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BACCARA EXKLUSIV BAND 184

Verlangen in deinen Augen

1. KAPITEL

Bumm! Bumm! Bumm!

Mir ist so heiß … was ist das denn für ein Krach?

„Hallo? Ist da jemand?“

Ich bin so müde …

Bumm! Bumm!

Gerade noch hatte Eve eine Symphonie von Tschaikowsky gehört, dann hatte sie wie von fern Stimmen vernommen, die in ein gewaltiges Dröhnen übergingen. Ihr Herz klopfte wie verrückt. Eve richtete sich mühsam auf. Da war es wieder, dieses unerträgliche Hämmern.

Das Feuer im Kamin war ausgegangen. Offenbar war sie auf der Couch eingenickt. Schlaftrunken stand sie auf.

„Moment!“ Sofort musste sie husten, denn sie hatte schon seit Tagen kein Wort mehr gesprochen. Sie stolperte vorwärts und stieß sich das Schienbein an einer der schweren Umzugskisten. „Mist!“ Leise fluchend ging sie an die Tür. „Wer ist da?“

„Ihr Nachbar.“

Du liebe Zeit, das klang nicht besonders freundlich.

Nachbar? Was für ein Nachbar? Wo war sie überhaupt?

Ach ja.

Langsam wurde sie etwas klarer und erinnerte sich wieder daran, dass sie vor einigen Tagen in das kleine Haus an den Klippen auf der Insel Waiheke gezogen war.

Eve lehnte sich gegen die Haustür und suchte in ihrer Hosentasche nach einem Taschentuch. Wieder schlug ihr Nachbar gegen die Tür.

Was dachte der sich bloß dabei? Eve schüttelte den Kopf. Das war ja nicht auszuhalten! Sie hielt sich die Ohren zu und zuckte zusammen. Das konnte unmöglich ihr Kopf sein, ihr Haar, es war viel zu kurz! Dann seufzte sie resigniert auf. Natürlich war es ihr Kopf. Sie hatte einen neuen Anfang machen wollen nach all dem Unerfreulichen, was in der letzten Zeit passiert war, und hatte sich auch von der alten Frisur getrennt. Erst die Scheidung, und dann hatte sie auch noch ihren Job verloren …

Bumm! Bumm! Bumm!

„Ich komme schon!“ Der klobige Schlüssel lag schwer in ihrer Hand, und ihre Handgelenke kamen ihr weich wie Gummi vor. Ein Wunder, dass sie überhaupt aufschließen konnte. Die schwere Holztür öffnete sich knarrend. Eve fühlte sich völlig ermattet, sie schwitzte in ihrem unförmigen Sweatshirt, der Kopf tat ihr weh, und sie nahm alles wie durch Watte wahr.

Gedankenverloren blickte sie auf ihre Füße und registrierte, dass die dicken Socken halb heruntergerutscht waren. Ihren bequemen Socken gegenüber entdeckte sie auf Hochglanz polierte Lederschuhe. Ihr Blick glitt langsam aufwärts über eine schiefergraue Hose mit messerscharfer Bügelfalte. Das Jackett hatte die gleiche schiefergraue Farbe.

Was für ein großer Mann, dachte sie, nicht nur hochgewachsen, sondern auch breit, zumindest in den Schultern. Eve musste den Kopf leicht in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Ihr Gegenüber hatte ein kräftiges Kinn und einen großen Mund mit sinnlichen Lippen. Grüne Augen blickten sie ernst an. Was für ein Mann!

Seltsam, obgleich sie noch benommen vom Schlaf und den Tabletten war, die sie genommen hatte, schien seine Erscheinung sich glasklar in ihr Gedächtnis einzubrennen. „Wer sind …“ Ihr wurde schwarz vor Augen, und sie taumelte leicht. Krampfhaft hielt sie sich am Türrahmen fest.

Der Mann trat einen Schritt vor und fasste nach ihrem Arm. „Was ist mit Ihnen?“

„Nicht! Lassen Sie!“, stieß Eve mühsam hervor.

Er ließ sie sofort los, trat aber nicht zurück.

„Ich werde Sie noch anstecken.“ Eve zog ein Taschentuch unter dem Sweatshirt hervor und putzte sich die Nase. Sie fühlte sich geschwollen an, und Eve vermutete, dass sie inzwischen stark gerötet war.

Der Fremde macht keinen freundlichen Eindruck, sah sie jetzt jedoch leicht besorgt an. Vergewaltigen wird er mich auf keinen Fall, dachte Eve, so wie ich aussehe. Das war immerhin ein gewisser Trost. Und falls er sie umbringen wollte, sie hatte nichts dagegen, so mies, wie sie sich fühlte.

Jetzt starrte er sie mit diesem typisch nachdenklichen Gesichtsausdruck an, und sie wartete darauf, dass er sie erkannte.

„Sie sind Eve Summers!“

„Eve Drumm.“ Sie befeuchtete sich die Lippen, die rau wie Sandpapier waren. „Ich bin geschieden.“ Ein neuer Anfang, ein neuer Name. Das heißt, im Grunde war das ihr alter Name. Da sie erst vor wenigen Wochen geschieden worden war, musste sie sich selbst wieder daran gewöhnen, ihren Mädchennamen zu tragen.

Der Fremde kniff die Augen leicht zusammen und musterte sie eingehend. „Sie sehen so anders aus.“

Eve spürte ein Kitzeln in der Nase. Himmel, jetzt bloß nicht noch niesen! „Tut mir leid, meine Stylistin und meine Visagistin haben noch nicht ausgepackt.“ Sie schniefte.

Er runzelte die Stirn und blickte ihr über die Schulter. Hinter ihnen ertönten die Schlussakkorde eines klassischen Musikstücks aus dem Radio.

„Sind Sie beim Arzt gewesen?“

„Es ist nur eine Erkältung.“ In der kalten Zugluft an der Tür zu stehen konnte auch nicht gesund sein, aber sie wollte den Fremden nicht hereinbitten. Im Haus sah es so chaotisch aus wie in ihr. „Die braucht einfach ihre Zeit.“ Sie betrachtete ihn verstohlen. Obgleich groggy von den Tabletten, konnte sie beurteilen, ob ein Mann gut aussah oder nicht. Und dieser war ein besonders eindrucksvolles Exemplar seiner Gattung.

„Hier auf der Insel gibt es einige fähige Ärzte.“

„Ich weiß, was die mir verschreiben würden. Bettruhe und viel trinken.“

„Und absolute Stille.“

Offenbar war ihr Nachbar kein Freund von Tschaikowsky.

„Sind Sie nicht schon vor drei Tagen eingezogen? Danach habe ich nie wieder etwas von Ihnen gesehen.“

Eve tränten die Augen, ihr Kopf dröhnte, und sie hatte den Eindruck, sich keine Sekunde länger auf den Beinen halten zu können. Jeden Moment konnte sie umkippen. „Was wollen Sie?“

Keine sehr freundliche Frage an einen neuen Nachbarn. Sie nahm sich vor, es wiedergutzumachen, wenn sie sich besser fühlte. Im Augenblick wollte sie nur, dass er sie in Ruhe ließ. Auch er schien ihr Verhalten als ziemlich unhöflich zu empfinden, denn er trat einen Schritt zurück und sah sie von seiner imposanten Höhe aus tadelnd an.

„Ich habe mir nur so meine Gedanken gemacht.“

Wahrscheinlich war er enttäuscht, denn sie hatte mit der hübschen gepflegten Erscheinung auf dem Bildschirm auch nicht mehr die geringste Ähnlichkeit. „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich Sie nicht hereinbitte“, sagte Eve mit letzter Kraft und machte eine vage Handbewegung nach hinten. „Aber ich habe noch nicht ausgepackt, und hier sieht es einfach fürchterlich aus.“ Sie strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. „Und ich selbst …“ Bin kurz vor dem Kollaps, sterbe gleich, bin kurz davor, Sie zu erwürgen – was ist Ihnen lieber?

Ihr Nachbar presste kurz die Lippen zusammen und nickte knapp. „Ich lasse Sie gleich wieder allein. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie mit dem Auspacken vielleicht noch etwas warten sollten, denn ich möchte dieses Haus kaufen.“

Der Drang zu niesen wurde unerträglich, sodass Eve kein Wort herausbrachte.

„Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“, fragte er ungeduldig. „Ich möchte dieses Haus kaufen.“

„Mein Haus?“ Jetzt war er es wohl, der sich etwas danebenbenahm. Er wollte ihr Haus kaufen und hatte sich noch nicht einmal vorgestellt?

„Ich werde Ihnen zehntausend Dollar mehr zahlen, als Sie dafür ausgegeben haben.“

Das konnte nur ein Traum sein! Dieser fantastisch aussehende, makellos gekleidete Mann konnte nur das Ergebnis einer Überdosis der Grippetabletten sein, die sie geschluckt hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Autsch! Tat das weh!

„Zehntausend Dollar ist eine hübsche Summe, wenn man dafür überhaupt nichts tun muss.“

„Das kann schon sein, aber ich habe das Haus selbst gerade erst gekauft.“ Der Niesreiz war endlich weg, dafür musste sie nun husten.

„Gut, dann zwanzigtausend.“

„Wenn Sie dieses Haus so dringend haben wollen, warum haben Sie es dann nicht von dem früheren Besitzer gekauft?“ Eve schloss erschöpft die Augen. Warum ging er nicht endlich und ließ sie in Ruhe?

Keine Chance. Ihr Nachbar schien jetzt erst richtig in Fahrt zu kommen.

„Lassen Sie es mich so sagen: Baxter und ich haben in vielen Fragen sehr unterschiedliche Ansichten.“

„Dann wollte er nicht an Sie verkaufen?“

„Er ist ein Narr. Ich habe ihm das Doppelte von dem geboten, was das Haus wert ist.“

„Ja, dann …“ Eve zuckte mit den Schultern.

Jetzt konnte der Fremde seine Ungeduld nicht länger unterdrücken. „Also, was ist nun? Mein Angebot von zusätzlichen zwanzigtausend bleibt bestehen. Bar.“

„Warum sollte ich ein Haus verkaufen, das ich gerade erst gekauft habe?“

„Weil Sie eine kluge Frau sind. Zwanzigtausend für nichts und wieder nichts, das ist doch was.“

Der Fremde reichte ihr seine Karte, aber Eve konnte den Namen nicht entziffern, weil ihr wieder schwarz vor Augen wurde. Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und presste die Hände an die schmerzenden Schläfen.

„Sie brauchen wirklich einen Arzt. Sind Sie allein?“

„Was ich brauche, ist Bettruhe.“

Er musterte sie noch einmal von Kopf bis Fuß, dann nickte er. „Okay, ich komme wieder, wenn es Ihnen besser geht.“

Endlich! Eve stieß sich vom Türrahmen ab. „Das mit dem Hauskauf können Sie sich aus dem Kopf schlagen.“ Sie straffte sich und blickte ihr Gegenüber kühl an. So leicht ließ Eve Drumm sich nicht einschüchtern, und wenn es ihr noch so schlecht ging.

Eve musste plötzlich heftig niesen, und die selbstbewusste Pose war dahin. Schnell bedeckte sie ihr Gesicht mit dem bereits feuchten Taschentuch.

Der Fremde hob leicht die Augenbrauen. Sah sie da die Andeutung eines Lächelns? Eve hätte platzen können vor Ärger. Er drehte sich ohne ein Wort um und ging die Einfahrt hinunter.

Meine Einfahrt, dachte Eve mit einem Gefühl der Genugtuung. Sie schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Das war überstanden. Ihr Blick fiel auf die Visitenkarte:

Connor Bannerman

Geschäftsführer

Bannerman Inc.

Der Name kam ihr bekannt vor, aber sie war nicht in der Lage, ihren armen schmerzenden Kopf jetzt damit zu quälen.

Ich muss unbedingt schlafen, dachte Eve. Sie zerknüllte die Karte und warf sie auf den Boden. Bei der Unordnung kam es darauf nun auch nicht mehr an.

„Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie Näheres wissen.“ Connor trat einige Schritte vom Container zurück, der auf der Baustelle als Büro genutzt wurde, und winkte seinem Vorarbeiter zum Abschied zu. Ärgerlich bahnte er sich einen Weg durch Matsch und Bauschutt zu seinem Firmenwagen, einem eleganten, schnittigen BMW.

„Diese verdammten Kerle im Rathaus!“, schimpfte er leise vor sich hin. Warum konnten die sich bloß nicht entscheiden? Er war inzwischen weit mit der Arbeit im Rückstand und überlegte ernsthaft, den Schreibtischhengsten in der Verwaltung mal einen Besuch abzustatten und ihnen ein paar deutliche Worte zu sagen.

Er war jetzt seit zehn Jahren im Baugeschäft, und in dieser Zeit hatte er sein Unternehmen zum größten der Branche in Neuseeland ausgebaut. In Australien hatte er ebenfalls Niederlassungen, und er war dabei, auch im südpazifischen Raum Fuß zu fassen.

Das Bauvorhaben in Gulf Harbor war eigentlich nicht sonderlich kompliziert, doch nun machte der Stadtrat ihm Schwierigkeiten. Es war kein Geheimnis, dass der Bürgermeister den Bau des neuen Sportstadions nicht unterstützte. Er war der Meinung, das Geld der Stadt sei woanders besser angelegt. Somit waren ihm, Connor, die Hände gebunden, zumindest bis zu den nächsten Gemeinderatswahlen in einem Monat. Bis dahin würden sie nur sehr langsam vorankommen.

Er öffnete die hintere Tür seines Wagens und setzte sich in den Fond.

„Zur Fähre, Mr. Bannerman?“

Connor nickte seinem Chauffeur zu und nahm sein Handy aus der Manteltasche. Erst ging er die eingegangenen Nachrichten durch, dann rief er sein Büro an.

„Pete Scanlon hat wegen der Wohltätigkeitsveranstaltung angerufen“, meldete ihm seine Sekretärin.

Oh nein. „Denken Sie sich eine Ausrede aus.“

„Hab ich getan. Er möchte Ihnen irgendwie öffentlich danken, weil Sie seine Wahlkampagne unterstützen. Ich habe mich in Ihrem Namen bedankt und ihm gesagt, Sie hätten leider schon eine andere Verabredung.“

„Danke, Phyllis. Bis Montag dann.“

„Vergessen Sie nicht …“

„… die Konferenzschaltung mit Melbourne. Nein, die werde ich nicht vergessen.“

„Um zehn“, erinnerte Phyllis ihn.

Wieder einmal fragte Connor sich, wie er ohne seine tüchtige Sekretärin zurechtkäme. Dank ihrer Kompetenz konnte er es sich leisten, von zu Hause aus zu arbeiten, wenn ihm danach zumute war.

Während er das Handy wieder einsteckte, fiel sein Blick auf die Baustelle, und er seufzte. Bisher war leider nicht alles nach Plan gegangen. Pete Scanlon, der Bürgermeisterkandidat der Opposition, war seine einzige Hoffnung. Deshalb unterstützte Bannerman Inc. seine Wahlkampagne auch nach Kräften.

„Bis Montag um neun dann, Mickey“, verabschiedete Connor sich am Fähranleger von seinem Chauffeur, knöpfte seinen Mantel zu und stieg aus. Die Fähre würde erst in zehn Minuten ablegen, also konnte er sich wie üblich noch seine Zeitung kaufen. Vor dem Zeitungsstand standen einige Leute, und Connor stellte sich an das Ende der Schlange. Mit einer Hand stützte er sich auf einem Stapel Zeitschriften auf. Als sein Blick eher unbewusst der Hand folgte, fuhr er zusammen.

Sie sah ihn direkt vom Cover einer Frauenzeitschrift an. Seine Finger berührten ihr Kinn. Connor konnte den Blick nicht von dem Foto lösen.

Sie war keine ausgesprochene Schönheit, sondern sah eher aus wie das nette Mädchen von nebenan.

Nein, dachte Connor. In Wirklichkeit sah Eve keineswegs so gut aus oder wirkte so warm und herzlich wie auf dem Bildschirm. Dann sagte er sich, dass er unfair war. Sie war schließlich krank gewesen, als er sie gesehen hatte.

Ihr Gesicht war eher rund als herzförmig, und das weiche Kinn wirkte im Fernsehen charmant. Die Augen waren auf dem Titelbild besonders gut getroffen. Sie waren grau wie der Hafen in der Dämmerung.

„Wieso ich gegangen bin“, lautete die Überschrift der Titelgeschichte.

Normalerweise hatte Connor keine Zeit, sich mit Klatsch und Tratsch über Prominente zu befassen. Doch selbst er hatte von den Protesten der Zuschauer gehört, nachdem die beliebteste Fernsehmoderatorin des Landes ihren Job hingeworfen hatte. Und nun war ausgerechnet sie seine Nachbarin geworden.

Connor Bannerman hatte allen Grund, mit den Medien auf Kriegsfuß zu stehen. Journalisten, Reporter, Radio- und Fernsehleute, er verabscheute den ganzen Medienzirkus. Eve Summers war die Einzige, deren allnächtliche Nachrichtensendung er sich hin und wieder angesehen hatte. Das lag allerdings daran, dass er, wenn überhaupt, den Fernsehapparat nur in der Nacht anstellte. Eine Ausnahme bildeten Rugbyspiele, die er mit Leidenschaft verfolgte.

Er sah sich kurz um, öffnete dann verstohlen die Zeitschrift, fand das Inhaltsverzeichnis und blätterte vor bis zu dem Artikel über Eve Summers.

Burnout, las er. Vor Kurzem geschieden … Angewidert schüttelte er den Kopf. Dass bekannte Persönlichkeiten sich ständig bemüßigt fühlten, ihre privaten Problemchen vor jedermann auszubreiten, war schlimm genug. Wieso konnten die Medien dann nicht wenigstens die Leute in Ruhe lassen, die sich ihre Privatsphäre erhalten wollten?

Die Schlange rückte ein Stück vor, und Connor schob die aufgeschlagene Zeitschrift ein wenig weiter auf dem Tisch vor.

„Das Gleiche wie immer, Mr. Bannerman?“

Er nickte, wies mit dem Kopf auf die Business Review und hielt dem Zeitungsverkäufer eine Zehndollarnote hin. Ihr richtiger Name ist Evangeline, las er. Ein hübscher Name, er passte zu ihr. Ihr Vater tot … keine anderen TV-Shows in Sicht … nicht verheiratet … Connor überflog den Artikel, während der Verkäufer das Wechselgeld zusammensuchte.

Zögernd schloss er schließlich die Zeitschrift und hob sie, ohne nachzudenken, hoch. „Die auch noch, bitte.“

Zwei Minuten später ging er an Bord der Fähre, die Zeitschrift sorgfältig zusammengerollt in der Business Review verborgen.

Normalerweise verbrachte er die fünfunddreißig Minuten Überfahrt mit dem Studium der neuesten Meldungen in der Business Review, aber an diesem Abend blieb die Wirtschaftszeitung zusammengefaltet und ungelesen, denn sie barg ein peinliches Geheimnis. Der Zeitungsverkäufer hatte die Frauenzeitschrift fest darin eingerollt, als sei auch ihm peinlich, was sein honoriger Kunde sich da ausgesucht hatte. Entsprechend verlegen hatte Connor sich auch gefühlt.

Als er in sein Auto stieg, das er dicht am Anleger geparkt hatte, ging es ihm besser, und während der Fahrt amüsierte er sich fast schon über sich. Das änderte sich allerdings schlagartig, als er in seine Einfahrt einbog, denn die Ursache seines Unbehagens ging gerade auf seine Haustür zu.

Überraschungen liebte er ganz und gar nicht. Außerdem hatte er schon genug Gedanken an Eve Summers oder wie sie jetzt hieß verschwendet. Dennoch musste er sich eingestehen, dass sie ihn interessierte. Weil sie eine Berühmtheit war? Würde er auch so reagieren, wenn sie vollkommen unbedeutend wäre?

Während er ausstieg, taxierte er ihre Figur und wusste, dass nicht ihre Berühmtheit für seine Neugierde ausschlaggebend war. Sie war schlanker, als sie im Fernsehen wirkte, hatte dennoch an den Stellen die richtigen Rundungen, an denen jeder Mann sie gern sah. Ihr Gang wirkte, als wäre sie sich dessen genau bewusst.

Eve drehte sich zu ihm um und winkte ihm fröhlich zu. Als sie auf ihn zukam, leicht die Hüften schwingend, fielen ihm ihre langen schlanken Beine in der engen Jeans besonders auf.

Sie sah viel besser aus als bei ihrer ersten Begegnung. Da es fast schon dunkel war, hatte der Bewegungsmelder die Lampe über der Einfahrt eingeschaltet, die ihren Schein auf Eves glänzendes Haar warf. Der pinkfarbene Pullover, den sie trug, passte gut zu dem warmen Blondton. Offenbar hatte sich inzwischen auch ihre Styling Crew eingefunden, denn ihr Gesicht sah genauso aus wie auf dem Cover der Frauenzeitschrift und ihr Lächeln wirkte ebenso professionell.

Achtung, warnte ihn eine innere Stimme. Medienleute sind immer auf der Jagd nach einer Story. Sie zerren selbst die privatesten Dinge erbarmungslos an die Öffentlichkeit. Er musste vorsichtig sein.

Doch als Eve vor ihm stand, war alle Vorsicht vergessen. Stattdessen durchrieselte ihn ein erregendes Prickeln, wie er es schon lange nicht mehr gespürt hatte. Ihm stockte kurz der Atem. Sicher, er war schon länger nicht mehr mit einer Frau im Bett gewesen, aber er sollte doch in der Lage sein, sein Verlangen zu zügeln. Das machte ein Vierzehnjähriger ja besser als er.

„Hallo, Nachbar!“

Eve lächelte ihn herzlich, wenn auch ein bisschen schüchtern an. Dabei strich sie sich mit den Händen über die Hüften, als wüsste sie nicht, wo sie ihre Hände lassen sollte. War sie nervös? Sehr charmant, dachte er. Aber warum sollte eine Frau, die ihr ganzes Berufsleben lang Menschen die Angst vor der Fernsehkamera genommen hatte, plötzlich nervös sein?

„Mrs. Summers“, Connor neigte leicht den Kopf, „was führt Sie zu mir?“

„Sagen Sie doch einfach Eve zu mir“, sprudelte sie hastig hervor. „Also, ich bin nur gekommen, weil … ich meine, wir sollten uns kennenlernen, weil wir doch Nachbarn sind. Und jetzt geht es mir auch wieder ausgezeichnet, und ich stehe nicht mehr unter der Wirkung von Medikamenten.“

Eve fühlte sich wieder richtig gut und hatte große Lust verspürt, ihre nächste Umgebung zu erforschen. Als Erstes hatte sie beschlossen, ihrem geheimnisvollen Nachbarn einen Besuch abzustatten und sich für ihr unhöfliches Benehmen zu entschuldigen. Aber sie wollte auch sehen, ob er das hielt, was der erste Eindruck versprochen hatte. Dabei ging es ihr nicht nur um sein Aussehen, obgleich sie immer wieder sein markantes Gesicht vor sich gesehen hatte, sondern sie wollte auch wissen, warum er so dringend ihr Haus kaufen wollte.

Sein Haus war in nur wenigen Minuten zu Fuß zu erreichen, und sie genoss es, nach den vielen Stunden im Bett mal richtig ausschreiten zu können.

Sein Name war ihr entfallen, aber als Connor nun vor ihr stand, musste sie feststellen, dass ihr Erinnerungsvermögen auch im Hinblick auf seine Erscheinung nicht ganz zuverlässig war. So groß und kräftig hatte sie ihn nicht in Erinnerung gehabt. Es war nicht nur die Größe, auch seine Ausstrahlung drohte sie zu überwältigen. Am liebsten wäre sie ein paar Schritte zurückgetreten, aber sie riss sich zusammen.

Freute er sich, sie zu sehen? Eve blickte ihn prüfend an. „Und dann wollte ich Ihnen noch danken, weil Sie neulich um mich besorgt waren.“

Er hielt den Kopf leicht schief und sah sie abwartend an.

„Und ich möchte mich entschuldigen, weil ich nicht so freundlich war, wie ich hätte sein sollen“, fügte sie hastig hinzu.

„Sie waren nicht die Spur freundlich.“

Eve zupfte einen Fussel von ihrer Jeans. Was sollte sie darauf antworten? Normalerweise freuten sich die Menschen, sie zu sehen, und unterhielten sich gern mit ihr. Sie bildete sich nichts auf ihren Bekanntheitsgrad ein, aber ein solches Maß an Ablehnung war sie nicht gewohnt. „Ich möchte mich für neulich entschuldigen. Können wir nicht noch einmal ganz neu anfangen?“ Sie beobachtete, wie ihr Nachbar sich mit seinen gepflegten Fingern nachdenklich über das Kinn strich.

„Leider habe ich Ihre Karte verloren. So weiß ich noch nicht einmal, wie Sie heißen.“

„Connor“, erwiderte er, ohne ihr die Hand zu reichen. „Connor Bannerman.“

Wieder dachte Eve, dass ihr der Name bekannt vorkam, doch sie konnte ihn nicht zuordnen. „Sie haben ein sehr schönes Haus.“ Bevor er kam, hatte sie sich gründlich umgesehen. Das Haus war am Rand einer Klippe gebaut und überragte den Fährhafen. Das Interessante an dem großen modernen Flachbau aus Holz, Beton und viel Glas war, dass er wie ein Halbmond geformt war. Eve vermutete, das man von jedem Zimmer eine fantastische Aussicht hatte.

„Möchten Sie hereinkommen?“

„Ich möchte Sie nicht stören.“

„Kein Problem.“ Connor führte sie durch die Garage ins Haus.

Der Flur war beeindruckend breit und lang, aber noch mehr verblüffte Eve, dass ihr Nachbar gerade eben so durch die Türen passte. Ein großes Haus, ein großer Mann, das passt, schoss es ihr durch den Kopf.

Sie betraten einen riesigen Wohnbereich, in dem Küche, Ess- und Wohnzimmer ineinander übergingen. Der glänzende Holzboden ließ den Raum noch größer wirken, und der Blick durch die Panoramafenster auf allen Seiten vermittelte das Gefühl unendlicher Weite.

Connor hatte noch kein Licht eingeschaltet, und da es keine Vorhänge und offenbar auch keine Jalousien gab, hatte man einen freien Blick auf die funkelnden Lichter der Stadt, die der Insel auf dem Festland gegenüberlag. Zwischen all dem Gefunkel gab es immer wieder ausgedehnte dunkle Flächen, das waren Parks oder Hügelflächen, die nicht beleuchtet waren. Auch die Wasserlinie der Insel war gut auszumachen, Lichtpunkte führten die Küste entlang, und hin und wieder gab es eine Ansammlung von Lichtern. Das waren die kleinen Siedlungen, in denen die fünftausend Bewohner der Insel lebten. Zur anderen Seite hin erstreckte sich das tiefdunkle Meer, die benachbarten Inseln waren nur zu erahnen.

Connor Bannerman stellte seinen Aktenkoffer auf den großen Esstisch, an dem gut zehn Personen Platz hatten, und knöpfte sich den Mantel auf.

„Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Oder etwas Stärkeres?“ Er trat in den Küchenbereich und schaltete die Punktstrahler in der Decke ein.

„Ich nehme gern einen Kaffee“, sagte Eve, die sich nicht von dem Ausblick trennen konnte. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Er antwortete nicht, sondern drehte ihr den Rücken zu, während er sich das Jackett auszog und die Hemdärmel aufkrempelte.

„Sind Sie in der Baubranche tätig?“, fragte Eve, wobei sie verstohlen seine kräftigen Unterarme registrierte.

Connor stellte zwei große Kaffeebecher neben die Kaffeemaschine. Dann füllte er Wasser ein und maß den Kaffee ab.

Eve beugte sich über den langen Tresen, der den Wohnbereich von der Küche trennte, und versuchte, Connor ins Gesicht zu sehen. „Sind Sie Bauingenieur von Beruf?“ Da das Licht von hinten kam, konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht genau erkennen.

„Ja, ich habe mit Bauarbeiten zu tun.“

Auf einmal fiel ihr ein, woher sie seinen Namen kannte. „Jetzt erinnere ich mich. Sie sind der Geschäftsführer von Bannerman, Inc. Der Mann vom Bannerman-Stadion.“

„Der Mann, der das Stadion in Gulf Harbor baut“, präzisierte Connor und stellte Milch und Zucker auf den Marmortresen. Dann zog er eine Visitenkarte aus seiner Jackett-Tasche und gab sie Eve.

Sie dachte an die Begeisterung, die das ganze Land ergriffen hatte, als es um die Planung des Stadions ging. Die Internationale Rugbyvereinigung hatte bekannt gegeben, dass der nächste World Cup in Neuseeland ausgetragen werden sollte. Über den Bau des Stadions war viel diskutiert worden, aber sie hatte relativ schnell das Interesse daran verloren.

Das wäre sicher anders gewesen, wenn sie gewusst hätte, was für ein Mann es war, dessen Firma letzten Endes den Auftrag bekommen hatte. Connor Bannerman war einer der aufregendsten Männer, die sie je getroffen hatte. Er hatte ein beeindruckendes Gesicht mit markanten maskulinen Zügen und einen fantastischen Körper. So jemanden müsste man mal vor die Kamera kriegen, dachte sie wehmütig.

Er schien sich in seiner Küche wohlzufühlen, seine Bewegungen waren geschmeidig und sicher. Wahrscheinlich ließ er nie irgendetwas fallen oder verschüttete etwas. Ganz im Gegensatz zu mir, dachte Eve beklommen.

Und noch etwas anderes ging ihr durch den Kopf. Wenn er in seiner Küche so sehr zu Hause war, bedeutete das, dass es keine Mrs. Bannerman gab?

„Wollen wir uns setzen?“

Sie nahm ihren Kaffeebecher und folgte Connor an den großen Esstisch. An einem Ende des Tisches stand ein Laptop, umgeben von Papierstapeln und Aktenordnern. Die Schlüssel hatte Connor neben eine hübsche blau-weiße Schale geworfen, die offenbar für Obst vorgesehen war, denn sie war mit Bananen, Kiwis und Mandarinen gefüllt.

Connor bemerkte ihren Blick. „Ich arbeite oft von zu Hause aus. Hier habe ich zwar auch ein Büro, aber ich liebe diesen Raum.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Beide beschäftigten sich schweigend mit ihrem Kaffee. Eve empfand die Stille als bedrückend. Am liebsten hätte sie „Hallo!“ gerufen, nur um das Echo zu hören – in einem so großen Raum musste es eins geben. Nicht ständig eine Geräuschkulisse zu haben machte sie nervös. Bei ihr lief immer das Radio oder der Fernseher.

„Ich glaube, mein ganzes Haus würde in diesen Raum passen“, bemerkte sie, nur um etwas zu sagen.

Connor nahm einen Schluck Kaffee und musterte Eve dabei aufmerksam. „Haben Sie über mein Angebot nachgedacht?“, fragte er dann.

Langsam strich sie mit dem Zeigefinger über den geschwungenen Henkel ihres Bechers. Sie blickte Connor dabei nicht an. „Ich war gestern nicht ganz zurechnungsfähig und glaubte, ich hätte mich verhört. Das können Sie doch nicht ernst gemeint haben.“ Sie hob den Kopf.

„O doch, das war und ist mein voller Ernst.“

Er musterte sie aufmerksam, die grünen Augen schienen jede ihrer Gesichtsregungen wahrzunehmen. Eigentlich war sein Blick nicht kalt, wie sie am Tag zuvor geglaubt hatte, sondern eher gesammelt, unerschütterlich.

Unvergesslich.

Unforgettable. Sofort kam Eve der Song in den Sinn, und sie begann ihn leise zu summen. Erst als Connor sie überrascht ansah, merkte sie, was sie tat, und schwieg abrupt. Die Summerei war eine harmlose Angewohnheit von ihr, die aber manche Menschen irritierte.

Connor hatte sich schnell wieder gefangen. „Nun?“, kam er auf seine Frage zurück.

Eve machte eine weit ausholende Armbewegung. „Was wollen Sie mit meinem Haus, wo Sie doch das hier besitzen?“

„Warum möchte ein TV-Star auf dieser kleinen abgeschiedenen Insel leben?“

Bildete sie sich das ein, oder hatte er eben wirklich das Wort TV-Star auf eine etwas beleidigende Art und Weise betont? War das Absicht gewesen? Sein Blick war nicht zu deuten.

„Vielleicht hat Baxter Ihnen nicht erzählt, dass mir das ganze Land hier oben gehört. Nur Ihr kleines Grundstück fehlt mir noch in meiner Sammlung.“

„Werden Sie nur nicht zu raffgierig.“

Connor wies mit dem Kopf zum Fenster. Von dort aus war Eves Haus gut zu sehen. Der mit weißem Kies bestreute Pfad davor strahlte im hellen Licht der Außenbeleuchtung, und zum ersten Mal fühlte Eve so etwas wie Besitzerstolz. Sicher, drinnen herrschte noch ein fürchterliches Durcheinander, aber es war ihr Haus, ihr neues Heim. Auch wenn der Holzboden knarrte und die Auslegeware unbedingt erneuert werden musste.

Lächelnd wandte sie sich wieder Connor zu, aber als sie seine entschlossene Miene sah, wurde sie sofort ernst. Plötzlich dämmerte ihr, was hinter seinem Angebot steckte. „Sie sind der Meinung, dass mein Haus Ihnen die Aussicht verdirbt.“

„Ja, gerade die Aussicht von diesem Raum aus. Wenn es sich um irgendein anderes Zimmer handelte, wäre es mir völlig egal.“

Eve verschränkte die Arme vor der Brust. Sie musste daran denken, was der Vorbesitzer gesagt hatte. Mr. Baxter konnte seinen Nachbarn nicht leiden. Auch deshalb hatte er ihr Angebot angenommen, obgleich Connor ihm mehr gezahlt hätte. „Dann kriegt dieser Protz da oben mein Haus wenigstens nicht in die Finger“, hatte er gemeint und dabei triumphierend gelächelt.

„Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass mein Haus hier schon seit sechzig oder siebzig Jahren steht.“

Connor schwieg.

„Wenn Sie den Anblick nicht ertragen können, hätten Sie nicht gerade Ihren Lieblingsraum so bauen sollen, dass Sie das Haus von hier aus sehen können.“

Connor zuckte nur mit den Schultern. „Der alte Mann konnte schließlich nicht ewig leben.“

„Aber er lebt immer noch. In einem komfortablen Seniorenheim.“

„Ich weiß, Mrs. Summers. Aber das spielt keine Rolle, oder?“

Wieder hatte er nicht ihren Geburtsnamen benutzt, doch das störte sie nicht weiter. „So hat jeder bekommen, was er wollte.“

„Was wollen Sie denn hier?“ Connor sah sie lauernd an.

Eve hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Was bildete dieser arrogante Kerl sich ein? Plötzlich fand sie ihn nicht mehr so attraktiv wie noch vor wenigen Minuten.

Sie war hierhergezogen, um in Ruhe darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie war achtundzwanzig Jahre alt, hatte ihr ganzes Erwachsenenleben lang hart gearbeitet und war momentan ohne Job. Sie war geschieden und hatte keine Kinder. Ihr war klar, dass sie in einem Alter war, in dem sie sich irgendwo zu Hause fühlen wollte. Sie musste sich endlich damit abfinden, dass sie keine TV-Berühmtheit mehr war. Im Grunde war sie froh, dass sie dem verrückten Leben als Fernsehmoderatorin entkommen war. Dieses Leben passte nicht zu der wirklichen Eve Drumm.

„Mr. Bannerman …“ Sie lächelte ihn freundlich an.

„Connor“, warf er ein.

„Es tut mir leid, dass der Anblick meines Hauses für Sie so schwer erträglich ist. Aber müssten wir als Erwachsene nicht gelernt haben, dass man im Leben nun mal nicht alles haben kann?“

„Wir als Erwachsene sollten auch den Wert des Geldes nicht unterschätzen, vor allen Dingen von Geld, für das wir nichts tun müssen.“

„Auch wenn ich momentan keinen Job habe, mein Haus steht nicht zum Verkauf“, erklärte sie mit fester Stimme. „Ich kann kaum glauben, dass Sie allen Ernstes vorhaben, mein kleines altes Haus abreißen zu lassen. Und wofür? Nur um Ihre eigensüchtigen Wünsche zu befriedigen.“

Connor lehnte sich zurück und betrachtete sie mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. „Ich kann es mir leisten, eigensüchtig zu sein. Sie auch?“

„Durchaus. Da machen Sie sich nur keine Sorgen.“

„Was wollen Sie für das Haus haben?“

Zorn stieg in ihr hoch. „Das können selbst Sie sich nicht leisten!“

Zum ersten Mal schien er verärgert zu sein. Zwar hatte er sich vollkommen in der Gewalt, aber das kurze Heben der Augenbrauen und das Zucken seiner Lippen sagten ihr genug. Offenbar hatte er doch noch nicht gelernt, dass man nicht immer alles haben konnte, was man wollte.

Connor blickte von seinem Becher auf, und Eve stockte der Atem, doch nicht aus Furcht. Es war mehr ein Gefühl der Erregung, das sie erschauern ließ. Das war sehr beunruhigend.

„Ich werde das Haus herrichten lassen“, sagte sie und hob entschlossen das Kinn. „Bis dahin müssen Sie eben Gardinen aufhängen.“ Sie trank ihren Becher aus und stand auf. „Vielen Dank für den Kaffee.“

Auch Connor stand auf, und so war Eve in der ungünstigen Lage, zu ihm hochsehen zu müssen. Sein Blick schien sie zu durchbohren.

„Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet. Warum will ein berühmter TV-Star unbedingt auf dieser abgeschiedenen Insel leben?“

Eve wandte sich ab und ging zur Tür. Ohne sich umzudrehen, sagte sie leise: „Ich bin kein großer TV-Star. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der sich nach Frieden und Ruhe sehnt.“

Sie warf einen Blick zurück. Connor war am Tisch stehen geblieben, und der Abstand gab ihr Kraft, doch sein kühler Blick machte sie traurig. „Tut mir leid, dass ich Sie gestört habe“, fuhr sie fort. „Ich habe nur gedacht, dass es nett wäre, seinen einzigen Nachbarn weit und breit ein bisschen kennenzulernen. Ich meine nur, falls mal ein Notfall eintritt und man aufeinander angewiesen ist.“

Conors Gesichtsausdruck blieb unverändert. „In der Stadt drüben auf dem Festland gibt es genug Cafés und Bars, in denen Leute verkehren, die eine Berühmtheit wie Sie mit offenen Armen empfangen. Die Einheimischen hier auf der Insel sind eher abweisend.“ Er schwieg kurz. „Aber im Notfall … nun gut, das kann ich akzeptieren. Auch eine offene Diskussion über mein Angebot. Einen unangemeldeten Besuch allerdings nicht.“

Eve musste sich ungeheuer zusammenreißen, um nicht die Tür hinter sich zuzuknallen. „Vergiss Connor Bannerman“, murmelte sie vor sich hin. Es gab wichtigere Probleme auf der Welt. Sie musste eine Wahl torpedieren und einen alten Feind zu Fall bringen.

2. KAPITEL

Connor stöhnte auf, als er Eve erblickte, die sich mit dem Fahrkartenverkäufer unterhielt. Am liebsten wäre er umgekehrt und hätte die Fähre wieder verlassen. Aber es war die letzte Fähre an diesem Abend, daher hatte er keine Wahl, wenn er nicht auf der Couch in seinem Büro übernachten wollte.

Er setzte sich in die hinterste Reihe und hoffte, Eve würde ihn nicht sehen, sodass er auf Waiheke unbemerkt das Schiff verlassen konnte. Er rutschte tief in den Sitz, streckte die Beine lang aus, klappte den Mantelkragen hoch und schloss die Augen.

Ihm war bewusst, dass er sich ihr gegenüber sehr arrogant verhalten hatte, und obwohl inzwischen ein paar Tage vergangen waren, fühlte er sich deshalb immer noch schäbig. Ihr Besuch war nur als freundliche Geste gemeint gewesen, und er hatte sie abgekanzelt wie einen Dienstboten. Immer noch sah er ihr hübsches Gesicht vor sich, das rot vor Verlegenheit gewesen war, und das Unverständnis, das in ihren Augen stand. Hatte er denn ganz und gar vergessen, wie man sich Frauen gegenüber zu benehmen hatte?

Nicht nur das, er wusste wohl auch nicht mehr, wie man generell mit Leuten umging. Normalerweise mied er Menschen, und das betraf selbst die engste Familie. Seine Eltern hatten sich schweren Herzens damit abgefunden. Früher hatten sie ein glückliches Familienleben gehabt. Jetzt konnten sie von Glück sagen, wenn er sich einmal im Monat meldete.

Da die Fähre fast leer war, konnte er Eves Stimme hören. Sie klang warm und fröhlich. Als der Fahrkartenverkäufer irgendetwas sagte und Eve laut loslachte, öffnete Connor die Augen einen Spalt und beobachtete sie. Sie hatte den Kopf zurückgeworfen, strahlte über das ganze Gesicht und gestikulierte heftig mit den Händen. Verstimmt schloss er die Augen wieder.

Endlich legten sie an, und Connor stürzte als Erster vom Schiff. Er drehte sich nicht um, denn bei den wenigen Passagieren, die an Bord waren, hätte sie ihn sicher erkannt. Schnell schloss er seinen Wagen auf und setzte sich ans Steuer. Von dort aus beobachtete er, wie Eve zum Taxistand ging. Kein Taxi war zu sehen.

„Mist!“

Nur er und Eve lebten auf dem Kliff hoch über dem Hafen. Da man nur gut dreißig Minuten mit der Fähre brauchte, um vom Festland zur Insel überzusetzen, war Waiheke sehr beliebt, sofern man es sich leisten konnte, dort zu wohnen. Im Sommer war viel los, denn Touristen und Tagesbesucher verdreifachten oft die Einwohnerzahl. Aber jetzt war keine Saison, und deshalb waren nur diejenigen zwischen Insel und Festland unterwegs, die hier auf Dauer wohnten. Die Straßen waren menschenleer, und nur wenige Taxen waren zu dieser Zeit im Einsatz.

Connor umklammerte das Lenkrad. Schon der bloße Gedanke, jemanden in seinem Auto mitzunehmen, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Dabei war er ein guter Fahrer. Aber die Vorstellung, jemand würde sich seiner Obhut anvertrauen, ließ ihn fast in Panik geraten.

Alles wegen Rachel.

Er atmete ein paar Mal tief durch. Er konnte es schaffen. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass er jemanden im Auto mitnahm. Aber in den anderen Fällen hatte er sich immer darauf vorbereiten können und hatte sich vorher Mut zugesprochen.

Ihm war klar, dass er nicht einfach an seiner neuen Nachbarin vorbeifahren konnte, ohne ihr anzubieten, sie mitzunehmen. Nicht mitten in einer dunklen Nacht im Herbst.

Er legte den ersten Gang ein, fuhr langsam über die Straße, hielt am Taxenstand und öffnete die Beifahrertür.

Eve sah ihn an, als sei sie kurz davor, sein unausgesprochenes Angebot abzulehnen. Sie presste die Lippen zusammen, blickte die menschenleere Straße hinauf und hinunter und fixierte ihn dann wieder unwillig. Er hoffte schon, sie würde sich weigern mitzufahren, doch sie trat an seinen Wagen, nahm seinen Aktenkoffer vom Beifahrersitz und stieg ein.

„Das ist nett von Ihnen. Vielen Dank.“

Connor gab ein unwilliges Brummen von sich und fragte sich, ob sie es war, die so angenehm nach Zitrusfrüchten duftete. Langsam fuhr er an. Dabei zwang er sich, die Hände zu entkrampfen, damit Eve nicht sah, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Sein Knie fing wieder an zu schmerzen, wie immer in stressigen Situationen. Damals, bei dem Unfall, war sein Knie zerschmettert worden. Das hatte seine Karriere als Rugbyspieler beendet. Aber was für ein geringer Preis war das, wenn man bedachte, dass gleichzeitig ein Mensch sein Leben verloren hatte.

„Mussten Sie so lange arbeiten?“, fragte Eve schließlich.

„Nein, ich war bei einem Geschäftsessen.“ Die Straße war feucht vom Tau. Connor hasste nasse Straßen. „Haben Sie keinen Wagen?“

„Doch, aber er ist in einer Garage in der Stadt. Ich wollte mir für die Insel eigentlich einen Motorroller anschaffen.“

„Sehr ungünstig für die steinigen Wege oben auf dem Kliff“, entgegnete er und dachte, dass er nicht so barsch hätte sein müssen.

Eve seufzte leise und lehnte den Kopf zurück.

Nur das Motorengeräusch war zu hören. Connor musste daran denken, wie fröhlich sie gerade eben noch mit dem Mann auf der Fähre geplaudert hatte.

„Haben Sie sich schon nach einem neuen Job umgesehen?“, fragte er in einem etwas freundlicheren Ton. Gleichzeitig nahm er eine Hand vom Lenkrad und wischte sie an seiner Hose ab.

„Ja. Und ich habe auch etwas gefunden.“

„So?“ Er warf ihr kurz einen Blick zu.

„Es ist ein Teilzeitjob“, sagte sie. „Nur ein paar Stunden pro Woche. Mir bleibt genug Zeit für die Renovierung.“ Sie lächelte.

So war das also. Wenn sie plante, das Haus zu renovieren, dachte sie bestimmt nicht daran, es zu verkaufen. Wieder sah er sie kurz an. Sie wirkte erschöpft. „Was ist denn das für ein Job?“

Sie lächelte. „Man hat mir die Gesellschaftsspalte bei der New City angeboten.“

„Was? Sie als Klatschkolumnistin?“ Connor war entsetzt.

„Warum nicht? Das macht sicher Spaß.“

Das klang optimistisch. Connor hatte jedoch den Eindruck, dass sie selbst nicht ganz davon überzeugt zu sein schien. „Na wunderbar!“

Beide schwiegen, schließlich atmete Eve tief durch und sah ihn direkt an. „Warum mögen Sie mich eigentlich nicht?“

Die Frage traf Connor vollkommen unvorbereitet. Er hätte gern gewusst, wie sie reagieren würde, wenn er ihr sagte, das Gegenteil sei der Fall, und er fände sie so interessant, dass er sich das erste Mal in seinem Leben eine Frauenzeitschrift gekauft hatte. „Ich kenne Sie nicht gut genug, um mir bereits eine Meinung gebildet zu haben“, sagte er steif.

„Was passt Ihnen nicht? Meine politische Einstellung? Mein Interviewstil?“

Das war es nicht. Er hatte die Art und Weise, wie sie Menschen interviewte, immer sehr geschätzt. Denn ihr schien wichtig zu sein, dass ihr Interviewpartner sich wohlfühlte. Noch nie hatte sie ihr Gegenüber brüskiert oder wegen ein paar billiger Lacher in Verlegenheit gebracht, wie man es so oft im Fernsehen erlebte. Sie war lebhaft und begeisterungsfähig, was an ihrer Körpersprache abzulesen war, besonders an ihren Händen, die sie nie ruhig hielt.

Ein Kaninchen hoppelte quer über die Straße. Connor spürte, wie ihm das Adrenalin in die Adern schoss. Er musste sich sehr zusammenreißen, um nicht hart auf die Bremse zu treten.

Nur ruhig! Er brauchte sich nur zu konzentrieren, dann würde nichts passieren. Du schaffst es, du schaffst es ganz bestimmt, sagte er sich immer wieder, während seine Muskeln vor Anspannung schmerzten.

Eine endlose Minute verging, bis er die Fassung zurückgewann. Er räusperte sich. „Sie sollten vielleicht wissen, Mrs. Summers, dass ich absolut nichts von der ganzen Medienmaschinerie halte, ja sie geradezu verabscheue.“

Er hörte, wie sie Luft holte, um etwas zu erwidern. Doch dann schwieg sie und blickte ostentativ aus dem Fenster. Das hätte er vielleicht auch nicht sagen sollen, aber er hatte sich einfach nicht beherrschen können.

Endlich hatten sie die Abzweigung von der Asphaltstraße erreicht, und Connor bog auf den Kiesweg ein, der zu ihren Häusern führte. Dahinten war auch schon Eves Briefkasten zu sehen. Erleichtert schloss Connor kurz die Augen. Er nahm das Gas weg und wollte gerade in Eves Einfahrt einbiegen, als sie ihm kurz die Hand auf den Arm legte.

„Danke, ist gut. Lassen Sie mich hier raus.“

Er hielt, und sie öffnete die Beifahrertür. „Danke fürs Mitnehmen.“ Sie reichte ihm den Aktenkoffer. „Gute Nacht, Mr. Bannerman.“

Dieser arrogante Kerl! Eve knallte die Haustür hinter sich zu, ging in die Küche und stellte sofort das Radio an. Was für ein reizender Nachbar! Wenn man in der Stadt wohnte, erwartete man nichts anderes. Jeder kümmerte sich nur um sich selbst und hatte kein Interesse an seinem Nächsten. Aber hier, wo sie die einzige Nachbarin im Umkreis war, hatte sie etwas anderes erwartet. Auch wenn man sich nicht anfreundete, so konnte man doch wenigstens höflich miteinander umgehen.

Zum ersten Mal seit ihrer Erkältung hatte sie Lust auf ein Glas Wein. Sie goss sich eins ein, schlenderte mit dem Glas in der Hand ins Wohnzimmer und stellte den Fernseher an.

Warum hasste Connor Bannerman sie nur so? Er brachte es kaum fertig, ein Wort mit ihr zu wechseln. Wie hatte sie ihn nur jemals anziehend finden können? Sie ging in ihr Gästezimmer, das sie sich als Büro einrichten wollte, und drückte auf den Startknopf des Computers. Die Anziehung war auf keinen Fall gegenseitig.

Wein war etwas Wunderbares. Wieder nahm sie einen kleinen Schluck. Sie und James waren leidenschaftliche Weintrinker gewesen und hatten in London eine beachtliche Sammlung gehabt. Was wohl aus den Flaschen geworden war, nachdem sie England verlassen hatte?

Nach der Fehlgeburt …

Das Telefon klingelte. Etwas spät, dachte sie und sah stirnrunzelnd auf die Uhr. Aber dann hellte sich ihre Miene auf. Auf dem Display erschien die Nummer ihrer Freundin Lesley, mit der sie lange Jahre zusammengearbeitet hatte. Und wenn sie in Zukunft wirklich die Klatschspalte der New City füllen sollte, dann war Lesley die beste Quelle. Sie wusste alles, aber auch alles, was in der Stadt vor sich ging. „Na, Les, was macht das Leben?“

Dass sie vom Sender gefeuert worden war, hatte sie schon getroffen. Aber schlimmer war noch, dass auch alle anderen, die mit ihr an der Show gearbeitet hatten, ihren Job verloren hatten.

„Oh, mir geht es gut, Eve. Mach dir um mich keine Gedanken. Es gibt immer genug zu tun. Wie geht es dir denn da in der Einöde?“

Während sie mit Lesley Neuigkeiten über ihre gemeinsamen Bekannten austauschte, fiel Eve plötzlich Connors Visitenkarte in die Hände. Schnell tippte sie die Adresse seiner Website ein. „Hast du eigentlich schon mal was von Connor Bannerman gehört?“, fragte sie ihre Freundin.

„Du meinst Cold Bannerman, der das Stadion baut?“

„Man nennt ihn Cold Bannerman?“, fragte Eve. Sehr passend.

„Allerdings. Der Mann war auf dem Platz durch nichts zu erschüttern. Er war früher in der Rugbynationalmannschaft.“

Aha, deshalb hatte er einen derart muskulösen Körper und ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Im Vergleich zu anderen Staaten war Neuseeland vielleicht ein kleines Land, aber in Bezug auf Rugby gehörte es zu den führenden Nationen der Erde. Die Mitglieder der Nationalmannschaft wurden wie Könige behandelt und konnten sich alles erlauben. Selbst ehemalige Mitglieder. „Wieso habe ich nie von ihm gehört?“

„Er hatte seine beste Zeit vor zehn oder elf Jahren.“

„Und damals war ich gerade in der ganzen Welt unterwegs. Gibt es irgendetwas über sein Privatleben?“

„Nicht, dass ich wüsste. Ich glaube, er gibt generell keine Interviews.“

Das habe ich mir fast gedacht.

„Nach seiner Rugbykarriere hat er es aus eigener Kraft zum Multimillionär gebracht. Und jetzt fällt mir auch wieder ein, dass er damals nicht freiwillig aufgehört hat. Es gab einen Unfall, glaube ich wenigstens. Genau weiß ich es nicht. Aber ich kann Jeff fragen. Er kann es herausfinden.“ Lesleys Freund war Sportreporter.

„Gut, grüß ihn schön.“

„Du, Eve, eine Frage noch. Hast du deine E-Mails schon durchgesehen? Dein Geheimkontakt hat sich heute gemeldet.“

Schnell stellte Eve ihr Glas ab und klickte ihre E-Mails an.

„Er hat dir etwas geschickt, um dir den Mund wässrig zu machen“, fuhr Lesley fort. „Ein paar Fotos. Ein Foto sagt mehr als tausend Worte, heißt es nicht so?“

Eve ließ sich in ihren Stuhl fallen und starrte auf den Schirm.

Die Fotos waren nicht besonders gut, grobkörnig und unscharf. Nicht die sparsam bekleideten Mädchen, fast noch Kinder, fesselten Eves Aufmerksamkeit, auch nicht die Größe und die, soweit sie sehen konnte, üppige Ausstattung der Jacht. Es war der Anblick der drei Männer mittleren Alters, die sich offenbar mit den Mädchen vergnügten, der sie sofort zum Kugelschreiber greifen ließ.

Hastig notierte sie die Namen – lauter bekannte Persönlichkeiten. Der eine war ein hohes Tier in der Wirtschaft, der zweite der derzeitige Polizeichef, und der dritte saß im Aufrichtsrat des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, für den sie gearbeitet hatte. Ihr wurde speiübel.

„Hat er sonst noch etwas gesagt?“, wollte sie wissen.

„Er wollte deine Telefonnummer haben. Aber ich habe ihm gesagt, ich muss dich erst fragen, ob ich sie ihm geben darf. Ich vermute, dass er sich mit dir in Verbindung setzen wird. Außerdem soll ich dir sagen, dass es ihm sehr leidtut, wenn man dich seinetwegen gefeuert haben sollte.“

Eve runzelte die Stirn. Woher wusste er denn, dass sie entlassen worden war? Offiziell hieß es, sie sei freiwillig gegangen, weil sie an Burn-out litt und sich neu orientieren wolle.

„Und dann noch eins. Ich soll dir ausrichten, es geht nicht immer nur um Geld.“

Was meinte er damit? Was hatte das mit Pete Scanlon zu tun?

Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr war sie Pete nicht mehr begegnet. Und es war ein riesiger Schock für sie, als er plötzlich auf der politischen Bühne auftauchte. Das war vor etwa einem halben Jahr gewesen. Niemand hier wusste etwas von ihm. Er war fortschrittlich in seinen Ansichten, wirkte sympathisch, sah gut aus und konnte vorzüglich frei sprechen.

Eve hatte ihn in eine ihrer Talkshows eingeladen, aber er hatte abgesagt, denn er wusste sehr genau, dass sie ihn von ganzem Herzen verabscheute. Daraufhin hatte sie ihrem Fernsehpublikum mitgeteilt, dass sie beabsichtige, die nächste Show von seiner – und auch ihrer – Heimatstadt aus zu senden, denn sicher würde man dort mehr über diesen aufstrebenden Stern am Politikerhimmel erfahren, der sich so rar machte und über den man bisher so wenig wusste.

Kurz danach erreichte sie der anonyme Anruf eines Geschäftsmannes. Pete Scanlons Steuerberatungsbüro hatte Scanlon und andere bekannte Wirtschaftsleute in ein paar finstere Geschäfte zur Steuerhinterziehung verwickelt. Sie hatte versucht, ihn zu einer offiziellen Stellungnahme zu bewegen, und hatte ihrem unmittelbaren Chef vorgeschlagen, die Anschuldigungen in einer ihrer Sendungen öffentlich zur Sprache zu bringen.

Das hatte ihr Chef abgelehnt, was zu einem Riesenstreit und schließlich zu ihrer Entlassung führte. Danach war sie krank geworden, war umgezogen und musste sich nun in die neue Situation hineinfinden.

Nun hatte Pete Scanlon sich als Bürgermeisterkandidat aufstellen lassen, und die eineinhalb Millionen Einwohner von Gulf Harbor hatten keine Ahnung, was auf sie zukam. Auf alle Fälle konnte und würde er mehr Schaden anrichten, als die Menschen sich träumen ließen. Eve war fest entschlossen, die Bürger der Stadt aufzuklären, bevor sie ihre Stimme abgaben.

„Auf den Typen hast du es wirklich abgesehen, was?“, fragte Lesley und riss Eve damit aus ihren Gedanken.

„Das kannst du wohl sagen.“ Eve nahm noch einen Schluck Wein. „Das ist ein ganz übler Kerl, ein wahrer Wolf im Schafspelz, durch und durch schlecht, und wenn er noch so viel Kreide frisst.“

Lesley versprach, Eves Telefonnummer weiterzugeben, sowie sich ihr Kontaktmann wieder meldete, und legte auf.

Eve starrte minutenlang auf die Fotos auf dem Bildschirm. Was bedeutete das Ganze?

Es geht nicht immer nur um Geld.

Was hatten eine große Jacht, ein paar minderjährige Mädchen und drei Männer, von denen zwei für den Staat arbeiteten, mit zweifelhaften Steuertricks zu tun?

Irgendwie hatte Pete Scanlon da seine Finger drin. Aber natürlich! Warum hatte sie nicht gleich daran gedacht! Erpressung und Bestechung, das passte schon viel besser zu ihm als ehrenwertes Geschäftsgebaren.

Sie hoffte, ihr Kontaktmann würde sie bald anrufen. Sie erwog ihre Möglichkeiten. Sie verfügte nicht mehr über ein Fernsehteam, ihr stand nur die Klatschkolumne zur Verfügung. Sie beschloss, sich gleich am nächsten Morgen mit der Rechtsabteilung der Zeitung in Verbindung zu setzen. Eins war sicher, sie musste bei der Wortwahl später sehr vorsichtig sein, damit die Zeitung nicht mit Verleumdungsklagen überhäuft wurde.

Sie stellte den Computer aus und lehnte sich grimmig lächelnd zurück. Der Weg war klar. Sie musste Pete Scanlon aufhalten.

Ihr Blick fiel auf die Visitenkarte von Connor Bannerman. Zum Teufel mit ihm. Sie knüllte auch diese Karte zusammen und warf sie auf den Boden. Für so etwas hatte sie jetzt keine Zeit.

Sie musste endlich aufhören, sich um ihren unmöglichen Nachbarn Gedanken zu machen.

3. KAPITEL

Connor blieb vor dem Schreibtisch seiner Sekretärin stehen. „Lesen Sie eigentlich die New City, Phyllis?“

Seine Sekretärin blickte überrascht hoch. „Nein, Mr. Bannerman.“

Er ging in sein Büro, und Phyllis folgte ihm. Sie hielt ihm einen Stapel Telefonnotizen hin und nahm ihm den Mantel ab. „Ich glaube, ich habe eine im Aufenthaltsraum gesehen.“

Connor sah sie verständnislos an.

„Diese Zeitschrift. Soll ich sie holen?“

„Ja, das wäre nett.“

Auf jeden, der Connors Sekretärin nicht kannte, hätte Phyllis vollkommen ungerührt gewirkt. Er allerdings wusste, was die leicht hochgezogenen Augenbrauen und der kaum wahrnehmbar verzogene Mund bedeuteten. Sie war schockiert.

Normalerweise las Connor Bannerman nur Wirtschaftszeitungen. Die New City konnte man kaum als seriöses Blatt bezeichnen. Im Wesentlichen ging es da um Gesellschaftsnachrichten, Nachrichten aus der Unterhaltungsbranche und um Mode.

Wieder musste Connor an Eve Summers denken, wie schon so oft in den vergangenen Tagen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Das war einen Tag nach dem Abend gewesen, an dem er sie nach Hause gefahren hatte. Sie hatte Holz gehackt in dem kleinen offenen Anbau, den sie als Holzschuppen benutzte. Sie musste ihn gehört haben, aber sie hatte weder hochgesehen, noch hatte sie ihm zugewinkt. Allerdings hatte er das auch nicht erwartet.

Dabei konnte sie ihm keinen Vorwurf machen, dass er so unfreundlich gewesen war. Sie wusste ja nicht, welche Überwindung ihn die Autofahrt mit ihr gekostet hatte.

Es klopfte. Phyllis trat ein und legte wortlos die Zeitschrift auf den Schreibtisch. Connor tat so, als sei er in seine Arbeit vertieft. Erst als sie den Raum wieder verlassen hatte, griff er nach der New City. Auf dem Titelblatt war ein dick eingerahmter Hinweis zu lesen:

Lesen Sie auf Seite 2 die neue Gesellschaftskolumne der berühmten und beliebten EVE DRUMM (geschiedene SUMMERS).

Wie hatte sie nur so tief sinken können! Connor verzog verächtlich den Mund. Und sie behauptete noch, die Sache mache ihr Spaß. Peinliche Situationen, persönliches Pech, enttäuschte Erwartungen, das waren die Geschichten, von denen diese Blätter lebten. Widerlich! Er warf die Zeitschrift ungelesen auf den Schreibtisch.

Später, als er nach einem hektischen Tag während der Fahrt mit der Fähre etwas zur Ruhe kam, schlug Connor die New City auf. Er las die Zeitung ganz durch und nahm sich erst dann Eves Kolumne vor, sozusagen als Belohnung.

Das hätte er nicht tun sollen. Wenn er den Text früher gelesen hätte, hätte er Zeit gehabt, sich wieder zu beruhigen, bis er in Eves Einfahrt einbog. So waren seine Nerven aufs Äußerste gespannt, wobei er nicht sicher war, ob das an dem Artikel lag oder an der Tatsache, dass er sie gleich wiedersehen würde.

„Verdammter Mist!“, schimpfte er, während er den Motor abstellte, ausstieg und die Tür zuknallte. Wütend stapfte er die Einfahrt hinauf. Es passte ihm gar nicht, dass nun eine Berühmtheit neben ihm wohnte. Manche Nacht hatte er noch ziemlich spät Musik von ihrem Haus gehört. Vermutlich würden bald die ersten Partys mit den Leuten aus dem Glanz-und-Glitzer-Business steigen, der Weg wäre mit Autos verstopft, von den Vans der Cateringfirmen ganz zu schweigen. Außerdem würde es in der Gegend ziemlich bald von Zeitungsleuten wimmeln. Nicht auszudenken!

Schlimmer aber war, dass sie jetzt als Klatschkolumnistin arbeitete. Tiefer konnte man nicht sinken.

Er klopfte kräftig an die Haustür, und Eve öffnete fast sofort. „Was …?“

Connor wartete nicht, bis sie ihn hereinbat, sondern stürmte an ihr vorbei ins Haus. Dabei hielt er wütend die Zeitung hoch.

Eve schloss langsam die Haustür und folgte ihm in die Küche, wo Connor die New City auf den Küchentisch knallte. Eve ging vorsichtig um ihn herum und stellte das Radio aus.

„Nun sind Sie wirklich zu weit gegangen!“, blaffte Connor sie an.

Sie sah ihn stirnrunzelnd an, ging dann zum Fenster und zog den Vorhang zurück.

„Was machen Sie da?“, fragte Connor, als Eve schweigend aus dem Fenster in die beginnende Abenddämmerung sah. Flüchtig registrierte er, dass sie wieder denselben pinkfarbenen Pullover trug wie neulich und hautenge schwarze Leggins aus einem weichen Material.

„Es hat doch eben so kräftig gedonnert“, meinte sie lächelnd. „Ich wollte sehen, wo der Blitz bleibt. Normalerweise blitzt es doch, bevor der Donner kommt.“ Dann ließ sie den Vorhang wieder fallen und drehte sich zu ihm um.

Connor starrte sie nur an. Er hatte Schwierigkeiten, ein Lächeln zu unterdrücken. Schlagfertig war sie, das musste er ihr lassen. Schließlich schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. „Das Lachen wird Ihnen schon noch vergehen, wenn Sie die Forderungen meiner Rechtsanwälte hören.“

„Ach so, meine Kolumne.“ Sie griff nach der Zeitschrift und tat so, als fächele sie sich Luft damit zu. „Seltsam“, sie lächelte zuckersüß, „ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass Sie so etwas lesen.“

„Das tu ich auch nicht! Ich war … ich meine, man hat mich davon informiert.“

Plötzlich wurde Eve ernst und blickte ihn prüfend an. „Was haben Sie mit ihm zu tun?“

„Falls es Sie interessiert, meine Firma unterstützt Pete Scanlon bei seiner Kandidatur für den Bürgermeisterposten.“

„Was?“ Sie war betroffen. „Finanziell?“

„Ja, natürlich finanziell. Wie denn sonst?“, entgegnete er aufgebracht. Eve Drumm regte ihn ständig auf. Normalerweise konnte er sich besser beherrschen, aber in ihrer Gegenwart ging sein Temperament einfach mit ihm durch. Sie hatte etwas Aufreizendes an sich, das ihn wütend und misstrauisch machte. Sie verwirrte ihn.

Und er begehrte sie.

„Stehen Sie sich nahe?“, fragte Eve.

„Was heißt nahe? Ich gebe ihm Geld für seine Wahlkampagne. Und zwar, weil ich möchte, dass er gewinnt, damit ich mein Bauprojekt durchziehen kann.“

Zu allem Überfluss registrierte er nun auch noch das Gedudel einer Opernarie aus dem Nebenzimmer, was ihm das Nachdenken fast unmöglich machte.

Eve lehnte am Fenster, das Kinn trotzig vorgestreckt. „Dann verkehren Sie mit Pete Scanlon nicht gesellschaftlich oder sind gar mit ihm befreundet?“

„Befreundet? Ich kenne den Mann kaum“, sagte Connor ungeduldig. Sie musste doch inzwischen gemerkt haben, dass er auf die Gesellschaft anderer keinen großen Wert legte. „Aber ich habe etwas dagegen, wenn man ihn in Schmierblättern derart verleumdet.“

Eve verschränkte die Arme vor der Brust. „Die Leute von der Rechtsabteilung haben den Text auf das Genaueste geprüft und von allen Seiten abgeklopft. Er ist wasserdicht. Auch Ihre Anwälte werden keinen Angriffspunkt finden.“

Connor hatte Schwierigkeiten, den Blick weiterhin auf ihr Gesicht zu richten, weil sich der Pullover so sexy über ihren Brüsten straffte. „Wissen Sie, was ich glaube? Sie haben sich das Ganze ausgedacht.“

„So? Glauben Sie?“, fragte Eve sanft. Sie blickte ihn aus großen unschuldigen Augen an und lächelte. Ihre vollen Lippen öffneten sich leicht.

Connor konnte den Blick nicht von diesem verführerischen Mund lösen. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Würde sie auch dann noch lächeln, wenn er sie küsste? „Können Sie nicht diese schreckliche Musik abstellen?“, stieß er ärgerlich hervor.

Sofort verschwand Eves Lächeln. Sie wandte sich abrupt ab und ging ins Wohnzimmer. Connor folgte ihr, wobei er fast über einen Eimer mit Tapetenlöser gestolpert wäre.

„Ihr Versuch, Scanlon etwas anzuhängen, soll nur die Öffentlichkeit auf Sie aufmerksam machen.“

Eve fuhr herum. „Nein, es ist genau das, was in eine solche Kolumne gehört. Eine kleine Spitze gegen ihn, die nur klarmachen soll, wie erfreut diejenigen sind, die ihn noch von früher kennen, dass er sich nun in besseren Gefilden tummeln will.“

Da sie ihn nur mit einem ironischen Lächeln ansah, griff Connor an ihr vorbei und stellte den CD-Spieler aus. Nun nervte ihn der plärrende Fernsehapparat in der anderen Ecke des Raumes.

„Wissen Sie, was Ihr Problem ist?“, fragte er. Am liebsten hätte er sie gepackt und durchgeschüttelt. Um dieser Versuchung nicht nachzugeben, schob er die Hände tief in die Hosentaschen. „Ihre Karriere ist vorbei, und das können Sie nicht akzeptieren. Sie sind süchtig nach Publikum und können es nicht ertragen, plötzlich ein Nobody zu sein. Deshalb denken Sie sich irgendwelche wilden Geschichten aus, auf die die Leser hereinfallen.“ Es war nicht ganz so überlegen herausgekommen, wie er es geplant hatte, denn es irritierte ihn, dass sein Körper so stark auf Eve reagierte. Zu seinem Ärger musste er sich eingestehen, dass er schon lange nicht mehr so erregt gewesen war.

„Das ist nicht wahr!“, entgegnete Eve, ohne im Mindesten eingeschüchtert zu wirken. „Wenn das so ist, Mrs. Summers …“, er lehnte sich vor, nahm die Hände aus den Hosentaschen und deutete mit dem Zeigefinger auf Eve, „… warum werden Sie dann nicht etwas deutlicher? Warum führen Sie nicht Namen an, die Ihre Vorwürfe bestätigen könnten? Warum sind Sie der einsame Rufer in der Wüste? Noch nie hat jemand irgendetwas Negatives gegen Pete Scanlon vorgebracht.“

Eve griff nach seinem Zeigefinger, und Connor zuckte zusammen. Ein erregender Schauer rieselte ihm über den Rücken, und er legte seine Hand auf ihre und blickte ihr ernst in die Augen.

Eve holte tief Luft, entzog ihm aber nicht die Hand. „Weil Scanlon zu den Männern gehört, die Beziehungen nach ganz oben haben. Darin war er immer schon besonders gut.“

Connor zog ihre Hand an seine Brust. „Ist das wirklich wahr?“

„Die New City hat nichts mit dem Netzwerk der sogenannten Honoratioren zu tun und ist nicht … käuflich“, erwiderte sie mit bebender Stimme, wich seinem Blick jedoch nicht aus. „Und mein Name ist Drumm, nicht Summers.“

Er spürte ihren Puls, der mindestens so schnell ging wie seiner. „Entschuldigen Sie, Mrs. Drumm.“ Er machte eine knappe Verbeugung. „Aber ein Schmierblatt bleibt ein Schmierblatt. Pete Scanlon hat wahrscheinlich noch nie etwas von dieser Zeitung gehört.“

Sein Zorn verrauchte mehr und mehr, seit er ihre Hand, die sie ihm willig überließ, in seiner spürte. Ihr Blick streifte kurz seinen Mund, und sofort wurde ihm siedend heiß.

„Dann kennt er sie ganz sicher jetzt“, flüsterte Eve atemlos.

Connor nahm auch ihre andere Hand und drückte sie sich an die Brust, was Eve regungslos geschehen ließ. Wieder blickte sie ihm wie hypnotisiert auf den Mund, und Connor neigte den Kopf.

„Connor“, wisperte Eve.

Ihre Augen waren groß und dunkel, und ihre Brüste hoben und senkten sich bei jedem Atemzug.

„Eve.“ Connor zögerte nicht länger, zog sie an sich und küsste sie. Ihre Lippen waren zart und kühl. Zorn und Anspannung fielen von ihm ab. Leise stöhnend zog er Eve an sich. Danach hatte er sich vom ersten Tag an gesehnt.

Eve stieß einen Seufzer aus und versuchte halbherzig, ihre Hände zu befreien, aber Connor war noch nicht bereit, sie loszulassen. Stattdessen umfasste er mit seiner freien Hand ihren kleinen festen Po und drückte sie fest an sich.

Wie sehr sehnte er sich nach ihrer Wärme, ihrer Leidenschaft. Er war alles andere als ein Mönch, aber er hatte so etwas wie jetzt mit Eve schon lange nicht mehr gespürt. Er hatte einige kurze Affären gehabt, doch wenn er mit einer Frau im Bett gewesen war, ging die Beziehung regelmäßig zu Ende. Schon lange hatte er nicht mehr dieses mächtige Verlangen gefühlt, das jede klare Überlegung ausschaltete. Ein Kuss genügte, und er konnte seine Leidenschaft kaum zügeln. Eve schien es genauso zu gehen. Dabei kannten sie sich kaum und hatten sich bisher nicht einmal sympathisch gefunden. Sie wussten nicht einmal, ob sie einander vertrauen konnten.

Connor vertiefte seinen Kuss und spürte, wie Eve sich ihm entgegenbog und sich an ihn schmiegte. Dabei hielt sie die Augen geschlossen und gab sich vollkommen dem Kuss hin.

Es kam ihm vor wie der absolute Wahnsinn. Noch nie hatte er diesen Erregungszustand so begrüßt. Schon lange hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt.

Als sie ihre Zunge auffordernd zwischen seine Lippen schob, und da wusste er, jetzt gab es kein Zurück mehr. Er ging darauf ein.

Als sie den Kuss schließlich beendete, prickelten seine Lippen, und er verspürte ein fast schmerzhaftes Verlangen, das vermutlich noch lange andauern würde. Eve blickte ihn eher verwundert an, so, als sehe sie ihn zum ersten Mal.

Er trat einen Schritt zurück und lockerte seinen Griff um ihre Hände, doch sie entzog sie ihm nicht.

Connor atmete tief durch, wobei ihm wieder der Zitrusduft ihres Shampoos in die Nase stieg. „Entschuldige, das hätte nicht passieren sollen.“

Auch Eve trat hastig zurück und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Noch einmal drückte Connor ihre Hände, dann ließ er sie los. Schnell wandte er sich um und verließ fast fluchtartig das Haus.

Normalerweise hatte Eve den Drang, sich zu bewegen, wenn sie nervös war oder wenn sie etwas beschäftigte, worüber sie sehr intensiv nachdenken musste. Sie ging dann hin und her und redete mit sich selbst, wobei sie gestikulierend alle möglichen Argumente vorbrachte und wieder verwarf. Aber diesmal stand sie noch minutenlang stocksteif an derselben Stelle, an der Connor sie verlassen hatte.

Das starke Verlangen, das sie völlig aus dem Konzept gebracht hatte, ließ langsam nach. Stattdessen wurde das Gefühl der Reue immer stärker. Aber warum sollte sie etwas bedauern, das ihr so gut getan und ihr endlich wieder das Gefühl gegeben hatte, zu leben und eine leidenschaftliche Frau zu sein? Das war wunderbar und aufregend gewesen und erinnerte sie an einen Traum, in dem sie im Gleitflug von einer Klippe abhob. Das Blut schien nun schneller in ihren Adern zu pulsieren, und sie fühlte sich großartig.

Doch all das hatte sie schon erlebt. Sie war ausgesprochen skeptisch, wenn es um pures sexuelles Verlangen ging, denn das hatte damals zu ihrer Ehe geführt. Und, wenn man den Faden weiterspann, auch zu ihrer Scheidung. Nur dass sich in dem Fall das sexuelle Verlangen ihres Mannes auf andere Frauen gerichtet hatte.

Sie hatte sich geschworen, sich nie wieder auf eine Beziehung einzulassen, die sich im Wesentlichen auf körperliche Leidenschaft gründete.

„Sex ist nicht genug.“ Das sollte in Zukunft ihr Mantra sein. Immer wieder sagte sie diesen Satz vor sich hin, selbst noch im Bett, bis sie endlich einschlief.

Am nächsten Morgen war er sofort wieder da. „Sex ist nicht genug.“ Sie nahm sich fest vor, Connor Bannerman aus dem Weg zu gehen.

Gegen Mittag brachte ihr der Briefträger einen dicken Umschlag. Lesleys Freund hatte viele Zeitungsausschnitte zusammengetragen, die mit Connor Bannerman zu tun hatten. Doch Eve warf den geöffneten Umschlag auf den Küchentisch, ohne einen der Artikel zu lesen. Es ging einfach nicht, da sie seinen Kuss noch immer deutlich spürte.

In den nächsten Tagen bemühte sie sich, mehr über Pete Scanlon herauszubekommen. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass auch Grant, ihr früherer Boss beim Sender, dick mit dem Bürgermeisterkandidaten befreundet war. Dabei hatte sie Grant immer sehr geschätzt. Er war ein herzlicher Mensch und schien nicht nur auf die Einschaltquoten zu starren. Sie war überzeugt, es war ihm nicht leichtgefallen, sie zu entlassen. Sicher hatte er einiges aushalten müssen, denn ihr Publikum hatte vehement protestiert. Inzwischen war ihr klar, dass Pete Scanlon die treibende Kraft gewesen war.

Ihre geheime Quelle rief wieder an und informierte sie ausführlich über Geldwäsche- und Steuerbetrugsaffären, in die Scanlon eindeutig verwickelt war. Das kam für Eve überraschend. Denn der Pete Scanlon, den sie kannte, ging weniger raffiniert vor. Offenbar hatte er dazugelernt und wusste, wie er die Grauzone in den Steuergesetzen nutzen konnte.

Doch damit hatte er sich nicht begnügt. Ihr Kontaktmann erzählte ihr, dass Pete auch vor Erpressung nicht zurückschreckte. Nicht nur Geschäftsleute standen auf seiner Liste, sondern auch Regierungsbeamte, Polizeioffiziere, Politiker und Medienleute. Sei es, dass sie Staatsgelder für ihr eigenes Vergnügen verschwendeten, oder dass sie sich von Privatleuten, die mit Callgirls, Glücksspielen oder Drogen zu tun hatten, auf deren Jacht einladen ließen; sie alle konnte Scanlon unter Druck setzen. Meist mit Fotos, die er mit versteckten Kameras aufnahm.

„Und das Ganze macht er nicht wegen des Geldes“, sagte der Mann, „sondern aus einem unstillbaren Machtbedürfnis heraus. Er braucht die Schraube nur etwas anzuziehen, und schon bekommt er, was er will.“

Ja, das war der Pete Scanlon, den Eve kannte.

„Werden Sie veröffentlichen, was Sie wissen?“, fragte sie, ohne viel Hoffnung zu haben. Zu viel stand auf dem Spiel, auch für ihren Informanten.

„Sicher nicht von mir aus“, meinte der Mann dann auch. „Wenn das herauskommt, werden wohl einige Leute im Gefängnis landen. Andere, und dazu gehöre ich leider auch, müssen mit empfindlichen Geldstrafen rechnen, und mein Ruf wäre ruiniert.“

„Er wird die Wahl gewinnen.“ Eve seufzte. „Die Leute wollen einen neuen Mann an der Spitze.“

„Sie haben noch ungefähr drei Wochen, um etwas gegen Scanlon zu unternehmen. Sonst gibt es bald nur noch korrupte Polizisten, Politiker und auch Journalisten in dieser Stadt.“ Er legte auf.

Plötzlich schoss Eve ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Wenn nun auch Connor zu den Geschäftsleuten gehörte, die von Scanlon erpresst wurden, weil sie in irgendwelche Geldwäschegeschäfte verwickelt waren? Wer weiß, was dieser widerliche Pete gegen ihn in der Hand hat, dachte sie.

Zwei Tage schlich sie um die Zeitungsausschnitte auf ihrem Esstisch herum. Sie wollte nichts mit Connor zu tun haben, doch wenn ihr Nachbar tatsächlich „besondere Beziehungen“ zu Pete Scanlon unterhielt, dann war es wichtig, dass sie sich darüber Gewissheit verschaffte.

Mit bebenden Fingern nahm sie den Umschlag auf und schüttete den Inhalt auf den Küchentisch. Chronologisch geordnet, breitete sich Connor Bannermans Vergangenheit vor ihr aus.

Ein Wagen hielt auf ihrer gekiesten Einfahrt. Wie bestellt. Eve stand langsam auf und strich ihr Top glatt.

Eine Autotür wurde zugeworfen. Eve nahm ein Weinglas vom Kaminsims.

Energische Schritte näherten sich der Haustür. Ihr Herz klopfte heftig, während sie langsam durch den Flur ging.

Bumm! Bumm! Bumm!

Hatte sie es nicht gewusst? Sie lächelte und öffnete die Tür. Connor stand draußen und starrte sie mit offenem Mund an, als sie ihm strahlend gegenübertrat. Dann runzelte er verwirrt die Stirn und blickte auf das Glas in ihrer Hand.

„Komm rein. Es ist kalt draußen.“

Eve hielt ihm das gefüllte Weinglas hin. Verdutzt nahm er es. Sie ließ ihn eintreten und schloss die Tür hinter ihm.

„Komm ins Wohnzimmer. Ich habe den Kamin angemacht.“ Sie drehte sich um und ging vor ihm her den Flur entlang.

Natürlich war ihr Gleichmut nur vorgetäuscht. Als sie vor dem Kamin in die Hocke ging, um Holz nachzulegen, zitterten ihr die Knie. Es dauerte wahrhaftig zwanzig endlose Sekunden, bis Connor endlich im Türrahmen erschien. Inzwischen hatte sie bereits ihr Weinglas vom Kaminsims genommen und einen Schluck getrunken. Diesmal hatte sie eine Pink-Floyd-CD aufgelegt.

Connor blieb in der Tür stehen und sah sie an. Nervös nahm sie einen weiteren Schluck. Sein prüfender Blick irritierte sie. Wenigstens hatte sie darauf geachtet, dass an ihrer Kleidung nichts auszusetzen war, und so fühlte sie sich in diesem Punkt sicher. Doch ihr Puls ging viel zu schnell.

Endlich bewegte Connor sich. Er führte sein Glas an den Mund und nahm einen Schluck.

„Schmeckt dir der Wein?“

Er schluckte bedächtig und nickte dann.

Eve beobachtete verstohlen, wie er umherging und alles eingehend betrachtete. Er bewegte sich mit der lässigen Eleganz eines Raubtiers, das sein Revier abschreitet. Immer wieder blieb er stehen und sah sich einzelne Objekte genauer an, etwa ihren hölzernen Tiger, der ihr bis zu den Oberschenkeln reichte, einen Akttorso aus poliertem Messing, der an der Wand hing und sich im flackernden Feuerschein zu bewegen schien, ein paar gerahmte Familienfotos. Tastend strich er mit der Hand über eine Wand, die sie bereits von der Tapete befreit hatte, weil sie sie streichen wollte. Nichts entging ihm, weder die Kerzen auf dem Couchtisch noch die Teelichter auf dem Kaminsims. Dann entdeckte er die Platte mit Käse und Oliven und den kleinen Brotkorb mit knusprigem Baguette, und seine Miene hellte sich auf.

Eve wusste, wenn er überhaupt jemals zugänglicher werden würde, dann jetzt.

Connor beendete seinen Rundgang, blieb neben der Couch stehen und sah Eve fragend an.

Sie nickte, und er setzte sich. Dann nahm er noch einen Schluck von dem Wein, beugte sich vor und stellte das Glas auf dem Couchtisch ab.

„Du hast dich ja ordentlich angestrengt. Wein, Essen, Kerzen.“ Er sah hoch und musterte sie lange. Vor allen Dingen aber mit dir. Das sagte er zwar nicht laut, aber sein anerkennender Blicke sprach Bände.

„Nicht der Rede wert“, wehrte sie ab.

„Und mit deiner Kolumne.“

„Ja.“ Ihren zweiten Beitrag hatte sie so geschrieben, dass sie Connors Interesse wecken musste. Das war zwar nicht der alleinige Grund gewesen, aber inzwischen waren fünf Tage seit dem Kuss vergangen, und einer musste den ersten Schritt tun. Schließlich konnte sie von einem einigermaßen intelligenten Menschen nicht hinnehmen, dass er in ihr Haus stürmte, sie anschrie, sie wie von Sinnen küsste und sich dann nie wieder meldete.

Obgleich sie sich vorgenommen hatte, nichts mit ihm zu tun zu haben. Eve seufzte. Waren gute Vorsätze nicht dazu da, umgestoßen zu werden?

Connor lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Du bist zu weit gegangen. Hier geht es nicht mehr um unterhaltsamen Klatsch. Dies ist ernst.“

„Ja, es ist ernst.“

„Es geht um massive Anschuldigungen, Geldwäsche, Erpressung. Du kannst so etwas nicht einfach behaupten, ohne Beweise zu haben.“

„Ich bin zuversichtlich, das auch bald beweisen zu können.“ Ziemlich zuversichtlich, ergänzte sie im Stillen.

„In knapp drei Wochen wird gewählt. Hast du vor, deine Beweise vorher anzubringen, oder ist das Ganze die übliche Schmutzkampagne, um üble Gerüchte in die Welt zu setzen und so dem Kandidaten zu schaden?“

Eve kniete sich auf den Fußboden und stützte beide Arme auf dem Couchtisch auf. „Darf ich dir ein paar Fragen in Bezug auf Pete stellen? In welcher Beziehung stehst du zu ihm?“ Sie hob besänftigend die Hand, als sie sah, dass Connor aufbrausen wollte. „Bitte, reg dich nicht auf, sondern antworte mir ruhig und wahrheitsgemäß. Das ist sehr, sehr wichtig für mich.“

Connor nickte kurz.

Seine klassischen Gesichtszüge wurden durch den Feuerschein noch betont. Wieder musste Eve sich eingestehen, selten einen so gut aussehenden Mann gesehen zu haben, obgleich sie in ihrem früheren Job reichlich Auswahl gehabt hatte. „Erste Frage: Hast du mit Pete Scanlon oder seinem Steuerberatungsbüro geschäftlich zu tun, speziell in Richtung Offshore-Geschäfte? Zweite Frage: Gibt er deine Spenden für seinen Wahlkampf bei der Steuer an?“

Wieder wollte Connor etwas sagen, aber sie hob die Hand. „Warte, ich bin noch nicht fertig. Dritte Frage: Wirst du von ihm erpresst?“

Die Pink-Floyd-CD war zu Ende, die nächste CD war Hardrock.

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