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BIANCA EXKLUSIV BAND 262

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So ein zärtliches Gefühl

PROLOG

„So, das ist also meine Tierarztpraxis“, erklärte Nick den vierzehn kleinen Campkindern, als er sie zum Abschluss wieder ins Wartezimmer führte. „Hat noch jemand eine Frage?“

Vierzehn Köpfchen wurden gleichzeitig geschüttelt.

„Seid ihr auch sicher?“, fragte er noch einmal nach, obwohl er wusste, dass er sich auf gefährliches Terrain begab. Kleine Kinder konnten die seltsamsten Dinge fragen. Doch heute war er bereit, ein Risiko einzugehen.

In vier Tagen würde er in Urlaub fahren, und bis jetzt hatte noch nichts seine Pläne vereitelt. Es war fast ein Wunder. In der letzten Zeit war immer etwas dazwischengekommen, wenn er weggefahren wollte. Er verstauchte sich den Knöchel. Sein Vater wurde krank. Die Schweinepest brach aus, und er musste hierbleiben, um zu helfen. Dieses Mal würde es anders sein. Er hatte für jeden Notfall vorgeplant. Nichts würde ihn und seinen Bruder davon abhalten, eine Woche in San Francisco zu verbringen.

Plötzlich erhob sich eine kleine Hand. „Wenn ich groß bin, möchte ich genau wie Dr. Neal sein“, sagte das kleine Mädchen.

„Du meinst Dr. Nick, nicht wahr?“, verbesserte sie die Campleiterin, die die Kinder begleitete.

Doch das Mädchen – eine kleine Papierschildkröte, die auf ihrem T-Shirt gepinnt war, verriet, dass sie Bethany hieß – schüttelte so entschieden den Kopf, dass ihr Zopf ihrem Nachbarn ins Gesicht flog. „Nein, Dr. Neal“, erwiderte sie hartnäckig. „Wenn ich groß bin, will ich genau wie er sein.“ Sie wies auf das Poster, das an einer Wand im Wartezimmer hing.

Das Poster, in Auftrag gegeben von Love Pet Food, zeigte Nicks Zwillingsbruder, der mit einigen Welpen im Gras saß. Über ihm stand in großen Buchstaben Love ist alles, was du brauchst. Und im unteren Teil war angegeben, in welchem Fernsehkanal und zu welcher Zeit seine Tierarztsendung lief.

„Wenn ich groß bin“, sagte Bethany lauter, „werde ich meine eigene Fernsehshow haben, coole Kleidung tragen, schnelle Autos fahren und niemals heiraten.“

„Ich auch“, erfüllte ein Chor den Raum, und Nick kämpfte gegen ein Lächeln an. Neal schien ein tolles Leben zu führen, aber ein Blick auf das Gesicht der Leiterin sagte ihm, dass sie nicht dieser Ansicht war.

„Oh, nein, nein, nein.“ Die Frau schüttelte den Kopf, ihre Stimme nahm einen traurigen Klang an. „Das wollt ihr doch nicht wirklich. Dr. Neal hat ein sehr anstrengendes Leben. Er muss die ganze Zeit reisen. Er sieht kaum seine Familie hier in Three Oaks. Und er kann noch nicht einmal in einem Handballteam mitspielen, weil er nie bei einem Spiel da wäre.“

Armer, armer Dr. Neal, dachte Nick. Jede Woche eine neue Freundin zu haben, ist wirklich sehr anstrengend. Er reiste um die ganze Welt, statt die Landstraßen im Südwesten von Michigan entlangzufahren. Und statt jeden Mittwoch im Gemeindehaus Spaghetti zu essen, geht er in Drei-Sterne-Restaurants ein und aus.

Die Stimme der Campleiterin klang wieder etwas fröhlicher, als sie die Kinder um sich versammelte. „So, jetzt werden wir uns von Dr. Nick verabschieden, damit er sich wieder um seine Patienten kümmern kann.“

Nachdem die Kinder hinausmarschiert waren, wandte die Leiterin sich noch einmal kurz Nick zu. Sie lächelte verlegen. „Entschuldigen Sie Bethanys Bemerkung. Sie wollte sie nicht daran erinnern. Sie wusste nicht, wovon sie sprach.“

Nick lächelte. Seltsam, wie im Juli sich jeder in der Stadt für die unschuldigste Bemerkung über die Ehe entschuldigte. Oder über Autos. Oder Rehe. Das war einer der Gründe, warum er unbedingt eine Weile wegfahren wollte. „Das macht doch nichts“, versicherte er ihr. „Aber um ehrlich zu sein, ich finde, dass Sie Handball überschätzen.“

Sie lachte halbherzig, offensichtlich glaubte sie, er wollte nur tapfer sein und ging hinaus.

„Arme Kleine.“ Nicks Sekretärin schüttelte den Kopf. „Sich ausgerechnet Neal als Vorbild zu nehmen.“

Nick warf einen kurzen Blick zu Neals Poster hinüber. „Warum arme Kleine? Wer wünschte sich nicht wie Neal zu sein?“

Sara sah zu ihm hinüber. „Sie jedenfalls nicht“, erklärte sie mit der gleichen ungeduldigen Stimme, die sie bei ihren halbwüchsigen Kindern benutzte. „Sie brauchen Ihr Zuhause. Sie lieben es und wären an keinem anderen Platz auf der Welt glücklich.“

Nein, da irrte sie sich. Man war glücklich dort, wo die Menschen waren, die man liebte. Auf den Ort kam es nicht an.

Er hatte das gelernt, als sie in der Highschool einen Ausflug ins Museum für Industrie und Wissenschaft machten. Statt sich mit seinen Freunden die Raketen anzuschauen, war er mit Donna in die Puppenhausausstellung gegangen, weil sie der Lehrer nicht allein dorthin gehen lassen wollte. Bald waren ihm Puppenhaus und Raketen egal, nur noch Donna war ihm wichtig. Ihr Lachen, ihre Hoffnungen und Träume. Sie hatten ihre Träume in den Jahren, in denen sie gemeinsam zur Schule gingen, geteilt und die meisten von ihnen später wahr werden lassen. Dann, vor zwei Jahren, hatte ein Reh, das auf die Straße gelaufen war, plötzlich und unerwartet alles beendet.

Lange, lange Monate hatte er geglaubt einen langsamen Tod zu erleiden. Dann wurde ihm klar, dass er zwar nicht sterben würde, dass er aber auch nicht mehr lebendig war. Er steckte in einem Albtraum voller schmerzhafter Erinnerungen fest und sah keinen Ausweg. Alles, was ihm übrig blieb, war so weiterzumachen, wie bisher.

„Was liegt heute vor?“, fragte er.

Sara zog Akten aus dem Schrank und schenkte ihm keinen Blick. „Es steht alles in Ihrem Computer, wissen Sie?“

Das war ein Spiel, das sie jeden Tag spielten. „Großartig, wenn ich jetzt auch noch so clever wie Neal wäre, könnte ich ihn auch benutzen.“

Sie beugte sich mit einem tiefen Seufzer vor und schob ein Blatt Papier und eine Papprolle zu ihm hinüber. „Wir haben ein neues Colleen-Cassidy-Poster bekommen. Wenn Sie es nicht wollen, werde ich es Jeremy geben.“

Nick zog das Poster der jungen Frau, die wie Nick ein Aushängeschild von Love Pet Food war, aus der Rolle. Sie saß auf einem Heuballen und war von einem Dutzend junger Kätzchen umgeben. Nichts ist mit Love zu vergleichen stand in großen Buchstaben über ihrem Kopf, auch bei ihr waren Fernsehkanal und Sendezeit der Serie angegeben, in der sie die Hauptrolle spielte. Eine Tierärztin natürlich.

„Ich habe noch nie eine Tierärztin gesehen, die so angezogen ist.“ Sara lehnte sich etwas über den Schreibtisch, um das Poster besser zu sehen.

Nick lächelte, konnte aber nicht den Blick von dem Foto nehmen. Die Shorts der jungen Frau waren äußerst knapp, und die Bluse gab den Ansatz ihrer vollen Brüste frei. Rötliches Haar, ein cremefarbener makelloser Teint und Augen so blau wie der Sommerhimmel, voller Versprechungen und Lebensfreude.

Sie weckte Träume von lauen Sommernächten – vorausgesetzt, jemand hatte noch Träume.

„Ich glaube nicht, dass die Menschen ihre Serie anschauen, um etwas über tierärztliche Praktiken zu erlernen.“ Er faltete das Poster und reichte es ihr nach einigem Zögern. „Machen Sie Jeremy eine Freude.“

Zwei Wagen fuhren vor dem Haus vor, und das Telefon klingelte. Prima. Es tat ihm gut, beschäftigt zu sein. Er nahm seine Patientenliste auf und ging in sein Sprechzimmer.

„Partyzeit! Partyzeit!“, schrie ein Papagei, als er den Raum betrat.

„Halt den Schnabel“, sagte Nick.

Er warf die Liste auf den Schreibtisch und wappnete sich gegen die Erinnerungen, die in diesem Zimmer lauerten. Der Schreibtisch, den Donna mit ihm ausgesucht hatte. Ihre gestickten Tierbilder an den Wänden. Selbst das Knarren des Schreibtischstuhles erinnerte ihn an sie. Sie hatte stets darüber gelacht und gesagt, dass er langsam einroste. Sie war jetzt bereits seit zwei Jahren tot, aber sie war immer noch überall.

Letztes Jahr hatte er die handgeschriebenen Etiketten an den Medikamenten- und Instrumentenschränken durch gedruckte ersetzt, es hatte nicht viel genutzt. Sie war immer noch hier.

Er beugte sich vor und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Oh Mann, er brauchte diesen Urlaub. Er musste unbedingt irgendwohin fahren, wo er mit Donna noch nie gewesen war, wo ihn keine Erinnerungen verfolgten. Irgendwohin, wo er endlich einmal durchschlafen konnte. Der Urlaub mit seinem Bruder war absolut notwendig.

„Nick“, rief Sara vom Empfangsraum herüber. „Ihr Bruder ist auf Leitung zwei.“

Nick nahm den Hörer ab. „He, Neal, ich habe gerade an dich gedacht?“

„Ich habe schlechte Nachrichten“, erwiderte Neal.

