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Berlin 21

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© 2017 Isabella Rose

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7439-8242-0
Hardcover:978-3-7439-8243-7
e-Book:978-3-7439-8244-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Mittwoch, 17.4.2013, Sterntal

Ein wichtiger Schauplatz unserer Geschichte, an dem etliche Fäden des Szenarios zusammenliefen – Fäden, die kriminell, wenigstens aber verwerflich sind und von unseren Ordnungshütern und -innen unbedingt bekämpft werden müssen, teilweise aber leider derart tief in den normalen Alltag eingewoben sind, dass ihre Heraustrennung und Beseitigung das gesamte Gesellschaftsgebäude ins Wanken brächte –, befand sich in Oberbayern und nannte sich „Personal- und Managementberatung Sterntal“. Hier trafen sich nicht nur die Lokalgrößen, sondern dank der Mundpropaganda von Begeisterten verkehrte hier zunehmend die Creme des Berliner politischen Lebens. Und eine zentrale Figur der Geschichte, ein hochrangiger Politiker aus der Hauptstadt, hatte schon lange vor den hier zu berichtenden Ereignissen Wind von jener exklusiven Einrichtung am Sterntaler See bekommen und, wie es seinem Charakter entsprach, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um der Telefonnummer habhaft zu werden, die in keinem öffentlichen Verzeichnis stand und unter Eingeweihten wie ein Schatz gehütet wurde. Und als er sie endlich hatte, gönnte er sich eine Pause in seinem ausgefüllten Arbeitstag, begab sich zu Fuß ans Spreeufer, wo er vor unerwünschten Lauschern sicher war, und rief an.

„Personal- und Managementberatung Sterntal“, meldete sich eine angenehm neutrale weibliche Stimme. „Andrea Schmidt am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“

„Tach! Welser hier! Aus Berlin! Verbinden Sie mich mit Ihrem Chef!“

„Gerne verbinde ich Sie mit meiner Chefin. Wen darf ich melden, ich habe Ihren Namen leider nicht ganz verstanden, Entschuldigung!“

Welser hier! Harald Welser! Aus Berlin! Mein Name dürften Ihnen nicht unbekannt sein!“

„Darf ich ausrichten, in welcher Angelegenheit?“

„Das werde ich nicht gerade Ihnen auf die Nase binden, gnädige Frau! Und wenn Sie mich jetzt bitte mit Ihrer Chefin verbinden …!“

Eine Stille trat ein. Eine wirklich vollkommene Lautlosigkeit, nicht zerstört durch Kleine Nachtmusiken oder Große Elektronikklänge. Welser vermerkte es mit Befriedigung.

Unterdessen stellte die Empfangsdame Andrea die Verbindung zu ihrer Chefin her. „Madame du Rhin, ich habe einen Herrn Welser in der Leitung, der Sie sprechen will. Prominent und wichtig.“

„Kann ich jeden kennen?“, fragte die Chefin mit gereiztem Unterton. „Welser? Wer soll das sein?“

„Harald Welser, sagt er, aus Berlin, und er klingt auch so. Zackpreußisch.“

Der Welser? Das ist ja interessant. Stellen Sie bitte durch.“

Madame du Rhin legte großen Wert auf die richtige Aussprache ihres Nachnamens. Zwar war sie seit Generationen durch und durch deutsch, doch hatte sich vor gut zwei Jahrhunderten ein napoleonischer Soldat in ihren Stammbaum eingeschlichen, und weil der frühe Fraternisierer ein gutkatholischer Mann gewesen war und seine bayrische Kriegsbraut geehelicht hatte, trugen seine Nachkommen fortan den Namen des deutsch-französischen Grenzflusses. Hausintern war die korrekte Aussprache natürlich gesichert, zumal Madame du Rhin grundsätzlich nur sehr kultivierte, somit auch mehrsprachige Mitarbeiterinnen einstellte. Nachdem sich aber auch die Kundschaft ausschließlich aus den höheren Gesellschaftsschichten rekrutierte, die von der galoppierenden Anglifizierung der deutschen Sprache noch nicht vollständig erfasst waren, wirkte der französische Name wie tänzelndes Treibgut in wilden Wassern und ragte lieblich und wohltuend aus der fast- und ganzenglischen Flut. Sofern er denn französisch ausgesprochen wurde.

