Logo weiterlesen.de
Berenike

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Buch I Elegie auf einen toten König
    1. Heil dir, goldener König
    2. Bruderkrieg
    3. Lustration
    4. Ohne Worte
    5. Der Turm zu Babel
    6. Klopfzeichen
    7. Katerstimmung
    8. Fallen und Schlingen
    9. Aufbruch in eine neue Welt
  7. Buch II Höfische Lieder
    1. Die Welt gerät in Bewegung
    2. Brudermord
    3. Heimatboden
    4. Neue Rollen
    5. Familienfeiern
    6. Der Tod des Demosthenes
    7. Schlusswort
    8. Nach Ägypten!
    9. Antrittslied
    10. Sie lieben ihn nicht, die Makedonen
    11. Geduld ist die Tugend der Frauen
    12. Der schönste Tod
    13. Zwischen Scylla und Charybdis
    14. Die Stimmen der Sirenen
    15. Dionysische Tage
    16. Krokodilfutter
    17. Ein Lied für Athen
    18. Fremde Heimat
    19. Noch mehr Heimat
  8. Buch III Kriegsgesänge
    1. Nach Asien
    2. Entscheidung in Tyros
    3. Die Verlobung
    4. Die Flut
    5. Nausikaa
    6. Triparadeisos
    7. Die Unbesiegbare zu Sardes
    8. In den Armen Kalypsos
    9. Berenike erzählt
    10. Sein letzter Fehler
    11. Kleinasiatische Lieder
    12. Verrat
    13. Flucht in die Berge
    14. Streit
    15. Polyphem
    16. Der Bienenkorb
    17. Die Nora-Situation
    18. Gedanken im Dunkeln
    19. Der Fehler
    20. Aufbruch – Heimkehr
    21. Konflikte
    22. Alexandria leuchtet
    23. Familienbande
    24. Zukunftspläne
    25. Diokles
  9. Buch IV Ein Hymnus für den Pharao
    1. Seeluft
    2. Piraten!
    3. Es war ein langer Kampf
    4. Niemand hat das Recht
    5. Helena
    6. Eine Frage der Perspektive
    7. Ich bin eure Königin
    8. Eumenes schreibt einen Brief
    9. Verfolgt
    10. Haussegen
    11. Alte Schätze
    12. Ferne Stimmen
    13. Ich habe sie!
    14. Erbe der Vergangenheit
    15. Erinnerungen
    16. Der Esel auf dem Eis
    17. Konspiration
    18. Der Weg zu ihm
    19. Ein Hymnus für den Pharao
    20. Kunstgenuss
    21. Liebeshändel
    22. Familienbande
    23. Familienangelegenheiten
    24. Olympias’ Orakel
  10. Nachbemerkung

Über dieses Buch

Verführerisch und aufregend wie der Orient selbst

Babylon, 323 v. Chr.: Die Makedonierin Berenike flieht vor einer arrangierten Ehe nach Babylon. Die junge Dichterin will am Hof Alexanders des Großen ihr Glück suchen, doch sie kommt zu spät: Alexander ist tot. Wider Erwarten wird sie in einen Strudel von Intrigen, Gefahren und Leidenschaften gerissen. Sie begegnet Ptolemaios, ihrer großen Liebe, um sie gleich wieder zu verlieren. Doch Berenike gibt nicht auf. Sie macht sich auf den langen Weg zu ihrem Geliebten, der zugleich der Weg zu Freiheit und Selbstbestimmung ist.

Über die Autorin

Tessa Korber, geb. 1966 in der Pfalz, ist promovierte Germanistin und Historikerin. Seit ihrem ersten Romanerfolg „Die Karawanenkönigin“ hat sie über zwanzig Romane geschrieben, einige davon unter Pseudonym, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Sie lebt heute als freie Schriftstellerin in der Nähe von Erlangen.

Tessa Korber

Berenike

Die Erbin Alexander des Großen

Historischer Roman

Buch I
Elegie auf einen toten König

Heil dir, goldener König

»Wie konntest du nur auf eine so gottverflucht blöde Idee kommen?«, brüllte Leonidas. Aufgebracht marschierte der makedonische Offizier auf und ab, während er seine stumm dastehende kleine Schwester mit einem Schwall von Flüchen belegte. »Dies ist ein Heerlager«, begann er in wachsender Erregung, »ein Ort des Krieges, vielleicht bald ein Schlachtfeld. Söldner aus allen Teilen der Welt sind hier versammelt.« Sein Finger stieß anklagend in Richtung Babylons, dessen Stadtmauern sich unweit von ihnen erhoben. »Kleine Mädchen haben hier nichts verloren.«

Berenike biss sich auf die Lippen. Mit dem schmutzigen Zipfel ihres wollenen Reisemantels wischte sie sich trotzig immer wieder die Tränen aus den Augenwinkeln, aber soviel sie auch wischte, es quollen neue nach, und die zitternde Unterlippe zeigte an, dass sie bedrohlich bald in lautes Weinen ausbrechen würde.

Ihr Bruder stemmte die Hände in die Hüften und musterte sie von oben bis unten. »Und wie du nur aussiehst!«

Berenike schniefte und fuhr sich über die Nase, ehe sie an sich hinuntersah. Da war der Knabenpeplos, starr vom Schmutz der Reise, und darunter ihre verschrammten dünnen Mädchenbeine, die in viel zu großen grobledernen Reisestiefeln steckten, deren ungewohnte Rauheit ihre Füße hatten wund werden lassen.

»Die meisten …«, Berenike schniefte erneut. Ihr Bruder verschränkte die Arme und wippte provozierend mit dem Fuß, während sie sich schnäuzte. »Die meisten haben geglaubt, dass ich ein Junge bin«, vollendete sie schließlich ihren Satz. »Und Hermes hat mich in den Raststätten auch immer als seinen jungen Herrn angesprochen …«

Der Sklave Hermes zog sich unter dem Blick, den Leonidas ihm während dieser Erklärung zuwarf, blitzschnell hinter seine Herrin zurück. Ihm war ja immer schon klar gewesen, dass er am Ende die Zeche würde zahlen müssen. Die Wut in den Augen des jungen Offiziers verhieß ihm eindeutig eine kräftige Tracht Prügel. Und tief im Inneren war er davon überzeugt, sie auch verdient zu haben, diese Abreibung. Aber das Mädchen zuerst, dickschädlig wie es war.

»Ich mag gar nicht dran denken!«, fuhr Leonidas derweil unbeirrt fort und spuckte auf den Boden. »Du zwischen all dem Gesindel in den Schenken. Und in diesem Aufzug.« Er fuhr mit den Fingern durch ihre kinnkurz abgeschnittenen braunen Locken und streckte dann alle Finger zum Himmel, als wäre dies das Schlimmste von allem: ihre Haare.

»Und was wird Philippos erst dazu sagen!« Leonidas schüttelte den Kopf und nahm seine Wanderung mit auf den Rücken verschränkten Händen wieder auf. »Es wird ein verdammtes Stück Arbeit sein, ihm plausibel zu machen, dass du nicht entehrt bist …« Grummelnd versenkte er sich in seine Überlegungen.

»Ich werde ihn nicht heiraten.« Das war der erste klare Satz, den Berenike sagte, seit sie ihren Bruder hier im makedonischen Heerlager aufgestöbert hatte. Sie sprach leise und ohne Leonidas anzusehen. Es war ein weiter Weg von Makedonien hierher gewesen, ein ungewohnt raues Leben, und beides hatte sie eingeschüchtert und sich klein fühlen lassen. Wie großartig hatte sie sich doch zu Hause das Abenteuer vorgestellt, die große Flucht!

In Tegea, wohin sie zunächst aufgebrochen war unter dem Vorwand, ihre Freundin Anyte zu besuchen, unter den Olivenbäumen vor dem friedlichen Gehöft, da hatten sie abends gesessen und es sich ausgemalt, wie sie in die unbekannte Welt hinaus reisen würde, bis hin zum Hofe des großen Alexanders, des Mittelpunkts der neuen, vereinigten Welt. Wie alle sie für einen Knaben halten und als Edeljungen bewundern würden, wenn sie mit noblem Schwung ihren Mantel beiseite schwingen würde, um sich vor dem Herrscher zu verneigen und ihm ihr selbstverfasstes Preisgedicht zu überreichen, das nun noch gut versteckt in einer kleinen Lederkapsel in der Eichenholztruhe mit ihrer Aussteuerwäsche ruhte. Und sie hatten sich umarmt, und die Grillen hatten dazu gezirpt.

Seither war Berenike übers Ohr gehauen, herumgeschubst und angepöbelt worden, war hungrig schlafen gegangen und bei Wettern über Gebirgspässe marschiert, bei denen sie zu Hause allenfalls verträumt am Fenster oder nahe dem Herdfeuer gesessen hätte, in Gedanken versponnen und ohne den Hauch einer Idee, die schützenden Räume etwa zu verlassen. Und nun, da sie mit blauen Flecken und Flohbissen übersät endlich am Ziel angelangt war, da sollte das der Empfang sein? Nein, so hatte sie sich ihr Abenteuer nicht vorgestellt!

Alles, was sie sich jetzt wünschte, war jemand, der sie in die Arme nahm, sich ihre Klagen anhörte und sie tröstete, ja, und badete. Wenn sie an den Gestank nur dachte, den ihre Füße verströmten, sobald sie die Stiefel aufschnürte, dann stiegen ihr wieder die Tränen in die Augen. Stattdessen schimpfte Leonidas mit ihr; die Welt war so ungerecht.

»Ich werde ihn nicht heiraten!« Das zumindest wollte sie noch festhalten. Hätte Leonidas hingesehen, hätte er in ihren Augen noch einen Funken jenes Durchsetzungswillens erkennen können, der Berenike ihren langen, ungewöhnlichen Weg hatte bewältigen lassen.

Aber Leonidas pflegte das Wesen der Frauen nicht zu erforschen. Frauen wollten nichts, sie gehorchten und stahlen einem nicht die Zeit, die für Wichtigeres benötigt wurde. So hatte das zu sein, nein, so war das auch, und wenn er mit Gewalt dafür sorgen musste. »Wie bitte?«, knurrte er, als er ihren Widerspruch vernahm.

Der Ton, in dem ihr Bruder das sagte, ließ Berenike unwillkürlich einen Schritt zurücktreten. »Ich, ich, ich, Anyte sagt das auch«, stotterte sie und suchte sich zu rechtfertigen. Stumm und unauffällig entzog Hermes ihren haltsuchenden Fingern den Saum seines Mantels, den sie nervös umklammert gehalten hatte. »Dass er viel zu alt ist für mich und, und, und überhaupt unmöglich, und er will mir das Schreiben verbieten und … Anyte macht auch Gedichte«, sprudelte sie in ihrer Panik hervor, nestelte unter dem unheilvollen Blick ihres Bruders die behütete Lederkapsel hervor und hielt sie hoch wie ein Schutzamulett gegen Leonidas’ Zorn. Und der hatte heilige Ausmaße erreicht. »Sie tritt auch öffentlich auf und …«, fuhr sie fort, aber vergebens.

»Soll das heißen, du läufst von zu Hause weg und reist in Lumpen durch die halbe Welt, um mir mitzuteilen, dass du die beste Partie von Pella ausgeschlagen hast, weil du und deine überkandidelte griechische Freundin …«

»Sie ist eine Dichterin!«

»… du und deine überkandidelte Freundin«, fuhr Leonidas unbeirrt fort, und er wurde mit jedem Wort lauter, »sich das in ihren Backfischträumen so ausgemalt haben, ja?« Jetzt brüllte er, und was er noch zu sagen hatte, ließ die bernsteinfarbenen Augen seiner kleinen Schwester in Tränen schwimmen.

»Aber …«, setzte sie noch einmal an, doch Leonidas ließ sie nicht mehr zu Wort kommen.

»Hast du überhaupt eine Ahnung, was hier los ist?«, donnerte er. »Hast du auch nur einen Schimmer davon, was ich in letzter Zeit durchgemacht habe?« Sein Gesicht kam ihrem ganz nahe, und sie schob die Unterlippe vor. »Die Welt bricht zusammen, die Truppen rebellieren, jeden Augenblick kann hier das große Schlachten ausbrechen, und meiner Schwester behagt ihr Bräutigam nicht!«

»… eine große Dichterin!«, hörte man Berenikes beleidigte Stimme, während er Luft holte.

»Ja, bist du denn …« Entgeistert starrte Leonidas sie an, das Gesicht noch immer gerötet.

»Sie hat wunderbare Verse über ihren toten Hund gemacht«, beendete Berenike trotzig ihre Verteidigungsrede. Der Satz klang überraschend laut in der plötzlichen Stille.

»Toter Hund«, wiederholte Leonidas tonlos, und nun schwiegen sie beide. »Ein toter Hund«, sagte er schließlich mehr zu sich selbst, »und ein toter König, passt irgendwie.«

»Wie?«, fragte Berenike irritiert und blinzelte. Eine Träne hing an ihrer Wimper, in der brach sich gleißend ein Lichtstrahl. Seltsam, dachte sie, dass mir das jetzt auffällt.

»Wie!«, äffte ihr Bruder sie nach. »Ein toter Hund und ein toter König! Ist das so schwer zu verstehen?« Er ließ der angestauten Unsicherheit und Nervosität der letzten Tage in ungezügeltem Zynismus freien Lauf. »Oder hat in deinem egoistischen, hysterischen Kleinmädchenhirn überhaupt nichts anderes mehr Platz? Ein toter König, und wenn sie sich da oben nicht bald einigen«, sein Blick glitt zu der Königsburg von Babylon hinauf, wo Alexander der Große jetzt den zweiten Tag aufgebahrt lag, während seine Generäle über die Nachfolge stritten, »dann wohl auch bald ein verfaulter.« Nun schob auch er mit düsterem Gesicht die Unterlippe vor, in dieser Geste seiner Schwester überraschend ähnlich.

Diese Nachricht ließ Berenike nun endlich lautstark in Tränen ausbrechen. Sie schlug die Hände vors Gesicht und wankte. Gern wäre sie in die Knie gegangen, wenn nur der Boden hier zwischen den Zelten nicht so staubig gewesen wäre.

»Ich, ich«, schluchzte sie, »ich habe doch ein Gedicht für ihn gemacht!« Wieder hob sie anklagend die Kapsel mit den Versen, die sie und Anyte bei ihren Abendschwärmereien verfasst hatten.

»Ich, ich, ich«, äffte Leonidas wütend. »Kannst du denn an gar nichts anderes denken? Und er schlug ihr den lederumhüllten Papyrus aus der Hand, ehe sie sich rühren konnte. Es landete im Sand und bestäubte zwei sandalenbewehrte Füße, die innehielten und dann mit einem betonten Schritt das Hindernis nahmen.

»Na, na, na«, sagte Diokles und trat zu den Geschwistern. »Ich dachte mir, so wie Leonidas da brüllt, steht er vor einer Reihe neuer Rekruten.« Unter der hohen Stirn mit dem fliehenden Haaransatz sahen zwei lächelnde, humorvolle Augen Berenike an. Es war der erste freundliche Blick, der Berenike seit Wochen traf, und mit dem sicheren Instinkt des Schwachen für einen zuverlässigen Beschützer, warf sie sich an seine Schulter. Diokles legte den Arm um die Schluchzende und nickte dem Offizier begütigend zu.

»Das ist mein, mein, äh, Bruder Berenikos«, brachte der schließlich mit knirschenden Zähnen hervor.

