Logo weiterlesen.de
BIANCA EXKLUSIV BAND 265

IMAGE

Verräterisch klopfendes Herz

PROLOG

Da draußen sitzt er in seinem Schaukelstuhl und fühlt sich wie auf einem Thron.

Slade McCafferty knirschte mit den Zähnen, als er durch die verschmutzte Windschutzscheibe seines Trucks auf die breite Veranda des Hauses blickte. Es war das Haus, in dem er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Der alte Mann im Schaukelstuhl, John Randall McCafferty, hielt sich kerzengerade. Insgeheim bewunderte Slade ihn dafür, wie hartnäckig er sich an das Leben klammerte. Er bewunderte ihn für seine Sturheit. Und sogar dafür, dass er fest entschlossen gewesen war, den Willen seiner Kinder zu brechen, um seine eigenen Ziele zu erreichen.

Das Problem war nur, dass es nicht funktioniert hatte. Aus Thorne, dem ältesten McCafferty-Sohn, war ein scharfsinniger Anwalt geworden, der ein millionenschweres Unternehmen in Denver leitete. Matt, der Zweitgeborene, hatte sich eine eigene Ranch an der Grenze zu Idaho gekauft. Randi, die Jüngste und Halbschwester der Brüder, lebte in Seattle und schrieb eine Kolumne, die sie an mehrere Zeitungen verkaufen konnte.

Blieb noch er selbst, Slade.

Immer das schwarze Schaf.

Immer der Schurke.

Immer in Schwierigkeiten.

Er stieg aus dem Wagen, und sogleich schoss ihm ein scharfer Schmerz durch die Hüfte. Als er vor Schmerz das Gesicht verzog, spürte er wieder, wie sich die Haut rund um die kaum sichtbare Narbe auf seiner Wange zusammenzog. Die Narbe erinnerte ihn ständig daran, wie tief er auch innerlich verletzt war.

John Randall sagte kein Wort. Bedächtig schaukelte er in seinem Schaukelstuhl, während er seinen jüngsten Sohn mit zusammengezogenen Brauen beobachtete.

Slade musterte den Mann, der ihn gezeugt hatte. „Dad.“ Er stieg die Treppe hoch.

„Ich dachte schon, dass du gar nicht mehr kommst“, begrüßte ihn sein Vater.

„Du hattest gesagt, dass es wichtig ist.“ Du liebe Güte, der alte Herr sah wirklich schlecht aus. Das dünne weiße Haar bedeckte kaum noch die altersfleckige Kopfhaut. Die Augen, die früher einmal stahlblau gewesen waren, schimmerten fahl. Aber trotzdem war John Randalls Lebensfunken noch nicht erloschen. An den harten Kiefermuskeln konnte man deutlich sehen, dass die unbändige Willenskraft der McCaffertys immer noch in ihm steckte.

„Ist es auch. Setz dich.“ Er deutete auf die Bank unter dem Fenster. Aber Slade lehnte sich gegen die Verandabrüstung und schaute seinen Vater aufmerksam an. Die Sonne brannte ihm in den Nacken.

„Was ist so bedeutend, dass es keinen Aufschub duldet?“

„Ich will einen Enkel.“

„Wie bitte?“ Etwas in Slades Brust schien sich zusammenzuziehen, und der vertraute Schmerz pochte ihm in den Schläfen.

„Du hast mich richtig verstanden. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Und wenn ich ins Gras beiße, will ich die Gewissheit haben, dass du dich irgendwo niedergelassen und eine Familie gegründet hast. Ich will, dass der Name McCafferty weiterlebt.“

„Vielleicht solltest du solche Sachen nicht ausgerechnet mit mir besprechen.“ Jedenfalls nicht jetzt. Dazu waren die Erinnerungen zu frisch.

„Ich habe schon mit Thorne und Matt geredet. Jetzt bist du dran.“

„Ich habe keine Lust …“

„Ich weiß, was mit Rebecca passiert ist.“

Slade riss sich zusammen.

„Und dem Baby.“

Sein Schädel dröhnte so laut, dass er beinahe wahnsinnig wurde. Die Narbe schien zu pulsieren. „Damit werde ich leben müssen“, sagte er und bedachte den alten Mann mit einem durchdringenden Blick. „Und es wird die Hölle sein.“

„Du hattest keine Schuld. Und du kannst dir nicht dein ganzes Leben lang Vorwürfe machen“, erwiderte sein Vater. „Sie sind tot. Es war ein grauenhafter Unfall. Ein schmerzhafter Verlust. Aber das Leben geht weiter.“

John Randall griff in seine Westentasche und zog eine Uhr hervor. Es war eine Taschenuhr in Gold und Silber, auf die das Wappen der Flying M eingraviert war, das Wappen der Ranch, die sein ganzer Stolz und seine ganze Freude war. „Ich möchte, dass du sie nimmst.“

„Nein, Dad. Behalte sie.“

Der alte Mann lächelte bitter. „Ich kann sie nicht mehr gebrauchen. Nicht dort, wo ich hingehe. Ich will, dass du sie behältst. Zur Erinnerung an mich.“ Er drückte Slade die Uhr in die Hand. „Mein Sohn, du solltest dein Leben nicht sinnlos verschwenden. Es ist kürzer, als du glaubst. Höchste Zeit, dass du die Vergangenheit hinter dir lässt. Such dir ein Zuhause. Gründe eine Familie.“

„Nein, wohl kaum.“

Eine Fliege summte an John Randalls Kopf vorbei, und er schlug mit seiner knochigen Hand nach ihr. „Slade, du musst mir ein Versprechen geben. Hör auf, umherzustreunen. Bleib hier auf der Ranch, bis du herausgefunden hast, was du mit deinem Leben anfangen willst. Ob du es glaubst oder nicht, du brauchst eine gute Frau. Eine Mutter für deine Kinder. Eine Frau, die dir den Glauben an die Liebe zurückgibt.“

Slade straffte den Rücken. „Das solltest du dir besser abschminken.“ Kommentarlos ließ er die Taschenuhr in den Schoß seines Vaters fallen.

1. KAPITEL

Sieben Monate später

Die McCaffertys! Warum um alles in der Welt muss das Meeting ausgerechnet mit den verdammten McCafferty-Brüdern stattfinden?

Janine Parsons bog in die Auffahrt zur kleinen Farm ihrer Großmutter ein. Das altmodische Haus ihrer Großmutter war malerisch in die Landschaft gebaut, aber es hatte dringend ein paar Reparaturen nötig, und ein frischer Anstrich konnte auch nicht schaden.

Janine griff nach ihren Akten. Mit der anderen Hand schnappte sie sich ihre Reisetasche, in die sie die notwendigsten Dinge für die Nacht gepackt hatte, und ging durch den zehn Zentimeter hohen Pulverschnee zur Hintertür. Den Ersatzschlüssel fand sie auf der Fensterbank, wo ihre Großmutter Nita ihn immer versteckt hatte.

Janine war die Kehle wie zugeschnürt, wenn sie an die Frau dachte, die sie vor vielen Jahren als wilden, rebellischen Teenager bei sich aufgenommen hatte. In ihrem Haus und in ihrem Herzen hatte sie ein Mädchen willkommen geheißen, das von ihren Eltern längst aufgegeben worden war.

Eines Tages hatte Janine mit zwei Koffern, einem einäugigen Teddybären und frechen Manieren bei ihr auf der Schwelle gestanden. Ohne mit der Wimper zu zucken hatte die alte Frau erklärt, dass von nun an alles anders werden würde. Von dieser Sekunde an hätte Janine sich ihren Regeln zu fügen – ohne Wenn und Aber.

Natürlich waren sie nicht immer reibungslos klargekommen.

Natürlich hatte Janine hinter dem Rücken der Frau alles Mögliche angestellt.

Natürlich hatte Janine alles versucht, damit ihre Großmutter sie wieder hinauswarf – aus dem einzigen Zuhause, das sie jemals gehabt hatte.

Nana hatte niemals aufgegeben. Sie war imstande gewesen, ihre Enkelin mit einem einzigen Blick zur Vernunft zu bringen. Ganz anders als all die anderen Menschen in Janines Leben.

Der Schlüssel ließ sich leicht im Schloss herumdrehen. Janine betrat die Küche. Es roch muffig, und auf den schwarzweißen Fliesen lag der Staub. Der alte Resopal-Küchentisch stand immer noch an der gegenüberliegenden Wand. In den karierten Vorhängen hatten Spinnen sich häuslich eingerichtet.

Wenn Nana noch am Leben wäre, sähe es hier anders aus, dachte Janine. Die Küche hatte immer blitzblank gestrahlt. „Sauberkeit ist gottgefällig“, hatte die alte Frau immer gepredigt, während sie mit dem Besen durch das Haus gefegt war, eine Lampe poliert oder ein Waschbecken geschrubbt hatte.

Du liebe Güte, dachte Janine wehmütig, wie ich sie vermisse!

Den Großteil von Nanas Nachlass hatte sie geerbt. Es handelte sich um das alte Farmhaus, ungefähr acht Hektar Land und den Chevrolet aus den 1940er-Jahren, der in der alten Garage stand. Es war Nanas Traum gewesen, dass Janine sich in Grand Hope niederließ, in dem kleinen Cottage lebte, sich verheiratete und ein halbes Dutzend Kinder bekam, die sie als Urgroßmutter dann verwöhnen durfte.

„Entschuldige, Nana“, sagte Janine laut, ließ ihre Taschen auf den Tisch fallen und zeichnete mit dem Finger eine feine Spur in den Staub auf der Tischplatte. „Irgendwie habe ich es nicht hingekriegt.“

Vor ihrem inneren Auge erschien ihre Großmutter, eine kleine rundliche Frau mit grauem dauergewelltem Haar, breiten Hüften und kräftigen Oberarmen. Nita Parsons hätte wie immer ihre verschlissene Lieblingsschürze umgebunden. Um diese Jahreszeit hätte sie bereits mehrere Bleche mit kleinen Weihnachtsplätzchen gebacken.

„Oh, Nana“, wisperte Janine und schaute aus dem Fenster in den schneebedeckten Garten hinaus. Sie hatte sich vorgenommen, gründlich zu putzen und das Haus über einen örtlichen Immobilienmakler zu verkaufen.

Sie schaute auf die Uhr. Für nostalgische Träumereien blieb keine Zeit mehr. Es gab zu viel zu erledigen, das Treffen mit den McCafferty-Brüdern eingeschlossen.

Na, das wird bestimmt ein großartiger Spaß. Janine brachte ihr restliches Gepäck ins Haus. Ihr Schlafzimmer unter dem Dach sah noch genauso aus, wie sie es vor Jahren zurückgelassen hatte. Sogar die handgemachte Patchworkdecke lag immer noch auf dem Bett.

Janine packte aus und verbot sich, dabei ihre Gedanken zu der Zeit zurückschweifen zu lassen, die sie hier mit Nana verbracht hatte … Anderthalb Jahre waren es nur gewesen – zugleich die schönste und die schrecklichste Zeit ihres Lebens.

