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Bei Anruf: Sex

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1. KAPITEL

„Was ich trage?“ Rowan Crosswhite wiederholte die Frage des Anrufers und senkte die Stimme dabei gekonnt zu einem atemlosen erotischen Hauchen. Sie verzog das Gesicht und benutzte den Saum ihres Tanktops, um sich die Blumenerde von den Händen zu wischen, dann nahm sie die Gießkanne in die Hand. „Oh, ein schwarzes Lederbustier, Netzstrümpfe und High Heels.“

Die ausgedachte Beschreibung war nicht gerade originell, aber ihre bisherige Erfahrung im Telefonsex-Business hatte sie gelehrt, dass fantasievolle Anstrengung bei ihren Beschreibungen gar nicht geschätzt wurde. Also warum sich die Mühe machen?

Als Rowan sich zum ersten Mal überlegt hatte, ins Telefonsex-Business einzusteigen, hatte sie sich Sorgen gemacht, ob sie überhaupt einfallsreich genug wäre. Könnte sie eine glaubhafte Vorstellung für die Männer abgeben, die ihre Nummer wählten? Sie hatte sogar selbst einige 1-900er Nummern gewählt, um zu recherchieren, denn eine gute Vorbereitung war der Schlüssel zum Erfolg, egal auf welchem Gebiet. Und es gehörte nun mal zu Rowans Eigenschaften, alles so gut wie möglich machen zu wollen – selbst so etwas wie einen vorübergehenden Job als Telefonsexanbieterin.

Die Recherche war verschwendete Zeit gewesen, und Rowan hatte sich unnötig Sorgen gemacht.

Um genau zu sein, sie hatte gelernt, dass es umso besser war, je weniger sie sagte. Rowan verdrehte die Augen. Alles, was sie tun musste, war zu seufzen, schwer zu atmen und zu stöhnen – das war kein Problem, besonders wenn man zum Beispiel die Toilette putzte oder ein Blumenbeet jätete. Den Rest erledigten die Jungs selbst, wofür sie dem Himmel dankte.

Überraschenderweise gab es genug Typen, die bei ihr anriefen.

Das große Plus an diesem Job war, dass ihr nichts passieren konnte. Es bestand kein Risiko, misshandelt zu werden oder sich anzustecken, und wenn ein Typ ihr Angst einjagte, musste sie nur die Verbindung unterbrechen und die Nummer blockieren. Das war einfach genug. Außerdem – und was in Anbetracht ihrer derzeitigen schlechten finanziellen Lage mindestens genauso wichtig war wie die Sicherheit, war Telefonsex lukrativ. Bei 3,99 Dollar pro Minute, wobei der durchschnittliche Anruf um die zwölf Minuten dauerte, war das ein Verdienst von etwa 240 Dollar die Stunde. Beträchtlich mehr als bei ihrem vorherigen Job als Lehrerin für Naturwissenschaften an der High School.

Nur ein einziges Jahr hatte Rowan noch zur Festanstellung gefehlt, da gehörte sie auf einmal zu den Unglücklichen, die auf Grund von Budgetkürzungen arbeitslos wurden. Ihr Vorgesetzter an der Middleton High School hatte versprochen, sie wieder einzustellen, sobald die nötigen Mittel bereitstünden.

Bis dahin war leider weiteres Stöhnen, Gurren und Seufzen vonnöten – und je dramatischer, umso besser. Andernfalls müsste sie verhungern, und wie ihre gut gepolsterten Schenkel zeigten, mochte sie Essen viel zu gern, um zu hungern.

Rowan hatte ihre Studiendarlehen noch nicht ganz abbezahlt und außerdem noch Abendschulen besucht, um ihren Abschluss zu machen. Dementsprechend hatte sie mit einem Berg Schulden und der lächerlichen Summe von insgesamt 633 Dollar an Ersparnissen dagestanden – abgesehen von einer Corvette aus dem Jahre 1962, die ihrem Vater gehört hatte. Doch für dieses Auto würde sie sich im wahrsten Sinne des Wortes prostituieren, um es nicht verkaufen zu müssen.