Diokles drückte das Mädchen tröstend an sich. »Gewiss doch.« Und nach einer Pause fügte er hinzu: »Verfaulen wird er übrigens nicht. Ich habe die Ägypter gesehen, wie sie auf die Burg zugingen; eine lange Prozession weißgekleideter, kahlköpfiger Priester. Ihr ›Handwerkszeug‹ führen sie in langen, schwarzen Holzschreinen mit sich, auf denen vergoldete Schakalskulpturen hocken. Doch was sie Geheimnisvolles singen, kann kein Makedone verstehen.«

Alle drei schauten zur Königsburg. »Ich wüsste zu gern«, murmelte Diokles versonnen, »ob sie beim Mumifizieren so verfahren, wie Herodot es beschrieben hat.«

»Geh doch hin und schau zu!«, blaffte Leonidas. »Dann weißt du’s.«

Doch Diokles lachte nur bitter auf. »Als ob sie einen einfachen Arzt von den Fußtruppen zu ihm hineinließen. Nein, um ein Leibarzt des großen Königs zu werden, bin ich wohl zu spät gekommen.« Er hielt inne und blickte nicht ohne Bitterkeit auf die Palastdächer von Babylon, unter denen seine nie zuvor gebeichteten Ambitionen begraben lagen. »Und ihr werdet euren Arzt hier auch brauchen in den nächsten Tagen«, fuhr er fort. »Die makedonischen Infanteristen haben Arrhidaios zum neuen König akklamiert, Alexanders Bruder.«

»Den Schwachsinnigen?« Leonidas riss die Augen auf. »Aber hieß es nicht in Alexanders Stab, man wolle die Geburt seines Kindes von Königin Roxane abwarten?«

»So hieß es. Perdikkas hat es gefordert, der Reitergeneral, der jetzt den Siegelring trägt.«

»Wo immer er ihn herhat«, murrte Leonidas düster, der die Vorbehalte aller Fußkämpfer gegen die adlige Reiterei teilte. »Ich will eher glauben, dass er ihn vom Finger eines Toten zog als aus der Hand eines Lebenden erhielt.«

Entsetzt schaute Berenike von einem zum anderen.

»Was glaubst du«, prophezeite der Arzt düster, »wie lange die Mutter und das Ungeborene noch leben werden?«

»Keine Ahnung!« Leonidas zuckte die Achseln und spuckte aus.

Berenike zuckte zusammen. Zu Hause hatte Mutter sich diese Unsitte immer verbeten.

Ihr Bruder kaute seine düsteren Gedanken und spuckte erneut. »Was glaubst du, wie lange wir noch leben werden?«, entgegnete er. »Verdammt, und ich habe diese kleine Gans am Hals.«

»Ich bin keine kleine Gans!«, empörte Berenike sich, ebenso wenig wie ihr Bruder einen Gedanken daran verschwendend, dass sie Diokles damit das Geheimnis ihres Geschlechts offenbarten. »Ich bin schon fünfzehn!«

Niemand antwortete ihr, doch fühlte sie, dass Diokles ihr beruhigend den Rücken tätschelte, daher fuhr sie, mutiger werdend, fort: »Deine Männer können doch auf mich aufpassen, deine treuen Gefährten, diese mutigen …«

»Deine treuen Gefährten, die mutigen!«, fuhr Leonidas höhnisch auf. »Ist das aus einem von Anytes Gedichten?« Er bekam keine Antwort, erwartete auch keine. »Meine Männer und treuen Gefährten«, fuhr er fort, »wären die ersten, dich zu vergewaltigen. Danach würden sie dich in den nächsten Brunnen werfen und mir bedauernd mitteilen, dass du einen Unfall gehabt hättest. Das würden sie tun, diese tapferen Soldaten.«

Berenike zuckte zusammen und wurde rot. Unangenehm berührt trat sie einen Schritt von Diokles weg.

»Keine Angst«, meinte der und hob die Hände. »Ich bin keiner seiner Männer, ich bin Zivilist, nur der Feldscher. Und«, fuhr er fort, mit einem tadelnden Blick auf den jungen Offizier, »offenbar der einzige mit zivilen Manieren hier. Na komm!« Er bugsierte sie sanft vor sich her. »Dann wollen wir dich mal aus den schmutzigen Lumpen herausholen und dir etwas zu essen besorgen, äh, junger Mann.«

Er zwinkerte Leonidas zu, winkte Hermes, ihm zu folgen und ging, mit dem Mädchen am Arm. Leonidas schwankte, was zu tun sei, ging ein paar unentschlossene Schritte in verschiedene Richtungen und brüllte dann hinter der Gruppe her:

»Wenn du sie anrührst, bringe ich dich um!«

Der Arzt winkte ab, ohne sich auch nur umzuschauen. »Er hat eine Menge gesehen in den letzten Jahren«, erklärte er Berenike entschuldigend.

Die dachte an die wanzenverseuchten Betten der Herberge in Ephesos. »Ich auch«, sagte sie mit ehrlichem Schaudern, »ich auch.«

Sie machten sich auf den Weg zu Diokles’ Zelt.

»Diokles?«, frage sie schließlich, »ist es wahr, dass bald ein Krieg beginnt?«

»Hm«, der Mann an ihrer Seite nickte und wies mit dem Kinn in Richtung Stadt. »Dort hinter den Mauern sitzen sie um den Leichnam herum und versuchen sich zu einigen, wer welches Stück vom Kuchen abbekommt. Die Schwachen werden sie erschlagen, und wer überlebt, wird ausziehen, sich sein Stück Land und Reichtum mit dem Schwert zu sichern.«

»Aber wie kann das sein? Ich meine …« Sie machte eine Pause. »Wie ist es möglich, dass sie nur daran denken können? Alexander hat uns die Welt eröffnet: so viele Sprachen, so viele Kunstwerke, so viele Schätze an Wissen!« Sie redete sich in Feuer. »Wer hatte schon vorher einen Elefanten gesehen? Wer hatte die Meere Arabiens befahren, wer hatte sich in die Schriften der persischen Gelehrten vertieft, die Tempel Ägyptens erforscht und das alles in einer uns allen gemeinsamen Sprache besungen? Wer sonst baute Straßen aus dem Reich des Bekannten heraus bis hinein ins Reich der Wunder? Und das alles war unser Erbe, unser aller Erbe! Wie kann man nur an nichts anderes denken als daran, es zu zerteilen und mit Krieg zu überziehen?«

Gänsehaut kribbelte auf ihren Armen, während sie sprach. In ihren Augen, bemerkte Diokles, leuchtete ein bernsteinfarbenes Feuer. Und er hätte schwören können, dass Funken in ihrem Haar knisterten. Was für eine Energie ging von dem kleinen Mädchen plötzlich aus. Unwillkürlich hob er die Hand, um ihr durch die kurzen Locken zu streichen.

»Diokles? Geht das Wichtigste dabei nicht verloren, Diokles?«, fragte sie erneut und griff, seine Bewegung missverstehend, in einer kindlichen Geste nach seinen Fingern. Doch als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen, drehte sie sich auf einmal um und lief zurück.

Da war es: Sie fand ihr Gedicht in seiner Lederhülle unberührt im Staub liegen. Als sie sich mit ihrem Schatz wieder aufrichtete, bemerkte sie einen Mann, ein Veteran offenbar, den Stumpf, dort wo sein linkes Bein hätte sitzen sollen, mit Lumpen umwickelt, vor sich einen Bettelnapf.

Hastig tastete sie in ihrem Beutel nach einigen Münzen und legte sie dem Mann in seine Schüssel, der den mürrischen Blick gesenkt hielt.

»Du hast mit dem großen Alexander gekämpft?«, fragte sie mild.

Da sah er sie an. »Auf allen seinen Zügen.«

»Alexander«, begann sie zu rezitieren, »goldener König, heil dir!

Dein Gelächter schäumend wie wilde Flut. Dein Heer

stürmte Woge um Woge darauf einher und

siegte dir singend.«

Der Mann starrte sie an.

»Herr der Helden, silberschildtragender Männer

warst du. Deine herrliche Schar, sie folgte dir

kindertreu. Voll Tapferkeit, unbesiegt, auf

all deinen Zügen.«

»Auf all deinen Zügen«, echote er, seine eigenen Worte im Rhythmus ihrer Verse aufnehmend. Sein Blick wandte sich in eine Ferne, in der er seine drückenden Erinnerungen im Kleid ihrer Worte neu und tröstlicher, strahlender erstehen sah.

Diokles, der ihr nachgegangen war, besah sich die Szene mit einem säuerlichen Lächeln. Derselbe Enthusiasmus für den goldenen König hatte den Veteranen zweifellos in sein Unglück marschieren lassen, von Schlacht zu Schlacht, bis zu dem Ort, an dem er sein Bein verlor. Er, Diokles, hatte selbst gesehen, was Alexanders anfeuernde Reden, sein mitreißendes Wesen, seine regelmäßigen Auftritte zur Hebung der Moral bei seinen Leuten bewirkt hatte. Verheerende Begeisterung hatte er es bei sich genannt, wenn er ihre Ergebnisse auf seinem Behandlungstisch liegen sah, nachdem sie wieder eine für undurchquerbar gehaltene Wüste durchquert, einen unüberwindlichen Berg überwunden, eine unbesiegbare Übermacht besiegt und den Preis dafür bezahlt hatten. Ein Wunder, hatten gläubigere Menschen als er selbst ausgerufen. Nun, er hatte gelernt, das kühler zu betrachten, so, wie Alexander selbst das seiner Ansicht nach auch gesehen hatte. Mitreißen und benutzen, nicht sich mitreißen lassen, das war der erstrebenswerte Teil, wenn man es im Leben zu etwas bringen wollte. Verflixt. Er rieb sich die Hand, die in der ihren gelegen hatte und noch immer von der Berührung kribbelte. Sich von einer jugendlichen Schwärmerin in Wallung bringen zu lassen – er sollte es wirklich besser wissen. Und die Finger von ihr lassen. Leonidas wäre mehr als imstande, ihn dafür zu töten.

Er sah den Qualm, der von den Dächern des südlichen Palastes aufstieg, erst, als Berenike darauf zeigte. »Was geschieht dort, Diokles?«, fragte sie besorgt. Beide betrachteten sie die weißen Rauchsäulen, die ein unruhiger Wind zerteilte.

»Sie stürmen den Palast«, murmelte er grimmig.

»Wer?«, fragte sie atemlos und folgte seinem Blick.

»Die Argyraspiden, die Silberschildler. Und das Fußvolk. Sie wollen Siegelring und Diadem für ihren König Arrhidaios.«

Berenike war entsetzt. »Aber Alexander liegt doch dort! Sie streiten an seiner Bahre.«

Diokles zuckte die Achseln. Wen scherte der Leichnam eines Königs noch, wenn seine Schätze nach einem neuen Herren schrieen. ›Dein Bruder kämpft dort‹, war er versucht zu sagen, unterdrückte den Impuls aber, um sie, die nun sichtbar zitterte, nicht noch mehr aufzuregen.

»Der große Alexander«, meinte er schließlich nur, »ist tot.«

Bruderkrieg

Der große Alexander war tot.

Noch vor zwei Wochen hatte jeden Tag die Flotte auf dem Euphrat vor der Residenz manövriert. Hunderte von Schiffen mit bunten Segeln ließen das jadegrüne Wasser aufschäumen, gebaut nach dem Willen ihres großen Herren, um das Mittelmeer bis zu den Säulen des Herkules zu erobern. Nun starrten die gemalten Augen auf ihren Bugen verständnislos ins Leere, ihre Mannschaffen irrten durch die Stadt; ihre Taue knarrten am Holz des neugebauten und nun verlassenen Pieres.

Der Scheiterhaufen für Hephaistion, den vor kurzem verstorbenen Liebling des Königs, glomm noch. Die Stadtmauer war eigens eingerissen worden, um Platz für die hölzerne Pyramide zu schaffen. Sie hatte höher gereicht als die Ruinen des Turms von Babylon und war überhäuft gewesen mit Gold, Statuen, Schmuck und Kunstwerken aller Art, die gemeinsam mit dem Leichnam in Rauch aufgegangen waren. Der große Aschehaufen war im Kern noch warm, das Blut der zehntausend Rinder, die bei den anschließenden Gelagen verspeist worden waren, klebte noch an den Opferaltären, die langen Tafeln waren noch nicht abgeräumt. Verödet lagen die Überreste da, fliegenumsurrt.

Noch vor einer Woche hatte die Stadt Babylon gesummt vom Leben der Tausenden und Abertausenden von Söldnern, die Alexander hatte zusammenziehen lassen, um mit ihnen aufzubrechen zum großen Marsch nach Westen. Indien gehörte ihm, nun sollte Afrika sein werden, und nach Afrika Iberien und Italien, bis die gesamte Welt, wie man sie kannte, in den Händen des großen Alexander wäre. Perser in den Panzern der schweren Reiter, bemalte Inder, um die großen Elefanten zu lenken, die draußen vor den Toren angepflockt waren und träge mit den ledrigen Ohren schlugen, auch langhaarige Thraker und ägyptische Seeleute hatten sich unter die makedonischen Veteranen gemischt und grölend die Tavernen heimgesucht. Nun sah man sie nicht mehr.

Und die Makedonen drängten sich in den Höfen der Königsburg, wo ihr Feldherr, ihr König und Gott, gestorben war. Schweigend standen sie da zwischen den leuchtendblauen Ziegelmauern, den goldenen Flügellöwen und den exotischen Blumenfriesen in ihrer barbarisch bunten Pracht. Und sie, denen gestern noch die Welt gehört hatte, fühlten plötzlich, dass sie allein waren in der Fremde und von Fremden umgeben.

Eng drängten sie sich zusammen, zuvorderst und nahe dem Thronsaal die Reiterei des Adels mit ihren Offizieren, weiter hinten das Fußvolk, lauter bald, als das Warten dauerte, und leidenschaftlicher, allen voran die Argyraspiden, die Silberschildler, von denen jeder einzelne mit seinem König bis zum Indus marschiert war und zurück durch die unendlichen Sandwüsten Asiens.

Doch seltsam, je mehr sie drängten, die tapferen, leidgeprüften Veteranen von Alexanders Infanterie, desto mehr gerieten sie an den Rand des Geschehens. Und ehe sie sich versahen, standen sie draußen, vor den Toren der Burg in den geduckten Straßen der Stadt Babylon, zwischen geschlossenen Läden und feindselig schweigenden Mauern. Murrend zogen sie ab in ihre Lager und schüttelten drohend ihre Waffen gegen die hohen Herren hinter den Burgwällen. Und wer eine Perserin geheiratet hatte bei der Massenhochzeit in Susa auf Wunsch seines geliebten Herrn, der verstieß sie nun oder tötete sie.

»Aufmachen!« Rhythmisch stießen die Lanzenschäfte des Fußvolks gegen die Pforten der Burg und untermalten damit ihre Forderungen. Das Dröhnen drang durch alle Höfe und ließ jedes Gespräch in der Runde drinnen verstummen. Dort saßen sie im Thronsaal, vor dem leeren Stuhl ihres Königs, und brüteten düster vor sich hin, die Edlen der Makedonen. Sie waren Alexanders Offiziere gewesen, seine Leibwächter und Vertrauten. Sie hatten im selben Zelt mit ihm geruht, mit ihm gespeist und mit ihm gekämpft. Nun wollten sie dafür belohnt sein. Die da draußen, die forderten, dass sie dem makedonischen Königshaus die Treue erwiesen, wie Sitte und Herkommen es verlangten, und Alexanders Halbbruder auf den Thron setzten. Traditionen, pah!, sie hatten die Welt nicht eigenhändig erobert und dabei zahllose Königshäuser samt ihren Traditionen in den Staub getreten, um nun alles einem Schwachsinnigen zu Füßen zu legen.

