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BACCARA EXKLUSIV BAND 153

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Verbotene Momente des Glücks

1. KAPITEL

Das Einzige, was in diesem luxuriösen Landhaus fehlte, war eine verführerische Frau in dem großen Bett. Noch besser: eine nackte verführerische Frau. Blond, mit Kurven an den richtigen Stellen.

Frauen, die dünn wie Bohnenstangen waren, interessierten Luke Barton nicht. Er mochte Frauen, die sexy und zu allem bereit waren. Zu allem, was er mit ihnen machen wollte.

„Haben Sie etwas gesagt, Mr. Barton?“

Er fuhr zusammen und riss den Blick von dem unverschämt breiten Bett los. Mit gerunzelter Stirn starrte er die Frau an, die ihn durch die weiträumige Lodge führte. Hier sollte er sich nun in den nächsten dreißig Tagen zu Hause fühlen. Hatte er etwa etwas gesagt, ohne es zu merken? Er versuchte es mit einem unverbindlichen Lächeln und schob die Hände langsam in die Hosentaschen, bevor er der Frau zu dem angeschlossenen Badezimmer folgte.

Sie war nicht unattraktiv, wahrscheinlich in den Zwanzigern und sogar irgendwie blond. Aber nicht sie beflügelte seine Fantasie, sondern eher das riesige Bett. Er warf einen Blick zurück. Die große Quiltdecke passte farblich genau zu der grünblauen Oberfläche des Lake Tahoe, der durch die großen Fenster gut zu sehen war.

Dem Bett gegenüber war ein gewaltiger Kamin in die Wand eingelassen, die Holzscheite daneben waren säuberlich aufgeschichtet. Nicht schlecht, dachte Luke, der sich sofort vorstellte, wie die züngelnden Flammen ihr goldenes Licht auf die nackte Haut einer Frau warfen, die es leider nur in seiner Fantasie gab. Er würde diese samtene Haut mit den Lippen liebkosen, mit der Zunge kitzeln und ihren warmen …

„Mr. Barton?“

Wieder fuhr er zusammen und bemerkte erst jetzt, dass er mitten im Raum stehen geblieben war. „Sagen Sie doch Luke zu mir“, sagte er schnell.

„Was? Luke?“ Die Frau sah ihn fragend an. „Matthew Barton sollte doch in diesem Monat hier wohnen.“

Matthew? Kurz war Luke verwirrt, aber dann fiel es ihm wieder ein. Natürlich, Matthew. Matt. Das Luxusbett und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten hatten ihn alles vergessen lassen. Selbst diesen üblen Kerl von Zwillingsbruder. Matt. Noch nie hatte er seinem Bruder einen Gefallen getan.

Bis heute.

Als Matts Assistentin Lukes Assistentin angerufen hatte, hätte Luke alles darum gegeben, wenn er seinem Bruder, diesem Dieb und Betrüger, die Bitte hätte abschlagen können. „Ihrem Bruder ist geschäftlich etwas dazwischengekommen, und er lässt fragen, ob Sie statt seiner in diesem Monat hier sein können“, hatte Elaine ihm ausgerichtet. Dabei hatte sie ihren gleichmütigen Tonfall beibehalten, als wäre sie nicht im Geringsten erstaunt, dass die beiden Zwillingsbrüder nicht direkt miteinander sprachen.

Diese Bitte hatte Luke dem Bruder nicht abschlagen können.

„Tut mir leid, ich hätte es Ihnen gleich sagen sollen“, wandte Luke sich jetzt an die Hausverwalterin. Offenbar hatte sie die Nachricht nicht bemerkt, die Nathan ihm hinterlassen hatte und die an Luke adressiert war. „Mein Bruder hatte in diesem Monat keine Zeit, darum haben wir die Termine getauscht.“

„Ach so. Das ist sicher vollkommen in Ordnung.“ Die Frau machte eine weit ausholende Handbewegung. „Wie ich schon sagte, Luke, Sie müssen den nächsten Monat hier in diesem Haus verbringen, um damit die Forderungen im Testament des verstorbenen Mr. Palmer zu erfüllen. Ihr Freund Nathan war im letzten Monat hier, und Ihr Bruder Matthew kommt nach Devlin Campbell als Sechster an die Reihe.“

Das alles war Luke bekannt. Vor einigen Monaten hatten die sechs übrig gebliebenen Mitglieder der Sieben Samurai, wie sie sich im College genannt hatten, Briefe mit demselben Wortlaut erhalten. Nach dem Studium hatten sie bald den Kontakt zueinander verloren, weil jeder so sehr mit der eigenen Karriere beschäftigt war. Aber als sie die Briefe öffneten, wurden sie wieder an das Versprechen erinnert, das sie sich damals auf ihrer Examensfeier gegeben hatten. Obgleich sie alle aus wohlhabenden Familien stammten, waren sie fest entschlossen, aus eigener Kraft ihr Glück zu machen. In zehn Jahren wollten sie sich wieder treffen, so hatten sie sich zu vorgerückter Stunde geschworen, und zwar in einem Landhaus am Lake Tahoe, das sie gemeinsam bauen würden. Nach diesen zehn Jahren würde jeder der sieben Samurais einen Monat in dieser Lodge verbringen, und am Ende des siebten Monats würden sie alle zusammenkommen und ihre Freundschaft und das feiern, was sie bis dahin erreicht hatten.

Aber Hunters Krankheit hatte alles verändert, und sie vergaßen, was sie sich geschworen hatten, und verloren sich aus den Augen.

Hunter jedoch hielt an dem alten Plan fest. Obgleich ihm klar war, dass er das Wiedersehen nach zehn Jahren nicht mehr mit den Freunden würde feiern können, hatte er veranlasst, dass die Lodge am Ufer des Sees gebaut wurde. Kurz vor seinem Tod hatte er dann die Briefe an die Freunde geschrieben und sie aufgefordert, im Gedenken an ihn zu dem zu stehen, was sie sich vor zehn Jahren versprochen hatten.

Die Verwalterin öffnete jetzt die Tür zum Badezimmer. „Und dies ist das Hauptbad des Hauses.“

Als Luke den Raum betrat, hatte er gleich wieder seine blonde Fantasiegestalt vor Augen. Denn neben der großen Badewanne war ein weiterer Kamin in die Wand eingelassen, und wieder sah Luke die üppige Blondine mit der vom Feuerschein vergoldeten Haut vor sich, wie sie sich langsam in die Wanne gleiten ließ. Ihr Haar fiel ihr auf die weich gerundeten Schultern. Die Blasen des Schaumbades umspielten ihre harten rosa Brustspitzen …

„Glauben Sie, dass Sie sich hier wohlfühlen werden?“

Hastig wandte Luke sich um. Wieder hatte seine erotische Fantasie ihm einen Streich gespielt. Verdammt, was war denn mit ihm los? Weshalb konnte er sich nicht von diesen lasziven Bildern befreien? Er war doch sonst nicht so sexbesessen.

„Ja, ja, natürlich, vielen Dank. Ich werde gut zurechtkommen.“ Obgleich er vier Monate früher hier in der Einsamkeit „zurechtkommen“ musste, als er gedacht hatte. Nur wegen seines Bruders.

Irgendwie musste die Frau ihm angesehen haben, dass er nicht restlos zufrieden war, denn sie fragte: „Stimmt irgendetwas nicht?“

„Nein, alles in Ordnung.“ Die schmutzige Wäsche der Familie brauchte er wirklich nicht vor den Augen einer Fremden zu waschen. „Ich muss nur immer an Hunter denken“, fiel ihm dann noch rechtzeitig ein.

Die Frau senkte den Blick. „Das kann ich mir vorstellen. Es tut mir so leid. Aber ich glaube, er hat sich das alles sehr genau überlegt und nur gut gemeint.“

„Das glaube ich auch. Hunter Palmer war ein guter Mann.“ Er war der beste von ihnen allen, mit Abstand. Luke erinnerte sich noch sehr genau an sein breites Grinsen, sein ansteckendes Lachen. Er konnte die Freunde von allem überzeugen und hatte immer die verrücktesten Ideen. Eines Nachts hatten sie alle Möbel im Aufenthaltsraum des Studentenheims an der Decke festgenagelt, ein anderes Mal hatte er ein Basketballturnier organisiert, bei dem die Mannschaften nur aus drei Leuten bestanden. Die Zuschauer hatten einen Riesenspaß, und die Eintrittsgelder waren für irgendeinen guten Zweck gespendet worden.

Hunter war in Lukes Mannschaft gewesen, und sie hatten haushoch gewonnen. Sie waren aber auch ein tolles Team gewesen, er und Hunter und … Matt.

Damals hatten Matt und Luke auf derselben Seite und für dieselbe Sache gekämpft, was davor und danach nie vorgekommen war.

Nur wegen Hunter hatte Luke zugestimmt, mit Matt zu tauschen. Denn es war der letzte Wunsch des Freundes gewesen, dass die sechs das taten, was sie sich vor zehn Jahren versprochen hatten. Dass jeder einen Monat in der Lodge verbrachte, die Hunter hatte bauen lassen. Sowie sie diese Forderung erfüllt hatten, würden das Haus und zusätzlich zwanzig Millionen Dollar an die Stadt Hunter’s Landing gehen, hier am Ufer des Sees.

Bemüht, sein blondes Wunschbild zu verdrängen, folgte er der Verwalterin jetzt durch die anderen Räume. Nur kurz warf er einen Blick auf das gerahmte Foto der Sieben Samurai, das im Flur des ersten Stocks an der Wand hing. Wenn er die Rolle von Matt wirklich überzeugend spielen wollte, dann sollte er nie ohne korrekt gebundene Krawatte herumlaufen, sollte sein Lächeln zu einer starren Grimasse einfrieren und ständig darüber nachdenken, wie er aus jeder erdenklichen Situation seinen Vorteil ziehen konnte, ohne Rücksicht auf verwandtschaftliche Bindungen, den eigenen Bruder nicht ausgenommen, oder wenigstens auf das, was man Anstand nennt.

Denn genauso funktionierte Matthew Barton.

Endlich war der Rundgang beendet. Die Verwalterin gab Luke die Schlüssel und verabschiedete sich. Luke war allein in dem großen Haus und seinen düsteren Gedanken ausgeliefert. Es war totenstill, und nichts erinnerte an Nathan Barrister, der vor Luke seinen Monat „abgeleistet“ hatte. Nur die kurze, schnell hingekritzelte Nachricht, die er Luke hinterlassen hatte, bewies, dass er hier gewesen war. Nathan hatte sich in Keira Sanders verliebt, die Bürgermeisterin von Hunter’s Landing, und nun pendelten die beiden zwischen der kleinen Stadt am Ufer des Sees und dem sonnigen Barbados hin und her, wobei sicher weder Geschäft noch Vergnügen zu kurz kamen.