Zum ersten Mal in ihrem siebzehnjährigen Leben hatte sie erfahren, was es bedeutete, bedingungslos geliebt zu werden. Denn Liebe hatte sie in den goldenen Augen der alten Frau gelesen, wenn die sie über die randlose Brille hinweg angeschaut hatte.

Aber hier hatte Janine auch ihre erste Liebe erlebt, die ersten schmeichelhaften Komplimente gehört, die Slade McCafferty ihr ins Ohr geflüstert hatte … dieser Dreckskerl.

Gemeinsam waren sie über die weite Prärie Montanas galoppiert, und auf Nanas altem Fuchswallach Caesar hatte sie sogar den Fluss durchquert, nur weil Slade McCafferty sie dazu gedrängt hatte.

Nie würde sie das Glücksgefühl vergessen, als sie auf Caesars Rücken mit der Strömung geschwommen war. Slades blaue Augen hatten vor Freude förmlich getanzt, und er hatte ihr den verborgenen Wildwechsel gezeigt, auf dem man manchmal Hirsche beobachten konnte.

Ihr Herz schmerzte, wenn sie daran dachte. Entschlossen drängte sie die Erinnerungen beiseite und richtete sich im Esszimmer ein provisorisches Büro ein, dank Laptop und Modem kein Problem.

Sie schaute auf die Uhr. „Du solltest dich langsam auf den Weg machen, Parsons“, mahnte sie sich, obwohl ihr Magen sich jedes Mal zusammenziehen wollte, wenn sie daran dachte, Slade Auge in Auge gegenüberzustehen. Dabei war es einfach nur lächerlich.

Seit Jahren schon hatte sie mit Slade McCafferty abgeschlossen. Seit Jahren.

Es war also überhaupt kein Problem, ihm wieder zu begegnen. Ein ganz gewöhnlicher Tag im Leben einer Anwältin, ein Kinderspiel.

Aber warum fühlte ihre Brust sich dann an wie zugeschnürt, warum raste ihr Herz wie verrückt, warum standen ihr Schweißperlen auf der Stirn, obwohl es doch ein kalter Wintertag war? Um Himmels willen, du benimmst dich wie ein alberner Teenager, mahnte sie sich.

Sie zog die Jeans und das alte Lieblingssweatshirt aus und tauschte beides gegen ein schwarzes Kostüm mit Seidenbluse und kniehohen Stiefeln. Dann drehte sie sich das Haar zu einem Knoten und steckte ihn hoch, bevor sie sich im Spiegel über der Kommode betrachtete.

Es lag fast fünfzehn Jahre zurück, dass sie Slade McCafferty das letzte Mal gesehen hatte. In diesen fünfzehn Jahren war sie aufgeblüht, war nicht mehr die freche Achtzehnjährige, die es allen beweisen wollte. Nein, sie war eine erwachsene Frau, die in zwei Jobs gearbeitet hatte, um das College zu schaffen, und schließlich ein Examen in Jura abgelegt hatte.

Die Frau im Spiegel war selbstbewusst, zuverlässig und entschlossen: jeder Zoll die erfolgreiche Anwältin. Aber hinter dem Bild schimmerte noch immer eine andere Janine durch, die, die sie früher gewesen war: das wilde Mädchen, das neu in der Stadt aufgetaucht war, mit schlechten Manieren und einem noch schlechteren Ruf.

Schmetterlinge flatterten in ihrem Magen, als sie daran dachte, dass sie Slade gegenübertreten würde. Doch sogleich schalt sie sich dafür. Was fiel ihr ein, sich auf einmal wieder zu benehmen wie der melodramatische Teenager von damals! Wütend streifte sie sich ihre schwarzen Handschuhe über, schlüpfte in den passenden Wollmantel und griff nach ihrer Aktentasche.

Innerhalb weniger Sekunden war sie die Treppe hinuntergeeilt und hatte Nanas Haus durch die Hintertür verlassen. Janine hielt sich die Aktentasche wie ein Schutzschild vor die Brust, als sie durch den Schnee zu ihrem kleinen Wagen stapfte. In kurzer Zeit würde sie also Slade McCafferty wiedersehen.

Na und?

Bis jetzt war es ein grauenhafter Tag gewesen.

Und er konnte nur schlimmer werden.

Slade lehnte sich mit der Schulter gegen den Fensterrahmen und starrte aus dem Esszimmer auf das verschneite Gelände der Flying M und die bewaldeten Hügel. Ein paar Rinder trotteten gemächlich durch die Winterlandschaft. Die grauen Wolken sahen ganz danach aus, als würde noch mehr Schnee fallen. Slades Hüfte schmerzte ein bisschen und erinnerte ihn daran, dass der Skiunfall vom letzten Jahr noch nicht ganz ausgeheilt war.

An dem langen Tisch, an dem die Familie sich an den Feiertagen und zu besonderen Gelegenheiten versammelte, saß Thorne. Er hatte das weihnachtliche Gesteck aus Stechpalme und Misteln beiseitegeschoben und stapelweise Unterlagen vor sich ausgebreitet.

„Bist du sicher, dass du verkaufen willst?“, fragte Thorne zum hundertsten Mal.

Dabei hatten sie wieder und wieder über das Thema gesprochen.

Slade hielt es nicht für nötig, ihm zu antworten.

„Wo willst du nach dem allem hier hingehen?“

„Keine Ahnung.“ Slade zuckte die Schultern. „Erst mal bleibe ich hier. Vielleicht so lange, bis ich den Kerl zwischen die Finger kriege, der Randi ans Leder wollte.“

Thorne presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. „Kann den Tag kaum erwarten, an dem wir den Kerl endlich schnappen.“ Er schob den Stuhl zurück. „Hast du irgendwas von Striker gehört?“, fragte er und meinte den Privatdetektiv, den sie engagiert hatten. Slade kannte Kurt Striker schon seit Jahren und hatte ihn gebeten, wegen der Anschläge zu ermitteln, die auf seine Halbschwester Randi verübt worden waren. Matts Verlobte Kelly Dillinger unterstützte Strikers Ermittlungen. Früher hatte sie bei der Polizei gearbeitet; vor Kurzem hatte sie dort gekündigt und im Büro des Privatdetektivs angeheuert.

„Nein. Hab ihm heute Morgen eine Nachricht hinterlassen.“

Thorne schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, es wäre endlich vorbei.“

„Das wollen wir alle.“

Wie gern würde Slade die ganze Geschichte hinter sich lassen. Seit er sich auf der Flying M aufhielt, fühlte er sich rastlos. Er brannte darauf, endlich ein neues Leben zu beginnen. Wie auch immer das aussehen mochte. Denn seit Rebecca … nein, er wollte nicht daran denken. Es schmerzte immer noch zu sehr.

Es ist höchste Zeit, dass du die Vergangenheit hinter dir lässt. Such dir ein Zuhause. Gründe eine Familie. Die Stimme seines Vaters echote ihm gespenstisch durch den Kopf.

Im Flur waren Schritte zu hören.

„Entschuldigung, ich bin zu spät …“, grüßte Matt und eilte ins Esszimmer. An seiner Schulter lag Randis Baby. In den zwei Monaten seines Lebens hatte J. R. bereits die Herzen seiner Onkel im Sturm erobert – was viele Frauen in der Gegend niemals für möglich gehalten hätten.

Matt rückte sich das Baby auf der Schulter zurecht. J. R. gab ein merkwürdig glucksendes Geräusch von sich, das Slade ein Lächeln entlockte. Die rötlich blonden Haare des kleinen Jungen standen in alle Richtungen ab, ganz egal, wie oft Randi sie kämmte. Mit seinen großen Augen blickte er neugierig in die Welt, reckte das winzige Näschen in die Höhe und tat so, als gehörte das Haus ihm allein. „Mit diesem kleinen Kerlchen hatte ich alle Hände voll zu tun.“

Thorne lachte. „Das soll wohl eine Entschuldigung sein, was?“

„Nein, keine Entschuldigung. Ich will euch nur erklären, warum ich zu spät komme.“

„Okay. Dann zum Geschäftlichen“, sagte Thorne. „Abgesehen von der Sache mit dem Landverkauf möchte ich prüfen lassen, welche Rechte der Vater des Kindes eventuell einklagen kann.“

„Das wird Randi nicht gefallen“, prophezeite Matt.

„Natürlich nicht. Nicht dass ihr in letzter Zeit überhaupt irgendwas gefallen hätte.“

Stimmt, fügte Slade lautlos hinzu. Aber er konnte seiner Schwester nicht vorwerfen, dass sie unruhig und nervös war. Und dass sie es hasste, eingesperrt zu sein. Schließlich kannte er das Gefühl. Es wurde Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen … sobald der Kerl geschnappt war, der ihr das Leben zur Hölle machte.

„Ich will nur das Beste für sie“, fügte Thorne hinzu.

„Das macht es für sie nur noch schlimmer.“ Slade stützte sich mit der Hüfte an der Tischkante ab.

„Leider. Trotzdem, wenn Ms Parsons endlich eintrifft, werde ich sie auf die Sache mit J. R.s Vater ansprechen.“

Ms Janine Parsons. Rechtsanwältin.

Unwillkürlich biss Slade die Zähne zusammen, wenn er an sie dachte. Niemals hatte er damit gerechnet, sie wiederzusehen. Und er hatte es auch nicht gewollt. Wollte es immer noch nicht. Eine Zeit lang hatte er sich mit ihr getroffen. Zugegeben, sie hatten sogar ein paar Dates gehabt. Ihre umwerfende Ausstrahlung hatte das Verlangen nach mehr in ihm geweckt. Aber andererseits hatte er schon viele Frauen in seinem Leben kennengelernt, vor Janine Parsons und nach ihr. Warum so viel Wirbel darum machen?

„Wie komme ich bloß darauf, dass ihr gerade über mich gesprochen habt?“, fragte Randi auf der Schwelle zum Esszimmer. Nach dem Unfall, der sie fast das Leben gekostet hätte, humpelte sie immer noch ein bisschen. Aber sie ging kerzengerade aufgerichtet auf Matt zu und nahm ihm das Baby aus den Armen.

„Wann kommt die Anwältin?“, erkundigte sie sich.

Thorne schaute auf die Uhr. „In einer Viertelstunde.“

„Gut.“ Randi küsste ihren Sohn auf die Stirn, und das Baby gab ein zufriedenes Glucksen von sich. Slade spürte einen Stich in der Herzgegend, als der inzwischen vertraute Schmerz wieder einmal erwachte. Nein, er war nicht neidisch auf Randi. Aber trotzdem erinnerte ihn jeder Blick auf seinen Neffen an den Verlust, den er erlitten hatte.

Seine Schwester hatte unendlich viel durchmachen müssen. Mal abgesehen von den Beinverletzungen, die sie immer noch manchmal vor Schmerz zusammenzucken ließen, litt sie unter einem Gedächtnisproblem. Amnesie. Wenn man ihr glauben durfte.