»Die Situation verlangt Weitblick und einen starken Arm, stark genug, die Welt zu umarmen. Ein Vatersname, ein Blutsband allein kann uns nicht retten, kann Tugend nicht gewähren. Richtig und gerecht, zum Wohle aller wäre es, den Besten zum König zu ernennen.«

Ein nicht unamüsiertes Murmeln ging durch die Versammlung. Er stand wahrhaft fern jeder Nostalgie, der Sprecher dieser Worte. Den Besten! Kühn gesprochen für einen sonst so stillen Mann, wie dieser Ptolemaios einer war. Womit hatte er sich denn bis zu dem heutigen Tage hervorgetan, dass er solche Worte in den Mund nehmen dürfte? Hatte er je ein so bedeutendes Kommando geführt wie sie?

»Am Ende hältst du dich für einen solchen?«, fragte Antigonos Monophtalmos knurrend und ließ den drohenden Blick seines einen Auges auf dem jüngeren Offizier ruhen.

Aber kaum einer hörte ihm zu. Zu viele waren damit beschäftigt, wohlwollend bei sich zu überlegen, wie viel Wahres doch auch an den Worten des Lagiden war. Warum sollte es nicht einer von ihnen sein, der die Früchte erntete? Die Welt war groß und Pella, ihre Hauptstadt, weit. Gegen Babylon nahm sie sich ohnehin wie ein Provinzkaff aus. Antipatros, der alte Kämpfer, der dort im fernen Europa saß, ja, der hielt seinem Königtum die Treue. Aber sogar der hielt die hohen Frauen der Dynastie gefangen wie Schafe in der Herde und erlaubte ihnen keinen freien Schritt. Er herrschte dort im Grunde ebenso frei wie sie selbst hier in ihren Provinzen. Hier, wo es goldene Teller, Tänzerinnen und seidenes Bettzeug gab, Parfum in den Locken und exotische Leckerbissen auf dem Tisch, die man zu Hause nicht kannte. Vor ihren Türen drängten sich die Speichellecker, die Dichter, Musiker, Friseure und Wahrsager in hellen Scharen. Behaglich griffen sie nach ein paar Süßigkeiten und legten die Beine hoch. Noch waren ihre Bäuche straff unter den Panzern. Aber beim Zeus, sie konnten hier leben wie die Könige, ein jeder in Purpur gehüllt und mit goldenen Lorbeeren über den Ohren. Dem Besten, so übel klang das nicht, wenn man es recht bedachte. An Besten herrschte unter ihnen gewiss kein Mangel.

Und genau dort lag das Problem.

Die Gesichter, die zu General Perdikkas herumfuhren, als er sich energisch räusperte, sagten alle dasselbe: Was, willst du etwa dieser Beste sein? Nur weil du Alexanders Siegelring an dich genommen hast, den er dir angeblich auf dem Totenbett vermachte? Seleukos streichelte sich mit maliziösem Lächeln den parfümierten Bart und gedachte des köstlichen Witzes seines Bettgenossen, der ihm erzählte, die Einbalsamierer hätten an den Händen des toten Königs einen Finger vermisst und in ihrer Not beschlossen, ihm den Ringfinger eines Sklaven anzunähen, der zu dieser Spende allerdings mit drastischen Mitteln überredet werden musste. Sie trösteten den armen Mann mit der Aussicht, so zu Lebzeiten schon, zumindest mit einem Finger, den Göttern zuwinken zu können. Alexander aber, so hatte er selbst die Geschichte gegenüber Freunden weitergedichtet, würde, wenn er Zeus gegenübertrat und die Hand würdig zum Gruße hob, erstaunen, wenn sein Ringfinger aus der Reihe tanzte und ihm in der Nase bohrte. Seleukos kicherte, verbarg das jedoch rasch unter einem Hüsteln.

Perdikkas, der Gestrenge, starrte so lange in jedes Augenpaar, das ihn zu fixieren wagte, bis es den Blick senkte, und drehte den alles bedeutenden Ring an seinem Finger dabei um und um und um. Die kleine Bewegung war ihm selbst gar nicht bewusst, und doch war das Metall wie die darunterliegende Haut unter der ständigen Reibung schon ganz warm geworden.

Gleich, dachte Eumenes, der griechische Kanzlist, und unterdrückte ein Lächeln, würde er sich den Finger verbrennen. Er dachte es lautlos und mit ausdruckslosem Gesicht, beides Tugenden, die er den anderen Anwesenden voraushatte, deren Überlegungen begleitet waren von Grunzen und Hinternrücken und dem eindeutigen Gelüst, mit der Hand an das Schwert zu fahren. Was für Gedanken da in ihnen Gestalt annahmen, war auf ihren Zügen deutlich abzulesen. Er wartete nur noch, bis sie selbst darauf kämen.

Die Waffen saßen locker, als sie sich so gegenseitig musterten und ihnen klar wurde, warum sie noch immer schwiegen. Der Beste – das war für jeden von ihnen ausschließlich er selbst. Und deshalb blieb es auch bei den misstrauischen Blicken aus den Augenwinkeln, fand keiner Worte dazu. Sie würden sich niemals auf einen unter ihnen einigen können, nie das Oberkommando eines ehemaligen Gleichgestellten dulden. Wer jetzt aufstand, um für sich zu plädieren, der würde niedergerissen werden. Wer jetzt den Schwertarm hob, dem würde mehr als ein Finger abgeschlagen. Wer jetzt schlauer sein wollte als die anderen, der würde das bitter bereuen. Sie saßen im selben Boot. Murrend und nach mehr Wein verlangend, sahen sie es ein.

»Der Beste«, knurrte Antigonos noch einmal abfällig und schüttelte die graue Mähne wie ein Löwe.

Es war das einfachste, die vorlauten Worte des Lagiden zu überhören und sich vorerst zu diesem ihrem Königshaus zu bekennen, um das größte Chaos zu vermeiden. Das übrige würde die Zeit erweisen, und die Gelegenheit.

Sie einigten sich schließlich auf den Erben, der sie am wenigsten in ihren je eigenen Ambitionen behinderte: das ungeborene Kind einer Asiatin, die keinerlei Schutz und Anhang besaß. Hinter dieses würden sie sich stellen und dann weitersehen. Würden ihre Pfründen sichern und ausbauen, ihre Heere vergrößern, ihre Getreuen um sich sammeln und ihre Territorien dann ganz sacht ausweiten. Vor allem würden sie einander im Auge behalten.

Dann war man in der Burg zu wichtigeren Dingen als hohlen Titeln übergegangen, nämlich zur Aufteilung des Reichsgebietes; hier lag die eigentliche Macht. Ptolemaios hatte mit Nachdruck Ägypten als Satrapie gefordert, der schlaue Fuchs. Da gab es Korn und Geld, aber es lag doch am Arsch der Welt, das Klima war saumäßig, und die Ägypter mit ihren tierköpfigen Göttern waren nicht jedermanns Sache, sollte er es also haben. Ptolemaios, der mittelmäßige Offizier, dachte man, war nicht der Kerl, mehr daraus zu machen. Seleukos dagegen forderte Babylonien, das war mal ein Mann mit Ambitionen! Auf den würde man aufpassen müssen. Dem grauhaarigen Antigonos, dem Einäugigen, dem gaben sie Pamphylien und Großphrygien und erwarteten, dass er damit als Altenteil zufrieden war? Fast hätten die Generäle gekichert, als sie hörten, dass er zudem noch seinem künftigen Nachbarn Eumenes helfen sollte, die Gebiete zu erobern, die diesem zugewiesen worden waren, Kappadokien und Paphlagonien, bislang Satrapien nur auf dem Papier; Alexander hatte sich seinerzeit auf seinem eiligen Zug durch Kleinasien nicht die Zeit genommen, sie für sein Reich zu erobern.

Aller Augen hingen schadenfroh am bartlosen Gesicht Eumenes’ des Griechen. Mochte er schön sein, mochte er klug sein und meinetwegen brillant, dieser Kanzlist. Was sollte es; auch Schlangen waren glatt und schlau. Er blieb doch nur ein griechischer Schreiber. Und der alte General mit seiner zugenähten Augenhöhle, der würde ihn roh zum Abendessen verspeisen, wenn er erst in Kleinasien mit ihm allein wäre, darauf konnten sie sich verlassen. Voller Häme lehnten sie sich in ihre Sessel zurück.

Eumenes, der als einziger im Raum keine Rüstung trug, als wollte er seinen Sonderstatus noch unterstreichen, war keine Regung anzusehen. Er zupfte mit gesenktem Kopf eine Falte an seinem reichverzierten Chiton zurecht, während Perdikkas sprach, als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun. Das schadenfrohe Grinsen seiner Gefährten entging ihm keineswegs. Doch er wusste besser als sie, wie klug dieser Schachzug des Reichsverwesers gewesen war. Hatte er sich in dem hilfsbedürftigen Eumenes-ohne-Land doch einen treuen Verbündeten in Kleinasien geschaffen. Treu aus Mangel an Alternativen. Denn niemand als Perdikkas selbst würde ihm helfen können, seine Ansprüche dort durchzusetzen. Natürlich würde Antigonos der Einäugige sich weigern, ihm bei dem Eroberungszug beizustehen, ein Dickkopf wie immer, aufbrausend wie immer, gefährlich wie immer. Was diese Idioten aber – dachte Eumenes und betrachtete mit gut verhohlenem Mitleid, wie die selbstzufrieden dreinschauenden Offiziere die Weinpokale hoben, um auf ihre Zukunft als Herrscher anzustoßen – was diese hirnlosen Idioten nicht bedachten, war, dass Perdikkas genau das bereits eingeplant haben dürfte. Sobald Antigonos den offiziellen Befehl des Wesirs, Eumenes zu helfen, verweigerte, würde er deswegen offiziell vor der Heeresversammlung angeklagt und verurteilt werden. Auch das zweite Auge des Veteranen würde sich bald schließen. Und die Augen so manch anderer der Anwesenden, wenn Perdikkas mit ihnen fertig war. Seine Finger spielten mit der goldenen Borte seines Mantels. Er selbst hatte wenig bekommen, doch er hatte vor, es zu behalten.

Das rhythmische Hämmern der Speere an den Toren wurde lauter.

Eumenes zog auffordernd eine Augenbraue hoch und blickte in die Runde. Unwillig ließ man die goldenen Becher los und hob den Kopf. Was war das dort draußen für eine Unruhe?

»Und Thrakien geht an …« Ungehalten unterbrach Perdikkas seine Ausführungen. Sein Blick wanderte für einen Moment von der Karte vor ihm auf dem Tisch zur Tür. Geistesabwesend wischte er ein wenig Wein fort, der auf den blaugezeichneten Lauf des Euphrats getropft war. »Meleagros«, wies er schließlich einen seiner Untergebenen an. »Dich mögen sie. Sieh nach, was sie schon wieder wollen.« Der Offizier stand ohne ein Wort auf und ging.

Eumenes räusperte sich und sagte, als Perdikkas verärgert aufsah: »Den hätte ich nicht geschickt.« Meleager war einer der wenigen gewesen, die vorhin gegen Roxane und ihr Ungeborenes gestimmt hatten. »Er mag sie vielleicht ebenfalls.«

Seleukos schnaubte. »Der Mann ist Soldat, das heißt treu. Davon verstehst du nichts!« Antigonos stellte seinen Becher mit Nachdruck auf den Tisch und fixierte ihn mit seinem einen Auge.

Eumenes schwieg. Sie warteten.

Meleagros ging, doch er kehrte so schnell nicht zurück. Perdikkas betrachtete den Wein, den er in seinem Becher schwenkte, Seleukos seine abgekauten Fingernägel, die der Reinigung bedurften, und Antigonos maß seinen Blick nun mit dem eines geflügelten Löwen mit bärtigem Kopf, der von der Wand auf die Versammlung starrte. Schwer zu entscheiden, wer regloser war. Jemandes Sessel knarzte bei jeder leisen Bewegung, und auf Ptolemaios’ Stirn erschienen im selben Rhythmus kleine Schweißperlen, eine nach der anderen. Eumenes zählte sie fasziniert.

Als er bei siebzehn angekommen war, hörten sie rasche Tritte. Ein Torwächter riss die Saaltür auf, salutierte hastig und atemlos vom Rennen und rief, noch während er auf sie zulief, dass Meleagros sie alle verraten und sich mit dem Fußvolk verbrüdert habe. Er halte im Osthof eine Rede, bald seien sie unterwegs hierher, die Insignien für Arrhidaios zu verlangen. Der Bote brauchte nicht weiterzusprechen, der näher kommende Lärm verriet, dass die Aufständischen auf dem Weg waren. Die Offiziere Alexanders zogen die Schwerter, Weinpokale fielen klirrend zu Boden und ließen rote Pfützen entstehen, noch ehe das erste Makedonenblut geflossen war.

Auch Eumenes, zeigte sich nun, hatte eine Klinge unter seinem prächtigen Mantel verborgen. Er nahm ihn ab, faltete ihn sorgfältig und legte das kostbare Stück beiseite, ehe er sich mit der Waffe in der Hand der Tür zuwandte.

»Sie kommen«, brummte Antigonos der Einäugige. Die Haut über seiner leeren Augenhöhle zuckte.

Leonidas war unter den ersten, die hinter Meleagros durch die Korridore stürmten. Nicht sein Eifer trieb ihn, soweit vorne dabeizusein, sondern das Drängen der Kameraden hinter ihm, deren Wut und erzwungene Untätigkeit sich nun entlud, da sie ein klares Ziel vor Augen hatten: Das Diadem für Arrhidaios, der Alexanders Bruder und einer der ihren war. Weiter hinten trugen sie ihn auf den Schultern und sangen.

Die Truppe kam nicht so zielstrebig voran, wie Meleagros sich das erhofft hatte. Ihr Hass entlud sich hier und dort gegen das Mobiliar. Vorhänge wurden herabgerissen, Vasen zerschmettert und zierliche Möbelstücke zerhackt, stellvertretend für die dort oben, denen diese Dinge gehörten und die sie immer wieder betrogen, um ihren Lohn, um ihre Heimkehr, um ihren König. Aber diesmal nicht. »Für Arrhidaios!«, brüllte Leonidas gegen seine Überzeugung, um die Leute wenigstens wieder zu sammeln. Wenn sie sich so im Labyrinth der Räume verstreuten, würden sie wie Vieh abgeschlachtet werden, ohne etwas zu erreichen. »Das Diadem für Arrhidaios!«

»Nur über meine Leiche«, knurrte Antigonos Einauge, der das Gebrüll sich nähern hörte. Doch die Leiche, der er den Schmuck abriss, war die seines Herren Alexander. Der Kopf des Königs fiel beiseite, so dass sie alle einen Blick auf die bleiche Stirn unter den verklebten Locken werfen konnten, die sich bereits zu verfärben begann. Nach kurzem Umsehen ging er rasch auf die verschreckten Balsamierer zu, die sich in der hintersten Ecke des Raumes zwischen ihren Schreinen und Werkzeugen zusammendrängten, hob den Deckel eines noch leeren Kanopenkruges auf und ließ den goldenen Reif scheppernd hineingleiten. Er wandte sich an den ihm nächststehenden Priester, einen Mann, dessen Gesicht eine schwarzgoldene Anubismaske verhüllte. Drohend baute Antigonos sich vor der hölzernen Schnauze auf und legte den Finger an die Lippen.