Luke zog sich das Jackett aus und nahm die Krawatte ab. Dann holte er sich ein Bier aus dem gut bestückten Kühlschrank und setzte sich in einen Sessel, von dem aus er aus dem großen Panoramafenster sehen konnte. Durch die Bäume war der See zu sehen, der jetzt nicht mehr grünblau, sondern grau war. Es ging auf den Abend zu, und außerdem hatte sich der Himmel zugezogen.

Die dunklen Wolken passten gut zu Lukes Stimmung. Was sollte er nur einen ganzen Monat lang in dieser gottverlassenen Gegend anfangen?

Nathan hatte offenbar die Zeit gut überstanden, ja, sogar genutzt. „Ich bin nicht in das schwarze Loch gefallen, wie ich befürchtet hatte“, hatte er geschrieben. Im Gegenteil, er hatte sich verliebt und war glücklich hier geworden.

Luke hatte keine Lust, es ihm nachzumachen. Aber gegen einen Besuch seiner blonden Traumgöttin hätte er auch nichts einzuwenden. Dann würde die Zeit sicher schneller vergehen. Schade, dass er sie nicht zum Leben erwecken konnte, dann würden ihm die dreißig Tage nicht lang werden. Aber Matt hatte sicher niemanden eingeladen, um ihm hier Gesellschaft zu leisten. Und selbst wenn, kurvenreiche Blondinen waren nicht Matts Typ, darauf konnte Luke also nicht hoffen. Sie waren zwar eineiige Zwillinge, aber in Bezug auf Frauen hatten sie einen vollkommen unterschiedlichen Geschmack.

Luke legte die Füße auf einen gepolsterten niedrigen Hocker, und gerade als er die Augen schließen und den Kopf nach hinten legen wollte, hörte er die ersten Tropfen gegen die Fensterscheibe prasseln. Ein heftiger Frühlingsregen setzte ein.

Luke musste unwillkürlich an Matt denken. Der Bruder hatte versucht, ihm zu schaden, wie und wo es nur ging. Doch um fair zu sein, musste Luke zugeben, dass ihr Vater Samuel Sullivan Barton die Hauptschuld an ihrem Zerwürfnis trug. Er hatte die beiden gegeneinander aufgehetzt und als Rivalen erzogen. Um sie für das mörderische Geschäftsleben fit zu machen, hatte er ihnen sehr früh eingebläut, dass sie Konkurrenten waren und es darauf ankam, der Stärkere, der Sieger zu sein, koste es, was es wolle.

Im College dann waren sie sich wieder nähergekommen. Doch nach dem Tod des Vaters wurde das Vertrauen zueinander jäh zerstört. Denn sein letzter Wille beinhaltete die Klausel, dass derjenige, der als Erster eine Million verdient hatte, das Familienvermögen erben würde. Jeder für sich hatten die Brüder sich dann auf die Entwicklung von drahtlosen Technologien konzentriert. Luke nutzte sein Wissen als Ingenieur und beteiligte sich aktiv an den Forschungen. Matt dagegen war schon damals gut darin, die richtigen Leute für sich arbeiten zu lassen, und hatte die entsprechenden Experten engagiert.

Er schreckte auch nicht davor zurück, einen wichtigen Lieferanten zu bestechen, sodass Luke das Nachsehen hatte und nicht länger mithalten konnte. So kam es, wie es kommen musste. Matt hatte als Erster die Million beisammen und erhielt das Familienvermögen.

Seit der Zeit hatte Luke kein Wort mehr mit seinem Bruder gewechselt, obgleich er auf sein eigenes Unternehmen sehr stolz sein konnte. Das war zwar kleiner als das von Matt, der seines mit dem Familienvermögen vergrößern konnte, dafür aber spezialisiert und für sein innovatives Arbeiten berühmt.

Doch die viele Arbeit wirkte sich nicht unbedingt positiv auf den Charakter aus, hatte Luke sich schon häufiger eingestehen müssen. Das ständige Bemühen, sein Unternehmen an der Spitze zu halten, hatte ihn hart gemacht, und die Enttäuschung über Vater und Bruder hatte ein Übriges getan.

Der Regen lief jetzt in Sturzbächen die Panoramascheibe herab, und Luke fröstelte. Er stand auf und machte Feuer in dem großen Kamin, der eine Seite des Wohnzimmers einnahm. Als er in die Flammen starrte, musste er wieder an das Trugbild der blonden Schönen denken, das ihn nicht losließ.

Sowie er wieder zurück in San Francisco war, würde er wohl ein paar Telefongespräche führen müssen, denn diese blonde Frau schien neuerdings eine fixe Idee von ihm zu sein. Normalerweise bestand sein Leben nur aus Arbeit und der düsteren Überlegung, wie er seinem Bruder das würde heimzahlen können, was der ihm angetan hatte. Sex hatte er nur ab und zu, auch wenn die meisten Leute etwas anderes vermutet hätten. Aber jetzt sah es so aus, als müsse er in Zukunft ein wenig mehr auf die Bedürfnisse seines Körpers achten.

Vielleicht aber hing das Ganze nur mit diesem Haus zusammen. Oder mit dem Kamin. Oder dem Bett.

Doch er konnte sich von den sexuellen Fantasien nicht befreien. Jetzt konnte er die Blonde geradezu riechen. Sie roch nach Regen, nach klarem, kühlem Regen, und er leckte die frischen Tropfen von ihren Schultern, ihren Brüsten, ihrem Mund …

Er holte sich noch ein Bier, setzte sich und schloss dann die Augen. Sofort sah er wieder diese verführerische Frau vor sich, und sein Herz fing an laut zu klopfen.

War es wirklich sein Herz?

Er riss die Augen auf und starrte aus dem Fenster. Was klopfte da so laut? War es der Regen? Schlugen die Zweige gegen die Fensterscheibe?

Nein.

Luke stand auf und folgte dem pochenden Geräusch zur Tür der Lodge. Wer, um Himmels willen, konnte das sein, um diese Zeit und in diesem Unwetter?

Er öffnete die Tür. Eine Windbö trieb ihm den Regen ins Gesicht, und er hob abwehrend eine Hand. Eine dunkle Gestalt stand auf der obersten Treppenstufe, mehr war nicht zu erkennen. Schnell schaltete Luke das Licht an.

Die dunkle Figur verwandelte sich in eine Frau. Eine sehr verführerische Frau.

Die weiße tropfnasse Bluse und eine hautenge Jeans klebten ihr am Körper. Sie hob die Hand und versuchte, ihr Haar zurückzustreichen. Ein paar Strähnen entglitten ihren Fingern.

Sie war blond.

Luke musterte sie langsam von oben bis unten, dann blieb sein Blick an ihren wohlgeformten Brüsten hängen.

Ihre Brustspitzen waren hart und zeichneten sich überdeutlich unter der nassen Bluse ab.

Wahrscheinlich hatte sie auch einen hübschen runden Po, genauso, wie es ihm gefiel. Er schmunzelte.

Sie war genauso, wie es ihm gefiel.

Die Frage war nur, wieso sie hier vor seiner Tür stand. War es dem heftigen Regen zu verdanken, dass diese Erscheinung hier auftauchte, oder hatte ihm seine Fantasie einen Streich gespielt?

War sie aus Fleisch und Blut? Und wenn, wem hatte er für dieses überraschende Geschenk zu danken?

Sie zog die Stirn kraus und schob die Unterlippe leicht vor, eine sehr hübsch geschwungene Unterlippe. „Matthew, willst du deine Verlobte nicht endlich hereinbitten?“

Verlobte? Matthew?

Ein paar lange Augenblicke blieb Luke wie angewurzelt stehen und starrte die Fremde an. Dann traf ihn wieder ein kalter Regenschauer und riss ihn aus seiner Erstarrung. Er machte ein paar Schritte zurück, sodass die Verlobte seines Bruders hereinkommen konnte.

Während sie schnell über die Türschwelle trat, gingen ihm tausend Fragen durch den Kopf. Erlaubte sich hier jemand einen Scherz mit ihm? Steckte Matt dahinter? Oder war sein Bruder vielleicht wirklich verlobt? Wenn ja, so hatte Luke bisher nichts davon gewusst. Er war immer davon ausgegangen, dass Matt wie er selbst ein totaler Workaholic und überzeugter Junggeselle war. Und seit wann hatte sein Bruder etwas für Blondinen übrig?

Die junge Frau schlug schnell die Haustür hinter sich zu und kreuzte zitternd die Arme vor der Brust. Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. „Ich … also, ich weiß, dass du mich nicht erwartet hast. Das Ganze war auch mehr oder weniger ein spontaner Entschluss.“

„So?“

„Ja. Ich bin ins Auto gestiegen, und bevor ich noch wusste, was ich tat, hielt ich schon unten an der Straße. Dann fing es an wie aus Eimern zu gießen, und nun …“ Sie zuckte verlegen mit den Schultern und senkte den Blick. „Und nun bin ich hier und ruiniere diesen schönen Teppich.“

Sie war tropfnass wie seine Fantasiefrau in der Badewanne, und wahrscheinlich war ihr auch kalt. Er wies auf den großen Kamin im Wohnzimmer, in dem das Feuer loderte. „Du solltest dich erst einmal aufwärmen und zusehen, dass deine Sachen trocken werden.“

Vergebens versuchte er, sich wie ein Gentleman zu benehmen und ihr nicht zu auffällig auf die Brüste zu starren. So war er beinahe erleichtert, als sie sich umdrehte und vor ihm ins Wohnzimmer ging. Unbeobachtet konnte er sie jetzt von hinten mustern, langsam, vom Kopf bis zu den Füßen. Ja, sein erster Eindruck war richtig gewesen. Sie war genau sein Typ.

Allerdings war sie mit seinem Bruder verlobt. Oder vielleicht auch nicht? Es konnte immer noch ein Trick sein …

Sie blieb vor dem Kamin stehen und wandte sich wieder zu Luke um. „Meine Mutter würde mich umbringen, wenn sie wüsste, dass ich zu dir gefahren bin“, sprudelte es aus ihr heraus. „Lauren, würde sie in ihrem typischen missbilligenden Tonfall sagen, das ist wohl wieder eine von deinen verrückten Ideen. Genauso würde sie es sagen, mit dieser Betonung. Eine meiner verrückten Ideen.“ Ihr Redeschwall stoppte abrupt, sie lachte kurz und nervös auf und hielt sich dann ängstlich die Hand vor den Mund. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Luke an.

Lauren. Sie hieß also Lauren. Der Name kam ihm nicht bekannt vor, aber er wusste sowieso nicht, was sich in Matts Privatleben abspielte. Vielleicht war das ein Fehler, vor allem weil sein Bruder sich jetzt offenbar für denselben Frauentyp interessierte, auf den auch Luke scharf war. Sollte Matt ihn wieder übertrumpft haben, weil er sich diese attraktive Blonde an Land gezogen hatte?

