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BACCARA EXKLUSIV BAND 160

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Sag einfach: Ja, ich will

1. KAPITEL

„Adam, du bist ja besessen.“ Travis King sah seinen älteren Bruder skeptisch an. „Irgendwas stimmt mit dir nicht.“

„Ich muss Travis recht geben“, sagte Jackson kopfschüttelnd. „Warum ist dir das überhaupt so wichtig?“

Adam King musterte seine Brüder und hielt einen Moment inne, bevor er antwortete. Und er tat es in einem Ton, in dem er sonst nur mit seinen Angestellten sprach – und der keinen Widerspruch duldete. „Als wir drei von Dad die Familienunternehmen übernommen haben, waren wir uns einig, dass jeder seinen eigenen Bereich führt, unabhängig.“

Mehr sagte Adam noch nicht. Denn er wusste, seine Brüder waren noch lange nicht fertig. Einmal im Monat trafen sich die drei King-Brüder, entweder hier auf der Familienranch, auf Travis’ Weingut oder an Bord eines Jets, der Jackson gehörte. Er vermietete die Maschinen für gewöhnlich an die Megareichen dieser Welt.

Die Kings waren an so vielen Firmen beteiligt, dass diese Treffen regelmäßig stattfinden mussten. So hielten sich die Brüder auf dem Laufenden darüber, was in den anderen Geschäftszweigen passierte. Und sie tauschten sich natürlich darüber aus, was sich im Privatleben der anderen ereignete. Was allerdings auch Einmischungen nach sich zieht, dachte Adam, die zwar gut gemeint, oft aber auch lästig sind.

Er nahm das Kristallglas, schwenkte es und betrachtete die bernsteinfarbene Flüssigkeit. Er wusste, dass einer seiner Brüder gleich einen Kommentar abgeben würde. Und im Stillen wettete Adam, dass Travis den Anfang machen würde.

„Stimmt schon, Adam, jeder führt einen eigenen Bereich“, sagte Travis und trank einen kräftigen Schluck Rotwein, der aus dem King-Weingut stammte. Travis mochte seinen selbst produzierten Wein lieber als den Brandy, den Adam bevorzugte. „Das heißt aber nicht …“ Er sah Jackson an, der zustimmend nickte. „… dass wir keine Fragen hätten.“

„Fragt, soviel ihr wollt“, erwiderte Adam gelassen. Er stand auf, ging zum steinernen Kamin und blickte in das knisternde Feuer. „Nur Antworten dürft ihr nicht unbedingt erwarten.“

Jackson mischte sich nun wieder in das Gespräch. Das Whiskyglas in der Hand, warf er versöhnlich ein: „Wir sagen ja nicht, dass du mit der Ranch nicht machen kannst, was du willst, Adam. Wir verstehen nur nicht, warum du auf Teufel komm raus jeden Quadratzentimeter Land zurückhaben willst, den wir einst besessen haben.“

Adam drehte sich um und musterte seine Brüder. Er spürte das starke Band, das sie seit jeher verbunden hatte. Sie waren im Abstand von jeweils einem Jahr geboren worden. Und die Freundschaft, die sie in jungen Jahren zusammengeschweißt hatte, war auch heute so stark wie eh und je. Aber das hieß nicht, dass er sich vor seinen Brüdern für jeden seiner Schritte rechtfertigen würde. Schließlich war er der älteste. Und Adam King war niemandem Rechenschaft schuldig.

„Die Ranch gehört mir“, sagte er nur. „Wenn ich sie zu ihrer einstigen Größe zurückführen will – was stört euch daran?“

„Nichts“, erklärte Travis fest, bevor Jackson antworten konnte. Travis lehnte sich auf dem Ledersessel zurück, streckte die Beine aus, balancierte das Weinglas auf seinem flachen Bauch und sah Adam aus zusammengekniffenen Augen an. „Ich will nur wissen, warum dir das so wichtig ist. Verdammt, Adam, unser Urgroßvater hat vor fast sechzig Jahren gerade mal zwanzig Morgen an die Torinos verkauft. Uns gehört immer noch fast das halbe Land. Warum sind da diese paar Morgen so wichtig?“

Weil er sie eben haben wollte. Adam hatte noch nie klein beigegeben. Wenn er sich zu etwas entschlossen hatte, dann blieb er dabei, mochte kommen, was wolle. Er sah aus dem großen Frontfenster, blickte auf den gepflegten Rasen und den Garten, der sich fast eine Viertelmeile bis zur Straße hin erstreckte.

Die Ranch war ihm immer wichtig gewesen. Jetzt – in den vergangenen fünf Jahren hatte sich das entwickelt – bedeutete sie ihm alles. Und er würde sie wieder ganz besitzen, das hatte er sich geschworen.

Die Nacht war pechschwarz, nur ein paar Lichter am Zufahrtsweg durchbrachen das Schwarz. Dies war sein Zuhause. Ihrer aller Zuhause. Und Adam würde dafür sorgen, dass alles, was dazugehörte, wieder in den Besitz der Kings kam.

„Es ist nun mal das letzte Stück, das noch fehlt“, sagte er. Er dachte an die vergangenen fünf Jahre zurück. Jahre, in denen er jedes Stück Land zurückgekauft hatte, das einst, vor über hundertfünfzig Jahren, zum ursprünglichen King-Besitz gezählt hatte.

Ihre Vorfahren waren schon vor dem Goldrausch in Kalifornien sesshaft geworden. Sie waren Bergleute gewesen, Rancher, Farmer, Schiffsbauer. Mit den Jahren hatte die Familie andere Geschäftszweige erschlossen, sie waren nie hinter ihrer Zeit zurückgeblieben. Generationen hatten daran gearbeitet, den Reichtum der Familie zu vergrößern. Immer aufbauend auf dem, was die vorherigen Generationen geschaffen hatten. Mit einer Ausnahme.

Urgroßvater Simon King war in gewissem Sinne aus der Art geschlagen – er war ein Spieler gewesen. Um Schulden zu begleichen, hatte er immer wieder Teile seines Erbes verkauft. Seine Nachkommen hingegen hatten sich auf die Familientradition zurückbesonnen.

Adam wusste nicht, ob er seinen Brüdern das begreiflich machen konnte – ob er es überhaupt ernsthaft versuchen sollte. Eines stand fest: In den vergangenen Jahren hatte er Grundstücke wie Puzzleteile gekauft, um die Ranch wieder zu dem zu machen, was sie einmal gewesen war. Und er würde nicht aufhören, bis er seine Aufgabe beendet hatte.

„Na gut“, sagte Jackson. „Wenn es dir so wichtig ist, dann mach eben weiter.“

„Ich brauche deine Erlaubnis nicht“, entgegnete Adam. „Aber trotzdem danke.“

Jackson lächelte. Der jüngste der King-Brüder ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. „Dann viel Glück bei den Torinos“, meinte er und trank einen Schluck Whisky. „Was der alte Torino in den Klauen hat, gibt er so schnell nicht her.“ Amüsiert musterte er Adam. „Da ist er wie du, großer Bruder. Sal wird dir das Land nicht einfach so verkaufen.“

Adam erwiderte das Lächeln seines Bruders und hob das Brandyglas, wie um den anderen zuzuprosten. „Wie sagte Dad doch immer so schön?“

„Jeder hat seinen Preis“, verkündete Travis und hielt sein Glas vor sich. Dann vollendete er das Zitat: „Du musst den Preis nur herausfinden.“

Jackson schüttelte zwar den Kopf, weigerte sich aber nicht und trank einen Schluck. „Salvatore Torino könnte die Ausnahme von der Regel sein. Ich glaube nicht, dass er käuflich ist.“

„Du irrst dich“, widersprach Adam. Bald würde er den Sieg feiern, auf den er all die Jahre hingearbeitet hatte. Von einem einzigen starrköpfigen Nachbarn ließ Adam sich mit Sicherheit nichts verderben. „Auch Sal wird verkaufen. Fragt sich nur noch, was er als Gegenleistung erwartet.“

Gina Torino lehnte sich an den verwitterten Holzzaun und blickte auf die Pferdeweide. Die Sonne schien angenehm warm vom Himmel, das Gras war saftig und grün. Das junge Fohlen bemühte sich unsicher staksend, mit seiner Mutter Schritt zu halten.

„Siehst du, Shadow?“, sagte Gina und klopfte der Stute auf den Hals. „Ich habe dir ja gesagt, dass mit ihm alles gut gehen wird.“

In der vergangenen Nacht war sie sich allerdings nicht so sicher gewesen. Nachdem sie die Stute selbst großgezogen hatte, war Gina auch bei der Geburt des Fohlens dabei gewesen – und hatte mächtig Angst gehabt. Aber es war nichts schiefgelaufen, und jetzt fühlte Gina sich entspannt und glücklich.

Lächelnd beobachtete sie die Tinker-Stute. Für Gina waren die Tinker die schönsten Pferde der Welt. Mit den breiten Schultern, dem stolzen Hals und den langen Haaren am Fesselgelenk, dem sogenannten Kötenbehang, sahen sie sehr prachtvoll aus. Wer sich nur ein bisschen mit Pferderassen auskannte, verwechselte sie oft und hielt sie für klein gewachsene Clydesdale-Pferde. Aber in Wahrheit waren die Tinker etwas ganz anderes.

Tinker, klein, aber kräftig, waren zunächst vom fahrenden Volk gezüchtet worden; sie waren kräftig genug, um Karren und Wagen zu ziehen, und dabei doch so sanftmütig, dass sie zumeist als Familienmitglieder betrachtet wurden. Diese Pferde verstanden sich gut mit Kindern und waren den Menschen, die sie liebten, stets treu.

Und Gina bedeuteten sie mehr als Tiere, die man bloß züchtete und dann verkaufte. Für Gina gehörten sie zur Familie.

„Du verhätschelst sie wie Babys.“ Ginas Mutter trat hinter sie.

Jetzt kam wieder die alte Geschichte – die Vorwürfe, dass Gina zu viel Zeit mit den Pferden verbrachte, statt sich nach einem passenden Ehemann umzusehen. „Na und? Das schadet doch keinem.“

„Du brauchst ein eigenes Baby.“

Gina verdrehte die Augen und war froh, dass ihre Mutter es nicht sah. Teresa Torino scherte sich nicht darum, ob ihre Kinder längst erwachsen waren. Eine freche Antwort quittierte sie immer noch mit einer Zurechtweisung. Eigentlich wäre ich gut beraten gewesen, auch auszuziehen, dachte Gina. Zwei ihrer drei älteren Brüder lebten längst nicht mehr hier.

„Ich weiß ganz genau, dass du die Augen verdrehst!“

Wider Willen lächelte Gina und sah über die Schulter. Teresa Torino war klein, wohlgerundet und eigensinnig. Ihr schwarzes Haar wurde langsam grau, allerdings dachte sie nicht daran, es zu färben. Stattdessen betonte Teresa bei jeder Gelegenheit, dass sie sich die grauen Haare erarbeitet hatte. Und ihren braunen Augen entging nicht viel.