Slade war nicht restlos überzeugt. Weil er sich nicht sicher war, ob seine Halbschwester ihm die ganze Wahrheit aufgetischt hatte. Ihr Gerede von Gedächtnisverlust wirkte einfach vorgeschoben. Er hatte den Verdacht, dass die Amnesie alles viel einfacher für sie machte. Sie musste keinerlei Erklärungen abgeben. Noch nicht einmal zu dem verdammten Unfall, der sie beinahe umgebracht hatte.

Was zum Teufel war auf der vereisten Straße im Glacier Park geschehen? Slade, seine Brüder und die Polizei wussten nur eines: dass Randi mit ihrem Jeep von der Straße abgekommen und eine Böschung hinuntergerutscht war. War die Straße vereist gewesen? Oder hatte jemand sie absichtlich von der Fahrbahn gedrängt?

Der Privatdetektiv Kurt Striker war von der zweiten Möglichkeit überzeugt. Und er glaubte, dass ein brauner Ford in die Sache verwickelt war. Die Polizei ermittelte noch. Nur Randi allein kannte die ganze Wahrheit. Aber sie machte den Mund nicht auf.

Infolge des Unfalls hatten die Wehen vorzeitig eingesetzt, und das Baby war zu früh geboren worden. Randi hatte innere Verletzungen davongetragen, eine Gehirnerschütterung, Platzwunden, einen gebrochenen Kiefer und ein gebrochenes Bein. Die meiste Zeit der Genesung hatte sie im Koma gelegen, während ihre Brüder fieberhaft nach der Person gefahndet hatten, die ihr und ihrem Baby solches Leid angetan hatte.

Bis jetzt hatten sie nichts erreicht. Wer auch immer für den Anschlag verantwortlich war, er hatte jedenfalls zum zweiten Mal versucht, Randi umzubringen. Er hatte sich als Arzt verkleidet, war in die Klinik eingedrungen und hatte Insulin in Randis Tropf gespritzt. Randi hatte überlebt, wenn auch nur knapp. Und der Verrückte lief immer noch irgendwo da draußen herum.

Randi setzte sich Thorne gegenüber an den Tisch. „Wenn die Anwältin sowieso vorbeischaut, möchte ich mit ihr darüber sprechen, dass der Name von meinem Kleinen auch offiziell geändert wird. J. R. gefällt mir überhaupt nicht.“

„Wie du willst. Wir brauchen sowieso ein paar Angaben für die Geburtsurkunde.“ Thorne sah zu seinem Neffen hinüber. „Aber ich finde, dass J. R. ganz gut zu ihm passt.“

„Ich auch“, stimmte Slade zu. „Wir haben uns auf die Initialen geeinigt, als du im Koma gelegen hast.“

„Schon gut, du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Die Abkürzung mag ja ganz praktisch gewesen sein. Jetzt wird er sowieso nur noch J. R. genannt. Aber ich werde seinen Namen offiziell in Joshua Ray ändern lassen. Joshua Ray McCafferty.“

„Es ist dein Kind. Du kannst es nennen, wie immer du möchtest“, bekräftigte Thorne. „Aber ich habe der Anwältin nichts davon gesagt, dass wir außer dem Verkauf der Ranch noch mehr Dinge zu besprechen haben.“

„Wie heißt sie eigentlich?“, erkundigte sich Randi, während sie ihrem Sohn ein Lätzchen umband.

„Janine Parsons, die Juniorpartnerin von Chuck Jensen. Sie ist hier in der Gegend aufgewachsen.“

„Janine?“ Nachdenklich zog Randi die Brauen zusammen. Slade konnte förmlich sehen, wie es in ihrem Hirn arbeitete, während sie ihre eigenen Schlüsse zog. Na also. Sie suchte seinen Blick.

„Janine hat bei ihrer Großmutter außerhalb der Stadt gelebt.“ Thorne zuckte zusammen, als er das Gipsbein auf dem Stuhl zurechtrückte.

„Nita Parsons. Ja, ich kann mich an sie erinnern. Mom hat mich Klavierunterricht bei ihr nehmen lassen. Die alte Frau war ziemlich streng.“

Die Männer schwiegen. Es gefiel ihnen nicht, an Randis Mutter erinnert zu werden, denn sie war der Grund für die Scheidung ihrer Eltern gewesen. John Randall hatte sich in Penelope Henley verliebt, sich prompt von Larissa scheiden lassen und die viel jüngere Frau geheiratet.

Schon ein halbes Jahr nach der Hochzeitsnacht war Randi zur Welt gekommen. Slade hatte weder seine Stiefmutter noch das Baby besonders gemocht. Aber mit den Jahren hatte er aufgehört, seine Halbschwester für die gescheiterte Ehe seiner Eltern verantwortlich zu machen.

Slade spürte Randis Blick auf sich ruhen. Jetzt würde sie jeden Augenblick die Frage stellen, die er um keinen Preis hören wollte. „Janine und du, ihr seid doch vor vielen Jahren ein Herz und eine Seele gewesen, nicht wahr?“

„Wohl kaum ein Herz und eine Seele. Wir haben uns ein paar Mal getroffen. Keine große Sache.“ Er stopfte seine Hände in die Jeanstaschen und hoffte, dass es damit genug war. Aber schließlich war seine Schwester Journalistin.

„Bestimmt öfter als nur ein paar Mal. Und wenn ich mich recht erinnere, war sie ziemlich scharf auf dich.“

„Ach, wirklich?“, fragte Matt dazwischen. Ein Lächeln huschte über seine unrasierten Wangen. „Kaum zu glauben, dass eine Frau so dumm war, auf dich hereinzufallen.“

„Komisch, oder?“, bekräftigte Randi, während J. R. versuchte, ihren Ohrring zu erreichen.

„Was ich viel komischer finde, ist, dass du das noch weißt. Ich dachte, du erinnerst dich an nichts!“

Randis Augen blitzten kämpferisch. „Wie ich dir schon erklärt habe, fällt mir hin und wieder etwas ein. Dies und jenes, jeden Tag ein bisschen mehr.“

Aber warum nicht der Name des Mannes, der dein Kind gezeugt hat? Oder was geschah, als dich der Wagen von der Straße gedrängt hat?

Draußen erklangen Motorengeräusche. Unwillkürlich drehte Slade sich zum Fenster. Durch die Eisblumen auf den Scheiben erhaschte er einen Blick auf den kleinen blauen Wagen, der sich über die Auffahrt quälte. Slades Magen krampfte sich zusammen. Der Wagen bremste, rutschte ein Stück und blieb knapp vor seinem Truck stehen.

Ein paar Sekunden später stieg eine hochgewachsene Frau aus. Sie klemmte sich eine schwarze Aktentasche unter den Arm, zögerte kurz und ließ den Blick über das Haus schweifen. Dann atmete sie tief durch, straffte die Schultern und eilte durch den Trampelpfad im Schnee zum Haus.

Janine Parsons, wie sie leibt und lebt, dachte Slade.

In ihrem schwarzen Mantel sah sie selbstsicher und unglaublich weiblich aus. Die blonden Strähnen hatte sie sich aus dem Haar gestrichen, wodurch sie die hohen Wangenknochen betonte, das energische Kinn und die breite Stirn. Slade konnte nicht erkennen, welche Farbe ihre Augen hatten. Aber er erinnerte sich daran, dass sie haselnussbraun sein mussten. Im Sonnenlicht wechselte die Farbe manchmal zwischen grün und golden, und wenn sie sich ärgerte, schimmerte sie dunkel.

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte die Erinnerung an den Tag auf, als sie sich am Fluss getroffen hatten. In jenem Sommer war es glühend heiß gewesen. Überall blühten die Wildblumen, das Gras war vollkommen trocken, und alles duftete nach frisch gemähtem Heu. Er hatte Janine dazu herausgefordert, sich auszuziehen und nackt in das klare Wasser zu springen.

Mit einem frechen Blitzen in den Augen hatte sie genau das schließlich auch getan. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er ihre festen hohen Brüste mit den rosigen Knospen und das rötliche Haar zwischen ihren langen, gebräunten Schenkeln gesehen, bevor sie ins Wasser sprang. Sie tauchte, kam wieder an die Oberfläche und schüttelte sich das nasse Haar aus den Augen. Sogar jetzt hallte ihr Lachen noch durch seine Erinnerung, sanft und melodisch wie das einer Nixe.

Du liebe Güte, warum muss mir das ausgerechnet jetzt einfallen? Es ist doch schon eine Ewigkeit her. Praktisch ein ganzes Leben lang. Der heutige Tag ist auch so schlimm genug.

Es klingelte, und Slade eilte mit zusammengezogenen Brauen zur Tür.

„Ich will! Ich zuerst!“, klang eine helle Mädchenstimme aus dem Wohnzimmer.

„Nein, ich! Ich!“

Die beiden vierjährigen Töchter von Nicole, Thornes Ehefrau, rannten mit fliegenden Locken durch den Flur, versuchten mit ihren kleinen Händen den Knauf zu drehen und rissen die Tür auf.

Die Frau auf der Veranda wirkte erstaunt über den stürmischen Empfang. Vor ihnen stand Janine Parsons, von Kopf bis Fuß die erfolgreiche Anwältin.

2. KAPITEL

„Wer bist du?“, fragte Molly und musterte die schwarz gekleidete Frau.

„Ich bin Janine.“ Mit einem kurzen Seitenblick auf Slade ließ sie sich auf ein Knie nieder, ohne darauf zu achten, dass ihr Mantel im Schnee nass wurde. Lieber Himmel, der Mann sah noch besser aus als früher! „Und wer bist du?“

„Molly“, erklärte das eine Mädchen vorlaut und wischte sich die Hand an ihrem pinkfarbenen Sweatshirt ab.

„Und du?“ Janine musterte Mollys Schwester, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war. Slades Töchter, vermutete sie. Im nächsten Moment fragte sie sich, warum sie sich darüber Gedanken machte. „Wie heißt du?“

Der zweite Zwilling versteckte sich hinter Slades Bein, umklammerte es mit ihren kleinen Ärmchen und verbarg das Gesicht.

„Sie heißt Mindy, und sie ist schüchtern“, behauptete Molly.

„Stimmt gar nicht.“ Plötzlich hatte Mindy in den Daumen in den Mund gesteckt und lugte hinter Slades Bein hervor. Slade bemerkte, dass Janine verwirrt aussah. Dann hörte er Nicoles Schritte. Nicole war groß, schlank, hatte bernsteinfarbene Augen und lange Haare. Sie arbeitete als Ärztin im St. James Hospital, sie war die Mutter der beiden Kobolde, und sie war es, die Thorne nach langen, einsamen Jahren wieder ein Lächeln auf die Lippen gezaubert hatte.

„Hallo“, grüßte sie und streckte die Hand aus. „Ich bin Nicole McCafferty.“ Schwungvoll warf sie sich die Haare über die Schulter. „Und diese beiden Wirbelwinde …“, sie deutete mit dem Kinn auf die Mädchen, „… sind meine Töchter.“

Janine erhob sich und schüttelte Nicole die Hand, bevor sie den Blick zu Slade schweifen ließ. Ihre braunen Augen schimmerten dunkel, ihr Lächeln wirkte gezwungen, und die Stimme klang kühl und professionell. „Es freut mich, Sie kennenzulernen. Sie alle zusammen.“

„Ich nehme an, dass Sie Slade bereits begegnet sind?“ Nicole löste Mindy von Slades Bein und schloss das schüchterne Mädchen in die Arme.