Sie zitterte vor Kälte, und Luke griff nach einer wollenen Decke, die über der Couch lag. Bevor er sie ihr über die Schultern legen konnte, nahm sie ihm die Decke aus der Hand und sah ihn dabei mit ihren großen blauen Augen an. Ihr Mund war leicht geöffnet, und sie leckte sich schnell über die üppige Unterlippe. „Du wunderst dich sicher, Matthew, warum ich gekommen bin“, sagte sie leise.

„Ich bin nicht …“ Matthew, wollte er sagen, aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Mit beiden Händen strich er sich das dunkelbraune Haar zurück. „Ich meine, ich bin schon ein bisschen überrascht über deinen Besuch.“

Wieder lachte sie kurz auf und wandte sich dann dem Feuer zu. „Das glaube ich. Auch die Verlobung kam ja eigentlich ziemlich überraschend, findest du nicht?“

„Ja.“ Das war nicht gelogen. Luke hatte schließlich keine Ahnung, dass Matt verlobt war. „Allerdings.“

Sie blickte nachdenklich in die Flammen. „Im Grunde kennen wir uns ja kaum. Du arbeitest zwar seit vielen Jahren mit meinem Vater und Conover Industries zusammen, aber …“

Aha, sie war also die Tochter des alten Conover, Ralph Conover, der nichts Eiligeres zu tun gehabt hatte, als sich Matt anzubiedern, nachdem der seinen Bruder mit unfairen Mitteln um sein Erbe gebracht hatte.

„… trotzdem haben wir nur sehr selten miteinander gesprochen“, fuhr sie fort, „und waren im Grunde nie so richtig … allein, ich meine, nur zu zweit.“

Was? Luke starrte ihr auf den Hinterkopf. Das Haar fing an zu trocknen, und die feuchten Strähnen kringelten sich langsam zu goldblonden Locken. Sein Bruder hatte sich mit einer Frau verlobt, mit der er nie allein gewesen war? Er wusste, was sie damit eigentlich ausdrücken wollte. Sie hatten nie miteinander geschlafen. Und wenn das der Fall war, dann hatte sich Matts Geschmack in Bezug auf Frauen vielleicht doch nicht geändert. Nach wie vor konnten heiße Blondinen nicht sein Fall sein, sonst hätte er dieser doch gewiss nicht widerstehen können.

Hinter der Verlobung konnte nur Matts geschäftliches Interesse stehen, sich enger an Conover Industries zu binden. Das war fatal, vor allem wenn Luke an seine eigene Firma Eagle Wireless dachte. Wenn Conover Industries und Barton Limited sich zusammentaten, dann blieb für seine eigene Firma nicht mehr viel Raum.

Verdammt.

Lauren wandte sich ihm wieder zu, die Decke hielt sie vor ihrer Brust fest zusammen. „Was hältst du von der ganzen Sache, Matthew?“

Was sollte er sagen? Wie sollte er reagieren? Die Situation war einfach zu neu für ihn. Er räusperte sich. „Wahrscheinlich findet man es ein bisschen seltsam, dass wir bisher noch nicht …“ Da Luke nicht genau wusste, was Matt und Lauren bisher miteinander getan oder nicht getan hatten, ließ er das Ende des Satzes offen.

„Du meinst, uns berührt haben?“, vervollständigte sie glücklicherweise seinen Satz. „Uns noch nicht einmal richtig geküsst haben?“ Sie wurde rot. „Und geschlafen haben wir auch noch nicht miteinander.“

Während er ihr in die blauen Augen blickte, konnte Luke sich plötzlich und ohne Schwierigkeiten genau das vorstellen. Wie sie sich in der großen Badewanne liebten, wie Lauren ihm die glatten weichen Schenkel um die Hüften legte, damit er tief in sie eindringen konnte. Wie sie auf dem großen Bett lagen und Laurens blonde Locken auf dem Kopfkissen …

Ihre Pupillen weiteten sich plötzlich, und sie hielt mit einem leisen Keuchen den Atem an. Hatte sie etwa seine Gedanken lesen können?

Oder fühlte sie sich zu ihm genauso hingezogen wie er sich zu ihr? Standen ihr auch diese Bilder vor Augen, die ihn verfolgten, seit sie da vor seiner Tür gestanden hatte?

Die blonde kurvenreiche Lauren und Luke, der gemeine Zwillingsbruder.

Der betrogene Zwillingsbruder.

Er hob langsam die rechte Hand und strich Lauren über die Wange. Als er mit der Fingerspitze ihre Unterlippe berührte, wurden ihre Atemzüge schneller.

Oh, ja, es war eindeutig, dass auch sie von ihm angezogen war. Und die Verwirrung, die sich in ihren großen Augen widerspiegelte, sagte Luke, dass diese Empfindungen neu für sie waren.

Erneut strich er ihr über die Unterlippe. Sie stand mit aufgerissenen Augen wie erstarrt vor ihm, gefangen zwischen der Wärme des Kamins und seiner Berührung, die heiße Schauer durch ihren Körper sandte. Außer ihren raschen Atemzügen war nichts zu hören. Ihre Wangen waren rosig vor Erregung.

Himmel, war sie schön!

Und geschlafen haben wir auch noch nicht miteinander.

Ihre Worte kamen ihm wieder in den Sinn, und er dachte daran, dass sein Bruder in diesem Punkt ganz eindeutig versagt hatte. Wenn sie mit ihm, Luke, verlobt wäre, und sei es nur aus geschäftlichen Gründen, hätte er ganz sicher keine Zeit vergeudet und hätte längst mit ihr geschlafen.

Schlimmer noch, er wusste genau, dass er sich nicht hätte beherrschen können.

Die Ader an ihrem Hals pulsierte heftig und schien ihn geradezu aufzufordern, sie endlich mit den Lippen zu berühren. Ihr Haar, das schon fast trocken war, verströmte den Duft ihres Schampoos, frisch und blumig, aber nicht zu schwer. Am liebsten hätte er sie fest an sich gepresst und tief ihren Duft eingeatmet.

Es war ganz einfach: Er begehrte die zukünftige Frau seines Bruders.

„Matthew?“, flüsterte sie.

Luke reagierte wie selbstverständlich auf den Namen seines Bruders, strich Lauren zärtlich eine Locke hinter das Ohr und küsste sie auf den Kopf. Sofort fuhr sie leicht zusammen, als überlaufe sie ein heißer Schauer. Er lächelte zufrieden und spürte, dass er bereit war, diese verführerische Frau hier vor ihm auf der Stelle zu vernaschen.

Danach würde er es noch einmal tun, und dabei würde er jeden Bissen genießen.

Er liebkoste ihre Ohrmuschel, strich über die zarte Haut hinter dem Ohr. Schon lange hatte er nicht mehr ein solches Verlangen nach einer Frau gespürt; und er fühlte sich gut dabei, wie ein Wolf, der seine sichere Beute umkreist.

Während er ihr tief in die Augen sah und sanft über ihre Wange streichelte, ließ sie die Wolldecke los und griff nach seinem Handgelenk. „Was soll das? Was tust du da?“, stieß sie kaum hörbar hervor.

Offenbar war sie doch noch nicht so schnell bereit, die Matratze auf dem großen Bett auszuprobieren. Dann musste er ihr eben noch etwas Zeit lassen. Das war gut, denn er brauchte selbst noch etwas Zeit, um sich an die neue, unerwartete Situation zu gewöhnen. „Nichts, was du nicht auch willst“, sagte er, trat zwei Schritte zurück und versuchte es mit einem beruhigenden Lächeln.

Doch sie zitterte immer noch.

Wieder musterte er sie von oben bis unten. Die feuchten Sachen klebten immer noch an ihr, und er schob schnell die Hände in die Taschen. So konnte er besser verbergen, welche Wirkung ihre üppigen Kurven auf seinen Körper hatten. „Willst du nicht heiß duschen?“, fragte er. „Damit du richtig warm wirst?“

… und damit er sich abkühlen konnte. Damit er genau durchdenken konnte, auf was er sich hier einließ und was er als Nächstes tun sollte. Die sexuelle Spannung zwischen ihnen konnte man beinahe mit Händen greifen. Hier vor ihm stand die Frau seiner erotischsten Fantasien, die gleichzeitig die zukünftige Frau seines Bruders war.

„Hier? Ich soll hier duschen?“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Das kommt gar nicht infrage. Ich bin nur gekommen, um mit dir zu reden, und will dann …“

„Was willst du dann tun?“, unterbrach Luke sie. „Etwa wieder da hinausgehen?“ Inzwischen war es stockdunkel geworden, und er wies auf die schwarze Fensterscheibe, gegen die der Regen prasselte. „Das wäre nun ganz sicher eine verrückte Idee, Lauren.“

Sie zog kurz eine Grimasse. „Danke, dass du mich daran erinnert hast.“

Er grinste. „Lass dich warnen, Süße. Du darfst mir gegenüber keine Schwäche zeigen. Denn so etwas nutze ich sofort schamlos aus.“

„Nenn mich nicht so!“ Wieder verzog sie das Gesicht, wenn auch lächelnd. „Ich bin kein Kind mehr. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt.“

„Dann benimm dich auch so. Geh nach oben, und stell dich unter die heiße Dusche. Deine Sachen tun wir inzwischen in den Trockner. Ich mach uns was zum Essen, und danach setzen wir uns zusammen und sprechen noch einmal über alles.“

„Sprechen über alles … Was meinst du damit?“

Sie war ein misstrauisches kleines Ding. Aber sie hatte schließlich auch allen Grund dazu. „Tja, wir reden einfach über alles, was uns gerade in den Sinn kommt.“ Sollte er ihr zum Beispiel sagen, wer er wirklich war? Sollten sie darüber sprechen, ob sie nun blieb oder fuhr? Aber er würde sie nicht gehen lassen, das wusste er jetzt schon.

Lauren blickte noch einmal auf das nachtschwarze Fenster, dann richtete sie sich auf. Offenbar hatte sie einen Entschluss gefasst. „Einverstanden“, sagte sie und machte sich auf den Weg zur Treppe. Im Vorbeigehen wollte sie ihm die Decke reichen, in die sie sich eingewickelt hatte, doch Luke hielt sie am Arm fest.

„Was ist denn?“ Sie starrte ihn an. Große blaue Augen. Goldblonde Locken.

„Wir haben uns noch nicht unseren Begrüßungskuss gegeben“, murmelte er.

„Das haben wir doch nie …“ Doch weiter kam sie nicht, denn schon spürte sie seine Lippen.