»Kein Wort darüber. Oder du wirst Hundefutter.« Damit ging er zurück zu den übrigen Hetairoi, den Vertrauten des Königs, der tot hinter ihnen lag.

»Er stinkt schon.« Perdikkas rümpfte die Nase.

»Das werden wir alle früher oder später«, antwortete Eumenes leichthin und hob sein Schwert. Die vergoldeten Türflügel wankten unter den Schlägen der Aufständischen.

»Habt ihr Leonidas gesehen?«, rief Berenike verzweifelt. »Leonidas!«

In der Masse der aus der Prozessionsstraße herausquellenden Soldaten wurde sie hin und her geworfen. Stück für Stück kämpfte sie sich gegen den Strom der Flüchtenden und Verwundeten vor, passierte schließlich das Ishtar-Tor und tastete sich an der Palastmauer entlang, die hoch und lapislazulifarben über ihr aufragte. Sie beachtete die kunstvollen Löwen und Drachen nicht, die über ihr, im Blau der Mauer dahinschwebten, sie sah nur die Abdrücke aus Schweiß und Blut, die die Hände der hier entlangstolpernden Makedonen auf den Ziegeln hinterließen und die Leiber, die unter den Flüchtenden liegen blieben. Schließlich riss sie einen taumelnden Mann, der vor ihr schwer mit der Schulter gegen die Wälle schlug, aus der sich in Panik fortwälzenden Masse und sprach ihn an. »Was ist denn geschehen?« Sein Kopf rollte hin und her wie in unerträglichen Albträumen. Seine nackte, blutverschmierte Brust hob und senkte sich in angestrengten Atemzügen.

»Sie haben uns zurückgedrängt«, keuchte er schließlich. Sein Atem ging pfeifend. »Die Palasttore … wieder zu.« Er rang nach Luft. »Ich, ich habe ihn gesehen … seine Bahre … er … es ging … hin und her. Ich …« Mit einem Mal wurde er ruhiger. Er öffnete seine Hand und sah sie an.

»Au!« Jemand stieß schmerzhaft gegen ihre Schulter. Sie musste sich förmlich an der Mauer festhalten, um nicht von der Menge mitgerissen zu werden. Mühsam reckte sie den Hals nach dem, was der Mann in seinen blutigen Fingern hielt. Es war ein Büschel lockiger blonder Haare.

»Ist das …«, hauchte sie mit großen Augen. Ein Streitwagen preschte vorbei. Der Fahrer war tot, eine Puppe, die von den durchgehenden Pferden hin und her geschaukelt wurde und nicht mehr sah, wie viele er unter seinen Rädern zermalmte. Ein letztes Schleudern ließ den Wagen gegen die Mauer krachen, es regnete Splitter, so dass Berenike sich unwillkürlich duckte. Dann wurde nur noch ein Bündel Holz und Leder von den panikerfüllten Tieren hinterher gezerrt, hinaus auf die staubige Ebene, wo die Menschen sich in rennenden Grüppchen verloren.

Berenike richtete sich wieder auf und schaute sich nach ihrem Gesprächspartner um. »… von ihm«, hauchte er, dann sackte er zusammen, ein großes Stück Holz aus der Deichsel des Wagens steckte im schweißglänzenden Muskel seiner Brust über seinem Herzen. Seine Hand öffnete sich, als er an der Mauer nach unten rutschte. Der Wind erfasste die Locken Alexanders, die darin lagen und wehte sie heraus. Noch ehe Berenike danach greifen konnte, hatten zahllose Füße sie in den blutigen Staub getreten.

Sie starrte hinterher, wurde angerempelt und getreten. Schließlich kam sie wieder zu sich. »Leonidas!«, schrie sie erneut. »Leonidas! Hat jemand meinen Bruder gesehen?« Meter für Meter kam sie dem Palasttor näher.

»Makedonen! Freunde!« Es war eine gewaltige Stimme, die dem Chaos Einhalt gebot. Mit zahllosen anderen reckte sie ihren Hals zu sehen, woher sie kam.

»Da! Da! Dort!« Zahllose Arme erhoben sich und wiesen zu dem Mann, der über dem Tor zwischen die Zinnen getreten war. Berenike hob einen schmutzigen Arm, um die Augen gegen die Sonne abzuschirmen. In einem gefältelten Chiton stand er da, die Goldborte an seinem Mantel blitzte, eine Gestalt so bunt vor dem blauen Himmel wie die Wächtertiere drunten auf den blauen Ziegeln. Erstaunt kniff sie die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Schwarzes Haar konnte sie ausmachen, das sich im Nacken zu Locken legte. Eine dieser Locken fiel auch in die Stirn über dem runden Gesicht, das so trügerisch sanft aussah. Ungewöhnlich lebhafte Augen, bemerkte sie, eine fleischige Nase und einen breiten Mund, der strahlend lächeln konnte, so wie jetzt. Ein Mann der Gesellschaften, dachte sie, der Höflichkeiten und der Spiele. Sie hatte ihn sich größer vorgestellt, nach der Art, in der er seine Stimme gebrauchte.

»Pezhetairoi!«, rief der Unbekannte. Er nannte das Fußvolk bei seinem Ehrennamen. »Wo sind eure Führer? Hier steht Eumenes, Freund des großen Königs, und sucht zu unterhandeln, damit kein weiteres Blut fließt.« Bewegung kam in die Menge, ein freier Platz tat sich auf zu Eumenes’ Füßen, in dessen Mitte Berenike stand, die selbstvergessen weiter zu ihm hinaufstarrte. Ein paar Offiziere traten vor und schoben die Versunkene dabei unsanft nach hinten.

»Was machst du hier, Weib?«, zischte ihr einer der Männer zu, ehe er den Kopf hinauf zu Eumenes wandte, um ihm zu antworten.

»Ich suche meinen Bruder«, rechtfertigte sie sich, doch niemand hörte ihr zu. Verärgert stolperte sie zurück in den Schatten der Mauer zu einer Gruppe wartender Veteranen und lauschte dem Fortgang der Verhandlungen. Sie hatte bereits von Eumenes gehört, dem Kanzlisten Alexanders des Großen. Er war kein Krieger, doch galt er als ein ausgezeichneter Diplomat. Bewundernd lauschte sie seinen Vorschlägen und bemerkte kaum, wie sie immer öfter nickte zu dem, was der Grieche da sagte. Und den Männern um sie herum ging es nicht anders. Die tiefe, weiche Stimme dort oben sprach zu ihnen von Frieden, Freundschaft und Vernunft und, vor allem, vom großen Alexander. Und sie nickten, alle miteinander. Ihre Positionen lägen doch gar nicht so weit voneinander entfernt, meinte Eumenes, alle wollten sie nur das eine, dass Alexanders Blut auch weiterhin herrsche. Die Köpfe senkten sich in eifriger Zustimmung. Und ob Arrhidaios oder der noch ungeborene kleine Alexander, was sollte es, das Reich war groß, warum nicht ein Doppelkönigtum? Da käme man ihnen entgegen, da gäbe man gern nach. Er pries es an, als sei es das gewesen, was die Soldaten gefordert hatten. Beide sollten sie herrschen, mit je einem der königlichen Vertrauten als Vormund.

Als Eumenes geendet und die Führer des Fußvolks zugestimmt hatten, nicht sich besiegt fühlend, sondern noch stolz auf den erzwungenen Kompromiss, da ging ein Jubel durch die Menge. Endlich drehten sich die Gesichter wieder einander zu, um sich anzulachen. Oben zwischen den Zinnen wurden langsam die dunklen Silhouetten der anderen Edlen sichtbar.

»He, bist du nicht die kleine Schwester von Leonidas?«

Erleichtert drehte Berenike sich zu dem Frager um, einem alten Soldaten, dessen Lächeln nur noch wenige schwarze Zahnstümpfe sehen ließ. »Wo ist er?«

Ausgiebig kratzte der Mann sich die Achseln, ehe er die Frage weitergab, und musterte sie dabei von oben bis unten. Berenike wurde es mulmig. »Schönes Lied, das du da gemacht hast«, sagte er schließlich. Und lauthals stimmte er die Melodie eines bekannten Soldatenliedes an. Doch der Text, den er dazu sang, war der von Berenikes Strophen auf Alexander, wie sie sie dem verstümmelten Veteranen vorgetragen hatte. Nun, jedenfalls fast.

Andere Stimmen fielen ein, mehr laut als schön, doch kraftvoll trugen sie das Lied über die Menge. Und es waren ihre Worte. Vor Glück und Überraschung drehte Berenike sich wie ein Kreisel um sich selbst, schaute hierhin und dorthin in die Gesichter der Männer, bis jemand sie an der Schulter fasste.

»Hier ist er, dein Leonidas.«

»Ihr Götter!« Entsetzt starrte sie ihren blutüberströmten Bruder an. Der abgebrochene Dolch in seinem Unterleib hob und senkte sich bei jedem Atemzug. Seine Züge waren schwarzverkrustet von dem Blut, das ihm aus einer Wunde über der Augenbraue gelaufen war.

»Er muss sofort zu Diokles! Helft ihn mir tragen! Leonidas! Leonidas!« Berenike suchte vergebens, ihren Bruder wachzurütteln. »Helft mir!« Es war nicht leicht, die Feiernden vom Singen abzubringen, doch schließlich hatte sie eine kleine Karawane zusammengestellt, an deren Spitze sie sich setzte. »Hebt ihn vorsichtig! Rasch!« In ihrer Verzweiflung umarmte sie Leonidas so heftig, dass er mit einem Schmerzensschrei zu sich kam. Erleichtert warf sie sich über ihn.

»Was machst du denn hier?«, krächzte er mühsam und suchte sie zurückzuschieben. »Halbnackt unter all den Männern.« Doch für eine Beschimpfung hatte er nicht die nötige Kraft.

»Leonidas«, schluchzte sie, »du musst wieder gesund werden. Ich hab doch hier nur dich.« Sie griff nach seiner Hand.

Leonidas stöhnte auf vor Schmerz. »Typisch, du denkst nur an dich.« Dann fiel er erneut in Ohnmacht. Berenike kommandierte ihre Träger, sich zu beeilen, doch die Menge gab ihnen den Weg nur zäh frei. Neugierige Blicke trafen sie: den verletzten Mann auf den Schultern seiner Kameraden und das zierliche Wesen, das trotz seiner Schlankheit und der kurzen Haare niemand für einen Jungen gehalten hätte, wie es hin und her sprang, schrie und schimpfte und mit seiner Wut und Energie die Leute auseinander trieb, die halb verdutzt und halb amüsiert das Mädchen anglotzten. Schließlich hoben ein paar Soldaten sie lachend ebenfalls auf ihre Schultern.

»Platz da, Leute!«, riefen sie. »Macht Platz für die Dichterin!« Erschrocken klammerte Berenike sich an ihren ungewaschenen Haarschöpfen fest und zog den Saum ihres Gewandes herunter. Jubel brauste auf, die Männer waren in der Stimmung zu feiern. Berenike schaute hinunter in ihre fröhlichen Gesichter, lächelte probeweise und winkte schüchtern.

Eumenes blickte versonnen über das kleine Volksfest zu seinen Füßen. Eben waren sie noch hingeschlachtet worden, nun feierten sie wieder, die Menschen waren doch genügsame Wesen. Hinter ihm standen die Gefährten, die das Schicksal ihm gegeben hatte, mit blutigen Schwertern und erleichterten Mienen. Er hatte ihren Hals gerettet, das würde ein Grund mehr für sie sein, ihn zu töten, wenn sie konnten. Er kannte seine Makedonen; oh, sie liebten ihn nicht.

»Gut gemacht!« Das war Perdikkas Stimme.

Antigonos stimmte knurrend zu. »Das hätten wir geschafft.« Das »Wir« kam ihm fließend über die Lippen. Seleukos spuckte bekräftigend aus.

»Aber wir sollten den Widerstand mit der Wurzel ausrotten«, fügte Ptolemaios hinzu und blickte grimmig auf die Soldaten hinab, die sich gegen sie empört hatten. »Damit so etwas nicht wieder geschieht.«

Eumenes nickte. Er war nicht dumm, dieser Ptolemaios. Sparsam lächelte er dem Makedonen mit dem blonden Kraushaar zu. »Ich dachte an etwas Religiöses.«

Ptolemaios kniff irritiert die türkisblauen Augen zusammen.

»Ein Reinigungsritual«, erläuterte Eumenes. »Lustration.«

Das misstrauisch verzogene Gesicht des Ptolemaios entspannte sich. Er pfiff lange und anerkennend. Perdikkas klopfte seinem Verbündeten aufmunternd auf die Schulter. Dann zogen sich die anderen diskutierend zurück. Eumenes ließ seinen Blick zufrieden über die feiernde Masse schweifen.

»Da singen sie wieder«, bemerkte eine feine Stimme verächtlich. Es war Seleukos, der geblieben war, um dem Schauspiel noch einen letzten Blick zu gönnen. »Eben noch wollten sie uns morden, jetzt lecken sie uns die Füße.«

»Man muss ihnen nur die richtigen Lieder singen«, erwiderte Eumenes nicht ohne Stolz.

»Was für eine erbärmliche Kunst«, meinte Seleukos und wickelte seinen Mantel um sich, als könnte er schmutzig werden. »Jeder Straßenbengel beherrscht sie.« Damit wies er auf den seltsamen Aufzug, den Berenike und ihre Anhänger formten. »Sollen wir mit jenen konkurrieren?«

»Ich überlasse es dir, zu seinen Liedern den Aulos zu blasen, Seleukos«, antwortete Eumenes. Der Satrap wollte zuerst wütend auffahren, dann aber grinste er und beschloss, die Spitze hinzunehmen. Er illustrierte Eumenes’ Anspielung sogar, indem er die Backen aufblies, wie es beim Spielen jenes Instruments geschah, dann aber obszön die Lippen wölbte und seine Zunge spielen ließ. Das Lachen, mit dem er hüftschwingend abtrat, versprach Eumenes, dass er für diesen Scherz noch würde zahlen müssen.

Eine Weile noch verfolgte er den kleinen Triumphzug, der von jener zierlichen Gestalt angeführt wurde, die auf den Schultern einiger Veteranen ritt. Er sah bloße braune Arme und Beine von ephebenhafter Glätte und ein Gesicht, das trotz der kurzen Haare nur von einem pädophilen Idioten wie Seleukos für das eines Jungen gehalten werden konnte. »Kein Kind mehr«, murmelte er und beobachtete fasziniert jede der Bewegungen des seltsamen Mädchens, die anmutig waren und doch so voller Energie, wie sie inmitten dieser Männer thronte und ihre Huldigungen entgegennahm wie eine kleine Königin. Seltsam, dachte Eumenes, und möglicherweise überaus amüsant. Seine Gedanken begannen eine erfreulichere Richtung einzuschlagen. Eine singende Amazone fehlte noch in seiner feinen, mit Kennerschaft und Blick für das Außergewöhnliche zusammengestellten Sammlung. Er winkte einem seiner Sklaven und wies auf die Gestalt Berenikes über der Menge, um die die Soldaten sich scharten. »Finde heraus, wer sie ist«, sagte er und wandte sich ab.

Lustration

Aufgewühlt verfolgte Berenike, wie Diokles Leonidas’ Wunden versorgte. Obwohl ihr Bruder sie vielfach verfluchte und beschimpfte, zog sie sich nicht zurück, sondern bestand darauf, Diokles die Geräte zu reichen und die Binden nach seinen Vorschriften mit Essenzen zu tränken, ehe sie sie ihrem Bruder auflegte, bis endlich eine wohltuende Ohnmacht Leonidas und seine beiden Pfleger erlöste.

