den Weg zu ihrem Schlafzimmer. Aus der Küche drangen verführerische Düfte. Weil die Tür zu Lucs Gästezimmer offen stand, warf sie einen Blick hinein – und bekam fast einen Schlag.

Luc saß auf einem Stuhl und tippte etwas in seinen Laptop. Er hatte das Zimmer fast völlig leer geräumt. Die Gardinen waren abgehängt, die Bilder von den Wänden genommen, die Figürchen und Schmuckkästchen verschwunden. Über dem Bett lag eine dunkle Daunendecke, die er wahrscheinlich im Wäscheschrank im Flur gefunden hatte.

Sie trat ein. „Wo sind die …“

„Im Schrank“, antwortete er, bevor sie die Frage beenden konnte. Abrupt stand er auf. „Ich habe das Zimmer etwas umdekoriert, aber natürlich bringe ich alles wieder in Ordnung, bevor ich abreise. Die Zimmereinrichtung war zwar durchaus …“ Er machte eine Kunstpause, „… nett, aber sie hat mich etwas abgelenkt. Und ich muss mich bei der Arbeit konzentrieren können.“

Gwen starrte auf die gardinenlosen Fenster und nickte nachdenklich. „Wie Sie meinen“, gab sie zurück. Er würde zwar schon bei Sonnenaufgang wach werden, aber das war ja nicht ihr Problem. „Das ist schon in Ordnung. Aber sagen Sie, was riecht denn da so …“

„Meine Köchin hat für mich vor meiner Abreise noch ein komplettes Essen vorbereitet“, antwortete Luc. „Als ich ihr erzählt habe, dass ich nach Montana will, war sie davon überzeugt, ich würde in der Wildnis in einen Schneesturm geraten.“ Er sah aus dem Fenster. Draußen tanzten Schneeflocken. „Und vielleicht hatte sie ja gar nicht mal so unrecht gehabt. Haben Sie Hunger?“

Eigentlich wollte sie Nein sagen. Schließlich passte es ihr ganz und gar nicht, dass er hier war. Er war unangemeldet hier aufgetaucht und störte massiv die Idylle, die sie sich mühsam geschaffen hatte. Aber dann knurrte ihr Magen leise, und sie dachte sich, dass es ja eigentlich nicht so schlimm wäre, wenn sie ein bisschen mitaß. Sonst müsste sie sich selbst etwas kochen – und das war nicht gerade ihre Stärke.

„Ein bisschen Hunger hätte ich schon“, gab sie zu.

„Dann sind Sie herzlich eingeladen“, sagte er. „Es gibt Brathähnchen mit Gemüse. Und dazu selbst gebackenes Brot – wenn das okay für Sie ist. Die Frauen in Los Angeles rühren ja kaum Brot an, wegen ihrer schlanken Linie …“

Selbst gebackenes Brot. Gwen lief das Wasser im Mund zusammen. Sie machte sich auf den Weg in die Küche und bemerkte, dass er ihr folgte. „Zum Glück bin ich ja nicht in Los Angeles“, sagte sie. Auf dem Küchentisch sah sie eine große Henkelbox stehen. „Und dieses Ungetüm durften Sie mit ins Flugzeug nehmen?“

„Ich habe mir einen Jet gechartert.“

„Ach so, na klar.“ Früher war Gwen auch gelegentlich mit einem extra gecharterten Flugzeug geflogen. Aber seit sie ihre Filmkarriere aufgegeben hatte, war es damit natürlich vorbei. Doch eigentlich vermisste sie keines der Privilegien, die ihr der frühere Ruhm beschert hatte – vielleicht abgesehen von den Diensten eines Kochs. Fürs Kochen hatte sie einfach kein Talent.

Sie schaute in die Henkelbox und amtete tief den Duft des frischen Brotes ein. Etwas unsicher blickte sie zu Luc hinüber. „Macht es Ihnen wirklich nichts aus, das Essen mit mir zu teilen?“

„Ganz im Gegenteil“, antwortete er und lächelte amüsiert. „Ich hätte nie gedacht, dass Kohlehydrate Sie so in Begeisterung versetzen könnten.“

Eigentlich sollte ich ihn nicht leiden können, dachte sie. Er war ungeheuer mächtig, strotzte nur so vor Selbstbewusstsein und bekam wahrscheinlich immer seinen Willen. „Das ist ja das Schöne, wenn man Hollywood den Rücken gekehrt hat“, griff sie seine Bemerkung auf. „Man kann jetzt öfter mal sündigen, was das Essen angeht.“ Herzhaft biss sie von dem frischen Brot ab.

Er holte einige Plastikbehälter aus dem Kühlschrank. „Mir ist aufgefallen, dass Sie gar nichts im Kühlschrank haben, von einigen Tiefkühlmenüs mal abgesehen“, bemerkte er. „Wo ist denn Ihr Personal?“

„Die Ranch gehört ja eigentlich meinem Onkel“, führte sie aus, „und er hat mir angeboten, seine Haushälterin mit mir zu teilen. Aber solange hier noch alles im Aufbau ist, wollte ich die Kosten so niedrig wie möglich halten.“ Sie legte das Essen auf einen Teller, den sie in die Mikrowelle stellte.

„Dann hatte meine Köchin ja den richtigen Riecher, mir etwas mitzugeben“, merkte er an und stemmte die Hände in die Hüfte.

„Zurzeit verwende ich meine ganze Energie darauf, die Pferderettung und – pflege hier zum Laufen zu bringen. Später will ich hier dann zusätzlich noch ein Sommerlager für sozial benachteiligte Kinder einrichten. Kochen und Essen ist für mich momentan wirklich nicht so wichtig. Aber wenn Sie verstärkten Wert darauf legen, können Sie in die Stadt ziehen, es sind ja nur ein paar Meilen. Da gibt es ein kleines Restaurant, einen Schnellimbiss und sogar ein Motel …“

Er schüttelte den Kopf. „Wir müssen zusammenwohnen, damit die Geschichte glaubwürdig ist.“

Die Mikrowelle machte „pling“. Gwen holte den Teller heraus, und schon lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Gerade als sie Messer und Gabeln aus der Schublade holte, klingelte ihr Handy. Sie sah kurz aufs Display und nahm den Anruf entgegen. „Hallo?“

„Hallo, Gwen. Hier spricht Robert Williams von der Feuerwehr. Wir haben gerade einen Anruf bekommen, dass ein Pferd auf dem zugefrorenen See auf McAllisters Grundstück ins Eis eingebrochen ist. Wenn wir es da lebend rauskriegen … würden Sie es dann aufpäppeln?“

„Ja, natürlich. Aber sind Sie sicher, dass es nicht einem der Rancher in der Umgebung gehört?“

„Der Anrufer war überzeugt, dass es ein Wildpferd ist.“

„Wow“, sagte Gwen aufgeregt. „Ja, klar, ich komme. Ich rufe Dennis und den Tierarzt an und bringe einen Pferdeanhänger mit. Bis gleich.“ Sie beendete das Gespräch und wählte die Nummer von Dennis, dem Betriebsleiter der Ranch, doch sie erreichte nur seine Mailbox. „Verflixt“, murmelte sie. Plötzlich fiel ihr wieder ein, dass Dennis in der Stadt mit seiner Frau ihren Hochzeitstag feiern wollte. Offenbar hatte er sein Handy abgestellt.

„Was ist los?“, fragte Luc.

„Ich muss zu einer Pferderettung. Normalerweise kommt Dennis immer mit.“

„Ich kann Ihnen doch helfen.“

Ungläubig sah sie ihn an. „Das ist ein Wildpferd. Selbst wenn die Feuerwehr es aus dem zugefrorenen See retten kann, wird es total panisch sein … und bestimmt nicht pflegeleicht.“

„Ein Freund meiner Eltern hat eine Ranch. Als Kind und als Teenager habe ich da immer ein paar Wochen im Sommer verbracht. Ich habe auch oft dem Pferdetrainer geholfen, wenn er Wildpferde zähmte.“

„Tatsächlich?“, fragte sie überrascht. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie war davon ausgegangen, dass er als Spross einer schwerreichen Familie verwöhnt und im Luxus aufgewachsen war. Dass er sich körperlich höchstens in einem beheizten Fitnessstudio ausgetobt hatte … oder vielleicht noch im Bett. Sofort wischte sie diesen Gedanken beiseite. Im Bett. Wie war sie jetzt nur darauf gekommen?