„Würde ich je über eine Bemerkung von dir die Augen verdrehen, Mom?“

„Wenn du glaubst, ich merke es nicht – dann schon.“

Gina wechselte lieber das Thema, das war sicherer. „Ich habe mitgekriegt, dass du heute Morgen mit Nick telefoniert hast. Ist bei ihm alles in Ordnung?“

„Ja“, sagte Teresa und stellte sich zu ihrer Tochter an den Zaun. „Nickies Frau ist übrigens wieder schwanger.“

Daher wehte also der Wind! Deshalb das Baby-Thema! „Das ist ja toll, Mom.“

„O ja. Dann hat Nick drei Kinder, Tony zwei und Peter vier.“

Meine Brüder setzen wirklich alles daran, die Welt mit kleinen Torinos zu bevölkern, dachte Gina lächelnd. Sie war gerne Tante. Sie wünschte nur, dass sie alle etwas dichter beieinanderleben würden, damit sie nicht immer alles abbekam. Aber leider lebte von den drei Torino-Söhnen nur noch Tony auf der Ranch. Nick arbeitete als Footballtrainer an einer Highschool in Colorado. Und Peter lebte in Südkalifornien, wo er Computersoftware für Sicherheitsfirmen installierte.

„Du hast Glück als Oma“, sagte Gina und warf ihrer Mutter einen Seitenblick zu. „So viele Enkelkinder, die du verziehen kannst.“

„Könnte noch besser sein“, konterte Teresa.

„Ach, Mom …“, sagte Teresa seufzend. „Du hast achteinhalb Enkelkinder. Warum willst du unbedingt noch eins von mir?“

Ihre Mutter hatte immer davon geträumt, wie Gina heiratete, und es sich in allen Einzelheiten ausgemalt. Dass ihre Tochter nicht mitspielte, ärgerte Teresa sehr.

„Es ist nicht gut, dass du alleine bist, Gina“, erklärte sie und schlug gegen eine Holzlatte, sodass der ganze Zaun vibrierte.

„Ich bin doch nicht alleine“, widersprach Gina. „Ich habe dich und Papà, meine Brüder, ihre Frauen, ihre Kinder … In dieser Familie kann man doch gar nicht alleine sein!“

Teresa war jedoch nicht mehr zu bremsen. Und je mehr sie sich ereiferte, desto stärker brach ihr italienischer Akzent hervor. „Eine Frau braucht einfach einen Mann, Gina. Einen Mann, den sie liebt und der sie liebt …“

Dem hatte Gina nicht viel entgegenzusetzen. Es war ja nicht so, dass sie fest entschlossen war, nie zu heiraten. Niemals Kinder zu haben. Es war einfach so gekommen. Deswegen wollte sie allerdings auf keinen Fall für den Rest ihres Lebens Trübsal blasen.

„Ich bin zwar nicht verheiratet, Mom“, unterbrach Gina den Redeschwall ihrer Mutter, „aber das heißt ja nicht, dass es keine Männer in meinem Leben gibt.“

„Mamma mia!“ Teresas Unmutsäußerung war so laut, dass sogar das Pferd auf der Weide erschrocken zusammenzuckte. „Hör auf! Davon will ich nichts hören!“

Das war Gina nur recht. Sie hatte keine Lust, ihr Liebesleben – oder ihr nicht vorhandenes Liebesleben – ausgerechnet mit ihrer Mutter zu besprechen. Auch wenn sie ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern hatte. Teresa stammte aus einer großen sizilianischen Familie und war vor über vierzig Jahren nach Amerika gekommen, um Sal Torino zu heiraten. Und obwohl Sal schon in Amerika geboren und aufgewachsen war, hielt er wie seine Frau an den traditionellen Werten fest. Das bedeutete in diesem Fall: Eine Tochter, die mit dreißig noch nicht verheiratet ist, endet garantiert als alte Jungfer.

Das Dumme war, dass Ginas dreißigster Geburtstag nun schon zwei Monate zurücklag.

„Mom …“ Gina holte tief Luft. Jetzt nur nicht die Geduld verlieren. Sie hatte ja gehofft, dass alles besser würde, wenn sie ein eigenes kleines Haus auf dem Gelände der Ranch besaß. Dass sie dann mehr Privatleben hätte und ihre Eltern ihre Eigenständigkeit dann endlich akzeptierten. Falsch gedacht, natürlich. Einmal Torino-Kind, immer Torino-Kind.

Ja, wahrscheinlich hätte sie ganz fortziehen sollen. Aber dann wäre sie ja trotzdem den ganzen Tag hier gewesen. Die Pferde waren nun mal ihr Leben. Gina musste einfach damit zurechtkommen, ihre Mutter zu enttäuschen.

„Ich weiß, ich weiß“, sagte Teresa. „Das habe ich schon tausendmal gehört. Du bist eine erwachsene, selbstständige Frau und kommst im Leben auch ohne Mann klar.“ Verärgert seufzte sie. „Ich hätte nie zulassen dürfen, dass du dir als Teenager diese Talkshows im Fernsehen ansiehst. Die machen einen nur …“

„… vernünftig?“, fragte Gina lächelnd. Sie liebte ihre Mutter wirklich. Wenn nur nicht immer diese ständigen Diskussionen übers Heiraten und Kinderkriegen wären!

„Hör mir auf mit vernünftig. Ist es vernünftig, alleine zu leben? Ohne Liebe?“ Teresa wartete gar nicht erst auf eine Antwort. „Nein. Ist es nicht.“

Gina hätte nun stundenlang dagegen argumentieren können. Insgeheim gab sie ihrer Mutter jedoch ein bisschen recht. Ein ganz kleines bisschen. Eine innere Stimme flüsterte Gina zu, dass sie ja auch nicht jünger wurde. Dass sie nicht mehr ihren Wunschträumen aus Jugendtagen nachhängen sollte.

„Es geht mir wirklich gut, Mom“, erwiderte Gina und versuchte, Teresa und sich davon zu überzeugen.

Ihre Mutter strich ihr über den Arm. „Weiß ich doch, mein Kind.“

Das stimmte zwar nicht so ganz, aber immerhin war damit die Diskussion fürs Erste beendet. Gina wechselte das Thema. „Wo ist Papà?“, fragte sie. „Er wollte sich doch heute Morgen das Fohlen ansehen.“

„Der hat ein Meeting. Sehr wichtig.“

„Ja? Mit wem denn?“

„Meinst du, das hätte er mir gesagt?“, ereiferte sich Teresa. Gina lächelte. Nichts hasste ihre Mutter mehr, als nicht Bescheid zu wissen.

„Na ja, solange Papà in dem Meeting ist, kannst du dir das neue Fohlen ansehen.“

„Du und deine Pferde“, murmelte Teresa.

Gina lachte und nahm ihre Mutter bei der Hand. „Komm.“

Sie gingen zum Tor, als sie plötzlich ein Geräusch hörten. Ein schwarzer luxuriöser Geländewagen fuhr den Zufahrtsweg entlang. Sobald Gina das Auto erkannte, verspürte sie Unruhe. Ihr Puls raste, ihr Mund wurde trocken.

Sie brauchte nicht erst das Nummernschild mit der Aufschrift „KING 1“ zu lesen. Gina wusste auch so, dass Adam King in dem Wagen saß. Wieso war sie sich eigentlich so sicher? War es eine Art inneres Frühwarnsystem, das Alarm schlug, wenn Adam sich in der Nähe aufhielt?

„Adam King ist also der Mann vom Meeting“, sagte ihre Mutter nachdenklich. „Worum es wohl geht?“

Das fragte sich Gina auch. Sie wusste, sie sollte sich um ihre Dinge kümmern, die Pferde … Doch Gina konnte sich nicht vom Fleck rühren. Sie stand nur da und beobachtete, wie Adam parkte und aus dem Wagen ausstieg. Dann ließ er den Blick über das Ranchgelände schweifen, und irgendetwas in ihr machte einen Luftsprung. Wie dumm, dachte sie sich. Wie dumm, etwas für einen Mann zu empfinden, der kaum weiß, dass es dich überhaupt gibt.

Adam sah sich so aufmerksam um, als ob er sich jede Einzelheit einprägen müsste. Dann entdeckte er Gina. Sie verspannte sich augenblicklich. Er war ja weit weg, aber sein Blick war so intensiv. Es fühlte sich an, als hätte Adam sie berührt.

Er nickte Gina und ihrer Mutter kurz zu. Gina zwang sich, ihm zum Gruß zuzuwinken. Mitten in der Bewegung hielt sie jedoch inne. Adam hatte sich schon dem Ranchhaus zugewandt.

„Ein eiskalter Mann ist das“, sagte Teresa leise und bekreuzigte sich. „Er hat so etwas … Finsteres an sich.“

Auch Gina spürte diese Finsternis, wie ihre Mutter es nannte. Daher widersprach Gina nicht. Aber sie kannte Adam und seine Brüder schon ihr ganzes Leben. Und sie hatte immer einen Wunsch gehabt: Sie wollte diejenige sein, die diese Finsternis aus seinem Leben vertrieb.

Dumm eigentlich, dachte sie. Warum wollen wir Frauen einen Typen immer retten?

Gina stand immer noch da und sah Adam nach, der schon längst das Ranchhaus betreten hatte. Sie spürte, wie ihre Mutter sie betrachtete. „Was ist denn?“

„Ich sehe da etwas in deinen Augen, Gina“, flüsterte Teresa besorgt.

Brüsk wandte Gina sich ab und ging zu den Pferden. Um zu verbergen, wie zittrig sie sich fühlte, machte sie lange, energische Schritte. „Ich weiß überhaupt nicht, was du meinst, Mom“, rief sie ihrer Mutter zu.

Teresa folgte ihrer Tochter und umfasste ihren Arm. Dann sah sie Gina in die Augen und erwiderte: „Mich kannst du nicht täuschen. Du empfindest etwas für Adam King. Aber … diesem Gefühl darfst du auf keinen Fall nachgeben.“

Gina lachte überrascht auf. „Wie bitte? Und das aus dem Munde einer Frau, die mir noch vor fünf Minuten erzählt hat, ich muss unbedingt heiraten und Kinder kriegen?“

„Nicht Adam King“, erklärte Teresa hart. „Diesen Mann will ich nicht für dich. Auf gar keinen Fall.“

Wie schade.

Denn Adam King war der einzige Mann, den Gina wollte.

2. KAPITEL

„Adam“, sagte Sal Torino lächelnd und bat seinen Besucher herein. „Pünktlich auf die Minute, wie immer.“

„Danke, dass du Zeit für mich hast, Sal.“ Adam trat ein und sah sich um. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen, aber es hatte sich kaum etwas verändert.