»Er hat am Indus gegen Elefanten gekämpft«, versuchte Diokles zu scherzen, »aber die Ehre seiner Schwester zu wahren, überfordert ihn ein wenig.« Er lachte wohlwollend und warf dabei doch einen heimlichen Blick auf ihre blanken Schultern.

Berenike stimmte zögernd in das Lachen ein. Sie wischte sich gedankenlos die Hände an dem Kleid ab, das sie nun trug: ein auffallendes ephesisches Gewand mit Rhombenmustern, dessen prächtige Farben allerdings stark ausgebleicht waren. Auch die Goldplättchen, die es geschmückt hatten, waren abgerissen, lange ehe sein Schicksal als Kriegsbeute es in die Hand des Soldaten hatten fallen lassen, dem Diokles es für Berenike abgekauft hatte. Sie hatte die für sie viel zu langen, weiten Ärmel zurückgekrempelt und mit Nadeln über der Schulter festgesteckt. Eitel, dachte Diokles, war sie wahrhaftig nicht. Und dennoch war sie so schlank, grazil und beweglich. Und ihn überlief eine Gänsehaut, wenn ihr wacher Bernsteinblick ihn so festhielt wie jetzt.

»Diokles?«, fragte sie und zog die Stirn kraus. »Was ist eine Lustration?«

»Wie?«, rief er seine Gedanken zurück.

»Alle sprechen davon, eine Reinigung des Heeres, sagen sie. Was ist damit gemeint?«

Diokles tauchte seine Hände in ein Wasserbecken. Er blickte den roten Schlieren nach, die sich von seiner Haut in das warme Wasser lösten. »Das Heer muss von der Blutschuld des Aufstandes gereinigt werden. So haben es die babylonischen Sterndeuter geweissagt. Und auf die hören die einfachen Soldaten fast noch mehr als die Herren Offiziere, die sie konsultiert haben.«

»Aber wie soll das gehen? Durch ein Opfer?« Ängstlich betrachtete sie das blasse Gesicht ihres schlafenden Bruders.

Diokles schüttelte den Kopf. »Wenn ich es richtig verstanden habe, soll das gesamte Heer, Reiterei, Fußvolk, Elefanten, vom General bis zum letzten Schleuderer, zwischen den beiden Hälften eines frisch geschlachteten Hundes hindurchgehen. Danach gibt es dann eines der üblichen Übungsgeplänkel, Manöveralltag, der alle wieder zu sich bringen soll.« Er griff nach einem Stück Linnen und trocknete sich die Hände. »Du kannst es dir ansehen. Ich muss noch ein Bein amputieren, dann gehen wir los.«

Das Schilf rauschte in ihrem Rücken, als Berenike neben Diokles in der Zuschauermenge am Ostufer des Euphrat stand. Hin und wieder zischte es in dem trockenen Dickicht, und die Menge kniff die Augen zusammen und duckte die Köpfe. Denn von den vier Winden, den die Bewohner Babylons kannten und als Atem ihrer Götter verehrten, wehte der üble, der Wind aus Südwesten, der den Sand aus der Wüste mit sich brachte. Doch noch blies er zu schwach, um sie zurück in die Häuser zu zwingen. Berenike zog ihren Mantel über den Kopf, hielt sich bei jeder neuen Böe den Zipfel über den Mund und suchte dem Wehen ansonsten den Rücken zu kehren. Doch schon juckten Sandkörner überall auf ihrer Haut, klebten mit dem Schweiß in jeder Pore und kratzten unter ihren Augenlidern. Selbst vom nahen Fluss drang keine Kühle zu ihr her, und die Hitze in der Ebene war beinahe unerträglich.

Jetzt verstehe ich, dachte sie, während sie in die flirrenden Spiegelungen des leeren Raumes vor sich schaute, warum die Babylonier ihre Häuser fensterlos bauen. Monumental, schlicht bis auf die kunstvolle Zickzackborte der Zinnen, dafür himmelhoch Kubus auf Kubus türmend, ragte die Stadt im Süden auf. Wäre sie nicht so leuchtend bunt gewesen, ihre abweisende, in sich verschlossene Größe hätte erschlagend gewirkt.

»Da kommen sie!« Berenike wandte den Kopf wieder zum Ort des Geschehens. Tatsächlich waren Farbflecke im Wabern der Luftmassen auszumachen; etwas kam auf sie zu. Vibrierend, verdoppelt und auf dem Kopf stehend widergespiegelt, schob sich eine doppelte Front Elefanten über den tanzenden Horizont. Berenike hatte die Tiere nie zuvor gesehen; sie schrie vor Überraschung. Mit nickenden Köpfen und flappenden Ohren wippten die grauen Riesen in ihrem seltsamen Trab vorbei, die Zähne mit Bronzehüllen überzogen, die messerscharf zugespitzt waren. Bunte Decken mit Troddeln spannten sich über ihre Rücken, und in ihrem Nacken saßen Reiter, die gelassen in die Ferne blickten, die dunklen Gesichter mit grellgelber Farbpaste verziert, die Ohrgehänge schaukelnd im Takt, die Gewänder unter den Brustharnischen leuchtend in allen Farben.

Berenike drängte sich vor und streckte die Hand aus, um eines der fremden Wesen zu berühren. Rau glitt die Haut unter ihren Fingern vorbei, mit Haarborsten, so dick und widerständig wie feine Weidenruten. Ein Rüssel kam auf sie zu und tastete suchend an ihr auf und ab. Kreischend rettete sie sich mit erhobenen Händen zurück in die Reihen, um doch, sobald sie der Gefahr entgangen war, andächtig und mit glänzenden Augen den riesigen Tieren hinterherzustaunen. Kopfschüttelnd wischte Diokles ihr etwas Elefantenrotz vom Kleid, wischte länger, als vielleicht nötig war, ohne dass sie groß darauf achtete.

Weniger aufregend, doch schier überwältigend allein durch seine Masse, war der Vorbeizug des Heeres. Perdikkas an der Spitze in seinem Brustharnisch mit dem goldglänzenden Sonnenantlitz des Helios setzte den Zug in Bewegung, nachdem die Sterndeuter mit ihren seltsamen Hüten und langen, sternbestickten Gewändern den Kadaver des armen Hundetieres in Position gebracht hatten. Zu Berenikes Leidwesen war von den Hundeteilen wenig zu sehen. Ohnehin verhüllte der von den Hufen und Marschtritten aufgewirbelte Staub bald jegliche Details. Sie erkannte den Reichsverweser und die Königsile, jene Reitereinheit mit den vergoldeten Harnischen, in welcher die Vertrauten Alexanders gedient hatten: Antigonos, Seleukos, Krateros, Ptolemaios und wie sie alle hießen, so leuchtend und gleißend wie eine ganze Schar Könige. Auch Eumenes der Grieche ritt heute unter ihnen.

Dann kamen die endlosen Reihen der gepanzerten Reiter. Berenike blinzelte und wischte sich den Sand aus den Augen. Wo kamen nur all die Menschen her, die aus dem flirrenden Nichts herausritten und drüben in den Aufstellungen wieder verschwanden? Das Schauspiel war prächtig, doch bald gähnte sie vor Übersättigung. Was blieb, war der Eindruck der spiegelnden Pferdeflanken, der blitzenden Harnische und federüberwallten Helme, als das Heer Alexanders zu Tausenden, Ile für Ile, an den Zuschauern vorbeizog. Noch einmal kamen Elefanten, gefolgt von den Plänklergruppen der Wurfspeerträger und Schleuderer, die pfeifend und in leichter Ordnung vorbeigingen, so wie sie kämpften, während die Einheiten der Langspeerträger, die sich dem Feind in Formation entgegenstellten und ihn ins Dickicht ihrer Reih’ um Reih’ in den Boden gestemmten Speere laufen ließen, sich so einheitlich bewegten, wie sie geschult worden waren: wie kleine, bewegliche, stachelbewehrte Festungen, ja, wie kriegerische Stacheltiere einer fremden Sagenwelt.

»Und nun?«, fragte sie, als die letzten Männer vorbeimarschiert waren und die reinigende Wirkung des Hundes am gesamten Heer für vollzogen erklärt wurde. Opferrauch stieg von den eilig errichteten Altären; der zweigeteilte Hund verging in den Flammen, ihm nach floss das Blut Dutzender von Schafen, die Hörner blumenbekränzt. Diokles wandte den Blick nicht von den Scharen der Priester, die sich mit den blökenden Tieren abmühten.

Diokles riss sich aus den Gedanken, in die er durch das Betrachten von Berenike versunken war. »Das Schlimmste ist überstanden, wie es scheint. Aber vor dem Essen gibt es jetzt noch das Übungstreffen. Sie werden gleich anfangen.«

Tatsächlich hatten sich alle Einheiten schon nach ihrem Vorbeimarsch an genau vorbezeichneten Positionen aufgebaut. Dort standen am Ost- und Westende des Feldes Fußvolk und Reiterei einander gegenüber. Noch ertönte kein Hörnerstoß und gab das Zeichen für die ersten auszuführenden Manöver.

Die Fußsoldaten standen im Wind, der ihnen den Sand ins Gesicht blies und hatten Mühe, die lange Reihe der Reiter zu betrachten, die ihnen gegenüber Aufstellung bezogen hatte. An ihren Seitenflügeln schoben sich nun die Elefanten heran. Und nichts regte sich dort drüben, nur hier und da das Wiehern eines Pferdes, dessen Tatendrang durch knappes Zügelrucken gebremst wurde, begleitet vom Aufblitzen eines Armpanzers. Stille über dem Platz.

Den Soldaten wurde mulmig, als sie nur den nackten Boden zwischen sich und diesen stummen Reihen sahen, und sie begannen, böse Absichten zu ahnen. Wer hatte noch mal diese Form der Aufstellung befohlen? Was sollte das denn überhaupt? Was hatten die dort drüben vor? Der Schweiß rann ihnen unter den Helmen in Strömen die Schläfen hinab.

Wie ein Mann trabte die erste Reihe der Reiter an. Als sie schon fast auf Schleuderweite herangekommen waren und zögerliche Bewegung in die Speerdickichte kam, sich dem Angreifer entgegenzurichten, da lösten sich drei Reiter aus der Mitte und ritten bis vor die Füße der zitternden Pezhetairoi. Erleichtert erkannten die Eingeschüchterten Eumenes den Griechen, der immer so versöhnlich auftrat, der schon den letzten Friedensschluss bewirkte, doch es war Perdikkas, der zu ihnen sprach:

»Ungetreue, ihr habt das Blut edler Makedonen vergossen. Ihr Blut kann nicht mit Hundeblut abgewaschen werden. Ich werde darauf verzichten, euch alle in den Euphrat zu treiben, das sei meine Gnade. Aber ich verlange, dass ihr mir die Rädelsführer herausgebt. Andernfalls!« Er sprach nicht weiter. Stattdessen ließ er auf ein knappes Handzeichen hin die Frontreihe antraben; sie reagierte sofort und wie ein Mann. Auch die Elefanten kamen näher, unerwartet schnell in ihrem plötzlichen Galopp, mit klatschenden Ohren und drohend die großen Köpfe schwenkend. Ihr Gebrüll, als ihre Führer sie mit Stockhieben in den Nacken antrieben bis zur Raserei, ging allen durch Mark und Bein.

»Die trampeln uns in Grund und Boden!« In Panik stieg der Schrei über den Reihen auf. »Die wollen uns zerquetschen!« Auch Berenike krampfte die Hände um den Zipfel ihres Mantels. Stumm dankte sie den Göttern dafür, dass ihr Bruder in seinem Bett lag und nicht bei diesen Verlorenen dort stand. Sie trat unwillkürlich einen Schritt näher zu Diokles.

»Das ist Betrug«, murmelte sie, »die dort sind alle Betrüger.«

»Nun, es ist zweifellos vernünftig«, antwortete Diokles, der das Geschehen auf der Ebene mit weniger Spannung verfolgte als Berenikes Annäherung. »Aufständische müssen bestraft werden.«

»Aber doch nicht so!« Berenikes Entgegnung steigerte sich zum Aufschrei, als dreißig Männer vor die Reihen ihrer Kameraden traten, ihre Waffen und Schilde ablegten und sich den Gegnern auslieferten. Manche standen aufrecht da, andere wurden nach vorn gestoßen. Berenike in ihrer Erregung glaubte zu spüren, wie sie zitterten. Die ganze Menge um sie herum bebte, wie sie erstaunt und angeekelt bemerkte, in ungezügelter Lüsternheit.

»Alexander«, protestierte sie hilflos, »hätte so etwas nie getan.«

Zu ihrem Erstaunen lachte Diokles auf. »Den habe ich schon ganz andere Dinge tun sehen. Er hat zum Beispiel die Gastfreundschaft eines Dorfes angenommen, das ihn angefleht hatte, es zu verschonen, um es in der nächsten Nacht niedermachen zu lassen, Mann, Frau und Kind.«

»Nein!«, rief sie gequält aus. Die Gruppe der Gefangenen wurde in die Mitte zwischen den beiden Heergruppen geführt. Die Menschen um sie herum stöhnten.

Diokles fuhr unbarmherzig fort. »Er hat einen Mann heimtückisch ermorden lassen, der sich geweigert hatte zu behaupten, dass er, Alexander, ein Gott sei.«

»Kallisthenes«, hauchte sie. Wenn etwas geeignet war, ihren Glauben an die Herrlichkeit des Makedonenkönigs ins Wanken zu bringen, dann war es der Mord an Aristoteles’ Neffen, dem Historiker Kallisthenes, der die gebildete Welt erschüttert und gespalten hatte. Die Elefanten, geschüttelt von ihrem seltsamen Trab, rannten auf die Verurteilten zu, deren gellende Schreie bis zu ihnen herüberdrangen. Berenike wollte die Augen schließen und sich abwenden. Dort drüben wurden dreißig Mann und all ihre Mädchenträume auf das grausamste in den Staub getreten. »Nein!«, klagte sie ein letztes Mal.

Diokles legte beschützend den Arm um sie. Auch er bebte wie die Menge um sie herum. »So ist das nun einmal mit der Größe«, flüsterte er, »wer etwas wahrhaftig Grandioses erreichen will, muss über seinen Schatten springen.« Sein Blick wanderte zu den Männern hinüber, die starben, und wieder zu Berenike. »Aber keine Angst!« Die Schreie vom Hinrichtungsplatz zogen ihre Blicke wieder an, deshalb sah sie den Ausdruck nicht, mit dem Diokles sie musterte. Seine Augen wanderten über ihr herzförmiges Gesicht mit dem energischen Kinn, die großen, ernsten Augen, deren helles Bernstein so warm leuchten konnte, den langen, biegsamen Hals, den die kurzen Locken in seiner Verletzlichkeit betonten. »Ich werde dich beschützen«, murmelte er.

Berenike schüttelte noch immer ihren Kopf.