Er war nun selbst überrascht, wie sehr er auf diesen Kuss reagierte. Sein Herz schlug schneller, und seine Haut kribbelte.

Lauren hatte die vollsten und gleichzeitig weichsten Lippen, die er in den einunddreißig Jahren seines Lebens geküsst hatte. Seit achtzehn Jahren immerhin hatte er schon Erfahrung in diesem Punkt. Nachdem er ihr die Hände um das Gesicht gelegt hatte, hielt er kurz inne, dann drang er weiter vor und berührte ihre Zunge.

Wow!

Beide fuhren auseinander, als hätten sie einen elektrischen Schlag verspürt.

Lauren hatte sich als Erste wieder gefangen. „Ich … geh … jetzt duschen“, sagte sie stockend, während sie ihm unablässig ins Gesicht sah, als habe sie Angst, ihm den Rücken zuzuwenden.

„Gut, ja, in Ordnung“, brachte er schließlich heraus. Die passenden Worte wären allerdings gewesen: Nein, lauf, lauf um dein Leben, sonst bist du verloren.

Als ob er ihr nicht sofort nachlaufen würde, wenn sie versuchte, ihm zu entkommen.

2. KAPITEL

Lauren Conover starrte auf ihr Spiegelbild. Wo war die entschlossene selbstbewusste Lauren geblieben, die ihr heute Morgen aus dem Spiegel entgegengesehen hatte, bevor sie sich auf den Weg zum Lake Tahoe machte? Jetzt erblickte sie nur eine unsichere Frau mit geröteten Lippen, die sie erschreckt und verwirrt ansah.

„Du wolltest doch einfach hineinstürmen und die Verlobung sofort lösen“, flüsterte sie ihrem Spiegelbild zu. „Es war keinesfalls vorgesehen, dass du ihn plötzlich attraktiv findest. Das ist einfach lächerlich!“

Aber sie fand ihn attraktiv, sehr sogar. Das war ja das Verrückte, was sie so ratlos machte. Als sich die Tür zu diesem wunderschönen Landhaus öffnete, stand Matthew Barton vor ihr und sah aus, wie er immer ausgesehen hatte. Dunkles Haar, dunkle Augen, ein schmales, sehr gut geschnittenes Gesicht, das alles war ihr vertraut. Und dennoch, noch nie hatte sie sich von ihm so angezogen gefühlt.

Dann hatte er sie hereingebeten. Und als sie mit dem Rücken zum Feuer vor dem Kamin stand, hatte sie auch die Hitze gespürt, die von Matthew ausging. Ein Feuer, das sich zwischen einem Mann und einer Frau entwickelte, die einander begehrten. Es ließ ihren Puls rasen und ihre Haut prickeln.

Dabei war sie extra hergefahren, um ihm zu sagen, dass sie ihn nicht heiraten wollte.

Und sie würde ihn auch nicht heiraten!

Als ihre Mutter an dem bewussten Morgen einen Stapel Zeitschriften für Brautausstattungen vor Lauren auf den Tisch geknallt hatte, hatte diese nur einen Blick darauf geworfen und dann ihre dreizehnjährige Schwester angesehen. Ihre Schwester, die noch ein richtiger Wildfang war, nervte sie, seit vor zwei Wochen die Verlobung bekannt gegeben worden war.

„Du musst schnell etwas tun“, hatte Kaitlyn gedrängt und sah dabei die Hochglanzmagazine so angewidert an, als blicke sie in ein Schlangennest. „Oder Mom zwingt mich, eins dieser scheußlichen Kleider anzuziehen, die die Brautjungfern tragen müssen. Und das würde ich dir nie verzeihen.“

Lauren wusste, Kaitlyn hatte recht. Ihre Mutter nahm keinerlei Rücksicht auf die Gefühle anderer, sondern verfolgte stur ihre Pläne. Nur deshalb hatte es überhaupt so weit kommen können, und ehe Lauren sich’s versah, war sie mit einem Mann verlobt, den sie kaum kannte. Das Drängen ihrer Mutter und die mehr als deutlichen Hinweise ihres Vaters auf die blühende Zukunft der eigenen Firma bei einer Verbindung mit Barton Limited hatten Lauren in die Knie gezwungen. Hinzu kam, dass sie schon dreimal verlobt gewesen war, ohne dass sie es zum Altar geschafft hatte. Das war peinlich genug gewesen, zumal sie die Männer selbst ausgewählt hatte.

Der Mann, den ihre Eltern nun für sie ausgesucht hatten, konnte auch nicht schlimmer sein. Und so hatte sie zugestimmt, trotz der deutlichen Worte ihrer kleinen Schwester.

Aber als sie dann mit den Brautkleidern in den Hochglanzmagazinen konfrontiert wurde, war Lauren aus einer Art Erstarrung erwacht, die sie seit ihrer Rückkehr aus Paris vor sechs Monaten befallen hatte. Das Brautkleid, ein Familienerbstück, das in dem alten Zedernschrank der Eltern hing und bisher dreimal nicht benutzt worden war, stand ihr wie eine Drohung vor Augen und hatte sie zu einer Art Zombie gemacht. Sie hatte zu viel geschlafen, zu viel ferngesehen und wie ein Roboter auf die Befehle der Eltern reagiert.

Ein Blick auf die mit einer Tiara geschmückte Braut auf der Titelseite des Matrimonial, und Lauren wusste, was sie tun musste. Ihr war, als habe ihr jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Sie konnte Matthew Barton nicht heiraten. Sie konnte einen Mann nicht aus den gleichen kalten und rationalen Gründen heiraten, aus denen ihr Vater einen Geschäftspartner wählte.

Also hatte sie nach ihren Autoschlüsseln gegriffen, ihren ganzen Mut zusammengenommen und war zum Lake Tahoe gefahren. Matthew hatte erwähnt, dass er sich dort einen Monat lang aufhalten würde, und sie war entschlossen, ihn ein für alle Mal aus ihrem Leben zu streichen.

Und nun musste sie immer an ihn denken.

Seufzend wandte sie sich ab und drehte das Wasser in der Dusche an. Sie hatte zwar das große Schlafzimmer – dieses Bett! – mit dem großen Bad gefunden, hatte aber lieber nach einem Gästezimmer Ausschau gehalten. Davon gab es mehrere, und so hatte sie sich in eins dieser Zimmer beziehungsweise in das anschließende Bad zurückgezogen.

Das heiße Wasser fühlte sich himmlisch an, und sofort ging es ihr besser. Auch ihr Selbstbewusstsein kehrte zurück. Sie musste einfach nur vor diesen leider viel zu attraktiven Mann hintreten und ihm sagen, dass sie ihn nicht heiraten konnte. Wahrscheinlich war er darüber genauso erleichtert wie sie. Danach würde sie nach Hause fahren, das Donnerwetter ihrer Eltern über sich ergehen lassen und dann ihr eigenes Leben weiterführen. Nie wieder würde sie sich mit den falschen Männern einlassen.

Ein paar Minuten später tappte Lauren den Flur entlang. Sie hatte sich den dicken, viel zu großen Frotteebademantel übergezogen, der an der Tür des Badezimmers hing, und trug ihre eigenen immer noch feuchten Sachen in der Hand. Matthew hatte doch etwas von einem Trockner gesagt. An der Wand hingen ein paar gerahmte Gruppenfotos, aber Lauren warf nur einen kurzen Blick darauf. Sie musste dieses Haus verlassen, und zwar so schnell wie möglich. Es schien immer noch zu regnen, und selbst vom Treppenabsatz im ersten Stock sah das Feuer im Kamin sehr anheimelnd aus.

Bring es hinter dich, Lauren, befahl sie sich, während sie vorsichtig die Treppe hinunterstieg. Und zwar sofort. Dann rein ins Auto und weg. Vielleicht sollte sie gar nicht erst warten, bis ihre Sachen trocken waren. Schließlich konnte sie auch im Bademantel fahren. Wen störte das?

Matthew stand vor dem Kamin. Als er aufblickte, hatte sie plötzlich das Gefühl, vollkommen nackt zu sein.

Ihr wurde glühend heiß, und der gerade noch weiche Bademantel kratzte. Ihre Brustspitzen wurden hart, obgleich ihr überhaupt nicht kalt war, im Gegenteil. Ob sie wohl durch den dicken Bademantel zu sehen waren? Und wenn, würde er es bemerken und darauf reagierten?

Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und stieg langsam Stufe für Stufe hinunter. Doch sie konnte den Blick nicht von ihm lösen. Er sah aber auch unverschämt gut aus. Die Ärmel hatte er hochgekrempelt und den Hemdkragen geöffnet. Das weiße Hemd schien fast zu leuchten und bildete einen deutlichen Kontrast zu seinem Kinn, auf dem sie den Schatten eines Dreitagebartes erkennen konnte.

Dann fiel ihr Blick auf seinen Mund, und sofort musste sie wieder an den Kuss denken. Wahrscheinlich war es nur ein ganz normaler Mund, dachte sie, aber er war gut geschnitten und wirkte sehr sinnlich. Und als ihre Zungen sich dann berührten …

„Sieh mich nicht so an“, sagte er plötzlich.

Sie war auf der vorletzten Stufe und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Gerade noch rechtzeitig konnte sie sich am Geländer festhalten. „Entschuldige … was hast du gesagt?“ Ihre Stimme klang atemlos.

„Wenn du mich so ansiehst, vergesse ich all meine Vorsätze.“

Der Mund wurde ihr trocken. „Was denn für Vorsätze?“

Luke warf einen Blick über die Schulter. „Ich hatte dir doch versprochen, etwas zum Essen zu machen, bevor, nun ja, irgendetwas sonst geschieht. Hast du das vergessen?“

Hinter ihm stand die Couch, eine sehr einladende weiche Couch. Auf den Tisch davor hatte er zwei Teller gestellt. Dampf stieg daraus auf, aber sie konnte nicht erkennen, was es war. Es roch nach Fleisch. Zwei Gläser waren mit einer rubinroten Flüssigkeit gefüllt, und Kerzen verbreiteten ihr mildes Licht.

Hatte sie ihm gegenüber erwähnt, dass sie Kerzenlicht liebte? Sie sog tief die Luft ein und genoss den köstlichen Duft des Essens. „Bist du ein guter Koch?“

Er lächelte, und ihr gefiel dieses Lächeln. Er hatte strahlend weiße Zähne, bei deren Anblick ihr wieder die Haut prickelte. „Vielleicht. Wahrscheinlich. Aber ich habe es nie versucht.“

Sie musste lachen. „Du bist ja ganz schön von dir überzeugt. Bist du immer so sicher, dass dir alles gelingt?“

„Natürlich. Mein Vater hat uns immer gepredigt: Du musst immer davon ausgehen, dass du es schaffst. Niederlagen gibt es nicht.“

„Igitt!“ Und Lauren hatte gedacht, dass ihr Vater besonders erfolgsbesessen war. „Das ist hart.“

„Findest du?“ Luke kam auf sie zu und nahm ihr die nassen Sachen ab. Dann griff er nach ihrer Hand.

Er verflocht ihre Finger miteinander, und die Wärme seiner Handfläche konnte Lauren bis in die Fußspitzen spüren. „Ich finde … ich finde …“ Lauren wusste plötzlich nicht mehr, was sie sagen wollte. „Ist auch egal.“

Er lächelte sie wieder an, als verstehe er ihre Verwirrung. Dann führte er sie zur Couch. „Ich werfe eben deine Sachen in den Trockner. Dann können wir essen.“

Sie blickte ihm gedankenverloren hinterher, dann aber durchfuhr es sie wie ein Blitz. Was hatte sie getan? Sie hätte die nassen Sachen nicht aus der Hand geben sollen. Denn sie wollte ihm doch nur sagen, dass sie die Verlobung löste, und dann, so schnell es ging, das Haus verlassen. Ohne Essen, aber mit dem beruhigenden Gedanken, dass sie das Richtige getan hatte.

Da kam er schon zurück und hatte wieder dieses angedeutete Lächeln auf dem Gesicht, das sie nicht einschätzen konnte. Seine Augen leuchteten anerkennend, als er sie musterte, und sofort spürte Lauren wieder diese fatale Anziehung, die sie wehrlos machte. Das Herz schlug ihr im Hals, der Puls raste, und ihr Atem kam schneller.

Sag ihm, dass es vorbei ist, sagte ihr die Vernunft.

Warte noch damit, flüsterte eine leise sinnliche Stimme.

„Setz dich doch“, sagte Luke und nahm sie sanft beim Arm.

Die Knie wurden ihr weich. Ich schiebe das Unvermeidliche nur etwas hinaus, sagte Lauren sich. Ich werde ihm sagen, was ich zu sagen habe, und dann fahren. Sehr bald.

Doch alles kam anders. Nach dem sehr guten Essen, vor allem aber nach einem Glas Merlot zu viel fühlte Lauren sich ein bisschen benommen. Daran mochte auch der charmante Mann an ihrer Seite schuld sein. Er hatte das schmutzige Geschirr in die Küche getragen und saß nun ziemlich entspannt neben ihr. Lächelnd drehte er sein Weinglas in den Händen.

Während des Essens hatte er sie mit allen möglichen kleinen Geschichten unterhalten, die sich um seine Erlebnisse mit bestelltem Essen drehten. Falls sie noch einen Beweis gebraucht hätte, dass er genauso ein Workaholic war wie ihr Vater – und warum hätte Ralph Conover sie sonst gedrängt, Matthew zu heiraten? –, hier hatte sie ihn. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal eine nicht in einer Profiküche zubereitete Mahlzeit gegessen hatte.

„Ich weiß, im Grunde ist das ziemlich langweilig“, sagte er und wies auf die Kartons, in denen das Essen geliefert worden war. Dann sah er Lauren mit gespielter Verlegenheit an. „Da nützt es auch nichts, dass die Cateringfirma für besonders gutes Essen bekannt ist.“

„Die Firma ist hier in Hunter’s Landing, oder? Ist das Städtchen eigentlich nach deinem Freund benannt worden, der dieses Haus gebaut hat? Doch sicher nicht.“

„Nein, das war nur ein Scherz, den Hunter sich erlaubt hat. Er hatte einen tollen Sinn für Humor.“

Seine Stimme klang plötzlich gepresst, und Lauren wurde klar, dass er sehr an seinem Freund gehangen haben musste. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Alles war ganz anders, als sie gedacht hatte. Matthew war ganz anders, als sie gedacht hatte. Der Mann, den ihre Eltern für sie ausgesucht hatten, sollte nicht charmant oder sexy oder verletzlich sein, geschweige denn all diese Eigenschaften auf einmal haben. Dadurch wurde es für sie nur immer schwieriger, die Verlobung zu lösen.

Im Hinblick auf Männer hatte sie bisher keine gute Menschenkenntnis bewiesen. Schließlich war sie nicht ohne Grund dreimal verlobt gewesen, ohne dass es zu einer Hochzeit gekommen war. Immer hatte sie sich die falschen Männer ausgesucht und hatte dann an ihnen festgehalten bis zum bitteren Ende. Bis die Männer sie fallen ließen wie eine heiße Kartoffel.

„So“, unterbrach Luke sie in ihren trüben Gedanken, „das war jetzt genug von mir. Erzähl mir etwas über Lauren Conover.“

Über Lauren? Sie richtete sich auf. Vielleicht war das die Lösung. Wenn sie ihm erzählte, was für ein Reinfall sie in Bezug auf Männer war, dann würde er vielleicht von sich aus die Verlobung lösen. Denn auf keinen Fall würde ein Mann wie er, der Niederlagen einfach nicht tolerierte, sich mit jemandem verbinden, der sozusagen ein Profi im Verlieren war. Vor allem in Liebesdingen war sie nicht gerade ein Erfolgstyp.

Sie zog die Beine auf die Couch und sah ihn an. Er allerdings hatte den Blick auf ihre Beine gerichtet, die unter dem Bademantel hervorschauten. Schnell bedeckte sie sich wieder. Schließlich war sie nicht gekommen, um ihn zu verführen. Im Gegenteil, sie wollte ihm klarmachen, dass eine Ehe zwischen ihnen nie funktionieren konnte.

Sie räusperte sich leise, und er blickte sie an, ohne im Geringsten verlegen zu sein. „Tolle Beine.“

Das Kompliment brachte sie nur noch mehr durcheinander. Sie spürte, wie ihr wieder die verräterische Röte in die Wangen stieg, und platzte heraus: „Du weißt doch, dass du schon mein vierter Verlobter bist?“

Er hob überrascht die Augenbrauen. „Dein vierter?“

Aha, das haute ihn um. Jetzt würde er wohl hoffentlich seinen Charme abstellen. Sie nickte. „Allerdings. Ich war schon vorher ein paarmal verlobt. Genau genommen dreimal.“

Er schmunzelte. „Und du hast es immer wieder versucht? Mutiges Mädchen.“

Offenbar amüsierte ihn ihr Geständnis mehr, als dass es ihn abstieß. Sie runzelte die Stirn. Vielleicht glaubte er ihr nicht. Vielleicht war er der Meinung, sie mache ihm etwas vor. Entschlossen hob sie die Hand und zählte an den Fingern ab: „Trevor, Joe und Jean-Paul.“

„Okay.“ Er leerte sein Glas und stellte es auf den Tisch. Dann beugte er sich vor und sah sie neugierig an. „Also, wie war’s? Was ist passiert? Du brauchst mir nichts zu verschweigen.“ Dabei zwinkerte er ihr zu.

Er schien sich immer noch zu amüsieren! Zu allem Überfluss war er auch noch genauso charmant und sexy wie vor ihrem peinlichen Geständnis.

Mist.

Lauren atmete einmal tief durch. „Trevor hätte ich beinahe geheiratet, da waren wir beide neunzehn. Es hätte eine Strandhochzeit sein sollen bei Sonnenuntergang. Danach wollten wir auf Hochzeitsreise gehen, die ich bereits geplant und bezahlt hatte. Und zwar nach Costa Rica zu all den tollen Surfstränden. Zur Hochzeit wollte ich ein kurzes weißes Top zu einem Grasrock tragen, den ich in einem Secondhandladen in Santa Cruz gefunden hatte, und auf dem Kopf einen Blütenkranz aus Hawaii.“

„Das hört sich sehr beeindruckend an, obgleich ich mir nicht vorstellen kann, dass du gern surfst.“

„Das war wahrscheinlich auch der Hauptgrund, weshalb Trevor dann ohne mich abgehauen ist. Er tauschte unsere Erste-Klasse-Tickets gegen zwei für die Touristenklasse ein und flog mit seinem besten Surferkumpel. Seitdem habe ich nie wieder etwas von ihm gehört.“

Lauren musste lächeln, als sie an den strohblonden Trevor dachte, in den sie damals sehr verknallt gewesen war. Er hatte ihre Eltern zu Tode genervt, und das hatte ihr besonders gut gefallen. Er war der perfekte Anti-Conover-Schwiegersohn gewesen.

„Gut, das war also Nummer eins. Aber warum heißt du nicht längst Mrs. Joe …?“

„Rutkowski. Joe Rutkowski.“

„Rutkowski?“ Luke unterdrückte ein Lächeln. „Interessanter Name.“

„Hm, wenn du meinst. Joe war, na ja, ist immer noch Automechaniker in Vaters Firma. Wenn man mal einen guten Automechaniker gefunden hat, dann lässt man ihn doch nicht gehen, selbst wenn er die eigene Tochter hat gehen lassen. Das zumindest ist die Überzeugung meines Vaters.“

„Aber warum hat der gute Joe sich denn von dir verabschiedet?“

„Seine andere Freundin war schwanger.“

„Oh.“

„Der kleine John wurde genau an meinem Geburtstag geboren, an dem Tag, an dem wir eigentlich heiraten wollten.“

„Hast du etwas zur Geburt geschickt? Einen Minioverall vielleicht für den zukünftigen Mechaniker?“

Sie sah ihn unwillig an. Er schien nicht zu verstehen, worauf sie hinauswollte. „Ich war kreuzunglücklich. Meine Mutter schickte in meinem Namen einen Gutschein für einen Windelservice.“ Es ärgerte sie immer noch, dass sie nicht die Genugtuung gehabt hatte, ihre Eltern zu blamieren. Wie hätten sie sich geschämt, ihren hochgestochenen Freunden einen – zugegebenermaßen sehr guten – Mercedesmechaniker als Schwiegersohn vorstellen zu müssen.

„Aber du hast dich dann schnell wieder erholt und dich bald in den Armen von, wie hieß er noch?, Jacques Cousteau wiedergefunden?“

„Sehr witzig! Er hieß Jean-Paul Gagnon.“ Ihr Vater hasste Franzosen. „Ich habe ihn in Paris kennengelernt. Wir wollten uns auf dem Eiffelturm trauen lassen. Ich trug ein weißes Kostüm mit langem Rock, der so eng war, dass ich nicht hinter dem kleinen unverschämten Dieb hinterherlaufen konnte, der meine Handtasche gestohlen hatte. Das war auf dem Weg zum Eiffelturm.“

„Aber ich will doch hoffen, dass Jean-Paul selbst sich dann bemüht hat, den Dieb zu fangen.“

„Schon. Aber als er zurückkam und mir meine Tasche brachte, sagte er, dass er noch einmal über die ganze Sache nachgedacht habe. Und er sei zu der Erkenntnis gekommen, dass er mich eigentlich gar nicht heiraten wolle.“ Lauren blickte sinnend vor sich hin und erinnerte sich, wie enttäuscht sie war, dass sie auch diesmal ihre Eltern nicht hatte schockieren können. Ein Schwiegersohn aus Europa, dazu noch ein Franzose, das hätte ihr Vater nur schwer überlebt. „Ich mochte Jean-Paul wirklich gern.“

„Morgen früh werde ich für dich sicher ein Bistro finden, das zum Frühstück frische Crêpes serviert.“

Morgen früh? Lauren blickte ihn überrascht an. „Hast du mir denn gar nicht zugehört?“

„Doch, natürlich.“ Er rutschte näher an sie heran und umfasste ihre Händ. „Ich weiß nur nicht, was das Ganze mit dir und mir zu tun hat.“

Lauren starrte ihn an. Das war die Gelegenheit, ihm zu sagen, was sie ihm sagen wollte. Nämlich: Es gibt kein dir und mir, Matthew, hat es eigentlich nie gegeben.

Aber sie brachte es einfach nicht fertig. Es war, als steckten ihr die Worte im Hals fest. Schon das Atmen war sehr viel anstrengender, wenn er sie berührte.

„Es ist alles sehr viel schwerer, als ich dachte“, flüsterte sie.

„Wem sagst du das!“ Er verflocht nun ihre Finger miteinander.

Sie lachte leise. „Hast du etwas vor, wovon ich nichts weiß?“

„Noch nicht. Aber die Nacht ist ja noch jung.“

Die Nacht? Du liebe Zeit, sie hatte völlig vergessen, wie spät es schon war. Vor Kurzem war doch noch früher Nachmittag gewesen. Hastig blickte sie auf die Uhr. „Ich muss sofort los!“ Sie versuchte, ihre Hände zu befreien, aber er hielt sie nur umso fester.

„Noch nicht, Honey.“

„Aber Matthew …“

Kurz leuchtete etwas in seinen Augen auf, doch er ließ Lauren nicht los. „Ich bin vielleicht nicht der edelste Charakter auf der Welt, aber so kaltherzig bin ich dann auch wieder nicht. Es ist zu spät, zu dunkel und zu stürmisch, als dass ich dich jetzt fahren lassen könnte. Das ist doch viel zu gefährlich.“

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Er hatte recht. Der Regen hatte nicht nachgelassen und prasselte immer noch gegen die Fensterscheiben. Na wunderbar. Sie war hier allein mit dem Mann, mit dem sie eigentlich brechen wollte und es doch nicht fertigbrachte. Ihr Herz klopfte wie verrückt, und er war so unglaublich sexy, dass sie für nichts garantieren konnte, wenn sie nicht bald von hier wegkam. „Ich glaube kaum, dass es hier sehr viel sicherer ist“, sagte sie leise.

Er ging darauf nicht ein. „Wird sich irgendjemand um dich Sorgen machen? Willst du vielleicht jemanden anrufen?“

„Nein. Ich hatte vor, auf dem Rückweg ein paar Tage bei einer Freundin in San Francisco zu bleiben. Aber ich habe ihr nicht genau gesagt, wann ich komme.“

„Gut.“ Er ließ ihre rechte Hand los und spielte stattdessen mit einer ihrer Locken. „Nun sitzen wir hier also, ganz allein in einer dunklen und stürmischen Nacht.“

„Ja“, wiederholte sie. „Ganz allein in einer dunklen und stürmischen Nacht.“ Wieder eine von Laurens verrückten Ideen, würde ihre Mutter sagen.

„Was wollen wir denn mit dem angebrochenen Abend anfangen?“, fragte er und wickelte sich die Locke spielerisch um den Finger.

Lauren tat so, als bemerke sie es nicht. „Wollen wir uns Gespenstergeschichten erzählen? Das passt doch zu einer solchen Nacht.“

„Vielleicht haben wir dann solche Angst, dass wir nicht schlafen können.“

Wieder lächelte er auf diese anzügliche Weise, als sei er sicher, dass sie dachte wie er. Schon die bloße Erwähnung von wir und schlafen in demselben Satz ließ sie daran denken, wie es wäre, wenn sie zusammen in einem Bett lägen. Sie würden ganz sicher alles andere tun als schlafen …

Was war denn bloß los? In den letzten Monaten war sie mit Matthew häufiger auf Partys gewesen, sie hatten getanzt und über mehr oder weniger belangloses Zeug gesprochen. Während der Familiendinner hatte sie so getan, als höre sie interessiert dem Gespräch zwischen ihrem Vater und Matthew über „das Geschäft“ zu. Kein einziges Mal hatte sie in Matthews Gegenwart so etwas wie ein sexuelles Verlangen empfunden, und jetzt hätte sie sich am liebsten auf ihn gestürzt.

„Wieso bist du heute so ganz anders?“, fragte sie plötzlich.

Er lächelte breit, und seine Zähne blitzten. „Soll das ein Kompliment sein?“

„Ehrlich, Matthew …“

Er legte ihr die Hand auf den Mund. „Pst. Sag nichts.“

Sie schob die Hand zur Seite. „Wenn ich nicht einfach weiterrede, habe ich Angst, dass ich vielleicht …“

Doch sie konnte den Satz nicht mehr zu Ende bringen. Luke hatte sie in die Arme gezogen und küsste sie sanft auf den Mund. „Entschuldige“, flüsterte er. „Ich kann einfach nichts dagegen tun.“

Wenn es nach Lauren ging, sollte er das auch gar nicht. Sie kam ihm entgegen und zog seinen Kopf zu sich. Als sie die Lippen leicht öffnete, nahm Luke die Einladung sofort an. Ihr Kuss war wild und leidenschaftlich, als wollten sie allein dadurch die Spannung lösen, die sich in den letzten Stunden zwischen ihnen aufgebaut hatte. Doch der Kuss steigerte ihre Begierde nacheinander nur noch mehr. Und ohne dass es ihr bewusst war, presste sich Lauren an Luke und ließ zu, dass er sie auf seinen Schoß hob. Dabei rutschte der Bademantel nach oben, sodass sie mit nacktem Po auf seinen Oberschenkeln saß. „Wir sollten das nicht tun“, stieß sie leise hervor.

„Was?“ Seine Stimme klang rau vor Erregung.

Was sollte sie darauf sagen? Sie hätten sich nicht verloben sollen, nicht küssen, sie sollte nicht auf seinem Schoß sitzen … Zu deutlich konnte sie seine Erregung spüren. „Du weißt genau, was ich meine.“

Er sah sie kühl an. „Dann sparst du dich für die Hochzeitsnacht auf?“

Seine Stimme klang mühsam beherrscht. Das konnte sie ihm nicht verübeln, denn auch sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem, was ihr Verstand ihr befahl, und dem, was ihr Körper forderte.

„Wir kennen uns kaum“, sagte sie. „Das alles ist …“

„Der Beginn einer heißen Liebesnacht?“

Sie sah ihn kurz aus zusammengekniffenen Augen an. „Nein. Das alles ist nur die Folge der ungewöhnlichen Situation. Der Regen, der Wein …“

„Das stimmt nicht. Tatsache ist, dass wir scharf aufeinander sind, da helfen keine Erklärungen und keine Entschuldigungen. Und um ehrlich zu sein, ich bin darüber genauso erstaunt wie du.“

„Tatsächlich?“ Sie hatte zwar nicht angenommen, dass er sie für vollkommen unattraktiv hielt, aber dass er normalerweise nicht so schnell mit einer Frau ins Bett ging, gefiel ihr irgendwie.

Anscheinend konnte er Gedanken lesen, denn er lächelte plötzlich. „Das scheint dir ja gut zu gefallen.“

Sie grinste. „Allerdings. Ich habe in den letzten Jahren so viele Niederlagen einstecken müssen, dass es meinem Ego ausgesprochen gut bekommt, dass ein Mann wie du mir nicht widerstehen kann.“ Sie kicherte leise. Der Merlot hatte ihr ganz offensichtlich die Zunge gelockert.

„Deine Verlobten eins bis vier waren Idioten.“

„Aber du bist doch Nummer vier“, erinnerte sie ihn.

„Das versuche ich gerade zu vergessen.“ Als er ihren verwirrten Blick bemerkte, schüttelte er den Kopf. „Ich schlage vor, dass wir all das vergessen, was vorher war, und uns nur auf diesen Moment konzentrieren. Es ist dunkel und stürmisch draußen, und wir sind allein und sehnen uns nacheinander. Was meinst du? Wollen wir nicht einfach abwarten, was daraus wird?“

Sie runzelte die Stirn. „Das ist typisch Mann.“

Er hob eine dunkle Augenbraue. „Du meinst, Männer wissen, was sie wollen, und reden nicht lange drum herum?“

„Nein, ich meine, Männer denken die meiste Zeit über an Sex.“

„Ist das so schlimm?“

Er machte dabei ein so betont harmloses Gesicht, dass sie lachen musste. Sie ließ sich lachend gegen ihn fallen und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. Sofort hielt er sie fest und erwiderte den Kuss, tief und lange. Wieder schob sie ihm die Finger ins Haar und hielt sich an ihm fest, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Sie spürte die Wärme seiner Haut, das eigene Verlangen, das heftige Drängen ihres Körpers … „Ich möchte dieses Gefühl konservieren und in Flaschen abfüllen“, flüsterte sie dicht an seinem Mund. „Wir könnten es verkaufen und Millionen verdienen.“

„Millionen sind eine Menge Geld“, gab er leise zurück und kitzelte ihre Ohrmuscheln mit der Zunge.

Ah, das war gut … „Eine Milliarde“, korrigierte sie sich. „Im ersten Jahr.“

Erneut spürte sie seine Lippen auf ihrem Mund. Diesmal nahm er sich Zeit, alles zu erkunden. Der Atem stockte ihr, als er ihre Unterlippe leicht zwischen die Zähne nahm und daran saugte. Dann glitt er mit der Zungenspitze unter ihre Oberlippe, bis er endlich tief vordrang und zeigte, was er eigentlich mit ihr machen wollte. Sie stöhnte leise auf.

Und die ganze Zeit war sie sich nur zu deutlich bewusst, wie ihre nackte Haut auf den Stoff seiner Hose reagierte. Es kratzte ein bisschen, sie war sehr sensibel. Doch bisher hatte er seine Berührungen auf ihr Gesicht, ihr Haar und ihre Arme beschränkt. Lauren spürte immer deutlicher, dass sich jede Faser ihres Körpers nach seinen Berührungen sehnte.

Wollte sie wirklich, dass er „anständig“ blieb? Schließlich war sie doch mit ihm verlobt.

Noch.

Eine kleine Stimme in ihrem Hinterkopf erinnerte sie daran, dass sie eigentlich gekommen war, um die Verlobung zu lösen. Doch Lauren genoss die heißen Küsse viel zu sehr, um der Stimme ihres Gewissens nachzugeben. Warum sollte sie sich dieses Vergnügen nicht gönnen?

Weil es nicht dabei bleiben würde. Denn ihr Körper sehnte sich nach mehr.

Um ihr Verlangen zu unterdrücken, presste sie die Oberschenkel zusammen und rutschte unruhig auf seinem Schoß hin und her. Luke hob den Kopf und sah sie ernst an. „Du machst mich wahnsinnig.“

Mit dem Daumen strich sie über seine feuchten Lippen. „Was hast du gesagt?“ Als sie ihren Daumen erneut über seine Lippen gleiten ließ, nahm er ihn zwischen die Zähne und saugte leicht daran. Sie erbebte, als sie die Hitze seines Mundes fühlte. Sofort beugte sie sich wieder zu ihm, um ihn zu küssen, doch er hielt sie an den Schultern zurück.

„Lauren, vielleicht hast du recht, und wir sollten nicht …“

„Nur noch einmal“, bettelte sie. Als sie seine Hände mit einer schnellen Bewegung abschüttelte, rutschte ihr der Bademantel von den Schultern.

Plötzlich war sie bis zur Taille nackt.

Wie erstarrt saß sie da, gefangen zwischen Angst und Begierde.

Anfangs sah Luke ihr nur ins Gesicht, aber als sie keine Anstalten machte, den Bademantel wieder hochzuziehen, senkte er den Blick. Langsam.

Wie eine Liebkosung empfand sie seinen Blick, zärtlich und erregend zugleich, wie er über ihr Gesicht wanderte und schließlich auf ihren Brüsten hängen blieb. Ihre Brustspitzen richteten sich auf, wurden hart und dunkelrosa. Sie folgte seinem Blick und bedeckte ihre Brüste unwillkürlich mit den Händen.

„Nicht“, sagte er leise und fasste sie bei den Handgelenken. „Versteck dich nicht vor mir.“

Es durchfuhr sie siedend heiß. Nein, sie wollte ihre Brüste nicht vor ihm verbergen. Sie wollte überhaupt nichts vor ihm verbergen.

Ruckartig stand er mit ihr auf den Armen auf.

„Was …“, fing sie an.

„Pst“, machte er. „Sag jetzt lieber nichts.“ Er lief durch das Wohnzimmer, das riesige Foyer und die Treppe hinauf, als wäre Lauren leicht wie eine Feder.

Auf eine merkwürdige Art und Weise fühlte sie sich schwerelos, so als würde sie von einer Wolke der Begierde getragen. Gleichzeitig gingen ihr die seltsamsten Gedanken durch den Kopf. Hatten ihre Eltern vielleicht doch recht? War dies der richtige Mann für sie?

Mittlerweile waren sie im großen Schlafzimmer angekommen. Am Fuß des Riesenbettes blieb Luke kurz stehen. Er zögerte.

Lauren lehnte ihren Kopf an seine Brust. Kräftig und regelmäßig schlug sein Herz. Wie sehr sehnte sie sich danach, endlich nackt zu sein, vollkommen nackt und in seinen Armen zu liegen. Sie sah zu ihm hoch und lächelte, verführerisch, wie sie glaubte. „Matthew, willst du mit mir schlafen?“

3. KAPITEL

Lauren reckte und streckte sich. Langsam öffnete sie die Augen und sah vorsichtig um sich. Sie lag in einem fremden Bett in einem fremden Raum, hatte ein fremdes T-Shirt an und sonst nichts. Dann war auf einmal alles wieder da, Erleichterung, Verlegenheit und Ärger darüber, dass der Verlobte, den die Eltern für sie ausgesucht hatten, seine Libido offenbar besser kontrollieren konnte als sie selbst.

Als sie letzte Nacht gesagt hatte: „Matthew, willst du mit mir schlafen?“, war er plötzlich ganz still geworden. Und als sie weiter drängte: „Was ist denn, Matthew? Willst du nicht?“, hatte er nur gestöhnt und die Augen wie im tiefen Schmerz geschlossen. Dann hatte er tief durchgeatmet und Nein gesagt.

In weniger als einer Minute hatte er sie in eins der Gästezimmer getragen, ihr ein T-Shirt zugeworfen, sie kurz auf die Stirn geküsst und dann die Tür von außen fest hinter sich zugemacht.

Diese Art der Selbstbeherrschung konnte man nur hassen.

Aber heute war ein neuer Tag. Lauren lauschte. Alles war ruhig. Offenbar hatte der Regen aufgehört. Also konnte sie endlich mitsamt ihren Sachen und einer demütigenden Erfahrung mehr verschwinden. Es war keine gute Idee gewesen, die Verlobung in einem persönlichen Gespräch aufheben zu wollen. Sie würde Matthew einfach anrufen. Vielleicht sollte sie ihm auch eine E-Mail mit unbekanntem Absender schicken. Oder eine Brieftaube.

Auf keinen Fall durfte sie ihm wieder begegnen, auch wenn das bedeutete, dass sie fast nackt, nur mit diesem ihr viel zu großen T-Shirt, nach Hause fahren musste. Eine Frau von bald dreißig Jahren, die vor dem Altar und im Schlafzimmer zurückgewiesen worden war, würde auch das überleben!

Glücklicherweise hatte das Schicksal ein Einsehen, und sie würde nicht halb nackt nach Hause fahren müssen. Als sie vorsichtig die Tür zum Flur öffnete, fand sie ihre Sachen fein säuberlich aufgestapelt. Sie zog sich schnell an und horchte dann wieder an der Tür. Als alles ruhig blieb, drückte sie langsam die Klinke herunter und ging dann auf Zehenspitzen den Flur entlang und die Treppe hinunter, nur um feststellen zu müssen, dass ihr Gastgeber sie über den Rand eines Kaffeebechers hinweg schweigend beobachtete.

„Oh, hallo!“ Sie winkte ihm lächelnd zu und versuchte so zu tun, als wäre es das Normalste von der Welt, morgens auf Zehenspitzen durch das Haus zu schleichen. „Ich habe dich gar nicht gesehen!“

Aber jetzt sah sie ihn, und genau das war das Problem. Denn sofort wurde sie an gestern Nacht erinnert, an sein Lächeln, die Art und Weise, wie er sie angesehen hatte, wie er sie gestreichelt und geküsst hatte. Niemals würde sie diese Küsse vergessen. Hastig verschränkte sie die Arme vor der Brust, als könnte sie so die Erinnerung an seinen brennenden Blick auf ihre nackten Brüste auslöschen.

Wie sehr hatte sie sich nach seiner Berührung gesehnt.

Er wandte sich mit einer brüsken Bewegung ab, sodass der Kaffee fast übergeschwappt wäre. „Möchtest du jetzt frühstücken?“

„Frühstücken?“, wiederholte sie. Sie wusste, das hörte sich nicht sehr intelligent an, aber irgendwie funktionierte ihr Verstand noch nicht richtig. Denn auch ohne den Einfluss von Merlot, Kerzenlicht und Kaminfeuer fühlte sie sich von dem Mann da vor ihr genauso stark angezogen wie gestern. Und das, obgleich er sie gestern zurückgewiesen hatte, als sie sich ihm anbot.

„Ich habe doch gesagt, dass ich mich um das Frühstück kümmere.“ Er wandte sich wieder zu ihr um. „Und wenn ich nicht bald einen anständigen Kaffee kriege, dann kann ich für nichts garantieren. Der Kaffee in diesem Haus ist einfach ungenießbar.“

„Okay, gut.“ Am liebsten hätte sie ihre Autoschlüssel gegriffen und wäre geflohen. Aber jetzt meldete sich ihr Stolz. Sie würde nicht wie ein Feigling davonrennen, sondern noch eine Stunde mit ihm verbringen.

Danach würde sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden – und eine Brieftaube schicken.

Während der Fahrt in den kleinen Ort Hunter’s Landing sagte keiner ein Wort. Wahrscheinlich sagt er nichts, weil er dringend seinen Kaffee braucht, dachte Lauren. Sie selbst zwang sich, den Mund zu halten. Sie hatte Angst, dass sich selbst eine harmlose Bemerkung wie „Ist das nicht ein wunderschöner Morgen?“ wie ein versteckter Vorwurf wie: „Warum hast du gestern Nacht nicht mit mir geschlafen?“ anhören würde.

So begnügte sie sich damit, aus dem Fenster zu sehen. Es war tatsächlich ein wunderschöner Morgen. Die schmale Straße schlängelte sich durch dichte Kiefernwälder. In dem hellen Morgenlicht glitzerten die Tropfen auf den Zweigen in allen Regenbogenfarben. Hin und wieder war der See zu sehen, tiefblau wie der Himmel über ihnen.

Als sie in den Ort hineinfuhren, nahm der Verkehr leicht zu. Autos standen vor kleinen Restaurants und Läden, Menschen stiegen ein und aus, alle wirkten sehr entspannt. Luke sah Lauren von der Seite an. „Warst du schon einmal hier am Lake Tahoe?“

„Ja, aber nur im Winter zum Skifahren.“

„Was magst du am liebsten? Abfahrtslauf, Langlauf oder Snowboard?“

„Um ehrlich zu sein, bin ich mehr für Après-Ski, für heiße Schokolade und ein gemütlich knisterndes Feuer im Kamin.“

Er lachte. „Eine Frau nach meinem Geschmack.“

Von wegen. Nach dem, was gestern Nacht geschehen beziehungsweise nicht geschehen war, wussten beide, dass das nicht stimmte. „Du bist also auch nicht so wild auf Wintersport?“

Er schüttelte den Kopf. „Doch, ich mag Skifahren und Snowboarding. Aber danach freue ich mich immer auf ein heißes Getränk, ein heißes Feuer und eine heiße Frau in meinem Bett.“

Sie zog eine Grimasse. „Ziemlich sexistisch, findest du nicht?“

Er hielt auf einem Parkplatz vor einem kleinen Restaurant. „Wieso? Ich habe nicht gesagt, dass ich so etwas erwarte, sondern nur, dass ich das sehr angenehm finde. Wo ist da das Problem?“

Was sollte das schon wieder bedeuten? Oder meinte er, er sähe nicht, warum sein Kommentar sie so aufregte? Oder meinte er, dass sie während der Skisaison eine besonders gute Ehe führen würden, sollte es jemals dazu kommen? Oder sollte sie ihn einfach fragen?

Steig aus, Lauren, sofort. Iss dein Frühstück. Du wirst doch noch eine Stunde überstehen, ohne dich komplett lächerlich zu machen.