„Wahrscheinlich willst du mir sagen, dass du mit allen Englisch sprechenden Frauen in der Welt ausgegangen bist, und jetzt vor die Wahl gestellt bist, entweder eine Fremdsprache zu erlernen, oder einfach zu warten, bis Nachwuchs da ist.“

„Sehr witzig, Nick.“

„Danke.“

Neal holte tief Luft. „Eigentlich rufe ich an, um unseren Urlaub abzusagen.“

„Oh, das sind wirklich schlechte Nachrichten.“ Der Humor in Nicks Stimme verschwand von einer Sekunde auf die andere. „Ich habe mich so darauf gefreut, einige Zeit mit dir zu verbringen.“

„Ich auch. Aber ich muss auf eine Promotiontour. Mein Sponsor schickt mich nach Illinois, Iowa und Missouri.“

„Hört sich doch ganz lustig an.“

„Ja, und wie.“

„He, das ist mein Ernst“, erwiderte Nick. „Es mag vielleicht nicht Paris oder New York sein, aber du wirst zu so vielen Orten fahren, die du noch nie zuvor gesehen hast. Orte, die alle ihre eigene Geschichte und kulturellen Hintergrund haben. Ich finde das großartig.“

„Aber auch nur, weil du so etwas noch nie gemacht hast.“

„Es ist auf jeden Fall besser als Three Oaks im Juli.“

„Three Oaks mag nicht der aufregendste Ort der Welt sein, aber es ist zu Hause.“

Nick runzelte die Stirn. Er hatte immer geglaubt, dass sein Bruder das große Los gezogen hätte. Als ihre Eltern sich scheiden ließen – noch bevor Nick und Neal auf die Highschool kamen – war Neal derjenige gewesen, der mit der Mutter, die Kleinstädte hasste, nach Osten ging. Nick blieb mit seinem Vater, der die Heimat liebte, in Three Oaks.

Jetzt hörte sich Neal auf einmal so an, als ob er etwas vermissen würde. Vielleicht war sein Bruder gar nicht so anders als er. Aber verflixt noch mal, er führte ein aufregendes Leben, hatte Luxus und Ruhm, und er wollte Three …

Nick spürte, wie sein Herz schneller schlug. Wollte er wirklich …?

„Weißt du was …“, begann Neal langsam.

„Glaubst du wirklich, wir …“, fuhr Nick fort.

„Die Promotiontour …“

„Three Oaks …“

Beide hielten inne.

„Was ist mit meinen Patienten?“, fragte Nick.

„Ich bin vereidigter Tierarzt, außerdem ist noch dein Partner da.“ Neal legte eine Pause ein. „Aber du hasst es doch, in der Öffentlichkeit zu sprechen.“

„Nicht mehr so sehr wie früher“, gab Nick zu. „Aber was ist, wenn man sich dazu entschließt, das staatliche Tierschutzkomitee bereits diesen Monat zu gründen? Weißt du, mein Name steht auf der Liste.“

„Und da steht er bereits seit Jahren, aber selbst wenn du benannt wirst, was macht das schon? Ich werde dich würdig vertreten, ich bin doch an öffentliche Auftritte gewöhnt.“ Neal zögerte. „Ich weiß nicht, wer meine Reisebegleiter sein werden. Es könnten singende Kühe sein.“

Solange es keine Geister waren. „Ich arbeite mit dem hiesigen Tierschutzverein zusammen, und eine große Spendenaktion steht bevor. Glaubst du, du könntest damit zurechtkommen?“

„Was soll diese Frage? Ich habe bereits mehr Spendenaktionen in einer Woche hinter mich gebracht als du eine in einem ganzen Jahr“, erwiderte Neal.

Nick überlegte und tippte mit dem Kugelschreiber gegen die Armlehne seines Stuhles. „Weißt du“, sagte er schließlich. „Wir würden dieser Gegend einen Gefallen tun. Wir könnten etwas Regen gebrauchen.“ In der Vergangenheit hatte sich gezeigt, dass wenn immer Nick und Neal die Rollen tauschten, es in Strömen regnete.

„Und es muss Hunderte von Tieren im Mittleren Westen geben, die nur darauf warten, von dir gerettet zu werden.“

„Ich habe aufgehört alles retten zu wollen, was mir unter die Augen kommt“, erklärte Nick und schaute zu dem Papagei hinüber. Nun, das war letzten Monat gewesen, seitdem hatte er keine Streuner mehr aufgenommen.

„Was hältst du also von der Sache?“, fragte Neal. „Machst du mit?“

Nick schwieg. Er würde seinen Bart abrasieren müssen, aber mit ein bisschen Glück würde die Haut darunter nicht allzu blass sein. Und er würde den Wohltätigkeitsball des Tierschutzvereines versäumen. Aber auf diesen Festen fühlte er sich sowieso nie sehr wohl.

Wem würde es schaden, wenn sie die Rollen tauschten? Neal schien diese sechs Wochen in Three Oaks zu brauchen, und er selbst hatte sich geschworen, dieses Mal einige Zeit wegzufahren.

Und was für eine Zeit das würde. Sechs Wochen, die er in einer Welt verbringen würde, in der Beziehungen nicht länger als fünfzehn Minuten dauerten. Eine Welt, in der ihn nicht tagein, tagaus die Gespenster der Vergangenheit verfolgten, in der er endlich einmal durchschlafen konnte.

„Abgemacht“, schlug Nick ein.

1. KAPITEL

„Ich kann diese Frisur einfach nicht ausstehen.“ Lance Reece schaute besorgt in den Spiegel auf der Rückseite der Sichtblende und fuhr mit der Hand über sein blondes Haar. „Sieh doch nur, es ist viel zu kurz.“

Aber Colleen Cassidy schaute auf die Menschenmenge, die sich vor der Einfahrt des Villengrundstückes aufhielt. Blutdürstige Piranhas, hungrige Löwen, die Beute witterten. Reporter, die auf einen Skandal warteten.

Und der einzige Schutz, den sie hatte, war dieser Jammerlappen an ihrer Seite. Sie schaute zu Lance, einem aufsteigenden Sternchen einer Teenagerserie hinüber, der immer noch mit seinem Spiegelbild beschäftigt war, und hätte beinahe laut gelacht. Sie hatte noch nie einen männlichen Beschützer gebraucht, und das würde sich auch jetzt nicht ändern.

„Du siehst doch gut aus“, beruhigte sie ihn. „Hör endlich auf, dir Sorgen zu machen. Denk einfach, dass du großartig aussiehst, und jeder wird das Gleiche denken.“

„Du hast leicht reden“, jammerte er. „Du hast bereits eine eigene Serie.“

„Ja, sie hatte ihre eigene Serie, und Tierleben war zurzeit die gefragteste in der Fernsehlandschaft. Ihre Rolle der Sassy Mirabel, einer heißblütigen, äußerst attraktiven Tierärztin, war Stadtgespräch. Aber von heute auf morgen konnte sie die Karriereleiter wieder hinabstürzen und würde wieder für zweitklassige Filmrollen vorsprechen müssen. Nur eine falsche Bewegung, etwas schlechte Publicity, und alles wäre aus.“

Für einen winzigen Moment zog sich bei diesem Gedanken ihr Magen schmerzhaft zusammen, und sie fühlte sich verletzlich und ungeschützt. So wie damals, als die Kinder sie ausgelacht hatten, als sie herausfanden, dass ihre Geschichten über Mom und Dad und einem Hund namens Tommy nur erfunden waren.

Doch dann verdrängte sie diese negativen Gedanken entschlossen. Sie war jetzt zweiunddreißig und keine sechs Jahre alt mehr. Sie hatte dazugelernt, und niemand konnte ihr den Erfolg nehmen. Dafür würde sie sorgen.

„Wir halten den Verkehr auf.“ Colleen wies mit dem Kopf auf die Schlange luxuriöser Wagen, die sich hinter ihnen gebildet hatte. „Steig aus, und versuche so glücklich wie möglich auszusehen.“

Lance brummte etwas und verließ den Wagen. Colleen übergab den Wagenschlüssel dem Boy und eilte dann zu Lance hinüber. Sie hakte sich bei ihm unter. „Lächle, Sonnyboy“, flüsterte sie. „Es ist Showtime.“

Während sie den blumengesäumten Weg zum Haus hinaufgingen, wurden sie von Fotografen umschwärmt.

„Hallo.“ Sie schenkte jedem ein strahlendes Lächeln und winkte.

Die Fotografen kamen direkt zur Sache.

„Würden Sie sich bitte dort drüben hinstellen, Colleen?“

„Schenken Sie Lance diesen besonderen Blick. Ja, genau so.“

„Lächeln.“

„Drehen Sie sich ein wenig zur Seite.“

Colleen drehte sich. Man fotografierte sie gern von der Seite, weil so ihre aufregenden Kurven besonders gut zu Geltung kamen. Colleen gehorchte ihnen gern.

Als ihr Körper sich in der Junior-Highschool langsam zu entwickeln begann, war sie bereit jedem Jungen eine Ohrfeige zu verpassen, der sie deswegen aufzog. Doch Tante Jess – Mom war zu dieser Zeit bereits gestorben – hatte nur gelacht. „Männer mögen volle Brüste und einen wohlgeformten Po“, hatte sie gesagt. „Zeig Ihnen deinen Körper, und sie vergessen, dass du auch noch ein Innenleben hast.“ Und sie hatte recht behalten.

„Colleen. Lance. Es freut mich, euch zu sehen.“ Trevor Madison stand am Portal seines museumsartigen Hauses. Irgendwie gelang es ihm, freudig überrascht zu klingen, obwohl es seine Party war, und er als ihr Agent auf ihrer Anwesenheit bestanden hatte. „Das wird gestimmt ein toller Abend, nicht wahr?“

Aber Colleen hatte keine Lust über diesen Abend zu reden. Für sie würde es eine Party wie jede andere werden. Stattdessen schaute sie Lance an. „Es wird Zeit, dass du dich unter das Volk mischst.“

„In Ordnung.“ Ohne zu widersprechen, lief Lance los und verschwand bald in der Menge der Starlets.

Colleen zog Trevor zur Seite, sodass sie halb von einer Kübelpalme verdeckt waren. „Hast du diesen Artikel in Worldwide News gelesen?“, fragte sie leise.

Trevor sah sie erstaunt an. „Ja, ich fand ihn großartig.“

„Du weißt, dass das eine Lüge ist.“

„Wann hat Worldwide jemals die Wahrheit erzählt?“

„Und was ist, wenn jemand die Story glaubt? Das könnte mich ruinieren.“

Trevor sah sie verwirrt an. „Wie?“

„Ich habe einen Ruf, auf den ich achten muss“, erklärte sie. „Meine Show ist darauf aufgebaut, und wenn die Leute glauben, dass ich …“

„Colleen, Darling. Wie geht es Ihnen? Ich habe Sie ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen.“

Kalte Angst umklammerte plötzlich Colleens Herz, aber sie war zu diszipliniert, um sie zu zeigen. Sie drehte sich langsam um und maskierte sich mit einem Lächeln. „Cooper, wie nett, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

„Ich halte mich tapfer, Honey. Ich halte mich tapfer.“

Colleen wünschte sich, ans Ende der Welt laufen zu können, oder zumindest auf Tante Jess’ Veranda, auf der alles, was sie sich wünschte, wahr werden konnte. Aber Weglaufen war keine Lösung.

Mary Catherine Cooper war Reporterin für Worldwide News. Und nicht irgendeine, sondern die Reporterin schlechthin – sie besaß die Macht, einen Schauspieler zum Star zu machen oder seine Karriere zu ruinieren. Mittlerweile war es für sie zu einer Art Spiel geworden.