»Du brauchst jemanden, der auf dich aufpasst.« Diokles drehte sie zu sich her, seine Hände auf ihren Schultern begannen zu wandern. Seine Blicke glitten immer besitzergreifender über ihren Körper, seine Stimme wurde eindringlich. »Du bist dafür geschaffen, beschützt zu werden, dich jemandem anzuvertrauen, dich hinzugeben.«

Berenike begriff nur langsam, was er da redete. Es dauerte eine Weile, bis sie ihn überhaupt wahrnahm. Er stand, fand sie, viel zu nahe bei ihr. Sie machte sich aus seinem Griff los und trat einen Schritt zurück. »Ich habe dir meine Lieblingsstelle bei Homer zitiert.« Sie legte kalte Verwunderung in ihre Stimme. »Wie viel vertrauter könnten wir wohl noch werden?«

Diokles lachte. Doch für einen Moment wurde Wut in seinem Gesicht sichtbar. Rasch lächelte er wieder und trat erneut einen Schritt auf sie zu. Berenike wich ihm um eben denselben Schritt aus. Diokles hob die Arme, als wolle er die Umstehenden zu Zeugen anrufen, dass er unschuldig und das gute Kind einfach bockig sei. »Nun hab dich nicht so«, meinte er. Seine Stimme hatte beinahe wieder den vertrauten spöttisch-trockenen Klang. »Hast du’s vergessen? Wir sind doch Freunde.«

Statt einer Antwort schlang Berenike die Arme um sich.

Diokles biss sich auf die Lippen. »Du willst mir doch nicht erzählen, dass auf der ganzen langen Reise keiner versucht hat, dich zu …«

Noch ehe er das Wort ausgesprochen hatte, gab sie ihm eine schallende Ohrfeige.

Diokles hielt sich einen Augenblick die Wange, dann ohrfeigte er sie wieder. »Glaubst du, nur weil ich nichts als ein kleiner Arzt bin, kannst du mir mit billigem Spott kommen? Aber da irrst du dich, du große Dichterin, aus mir wird einmal etwas ganz Berühmtes. Dann wirst du es bereuen, mich abgewiesen zu …«

Wieder bekam er den Satz nicht zu Ende. Er hatte, während er sprach, Berenikes Handgelenk umfasst. Sie wand sich vergeblich in seinem Griff, gleich darauf trat sie ihm gegen das Schienbein. Mit einem Schmerzenslaut ließ er sie los. Sie stolperte, rappelte sich auf und rannte los, ohne sich noch einmal nach dem fluchenden Diokles umzusehen oder nach dem, was die Elefanten zurückließen, als sie schließlich zurückgetrieben wurden, und was einmal Menschen gewesen waren. Schluchzend rannte sie zurück zu dem Zelt, in dem ihr Bruder ruhte.

Dort lag er, schlafend und still, während sie Hilfe brauchte. Wie lange würde es dauern, bis Diokles hier wäre? Wo könnte sie sich verstecken? Berenike hastete mit zitternden Beinen in das Nebengemach, das ihr vorbehalten war, und erwog, sich zu den dankbaren Veteranen zu retten, denen ihr Lied so viel bedeutete; doch Leonidas Warnung fiel ihr ein, dass seine Männer die ersten sein würden, sie zu vergewaltigen, in einen Brunnen zu werfen und den Unfall dann ihm gegenüber lautstark zu bedauern. Sie hatte das für billigen Zynismus gehalten, doch nach dem Zwischenfall mit Diokles war sie langsam geneigt, seinen Worten Glauben zu schenken. Waren die Männer denn alle verrückt geworden?

»Hermes?«, schrie sie nach ihrem Sklaven. »Hermes?« Doch er antwortete nicht. Da stand sie nun und hatte nichts, nichts als … Sie stürzte zu der kleinen Truhe, in die Diokles ihre Besitztümer versenkt hatte. Hastig wühlte sie darin herum, verdammt, eine Waffe war nicht dabei. Sie hatte nichts als ein zweites Paar Sandalen, einen schmutzigen Knabenpeplos, eine Lyra und die Lederschatulle mit ihrem Gedicht auf den großen Alexander. Den Mörder des Kallisthenes. Hohngelächter tönte in ihren Ohren.

Was gab sie doch für eine lächerliche, verlorene Gestalt ab, Leonidas hatte völlig recht gehabt. Als Anyte das Gedicht auf ihren verstorbenen Hund verfasst hatte, da hatte sie die Freundin für mutig und realistisch gehalten, so dem Tod ins Antlitz zu sehen. Den Hund dort draußen auf der Ebene und alles darum herum hätte Anyte, hätte sie sich nicht vorzustellen vermocht. Es gab kein Gedicht, das auszudrücken, Gedichte waren etwas für romantische Narren und Lügner. Eine gigantische Maschinerie der Gewalt war dort in Gang geraten wie ein Befestigungsturm, der drohend auf eine Festung zurollte. Und sie saß mitten darin fest, eine weltfremde, lächerliche Idiotin, die nichts hatte, womit sie sich wehren konnte.

Ein Geräusch im Vorzelt ließ sie erneut vor Angst wimmern. Verzweifelt packte sie ihre Lyra fester und drückte sich in den hintersten Winkel ihres Gelasses. Nur eine Wand aus buntem Tuch schützte sie jetzt noch. Sie hob ihr Instrument, bereit zum Zuschlagen.

»Herrin?«

»Hermes!« Berenike schrie es fast. Die Lyra in ihrer Hand zitterte, sie schaute mehrfach zwischen dem Instrument und ihrem Sklaven hin und her, unfähig sich zu erinnern, was sie hier hatte tun wollen, dann senkte sie die Hand und fuhr sich mit dem Arm über das Gesicht. »Was tust du hier?«

»Ihr habt mich schließlich gerufen«, schmollte der Sklave.

»Ah ja, richtig. Allerdings!«, rief sie nach einigem Zögern ihn und sich zur Ordnung. »Und das schon vor einiger Zeit. Wo hast du gesteckt?« Sie musterte aus den Augenwinkeln seine breite Gestalt, die muskulösen Arme und den Knüppel an seinem Gürtel. Noch nie war er ihr so nützlich erschienen. »Ich brauche dich hier dringend.«

»Ich war im Lager des Ptolemaios, der ein feiner Mann ist und jedem drei Silberdrachmen zahlt, und habe mich dingen lassen für einen Feldzug nach Ägypten«, sprudelte es aus dem Mann heraus. Hermes’ Augen leuchteten, als er davon erzählte und seine Hand ging unwillkürlich nach der Börse, in der noch nie soviel eigenes Geld gewesen war.

»Was ist das für ein Unfug.« Berenike lächelte ungläubig. »Du kannst dich nicht verdingen, du gehörst Papa.« Mit gerunzelter Stirn sah sie ihn an.

»Mit Verlaub, Herrin, der Herr ist weit und von Ägypten her ist er noch weiter.«

Täuschte sie sich, oder ging der Kerl rückwärts, während er sprach? Mit einem energischen Wedeln der Hand suchte sie seinen Redeschwall zu unterbrechen. »Jetzt hör mir mal zu«, begann sie.

Doch Hermes hatte die Hand bereits auf die Stoffbahn gelegt, die den Eingang verdeckte, und sie angehoben. Das schuldbewusste Gesicht noch immer ihr zugewandt, schob er sich unter permanentem Plaudern langsam hindurch. »Ich will auch die Kaufsumme schicken, wenn ich sie habe, für mich. Es wird ein tolles Leben werden bei den Soldaten, und ich will reich sein …«

»Das ist doch alles Unfug. Komm sofort zurück!« Den zweiten Satz brüllte sie. Aber Hermes hörte sie nicht mehr, er war schon fort, entschlüpft in der Menge, die sich zwischen den Zelten herumtrieb. Berenike schaute angeekelt hinaus. All diese Männer! Soldatenspiele! Mord und Kindereien. Sie zog den Eingang mit einem resignierten Seufzer wieder zu. Hoffentlich musste sie in ihrem Leben nie mehr einen Soldaten sehen, wenn sie erst mal hier weg war.

Ein Stöhnen veranlasste sie, sich zu ihrem Bruder umzudrehen. »Leonidas!«, rief sie ihn zärtlich und fordernd zugleich. Doch er wurde nicht wach, auch nicht, als sie seine Hand nahm und in der ihren festhielt. »Leonidas, Bruder.« Sie flüsterte fast. »Ich gebe zu, dass ich mich ein wenig kindisch benommen habe, ich gebe es ja zu. Kannst du nicht vielleicht aufwachen und mir etwas Tröstliches sagen? Irgendetwas?« Mechanisch streichelte sie weiter seine Hand, während sie dasaß und düster über der Zukunft brütete. Leonidas schnarchte. Berenike seufzte und legte mit einem letzten Tätscheln seine schlaffe Hand zurück. Mehr konnte sie realistischerweise wohl nicht von ihm erwarten.

Ohne Worte

»Diokles?«, erklang eine raue, fremde Stimme von jenseits der Zeltwand. »Arzt, wo bist du, wenn man dich braucht?«

Berenike lag auf ihrem Lager, als die fremde Stimme sie aus wüsten Träumen riss.

»Was?«, murmelte sie und suchte die Bilder abzuschütteln von einem fernen glitzernden Strom, sich wiegenden Elefantenleibern und dem Kopf eines behelmten Kriegers, der sich immer wieder aus der Sonne zu ihr neigte. Sie schüttelte ihre schweißverklebten Locken und richtete sich auf die Ellenbogen auf. Ihr Leib fühlte sich schwer an, schwer von Bildern und aufgewühlten Gefühlen. Auch Anyte war da gewesen. Sie war im Fluss geschwommen. Und sie, Berenike, hatte sich über sie gebeugt, ihr Gesicht aus dem Wasser geschöpft mit beiden Händen wie eine Seerose und sie geküsst. Das süße Beben dieses Kusses war noch in ihr, als sie die Augen öffnete. Mit weit aufgerissenen Augen schaute Berenike in das mehr erstaunte als verärgerte Gesicht eines Mannes. Seine schmalen Augen leuchteten in dem durchscheinenden Türkis ihres Traumflusses. Noch einmal beugte Berenike sich vor, um die Süße von dem Mund zu trinken, der sich ihr bot.

Seine Lippen waren trocken, weich und warm. Und sie wurden auf den ihren lebendig. Berenike erschrak und wurde vollends wach, aber nur, um sofort in einen Wirbel zu versinken, der sie kaum bemerken ließ, wie eifrig ihr Mund dem seinen antwortete. Erschrocken zog sie sich zurück. Was tat sie da?

Sie tastete über ihre Lippen, die heiß und feucht waren und unter ihren Fingerspitzen pulsierten. Dann streckte sie die Hand aus und umkreiste mit zögernden Fingern die seinen, glitt zu seinen Wangen, den scharfen Jochbögen, dem Kinn mit der kleinen Grube in der Mitte. Sie sah jede Unebenheit seiner Haut, die blauen Schatten seines Bartes, jedes Haar, das sich am Ansatz seiner Stirn kräuselte, die blaue Ader über der linken Braue. Sie hätte nicht zu sagen vermocht, wie er aussah. Alles war so fremd, so köstlich und erregend unbekannt.

Und Ptolemaios hielt still unter diesen Fingern, die ihn in unschuldiger Neugier erforschten, und schaute in die Augen des Mädchens, die leuchteten wie Honig, wie der Honig, der durch ihre Adern zu strömen schien, so süß duftete ihre Haut. Er sah seinen Speichel auf ihren Lippen glänzen. Er konnte den Druck ihrer kleinen, spitzen Zähne noch auf seiner Zunge spüren. Er hob die Hand und legte sie auf den wild tanzenden Puls, der an ihrem Hals sichtbar war. Er wollte nichts anderes, als in diesem Honig zu versinken.

Ptolemaios verlor keine Zeit, als er sich und ihr das Gewand vom Leib streifte und sich zu seiner Beute auf die schmale Liege legte. Man kann nicht behaupten, dass ihm, des Alexanders General, das Vergnügen, sich auf die Leiber schreiender Frauen zu stürzen, die man aus den Häusern einer eroberten Stadt zog, nicht bekannt war, wenn er solche Unterhaltungen gewöhnlich auch seinen Soldaten und Söldnern überließ. Und doch ist damit nicht im mindesten erfasst, was der Anblick der schlafenden Berenike in ihm ausgelöst hatte. Er selbst hätte vielleicht behauptet, dass er zu ihr sank wie ein kranker Beter zum Altar des Asklepios, dort Heilung zu erflehen, was beweist, dass auch Soldaten eine lyrische, ja sentimentale Ader haben können. Tatsächlich aber fand er weder poetische noch andere Worte für das, was in ihm vorging.

Berenike hätte die Art, mit der er sie umarmte, nicht unbedingt als sanftes Flehen beschrieben, er kam ihr im Gegenteil sehr energisch vor. Es war allerdings eine Energie, die sich ihr aufs angenehmste prickelnd mitteilte. Und während Ptolemaios jeden Fleck ihres Körpers streichelte, wie ein Vater, der den ersehnten Erben begrüßt, jede einzelne Zehe, jeden Finger, ob er denn da sei, mit zitternden Händen ertastete und mit seinen Lippen glühend begrüßte, fühlte Berenike sich unter seinen Fingern und Küssen, als würde ihr ganzer Leib Glied für Glied neu erschaffen; sogar solche Stellen waren darunter, von denen sie noch gar nicht gewusst hatte, dass sie sie besaß. Ihre Angst verwandelte sich übergangslos in ein herrliches Beben, eine Unruhe, die nach Beruhigung schrie, blind und namenlos in ihrem Drang für sie selbst, offenkundig dagegen für den erfahrenen Betrachter, wie Ptolemaios einer gewesen wäre, hätte nicht auch er das Gefühl gehabt, etwas zu erleben, was ihm so noch nie begegnet war. So wuchs in der heiligen Gier, die sie zueinander trieb, jedem dasjenige zu, was ihm bislang daran noch fremd gewesen war: ihr die Gier und ihm die Heiligkeit.

Vibrierend wie eine angeschlagene Saite lag sie schließlich neben ihm; sie glaubte, sein Blut in ihren Adern singen zu hören. Ihr Atem beruhigte sich, ein kühler Hauch, der verriet, dass es draußen Nacht geworden war, strich über ihre Haut. Mit offenen Augen schaute sie in die Dunkelheit. Es wäre der Moment gewesen, sich klarzumachen, dass sie soeben freudig weggeworfen hatte, was allein in diesem Leben ihren Wert ausmachte, die Wertschätzung ihrer Familie und ihre Stellung in der Gesellschaft bedingte. Dass sie es leichtfertig und gedankenlos hingegeben hatte wie nur je eine dumme Sklavendirne, die sich am Brunnen beim Wasserholen von Männern ansprechen ließ und über die sie nur mitleidig hatte lachen können. Aber sie dachte nicht daran. Sie dachte nicht einen Moment daran, so beschäftigt war sie, dem Schweigen seiner Gedanken zu lauschen, dem Beben seines Atems und dem Knistern des Schweißes auf seiner Haut, wenn sie besitzergreifend darüberfuhr.

Ptolemaios hätte ihr keinen seiner Gedanken mitteilen können, waren sie doch ihm selbst nur in vagen Umrissen klar. Zu seiner Verteidigung könnte man einwerfen, dass er nicht der tumbe Kriegsmann war, für den man ihn deshalb hätte halten können; seine Bildung war umfassend und beinhaltete auch die Studien des großen Homer. Doch was half einem Homer, wenn einem dieses geschah? Ptolemaios war ein vernünftiger Mann. Dies hier war nicht vernünftig, und so fand er keine Begriffe dafür. Es war auch nicht nötig, Berenike verstand jedes Wort. Und sie lächelte unter dem festen Griff, mit dem er, ohne es zu bemerken, ihren Arm festhielt, während er neben ihr ruhte, so, als dürfte er sie keine Sekunde mehr loslassen.