„Grüß Gott, Herr Welser“, begrüßte sie ihn warm, wie einen alten Bekannten.

„Guten Tag! Welser mein Name! Harald Welser! Berlin! Sie dürften wissen, um wen es sich handelt! Ein Bekannter hat mich an Sie verwiesen und mir Ihre Nummer gegeben!“

„Darf ich fragen, wer Ihr Bekannter ist?“

Der Schwall stockte unerwartet, und da sich das Zögern über ganze zwei Sekunden hinzog, wähnte Madame, die auf zackpreußisches Tempo eingestellt war, bereits eine Störung in der Leitung und war im Begriff, nachzufragen. Indessen: „Ja, äh … der Holzi … wie heißt der jetzt …“ Herr Welser aus Berlin schien zu grübeln. Dann aber rief er, leicht ungehalten über die selbstverursachte Bresche in seiner Dynamik: „Der Name tut ja wohl nichts zur Sache! Ihr Etablissemang ist mir sehr empfohlen worden! Und da ich dienstlich des Öfteren in Ihrer malerischen Gegend zugange bin … ha! Also ein Bekannter von mir, sozusagen Kollege, hat mir alles über Sie und Ihren Laden dort unten im schönen Bayern erzählt und Sie mir wärmstens ans Herz gelegt!“

„Wie schön.“

„Ja! Und ich plane baldmöglichst einen Besuch bei Ihnen! Daher Termin, erstens! Und eine Frage, zweitens, zu Ihren, äh, Abrechnungsmodalitäten! Sie verstehen, dass ich in meiner Position peinlichst genau darauf achten muss, keiner Verschleuderung von Staatsgeldern bezichtigt zu werden, ha! Folglich müsste ich Ihre etwaigen Rechnungen, obwohl Ihr – sagen wir: Service – von staatserhaltender Relevanz sein dürfte, aus privater Tasche bezahlen! Und dies wiederum könnte gewisse, äh, innereheliche Turbulenzen verursachen, Sie verstehen! Wie man mir aber sagt, sind die Kosten, die bei Ihnen anfallen, völlig neutral deklariert und als Beratungsaufwand steuerlich absetzbar!“

„Herr Welser, darf ich Ihnen mit Nestroy antworten? ‚Die schönen Tage sind das Privileg der Reichen, aber die schönen Nächte sind das Monopol der Glücklichen.„ Unser Service, wie Sie sagen, ist umfassend auf allen nur denkbaren Ebenen. Und selbstverständlich sind unsere Rechnungen unverfänglich und halten jeder Prüfung durch Finanzbeamte und Ehefrauen stand. Im Besonderen hängt es natürlich auch von Ihrer Position ab. Sie sind im öffentlichen Dienst?“

„Jawohl, leitender Angestellter im öffentlichen Dienst! Und neugierig, wie Sie sind, werden Sie mich jetzt bestimmt noch nach meiner Besoldungsgruppe fragen, wie? B11!“

„So viel hätte gar nicht sein müssen, Herr Welser. Aber wir sind ja alle recht bewandert in der Alphanumerik der monetären Verschleierung auf Steuerzahlerkosten, nicht wahr? In Ihrer Position können Sie nicht nur jede unserer Rechnungen, die Sie privat zahlen, steuerlich vollständig absetzen. Die Kosten für ein persönliches Coaching sind sogar voll erstattungsfähig und können beim Arbeitgeber – Dienstherrn in Ihrem Fall – geltend gemacht werden.“

„Wie bitte?! Ich selbst zahle nichts?! Mein lieber Schwan.“ Letzteres in untypischer, geradezu andächtiger Zurückhaltung.

„Na ja, Herr Welser, das hängt natürlich auch von der Beschaffenheit und Intensität Ihrer Wünsche ab: Wenn sie den Rahmen des normalen Coachings übersteigen, fallen zusätzliche Kosten an. Auf jeden Fall erhalten Sie für unsere Dienstleistungen eine detaillierte Rechnung samt Mehrwertsteuer und allen gesetzlich vorgeschriebenen Angaben. Wie sich das gehört. Wenn Sie mir aber doch noch einen Hinweis auf Ihren Bekannten geben könnten? Wissen Sie, Mundpropaganda ist wichtig für uns, aber sie soll natürlich auch nicht ausufern – wir hätten schon gern eine gewisse Kontrolle …“

„Ich verrate Ihnen seinen Vornamen! Den Nachnamen habe ich sowieso nicht parat, leider! Holger-Zacharias heißt der arme Mann!“

„Ja, Herr Welser, dann weiß ich schon Bescheid. Er zählt ja zu unseren Stammgästen. Wollen wir also einen Termin für ein erstes Gespräch zum gegenseitigen Kennenlernen vereinbaren?“

„Wenn die Lufthansa nicht wieder streikt, bin ich nächsten Dienstag in München! Um einundzwanzig Uhr kann ich bei Ihnen sein, passt das?!“

„Das passt ausgezeichnet. Ich werde Sie persönlich in die Usancen unseres Hauses einführen.“

„Ich bitte darum!“

„Unsere Adresse haben Sie? Finden Sie her, oder brauchen Sie eine Wegbeschreibung?“

„Danke, ich kenne mich aus in Ihrem schönen Bayern!“

„Ja, Herr Welser, dann bis nächste Woche, wir freuen uns auf Ihren Besuch.“

„Ja! Wiederhören!“

Er hatte aufgelegt. Auch Madame du Rhin legte auf, befriedigt. Wieder ein Kunde nach ihrem Geschmack. Mächtig, vermögend und vollkommen ichbezogen. Sie kannte diese Sorte von politischen Amtsträgern. Sie predigen Familientugenden und schützen anfangs gewisse Hemmungen vor, sobald sie aber erkennen, dass ihnen nicht nur jeder noch so aberwitzige Wunsch erfüllt wird, sondern sie sich zudem die Kosten teilweise oder sogar ganz erstatten lassen können, fällt alle Scheinheiligkeit von ihnen ab, und sie erweisen sich als ebenso unersättliche wie profitable und vor allem treue Gäste.

Mittwoch, 24.4.2013, irgendwo in Indien

Während im dekadenten Abendland die Sterntaler Geschäfte florierten und einen breiten, gleichmäßig dahinfließenden Umsatzstrom in die Kasse lenkten, saß Albert Schwarz, der geschäftsführende Gesellschafter der PMS, achttausend Kilometer weiter östlich mit einem Mr. Vikram Radja, dem Bevollmächtigten eines Großindustriellen und Maharadschas, in einem indischen Salon zusammen, trank einen zuckersüßen, im Abgang wermutbitteren Tee, begutachtete die teilverschleierten Schönheiten, die ihn bedienten, kalkulierte aus alter Gewohnheit seine Aussichten, bei einer Inderin zu landen, verwarf sie („lohnt den Aufwand nicht“) und fragte sich, wie der Chef dieses Herrn Radscha zu seinem Fürstentitel kam – waren solche Herrschaftsformen nicht mit der Unabhängigkeit Indiens abgeschafft worden? Zweifellos ein windiger Versuch, bei Ausländern Eindruck zu schinden. In einer Hinsicht jedenfalls war dieser selbsternannte oder aus der Vergangenheit herübergerettete Maharadscha ganz auf der Höhe der Zeit und hatte den von den Vätern ererbten Wohlstand nicht nur bewahrt, sondern ins Riesenhafte vermehrt. Stinkend reich war er und hatte es daher leider nicht nötig, über den Preis, den er für seinen Rolls-Royce haben wollte, zu verhandeln.

Der Grund, weshalb der Wagen überhaupt zum Verkauf stand, war eine Privatfehde des Maharadschas, der, seitdem die Entscheidungen nicht mehr in Manchester, sondern in München getroffen wurden, mit den arroganten Herren von Rolls-Royce Motor Cars aneinandergeraten war und dabei den Kürzeren gezogen hatte. Seit Anbruch der neuen Zeit war es vorbei mit dem alten Understatement der Engländer, wie auch mit den nicht weniger alten Originalersatzteilen; stattdessen musste man sich aus München den ernst gemeinten Rat anhören, auf ein zeitgemäßes Modell umzusteigen oder aber das indische Handwerk improvisieren zu lassen. Für den angewiderten Maharadscha bedeutete dies die Trennung von seinem antiken Fahrzeug, das von Beginn an, seit 1925, Mitglied seiner Familie gewesen war: ein Phantom I in der offenen Version mit 7,7-Liter-Sechszylindermotor, das allererste Modell der Serie. Mit geringen, rein ästhetischen Verbesserungen, die sein Großvater vorgenommen hatte: Der hatte sich eine Karosserie aus massivem Silber dengeln lassen, um dem Fahrzeug einen würdigen Platz innerhalb seiner Tigerjagdflotte einzuräumen. Für jagdliche Zwecke waren auch ein paar zusätzliche Einbauten erfolgt – auf die Bordbar, fand der Enkel, hätte man zwar gut verzichten können, zumal die amerikanische Eiswürfelmaschine nicht nur unsäglich laut, sondern auch chronisch inkontinent war, was unschöne Flecken auf dem Teppichboden verursachte. Nützlich aber waren die nachträglichen Gewehrhalter, Fernrohrstützen und hydraulischen Neigungsregler, die dafür sorgten, dass der Wagen auch auf schiefen Ebenen und überhaupt unebenem Untergrund horizontal stehen konnte. Letztere, vier Stück an der Zahl, dienten gleichzeitig als integrierte Wagenheber – eine phänomenale Neuerung aus den zwanziger Jahren, die leider in Vergessenheit geraten ist. Die heutigen Neuwagen sind mit einer billigen, völlig unzulänglichen, weil instabilen Kurbelvorrichtung ausgestattet. Mit Geduld und Glück, unter Inkaufnahme schmutziger Finger, abgebrochener Nägel und sonstigen Unbills lässt sich damit auch ein Reifen wechseln. Wie unvergleichlich komfortabel dagegen der alte Rolls: Man öffnete eines von vier Ventilen, eine Stütze fuhr aus, und der Wagen hob sich, schwebte in die Höhe, levitierte gleichsam, so dass der Chauffeur das Rad elegant, ja fast im Stehen abziehen und austauschen konnte. Sozusagen mit weißen Handschuhen. Die Hydraulik hinter dem Levitationsmechanismus verlor zwar gelegentlich einzwei Tropfen Öl, funktionierte aber immer noch tadellos, wie Mr. Radja seinem europäischen Interessenten stolz vorgeführt hatte.

Ja, was für ein Wagen. Ein Unikat, wie es die Welt nicht gesehen hatte. Hinter dem Stolz weinte Herrn Radjas Herz, dass sein Chef dieses Prunkstück verkaufen wollte. Seine Selbstachtung verbot ihm jedoch, einem Ausländer auch nur eine Träne zu zeigen. Stattdessen flüchtete er sich in eine Brandrede wider die modernen Automobilhersteller. „In der ruhmreichen Pionierzeit des Autobaus wurde die Intelligenz der Ingenieure genutzt!“, rief er. „Sie durften erfinden und experimentieren, und ein Heer von Arbeitern stand parat, um die Erfindungen und Verbesserungen und Neuerungen zu bauen! Heute geben nicht mehr die schöpferischen Techniker und Enthusiasten den Ton an, heute herrschen Krämerseelen. Controller! Juristen! Nichtsnutzige Manager!“ Er geriet in Fahrt, die inneren Tränen wichen einem frohen Zorn.

„Vom Autobau keine Ahnung!

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