„Ja, wir … wir kennen uns. Schon seit Jahren.“ Janines Stimme klang heiser. Sie räusperte sich.

Slade bemerkte, dass sie das Kinn ein wenig anhob, als sie sich ihm zuwandte. „Bei dir ist offensichtlich viel passiert“, bemerkte sie und deutete auf die Kinder.

Er hob eine Braue.

„Deine Töchter … wundervolle Mädchen“, fügte sie hinzu.

„Vielen Dank“, erwiderte er spöttisch und amüsierte sich insgeheim über ihre Verunsicherung. „Aber es sind nicht meine Töchter.“

„Oh. Bitte entschuldigen Sie. Ich war früher schon mal verheiratet“, erklärte Nicole. „Ich gehöre noch nicht lange zu dieser Familie.“

„Verstehe.“

Nicole musste lachen, als sie endlich begriff. „Oh, nein! Nein! Es ist nicht, wie Sie denken. Slade ist mein Schwager. Ich bin mit Thorne verheiratet.“

Slade bemerkte, dass Janines Nacken sich leicht gerötet hatte. Plötzlich erinnerte er sich daran, wie schnell ihre helle Haut sich verfärbte, wenn sie verlegen war.

„Aha. Mein Fehler. In den Akten stand nichts von Ehefrauen.“

„Das muss dringend geändert werden“, meinte Nicole lachend und trat beiseite. „Kommen Sie rein. Es ist kalt draußen. Wenn Slade noch einen Funken Anstand im Leib hat, was bezweifelt werden darf, wird er Sie ins Esszimmer begleiten. Da wartet schon der Rest der Sippe.“

„Das kriege ich hin“, erwiderte Slade.

„Hoffentlich.“ Nicole stellte Mindy auf den Boden, obwohl das Mädchen sich wehrte. „Inzwischen schaue ich mal nach, ob Juanita Ihnen einen Tee oder einen Kaffee kochen kann.“

Janine knöpfte ihren Mantel auf. „Das wäre großartig.“

„Gib mir den Mantel“, bot Slade an, während Nicole mit ihren Töchtern im Schlepptau in die Küche ging.

Janine stellte ihre Aktentasche ab und ließ sich von Slade aus dem Mantel helfen. Für den Bruchteil einer Sekunde berührte er dabei ihren Nacken. Er meinte zu spüren, dass sie sich versteifte, wusste aber nicht, ob er sich das nur eingebildet hatte. Wahrscheinlich kann sie sich kaum an mich erinnern.

In ihrem schwarzen Kostüm mit der glänzenden Bluse sah Janine durch und durch professionell aus. Hoch erhobenen Kopfes folgte sie ihm ins Esszimmer, wo Slade seine Familie vorstellte.

Sie setzten sich. Janine öffnete ihre Aktentasche und verteilte die vorbereiteten Geschäftsunterlagen. „Wenn ich richtig verstanden habe, möchte Mr Matt McCafferty …“, sie schaute den zweitältesten der Brüder an, „… seine Ranch nördlich von Missoula an seinen Nachbarn Mike Kavanaugh verkaufen. Dann möchte er seinen Brüdern …“, sie deutete auf Slade und Thorne, „… ihre Erbteile abkaufen, sodass er die Hälfte der Flying-M-Ranch besitzt. Ms Randi McCafferty würde dann noch die andere Hälfte gehören.“

„Stimmt genau“, bestätigte Matt.

„Matt hat sich entschlossen, die Ranch zu bewirtschaften“, fügte Randi hinzu. „Außerdem werden Kelly und er bald heiraten. Dann können sie hier wohnen.“

„Und was hast du vor?“, fragte Thorne seine Schwester.

Randi schüttelte den Kopf und hob die Hände. „Mein Leben spielt sich in Seattle ab, wie du weißt.“

Thorne runzelte die Stirn. „Ja, das weiß ich. Aber solange wir nicht für deine Sicherheit garantieren können, will ich nicht, dass du die Ranch verlässt. Wir müssen erst rausfinden, wer dich umbringen wollte, und den Kerl hinter Schloss und Riegel bringen.“

Randi zog die Brauen hoch und gab ihrem Bruder mit einem Lächeln zu verstehen, dass er ihr keine Vorschriften zu machen hatte. „Darüber will ich jetzt nicht reden“, entgegnete sie. „Ich denke, Ms Parsons hat andere Dinge mit uns zu besprechen. Und sie möchte langsam anfangen.“

„Janine. Auf die Formalitäten können wir verzichten.“

Slade versteifte sich.

„Wir sind doch unter uns. Warum also so umständlich?“, erklärte Janine lässig, „okay, die Unterlagen habe ich gerade verteilt. Dann können wir sie jetzt gemeinsam durchgehen.“

Slade versuchte, nicht auf ihre feinen Gesichtszüge zu achten oder auf ihr Lächeln oder darauf, wie sie die Brauen zusammenzog, wenn sie konzentriert vorlas. Was geschehen war, war geschehen. Aus und vorbei. Seit langer Zeit. Alte Geschichten. Außerdem konnte er Anwälte nicht ausstehen. Und Anwältinnen schon gar nicht.

Janine fuhr fort: „Wir sollten uns Seite zwei genauer anschauen …“

Durch und durch Anwältin, dachte Slade und starrte sie an. Wo war das wilde, rebellische Mädchen geblieben, an das er sich noch so gut erinnerte? Das Mädchen, das ihm den Kopf verdreht hatte? Das dafür gesorgt hatte, dass er sich ein paar Wochen lang verzweifelt fragte, wie er eigentlich sein Leben verbringen wollte?

Das Mädchen in den verschlissenen Jeans, das hinter dem Rücken seiner Großmutter heimlich geraucht hatte und ins Tattoo-Studio gegangen war? Als Minderjährige hatte man sie allerdings schneller wieder hinausbefördert, als sie hereingekommen war. Wenn ich mich recht erinnere, wollte sie sich einen kleinen Schmetterling auf die rechte Schulter tätowieren lassen.

Slade ließ den Blick über den Stapel eng beschriebener Papiere schweifen und fragte sich, wann ihre Verwandlung in eine kühle Geschäftsfrau begonnen hatte. Was war heute aus dem Mädchen von damals geworden?

Lediglich die Juniorpartnerin in einer Anwaltskanzlei, die sich das Haar streng aus dem Gesicht frisierte, perfekt manikürte Nägel und ein gezwungenes Lächeln zur Schau trug? Wo war der unbändige Wille, dieser freie Geist, der ihn vor vielen Jahren verzaubert hatte? Wo steckte die kleine Rebellin, die ebenso gut auf Bäume klettern konnte wie jeder Junge in der Gegend, die fluchte wie ein Matrose und ohne zu zögern auf einem ungesattelten Pferd über die Prärie galoppierte?

Er musterte sie eindringlich und konnte keine Spur des wilden Mädchens mehr entdecken. Im Moment jedenfalls war Janine nur eines: Anwältin. Eine Art Automat, der juristische Floskeln ausspuckte.

Hin und wieder stellten seine Brüder oder Randi Fragen. Janine hatte immer eine Antwort parat.

„Ich möchte, dass auch der Name meiner Verlobten ins Grundbuch eingetragen wird“, verkündete Matt nachdenklich.

„Dann wollen Sie also heiraten.“ Janine machte sich hastig eine Notiz in die Unterlagen. „Wann genau?“

„Zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich habe schon versucht, mit ihr durchzubrennen. Weil ich sofort mit ihr vor den Altar treten wollte. Aber ihre Familie war strikt dagegen. Und so lange wird es ja nicht mehr dauern.“

Janine hob die Brauen. „Mit anderen Worten, der zweite McCafferty ist unter die Haube gekommen. Obwohl doch alle Junggesellen bleiben wollten.“

Thorne musste lächeln. „Stimmt. Bleibt nur noch Slade, um dieses Versprechen aufrechtzuerhalten.“

Eine Sekunde lang sah es für Slade so aus, als würde Janine die Maske fallen lassen. Ihre braunen Augen begegneten seinem Blick, und ein Dutzend Fragen schienen darin zu liegen. „Ich dachte, du wärst längst verheiratet.“

„Nein“, entgegnete Slade, nippte an seinem Kaffee und schaute sie direkt an.

„Aber … ich …“ Janine schien verwirrt. Woran auch immer sie gerade gedacht hatte, im nächsten Moment spielte sie wieder die coole Anwältin. „Es ist belanglos. Also …“ Sie wandte sich Matt zu. „Wie heißt Ihre Verlobte?“

„Kelly Dillinger. In ein paar Wochen McCafferty.“

„Sie ist die Tochter von Eva Dillinger, die bei unserem Vater als Sekretärin gearbeitet hat.“ Thorne presste die Lippen zusammen.

Slades Magen zog sich schmerzhaft zusammen, wenn er an den alten Mann dachte. Zugegeben, er vermisste ihn. Aber trotzdem hatte der alte Herr ihm übel mitgespielt. „Dad hat sich zuerst geweigert, Eva Dillinger die Rente zu zahlen, die er ihr versprochen hatte. Deshalb haben wir …“, er deutete auf seine Geschwister, „… entschieden, den Schaden wieder gutzumachen. Wir haben einen Fonds eingerichtet, den Ihre Kanzlei verwaltet.“

Janine nickte, als würde sie sich erinnern. „Ich habe die Unterlagen für den Fonds mitgebracht“, sagte sie, wühlte in ihrer Aktentasche herum und zog noch einen dicken Papierstapel hervor.

„Großartig.“ Thorne nickte.

„Trotzdem muss Kellys Name im Grundbuch verzeichnet sein“, beharrte Matt.

„Ist schon notiert.“ Janine klebte sich einen Zettel auf die erste Seite des Vertrags, mit dem Matt seine Brüder aus dem Erbe kaufen wollte. „Ich verstehe es so, dass sie in den Vertrag aufgenommen werden soll. Dann muss sie auch unterschreiben. Wie Sie alle und Mr Kavanaugh. Ich habe einen Vertrag vorbereitet und lasse Ihnen eine Kopie hier. Dann können Sie sich die Bedingungen in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Wenn alle einverstanden sind, arbeite ich Ihre Änderungen ein, und Sie unterschreiben.“

„Klingt gut.“ Matt griff nach seinem Stapel, während Janine ihre Papiere ordnete. Mit einem Lächeln, das sie bestimmt tausendmal vor dem Spiegel geübt hatte, ließ sie den Blick von einem McCafferty zum anderen schweifen und verstaute die Unterlagen in ihrer Aktentasche.

Professionell, routiniert und ganz und gar nicht Janine Parsons. Jedenfalls nicht die Janine, an die Slade sich erinnerte.