Der Offizier, der ihn schließlich ausfindig machte und zu Perdikkas rief, hielt sich dezent jenseits der Zeltwand. Ptolemaios erhob sich zögernd, langsam zog er sich an. Statt die Wunde verbunden zu bekommen, deretwegen er gekommen war, hatte er eine neue erhalten. Unter den Blicken des Mädchens spürte er sie brennen. Er wandte sich zu ihr um.

Berenike zitterte. Errötend bedeckte sie mit dem Laken nicht ihren Leib, sondern die Spuren ihrer zerstörten Jungfräulichkeit, als könnte sie sie vor ihm verbergen. Sie sah, wie er etwas von seinem Handgelenk nestelte und auf einmal, dieses kurze eine Mal in dem anhaltenden Schweigen, wurde sie seiner unsicher. Bitte, betete sie zu sämtlichen Göttern, lasst es nicht so sein, dass er mich bezahlt mit einem hingeworfenen Goldreif wie eine Hure. Lasst es nicht das gewesen sein.

Etwas schloss sich rau um ihr Handgelenk unter seinen Fingern, die sie mit den ihren zu bedecken suchte. Er entzog sich ihr nach einem Moment und blickte lange in ihr Gesicht, als suche er dort etwas, das ihm begreifen half. Als seine Finger sacht über ihr Kinn strichen, lächelte er beinahe; rasch wandte er sich ab.

Erst als er fort war, untersuchte Berenike, was er ihr umgebunden hatte. Es war eine Schnur, daran ein wertloser geschnittener Stein, ein Amulett, wie man es Kindern umband gegen den bösen Blick. Die Schnur war aus Haar gedreht, wie sie bemerkte, von ebenso stumpfem Gold wie das seine. Sie lächelte. Die blonden Kraushaare hatte er also von seiner Mutter geerbt, denn ihre Locke war es zweifelsohne, die diesen Kinderschmuck zusammenhielt. Berenike warf sich in die Kissen zurück, gleichzeitig lachend und weinend vor Glück. Er hatte ihr sein Knabenamulett gegeben!

Am anderen Morgen, an ihrem Tisch, war Berenike noch immer gehüllt in nichts als die Laken, denen der Geruch ihres Geliebten anhaftete, von dem sie sich nicht trennen mochte; sie hatte einen Fetzen Papyrus vor sich und schrieb. Keine Rede war mehr davon, dass sie vor kaum mehr als vierundzwanzig Stunden die Dichtkunst als verlogen und unerheblich hatte aufgeben wollen. Ihre Feder flog nur so über das Blatt, hinterließ Zeilen, die sie durchstrich, überschrieb und erneut verwarf. Ihre Wangen glühten vor Eifer, sie hatte Raum und Zeit vergessen. Berenike verfasste ein Liebesgedicht.

»Berenike, die Tochter des Magas?« Eumenes trat ohne weitere Umstände ein und verneigte sich höflich vor dem Mädchen, das erschrocken aufsprang. Er hatte vier prächtig gekleidete Sklaven im Gefolge, um seinen Rang und sein Einkommen zu demonstrieren. »Die Dichterin der schönen Verse, die seit Tagen die Herzen unserer Soldaten bewegen?«

Berenike presste verlegen den Rücken an die Tischkante, unauffällig versuchte sie, ihre Schreibtafel vor den Augen des neuen Besuchers zu verbergen. Das Leinen auf ihrer nackten Schulter verrutschte, und die Blicke der Lakaien verrieten ihr, dass sie besser daran getan hätte, ihre Blöße zu bedecken.

»Eumenes von Kardia«, murmelte sie und erwiderte die Verbeugung, hastig ihre mangelhafte Bekleidung zurechtrückend.

Ihr Besucher verneigte sich schwungvoll und mit fast übertriebener Gewandtheit. »Aus der Ferne von Eurem Gesang bezaubert, eile ich herbei und muss feststellen, dass Ihr ebenso begabt wie zauberhaft seid.« Eumenes taxierte die Wirkung dieser Schmeichelei auf seine Zuhörerin, die errötend verstummte und den Blick abwandte, und fand sie unbefriedigend. Das Schweigen wurde länger. Kurz erwog er, ob es Erfolg versprechender wäre, noch ein wenig dicker aufzutragen, verwarf es aber. Das Mädchen war offensichtlich nicht der Typ dafür. Überhaupt tat er sich schwer damit, sie einzuordnen.

Er bemerkte die zerwühlte Liege ebenso wie den stickigen Geruch im Zelt. Beides wusste er wohl zu deuten, und auch das Glühen auf dem Gesicht des Mädchens sprach Bände. Dennoch stand keine raffinierte Sirene vor ihm, die Verführerin der Massen und Männer, die er erwartet hatte, aber auch kein tumbes Soldatenliebchen, verroht in den Betten der Legionen. Eher kam sie ihm wie ein verliebtes Schulmädchen vor. Sie ist ja gänzlich naiv, dachte er, verblüfft ob dieser Erkenntnis und gleichzeitig fasziniert. Und doch, dachte er, es gehörte mehr dazu als schlichte Naivität, quasi auf der Kante des Lotterbettes zu sitzen und dabei das Flair einer Heldenjungfrau zu bewahren. Sie leuchtete geradezu, und Eumenes war klug und instinktsicher genug, die Ursache davon nicht allein zwischen den Laken zu vermuten. Er hatte die Tintenflecke an ihren Fingern wohl bemerkt.

Nicht einen Moment erlaubte er seinen Zügen, etwas von diesen Überlegungen widerzuspiegeln. »Heute Abend«, erklärte er rasch, um die Pause zu überspielen, »geben wir ein Fest zu Ehren der künftigen Könige Arrhidaios und Alexander. Ich wäre der Glücklichste der Sterblichen, wenn Ihr Eure Verse dort zur Lyra vortragen wolltet.«

Berenike schaute ihn erschrocken an. Ein Fest! Die mächtigsten Männer der Welt würden anwesend sein, was für ein Debüt bedeutete das für sie. Es war, von der Abwesenheit Alexanders abgesehen, die Erfüllung all ihrer Träume, was der Fremde ihr da bot! Es wäre die Erfüllung ihrer Träume gewesen, korrigierte sie sich hastig, hätte sie ihre Mädchenträume noch geträumt, und wäre da nicht diese Stunde tiefster Niedergeschlagenheit gewesen, in der sie das Unsinnige ihrer Ambitionen eingesehen hatte und ihre Lyra zu nichts mehr anderem nütze fand als dazu, sie auf jemandes Schädel zu zerschmettern. Dennoch klopfte ihr Herz unsinnig stark und wild.

Eumenes sah ihr Interesse und beglückwünschte sich zu seiner gelungenen Strategie. Er verbarg die heftige Regung, die ihr unschuldig-lasziver Anblick in ihm hervorrief und lächelte sein ironisches Lächeln. Wer auch immer ihr Interesse in den vergangenen Stunden gefesselt haben mochte, was er dem Mädchen zu bieten hatte, würde sie schlicht überwältigen.

Noch wich Berenike dem Blick seiner schwerlidrigen Augen aus, den die stets ein wenig hochgezogenen Augenbrauen so beunruhigend spöttisch wirken ließen; sie errötete ohnedies über ihren nächsten Worten: »Ich habe das Dichten aufgegeben«, sagte sie lahm. Es kam ihr unreif und halbgar vor, was sie da vorbrachte, aber sie wusste sich nicht anders zu helfen, denn alles, was sie bisher geschrieben hatte, alles, was sie sich ausgemalt hatte: der große goldene König und sie als sein dichtender Page – es kam ihr angesichts ihrer jüngsten Erfahrungen noch viel unreifer und lächerlicher vor.

»Welche Bescheidenheit«, lobte Eumenes und trat einen Schritt vor. »Mir scheint aber, Ihr schreibt sogar in diesem Augenblick.«

Ehe sie es verhindern konnte, hatte er nach der Schreibtafel gegriffen und studierte rasch die in Wachs gegrabenen Ausbrüche ihrer Leidenschaft. Berenike wand sich vor Verlegenheit; erst jetzt kam sie sich tatsächlich nackt vor. Seine Augenbrauen, schien ihr, wanderten während der Lektüre womöglich noch höher. »Das, das ist privat«, stammelte sie.

»Nicht doch«, er schüttelte den Kopf und klopfte mit dem Handrücken beweisführend gegen die Tafel. »Es ist Form und Wohlklang, die wohlgesetzte Rede von einer Erfahrung, deren Universalität wohl unbestritten ist. Sind ihr doch selbst die Götter unterworfen.« Er gab die Zeilen Berenike zurück, die sie dankbar an sich nahm. Von wem darin die Rede war, hatte er in der kurzen Zeit nicht zu entschlüsseln vermocht, noch nicht. »Mit anderen Worten«, fuhr Eumenes fort, und Berenike lauschte ihm mit wachsender Aufmerksamkeit, »es ist Kunst. Der Anlass mag privat sein …«

Noch einmal schlug sie verlegen die Augen nieder, doch rasch schaute sie Eumenes wieder an, begierig darauf, dass er fortfuhr.

»… aber das Ergebnis ist es nicht. Wir beide« – er schenkte ihr einen tiefen Blick – »wissen doch um die Bedeutung des erhabenen Wortes. Es kann sich in die Köpfe graben und die Herzen aufwühlen. Es überdauert die Zeiten …«

»… und kann aus der Ferne, aus der es stammt, kommend doch plötzlich dein Innerstes berühren wie nichts, was dir nahe steht«, vollendete sie seinen Satz. Die Glut, die nun ihr Gesicht überzog, als sie ihn ansah, war die Glut der Begeisterung. Dieser Mann redete mit ihr über Dinge, die sie bewegten, die ihr wichtig waren. Außer mit Anyte hatte sie bisher noch mit niemandem so darüber sprechen können. Ihr Vater wünschte von den Affereien nichts zu hören, die Mutter schüttelte nur nachsichtig lächelnd den Kopf als wäre sie ein Kind, das seltsame Dinge aus dem Garten anschleppt, wenn sie mit ihr Probleme der Dichtkunst erörtern wollte, und ihre Freundinnen verstanden von der ganzen Sache nichts. Die gingen höchstens mit ins Theater, um ihre neusten Kleider vorzuführen oder vielleicht, weil auf der Bühne in einer Komödie deftiger Lokalklatsch geboten wurde. Zum ersten Mal in ihrem Leben traf sie einen anderen Menschen, der über dieselben Themen nachdachte wie sie, den dieselben Probleme zu interessieren schienen und der ihre Gedanken dazu ernst nahm. Alles, was er sagte, ging sie etwas an, und sie wünschte sich inbrünstig, dass er weitersprach.

Eumenes lächelte befriedigt. Na bitte, er hatte es doch gewusst. Vertraulich beugte er sich vor und zupfte an einer ihrer kurzen Knabenlocken, die, von der Last ihrer Länge befreit, aufsprangen und zitternd ihre Wange streichelten: »Lass dich von all diesen martialischen Schwertträgern nicht zu sehr beeinflussen. Sie formen die Welt nur höchst vorübergehend. Der große Achill selber ist nichts. Hätte er nur einen Krieg gewonnen, er wäre längst vergessen. Nur als Gestalt in Homers Gesängen ist er unsterblich.«

»Vielleicht hätte Homer ihn nicht vergöttlichen sollen«, antwortete Berenike nachdenklich und suchte seinen Blick. »Ich, die letzten Tage, ich muss gestehen, ich habe daran gezweifelt. Es ist«, brach es schließlich aus ihr heraus, »als würden all die schönen Gesänge nur verdecken, wie grausam das Leben wirklich ist.«

»Ist es das denn?«, fragte Eumenes sanft und ergriff ihre Hand. »Ist es wirklich nur grausam? Sicher, Grausamkeit und Gewalt sind allgegenwärtig, aber ist das andere, das Sanfte, Friedliche, Schöne, deshalb weniger wirklich und weniger wahr?« Mit erhobenen Händen, als böte er ihr all dieses Schöne darin dar, schaute er sie an.

Berenike senkte den Kopf und dachte nach. Ihre Finger, die sie ihm gedankenlos entzogen hatte, nestelten am Saum der Laken, als könnte in den sich kreuzenden Fäden die Lösung ihres Problems verborgen sein. »Es kam mir nur mit einem Mal so unerheblich vor …«, setzte sie an und verstummte kurz. »So albern und überflüssig«, ergänzte sie dann.

»War Homer albern?«, fragte Eumenes und hob die Stimme in gespieltem Erstaunen. »War Sappho etwa in Euren Augen überflüssig?«

Berenike schüttelte heftig den Kopf. Sie hätte die Welt nicht lebenswert gefunden ohne die Verse ihrer Lieblingsdichter. Wie dankbar war sie, endlich einen Menschen gefunden zu haben, dem es ebenso erging.

»Man mag sich selbst zuweilen albern und überflüssig fühlen«, meinte Eumenes, »aber deshalb sollte man nicht die Dichtkunst verwerfen. Sie erobert sich die Unsterblichkeit nicht mit Lügen.« Er flüsterte fast. »Sie tut es mit Magie.« Verschwörerisch zwinkerte er ihr zu. »Sicher«, fuhr er dann in lässigerem Ton fort, »man könnte darüber nachdenken, ob es wirklich eine gute Idee war, den Stoff eines Heldenepos in die zierliche Form der sapphischen Ode zu pressen …«

Berenike errötete noch tiefer als die vielen Male zuvor an diesem Tag des Errötens. Ihr Gesicht überzog dunkles Purpur und mühsam unterdrückte sie ein Kichern der Verlegenheit, das sie zu überfallen drohte. »Ich hielt es für originell«, kiekste sie unsicher. »Vielleicht …« Plötzlich musste sie lachen. »Vielleicht war das wirklich eine alberne Idee.« Sie machte eine Pause, um zu Atem zu kommen. »Es hat Euch nicht gefallen?«, fragte sie dann wieder, plötzlich erneut unsicher.

Eumenes räusperte sich. Dann ergriff er ihre Hände, umschloss sie mit den seinen und sagte ernsthaft: »Ich fand, was ich las und hörte, war von tiefer Empfindung und voller Talent.« Dann zog er sie näher zu sich heran und flüsterte fast an ihrem Ohr. »Und falls heute Abend der eine oder andere Vers etwas schwächer ist, sind du und ich sicher die einzigen, die es bemerken werden.«

Berenike lauschte seinen Worten und blickte über seine Schulter in die Ferne, wo sie sich mit einem Mal sitzen sah, im Prunk des Palastes, unter all diesen Männern, wie sie die Saiten schlug, die Stimme erhob und die Worte sang, die in ihrem Herz und in ihrem Kopf erklangen. Er würde auch da sein, fiel es ihr ein, Ptolemaios, und er würde ihr lauschen. Eine Woge der Euphorie erfasste sie und trug sie fort; ihre Gedanken flogen, ihre Augen verschleierten sich.

Befriedigt lächelnd nahm Eumenes sie bei den Schultern und näherte seinen Mund dem ihren. Mochte auch der Kuss eines anderen ihn so zum Erglühen gebracht haben, er leuchtete ihm so rot, feucht und duftend entgegen wie Granatapfelkerne. Berenike öffnete die Lippen. »Ich habe aber nichts anzuziehen«, sagte sie.

Der Turm zu Babel

Leonidas erwachte zu spät aus seinem Schlaf der Genesung. Zu spät, um die Hinrichtung von dreißig seiner Kameraden durch die Elefanten der Befehlshaber zu verhindern, und zu spät, um die Ehre seiner Familie in Form der Unschuld seiner Schwester zu bewahren. Als er die Augen aufschlug und sich allein auf seiner Liege fand, rief er leise Berenikes Namen. Er blieb ohne Antwort, konnte jedoch hören, wie jemand sich nebenan bewegte. Mühsam richtete der verwundete Mann sich auf und schleppte sich zum Vorhang.