„Ja, tatsächlich“, erwiderte er. „Ich hole noch schnell meinen Mantel, dann können wir los.“

Sie nickte. Da Dennis nicht zur Verfügung stand, wäre es dumm gewesen, sein Hilfsangebot abzulehnen. „Okay“, sagte sie und griff nach der Frischhaltefolie, um den Teller damit abzudecken. Zum Essen würde sie jetzt nicht kommen.

„Wollen Sie den Teller mitnehmen?“, fragte er, während er sich auf den Weg zu seinem Gästezimmer machte.

„Ich kann doch nicht gleichzeitig fahren und essen“, rief sie ihm nach, aber er schien sie nicht zu hören.

Nach weniger als einer Minute stand er fertig angezogen im Flur. „Ich fahre. Sie können essen und mir gleichzeitig den Weg beschreiben.“

„Der Wagen ist schon alt, und die Gangschaltung funktioniert nicht mehr richtig …“

„Damit komme ich schon klar“, sagte er und sah sie an. Sein Blick verriet ihr, dass seine Selbstsicherheit kein Bluff war. Offenbar hatte sie sich in ihm getäuscht. Er schien wirklich das Zeug dazu zu haben, mit jeder Situation fertigzuwerden. Seine muskulöse und athletische Figur verriet ihr, dass er in vielen Dingen gut sein musste, wahrscheinlich auch im Umgang mit Frauen …

In diesem Moment kam ihr in den Sinn, dass sie schon lange nicht mehr in den Armen eines Mannes gelegen hatte. Aber sie hatte sich immer eingeredet, dass sie das auch nicht vermisste. Sie brauchte das nicht – einen Mann, der ihr Herz schneller schlagen ließ. Denn wenn sie sich öffnete und verwundbar machte, folgte irgendwann unweigerlich der Schmerz. Darin hatte sie Erfahrung.

Ja, höchstwahrscheinlich war er ein guter Verführer und ein noch besserer Liebhaber. Ein Mann, der es fertigbrachte, dass die Frauen um mehr bettelten. Aber Gwen wollte keine dieser Frauen sein. Auf gar keinen Fall.

2. KAPITEL

Gwen und Luc waren erst ein paar Minuten am See, und schon hatte sie den Beweis, dass sie ihn ursprünglich tatsächlich völlig unterschätzt hatte. Voller Tatkraft bediente er die Kettensäge, um das Eis des zugefrorenen Sees zu zerschneiden.

Angespannt sah Gwen zum Pferd hinüber. Es hatte kastanienbraunes Fell und ein sternförmiges weißes Abzeichen auf der Stirn. Die Rettung würde noch schwierig werden. Das Tier wollte zwar aus seinem eisigen Gefängnis heraus, doch andererseits hatte es Angst vor den Männern.

Es gelang den Helfern, den Kopf des Pferdes mit einem Lasso einzufangen. In seiner Todesangst begriff das Tier nicht, dass die Männer ihm helfen wollten.

Ein Mann im Neoprenanzug stapfte nun in das eisfreie Wasser, um das Hinterteil des Pferds mit einem Lasso einzufangen. Gwen griff sich ebenfalls ein Seil.

Luc schüttelte den Kopf. „Sie brauchen da nicht reinzugehen. Machen Sie lieber den Wagen mit dem Pferdeanhänger bereit.“

„Der ist doch bereit.“

„Er hat recht“, sagte Dan, der Feuerwehrmann, der ebenfalls ein Seil hielt. „Das sollte lieber jemand mit mehr Kraft in den Armen erledigen.“

Etwas beleidigt gab Gwen ihr Seil einem der anderen Feuerwehrleute. „Na gut, ich hole inzwischen den Wagen ein wenig näher heran.“

„Gute Idee“, lobte Dan. „Wir müssen das Pferd da so schnell wie möglich reinkriegen.“

Gwen stieg in den Wagen und setzte vorsichtig zurück, bis einer der Männer ihr ein Zeichen gab. Dann stieg sie wieder aus und öffnete die Tür des Anhängers.

Plötzlich winkte Luc sie zu sich heran. „Hier“, sagte er und zog eine Digitalkamera aus der Hosentasche.

„Was?“, fragte Gwen entsetzt. „Soll ich etwas Fotos machen?“

„Nein, Sie sollen einen Film drehen – das kann die Kamera auch. Stellen Sie sich etwas mehr nach hier. Da ist das Licht besser.“

„Sind Sie verrückt geworden?“

„Nein“, gab er zurück. „Vertrauen Sie mir einfach. Später werden Sie mir dankbar sein, glauben Sie mir. Drücken Sie einfach auf diesen Knopf, wenn ich Ihnen Bescheid sage.“

„Das ist doch wohl ein schlechter Scherz. Ich muss dem Pferd helfen, sobald es aus dem See gerettet ist.“

„Wir bugsieren das Tier direkt in den Anhänger, dafür ist Ihre Hilfe nicht nötig. Aber der Film … der wird eine großartige PR für Ihre gute Sache.“

„PR“, murmelte sie angewidert. „Das hätte ich mir ja denken können. Sie haben immer nur das eine im Kopf, wie?“

Kühl sah er sie an. „Durch gute PR bekommen Sie die Spenden, die Sie dringend brauchen, um Ihr Pferderettungsunternehmen auf wirtschaftlich gesunde Beine zu stellen.“ Dann zuckte er mit den Achseln. „Sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

„He“, rief der Mann im Wasser. „Das Pferd bewegt sich. Vielleicht schaffen wir’s jetzt.“

Etwas unschlüssig trat Gwen einen Schritt zurück und sah, wie das Pferd sich furchtsam wiehernd dem Ufer näherte.

„Jetzt!“, rief Luc, und sie drückte auf den Aufnahmeknopf. Am liebsten wäre sie dem verängstigen Tier zu Hilfe geeilt, aber sie zwang sich, sich auf die Aufnahme zu konzentrieren.

Plötzlich knickten dem Pferd die Beine weg, und nur mit Mühe schafften es die Männer, es wieder aufzurichten. Luc zog am Seil und redete beruhigend auf das Tier ein. „Ganz ruhig, du schaffst es. Nur noch ein kleines Stück. Wir wollen dir doch nur helfen.“

Und dann war es so weit. Während Luc zog und der Feuerwehrmann von hinten schob, mobilisierte das Pferd seine letzten Kräfte. Wie benommen wankte es an Land und wurde sofort in den Anhänger verfrachtet. „Sie können jetzt die Aufnahme stoppen“, rief Luc Gwen zu.

Gwen gehorchte, während die Anspannung langsam von ihr wich. Sie ging auf den Anhänger zu, den Luc gerade schloss.

Ihre Blicke trafen sich, und in diesem Moment wurde ihr bewusst, was Luc Hudson für ein Mann war. Für Dinge, die ihm wichtig waren, würde er das Letzte geben. Er strotzte nur so vor Kraft und Leidenschaft. Was die Presse anging – er würde sie genau nach Plan für seine Interessen benutzen, mit ihr spielen wie ein Musiker auf seinem Instrument. Davon war sie überzeugt.

Widerstrebende Gefühle machten sich in ihr breit. Einerseits fühlte sie sich zu ihm hingezogen, andererseits machte er ihr irgendwie Angst. Eines aber war ganz sicher: Einen Mann wie ihn hatte sie noch nie kennengelernt.

„Können wir fahren?“, fragte er.

Gwen nickte. Sie hoffte, diese merkwürdig widersprüchlichen Gefühle würden bald wieder vergehen.

Luc hielt mit den Wagen vor dem großen Stall. Zwei Männer kamen heraus, um sie zu begrüßen.