„Ihr neuer Freund ist wirklich niedlich.“ Cooper verzog die Lippen, es sollte wohl ein Lächeln sein.

„Ja“, erwiderte Colleen. „Lance Reece. Er spielt einen verwöhnten reichen Jungen in Central High.“ Colleen gab sich Mühe, all die Punkte zu berücksichtigen, die Trevor ihr und allen anderen Klienten beigebracht hatte. Erwähne immer den Namen, die Show des Schauspielers und füge dann noch etwas Nettes hinzu. „Er ist ein wirklicher Gentleman.“

„Wie schade.“ Coopers Haifischlächeln wurde breiter. „Ist er dann nicht ziemlich langweilig? Ich meine, für eine Frau mit Ihren Interessen …?“

Colleen zwang sich zu einem kehligen Lachen. Sie hatte schon schwierigere Situationen gemeistert. „Ja, aber ein Gentleman hat auch seine Vorteile.“ Colleen schwieg und sah Cooper an. „Sie folgen einem aufs Wort.“

Die Reporterin warf den Kopf zurück und lachte lauthals. So laut, dass die Leute um sie herum zu ihnen hinübersahen und zu lächeln begannen. Colleen wartete.

„Es ist zu sehen, dass Sie noch ganz die alte sind“, sagte Cooper nach einem Moment. „Wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht.“

„Sorgen um Colleen?“, warf Trevor ein.

„Nun, ein bestimmter Jemand hat gesagt, dass …“

„Und Sie glauben so einen Unsinn?“ Trevor winkte ab. „Wenn Sie die Wahrheit erfahren wollen, müssen Sie in Colleens Nähe bleiben.“

Colleen stockte der Atem. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht in Gegenwart dieser Cooper am ganzen Körper zu beben, und ihr Agent ermutigte auch noch diese hinterlistige Schlange, in ihrer Nähe zu bleiben?

„Wir haben etwas Großartiges geplant“, fuhr Trevor fort. „Colleen – oder sollten wir sagen Sassy Mirabel? – wird diesen Sommer auf eine Promotiontour in den Mittleren Westen gehen. Mit niemand anderem als …“ Er legte eine effektvolle Pause ein. „… Dr. Neal Sheridan.“

Neal Sheridan? Colleen starrte ihren Agenten ungläubig an. Nicht Neal Sheridan. Jeden anderen, aber nicht ihn.

Während Colleen noch versuchte, den Schock zu überwinden, lachte Cooper bereits laut. „Amerikas schärfster und attraktivster Tierarzt“, rief die Frau. „Du meine Güte! Was für ein Paar! Wir wollen nur hoffen, dass Colleen seinem Charme widerstehen kann.“

„Warum sollte ich seinem Charme widerstehen?“ Colleen sah die Reporterin mit dem unschuldigen Blick an, den sie so gut geübt hatte, und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Es hört sich doch so an, als wäre er der perfekte Partner für mich.“

Cooper lachte erneut. „Vielleicht. Aber ich glaube, er hat sogar mehr Herzen gebrochen als Sie.“

Colleen winkte ab. Das war die letzte ihrer Sorgen. „Glauben Sie mir, mein Herz ist in Sicherheit.“

„Ich werde an Ihre Worte denken.“

Das überhebliche Lächeln auf dem Gesicht der Frau ärgerte Colleen. Sie würde sich auf keinen Fall verlieben. Sie würde es nicht zulassen, dass irgendjemand eine so große Macht über sie ausübte.

„Können Sie sich tatsächlich vorstellen, dass ich mich verlieben könnte?“, fragte Colleen spöttisch. „Ich suche Spaß und keine Liebe für die Ewigkeit.“

Aber sie konnte nicht leugnen, dass Neal Sheridan ihr Sorgen machte. Er war ein ausgesprochen schöner Mann, männlich und vital, dazu noch intelligent. Ein Mann, der einer Frau wahrscheinlich nur durch einen Blick in die Augen bis ins Herz schauen konnte.

Und Liebe war nicht das schlimmste Geheimnis, das ein Frauenherz verbergen konnte.

Nick schaute auf den Teller mit Pfannkuchen, den die Kellnerin gerade gebracht hatte. Es war lange her, seit er das letzte Mal in einem Restaurant gefrühstückt hatte. Er würde einige Extrameilen laufen müssen, um diese Kalorien abzuarbeiten. Er goss Sirup über den Pfannkuchenturm und schnitt dann ein Stück davon ab.

„Es ist komisch, dich ohne Bart zu sehen“, bemerkte Neal. „Als wenn ich mich selbst betrachten würde. Ich habe vergessen, wie seltsam dieses Gefühl ist.“

Nick strich sich mit der Hand über die Haut. „Mein Kinn ist glücklicherweise nicht sehr viel blasser als meine übrige Gesichtshaut. Entweder hatte ich den dünnsten Bart der Welt, oder es ist gar nicht zehn Jahre her, seitdem ich ihn habe wachsen lassen.“

„Es kommt einem gar nicht so lange her, nicht wahr?“

„Doch, wie eine Ewigkeit.“ Nick lachte leise. Ein Lachen, das schnell erstarb.

Eine Ewigkeit und trotzdem war es, als wäre alles erst gestern gewesen. Er sah Donna, wie sie mit gerunzelter Stirn mit der Hand über seinen Bart fuhr und dann ihre Wange gegen seine rieb. Er hatte ihr angeboten, ihn wieder abzurasieren, aber sie meinte, dass er damit sehr intellektuell aussehen würde. Fast weise, hatte sie lächelnd gesagt.

„Es ist wohl besser, ich gebe dir meinen Hotelschlüssel, bevor ich es vergesse“, meinte Neal. „Meine Kleidungsstücke sind dort. Ich habe nur das Persönlichste mitgenommen.“

Nick legte die Gabel zur Seite und nahm zögernd den Schlüssel aus Neals Hand. In den zwanzig Stunden, die seit dem Telefongespräch mit seinem Bruder vergangen waren, hatte Nick ein Dutzend Gründe gefunden, warum er nicht an Neals Stelle reisen sollte. Er hatte sogar schon Neals Telefonnummer gewählt, um abzusagen, aber dann hatte er sich an die Wehmut in Neals Stimme erinnert, an die Sehnsucht nach Three Oaks, und rasch wieder aufgelegt. Trotzdem war das Ganze verrückt. Sicher, sie hatten bereits als Kinder die Rollen vertauscht, nur, dass sie jetzt keine Kinder mehr waren.

„Mein Manager, John Hockaday, wird dich um einundzwanzig Uhr im Hotel treffen“, fuhr Neal rasch fort. „Oder sollte ich sagen, er trifft Neal im Hotel?“, verbesserte er sich mit einem Lächeln. „Er wird dich auf der Tour begleiten, ebenso der Promotionmanager des Sponsors. Die beiden werden deinen Tag bis auf die Sekunde verplanen.“

„Scheint doch alles ganz leicht zu sein“, bemerkte Nick und steckte den Schlüssel ein.

Er musste sich einfach daran erinnern, warum er das tat. Neal brauchte einmal wieder den Geschmack des richtigen Lebens, um sich daran zu erinnern, dass auch in Three Oaks nicht alles so rosig war, wie er es jetzt vielleicht annahm.

Die Kellnerin kam vorbei und schenkte ihnen Kaffee nach. Dann blieb sie wie angewurzelt stehen und starrte Nick an.

„Sie … sehen genau wie der Tierarzt aus, den man immer im Fernsehen sieht“, stammelte sie erstaunt.

Freudige Erregung lag in ihrer Stimme und ein hoffnungsvoller Schimmer in ihren Augen. Nick spürte, wie tief in ihm etwas in Bewegung kam, vielleicht war ihre Freude ja ansteckend. Er lächelte – er konnte einfach nicht anders und tat den ersten Schritt in das Leben seines Bruders. „Ja, das bin ich. Neal Sheridan.“

Die Frau stellte die Kaffeekanne ab und schüttelte ihm die Hand. „Oh, wow.“ Nachdem sie die Kaffeekanne wieder aufgenommen hatte, wandte sie sich langsam Neal zu. „Aber Sie sehen auch so aus“, stellte sie verwirrt fest.

„Ich bin nur sein Double. Wissen Sie, im Fernsehen braucht man so etwas für die Kameraeinstellungen.“ Neal, der offensichtlich ein Lachen unterdrücken musste, biss rasch von seinem Toast ab.

„Wirklich? Das ist ja toll“, erwiderte sie. „Warten Sie nur, bis ich das den Mädchen erzählt habe.“

Nick lachte, als sie den Tisch verließ. Berühmt zu sein, hatte durchaus seine Vorteile. Und vor allem weckte es keine Erinnerungen.

„Das wird Spaß machen“, sagte er und widmete sich mit neuem Enthusiasmus seinem Frühstück. „Ich glaube, es wird mir gefallen, berühmt zu sein.“

„Das hoffe ich.“ Neal trank einen Schluck Kaffee. „Was ist mit deiner Praxis? Gibt es Fälle, auf die ich besonders achten muss?“

Nick schüttelte den Kopf. „Ich habe dir einen Stapel Akten auf den Schreibtisch gelegt. Du solltest sie durchlesen. Im Moment steht nichts Kritisches an. Die Millers-Katze wird wegen einer Harnwegsinfektion behandelt. Die Hündin der Kerringtons wird in zwei Wochen Welpen bekommen. Alles nur Routine. Falls es einen Fall gibt, bei dem du dich unsicher fühlst, dann gib ihn einfach an Jim ab. Er hat nur einen Teilzeitjob, aber er ist ziemlich flexibel, was die Arbeitsstunden angeht.“

„Wie sieht es mit deinen Bürokräften aus?“, fragte Neal. „Hast du jemanden neu eingestellt?“

Nick runzelte die Stirn. „Neu? Nein.“

„Doch, das hast du. Eine Lisa. Sie war am Telefon, als ich anrief.“

„Oh, das ist nur eine Freundin von mir. Lisa Hughes. Sie ist im Vorstand des Tierschutzvereines. Ich habe den Mitgliedern dieser Vereinigung erlaubt, ihre Akten bei mir aufzubewahren, Post und Mitteilungen abzuholen. Lisa macht ab und zu den Telefondienst für uns, wenn wir besonders viel zu tun haben.“ Nick aß langsam weiter und überlegte sich, ob er Neal den Grund verraten sollte, warum Lisa in letzter Zeit so schlecht gelaunt war. Doch er entschied sich dagegen. Nein, sie hatten stets nur die wichtigsten Informationen ausgetauscht und das sollte auch so bleiben. Neal würde schon klarkommen.