Sie hatte Vertretungen als Lehrerin übernommen, wo sie nur konnte, aber das Einkommen hatte nicht gereicht und war auch nicht regelmäßig genug gewesen. Dann hatte sie einen Artikel über eine Frau gelesen, die sich in ähnlichen Umständen mit Telefonsex den Lebensunterhalt verdient hatte. Der Rest war bereits Geschichte. Sie hatte die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewägt und war zu dem Schluss gekommen, dass es eine gute Übergangslösung darstellte. Umgehend hatte sie dann ihren Anschluss installieren lassen und in ein gutes Headset investiert.

Das bedeutete, dass sie die Hände frei hatte und die Dinge machen konnte, die sie wirklich liebte – Gärtnern und Arbeiten mit Glas und Metall. Bastelkram, wie ihr Vater sagte. Ursprünglich hatte sie versucht, sich den Lebensunterhalt mit dem Verkauf ihrer „Gartenkunst“ zu verdienen, aber unglücklicherweise – und das verblüffte sie ganz ehrlich – schien niemand ihren Stil zu verstehen. Rowan warf einen Blick in ihren einzigartigen Garten mit den Windrädern, Rosenkugeln, Skulpturen, seltenen alten Rosen, bunten Blumen und Kletterpflanzen und verkniff sich einen traurigen Seufzer. Zum Teufel mit den ganzen geschmacklosen konventionellen Trampeln, dachte sie. Sie war eben eine Künstlerin. Ihr Garten grünte und blühte und machte sie glücklich, was eigentlich sowieso alles war, worauf es überhaupt ankam.

Ein schweres Atmen drang durchs Telefon und unterbrach ihre Gedankengänge. „Was ist mit deinem Slip? Wie sieht er aus?“

Rowan blickte auf ihre Uhr. Sie hatte diesen Kerl jetzt seit acht Minuten am Telefon. Zeit, zum Ende zu kommen. Sie wollte noch ein paar Fleißige Lieschen umtopfen, und ihre Rosen sahen ein wenig schlapp aus.

„Ich trage nie einen Slip“, log sie atemlos. „So ein Höschen engt mich nur ein.“

Wie voraussehbar, funktionierte das. Ein unterdrücktes Stöhnen und das verräterische Geräusch eines Reißverschlusses, der aufgezogen wurde, drang an ihr Ohr.

Sie senkte die Stimme. „Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen, Jeff?“ fragte sie und benutzte absichtlich seinen Namen. Das gehörte zu der Sag-meinen-Namen-wer-ist-dein-Held-Nummer. Männer waren ja so unglaublich berechenbar.

„Sicher“, erwiderte er stöhnend.

„Manchmal … wenn ich alleine bin … berühre ich mich gern selbst.“ Sie konnte gerade noch ein Kichern unterdrücken. Rowan Crosswhite, die ehemalige Lehrerin für Naturwissenschaften, verwandelte sich in eine raffinierte Telefonsexkönigin.

Ein weiteres Stöhnen. „Tust du … tust du es jetzt gerade auch, ich meine … berührst du dich?“

„Oh, ich möchte es, Jeff. Soll ich?“

„Oh ja.“

„Dann sollte ich mich vielleicht lieber hinlegen.“ Rowan stieß einen tiefen, wohligen Seufzer aus. „Mein Laken ist kühl … und ich bin so … heiß!“ Das war keine völlige Lüge. Es herrschte tatsächlich eine unglaubliche Hitze. Feuchtschwül, dachte sie und zog ihr Tanktop, das an ihrer Haut klebte, von ihrer Brust. Aber der Versuch, etwas mehr Luft unter ihr Top zu bekommen, war vergeblich.

Ein schweres Atmen war am anderen Ende der Leitung hörbar. „Wie heiß bist du?“

„Heiß wie ein Vulkan, Jeff. Ich stelle mir jetzt vor, wie du mich berührst. Darf ich dich auch berühren?“

„Ja!“

Dreißig Sekunden später war es vorbei. Sie war sechsunddreißig Dollar reicher, und ihr Laken war immer noch sauber. Ehrlich, wenn eine Frau mit ihrem Körper Geld verdienen wollte, war Telefonsex eindeutig die beste Variante. Natürlich wusste Rowan, dass es einige Leute gab, die ihre vorübergehende Beschäftigung kritisieren würden, aber sie hatte bei ihrer Entscheidung ihre eigenen moralischen Maßstäbe angelegt. Soweit es sie betraf, bot sie lediglich eine harmlose Form von Unterhaltung an. Sie spielte eine Rolle und regte die Fantasien von Männern aus bequemer Distanz an. Niemand kam zu Schaden, alles lief fair ab. Es war ein praktisches geschäftliches Arrangement, das ihren Kühlschrank mit Lebensmitteln und Strom versorgte.

Sie wartete, bis der Atem ihres Kunden langsamer wurde, bevor sie wieder sprach. „Es war schön, mit dir zu plaudern, Jeff. Du kannst mich gern jederzeit wieder anrufen.“

Jeff atmete zufrieden aus. „Darauf kannst du wetten.“ Er machte eine Pause. „He, solange du noch in der Leitung bist, würde es dir etwas ausmachen, wenn ich dir eine kurze Frage stelle?“

„Kein Problem. Schieß los.“ Das war völlig normal. Die Männer fragten sie oft um Rat. Alles vom Fleckenentfernen bis zum Thema, welchen Weichspüler sie bevorzugte. Das machte ihr nichts aus. Es war schließlich deren Geld, das sie vertelefonierten – und das in Rowans Kasse klingelte.

Einmal hatte sogar ein Teenager bei ihr angerufen – sie hatte genug von ihnen unterrichtet, um die sich überschlagende Stimme eines Pubertierenden zu erkennen – und nachdem sie das Thema Sex geschickt umgangen hatte, hatte sie ihm Nachhilfe in Mathematik gegeben. Er hatte sie innerhalb einer Woche noch ein paar Mal angerufen, dann hatten die Anrufe abrupt geendet. Sie war versucht gewesen, ihm ihre Privatnummer zu Hause zu geben, hatte dann aber doch zu viel Angst gehabt, ihre Nebenbeschäftigung könne vielleicht durch irgendwelche Querverbindungen bekannt werden. Sicher, was sie in ihrer Freizeit tat, ging niemanden etwas an. Doch das Schulamt von Middleton, Mississippi, würde das wohl kaum so sehen. Sie hatte mit dem Anruf eines wütenden Elternteils gerechnet, doch bis jetzt war nichts passiert, und sie hoffte, dabei bliebe es auch.

„Ich habe heute Abend noch ein Date“, sagte der Anrufer, „und ich möchte die Frau richtig beeindrucken. Was meinst du? Burger King oder MacDonald’s?“

Rowan verdrehte die Augen. Ihre Kunden, die armen Narren! Kein Wunder, dass sie im wahren Leben nicht zum Zuge kamen. „Verwöhne sie“, erklärte sie ihm gerade heraus. „Lass dich nicht lumpen.“

„Ins Taco Bell vielleicht?“ Ein nachdenkliches Räuspern. „Eine tolle Idee. Danke.“

„Kein Problem.“ Sie lächelte und beendete die Verbindung. Gerade rechtzeitig, dachte Rowan, als sie ihre ältliche Nachbarin Ida Holcomb durch den Garten auf sich zuwackeln sah.

Rowan hatte von der alten Dame das kleine Gästehaus gemietet, das sich am hinteren Ende von Idas Anwesen befand.

Das weiße Fachwerkhaus war klein, aber hatte immerhin außer dem Erdgeschoss noch ein Obergeschoss und auf beiden Ebenen große Veranden. Es war die Miniversion von Idas großem altertümlichen Haus, und was ihm an modernem Komfort abging, glich es durch Charakter aus.