„Gut“, murmelte Gwen und sah Luc an. „Das sind der Tierarzt und der Ranchleiter.“

Luc nickte, und beide stiegen aus. „Hallo, Carl, hallo, Dennis“, sagte Gwen. „Darf ich euch Luc Hudson vorstellen? Er ist hier zu Besuch und hat uns bei der Rettungsaktion geholfen.“

„Ich habe schon von Ihnen gehört“, sagte Carl, „weil ich mit einem der Feuerwehrleute telefoniert habe, während Sie beide auf dem Weg hierher waren. Er meinte, Sie seien eine große Hilfe gewesen.“

Bescheiden wehrte Luc ab. „Ach, das war doch selbstverständlich.“

„Danke, dass du so schnell gekommen bist“, bedankte sich Gwen bei Dennis. „Tut mir leid, dass ich deine Feier zum Hochzeitstag unterbrochen habe.“

Der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht lächelte. „Halb so wild. Immerhin waren wir mit dem Essen schon fertig. Und wenn ich hier rechtzeitig wegkomme, kann ich mit meiner Frau noch weiterfeiern.“ Aus dem Pferdeanhänger war ein dumpfer Schlag zu hören. „Oh, ich glaube, da wird jemand ungeduldig. Wir sollten das Pferd lieber in den Stall bringen.“

Es erforderte einige Mühe, bis die vier das Tier in den Stall bugsiert hatten. Es schien sich in der Enge nicht besonders wohlzufühlen, aber es trank gierig von dem bereitgestellten Wasser.

Luc betrachtete das Pferd nachdenklich von allen Seiten und sah dann Gwen an.

„Dass es eine Stute ist, ist klar“, merkte er an. „Aber sie ist auch …“

„… trächtig“, ergänzte Gwen. Auch ihr war es in diesem Moment aufgefallen. Beide mussten lachen.

„Was meinst du, Carl“, fragte sie den Tierarzt, „hat das Fohlen eine Chance, gesund zur Welt zu kommen?“

„Das kann ich so noch nicht abschätzen“, antwortete Carl. „Ich muss sie erst näher untersuchen.“ Er streichelte die Stute und redete sanft auf sie ein.

Fasziniert betrachtete Luc Gwen, die mit verschränkten Armen dastand. Sie war so undurchschaubar, dass er einfach nicht aus ihr schlau wurde. Als sie noch in Hollywood aktiv gewesen war, war ihr Haar blonder gewesen, und sie hatte immer perfekt gestylt ausgesehen.

So, wie sie jetzt war, gefiel sie ihm besser. Ihr Haar glänzte honigfarben, und sie war völlig ungeschminkt. Sie wirkte wesentlich menschlicher und echter als zu ihrer Hollywoodzeit. Eine Frau zum Knuddeln.

Bei jeder anderen Frau hätte er sich gefragt, ob ihre Wimpern echt wären und ob sie farbige Kontaktlinsen trüge, so leuchtend grün waren ihr Augen. Aber bei ihr war er sicher, dass alles Natur war.

„Wie wollen Sie die Stute nennen?“, fragte er.

Ratlos sah sie ihn an. „Ich weiß nicht.“

„Auf jeden Fall ist sie stark. Ich wette, sie kommt durch.“

„Meinen Sie wirklich?“ Unsicher betrachtete sie die Stute.

„Absolut. Sie etwa nicht?“

Sie nickte zögernd. „Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich hätte nicht gedacht …“

„Kein Problem. Ich habe gern geholfen.“

Prüfend sah sie ihn an. „Sie haben mich wirklich überrascht. Im einen Moment war ich noch ganz sicher, dass Sie vor allem ein PR-Mann sind und nicht viel mehr. Und im nächsten Moment …“

Fragend zog er eine Augenbraue hoch. „Und im nächsten Moment was?“

„Im nächsten Moment bestehen Sie darauf, dass ich Ihr Essen nehme, und helfen mir, ein Pferd zu retten.“

„Vertrauen Sie lieber Ihrem ersten Eindruck“, bemerkte er trocken. „Denn der stimmt meistens, und demnach bin ich ein zynischer, herzloser Dreckskerl.“

Ungläubig sah sie ihn an, bis ihr klar wurde, dass er einen Witz gemacht hatte. Sie schüttelte den Kopf und lachte. „Okay, alles klar. Danke für die Warnung.“

„Mit der Stute ist alles in Ordnung“, hörten sie plötzlich die Stimme des Tierarztes. „Aber Vorsicht: Wenn sie erst ihre volle Kraft zurückgewonnen hat, ist sie sicherlich nicht mehr so pflegeleicht. Sie hat ein ganz schönes Temperament.“

„Was ist mit den Schürfwunden, die sie durch das scharfkantige Eis davongetragen hat?“

„Die habe ich gereinigt, auch wenn ihr das nicht besonders gefallen hat. Ich konnte ihr sogar eine Antibiotikum-Spritze verpassen, ohne dass sie mich attackiert hat. Ihre Körpertemperatur ist annähernd normal, das ist schon mal ein gutes Zeichen.“

„Und wie steht es um das ungeborene Fohlen?“

„Bisher sieht alles gut aus. Ich schaue morgen noch mal vorbei.“

„Danke, dass Sie so schnell gekommen sind, Doc“, sagte Dennis und wandte sich dann an Gwen. „Wenn es dir recht ist, fahre ich jetzt wieder zu meiner Frau. Ruf mich einfach auf dem Handy an, wenn irgendwas ist. Ansonsten bin ich morgen früh wieder zur Stelle.“

„Klar, fahr ruhig los. Ich bleibe noch eine Weile hier.“

„Okay, gute Nacht dann“, sagte Dennis. „Und Luc … nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„War mir ein Vergnügen.“

Als die beiden Männer gegangen waren, wandte sich Gwen an Luc. „Sie können jetzt ruhig wieder ins Haus gehen. Ich komme schon alleine klar.“

„Kommt nicht infrage. Ich bleibe.“

„Das ist wirklich nicht nötig“, sagte Gwen. „Ich brauche keine …“

„Man weiß ja nie. Vorhin war es auch gut, dass ich zur Stelle war.“

Zögernd nickte sie. „Okay.“ Während sie in die Sattelkammer ging, schaute Luc sich im Stall um und atmete tief durch. Der Geruch nach Heu und Pferden gefiel ihm. Er erinnerte ihn an die Sommermonate, die er früher auf der Ranch verbracht hatte. Was kaum jemand wusste: Im Stillen hatte er früher oft mit dem Gedanken gespielt, selbst Rancher zu werden. Doch schon bevor er seinen Abschluss an der Highschool machte, hatte es sich gezeigt, dass die Familienfirma Hudson Pictures ihn brauchte.

Als er zur Box der trächtigen Stute zurückkam, sah er, wie Gwen dort gerade ein Zaumzeug an die Wand hängte.

„Sehr gute Idee“, lobte er. „Damit sie sich an Zaumzeug gewöhnt, hängen Sie es dorthin. So sieht und riecht sie es und kann sich allmählich damit vertraut machen.“

„Das haben mein Onkel und Dennis mir so beigebracht“, sagte Gwen. „Oh, sehen Sie mal, wie erschöpft die Stute ist. Sie lässt schon richtig den Kopf hängen.“

„Ja, sie kämpft gegen den Schlaf an. Aber es könnte noch Tage dauern, bevor sie zum ersten Mal wieder richtig schläft. So sind Pferde nun mal. Sie verfallen erst dann wieder in einen festen Schlaf, wenn sie sich wirklich sicher fühlen. Aber nach dem Aufenthalt in dem kalten Wasser ist es für ihre Lungen wahrscheinlich sogar besser, wenn sie vorerst nicht so tief schläft.“

Überrascht blickte Gwen ihn an. „Donnerwetter. Sie kennen sich ja richtig gut mit Pferden aus.“

„Ich habe Ihnen doch schon erzählt, dass ich die Sommermonate oft auf der Ranch eines Familienfreundes verbracht habe.“

Noch eine Frage brannte ihr auf der Seele, und schließlich traute sie sich, sie zu stellen. „Sie sind ein Hudson, Sie haben die Beziehungen und den nötigen Hintergrund. Warum sind Sie eigentlich kein Schauspieler geworden?“

Er lachte auf. „Schauspielern ist nicht meine Stärke, und ich habe auch nie das Bedürfnis danach gehabt. Ich kann mich eine Viertelstunde gut vor den Medien präsentieren, auch eine halbe, wenn’s sein muss, aber dann ist Feierabend.“

„Was heißt das? Was passiert dann?“

„Dann kommt mein wahres Ich zum Vorschein.“

„Und das ist kein schöner Anblick?“, fragte sie herausfordernd.

„Es ist furchterregend.“

„Und warum haben Sie sich dann die PR-Schiene ausgesucht?“

„Sie hat eher mich ausgesucht. Hudson Pictures existiert nun mal und überschattet alles. Sicher habe ich mal mit dem Gedanken gespielt, etwas ganz anderes zu machen, aber mir war klar, dass ich mich irgendwann ins Familienunternehmen einklinken müsste.“ Melodramatisch fügte er hinzu: „Familientradition … bitteres Schicksal.“

„Bei mir ist es die Ranch, deren Ruf ich verspürt habe“, sagte Gwen. „Pferde zu retten ist einfach meine Berufung.“

„Ach, und die Schauspielerei war nicht Ihre Berufung?“

„Filme sind Träume und Schäume“, gab sie zurück. „Aber das hier … das ist real.“

Er trat näher an sie heran. „Aber Sie müssen doch zugeben, dass Filme durchaus eine Funktion haben. Sie bringen die Menschen zum Lachen, wenn sie traurig sind. Und sie können nicht nur unterhalten, sondern auch belehren.“

„Das mag schon sein. Aber ich habe hier meinen Seelenfrieden gefunden. In Hollywood hatte ich ihn nicht.“

„Manche Leute würde es vielleicht so sehen, dass Sie einfach davongelaufen sind.“

„Was ‚manche Leute‘ denken, ist mir herzlich egal. Es geht ja um mich.“ Aufmerksam betrachtete sie ihn von der Seite. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht ins Haus zurückwollen?“

Ein sehr durchsichtiger Versuch, ihn loszuwerden. Er musste lachen. „Ich dachte, Sie wären eine Frau, die Herausforderungen liebt.“

„Kommt darauf an, ob die Herausforderung meine Zeit auch wert ist“, gab sie kühl zurück und sah ihm in die Augen. Ihre Stimme mochte kühl sein, ihr Blick war es nicht.

Gerade durch diese Kombination fühlte Luc sich wie magisch angezogen. Für Sekundenbruchteile tauchte eine verbotene Vision vor seinem inneren Auge auf: Gwen in seinem Bett, nackt, wie Gott sie schuf. Diese Frau machte ihn neugierig. Abrupt wechselte er das Thema. „Wie geht es unserer werdenden Mutter?“

„Sie ruht sich aus, so gut es eben geht“, sagte Gwen leise.

„Sie klingen total erschöpft. Es war ja auch ein harter Tag für Sie. Warum gehen Sie nicht zurück ins Haus?“

„Wenn ich zu Hause bin, schlafe ich garantiert sofort ein. Und ich sollte lieber wach bleiben, um …“

„Die Stallungen sind doch videoüberwacht. Sie könnten ab und zu einen Blick auf die Monitore werfen.“

„Ja, aber wenn ich einschlafe …“

„Ich bleibe hier und passe auf, während Sie sich ausruhen.“

„Warum sollten Sie das für mich tun?“

„Weil ich nicht so übermüdet bin wie Sie. Außerdem“, fügte er mit einem anzüglichen Grinsen hinzu, „wäre ich ja wohl ein schlechter Verlobter, wenn ich meiner Angebeteten nicht ein bisschen Arbeit abnehmen würde.“

„Mussten Sie mich jetzt daran erinnern? Ich hatte es über all der Aufregung schon fast vergessen.“

„Sie werden schon sehr bald oft genug daran erinnert werden. Es sollte mich nicht wundern, wenn in Kürze die ersten Paparazzi vor Ihrer Tür auftauchen würden.“

„Das wäre ja nicht das erste Mal“, erwiderte Gwen. „Da habe ich schon meine Strategie. Erst langweile ich sie mit vollendeter Höflichkeit, dann sage ich ihnen, dass ich keine Interviews mehr gebe.“

„Das ist aber ein Fehler“, gab er zurück. „Irgendwann werden Sie finanzielle Unterstützung benötigen, um Ihre Pferderettung weiterführen zu können. Da könnten Sie aus Ihrer Filmvergangenheit jede Menge Nutzen ziehen … in klingender Münze.“

„An so erworbenen finanziellen Mitteln bin ich nicht interessiert“, gab sie zurück und ließ sich erschöpft auf einen Holzstuhl fallen, der in der Nähe der Box stand. „Mein Angebot steht noch, Sie können gerne ins Haus zurück …“

„Nein. Irgendjemand muss Sie schließlich auffangen, wenn Sie vor Erschöpfung vom Stuhl fallen.“

Gwen entschloss sich, nicht weiter mit ihm darüber zu diskutieren. Sie schwieg einfach.

Erstaunlicherweise war die nun folgende Stille nicht feindselig oder bedrückend, sondern friedlich. Minutenlang herrschte Schweigen, und Luc genoss es. Er fragte sich, wann er zum letzten Mal eine derart angenehme Stille erlebt hatte. Sonst war es nie ruhig um ihn herum – entweder klingelte sein Handy, oder er war damit beschäftigt, die neueste Krise in den Griff zu bekommen.

Vielleicht hat Gwen gar nicht so unrecht, dachte er, während er tief Luft holte. Eigentlich hatte er an diesem Tag ja schon genug um die Ohren gehabt, trotzdem vermittelte ihm die Atmosphäre auf der Ranch ein Gefühl der Ruhe und des Friedens. Gerade wollte er ihr etwas in dieser Richtung sagen, als er bemerkte, dass sie mit geschlossenen Augen dasaß, den Kopf gegen die Wand gelehnt, und tief und gleichmäßig atmete. Sie ist tatsächlich eingeschlafen, dachte er und musste lächeln.

Die folgenden Minuten sah er sie nur amüsiert und schweigend an, bis plötzlich ihr Kopf heruntersackte. Er hielt sie an den Schultern fest, und sie öffnete überrascht die Augen.

Blinzelnd fragte sie: „Was machen Sie da?“

Er konnte nichts dagegen tun, er musste einfach schweigend ihr Gesicht mustern. Die samtige, zarte Haut, völlig frei von Make-up, die vollen, sinnlichen Lippen. Er würde in dieser Nacht von ihr träumen, das wusste er.

„Was machen Sie da?“, fragte sie noch einmal.

„Ich habe Sie aufgefangen“, sagte er leise. „Ich habe Sie aufgefangen, bevor Sie vom Stuhl gekippt sind.“

3. KAPITEL

Peinlich berührt schüttelte Gwen den Kopf und stieß Luc von sich. „Ich wäre schon nicht runtergefallen“, protestierte sie und stand auf – wobei sie feststellen musste, dass sie doch etwas unsicher auf den Beinen war. „Ich bin völlig in Ordnung.“

„Gut“, kommentierte er.

Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er sie völlig durchschaute, und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Verärgert ging sie zu dem geretteten Pferd und betrachtete es eingehend. Sie konnte Luc hinter sich spüren und sah auf die Uhr. Am nächsten Morgen musste sie wieder früh aufstehen. „Ich gehe jetzt doch ins Haus“, sagte sie. „Morgen gibt’s viel zu tun.“

„Ich komme mit“, sagt er und ging mit ihr hinaus. Sie schloss den Stall.

In den vergangenen zwei Jahren war Gwen oft für sich allein gewesen, und diese Zeit hatte ihr gutgetan. Sie hatte ihr Gelegenheit gegeben, mit ihren privaten Verlusten klarzukommen. Gelegentlich war ihr der Wunsch nach Gesellschaft gekommen, aber nie so stark, dass sie sich aktiv darum bemüht hätte. Und an eine neue Beziehung zu einem Mann hatte sie nach der Scheidung von Peter ohnehin nicht gedacht.