Nachdem sie die Rechnung bezahlt hatten, gingen sie zum Parkplatz hinaus. Bereits um diese Zeit lag eine unangenehme Schwüle in der Luft. Nicks Jeep stand neben Neals Mietwagen, und sie brauchten nur einen Moment, um ihr Gepäck und die Schlüssel auszutauschen. Aber Nick machte keine Anstalten in den Wagen zu steigen. Seine frühere Begeisterung für ihren Plan war verschwunden, und erneut nagten Zweifel an ihm.

„Sara kümmert sich um meinen Terminkalender und alle organisatorischen Dinge“, sagte Nick. „Heute ist eigentlich mein freier Tag, an dem Jim die Sprechstunde abhält, aber du musst dich trotzdem in der Praxis zeigen. Ich pflege an meinem freien Tag den Schreibkram zu erledigen.“

„Falls du Probleme hast, wende dich einfach an Hockaday“, bemerkte Neal. „Sind Dad und Gram in Three Oaks?“

„Ja. Und wo ist Mom? Ist sie immer noch in Paris?“

„Bis September“, erwiderte Neal und schob den Koffer in den Jeep.

„Gott sei Dank. Ihr etwas vorzumachen, war immer am schwierigsten.“ Nick zögerte immer noch, die Reisetasche in den Mietwagen zu stellen. Was passierte, wenn Neal mit allen Frauen in Three Oaks und Umgebung zu flirten begänne? Würden sie Verlobungsringe erwarten, wenn er zurückkäme? Oder würden sie schlicht und einfach nicht mehr mit ihm sprechen?

„Du hast mir noch gar nicht gesagt, ob du zurzeit eine feste Freundin hast“, fragte Nick. „Oder ist das eine dumme Frage für einen König der Herzen?“

Neal schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin völlig ungebunden. Es steht dir frei, allen Ladys von St. Louis bis Des Moines den Hof zu machen.“

Dieser Gedanke bestürzte ihn. Das war nicht der Grund, warum er diese Reise machen wollte. „Ich will einfach nur eine Weile ausspannen.“

Neal runzelte die Stirn. „Donna würde nicht von dir erwarten, dass du ein Mönch wirst.“

„Und wer sagt, dass ich einer bin“, erwiderte Nick bissig. Aber Neal hatte nicht ganz unrecht. Er war seit Donnas Tod mit keiner Frau mehr ausgegangen. Und er verspürte auch nicht den Wunsch dazu. Die einzige Frau, die in der letzten Zeit überhaupt sein Interesse geweckt hatte, war diese Colleen Cassidy auf diesem kitschigen Poster gewesen. Trotzdem hatte er nicht vor, ein Mönch zu werden.

„Wenn du mich spielen willst, dann musst du auch meine Verhaltensweisen annehmen“, bemerkte Neal. „Es sei denn, du überlässt mir gleich den Sieg.“

„Das kommt überhaupt nicht infrage.“ Die Selbstsicherheit seines Bruders, die an Überheblichkeit grenzte, und seine Bemerkung über den Mönch ärgerten Nick. Neal war bereits als Kind und Teenager immer unentdeckt bei ihren Rollentauschen geblieben, während Nick fast immer erwischt worden war. Er ging einfach zu sehr auf Nummer sicher, war viel zu berechenbar. Nun, dieses Mal würde alles anders sein. Plötzlich war dieser Rollentausch nicht nur ein Mittel, um Three Oaks für eine Weile zu entkommen oder seinem Bruder einen Gefallen zu erweisen. Es war eine Herausforderung, eine Chance zu beweisen, dass er so gut wie Neal war, vielleicht sogar noch besser.

„Deine Glückssträhne neigt sich dem Ende zu“, erklärte Nick. „Man wird dich entlarven, sobald du die Stadt betrittst, während ich sechs Wochen lang Neal Sheridan spielen werde.“

„Das glaubst auch nur du.“ Neal stieg in den Jeep und lehnte sich dann aus dem offenen Fenster. „He, Bruderherz, noch etwas.“

Nick, der gerade in den Wagen steigen wollte, hielt in seiner Bewegung inne. „Was?“

„Denk stets daran, Love ist nur Hundefutter.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, sechs volle Wochen mit Neal Sheridan zu verbringen“, bemerkte Teri, dabei lag ein Schnurren in ihrer Stimme, als ob man einer Katze den Bauch streichelte.

Colleen gab sich Mühe, nicht laut loszuschreien. Die Tour hatte noch nicht einmal begonnen, und bereits jetzt ging der Mann ihr auf die Nerven. Jede Frau in ihrer Umgebung schien ihn für eine Art Halbgott zu halten. Selbst Teri und Erna, die ihr von Love Pet Food geschickt worden waren, um ihr bei der Auswahl der Garderobe und beim Packen zu helfen.

Teri ließ den Koffer zuschnappen. „Wäre es nicht toll, wenn Neal Sheridans Zwillingsbruder ihn besuchen kommen würde? Können Sie sich vorstellen, zwei von diesen Männern um sich zu haben?“

Nur in meinen schlimmsten Albträumen, dachte Colleen. „Aber er arbeitet nicht fürs Fernsehen, nicht wahr, oder?“

„Nein, er ist zwar auch Tierarzt, aber er hat irgendwo in einer Kleinstadt in Michigan eine Praxis“, erklärte Erna ihr. „Ich glaube, sein Name ist Nick. Dr. Neal hat ihn schon einmal in seiner Show erwähnt. Schauen Sie sich seine Sendung niemals an?“

„Oh, an diesem Abend habe ich gerade meinen Aerobickurs“, sagte Colleen, während ihre Gedanken eine ganz andere Richtung nahmen.

Natürlich. Wie hatte sie das vergessen können? Lisa hatte ihr bereits vor Jahren erzählt, dass sie Neal Sheridan kannte, weil sie eine Freundin von seinem Bruder war. Wenn jemand ihr einen Rat geben könnte, wie sie mit Neal umgehen sollte, dann war es Lisa.

Es schien bereits eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit Colleen und Lisa sich kennengelernt hatten, viel länger als die fünfundzwanzig Jahre, die es in Wirklichkeit waren. Als Colleen sieben Jahre alt gewesen war und noch Jennifer Anne Tutweiler hieß, war sie mit ihrer Tante Jess zum Vorsprechen gegangen. Tante Jess hatte keine Rolle in diesem Western erhalten, aber für Colleen hatte man kurzerhand eine eingebaut. Lisas Dad hatte die Pferde für diesen Film trainiert, und Lisa und sie waren schnell Freunde geworden. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Colleen jemanden kennengelernt, bei dem sie sich so geben konnte, wie sie tatsächlich war. Und auch nachdem Lisa vor ungefähr zwanzig Jahren mit ihrem Dad nach Michigan gezogen war, waren die beiden Freundinnen geblieben. Sobald Teri und Erna gegangen waren, wählte Colleen Lisas Nummer.

„Colleen!“, rief Lisa freudig. „Ich wollte dich auch anrufen, ich brauche unbedingt einen Rat von dir. Du musst mir erklären, wie man einen Mann verführt.“

„Was?“ Colleen nahm ihr Telefon mit zum Balkon hinaus und setzte sich in die Sonne. Los Angeles lag ihr zu Füßen, aber sie ignorierte den fantastischen Ausblick. Sie wusste, welche Geheimnisse hinter dieser Glitzerwelt verborgen lagen. „Wovon um alles in der Welt redest du?“

Es entstand ein längeres Schweigen, dann hörte sie Lisa laut seufzen. „Hör zu, Colleen, ich möchte, dass ein bestimmter Mann mit mir ins Bett geht. Ich brauche deinen Rat als Expertin.“

Colleen war so überrascht, dass sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Lisa glaubte also, dass sie mit Männern bereits viel Erfahrung gemacht hatte. Nun, so war es auch, allerdings hatte sich das nie aufs Bett bezogen. Sie war unsicher, wie sie sich verhalten sollte und fast bereit, ihrer Freundin die Wahrheit zu sagen. Sie sehnte sich nach einem Menschen, zu dem sie offen und ehrlich sein konnte, und sie wusste, dass sie Lisa ihr Leben anvertrauen könnte, aber trotzdem wagte sie es nicht, ihr Geheimnis preiszugeben. Wie würde Lisa sich fühlen, wenn sie ihr nach so langer Zeit die Wahrheit sagte?

Außerdem war sie eigentlich tatsächlich eine Expertin. Sie verdiente ihr Leben damit, anderen die große Verführerin vorzuspielen. Wer wäre also qualifizierter als sie, Lisa einen Rat zu geben?

„Willst du ihn dir angeln? Möchtest du ihn heiraten?“, fragte Colleen.

„Nein“, erwiderte Lisa. „Ich mag ihn, ich liebe ihn aber nicht. Er ist ein Freund. Ein lieber guter Freund.“

„Lieb und gut?“ Lisa war manchmal so naiv, dass es einem Angst einjagte. „So ein Mann existiert nicht.“

„Doch, er schon“, beharrte Lisa. „Er ist zuverlässig und ehrlich und …“

„Und was … verheiratet?“ Colleen legte die Füße auf die Brüstung ihres Balkons. „Nun sag mir nicht, du bist auf diesen Meine Frau versteht mich nicht – Unsinn hereingefallen?“

„Nein, falls du es wissen willst, er ist Witwer. Aber das hat mit dem Ganzen nichts zu tun.“

„Ich verstehe, du bist auf die Ich bin so einsam – Masche hereingefallen.“

„Ich bin auf überhaupt nichts hereingefallen“, widersprach Lisa hitzig. „Wenn du es unbedingt wissen musst, ich wünsche mir ein Baby. Ich will schon lange eins, und ich möchte, dass er der Vater ist.“

Colleen war sprachlos und setzte sich abrupt in ihrem Stuhl auf. Das hatte sie nun wirklich nicht erwartet. Aber dann ließ die Überraschung nach und andere Gefühle ergriffen von ihr Besitz – vor allem Neid. Wie würde es sein, wenn dein Leben so ruhig verliefe, dass man sich wünscht, ein Baby auf die Welt zu bringen? Ein Kind, das dir gehört, für das du sorgen musst und das du lieben kannst? Sie spürte auf einmal die Leere in ihrem Apartment hinter ihr und auch die Leere ihres Lebens in dieser Stadt, die unter ihr lag.

Nein, nein, schalt sie sich. Es war keine Leere, es war ihr Privatleben. Es war das, was sie gewollt hatte. Sie konnte niemanden gebrauchen, für den sie sorgen musste. Jemand, dessen Glück und Zukunft von ihr abhing. Lisa würde eine gute Mutter abgeben. Bei ihr war das anders. Sie lebte für ihren Beruf.

Nein, in ihr Leben passte kein Kind.

„Du wirst mir also helfen?“, fragte Lisa.

„Das kann ich nicht“, erklärte Colleen. „Ein Mann mit so guten Charaktereigenschaften, wie du ihn beschreibst, kann man nicht verführen. Er wäre viel zu besorgt, welche Konsequenzen eine Liebesnacht mit dir nachziehen könnte. Du solltest eine Samenbank aufsuchen.“

„Er braucht sich keine Sorgen zu machen“, widersprach Lisa. „Ich erwarte nicht, dass er bei mir und dem Kind bleibt, auch nicht, dass er für das Kind zahlt oder dass er sich darum kümmert. Ich habe ihn wegen seines guten genetischen Erbes ausgesucht. Er kommt aus einer guten Familie.“

„Du hast zu lange Pferde gezüchtet. Aus deinem Mund hört es sich an, als ob es das Gleiche wäre.“

„Komm schon, Colleen. Du bist meine einzige Hoffnung.“

Colleen seufzte. „In Ordnung, in Ordnung. Zuallererst musst du darauf achten, sexy zu wirken.“ Sie dachte nach, sie tat es schon so lange, dass es ihr in Fleisch und Blut übergegangen war. „Trag aufreizende Kleidung. Schwinge deine Hüften. Fahre langsam mit der Zunge über deine Lippen.“

„Hast du nicht vergessen, dass ich mit den Wimpern klappern muss?“, bemerkte Lisa sarkastisch.

„Willst du jetzt diesen Mann in deinem Bett haben, oder nicht?“

„Entschuldige.“

„In Ordnung.“ Colleen schwieg. Es war schwer, jahrelanges Training in verführerischem Verhalten in ein Telefongespräch zusammenzufassen. „Was du brauchst ist ein Buch. Einer dieser Ratgeber Wie verführe ich meinen Traummann in weniger als sieben Tagen oder so ähnlich.“

„Ach, du lieber Himmel“, stöhnte Lisa. „Nick würde mich auslachen.“

„Nick? Geht es hier um deinen Freund, diesen Tierarzt Nick?“ Colleen schob die Balkontür auf. „Ich muss alles über seinen Bruder wissen. Wie ist er?“

„Neal?“, rief Lisa entsetzt. „Er ist der letzte Abschaum. Er ist unsensibel, treulos und verkommen.“

Colleen lachte, betrat ihr Apartment und schob die Tür wieder hinter sich zu. „Das hört sich so an, als ob er der richtige Mann für dein Vorhaben wäre. Er hat die gleichen guten Gene und macht sich bestimmt keine Gedanken darüber, was für Konsequenzen eine Liebesnacht mit dir haben könnte.“

„Bist du verrückt?“, schrie Lisa entsetzt. „Bevor ich mit Neal Sheridan ins Bett gehe, bleibe ich lieber kinderlos. Ich adoptiere ein Nest voller Tarantelbabys, bevor ich diesen widerwärtigen Kerl in meine Nähe kommen lasse. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich Albträume.“

Das hörte sich so an, als ob Lisa ihn kennen würde. „Kann er wirklich in die Seele einer Frau schauen, nur wenn er ihr in die Augen blickt?“

„Kann schon sein. Du kannst diesem Kerl einfach nicht vertrauen.“

Colleen entspannte sich. Widerwärtig. Unsensibel. Treulos. Es gab also keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Neal Sheridan war nicht anders als all die anderen Männer, die sie bisher kennengelernt hatte. Sie musste seit Jahren mit ihnen umgehen, da würde sie auch mit diesem Exemplar fertig werden.

„Ich werde die nächsten sechs Wochen mit ihm durch den Mittleren Westen reisen“, gestand sie.

„Oh, du Arme. Ich wünsche dir viel Glück.“

Sie glaubte nicht, dass es Glück war, was sie brauchte. Vor allem war es eine Sonnenbrille, damit er ihr nicht in die Augen schauen konnte.

2. KAPITEL

„Oh, das ist super“, hauchte das Mädchen, während es bis zu den Haarwurzeln errötete.

Nick lächelte und schrieb sein Autogramm auf die Serviette, bevor er sie dem Teenager zurückgab. Er gewöhnte sich langsam daran, dass die Menschen sein – Neals Autogramm – wollten und wenn es auf einer Serviette war.

Das Mädchen seufzte und hielt das Papier an ihr Herz. „Mandy wird das niemals glauben.“

„Ich freue mich immer, meine Fans kennenzulernen.“

Mit einem glückseligen Lächeln und roten Wangen verschwand das Mädchen. Nick lächelte ebenfalls, erhob sich und verließ das Restaurant. Es war ein wundervoller Abend im Grant Park. Durch den Regen am Morgen und durch den See lag ein wenig Feuchtigkeit in der Luft, aber Nick empfand sie als sehr belebend.

Er hatte den ganzen Abend im Park und in den umliegenden Straßen mit den vielen kleinen Geschäften und guten Restaurants verbracht. Wo er auch hingegangen war, hatten Frauen ihm zugelächelt, hatten Kinder ihn um Autogramme gebeten und Männer ihm die Hände geschüttelt. Eine Frau hatte ihm sogar ihren Hund vorgestellt und behauptet, das Bootsie es liebte, wenn er erklärte, wie man bei Tieren nach Flöhen suchen sollte.

Soviel Spaß hatte er seit Jahren nicht gehabt. Er konnte die Worte Juli und Ehe und Reh hören, ohne dass sofort eine Entschuldigung folgte. Er konnte in Räume gehen, in denen keine Geister auf ihn warteten. Und das Beste von allem war, er konnte endlich wieder schlafen. Es war wunderbar. Wenn er dann wieder nach Hause fahren würde, hätte die Vergangenheit keine Macht mehr über ihn. Er hätte bereits früher verreisen sollen.

Als Nick den Park verließ und die Michigan Avenue überquerte, war sein Schritt rasch und unbeschwert und sein Herz leicht. Es war erstaunlich, wie lebendig er sich fühlte. Selbst hier, wo die Wolkenkratzer ihn zu erdrücken schienen und die Luft von Abgasen stank. Ein Mann spielte an der Ecke Saxofon, und die bittersüßen Töne vermischten sich mit der Symphonie der Stadt.

Es lag soviel Energie in der Luft, soviel Leben. Es war unmöglich, nicht davon berührt zu werden. Er warf einige Dollar in den leeren Saxofonkoffer und erhielt als Dank ein kurzes musikalisches Dankeschön. Er musste lachen, er konnte nicht anders. Hier war alles so anders als in Three Oaks, die beiden Städte hätten genauso gut auf verschiedenen Planeten liegen können.

Als er Wabash erreichte, warf er zufällig einen Blick auf die Uhr eines Bankhauses und begann rascher zu laufen. Er wollte auf keinen Fall zu spät zu dem Treffen mit Neals – seinem – Manager kommen.

Einige Minuten später lief er an einem Portier vorbei in die Hotelhalle hinein. Was für ein Unterschied zum Captain’s Cove Inn, dem einzigen kleinen Hotel in Three Oaks. Hier gab es keine Pressholzpaneele und Plastikmöwen, sondern Marmor, Kristall und Mahagoni, soweit das Auge reichte.

Ein Mann Ende zwanzig kam auf ihn zu. Großartig. Das musste John Hockaday sein. Aber dann wurde Nick plötzlich nervös. Wie würde Neal wohl seinen Manager begrüßen?

„Was ist los mit dir?“, fragte ihn der Mann. „Du bist ja ganz atemlos?“

Nick entspannte sich. Er hatte die erste Regel des Rollenspiels vergessen – lass die andere Person den ersten Schritt machen. „Ich wollte nicht zu spät kommen.“

John sah ihn überrascht an. „Aber du kommst immer zu spät.“

Verflixt. Das hätte Nick wissen müssen.

„Um ehrlich zu sein, habe ich dich erst in fünfzehn Minuten erwartet“, erklärte John.

Nicks Magen zog sich krampfhaft zusammen. Er hatte alles verdorben. Hockaday würde jetzt seinen Bruder anrufen und ihm eine Rückfahrkarte nach Three Oaks überreichen. Auf Wiedersehen neues, aufregendes Leben und hallo, du ewig gleicher Alltag. Und Neal würde den Rest seines Lebens spöttische Bemerkungen darüber machen.

„Bis du bereit, ihnen gegenüberzutreten?“

Ja! Nick hätte sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft. Er hatte es geschafft. Er hatte jemanden narren können, der Neal gut kannte, der oft Kontakt mit ihm hatte. Also würde er es schaffen, auch die anderen hereinzulegen.

Er zwang sich ruhig und gelassen zu wirken, während er mit Hockaday zur Bar ging. „Wer wird denn alles da sein?“

John warf ihm einen Seitenblick zu. „Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“

Nick runzelte die Stirn. Hatte er sich etwa zu früh gefreut? „Was für eine Nachricht? Gibt es ein Problem?“

„Ein Problem?“ Ein Lächeln trat auf Johns Gesicht. „Nein, die meisten Männer würden es nicht als Problem bezeichnen.“

Der Mann schien ihn auszulachen, und Nicks Unbehagen erhöhte sich wieder. Irgendetwas sagte ihm, dass er in Schwierigkeiten steckte. Dass es besser wäre, noch mehr Fragen zu stellen. Aber er war jetzt Neal. Neal, der Selbstbewusste, Neal der Selbstsichere, nicht Nick, der sich ewig Sorgen machte. Neal hätte niemals gefragt.

Also folgte Nick John in die Bar. Sie gingen um einige Tische herum auf eine größere Gruppe von Männern und Frauen zu, die in einer hinteren Ecke saßen. Er musste die Furcht los werden, in jeder Sekunde entdeckt zu werden. Niemand würde Verdacht schöpfen. Es gab für diese Leute keinen Grund, ihm zu misstrauen.

Als sie den Tisch fast erreicht hatten, war Nick wieder obenauf. Er hatte alles unter Kontrolle. Er konnte Neal sein, es war ganz einfach. Dies hier war eine Welt, die keine Tiefen erwartete, hier wurde nicht auf den Grund gegangen, ein angenehmes Äußeres genügte. Es war eine schillernde Welt, in der anderen etwas vorgegaukelt wurde, warum sollte er ihnen nicht auch etwas vormachen?

Einen halben Meter vor dem Tisch spürte Nick plötzlich, dass jemand neben ihm stand. Wahrscheinlich ein Fan, der ein Autogramm wollte. Er wandte sich leicht zur Seite.

Und sein Herz setzte für einen Moment aus. Es war Colleen Cassidy.

„Nein, wen haben wir denn da? Ist das nicht Dr. Neal Sheridan?“, sagte sie, die Stimme so sanft wie die Brise eines Sommerabends.

Aus der Nähe war sie noch tausendmal schöner als auf dem Poster. Ihre Haut sah so rein aus wie frische Milch. Ihr Haar war ein leuchtendes Kupferrot. Ihre Lippen waren das Verführerischste, was er je gesehen hatte. Und wenn sie diese Sonnenbrille abnehmen würde, dann …

Das tat sie. Aber bevor er mehr als etwas Grünes sehen konnte, hatte sie bereits die Arme um seinen Nacken gelegt und ihn geküsst.