Der Eingangsbereich war geräumig. Durch ein Oberlicht schien die Sonne herein, sodass der Pinienholzboden golden glänzte. Im Flur hingen zahlreiche gerahmte Familienfotos an den Wänden. Sie zeigten lächelnde Kinder und stolze Eltern. Auch das Wohnzimmer sah noch genauso aus wie früher. Die Wände waren in einem warmen Gelbton gehalten, die Möbel groß und gemütlich, auf dem Kaminsims stand eine Vase mit frischen Blumen. Sal setzte sich auf das Sofa und nahm die Kaffeekanne von dem großen, schon leicht zerkratzten Pinientisch.

Während Sal Kaffee einschenkte, den sein Gast gar nicht wollte, ließ Adam den Blick durch den Raum wandern, bis zum Fenster. Man hatte einen wunderbaren Ausblick auf den gepflegten Rasen und die ihn umgebenden uralten Eichen. Doch das nahm Adam kaum wahr. Er war voll auf seinen Plan konzentriert und dachte nur daran, wie er Sal dazu bringen würde, ihm Land zu verkaufen.

„Also. Was führt Adam King so früh am Morgen zu mir?“

Adam musterte seinen Nachbarn. Sal war nicht besonders groß, sein dichtes schwarzes Haar begann an einigen Stellen langsam grau zu werden. Sein Gesicht wirkte wettergegerbt, seine braunen Augen schimmerten hellwach.

Adam trat näher, nahm die angebotene Kaffeetasse und trank aus reiner Höflichkeit einen Schluck. Dann setzte er sich. „Ich möchte mit dir über die zwanzig Morgen Weideland in deinem Nordgebiet mit dir reden, Sal.“

Der ältere Mann lächelte und lehnte sich gegen die Sofakissen. „Ah ja.“

Natürlich war es geschäftlich unklug, dem anderen sofort zu zeigen, wie sehr man etwas wollte. Aber Sal Torino war ja nicht dumm. Außerdem hatte die Familie King in den letzten Jahrzehnten schon öfter Kaufangebote für das Land ausgesprochen, das ursprünglich mal ihnen gehört hatte. Und Sal hatte jedes Mal strikt abgelehnt. Er wusste sowieso, wie wichtig es Adam war. Da half kein Drumherumreden.

„Ich will das Land unbedingt, Sal. Und ich biete dir einen traumhaften Preis dafür. Du machst einen Riesenprofit.“

Sal schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Kaffee und seufzte. „Adam …“

„Lass mich ausreden.“ Er beugte sich vor, stellte die Kaffeetasse auf den Tisch und lehnte sich wieder zurück. „Du nutzt das Land ja nicht mal, nicht als Weidefläche, für gar nichts. Es liegt einfach nur da.“

Sal lächelte, bevor er wieder den Kopf schüttelte.

Er war wirklich starrköpfig, und irgendwie imponierte das Adam sogar. Er zwang sich, seine Ungeduld zu unterdrücken, und bemühte sich, freundlich zu klingen. „Denk doch noch mal drüber nach, Sal. Mein Angebot wäre sehr, sehr großzügig.“

„Warum ist dir das Land so wichtig?“

Es war wie ein Spiel, und Adam wünschte, es wäre nicht so mühselig. Sal wusste doch ganz genau, dass Adam die King-Ranch zu ihrer ursprünglichen Größe zurückführen wollte. Aber offenbar sollte Adam die ganze Litanei noch einmal herunterbeten.

„Es ist das letzte noch fehlende Stück des ursprünglichen King-Besitzes“, sagte Adam angespannt. „Was dir übrigens durchaus bekannt ist.“

Sal lächelte milde.

Irgendwie, fand Adam, sieht er wie ein freundlicher, gütiger Troll aus. Leider wie kein verkaufsbereiter. „Reden wir Klartext. Du brauchst das Land nicht. Ich will es. So einfach ist das. Also, was sagst du?“

„Adam“, setzte Sal zu einer Antwort an, hielt dann jedoch inne und trank noch einen Schluck Kaffee. „Weißt du, ich verkaufe Grundstücke nur sehr ungern. Was ich hab’, das hab’ ich. Das weißt du doch. Du denkst doch nicht anders.“

„Ja, und das Land gehört mir, Sal. Oder sagen wir, es sollte mir gehören. Es war früher mal King-Gebiet, und das sollte es wieder sein.“

„Ist es aber nicht.“

Innerlich kochte Adam regelrecht vor Wut.

„Ich brauche dein Geld nicht, Adam.“ Er stellte seine Kaffeetasse ebenfalls auf den Tisch. Nachdem Sal aufgestanden war, ging er im Zimmer auf und ab. „Das weißt du ganz genau. Und trotzdem kommst du hierher und versuchst, mich mit deinem Profitgeschwätz zu überreden.“

„Es ist doch keine Sünde, Gewinne zu erzielen“, konterte Adam.

„Es geht aber im Leben auch nicht immer nur um Geld. Manchmal auch um andere Dinge.“ Sal lehnte sich an den Kamin und sah zu Adam herüber.

Adam war nicht gewohnt, bei einer Verhandlung die schwächere Position einzunehmen. Und weil er in dem weichen Sessel saß, musste er obendrein zu Sal hochblicken; dadurch fühlte Adam sich erst recht unterlegen. Darum stand er auf. Während er die Hände in die Hosentaschen schob, beobachtete er Sal und fragte sich, was sein Nachbar wohl vorhatte.

„Schön, es geht im Leben nicht immer nur um Geld“, wiederholte Adam. „Was willst du mir damit sagen? Raus damit, dann sehen wir, ob wir uns einigen können.“

„Adam, Adam“, murmelte Sal. „Sei doch nicht immer so ungeduldig. Du solltest das Leben viel mehr genießen. Es ist nicht gut, ein Leben nur auf Geschäften aufzubauen.“

„Für mich läuft’s ganz gut so.“ Adam hatte kein Interesse an den Lebensweisheiten eines alten Mannes. Er wollte nichts darüber hören, wie man angeblich „das Leben genießen“ sollte. Er wollte nur das Land.

„Du warst früher mal anders“, sagte Sal in die entstandene Stille hinein. Sein Lächeln verschwand, der Ausdruck seiner dunklen Augen wirkte beinah mitleidig.

Adam fühlte sich unwohl. Das war ja das Blöde, wenn man in einer Kleinstadt lebte: Alle wussten alles über dich. Die Leute glaubten jedenfalls, sie würden Adam kennen. Sie glaubten zu wissen, was er empfand, was er dachte. Aber sie täuschten sich.

Er wollte keine guten Ratschläge und erst recht kein Mitleid. Sein Leben war genau so, wie er es sich wünschte. Von den verdammten zwanzig Morgen Land mal abgesehen.

„Hör zu, Sal“, sagte Adam ruhig. „Ich bin nicht hier, um mit dir über mein Leben zu plaudern. Ich will ein Geschäft machen. Wenn du also …“

Sal stieß einen missbilligenden Laut aus. „Du bist ungeheuer zielstrebig, Adam. Einerseits bewundere ich das – es kann einem das Leben aber auch unnötig schwer machen.“

„Mein Leben ist meine Sache, okay?“ Allmählich riss Adam der Geduldsfaden. „Was ist jetzt, Sal? Werden wir uns irgendwie einig oder nicht?“

Sal verschränkte die Arme und musterte Adam, als ob er etwas Bestimmtes suchte. Nach einer langen Pause sagte Sal: „Wir könnten uns einig werden. Allerdings möchte ich … etwas anderes von dir.“

„Wovon zum Teufel redest du?“

„Es ist ganz einfach“, fuhr Sal fort. „Du möchtest das Land. Und ich möchte etwas von dir. Aber kein Geld.“

„Was denn dann?“

Der ältere Mann ging zurück zum Sofa und setzte sich. Dann sah er Adam aufmerksam an. „Du kennst meine Gina.“

„Ja?“, antwortete Adam abwartend.

„Ich möchte, dass sie glücklich ist.“

„Davon gehe ich mal aus“, erwiderte Adam mürrisch. Was zum Teufel hatte Gina mit der ganzen Sache zu tun?

„Ich wünsche mir, dass sie heiratet und eine Familie gründet.“

Jetzt brachte Adam keinen Ton hervor. Es war so still im Raum, dass er die Uhr ticken hörte und sogar, wie eine dicke Fliege von außen gegen die Fensterscheibe prallte. Adam holte tief Luft, schüttelte den Kopf und sah Sal fassungslos an. Was der alte Mann da andeutete – das konnte er doch nicht ernst meinen!

Adam hatte es schon oft mit zähen Verhandlungspartnern zu tun gehabt – und immer gewonnen. Das würde heute nicht anders sein. „Schön, du möchtest, dass Gina heiratet. Aber was hat das mit mir zu tun oder mit unseren Verhandlungen?“

„Verstehst du nicht?“, fragte Sal lächelnd. „Du bist allein, Adam. Und Gina auch …“

So hatte Adam sich die Verhandlungen nicht vorgestellt.

Gina? Heiraten? Ihn?

Das ging schon mal gar nicht. Als er Sal jedoch in die Augen sah, erkannte er, dass der Ältere es völlig ernst meinte, egal, wie durchgeknallt es klang. Adam biss die Zähne zusammen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Es half überhaupt nicht.

Gelassen lehnte Sal sich zurück und schien völlig im Einklang mit sich und der Welt zu sein. „Das ist das Geschäft, das ich dir vorschlage, Adam. Heirate meine Gina. Mach sie glücklich. Schenk ihr ein oder zwei Kinder. Dann bekommst du das Land.“

Kinder?

Adam meinte, keine Luft mehr zu bekommen. Er konnte kaum klar denken und wusste nur eins: So aufgebracht war er noch nie in seinem Leben gewesen. Was war hier eigentlich los? Eigentlich gab er in Verhandlungen den Ton an. Man überrumpelte ihn nicht, er war stets Herr der Lage. Und nun das!

Der ältere Mann schien es zu genießen, Adam so durcheinandergebracht zu haben. Und das regte ihn wiederum noch mehr auf.

„Das vergiss mal ganz schnell“, stieß Adam schließlich hervor. Mit großen Schritten ging er zum Fenster herüber, blickte kurz nach draußen und wandte sich dann wieder Sal zu, der immer noch ganz ruhig auf der Couch saß. „Was zum Teufel ist mit dir los, Sal? Bist du verrückt geworden? Töchter werden heutzutage nicht mehr gegen eine Mitgift verhökert. Das gab’s vielleicht mal im Mittelalter.“

Sal erhob sich langsam. „Ich habe wohl weniger davon“, sagte er dann. „Ganz im Gegensatz zu dir. Du glaubst doch wohl nicht, ich würde meine Gina dem Erstbesten geben? Und du denkst doch wohl nicht, sie wäre mir egal? Ich habe mir das Ganze sehr genau überlegt.“

„Du bist verrückt.“

Sal lachte, aber es klang nicht fröhlich. „Du möchtest das Land unbedingt? Dann sag Ja, und es gehört dir.“

„Das … das ist unglaublich.“ Die ganze Situation war verrückt, einfach völlig irre. Dabei hatte er Sal Torino immer gemocht. Wer hätte geahnt, dass der alte Mann den Verstand verloren hatte?