Es gab nur eine einzige Steckdose im Badezimmer, und im Winter froren die Rohre regelmäßig ein, aber die hohen Räume verliehen dem Haus eine gewisse Großzügigkeit, und die Stuckdecken, der Kamin und die soliden Dielenböden waren mit einer handwerklichen Qualität hergestellt worden, die heutzutage in den praktischen Fertighäusern kaum mehr zu finden war. Das kleine Gewächshaus, die Werkstatt und der Garten hatten es für Rowan zum idealen Domizil gemacht.

Als sie ihren Job verloren hatte, hatte Ida ihr angeboten, einen Teil der Miete zu erlassen, wenn sie ihr im Gegenzug Besorgungen machte und verschiedene persönliche Dienstleistungen erbrachte. Rowan erledigte Idas Einkäufe, brachte sie zum Friseur und holte sie wieder ab und erledigte Verwaltungsarbeiten. Sie zupfte ihr die Augenbrauen – nicht, dass da noch viel übrig war, denn Ida gehörte zu der Generation, bei der es modisch gewesen war, keine Augenbrauen zu haben – und übernahm sogar die gelegentliche Pediküre. Rowans Blick wanderte jetzt unwillkürlich zu Idas sich langsam nähernden Füßen, die in Slippern steckten. Sie unterdrückte ein Schaudern. Nach Rowans Meinung waren Füße meistens nichts besonders attraktiv, und knotige Füße von alten Leuten fand sie äußerst gewöhnungsbedürftig.

Trotzdem mochte sie ihre Nachbarin sehr gerne. Ihre eigenen Großeltern waren gestorben, als sie selbst noch klein gewesen war. Ihre Eltern hatten beschlossen, das Beste aus ihrem Rentnerdasein zu machen und möglichst viele Stempel in ihren Pässen zu sammeln, bevor sie zu alt und schwach zum Reisen wurden. Sie gehörten zur neuen Generation von Rentnern, die bereits die Pyramiden von Gizeh und die Chinesische Mauer gesehen hatten. Derzeit befanden sie sich auf einer ausgedehnten Reise durch Europa.

Rowan hatte einen Bruder, der ihren Eltern die Früchte ihrer harten Arbeit neidete und statt sie für ihre Lebensfreude zu bewundern, nur den Verlust seines schwindenden Erbes bedauerte. Obwohl sie beide in Middleton wohnten, sah Rowan ihn nur selten, was ihr unter diesen Umständen ganz recht war.

Rowan wusste, dass ihre Eltern ihr natürlich aushelfen würden, wenn sie von ihrer Situation wüssten. Doch Rowans Stolz und ihr Anspruch, für sich selbst zu sorgen, hielten sie davon ab, um Hilfe zu bitten. Sie runzelte die Stirn. Außerdem hielt ihr Bruder oft genug die Hand auf.

Sie würde es allein schaffen.

Sie brauchte ja auch nicht mehr lange durchzuhalten, dann könnte sie vielleicht schon wieder zurück an die Schule. Bis dahin würde sie einfach jedes Mal, wenn ihre 1-900er Nummer klingelte, rangehen und sich obendrein um ihre Nachbarin kümmern. Es war ein kleiner Preis, den sie für ihre Unabhängigkeit bezahlte.

Rowan brachte ein kleines Lächeln zu Stande, als Ida näher kam, und betete insgeheim, dass die Frau nicht einen weiteren eingewachsenen Zehennagel entwickelt hatte.

„Also wirklich, Rowan, Sie sind die schmutzigste Frau, die ich jemals gesehen habe“, schalt Ida sie. „Gartenarbeit ist schmutzige Arbeit, das weiß ich. Aber …“, ihre Lippen kräuselten sich abwertend, während sie Rowan musterte, „… ich glaube fast, dass Sie sich sogar in der Erde wälzen.“ Ihr faltiges Gesicht verzog sich zu einem Stirnrunzeln. „Wie wollen Sie denn je einen Mann finden, wenn Sie wie eine Landstreicherin aussehen?“

Rowan unterdrückte einen Seufzer. Ida war nicht nur Angehörige der Keine-Augenbrauen-Generation. Sie gehörte auch zu der Generation, die meinte, eine Frau sei ohne Mann nicht vollständig.