Er hatte das Gefühl vom Blitz getroffen zu sein. Erst ein blendend helles Licht, ein leichtes Beben unter seinen Füßen und dann eine verbrennende Hitze. Er konnte weder atmen noch denken, nur noch fühlen. Der Druck ihrer Brüste gegen seinen Oberkörper weckte lang verdrängte Instinkte in ihm.

Er legte den Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Noch näher. Ihr Körper schien ihn zu verbrennen, doch noch hatte es sich so gut angefühlt, in Flammen aufzugehen. Gierig trank er mit seinem Mund all den Zauber, den sie anzubieten hatte.

Dann rückte sie von ihm ab und setzte die Sonnenbrille wieder auf, als die Blitzlichter um sie herum aufleuchteten. Sie trat einen Schritt zurück und lächelte erst die Leute und dann ihn an.

„Nun, Dr. Sheridan“, sagte sie. „Ich hoffe, dass die Gerüchte, die man sich über Sie erzählt, wahr sind.“

„Es ist großartig, dass Sie an diesem sonnigen vierten Juli so zahlreich erschienen sind“, sagte Jim Becker. „Wie Sie wissen, werden Colleen und Neal uns für sechs kurze Wochen verlassen, um sich auf eine Tour durch den Mittleren Westen zu begeben. Mit großer Freude …“

Colleen lächelte auch weiterhin dem Vizepräsident von Love Pet Food zu, obwohl der Mann offensichtlich nicht wusste, wovon er sprach. Sechs kurze Wochen? Das beinhaltete bereits in sich einen Widerspruch. Die nächsten sechs Wochen konnten nicht kurz sein, selbst wenn man noch so viel Fantasie hatte. Sie riskierte einen kurzen Blick zu Neal hinüber, der auf der anderen Seite des Podiums stand. Er schien in die Rede vertieft zu sein, doch plötzlich wanderte sein Blick und er sah in ihre Augen.

Wenigstens versuchte er es. Sie dankte der Sonnenbrille und dem sonnigen Morgen.

Aber selbst wenn er ihre Augen nicht sehen konnte, so konnte sie doch seine sehen. Sie waren dunkel und mysteriös, Augen, deren Blicke tief in ihre Seele eindrangen. Er war ein seltsamer Mann. So ganz und gar nicht, was sie erwartet hatte. Was ihn gefährlich machte.

Sie hatte mehr Schönlinge und Frauenhelden in den letzten Jahren getroffen, als sie zählen konnte. Aber sie hatten alle eines gemeinsam gehabt – sie waren sich nur allzu bewusst gewesen, wie sie auf andere wirkten.

Neal aber schien überhaupt keine Ahnung davon zu haben, wie breit seine Schultern waren, oder welche Wirkung sein charmantes Lächeln auf Frauen hatte. Was völlig verrückt war. Er musste es einfach wissen.

Man brauchte nur den gestrigen Abend nehmen, als sie ihn geküsst hatte. Er hatte ihren Kuss mit einer Sehnsucht erwidert, als hätte er seit Jahren keine Frau mehr angerührt. Wie ein verhungernder Mann, dem man zum ersten Mal seit Wochen etwas zu essen gab. Aber das ergab keinen Sinn. Schließlich besaß er doch den Ruf eines Ladykillers.

Er musste noch durchtriebener als die meisten Männer sein. Lisa hatte gesagt, dass man ihm nicht vertrauen durfte, und sie musste es schließlich wissen. Er hatte seinen Ruf nicht dadurch erworben, dass er nur so gut wie die anderen war. Nein, er war besser, besser als alle anderen. Und indem er so tat, als ob er sich seines Aussehens und seines Charmes nicht bewusst war, entwaffnete er auch die Frauen, die fest entschlossen waren, niemals auf ihn hereinzufallen.

Bei ihr würde er sich allerdings die Zähne ausbeißen.

„Ich hoffe also, dass Sie alle kommen und uns wiedertreffen werden.“ Mr Becker hatte das Ende seiner Rede erreicht. „Natürlich werden wir auch dann Proben unserer Produkte verteilen, und Sie können wieder Ihren Lieblingsstars begegnen.“

Er winkte der Menge noch einmal zu und kam dann vom Podium herunter. Er schaute zu Neal und Colleen hinüber und forderte sie auf, noch einige Worte zum Publikum zu sagen. Neal ging los, sah aber fragend in ihre Richtung. Sie gab ihn mit einem Wink zu verstehen, dass er zuerst reden konnte.

Du lieber Himmel! Sie hoffte, dass er nicht ständig dieses Gentlemangetue an den Tag legen würde. Noch schlimmer als ein Mann, der vorgab, anständig zu sein, war einer, der es tatsächlich war. Aber da Lisa den einzigen anständigen Mann für sich gebucht hatte, blieb ihr dieses Schicksal erspart.

Neal trat ans Mikrofon, und die Teenager in der Menge begannen hemmungslos zu kreischen. „Es ist großartig, so viele Menschen hier zu sehen“, erklärte er. „Das heißt, dass ihr diese Tour genauso aufregend findet wie ich.“

Klar, dachte Colleen, lächelte aber tapfer weiter. Natürlich ist niemand gekommen, weil er kostenloses Hundefutter oder ein nettes Tierspielzeug ergattern wollte.

„Und es bedeutet, dass Ihnen das Wohlergehen Ihrer Tiere wirklich am Herzen liegt“, fuhr Neal fort. „Sie sind daran interessiert, die beste Nahrung und auch die beste medizinische Versorgung für Ihre Lieblinge zu erhalten.“

Klar, Doc. All die jungen Mädchen mit ihren hautengen knappen Oberteilen fallen bei jedem Wort, was Sie sagen, fast in Ohnmacht, weil sie sich Sorgen um ihren Bello zu Hause machten.

Doch Neal war immer noch nicht fertig. „Falls Sie jetzt noch Fragen haben sollten, dann stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.“

Wenn Colleen es nicht besser wüsste, hätte sie geglaubt, er wäre gerade aus irgendeiner Kleinstadt in der tiefsten Provinz gekommen. Er wirkte so unschuldig, dass sie am liebsten zu ihm gelaufen wäre, um ihn vor dieser harten grausamen Welt zu beschützen.

Aber sie war nicht so naiv wie diese Mädchen da unten, die seine Autogrammfotos wie geheiligte Ikonen an ihre Brüste schmiegten. Das war alles nur Getue, um andere einzuwickeln. Sie musste zwar zugeben, dass Neal ein begnadeter Schauspieler war, aber trotz allem ein Schauspieler. Außerdem wurde es Zeit, dass sie ebenfalls die Bühne betrat.

Sie ging zum Podium hinauf und legte einen Arm um Neals Taille. Er zuckte fast unmerklich zusammen, und als er sie anschaute, sah sie einen Ausdruck in seinen dunklen Augen, der sie zutiefst berührte. Wahrscheinlich ebenfalls nur gespielt, dachte sie, schob dieses Gefühl aber rasch zur Seite und wandte sich dem Publikum zu.

„Ich freue mich ebenfalls auf diese Tour“, rief sie der Menge zu. „Vor allem“, sie warf einen verführerischen Blick auf Neal, „weil ich diese sechs Wochen mit diesem überaus attraktiven Mann verbringen kann.“

Die Mädchen seufzten und quiekten, wurden aber sofort von den Pfeifen und Rufen der Männer übertönt. Sie lachte, stellte sich vor Neal und legte seine Arme um ihre Taille, während die Fotografen näher traten, um die richtige Perspektive zu erwischen.

Für den Bruchteil einer Sekunde schien Neal sich zu sträuben, natürlich spielte er einmal wieder den schüchternen Jungen. Doch dann gab er nach, entspannte sich und hielt sie tatsächlich fest umschlungen.

Und es fühlte sich unglaublich gut an. Sie spürte seine harte, durchtrainierte Brust in ihrem Rücken. Sein Atem strich sanft über ihren Nacken und sandte ihr einen prickelnden Schauer über den Rücken. Sie fühlte sich so beschützt in seinen Armen, dass es ihr unheimlich wurde. Dieser Mann war gut. Besser noch als sein Ruf, der ihm vorauseilte.

Auch sie musste ihre Rolle spielen, also kuschelte sie sich noch näher an ihn. Ihr Herz begann schneller zu schlagen – ob es eine Warnung oder vor Erregung war, konnte sie nicht sagen.

Neal legte die Arme noch fester um sie und lehnte sich zum Mikrofon vor. „Ich glaube, ich werde mich am Ende dieser sechs Wochen wie im Himmel fühlen.“

Die Worte gehörten zur Show, die sie dem Publikum lieferten, aber der Ton tat es nicht. In seiner Stimme lag ein leichtes Beben, ein fast unmerkliches Zittern, das ihn verletzlich wirken ließ. Dieser Mann sollte die Tiermedizin aufgeben und nur noch schauspielern. Er war so gut, dass er bestimmt Oskars am laufenden Band gewinnen würde.

Aber sie konnte auch spielen. Sie rückte von ihm ab und runzelte die Stirn. „Sechs Wochen? Honey, ich brauche weniger als sechs Minuten, bis du dich wie im Himmel fühlst.“

Die Menge röhrte vor Lachen, während Neal tatsächlich errötete. Innerhalb einer Sekunde sah sie eines ganzes Kaleidoskop von Gefühlen in seinen Augen. Doch dann bemerkte sie, dass jemand von der Crew ihr einen Wink gab, und schlüpfte ganz aus seinen Armen.

„Komm, Liebling“, sagte sie. „Wir wollen keine Zeit verlieren.“

Sie winkte noch einmal dem Publikum zu und verließ mit ihm, begleitet von Rufen und Gejohle, die Bühne. An der letzten Stufe angekommen, ließ sie ihn los und war sofort von der Presse umringt. Für einen winzigen Moment vermisste sie seine schützende Gegenwart. Was ist das für ein verrückter Gedanke, schalt sie sich sofort. Du musst zu lange in der Sonne gestanden haben, wenn du plötzlich die Sehnsucht verspürst, dich an einen Mann anzulehnen.

„Sie sehen heute Morgen unglaublich gut gelaunt aus“, sagte Cooper, nachdem sie Colleen erreicht hatte.

„Und warum sollte ich nicht so aussehen?“, fragte Colleen und schenkte einem Fotografen ein strahlendes Lächeln. „Heute ist ein wunderschöner Tag.“

„War es auch eine wunderschöne Nacht?“, fragte Cooper mit einem Blick auf Neal Sheridan.

Colleen lachte laut. Coopers Unsicherheit war ein Sieg. „Noch nicht, Cooper“, erklärte Colleen. Sie fühlte sich auf einmal sehr zuversichtlich. Es würde nichts passieren, womit sie nicht umgehen könnte. „Liebe ist wie Champagner. Er schmeckt nur eine Weile gut. Wenn du die Flasche zu früh öffnest, schmeckt er bereits beim Dessert abgestanden.“

Cooper sah sie nachdenklich an und schaute dann zu Neal hinüber. „Dann werde ich euch beide nicht aus den Augen lassen, damit ich weiß, wann die Flasche geöffnet wird.“

Nicht aus den Augen lassen? Etwas von Colleens guter Laune verschwand. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie zu den zwei Luxusbussen hinüberschaute. „Sie werden doch nicht etwa im Pressebus mitfahren, oder? Ich meine, eine Starreporterin wie Sie …?“

Cooper lachte. „Honey, mit Ihnen verdiene ich mir mein Brot. Oder sollte ich sagen meinen Champagner?“ Das Lächeln auf ihrem Gesicht war berechnend. „Mit Colleen Cassidys Abenteuern verkaufen wir unsere Zeitung besser als mit Berichten über die Ankunft von dreiköpfigen Außerirdischen auf unserem Planeten. Ein Reporter muss da sein, wo die Story ist, und genau das habe ich vor.“

Verflixt. Colleen bekam auf einmal Magenschmerzen und hatte das Gefühl in einen Kampf zu ziehen, in der sie als Einzige nur eine Wasserpistole hatte. Trotzdem schenkte sie Cooper ihr charmantestes Lächeln.

„Ich will sehen, ob es mir gelingt, Ihnen einige Skandale aufzutischen“, bemerkte Colleen. „Ich möchte auf keinen Fall Ihre Leser enttäuschen.“

Nick betrachtete die endlosen Kornfelder, an denen sie seit Stunden vorbeifuhren. Er war nicht müde, obwohl er in der letzten Nacht kaum mehr als ein oder zwei Stunden geschlafen hatte. Noch nie hatte er sich so lebendig gefühlt, so wach, so bereit für alles.

Nun, vielleicht nicht für alles.

Colleens Stimme drang vom hinteren Teil des Busses zu ihm vor, und er spürte erneut ihren warmen Körper an seinem. Er erinnerte sich an ihre Lippen und an das Lachen in ihrer Stimme. Lange verdrängte Gefühle stiegen in ihm auf. Lange unterdrückte Wünsche brannten in seinem Körper.

Verflixt, warum nicht alles. Er hatte gehört, wie Colleen im Gespräch mit der Reporterin Liebe mit Champagner verglichen hatte. Er musste anfangen, ebenso darüber zu denken. Einige Schlucke Liebe würden nichts schaden. Selbst ganze Flaschen davon nicht. Nur durfte er nicht auf die Idee kommen, den ganzen Weinberg zu besitzen. Das würde er sich nie mehr wünschen, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er keinen Champagner mehr genießen durfte.

„Na, wie geht es Ihnen, Doc?“

Neal wandte sich zur Seite und schaute den Mann an, der sich neben ihm auf dem Sitz niedergelassen hatte. Es war Brad, ihr Tourmanager. Nie zuvor hatte er einen Mann mit soviel Energie und fast unerschöpflichen Kraftreserven kennengelernt.

„Großartig“, sagte Nick. „So viel Neues kann einen ganz schlauchen.“

„Ja, diese Busreisen können ganz schön anstrengend sein.“

Nick hatte seine Bemerkung nicht sarkastisch gemeint, aber Brads Stimme verriet ihm, dass der Mann es so aufgefasst hatte. Dabei musste er wirklich mit dieser ganzen Aufregung fertig werden. Die Aufmerksamkeit, die man ihm zollte, die Bewunderung der Fans und nicht zuletzt Colleen.

„Übrigens“, der Tourmanager schaute zu ihm hinüber, „mir gefällt, wie Colleen und Sie miteinander umgehen. Bei euch beiden scheint es gefunkt zu haben. Aber Sie scheinen irgendwie zu zögern. Sie wirken anders als in Ihrer Show.“

Nick runzelte unwillkürlich die Stirn. Verflixt. Und er hatte geglaubt, seine Rolle gut zu spielen. Er sollte sich besser zusammenreißen, wenn er nicht wollte, dass die Leute misstrauisch wurden.

„Sie brauchen sich auf dieser Tour nicht zurückzuhalten. Seien Sie nur ganz Sie selbst.“

„Gut zu wissen“, sagte Nick tapfer. „Ich habe mich extra ein wenig zurückgehalten.“

Brad lachte und schlug Nick auf das Knie. „Dafür ist kein Grund vorhanden. Jeder liebt Neal Sheridan, so wie er ist.“ Mit diesen Worten erhob er sich und kehrte wieder zu seinem Sitz zurück, während Nick erneut auf die gleichbleibende Landschaft starrte. Ach, du lieber Himmel! Und jetzt? Sanftes Lachen drang vom hinteren Teil des Busses an sein Ohr, wie das Perlen von Champagner.

Er sollte sich einen Ruck geben und ganz in der Rolle seines Bruders aufgehen, wenn er nicht Neals Ruf verderben wollte.

Er erhob sich und nickte kurz den beiden Leibwächtern zu, die in der Reihe hinter ihm saßen. Im hinteren Teil des Busses gab es eine Toilette, einen kleinen Liegeraum und eine Bordküche, vor der Colleen mit ihrer PR-Managerin Ashley an einem kleinen Tisch saß. Die beiden Frauen sahen sich Fotos an, und keine von ihnen schaute auf, als er näherkam. Dieser Umstand hätte Nick aufhalten können, nicht aber Neal. Nick setzte sich auf die Bank, und Ashley hob den Kopf und lächelte ihn an. Colleen machte sich noch nicht einmal die Mühe, aufzuschauen. Die Baseballkappe hatte sie tief ins Gesicht gezogen.

„Neue Fotos?“, fragte er.

Ashley nickte. „Die alten waren fast sechs Monate alt.“ Sie schob einige zu ihm hinüber. „Wir können uns nicht entscheiden, welche wir zu den Fanclubs schicken sollen und welche an die Presse.“

„Hübsch“, bemerkte er, als er sich die Bilder eines nach dem anderen anschaute. Obwohl hübsch nicht annähernd das beschrieb, was sich seinem Auge bot. Colleen in Leder. Colleen in Spitze. Eine Colleen, die so verführerisch und sexy aussah, dass ihm ganz heiß wurde.

Ashley erhob sich. „Möchte noch jemand etwas trinken? Wir haben fast alles im Kühlschrank.“

„Für mich nichts, danke“, sagte Colleen.

„Ein Mineralwasser, bitte“, sagte Nick und schaute Colleen an. „Den Champagner heben wir uns für später auf.“

Sie sah auf. Du lieber Himmel, diese Frau hatte unglaubliche Augen. Blauviolett, und ihr Ausdruck änderte sich von besorgt über humorvoll bis verführerisch.

Sie lehnte sich in den Stuhl zurück und schob leicht die Kappe zurück. „Sie sind also ein Champagnerliebhaber?“, fragte sie, die Stimme tief und rau.

„Aber nur, wenn er aus den besten Weinen ist“, erwiderte er. Bemerkte er nicht ein Aufglimmen in ihren schönen Augen? Er lehnte sich vor. „Außerdem finde ich es angebrachter, wenn wir uns auch im Bus duzen. Dann wirken wir in der Öffentlichkeit noch überzeugender.“

„Da könntest du recht haben.“ Ihre Stimme war nur noch ein Flüstern.

Ashley kam an den Tisch und reichte ihm die bereits geöffnete Dose. Nick trank einen Schluck, ohne Colleen mit dem Blick loszulassen. Es war Orangenlimonade.

Der Bus, die Sommerlandschaft, Colleen – alles verschwand, und alles, was er auf einmal hörte, war Donna. Ihr Lachen und ihre Entschuldigung, wenn er aus Versehen ihre Dose erwischte. Sie hatte diese Limonade geliebt. Er hasste sie.

„Neal?“

Sie hatte ihm damit gedroht, dass sie sie ihm in seine Coladose schütten würde. Oder hatte nach einem gelungenen Essen behauptet, sie hätte sie in das Stew oder die Soße gerührt. Es war ein dummes kleines Spiel. Ein kleiner Witz. Und doch war es viel mehr. Es war Teil von dem, was ihre Beziehung ausmachte.

„Neal?“

Er zuckte zusammen, als er Colleens Stimme hörte und sah, dass sie ihn stirnrunzelnd anschaute.

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte sie und schaute dann von der Dose in seiner Hand zu Ashley hinüber. „Du hast ihm Orangenlimonade gebracht. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der dieses Zeug mag.“

Er lächelte und zwang sich, einen weiteren Schluck aus der Dose zu nehmen. „He, ist schon gut. Das macht nichts.“

Colleen sah aus, als ob sie noch nicht bereit war, dieses Thema aufzugeben. Aber er wich ihr aus und schaute auf die Fotos, die ausgebreitet auf dem Tisch lagen. Sein Blick fiel auf eines, auf dem Colleen keine Pose einnahm, sondern sehr natürlich wirkte. Ihr Blick war sehnsüchtig, und ihre Lippen sahen so aus, als ob sie noch nie geküsst worden wären.

„Meine Wahl fällt auf dieses hier“, sagte er.

Der Trick hatte gewirkt. „Nein, nur nicht dieses!“, rief Colleen aus. „Es ist furchtbar.“

„Aber das hier zeigt dein wahres Ich.“

„Mein wahres Ich?“ Colleen schob die Fotos zusammen. „Du machst wohl Witze.“

Er stand auf. „Fotos lügen nicht.“

„Sie lügen immerzu“, widersprach Colleen verärgert. „Unser Berufsstand lebt davon.“

Nick zuckte die Schultern, prostete beiden Frauen mit der Dose zu und ging wieder zu den vorderen Sitzreihen. Er ließ sich in seinen Sitz fallen, stellte die Orangenlimonade in die Halterung, lehnte sich dann zurück und schloss die Augen.

Nun, das war auch wieder schiefgelaufen. Es zeigte ihm, dass er noch besser aufpassen musste, oder die Gespenster der Vergangenheit würden ihn sogar hier einholen. Ihm war ein dummer Fehler unterlaufen, einer, der hätte vermieden werden können, wenn er ein bisschen besser aufgepasst hätte.

Nun, von jetzt ab würde ihm so etwas nicht mehr passieren. Dafür würde er sorgen.

Dieser verflixte Neal Sheridan, dachte Colleen, als die Leibwächter die Gruppe über das Rodeogelände geleiteten. Was ging es sie an, wenn Orangenlimonade ihn in Trance versetzte? Gar nichts. Sicherlich hatte er diesen abwesenden traurigen Ausdruck einstudiert, ein weiterer seiner Tricks, sonst nichts. Und sie wäre beinahe darauf reingefallen.

Brad führte sie jetzt zu einer der vielen Stallungen. Die Hitze und der Geruch von Tieren und Mist war keine gute Kombination.

„Das hier wird schnell gehen“, sagte Brad, während er mit ihnen durch einen langen Stall lief.

Sie folgte Brad den Gang entlang, an dessen Seiten Kuh um Kuh stand. Sie hatte bereits mit Kühen gefilmt, aber diese hier sahen anders aus – größer, bedrohlicher. Was natürlich dumm von ihr war. Eine Kuh war eine Kuh.

„Ihr müsst euch nur ein paar Minuten mit einem Stier fotografieren lassen“, erklärte Brad. „Dann noch mit einigen Schafen und anschließend gehen wir zum Pavillon hinüber und geben eine Autogrammstunde. Dann könnt ihr euch bei einem Barbecue erholen. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch noch das Feuerwerk ansehen.“

Ein Mann öffnete eine Metalltür und führte sie in eine Art Arena, in der ein Stier stand. Kameraleute und Fotografen folgten ihnen.

Als sie auf den Stier zuging, stellte Colleen fest, dass das Tier ihr nur bis zur Schulter reichte. Allerdings hätte sie schwören können, dass sein Blick nicht besonders freundlich war. Aber das hatte sie bei den Filmarbeiten auch schon oft gedacht, und zum Schluss waren sie alle zahm und brav gewesen. Außerdem hielt ein junges Mädchen, das beim Anblick von Neal in Ohnmacht zu fallen drohte, das Tier an einer Leine.

Neal sah den Teenager an. „Das ist aber ein Prachtexemplar“, lobte er den Stier.

„Danke“, hauchte das Mädchen, dessen Gesicht erst blass und dann knallrot wurde. Dem großen Neal Sheridan persönlich gegenüberstehen zu dürfen, brachte die Kleine offensichtlich durcheinander. Colleen musste ein Lachen unterdrücken.

„Colleen, stell dich bitte neben Neal“, schlug Brad vor. „Und nimm deine Sonnenbrille ab.“

Der Stier brüllte plötzlich, und Colleen sprang unwillkürlich zurück. Sie trat in etwas Matschiges unter dem Stroh und fluchte leise. Das bullige Tier wurde leicht unruhig, doch das Mädchen beruhigte es sofort.

„Ganz ruhig, Bum“, flüsterte sie und streichelte den Hals des Tieres.

Neal sah verärgert aus. „Dieses Tier ist viel zu nervös“, sagte er zu Brad. „Sie müssen einige Leute hinausschicken.“

„Nur ein paar Fotos“, warf Colleen ein und trat wieder etwas näher an das Tier heran. Sie nahm die Sonnenbrille ab und kam sich nackt und verletzlich vor. „Lass es uns hinter uns bringen.“

„Ja, wir beeilen uns.“

Kameras begannen zu surren, und Blitzlichter durchzuckten den halbdunklen Stall. Sie lächelte ununterbrochen, bis sie Neals Hand auf ihrem Arm spürte.

„Steh nicht zu nah am Stier“, sagte er. „Die vielen Lichter könnten ihn …“

Sie entzog sich mit einem schrillen Lachen seiner Hand. „Ich bin bereits zuvor …“ Sie ging einen Schritt zurück und trat erneut in Mist, rutschte aus und berührte in dem Versuch, ihre Balance zu bewahren, den Stier.

Das Tier brüllte, als wenn man es geschlagen hätte. Es schlug aus, tobte einen Moment und wandte sich dann Colleen zu. Sie sah die wutfunkelnden Augen des Stieres, war jedoch unfähig zu reagieren, als das Tier langsam den Kopf senkte.

„Pass auf“, schrie Nick, sprang blitzschnell auf sie zu und schob sie zur Seite, als das Tier losrannte.

3. KAPITEL

„Mir geht es gut. Wirklich“, sagte Nick. Sein Kopf und jeder andere Teil seines Körpers schmerzte. Aber die Liegen in der Notaufnahme waren auch wirklich nicht sehr bequem.

Den Arzt schien seine Aussage nicht sehr zu beeindrucken, sondern er schaute weiterhin mit einer kleinen Stableuchte in seine Augen. „Sie waren immerhin fünf Minuten ohnmächtig.“

„Ich habe mich ausgeruht“, widersprach Nick.

„Ich verstehe.“

Der Arzt legte die Lampe zur Seite und betrachtete die Röntgenfotos, die an der Leuchtwand hingen. Nick machte sich keine Mühe, zu ihnen hinüberzuschauen. Als er noch Football in der Highschool spielte, hatte er bereits schlimmere Zusammenstöße überstanden.

„Doktor.“ Eine Krankenschwester zog den Vorhang auf. „Hier sind einige Leute, die den Patienten kurz sprechen möchten.“

Colleen schob sich an der Schwester vorbei, ohne eine Antwort abzuwarten. John und Ashley folgten ihr, aber Nick nahm kaum von ihnen Notiz. Die Untersuchungskabine war plötzlich ganz und gar mit der Colleens Gegenwart erfüllt – mit ihrer Schönheit, ihrer Energie, ihrem wundervollen Duft. Sie trug immer noch das knappe Oberteil, das sein Blut in Wallung gebracht hatte, als er sie für die Fotos in den Armen gehalten hatte. Und auch jetzt begann sein Herz schneller zu schlagen.

„Ist dir wirklich nichts Schlimmes passiert?“, fragte Colleen.

Er zwang sich, sie anzusehen. Ihr Gesicht war so weiß wie das Laken, auf dem er lag. Der spielerische Ton, der sonst in ihrer Stimme lag, war verschwunden.

„Mir geht es gut.“ Er setzte sich auf, um die Wahrheit seiner Worte zu bestätigen. Die Welt schwankte leicht um ihn, aber er ignorierte es.

Aber Ashley trat zu ihm und drückte ihn sanft wieder hinunter. Dann wandte sie sich John zu. „Wir müssen unbedingt ein paar Fotos von den beiden haben. Ich meine, wie er hier liegt und Colleen an seiner Seite ist.“

Nick stellte verärgert fest, dass es ihm im Liegen besser ging. Der unangenehme Schwindel war verschwunden. „Warum?“, fragte er schroff.

„Du bist ein Held“, erwiderte Ashley. „Das ist großartige Publicity. Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können.“ Sie verschwand hinter dem Vorhang, und das Klicken ihrer Absätze wurde immer leiser, als sie davoneilte.

Colleen setzte sich an Nicks Seite. Er schaute sehnsüchtig auf die leicht gebräunte Haut ihrer schlanken Arme und musste sich zusammenreißen, um sie nicht zu streicheln. Er suchte ihr Gesicht und spürte das Verlangen, die zarte Haut ihrer Wangen zu spüren, sein Gesicht in ihrem seidigen Haar zu verbergen.

Sein Magen zog sich zusammen, und er wandte sich rasch John zu. „Nun, kommt schon, ich habe gar nichts getan.“ Er musste unbedingt hier raus, allein sein, damit er wieder Kontrolle über sich gewann.

„Du hast Colleen das Leben gerettet“, erwiderte John.

„Ich habe sie vor einigen blauen Flecken bewahrt, das ist alles.“

„Der Stier hat dich mit einer unglaublichen Gewalt zu Boden geworfen, und du warst ohnmächtig.“

„Er hat Glück gehabt und sich nur eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen“, erklärte der Arzt. Er machte einige Notizen auf Nicks Krankenblatt. „Aber er muss zumindest heute Nacht noch beobachtet werden.“

„Beobachtet werden?“, wiederholte Nick. Er wollte nicht, dass ihn jemand beobachtete. Er wollte allein sein. „Ich werde nicht über Nacht bleiben.“

Ashley kehrte mit einem Fotografen und einem Kameramann zurück. „Colleen, halte Neals Hand und gib ihm diesen Mein Held – Blick.“ Sie legte Nicks Hand in Colleens, während die Presseleute ihre Arbeit begannen.

Colleen schaute ihn an, Besorgnis lag in ihren blauvioletten Augen. „Du bist verletzt, vielleicht solltest du besser hierbleiben.“

Er spürte ihre Hand in seiner, und sein Körper reagierte ganz und gar nicht wie ein Mann, der eine Gehirnerschütterung erlitten hatte.

„Ich bin nicht verletzt“, beharrte er und versuchte, sich aufzurichten.

„Wie geht es denn unserem großen Helden?“ Eine große Frau in den Mittdreißigern barst plötzlich in den Raum.

Colleens Händedruck wurde für einen Moment fester, und dann schob sie Nicks Hand langsam fort. „Ihm geht es gut, Cooper“, sagte sie über ihre Schulter. „Aber sie wollen ihn über Nacht zur Beobachtung hierbehalten.“

Das Händchenhalten mit Colleen hatte in Nick eine unendliche Sehnsucht nach mehr geweckt. Er hätte ihr jetzt gern in die Augen geschaut, aber alles, was er aus dieser Perspektive sehen konnte, waren ihre Brüste. Durch das dünne Material ihres Tops konnte er ihre leicht aufgerichteten Brustspitzen sehen, und er musste nervös schlucken.

Er schloss rasch die Augen. Das war alles Neals Schuld. Irgendwie war er tatsächlich in das Leben seines Bruders getreten. Neal war der Mann, der auf Brüste und Beine stand. Er selbst hatte immer nach der Seele einer Frau Ausschau gehalten, versucht, ihre ganze Persönlichkeit zu erfassen. Noch nie hatte sein Körper so stark auf eine Frau reagiert. In Colleens Gegenwart schmerzte vor Sehnsucht jede Faser seines Körpers.

„Er muss über Nacht bleiben?“, fragte Cooper. „Das ist wirklich schade. Da werden aber einige Ladys sehr einsam sein.“

Nick gefiel ihr anzüglicher Ton überhaupt nicht, aber er war zu mitgenommen, um eine Bemerkung zu machen. Er hatte das Gefühl, als ob der Stier ihn den ganzen Nachmittag auf seinen Hörnern hin und her geschüttelt hatte, und wollte nur noch in sein Hotelzimmer und schlafen.

„Ich werde nicht hierbleiben“, brummte er. „Mir geht es wieder gut.“

Der Arzt verzog das Gesicht. „Jemand muss aber regelmäßig nach Ihnen sehen. Ich werde Sie nicht ohne dieses Versprechen entlassen.“

„Also gut.“ Nick setzte sich auf, und Colleen ergriff seinen Arm, als er die Beine über die Kante der Liege schwang.

„Jemand muss nach ihm sehen?“, fragte Cooper. „Warum nicht Colleen?“

„Was?“ Colleens Griff um Nicks Arm wurde so fest, dass es ihm fast weh tat, doch dann entspannte sie sich wieder. „Was für eine großartige Idee, Cooper. Ich wollte schon immer einmal Krankenschwester spielen.“

Sie sah Nick an, und ihr Lächeln wurde breiter, als sie ihm den Arm um die Taille legte und sich an ihn schmiegte. Ihre Brüste berührten ihn leicht, und Nick hatte Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen.

„Ich werde die ganze Nacht an deiner Seite bleiben“, erklärte Colleen freudestrahlend.

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