Man führte sie zu einem Tisch direkt am Fenster, von dem aus sie einen fantastischen Blick auf den See hatten. Viele Boote waren bereits auf dem Wasser, und Lauren fröstelte bei dem Gedanken, wie kalt es da draußen im frischen Morgenwind sein musste. Wie gut, dass Matthew mir einen Pullover geliehen hat, dachte sie. Er war schön warm und weich. Und außerdem roch er nach seinem Besitzer. Lauren atmete tief ein. Wieder überlief sie ein Schauer.

Luke blickte von der Speisekarte hoch. „Alles in Ordnung?“

„Sicher.“ Sie griff schnell nach der zweiten Karte und tat so, als studiere sie das Angebot. Es war zu gefährlich, ihn anzusehen. Er war glatt rasiert heute Morgen, und die Versuchung, ihm über die Wange zu streichen, war einfach zu groß. Tu nichts, was du später bereuen wirst, Lauren!

„Tut mir leid, aber offenbar haben sie keine Crêpes.“

Sie hob den Kopf. „Crêpes?“

„Erinnerst du dich nicht mehr? Ich hatte dir doch etwas Besonderes versprochen, um dich über deinen Gaston hinwegzutrösten.“

„Gagnon, Jean-Paul Gagnon. Gaston kommt in dem Zeichentrickfilm ‚Die Schöne und das Biest‘ vor. Das ist doch dieser grässliche Egozentriker.“

„Ja, genau. Da hatte ich also recht.“

Wider Willen musste sie lächeln.

Er streckte die Hand aus und strich Lauren zärtlich über die Unterlippe. „Ich mag es, wenn du lächelst. Du warst sehr ernst heute Morgen.“

Schnell richtete sie den Blick wieder auf die Speisekarte. „So? Wahrscheinlich brauche ich morgens auch immer mein Koffein.“

„Erstaunlich, wie gut wir zusammenpassen“, murmelte er.

Sie tat so, als habe sie die Bemerkung nicht gehört. Denn sofort musste sie wieder an Hochzeit und Ehe denken und fragte sich, ob er wohl auch daran dachte. Und ob er ernsthaft vorhatte, sie zu heiraten, oder ob er sie wie die anderen drei Heiratskandidaten vorher verlassen würde.

Doch halt! Was hatte sie da eben gedacht? Das war der endgültige Beweis dafür, wie sehr sie dieser Mann verwirrte. Sie war es doch, die ihn verlassen wollte.

Eine Kellnerin brachte ihnen Kaffee, köstlich duftenden Kaffee, und nahm dann ihre Bestellung auf. Sie blickten auf den See und genossen das heiße Gatränk in kleinen Schlucken, bis die Kellnerin ihr Frühstück brachte. Luke hatte sich Pfannkuchen bestellt, Lauren ein Müsli mit frischen Früchten.

Nachdem der erste Hunger gestillt war, blickte Luke hoch. „Ehrlich gesagt ist mir immer noch nicht ganz klar, warum du gestern eigentlich gekommen bist.“

Sie wies auf ihren vollen Mund und bedeutete mit lebhaften Gesten, dass sie jetzt nicht sprechen könne. Das verschaffte ihr etwas Zeit, über eine schlüssige Antwort nachzudenken. Doch statt auf seine Frage einzugehen, versuchte sie, ihn abzulenken. „Und mir ist immer noch rätselhaft, warum du einen Monat in dieser Lodge zubringen willst.“ Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er den Köder schluckte.

Er tat es. „Habe ich dir das noch nicht erzählt?“

„Nein. Nicht warum du hier bist. Die Adresse habe ich von meinem Vater. Ich weiß nur, dass das Ganze etwas mit deinem Freund Hunter aus dem College zu tun hat.“

„Ja, mit Hunter Palmer.“

„Ich glaube, meine Eltern kennen irgendwelche Palmers. Sie wohnen in Palm Springs.“

Luke nickte. „Ja, das ist Hunters Familie. Sie haben ein großes pharmazeutisches Unternehmen. Hunter und ich haben uns im College kennengelernt. Wir waren eine Gruppe von Freunden und nannten uns ‚Die Sieben Samurai‘.“ Er nahm einen Schluck Kaffee. „Uns verband eine sehr besondere Freundschaft.“

„Inwiefern?“

„Wir kamen alle aus sehr privilegierten Verhältnissen, aus Familien mit Geld und Einfluss. Aber wir wollten nicht einfach als Erben ein bequemes Leben führen. Wir hatten uns vorgenommen, unseren eigenen Weg zu gehen und etwas aus eigener Kraft aufzubauen. Und das ist uns gelungen. Wir haben es geschafft.“

Lauren sah ihm an, wie stolz er darauf war, und sie fühlte sich noch mehr zu ihm hingezogen. „Aber was hat das mit der Lodge am Lake Tahoe zu tun?“

Er grinste kurz. „Oh, die Idee hat einen nicht ganz so edlen Ursprung. Ich glaube, das war eher dem Bier zu verdanken. Bestimmt wussten wir nicht mehr genau, was wir taten.“

Sie lachte. „Ich bin froh, dass ihr Halbgötter auch menschliche Regungen hattet.“

„Das kann man wohl sagen. Wenn ich an den Kater am nächsten Morgen denke …“

„Los. Erzähl.“

Er nahm seinen Kaffeebecher in beide Hände und starrte hinein, als spiegelten sich in der Oberfläche Bilder aus der Vergangenheit. Dann lächelte er versonnen. „Eines Abends nach zu vielen Bieren haben wir uns geschworen, dass wir uns in zehn Jahren ein Haus am Lake Tahoe bauen würden. Dort würden wir nacheinander jeder einen Monat allein verbringen und uns dann wiedertreffen. Zu einer großen Feier, denn wir waren damals schon sicher, dass wir es alle zu etwas bringen würden.“

Sein Lächeln vertiefte sich, als er Lauren ansah. „Du brauchst nichts zu sagen. Ja, wir waren ganz schön von uns eingenommen, das gebe ich zu.“

Sie stützte sich mit einem Ellbogen auf dem Tisch ab und legte den Kopf in die Hand. „Das würde ich nicht sagen. Schließlich habt ihr wohl auch erreicht, was ihr euch vorgenommen hattet, oder?“

„Ja, das kann man sagen. Außer mir ist da noch Nathan Barrister, der sehr erfolgreich die familieneigene Hotelkette führt, dann Ryan Matheson, der sein Geld mit einigen Kabelunternehmen macht, Devlin Campbell, der Banker, und Jack Howington, unser Abenteurer.“

„Aber das sind erst fünf.“

„Du weißt doch, dass Hunter tot ist.“ Er blickte wieder in seinen Kaffeebecher. „Er fehlt mir sehr.“

Lauren hätte ihm am liebsten tröstend über die Wange gestrichen, aber sie beherrschte sich. „Das sind doch erst sechs.“

Er sah nicht hoch. „Der siebte ist mein Bruder.“

Sie hatte sich schon gefragt, ob er wohl jemals seinen Zwillingsbruder erwähnen würde. Sie wusste zwar, dass die beiden Brüder sich entzweit hatten, aber sie hatte keine Ahnung, warum. Sie fand es nur sehr traurig. Sie hatte den anderen Barton nie kennengelernt. Vielleicht war er ja wirklich ein Ekel.

„Ich möchte nicht über ihn sprechen“, sagte Luke.

Er wirkte angespannt und nervös, und genau deshalb hätte Lauren gern etwas mehr über diesen Bruder erfahren. Aber sie wollte ihn nicht quälen.

„Ich möchte stattdessen lieber etwas mehr von dir wissen“, sagte er und sah wieder hoch.

Ach du Schreck, dachte Lauren. Wer weiß, wohin ein solches Gespräch führte. Wahrscheinlich doch wieder nur zu ein paar peinlichen Einzelheiten aus ihrem verkorksten Privatleben.

Doch Luke blieb hartnäckig. „Ich weiß ja nun schon so einiges über deine ehemaligen Verlobten. Aber ich weiß nichts über deine Arbeit. Womit verdienst du dir dein Geld?“

„Ich bin freie Übersetzerin.“ Arbeit und Beruf war ein gutes, unverfängliches Thema. Darüber sprach sie gern. „Ich verdiene ganz gut, obgleich mein Vater mir nie zutraute, dass ich damit meinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Wahrscheinlich weil meine Noten in Spanisch und Französisch nicht so besonders gut waren.“

„Deshalb warst du auch in Paris?“

„Ja. Sogar eine ziemlich lange Zeit. Daher hatte ich auch mein Apartment aufgeben müssen, als ich nach Frankreich flog. Leider, denn jetzt wohne ich wieder zu Hause, bis …“

„Bis die beiden Familienunternehmen Barton und Conover sich glücklich in einer Ehe zusammenfinden“, warf er mit einem scharfen Unterton in der Stimme ein.

Lauren überlief es eiskalt, und sie sah ihn erschrocken an. Was meinte er damit? Wollte er die Verbindung nicht?

Besänftigend griff er nach ihrer Hand. „Entschuldige“, sagte er leise. „Das habe ich nicht so gemeint.“

Lauren wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ihr Vater hatte ihr eingebläut, dass diese Hochzeit das Beste war, was den beiden Familienunternehmen passieren konnte. In ihrem depressiven Zustand hatte sie kaum weiter darüber nachgedacht. Allerdings war sie immer davon ausgegangen, dass Matthew ebenso dachte wie ihr Vater. Jetzt allerdings sah er nicht sehr zufrieden aus. „Matthew …“, fing sie an, aber er unterbrach sie.

„Lass gut sein.“ Er hob ihre Hand an den Mund und küsste sie.

Sofort spürte sie wieder die Wärme, die von seinen Lippen ausging.

Er strich ihr mit dem Daumen über den Handrücken. „Ich bin schrecklich.“

„So etwas ist mir gestern Nacht auch durch den Kopf gegangen“, hörte sie sich sagen. Oh, nein, wie konnte sie nur! Genau dieses demütigende Thema hatte sie doch vermeiden wollen.

Lukes Griff wurde fester. „Ich …“

„Sag nichts! Du brauchst dich nicht zu entschuldigen“, sagte sie hastig. „Du hattest recht. Das war eine gute Entscheidung. Wir kennen einander kaum, und das Schlafzimmer ist nicht besonders geeignet, das zu ändern. Gut, dass du einen kühlen Kopf bewahrt hast. Danke.“

„Lauren …“

Doch sie war nicht zu stoppen. Sie spürte, wie sie rot wurde, und plapperte weiter, wie immer, wenn sie sich besonders unwohl fühlte.

„Ja, ich muss dir wirklich danken. Danke, vielen Dank. Für deine Zurückhaltung … oder, besser gesagt, dein Desinteresse.“

„Desinteresse?“ Er starrte sie an, als wäre ihr plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen. „Hast du tatsächlich Desinteresse gesagt?“

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