„Was ist denn daran so unverständlich?“, fragte Sal und ging zu Adam ans Fenster. „Ist es verrückt, wenn ein Vater sich um das Wohl seiner Tochter kümmert? Und gleichzeitig um das Wohl des Sohnes eines Freundes? Du bist ein guter Kerl, Adam. Aber du bist schon zu lange allein gewesen. Hast zu viel verloren.“

„Sal!“ In seiner Stimme schwang ein warnender Unterton mit.

Beschwichtigend hob Sal die Hand. „Schon gut. Lass uns nicht über die Vergangenheit reden, sondern über die Zukunft.“ Er sah aus dem Fenster und ließ den Blick nachdenklich über das Land schweifen, das sich weit vor ihnen erstreckte. Dann sagte Sal: „Meine Gina braucht in ihrem Leben mehr als nur ihre geliebten Pferde. Und du brauchst mehr als deine Ranch. Ist es denn da so verrückt zu denken, dass ihr gemeinsam etwas aufbauen könntet?“

Adam drehte sich zu ihm um. „Du willst deine Tochter an einen Mann verheiraten, der sie nicht liebt?“

Sal zuckte mit den Schultern. „Liebe kann wachsen.“

„Nicht bei mir.“

„Sag niemals nie, Adam. Ein Menschenleben ist lang, und man sollte es nicht allein verbringen.“

„Von welchem Kalenderblatt hast du das denn?“, fragte Adam spöttisch. Das weiß ich wirklich besser, dachte er. Ein Menschenleben ist nicht immer lang, und nach meiner Erfahrung sollte man es besser allein verbringen. Adam brauchte sich nur um seine Belange zu kümmern. Er lebte so, wie er es wollte, und war niemandem Rechenschaft schuldig. Daran wollte er auch nichts ändern.

Natürlich, er wollte das verdammte Land unbedingt. Es war – das gestand er sich ein – zu einer Art Besessenheit für ihn geworden, den einstigen Besitz der Kings wieder zurückzugewinnen. Doch dieses Ziel schien jetzt wieder in weite Ferne gerückt zu sein, und das ärgerte Adam maßlos.

„Schönen Dank, Sal. Aber … kein Interesse.“ So schon gar nicht. Er wollte das Land, dafür würde er allerdings unter keinen Umständen noch einmal heiraten. Das hatte er hinter sich. Selbst vor dem katastrophalen Ende war die Ehe nicht gut gelaufen, weder für ihn noch für seine Frau. Er war eben kein Mann für die Ehe.

„Denk noch mal drüber nach“, bat Sal ihn ruhig und zeigte aus dem Fenster.

Adam blickte in dieselbe Richtung und sah Gina, die mit ihrer Mutter über die Weide schlenderte. Während er dastand, ging Teresa fort. Jetzt stand ihre Tochter allein dort, umringt von ihren kleinen, kräftigen Pferden.

Ginas langes dunkles Haar glänzte im Sonnenlicht. Plötzlich lachte sie über irgendetwas und lehnte den Kopf zurück. Ein rundum schöner Anblick. Adam presste die Lippen aufeinander.

„Meine Gina ist eine wunderbare junge Frau. Du könntest es wirklich schlechter treffen.“

Adam riss seinen Blick von der Frau auf der Wiese los und schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich, Sal, das vergiss mal ganz schnell. Jetzt komm wieder zurück in die Realität, und nenne mir einen Kaufpreis, mit dem wir beide leben können.“ Er hielt es hier drinnen kaum noch aus. Wenn man Sal so ansieht, kommt man nicht auf den Gedanken, dass er der ungekrönte König des Irrsinns ist, dachte Adam. Aber er ist es. Wer verschachert heutzutage noch seine Tochter?

Er wusste selbst nicht warum, aber ein letztes Mal wollte Adam noch an Sals Vernunft appellieren. „Was glaubst du wohl, was Gina sagen würde, wenn sie dich hören könnte?“

Wieder zuckte Sal mit den Schultern und lächelte. „Sie braucht ja nichts davon zu erfahren.“

„Du spielst ein gefährliches Spiel, Sal.“

„Ich weiß, was gut für meine Kinder ist. Und ich weiß auch, was gut für dich ist. Das ist das Geschäft deines Lebens, Adam. Also schlage es nicht vorschnell aus.“

„Tut mir leid, Sal“, erwiderte Adam fest. „Ich heirate weder Gina noch sonst jemanden. Falls du jedoch wieder zu klarem Verstand kommst und vernünftig verhandeln willst, ruf mich an.“ Er musste hier raus. Dieser verrückte alte Mann! Ihm aus heiterem Himmel diesen irren Vorschlag zu machen!

Völlig durcheinander eilte er durch den Flur. Als er die Haustür aufriss, stieß Adam um ein Haar mit Teresa zusammen.

„Adam!“

„Teresa.“ Er nickte ihr kurz zu, warf noch einen ungläubigen Blick zurück und schloss dann die Tür von außen.

An der frischen Luft konnte er wenigstens wieder durchatmen. Ein leichter Wind wehte, und es roch nach Heu und Pferden. Ohne sich dessen richtig bewusst zu sein, sah Adam sich um und blickte zur Weide, wo Gina Torino mit ihren Pferden beschäftigt war.

Selbst auf diese Entfernung fühlte er sich so stark zu ihr hingezogen, wie er es seit Ewigkeiten nicht mehr erlebt hatte. Zum letzten Mal hatte er Gina auf der Beerdigung seiner Frau und seines Sohnes gesehen. Damals hatte er Gina in seinem Schmerz natürlich kaum beachtet. Und seitdem hatte er fast die ganze Zeit auf der Ranch gearbeitet.

Statt schnurstracks zum Auto zu gehen, schlug Adam zu seiner eigenen Überraschung plötzlich den Weg zur Pferdewiese ein.

Gina sah, wie Adam näher kam, und befahl sich, ruhig zu bleiben. Was ihr natürlich nicht gelang. Ganz im Gegenteil, das Herz schlug ihr bis zum Hals.

„O Shadow“, flüsterte sie ihrem Pferd zu. „Ich bin sooo dumm.“

„Guten Morgen, Gina.“

Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Aber ein Blick in seine faszinierenden dunklen Augen genügte, und schon war es um sie geschehen. Warum war das allein für sie bereits wie Ostern und Weihnachten zusammen? Warum musste es ausgerechnet Adam King sein, nach dem sie sich so verzehrte?

„Hallo, Adam“, sagte sie und beglückwünschte sich im Stillen dazu, dass ihre Stimme so ruhig klang. „Bist ja schon früh auf den Beinen heute Morgen.“

„Ja“, antwortete er einsilbig. „Ich hatte ein Treffen mit deinem Vater.“

„Worum ging’s denn?“

„Um nichts“, erwiderte er so schnell, dass es nur gelogen sein konnte. Es musste um sehr viel gegangen sein. Und wie Gina ihren Vater kannte, konnte das alles Mögliche und Unmögliche sein.

Aber es war eindeutig, dass Adam darüber nicht sprechen wollte. Deshalb hakte Gina nicht nach. Aus ihrem Vater würde sie es schon herausbekommen. Jetzt musste sie sich erst mal zusammenreißen, um in ihrer Aufregung kein dummes Zeug zu reden.

Nachdem Adam dichter herangetreten war, lehnte er sich gegen den Holzzaun und blinzelte in die Morgensonne. Und gerade in diesem Moment, wie um Gina zu ärgern, drehte der Wind, sodass sie Adams Duft wahrnahm.

Kein Hauch von einem aufdringlichen Aftershave. Nur Seife und Mann. Gina wagte kaum einzuatmen.

„Sieht aus, als hätte es Nachwuchs gegeben“, sagte er mit einem Blick auf das Fohlen.

Gina lächelte stolz. „Ja, das Kleine ist mitten in der Nacht gekommen. Ich war bis vier Uhr heute Morgen damit beschäftigt – darum sehe ich heute auch aus wie Frankensteins Gesellenstück.“

O nein! Am liebsten hätte Gina sich auf die Zunge gebissen. Richtig gut gelungen! Stoß den Mann deiner Träume nur mit der Nase darauf, wie schlimm du aussiehst. Zum ersten Mal seit der Beerdigung wechselst du ein paar Worte mit ihm und siehst absolut verboten aus. Na klasse!

„Du siehst doch gut aus“, sagte Adam kurz angebunden.

„O ja, ganz bestimmt.“ Gina lachte, strich Shadow noch einmal übers Fell und machte sich daran, durch das Gatter zu klettern.

Im gleichen Moment wurde ihr klar, dass sie lieber die paar Meter zur Pforte hätte gehen sollen. Denn prompt blieb Gina mit ihrem Stiefel hängen und verlor den Halt. Jetzt fällst du vor deinem Traummann auch noch in den Dreck, schoss es ihr in Sekundenbruchteilen durch den Kopf – doch da spürte sie bereits Adams rettende Hand.

„D… danke“, brachte sie stammelnd hervor – mehr nicht. Seine Nähe war zu überwältigend. Ihr Magen rotierte, ihr Blut pulsierte. Gina konnte diesen atemberaubend gut aussehenden Mann nur wortlos anschauen. Und dass er immer noch ihre Hand hielt, machte es nicht leichter.

Während Gina noch verzweifelt überlegte, wie sie ihre plötzliche Tölpelhaftigkeit erklären sollte, fragte Adam plötzlich: „Willst du mit mir essen gehen?“

3. KAPITEL

Adam stutzte. Hatte er das gerade wirklich gefragt? Andererseits – warum eigentlich nicht?

An Ginas Gesichtsausdruck erkannte er, dass sie ebenso überrascht war wie er. Sie hatte irgendetwas in ihm ausgelöst, ein Begehren, das ihn völlig unerwartet überwältigte.

Gina Torino war eine großartige Frau. Beim letzten Mal war ihm das gar nicht bewusst geworden. Aber jetzt brauchte er sie nur anzusehen, und längst verloren geglaubte Empfindungen erwachten in ihm. Und er war Mann genug, um diese Gefühle zu genießen.

Sie sah ihn aus ihren hellbraunen Augen an, und ihm ging wie in einer Endlosschleife derselbe Gedanke durch den Sinn: das Angebot ihres Vaters. Und als sein Verlangen heiß und immer heftiger wurde, sagte Adam sich, dass der Vorschlag vielleicht doch gar nicht so schlecht war. Es gab sicher schlimmere Schicksale, als mit Gina Torino verheiratet zu sein.

Für einen Moment gewann sein Verstand wieder die Oberhand. Hatte er das tatsächlich gedacht? Zog er die Heirat ernsthaft in Erwägung? Andererseits – es musste ja nicht für immer und ewig sein. Und sie mussten ja auch nicht zwangsläufig Kinder in die Welt setzen. Er musste Gina nur heiraten und würde das heiß begehrte Land bekommen. Nach Ablauf einer Anstandsfrist könnte er sich wieder scheiden lassen, eine gute Abfindung zahlen – und alle wären glücklich und zufrieden.

Halt! War er jetzt schon genauso verrückt wie der alte Sal? Wahrscheinlich. Aber trotzdem – es war doch Adams Stärke, eine Situation nüchtern zu beurteilen und dann die Entscheidung zu treffen, die ihm die meisten Vorteile brachte. So auch diesmal!

Er wollte Sal ja nicht betrügen. Der alte Mann hatte den grotesken Plan schließlich selbst ausgeheckt. Und Gina?

Blitzschnell musterte er sie, ihre glänzenden Augen, die vollen Lippen, ihre üppigen Brüste, die sich unter der verwaschenen Bluse abzeichneten … die schöne Hüfte, ihre langen Beine.

Jeder Mann würde sich nach ihr umdrehen. Ja, definitiv, der Plan des alten Sal war es durchaus wert, noch einmal darüber nachzudenken!

„Überrascht dich mein Vorschlag?“, fragte er, um das Schweigen zu beenden.

„Allerdings.“ Sie strich sich über die Hose, aber offensichtlich mehr aus Nervosität, als um sich die Hände abzuwischen. „Wir haben in den letzten fünf Jahren nicht mal ein Wort miteinander gewechselt, Adam.“

Das konnte er nicht leugnen. Er war nie besonders gesellig gewesen, ganz im Gegensatz zu seinen Brüdern. Und in den letzten Jahren hatte er sich von seinen Nachbarn geradezu abgekapselt. „Ich … ich hatte viel zu tun.“

Sie lachte, und ihr helles, klares Lachen klang wie Musik in seinen Ohren, beglückte und bezauberte ihn. Und es verstörte ihn gleichzeitig. Mit körperlichem Begehren konnte er umgehen, das könnte er für seine Zwecke nutzen. Aber so richtig etwas für Gina empfinden – das hatte er eigentlich nicht vor.

Auf jeden Fall hatte sie sein Verlangen geweckt. Und nach all den Jahren, in denen er absolut nichts gespürt hatte, tat das verdammt gut. Adam musste nur dabeibleiben, er durfte sein Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das Land. Also: Gina heiraten, ein bisschen Spaß haben. Wenn das vorbei war, würden sie sich scheiden lassen. Und das Land würde ihm gehören.

„Ach, du hattest viel zu tun.“ Amüsiert lächelte sie. „Fünf Jahre lang.“

Er zuckte die Schultern. „Und was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein?“

„Ich meine, was hast du so getrieben in letzter Zeit?“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, in den letzten fünf Jahren? Es dauert eine Weile, das zu erzählen.“

„Du hättest ja beim Essen Gelegenheit dazu.“

„Vorher muss ich dir noch eine Frage stellen.“

„Bitte, nur raus damit.“ Frauen hatten immer tausend Fragen.

„Warum?“

„Warum was?“

„Warum lädst du mich zum Essen ein?“ Sie steckte die Hände in die Gesäßtaschen, und der Stoff der Bluse spannte über ihren wundervollen Brüsten. „Warum willst du das auf einmal?“

Adam runzelte die Stirn. Jetzt musste er sich anstrengen. „Ich, äh, das ist doch keine große Sache. Ich habe dich gesehen, wir haben geplaudert, ich habe dich gefragt. Wenn du nicht möchtest, dann eben nicht.“

Sie sah ihn eine Weile schweigend an. Adam wusste, dass sie nicht ablehnen würde. Sie war interessiert. Und mehr noch, sie spürte auch dieses erotische Knistern zwischen ihnen. Er las es in ihren Augen.

„Ich habe ja nicht gesagt, dass ich nicht möchte“, meinte sie dann. Er hatte also recht gehabt. „Ich habe mich nur gewundert.“

Lächelnd betrachtete er sie. „Essen müssen wir ja schließlich beide. Warum dann nicht zusammen?“

„Okay … Wohin gehen wir denn?“

Er musste das erstbeste Restaurant vorschlagen, das ihm in den Sinn kam. Schließlich hatte Adam nichts im Voraus geplant. Er war zu den Torinos gekommen, um ein Geschäft zu machen. Nun, offenbar würde er das Geschäft jetzt tatsächlich noch abwickeln – wenn auch ganz anders als erwartet.

Vor Freude hätte Gina Liftsprünge machen können. Sie konnte gar nicht fassen, dass Adam King endlich von ihr Notiz nahm. Doch der erste Enthusiasmus wich schon bald einer gewissen Skepsis. Warum jetzt? Gina kannte Adam schon von klein auf. Und bis vor fünf Minuten hatte er sie nie beachtet, höchstens mal Hallo gesagt.

Seit seine Frau und sein Sohn vor fünf Jahren gestorben waren, hatte Adam fast wie ein Einsiedler gelebt. Er kapselte sich von allem ab, außer von seinen Brüdern. Und natürlich kümmerte er sich um seine Ranch.

Jetzt hatte er sich plötzlich in einen Charmeur verwandelt? Gina war misstrauisch, aber die Freude überwog am Ende doch.

„Gehen wir doch ins ‚Serenity‘.“

Oha! Das exklusive Restaurant an der Küste, in dem man nur sehr schwer einen Tisch bekommen konnte. Adam legte sich ja mächtig ins Zeug!

„Hört sich nicht schlecht an“, sagte Gina gelassen und dachte: Wow, großartig, ich kann es kaum erwarten! Warum hast du dafür so lange gebraucht?

„Sagen wir morgen Abend um sieben?“

„Gut. Um sieben.“ Kaum hatte sie zugestimmt, sah sie das triumphierende Glitzern seiner Augen. Argwöhnisch hakte sie nach: „Trotzdem würde mich interessieren, wie ich so plötzlich zu dieser Ehre komme.“

Einen Moment wirkte Adam sehr ernst, aber dann lächelte er sie wieder freundlich an. „Gina, wenn du keine Lust hast, kannst du auch Nein sagen.“

„Nein, nein, ist schon in Ordnung.“ Sie nahm die Hände aus den Taschen.

„Na, das freut mich.“ Er nahm ihre Hand, sah ihr in die Augen und sagte: „Ich hole dich also morgen um sieben ab. Dann kannst du mir ausführlich erzählen, was du die letzten fünf Jahre so getrieben hast.“

Als er ihre Hand wieder losließ, spürte Gina immer noch die wohlige Wärme, die seine Berührung ausgelöst hatte. Oh, er konnte ihr wirklich gefährlich werden!

Adam benahm sich charmant, freundlich … verführerisch.

Irgendetwas stimmte da nicht. Er verschwieg ihr etwas. Und dennoch hätte sie für nichts auf der Welt auf die Einladung verzichtet.

„Gut, ich bin um sieben fertig.“

„Dann … bis morgen.“ Er lächelte sie noch einmal an, bevor er sich umwandte und entschlossen zu seinem Geländewagen ging, den er vor dem Haus geparkt hatte.

Gina stand einfach nur da, blickte ihm nach und genoss den Anblick. Einen schönen Hintern hat er, überlegte sie. In den dunklen Jeans kommt er großartig zur Geltung. Sein dunkelbraunes Haar glänzte in der Sonne.

Ihr Herz schlug schneller. Ein komisches Gefühl. Und kein gutes Zeichen. „O Gina“, murmelte sie vor sich hin, „du steckst ganz schön in Schwierigkeiten.“

Dass sie Adam so nah gewesen war, dass er endlich auf sie aufmerksam wurde – das hatte all ihre alten Träume und Fantasien zu neuem Leben erweckt. Sie fühlte sich mit einem Mal ganz zittrig. Genau wie damals, als sie in einer Stunde drei Espressos getrunken hatte. Allerdings übte Adam King eine weitaus verheerendere Wirkung auf sie aus als Koffein.

Adam bog auf die Hauptstraße ab. Sanft strich Gina mit den Fingern über die Stelle, wo Adam sie berührt hatte. Dann blickte sie zum Haus hinüber. Adam wollte ihr offenbar nicht sagen, was wirklich los war. Aber sie hatte das Gefühl, dass ihr Vater ihr Antworten auf ihre Fragen geben konnte.

„Ich glaub’s einfach nicht“, murmelte Gina immer wieder und ging wütend im Zimmer auf und ab. Seit ihr Vater ihr gebeichtet hatte, worum es beim Treffen mit Adam King wirklich gegangen war, konnte sie sich nicht mehr beruhigen. Stillsitzen – unmöglich.

Immer wieder warf sie ihrem Vater wütende Blicke zu. Am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht geschrien. Schließlich hatte sie sich jedoch so weit im Griff, dass sie ihn mit halbwegs ruhiger Stimme fragte: „Du wolltest mich verkaufen?“

„Gina, ich glaube, du übertreibst ein bisschen.“ Äußerlich ruhig saß Sal auf dem Sofa, nur sein Blick spiegelte ein leichtes Schuldbewusstsein.

„Ich übertreibe?“ Theatralisch hob sie die Arme. „Was bin ich denn, eine Prinzessin in einem Schloss? Und du, Papà? Bist du ein alter Feudalherr? So etwas kenne ich höchstens aus irgendwelchen Romanen, die im Mittelalter spielen.“ Wütend zeigte sie mit dem Zeigefinger auf ihn. „Nur, mein lieber Vater, dass wir im einundzwanzigsten Jahrhundert leben!“

„Ihr Frauen seht immer alles so gefühlsbetont“, murmelte Sal. „Deshalb herrschen auch immer die Männer.“

„So siehst du das also?“ Teresa Torino schlug ihrem Mann sanft auf den Oberarm. „Wenn überhaupt, herrschen Männer, weil die Frauen es ihnen erlauben.“

Normalerweise hätte Gina angesichts dieser Szene gelächelt. Doch im Augenblick war ihr wirklich nicht dazu zumute. Am liebsten wäre sie vor Scham im Erdboden versunken. Was Adam wohl gedacht hatte, als ihr Vater ihn mit seinem „Plan“ konfrontiert hatte? Sie wollte es sich lieber gar nicht vorstellen. Wie peinlich!

„Du hast doch selbst gesagt, Gina müsste heiraten und Kinder kriegen“, entgegnete Sal an seine Frau gewandt.

„Aber doch nicht so! Und schon gar nicht mit dem!“

„Wieso, was ist denn nicht in Ordnung mit Adam?“, fragte Sal.

Mit Adam ist alles in Ordnung, dachte Gina. Das hätte sie jetzt natürlich um keinen Preis laut ausgesprochen.

„Er … er hat so etwas an sich“, sagte Teresa ausweichend.

Gina stöhnte genervt auf.

„Du kannst das doch gar nicht beurteilen“, entgegnete Sal. „Du kennst ihn doch gar nicht richtig.“

„Ach ja, aber du! Du kennst ihn gut genug, um deine Tochter an ihn zu verschachern!“

So ging es hin und her. Gina hörte nur mit halbem Ohr zu. In ihrer Familie gehörte es zum normalen Umgang, sich anzuschreien, genau wie die ständigen Umarmungen und das Lachen. Italiener, sagte ihre Mutter oft, leben intensiv und kosten die Momente voll aus. Ginas Vater konterte dann stets, seine Frau lebe Momente vor allem laut aus. Aber im Grunde lief es auf dasselbe hinaus.

Gina und ihre Brüder waren mit Lachen aufgewachsen, mit Schimpfen und Schreien, mit Umarmungen und Liebkosungen und mit noch mehr Schimpfen und Schreien. Und vor allem mit der Gewissheit, dass sie von ihren Eltern bedingungslos geliebt wurden.

Heute aber … heute hätte Gina ihren Vater, den sie so liebte, am liebsten gewürgt. Sie sah sich im Wohnzimmer um, schaute auf die gerahmten Fotos, die auf Schränken und Tischen herumstanden und an jeder freien Stelle an den Wänden hingen. Es waren Dutzende Aufnahmen, die ihre Brüder und deren Familien zeigten. Und auch jede Menge alte, teils schon ausgeblichene Schwarz-Weiß-Fotos von Großeltern und Urgroßeltern waren darunter. Dazu Bilder von Kindern in Italien – irgendwelche Cousins, die Gina noch nie gesehen hatte. Natürlich prangten auch Fotos von Gina selbst an den Wänden. Gina, mit ihrem ersten eigenen Pferd. Gina in Baseballkleidung. Gina, fein herausgeputzt für den Abschlussball der Highschool.

Auf all diesen Bildern war Gina allein. Kein Ehemann. Keine Kinder.

Nur die nette Tante Gina. Die alte Jungfer!

Im Torino-Clan galt die Familie als das Höchste. Und eigentlich teilte Gina diese Einstellung.

Sie hatte sich immer eine eigene Familie gewünscht. Gina war immer davon ausgegangen, dass auch sie Kinder bekommen würde, wenn es denn so weit war. Doch der Zeitpunkt war nie gekommen. Die Familien ihrer Brüder wuchsen und wuchsen, während Gina allein blieb. Irgendwann hatte sie sich damit abgefunden, dass ihre Lebensträume wohl nicht mehr in Erfüllung gehen würden.

Die ganze Zeit über war sie unruhig auf und ab gegangen. Jetzt zwang Gina sich zur Ruhe und versuchte, nicht weiter zu grübeln. Nachdenklich sah sie zum Fenster, durch das die Sonne schien, und beobachtete die winzigen Staubpartikelchen, die im Licht tanzten. Von der Küche aus drang der vertraute Duft von Teresas Spaghettisoße ins Zimmer und umhüllte Gina.

Sal warf seiner Frau einen mürrischen Blick zu, sah dann seine Tochter an und murmelte: „Übrigens ist die ganze Diskussion sowieso sinnlos. Du regst dich völlig umsonst auf, Gina. Adam hat nämlich abgelehnt.“

„Was? Das hat er getan?“, fragte Gina.

„Natürlich hat er“, kommentierte Teresa und versetzte ihrem Mann wieder spielerisch einen Schlag auf den Oberarm.

„Hey“, protestierte Sal.

„Mit Adam King schließt man sowieso keinen Pakt“, sagte Teresa und hob warnend den Zeigefinger. „Er hat so etwas Finsteres an sich … und in sich auch.“

Sal verdrehte die Augen, während Gina aufstöhnte. Jeder Mann, der keine Spaghetti mochte, machte sich in Teresa Torinos Welt von vornherein höchst verdächtig.

„Adam ist doch in Ordnung“, erklärte Sal. „Er ist ein guter Geschäftsmann, solide von vorn bis hinten. Und reich ist er auch. Keiner, bei dem man befürchten müsste, dass er Gina nur des Geldes wegen nimmt.“

„Oh, vielen Dank, Papà! Das war ja ganz außerordentlich charmant!“

„Und“, fuhr Sal fort, bevor er noch einmal unterbrochen werden konnte, „er braucht eine Frau.“

„Er hatte doch schon eine Frau“, sagte Teresa.

„Ja, aber die ist tot.“

„Und jetzt soll ich die Lückenbüßerin spielen?“, fragte Gina aufgebracht.

„Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine sei“, zitierte Sal daraufhin aus der Bibel.

„Himmel, jetzt ist aber mal Schluss!“ Gina ließ sich auf den nächstbesten Sessel fallen. „Du machst mich noch wahnsinnig.“

„Jetzt sei nicht so frech zu deinem Vater“, ermahnte Teresa ihre Tochter.

„Wie bitte?“ Teresa sah ihre Mutter verblüfft an. Das war mal wieder typisch. Gerade eben noch war Teresa stocksauer auf ihren Mann gewesen. Aber kaum wurde er von jemand anderem angegriffen, verteidigte sie ihn.

„Mom, ich weiß, dass Papà es nur gut gemeint hat. Aber die ganze Sache ist doch …“ Sie hielt inne und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht mal, wie ich es nennen soll. Du weißt schon … erniedrigend. Peinlich. Blamabel.“

„Jetzt krieg dich mal wieder ein“, sagte Teresa.

Gina sah ihre Mutter wortlos an. Wie sollte man mit solchen Eltern vernünftig diskutieren? Warum lebte sie überhaupt noch hier auf der Ranch?

Am liebsten hätte sie laut losgeschrien. Wie demütigend war das denn? War sie so eine erbärmliche, bemitleidenswerte Kreatur, dass ihr Vater sich gezwungen sah, ihr einen Ehemann zu kaufen?

Sie bekam bestimmt bald Kopfschmerzen, in der Brust verspürte sie einen Stich. Ihre Mutter murmelte irgendetwas, aber Gina nahm es kaum wahr. Im Moment konnte sie nicht an ihre Eltern denken.

Was Adam wohl gedacht hatte? Ojeoje, sie wollte es lieber gar nicht wissen. Bloß nicht drüber nachdenken. Sie könnte ihm nie wieder in die Augen sehen. Und die Einladung morgen zum Abendessen … Das ging unter diesen Umständen gar nicht.

In diesem Moment begriff Gina erst richtig, was ihr Vater gesagt hatte.

Adam hatte das Angebot abgelehnt. Er wollte sie nicht heiraten, nicht mal für das Land, das er um jeden Preis besitzen wollte. Aber warum war er dann zu ihr gekommen und hatte sie zum Essen eingeladen? Aus reinem Mitleid?

Die arme kleine Gina bekommt sowieso keinen Mann ab, spendieren wir ihr wenigstens mal ’ne warme Suppe …?

Nein. Adam war kein Wohltäter-Typ. Auf das ewige „Finsternis“-Geschwätz ihrer Mutter gab Gina zwar überhaupt nichts. Aber er war tatsächlich kein Mensch, der sich besonders für das Wohl anderer einsetzte.

Was hatte das Ganze also zu bedeuten?

In ihrem Kopf hämmerte es immer mehr, jetzt schon in Richtung Migräne.

„Und jetzt?“, fragte Sal plötzlich. „Wie lange wollt ihr mir jetzt böse sein?“

Gina warf ihrem Vater einen zornigen Blick zu.

„Wird wohl noch eine Weile dauern“, beantwortete er sich die Frage selbst.

„Soll ich Adam anrufen?“, fragte Teresa. „Und ihm alles erklären?“

„Um Himmels willen, nein!“ Gina sprang auf. „Ich bin doch kein kleines Kind mehr.“

„Ich will ja nur helfen.“ Der Tonfall ihrer Mutter klang besänftigend. „Ich kann ihm erklären, dass dein Papà verrückt ist.“

„Ich bin nicht verrückt“, protestierte Sal sofort.

„Darüber ließe sich streiten“, kommentierte Gina sarkastisch, woraufhin ihr Vater prompt leicht errötete.

„Ich hab’s doch nur gut gemeint.“ Er verzog den Mund.

Gina seufzte. Auch wenn er sie manchmal zur Weißglut trieb – lange konnte sie ihm nie böse sein. Dafür liebte sie ihn viel zu sehr. „Das weiß ich doch, Papà. Aber halte dich bitte in Zukunft aus meinem Liebesleben raus.“

„Ja, klar doch.“

Als ihre Eltern erneut zu streiten begannen, ging Gina aus dem Wohnzimmer. Eine weitere Diskussion wollte sie sich nicht anhören.

Nachdem sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, schlenderte Gina über den Hof zu ihrem Häuschen und trat ein.

Es war still. Leer. Niemand wartete auf sie, nicht mal ein Haustier. Weil sie so viel Zeit mit ihren Pferden verbrachte, wäre es ihr auch komisch vorgekommen, noch ein weiteres Tier um sich zu haben.

Im Wohnzimmer sah sie sich um. Sie kannte hier ja alles, aber plötzlich war ihr, als sähe sie alles mit anderen Augen.

Wie im Hauptgebäude hingen auch hier viele gerahmte Fotos. Bilder ihrer Nichten und Neffen. Lachende Kinder mit Zahnlücken. Schnappschüsse von Ausflügen in Vergnügungsparks, Kinder auf Pferden, Kinder beim Essen an Ginas Küchentisch. Und Kinderzeichnungen an der Wand, liebevoll von den kleinen Künstlern signiert mit „für Tante Gina“.

Auch Spielzeug gab es bei ihr. Manches lag auf ihrem Kaffeetisch verstreut herum. Der Rest war in einer Truhe unter ihrem großen Fenster verstaut. Puppen und Feuerwehrautos. Malbücher und ein Gameboy.

Das war ihr Leben, ihr Schicksal. Und so würde es wohl immer sein. Immer die Lieblingstante. Die Kinder, die sie liebte, würden nie die eigenen sein. Und sie würde als alte Jungfer enden, vereinsamt, vielleicht mit drei, vier Katzen um sich.

Als sie sich das so ausmalte, die Jahre, die verrannen, ohne Änderung, ohne Bewegung, traten Gina Tränen in die Augen. Ihr Haus war kein Zuhause, es war der Ort, an dem sie übernachtete. Ein Ort, den Kinder aufsuchten, um dann wieder zu gehen. Ein Ort, heimgesucht nur von den Kindern, die sie gerne gehabt hätte und nie haben würde.

Wenn sie nicht etwas dagegen unternahm, etwas schier Undenkbares.

Etwas, mit dem niemand rechnete. Am allerwenigsten Adam King.

4. KAPITEL

Eines war schon mal klar: Ein Date mit Adam King – und zumal dieses – verlangte nach einem neu gekauften Kleid.

Gina drehte sich vor dem Spiegel und befand, dass sie verdammt gut aussah. Das schwarze Kleid endete knapp über den Knien. Der Ausschnitt war nicht sündig-tief, aber doch so, dass man zumindest ahnte, was unter dem Seidenstoff verborgen war. Ginas Haar hing in vollen Locken auf die Schultern. Und in den neuen hochhackigen Sandaletten wirkte sie ein ganzes Stück größer.

„Siehst du“, sagte sie lächelnd zu ihrem Spiegelbild, „so geht das schon mal. Das wird toll laufen. Ich bin so was von bereit.“

Ihre Miene spiegelte noch leise Zweifel. Doch bevor Gina weiter darüber nachdenken konnte, klopfte es an der Tür.

Schnell griff Gina nach ihrer Handtasche und eilte zum Eingang. Aber als sie die Tür öffnete, stand nicht Adam, sondern ihr Bruder Tony vor ihr.

„Hallo“, sagte er. „Ich habe gerade mit Mom gesprochen und dachte, ich schaue lieber mal vorbei.“

„Keine Zeit“, erklärte Gina kurz angebunden und schaute an ihm vorbei zur Auffahrt.

„Warum denn nicht?“

„Ich habe ein Date.“ Sie machte eine Handbewegung, um ihren Bruder zum Gehen zu bewegen. „Danke für den Besuch und tschüß.“

Unbeeindruckt ging er an ihr vorbei ins Haus. Gina sah missbilligend auf die Staubspuren, die seine Stiefel auf dem Boden hinterließen. „Was willst du hier?“

„Mom hat mir erzählt, was Pop getan hat.“

„Na super.“ Wahrscheinlich hatte ihre Mom auch gleich noch Peter und Nicky angerufen, um alle über Ginas erbärmliches Liebesleben auf dem Laufenden zu halten. Am besten setzte sie es gleich in die Zeitung.

„Ich wollte dir nur sagen … Pop lag natürlich völlig daneben. Du brauchst ihn nicht, um einen Mann zu finden.“

„Oh, danke für das Vertrauen“, sagte Gina und schob Tony spielerisch in Richtung Tür. Er sollte verschwinden, bevor Adam ankam.

„Denn … wenn du einen Typen willst, kann ich einen für dich finden.“

„Was?! Nein!“

Tony zuckte mit den Schultern. „Ich meine ja nur … Kennst du übrigens Mike von der Bankfiliale? Netter Typ. Hat einen guten Job und …“

„Hat die Sache mit Papà denn nicht gereicht?“

„Pop hat den Fehler gemacht, auf Adam zu setzen“, erklärte Tony. „Das ist nichts. Sicher, er ist ganz in Ordnung, aber er ist, äh, emotional verkümmert.“

„Emotional verkümmert, ja?“ Gina schüttelte den Kopf. „Hast du wieder in Vickies Frauenzeitschriften gelesen?“

Tony grinste. „Man muss eben auf dem Laufenden bleiben. Frauchen soll ja nicht denken, dass ich nur ein dummer Rancharbeiter mit nichts in der Birne bin.“

„Ja, fein. Warum gehst du jetzt nicht nach Hause und erzählst ihr das? Oder wahlweise deinem Friseur?“

„Warum hast du es denn so eilig? Willst du mich loswerden?“ Erst in diesem Moment schien ihm das Kleid aufzufallen. Anerkennend pfiff Tony durch die Zähne. „Mann, Gina. Siehst ja klasse aus heute. Wie war das? Sagtest du vorhin, du hast tatsächlich eine Verabredung?“

„Warum überrascht dich das so?“, fragte sie gekränkt.

„Na, weil du sonst nie ausgehst.“

„Das stimmt doch überhaupt nicht.“ Na ja, eigentlich doch, fast jedenfalls. Sie war zwar kein scheues Mauerblümchen, aber auch nicht gerade der strahlende Mittelpunkt jeder Party. Vielleicht wäre es leichter gewesen, hätte sie Schwestern gehabt statt dreier wohlmeinender, aber auch anstrengender Brüder, die sich ständig einmischten.

„Mit wem gehst du denn aus?“

„Das geht dich gar nichts an. Au weia, schon so spät.“

„Du kannst mir doch ruhig sagen, wer …“

„Hallo, Tony.“

Beide drehten sich um. Die tiefe Stimme gehörte Adam. Er trug einen elegant geschnittenen schwarzen Anzug, der ihm ebenso gut stand wie die Jeans und Cowboystiefel, die er bei der Arbeit anhatte. Als er sie und Tony musterte, glaubte Gina in seinem Blick stille Belustigung zu lesen.

Wie lange zum Teufel hatte er schon dort gestanden? Was hatte er mitbekommen?

„Hallo, Adam“, sagte Tony und streckte die Rechte aus.

Adam schüttelte ihm kurz die Hand, bevor er sich Gina zuwandte. Sein Blick allein genügte schon, um ihr Herz laut pochen zu lassen.

„Du siehst umwerfend aus.“ Adam lächelte sie an.

„Danke. Äh, Tony wollte gerade gehen.“

„Wollte ich doch gar nicht.“

„Aber wir machen uns jetzt auf den Weg“, erwiderte Adam und reichte Gina die Hand.

Tonys verdutztes Gesicht zu sehen war unbezahlbar. Gina ging an ihm vorbei, warf ihm über die Schulter jedoch noch einen Blick zu. „Schließ ab, wenn du gehst, ja?“

Allein das Restaurant zu betreten war ein wahres Erlebnis. Hoch oben auf einem Felsvorsprung thronte das Gebäude, und die dem Ozean zugewandte Seite bestand fast durchgängig aus Glas. So hatten die Gäste einen atemberaubenden Ausblick auf das Meer und konnten beobachten, wie die Wellen im Mondlicht gegen die Felsen rauschten. Eine Band spielte leise Jazzmusik. Gina meinte, dass die Beleuchtung bewusst dezent gehalten wurde. Auf jedem Tisch stand eine Kerze.

Es war ein wirklich vollkommener Abend. Adam unterhielt sie auf sehr charmante Weise. Und er erwähnte mit keinem Wort das Geschäft, das Ginas Vater ihm vorgeschlagen hatte. Gina genoss jede Minute, auch wenn sie noch immer leichtes Unbehagen verspürte.

Als sie mit dem Essen fertig waren und zum Abschluss einen Kaffee tranken, hatte sie das Gefühl, eine Entscheidung treffen zu müssen. Entweder Gina weihte Adam in ihren geheimen Plan ein – oder sie vergaß das Ganze. Nachdenklich sah sie aus dem Panoramafenster und betrachtete die Wellen, die gegen die Felsen prallten und weiße Gischt versprühten.

„Woran denkst du gerade?“

„Wie bitte?“ Sie wandte sich wieder Adam zu, der sie amüsiert lächelnd beobachtete. „Oh, ich war mit meinen Gedanken ganz weit weg.“

„Und wo genau?“

Jetzt oder nie, sagte sie sich und schob die Kaffeetasse nervös auf dem Tisch hin und her. Du solltest es jetzt sagen oder für immer schweigen, überlegte Gina. Für immer schweigen – komisch, dass ihr gerade diese Formulierung in den Sinn kam.

„Adam“, sagte sie dann kurz entschlossen. „Ich weiß, was mein Vater dir vorgeschlagen hat.“

„Wie bitte?“

Jetzt war sie diejenige, die lächelte. „Du brauchst gar nicht so zu tun. Papà hat mir alles gebeichtet.“

Er runzelte die Stirn und trank einen Schluck Kaffee. „Hat er dir auch erzählt, dass ich abgelehnt habe?“

„Ja.“ Gina rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. „Und übrigens … danke dafür.“

„Schon in Ordnung.“ Er lehnte sich zurück und sah sie abwartend an.

„Aber ich habe mich gefragt“, fuhr sie fort, „warum du mich zum Essen eingeladen hast. Ich meine, wenn du dir keine Braut kaufen willst – warum dann die Einladung?“

„Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.“

„Ich weiß nicht recht“, sagte Gina leise und strich mit dem Zeigefinger über den Tassenrand. „Ich hatte ja ein bisschen Zeit, über all das nachzudenken und …“

„Gina.“

„Also … Als Papà dir das … Geschäft vorschlug, war deine erste Reaktion: Nein, auf gar keinen Fall.“

„Genauso war es“, bestätigte Adam.

„Und dann …“ Sie lächelte, weil er jetzt noch ernster wirkte. „Dann hast du darüber nachgedacht. Du kamst aus dem Haus, hast mich gesehen und dir gesagt, dass es vielleicht doch gar keine so schlechte Idee wäre.“

Jetzt saß er kerzengerade auf seinem Stuhl. Wohl damit nicht jeder mithörte, beugte Adam sich zu ihr und sah ihr direkt in die Augen. „Ich habe dich definitiv nicht hierher eingeladen, um dir einen Heiratsantrag zu machen.“

Gina musste lachen. „Nein, natürlich nicht. Auf jeden Fall nicht sofort. Es sollte nur ein Date sein.“ Sie hielt inne, lächelte wieder und blickte sich im Restaurant um. „Und es war übrigens ein absolut fantastisches Date. Na ja, und dieser Verabredung wären weitere gefolgt. Nach ein paar Monaten hättest du mir dann den Heiratsantrag gemacht.“

Während er sie schweigend musterte, erkannte sie, dass sie recht hatte. Aus welchen Gründen auch immer, offenbar zog Adam den Vorschlag ihres Vaters nun doch in Betracht. Was ja gut war. Irgendwie. Natürlich gefiel ihr der Gedanke nicht, dass er sie nur heiraten wollte, weil er damit ein bestimmtes Ziel verfolgte. Im Gegenteil, es tat Gina weh. Schließlich war sie seit ihrem vierzehnten Lebensjahr in Adam King verliebt. Aber immerhin gab das ihrem Plan mehr Sinn.

„Okay, das reicht jetzt.“ Er gab der Kellnerin ein Zeichen. „Tut mir leid, dass du es so siehst. Damit ist der Abend wohl beendet. Ich bringe dich nach Hause.“

„Moment, ich bin noch nicht fertig“, sagte sie und lehnte sich zurück. „Ich kenne dich doch, Adam. Du bist jetzt peinlich berührt.“

„Nein, Gina, ich bin enttäuscht, da du meine Einladung falsch aufgefasst hast.“

„Oh, das habe ich überhaupt nicht“, widersprach sie. „Ich verstehe das alles sehr gut.“

„Was verstehst du?“

„Ich weiß, wie viel dir daran liegt, den alten King-Besitz wieder komplettzubekommen. Und ich weiß, dass du dafür fast alles tun würdest.“

„Ach, glaub doch, was du willst“, erwiderte er barsch. In diesem Moment brachte die Kellnerin ihnen die Rechnung. Nachdem Adam den Beleg erhalten hatte, fuhr er fort: „Sogar das hat Grenzen, Gina. Grenzen, die ich nicht überschreiten würde.“

„Wenn das so ist … Schade eigentlich.“

„Wie bitte?“

„Adam, ich weiß, dass du das Land willst. Du willst nicht heiraten. Und du wirst ungern von anderen für deren Zwecke eingesetzt. Genau wie ich.“

Er nickte. „Das stimmt.“

„Wie gesagt, ich habe über die ganze Sache nachgedacht. Und ich glaube, ich habe eine Lösung gefunden, die uns beiden hilft.“

Abwartend verschränkte er die Arme vor der Brust. „Na, da bin ich aber gespannt.“

Mit Erleichterung stellte Gina fest, dass das Unwohlsein fort war, das sie den Abend über geplagt hatte. Weil sie jetzt endlich alles angesprochen hatte? Weil sie wusste, dass sie das Richtige tat? Oder lag es nur am Wein, den sie zum Essen getrunken hatte?

Ist jetzt auch egal, dachte sie. Sie war schon zu weit gegangen. Einen Rückzieher konnte sie nicht mehr machen.

„Ganz einfach“, sagte sie. „Ich bin bereit, den Vorschlag meines Vaters mit dir zu besprechen.“

Adam fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Hatte Gina das gerade wirklich gesagt? Allein dass sie Sals Angebot kannte, war schon schlimm genug. Und was ihn noch stärker beunruhigte: Sie lag mit ihrer Vermutung richtig, er zog tatsächlich in Erwägung, den Vorschlag anzunehmen. Kannte Gina ihn so gut? Und warum in aller Welt sollte eine Frau wie sie über ein derart beleidigendes Angebot überhaupt nachdenken?

Im Kerzenlicht schimmerten Ginas hellbraune Augen fast golden. Ihre Haut war zart und weich. Er hatte den ganzen Abend kaum den Blick von ihr wenden können. Ihre dichten dunklen Locken luden geradezu dazu ein, die glänzenden Wellen zu berühren. Und das schwarze Kleid betonte Ginas perfekte Kurven.

Warum war ihm all die Jahre über nicht aufgefallen, wie verführerisch sie war? Hatte er sie nur nie beachtet, weil er sie schon als kleines Mädchen gekannt hatte? Nun ja, jetzt war Gina erwachsen, verdammt erwachsen. Und erstaunlicherweise schien sie Gefallen am Vorschlag ihres Vaters zu finden.

Das machte Adam am meisten zu schaffen.

„Warum solltest du das tun?“

„Ich habe meine Gründe“, antwortete sie und schenkte ihm ein unergründliches Lächeln.

Adam wurde einfach nicht schlau aus ihr. Sie sah wirklich sehr gut aus – aber das war es nicht allein. Sie hatte etwas Undefinierbares an sich. Etwas Geheimnisvolles, das ihn in ihren Bann zog. Warum sonst hätte er an Sals Vorschlag überhaupt noch einen Gedanken verschwendet?

„Und was sind das für Gründe?“, fragte er interessiert nach.

„Meine Gründe.“ Mehr verriet sie nicht.

Der Abend verlief völlig anders, als Adam erwartet hatte. Was war bloß mit den Torinos los, dass sie ihn so aus der Fassung bringen konnten? Erst ihr Vater, jetzt sie. Dabei war Adam doch derjenige, der stets den Ton angab. Bei Geschäftsverhandlungen wusste er immer, was der andere plante, und bereitete sich rechtzeitig auf den nächsten Schachzug vor. Er bekam normalerweise immer, was er wollte.

Dass es jetzt andersherum zu laufen schien, passte ihm überhaupt nicht. Ihm war verdammt unwohl, weil Gina ihn anscheinend so gut kannte und einzuschätzen wusste. Sie sah ihn ruhig, fast selbstzufrieden an. Sie schien absolut Herrin der Lage zu sein.

Er musste wieder die Oberhand gewinnen und Gina klarmachen, dass er sich nicht manipulieren ließ. Er würde sich keine Schuldgefühle einreden lassen. Ja, und das Date war hiermit beendet.

„Gina …“ Er legte seine Kreditkarte in das Mäppchen mit der Rechnung und schob das Ganze an die Tischkante. Sofort kam die Kellnerin und nahm das Mäppchen mit. „Ich weiß nicht, was du vorhast, aber man spielt mit mir keine Spielchen“, sagte er mit drohendem Unterton. „Dein Vater nicht und du genauso wenig.“

Sie lachte, und das ärgerte ihn und imponierte ihm zugleich. „Ich wüsste nicht, was daran so witzig ist.“

„Natürlich nicht“, entgegnete sie und tätschelte seine Hand, als würde sie ein aufgebrachtes Kind beruhigen. „Du brauchst dich vor mir auch nicht aufzuspielen. Wir kennen uns schon zu lange, als dass du mich damit beeindrucken könntest.“

„Na schön. Sag, was du mir zu sagen hast. Und dann bringe ich dich nach Hause.“

Sie schüttelte den Kopf und lächelte wieder. „Formvollendet und charmant bis zur letzten Minute.“ Bevor er etwas entgegnen konnte, redete sie weiter: „Gut, kurz und knapp: Ich heirate dich, damit du dein Land bekommst. Allerdings habe ich eine Bedingung.“

„Jetzt bin ich aber gespannt.“

„Ich will ein Kind von dir.“

Der Satz traf ihn wie ein Fausthieb. Adam bekam kaum noch Luft. Gina hingegen saß ganz ruhig da und verzog keine Miene.

„Das … das kann nicht dein Ernst sein.“

„O doch, das ist es“, versicherte sie ihm. „Ich weiß, was du durchmachen musstest, als du deinen Sohn verloren hast, aber …“

In diesem Moment kam die Kellnerin zurück und brachte die Rechnung zum Unterschreiben. Adam warf einen kurzen Blick drauf, setzte ein üppiges Trinkgeld hinzu und unterzeichnete. Langsam steckte er die Kreditkarte ein. Erst dann sah er Gina wieder an.

„Mein Sohn ist kein Gesprächsthema. Niemals.“ Es war sein Verlust, und nur seiner. Er hatte es irgendwie durchgestanden. Es war Vergangenheit, und das sollte gefälligst auch so bleiben. Die Erinnerungen, der Schmerz, das alles hatte nichts mit seinem heutigen Leben zu tun.

„Kein Wort darüber. In Ordnung.“ Ernst musterte sie ihn.

„Und ich habe kein Interesse daran, noch einmal Vater zu werden.“

„Du sollst mein Kind ja auch gar nicht mit aufziehen“, sagte sie, und ihre Stimme wurde plötzlich frostig. „Ich brauche nur dein Sperma.“

„Was … warum tust du das?“

„Weil ich Mutter werden will.“ Sie lehnte sich zurück, spielte mit dem Kaffeelöffel und blickte auf die Tischdecke. „Die Kinder meiner Brüder sind entzückend, und ich liebe sie von ganzem Herzen. Aber ich will nicht mein Leben lang nur die nette Tante sein, ich will ein eigenes Kind. Auf eine Ehe lege ich ebenso wenig Wert wie du, da mach dir mal gar keine Sorgen. Ein Baby hingegen, das muss sein.“ Sie sah ihn verschwörerisch an. „Wir haben doch beide was davon. Du kriegst dein Land, ich mein Baby.“

Wortlos schüttelte er den Kopf.

„Sag nicht gleich Nein. Ich heirate dich und werde deine Frau sein – in jeder Hinsicht, wenn du verstehst, was ich meine. Sobald ich schwanger bin, bekommst du das Land, und wir lassen uns wieder scheiden. Und ich unterschreibe, was du willst, um dich von jeder Verantwortung für das Kind und mich freizusprechen. Das ist doch eine gute Regelung. Sowohl für dich als auch für mich.“

Adam dachte angestrengt nach. In ein paar Monaten konnte der King-Besitz wieder komplett sein. Ein verlockender Gedanke.

Seine Achtung für Gina wuchs. Sie hatte sich alles gut überlegt. Und dass sie auch etwas von dem Arrangement hatte, machte es zu einem Geschäft, von dem beide profitierten. So brauchte er kein schlechtes Gewissen zu haben.

Trotzdem – er hatte niemals auch nur mit dem Gedanken gespielt, noch einmal Vater zu werden. Ganz kurz überkam ihn der alte Schmerz. Dann war er wieder verschwunden. Adam hatte jahrelange Routine darin, seine Gefühle zu unterdrücken.

Es wäre ja keine richtige Ehe, sagte er sich. Gina wollte genauso wenig einen Ehemann wie er eine Ehefrau. Es ging nur um das Land und das Baby. Jeder bekam, was er wollte. Er musste dafür nur ein paar Monate lang mit einer überaus attraktiven Frau verheiratet sein.

Da gab es doch wohl Schlimmeres!

„Na, Adam?“, fragte sie leise. Ihre Stimme war wegen der Jazzmusik kaum zu hören. „Was sagst du dazu?“

Er stand auf und zog höflich ihren Stuhl zurück. Als auch sie stand, schüttelte Adam ihr feierlich die Hand und sagte: „Gina, wir sind im Geschäft.“

5. KAPITEL

Danach ging alles sehr schnell.

Schon nach ein paar Tagen hatte Adam die nötigen Unterlagen für die Hochzeit zusammen. Weil er das Geschäft schnellstmöglich unter Dach und Fach bringen wollte, blieb zum Leidwesen von Ginas Mutter keine Zeit, um eine aufwendig gestaltete, glamouröse Hochzeit vorzubereiten.

Stattdessen flogen er, Gina und ihre Eltern in einem der King-Familienjets nach Las Vegas.

Nicht gerade die Traumhochzeit, die sich kleine Mädchen so vorstellen, dachte Gina und sah sich in der Kapelle um. Die Wände waren hellblau gestrichen, jemand hatte einige weiße Wölkchen zusätzlich daraufgemalt. Der Raum war mit Kunstblumen geschmückt. Aus den Lautsprechern erklang leise klassische Musik.

Krampfhaft hielt Gina den Blumenstrauß fest, den sie vor wenigen Minuten erhalten hatte. Es war keine absolute Billig-Trauung, wie man sie in Las Vegas an jeder Straßenecke bekam. Allerdings lag es weit unter dem Standard, der Adams Reichtum angemessen gewesen wäre.

Gina war froh, dass sie vorher noch in San Jose shoppen gewesen war. In dem neuen gelben Kleid fühlte sie sich wunderschön.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du das tun willst, Gina?“

Sie sah ihren Vater an und schluckte. „Ja, Papà. Ganz sicher.“

Natürlich war sie sich sicher. Sie hatte Adam King ja schon immer geliebt. Diesen Tag hatte sie seit Jahren herbeigesehnt. In ihren Träumen hatte Adam ihre Liebe allerdings erwidert – wovon Gina jetzt nicht ausgehen konnte. Dennoch wirkte Adam zumindest zufrieden. Während er neben seinen Brüdern stand, meinte Gina, etwas wie Begehren in seinen Augen aufblitzen zu sehen.

Aber was ist in der Wirklichkeit schon so perfekt und schön wie in Wunschträumen, dachte sie sich. Immerhin heirate ich Adam jetzt, das ist doch schon was.

Sie machte sich keine Illusionen – das Ganze war als Geschäft geplant, nicht als Liebesheirat. Aber noch war ja nicht aller Tage Abend. Vielleicht würde es Gina noch gelingen, Adams Schutzpanzer aufzubrechen. Hoffnung keimte in ihr auf. Sie brauchte nur Zeit. Wenn sie beide erst verheiratet waren, würde Adam über kurz oder lang vielleicht erkennen, was sie schon lange wusste: dass sie ein tolles Gespann, ja eigentlich ein ...

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