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Bad Earth Sammelband 2 - Science-Ficiton-Serie

Claudia Kern, Achim Mehnert, Werner K. Giesa, Manfred Weinland

Bad Earth Sammelband 2 - Science-Ficiton-Serie

Inhalt

Claudia Kern
Bad Earth 6 - Science-Fiction-Serie
Im Reich der Vaaren - ein GenTec geht verloren

Hinter ihnen eine todbringende, feindliche Raumflotte.
Vor ihnen eine gewaltige, unbekannte Wasserwelt.
Waghalsig flüchten sich Cloud und die GenTecs in den Aqua-Kubus. Doch die vermeintliche Sicherheit ist trügerisch. In der künstlich erschaffenen Welt lauern Gefahren, mit denen keiner von ihnen rechnet - oder befindet sich ihr größter Feind möglicherweise an Bord ihres eigenen Schiffes?

Bad Earth - das spektakuläre Weltraum-Abenteuer in die Zukunft der Menschheit. Ein atemberaubender Trip in fremde Galaxien, zu epischen Raumschlachten und inmitten eines intergalaktischen Konflikts voller Intrigen.

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Achim Mehnert
Bad Earth 7 - Science-Fiction-Serie
Sie kennen den Tag ihres Todes - sie sind die Protoschöpfer

Wie wird die Begegnung mit den Herren des Aqua-Kubus weitergehen? Können Cloud und die GenTecs den Angriff der "schwarzen Masse" unbeschadet überstehen?
Die Situation scheint aussichtslos und als sogar Darnok in Not gerät, ist die verbleibende Hoffnung auf Rettung gering.

Schließlich kommt es zur Begegnung mit den Proto-Schöpfern, die sich selbst die Meister der Materie nennen. Doch wer genau sind sie? Was tun sie hier? Und vor allem: Was sind ihre Absichten?

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Bad Earth 8 - Science-Fiction-Serie
Auf der Flucht! - ins Allerheiligste der Vaaren

Voneinander getrennt und auf sich allein gestellt befinden sich Cloud und die GenTecs noch immer im Aqua-Kubus: John Cloud in der Gewalt der geheimnisvollen Vaaren-Königin - Jarvis bei den Heukonen - Scobee und Resnick auf der gemeinsamen Flucht mit Rurkka, dem Ersten Verwerter - Und sogar Darnok hat sich aus seiner schützenden Schale erhoben, um den Menschen beizustehen ...

Scobee und Resnick machen sich auf, die anderen zu befreien. Doch damit begeben sie sich auf eine Odyssee, an deren Ende sie in einen Bereich geraten, von dem es ebenso strikt wie unerbittlich heißt: Für Menschen verboten ...

Bad Earth - das spektakuläre Weltraum-Abenteuer in die Zukunft der Menschheit. Ein atemberaubender Trip in fremde Galaxien, zu epischen Raumschlachten und inmitten eines intergalaktischen Konflikts voller Intrigen.

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Werner K. Giesa
Bad Earth 9 - Science-Fiction-Serie
Im Herzen des Vaaren-Reichs - die letzte Frist verstreicht

Wiedervereint sehen sich John Cloud und die GenTecs mit dem rigorosen Ultimatum der Vaaren-Königin konfrontiert. Doch wird sie ihre schrecklichen Drohungen tatsächlich in die Tat umsetzten? Was wird wirklich passieren, wenn sie sich ihr widersetzen sollten? Und warum ist die von "sprechenden Tafeln" markierte Kubus-Zone den Vaaren überhaupt heilig? Haben möglicherweise die ominösen Sieben Hirten, auf die Cloud bereits während seiner Gefangenschaft aufmerksam geworden ist, etwas damit zu tun?

Ungeachtet der harschen Drohung beschließt die Besatzung des Karnuts, tiefer in den brisanten Bereich vorzudringen. Doch ihre Flucht findet ein jähes Ende, als sich vor ihnen die Grenze zum Nichts erhebt ...

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Manfred Weinland
Bad Earth 10 - Science-Fiction-Serie
Die Wut der Vaaren - sie fürchten um ihr Erbe

Nach Rurkkas Tod und dem Verlust des Jadeschiffs dringt das Karnut auf der Flucht vor den Protoschwärmen gerade noch rechtzeitig in die Vakuumkugel ein. Die Verfolger scheinen vorerst abgeschüttelt, doch was verbirgt sich hinter dem kugelförmigen Energiegeflecht im Zentrum des Aqua-Kubus? Welche anderen Gefahren birgt die allumfassende Dunkelheit?

Gefangen im Nichts gerät die Besatzung in eine schwerwiegende Krise. Doch dann machen sie dort, im vermeintlichen Nichts, wo sich eigentlich nichts befinden sollte, eine Entdeckung, mit der sie nie gerechnet hätten ...

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Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autoren
  4. Was bisher geschah
  5. Impressum
  6. Flucht in den Aquakubus
  7. In der nächsten Folge

Über diese Folge


FOLGE 06: FLUCHT IN DEN AQUA-KUBUS

Im Reich der Vaaren – ein GenTec geht verloren

Hinter ihnen eine todbringende, feindliche Raumflotte.

Vor ihnen eine gewaltige, unbekannte Wasserwelt.

Waghalsig flüchten sich Cloud und die GenTecs in den Aqua-Kubus. Doch die vermeintliche Sicherheit ist trügerisch. In der künstlich erschaffenen Welt lauern Gefahren, mit denen keiner von ihnen rechnet – oder befindet sich ihr größter Feind möglicherweise an Bord ihres eigenen Schiffes?


Bad Earth – das spektakuläre Weltraum-Abenteuer in die Zukunft der Menschheit. Ein atemberaubender Trip in fremde Galaxien, zu epischen Raumschlachten und inmitten eines intergalaktischen Konflikts voller Intrigen.

Über die Autoren


Manfred Weinland schrieb bereits für renommierte Serien wie Perry Rhodan Taschenbuch, Ren Dhark, Maddrax, Dino-Land, Jerry Cotton, Gespenster Krimi, Professor Zamorra u.a., ehe er das Konzept für die Serie Bad Earth ausarbeitete. Zusammen mit Erfolgsautoren wie Alfred Bekker, Luc Bahl, W. K. Giesa, Peter Haberl, Horst Hoffmann, Claudia Kern, Achim Mehnert, Susan Schwartz, Conrad Shepherd, Marc Tannous, Michael Marcus Thurner und Marten Veit, die ebenfalls alle bereits jahrelange Erfahrung im Schreiben von Science-Fiction-, Action- und Abenteuer- oder Horrorromanen haben, gelang eine ebenso spannungsgeladene wie komplexe Science-Fiction-Serie, die sich einem Thema widmet, das alle interessiert: Der Zukunft der Erde und der Menschheit.

Was bisher geschah


2019: Die erste Marsmission unter Leitung von Nathan Cloud scheitert. Sämtliche Astronauten verschwinden spurlos.

2041: Eine zweite Marsmission, angeführt von John Cloud, Nathans Sohn, soll die Kräfte erforschen, die der ersten Mission zum Verhängnis wurden. Doch dazu kommt es nicht. Im Zuge dramatischer Ereignisse entartet der Planet Jupiter, eine Invasionsflotte - so genannte Äskulap-Schiffe - erscheint und nähert sich der Erde. Zeitgleich rückt auch der Mars in den Blick der Außerirdischen. Den überlebenden Mitgliedern von Mission II - normalgeborene Menschen und GenTecs (in vitro gezeugte, »optimierte« Crewmitglieder) - gelingt es, ein Äskulap-Schiff unter ihre Kontrolle zu bringen.

Beinahe jedenfalls. Denn wenig später treibt es führungslos ins Wurmloch und wird an einen unbekannten Ort weitab des Sonnensystems geschleudert.

Wie sich herausstellt, hat der ungewollte Transfer die Menschen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich versetzt. In eine Zukunft, in der die Menschen Erinjij genannt werden und sich zur verhassten Geißel der friedliebenden galaktischen Völker entwickelt haben!

Cloud und die GenTecs geraten zwischen alle Fronten, werden sogar von irdischen Schiffen gejagt und können nur mit Mühe von Kalser, der Nargenwelt, flüchten. Ihr Ziel ist ein Ort, von dem der zwielichtige Außerirdische Darnok behauptet, er böte ihnen Schutz selbst vor hartnäckigsten Verfolgern.

Aber weiß Darnok wirklich, worauf er und die Menschen sich mit Betreten des gigantischen, im All treibenden Würfel voller Wasser einlassen …?

 

Bad Earth

 

Claudia Kern

Flucht in den Aquakubus

 

Im Reich der Vaaren – ein GenTec geht verloren

 

Niemand von ihnen hatte so etwas je gesehen. Stumm starrten sie auf den Bildschirm und ließen ihre Blicke unablässig über den gigantischen, mit Wasser gefüllten Würfel gleiten, der wie eine Provokation mitten im All trieb.

Versteht mich, schien er zu fordern, aber sie verstanden nichts, weder seine Ausmaße, die ganze Planetensysteme beherbergten, noch seine Form, die allem zu widersprechen schien, was das Universum nach menschlichem Glauben hervorgebracht hatte.

Und es waren Dinge darin, das sahen sie durch die Vergrößerung ihres Bildschirms, wirbelnde, gleitende Dinge, die durch eine grüne Welt schwebten. Sie versuchten sie mit Blicken festzuhalten, aber sie verschwanden stets, bevor ihre Beschaffenheit zu erkennen war.

Schließlich war es Jarvis, der als Erster das Naheliegende aussprach.

»Heilige Scheiße, was ist denn das?!«

***

Die Worte rissen John Cloud aus seiner Erstarrung. Er blinzelte und drehte sich zu Jarvis um, dessen Gesichtszüge beim Anblick des Phantastischen fast eingefroren wirkten.

»Was ist mit den Schiffen? Sind sie noch hinter uns?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Der Bildschirm hat einfach umgeschaltet. Vielleicht kannst du mir ja erklären, wie man diese Kontrollen bedient – wenn es überhaupt Kontrollen sind.«

Cloud ließ die Fingerspitzen über die dunklen Metallflächen gleiten, die in scheinbar wahllosen geometrischen Formen an den Wänden angeordnet waren. Sie erwärmten sich unter seiner Berührung, ansonsten geschah nichts.

»Wie sieht’s aus, Darnok?«, fragte er, ohne sich nach dem Wesen umzudrehen, das am Rand seines Gesichtsfeld in einer Art Becken lag. Es hatte das Aussehen eines dunklen pochenden Herzens, kein Gesicht und keine wirklichen Extremitäten, sah man von den Strünken ab, die von seinem Torso abzweigten wie zerrissene Adern. Etwas Verstörendes umgab dieses Wesen, und Cloud war aufgefallen, dass auch die anderen es nur ansahen, wenn sie es nicht vermeiden konnten – abgesehen von Scobee vielleicht, der einzigen Frau an Bord, die von ihm fasziniert zu sein schien.

»Die Schiffe werden uns nicht folgen.« Die Worte kamen aus den gebogenen dunklen Wänden, dem abschüssigen Fußboden und der schwarzen Decke. Es war ein kleines Raumschiff, gerade mal so groß wie eine Mondfähre, doch die Stimme hallte wider wie in einer Kathedrale.

Er macht das absichtlich, dachte Cloud. Er will uns verunsichern.

»Wohin werden sie uns nicht folgen?«, fragte er laut.

»Ins Wasser. Sie werden nicht in den Würfel eindringen.«

Bevor Cloud antworten konnte, machte Jarvis einen Schritt auf das Lebewesen zu. »Komischer Zufall, das werden wir nämlich auch nicht.«

Seine Drohgebärde würde ohne Wirkung bleiben, das musste ihm ebenso klar sein wie allen anderen. Darnok war hinter der transparenten, kuppelförmigen Panzerung unangreifbar und das Schiff ohne ihn unkontrollierbar.

Scobee hatte wohl den gleichen Gedanken, denn sie griff Jarvis am Arm und zog ihn zurück. »Wie weit ist es noch bis zum Würfel?«, fragte sie, aber Darnok antwortete nicht.

Cloud sah zurück zum Bildschirm an der Vorderseite des Kleinstraumschiffes – des Karnuts, wie Darnok es nannte. Der Würfel füllte bereits die gesamte Fläche aus. Sein grünliches Licht erhellte das dämmrige Schiffsinnere und spiegelte sich auf den Gesichtern der Menschen. Der kahlköpfige Resnick wirkte nervös, der blonde Jarvis, der ihm wie ein Bruder ähnelte, obwohl es keinerlei verwandtschaftliche Bande gab, verärgert. Nur Scobee, deren tätowierte Augenbrauen Cloud immer noch irritierten, stand ruhig und unbeeindruckt in der Mitte des Raumes. Sie hatte sich besser unter Kontrolle als die beiden anderen GenTecs, und Cloud fragte sich, was wirklich in ihr vorgehen mochte.

Er lächelte unwillkürlich, als sie seinen Blick bemerkte und ihn ansah. Sie erwiderte sein Lächeln ebenso knapp – als wollte sie ihm versichern, dass sie tatsächlich auf seiner Seite stand.

Nein, widersprach er sich in Gedanken, sie will mir versichern, dass es keine Seiten mehr gibt, dass wir alle gleich sind, Menschen und GenTecs.

Aber das waren sie nicht, egal, wie sehr sich Scobee auch um diesen Eindruck bemühte. Die drei künstlich gezeugten und genetisch hochgezüchteten Klone waren Cloud körperlich überlegen und seit langem daran gewöhnt, unter sich zu bleiben. Sie bildeten eine Einheit, in der seine fast schon altmodischen Vorstellungen von Menschlichkeit keinen Platz hatten. Er war ein Außenseiter unter ihnen, dessen war sich Cloud stets bewusst, und daran änderte auch Scobees Lächeln nichts.

Das Karnut reduzierte seine Geschwindigkeit, je näher sie dem Würfel kamen. Die Triebwerke summten kaum wahrnehmbar, und einige der geometrischen Formen an den Wänden verschoben sich mit leisem Klicken. Cloud versuchte sich ihre Anordnung zu merken, gab jedoch nach den ersten zehn Bewegungen auf.

»Wird das Schiff dem Wasserdruck standhalten?«, fragte er, ohne zu Darnok hinzusehen oder eine Antwort zu erwarten.

Scobee hob die Schultern. »Wir wissen nicht, was es kann.«

Jarvis deutete mit dem Kinn auf das pulsierende, schweigende Wesen. »Dann hoffen wir mal, dass er es weiß.«

Ein Zittern durchlief das Schiff. Cloud stützte sich an einer Wand ab und zuckte zurück, als er bemerkte, wie kalt sie war.

»Vielleicht sollten wir uns festhalten«, sagte Resnick. Er sah sich suchend um, aber es schien keinen Halt zu geben, keinen Sitz, keinen Griff, gar nichts.

Das Zittern wurde stärker. Cloud starrte auf die grünliche Welt, die sich vor ihnen bis in die Unendlichkeit zu erstrecken schien. Er fragte sich, warum die Raumschiffe mit den irdischen Schriftzeichen ihnen nicht folgten. Konnten oder wollten sie nicht, und wenn Letzteres zutraf, war es dann wirklich eine so gute Idee, in einen Bereich einzudringen, vor dem eine ganze Flotte zurückschreckte?

Er drehte sich zu Darnok um, der jetzt heftiger pulsierte.

»Sie können nicht hinein«, sagte die Stimme in den Wänden, »selbst wenn sie es wollten.«

Cloud fragte sich, ob das unbegreifliche Wesen seine Gedanken gelesen hatte. Im nächsten Moment wurde er zu Boden geworfen, als das Schiff von einem plötzlichen Ruck erschüttert wurde. Resnick stürzte ebenfalls; Scobee und Jarvis hielten sich mühsam auf den Beinen.

Der nächste Schlag brachte auch sie zu Fall. Cloud schützte seinen Kopf mit den Armen, während die beiden ihm über den abschüssigen Boden entgegenrutschten. Die Erschütterungen des Schiffs waren so heftig, dass er hochgeschleudert und gegen die Wände geworfen wurde. Er hörte jemanden aufschreien – Resnick? – und eine andere Stimme fluchen. Einen Augenblick lang schien das Schiff auf dem Kopf zu stehen und sich wie ein Karussell zu drehen. Er verlor die Orientierung, fühlte sich schwerelos in der einen und bleischwer in der nächsten Sekunde. Decke, Wände, Boden – alles verschwamm in dem grünen kalten Licht.

Und dann war es auch schon vorbei.

Cloud hob den Kopf. Er lag unmittelbar vor Darnok, der langsamer pulsierte und ansonsten reglos wirkte. Scobee hockte an einer Wand und schüttelte ihre Benommenheit ab. Jarvis kam ein paar Meter entfernt auf die Beine, ebenso Resnick. Ein dünner Blutfaden lief von seinem Haaransatz über die Wange, aber er schien nicht ernsthaft verletzt zu sein.

»Bist du okay?«, fragte Cloud, während er sich aufsetzte.

Resnick nickte und wischte sich das Blut vom Gesicht. »Ja, kaum was passiert.« Er sah zum Bildschirm und schien etwas hinzufügen zu wollen, schwieg dann jedoch.

Cloud folgte seinem Blick. Von außen hatte die grünschimmernde Welt des Kubus matt und verzerrt gewirkt, aber jetzt, hinter der Barriere, die er mangels besseren Wissens als Energiewall bezeichnete, eröffnete sich die Farbenpracht und Fremdheit, als hätte jemand einen Schleier von zurückgezogen.

Planeten hingen grau inmitten des grünen Wassers. Cloud sah Monde, die sie nicht umkreisten, aber dennoch zu ihnen zu gehören schienen, und gewaltige, rosafarbene Korallenkrusten, die sich wie Gürtel um ganze Welten gelegt hatten. In der lichtdurchfluteten grünlichen Helligkeit wirkten die Farben der Korallen beinahe grell. Einige trieben vor dem Bildschirm in merkwürdig geordnet wirkenden Kettenformationen vorbei. Sie waren von einem bunten Fischschwarm umgeben, der grüne Pflanzen von ihren Spitzen fraß. Nach der Dunkelheit des Alls und der Kargheit des Nargen-Planeten[1] war der Anblick des Wasserwürfels überwältigend.

»Wer mag das geschaffen haben?«, fragte Resnick. Er war dicht vor den Bildschirm getreten und machte eine Handbewegung, die den gesamten Kubus einschloss. »Der Wasserdruck würde die Welten im Inneren zerquetschen, wenn es nicht künstlich wäre. Und das Energiefeld, das den Würfel umgibt, das Licht … jemand hat all das hier gemacht – oder zweifelt jemand daran?«

Cloud sah Darnok nicht an. »Du hast gewusst, dass es hier sein würde.«

»Es existiert schon seit langer Zeit.« Die Stimme hatte ihren Hall verloren und klang flach wie die eines Menschen. Vielleicht hatte Darnok keine Kraft mehr für die Illusion, vielleicht hatte er auch nur die Lust daran verloren.

»Willst du uns hier etwas zeigen, so wie auf Kalser?«

»Willst du denn etwas sehen?«

Cloud betrachtete den Bildschirm. Weit entfernt glitt etwas, das beinahe wie ein Rochen aussah, mit langsamem Schwingenschlag durchs Wasser. Er fragte sich, was sein Vater geantwortet hätte, der Mann, der als Erster den Mars betreten und dort sein Leben gelassen hatte. Der Mars war bis zu ihrem Sturz durch das Wurmloch das Ziel von Clouds Träumen gewesen. Im Angesicht des Wasserwürfels erschien ihm das beinahe lächerlich.

»Ich glaube schon, dass ich etwas sehen möchte«, sagte Cloud nach einem Moment und hörte, wie Jarvis scharf die Luft einzog. »Es sei denn, es artet wieder in eine Lektion aus.«

»Du kannst nicht mehr entscheiden, wo wir hingehen oder was wir tun, John«, erinnerte ihn Jarvis. »Ich dachte, darauf hätten wir uns geeinigt …«

Cloud wandte den Blick nicht vom Bildschirm ab. Man hatte ihm das Kommando entzogen und es auf Scobee übertragen, als sich die Ereignisse auf der Erde überschlugen. Die GenTec hatte das kein einziges Mal ausgenutzt. Auch jetzt mischte sie sich nicht ein, obwohl Jarvis sie ansah. Es gab eine Übereinkunft zwischen ihnen: Die alte Kommandohierarchie war zerbrochen, zählte hier nicht mehr. Sie alle sollten gleichberechtigt sein – so waren sie übereingekommen.

»Ich habe nichts entschieden«, rechtfertigte sich Cloud, »nur eine Frage beantwortet.«

»Dann solltest du dir vielleicht genau überlegen, welche Fragen du allein beantworten kannst und welche du zuerst mit uns be …«

»Möchtest du auch eine Frage beantworten, Jarvis?«, unterbrach ihn Darnoks Stimme. Sie hatte einen väterlichen Klang angenommen, aber Cloud war sich nicht sicher, ob das beabsichtigt war.

Jarvis betrachtete einen Punkt oberhalb des Außerirdischen. »Kommt drauf an.«

»Dann sag mir, was du möchtest.«

»Ich möchte hier raus, sobald die Schiffe abgezogen sind.« Er zeigte auf den Bildschirm. »Wer einen solchen Würfel erbauen kann, ist so mächtig und so … fremd, dass wir uns von ihm fernhalten sollten, und zwar so weit wie möglich.«

Resnick nickte, und auch Scobee pflichtete ihm bei. Die GenTecs neigten dazu, sich solidarisch zu erklären. »Und?«, fragte Jarvis nach einem Moment. »Welchen Wunsch erfüllst du, Darnok, seinen oder unseren?«

Schweigen. Auf dem Bildschirm zog ein augenloser Fischschwarm langsam an einem Felsen vorbei. Cloud glaubte bereits, Darnok wolle nicht mehr auf die Frage eingehen, als er schließlich doch wieder die Stimme erhob.

»Neugier«, sagte er in seinem väterlichen Tonfall, »ist wichtiger als Furcht.«

Jarvis sah aus, als wolle er jemanden schlagen, und Cloud konnte sich durchaus denken, wen.

***

Entropie: Die Reise von der Ordnung zum Chaos.

Leben: Die Reise von der Geburt zum Tod.

Zeit: Die Reise von der Vergangenheit in die Zukunft.

Er hat die Begriffe längst verinnerlicht, doch ihre Bedeutung bleibt ihm fremd. Alles in der Welt, die ihn umgibt, verändert sich, nichts bleibt gleich. Sie ist eine wirbelnde Masse chaotischer Elemente, unvorhersehbar und unbestimmbar.

Er hasst diese Welt.

Ordnung, Ruhe, Stagnation. Das sind die Zustände, nach denen er sich sehnt und die er herbeizuführen versucht, obwohl ein ganzes Universum gegen ihn zu sein scheint. Er sucht in ihm nach Klarheit, nach der erlösenden Zufriedenheit, die ein Wesen seiner Art nur in der völligen Erstarrung finden kann, aber wenn er tief genug blickt, ist selbst im stillsten Fels ständige Bewegung.

Stoppen kann er die Bewegung ebenso wenig wie den Verfall, von dem er umgeben ist. Alles, was in dieser Welt existiert, scheint bestrebt zu sein, auf dem schnellsten Weg sein Ende zu erreichen. Gegen diesen universellen Wunsch wirkt seine eigene Macht klein und unbedeutend, aber trotzdem nimmt er den Kampf gegen die Entropie und gegen die Zeit auf.

Und gegen das Leben.

***

»Weiter links, nein rechts … verdammt …« Jarvis trat einen Schritt zurück und strich sich mit der Hand durch die kurzen blonden Haare. »Bist du sicher, dass du weißt, was davon Kontrollen sind und was nur Verzierungen?«

Cloud schob eine der kleinen Metallplatten zur Seite. Das Schiff sackte langsam nach unten weg und machte eine Linkskurve. Er versuchte zu beschleunigen, aber entweder war der Widerstand des Wassers zu groß, oder er hatte sich die falsche Kombination gemerkt.

»Ich glaube nicht, dass hier irgendetwas der Verzierung dient«, antwortete er, als das Schiff einen stabilen Kurs einnahm. »Jede Form hat auch eine Funktion.«

Jarvis hob nur die Augenbrauen. Seit Stunden beschäftigten sie sich bereits mit den Kontrollen des Schiffs, so wie es ihnen Darnok – Cloud schreckte vor dem Wort einen Moment zurück und dachte es dann doch – befohlen hatte. Sehr weit waren sie allerdings noch nicht gekommen.

»John hat Recht«, sagte Scobee, die neben Darnok an der Rückwand stand. Resnick hockte vor ihr auf dem Boden und zeichnete geometrische Formen in ein kleines Notizbuch. »Nichts in diesem Schiff geschieht zufällig. Wir haben erst einen Bruchteil von möglichen Kombinationen ausprobiert. Es muss noch Tausende von Funktionen geben, von denen wir nichts ahnen.«

»Hoffentlich ist keine Selbstzerstörungsfunktion dabei.« Jarvis warf einen Blick auf Darnok. »Ist das Schiff eigentlich bewaffnet?«

»Möchtest du, dass es bewaffnet ist?«

»Diese Yoda-Scheiße kotzt mich wirklich an! Kannst du nicht eine vernünftige Antwort geben?«

Er wandte sich ab und fluchte kaum hörbar. Seine Nervosität ließ ihn aggressiver wirken als Cloud ihn bisher kennen gelernt hatte.

»Willst du mal übernehmen, G.T.?«, fragte er und benutzte dabei den »Vornamen«, für den sich Jarvis selbst entschieden hatte. »Wir sollten uns alle mit der Steuerung vertraut machen.«

Jarvis winkte ab. »Schon gut, ich seh mir das später an.« Er lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen gegen die Wand, nur um im nächsten Moment im Schiff auf und ab zu gehen.

»Aber ich würde gerne übernehmen.« Scobee ging an ihm vorbei und stellte sich neben Cloud. Er bemerkte ihren besorgten Blick, zuckte jedoch nur mit den Schultern. Ebenso wie jeder andere an Bord musste Jarvis lernen, sich mit der Situation abzufinden.

»Die Kombination aus Dreieck, Rechteck und diesem seltsamen Ding, das wie ein Trichter mit Krone aussieht, bestimmt die Geschwindigkeit des Schiffs.« Er zeigte auf die entsprechenden Metallplatten. »Es reicht, wenn du einfach darüber streichst, ungefähr so.«

Seine Finger glitten über die Formen und verschoben sie mühelos. Der Boden des Karnut zitterte leicht, als das Schiff gegen den Wasserwiderstand ankämpfte und verlor.

Scobee lehnte sich vor. »Wie unterscheidet man Beschleunigung und Verlangsamung?«

»Hier.« Cloud ergriff ihre Hand und führte sie zu einem Dreieck. Sie fühlte sich warm und trocken unter seinen Fingern an. »Drück das zur Seite und es bremst ab.«

»Die Steuerung ist ungeheuer kompliziert«, hörte er Resnick hinter sich sagen. »Schnelle Manöver werden wir damit nie ausführen können.«

»Es wurde ja auch nicht für Lebewesen mit Gliedmaßen konzipiert.« Darnoks Stimme hatte ihren Hall zurückgewonnen.

»Für was denn sonst?« Wieder war es Jarvis, der aggressiv nachfragte und wieder war es Darnok, der nicht antwortete. Cloud drehte sich zurück zum Bildschirm. Peinlich berührt bemerkte er, dass seine Hand immer noch auf Scobees lag. Ohne ein Wort zog er sie weg. Er war sich nicht sicher, aber aus den Augenwinkeln glaubte er die GenTec lächeln zu sehen.

Sie drehte den Kopf zu Darnok. »Selbst wenn es nicht für Lebewesen wie uns gebaut wurde, sind jetzt welche an Bord und wir haben bestimmte biologische Bedürfnisse, die erfüllt werden müssen.«

»Das Schiff wird euch mit allem versorgen, was ihr benötigt.«

»Und wie?« Jarvis breitete die Arme aus, schloss mit seiner Geste den ganzen leeren Raum ein. »Hier gibt es nichts, kein Wasser, kein Essen, noch nicht einmal ein Klo. Wie …«

»Ich glaube nicht, dass Wasser unser größtes Problem sein wird«, sagte Resnick mit einem Blick auf den Bildschirm. Sein Einwurf klang so trocken, dass Cloud beinahe gelacht hätte. Neben ihm grinste Scobee, während Jarvis nur den Kopf schüttelte und die Arme senkte.

»Ihr wisst, was ich meine«, fügte er gereizt hinzu und stolperte im nächsten Moment, als ein Ruck durch das Schiff ging.

Cloud stützte sich an der Wand ab und sah ebenso wie Scobee und Resnick zum Bildschirm. Vor ihnen breitete sich der unendlich scheinende Ozean aus, aber ein Hindernis, gegen das sie möglicherweise gestoßen waren, ließ sich nicht erkennen.

»Das Schiff bewegt sich nicht mehr«, sagte Resnick, »aber das Triebwerk läuft noch.«

Cloud spürte die starken Vibrationen unter seinen Füßen. Es fühlte sich an, als würde das Schiff von etwas festgehalten. »Darnok, wie stelle ich den Bildschirm um? Ich will sehen, was hinter uns ist.«

Nur Schweigen antwortete ihm.

»Darnok?«

Die schwarze Masse pulsierte langsam und rhythmisch, reagierte jedoch nicht.

Cloud sah die anderen an und hob die Schultern. Resnick trat neben ihn. Sein Gesicht drückte Ratlosigkeit aus. »Vielleicht ist er eingeschlafen«, sagte er nach einem Moment.

»Eingeschlafen?« Jarvis schlug mit der flachen Hand gegen eine Wand. »Er ist nicht eingeschlafen, er spielt ein Spiel mit uns!«

»Das glaube ich nicht. Was hier geschieht, betrifft ihn ebenso sehr wie uns. Wieso sollte er uns absichtlich seine Hilfe verweigern?«

»Weil er ein verdammter Außerirdischer ist und wir keine Ahnung haben, warum er überhaupt etwas tut. Er denkt nicht wie wir, versteht das doch endlich!«

Beinahe gehetzt sah er sich um, suchte wohl nach Zustimmung in den Gesichtern der Menschen, die zwischen ihm und Darnok standen. Scobee machte einen Schritt nach vorn.

»Beruhig dich erst mal, G.T.«, sagte sie. »Es bringt niemandem was, wenn du durchdrehst.«

»Vielleicht bringt es mir was. Dieses Ding soll ruhig wissen, dass wir uns nicht alles von ihm gefallen lassen … zumindest ein paar lassen sich nicht alles gefallen.«

Der ging an mich, dachte Cloud. Er wollte antworten, aber Scobee kam ihm zuvor. »Niemand lässt sich hier irgendwas gefallen, aber im Gegensatz zu dir haben wir anscheinend begriffen, dass wir auf Darnok angewiesen sind. Er hat uns gerettet, wir sind auf seinem Schiff und müssen uns irgendwie mit ihm arrangieren. Wenn du eine Alternative dazu kennst, sag sie. Wenn nicht, kannst du gerne noch ein paar Mal gegen die Wand schlagen, aber sei wenigstens ruhig dabei.«

Jarvis blinzelte überrascht. Einen Moment sah es so aus, als wolle er noch etwas sagen, doch dann verschränkte er nur stumm die Arme vor der Brust. Cloud bemerkte die Muskelstränge, die sich unter dem Stoff der Ärmel abzeichneten und seine Anspannung deutlich machten. Er hatte das Rededuell vielleicht abgebrochen, aber die Auseinandersetzung war längst nicht vorbei.

Etwas bewegte sich am Rand seines Gesichtsfelds. Cloud hob den Blick und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als er die Veränderung an der Decke bemerkte.

»Was ist denn das?« Resnick zeigte nach oben zu der Stelle, an der sich vier Ballons zu formen begannen. Sie waren so schwarz wie die Schiffsdecke und glänzten feucht. Minutenlang vergrößerten sie sich, bis sie einander berührten und lautlos nach unten tropften. Cloud schätzte, dass sie einen Durchmesser von fast einem Meter hatten.

Die Vibrationen des Schiffsdecks übertrugen sich auf die Ballons und ließen sie erzittern. Sie strahlten eine Wärme ab, die deutlich über der Raumtemperatur lag.

»Sie verändern sich«, sagte Scobee leise. »Siehst du es?«

Cloud nickte. Die Ballons fielen in sich zusammen, veränderten und verschoben sich in immer schneller werdender Folge. Jarvis wandte sich von ihnen ab, und auch Cloud bemerkte, wie ihm schwindelig wurde, als seine Augen den Bewegungen nicht mehr folgen konnten. Nur eines war sicher: die Ballons waren längst verschwunden, hatten sich in etwas verwandelt, das noch nicht zu erkennen war.

Und dann war es auch schon vorbei. Die Bewegungen wurden langsamer, und Cloud erkannte endlich, was vor ihnen am Boden lag. Es war Kleidung- vier graue eng anliegende Overalls mit Handschuhen und Stiefeln. Es gab keinen Helm, trotzdem war klar ersichtlich, worum es sich dabei handelte.

Tauchanzüge, dachte Cloud und räusperte sich. »Ich glaube, unser Gastgeber möchte, dass wir uns draußen ein wenig umsehen.«

***

Scobee hob einen der Overalls vom Boden auf und strich über das seltsam glatte Material. Der Stoff – wenn es sich denn um Stoff handelte – war so leicht, dass sie sein Gewicht kaum spüren konnte.

»Wow«, hörte sie Resnick beinahe ehrfürchtig sagen. »Das ganze Schiff muss aus dieser Art Materie bestehen. Eine andere Erklärung gibt es nicht.«

Cloud drehte einen anderen Overall zwischen den Fingern und zog daran. Das Material machte die Bewegung mit, nahm aber sofort wieder seine eigentliche Form an, als er es losließ.

»Und was bedeutet das?«, fragte er.

»Dass es sich um Substanz der ursprünglichsten Art handelt. Sie ist wie Knetmasse, die nur darauf wartet, in eine Form gepresst zu werden. Da jeder Gegenstand und jedes Ding aus Atomen besteht, kann man mit genügend Zeit und Energie alles daraus erschaffen.«

Scobee hätte in diesem Augenblick gewettet, darauf eine Antwort von Jarvis zu hören und sie wurde nicht enttäuscht.

»Das heißt«, sagte er, »Darnok könnte aus diesem lahmen kleinen Shuttle ein Kriegsschiff machen, wenn er das nur wollte?«

Resnick schüttelte den Kopf. »Nein, du kannst die eigentliche Masse natürlich nicht überschreiten. Außerdem diktiert der Energieaufwand bestimmte Grenzen. Wir haben alle die Wärme gespürt, die von den Anzügen ausging. Bei längeren und komplexeren Vorgängen würde die Hitze uns vermutlich töten und die Energiezellen – oder womit auch immer das Schiff angetrieben wird – ausbrennen.«

»Wo liegt deiner Meinung nach die Grenze?« Cloud dachte weniger martialisch als Jarvis, aber ebenso praktisch, während Resnick immer stärker von der theoretischen Seite ihrer Reise fasziniert zu sein schien.

»Das lässt sich ohne umfassende Experimente nicht bestimmen«, sagte er jetzt. »Ich nehme an, dass Darnok diese Frage beantworten könnte.«

Und das wird er sicherlich auch tun, dachte Scobee sarkastisch. Sie machte sich nicht die Mühe, den Satz laut auszusprechen. Die Gesichter der anderen verrieten, dass sie das Gleiche dachten wie sie.

Zumindest darin waren sich die drei Männer vor ihr einig, ebenso wie in dem Unwohlsein, das sie in Darnoks Gegenwart empfanden. Scobee bemerkte es an der Art, wie sie ihn nie direkt betrachteten und ihm den Rücken zuwandten, wann immer es ging. Sie selbst empfand den Anblick des Außerirdischen zwar als fremd, aber nicht unangenehm. Trotzdem schien Darnok Cloud als Gesprächspartner zu suchen und keinen anderen. Sie fragte sich, woran das lag.

»Wir sollten darüber reden, wer von uns das Schiff verlässt.« Jarvis sah zum Bildschirm und trat von einem Fuß auf den anderen. »Ich melde mich freiwillig, falls es jemanden interessiert.«

»Ich schließe mich an«, sagte Cloud zu Scobees Überraschung. Die Spannungen zwischen den beiden waren offensichtlich, und es verwunderte sie, dass er vor einer solch fordernden Zusammenarbeit nicht zurückschreckte. Aus den Augenwinkeln musterte sie Jarvis. Er wirkte ebenso überrascht und nicht sonderlich begeistert.

»Okay«, sagte sie, um einem möglichen Kommentar Resnicks zuvor zu kommen. »Dann können wir uns alle Diskussionen sparen. Ihr geht und wir bleiben im Schiff zurück, für den Fall, dass es Schwierigkeiten gibt.«

Cloud nickte und streifte sich den Overall mit den Beinen voran über. Fasziniert beobachtete Scobee, wie sich das Material dehnte und sich dann wie eine zweite Haut über seine Kleidung legte. Jede Falte und jede kleine Unebenheit zeichnete sich darunter ab.

»Wie fühlt es sich an?«, fragte sie.

»Ich weiß nicht …« Cloud sah an seinem Körper herab, während er den Overall über die Schultern zog. »Zum einen bin ich wirklich froh, dass man ihn über und nicht anstelle der Kleidung trägt …«

Resnick lachte.

»… zum anderen fühlt er sich nach gar nichts an, so als hätte ich ihn nie angezogen. Es …« Er brach ab, als sich der Overall um seinen Hals schloss und begann nach etwas zu tasten, das sich vor seinem Gesicht zu befinden schien. Scobee dachte unwillkürlich an einen Pantomimen, der eine nicht existente Kugel in Händen hält.

Sie trat einen Schritt vor. »Was ist los?«

»Da ist eine Art Blase.« Cloud drehte den Kopf, als wollte er etwas ausprobieren. »Wenn ich sehr schnell die Augen bewege, kann ich erkennen, wie sie mein Sichtfeld leicht verzerrt. Sie scheint den ganzen Kopf zu umschließen.«

»Das dürfte dann wohl der fehlende Helm sein«, sagte Resnick. Neben ihm schloss auch Jarvis den Overall und tastete mit seinen Fingern nach seinem Gesicht. »John hat Recht. Das ist eine Blase. Sie fühlt sich weich an, aber ich kann sie nicht durchstoßen. Hört sich meine Stimme anders an?«

»Nein.« Scobee streckte vorsichtig die Hand nach Clouds Gesicht aus, bis sie auf Widerstand stieß. Sie drückte gegen das unsichtbare Hindernis, konnte aber sein Gesicht nicht berühren.

»Spürst du was?«, fragte sie.

»Nichts.« Er schob den Kopf nach vorne, und Scobee fühlte, wie ihre Hand zurückgedrängt wurde. »Da ist kein Widerstand. Die Blase scheint den Druck zu absorbieren.«

»Apropos Widerstand«, sagte Jarvis, während er sich in seinem Overall streckte. »Was ist mit Waffen?«

Cloud hob die Schultern. »Die scheinen nicht vorgesehen zu sein.«

»Ich hätte aber wirklich gerne Waffen.«

Scobee senkte ihre Hand und sah Jarvis an. »Du solltest versuchen, nicht immer an Gewalt zu denken.«

»Das ganze Universum ist voller Gewalt, das haben wir doch gesehen. Ich versuche nur, mich auf diese Gewalt einzustellen, bevor sie uns alle umbringt!« Er schrie sie nicht an, aber die Adern in seinem Hals traten blau hervor.

»Möchtest du eine Waffe?« Darnoks überlaute Frage kam unerwartet. Scobee zuckte erschrocken zusammen.

»Ja, verdammt noch mal. Natürlich will ich eine Waffe.«

»Und du, John? Möchtest du auch eine Waffe?«

Cloud sah an ihm vorbei auf einen Punkt an der Wand. Die Frage klang wie ein Test, das musste ihm ebenso wie jedem anderen an Bord klar sein.

»Werde ich eine brauchen?«, fragte er zurück.

»Möchtest du auch eine Waffe?« Es war eine Wiederholung, die im exakt gleichen Tonfall gesprochen wurde, ohne Ungeduld, aber auch ohne Hintertür.

»Ja«, sagte Cloud, nachdem Scobee seinen ratlosen Blick mit einem Schulterzucken beantwortet hatte. »Ich hätte sehr gern eine Waffe.«

»Du sollst sie bekommen.«

Wie schon bei den Overalls formten sich auch dieses Mal schwarze Tropfen an der Decke. Es waren nur zwei und sie waren wesentlich kleiner als die, die Scobee vorher gesehen hatte. Sie lösten sich vom Rest des Schiffs und fielen dem Boden entgegen. Als sie mit einem metallischen Laut aufschlugen, hatten sie bereits ihre endgültige Form gefunden.

»Na endlich.« Jarvis grinste und ging in die Hocke. »Das ist doch schon besser.«

Vorsichtig berührte er eine der Waffen mit den Fingerspitzen, bevor er seine Hand um den Griff schloss.

»Sie ist warm, aber nicht heiß«, sagte er.

Cloud nahm die andere Waffe und sah auf, als Scobee neben ihn trat. »Sie ist eindeutig für Lebewesen mit Gliedmaßen gemacht.«

Die metallisch graue Handfeuerwaffe reflektierte das Licht des Schiffs. Sie bestand aus einem Griff, einem rund zwanzig Zentimeter langen, klobig wirkenden Lauf und einem Kontaktpunkt an der Unterseite, bei dem es sich vermutlich um den Abzug handelte. Von außen waren keine weiteren beweglichen Teile zu sehen, keine Mechanik, kein Magazin.

»Wie funktioniert sie?«

Cloud öffnete den Mund, um zu antworten, aber Jarvis kam ihm zuvor. »Ist doch egal. Sie hat einen Griff und eine Mündung. Das eine Ende hält man fest, das andere richtet man auf den Gegner.«

Scobee verschränkte die Arme vor der Brust. »Und was kommt aus diesem Ende raus?«

»Keine Ahnung, aber hoffentlich ist es groß, laut und richtet jede Menge Schaden an.«

Resnick nahm ihm die Waffe aus der Hand und drehte sie langsam. »Du solltest vorsichtig sein, bevor du sie zum ersten Mal einsetzt. Wenn sie elektrische Ladungen abgibt, könntest du im Wasser selbst das Opfer werden.«

»Darnok kann uns jeder Zeit umbringen, wenn er das will«, sagte Cloud. »Warum sollte er es auf eine so umständliche Weise versuchen?«

»Vielleicht hat er Sinn für Humor.« Resnick reichte die Waffe Jarvis, der sie, wie Scobee mit unterdrücktem Lächeln bemerkte, jetzt wesentlich misstrauischer betrachtete.

Sie nickte ihm und Cloud zu. »Seid ihr bereit?«

»Ja.« Die Antwort kam von beiden nach dem gleichen kurzen Zögern. Etwas ratlos standen sie in ihren eng anliegenden Raumanzügen in der Mitte des Raumes, die Waffen zu Boden gerichtet.

»Bereit bin ich schon«, sagte Cloud, »aber wo ist die Luftschleuse?«

»Wo immer du willst. Gehe einfach durch eine Wand.« Dieses Mal war Scobee auf Darnoks Stimme vorbereitet, und auch seine Aussage überraschte sie kaum noch. Wenn sich das Schiff tatsächlich beliebig formen ließ, konnte die Schleuse an jeder Stelle erscheinen, die gewünscht wurde. Sie fragte sich, ob der Außerirdische als Einziger über die Fähigkeit verfügte, diese Materie zu beherrschen oder ob auch ein Mensch damit hätte umgehen können.

Vor ihr drehte sich Jarvis um, der bereits neben Cloud an einer Wand stand. »Sollten wir keinen Kontakt halten können, wartet eine Stunde. Wenn wir dann nicht zurück sind, bittet Darnok um größere Waffen.«

Scobee schüttelte leicht den Kopf. »Er wird euch schon nicht ins offene Messer laufen lassen. Schließlich hängt er hier ebenso fest wie wir.«

»Ich hoffe, du hast Recht«, sagte Cloud so leise, dass sie ihn beinahe nicht verstand. Dann griff er nach Jarvis’ Arm und verschwand lautlos in der dunklen Wand.

Resnick sah zur Decke. Sein Mund bewegte sich, als er lautlos bis fünfzig zählte, um den beiden genügend Zeit zu geben, sich an die fremde Umgebung zu gewöhnen.

»Resnick an Außenteam«, sagte er dann. »Außenteam, bitte kommen.«

Stille.

»Außenteam, könnt ihr uns hören?«

Scobee betrachtete den Bildschirm in der Hoffnung einen anderen Ausschnitt zu sehen, doch der Monitor zeigte immer noch die Sicht von der Frontseite des Schiffs. Was hinter ihnen geschah, blieb im Verborgenen.

»Sie antworten nicht.« Resnick lehnte sich an eine Wand und wandte den Blick ebenfalls dem Bildschirm zu. »Ich weiß nicht, ob dieser Ausflug eine so gute Idee war.«

Scobee dachte an Darnok, der stumm und pulsierend hinter ihnen saß. »Und ich weiß nicht, ob wir eine Wahl hatten.«

***

Es war ein unglaubliches Gefühl.

Cloud schwebte in dem endlosen Ozean, eine Hand wie zur Sicherheit gegen die Wand des Karnuts gepresst. Er hatte geglaubt zu fallen, als er aus der Außenhaut des Schiffs trat und den Boden unter den Füßen verlor, aber der Eindruck verging so schnell, wie er gekommen war. Neben ihm trat Jarvis Wasser, ein Reflex, der unnötig war, denn es gab keine Schwerkraft, die ihn hätte nach unten ziehen können, keinen Grund, der ihn am Ende des Würfels erwartete.

»Scheiße«, hörte Cloud seine Stimme in der Energieblase, ahnungslos, woher die Luft strömte, die er atmete, »das ist schon was anderes als ein Weltraumspaziergang.«

Er hatte Recht. Im Vakuum des Alls war es wesentlich schwieriger, die eigenen Bewegungen zu koordinieren. Jeder Impuls löste eine Reaktion aus, die nur durch einen Gegenimpuls gebremst werden konnte. Hier war es das Wasser, das durch seine Dichte bremste und die Illusion von Schwere vermittelte.

»Cloud an Scobee und Resnick, könnt ihr uns hören?«

Die Antwort blieb aus.

»Wir sind wohl unter uns«, sagte Jarvis, als auch nach dem dritten Versuch nichts zu hören war.

»Sieht so aus. Lass uns zur Rückseite schwimmen. Je eher wir wissen, was los ist, desto schneller sind wir wieder im Schiff.«

Es kostete Cloud ein wenig Überwindung, die Hand von der Außenhülle zu lösen und sich abzustoßen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass auch Jarvis sich dicht neben dem Schiff hielt, dem einzigen Fixpunkt in dieser desorientierenden Welt, deren Endlosigkeit merkwürdig klaustrophobisch wirkte.

Bis zum Heck des Schiffs waren es nur wenige Meter. Cloud bemerkte, dass er sich am besten in einem halb schwimmenden, halb aufrechten Gang fortbewegen konnte. Er fragte sich, ob das Wasser warm oder kalt war, aber der Raumanzug blockierte diese Wahrnehmung. Vor ihm stoppte Jarvis neben dem Triebwerk des Schiffs und winkte ihn heran.

»Wir haben ein Problem«, sagte er.

Cloud betrachtete das abgeschaltete Triebwerk, das dunkle Heck und das Wasser, das beides umgab.

»Ich sehe nichts.«

»Du musst die Außenhaut anfassen.« Jarvis ergriff seine Hand und zog sie nach unten. Durch die Handschuhe spürte Cloud die Oberfläche des Schiffs. Sie war rauer und unebener als weiter vorne, so als läge irgendeine Schicht darüber. Er tastete sich weiter, folgte den Unebenheiten mit den Fingerspitzen, bis er das Ende des Schiffs erreicht hatte.

Etwas berührte sein Bein.

Cloud wich instinktiv zurück, obwohl er nichts sehen konnte. »Vorsicht«, sagte er, »hier ist irgendwas.«

Jarvis nahm die Waffe hoch. »Was auch immer es ist, es soll ruhig kommen.«

»Ich glaube nicht, dass du es erschießen kannst.«

»Man kann alles erschießen, wenn man nur die richtige Waffe hat.«

Cloud hob die Augenbrauen und schwieg. Seine Finger glitten über die Strukturen, die sich unter und hinter dem Schiff immer weiter ausdehnten. Jeder einzelne Faden war so dünn, dass er praktisch unsichtbar war, so wie das Netz einer Spinne. Es war unmöglich zu schätzen, über welche Entfernung es sich erstreckte.

»Es ist eine Art Spinnennetz«, sagte er nach einem Moment.

Jarvis nickte. »Der Gedanke ist mir auch gekommen, aber hätten die Sensoren oder Schilde oder so ein Scheiß das nicht bemerken müssen?«

»Darnoks Schiff ist nicht die Enterprise. Vielleicht hat es keine Sensoren.« Cloud antwortete abwesend, konzentrierte sich mehr auf die Fäden und das, was möglicherweise dahinter lauerte, als auf seinen Gesprächspartner.

Jarvis schloss zu ihm auf. »Dann sollte jemand Yoda sagen, dass Sensoren eine verdammt gute Investition wären. Am besten sagst du ihm das, du scheinst ja sein Lieblingsschüler zu sein.«

»Ich bin nicht sein …« Cloud stutzte. »Siehst du das?«

»Was?«

»Da unten in diesen Algen, bewegt sich da nicht was?« Er kniff die Augen zusammen, aber die Konturen, die er zwischen den grünen Blättern zu sehen geglaubt hatte, waren verschwunden. Lautlos und schwebend wie ein fliegender Teppich glitten die Algen unter ihnen vorbei.

»Müssten sie nicht auch in die Fäden geraten?«, stellte Jarvis die Frage, die Cloud in gleichem Moment einfiel.

»Eigentlich schon.« Außer ein Bewusstsein steuerte die Fäden und sorgte dafür, dass sie nur lohnende Ziele angriffen. Das war ein durchaus denkbares Szenario.

»Wir sollten versuchen die Fäden zu beschießen«, fügte er hinzu. »Vielleicht lösen sie sich dann auf.«

»Endlich mal ein vernünftiger Vorschlag.« Jarvis wich mit ihm ein Stück zurück und hob die Waffe. »Dann hoffen wir mal, dass wir nicht gegrillt werden.«

Cloud sah, wie seine Fingerspitze über dem Kontaktpunkt schwebte, aber keiner von beiden drückte ab. Sie hatten keine Ahnung, was die Waffen tatsächlich auslösen konnten. Die Anspannung lähmte sie beinahe.

Jarvis lachte nervös. »Wir sollten irgendwann abdrücken.«

»Okay«, sagte Cloud. »Auf drei. Eins … zwei …«

Er drückte ab, bevor er die drei aussprechen konnte. Seine Hand kribbelte, als sie den Kontaktpunkt berührte …

Und das Wasser begann zu kochen.

Cloud schrie auf, als Luftblasen sich explosionsartig in alle Richtungen ausbreiteten. Die Druckwelle schleuderte ihn gegen einen Teil des Karnuts. Verzweifelt hielt er sich fest, um nicht fortgerissen zu werden.

Das verdampfende Wasser machten es beinahe unmöglich etwas zu sehen. Sein ganzer Körper erbebte unter dem Donnern des Ozeans. Der Lärm sterbender Kreaturen und das Tosen der Naturgewalten hüllten ihn ein und raubten ihm jeden klaren Gedanken. Luftblasen hämmerten wie Faustschläge gegen seinen Anzug. Er krümmte sich unter ihnen zusammen, fragte sich, weshalb er sie spürte, aber selbst nicht gekocht wurde.

Gegenstände trafen ihn, Tierreste, Algen, Korallen, vielleicht auch Steine. Halb benommen spürte er, wie seine Finger ihre Kraft verloren und langsam vom Karnut abglitten. Cloud dachte an den unendlichen Ozean hinter sich und hoffte, sich nicht darin zu verlieren.

Dann ließ er los.

***

Erinnerungen.

Ihn stören Erinnerungen, denn sie sind Dokumente der Veränderungen, die er erlebt hat. Erleben – noch so ein verhasstes Wort. Wer etwas erlebt, macht Erinnerungen, das Eine ergibt das Andere und beides ist unerwünscht.

Aber er hat Dinge erlebt und Erinnerungen gemacht, das lässt sich nicht leugnen. So sehr er sich auch bemüht, die Veränderungen zu vergessen und völlig in der gewollten Stagnation seiner Existenz aufzugehen, es gelingt ihm doch nicht. Die Erinnerungen kehren stets zurück.

Sie haben ihn geholt, eines Tages vor unendlich langer Zeit.

Er war einer unter vielen, ein Gleicher unter Gleichen, reglos, ohne Vergangenheit und Zukunft. Die Welt, auf der sie lebten, war ebenso unveränderlich wie sie selbst, nicht mehr als ein toter Felsen im All, der ungestört seine Kreise zog. Er wusste von dieser Bewegung und sie hätte sein ästhetisches Empfinden stören müssen, aber wie die anderen zog er es vor, diesen Umstand zu ignorieren. Die Temperatur auf der stets sonnenzugewandten Seite ihrer Welt veränderte sich kaum, das reichte ihnen.

Bis sie kamen. Er erinnert sich an die erste Begegnung mit den seltsamen Wesen, denen er keinen Namen gab, weil es die Vollkommenheit seiner Sprache nicht erlaubt. Ihr einen neuen Begriff hinzuzufügen, wäre undenkbar. Also nannte er die Fremden einfach sie und wartete darauf, dass sie wieder verschwanden. Aber das taten sie nicht. Sie blieben und begannen, die Dinge zu verändern.

In seiner gesamten ereignislosen Existenz hatte er so etwas noch nicht gesehen. Strukturen entstanden und hüllten Felsen in Schatten, die für Jahrmillionen die Sonne gesehen hatten. Andere Felsen wurden ins Licht gerissen, obwohl sie nie zuvor dort gewesen waren und keinen Platz an diesem Ort hatten. Alles wurde anders, und obwohl er sich immer noch weigerte, ihnen einen Namen zu geben, musste er sich doch eingestehen, dass er etwas Neues für diese Wesen empfand.

Hass.

Auch in dieser Erkenntnis war er ein Gleicher unter Gleichen gewesen. Er konnte später nicht mehr sagen, woher der Impuls gekommen war oder was den Ausschlag gegeben hatte, aber sie alle reagierten gemeinsam und taten etwas, das sie noch nie getan hatten.

Sie bewegten sich.

An diesem verhassten Tag voller Erinnerungen sah er zum ersten Mal, wie es war, wenn Wesen starben.

***

Mit einem Ruck kehrte die Schwerkraft zurück. Cloud spürte, wie sein Körper auf etwas Hartem aufschlug und über es hinweg rutschte, bevor er endlich zur Ruhe kam. Eine Frauenstimme rief seinen Namen. Etwas griff nach ihm. Aus einem Reflex heraus schlug er zu, traf jedoch nur Luft.

»Immer mit der Ruhe. Ich bin’s.«

Die Worte drangen zu ihm durch und erst jetzt bemerkte Cloud, wie still es um ihn herum geworden war. Er schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu vertreiben, dann setzte er sich auf.

Scobee hockte neben ihm auf dem Fußboden des Raumschiffs. Resnick stand vor dem Bildschirm und starrte auf die toten Kreaturen, die langsam an ihm vorbei trieben.

»Wo ist Jarvis und was ist passiert?«, hörte Cloud Scobee fragen.

»Ich …« Er räusperte sich. »Keine Ahnung. Wir wollten das Schiff aus diesem Netz befreien und haben darauf geschossen. Die Ladungen explodierten, das Wasser begann zu kochen. Ich konnte mich nicht mehr halten … und jetzt bin ich hier.«

»Du bist aus der Wand gefallen. Vermutlich hat die Außenhaut auf das Material des Anzugs reagiert und sich geöffnet.« Jetzt blickte auch Scobee zum Bildschirm. »Und du hast Jarvis nicht gesehen?«

Er rieb sich die Schläfen und bemerkte erst jetzt, dass die Energieblase, der »Helm«, verschwunden war. »Nein. Selbst wenn er direkt neben mir gestanden hätte, wäre er bei dem Chaos kaum zu sehen gewesen. Wir müssen nach ihm suchen.«

»Ein Mann und ein GenTec gehen raus«, sagte Resnick, ohne sich umzudrehen, »ein Mann kommt allein zurück.«

Cloud sah auf. Er spürte einen Stich, der mehr Enttäuschung als Wut war. »Was willst du damit sagen?«

»Dass es immer so ist. Wir sind die Ersten, die sterben.«

»Ich habe ihn nicht zurückgelassen!«

»Vielleicht nicht.« Resnick berührte einige Kontrollen und das Schiff änderte die Richtung, steuerte jetzt langsam und suchend im Kreis.

»Aber vielleicht«, fuhr er dann fort, »hättest du besser auf ihn geachtet, wenn er das wäre, was du unter einem ›richtigen‹ Menschen verstehst – und keiner von uns.«

Cloud hätte ihn am liebsten angeschrien, aber er schwieg, als Scobee eine Hand auf seinen Arm legte.

»Du weißt, dass das nicht stimmt«, sagte sie an Resnick gewandt.

»Weiß ich das?«

Die Ironie der Situation entging Cloud nicht. Seit Monaten bemühte sich Scobee sein Misstrauen gegenüber den GenTecs abzubauen und jetzt, wo sie es beinahe geschafft hatte, stellte sich heraus, dass es ein GenTec war, der sein Misstrauen einfach nicht ablegen konnte.

»Du solltest es wissen«, sagte Cloud. Er streifte Scobees Hand ab und stand auf. »Wenn wir uns nicht aufeinander verlassen können, sind wir tot. Und das ist vielleicht genau das, was er will.« Er nickte Darnok zu. »Schließlich hat er uns die Waffen gegeben, und du glaubst doch wohl nicht wirklich, dass er nicht wusste, was wir auslösen, wenn wir sie abfeuern. Richtig, Darnok?«

Natürlich erhielt er keine Antwort, aber zumindest drehte sich Resnick zum ersten Mal vom Bildschirm weg, um den Außerirdischen anzusehen.

»Er trägt für Jarvis’ Verschwinden die Verantwortung, nicht ich. Wenn du auf jemanden wütend sein willst, dann such dir wenigstens das richtige Ziel aus.«

»Es ist leichter, auf jemanden wütend zu sein, der ein Gesicht hat.«

Keine Entschuldigung, aber wenigstens ein Rückzug, dachte Cloud. Er nickte. »Okay, dann lass uns Jarvis suchen. Die Druckwelle kann ihn nicht weit weg geschleudert haben.«

***

Es erschien Scobee moralisch falsch, gelangweilt zu sein, aber nach der stundenlangen erfolglosen Suche ertappte sie sich immer wieder dabei, wie ihre Gedanken abschweiften und zu Tagträumen wurden. Dann verschwand Resnicks monotone Stimme im Hintergrund, und sie war wieder auf der Erde, irgendwo draußen, wo die Sonne schien und leichter Wind wehte. Aber die Illusion hielt nie lange an, denn irgendetwas riss sie stets zurück – eine neue Entdeckung, die für einen kurzen Moment Hoffnung versprach oder eine Enttäuschung, so wie Clouds frustrierter Tritt gegen die Wand, der sie dieses Mal hoch fahren ließ.

»Scheiße, wir sind hier schon gewesen!«, stieß er hervor.

Resnick betrachtete das komplizierte Koordinatensystem, das er erstellt hatte, um die Suche besser organisieren zu können. »Das ist unmöglich. Wir haben Quadrat B7/2 noch nicht passiert.«

»Und doch waren wir schon hier.« Cloud deutete auf eine Korallenformation, die steil in das blaue Wasser aufragte. »Die habe ich beim letzten Mal bemerkt, weil sie wie der Eiffelturm aussieht.«

»Bist du sicher?«

»Ja.«

Resnick seufzte und legte das Koordinatensystem zur Seite. »Dann sind wir nicht in B7/2, was bedeutet, dass ich mich irgendwann in den …« Er sah auf seinen Anzugchronometer. »… letzten viereinhalb Stunden verrechnet habe.«

Cloud strich sich müde mit der Hand über die Augen. »Das heißt, wir haben keine Ahnung, wo wir sind.«

»Nicht die geringste.«

Es ist nicht deine Schuld, wollte Scobee Resnick sagen, aber das wäre eine Lüge gewesen, durch die Resnick sich auch nicht besser gefühlt hätte. Sie hatten sich bei der Suche auf sein System verlassen. Jetzt gab es keinen Anhaltspunkt mehr, der ihnen zur Orientierung dienen konnte. Zum Glück schien Cloud nicht vorzuhaben, sich für Resnicks Anschuldigungen zu revanchieren, denn er hockte nur stumm auf dem Boden und starrte auf den Bildschirm.

Obwohl er Jarvis am wenigsten kannte, trieb er die Suche nach ihm am stärksten voran, so als wolle er beweisen, dass ihm GenTecs ebenso wichtig waren wie andere Menschen. Sie war froh darüber. Es zeigte, dass es ihm nicht egal war, was sie und Resnick über ihn dachten.

»Können wir den Ausgangspunkt der Explosion wiederfinden und von vorne anfangen?«, fragte sie, aber beide Männer schüttelten nur den Kopf.

»Nein«, sagte Cloud. »Einige Schritte lassen sich vielleicht zurückrechnen, aber den Ausgangspunkt finden wir nur, wenn wir zufällig darüber stolpern.«

Er nahm den Blick nicht vom Bildschirm. Schweigen legte sich über den Raum, während die eine Frage, die mit jedem Moment unausweichlicher wurde, stumm zwischen ihnen stand. Scobee wusste, dass Cloud sie nicht stellen konnte und Resnick sie nicht stellen wollte. Also schluckte sie ihre Zweifel und ihr schlechtes Gewissen herunter und stellte sie selbst.

»Hat es dann überhaupt noch Sinn weiterzusuchen?«

Niemand antwortete. Resnick wich ihrem Blick aus, als sie ihn ansah, und Cloud erwiderte ihn zwar, aber sein Gesicht war so maskenhaft starr, dass sie nicht darin lesen konnte. Minutenlang war nichts zu hören außer dem dumpfen Brummen des Antriebs und dem eigenen Herzschlag.

»Sie hat eine Frage gestellt«, sagte Darnok plötzlich in die Stille hinein. »Verdient sie nicht eine Antwort?«

»Du kannst ja antworten.« Cloud drehte sich zu ihm um, wich dem Anblick des fremden Wesens vielleicht zum ersten Mal nicht aus. »Lohnt es sich noch weiterzusuchen, oder hast du es geschafft, Jarvis mit deiner verdammten Waffe umzubringen?«

»Ich kenne nicht alle Antworten, und ich trage nicht die Verantwortung für alles, das euch widerfährt. Ich bin nur für die Lektionen zuständig.«

»Also bist du für das hier verantwortlich! Du wusstest genau, was passieren würde, als du uns die Waffen gegeben hast.« Cloud machte einen Schritt auf Darnok zu. Scobee sah, dass seine Fäuste geballt waren. »Warum tust du das? Warum sabotierst du uns, anstatt zu helfen?« Er machte eine wegwerfende Geste. »Ach ja, ich vergaß: Wir sind ja die Mörder deines Volkes und müssen bestraft werden. Dies hier ist der intergalaktische Gerichtshof, du der Oberrichter, und wir sind nichts weiter als rechtlose Gefangene …«

Er blieb abwartend stehen, aber nichts geschah. Die Mischung aus beißender Ironie und triefendem Sarkasmus verfehlte ihre Wirkung bei diesem … Etwas. Sogar das Pulsieren des Wesens war kaum mehr als ein Zittern. Schließlich wandte Cloud sich von ihm ab und ging zurück zum Bildschirm.

»Lasst uns weitersuchen«, sagte er und klang dabei so müde wie Scobee sich fühlte. »Ich weiß nicht, was wir sonst tun könnten.«

Seine Finger griffen nach den Kontrollen, doch Resnicks Stimme unterbrach ihn. »Warte einen Moment. Schwenk ein wenig nach rechts.«

Cloud kam der Aufforderung nach. Der Korallen-Eiffelturm verschwand vom Bildschirm und wurde durch einen grünen Algenteppich abgelöst, der über einem Fischschwarm schwebte.

»In dem Teppich ist irgendwas.« Resnick trat ebenfalls zum Bildschirm und zeigte auf eine dunkle Kontur, die sich im Grün abzeichnete. »Ich glaube, es verfolgt uns schon seit Stunden. Zuerst dachte ich, es seien verschiedene Algenteppiche, aber diese Kontur erscheint immer wieder.«

»Den gleichen Teppich habe ich vor der Explosion gesehen«, bestätigte Cloud.

Die Hoffnung in Clouds Stimme war ansteckend. Scobee beugte sich vor und versuchte mehr zu erkennen.

»Kannst du näher heran fliegen?«

Cloud brachte das Schiff vorsichtig auf eine Höhe mit den Algen, aber was auch immer sich zwischen ihnen verbarg, wurde auch jetzt nicht klarer sichtbar.

»Wir sollten es uns ansehen«, sagte er.

»Warum?« Resnick schien wenig angetan von der Idee zu sein. »Was sollte ein Algenteppich mit Jarvis’ Verschwinden zu tun haben?«

»Keine Ahnung, aber der Teppich folgt uns nicht grundlos seit über vier Stunden.«

»Manche Raubtiere folgen ihrer Beute tagelang«, warf Scobee ein. »Vielleicht wartet er nur darauf, dass sich jemand noch einmal nach draußen wagt.«

»Oder er folgt uns, weil er wissen möchte, wer wir sind. Das werden wir erst herausfinden, wenn wir etwas unternehmen.« Cloud schloss den von Darnok erhaltenen Anzug mit einer Handbewegung. »Ich gehe raus.«

Er drehte sich vom Bildschirm weg und ging auf eine der Außenwände zu. Resnick hob irritiert die Augenbrauen. »Und auf welchen Fakten basiert diese Entscheidung? Du weißt nichts über das, was da draußen ist.«

»Nenn es Instinkt.«

»Wenn du nichts dagegen hast, nenne ich es lieber unverantwortlichen Leichtsinn.«

Scobee war geneigt, Resnick zuzustimmen, aber Cloud winkte nur ab. Sie verstand seine Frustration und sein Bedürfnis, mehr zu unternehmen als bisher, bezweifelte jedoch, dass er den richtigen Weg gefunden hatte. Im besten Fall schwamm er nur durch ein paar Algen, im schlimmsten Fall …

Vor ihr verschwand Cloud wortlos in der Wand.

***

»Scheiße.«

Jarvis setzte sich mit einem Ruck auf. Ein kleiner violetter Fisch, der unmittelbar vor seinen geöffneten Augen schwamm, wich erschrocken zurück und ergriff die Flucht. Überall war Wasser – vor ihm, hinter ihm, über ihm. Nur unter sich spürte er harten Fels.

Sein Blick glitt über seine Umgebung, fand noch mehr Felsen, die steil und spitz wie die Wände einer Kathedrale nach oben ragten und in einem Dach aus Korallen, silbern schimmernden Pflanzen und grünen Algen endeten. Sie waren tausendfach durchbrochen von fingerbreiten Ritzen, durch die das Licht dieser Welt wie mit Speerspitzen in das Wasser stach. Alles glänzte in diesem weichen Licht, die fadenartigen Würmer, die an ihm vorbeiglitten und die kleinen Fischschwärme, die von Algen fraßen oder scheinbar ziellos umherschwammen. Jarvis fragte sich, ob sie durch einen Eingang hereingekommen waren. Vielleicht waren sie auch schon immer hier gewesen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, das Bewusstsein verloren zu haben, und es kam ihm nicht vor, als sei er gerade erst zu sich gekommen. Trotzdem wusste er, dass Zeit vergangen war, Zeit, an die er keine Erinnerung hatte. Der Gedanke erschreckte ihn mehr als die Befürchtung völlig allein zu sein.

»Okay, ganz ruhig«, sagte er leise. »John, kannst du mich hören? Bist du hier irgendwo?«

Es erhielt keine Antwort, so wie er es erwartet hatte.

»Anscheinend nicht«, fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Okay, kein Problem, dann wird’s eben ein Soloausflug. Ich krieg das schon hin.«

Er beruhigte den hämmernden Herzschlag und spürte, wie sich sein Körper zu entspannen begann. Er wusste nicht, wie er an diesen Ort gelangt war, ob er bei der Explosion einen Schock erlitten hatte und möglicherweise in Panik hierher geschwommen war, oder ob ihn jemand absichtlich in diese Höhle gebracht hatte – als Gast oder sogar als Gefangenen. Nur eines war ihm klar: Er wollte so schnell wie möglich weg von hier und zurück ins Schiff. Auch wenn Hunger und Durst noch kein Problem darstellten, würden sie bald zu einem werden. Inmitten des Ozeans zu verdursten, war eine Ironie, die ihn nicht besonders reizte.

Jarvis dachte an Darnok und fluchte. Es gab keinen Zweifel daran, dass er genau gewusst hatte, was die Waffen ausrichten würden.

»Wieder irgendein scheiß Test«, sagte Jarvis in die Stille des Ozeans, »den ich natürlich nicht bestanden habe.«

Ein Schatten glitt über sein Gesicht hinweg. Nervös sah er auf und zuckte zusammen, als ein Wesen, das annähernd so groß war wie er selbst, an ihm vorbei schwamm. Auf den ersten Blick erinnerte es an einen dunklen, gepunkteten Delphin, doch dann bemerkte Jarvis, dass das, was er für die Schwanzflosse gehalten hatte, aus Tentakeln bestand, die jetzt langsam auffächerten und sich mit Saugnäpfen an der Wand befestigten. Waagerecht ragte es in die Höhle hinein, wippte in der leichten Strömung auf und ab. Seine breiten Seitenflossen waren ausgestreckt, und sein schlanker langer Kopf war auf den GenTec gerichtet. Es starrte ihn aus bemerkenswert grünen Augen an.

»Willst du mich fressen, mich umbringen oder mit mir reden?«

Das Wesen reagierte nicht. Jarvis fühlte sich unwohl unter seinem Blick, so wie ein Objekt, das untersucht werden sollte. Dr. Lyman hatte ihn immer so angesehen, wenn sie seine Reaktionen testete – allerdings ihre Katze auch. Entweder war das Wesen hochintelligent, oder es wartete darauf, dass er eine Gummimaus warf …

Jarvis stieß sich vom Felsen ab und schwamm einige Meter zur Seite, weiter weg von der Wand und seinem Beobachter. Beinahe sehnsüchtig dachte er an die Waffe, die Darnok ihm überlassen hatte – auch wenn sie ihn fast umgebracht hätte. Ein Schuss hätte gereicht, um das Wesen und die Wand dahinter zu vernichten.

»Ich hoffe, du kannst meine Gedanken nicht lesen, Flipper«, sagte er. »Wenn ich könnte, würde ich dich umbringen und zwar sofort. Ein sauberer Schuss zwischen die Augen – und noch fünf, sechs hinterher, um auf Nummer sicher zu gehen. Wer weiß schon, wo bei dir die Organe liegen.«

Er schwamm weiter nach oben, der Decke entgegen. Es fiel ihm schwer, die Entfernungen im Wasser richtig einzuschätzen, aber die Höhle schien wesentlich höher zu sein, als er anfangs angenommen hatte.

Das Wesen blieb unter ihm zurück. Es drehte nur den Kopf, um ihn weiter im Auge zu behalten. Jarvis fragte sich, ob er kräftig genug war, um es im Notfall mit seinen bloßen Händen zu töten.

Ein kleiner Fischschwarm stob mit hektischen Bewegungen auseinander, als er näher heran kam. Einige Fische versteckten sich zwischen trichterförmigen, violetten Blüten, andere tauchten in einen Wald aus Algen und Seetang ein, der die Kuppel der Höhle und den oberen Teil der Wände bedeckte. Kopfgroße krebsartige Tiere mit langen Rüsseln liefen wie auf Zehenspitzen an den Blättern entlang, ohne sich um die Aufregung zu kümmern. Ihre schwarzen Panzer waren mit Dornen bedeckt, und sie machten nicht den Eindruck, als würden sie sich vor irgendetwas in dieser Höhle fürchten. Jarvis beneidete sie.

Seine Hände berührten die Felsen, die sich an der Decke zu einer Kuppel wölbten. Blätter, so lang wie Arme, strichen über seinen Körper. Krebse musterten ihn desinteressiert aus gelben Stielaugen. Die Vegetation war so dicht, dass er nicht erkennen konnte, ob sich dahinter vielleicht ein Weg nach draußen befand.

Jarvis warf einen Blick nach unten, aber sein Beobachter hing immer noch am Fels. Der kleine Fischschwarm, den er aufgeschreckt hatte, fand sich langsam wieder zusammen. Es waren weniger Tiere als zuvor.

Sie könnten nach draußen geflohen sein, dachte er und schob vorsichtig einige Blätter zur Seite. Vor ihm schien ein ganzer Wald aus Tang und Algen zu liegen. Langsam stieß er in diese dunkle grüne Welt vor und ließ die lichtdurchflutete Höhle hinter sich zurück.

Nach nur wenigen Metern war nicht mehr zu erkennen, woher er gekommen war. Eine wogende Wand aus Blättern umgab ihn, ein grüner Dschungel, der viel größer und dichter war, als es von unten den Anschein gehabt hatte. Auf Jarvis wirkte er so undurchdringlich wie die Felsen der Höhle.

»Blödsinn«, sagte er laut, bevor der Gedanke an die Dichte des Dschungels in Klaustrophobie umschlagen konnte, »alles, was in der Höhle lebt, muss durch diesen Wald gekommen sein. Also gibt es auch einen Ausgang. Ich muss ihn nur finden.«

Seine eigene Stimme spornte ihn an. Jarvis schwamm durch die Blätter hindurch und riss einige ab, nur um sich selbst zu beweisen, dass es zwischen ihnen nichts gab, das ihn verletzen konnte. Das Gleiche hatte er auch damals getan, beim Überlebenstraining in den Wäldern Washingtons. Mit einem abgebrochenen Ast hatte er nach den Bäumen geschlagen, nach den Sträuchern und nach dem hohen Gras, in dem seine Phantasie Wölfe und Bären sah. So lange hatte er auf seine Umgebung eingeschlagen, bis die Angst verschwand und er ganz ruhig wurde. Und dann hatte er überlebt, so wie man es ihm aufgetragen hatte.

Mit sechs Jahren hatte er diese Prüfung bestanden und nun mit zwanzig stand er erneut vor ihr. Versagen war keine Option, war es nie gewesen. Er bestand die Aufgaben, die man ihm stellte – die er sich selbst stellte –, auch wenn Blätter immer näher zu kommen schienen und die weißen Äste, die zwischen ihnen hingen, wie Knochen aussahen.

Jarvis stoppte und begann Wasser zu treten. Seine Augen hatten die Gefahr lange vor seinem Geist wahrgenommen. Die Algenwand hatte von unten nicht nur weniger dicht ausgesehen, sie war weniger dicht gewesen. Jetzt jedoch bewegten sich die Pflanzen, kamen langsam von allen Seiten auf ihn zu. Armlange Knochen, die sich zwischen ihnen verfangen hatten, wurden mitgezogen und deuteten bereits das Schicksal an, das ihm bevorstand.

Sie haben mich in eine Falle gelockt, dachte er. Sein Mund wurde trocken, sein Herzschlag raste kurz, bis er ihn wieder kontrollierte. Ich muss hier raus.

Das erste Blatt schlang sich um seinen Fuß.

***

Unverantwortlicher Leichtsinn. Resnicks Worte hallten in Clouds Geist nach, als er sich vom Schiff abwandte und zu dem Algenteppich hinabtauchte, der ihnen die ganze Zeit gefolgt war. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie das Karnut sich drehte. Scobee hatte die Steuerung schon wesentlich besser unter Kontrolle als noch vor einigen Stunden. Sie lernte schnell.

Sie alle lernen schnell, dachte er, ohne es denken zu wollen. Seit Wochen versuchte er sich auf die Gemeinsamkeiten zwischen gewöhnlichen Menschen und geklonten GenTecs zu konzentrieren, aber es waren die Unterschiede, die ihm immer wieder auffielen; ihre Körperkraft, ihre Geschicklichkeit, die Art und Weise, wie sie sich auf manchen Gebieten auskannten und auf anderen völlig unerfahren wirkten. Sie waren Menschen, genau so wie er ein Mensch war, aber im Gegensatz zu ihm wirkten sie psychisch merkwürdig unfertig – vor allem Resnick und Jarvis.

Cloud richtete sich im Wasser auf, um die Tauchbewegung zu stoppen. Der Algenteppich war nur wenige Meter entfernt, aber außer dem fließenden Grün der Pflanzen waren keine Konturen zu sehen. Was immer er auch darin vermutet hatte, entweder war es längst verschwunden, oder es hatte nie existiert, war nur ein Teil seiner Einbildung gewesen.

Sharon.

Der Name schnitt wie ein Messer durch seinen Geist. Sein Körper krümmte sich unter den Schmerzen zusammen, die wie Tritte auf ihn einprasselten.

»Nein, nicht ausgerechnet jetzt.« Cloud konnte nicht sagen, ob er geflüstert oder geschrien hatte. Etwas legte sich wie eine Decke über sein Bewusstsein und drohte ihn zu ersticken. Er öffnete den Mund …

 … aber er kann nicht atmen. Der Druck, der auf ihm lastet, ist zu groß. Um ihn herum tobt infernalischer Lärm, aber das Hämmern des Pulses in seinen Schläfen und das Rauschen des Bluts in seinen Ohren übertönt die donnernden Maschinen und das Reißen und Knirschen von Metall.

Denken ist unmöglich, jede Bewegung eine Tortur. Seine Finger handeln automatisch und folgen den Reflexen, die man ihnen in Hunderten von Stunden antrainiert hat. Sie drücken Knöpfe, deren Bedeutung er nicht mehr versteht und berühren Hebel, die er durch tränende Augen nur noch verschwommen wahrnimmt.

Sharon. An sie klammert er sich, der Gedanke an ihr Gesicht hält ihn bei Bewusstsein. Er wird ihren Namen in den Staub schreiben, dort oben am Ziel seiner Wünsche.

Wenn er doch nur atmen könnte, dann wäre alles …

»In Ordnung.« Cloud hustete, holte tief Luft und hustete erneut. »Es ist alles wieder in Ordnung.«

Er fragte sich, mit wem er eigentlich sprach und erkannte schaudernd Sharons Gesicht vor seinem geistigen Auge. Sie lächelte verkrampft, so wie nur Leute auf Fotos lächeln können. Er schüttelte sich, und ihr Gesicht verschwand.

Mit jedem Atemzug wurde seine Umgebung realer. Cloud sah das Schiff, das links von ihm im Wasser hing, und den Algenteppich unter sich. Er fragte sich, wie lange der Anfall gedauert hatte. Es konnten nur wenige Augenblicke gewesen sein, sonst wäre jemandem im Karnut etwas aufgefallen.

Er warf einen Blick auf den Algenteppich. Auch dort war alles ruhig. Sein Instinkt schien ebenso falsch zu sein wie die Traumbilder dieses fremden Ichs.

Cloud drehte sich um und begann langsam zum Schiff zurückzuschwimmen. Er machte sich nichts vor; ohne die Spur, die er im Algenteppich vermutet hatte, gab es kaum noch Hoffnung Jarvis zu finden. Ohne Koordinaten konnten sie nicht zum Ausgangspunkt ihrer Suche zurückkehren, und Darnok, der vielleicht hätte helfen können, zeigte sich völlig unkooperativ. Cloud war noch nie so wütend auf dieses unnahbare Wesen gewesen – und noch nie so wütend auf sich selbst.

Unverantwortlicher Leichtsinn, hatte Resnick gesagt, doch das stimmte nicht. Es war sein unverantwortliches schlechtes Gewissen, das ihn aus dem Schiff getrieben hatte und ihn vielleicht noch weiter treiben würde, wenn er es ihm gestattete.

Aber das werde ich nicht, dachte er. Das war meine erste und letzte unüberlegte Aktion.

Die Entscheidung gab ihm Kraft. Mit weit ausholenden Bewegungen schwamm er dem Schiff entgegen, nur um überrascht die Stirn zu runzeln, als Scobee plötzlich aus der Flanke des schildkrötenartigen Fahrzeugs trat.

»Es gibt kei …«, begann er, aber sie gab ihm nicht die Gelegenheit auszureden.

»Hinter dir!«

Cloud fuhr herum.

***

Wenn man ihn fragen würde, was er stärker verabscheut, den Tod oder das Leben, wäre seine Antwort vermutlich: den Tod. Beides sind störende Elemente in der Harmonie des Universums, aber während das Leben zumindest versuchen kann, dem Idealzustand der Stagnation entgegenzustreben, kennt der Tod keine solche Disziplin. Er ist unaufhaltsame, ungebremste Entropie.

Doch genau diese bringen sie über die Welt. In dem einen Moment ihrer Bewegung bricht das Chaos über die Fremden herein – und über ihn selbst. Ursache und Wirkung, ein Konzept, dem sie nur beiläufiges Interesse gewidmet haben, steht plötzlich im Mittelpunkt, als Dinge explodieren, Körper zerfetzen und Metall in dampfenden Tropfen verglüht. Er spürt, wie sich alles verändert in diesem Moment, der kürzer als ein Gedanke und länger als die Ewigkeit ist. Es entstehen Berge und Schluchten, Krater und Klippen, über die flüssiges Gestein spritzt. Atome werden von der Macht ihrer Bewegung zusammengedrückt und bilden kleine Sonnen, die heller leuchten als alles, was er je gesehen hat.

Irgendwann ist es vorbei. Die Flammen vergehen in der Eiseskälte des Alls, der Lärm schwindet mit den letzten verwehenden Schwaden einer neu geschaffenen Atmosphäre. Stille senkt sich erneut über die Welt, die nicht mehr seine Welt ist. Sie ist zu etwas Unbekannten geworden, das so fremd wie die Eindringlinge ist, die tot im Staub liegen.

Lange denkt er darüber nach. Er fühlt sich unwohl in der neuen Welt und es missfällt ihm, dieses Unwohlsein zu einem Zustand zu erklären, in dem er die Ewigkeit verbringen wird. Wie jede Erinnerung kommt auch die an die Bewegung ungewollt, aber im Gegensatz zu den anderen verdrängt er sie nicht, sondern spielt mit den Möglichkeiten, die sie bietet.

Schließlich handelt er. Als Erster unter Gleichen beginnt er die Umgebung zu verändern, Stein um Stein, Staubkorn um Staubkorn. In seiner Erinnerung ist die Welt perfekt, und in seiner Vorstellung wird sie es wieder sein. Es ist schwieriger als er gedacht hat. Dieses Mal geht es um keine unkontrollierte Explosion des Hasses, sondern um Vorsicht und Geschick. Beides ist ihm unbekannt. Er fühlt die Abscheu der anderen, als sie seine tölpelhaften Versuche beobachten. So oft will er aufgeben, doch immer kommt etwas dazwischen, ob es ein Felsen ist, dessen Schatten im exakt falschen Winkel auf den Boden fällt oder der tote Körper eines Wesens, der sich langsam in nichts auflöst.

Ruhig und beharrlich verwandelt er seine Umgebung, bis auch die anderen begreifen, was er tut, und bald ist er wieder ein Gleicher unter Gleichen. Durch ihre Kraft wird die Welt wieder zu dem, was sie sein soll.

Zumindest bis zur Rückkehr der Fremden.

***

Er hatte einen Kampf gewollt; er hatte einen Kampf bekommen.

Es war beinahe erlösend, als die Anspannung, mit der Jarvis einen Angriff erwartet hatte, abfiel und das Adrenalin wie eine Droge durch seinen Körper schoss. Mit beiden Händen griff er nach den Pflanzensträngen und riss sie auseinander. Seine Füße traten nach den Blättern, seine Beine zuckten vor und zurück, um kein Ziel zu bieten.

Ich muss hier raus!

Grüne Teppiche wurden vom blanken Fels gefegt. Jarvis zerdrückte Blüten zwischen seinen Fingern und zerschnitt die Stränge an scharfen Korallen. Wäre es möglich gewesen, hätte er sie auch zwischen die Zähne genommen und zerbissen. Im Kampf legte er alles Menschliche ab.

Er wedelte die Pflanzenreste, die vor ihm im Wasser trieben, zur Seite. Sie raubten ihm die Sicht und ließen ihn nichts erkennen, das mehr als eine Armlänge entfernt war. Vereinzelte Stränge legten sich um seine Gelenke, aber er zerfetzte sie, bevor sie ihn fesseln konnten. Es fiel ihm mit jedem Mal schwerer, so als würden die Pflanzen an Stärke gewinnen.

Ich muss hier raus!

Jarvis tauchte unter einem Strang hindurch. Er hatte jegliche Orientierung verloren, wusste nicht mehr, ob die Felsen vor ihm Wand oder Decke waren. Ein weiterer Strang umschlang seine Brust. Er griff danach und riss ihn mitsamt der Wurzeln aus dem Fels. Die Stränge trieben an ihm vorbei wie die Tentakel eines getöteten Tiers – und zuckten plötzlich in wilder Bewegung.

Einer schoss auf seinen Kopf zu. Jarvis duckte sich unwillkürlich und stöhnte, als mehrere Pflanzenstränge gegen seinen Rücken schlugen. Einer legte sich um seinen Hals.

»Nein …«. Seine Finger ertasteten etwas Dürres, beinahe so dünn wie ein Strick. Es hatte sich vier oder fünf Mal um seinen Hals gewickelt. Er zog daran, aber es war zu elastisch, dehnte sich mit jeder Bewegung, ohne zu reißen.

Der Druck nahm zu. Jarvis spürte andere Stränge, die seine Arme und Beine berührten. Sie schienen von allen Seiten zu kommen, als hätten sie sich abgesprochen, genau auf diesen Moment zu warten.

Es sind scheiß Pflanzen, dachte er über das Hämmern seines Pulsschlags hinweg, sie sprechen sich nicht ab.

Er schrie, als die Stränge seine Hand mit einem Ruck zur Seite rissen. Für eine Sekunde glaubte er, sie hätten ihm den Arm ausgekugelt, doch dann ließ der Schmerz nach. Mit seinem freien Arm schlug er nach den Pflanzen, zerrte und riss daran. Der Strang um seinen Hals drückte zu, aber er war nur Ablenkung, das begriff Jarvis jetzt, da es viel zu spät war. Dieser Teil der Pflanze war nicht kräftig genug, um ihn zu töten, doch die anderen waren es, die, die seine Arme und Beine umklammert hielten, als wollten sie …

»Oh Scheiße!« Er hing fast reglos zwischen den Strängen. Dutzende hatten sich um seine Gliedmaßen geschlungen, unzählige weitere krochen aus dem grünen Dunkel auf ihn zu. Seine Muskeln waren angespannt und kämpften einen sinnlosen Kampf gegen die Pflanzen. Jarvis wusste, dass er verloren hatte, aber es gab nichts, was er sonst noch hätte tun können – also kämpfte er weiter.

Die Stränge wurden angezogen. Seine Gliedmaßen streckten sich, Gelenke knackten. Er biss die Zähne gegen die Schmerzen in seinen Schultern zusammen. Es war offensichtlich, was die Pflanzen wollten und gleichzeitig so ungeheuerlich, dass sich seine Vorstellung gegen die Erkenntnis sträubte.

Du hast sie auseinander gerissen, flüsterte eine Stimme in seinem Inneren, und jetzt machen sie das Gleiche mit dir.

Mit den Bewegungen der Stränge nahmen die Schmerzen zu. Zuerst schienen Nadeln in seine Gelenke zu stechen, dann Messer, und schließlich glaubte er, sie würden aus ihm herausgeschnitten. Längst hatte er das Gefühl in Händen und Füßen verloren, aber seine Hoffnung, dass sich das auf den Rest des Körpers übertragen würde, erfüllte sich nicht. Mit verschwommenem Blick und halb bewusstlos erlebte er mit, wie die Stränge noch einmal angezogen wurden.

Nur um sofort wieder nachzulassen.

Jarvis hob den Kopf. Verwirrt starrte er auf die abgetrennten Pflanzenstränge, die sich von seinen Gliedmaßen lösten und sanft im Wasser trieben. Ein schwarzer Schatten brach zwischen ihnen hindurch, trieb sie mit seiner Bugwelle auseinander. Hunderte von Pflanzen bedeckten ihn und hüllten seinen Körper in eine grüne Schicht. Dazwischen blitzte es immer wieder weiß auf. Der Schatten drehte sich mit atemberaubender Geschwindigkeit um die eigene Achse. Pflanzenstücke wurden von ihm geschleudert, und die Strömung nahm so stark zu, dass Jarvis gegen die Felsen gepresst wurde.

Erst dann fielen ihm die Tentakel des Schattens auf und er erkannte seinen Beobachter, der wie ein wahnsinniges Tier unter den Pflanzen wütete. Die Enden seiner Flossen schnitten mühelos durch die Stränge, und Jarvis sah, dass Schuppen wie Sägeblätter davon abstanden. Andere Schuppen richteten sich an seinem Rücken auf, als die Stränge ihn zu umschlingen versuchten. Sein ganzer Körper schien eine einzige Waffe zu sein.

Eine hoch überlegene Waffe, dachte Jarvis halb nervös und halb erleichtert. Er wollte sich drehen, das Chaos zur Flucht nutzen, aber seine Arme und Beine reagierten nicht, sondern lagen ebenso reglos im Wasser wie die abgeschlagenen Stränge der Pflanzen.

»Keine Panik, das geht vorbei.« Er spürte, wie sich seine Muskeln langsam entspannten und das Blut kribbelnd in Hände und Füße zurückströmte. Ein paar Minuten … Länger dauerte es sicher nicht mehr, bis er sich wieder bewegen konnte.

Er schluckte, als das Wesen abrupt sein Massaker beendete und sich mit einem eleganten Flossenschlag umdrehte. Die Schuppen standen immer noch von seinem Körper ab. Pflanzenreste, die darüber hinwegtrieben, wurden zerteilt.

Scharf wie Rasierklingen. Jarvis räusperte sich, als das Wesen näher herankam. Die Tentakel lagen jetzt wieder zusammen und dienten als Schwanzflosse. Die irdisch wirkenden Augen schienen ihn zu mustern.

»Alles klar?«, fragte Jarvis in dem sanften Tonfall, der so gut bei nervösen Hunden funktionierte, hier aber nur in den Helm – ins Leere – gesprochen wurden. »Du willst mir doch nichts tun, oder? Ich bin doch viel zu interessant, um aufgeschlitzt zu werden.«

Die Schuppen glätteten sich plötzlich, als habe das Wesen seine Worte verstanden. Es war jetzt so dicht vor ihm, dass Jarvis sein eigenes Spiegelbild in den Augen erkennen konnte. Das Maul war halb geöffnet. Die Zähne, die in mehreren Reihen dahinter lagen, wirkten spitz und nicht weniger scharf als die Schuppen.

»Mach jetzt keinen Scheiß, Flipper.« Das Zittern seiner Stimme ärgerte ihn, und er schaltete es aus. Dennoch war sein Mund trocken, als das Wesen leicht gegen ihn stieß und seinen Körper mit einer Flosse führte. Obwohl er seine Arme wieder bewegen konnte, wagte Jarvis es nicht, sich zu wehren oder die Flucht zu ergreifen. Stattdessen ließ er sich von den Flossen steuern, als wäre er nicht mehr als ein Balken, der im Wasser trieb.

Einige Pflanzenstränge griffen noch nach ihm, dann hatten sie die Vegetation an der Spitze der Höhle auch schon verlassen. Jarvis blinzelte in die plötzliche Helligkeit. Er drehte den Kopf und sah zurück zur Decke, die langsam kleiner wurde.

Nach einigen Minuten erreichte er den Boden.

Alles umsonst, dachte er. Das Wesen schwebte ihm gegenüber im Wasser. Seine Flossen wurden zu Tentakeln und hafteten am Fels.

Es starrte ihn an.

***

Cloud sah die Bewegung aus den Augenwinkeln und wich instinktiv zurück. Etwas Graues zog mit schnellen Flossenschlägen an ihm vorbei. Es drehte sich und verschwand auf der anderen Seite des Schiffsrumpfs. Er folgte ihm mit dem Blick, wartete darauf, es in den Weiten des Kubus verschwinden zu sehen, aber es blieb offenbar am Schiff – fast außerhalb der Sichtweite.

Als könnte es sich nicht zwischen Angst und Neugier entscheiden, dachte Cloud. Reglos und ein wenig unentschlossen verharrte er im Wasser

»Was machst du da?«, hörte er Scobee fragen. »Komm zurück ins Schiff.«

Er schüttelte den Kopf. »Warte. Ich möchte wissen, was es als nächstes tut.«

»Es ist verwirrt, John. Du passt nicht in sein Nahrungsschema, und es weiß nicht, ob du Beute oder Jäger bist. Ich schlage vor, seine Entscheidung im Inneren des Karnuts abzuwarten.«

Sie klang beinahe so trocken wie Resnick. Cloud sah sie kurz an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem grauen Schemen hinter dem Rumpf zuwandte. Es schien ungefähr menschengroß zu sein, mehr ließ sich nicht erkennen.

»Vielleicht ist es das, was Darnok will«, sagte er. »Bis jetzt haben wir nur darüber nachgedacht, wie wir uns vor Gefahren schützen können. Wir haben uns von unserer Angst regieren lassen, nicht von der Neugier, die er in uns wecken wollte. Das könnte die Gelegenheit sein, zur Abwechslung mal einen Test zu bestehen.«

Scobee schwamm langsam näher heran. »Und warum hat er mir dann das gegeben?« Sie hielt einen schmalen schwarzen Stab hoch, den Cloud vorher nicht bemerkt hatte.

»Was ist das«, fragte er.

»Keine Ahnung. Es tropfte plötzlich aus der Wand. Darnok sagte, ich solle es nehmen.«

»Benutze das Ding bloß nicht.«

Scobee war jetzt nahe genug heran gekommen, dass er ihr Lächeln sehen konnte. »Ich bin nicht Jarvis. Ich glaube nicht, dass das gesamte Universum ständig mit meiner Ermordung beschäftigt ist.«

»Warte …« Er hob die Hand, als er eine Bewegung hinter dem Schiffsrumpf wahrnahm. Eine schmale Flosse ragte empor, dann folgte ihr ein Teil des Oberkörpers und schließlich der Kopf.

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