„Matt“, begann Janine, „Sie wollen also mit Ihrer Frau auf die Ranch ziehen … Thorne und Nicole werden in der Nähe bauen, und Randi kehrt nach Seattle zurück. Ich habe von allen die Anschrift. Nur nicht von Slade.“ Sie schaute ihn direkt an. „Wo wohnst du derzeit?“

„In Colorado, ein Stückchen außerhalb von Boulder. Aber ich habe noch nicht entschieden, ob ich dort bleibe oder verkaufe. Bis auf Weiteres erreichst du mich hier. Du kannst die Unterlagen an die Flying M schicken.“

„Gut.“ Wieder blickte sie in die Runde. „Kann ich noch etwas für Sie tun?“

„Ja.“ Thorne deutete auf seine Schwester. „Wir haben ein kleines Problem und hätten gern Ihre Meinung gehört. Wie Sie wissen, ist Randi vor zwei Monaten Mutter geworden. Der Vater ist unbekannt. Bisher hat er noch kein Sorgerecht beantragt, aber …“

„Hey!“ Randi sprang auf und funkelte ihren Bruder wütend an. „Ich will nicht darüber reden. Nicht jetzt.“

„Randi, wir haben keine Wahl.“ Thornes Tonfall klang ernst. „Früher oder später wird J. R.s Vater auftauchen. Jede Wette. Er wird möglicherweise sogar das Sorgerecht beanspruchen. Ich möchte gern wissen, was auf uns zukommt.“

„Thorne, das ist allein mein Problem.“ Randi lehnte sich quer über den Tisch und näherte ihr Gesicht dem ihres ältesten Bruders so weit wie möglich. Dann deutete sie mit dem Daumen auf sich. „Meins. Okay? Nicht deins. Nicht Matts. Nicht Slades. Und ganz bestimmt nicht das Problem von Jansen, Monteith & Stone!“

Es sah aus, als loderte in Randis Augen ein Feuer, und sie wich Thornes Blick nicht eine Sekunde lang aus. Die beiden starrten sich schweigend an. Schließlich wandte Randi sich an Janine. „Kein Streit. Okay. Aber ich will die Angelegenheit allein regeln. Meine Brüder sind nur wütend, weil ich ihnen nicht verraten habe, wer der Vater des Kindes ist. Aber warum sollte ich? Es geht sie nichts an.“

„Wir haben unsere Gründe“, warf Slade ein. „Jemand hat versucht, dich umzubringen.“

„Noch mal: J. R. ist mein Baby. Nur das zählt. Also lasst mich in Ruhe!“

Matt schüttelte den Kopf und starrte aus dem Fenster.

„Frauen“, brummte Slade. Unwillkürlich straffte Janine den Rücken.

Anstatt auf seine abfällige Bemerkung einzugehen, schien sie sich auf eine andere Strategie zu verlegen. Offenbar hatte sie entschieden, dass es besser war, die Wogen zu glätten, als dem Streit noch weiter Nahrung zu geben. „In Sorgerechtsangelegenheiten kenne ich mich nicht besonders gut aus“, erklärte sie, „aber wenn Sie Rat brauchen, kann ich Sie mit Felicia Reynolds bekannt machen. Sie bearbeitet das Familienrecht in der Kanzlei.“

„Danke. Vielleicht nehme ich Kontakt zu ihr auf.“ Randi warf Thorne noch einen warnenden Blick zu, bevor sie sich in den Sessel sinken ließ. „Könnte sein.“

Janine schloss die Aktentasche. „Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit über mein Mobiltelefon erreichen. Ich werde im Haus meiner Großmutter wohnen, aber derzeit gibt es dort keinen Telefonanschluss.“

Das Meeting war vorbei. Zum Abschied schüttelten sie sich die Hände.

Rein geschäftlich.

Slade musste sich überwinden, aber schließlich holte er Janines Mantel und half ihr hinein.

Schnellen Schrittes, die Aktentasche in der Hand, verließ Janine das Haus, ohne sich noch einmal umzuschauen. Slade zögerte, musste aber unwillkürlich zuschauen, wie sie sich in den Wagen setzte. Die Reifen knirschten über den Schnee, und kurz darauf war sie verschwunden.

„Randi hat recht“, bemerkte Matt, „du hattest ein paar Dates mit ihr.“ Er kniete vor dem Kamin und stocherte mit einem Feuerhaken an einem verkohlten Holzscheit herum.

„Wir haben uns ein paar Mal gesehen“, gab Slade zu und lehnte sich gegen das Fensterbrett. Er hatte keine Lust auf dieses Gespräch, das ohnehin zu nichts führen würde. Das Wiedersehen mit Janine hatte alte Erinnerungen in ihm hochgespült. Erinnerungen, die er viele Jahre lang verdrängt hatte.

„Komm schon, Slade. Du hast sie mehr als nur ein paar Mal gesehen.“ Randi humpelte ins Zimmer und ließ sich auf die Ledercouch sinken. „Lass mich mal nachdenken.“ Konzentriert runzelte sie die Stirn. „War es nicht so, dass du ein paar Monate lang mit Janine zusammen warst, nachdem du dich von Sue Ellen Tisdale getrennt hattest?“

Großartig, dachte Slade, genau das, was ich brauche – eine Familie, die mein Liebesleben analysiert.

„Aber“, verkündete Randi, „nachdem Sue Ellen eines Tages zur Vernunft gekommen war und dir wieder in die Arme gelaufen ist, hast du Janine fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Ich war überzeugt, dass du Sue Ellen heiraten würdest.“

Slade schwieg.

Thorne zog eine Flasche Scotch aus dem Schrank. „Dachte ich auch.“

„Dachten alle.“ Randi ließ nicht locker. „Vermutlich sogar Janine.“

„Dein Gedächtnis ist einfach bestechend“, kommentierte Slade.

„Wie gesagt, hier und da ein Bruchstück.“

„Ist das wahr?“ Matt stocherte immer noch mit dem Feuerhaken im Kamin herum. „Du hast Janine wegen Sue Ellen Tisdale den Laufpass gegeben?“ Sein Ton gab zu verstehen, dass er Slades Entscheidung für idiotisch hielt.

„Nein, nicht ganz. Es ist anders gelaufen. Außerdem liegt es schon viele Jahre zurück.“

„Das spielt keine Rolle.“ Randi stützte sich mit dem Fuß auf den kleinen Couchtisch. „Sieh den Tatsachen ins Auge, Slade. Egal, ob es schon fünfzehn Jahre her ist oder nicht: Du warst der Idiot, der Janine Parsons das Herz gebrochen hat.“

3. KAPITEL

„Das lief ja wie am Schnürchen“, murmelte Janine, als sie ihre Aktentasche und eine große Tüte mit Lebensmitteln in das Haus ihrer Großmutter trug. Trotzdem hatte sie auf dem Weg von der Flying M in die Stadt C. William Jansen, genannt Chuck, mindestens ein Dutzend Mal verwünscht. Warum hatte er ausgerechnet sie auf das McCafferty-Projekt angesetzt?

„Wenn du sowieso nach Grand Hope fährst, kannst du doch der Kanzlei einen Gefallen tun“, hatte Chuck vorgeschlagen und sich wie immer auf die Ecke des Schreibtisches in ihrem Büro gesetzt. Obwohl er einen teuren Anzug und ein gestärktes und akkurat gebügeltes Hemd trug – wie immer –, hatte er wie ein kleiner Junge von einem Ohr zum anderen gegrinst.

Er hatte an seiner Seidenkrawatte gezupft und gemeint: „Unsere Kanzlei möchte die McCaffertys gern weiterhin betreuen. Vielleicht können wir sogar ein wenig mehr für sie tun. Thorne McCafferty ist vielfacher Millionär. Matt, sein jüngerer Bruder, besitzt eine eigene Ranch. Im Grunde genommen wirft sie nicht viel ab, aber mir scheint, dass er auch den Biss der McCaffertys hat. Und der dritte Bruder …“

Janine erinnerte sich, wie Chuck nachdenklich die Brauen zusammengezogen hatte. „Na ja, es muss wohl in jeder Familie ein schwarzes Schaf geben. Slade, der dritte Sohn, hat es nie so recht zu etwas gebracht. War zu sehr damit beschäftigt, die Welt unsicher zu machen. Autorennen, Rodeos, Extremsport. Soweit ich weiß, hat er sogar gefährliche Ski-Expeditionen geleitet. Immer brandgefährlich. Aber sein Leben hat er nie in den Griff bekommen.“

Der Anwalt hielt kurz inne. „Dafür kommt John Randalls einzige Tochter genau nach ihrem Vater. Randi ist ein echter Dickkopf. Kein Wunder, dass der alte Mann ihr einen Namen gegeben hat, der an ihn erinnert.“

Janine versuchte, nicht auf die Kommentare über Slade zu achten, und konzentrierte sich lieber auf dessen Halbschwester. Soweit sie sich erinnerte, war Randi klug, frech und stur wie eine echte McCafferty.

„Sie schreibt ihre eigene tägliche Kolumne. ‚Solo‘ oder ‚Allein leben‘ oder so ähnlich“, hatte Chuck weitererzählt. „Für eine Zeitung in Seattle. Ich glaube, die Kolumne wird sogar an andere Zeitungen verkauft. Außerdem hat Thorne erwähnt, dass sie in den Wochen vor dem Unfall an einem Buch geschrieben haben könnte.“

„Thorne McCafferty hat doch mal in der Kanzlei gearbeitet, nicht wahr?“, fragte Janine und drehte den Stift zwischen den Fingern.

„Ja, richtig. Er war Juniorpartner, vor Jahren. Ist dann irgendwann ausgeschieden und nach Denver gezogen. Aber ab und zu kriegen wir noch ein paar Aufträge von ihm. Ich habe nachgedacht. Wäre es nicht traumhaft, wenn wir die Rechtsvertretung für seine Firma kriegen könnten? Wir könnten sie der Kanzlei in Denver, die für ihn arbeitet, unter dem Hintern wegziehen.“ Seine Augen hatten so angriffslustig gefunkelt, wie Janine es schon lange nicht mehr erlebt hatte.

„Ich dachte, du willst in den Ruhestand gehen.“

„In ein paar Jahren vielleicht“, gestand er ein und zwinkerte ihr zu. „Aber wir wollen doch nichts überstürzen, nicht wahr? Ich möchte meinen Anteil an der Kanzlei gern noch ein bisschen wertvoller machen. Und im Ruhestand könnten wir ein Segelboot kaufen und nach Tahiti segeln …“

„Ich werde immer noch arbeiten.“

„Nicht, wenn du mich heiratest.“

Janine war zusammengezuckt. In letzter Zeit hatte Chuck sie mehr und mehr gedrängt. Aber sie war sich nicht sicher, was sie mit ihrem Leben überhaupt anfangen wollte. Es hatte Zeiten gegeben, da war sie überzeugt gewesen, dass sie ihr Glück kaufen konnte, wenn sie nur Geld genug hätte … Sie war davon überzeugt gewesen, dass Slade McCafferty sich gegen sie entschieden hatte, weil sie arm war. Weil sie auf der falschen Seite des Lebens geboren war … Anders als Sue Ellen Tisdale.

Aber mit den Jahren hatte sie ihre Ansichten über Geld und Glück geändert. Wie viele unglückliche Millionäre waren ihr über den Weg gelaufen!

„Hör zu.“ Chuck hatte mit den Fingern auf die Tischplatte getrommelt und den Rücken gestrafft. „Denk darüber nach, während du in Grand Hope bist. Es wäre doch gar nicht schlecht, wenn du Mrs Chuck Jansen wärst, oder? Aber ich will dich nicht drängen.“

„In Ordnung“, hatte sie erwidert und sich um ein Lächeln bemüht.

„Dann reden wir weiter, wenn du zurück bist.“ Seine Stimme hatte so selbstsicher geklungen wie bei einem Plädoyer vor Gericht.

„Was für ein Chaos“, murmelte Janine jetzt, während sie die Einkäufe auf Nitas Küchentisch abstellte. „Jetzt wartet Chuck in Missoula darauf, dass ich mich für ihn entscheide und seinen Antrag annehme.“

Aber sie konnte nicht. Noch nicht.

Warum nicht?

Chuck war klug. Gebildet. Selbstbewusst. Gut aussehend. Reich. Ihm gehörte ein beachtlicher Anteil an der Kanzlei. Dazu kamen üppige Aktienpakete und die zwei Häuser.

Aber er hat auch eine verbitterte Exfrau, nörgelte ihre innere Stimme. Und drei studierende Kinder. Er will keinen Nachwuchs mehr.

Janine dachte an Randi McCafferty und deren neugeborenen Sohn, dachte daran, wie das Baby seine Mutter angeschaut hatte. Das Herz tat ihr weh. Denn nach nichts sehnte sie sich so sehr wie nach einem eigenen Kind. Nach einem Baby, dem sie ihre Liebe schenken konnte.

Wenn sie Chuck heiratete, wäre sie die Stiefmutter beinahe erwachsener Kinder. Dann würde sie niemals einen eigenen Sohn oder eine eigene Tochter erziehen. Ein Kind, das von einem Ehemann stammte, der ihr Herz höher schlagen ließ und ihr ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

Für den Bruchteil einer Sekunde huschte ihr die Erinnerung an Slade durch den Kopf. „Nein, jetzt nicht“, schimpfte sie frustriert. Es durfte nicht sein, dass sie sich ihren Sehnsüchten überließ, nur weil sie hier gestrandet war und dem jüngsten McCafferty-Bruder unter die Augen treten musste.

Entschlossen packte Janine ihre Einkäufe aus. Trotzdem ging ihr nicht aus dem Kopf, wie lässig Slade mit seinen Zwillingsnichten und seinem kleinen Neffen umgegangen war. Wer hätte das je für möglich gehalten? Es hatte sie zutiefst überrascht.

Ironie des Schicksals, dachte sie und strich sich über den flachen Bauch. Aber eines Tages …

Janine dachte daran, wie sie am Nachmittag in die Auffahrt zur Flying M eingebogen war. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt gewesen und ihre Handflächen feucht. Aber das war nur der Anfang gewesen. Denn sie hatte Slade wiedergesehen … Du lieber Himmel, das war wirklich das Schlimmste gewesen. Schlimmer, als sie es sich je vorgestellt hatte.

Fünfzehn lange Jahre hatten sie sich nicht gesehen, und er hatte sich verändert. Sein Körper war kräftiger geworden, die Schultern breiter, die Brust muskulöser. Nur die Hüfte war noch so schmal, wie sie sie in Erinnerung hatte. Janine errötete bei diesem Gedanken, und sofort fiel ihr ein, wie sie ihn das erste Mal nackt gesehen hatte … an der Stelle, wo sie immer schwimmen gegangen waren.

Dort hatte er sich die Jeans vom Leib gerissen und bewiesen, dass er es nicht für nötig hielt, Unterwäsche zu tragen. Sie erinnerte sich daran, dass sein Po neben dem gebräunten Rücken und den muskulösen Beinen hell wirkte. Und noch mehr hatte sie gesehen: Teile des männlichen Körpers, die sie bis dahin nicht gekannt hatte.

Damals war ich wirklich noch naiv, dachte Janine. Natürlich hatte er sich körperlich verändert. Ein hartes Leben und die vielen Jahre, die seither vergangenen waren, hatten dafür gesorgt. Slades Gesichtszüge wirkten hagerer als früher; über eine Wange verlief eine dünne Narbe, aber seine Augen strahlten immer noch so blau wie der Himmel über Montana.

Janine hatte bemerkt, dass er leicht hinkte. Außerdem verriet etwas in seinem Gesicht, in seinen Augen, dass er tiefen Schmerz erlebt hatte. Aber warum sollte er nicht vom Leben gezeichnet sein, und warum sollten seine Wunden nicht sichtbarer sein als bei anderen Leuten? Im Grunde genommen ging es doch allen Menschen so. Sie faltete ihre Einkaufstüte zusammen und verstaute sie im Schrank.

Insgeheim brannte sie darauf zu erfahren, was zwischen ihm und Sue Ellen geschehen war. Sie vermutete, dass Sue Ellen nur eine Frau unter Dutzenden gewesen war. Denn schließlich waren die McCaffertys für ihre Eroberungen berühmt. Hatte sie nicht selbst dazu gezählt?

„Wen interessiert das noch“, brummte sie und hängte ihren Mantel in den Flurschrank. Sämtliche McCaffertys waren schon als Teenager berüchtigt gewesen, hatten es nicht für nötig gehalten, sich an Regeln und Gesetze zu halten. Slade hatte keine Ausnahme gemacht.

Thorne war sehr sportlich gewesen, hatte sich aber mehr an die Regeln gehalten als seine Brüder. Matt wurde nachgesagt, dass er gern waghalsige Rodeos ritt und dass bei seinem verführerischen Lächeln jede Frau schwach wurde. Slade dagegen war als echter Teufel verschrien gewesen. Schon in jungen Jahren hatte er es geliebt, auf die höchsten Gipfel zu klettern, hatte Kajaktouren auf reißenden Flüssen unternommen und riskante Skiabfahrten gewagt – immer gegen den eindringlichen Rat seines Vaters.

Aber all die Geschichten lagen eine Ewigkeit zurück. Damals war Janine selbst ein rebellisches Mädchen gewesen, das versucht hatte, seinen Platz im Leben zu finden. Bis zu der erwachsenen Frau mit einem Examen in Jura hatte noch ein weiter Weg vor ihr gelegen. Aber sie hatte es geschafft: Sie war vernünftig geworden.

Und manchmal hasste sie es.

Slade sah unschlüssig in das Schneetreiben draußen. Das Wiedersehen mit Janine hatte etwas in ihm ausgelöst. Und er verspürte das ungewöhnliche Bedürfnis, die Geschichte ins Reine zu bringen und ihr die Sache mit Sue Ellen zu erklären.

Oder suchst du nur nach einem Grund, sie wiederzusehen? Sei ehrlich zu dir selbst, McCafferty. Seit Rebecca hast du dich für keine Frau mehr interessiert. Aber ein einziger Blick auf diese Anwältin hat gereicht, und schon kannst du keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Kurz entschlossen eilte er durch die Küche, griff nach seiner Jacke am Haken neben der Tür und verließ das Haus. Es war zwar erst Nachmittag, aber der Himmel war bereits dunkel, und es herrschten Temperaturen unter null Grad.

Drohend hingen die schweren Wolken über ihm. Es würde noch mehr schneien. Nicht dass es ihn kümmerte. Slade stieg in seinen Pick-up, ließ den Motor an und nahm sich vor, in die Stadt zu fahren. Er wollte etwas trinken und … ja, was?

Janine wiedersehen, schoss es ihm durch den Kopf.

„Verdammt noch mal“, fluchte er laut und legte den Gang ein. Schon immer war er in Schwierigkeiten geraten, wenn Frauen im Spiel waren. Während die Reifen über den Schnee rutschten, dachte er daran, dass sich in den vergangenen Jahren nichts daran geändert hatte.

Es war egal, ob Slade es sich eingestehen wollte oder nicht: Wie er es auch drehte und wendete, er hatte die Absicht, Janine wiederzusehen. Und zwar noch heute Abend.

Janine zitterte vor Kälte, als sie sich die alte Jeans und ihr Lieblingssweatshirt anzog. Dann begann sie zu putzen. Zimmer für Zimmer schob sie die alten Möbel zur Seite, und weil sie den Ofen angefeuert hatte, breitete sich langsam Wärme im ganzen Haus aus. Janine hatte kurz überlegt, ob sie einen Reinigungsservice anrufen sollte. Aber dann hatte sie sich entschieden, dass es ihr guttun würde, wenn sie selbst aufräumte. Außerdem würde es Nana gefallen, hatte sie sich gesagt. „Harte Arbeit hat noch keinem geschadet“, predigte die alte Frau gerne, wenn Janine ihr wieder einmal entwischen wollte.

Nita Parsons hatte genau gewusst, dass ihre Enkelin bis über beide Ohren in Schwierigkeiten steckte und keinen guten Weg eingeschlagen hatte. Deshalb hatte sie sich vorgenommen, dass sie die Fehler nicht wiederholen wollte, die sie mit Janines Vater gemacht hatte – einem Alkoholiker, der zwei Tage nach Janines achtem Geburtstag Frau und Tochter verlassen hatte. Knapp neun Jahre später hatte die alleinerziehende Mutter eines rebellischen Teenagers genug gehabt von ihrer Tochter, die nicht mehr zu bändigen war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Nana eingegriffen.

Und wie hatte Janine es ihr gedankt? Sie hatte dafür gesorgt, dass ihre Großmutter noch mehr graue Haare bekam.

„Bitte verzeih mir“, flüsterte Janine, während sie den Fuß einer Messinglampe polierte und sich vornahm, die Holzdielen und Fliesen zu schrubben, bis sie glänzten. Außerdem wollte sie die Räume mit der mattgelben Farbe streichen, die Nana so sehr geliebt hatte, und die notwendigen Reparaturen ausführen.

Und dann verkaufen?

Janines Magen krampfte sich zusammen. Sie konnte die Enttäuschung in der Stimme ihrer Großmutter förmlich hören.

„Eines Tages soll das alles dir gehören, Janine“, hatte die alte Frau immer gesagt, „und wehe, du verkaufst. Es ist mein Eigentum, und glaub mir, die Gegend ist himmlisch. In mageren Jahren kann ich mein eigenes Gemüse anbauen. Acht Hektar sind mehr als genug, um mich durchzubringen. Das gilt auch für dich. Du musst nur klug sein und hart arbeiten.“

Damals hatte Janine ihren Worten keine Beachtung geschenkt. Aber jetzt, als sie die Spinnweben aus den Lamellen der Jalousie wischte, hatte sie ein unsäglich schlechtes Gewissen. Brachte sie es wirklich fertig, die kleine Farm zu verkaufen? Das einzige Zuhause, das sie jemals gehabt hatte?

Vor dem Fenster bewegte sich ein Schatten.

Ihr blieb beinahe das Herz stehen. Wieder huschte ein Schatten vorbei, und dann tauchte ein kleines Gesichtchen hinter den Eisblumen auf der Scheibe auf … ein golden schimmernder Kopf, Schnurrhaare und weit aufgerissene grüne Augen.

„Lazarus!“, rief Janine, als sie den Kater ihrer Großmutter auf dem Fensterbrett entdeckte. Als er laut miaute, bemerkte sie, dass von seinen nadelspitzen Zähnen einige fehlten.

Lächelnd eilte sie zur Haustür und riss sie auf. Als der Kater hineinspazierte, drang eiskalte Luft ins Haus. „Was machst du hier, alter Junge?“, fragte sie sanft, als Lazarus sich an ihren Knöcheln rieb.

Sie nahm ihn auf die Arme und spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Nach Nanas Tod hatten die Nachbarn Jack und Betty Pederson den alten Kater zu sich genommen. Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass er wieder bei ihr auftauchte.

„Komm mit“, sagte sie, „ich habe etwas für dich.“ Sie schloss die Tür, und Lazarus folgte ihr. In der Küche goss sie ein wenig Milch in eine kleine Schlüssel, die sie auf den Fußboden stellte. „Bitte sehr.“

Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, als sie Schritte auf der Veranda hörte. Es klingelte. Als sie durch eine der drei kleinen Butzenscheiben blickte, schaute sie direkt in die strahlend blauen Augen von Slade McCafferty.

4. KAPITEL

Das ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann, dachte Janine, wirklich das Allerletzte. Trotzdem setzte ihr dummes kleines Herz einen Schlag lang aus, als sie Slade sah, und ihr stockte der Atem. Wenn sie noch halbwegs bei klarem Verstand war, schickte sie ihn auf der Stelle zum Teufel.

Das kannst du nicht machen, Janine, schließlich ist jetzt ein zahlungskräftiger Mandant aus ihm geworden! Ob es dir passt oder nicht, du wirst mit ihm reden müssen. Und zwar professionell. Es spielt keine Rolle, ob er dich früher mal angelogen hat oder nicht.

„Was kann ich für dich tun?“, grüßte Janine, nachdem sie die Tür geöffnet hatte.

„Ich dachte, wir … du und ich … wir sollten uns aussprechen.“

„Brauchen wir eine Aussprache?“

„Ich denke schon.“ Slades Augen blieben kühl, und er wirkte angespannt. „Es sieht nämlich so aus, als würden wir in den nächsten Wochen öfter miteinander zu tun haben.“

„Ist das ein Problem?“, fragte Janine und klang viel professioneller, als sie sich fühlte.

„Könnte sein. Ich möchte nicht, dass wir uns wegen der alten Geschichten unbehaglich fühlen.“

Daran hättest du eher denken sollen. „Ich fühle mich nicht unbehaglich.“

„Aber ich.“ Ein Mundwinkel zuckte, als würde er sich um ein Lächeln bemühen.

Er ist wirklich sexy, schoss es Janine durch den Kopf.

„Ich friere mich hier beinahe zu Tode.“

Schweigen. Sie rührte sich nicht.

„Darf ich jetzt reinkommen oder nicht?“

Janine, es wird langsam gefährlich. Keine gute Idee, mit Slade allein zu sein.

„Ja, klar.“ Sie öffnete die Tür noch weiter. „Warum nicht?“ Es gibt tausend Gründe dagegen. Aber über keinen will ich jetzt ernsthaft nachdenken.

Er brachte den Geruch nach Winterluft und Holzfeuer mit herein. Rasch schloss sie die Tür, lehnte sich dagegen, bot ihm aber keinen Stuhl an. „Also, was hast du auf dem Herzen?“ Sie wollte ironisch klingen, scheiterte aber daran.

„Dich.“

Der Boden unter ihren Füßen schien ins Wanken zu geraten.

„Mich?“

„Genauer gesagt, uns.“

„Uns?“ Ihr Puls raste. Damit hätte sie nie im Leben gerechnet. Das professionelle Lächeln, um das sie sich den ganzen Nachmittag bemüht hatte, war wie weggeblasen. „Slade, es gibt kein ‚wir‘ mehr. Wie kommst du jetzt darauf?“

„Wahrscheinlich wegen der Schuldgefühle.“

„Vergiss es einfach. Es ist alles schon eine Ewigkeit her. Wir waren praktisch noch Kinder … und es ist leichter, wenn wir vergessen, dass überhaupt jemals etwas war. Außerdem hat es nur ein paar Monate gedauert. Ich bin überrascht, dass du dich überhaupt daran erinnerst.“

„Du dich etwa nicht?“

Als ob es gestern erst passiert wäre! „Kaum“, log sie. „Kleine Erinnerungsfetzen, wenn du verstehst. Aber es ist alles so lange her, schon eine halbe Ewigkeit.“ Langsam kam sie in Fahrt. „Wir beide haben in den nächsten Wochen geschäftlich miteinander zu tun. Vielleicht sollten wir einfach vergessen, dass wir uns von früher kennen, okay? Lassen wir die Vergangenheit ruhen. Schließlich war es nicht mehr als ein Fingerschnips in unserem Leben.“

„Nein.“

„Wie bitte?“

„Es war mehr als das.“

„Damals, ja.“

„Ich kaufe dir nicht ab, dass du dich nicht erinnerst.“

„Ich sagte doch, dass ich nicht alles vergessen habe“, erklärte Janine, „und auf dem Weg zu euch ist mir mehr eingefallen, als mir lieb ist. Aber wir sollten unsere Situation nicht aus den Augen verlieren.“

„Welche Situation?“

„Ich bin die Anwältin, die für euch arbeitet. Du bist mein Mandant.“

„Zum Teufel noch mal, Janine, wir haben miteinander geschlafen.“

„Ist das so ungewöhnlich? Für dich doch bestimmt nicht. Du hast doch immer jede Menge Mädchen um dich geschart.“

Slade biss die Zähne zusammen und trat auf sie zu. „Mit dir war das was anderes.“

„Ist mir egal, McCafferty“, schnappte Janine. „Lass mich aufrichtig sein: Es gab Zeiten, da hätte ich alles, wirklich alles dafür getan, um dich sagen zu hören, dass es mit mir anders ist. Dass ich etwas Besonderes bin, jemand, den du nie vergessen wirst … Aber das liegt Jahre zurück, und damals war ich ein naives kleines Mädchen. Ich habe es überlebt, und für mich ist die Sache damit erledigt. Und ich glaube dir nicht mal eine Sekunde lang, dass dir leidtut, was damals passiert ist. Nur weil ich zufällig in der Stadt bin, soll dich auf einmal das Bedürfnis überfallen, dich auszusprechen? Vergiss es. Ich habe es längst getan.“

„Hübsche Predigt“, meinte Slade und schaute auf sie hinunter. „Aber ich kaufe sie dir trotzdem nicht ab.“

Du lieber Himmel, der Mann hat wirklich strahlend blaue Augen. „Das musst du auch nicht. Mach doch, was du willst.“ Janine wäre am liebsten ein paar Schritte zurückgetreten, weil er viel zu dicht vor ihr stand. Aber sie behauptete die Stellung, denn sie wollte ihm beweisen, dass sie sich nicht einschüchtern ließ. Diese Zeiten waren endgültig vorbei.

„Du hast Angst.“

„McCafferty, dein Selbstbewusstsein ist ein wenig zu aufgeblasen. Wie damals. Aber es gibt Dinge, die ändern sich nie. Stimmt’s?“

„Genau das habe ich dir erklären wollen“, gab Slade zurück. „Janine, du kannst dich ganz ausgezeichnet erinnern. Du bist viel zu klug, um etwas zu vergessen.“

„Schmeicheleien bringen dich auch nicht zum Ziel. Hey!“, konterte sie und war überrascht, als er ihr Handgelenk packte. Schlimmer noch, es kam ihr vor, als durchzuckte sie ein elektrischer Schlag. Genau die Spannung, die ihr schon vor vielen Jahren eine Menge Ärger eingebracht hatte.

„Was denn?“, fragte er und kam noch näher. Viel zu nahe.

„Nichts, gar nichts! Slade, es ist vorbei. Lass mich los, okay? Wir sollten uns nicht hinreißen lassen, nur weil ich hier bin und es gerade passen würde.“ Janine versuchte, ihm ihre Hand zu entwinden. Aber er umklammerte sie nur noch fester. Ihr Herz schlug wie verrückt, ihr Puls raste … Mühsam rief sie sich ins Gedächtnis, dass dieser Mann ihr den schlimmsten Schmerz ihres Lebens zugefügt hatte. Wie dumm wäre es, sich jetzt noch mal von ihm einwickeln zu lassen!

„Gib zu, dass du dich erinnerst.“

„Na gut, ja, ich erinnere mich, dass wir ein paar Dates hatten. Aber das ist auch schon alles. Warum sich in die Tasche lügen und die Geschichte größer machen, als sie ist? Und hör auf, so zu tun, als hätte ich dir besonders viel bedeutet.“

„Hast du aber.“

„So viel, dass du mich wegen … oh, nein, ich werde mich nicht hinreißen lassen, okay?“ Janine warf einen demonstrativen Blick auf die behandschuhten Finger, die immer noch ihr Handgelenk umklammerten. „Lass los“, befahl sie eine Spur zu atemlos. Er gehorchte zwar nicht, aber es gelang ihr, sich loszureißen. „Wir sollten uns wie erwachsene Menschen benehmen.“

„Randi hat mir vorgeworfen, dass ich dir das Herz gebrochen hätte.“

Janine erstarrte. Sie hatte unbändige Angst, die Fassung zu verlieren. Mit jeder Sekunde ein bisschen mehr. „Ich muss wirklich sagen, du hast dich überhaupt nicht geändert. Kommst direkt auf den Punkt, nicht wahr?“ Die Hitze kroch ihr in den Nacken, während ihr Stolz in sich zusammenfiel. Sie wollte sich abwenden, aber Slade schnappte wieder nach ihrem Handgelenk.

„Kein Grund, die Flucht zu ergreifen.“

Auf einmal hörte sie die normalen abendlichen Geräusche um sich herum viel deutlicher als vorher: Der Kühlschrank summte, die Uhr tickte, und draußen pfiff der Wind um die Ecken. Aber am lautesten hörte sie ihr Herz pochen. Und ihr war klar, dass sie das Gespräch beenden musste. Sofort. Bevor sie ihm wirklich noch glaubte, dass sie ihm wichtig war.

„Hör zu, Slade.“ Janine riss ihren Arm los, trat aber näher an den Besucher heran und hob das Kinn, sodass sie ihm in die stahlblauen Augen schauen konnte. „Ich habe keine Ahnung, was du dir davon versprochen hast, heute Abend hier aufzutauchen. Wenn es um das Geschäft gehen soll, dann begreife ich das Gespräch nicht, das wir hier führen. Sieh es doch einfach so, dass wir uns hiermit ausgesprochen haben.“

Janine ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Einerseits wollte sie so weit wie möglich auf Abstand gehen, andererseits wollte sie sich wappnen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sonst noch was?“

Plötzlich fühlte sie sich in dem kleinen Häuschen ihrer Großmutter wie eingeschlossen. Es kam ihr vor, als wären die Mauern bedrohlich nahe gerückt. Vermutlich lag es daran, dass Slade ihr ins Wohnzimmer gefolgt war. Die Erinnerungen an ihre verschwendete Jugend schossen in ihr hoch, zusammen mit den Erinnerungen an die wenigen Wochen, die ihr Leben von Grund auf verändert hatten. Sie knipste die Lampe auf dem kleinen Tischchen an, das ihrer Großmutter gehört hatte.