Rowan hatte sich schon einmal die Finger verbrannt und war im Moment nicht zu einer Wiederholung eines solchen Desasters bereit. Sie war verliebt gewesen und hatte das Happy End schon zum Greifen nahe gesehen. Sie hatte den Bastard sogar zögernd ihr Auto fahren lassen – was sie am meisten bereute, denn wie sie jetzt wusste, war er die Ehre nicht wert gewesen. Sie hatte sich damals täuschen lassen und gedacht, es sei echte Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruhte.

Zwei Wochen vor der Hochzeit war sie für eine Runde Überraschungssex in die Wohnung ihres Verlobten gekommen. Es hatte tatsächlich Überraschungssex gegeben, doch sie war diejenige, die überrascht war und er derjenige, der Sex hatte.

Das war eine bittere, aber lehrreiche Erfahrung gewesen.

Seitdem hatte sie eine unausgesprochene Regel aufgestellt, zu der ihr Vater sie unwissentlich inspiriert hatte. Sie traf sich mit niemandem, der nicht absolut und uneingeschränkt von ihrem Auto begeistert war, und sie ging mit niemandem ins Bett, der es wagte, sie darum zu bitten, es fahren zu dürfen. Klar war das verrückt. Aber es funktionierte.

Rowan blickte zu dem schnittigen kleinen Cabrio, das in ihrer Einfahrt parkte, und merkte, wie ihre Laune stieg. Der kastanienbraune Wagen mit dem weißen Faltdach war der absolute Traum eines Oldtimerfans.

Es war das erste Auto ihres Vaters gewesen und von ihm mit der nötigen Hingabe gepflegt worden. Rowan hatte seine Leidenschaft geteilt und deshalb bei ihrem High-School-Abschluss die Autoschlüssel überreicht bekommen.

Rowan hatte beschlossen, dass sie selbst – auch wenn sie keine 62er Corvette war – dennoch die gleiche Aufmerksamkeit verdiente. Und bis sie einen Mann fand, der dazu bereit war, wollte sie lieber allein bleiben. Natürlich sehnte sie sich manchmal nach mehr. Zwar genoss sie ihre Unabhängigkeit, aber sie war auch kein überzeugter Single. Es gab Nächte, in denen die Stille übermächtig wurde und sie sich nach der Gegenwart eines anderen Körpers sehnte. Eines großen, warmen männlichen Körpers. Nächte, in denen sie sich nach Unterhaltung und Partnerschaft sehnte, nach einem Liebhaber und Freund. Einem sicheren Hafen in dem Chaos, das in ihrem Leben herrschte. Doch sie wollte sich nicht auf irgendetwas einlassen, was nicht völlig passte, und so war sie noch immer solo.

Rowan ignorierte Idas Bemerkung mit der Landstreicherin und lächelte sie an. „Kann ich irgendetwas für Sie tun, Ida?“

Idas kritischer Blick wanderte von Rowans schmutzigem T-Shirt zu ihrem Gesicht. Mit gerunzelter Stirn fischte sie eine Serviette aus ihrer Kittelschürze. „Also wirklich“, schimpfte die alte Dame, während sie über Rowans Wange wischte, „selbst Ihr Gesicht ist schmutzig.“ Sie schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Ich hoffe, Sie duschen sich draußen ab, bevor Sie in die alte Wanne steigen. Die Rohre sind so verkalkt.“

„Tu ich immer“, schwindelte Rowan automatisch. Ida gab ihr ständig kleine Tipps, wie sie sich in dem alten Gästehaus verhalten sollte: „Die Stromleitungen nicht überbelasten, Schmierseife benutzen, um die Böden zu säubern.“ Ida Holcomb war eine Frau, die zu allem eine eigene Meinung hatte, und man konnte sich darauf verlassen, dass sie sie auch mitteilte, ob man sie hören wollte oder nicht.

Die gute Frau war nun anscheinend mit dem Aussehen ihrer Mieterin zufrieden und stopfte die Serviette zurück in ihre Tasche. „So. Das ist jetzt schon besser, obwohl ich wirklich wünschte, Sie würden sich vorher noch umziehen. Sie sind schließlich meine Repräsentantin, verstehen Sie“, stellte sie fest und richtete sich stolz auf. „Ihr Aussehen fällt direkt auf mich zurück.“

Also stand eine Besorgung an. „Ich kann mich im Handumdrehen umziehen, Ida. Was soll ich denn für Sie tun?“

„Zur Drogerie gehen.“ Ida verzog das Gesicht und rieb sich den Bauch. „Die Ballaststoffe und die Pflaumen haben nicht geholfen. Ich brauche ein Klistier.“

Und dafür muss ich mich natürlich entsprechend damenhaft zurechtmachen, dachte Rowan und nickte ergeben.

„Vielleicht ist es besser, Sie kaufen gleich zwei“, meinte Ida düster. „Nur zur Sicherheit.“

Rowan rang sich ein teilnahmsvolles Lächeln ab. Klar! Es ist immer noch besser, Klistiere zu kaufen, als nichts im Kühlschrank zu haben, sagte sie sich.

Das Argument hätte vielleicht auch geholfen … wenn sie nicht gerade ihren Appetit verloren hätte.

2. KAPITEL

Obwohl erst zweiunddreißig und bei perfekter Gesundheit, befand Will Foster sich vor lauter Wut am Rande eines Herzinfarkts.

Doris Whitaker hatte ihn wieder einmal flachgelegt.

Natürlich nicht im wörtlichen Sinne – Will schauderte, als ihr dick geschminktes, faltiges Gesicht vor seinem geistigen Auge auftauchte – aber im übertragenen Sinne.

Und sie genießt es, das alte Schrapnell, dachte Will aufgebracht, als er über ihren Hof zu seinem Pick-up ging. Er warf einen Blick über die Schulter, und natürlich sah sie ihm nach. Ihre geschminkten Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, und sie winkte ihm mit ihren arthritischen, juwelengeschmückten Fingern zu.

Will zwang sich zu einem Lächeln und winkte zurück. „Wiedersehen“, stieß er widerwillig hervor.

Seine Firma, Foster’s Landschaftsdesign, hatte mittlerweile einen Großteil von drei Sommern und mehrere tausend Dollar darauf verwendet, um bei Doris Whitaker ihr „Zufriedenheit-garantiert-Versprechen“ einzulösen.

Ohne Erfolg.

Obwohl Will wusste, dass es vernünftiger wäre, sich geschlagen zu geben, konnte er das dummerweise nicht tun. Er musste einfach die Bestätigung von ihr bekommen, dass sie eine zufriedene Kundin war, verdammt noch mal, oder bei dem Versuch sterben. Ohne zu prahlen, konnte er von sich behaupten, dass er gut war. Er liebte seine Arbeit. Er liebte es, eine Landschaft zu gestalten. Er machte sich gern die Hände schmutzig, säte und sah zu, wie etwas wuchs. Er hatte tiefen Respekt für Mutter Erde und den Kreislauf des Lebens.

Außerdem näherte sich Foster’s Landschaftsdesign bald seinem zehnjährigen Firmenjubiläum und in diesen zehn Jahren hatte er niemals einen unzufriedenen Kunden gehabt. Er weigerte sich schlichtweg, sich von Doris Whitaker diesen Rekord kaputtmachen zu lassen.

Seine Mitarbeiter waren heute fertig geworden und, obwohl Doris sich während der Arbeiten zufrieden gezeigt hatte, sagte sie am Ende wieder einmal, dass es doch nicht ganz so geworden sei, wie sie es sich vorgestellt hätte.

Also alles herausreißen und wieder von vorne anfangen!

Will hatte tatsächlich etwas herausreißen wollen, aber gewiss nicht die Kakteen, die ihr auf einmal nicht mehr gefielen. Dies war das verdammte dritte Mal, dass sie diese nervige Masche abzog. Er war mit seinem Latein am Ende. Wenn er nicht befürchtet hätte, dass ihr Gezeter bis zu dem von ihr gegründeten Country Club zu hören wäre, hätte er ihr gesagt, dass sie sich diese Kakteen sonst wohin schieben solle …

Zwei laute Piepser, gefolgt von der lauten Stimme seiner Mutter im Walkie-Talkie, unterbrachen seinen Gedankengang. „Will?“ Trotz der Tatsache, dass er ihr wiederholt erklärt hatte, dass es nicht nötig war zu schreien, behielt Millie Foster diese Lautstärke bei. Absichtlich, vermutete er, denn es erschreckte ihn immer wieder.

Will fluchte, löste das Walkie-Talkie von seinem Gürtel und meldete sich. „Mutter! Zum allerletzten Mal, du brauchst nicht zu schreien.“

„Tut mir Leid“, erwiderte Millie ungerührt. „Ich wollte nur sichergehen, dass du mich auch hörst.“

„Ich habe dich gehört. Was gibts?“ Will hörte leises Gelächter im Hintergrund und runzelte die Stirn. „Was ist los?“

„Ich wollte dir nur sagen, dass du heute Abend eine Verabredung zum Essen hast, also mach rechtzeitig Schluss, damit du noch Zeit hast, dich frisch zu machen.“

Eine Verabredung zum Abendessen?, überlegte Will verblüfft. Sich frisch machen? Er hatte sich heute mit niemandem verabredet. Um genau zu sein, er hatte sich schon seit Monaten mit niemandem mehr verabredet. Selbst wenn er jemanden getroffen hätte, der irgendeinen Funken von Interesse bei ihm ausgelöst hätte, hätte er gar keine Zeit gehabt. Der Frühling war die Jahreszeit, in der es am meisten Arbeit gab, die Zeit des Jahres, in der sein bescheidenes gesellschaftliches Leben völlig aufhörte zu existieren. Außerdem hatte seine letzte ernsthafte Beziehung bei ihm einen schlechten Geschmack hinterlassen, und auf etwas Ähnliches hatte er nicht so schnell wieder Lust.

Will runzelte die Stirn, als die Bedeutung der Ankündigung seiner Mutter schließlich in seinen von der unzufriedenen Doris besetzten Verstand vordrang. Er fluchte innerlich – seine Mutter wollte ihn verkuppeln!

Schon wieder.

Das verstärkte seine schlechte Laune nur noch. Obwohl er seine Mutter ehrlich liebte und wusste, dass sie nur sein Bestes wollte, hatte er dennoch ihre Einmischung satt. „Mutter, ich habe mich für heute Abend nicht verabredet, und wenn du für mich eine Verabredung getroffen hast, dann wirst du auch diejenige sein, die sie absagt. Wir hatten diese Diskussion bereits, und ich bin nicht in der Stimmung, das Ganze zu wiederholen. Heute schon gar nicht.“

Ein aufgebrachter Seufzer war zu vernehmen. „Möchtest du nicht wenigstens wissen, wer es ist, bevor ich absage?“

Er war nicht im Mindesten neugierig. „Nein.“

„Wie du meinst“, erwiderte seine Mutter. „Normalerweise hätte ich mich ja auch nicht eingemischt, …“

Ha!, dachte Will.

„Aber“, sie seufzte erneut und ein merkwürdiger Unterton lag in ihrer Stimme, „in Anbetracht deiner Telefonrechnung, dachte ich, es wäre Zeit für … Gegenmaßnahmen.“

Im Hintergrund war Gelächter zu hören, und Will hätte schwören können, seinen Bruder Ben sagen zu hören: „Klar doch! Eine Gummipuppe wäre günstiger.“ Aber das konnte doch wohl nicht sein, denn es machte überhaupt keinen Sinn. Und seine Telefonrechnung? Was hatte die damit zu tun, dass seine Mutter ihn verkuppeln wollte?

Will steckte den Schlüssel ins Zündschloss und ließ das den Motor an. „Sprich Klartext, Mom. Wovon redest du? Was stimmt denn nicht mit meiner Telefonrechnung?“

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