Schnee fiel ihr auf Kopf und Schultern. „Unangenehmes Wetter“, sagte Luc fröstelnd. „Wie hält eine Kalifornierin diese Kälte nur auf Dauer aus?“

„Ich bin ja keine Kalifornierin mehr. Ich liebe den Schnee. Was ich besonders mag, ist diese friedliche Ruhe, wenn der Schnee frisch gefallen ist. Es ist dann fast, als ob alles anders klingt, gedämpfter und angenehmer.“

Er nickte zustimmend. „So habe ich das noch nie gesehen, aber Sie haben recht“, sagte er. „Mögen Sie denn auch Schneeregen und Eis?“

„Na ja, diese Witterung hat natürlich auch ihre Schattenseiten“, gab Gwen zu. „Aber immerhin sind wir hier gegen Stromausfälle gerüstet. Mein Onkel hat im Haus und in den Ställen extra Notstromaggregate installieren lassen.“

„Ich kann kaum glauben, dass Sie den Ozean und das warme Klima in Kalifornien wirklich nicht vermissen“, sagte er. „Speziell während des strengen Winters.“

„Ab und zu fehlt mir die Wärme doch ein bisschen“, gab sie zu. „Aber man kann sich aus einer Situation eben nicht nur die Rosinen rauspicken. Schnee und Eis halten immerhin die Paparazzi fern. Ein Fotograf müsste schon ganz schön verrückt sein, wenn er dieses Wetter auf sich nimmt, nur um ein Foto einer abgehalfterten Schauspielerin zu schießen.“

„Abgehalftert?“, fragte er erstaunt und baute sich vor ihr auf, sodass sie stehen bleiben musste. „So sehen Sie sich doch nicht wirklich, oder? Das ist eine totale Fehleinschätzung. Sie könnten sich Ihre Rollen aussuchen und fast jede Gage verlangen, wenn Sie …“

Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Ich bin gerne im Ruhestand, wenigstens was die Schauspielerei angeht.“ Prüfend sah er sie an, als wollte er ihre tiefsten Geheimnisse erkunden, und ihr war unwohl dabei. Sie wollte an ihm vorbeigehen, aber sie trat auf eine vereiste Stelle und glitt aus. „Verflixt …“

Geschickt fing er sie auf und drückte sie an seine Brust. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht“, protestierte sie. „Ich wäre schon nicht hingefallen.“

„Vielleicht nicht“, erwiderte er. „Aber ich bin eben so erzogen. Man hilft Damen, wenn sie hinzufallen drohen.“

Ein edler Ritter war er also auch noch. Wer hätte das gedacht? Was wohl noch so hinter der glatten Fassade des PR-Mannes steckte?

Energisch riss sie sich von ihm los. „Selbst wenn ich auf meinen … Hintern geplumpst wäre, hätte es nichts ausgemacht. Es hätte ja keiner gesehen.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich hätte es gesehen. Außerdem … warum sich das auch noch antun? Sie hatten auch so schon einen harten Tag. Erst die Nachricht von Ihrer Schwester, dann unsere Verlobung und schließlich noch die Geschichte mit dem Pferd.“

„Eine von den drei Sachen könnten Sie ja blitzschnell bereinigen“, kommentierte sie. Es gefiel ihr einfach nicht, wie er sich in ihr beschauliches Leben gedrängt hatte.

„Was denn?“

„Die Verlobung. Wir könnten es einfach lassen, und Sie könnten wieder Ihrer Wege gehen.“

„Das läuft nicht“, erwiderte er lächelnd. „Wir müssen das durchziehen und sind solange aufeinander angewiesen. Sie müssen es so sehen wie das Klima hier: Man kann sich aus einer Situation eben nicht nur die Rosinen rauspicken.“ Er stemmte die Hände in die Hüfte. „So, jetzt aber ab ins Haus. Sonst fühle ich mich noch verpflichtet, Sie zu tragen.“

„Das hätte gerade noch gefehlt.“ Gwen stapfte voran. Sie würde heute im Arbeitszimmer übernachten, die Monitore des Stalls im Auge behalten und zwischendurch nur mal ein Nickerchen machen. Bei jedem Schritt durch den Schnee hörte sie auch seine Schritte hinter sich – und sogar seinen Atem. Er war direkt hinter ihr, offenbar jederzeit bereit, sie aufzufangen, falls sie ausrutschen sollte. Diese Vorstellung verursachte ein seltsames Gefühl in ihr, wie sie es seit Jahren nicht gehabt hatte. Und es gefiel ihr überhaupt nicht.

Stunden später erwachte sie, als es an der Haustür klingelte. Erschrocken schoss sie im Bett hoch und stellte fest, dass sie immer noch die Jeans und das Flanellhemd vom Vortag trug. Aber wie war sie in ihr Bett gekommen? Verwirrt fuhr sie sich mit der Hand über das Gesicht.

Sie dachte an den gestrigen Abend zurück. Das Letzte, was sie noch wusste war, dass sie es sich im Arbeitszimmer gemütlich gemacht hatte, um hin und wieder ein bisschen zu schlummern, während sie ansonsten die Stute über den Monitor beobachtete. Aber sie war doch nicht ins Bett gegangen … oder?

Wieder klingelte es an der Haustür. Eine Männerstimme erklang. Ach ja, Luc Hudson! Offenbar hatte er dem Besucher gerade geöffnet. Als sie auf die Uhr sah, stellte sie erschrocken fest, dass es schon sieben war. Sie hatte doch um fünf aufstehen wollen! Blitzschnell stürmte sie ins Badezimmer und fuhr sich mit einem feuchten Waschlappen über das Gesicht, dann ging sie in den Hausflur.

Luc sprach gerade mit einem Mann, der vor der Haustür stand. „Einen Moment noch“, sagte er zu dem Besucher, drängte ihn mit sanfter Gewalt zurück und schloss die Tür von innen. Dann wandte er sich Gwen zu. „Sie sind schon da“, sagte er.

„Wer?“, fragte sie. Das Verlangen nach einer Tasse Kaffee – oder am besten gleich mehreren – wurde übermächtig. „Und wie bin ich in mein Bett …“

„Für Erklärungen ist jetzt keine Zeit. Wir können später reden.“ Er strich ihr mit den Fingern notdürftig das Haar glatt. „Hier, den müssen Sie tragen“, befahl er, zog eine Schmuckschatulle aus der Hosentasche und öffnete sie. Er nahm einen mit einem großen Diamanten besetzten Ring heraus und schob ihn ihr auf den Ringfinger der linken Hand.

Gwen war völlig fassungslos. Das wertvolle Stück passte ganz genau. „Woher kannten Sie meine Ringgröße …?“

„Sie müssen so tun, als ob Sie unsterblich in mich verliebt wären“, befahl er und zog sie zur Haustür.

„Aber was …“

„Die Paparazzi“, sagte er und öffnete die Tür.

Blitzlichter flammten auf. „Wie haben Sie und Luc Hudson sich kennengelernt?“, fragte einer der Männer. „Und was ist mit Ihrer Schwester Nicki los?“, wollte der andere wissen.

Luc legte besitzergreifend den Arm um Gwens Taille. „Das muss man euch Jungs lassen“, sagte er, „ihr seid auf Zack. Kaum verlobt man sich, steht ihr auf der Matte. Vor euch kann man wirklich nichts geheim halten.“ Er wandte sich Gwen zu. „Schatz, wir sind enttarnt.“ Dann küsste er sie.

Gwen war erschrocken, als sie seine Lippen auf ihren spürte. Aber das Klicken der Kameras erinnerte sie daran, dass sie ja die liebende Verlobte spielen musste. Deshalb schmiegte sie sich an ihn und erwiderte den Kuss, der sich gleichzeitig fremd und merkwürdig vertraut anfühlte. Doch dann hatte Gwen genug. Sie entzog sich Lucs Kuss und lehnte sich an seine Schulter.

„Gwen ist noch etwas befangen“, sagte Luc. „Warum kommt ihr nicht später wieder? Dann können wir euch auch die Stute zeigen, die wir gestern gerettet haben. Sie ist übrigens schwanger.“

„Gwen ist schwanger?“, fragte der Reporter überrascht.

Gwen fühlte sich, als hätte ihr jemand eine Ohrfeige verpasst. „Nein“, sagte sie schnell, „die Stute ist schwanger … also trächtig. Nicht ich.“

„Ich verstehe“, erwiderte der Reporter. Er klang etwas enttäuscht. „Lassen Sie uns noch eine Großaufnahme vom Verlobungsring machen. So etwas lieben unsere Leser.“

Gwen streckte die Hand aus und starrte selbst wie gebannt auf das für sie fremde Schmuckstück.

„Sehr gut, bleiben Sie so“, rief der Paparazzo. „Sie sehen so aus, als ob Sie es selbst noch kaum glauben könnten.“

Du ahnst ja gar nicht, wie recht du hast, dachte Gwen und zwang sich zu lächeln.

„Können wir nachher noch ein paar Filmaufnahmen machen?“, wandte sich der Reporter an Luc.

„Aber sicher doch. Dann wird bestimmt noch deutlicher, warum ich mich in diese prachtvolle Frau verliebt habe.“

„Das braucht keine Erklärung“, schmeichelte der Pressemann. „Hollywood vermisst Sie, Gwen.“

Sie lächelte. Dabei sehe ich jetzt garantiert nicht glamourös aus, dachte sie, ohne Make-up, mit zerzaustem Haar und völlig unausgeschlafen. Aber es ist mir auch egal. „Sehr freundlich.“ Sie legte Luc einen Arm um die Schulter. „Falls Sie Hunger haben … in der Stadt können Sie etwas essen gehen.“

„Gut“, sagte der Reporter. „Aber Sie bleiben doch hier, bis wir wieder da sind?“

„Natürlich“, versicherte Luc. „Wir gehen nirgendwohin.“

Der Pressevertreter nickte. „Das wird richtig gut. Ach, übrigens … ich heiße Tripp, und das ist Gordon.“ Sie gaben einander die Hände. „Dann bis in einer Stunde.“

„Sagen wir lieber, bis in zwei Stunden“, bat Luc.

„Na schön, auch in Ordnung“, entgegnete Tripp widerstrebend. „In zwei Stunden … aber keine Minute später.“

Die beiden Männer gingen sichtlich erfreut zu ihrem Auto und fuhren davon. Angewidert schloss Gwen die Tür von innen und wandte sich sofort Luc zu. „Warum haben Sie diesen Typen auch noch erlaubt, hier zu filmen? Ich will sie auf der Ranch nicht haben.“

„Ach, so lange werden sie ja nicht bleiben“, sagte er und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Außerdem passt das wunderbar in den Plan. So werden sie sich nicht so auf uns fixieren.“

„Aber mir passt es nicht, dass die Ranch nur zum Wohle von Hudson Pictures derart als Mittel zum Zweck eingesetzt wird. Sie ist ein wunderbar friedliches Refugium für die Pferde …“

„Und für Sie“, ergänzte Luc. „Ein sicheres Plätzchen, wo Sie sich vor der großen bösen Welt verstecken können.“

Damit hatte er einen wunden Punkt getroffen. „Sie haben nicht das Recht, meinen Lebensstil zu kritisieren“, erwiderte sie wütend. „Und Sie haben nicht das Recht, diese … diese Parasiten hier auf den Besitz meines Onkels einzuladen – nur weil es in Ihre Pläne passt. Mein Onkel hat hier jahrelang schwer geschuftet, und jetzt gönnt er sich endlich die Kreuzfahrt, von der er immer geträumt und die er sich wahrlich verdient hat. Ich möchte nicht wissen, was er davon hält, wenn er zurückkommt. Haben Sie denn überhaupt eine Ahnung, wie es weitergeht? Wie viele Reporter hier noch auftauchen, wenn die Fotos in den Klatschblättern erscheinen? Und wenn das ganze Spielchen vorbei ist … für mich hört es dann noch lange nicht auf. Reporter werden in Scharen hier aufkreuzen und mich löchern, warum unsere Verlobung gescheitert ist. Was soll ich denen denn dann sagen?“

Luc blieb ganz ruhig, was sie noch wütender machte. „Vertrauen Sie mir einfach. Ich kümmere mich schon darum, wenn es so weit ist.“

Sie lachte auf. „Das habe ich schon mal gehört … und nicht nur einmal. ‚Vertrauen Sie mir‘. Wenn man in Hollywood diese Worte hört, sollten alle Alarmsirenen schrillen.“

„Aber wie Sie gestern schon so klug anmerkten: Wir sind nicht in Hollywood. Ich habe jahrelange Erfahrung darin, mit der Presse umzugehen, Gwen. Und ich schaffe es auch diesmal. Zur Not, wenn es zu heftig wird, kann ich immer noch einen Sicherheitsdienst für Sie anheuern.“

„Oh, toll“, erwiderte sie sarkastisch. „Das habe ich mir immer gewünscht. Einen Sicherheitsdienst ganz für mich allein.“

„Es wäre ja nur für eine begrenzte Zeit. Außerdem … Sie sollten der Publicity, die das alles bringt, nicht so negativ gegenüberstehen. Was meinen Sie, wie viele Spenden Sie für Ihre Pferderettung bekommen werden, wenn die Geschichte veröffentlicht ist.“

Sie seufzte auf. Insgeheim wusste sie ja, dass er recht hatte. „Ich muss jetzt erst mal unter die Dusche. Ich weiß immer noch nicht, wie ich komplett angezogen in meinem Bett gelandet bin. Das Letzte, an das ich mich erinnere, war, dass ich im Arbeitszimmer gesessen und die Stute auf dem Monitor beobachtet habe. Und dann …“ Sie hielt kurz inne und sah ihn an. „Oh nein. Sagen Sie mir nicht, dass Sie mich ins Bett geschleppt haben.“

„Sie brauchen sich nicht zu bedanken, ich habe es aus Eigennutz getan. Sie waren in einer so unglücklichen Position eingeschlafen, dass Sie am nächsten Morgen mit Rückenschmerzen aufgewacht wären. Und wenn ich das so sagen darf … der Umgang mit Ihnen ist schon schwierig genug, wenn Sie gute Laune haben und es Ihnen gut geht.“

Sie öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, wusste aber nicht, was. Sollte sie ihm für seine Aufmerksamkeit danken oder ihn fertigmachen, weil er sie angefasst hatte, während sie schlief? Sie war es einfach nicht gewöhnt, dass jemand sich um sie kümmerte, schon gar nicht ein Mann wie Luc Hudson.

„Ich muss wissen, wie lange es so weitergehen soll“, sagte sie schließlich. „Und erzählen Sie mir nicht, Sie wüssten es nicht. Wie ich Sie einschätze, haben Sie doch einen minutiösen Zeitplan erstellt. Also … wie lange?“

„Wenn es bei Ihrer Schwester keine Komplikationen gibt, vier bis sechs Wochen.“

Gwen seufzte. Sie hatte keine Wahl, sie musste es wohl oder übel durchstehen.

Zwei Stunden später präsentierte Gwen dem Reporter und dem Fotografen die gerettete Stute. „Sie ist immer noch nervös und verängstigt“, warnte sie die beiden, „also halten Sie lieber Abstand. Ist sie nicht wunderschön?“

Tripp, der Reporter, nickte. „Wirklich ein prachtvolles Tier. Wussten Sie schon, dass sie trächtig ist, als Sie sie gerettet haben?“

„Nein, das haben wir erst gemerkt, als wir sie hier auf der Ranch hatten. Luc hat den Feuerwehrleuten übrigens bei der Rettung geholfen.“

„Tatsächlich?“, fragte der Reporter erstaunt. „Wir wussten gar nicht, dass Sie ein Pferdeliebhaber sind, Luc.“

„Sie haben mich ja auch nicht gefragt“, scherzte Luc und legte Gwen den Arm um die Schulter.

„Damit haben Sie bei Ihrer Liebsten sicher mächtig Eindruck geschunden“, kommentierte Tripp.

„Allerdings“, sagte Gwen. Sie ging jetzt völlig in ihrer Rolle als liebende Verlobte auf. „Aber ich war auch vorher schon von ihm beeindruckt.“

„Wie haben Sie beide eigentlich zusammengefunden?“

„Wir haben uns vor Jahren bei einem Bankett kennengelernt“, log Luc, ohne rot zu werden. „Vor ein paar Monaten, als Gwen einen Abstecher nach Los Angeles gemacht hat, haben wir uns dann zufällig wiedergetroffen. Und diesmal wollte ich sie nicht wieder davonkommen lassen.“

„Sie leben ja so weit auseinander. Wie funktioniert das?“

„Kein Problem, ich kann unseren Familienjet benutzen. Wann immer ich Zeit habe, fliege ich hierher.“

„Was meinen Sie, können Sie Gwen wieder vor die Filmkameras locken?“, fragte Gordon.

Luc spürte, wie Gwen zusammenzuckte. „Im Moment ist es mir wichtiger, die Lady vor den Traualtar zu locken“, gab er zurück.

„Steht der Hochzeitstermin schon fest?“, fragte Tripp.

„Immer langsam mit den jungen Pferden“, mahnte Gwen. „Wir haben uns doch gerade erst verlobt.“ Sie schmiegte sich an Luc und sah ihn verliebt an. Alle Wetter, sie kann wirklich perfekt schauspielern, dachte er. Kein Wunder, dass sie mehrere Preise gewonnen hat. „Es hat lange gedauert, bis wir uns gefunden haben, und jetzt wollen wir erst mal jede Minute genießen“, fügte Gwen hinzu. „Ach, wo wir gerade bei Minuten sind … Ich habe nachher einen Termin in der Stadt und muss mich noch vorbereiten. Wenn Sie uns also entschuldigen würden …“

Der Reporter schoss mit maschinengewehrartiger Geschwindigkeit Fotos. Gwen stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste Luc zärtlich auf die Wange. „Sehen Sie zu, dass Sie die Kerle endlich loswerden“, zischte sie ihm ins Ohr und küsste ihn dann erneut.

„Gut, Leute, das war’s dann wohl“, sagte er. „Gwen und ich müssen uns noch um ein paar andere Dinge kümmern. Ich hoffe, ihr seid froh, dass ihr diese Story exklusiv bekommen habt.“

„Und wie“, erwiderte Tripp und streckte die Hand aus. „Danke für die gute Zusammenarbeit, Sie werden es nicht bereuen. Und viel Glück für das Pferd, Gwen. Wie wollen Sie es nennen?“

„Oh, darüber habe ich mir noch gar keine …“

„Pyrrha“, sagte Luc plötzlich.

„Pyrrha?“, fragte Gwen.

„Ja, ein Name aus der griechischen Mythologie. Pyrrha war eine Königin.“

„Ach ja, eine Überlebende der großen Flut, die Zeus über die Welt gebracht hat“, ergänzte Gwen. Insgeheim war Luc beeindruckt. Sogar in der griechischen Mythologie kannte sie sich aus!

Noch immer klickte die Kamera, und jetzt hatte Luc genug. Die Leute sollten gehen. Er schüttelte Tripp die Hand. „Kommen Sie gut nach Los Angeles zurück“, sagte er und führte die Männer aus dem Stall. Dann ging er mit Gwen zum Haus zurück.

„Haben Sie sich den Termin nur ausgedacht, um die Reporter loszuwerden, oder gibt es den wirklich?“

„Den gibt es wirklich“, antwortete sie, während sie die Stufen hochging. „Aber er kam mir natürlich recht, um ihnen durch die Blume zu sagen, dass sie allmählich gehen müssen. Noch lieber wäre es mir gewesen, sie wären nie hier aufgekreuzt.“

„Sie werden sich noch freuen, dass sie da waren“, entgegnete er. „Wenn nämlich die Spenden für Ihre Pferderettung eintrudeln.“

„Warum liegt Ihnen mein Projekt so am Herzen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Es ist doch eine gute Sache. Wenn Sie und ich schon dieses Spielchen spielen müssen, kann ich doch auch dafür sorgen, dass Sie etwas davon haben.“

„Ich frage mich nur, wie viele Spender ihr Geld zurückhaben wollen, wenn unsere sogenannte Verlobung vorbei ist.“

„Wir müssen die Verlobung ja nicht so dramatisch enden lassen. Nicht so wie damals Ihre …“ Als er ihren eisigen Blick sah, redete er nicht weiter.

„Genau deswegen habe ich so ungern mit der Presse zu tun. Wenn die Leute die Geschichte nicht in ihre Richtung drehen können, denken sie sich einfach etwas aus. Glauben Sie mir, Sie haben keine Ahnung, warum meine Ehe wirklich gescheitert ist.“ Sie sah auf die Uhr. „Ich muss jetzt los. Ich will die Kinder nicht enttäuschen und muss pünktlich sein.“

„Die Kinder?“, fragte er.

Abwehrend hob sie die Hand. „Das geht Sie nichts an. Sie haben mich schon genug ausgenutzt.“

Diese Anschuldigung verletzte ihn. Wütend ergriff er ihren Arm. „Haben Sie vergessen, warum wir das alles hier tun?“

Sie atmete tief durch und biss sich auf die Lippen. „Wegen Nicki.“

„Genau, wegen Nicki. Wollen Sie, dass die Presse sie fertigmacht?“

Langsam schloss sie die Augen und schüttelte den Kopf. „Nein. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr muss ich Ihnen recht geben. Ich finde nur diese ganze Paparazzi-Geschichte so ekelhaft.“

„Es geht also nicht gegen mich persönlich.“

„Nein. Sie selbst sind ja eigentlich …“ Sie verstummte und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht sollten wir noch einmal ganz von vorne anfangen. Hallo, mein Name ist Gwen McCord. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“

Er spielte mit und ergriff ihre Hand. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich heiße Luc Hudson. Persönlich sind Sie noch viel bezaubernder als auf der Leinwand.“

„Danke“, erwiderte sie lächelnd. „Und Sie sind viel hilfsbereiter, als ich es von jemandem aus dem Hudson-Clan erwartet hätte. Mir ist schon bewusst, dass wir beide dieses Spiel nicht ganz freiwillig spielen. Deshalb will ich es Ihnen auch nicht unnötig schwer machen. Und wer weiß, wenn alles überstanden ist, werden wir vielleicht sogar noch so etwas wie Freunde.“

Zu ihrer Überraschung drückte er ihr plötzlich einen Kuss auf die Wange. „Auf unsere Freundschaft“, sagte er. Doch in genau diesem Moment hatte er beschlossen, dass er von Gwen mehr als Freundschaft wollte.

4. KAPITEL

Immer wenn Gwen von dem Schauspielkursus zurückkam, den sie für Problemkinder gab, fühlte sie sich einerseits erfüllt und zufrieden, andererseits aber auch traurig. So war es auch an diesem Tag.

Wenn damals alles anders gelaufen wäre, würde mein Kind jetzt auch schon die Vorschule besuchen, dachte sie. Peter hatte damals aber darauf bestanden, dass sie den Film zu Ende drehte, bevor man ihr die Schwangerschaft ansehen würde. Als sie ihm gebeichtet hatte, dass sie schwanger sei, war er überhaupt nicht begeistert gewesen. Nein, er hatte ihr sogar eine Abtreibung vorgeschlagen – nur damit die Dreharbeiten ohne Unterbrechung weiterlaufen konnten.

Sie erinnerte sich noch daran, als ob es erst tags zuvor geschehen wäre. In diesem Moment war ihr klar geworden, dass ihre Beziehung zu Peter sich nachteilig verändert hatte.

Als sie die Tür aufschloss, zitterten ihre Hände. Nur nicht immer an diese alte Geschichte denken! Ich brauche etwas zu essen, dachte sie. Deswegen zittere ich. Seit heute Morgen habe ich ja nichts mehr zu mir genommen.

Durch die geschlossene Tür des Gästezimmers hörte sie Lucs Stimme; sicherlich telefonierte er. Es war auch besser, wenn er sie in ihren derzeitigen Zustand nicht sah. Nachdem sie ihren Mantel aufgehängt hatte, ging sie in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen.

Suppe wäre nicht schlecht, dachte sie und holte sich eine Dose aus dem Schrank. Und dazu ein paar Scheiben Toastbrot mit Erdnussbutter und Honig. Nicht gerade ein Feinschmeckermenü, aber es macht immerhin satt.

Während die Suppe im Topf auf dem Herd heiß wurde, bereitete sie einige Sandwiches zusätzlich vor, für den Fall, dass Luc auch Hunger hatte.

Wieder musste sie daran denken, wie sie das Baby verloren hatte. Sie war während der Dreharbeiten gestürzt. Dann das Krankenhaus, die Notoperation. Peter hatte darauf bestanden, dass der Vorfall streng geheim blieb. Als sie aus der Narkose erwacht war, hatte sie sich völlig leer gefühlt.

„Riecht gut“, ertönte plötzlich Lucs Stimme.

Sie erschrak, fasste aus Versehen an den heißen Topf und verbrannte sich leicht. „Au, verflixt“, rief sie.

„Schnell, halten Sie Ihre Hand unter kaltes Wasser“, sagte Luc, zog Gwen zur Spüle und drehte den Wasserhahn auf. „Es tut mir leid, ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken.“

„Ist nicht Ihre Schuld“, erwiderte sie. Ihre Hand schmerzte, aber anderseits war es angenehm, ihn so dicht an ihrem Körper zu spüren. „Ich habe einfach an zu viele Dinge zugleich gedacht. Ist ja nicht so schlimm.“

„Passiert Ihnen das öfter? Dass Sie sich beim Kochen verbrennen?“

„Nein. Im Normalfall lasse ich nur das Essen anbrennen.“

„Ich verstehe. Sie lassen sich zu leicht ablenken.“

„Ganz genau. Für mich gibt es eben wichtigere Dinge als Essen.“

„Deshalb haben Sie so viele Tiefkühlmenüs im Haus.“

Gwen musste lächeln. „Jetzt kennen Sie mein Geheimnis. Na, sagen wir, eines meiner Geheimnisse.“ Als sie ihre Hand unter dem Wasserstrahl hervorziehen wollte, hielt er sie zurück. „Nein, lassen Sie sie noch ein paar Minuten darunter, das tut Ihnen gut. Ich kümmere mich schon um die Suppe.“

Gwen sah zu, wie Luc den Topf vom Herd nahm und die Suppe auf zwei Teller füllte. Die Szene kam ihr völlig irreal vor. Nie hätte sie gedacht, dass einer der mächtigen Hudsons einmal in ihrer Küche Suppe servieren würde.

Luc bemerkte ihren Blick. „Warum sehen Sie mich so an?“

„Ach, ich hätte nur nicht gedacht, dass eines Tages Luc Hudson in meiner Küche stehen würde.“

„Das nennt man Glück“, erwiderte er lächelnd.

„Fragt sich nur, für wen. Für Sie oder für mich?“

„Eine sehr gute Frage. Oberflächlich betrachtet würden viele Männer sicherlich töten, um gerade jetzt an meiner Stelle zu sein.“

„Ich höre da ein leises Aber heraus.“

„Wer wäre nicht gerne in einem Ranchhaus zusammen mit Miss Sexy von 2004?“

„Erinnern Sie mich bloß nicht daran“, stöhnte sie.

„Ich muss Sie das jetzt fragen“, sagte er, während er auf ihre Oberweite blickte. „Haben Sie noch das berühmte Hemd?“

Sie bemerkte seinen Blick. „Nein. Das war doch nur ein ganz normales Herrenhemd. Nichts Besonderes.“

„Wissen Sie, wie viele Männer Fantasien hatten … dieses Hemd betreffend?“

„Ich will es mir lieber gar nicht vorstellen“, erwiderte sie und spürte, wie sie rot wurde.

„Natürlich ging es bei diesen Wunschträumen darum, dass Sie das Hemd ausziehen würden.“

„Was ja nicht passiert ist. Es blieb also bei den unerfüllten Fantasien.“ Gwen drehte den Wasserhahn zu.

„Vieles in der Realität hat mit unerfüllten Wünschen zu tun“, sagte er.

„Da mag etwas Wahres dran sein. Wie sind Sie zu dieser Einsicht gekommen?“

„Durch meinen Beruf. Meine Brüder nennen mich den PR-Zauberer, aber ich weiß ja, wie es wirklich geht. Man muss reden können und den Sachen den richtigen Dreh geben.“ Er stellte die Teller auf dem kleinen Küchentisch ab und bedeutete ihr, sich hinzusetzen.

„Ich komme gleich“, sagte sie und holte eine Flasche Wein und Gläser. Ob es an seinem gentlemanliken Verhalten lag, dass sie sich so feminin fühlte wie schon lange nicht mehr? „Das ist auch ein Grund, warum ich so gerne hier lebe“, sagte sie. „Hier sind die Leute geradeheraus und sagen, was sie denken. Ich habe mich noch nie so ausgeglichen gefühlt.“

Luc nickte. „Wie kommt es eigentlich, dass Sie hier so ganz alleine leben? An Verehrern dürfte es Ihnen doch nicht fehlen …“

„Vielleicht bin ich ja gerade deshalb so ausgeglichen, weil ich hier ohne Partner lebe. Aber die gleiche Frage könnte ich Ihnen auch stellen. Gibt es bei Ihnen daheim in Los Angeles nicht eine Frau …“ Sie machte eine Kunstpause und lächelte süffisant. „… oder mehrere Frauen, bei der oder bei denen die große Trauer ausbricht, jetzt, da Sie plötzlich verlobt sind?“

Er schüttelte den Kopf und goss Wein in die Gläser. „Ich hatte seit zwei Jahren keine feste Beziehung mehr. Davor hätte ich fast einen großen Fehler begangen.“

Als er einen Schluck von dem Wein nahm, merkte sie an: „Ich habe die Flasche in einem kleinen Lebensmittelladen gekauft, erwarten Sie also bitte keinen wirklich edlen Tropfen.“ Dann probierte auch sie und neigte prüfend den Kopf zur Seite. „Sie hätten fast einen Fehler begangen? Erzählen Sie mir mehr darüber.“

„Da muss ich etwas weiter ausholen“, begann er. „Also: Meine Brüder sagen immer, ich habe so etwas wie ein Helfersyndrom, besonders wenn es um Frauen in Not geht.“

„Das schließt offensichtlich sogar trächtige Stuten mit ein.“

Lachend sah er sie an. Sein Blick ging ihr durch Mark und Bein. Wie kam das nur?

„Ich habe einer Frau geholfen, die mit ihrem Wagen liegen geblieben war. Eins führte zum anderen, und wir begannen uns regelmäßig zu treffen. Sie war eine Gelegenheitsschauspielerin, die auf den großen Durchbruch hoffte. Ich habe sie dann ein paar Leuten aus der Branche vorgestellt.“ Er lächelte bitter. „Wie gesagt: Helfersyndrom. Ich war schon kurz davor, ihr einen Antrag zu machen, da erfuhr ich, dass sie heimlich etwas mit einem Produzenten angefangen hatte. Einem Produzenten, den ich ihr auf einer Party vorgestellt hatte.“

Gwen verzog das Gesicht. „Das tut mir leid. Na, wenigstens haben Sie die Wahrheit erkannt, bevor Sie geheiratet haben. Das kann ich von mir nicht sagen. Ich war damals noch jung und naiv, und Peter hat mich ziemlich beeindruckt. Damals stand ich noch ganz am Anfang, hatte gerade mal in ein paar Werbespots mitgespielt und ein paar Nebenrollen gehabt. Ich hatte noch gar keinen richtigen Plan fürs Leben – und er war das genaue Gegenteil von mir. Er wusste genau, was er wollte und wie er es erreichen konnte. Und obendrein schien er genau zu wissen, was ich tun sollte.“

„Und damit waren Sie auf Dauer nicht einverstanden.“

Gwen dachte an ihre Schwangerschaft und nickte. „Er wollte für seine Ziele – in seinen Augen natürlich unsere Ziele – etwas opfern, wozu ich nicht bereit war.“

„Das muss ja etwas sehr Bedeutsames gewesen sein, wenn es Sie bewogen hat, die Schauspielerei, Los Angeles und die Männerwelt sausen zu ...

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