„Ich habe ein paar Fragen.“

Ich auch. Dutzende. Aber ich werde sie nicht stellen.

„Warum hat man dir unseren Fall übertragen? Ich dachte, Chuck Jansen kümmert sich persönlich darum.“

„Vermutlich hat er Thorne angerufen und erklärt, dass er nicht kommen kann. Und weil ich sowieso nach Grand Hope fahren und das Haus meiner Großmutter verkaufen wollte, dachte er wohl, dass ich die Sache übernehmen könnte.“

„Ist er dein Chef?“

Pikiert stellte sie richtig: „Mein Seniorpartner.“

„Und du?“

„Seine Juniorpartnerin.“

Slade runzelte die Stirn. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass du Anwältin wirst.“

„Komisch, dass du damals nicht lange genug geblieben bist, um mehr über mich herauszufinden, nicht wahr?“, schnappte Janine und biss sich gleich darauf auf die Zunge. Hatte sie nicht behauptet, dass sie nicht über die Vergangenheit reden wollte? Aber bevor er ihr Vorwürfe machen konnte, fügte sie hinzu: „Wenn du darüber sprechen willst, was zwischen uns geschehen ist, betrachte das Thema als erledigt. Wenn du mich besuchst, weil du über den Verkauf der Ranch reden willst, dann sollten wir in mein Arbeitszimmer gehen.“ Sie stand auf.

„Gute Idee.“

Janine führte ihn durch den kurzen Flur in das kleine Esszimmer. Als sie das Licht einschaltete, wünschte sie sich hellere Glühbirnen, die das Zimmer weniger gemütlich erscheinen lassen könnten. „Darf ich dir etwas anbieten? Kaffee vielleicht?“

Janine lächelte versuchsweise, deutete auf einen Stuhl mit hoher Rückenlehne und setzte sich gegenüber.

„Nur fürs Protokoll, Janine. Unsere Geschichte, das war mehr als eine flüchtige Sache.“

„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, nicht darüber zu sprechen.“

„Ich habe mich auf gar nichts geeinigt.“ Slade zog sich die Handschuhe aus und knöpfte die Jacke auf, als wollte er länger bleiben. „Das war dein Vorschlag.“

Offenbar hatte er nicht vor, locker zu lassen. Sie versuchte es auf andere Art. „Okay. Trotzdem sollten wir die Kirche im Dorf lassen. Es war keine große Sache, okay? Es hat nur sechs Wochen lang gedauert. Vielleicht zwei Monate. Aber mehr nicht.“

„Das kann eine lange Zeit sein, wenn man noch jung ist“, beharrte er.

„Das ist genau der springende Punkt. Wir waren noch jung. Praktisch Kinder.“

„Aber jetzt nicht mehr.“ Slade zog sich die Schaffelljacke aus. „Vermutlich werden wir uns in den kommenden Wochen öfter sehen. Ob wir wollen oder nicht.“ Er ließ sich durch nichts von seinem Ziel abbringen. Janine konnte sich daran erinnern, dass er schon immer so gewesen war. Geradlinig. Stur. Manchmal wie besessen. Mit siebzehn hatte sie das ungeheuer attraktiv gefunden. Jetzt war es nur noch lästig.

Slade zögerte. Einen Moment lang sah es so aus, als betrachtete er die Szene in den spiegelnden Fensterscheiben. „Ich dachte, ich sollte vielleicht erklären, was damals passiert ist.“

Es schien kein Weg daran vorbeizuführen. „Du bist zu Sue Ellen zurückgekehrt. Ende der Geschichte.“ Wenn ich nur selbst daran glauben könnte, dachte Janine, wenn ich nur vergessen könnte, wie verliebt ich damals auf der Highschool war! Die erste große Liebe … nein, nicht nur das. Es war mehr gewesen.

Viel mehr.

Natürlich hatte er von dem Baby nichts gewusst. Niemals würde er die Geschichte erfahren. Es gab keinen Grund, es ihm zu erzählen.

„Glaub mir, es ist nicht einfach für mich.“

„Für mich auch nicht.“ Um ihre Anspannung zu überspielen, schob sie den Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, wie es um dich steht. Aber ich könnte einen Kaffee gebrauchen.“

„Du weichst mir aus.“

Aber Janine war schon auf dem Weg in die Küche. Sie hörte, wie sein Stuhl über den Fußboden scharrte, bevor Slade ihr folgte. In der Tür blieb er stehen und lehnte sich an den Rahmen.

„Es gibt nichts auszuweichen.“ Janine zog die Kaffeedose aus dem Schrank, durchsuchte die Schubladen und fand einen Kaffeelöffel. Sie maß das Pulver ab und stellte das Wasser zum Kochen auf den Herd. „Es war eine kurze Affäre.“

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht“, log sie. All die Gefühle von damals, die Schmerzen und die Ängste, die sie ausgestanden hatte, waren längst begraben.

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Lazarus plötzlich aus der Speisekammer geflitzt kam und sich an Slades Beinen rieb. Es sah aus, als hätte er den Mann schmerzlich vermisst.

Janine räusperte sich. „Na gut, du bist also hier aufgetaucht, hast dein Gewissen erleichtert, und damit ist die Sache abgeschlossen. Vergessen wir’s.“

„Sehr wohl“, erwiderte Slade sarkastisch.

Höchste Zeit, das Thema zu wechseln. „Wie ist das passiert?“ Janine deutete auf die dünne Narbe auf seiner Wange. „Ein Kampf?“

„Ja. Du solltest den anderen Kerl mal sehen.“ Seine Lippen zuckten. „Hat keinen Kratzer abgekriegt.“

Janine musste unwillkürlich lachen. Inzwischen hatte sie ein paar Becher gefunden, die sie schnell ausspülte, bevor sie den Kaffee aufgoss. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du dich in Messerstechereien verwickeln lässt.“

„Habe ich auch nicht.“ Slade berührte die Narbe mit den Fingerspitzen. „Es ist letzten Winter passiert. Ich war skifahren.“

„Du bist gestürzt?“

„Eine Lawine.“

„Wirklich?“, erwiderte Janine lachend, weil sie es erst für einen Scherz hielt. Aber sein Gesichtsausdruck blieb ernst. „So schlimm kann es nicht gewesen sein. Du hast überlebt.“

„Ich bin eben ein Glückspilz“, erwiderte Slade. Die Ironie in seinem Tonfall war nicht zu überhören, und ein angespannter Zug erschien um seine Mundwinkel.

„Es waren noch mehr Leute dabei“, vermutete sie und schenkte den heißen Kaffee vorsichtig in die Becher. „Du warst nicht allein.“

Slade biss die Zähne zusammen und starrte auf den Boden. „Stimmt.“ Sie schwiegen. Nur das Brummen des Kühlschranks war zu hören und Löffelklirren, als sie den Kaffee umrührte.

„Warst du mit jemandem zusammen unterwegs?“

„Ja.“

Offenbar war es nicht einfach irgendjemand gewesen. Als sie Slades gequälte Miene sah, wurde sie von Eifersucht auf die unbekannte Frau erfüllt. „Ist sie … okay?“

„Sie ist tot.“

„Oh.“ Janine hatte das Gefühl, als ob die Erde bebte. „Ich hatte keine Ahnung … bitte entschuldige.“ Ihr Herz raste. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie einen Hauch Eifersucht auf die arme Frau verspürt hatte. Die Sekunden verrannen wie in Zeitlupe. Nanas Uhr im Wohnzimmer tickte unerbittlich laut. „Ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Es gibt nichts zu sagen.“ Slade hielt ihren Blick einen Moment lang fest und ging dann wieder zum Fenster. Daran lag es also … dieser Schmerz, den sie in seinem Blick entdeckt hatte. Er trauerte immer noch.

Janine reichte ihm einen Becher, schaute ihn an und stellte fest, dass ihm viel an der Frau gelegen haben musste. So viel, dass ihr Tod ihn immer noch innerlich aufwühlte. Aber vielleicht war es auch mehr als nur Trauer, die sie in seinem Blick entdeckte; vielleicht fühlte er sich schuldig, weil er überlebt hatte.

„Möchtest du darüber reden?“

„Nein.“ Slade nippte am Kaffee.

Plötzlich klingelte ihr Mobiltelefon im Esszimmer. „Bitte entschuldige.“ Janine stellte den Herd aus und verbrannte sich beinahe an der heißen Platte. „Ich muss rangehen.“

Slade nickte. Sie eilte an ihm vorbei und griff nach dem Handy auf dem Esszimmertisch. „Hallo?“

„Hi“, grüßte Chuck.

„Hi.“ Warum um alles in der Welt musste er ausgerechnet jetzt anrufen? Janine warf einen Blick in die Küche und bemerkte, dass Slade sie unverhohlen beobachtete. Er tat so, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt. Entschlossen drehte sie ihm den Rücken zu und konzentrierte sich auf das Gespräch.

„Wie läuft es? Hast du dich heute mit Thorne McCafferty und seinen Brüdern getroffen?“, wollte Chuck wissen.

„Ja, vorhin“, bestätigte Janine leise.

„Ist es gut gelaufen?“

In geschäftlicher Hinsicht ein Volltreffer. Und persönlich eine Katastrophe. „Ich glaube, dass ich die Sache ziemlich schnell hinter mich bringen kann.“

„Und was ist mit dem Haus deiner Großmutter?“

Janine ließ den Blick über den alten Geschirrschrank schweifen, über die Wände, die mindestens zweimal gestrichen werden mussten. Und über die Fenster, die eine neue Isolierung gebrauchen konnten. „Das wird ein bisschen länger dauern.“

Janine schaute aus dem Fenster in den Garten, wo der Schnee silbrig im Mondlicht glänzte. In der spiegelnden Fensterscheibe sah sie Slade mit ihrem dampfenden Kaffeebecher auftauchen. Sie drehte sich um, nahm ihm den Becher ab und schaute ihn kurz an. Nur einen Wimpernschlag lang. Und sofort hatte sie den Faden ihrer Unterhaltung verloren.

„Janine?“ Chuck riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja, was?“

„Wie lange, habe ich gefragt.“

„Ich kann es nicht genau sagen. Ich bin noch bei der Bestandsaufnahme“, erklärte sie, „aber ich komme so schnell wie möglich nach Missoula zurück.“

Slade blieb im Esszimmer und setzte sich auf einen Stuhl. Janine zuckte innerlich zusammen, als er mit den Stiefeln über den Holzfußboden scharrte. Nein, sie wollte ihrem Chef jetzt nicht erklären, in welcher Lage sie sich gerade befand …

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Exklusiv Band 265" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen