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Baumgrenze

Das Buch

Stell Dir vor, der Beruf ist Dein ärgster Feind. Schleichend zerstört er Deine Ideale. Der berufliche Erfolg verliert sich immer mehr durch seine Distanz zu Moral und Deinen Wertmaßstäben. Irgendwann kannst Du nicht mehr, Du willst nicht länger Teil dieses Systems sein. Du steigst aus.

Deine Auszeit im verschneiten Hochgebirge ist lang und einsam. Du blühst auf, als würde das einfache Leben das wahre Ich in Dir erwecken. Doch Deine Vergangenheit verwehrt Dir Dein Glück. Sie holt Dich ein. Und alles, was nun für Dich zählt, ist zu überleben.

Der Autor

Tim Berg, geboren 1969, lebt mit Frau und Kindern im niederrheinischen Dinslaken. Als Finanzmanager hat er die Spielregeln der Wirtschaftswelt genau beobachtet und diese mit Fiktivem zu einem Thriller verdichtet.

Prolog

Die Schneeflocken wurden immer größer. Schwer und nass sanken sie zu Boden. Dort, wo der Boden noch üppig mit altem Schnee bedeckt war, türmten sich rasch mehrere Zentimeter des frischen Weiß auf. Die Aprilsonne hatte bereits einen unbarmherzigen Appetit und verschlang Unmengen von Schnee, doch dort, wo ihr Licht nicht hinfiel, herrschte noch immer tiefster Winter.

Die Langsamkeit hier oben war betörend und hatte der Zeit die Stunden entrissen. Nichts erinnerte mehr an den Rhythmus der Stadt, tief unten und fernab.

Die verwitterte ehemalige Sennhütte lag inmitten eines größeren Plateaus. Der Platz war trefflich gewählt. Ringsum ragten steile Felsen empor, umso erstaunlicher wirkte diese sonderbar anmutende Laune der Natur. Die Hütte hatte überhaupt nichts Gastliches an sich. Der dunkle Bau bestach einzig durch seine Funktionalität. Je näher man an ihn herantrat, desto fragiler wirkte sein Holz. Dort wo Regen und Wind dem Holz besonders arg zugesetzt hatten, waren Risse und Löcher mit Teer abgedichtet worden. Man konnte sich fragen, ob der Teer die Hütte nicht überhaupt erst aufrecht hielt.

In den 1870er-Jahren hatten zwei Brüder aus Triest diese Alpweide entdeckt. Sie hatten die Bergweide gemeinschaftlich als Ochsner und Käser lediglich in den Sommermonaten Juli und August bewirtschaftet, stets viele Wochen nachdem die tiefer gelegenen Sennereien den Betrieb eröffnet hatten. Mit dem Alpaufzug des Viehs im Juli kehrte für ein paar Wochen das Leben auf die Hochalm ein. Doch es war ein Leben unter Männern, Frauen galten in der hochalpinen kargen Wirtschaft als Unglück bringend.

Das Gerede über das abgeschiedene Treiben und Tun der Hochalphirten während der Sommermonate gipfelte in eine Sage. Aus Not und reiner Langeweile heraus hatten die Senner eine Frauenpuppe aus Stroh gefertigt. Sie fütterten ihre Frauenpuppe zum Spaß, sprachen mit ihr und nahmen sie zu sich ins Bett. Doch kurz vor dem Alpabzug wurde die Puppe lebendig und begann zu sprechen. Sie rächte sich für die Übeltaten, die die Senner an ihr vollbracht hatten. So zwang sie einen der Senner, bei ihr zu bleiben, und zog ihm die Haut vom Leib.

Kapitel 1

Mein Handy klingelte im VIP-Modus.

„Schaffst du es? Versuche bitte rechtzeitig hier zu sein. Lisa hat extra für uns vier diesen Kochkurs gebucht. Bist du schon auf dem Weg zum Flughafen?“

„Ja, ich bin im Taxi; bin knapp dran. Hier schneit es wie verrückt und der Mist bleibt auch noch liegen. Warte mal, kann ich dich gleich zurückrufen? Mein Boss chattet mich gerade an. „Melde mich.“

„O.K., bis gleich.“

Ich überlegte kurz, ob das Alicia gegenüber fair war. Der Messenger blinkte gelb auf. Mein Chef hatte tatsächlich geschrieben. Allerdings war es nicht sonderlich von Belang. Ich sollte ihm nur noch mal bestätigen, dass er die Ergebnisse der Besprechung mit den Beratern richtig zusammengefasst hatte. Es ging um steuerliche Verlustvorträge, ihre optimale Nutzung sowie um ein paar grunderwerbssteuerliche Fragestellungen; irgendwo im Konzern brannte es immer. Ich schrieb mit wenigen Lettern meine Antwort und erhielt ein „O.K.“. Es war schon auffällig, wie sich mein Schreibstil über die Jahre verändert hatte. Schleichend hatte ich die Attitüden der Konzernmanager übernommen, die sich in Form ihrer erodierten Satzfetzen klar und bewusst vom informationsüberladenen Schreibstil der Mitarbeiter abgrenzten. Üblich hierbei war der vollständige Verzicht auf Anrede und Grußformel sowie auf jegliche Form von Höflichkeit. Bat man im 20. Jahrhundert noch, so ordnete man heutzutage an. Die in der E-Mail kommunizierte Information war dabei so reduziert wie ein schwarzes Loch.

Das Telefon schellte erneut. Es war Michael, ein engagierter und unterbezahlter Leiter Business Controlling in Manchester. Er erinnerte mich daran, dass er mir bereits am Vormittag seine Analyse geschickt hatte mit der Bitte um Entscheidung. Ich sah auf meinen Posteingang und erblickte die vielen fett markierten E-Mails, die ich noch nicht gelesen hatte; wie auch, ich war ja fast ausschließlich in Meetings gewesen. Aber das interessierte die Welt da draußen nicht. Der Konzern schläft nie, erst recht nicht, wenn er nahezu über alle Zeitzonen der Welt verteilt ist.

Michael sprach wie immer sehr schnell und war bemüht, möglichst viele Informationen in kurzer Zeit mitzuteilen – ein auffälliges Verhaltensmuster von Mitarbeitern, wenn sie im Gespräch mit Vorgesetzten sind. Sicherlich kommt hierin zum Ausdruck, dass der Mitarbeiter denkt, er dürfe die Geduld des Vorgesetzten nicht über ein vertretbares Maß hinaus strapazieren, im Glauben, dass dieser doch bestimmt ganz andere Probleme habe.

Mir wurde etwas schummerig. Das Taxi roch stark nach intensiven Reinigungsmitteln. Ich wollte mir nicht näher vorstellen, was wohl der Anlass für den Einsatz chemischer Waffen gewesen war. Zumindest flankierte dieser Geruch meine Übelkeit, die ich ohnehin bekomme, wenn ich während der Fahrt im Auto lese. Insofern sah ich nicht ein, dieses Unwohlsein für Michaels E-Mail unnötig zu verstärken. Spontan log ich ihn an und vertröstete ihn, dass ich im Moment keinen Zugriff auf die E-Mails hätte, ich würde mich allerdings im Flughafen später einloggen.

Der Schneefall wollte nicht aufhören. Selbst für finnische Verhältnisse war dieser frühe Wintereinbruch ungewöhnlich. Ich fragte mich, warum Wetterkapriolen wie diese stets am Freitagnachmittag oder am Montagvormittag zuschlugen. Ich konnte mich zumindest nicht daran erinnern, jemals zu Hause eingeschneit gewesen zu sein. Es passierte immer auf dem Weg zur Arbeit oder von der Arbeit nach Hause.

Die Fahrt dauerte nun bereits mehr als eine halbe Stunde. Es war Freitagnachmittag und ich wollte jetzt einfach nur noch heim. Der Taxifahrer erhöhte das Scheibenwischerintervall. Seitwärts aus dem rechten Fenster sah ich auf einem Schild, dass der Flughafen in Vantaa nur noch acht Kilometer entfernt war.

Als das Taxi parkte, schaute ich in geübter Routine noch mal nach, ob ich wirklich alles aus dem fahrenden Büro wieder verstaut hatte. Nichts ist nerviger, als Handy oder Geldbörse im Taxi liegen zu lassen.

Das Boarding sollte um 15:40 Uhr beginnen. Mir blieb also noch Zeit für einen Toilettengang. Öffentliche Toiletten sind für mich eine schwere Prüfung. Die Familie und meine engsten Freunde kennen meine Phobie. In der Berufswelt kaschiere ich dies, so gut es geht, aber der Monk in mir lässt sich dennoch nicht immer verleugnen.

Die Toilettentür hatte einen runden Türknauf, den man drehen muss, um die Tür zu öffnen. Dies ist der Worst Case aller öffentlichen WC-Tür-Mechanismen. Pendeltüren kann man mit dem Fuß aufstoßen, Klinken können mit dem Ellenbogen heruntergedrückt werden, aber der Türknauf ist die übelste und perfideste Art, Menschen wie mich an ihre Grenzen zu bringen. Man muss mit der Hand fest zupacken, um genügend Kraft auf die Mechanik ausüben zu können. Aber ich war ja nicht von gestern und hatte schon etliche Knauftüren überlebt. Also wartete ich. Ich näherte mich der Tür bis auf knapp fünf Meter. Es darf keineswegs so ausschauen, als würde ich das, was ich tat, auch tun. Ich wartete. In meinem Sakko summte mein Handy. Es war vermutlich wieder eine neue E-Mail oder eine Nachricht von Alicia. Ich konzentrierte mich aber weiterhin auf die Tür. Von links schritt ein Geschäftsmann mit Laptoptasche und Handgepäck schnell in Richtung Toilettentür. Ich reagierte reflexartig und meine Beine bewegten sich erst Zentimeter um Zentimeter und am Ende mit größeren Schritten auf die Tür zu. Bis kurz vor Schluss kann man sich nie sicher sein, ob die Person auch tatsächlich die Toilette aufsucht. Ungefähr zwei von zehn Personen laufen dann doch vorbei und man hat ihre Eile fehlinterpretiert. So auch in diesem Fall. Der Geschäftsmann lief an der Tür vorbei. Nun stand ich allerdings schon unmittelbar vor der Tür. Situationen wie diese sind quälend, fühlt man sich doch in aller Öffentlichkeit enttarnt. Doch zu meinem großen Glück öffnete sich die Tür und ein Teenie trat heraus. Seine linke Hand umklammerte mit festem Griff den Türknauf an der Innenseite der Tür und er hielt sie für mich noch einen Augenblick länger offen, sodass ich eintreten konnte. Ich war erleichtert und fühlte mich zugleich ihm gegenüber überlegen. So ignorant, wie er den Knauf umfasst hatte, würde er sicherlich das Wochenende mit Durchfall verbringen.

Die Männer standen dicht gedrängt an den Urinalen. Ich achtete darauf, dass mein Strahl in einem möglichst flachen Winkel am seitlichen Rand auf die Keramik fiel. Ich hatte noch nie den Typus Mann verstanden, der schnurstracks auf die Tipp-Kick-Plastikfläche zielt. Es heißt ja nicht umsonst Einfallwinkel gleich Ausfallwinkel.

Das Wasser im Waschbecken lief nur zögerlich ab. Reste von Papierhandtüchern verstopften den Abfluss. Ich hatte es nicht anders erwartet, es passte zu diesem WC. Der Wasserhahn hatte leider keinen Sensor, das heißt, man musste ihn mit der Hand betätigen. Ich tat es und wusch meine Hände intensiv. Bei Wasserhähnen dieser Art benutze ich in der Regel das Handtuchpapier als Schutz und drehe mit dem Papier den Hahn zu. Doch in dieser Toilette war der Handtuchhalter leer. Aber auch für diese Fälle bin ich gerüstet. Ich wusch meine Hände so lange, bis ein anderer am Urinal fertig war und in Richtung Waschbecken ging. Als er dann hinter mir wartete, drehte ich mich um und ließ für ihn gönnerhaft das Wasser laufen. Die meisten Herren bedanken sich dann sogar bei mir. Ich täuschte vor, dass ich etwas in meinen Hosentaschen suchte, und stand dann solange im Handwaschraum, bis der Herr am Waschbecken fertig war und die Tür öffnete. Ich trat hinter ihm durch die Tür, die er für mich aufhielt. Wir blickten uns kurz an und mit einer jovialen Geste gab er mir zu verstehen, dass er sich gerne revanchierte. Ich hatte die Schlacht nach allen Regeln der Kunst gewonnen.

Ich saß im Oak Barrel, einem Pub im Flughafen, der gerne von den Reisenden besucht wird; auch von mir. Er ist stets ein fester Bestandteil meines Helsinki-Programms. Ich bestellte ein deutsches Weizenbier und erwischte noch einen Stehtisch im Eingangsbereich. Ich hatte nun etwas Zeit, da sich mein Flug aufgrund der Witterungsverhältnisse um gut eine Stunde verzögerte. Nahezu alle anstehenden Flüge blinkten auf den Anzeigetafeln rot auf.

Ich wählte mich in das WLAN ein. Es dauerte ein halbes Glas, bis sich Outlook geöffnet hatte und ich alle meine E-Mails lesen konnte. Es waren jedoch nur jene, die ich schon kannte. Nach einer Weile des Ladens erschienen die nach der letzten Aktualisierung eingegangenen E-Mails Stück für Stück wie aufspringendes Popcorn auf dem Bildschirm.

Grob überflog ich die Neuigkeiten, widmete mich dann aber rasch Michaels Analyse. Zielsetzung war es, aufzuzeigen, mit welchen Stellschrauben man die größten Effekte auf die Cashposition des Konzerns ausüben konnte. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 war das Thema Cash wieder in den Fokus gerückt. Umsatz und Betriebsergebnis waren zwar wichtige Steuerungsgrößen, allerdings galt es auch, das Cash möglichst schnell zu generieren. Hierzu mussten Forderungen schneller beglichen werden, Verbindlichkeiten später bezahlt und Vorratsbestände reduziert werden. Michael hatte von mir die Aufgabe erhalten, diesen Cash Conversion Cycle für die Konzerngesellschaften getrennt sowohl im Ist als auch im Plan modulhaft zu entwickeln. Für den Planbereich waren die Werte auf Basis von Annahmen rechnerisch verknüpft. Dies machte es uns, den Entscheidungsträgern, einfach, mit den Parametern ein wenig herumzuspielen und somit die Auswirkung auf die Kennziffer zu simulieren. Michael hatte seine Analyse mit viel Prosa geschmückt. Am Ende seiner E-Mail verwies er darauf, bis zu unserem Treffen am kommenden Mittwoch in Paris die Ergebnisse seiner Analyse noch mit unserem Leiter Einkauf besprechen zu wollen. Denn eines war ganz eindeutig: Die größte Hebelkraft hatten wir bei den Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistung; also bei unseren Lieferanten.

Seit mehr als fünf Jahren arbeitete ich nunmehr als CFO eng mit dem CEO zusammen. Sollte ich die alte Phrase bedienen, dass die Beziehung von gegenseitigem Respekt geprägt war? Nach fünf Jahren wusste ich noch immer nicht, was er eigentlich von mir hielt. Allein die Tatsache, dass ich noch in Amt und Würden war, ließ mich vermuten, dass ich ihm bislang wohl keine Argumente geliefert hatte, den Stab über mich zu brechen. Er war mein Chef, mehr aber auch nicht. Mit meiner Unterschrift unter meinem Arbeitsvertrag hatte ich einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Man konnte ihn niemals zufriedenstellen, sondern lediglich versuchen, den Grad seiner Unzufriedenheit zu minimieren.

Der Konzern war vor zwölf Jahren von einem schwedischen Private-Equity-Fonds erworben worden. Davor hatte ein deutscher Fonds die Unternehmensgruppe sieben Jahre lang gehalten. Somit war sie seit nahezu zwei Dekaden im Besitz von Private Equity, einer Form des privaten Beteiligungskapitals, dessen Ansinnen in Deutschland seit einigen Jahren kritisch auch als Heuschrecken-Kapitalismus debattiert wird.

Eigentlich hätte der jetzige Fonds schon vor vier oder fünf Jahren wieder verkaufen müssen, doch die Finanzkrise des Jahres 2008 hatte sämtliche Pläne zunichtegemacht. Im Zuge der Krise verloren die Anteilseigner und das Bankenkonsortium viel Geld. Der Aufsichtsrat vertraute dem alten Management nicht mehr und das Topmanagement wurde aus neuen Vertrauten des Aufsichtsrates neu besetzt. Diese waren bis auf mich und meinen Kollegen, den COO, allesamt Schweden und stammten größtenteils aus Stockholm. Wir beide waren also die einzigen Manager, die im Konzern aufgewachsen waren und ihn von Grund auf kannten.

In den letzten Wochen und Monaten spürte ich eine zunehmende Erschöpfung. Wir waren alle Getriebene. Da keine Rendite gut genug sein konnte, waren wir dazu verdammt, immer wieder Neues zu erproben. Unsere Arbeit glich mehr einem permanenten Aktionismus als der Umsetzung nachhaltiger Strategien. Reflexartig reagierten wir auf Kennzahlen und definierten immer wieder neue, um uns zu bestätigen. Wir schlossen Werke, lagerten Funktionen wie den Kundenservice und die Logistik aus und verlagerten Unterstützungsprozesse wie Buchhaltung und Lohnbuchhaltung in Niedriglohnländer. Mit geheucheltem Edelmut könnte man vielleicht sagen, dies sei ein Beitrag gewesen, jene weniger entwickelten Länder zu unterstützen, indem dort tragfähige Strukturen aufgebaut wurden. Unter dem Strich war es jedoch erneut nur darum gegangen, einen weiteren Kostenabbau sicherzustellen. Für mich klang das nicht besonders innovativ. Ohnehin bedarf es zur Kostenreduktion keiner außergewöhnlichen Managementintelligenz.

Wir sparten Millionen ein, indem wir die Definition von Zielerreichungsgrößen für die Bemessung von Jahresprämien für die Mitarbeiter in abstruse Höhen schraubten. Wir vertrauten den Mitarbeitern vor Ort nicht mehr. Altgediente Landesfürsten in den Tochtergesellschaften, die die regionalen Gepflogenheiten bestens kannten, wurden entmachtet. Man trieb sie so lange vor sich her, bis sie aus eigenen Stücken kündigten. Das sparte dann die Abfindungen ein.

Der Thinktank der hoch bezahlten Fondsmanager sowie die Berater dachten sich wöchentlich neue Aktionen und Projekte aus. Kostenseitig hatten wir in den letzten fünf Jahren schon riesige Summen eingespart. Aber der Umsatz machte uns noch große Sorgen, da in vielen Ländern der Markt noch immer nicht zufriedenstellend war. Einzig unsere deutschen Gesellschaften generierten gute Umsätze.

Die Projekte zur Umsatzbelebung der letzten Jahre waren so zahlreich, dass sie die Organisation lähmten. Manager, deren eigentliche Aufgabe es war, draußen vor Ort den Kundenkontakt zu pflegen, waren in nicht enden wollende Projektwochen eingebunden und standen ständig im Diskurs mit Unternehmensberatern, die Millionen mit uns verdienten. Und während draußen der Umsatz verloren ging, wurden in den Besprechungsräumen in Powerpoint-Schlachten bereits die zukünftigen Erfolge aufgezeigt. Wenn es um Umsatz oder das operative Ergebnis ging, so bedienten sich die Unternehmensberater eines Hockey-Stick-Graphen, einer erst sinkenden Linie, die dann in einem Zeitpunkt X, wenn die Strategieempfehlungen greifen, kontinuierlich steigt.

Die Projekte zur Umsatzausweitung waren dabei zum Teil widersprüchlich. Galt es erst, sich auf die wesentlichen Produktgruppen und die Steady Seller zu beschränken und das Produktportfolio um margenschwache Produkte zu bereinigen, so folgte man wenig später der Zielsetzung, dem Kunden möglichst individuell maßgeschneiderte Lösungen anbieten zu können. Dann dauerte es nicht lange und man schwenkte erneut um. Die Situation glich einem Pflanzensetzling, der frisch eingetopft war. Ständig probierte man einen neuen Dünger aus und zog die junge Pflanze aus der Erde, um zu schauen, ob sie auch schon Wurzeln ausbildete. Das ausbleibende Wachstum wurde dann jedoch nicht mit dem Ausreißen an sich, sondern stets mit dem falschen Dünger begründet.

Kein Umsatzwachstum und keine Kostensenkung war gut genug. Die Berater, die uns umgaben, waren die Söldner, die wir brauchten. Sie trieben uns immer wieder neue Ideen in unsere Agenda. Eine Telefonkonferenz war mir besonders in Erinnerung geblieben. Uns war ein ausgearbeitetes Modell vorgestellt worden, wonach die Steuerquote deutlich gesenkt werden könne. Zum Schluss der Konferenz hatte jedoch der zuständige Partner der Beratungsgesellschaft von sich aus resümiert, dass man das Modell noch mal überarbeiten müsse, da eine eineinhalbprozentige Effektivbesteuerung für Private Equity nicht zumutbar wäre. Dieser mandatsorientierte Schulterschluss des Beraters mit uns war entlarvend. Spätestens nun war mir klar, dass die Beratungsbranche aus vorbehaltlosen Mittätern bestand.

Der Stolz der Regionen wurde sukzessive gebrochen. Um einen möglichen Verkauf des Konzerns vorzubereiten, hatten wir begonnen, das Eigenkapital aus den Tochtergesellschaften abzusaugen. Dies war ein üblicher Trick, um den Kaufpreis für den Konzern zu senken und für einen Erwerber attraktiver zu gestalten. Somit konnte man mehr potenzielle Erwerber ansprechen, auch jene, die nicht so finanzkräftig waren. Von den Tochtergesellschaften blieben dann bilanziell nur noch Hüllen übrig, die im Autopilotmodus operierten.

Um den Tochtergesellschaften noch mehr Kostendisziplin zu verordnen, gab es seit zwei Jahren die Anordnung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in den Ruhestand gehen, grundsätzlich nicht mehr durch Neueinstellungen zu ersetzen. Vielmehr sollte das lokale Management sicherstellen, dass die bestehende Organisation durch effizientere Arbeitsabläufe den Abgang kompensierte. Ich hatte mich im Gremium dagegen ausgesprochen, da ich die Nöte der Regionen kannte. Viele lokale Organisationen hatten nach 19 Jahren Private Equity ihre kritische Größe bereits unterschritten. Doch meine Bedenken wurden zurückgewiesen und ich wurde beauftragt, die Umsetzung sicherzustellen.

Wir hatten schon längst den Bezug zur Realität vor Ort verloren. Nach Jahren der rigorosen und autoritären Konzernführung gab es in den Regionen keinen nennenswerten Widerstand mehr. Der Dialog war verstummt, stattdessen gab es nur noch Anweisungen.

Ich konnte mir ein zweites Bier bestellen. Der Flug war um weitere 45 Minuten verschoben worden. Mich beunruhigte allerdings die Tatsache, dass Flüge, die regulär um die Mittagszeit hätten abfliegen sollen, noch immer ausgeschrieben waren. Dies konnte bedeuten, dass ich für meinen Flug schon jetzt de facto mit Verspätungen von rund vier Stunden rechnen musste.

Langsam sickerte die Information durch, dass der Flughafen anscheinend nicht genügend Enteisungsflüssigkeit habe. Ich dachte sofort an das Stille-Post-Prinzip. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ein Flughafen so hoch im Norden nicht ausreichend für den Winter gerüstet war, auch wenn es für Schnee eigentlich zu früh war.

„Hier rührt sich heute nichts mehr“, sagte der Wirt zu mir, als er mir das Weizenbier brachte. „Erst heute Nacht dreht der Wind auf Südwest und dann geht der Schnee in Regen über. Das haben sie eben im Radio gesagt.“

Ich nickte dankend für die Information sowie das Bier, trank einen Schluck und rief Alicia an.

Kapitel 2

Der abendliche Blick auf die die Berge der Ortlergruppe ließ mich minutenlang innehalten. Die Abendsonne hatte die Königspitze, den Monte Cevedale und den Monte Zebrù in ein prächtiges, hypnotisches Farbenspiel verwandelt. Der Schneefall hatte vor gut zwei Stunden aufgehört. Hier oben schneite es oftmals tagelang. Wenn dann die Wolken aufrissen und den Blick auf die Bergwelt frei machten, war es, als würde man mir aufzeigen, wofür ich all die Mühen erduldete, die mit dem Schnee verbunden waren.

Ich war nun fast fünf Monate hier oben. Fünf Monate allein oberhalb der Baumgrenze. Das hieß auch Weihnachten und Silvester ohne Alicia, die Familie und die Freunde. Die Forschungsstation war in einer ehemaligen Sennhütte auf 2 150 Meter Höhe errichtet worden. Es war eine sonderbar anmutende Stätte, da die archaische Kargheit der Hütte so gar nicht zu den modernden Messgeräten und den Technologien des 21. Jahrhunderts passen wollte. Das Erdgeschoss bestand praktisch nur aus einem einzigen Raum. Lediglich ein kleines Bad, das gerade mal den geringsten Ansprüchen gerecht wurde, befand sich im Erdgeschoss. Eine steile Holztreppe führte mitten im Raum über eine Dachluke hoch in den Dachboden. Dort oben war mein Schlafraum.

Ich vermied es, am Abend übermäßig zu trinken, damit ich nachts nicht den mühevollen Weg über die Treppe zum Bad gehen musste. Die Treppe war steil und hatte kein Geländer. Somit war ich gezwungen, die Treppe stets rückwärts nach unten zu benutzen, was ich im Halbschlaf ungern tat.

Der Dachboden war groß. Der Aufgang durchstieß den Boden nahezu mittig im Raum. Die Öffnung war recht klein, und wenn ich oben war, vermied ich es, die Luke offen stehen zu lassen. Vor allem in der Nacht verriegelte ich sie. Das Bett hatte ursprünglich an der fensterlosen Seite gestanden. Ich hatte es aber an die Fensterseite geschoben. Leider war es das einzige Fenster auf dem Dachboden. Aufgrund eingerosteter Scharniere ließ es sich sehr schwer und nur einen kleinen Spalt weit öffnen. Die Luft war somit nicht die beste, doch wenn draußen genug Wind ging, schaffte es immer wieder mal ein frischer Windzug durch den einen oder anderen Spalt hinein.

Ich lag stets so im Bett, dass ich einen direkten Blick auf die Luke hatte. Auch wenn ich wusste, dass mich hier oben niemand besuchen würde, hatte ich mich doch unbewusst so entschieden. Ich mochte die Luke einfach nicht im toten Winkel haben.

Auf dem Rücken liegend, ging der Blick vom Bett hoch in das schwere Gebälk. Die dunklen Streben waren massiv und boten in großer Höhe viel Platz für Spinnen – so befürchtete ich zumindest. Eines Nachts, zu Beginn meines Aufenthalts im November, war ich im Halbschlaf durch ein dumpfes Ploppen aufgeschreckt worden. Ich meinte auch ein gewisses Gewicht auf der Bettdecke wahrzunehmen. Ich sprang auf, schüttelte die Decke aus und machte Licht an. Doch auch nach zehn Minuten intensiver Suche hatte ich keine Spinne gefunden. Noch Tage später beschäftigte mich die Frage, wovon Spinnen eigentlich im Winter leben, wenn doch über Monate keine Insekten unterwegs sind. Entweder verfallen sie in eine Art von Winterschlaf oder sie saugen sich gegenseitig aus, vermutete ich. Ich blieb auf jeden Fall sensibilisiert. Auch wenn ich in all der Zeit hier oben nie eine Spinne gesehen hatte, so schlug ich doch stets meine Schuhe aus, bevor ich sie anzog.

Die Fenster in der Hütte waren schmutzig. Die Kaminluft und die Feuchtigkeit hatten über Jahrzehnte hinweg einen graubräunlichen Schleier auf das Glas gelegt. In meiner ersten Woche hier oben hatte ich versucht, die Fenster zu reinigen, aber ich hatte schnell aufgegeben, da ich merkte, dass dieser Patina mit einer herkömmlichen Reinigung nicht beizukommen war. So hatte ich mich im Laufe der Zeit an die Fenster gewöhnt. Einmal schmunzelte ich, als ich darüber nachsann, durch das Fenster ein Foto von der Landschaft draußen zu machen. Keine Foto-App könnte einen solch eindrucksvollen Vintage-Filter kreieren.

Die Isolierung der Holzplanken im Innenbereich stammte größtenteils noch aus der frühen Geschichte der Hütte. Sie bestand aus Rosshaar, das mit spitzen Gegenständen in die tiefen Fugen gesteckt worden war. Später hatte man einige Planken durch junges Holz ausgetauscht. Man sah deutlich den farblichen Unterschied.

Die Küchenzeile war einfach und zweckmäßig. Der Gasherd war in weißer Emaille eingefasst und besaß nur zwei Kochstellen. Ein Backofen war nicht vorhanden. Die naturhölzerne Arbeitsplatte war massiv und bereits stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Viele Schnitte in dem Holz zeugten von roher Gewalt beim Schneiden von Kräutern und Ähnlichem. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, welche Bakterienstämme in den tiefen Spalten des Holzes sich noch jahrelang von den Schnittgutresten ernähren konnten. Am seitlichen Ende der Arbeitsplatte stand ein tönerner Maßkrug unter dem Fenster. In ihm steckten die wesentlichen Küchenutensilien: diverse Messer, Schäler, Quirle und ein Fleischerbeil.

Durch das kippbare Küchenfenster sah man auf die kleine Scheune, in der das Kettenfahrzeug, die Schneefräse, Werkzeuge, der Ersatzgenerator, Schmierstoffe sowie Kerzen, Batterien und Ähnliches lagerten.

Neben dem kleinen Kühlschrank stand eine Gefriertruhe. In ihr verwahrte ich vor allem Brot, Fleisch, Fisch, Schinken, Butter und Kräuter. Einmal im Monat hatte ich die Gelegenheit, Proviant zu bestellen. Der Hubschrauber kam aus Bormio, der nächstgelegenen Stadt in der Lombardei. Er versorgte nicht nur mich, sondern auch die anderen „Einsiedler“ mit Lebensmitteln und Arzneien.

Die höchstgelegene Passstraße Italiens führt hier hoch. Sie ist nur von Ende Mai bis Mitte November geöffnet. Von Bormio sind 39 enge Kehren bis zum Stilfser Joch zu durchfahren, von Prad im Südtiroler Vinschgau 48. Die durchschnittliche Steigung beträgt zwölf Prozent. Während des langen Winters ist mit herkömmlichen Kraftfahrzeugen kein Durchkommen möglich. Selbst wenn es der ein oder andere mit schweren Ketten aufwärts schaffen würde, für seine Sicherheit könnte nicht garantiert werden. Die Lawinengefahr ist praktisch über den gesamten Winter hinweg hoch. Nicht ohne Grund sind die Gebirgsstraße sowie das Skigebiet während der Wintermonate gesperrt.

Der Weg hinauf zur Hütte führte von der asphaltierten Passstraße über einen steilen Feldweg. Der schwer einsehbare Zugang zum Feldweg befand sich von Bormio anfahrend an der 32. Kehre des Passes. Es gab keinen Hinweis auf die Hütte.

Lediglich ein verwittertes Holzschild mit der Aufschrift PRIVAT gab zu verstehen, dass es irgendwo dort oben eine menschliche Behausung gab.

Kapitel 3

„Das ist doch jetzt nicht dein Ernst. Du machst wohl Witze. Erzähl’ mir nicht, dass ihr da oben Ende Oktober eingeschneit seid. Das kann einfach nicht wahr sein.“ Im Hintergrund hörte ich Lisa „Na bravo“ sagen.

Ich versuchte, Alicia sachlich und unaufgeregt zu erläutern, dass ich keinen Witz machte. Im Laufe meiner beruflichen Jahre hatte ich gelernt, in Stresssituationen moderat und mit ruhiger Stimme zu agieren. Aber anscheinend war meine Art für Alicia dann wohl doch zu sachlich.

„Sag mal, du sprichst, als wäre dir der heutige Abend völlig egal. Kommt dir der Schnee womöglich gelegen?“

O.K., ich verstand. Ich musste jetzt auch Emotionen zeigen. „Nein, verdammt, ich finde es total klasse, eine Nacht in Helsinki dranzuhängen und heute Abend mit 300 anderen Fluggästen um den besten Rückflug kämpfen zu müssen.“

„Wieso? Du bist doch Vielflieger und wirst bevorzugt behandelt.“

„A-LI-CI-A“, entgegnete ich ruhig und melodisch.

„Ja, ist ja O.K. Ich hatte mich halt so gefreut. Der Kochkurs soll echt spitze sein.“

„Was war denn noch mal das Motto?“ So aufmerksam ich in meinem beruflichen Alltag war, so schwer tat ich mich daheim mit dem Überblick über unsere privaten Termine. Alicia sagte oftmals, ich würde abends, wenn ich nach Hause komme, mein Gehirn in der Diele auf der Kommode ablegen. Wenn wir zu Veranstaltungen mit Freunden und Bekannten fuhren, musste Alicia mir in aller Regel noch mal schnell die Namen der Protagonisten aufsagen. Dieses Vokabeltraining half mir gut durch den Abend.

Alicia machte eine kleine Kunstpause, dann hörte ich sie sagen: „Jetzt wird’s Wild.“

„Mist, er steckt fest und kommt erst morgen.“, sagte Alicia zu Lisa während sie auf ihr Handy starrte, als ob sie auf eine Textnachricht wartete, die ihr mitteilt, dass es eben doch ein Scherz war. Aber die Nachricht kam nicht.

Sie hatte im Laufe der Zeit gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen. Marcs Job war intensiv und vieles musste ihm untergeordnet werden. Sie hatten sich vor sechs Jahren kennengelernt und von Jahr zu Jahr wurde es für ihn beruflich schlimmer. Als besonders störend und unverschämt empfand sie die sonntäglichen Telefonkonferenzen, die er seit nunmehr einem guten halben Jahr 14-tägig mit dem Bankenkonsortium hatte. Oftmals wirkte er einfach nur leer und erschöpft. Er hatte auch viel von seinem Humor verloren und immer öfter entdeckte sie ihn schlafend auf der Couch. Auch das morgendliche Aufstehen schien ihm immer schwerer zu fallen. Besonders hellhörig wurde sie, als er im September dieses Jahres wegen einer eigentlich nicht allzu schlimmen Erkältung für zwei Tage das Bett gehütet und sich krank gemeldet hatte. Das war bei ihm noch nie passiert. Sie beobachtete dies alles schon seit geraumer Zeit und hatte für sich bereits den Entschluss gefasst, ihn in absehbarer Zeit darauf anzusprechen.

„Nehmt ihr mich auch ohne Marc mit?“ Rhetorische Fragen waren Alicias Spezialität. Lisa antwortete nicht, sondern zwinkerte ihr nur kurz zu.

„Joost kommt gegen 18 Uhr. Sollen wir dich dann um 19:30 Uhr abholen? Ich denke, wir brauchen nicht mehr als 20 Minuten zum Gutshof.“

„Ja, danke, das klingt gut. Was ziehst du heute Abend an, Lisa?“ Alicia wusste, was auch immer Lisa anzöge, es würde ihr blendend stehen. Lisa war seit der Schulzeit ihre beste Freundin und schon immer scharte sie die Männer um sich. Nicht, dass sie es sonderlich darauf abgesehen hatte, aber es gibt ja solche Frauen, die auf Männer magnetische Kräfte ausüben. Dabei hatte sie stets die richtige Mischung zwischen Unschuld und Kalkül. Der liebe Gott hatte ihr lange Beine und viel Weiblichkeit geschenkt. Ihr einziger Makel war, dass sie daraus nichts Nachhaltiges geschaffen hatte. Sie war ständig in neuen Beziehungen. Schnell wurden ihre Gefährten eifersüchtig, und so schnell wie man zusammen kam, trennte man sich auch wieder. Nun war es also Joost. Er war Niederländer und die beiden hatten sich auf einer internationalen Messe in München kennengelernt.

„Röhrenjeans und Pumps“, rief Lisa aus der Küche. Alicia war nicht überrascht, aber schüttelte dennoch den Kopf. Sie kannte keine Frau, die sich so gern und scheinbar ohne größeres Schmerzempfinden in Stöckelschuhe hineinschraubte wie Lisa. Ihr schien es nichts auszumachen, stundenlang mehr oder weniger nur auf ihren Zehen zu stehen.

Ich hörte die Durchsage am Flughafen. Ich wartete darauf, dass die Dame bald ihr Finnisch beendete und ich dann die englische Version hören konnte. Nun war es Fakt. Kein Flug mehr heute Abend. Ich bezahlte mein Bier und machte mich auf den Weg zum Serviceschalter meiner Fluggesellschaft.

Es verging eine gute halbe Stunde, bis Bewegung in die Schlange am Schalter kam. Vor mir standen nur fünf Fluggäste. Doch die Dame von Finnair hatte zunächst die Senatoren gebeten, den Schalter aufsuchen. Es dauerte nicht lange und die ersten trudelten ein. Sie gingen an der Schlange vorbei und wurden sofort umsorgt. Ich sah, wie sie Verpflegungs- und Hotelgutscheine erhielten. Ich, der lediglich den Frequent-Traveller-Status hatte, musste warten, während weitere Senatoren bevorzugt behandelt wurden. In der westlichen Hemisphäre ist mir keine andere Lebenssituation bekannt, in der es noch ähnlich viktorianisch zugeht.

Mein neuer Flug sollte am Samstagmorgen um 9:40 Uhr gehen. Das Problem war allerdings die Nacht. Infolge der Eishockey-Weltmeisterschaft in Helsinki waren die meisten Hotels ausgebucht. Ich übernachtete in aller Regel im Crowne Plaza, allerdings war dort auch auf Anfrage hin nichts mehr zu machen. Selbst das Hilton Airporthotel war ausgebucht. Die letzten Zimmer seien vorhin vergeben worden, versicherte mir die Dame von Finnair. Ich verstand: Die Senatoren hatten die letzten Zimmer erhalten.

Man fand schließlich ein einfaches Hotel für mich nördlich des Flughafens in der Ortschaft Hyvinkää.

Als ich in das Taxi stieg, war es bereits 19:40 Uhr. Der Fahrer konnte so gut wie kein Englisch. Ich zeigte ihm einen Zettel, auf dem man mir den Namen des Hotels notiert hatte. Er kannte das Hotel nicht. Mit einer Art Gebärdensprache gab er mir zu verstehen, dass er die Adresse bräuchte. Ich wollte jetzt keine weitere Zeit verlieren und griff zu meinem Handy. Schnell hatte ich die Adresse ausfindig gemacht und zeigte sie ihm. Er gab die Adresse in sein Navigationsgerät ein und die Route wurde berechnet. Bald las ich am Monitor die Reisezeit von 42 Minuten ab. Wir fuhren los.

Das Schneetreiben machte es unmöglich, die berechnete Reisezeit einzuhalten. Die berechnete Ankunftszeit verschob sich von Minute zu Minute. Ich wollte jetzt einfach nur noch auf mein Zimmer. Ich war seit 4:45 Uhr auf den Beinen und die beiden Biere im Oak Barrel hatten mich auch nicht gerade nach vorn gebracht.

Als wir ankamen, hatte es aufgehört zu schneien. Ich erinnerte mich an die Worte des Wirtes, der von einer in der Nacht aufziehenden Warmfront gesprochen hatte. Vielleicht hätte ich ohne seine Information keine Änderung verspürt, aber so meinte ich eine gewisse Milderung in der Luft erkennen zu können. Ich zahlte mit Kreditkarte, da meine Bargeldreserven zur Neige gingen. Als ich die Tür des Taxis zuschlug und das Hotel erblickte, wusste ich sofort, dass dies hier meine erste und letzte Übernachtung sein würde. Im Ausland kann es einem immer mal passieren, dass man in schwierigen Hotels unterkommt. Ich hatte schon einige schlimme Erfahrungen in der Ukraine und sogar auch schon in den USA gemacht. Es ist gar nicht so leicht, in den USA in der Provinz ein ansprechendes Hotel zu finden. Meiner Ansicht nach ist der Hotelstandard in den USA um Längen schlechter als der westeuropäische Standard.

Über dem Eingang des flachen Bungalows leuchtete in bläulicher Neonfarbe der Name des Hotels HY I KÄÄ STAR. Der dritte und fünfte Buchstabe waren erloschen. Unwillkürlich musste ich an den Proberaum meiner Band in frühen Jahren denken. Wir hatten damals ebenfalls eine Leuchtreklame – und zwar von der Heineken Brauerei. Sie machte sich sehr gut oberhalb des Schlagzeugs. Allerdings war in unserem Proberaum eines Abends gleich der ganze Schriftzug erloschen und nicht nur ein oder zwei Buchstaben.

Ich wartete gefühlt eine halbe Ewigkeit, bis eine ältere Dame mit stark getönten Brillengläsern zur Rezeption kam. Anscheinend erwartete man hier so spät keine Gäste mehr. Es war nun fast 21 Uhr. Ihre aufgeklebten Fingernägel waren deutlich zu lang und sie hatte keine sonderliche Sorgfalt an den Tag gelegt, das Plastik auf ihr Nagelbett zu kleben. An ihrer rechten Hand sah ich am Zeige- und Mittelfinger deutliche Nikotinflecken.

„Mr. Bloom, right?“ Ihre Stimme war laut und tief.

„Yes, you’re right. My name is Marc Bloom“, erwiderte ich müde.

Sie führte aus, dass ich viel Glück hätte, noch ein Zimmer erhalten zu haben, da infolge der Weltmeisterschaft alles im Umkreis von 200 Kilometern um Helsinki herum ausgebucht sei. Ich wusste nicht so recht, ob sie sich und ihr Hotel nur interessant machen wollte, denn ich sah keinen einzigen weiteren Hotelgast.

„This is your room, Sunrise Beach.“ Sie streckte mir den Schüsselbund entgegen und wartete, dass ich meine Hand öffnete. Als ich dies nicht tat, legte sie ihn auf die Theke der Rezeption. Der Schlüsselanhänger war unverhältnismäßig groß, oval und aus Holz. Jemand hatte die Silhouette einer Möwe auf die weiße Fläche gemalt.

Sie fragte mich, wann ich frühstücken wolle. Ich erwiderte spontan, dass ich schon früh zum Flughafen müsse und somit nicht frühstücken werde. Nein, in diesem Hotel wollte ich nicht frühstücken.

Ich öffnete die Tür zu meiner Sunrise Beach. Ich konnte sie allerdings nicht allzu weit öffnen, da die Tür schon bald an einen Schrank stieß. Das Zimmer roch muffig und unter normalen Umständen wäre ich sofort wieder umgekehrt und abgereist. Aber was war an diesem Freitag schon normal? Ich wusste, ich würde wohl kaum etwas Besseres hier im Umkreis finden. Nachdem ich drei Lagen von Vorhängen vor den Fenstern zur Seite geschoben hatte, öffnete ich die Fenster und stellte sie auf Kipp. Ich schaute mich um und redete mir beruhigend ein, dass es ja nur ein paar Stunden waren, die ich hier verbringen musste.

Ich nahm die Tagesdecke vom Bett und stellte den Wecker am Handy auf 6:00 Uhr. Das Taxi bestellte ich für 7:00 Uhr. Ich nahm meine Krawatte ab, zog mein Sakko aus und legte mich angezogen mit dem Rücken auf das Bett. Ich wollte so wenig wie möglich Hautkontakt mit der Bettwäsche. Der Stoff der Bettwäsche war hart. Wer weiß, vielleicht brach er ja schon an der einen oder anderen Stelle. Ich malte mir vieles aus. Doch meine Müdigkeit kam mir zur Hilfe und spülte meine Fantasien hinweg. Ich schaute noch kurz auf mein Handy, dann schrieb ich Alicia eine Nachricht.

Alicia hatte zu Beginn im Gutshof in ziemlich kurzen Abständen immer wieder auf ihr Handy geschaut. Doch als dann der Kochkurs ihre ganze Aufmerksamkeit erforderte, blieb ihr Handy für eine üppige Speisefolge lang in ihrer Handtasche verstaut.

Die Zubereitung der Speisen hatte ihr sichtlichen Spaß bereitet. Als ambitionierte Köchin hatte sie sich schnell als Kursbeste erwiesen. Der ein oder andere Tipp und Trick des Profikochs war ihr durchaus bekannt. Die Zeit verging dabei wie im Flug. Man lauschte den Anweisungen des Koches, der es geschickt verstand, immer wieder Anekdoten aus seinem Kochleben einzubinden. Joost schien ein wenig überfordert. Man merkte ihm an, dass er in der Küche nicht zuhause war. Er wirkte abwesend und im Vergleich zu den anderen Teilnehmern wie ein Fremdkörper. Lisa war nicht minder unbeholfen, allerdings verstand sie es, über ihre eigene Unzulänglichkeit herzerfrischend zu lachen, und bediente sich auch reichlich an dem Rotwein. Joost hatte ein Glas Sekt zu Beginn der Veranstaltung mitgetrunken, danach trank er jedoch nur noch Cola, da er schließlich Fahrdienst hatte. Lisa hatte ihm einen kritischen Blick zugeworfen. Eine unpassendere Getränkewahl hätte man zu Wildgerichten nicht treffen können.

Das Dessert war kurz vor Mitternacht zubereitet und binnen weniger Minuten verspeist. Gegenüber den Speisen zuvor war die Nachspeise eher enttäuschend. Aber am Ende klatschten alle Teilnehmer und bedankten sich beim Koch für den gelungenen Abend.

Es war 00:20 Uhr, als Lisa die Initiative übernahm.

„Wo fahren wir jetzt hin? Wir können doch jetzt noch nicht heim. Was meinst du, Ali?“

Alicia mochte die Kurzform Ali nicht. Das wusste auch Lisa. Sie hatten darüber schon viele Male gestritten. Doch immer wenn Lisa eine gewisse Menge Alkohol konsumiert hatte, erinnerte sie sich wohl nicht mehr an jene Streitigkeiten.

„Also, ich muss nirgendwo mehr hin. Ich will morgen früh ausgeschlafen sein. Ich weiß ja auch nicht, wann Marc landet.“ Man merkte Alicia an, dass sie sich nicht weiter rechtfertigen wollte.

„Ach was, die Nacht ist noch jung! Lasst uns noch tanzen gehen. Mit 80 wirst du dich nicht daran erinnern, dass du an einem x-beliebigen Morgen ausgeschlafen warst. Aber wer weiß, was da draußen heute Nacht noch alles geschieht.“

„Egal was da draußen heute Abend noch geschieht, es wird ohne mich geschehen“, bekräftigte Alicia, und um ihren Worten noch mehr Bedeutung zu verleihen, griff sie nach ihrem Mantel und ergänzte: „Aber ihr beiden könnt doch noch tanzen gehen. Ich kann mir auch gern ein Taxi bestellen.“

„Mensch jetzt sei doch nicht so.“ Joost unterbrach Lisa: „Komm Liebes, lass gut sein. Lass uns Alicia nach Hause fahren.“

Lisa schüttelte den Kopf, gab aber ihre Überredungsversuche auf. Der Alkohol hatte ihre Fähigkeit zur Einsicht sichtlich getrübt.

Alicia schloss die Haustür zweimal ab. Sie war sich sicher, dass die beiden noch eine Disco aufsuchen würden. Wenn sich Lisa erst einmal etwas in ihren hübschen Kopf gesetzt hatte, dann war es gar nicht so leicht, sie davon abzubringen. Joost konnte einem nur leidtun. Lisa war wie Alicia 36 Jahre alt. In diesem Alter drängte es einen nicht unbedingt noch nächtens in aller Regelmäßigkeit in die Tanzschuppen. Aber Lisa war diesbezüglich der Schul- und Studienzeit noch nicht entwachsen. Nach ihrem Chemiestudium hatte Lisa mit ihrer Promotion begonnen. Allerdings hatte sie weder das Rüstzeug noch den Willen, diese auch abzuschließen. Ihr Vater hatte ihr als einflussreicher Regionalpolitiker eine Anstellung als chemische Verfahrenstechnikerin in einem internationalen pharmazeutischen Konzern verschafft. Sie fiel also durchaus weich. Ohnehin konnte sich Alicia nicht erinnern, dass Lisa jemals einen größeren Rückschlag zu verkraften hatte – wenn man von den ganzen Männergeschichten einmal absah.

Sie schminkte sich ab. Sie hasste es, todmüde vor dem Spiegel zu stehen und sich zu demaskieren. Es war nicht so, dass sie übermäßig viel Schminke auftrug. Da sie allerdings keineswegs einen solch beneidenswerten dunklen Teint wie Lisa hatte, sah sie sich gezwungen, der Bräune etwas nachzuhelfen. Manchmal, wenn sie lange telefonierte, löste sich die Schminke von der Gesichtshälfte und verklebte die Flächen zwischen den Tasten mit einem leichten Braunton. Marc hatte ihr schon augenzwinkernd gesagt, dass es nicht ihre beste Idee gewesen war, ein weißes Telefon zu kaufen.

Sie schlüpfte in ihr Nachthemd und ging in den Keller, um noch eine Flasche Wasser für die Nacht zu holen. Sie war schon fast im Schlafzimmer angekommen, als sie bemerkte, dass ihr Handy noch in der Handtasche lag. Zügig kehrte sie um und ein leises Lächeln der Vorfreude kam auf, war sie sich doch sicher, dass Marc ihr noch geschrieben hatte.

Noch im Gehen prüfte sie ihr Handy. Es waren einige Textnachrichten eingegangen. Eine davon war von Marc.

Ihre Finger glitten flink über die Tastatur des Handys und formten den Satz: Ich dich auch. Dann schlaf mal gut. :*

Bono sang: „It’s a beautiful day“, immer und immer wieder, erst leise und dann immer lauter. Ich war wie gerädert. Nur langsam kehrte mein Orientierungssinn zurück. Ich drehte mich zum Tisch und stellte den Wecker aus. Mein Rücken und die Arme fühlten sich an, als hätten sie sich wochenlang nicht bewegt. Das Bett war für einen durchschnittlich gewachsenen Mann einfach zu weich. Ich hatte es aber tatsächlich geschafft, nahezu regungslos zu schlafen. Ein gewisser Grad an Zufriedenheit stieg in mir auf, hatte ich doch erreicht, was ich wollte: einen direkten Kontakt mit der Bettwäsche vermieden.

Im Badezimmer stand ich erneut vor einer großen Herausforderung. Die Fliesen waren beige und die Fugen an einigen Stellen gebrochen. Der Ventilator im Entlüftungsschacht über mir summte schnarrend. Er hatte sich eingeschaltet, als ich den Lichtschalter bediente. Auf dem weißen Plastikgitter des Entlüftungsschachtes hatten sich schwarze Gespinste gebildet.

Vor der Duschwanne lag eine an den Rändern ausgefranste weiße Badematte. Die Emaille der Duschwanne hatte zarte Risse sowie einen einzelnen größeren Sprung. Hier musste ein schwerer Gegenstand auf die Emaille gefallen sein. Der Duschkopf sah noch sehr jung aus. Er ließ sich im Normal- wie auch im Sparmodus bedienen. Das Schlimmste jedoch war der Duschvorhang. Er war hellgrün und mit zahlreichen dunkelgrünen kreisförmigen Motiven bedruckt. Ein Duschvorhang in einem Hotel, das war unverschämt. Ich wusste, wie Duschvorhänge einem das Leben schwer machen können. Zuletzt hatte ich in meiner Jugend in einem Hotel an der italienischen Adriaküste eine Dusche mit Duschvorhang nutzen müssen. Es war ein traumatisches Erlebnis gewesen. Kurz nachdem das Duschwasser die heiße Zieltemperatur erreicht hatte, entwickelte sich eine ungünstige Thermik. Plötzlich und infolge der Sogwirkung unverhofft, umschlang der Duschvorhang mich von hinten und klebte sich an meinen Rücken. Ähnlich einer Schrumpfhaube über einer Europalette versiegelte der Duschvorhang ohne einen Millimeter Zwischenraum. Noch Tage später verrenkte ich mich im Spiegel, um zu schauen, ob sich am Rücken Pickel gebildet hatten.

Also nahm ich den Duschvorhang ab und legte ihn einfach in die Ecke des Eingangsbereichs auf den Boden. Danach wusch ich mir mit sehr heißem Wasser die Hände. Ich zog mich aus und stieg wieder in meine Schuhe, da ich keine Badeschlappen hatte. Um Fußpilz zu vermeiden, war es wichtig, jeglichen direkten Kontakt mit Fliesen und Duschwannen zu umgehen. Nachdem ich nackt in meinen Schuhen stand, trat ich von der Badematte und legte ein Handtuch in der Duschwanne aus. Erst dann bestieg ich die Dusche, zog meine Schuhe aus und stellte sie auf die Fliesen zurück.

Ich duschte sehr heiß und kurz. Unabhängig davon, dass ich mich nicht wohlfühlte, hatte das Handtuch den Ablauf abgedeckt und so stieg das Wasser in der Duschwanne bis auf Knöchelhöhe und drohte den Rand zu überspülen.

Als ich unten an der Rezeption den Schlüssel auf den Tisch legte, war es 6:40 Uhr. In 20 Minuten würde mich das Taxi von diesem seltsamen Ort wegbringen. Zu dieser Uhrzeit war der Frühstücksraum verwaist. Wieder fragte ich mich, wo die anderen Gäste waren. Die ältere Dame bediente mich kühl und distanziert, als wäre sie verbittert, dass ich abreiste. Sie bestand auf Barzahlung. Ich verwies auf die Hinweisschilder in der Eingangstür WE ACCEPT THESE MAJOR CREDIT CARDS. Doch sie schüttelte nur den Kopf. „Da stehst du hier irgendwo in der finnischen Provinz, nach dieser fürchterlichen Nacht, und dann bist du auch noch der Willkür dieser Frau ausgeliefert“, dachte ich. Doch schließlich machte ich meinen Frieden mit diesem Hotel und bezahlte die 85 Euro in bar.

Das Taxi erschien pünktlich und brachte mich zügig zum Flughafen. Der Regen hatte den Schnee nahezu gänzlich aufgetaut. Es war noch stockdunkel. Die Dämmerung würde erst in gut zwei Stunden einsetzen. Der Flughafen wirkte an diesem Samstagmorgen belebter als gewohnt, hatten doch viele Fluggäste eine zusätzliche Nacht in Helsinki verbracht und gierten nun auf ihren Rückflug.

Auch ich freute mich, als wir nahezu pünktlich gegen 9:45 Uhr von der Startbahn abhoben. Während des steilen Aufstiegs schaute ich auf die Silhouette der Stadt an der Küste, die sich vor dem Sonnenaufgang abzeichnete. Der Himmel war von Osten her aufgerissen und die Regenwolken lagen nur noch in kleinen Fetzen verteilt im Westen. Mein Blick streifte über die zahllosen kleinen dicht bewaldeten Inseln, die mit zunehmender Flughöhe mit dem weiten Azur des Meeres verschwammen.

Ich war müde und auch bereit, mich auf die Müdigkeit einzulassen. Langsam sanken meine Augenlider. Ich dachte an Alicia und den Duft gut zubereiteten Kaffees. Ich konnte noch nicht wissen, was sich für uns alles in der kommenden Woche ändern würde.

Kapitel 4

Ich brauchte dieses Koffein. Die schwarze Creme hatte etwas Magisches, verstand sie es doch so gut, mich auf die notwendige Betriebstemperatur zu bringen. Ich wartete auf den Flug, der mich nach Paris bringen sollte. Es war zwar noch eher Nacht als Tag, jedoch war die Betriebsamkeit nicht minder hoch als am Tage. Die Flugdauer zwischen München und Paris betrug 90 Minuten. Das Meeting in Paris war für 10:00 Uhr angesetzt. Rechnete ich noch den Transfer von Paris-Charles de Gaulle nach Sarcelles, den Ort unseres französischen Firmensitzes, ein, so konnte es für mich durchaus knapp werden. Aber ich hatte mich lieber für eine Nacht daheim entschieden, als den Abendflug bereits am Vortag zu buchen. Den Preis für dieses zarte Stück Freiheit bezahlte man dann am folgenden Morgen mit einem Schlimme-Augen-Flug, einem Flug am frühen Morgen.

Thematisch war meine Agenda für diese Woche bereits am Montagvormittag wieder über den Haufen geworfen worden. Probleme bei der Umsetzung der Werkschließung in Hamburg zwangen mich zu einem spontanen Engagement in Norddeutschland. Bis spät in die Nacht hatten wir am Montag Lösungskonzepte erarbeitet, wie wir den Betriebsrat wieder einfangen konnten, ohne dass er sein Gesicht vor seiner Klientel verlor. Am Dienstag war ich dann zurück nach München geflogen, wo das Konzernmanagement für ein Fotoshooting für den kommenden Geschäftsbericht zusammenkam. Ungewöhnlich früh konnte ich dann am Nachmittag heimfahren und arbeitete noch etwas von zu Hause aus.

Alicia und ich waren dann später bei unserem Lieblingsitaliener gewesen und genossen den freien Abend gemeinsam.

Nach der Rückkehr aus Helsinki am Samstag hatten wir besonders viel Zeit miteinander verbracht. Alicia hatte mich überrascht, indem sie mich bereits am Flughafen abholte. Auch wenn ich schon unzählige Male durch den Ausgang der Gepäckausgabe die Ankunftshalle des Flughafens betreten hatte, schaute ich doch stets auf die wartenden Menschen, die nach ihren Lieben Ausschau hielten. Ich denke, es ist etwas Wunderschönes, erwartet zu werden, ist es doch ein Zeichen der Aufmerksamkeit für den Heimkehrenden. Entsprechend groß war meine Freude, als ich Alicias Gesicht in der Menge entdeckte.

Es war verrückt, immerhin war ich auch schon 41 und mit Alicia nun seit sechs Jahren zusammen. Das Wort Hochzeit war noch nie ausgesprochen worden. Sicherlich spielte hierbei auch der Schock vor vier Jahren eine Rolle, als wir erfuhren, dass wir niemals Kinder haben werden. Vor allem Alicia hatte ihre Zeit gebraucht, um mit dem Kinderwunsch abzuschließen. Die Diagnose war niederschmetternd und leitete eine Zeit des Trübsinns für uns ein. Ich stürzte mich in meine Arbeit. Auch Alicia fand eine Art der Befreiung, indem sie ihren Laufsport intensivierte. Dieses einschneidende Ereignis hatte somit zu einer gewissen Entzweiung geführt.

Seit mehreren Monaten jedoch versuchte ich dies zu korrigieren. Die Arbeit war es schon lange nicht mehr wert, sie dem Partner überzuordnen. Ich wollte nicht der sein, der ich in diesem Konzern war. Ich hatte mich niemals bewusst für diese Managementebene entschieden. Ich habe halt immer gut funktioniert und mein Loyalitätssinn half mir dabei, auf der Karriereleiter aufwärtszukommen; mehr aber auch nicht.

Ich arbeite gern und gern auch intensiv, um Dinge zu verbessern und um Lösungen zu erarbeiten. Das Ergebnis meiner Arbeit sollte jedoch eine gewisse Nachhaltigkeit besitzen. In meiner allerersten Vorlesung hatte mein Professor das Leitmotiv der Betriebswirtschaftslehre an die Tafel geschrieben: SICHERUNG DES NACHHALTIGEN ERFOLGES. Danach kommt es somit nicht auf die Höhe der Rendite an, sondern darauf, dass das Unternehmen nachhaltig Gewinne erwirtschaftet, um die Anspruchsgruppen zufriedenzustellen. Die Anspruchsgruppen beinhalten aber eben nicht nur Investoren und Gesellschafter, sondern auch Arbeitnehmer. Auch der Staat profitiert von diesem Leitbild, sichert er sich doch über Jahrzehnte hinweg einen festen Zufluss an Steuereinnahmen. Das System von Private Equity allerdings missachtet dieses Prinzip, indem es alles dem Ziel der Maximierung der Rendite unterwirft. In einem zeitlich eng begrenzten Rahmen von nur wenigen Jahren werden Konzerne und Gesellschaften bis zur Unkenntlichkeit reorganisiert. Am Ende des Prozesses steht der Verkauf an und man hinterlässt weitgehend verbrannte Erde. Nach einer solchen Odyssee ist es für den Käufer des Ganzen oftmals gar nicht so leicht, wieder Vertrauen zu den Mitarbeitern aufzubauen.

Die negativen Erfahrungen im Konzern beschäftigten mich in der letzten Zeit immer mehr. Ein Unwille hatte sich aufgestaut. Was musste eigentlich noch alles passieren, damit ich endlich die Konsequenz zog? Ich fragte mich, wie lange ich noch gegen meine Überzeugung arbeiten konnte. Wie jämmerlich stand ich dar wenn ich all die fragwürdigen Entscheidungen der Konzernspitze umsetzte, wissend, dass ich Arbeitsplätze und wohlgeordnete Strukturen vernichtete.

„Ja klar will ich.“

Ihre Augen hatten so wunderbar geglänzt, als ich sie am Wochenende gefragt hatte, ob sie sich vorstellen könne, meine Frau zu werden. Wir saßen in einem Cafe am Starnberger See, als ich ihr den Antrag machte. Wir bezahlten schnell und spazierten Hand in Hand Richtung Possenhofen. Es war für die Jahreszeit ungewöhnlich mild. Wir trugen beide Sonnenbrillen und der Fön hatte die Temperaturen auf stolze 15 Grad geschraubt. Die Fernsicht war atemberaubend, ich konnte ihr die schneebedeckte Zugspitze zeigen.

Alicia war herzerfrischend, glücklich und voller Übermut. Sie wollte so vieles wissen: „Wann kamst du denn darauf? Wieso gerade jetzt? Wann sollen wir es der Familie und den Freunden sagen? Was ist ein guter Termin? In welcher Kirche wird geheiratet? Wer sind unsere Trauzeugen?“ Es war ein nicht enden wollender bunter Strauß an Fragen. Eine simple Frage hatte eine emotionale Kettenreaktion ausgelöst. Sie stellte Fragen, die sich in ihr über die Jahre hinweg angesammelt hatten und nur auf den richtigen Impuls gewartet hatten.

Wir kamen überein, dass wir nichts überstürzen und alles in Ruhe planen würden. Die Planung einer Hochzeit ist ja für sich schon eine schöne Art der Freizeitbeschäftigung. Insofern wollten wir dies alles auch genießen und die Planungen in Ruhe ausführen.

Allerdings, ganz so entscheidungslos verliefen die ersten Planungen dann doch nicht. Schon bevor wir die Seestraße von Possenhofen erreicht hatten, hatte Alicia die Eckpunkte – vielleicht konnte man es auch als ihre Bedingungen interpretieren – festgehalten: Kirchliche Trauung, die Trauringe sollten wir auf jeden Fall bei Hubertus, einem befreundeten Goldschmied aus Fürstenfeldbruck, anfertigen lassen, die Traukirche sollte irgendwo schön auf einer Bergwiese stehen, sie stünde bitte nicht auf einen ausgiebigen Polterabend, und hätte dafür lieber eine riesengroße Hochzeitsfeier, aber auf keinen Fall mit Brautentführung, ihr Vater müsse in der Kirche auf der Zither Ave Maria spielen und Lisa würde ihre Trauzeugin.

Ich war von den ganzen Informationen so überwältigt, dass ich mich gar nicht fragte, wie sie es geschafft hatte, in einer solch kurzen Zeit mehr oder weniger für sich schon alles geplant zu haben. Ich, der ja schon viel länger wusste, dass ich sie fragen würde, hatte mir über all diese Dinge noch überhaupt keine Gedanken gemacht.

Der Flieger nach Paris hatte 15 Minuten Verspätung. Nachdem wir die Reisehöhe erreicht hatten, startete ich meinen Laptop und bereitete mich auf das Meeting vor.

Die Analyse von Michael war messerscharf und entlarvend. Die Zahlungsbedingungen waren für uns einfach nicht vorteilhaft. Das durchschnittliche Zahlungsziel unserer Top-Ten-Lieferanten betrug nicht einmal 40 Tage. Hierin sahen wir ein Problem. Würden wir das Zahlungsziel auf über 60 Tage erhöhen, so würden wir die Steuerungskennziffer auf ein akzeptables Niveau führen können.

Das Meeting war intensiv. Michael stellte seine Analyse vor. Er wurde allerdings häufig unterbrochen, da wir immer wieder in eine lebhafte Diskussion verfielen. Man sah ihm an, dass er gerne durchmoderiert hätte, doch er war Profi genug, diese Widrigkeiten zu erdulden. Ich machte den Witz, dass es wohl am besten wäre, alle Kundenforderungen in Deutschland zu konzentrieren und die Lieferantenverbindlichkeiten in Italien. Deutschland ist im internationalen Vergleich ein absolutes Schnellzahlerland. Dies ist hervorragend für die Forderungen, die schnell beglichen werden, allerdings unangenehm für die Verbindlichkeiten, da verhältnismäßig schnell gezahlt werden muss. In Italien ist es dagegen genau umgekehrt. Da wartet man nicht selten mehr als drei Monate auf sein Geld, muss an die Lieferanten aber auch erst spät zahlen.

Am Nachmittag einigten wir uns auf einen Aktionsplan. Es würden nun zügig Einzelgespräche mit den Top-Ten-Lieferanten geführt. Sie würden einer Verlängerung des Zahlungsziels auf 60 Tage zustimmen müssen. Flankierend würde unser Einkaufsleiter Vorgespräche mit günstigeren Lieferanten aus dem osteuropäischen Raum führen. Hiermit wollten wir unsere Top-Ten-Lieferanten unter Druck setzen und zusätzlich zur Verlängerung der Zahlungsziels noch einen Treuerabatt von 15 Prozent einfordern. Ich hatte mich für die mildere Variante starkgemacht und angeregt, dass wir in den Gesprächen eine Verlängerung des Zahlungsziels zwar verhandeln sollten, allerdings keineswegs die Variante „Friss oder Stirb“ wählen sollten. Mein Chef sah dies anders. Er verwies darauf, dass wir unsere Markt- und Verhandlungsmacht als einen strategischen Vorteil nutzen sollten. Jetzt sei die Gelegenheit auch den Lieferanten gegenüber Stärke zu zeigen. Die Analyse zeige auf, dass der überwiegende Teil der Top-Ten-Lieferanten von uns abhängig sei. Sie müssten halt auch ihre Hausaufgaben machen. Den Hinweis von mir, dass wir es hier mit mittelständischen Betrieben zu tun hätten, parierte er. „Mittelstand kann allerhand.“ Er lachte, um dann anzufügen: „In welchem Restaurant sind wir heute Abend?“

Eine halbe Stunde nach dem Meeting kam der Einkaufsleiter zu mir und informierte mich, dass er bereits den Firmenchef des französischen Möbelwerks Baneau S.A.S. für ein Gespräch mit uns für den Nachmittag des folgenden Tages hier in Paris gewinnen konnte. Der Lieferant Baneau war unser zweitgrößter Hersteller im Möbelsegment.

„Vielen Dank, Pawel. Werden wir bis dahin ein Vergleichsangebot eines Konkurrenzlieferanten vorliegen haben?“

„Meine Organisation sitzt schon dran. Bis morgen sollten wir eigentlich was haben.“

Alles ging seinen Lauf.

Kapitel 5

Seine Cordhose war beige und ein wenig abgetragen. Die oberen zwei nicht geschlossenen Knöpfe seines hellblauen Hemdes lenkten den Blick auf sein üppiges weißes Brusthaar. Mit seiner wuchtigen Nase und den tief liegenden Augen erinnerte er mich an Jean Paul Belmondo in seinen späteren Filmen der 80er- Jahre. Er wirkte größer, als er war. Seine Statur war mächtig und geprägt von seinem breiten Kreuz. Die Arme waren im Verhältnis zum Oberkörper ein wenig zu kurz, doch auffallend muskulös. Die Hände zeigten Spuren harter Arbeit und die kurzen, breiten Finger waren übersät von tiefen Falten und Narben. Sein Gang war auffällig. Er zog sein rechtes Bein sichtlich nach. So unbekümmert, wie er es tat, sah es aus, als ob sein Bein ihn schon vor Jahrzehnten im Stich gelassen hatte. Ich war nicht überrascht von seinem Händedruck. Er war fest und kräftig.

„Bernard Baneau.“

„Marc Bloom“, stellte ich mich vor und zeigte auf die weiteren Teilnehmer der Besprechung.

„Darf ich weiter vorstellen? Pawel Luczak, Lead Buyer, und sein Assistent Jacek Bakowski. Haben Sie gut hierhin gefunden? Wie lange haben Sie gebraucht?“ Ich war nicht sonderlich interessiert, dies zu erfahren, jedoch gehörte diese Frage zu dem üblichen Entree einer Besprechung mit Gästen.

„Ich war schon einige Male hier, das letzte Mal vor sechs Jahren, als ich bei Ihrem 125. Firmenjubiläum eingeladen war.“ Seine Stimme war tief und markant; sein Englisch war für einen Franzosen ungewöhnlich flüssig.

Ich verstand sofort. Seine Antwort zielte auf die langjährigen Geschäftsbeziehungen zwischen uns und darauf, dass er ein alter Hase war und mit uns schon Geschäfte machte, als ich noch die Schulbank drückte. Er war sicherlich Mitte 50 und somit rund 15 Jahre älter als ich.

„Wie lange haben Sie denn heute zu uns gebraucht? Ihr Werk steht doch östlich von Lyon, soweit ich weiß.“

„Ich komme nicht direkt von unserem Werk. Ich war heute Morgen noch in Auxerre und habe dort einen geschäftlichen Termin wahrgenommen. Unser Werk steht in Chambéry, einer Stadt am Fuße der Savoyer Alpen. Das wären gut und gern fünf Stunden Fahrt hierher. Aus Auxerre habe ich jetzt gut zweieinhalb Stunden gebraucht. Der Verkehr in Paris war dabei gar nicht so schlimm, aber auf der A6 in Höhe Fontainebleau wurde es wegen Straßenarbeiten einspurig. Das hat mich bestimmt eine halbe Stunde gekostet.“

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