Seine Schwester war fort. Leonidas Augen wanderten über die wenigen Möbel und blieben an dem zerwühlten, befleckten Bett hängen. Er war kein Weltmann wie Eumenes von Kardia, aber auch er konnte eins und eins zusammenzählen. Mit bebenden Nüstern sog er die verbrauchte Luft ein und kam rasch zu dem Schluss, dass all dies nur eines bedeuten konnte.

So rasch seine Verwundung es zuließ, hinkte er auf die hölzerne Truhe zu, auf der ein fremder Haufen Kleider sich unordentlich türmte. Sprachlos wühlte er darin. Ein ephesisches Gewand lag obenauf, wie Berenike ein altes getragen hatte die letzten Tage, doch dieses war neu. Es leuchtete in sämtlichen Schattierungen von Rot und Purpur. Leise klingelnde Goldplättchen waren allenthalben daran festgenäht, am runden Halsausschnitt wie an den weiten Ärmeln; sie würden die Trägerin mit einem Goldschauer umrieseln wie Zeus die Danae. Ein meergrünes Kleid war dabei, die reichen Falten gerafft von einem Band mit durchsichtigen bunten Steinen, der seine Trägerin schlangengleich umspielen würde, um ihre Figur abzuzeichnen. Seine Finger strichen zitternd über die Stelle, wo es zwischen ihren Brüsten sich kreuzen würde. Ein silbernes Netz blitzte gleich darunter hervor, das zu einem bodenlangen Chiton in Rot und Azur gehörte. Darübergezogen schmeichelte es ihn eng an den Körper bis hinab zu den Knien, wo es sich in pendelnde Perlenschnüre auflöste und dem darunterliegenden Stoff Raum gab, sich zu bauschen, um die Trägerin wie auf Abendwolken schweben zu lassen.

Leonidas wühlte mit wachsender Fassungslosigkeit in der üppigen Auswahl, alles, was er in den Jahren seiner Feldzüge an Lohn und Beute angehäuft hatte, würde nicht reichen, diese achtlos hingeworfenen Kostbarkeiten zu erwerben, diese – Hurenkleider.

Ein ägpytisches Gewand aus gefältelter Baumwolle, so hauchdünn, dass es die Gliedmaßen seiner Trägerin hindurchschimmern ließ, zerriss mit einem bösen Laut unter seinen Händen. Er zerrte an den misshandelten Stoffbahnen, bis sie in Fetzen hingen, zerknüllte sie und warf sie mitsamt dem mit goldenen Bienen und Bernsteinen besetzten Rundkragen, der daran hing, heftig gegen die Zeltwand.

»Dafür also hast du dich hergegeben«, brüllte er in den leeren Raum. »Und dafür. Und dafür. Und dafür.« Jedem Ausruf folgte ein Schauer von Stoffen und Juwelen, die Leonidas zornig in den Raum schleuderte. Als seine Hände nichts mehr zu zerstören fanden, hielt er inne und rang nach Atem. Dann trat er gegen die Truhe. Und nochmals. Sollte sie verflucht sein, verflucht sollte sie sein, verdammt noch einmal. Leonidas ballte die Fäuste, er keuchte. Zitternd stieß er schließlich die Luft aus. Ein seltsamer Laut entrang sich dabei seiner Kehle. Nein, er weinte nicht. Nicht wegen so einer. Drohend hob er erneut die Faust, doch es war niemand da, dem er seine Kraft und Fassung beweisen konnte. Er weinte nicht!

»Verzeihung!« Fremde Dienerinnen traten ein und begannen, die herumliegenden Kostbarkeiten mit unbewegten Gesichtern wieder einzusammeln. Wenn sie über die Zerstörung erschrocken waren, die sie vorfanden, so sagten sie nichts dazu. Leonidas, so höflich ignoriert, wich ihrem stummen Eifer irritiert aus und starrte sie lange und erbittert bei ihrer Arbeit an. Dann, als sein Blick auf ein Sklavenmädchen fiel, das eilfertig darangegangen war, den Segen wieder aufzusammeln, ergriff er die Initiative. Er packte sie am Kragen und hob sie hoch. »Wer?«, knurrte er nur.

Sie haspelte rasch und erschrocken: »Dies alles sind Geschenke meines hohen Herrn, dem berühmten Eumenes von Kardia, Kanzlist des Großkönigs, Satrap von Kappadokien und …« Leonidas ließ sie wieder fallen.

»… Paphlagonien«, hauchte sie und rutschte hastig auf den Knien weg, um mit ihren Aufräumarbeiten fortzufahren.

»Der Grieche also!« Er spuckte die Worte beinahe aus. Niemand antwortete ihm. »Diese Hure«, heulte er dann auf und schlug nach der Lampe, die scheppernd über den Boden rollte.

»Ich werde ihn töten«, schrie Leonidas. »Eines Tages werde ich ihn dafür töten.« Die Sklaven schauten ihm mit großen Augen nach, als er, gemurmelte Drohungen ausstoßend, das Zelt verließ.

Als die Sänfte gekommen war, um Berenike in die Königsburg zu holen, war der junge Nachthimmel von demselben tiefen Azur wie die Wände der Prozessionsstraße, auf denen die wüstengelben Löwen so stolz und leicht einherschritten. Fackeln begleiteten sie mit ihrem unruhigen Licht durch die stillen Straßen, und es kam ihr vor, als triebe sie in ihrer Sänfte wie auf einer Barke durch die blaue Finsternis. Es fühlte sich unwirklich an, dass sie hier war, dass sie es sein sollte, die in diesem engen, sandelholzduftenden Schatzkästchen saß und sich über den kühlen Stoff auf ihren Knien strich, der im Halbdunkel des Sänfteninneren sacht glänzte. Dass sie tatsächlich im Palast aussteigen, auf die Bühne treten und vor den größten Männern des Reiches singen sollte, von denen einer die Liebe ihres Lebens war. Die Liebe ihres Lebens, andächtig formte sie die Worte mit den Lippen und fürchtete sich vor jedem Laut davon, der zwischen den hölzernen Wänden hörbar wurde.

So fremd sah das perlmuttfarbene Gewand an ihr aus, so ungewohnt kühl streichelten die Perlen des Ohrgehänges über ihren Hals, wenn sie den Kopf bewegte. Und woher sie den Mut nehmen sollte, dies alles zu tun, wusste sie nicht. Berenike wühlte mit vor Aufregung zitternden Händen zwischen den Kissen nach dem kleinen Spiegel, den sie mitgenommen hatte, um sich immer noch einmal vergewissern zu können, dass sie sie selbst war. Da war er, ihre Finger umschlossen das kühle Metall, mit der anderen Hand hob sie die Vorhänge, um dem Mondlicht Einlass zu gewähren. Mit großen Augen starrte Berenike sich aus der Dunkelheit an, doch sie erhielt keinen Aufschluss. Was würden die anderen sehen, wenn sie dort auf der Bühne stand? Ihr Lied fiel ihr ein.

Hastig ließ sie den Spiegel fallen und umschloss stattdessen mit beiden Händen die Papyrusrolle, der sie ihre neuen Verse anvertraut hatte. Den ganzen Nachmittag und Abend hatte sie geschrieben, mit glühenden Wangen und getrieben von ihren Eingebungen. Sie hatte kaum bemerkt, wie die Sklavinnen des Eumenes sich an ihr zu schaffen machten, sie frisierten und puderten, und ihre Feder fuhr immer noch eigensinnig über die Zeilen, als man ihr bereits die Armbänder ums Handgelenk schloss. So gut es in der unruhigen Dunkelheit ging, überflog sie die Anfangsverse und las sie mit lautlos bewegten Lippen. Gab es da nicht noch etwas zu verbessern? Laute Rufe draußen unterbrachen ihre Überlegungen, sie zog die Vorhänge ganz beiseite und sah hinaus: Die Torwachen mit ihren Panzerhemden über den bodenlangen Prunkgewändern senkten grüßend vor ihr die Speere.

Als sie die Tore zum Osthof des Palastes durchschritten hatten, verschmolzen ihre bescheidenen Fackellichter mit einem Meer von bronzenen Lampen, die die bunten Ornamente der Wände leuchten und das Gold der Friese aufschimmern ließen. Ihre Wärme vermehrte die der Sommernacht und ließ die monumentalen Bilder, die sie beschien, zu fieberhaft flimmerndem Leben erwachen. Flügellöwen schritten grüßend zwischen Blumenbändern, Palmetten und Rosetten blühten zwischen geometrischen Bändern in kräftigem Schwarz und Gelb, und Hunderte von gemalten Säulen reihten sich zu blickverwirrenden Fassaden, die sich endlos um die riesigen Höfe erstreckten. Hier und da thronten riesenhaft in Stein gehauene Könige auf den Wänden und nahmen die Geschenke ihrer Untertanen entgegen. Tier und Mensch, größer als Berenike, die unter ihnen dahingetragen wurde, neigten demütig das Haupt vor ihnen. Berenike steckte den Kopf zwischen den Vorhängen hindurch und schaute in den Himmel, wo sich das ornamentale Zickzack der Palastzinnen schwarz vom Schwarz der Nacht abhob, das einen in die Unendlichkeit zu saugen schien. So ging es eine kleine Ewigkeit durch dunkle Tore und strahlende Höfe, breite Rampen hinauf und holzvertäfelte Korridore entlang, die vergessen von jeder Außenwelt schienen. Berenike war schon länger innerhalb des Palastes unterwegs, als die Reise vom Zeltlager zu den Toren Babylons gedauert hatte.

Endlich erreichte sie ihr Ziel, einen im Vergleich zu der durchschrittenen Pracht intimen Saal, der sich mit einem Säulenportikus nach Norden auf den Fluss öffnete. Einzelne Paare schlenderten auch draußen, ins Gespräch vertieft, zwischen den Laternen auf der Mauer entlang und genossen den Hauch von Kühle, der von dem trägen Gewässer und dem im Süden hinter diesem Pavillon angelegten Garten heraufdrang. Der Wind wehte lau hier oben von Nordost; Berenike holte seufzend Atem; dies musste der Hauch einer gnädigen Gottheit sein.

Sie war erleichtert zu sehen, dass auch das Innere des Pavillons nicht von derselben einschüchternden Pracht war wie der Rest des Palastes. Zwar war die Decke aus vergoldetem Zedernholz, der Boden ein Mosaik aus schwarzem und weißem Marmor, mit Halbedelsteinen durchsetzt, und die Möbel, die Speisesofas so gut wie die Tische, die sich unter der Last der Köstlichkeiten bogen, von der edelsten Machart, eingelegt mit Elfenbein, Perlmutt und Lapislazuli. Doch blickten hier keine der monumentalen Herrscher streng von den Wänden, zeigten keine Fabeltiere grimmige Fänge und Krallen und zwangen Berenike so, Aug’ in Aug’ mit Wesen sich ihrem Publikum zu stellen, die Tausende von Jahren hatten kommen und gehen sehen und – so dachte das Mädchen seufzend – vermutlich so manchen schlechten Sänger. Ein grässlicher Schrei ließ sie zusammenfahren, dann sah sie den Pfau, der sein prächtiges Rad zitternd vor ihr aufspannte, um es dann wieder zu falten und an ihr vorbeizuschreiten, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen wie eine Dame, die einer anderen im stummen Duell bewiesen hat, dass sie die schönere und elegantere sei. Berenike hörte das zischende Schleifen der Federschleppe, die der Vogel hinter sich herzog, als er verschwand. Dankbar griff sie nach ihrer Lyra, die ihr ein Sklave samt Futteral reichte; sie hatte sie in der Sänfte vergessen.

Nach einigem Umherschauen entdeckte sie voller Erleichterung Eumenes von Kardia, der eilig auf sie zuschritt. Auf seinem Wege grüßte er nach rechts und links, neigte den Kopf und rief Scherzworte zu, kannte offenbar alle, so wie sie selbst niemanden kannte, nur den einen. Aber der war nicht zu sehen, dafür viele Männer mit selbstsicheren Bewegungen und starker Gesichtsfarbe, die bereits eifrig dem Wein zugesprochen zu haben schienen. Eine Gruppe mit weißen, goldgesäumten Mänteln, die auf der linken Schulter von einer großen Goldbrosche festgehalten wurden, umringten einen Mann mit seltsam schmalen Augen. Seine Stirn und seine Hände schienen ihr überproportioniert, die Haltung ohne Anmut, der feuchte Mund unter der aufgestülpten Nase zu einem keuchenden Lachen geöffnet, das alle anderen Festgeräusche übertönte. Berenike wunderte sich über die schulterklopfende Aufmerksamkeit, die der Idiot erhielt, bis ihr einfiel, dass es Arrhidaios sein musste, der Bruder Alexanders des Großen und nunmehrige König eines Weltreichs. Ihr Blick fiel auf die üppigen blonden Locken, die er mit Alexander gemein hatte, während er seinen Kopf wie ein zutraulicher Hund an der Schulter eines seiner Leibwächter rieb, der ihn dafür unter lautem Gelächter seiner Kameraden tätschelte. Als die Gruppe ihre Blicke bemerkte, musterte sie sie mit einer Ungeniertheit, die Berenike traf wie ein Schlag. Rasch ließ sie ihre Augen in betonter Unschuld weiterschweifen. Doch auch einige der anwesenden Frauen, bemerkte sie nun, musterten sie von oben bis unten, dass es einen frösteln konnte. War Berenike sich bisher im unklaren gewesen, was ihr mehr Herzklopfen bereiten würde, die erhofften Blicke des Ptolemaios oder die der anderen, so gab es nun keine Fragen mehr. Angst und Aufregung schnürten ihr fast die Kehle zu. Berenike wünschte sich unsichtbar, ganz verborgen hinter dem Klang ihrer Worte.

»Verehrte Berenike, göttliche Sängerin!« Eumenes streckte ihr beide Hände entgegen. Wie dankbar war sie, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Doch Eumenes hatte sich verändert seit seinem kurzen Besuch in ihrem Zelt. Der rote Mantel, den er trug, mit aller dramatischen Sorgfalt um seine Gestalt drapiert, war Aufsehen erregend: ein purpurfarbenes Gewebe, in das ein Bildnis des großen Alexanders als Sonnengott eingewebt war. Es schwebte im Luftzug, als er so auf sie zurauschte. Die Säume zierten kleine Szenen herakleischer Heldentaten, die Edelsteine des Gürtels waren wohl ein kleines Königreich wert. Seiner sorgfältig ondulierten Frisur entsprang heute keine widerspenstige Locke, folgsam legten sie sich wie sie sollten über seine Schläfen und ließen die Augen frei, aus denen er ihr nun einen langen, glühenden Blick schenkte, nicht ohne sein feines, ironisches Lächeln dazu. Berenike in ihrer Aufregung schenkte beidem keine Beachtung.

»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, erwiderte sie atemlos auf seine wohlgesetzte Begrüßungsrede und überging die darin enthaltenen Komplimente. Zu seinem Entzücken zog sie ihn ohne viel Federlesens in eine Nische. Sie nestelte einige aufgeregte Momente an ihrem Gewand herum; wie schön sie war in ihrer Erregung. Dann zog sie vor seinen staunenden Augen ein Manuskript heraus. Eumenes räusperte sich anhaltend, während Berenike eifrig den Text ihres neuen Hymnus vor ihm ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Berenike" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen