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BIANCA EXKLUSIV BAND 277

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Plan B wie Baby

PROLOG

Juni 1992

„Molly, Sie sind eine Bereicherung für die Saint Cecilia’s Girls’ Academy. Ich bin wirklich traurig darüber, dass wir heute das letzte Mal zusammensitzen.“

Molly setzte sich gerade hin und kreuzte die Füße. Ihre Tutorin Mrs. Glass betrachtete sie stolz.

„Sicher muss ich Sie nicht fragen, was Sie studieren wollen“, fuhr die Lehrerin fort. „Wahrscheinlich wissen Sie das schon seit Langem.“

„Ich möchte Betriebswirtschaft studieren. Zuerst mache ich den Bachelor-Abschluss, dann den MBA. Anschließend gründe ich meine eigene Firma“, erwiderte Molly lächelnd.

Die ältere Frau lächelte auch, aber Molly entdeckte eine Spur Abgeklärtheit in ihrem Gesicht. Wahrscheinlich gab es auf der privaten Eliteschule jedes Jahr viele Abgänger, die später einen ganz anderen Lebensweg einschlugen, als sie sich damals an Saint Cecilia’s vorgestellt hatten.

Doch sie, Molly Jackson, würde nicht zu dieser Gruppe gehören. Nichts würde sie von ihrem Weg abbringen können. Und wenn sie, in vielen Jahren, einmal ihre frühere Schule besuchen würde – natürlich nur, wenn sie die Zeit hätte, von New York oder Europa aus nach Kalifornien zu reisen –, dann mit ihrer ganz persönlichen Erfolgsgeschichte im Gepäck. Vielleicht würde sie eine Stiftung gründen und besonders begabte Schüler mit einem Stipendium unterstützen …

„Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag hier, Molly?“, unterbrach Mrs. Glass ihre Tagträume. „Als ich Sie zum ersten Mal sah, trugen Sie einen schicken pinkfarbenen Blazer, während die übrigen Mädchen in Jeans kamen.“

Molly wusste zwar nicht mehr, was sie an jenem Tag getragen hatte, dennoch nickte sie. Worauf wollte Mrs. Glass hinaus?

„Sie kamen hier herein, setzten sich in den gleichen Stuhl und sagten: ‚Zuerst mache ich den Bachelor-Abschluss, dann den MBA, und anschließend gründe ich meine eigene Firma.‘“

Ja, und? Wahrscheinlich hatte sie das gesagt.

„Sie waren damals schon so selbstsicher“, stellte Mrs. Glass fest, „und heute sind Sie es noch mehr.“

„Oh“, entfuhr es Molly, und sie machte ein betrübtes Gesicht. „Das klingt so, als hielten Sie das für schlecht.“

„Nein, keinesfalls“, entgegnete Mrs. Glass. „Ich bezweifle überhaupt nicht, dass Sie all das erreichen, was Sie sich vornehmen. Aber ich gebe jedem meiner Schüler noch einen Ratschlag mit auf den Weg. Und Ihnen, Molly, wünsche ich, dass Sie sich manchmal auch etwas treiben und vom Leben überraschen lassen.“

Nun war Molly völlig perplex.

„Das Leben wird nicht immer so verlaufen, wie Sie es erwarten“, fuhr die Lehrerin fort, „manchmal muss man sich anpassen und seine Pläne ändern. Ich möchte nur nicht, dass Sie enttäuscht werden. Seien Sie ab und zu einmal spontan. Vielleicht einmal im Jahr? Amüsieren Sie sich! Lernen Sie Jungs kennen!“

Tatsächlich hatte Molly in den letzten Jahren an Jungs gedacht. Sie wollte Mrs. Glass aber nicht erzählen, dass sie auch für ihr Privatleben schon einen genauen Plan hatte.

Irgendwo gab es einen Jungen, der genauso war wie sie.

Ein Junge, der ehrgeizig war und für den Leistung kein Fremdwort bedeutete. Einer, der im Studentenparlament aktiv war, in einer Band spielte, ein guter Mathematiker und Sportler war. Sie hatte alles bis ins kleinste Detail überlegt. Jetzt musste sie diesen Jungen, der dazu bestimmt war, einmal ihr Ehemann zu werden, nur noch finden.

Doch das würde bestimmt ein Leichtes sein. Sie würden sich zueinander hingezogen fühlen, würden bereit sein, sich gegenseitig zu unterstützen, und perfekt Seite an Seite miteinander arbeiten.

In drei Monaten ging sie aufs College, und dort wartete ihr zukünftiger Partner vielleicht schon auf sie.

Molly stand auf, strich ihre schwarze Hose glatt und streckte die Hand aus. „Vielen Dank für alles, Mrs. Glass. Ich bin stolz, dass ich Schülerin dieser Schule war, und ich verspreche, Saint Cecilia’s nicht zu enttäuschen.“

„Machen Sie sich um uns keine Sorgen“, bat Mrs. Glass und ergriff Mollys Hand, während sie ihr tief in die Augen sah. „Denken Sie einmal an sich, und werden Sie glücklich.“

Juni 1992

„Nun, Adam, das ist heute unser letztes Treffen.“

„Richtig.“

„Mich interessiert jetzt noch, was Sie nächstes Jahr studieren wollen.“

Adam lehnte sich zurück und sah Mr. Fisher an. Sein Tutor blickte streng zurück, und Adam war sicher, dass dieser Blick zur Lehrerausbildung gehörte. Als Adam sich ein Zimmer voller Männer und Frauen vorstellte, die sich gegenseitig anstarrten, um den perfekten Blick für das Abschlussexamen zu üben, musste er grinsen.

„Schön, dass Sie so sorglos sind und sich amüsieren“, bemerkte Mr. Fisher und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Es wäre auch schlimm, wenn Ihre nicht vorhandenen Zukunftspläne Ihnen schlaflose Nächte bereiten würden.“

„Ich schlafe bestens“, erwiderte Adam und tat so, als habe er die ironische Äußerung nicht verstanden. Auf Diskussionen hatte er jetzt wirklich überhaupt keine Lust.

Es war ihm klar, dass Mr. Fisher sich nicht um ihn Sorgen machte, sondern darum, dass es auf die Grover Cleveland Highschool zurückfallen könnte, wenn einer ihrer Absolventen es nur zu einem harten, schlecht bezahlten Job bringen würde.

Nicht, dass bei ihm diese Gefahr bestand. Er, Adam Shibbs, würde bei den künftigen Ehemaligentreffen – falls ihm seine Streifzüge durch Jazzclubs und exotische Restaurants sowie seine Hobbys Zeit dazu ließen – ein Lächeln auf dem Gesicht haben, denn er wäre ein lebensfroher Mann, der all das ausprobiert, was das Leben ihm bietet.

„Ich weiß, dass Sie ein schwieriges Jahr hinter sich haben“, meinte Mr. Fisher nach einer Pause. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck wurden weicher.

„Den Vater zu verlieren ist eine schlimme Erfahrung.“

Jetzt blickte Adam auf den Boden. Was wollte Mr. Fisher eigentlich mit ihm besprechen?

„Trotzdem dürfen Sie Ihre Talente nicht verkümmern lassen“, fuhr der Lehrer fort. „Für einen durchschnittlichen Schüler sind Ihre Noten ganz okay, aber für einen Jungen, der so intelligent ist wie Sie, liegen sie unterhalb des Möglichen. Ich rate Ihnen, sich in den nächsten Jahren am Riemen zu reißen und sich anzustrengen. Machen Sie Gebrauch von Ihrem Verstand!“

„Ach, das mache ich durchaus“, erwiderte Adam. „Wahrscheinlich nur nicht so, wie Sie es für richtig halten. Für mich hat es keinen Reiz, erfolgreich zu werden, eine Million Dollar im Jahr zu verdienen und irgendwelche Firmen zu fusionieren. Ich setze meinen Verstand ein, um mich über Dinge zu informieren, die mich erstaunen oder mich zum Lachen bringen. Ich möchte mein Leben genießen.“ Er hielt kurz inne. „Schließlich lebt man nur einmal.“

„Dem stimme ich zu“, entgegnete der Lehrer. „Doch manchmal birgt das Leben eben nicht nur Spaß, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Unbeschwertheit ist ja schön und gut, aber sie ist nicht alles. Da draußen wartet die wahre Welt auf Sie, mit all ihren Schattierungen.“

Oh ja, und Adam freute sich auf diese Schattierungen. Vor allem die weiblichen. Er freute sich auf Frauen, die so waren wie er: lustig, sorglos, aufregend und abenteuerlustig. Er wollte so viele wie möglich kennenlernen und die Abwechslung genießen, die die Welt ihm anbot. Frauen, die wussten, wie man das Leben lebte. Sicher gab es auf diesem Planeten genug davon. Und eines Tages, wenn er dann häuslicher wurde – was er sich allerdings nicht wirklich vorstellen konnte –, könnte er sich aus der Vielzahl der Frauen die Beste aussuchen. Eine Frau, die nicht bis zum Umfallen arbeitete. Denn er wollte nicht noch einmal einen Menschen lieben und ihn dann verlieren.

Das College begann in drei Monaten, und vielleicht wartete dort schon die Richtige auf ihn.

Adam stand auf und streckte die Hand aus. „Danke für alles, Mr. Fisher. Die meiste Zeit an der G. C. High hatte ich Spaß. Ich verspreche Ihnen, dass es mir gut gehen wird.“

„Versprechen Sie mir nichts“, bat Mr. Fisher und fasste Adams Hand. „Ihre Zukunftsaussichten sind nicht schlecht. Machen Sie etwas daraus.“

1. KAPITEL

Molly Jacksons Gründe, ihren Geburtstag für sich zu behalten:

Pro:

1. Muss nicht über dumme Witze lachen wie:

„Lass mich raten, wieder mal neunundzwanzig, oder?“

(Was ist so schlimm daran, zweiunddreißig zu werden?)

2. Ich kann in Ruhe arbeiten und brauche keine Angst zu

haben, dass mich die Frauen von Danbury Way in eine

Bar oder ein Restaurant schleppen, um zu feiern.

Mir steht nicht der Sinn nach feiern.

3. Muss nicht lästige Fragen über meinen ständig dicker

werdenden Bauch beantworten. Muss nicht lächeln

und vage mit dem Kopf nicken, wenn der Begriff

„Samenbank“ erwähnt wird. (Muss mich nicht noch

schuldiger fühlen als ohnehin schon.)

4. Es regnet.

Kontra:

1.…

Molly starrte auf die Liste. Der Regen prasselte laut gegen die Fensterscheibe. Gab es wirklich keinen Grund, der dafür sprach, dass sie ihren Geburtstag feierte?

Nein, nicht wirklich.

Von ihrem Sofa aus schaute sie auf die Küchenuhr, die Punkt acht zeigte. Höchste Zeit, in ihr Büro zu gehen. Einfacher gesagt als getan. Denn von Tag zu Tag fiel es ihr schwerer, aus dem bequemen Sofa hochzukommen. Ihr Bauch hatte mittlerweile geradezu beängstigende Ausmaße angenommen. Die Jogginghose war das einzige Kleidungsstück, in dem sie noch einigermaßen normal atmen konnte.

Sie stützte beide Handflächen auf dem Sofa ab und stand so schwungvoll auf, dass sie fast gegen die Wand geprallt wäre. Dies war wieder so ein Moment, in dem sie das Gefühl hatte, dass ihr das alles zu viel wurde. Sie war Single, hatte eine eigene Firma … und war schwanger. Wie sollte sie …? Nein! Molly straffte die Schultern, ging zur Treppe und stieg die Stufen hoch. Angst war das Letzte, was sie sich erlauben konnte.

In ihrem Büro angekommen, fühlte sie sich gleich wieder besser. Stolz blickte sie auf den aufgeräumten Tisch, den Aktenschrank und den neuen Flachbildschirm. Das war Kontrolle. Genau! Sie hatte alles unter Kontrolle und konnte erreichen, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.

Das Telefon klingelte, und Molly griff nach dem Hörer. „M. J. Consulting“, meldete sie sich routiniert. Sie liebte es, den Namen ihrer Firma auszusprechen. Ihrer Firma, in ihrem Büro, in ihrem Haus. Wovor bitte hatte sie Angst?

Wenn Molly ehrlich war, würde sie am liebsten ununterbrochen arbeiten. Und früher, vor ihrer Schwangerschaft, war das auch überhaupt kein Problem gewesen. Doch je größer ihr Bauch wurde, desto schwerer fiel es ihr, lange zu sitzen. Sie streckte die Arme über den Kopf und dehnte sich. Durch einen Spalt zwischen den zarten lilafarbenen Vorhängen des Fensters konnte sie ihre Nachbarin Sylvia Fulton sehen, die gerade von ihrem Briefkasten kam. Die ältere Frau trug einen transparenten Schal um ihr graues Haar und war mit Zeitschriften und Katalogen beladen. Molly winkte ihr zu, und Sylvia winkte zurück.

Molly stand auf und rieb sich den Rücken. Ein kleiner Ausflug zum Briefkasten würde ihr guttun.

Sie ging nach unten und holte den Regenschirm aus dem Schirmständer neben der Haustür. Es waren zwar nur wenige Schritte bis zum Briefkasten, aber wenn ihr Haar auch nur ein paar Regentropfen abbekam, kräuselte es sich sofort.

Als sie die Haustür öffnete, blies der Wind ihr den Regen ins Gesicht. Schnell hielt sie den Schirm wie ein Schild vor sich. So ging sie zum Briefkasten – und wäre beinah in Irene Dare und Rhonda Johnson hineingelaufen, die sich – natürlich rein zufällig – direkt vor ihrem Haus aufhielten.

„Hi“, grüßte Molly knapp, holte die Post und drehte sich wieder um.

Doch so leicht entkam sie nicht. „Molly!“, rief Irene. „Du siehst einfach wunderbar aus.“

„Wunderbar“, echote Rhonda.

Beide Frauen hielten jeweils einen winzigen Terrier im Arm. Und beide lächelten sie übers ganze Gesicht – ein falsches Lächeln, wie Molly wusste.

„Wir haben uns gerade gefragt, wie es dir geht“, schnurrte Rhonda. „Du bist ja so tapfer.“

„Na, ich weiß nicht“, entgegnete Molly. „Ich bin ja nicht die erste Frau, die ein Kind zur Welt bringt.“

„Ja, aber du musst das alles ohne Mann durchstehen.“

„Oh, ein Mann kann sicher nicht besser pressen als ich, wenn der große Tag gekommen ist.“

Nun mischte Irene sich ein. „Es gibt ja Leute, die es falsch finden, wenn man zu einer Samenbank geht. Aber ich sehe das anders.“

„So?“, fragte Molly sarkastisch.

„Natürlich“, fuhr Irene ungerührt fort. „Also, wenn ich in deiner Lage wäre … Ich meine, wenn man in einem bestimmten Alter ist und kein Mann ist in Sicht … was bleibt einem da anderes übrig, als zur Samenbank zu gehen? Und da sucht man sich dann das passende Sperma aus. Ein Baby nach Maß, sozusagen.“ Irene grinste falsch.

„Was habe ich gerade gehört? Irene? Ein Baby?“ Alle drehten sich um und sahen Rebecca Peters, die auf die drei zukam. „Das ist jetzt aber ein Witz, oder?“

Bevor Irene etwas erwidern konnte, fuhr Rebecca fort: „Meine Liebe, wärst du denn überhaupt in der Lage, noch eine große Klappe zu füttern?“

Nun war es an Molly zu lächeln. Allerdings war ihr Lächeln durch und durch echt.

„Rebecca, wie schön, dich zu sehen“, sagte Rhonda mit eisiger Stimme. „Schade, dass wir gerade gehen wollten.“ Die beiden drehten sich um, aber bevor sie weggingen, musste Rhonda noch eine Bemerkung loswerden. „Molly, du solltest jetzt reingehen, wenn du dein Haar retten willst. Obwohl es so aussieht, als sei es schon zu spät.“

Rebecca steckte zwei Finger in den Mund und tat so, als müsse sie sich übergeben. „Diese beiden Ratten. Und damit meine ich nicht ihre dürren Hunde.“ Sie legte Molly eine Hand auf die Schulter. „Ich habe gesehen, wie sie dir vor dem Haus auflauerten, und beschlossen, dich zu retten.“

Molly drückte Rebeccas Hand. „Ich danke dir. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie boshaft die beiden sein können.“

„Diese beiden Klatschtanten haben die Boshaftigkeit erfunden, wusstest du das nicht?“ Rebeccas blaue Augen blitzten. „Da heißt es immer, dass es in der Großstadt hart zugeht – aber ich hatte noch nie mit solchen Leuten zu tun, bevor ich in den ruhigen kleinen Danbury Way gezogen bin.“

„Lass dir Rosewood nicht von den beiden madig machen“, entgegnete Molly. „Die zwei sind eine unrühmliche Ausnahme, und das weißt du auch.“ Sie hatte recht. Rosewood, das ungefähr eine halbe Bahnstunde von New York entfernt lag, war im Großen und Ganzen ein wirklich idyllischer kleiner Ort.

„Ja, nur leider wohnt die Ausnahme ausgerechnet in meiner Nähe.“

„Aber wenigstens nicht im Danbury Way.“

Beide Frauen betrachteten die kleine Sackgasse. „Schon komisch, wie winzig unsere Häuser neben dem Palast von Carly aussehen“, bemerkte Rebecca nach einer Weile.

Molly kicherte. Sosehr sie ihr Zuhause liebte und so hübsch das Haus war, das Rebecca gemietet hatte, so flankierten beide Häuser leider das protzige Gebäude, in dem Carly wohnte.

„Gut, dass ich Carly so mag“, meinte Rebecca, „sonst könnte ich glatt neidisch werden.“

„Auf ihr Haus oder den neuen Mann an ihrer Seite?“

„Ehrlich gesagt, auf beides. Bo ist ein toller Kerl.“ Sie drehte sich zu Molly: „Genug geredet. Du gehst jetzt besser ins Haus, damit du dich nicht erkältest.“

„Oje, sind meine Haare schon so kraus?“

Rebecca lachte. „Nein. Außerdem mag ich es, wenn deine Haare ein bisschen wilder sind, und das weißt du auch.“

„Okay. Was hältst du davon, morgen zu mir zum Mittagessen zu kommen?“

„Cool, ich komme so um zwölf vorbei.“ Sie wandte sich um.

„Rebecca?“

„Ja?“

„Danke. Ich meine, für deine Hilfe gerade.“

„Keine Ursache. Du weißt doch, wir New Yorker Stadtmädchen lieben den Nahkampf.“ Sie ballte eine Hand zur Faust und boxte zweimal in die Luft.

Molly musste lachen. Rebecca winkte kurz, lief an Carlys Rasen vorbei und verschwand hinter dem Haus.

Selbst als Molly schwerfällig die Stufen zu ihrem Büro hochstieg, lächelte sie noch. Sie mochte Rebecca, die bei einer Modezeitschrift arbeitete und ähnlich ehrgeizig wie sie war, sehr. Was würde Rebecca sagen, wenn sie die Wahrheit über den Vater des Babys erfuhr? Molly konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Rebecca sie verurteilen würde – aber sie brachte trotzdem nicht den Mut auf, die Freundin einzuweihen, dass diese Schwangerschaft nicht einer Samenbank zu verdanken war.

Selbst ihre Eltern in Kalifornien gingen davon aus, dass sie auf einer Samenbank gewesen war. Die beiden waren überhaupt nicht überrascht gewesen, als sie davon hörten. Schließlich waren sie es gewohnt, dass ihre Tochter etwas … unkonventionell war. Oder zumindest nicht „typisch Frau“. Immerhin hatte Molly sich auch ein Haus gekauft und ihre eigene Firma gegründet. Nein, Molly brauchte keinen Mann, sie konnte für sich selbst sorgen. Und dass sie das konnte, verdankte sie auch ihren Eltern. Immerhin waren sie es gewesen, die ihre Tochter immer zu Höchstleistungen angestachelt hatten. Sie standen hinter ihr, wenn auch nur aus der Ferne. So wie sie es immer getan hatten.

Der einzige Mensch, der ihr wirklich immer nahegestanden hatte, war Adam. Er war ihr bester Freund, und das, obwohl sie eigentlich unterschiedlicher nicht sein konnten. Von Mollys Schwangerschaft wusste er allerdings nicht. Seit dem Ehemaligentreffen des Colleges hatte sie ihn nicht mehr gesehen. An jenem Abend war sie so in Gedanken gewesen, dass sie vergessen hatte, sich von ihm zu verabschieden. Seitdem hatten sie nur einige belanglose E-Mails ausgetauscht. Molly nahm sich vor, Adam bald anzurufen – dass er sich nicht meldete, konnte nur daran liegen, dass er derzeit viel zu tun hatte. Adam hatte viel zu tun? Irgendwie war das ein lustiger Gedanke.

Mollys Magen knurrte, und als sie ihre Hand auf den Bauch legte, spürte sie, wie das Baby sie trat. Na, wunderbar. Nicht nur, dass sie an einem Tag mehr aß als früher in einer Woche, nun musste auch noch ihr Baby rebellieren.

Während sie noch überlegte, was sie in ihrer Küche an Essbarem hatte, klingelte das Telefon.

„M. J. Consulting“, meldete sie sich lächelnd.

Weniger als zwei Minuten später lächelte sie nicht mehr.

2. KAPITEL

Adam legte seine Füße auf das Balkongeländer und beobachtete, wie der Regen auf seine nackten Zehen tropfte. Gestern hatte er sich vorgenommen, sich heute auf dem Weg von der Arbeit thailändisches Essen mitzunehmen und draußen zu essen. Am ersten September verabschiedete sich der Sommer langsam, und Adam wollte die Wärme genießen, solange es noch möglich war. Denn die Winter in New York waren bekanntlich sehr lang und sehr kalt.

So viel also dazu, die letzten Sonnenstrahlen des Sommers zu genießen. Doch so leicht ließ sich Adam – für den es schon etwas Besonderes war, überhaupt zu planen – nicht von seinem Vorhaben abbringen. Der Balkon im Stockwerk über ihm sorgte dafür, dass er im Trockenen sitzen konnte. Und was waren schon ein paar Regentropfen auf den Füßen?

Plötzlich raste ein kleines schwarzes Knäuel aus der halb offenen Glasschiebetür und rutschte gegen die Wand unter Adams Füßen. Kaum hatte er sich gefangen, da stieß der Labrador-Welpe gegen das Stuhlbein und sprang hoch, um zu sehen, was Adam aß. Dann sprang er wieder gegen die Wand, rannte zu Adam und hechelte vor Aufregung.

„Elmer“, sagte Adam, „sag bloß, du magst thailändisches Essen!“

Molly jedenfalls liebt die thailändische Küche, dachte Adam und seufzte. Schon den ganzen Tag dachte er an sie, was natürlich auch daran lag, dass sie heute Geburtstag hatte. Wie lange wollte er eigentlich noch damit warten, sie anzurufen?

Fast ein halbes Jahr lang hatten sie nicht mehr miteinander geredet. Und überhaupt – Molly hätte sich ja auch mal melden können. Tatsächlich aber war es nicht ungewöhnlich, wenn sie mal sechs Monate nichts voneinander hörten.

Selbst auf dem College, wo sie im selben Wohnheim gelebt hatten, war ihnen immer klar gewesen, dass sie eigentlich zu verschieden waren, um ernsthaft miteinander befreundet zu sein. Adam war Molly zu lässig, und Molly war Adam viel zu ehrgeizig. Und dennoch waren sie beste Freunde. Für Adam, und wohl auch für Molly, hatte es nie jemand anderen gegeben, der diese Stelle einnehmen konnte.

Nach dem College hatten sich ihre Wege getrennt, aber ihre Freundschaft hatte fortgedauert. In manchen Wochen telefonierten sie jeden Abend, und manchmal vergingen wieder Monate, ohne dass sie voneinander hörten. Dennoch: Adam wusste immer, dass Molly für ihn da war, und das reichte ihm. Alles, was darüber hinaus ginge, klang für ihn nach Pflicht und Verantwortung – und nichts hasste er mehr.

Die letzten sechs Monate jedoch hatte Adam sich absichtlich nicht bei Molly gemeldet. Er hatte das Bild, wie sie das Nachtreffen des Colleges mit Zach Jones verließ, immer noch vor seinem geistigen Auge. Zach Jones, ihr früherer Schwarm. Sie war nicht einfach neben ihm hergegangen, sondern er hatte den Arm um sie gelegt, und Molly hatte ihn angehimmelt und den Kopf so weit zurückgelegt, dass ihre dunklen Locken fast bis zu ihrem wohlgeformten Po reichten.

Natürlich hätte Adam sie danach jederzeit anrufen können. Er hätte sagen können: „Hast du dir diesen Widerling Zach Jones endlich geschnappt?“ Sie hätte antworten können: „Was geht es dich an?“ Und vielleicht hatte er genau deshalb nie angerufen. Was es ihn anging? Das hätte er nicht sagen können.

Natürlich besaß Molly das Recht, mit jedem nach Hause zu gehen, der ihr gefiel – selbst mit einem Idioten wie Zach Jones. Aber genauso natürlich hatte Adam eben das Recht, nicht mit ihr zu reden. Deshalb hatte er den Kontakt auf einige unpersönliche E-Mails beschränkt, auf die sie nur knapp geantwortet hatte. Vielleicht ging sie ihm ja auch aus dem Weg?

Aber warum? Sie konnte keine Ahnung haben, wie verärgert er über sie war. Zach Jones – wie blöd konnte man eigentlich sein, diesen Typen gut zu finden? Aber das war kein Grund, sie an ihrem Geburtstag nicht anzurufen. Falls er Molly Jackson nicht zum Geburtstag gratulierte, dann wäre er der Idiot.

Adam stocherte noch ein bisschen in seinem Reis herum, stand auf und ging in die Küche, wo er den Rest des Essens in den Kühlschrank stellte.

Elmer stand schwanzwedelnd neben ihm, als wollte er sagen: Und was machen wir jetzt Lustiges?

„Wir beide haben unseren Spaß, nicht wahr?“ Adam streichelte den Kopf des Welpen. „Aber jetzt lass mich erst mal Molly anrufen. Die hat es nicht so mit Spaß. Eher mit Arbeit. Wahrscheinlich glaubt sie, dass Arbeit Spaß macht.“

Elmer stöhnte und legte sich auf den Boden.

„Du hast recht. Sie ist verrückt. Solche Leute …“ Auf einmal musste Adam an seinen Vater denken, der Zeit seines kurzen Lebens nur gearbeitet hatte. Am Wochenende, an Feiertagen, Tag und Nacht. „Solche Leute sterben zu früh“, sagte Adam leise. „Sie sind nichts für uns.“

Elmer starrte ihn verständnislos an.

„Molly ist … Molly muss einfach mehr ausgehen“, behauptete Adam.

Aber bitte nicht mit Zach Jones, fügte er im Stillen hinzu und wählte ihre Nummer.

„Hallo?“

Etwas stimmte nicht. Mollys Stimme klang seltsam gedämpft, so als würde sie unter Wasser reden. Hatte sie etwa geweint?

Molly? Weinen?

„Molly?“

Die Antwort war ein lautes feuchtes Schniefen.

„Mädchen, hast du etwa Probleme mit dem Älterwerden?“, versuchte er, einen Scherz zu machen.

Noch immer keine Antwort. Aber war das ein Schluchzen?

Besorgt versuchte Adam, sie aufzuheitern. „Komm schon, Molly, du magst zwar deine besten Jahre hinter dir haben, aber so klapprig bist du auch noch nicht. Als ich dich zuletzt gesehen habe, sahst du ziemlich gut aus.“ Tatsächlich hatte sie in dem kurzen schwarzen Kleid und den unverschämt hohen Absätzen mehr als nur ziemlich gut ausgesehen. Er war nicht der Einzige, der das gedacht hatte.

„Mit zweiunddreißig hat man noch längst nicht seine besten Jahre hinter sich, Shibbs“, konterte sie endlich ärgerlich.

„Natürlich, ein gutes Jahr hast du noch.“

„Ich bin gerade nicht in Stimmung für deine Scherze.“

Warum weinte sie? Anders gefragt: Hatte er Molly je weinend erlebt? „Was ist los, sind deine Geburtstagswünsche nicht in Erfüllung gegangen?“

„Lass mich mal überlegen“, bat sie und schniefte so kräftig, dass sie husten musste. „Ich glaube, sie haben sich doch erfüllt. Heute Morgen wachte ich auf und dachte: ‚Oh, es ist mein Geburtstag. Das beste Geschenk, das mir jemand machen könnte, wäre eine Kündigung!‘. Ich musste den ganzen Tag darauf warten, aber gerade, als ich mit meiner Arbeit fertig war, ging mein Wunsch in Erfüllung!“

Adam stand der Mund offen: „Du hast einen Auftrag verloren?“

„Nur meinen größten Kunden. Nichts Besonderes.“ Sie schluchzte erneut.

„Das tut mir leid.“

„Mir hat noch nie jemand gekündigt.“

„Was ist passiert?“

„Nichts. Es liegt nicht an mir. Die Firma muss sparen und deshalb viele Leute entlassen. Natürlich wollen sie eher eine externe Beraterfirma einsparen als einen ihrer eigenen Angestellten.“

„Verstehe.“

„Ich habe ihnen angeboten, mit meinem Honorar runterzugehen. Geradezu erniedrigt habe ich mich, und das war noch schlimmer, als den Auftrag zu verlieren.“

„Warum hängst du so an diesem Kunden?“

„Zum Beispiel, weil ich den Kredit für mein Haus zurückzahlen muss.“

„M. J. Consulting hat einen guten Ruf. Du wirst sehen, bald hast du einen neuen Kunden, der zahlungskräftig ist. Außerdem hast du noch andere Kunden. Du musst nur für eine Weile den Gürtel ein bisschen enger schnallen.“

„Das ist gerade überhaupt nicht möglich.“

„Was willst du mir damit sagen?“

Wieder seufzte sie, aber diesmal schien sie nicht zu weinen.

„Schon vor Jahren habe ich dich gebeten, mal für mich am Telefon zu stöhnen, aber du hast dich geweigert“, scherzte er.

„Wir können den Gürtel nicht enger schnallen“, sagte Molly leise.

„Sagtest du gerade ‚wir‘?“ War Zach Jones etwa bei ihr? Saß er neben ihr, während sie mit ihrem alten Freund redete? Warum tröstete er sie dann nicht und brachte sie zum Lachen?

„Ja, wir. Wir sind jetzt zu zweit, Adam. Wir haben ja schon länger nicht mehr miteinander geredet.“

„Ich hätte es mir denken können, als du mit Jones verschwunden bist.“

„Was? Wofür hältst du mich?“

„Nur für eine Frau, die in einen Idioten verliebt ist.“ Adam zuckte zusammen. Das war ihm einfach herausgerutscht.

„Mein Gott, Adam“, sagte Molly langsam. „Wenn ich nicht wüsste, dass du clever bist, würde ich dich einen Idioten nennen. Zach ist nicht hier. Er ließ mich fallen, als das Wochenende kaum zu Ende war.“

„Molly, ich bin …“

„Adam, ich bin schwanger. Von Zach.“

Adam öffnete den Mund, schloss ihn und öffnete ihn wieder. Aber es kam kein Ton raus.

„Ich bin froh, dass ich es dir endlich gesagt habe, denn es tut gut, einmal darüber zu reden. Bis jetzt weiß niemand davon.“

„Von der Schwangerschaft?“

„Also, es ist schwer, eine Schwangerschaft zu verbergen, wenn man im sechsten Monat ist. Nein, niemand weiß, wer der Vater ist. Hier glauben alle, ich wäre bei der Samenbank gewesen.“

Hatte er richtig gehört? Molly, die ihr Leben immer im Griff hatte, war alleinstehend, schwanger und finanziell in Schwierigkeiten.

„Und du hast recht“, fuhr Molly fort, „Zach ist ein Idiot.“

Komisch, plötzlich fühlte es sich nicht mehr gut an, recht behalten zu haben.

„Und was machst du jetzt?“, wollte er wissen. „Molly Jackson hat doch immer für alles eine Lösung.“

Eine lange Pause folgte. „Ich habe schon eine Idee, weiß aber nicht, ob die erfolgreich sein wird.“

„Was hast du denn vor?“

„Es gibt da diesen holländischen Chemiekonzern, ALCOP, der in einigen Wochen hier in Rosewood ein großes Werk eröffnen will. Sie suchen eine Beraterfirma, die den Personalbedarf ermittelt und dann die entsprechenden Einstellungsgespräche führt.“

„Das ist doch genau dein Gebiet.“

„Ja, ich habe viel Erfahrung und hervorragende Referenzen. Eigentlich kann der Konzern vor Ort niemand Besseren finden als mich. ALCOP ist sechs Mal so groß wie alle anderen Firmen, für die ich bisher gearbeitet habe. Ich wäre ein Jahr lang beschäftigt und hätte zumindest für diesen Zeitraum keine Geldsorgen.“

„Wo liegt der Haken?“

„Als ich von der Sache mit ALCOP erfuhr, hatte ich ja noch den Kunden, der mir heute gekündigt hat. Daher habe ich mich nicht um den Auftrag beworben, und die Bewerbungsfrist ist abgelaufen. Außerdem arbeitet der Chef des Unternehmens, Pieter Tilberg, anscheinend nicht so gern mit weiblichen Beratern zusammen. Er sieht Frauen eher in der traditionellen Rolle.“

„Ist das nicht gegen das Gesetz?“

„Was macht das schon? Überall werden Frauen benachteiligt. Was glaubst du wohl, warum ich meine eigene Firma habe?“

„Um nicht von Männern wie diesem Tilberg abhängig zu sein?“

„Sehr witzig, Shibbs.“

„Vielleicht ist es ja auch nur ein Gerücht, dass er nichts von Frauen hält, die Karriere machen.“

„Leider nein. Seit fünf Stunden sitze ich jetzt da und feile an meinen Bewerbungsunterlagen für den Auftrag. Die Unterlagen sind perfekt. Aber wenn ich zu dem Gespräch gehen werde, sieht Tilberg nicht meinen Verstand. Er wird nur meinen dicken Bauch sehen. Meinen fehlenden Ehering. Und dann …“

„Du hast einen Termin bei Tilberg?“, unterbrach Adam sie. Das war typisch Molly. Hatte sie nicht gerade noch gesagt, die Bewerbungsfrist sei abgelaufen? Aber wenn sie etwas wollte, dann setzte sie es durch. So war es schon immer gewesen.

„In letzter Sekunde bekommen“, erwiderte Molly mit bebender Stimme.

„Was regst du dich dann so auf? Den Auftrag hast du doch schon halb in der Tasche. Deine Ausbildung und deine Referenzen sind erstklassig. Du hast deinen Verstand … und mich.“

„Dich? Wie willst du mich denn unterstützen? Entschuldige, war nicht so gemeint.“

„Ganz einfach“, begann Adam. „Du bist eine Frau, und obwohl man das heute auch ändern könnte, willst du das nicht. Außerdem bist du schwanger, und auch das ist unabänderlich. Aber bei einem Punkt lässt sich etwas machen.“

„Wovon redest du?“

„Niemand braucht zu wissen, dass du Single bist. Während deines Gesprächs kannst du doch ganz zufällig deinen lieben Ehemann Adam Shibbs erwähnen.“

„Was?“ Ihre Stimme kiekste beinahe vor Überraschung.

„Sag diesem Chemiefuzzi einfach, dass du verheiratet bist. Ich bringe dich hin, und du lässt dann nebenbei einfließen, dass dein Mann draußen auf dich wartet.“

„Eine Firma wie ALCOP wird sicherlich Nachforschungen anstellen, bevor sie so einen großen Auftrag vergibt. Spätestens dann kommt heraus, dass ich nicht verheiratet bin. Wie stehe ich dann da?“

Adam atmete kräftig aus. „Dann heirate doch.“

Mollys Lachen klang alles andere als amüsiert. „Natürlich, kein Problem. Ich laufe nach draußen und schnappe mir einen Mann von der Straße.“

„Das musst du nicht tun“, entgegnete Adam, während sein Herz schneller schlug. „Wie ich schon sagte, kannst du auf mich zählen.“

Äh, hallo? Hatte er gerade wirklich gesagt, was er gesagt hatte?

Und warum sagte Molly nichts?

Was soll’s, dachte er. „Entschuldige, wenn ich mich nicht klar genug ausgedrückt habe“, sagte er in ihr Schweigen hinein. „Ich schlage vor, dass wir heiraten.“

Ein lautes Geräusch signalisierte Adam, dass Molly den Hörer aufgeknallt hatte.

Molly starrte mit großen Augen auf das Telefon, das auf dem Boden lag. Sie hatte es von sich geschleudert, als sei es neben ihrem Ohr in Flammen aufgegangen.

Sie hob es wieder auf und wählte Adams Nummer. „Sorry“, meldete sie sich, als er sich gleich nach dem ersten Klingeln meldete. „Ich habe eben das Telefon fallen gelassen.“

„Natürlich.“

„Deshalb habe ich den Rest deines Witzes verpasst.“

„Welcher Witz?“

„Du sagtest ‚Lass uns hei… hei…‘“ Molly räusperte sich. „Du sagtest …“

„Lass uns heiraten.“

„Richtig, und dann habe ich vor der Pointe aufgelegt.“

„Es gab keine Pointe.“

„Adam, kannst du endlich mit den Spielchen aufhören? Ich hatte wirklich keinen schönen Tag, und …“

„Keine Spielchen, ich meine es verdammt ernst. Wir haben doch immer gesagt, dass wir heiraten würden, wenn kein besseres Angebot in Sicht ist.“

Ja, aber das war ein alter Scherz aus College-Tagen gewesen. Übrigens der einzige Heiratsantrag, den Molly je erhalten hatte. Bis auf den von vor zwei Minuten. Was sagte das über sie aus?

„Nur für ein Jahr“, fuhr Adam fort. „Nur, solange der Auftrag bei ALCOP dauert. Was ist schon dabei? Es sei denn, du hättest einen Freund, von dem ich nichts weiß.“

„Nein.“

„Gut, ich habe auch gerade keine Freundin. Also, ich wiederhole: Was ist schon dabei? Wir gehen zum Standesamt, heiraten, du bekommst einen tollen Auftrag, und alle sind glücklich.“

„Und was hast du davon?“

Einen Moment schwieg er. „Ich helfe dir. Schließlich sind wir Freunde.“

Molly schwieg wieder eine Weile, und dieses Mal sagte Adam nichts. Schließlich räusperte sie sich. „Wir müssten das aber absolut geheim halten. Nicht einmal meinen Freunden und Nachbarn würde ich die Wahrheit sagen.“

„Einverstanden.“

„Adam Shibbs heiraten?“, murmelte Molly. „Oh, das sollte ein Selbstgespräch sein“, meinte sie lauter. „Entschuldige.“

„Hey“, erwiderte er beleidigt. „Dutzende Frauen würden mich gerne heiraten.“

„Tut mir leid.“ Sie hielt inne. „Ich meine, wir müssen auch zusammenleben, damit man uns glaubt. Du müsstest hier wohnen.“

„Du kannst auch herkommen, wenn du möchtest.“

„Nein, hier ist mehr Platz und es ist mein – nun, es ist mein Haus. Ich möchte nirgendwo anders sein. Vor allem nicht, während ich schwanger bin.“

„Verstehe.“

„Du würdest bei mir einziehen“, wiederholte sie und sank auf den Boden. Sie lehnte den Rücken gegen die Wand und streckte die Beine aus. „Wir übersehen dabei, dass wir uns mächtig auf die Nerven gehen.“

„Stimmt, aber die Sache ist so wichtig, dass wir Kompromisse schließen sollten.“

„Aber wir beide ein ganzes Jahr lang unter einem Dach? Wir sind zu verschieden.“ Deshalb sind wir nur beste Freunde und nicht mehr, fügte sie in Gedanken hinzu.

Adam antwortete nicht, und Molly erkannte, dass er das auch nicht tun würde. Er hatte alles gesagt, was zu sagen war, und jetzt lag es an ihr.

Adam heiraten?

Es wäre ja nur auf dem Papier. Sie wusste, dass er sich an die Regeln halten würde. Aber ging es bei einer Heirat normalerweise nicht um so etwas wie Liebe?

„Ich kann es nicht“, sagte sie schließlich. „Adam, du bist so ein guter Freund für mich. Und gerade deshalb kann ich dich nicht heiraten.“

Adam ließ sich lange Zeit, ihr zu antworten. „In Ordnung, war ja auch nur so eine Idee“, sagte er endlich. „Ich bin sogar froh, dass du ablehnst, schließlich weiß ich, dass du schnarchst. Und ein Jahr neben dir im Bett …“

Würde ihr gar nicht so schlecht gefallen …

Molly schüttelte entschieden den Kopf. „Ich sollte jetzt besser auflegen“, meinte sie. „Ich habe schon wieder Hunger, was kaum zu glauben ist. Und Adam … vielen Dank.“

„Bedank dich nicht. War nur eine Idee, wie gesagt.“

Schnell verabschiedete Molly sich und legte auf. Sie stützte den Kopf in die Hände und merkte nicht, dass sie wieder weinte, bis die Tränen ihr auf das Handgelenk liefen. Dumme Hormone. Hätte sie vorhin am Telefon nicht so blöd geheult, hätte Adam nicht den Verstand verloren und ihr einen Antrag gemacht. Dann hätte sie nicht abgelehnt, und sie befänden sich jetzt nicht in dieser seltsamen Lage.

Oh Gott! Sie hatte doch so exakte Vorstellungen von ihrem künftigen Ehemann. Er sollte ehrgeizig sein und fleißig. Einer, der Karriere machen wollte. Also einer, der nicht Adam war.

„Es lohnt sich zu warten“, flüsterte sie ihrem Baby zu, aber warum klang es so, als müsse sie sich selbst überzeugen? Ihre Augen füllten sich wieder mit Tränen.

Pling.

Ein Tropfen fiel auf den Boden. Allerdings war es keine Träne.

Pling.

Was zum Teu…? Der Tropfen fiel kurz vor ihr auf den Holzfußboden. Molly blickte nach oben.

Pling.

Das Dach war undicht.

Schwerfällig stand sie auf, ging ins Büro und stülpte den Papierkorb um. Zerknülltes Papier lag auf dem Boden, als Molly den Korb unter das Leck stellte. Nun fielen die Tropfen schon schneller.

Okay, jetzt nicht die Nerven verlieren. Sie würde eine hervorragende Mutter sein. Sie würde diese Aufgabe genauso gut lösen wie alle anderen. Sie würde nicht zulassen, dass es auf den winzigen Kopf ihres Babys regnete.

Natürlich würde sie alles unternehmen, um ihre Zukunft und die des Kindes abzusichern.

Sie griff nach dem Telefon und drückte auf die Wiederwahltaste. „Okay, aber wenn du glaubst, dass du irgendwelche … besonderen Rechte in unserer Ehe hast, dann hast du dich geirrt“, bellte sie in den Hörer, sobald Adam sich meldete.

„Zu schade“, erwiderte er. „Ich hatte mich schon darauf gefreut, mich über meine Schwiegermutter zu beklagen.“

„Dieses Recht meine ich nicht, und das weißt du ganz genau.“

„Hatten wir dieses Gespräch nicht schon beendet, indem du Nein gesagt hast?“

„Ich nehme es zurück.“

„Wie bitte?“

Molly holte tief Luft und schloss die Augen. „Ich bin einverstanden. Für ein Jahr hast du eine Ehefrau.“

3. KAPITEL

Fast jeden Samstag wachte Adam morgens mit der Überlegung auf, wie er das Wochenende verbringen sollte. Basketball mit den Jungs, Spaziergang im Park mit Elmer, ein neues Restaurant ausprobieren, mit einer großen Pizza vor dem Fernseher sitzen und ein Spiel ansehen. Manchmal stopfte er das alles in ein Wochenende hinein. Und manchmal verbrachte er das Wochenende allein, komplett lesend. Immer so, wie er gerade Lust hatte.

An diesem Samstagmorgen dachte er beim Aufwachen nur daran, dass er einen Koffer packen musste und heiraten wollte. Er guckte auf den Wecker. Schon nach zehn. Nun, er war gestern noch lange wach geblieben, weil er irgendwie damit gerechnet hatte, dass Molly ihre Zusage wieder rückgängig machte.

Sie hatte es nicht getan.

Er setzte sich auf die Bettkante, streckte die Hände über den Kopf und stöhnte laut. Dann holte er seinen Koffer unter dem Bett hervor. Er blies eine Staubschicht weg, und Elmer, der ruhig in einer Ecke gesessen hatte, jagte dem Staub hinterher.

Adam hob den Koffer auf sein Bett und öffnete ihn. Irgendwie fühlte er sich wie in einem Traum.

Er leerte zwei große Schubladen auf das Bett, holte eine Jeans aus dem Stapel und zog sie an. Dann faltete er seine Kleidungsstücke. Woran Molly jetzt wohl dachte?

Adam rollte mehrere T-Shirts zusammen und warf sie in den Koffer. Sollte er auch Handtücher einpacken? Molly hatte sicher viele, aber konnte er die auch benutzen? Was war mit Bettwäsche?

Wo würde er überhaupt schlafen? Und warum, bitte, hatte er nicht an diese Fragen gedacht, bevor er ihr diesen Heiratsantrag gemacht hatte?

Während Adam seine braune Cordhose zusammenlegte und auf ein Zeichen hoffte, dass er das Richtige tat, hörte er seinen Namen.

„Adam! Wo steckst du?“

Einen Augenblick fantasierte er, dass der Allmächtige ihn zu einem Gespräch bestellte, aber die Stimme klang eher nach der seiner Mutter.

„Onkel Adam!“ Seine Neffen Trevor und Billy rannten durch das kleine Apartment. „Wo steckst du bloß? Schläfst du etwa noch?“, rief seine Schwester.

Mist! Er hatte komplett vergessen, dass heute ja die Familie zu Besuch kam.

Schnell ging er aus dem Schlafzimmer, knallte die Tür zu und stieß mit Janine zusammen.

„Vorsicht“, mahnte seine Schwester. „Du hast nicht mehr an unsere Verabredung gedacht, oder?“

„Nein, das stimmt nicht.“

„Aha, dann hast du also vor lauter Aufregung, uns zu sehen, vergessen, ein Hemd anzuziehen.“

„Richtig.“

Sie umarmte ihn und klopfte ihm auf die nackten Schultern. „Schön, dich zu sehen.“

„Gleichfalls.“

Trevor und Billy stürzten sich auf Adam. „Uff.“

„Onkel Adam“, begann der achtjährige Trevor eifrig. „Ich habe beim Fußball ein Tor geschossen. Genau über den Kopf des Torwarts.“

„In der Band bin ich der beste Trompeter“, meldete sich der zehnjährige Billy zu Wort, der nicht im Schatten des Bruders stehen wollte. „Ich freue mich schon, wenn die Schule wieder anfängt.“

„Das ist mir aber neu“, meinte Janine und strich ihren Söhnen über den Kopf.

„Ihr beide seid ja richtig toll“, lobte Adam die Jungen. „Ich habe die coolsten Neffen.“

Beide strahlten, und obwohl der blonde Trevor und der dunkelhaarige Billy sich auf den ersten Blick nicht glichen, war ihr Lächeln fast identisch.

„Ich finde es schön, wenn all meine Kinder zusammen sind“, hörte Adam, und die Kinder traten zur Seite, um Adams Mutter vorbeizulassen. Sie umarmte ihren Sohn. „Wie geht es dir?“

„So wie immer“, erwiderte Adam und atmete den Duft des französischen Parfums ein, das er ihr jedes Jahr zum Muttertag schenkte. Schuldbewusst blickte er auf die geschlossene Schlafzimmertür. „Dann wollen wir mal nachsehen, was ich zu Essen im Haus habe.“

„Wahrscheinlich nichts, so wie gewöhnlich“, kommentierte Pam. „Wir haben genug mitgebracht.“ Sie ging in die Küche, und ihre Enkel folgten ihr eifrig. Adam wollte noch schnell ins Schlafzimmer, um sich ein T-Shirt anzuziehen. Im Flur traf er Janine, die gerade aus besagtem Zimmer kam.

„Ich habe meine Jacke auf dein Bett gelegt“, erklärte sie.

„Draußen sind es fast dreißig Grad. Wozu brauchst du da eine Jacke?“

„Eben! Ich brauche sie nicht. Und du? Wieso packst du? Willst du verreisen?“

Adam schob seine Schwester in das Schlafzimmer und trat leicht gegen die Tür.

„Oh“, jubelte Janine aufgeregt. „Du hast ein Geheimnis. Schieß schon los!“

„Geht dich gar nichts an“, antwortete Adam. Er zog sich ein schwarzes T-Shirt an und versuchte, finster zu klingen, um seine Schwester einzuschüchtern.

„Hey, du kannst hier nicht einfach klammheimlich mit einem Koffer voller Klamotten verschwinden, ohne uns zu informieren, wohin du gehst.“

„Ich gehe nicht weit weg.“

„Was heißt das?“

Beide starrten sich an, bis Janine das Schweigen unterbrach, die Tür öffnete und „Mom!“ brüllte.

„Du bist nicht einmal meine wirkliche Schwester“, behauptete Adam verzweifelt. „Ein Raumschiff hat dich hier zurückgelassen, und Mom und Dad haben dich aus Mitleid mit nach Hause genommen.“

Janine stützte die Hände auf die Hüften. „Die Story habe ich nicht mal geglaubt, als ich noch ein Kind war.“

„Oh, doch.“

„Nein“, entgegnete sie, „denn ich weiß genau, dass du als Baby von einem Rudel Wölfe vor unserer Tür zurückgelassen wurdest.“

„Wirklich?“, wollte Trevor wissen, der ins Zimmer gekommen war, ohne dass die Erwachsenen es bemerkt hatten. „Du bist ein Wolf, Onkel Adam?“

„Ich bin nicht nur irgendein Wolf“, erklärte Adam seinem Neffen. „Ich bin der große böse Wolf.“ Er knurrte bedrohlich und stürzte sich auf Trevor, der laut schrie. Billy kam herbeigelaufen, um zu sehen, was los war, und heulte ebenfalls, ohne zu wissen, warum.

Da ertönte ein ohrenbetäubendes Pfeifen, und das Geschrei verstummte sofort.

„Mir ist klar, dass ich wilde Tiere aufgezogen habe“, bemerkte Pam. Die beiden Jungen kicherten.

„Billy und Trevor, geht ins Wohnzimmer“, bestimmte Pam. Sie wandte sich an die beiden Erwachsenen, und Adam entdeckte ein Blinzeln in ihren Augen. „Seht etwas fern. Ich muss mit meinen Kindern reden.“

Nicht zum ersten Mal wunderte Adam sich über seine Mutter. Sie war der Inbegriff der braven Hausfrau, konnte sich aber im größten Chaos Respekt verschaffen.

„Was gibt es?“, wollte Pam von ihrem Sohn wissen. Als er nicht antwortete, blickte sie sich im Zimmer um und sah den offenen Koffer, der schon mit T-Shirts und Boxer-Shorts gefüllt war. Sie wandte sich an ihre Tochter. „Was ist hier los?“

Janine zuckte mit den Schultern und schaute zu ihrem Bruder.

Adam ergab sich seinem Schicksal und ging zum Koffer. Er musste noch viel erledigen und konnte sich nicht erlauben, noch mehr Zeit zu vergeuden.

„Ich ziehe für eine Zeit lang aus“, erklärte er. „Ich hätte es euch noch gesagt. Janine, dich wollte ich fragen, ob du nicht solange mit den Jungs hierbleiben möchtest. Kostenlos. Die Miete zahle ich weiter.“

Janine schien begeistert zu sein. Sie war seit Kurzem geschieden, und Adam wusste, dass sie ihrer Mutter nicht zur Last fallen wollte. Adam vermutete jedoch, dass es Pam gar nichts ausmachte.

„Für wie lange?“, erkundigte Janine sich.

„Oh, für ungefähr ein Jahr“, erwiderte ihr Bruder in möglichst lässigem Tonfall.

„Ein Jahr!“, rief Janine aus.

„Musst du dich beruflich verändern?“, wollte seine Mutter wissen, und Adam fiel auf, dass sie sich bemühte, ruhig zu bleiben.

Schnell antwortete er. „Nein, ich werde für eine Weile zu Molly ziehen.“

Beide Frauen starrten ihn an. „Geht es Molly gut? Sie ist doch nicht etwa krank?“, fragte Pam.

„Nein, nicht direkt. Sie ist … nun, sie ist schwanger.“

Schweigen.

Adam faltete seine Kleidungsstücke schneller zusammen. „Deshalb heirate ich sie und bleibe für eine gewisse Zeit bei ihr. Es ist … nichts Besonderes.“

Weiterhin herrschte Schweigen, und als Adam einen Blick riskierte, sah er, dass beide Frauen den Mund weit geöffnet hatten.

„Molly ist wirklich schwanger?“, wollte Janine wissen. „Sie … du und sie …“

„Nein“, unterbrach Adam seine Schwester. „Ich bin nicht der Vater.“

„Aber du heiratest sie?“, fragte Pam. „Du bist also in sie verliebt.“

„Nein“, entgegnete Adam schnell. „Absolut nicht. Ich helfe ihr nur als ihr bester Freund.“

„Müssen wir das begreifen?“, fragte Pam. „Molly scheint mir zu vernünftig für solch eine merkwürdige Sache. Und dass du Weiberheld eine Verbindung für mehr als zwölf Stunden eingehen willst, erstaunt mich.“

„Leider kann ich euch nicht mehr sagen“, erklärte Adam und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ich habe es ihr versprochen. Sie braucht Hilfe, und niemand soll wissen, dass unsere Ehe nur auf dem Papier besteht.“

Die drei schwiegen eine Weile.

„Wann wollt ihr denn genau heiraten?“, erkundigte Pam sich schließlich und griff nach einer bereits gefalteten Hose. Sie schüttelte sie aus und faltete sie sorgfältiger, als Adam es getan hatte.

„Ich bin nicht ganz sicher. Irgendwann nächste Woche?“

„Solange die Mutter des Bräutigams vorher informiert wird.“

„Mom, solch eine Heirat ist es nicht.“

„Jede Heirat ist ‚solch eine Heirat‘“, informierte Pam ihren Sohn. „Ich habe vor zu kommen.“

„Ich auch“, verkündete Janine. „Hast du schon Ringe?“

„Ich habe noch nicht einmal gefrühstückt“, sagte Adam. „Molly bringt mich um, wenn sie erfährt, dass ihr Bescheid wisst.“

Seine Mutter wirkte überrascht. „Molly hat doch wohl nicht geglaubt, du würdest deine Familie nicht informieren, wenn du heiratest?“

„Niemand soll erfahren, dass wir gar keine richtige Ehe führen.“

„Aber du hast doch fast gar nichts erzählt“, stellte Janine fest. „Außerdem verraten wir kein Wort. Was wäre denn, wenn ihr euch wirklich verliebt?“

Adam ließ seinen Wecker fallen, der schrille Töne von sich gab. Er hob ihn auf und wollte ihn ausstellen. „Das wird nicht geschehen“, sagte er über den Lärm hinweg. Wie konnte so etwas Kleines so viel Krach machen? Wo war der verdammte Knopf? Endlich fand er ihn, und es wurde leise.

Es wird nicht passieren, weil ich bei Dads Tod beschloss, niemals so zu leben wie er. Außerdem wollte ich niemals jemanden lieben, der so viel arbeitet wie mein Vater. Molly ähnelt ihm so sehr, hätte er fast gesagt. „Wir werden uns nicht verlieben“, erwiderte er stattdessen.

Seine Mutter und seine Schwester blickten sich an.

„Hört auf damit“, verlangte er.

„Womit?“, fragten beide.

„Euch diesen typisch weiblichen Blick zuzuwerfen. Ihr wisst, was ich meine.“

„Wie geht es Molly?“, wollte Pam wissen. „Wie weit ist sie?“

„Ich glaube, ihr geht es gut. Sie ist im sechsten Monat.“

„So weit schon!“, rief Pam überrascht aus. „Und du wusstest nichts davon?“

„Ich hatte länger nicht mit ihr gesprochen.“

„Wenn sie Hilfe braucht, sag ihr, dass sie sich an mich oder deine Schwester wenden kann.“

„Sicher kommt sie allein zurecht. Molly hat schließlich immer alles unter Kontrolle.“

Pams Augenbrauen verschwanden unter ihrem Pony. „Du glaubst, dass eine Frau, die zum ersten Mal und dazu unerwartet schwanger ist, ihre eigene Firma besitzt und kürzlich ein Haus gekauft hat, alles ‚unter Kontrolle‘ hat?“

Adam überlegte einen Moment. „Ja, bestimmt.“

Er holte ein Paar Schuhe aus dem Schrank, und als er sich aufrichtete, bemerkte er wieder diesen vielsagenden Blick, den Janine und Pam sich zuwarfen. Diesmal gab er jedoch keinen Kommentar dazu ab. Nur weil sie meistens recht hatten, musste das jetzt noch lange nicht so sein.

Adam parkte vor Mollys Haus, aber Molly, die mit dem Rücken zu ihm auf einem Hocker saß und im Garten arbeitete, hatte seinen Wagen wohl nicht gehört. Er blieb einen Moment sitzen und beobachtete sie.

Ihre Schulterblätter zeichneten sich unter ihrem dünnen weißen T-Shirt ab. Ständig warf sie ihre dunklen Locken über die Schulter, aber sie fielen immer wieder nach vorn. Außerdem schwankte ihr Körper auf dem kleinen Hocker, denn sie schien Schwierigkeiten zu haben, das Gleichgewicht zu halten.

Er stieg aus dem Wagen und schlug die Tür zu. Sofort drehte sie sich um. Aber was war das? Molly wirkte nervös, unsicher und vielleicht sogar ein bisschen … ängstlich.

Als Adam die Hand hob, um sie zu grüßen, stand Molly auf und stieß den Hocker zur Seite. Sie drehte sich um, und …

Wow.

Seine zukünftige Frau kam näher, und ein vorsichtiges Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen. Sie zog den Saum ihres T-Shirts herunter, als sie auf Adam zuging. „Fällt dir etwas an mir auf?“, fragte sie, als sie vor ihm stand.

„Ja“, antwortete Adam. „Schöner Vorbau.“

Molly riss die Augen auf, aber dann kreuzte sie die Arme vor der Brust und versuchte, nicht zu grinsen. Solange er sie kannte, hatte sie sich immer über ihre kleinen Brüste beschwert, und obwohl Adam nie fand, dass ihr etwas fehlte, hatte er das Gefühl, dass ihr die volleren Brüste in der Schwangerschaft gefielen.

In Wahrheit sah Molly ziemlich verändert aus, und das lag nicht nur an den Brüsten oder dem dickeren Bauch. Ihr Haar wirkte dichter, ihre Haut, die immer schon glatt und rein gewesen war, schien von innen zu leuchten und verlieh Molly ein strahlendes Aussehen. Ein Schweißtropfen rann ihren Hals herunter und verschwand in dem Spalt zwischen ihren plötzlich so üppigen Brüsten. Adam brach nun auch der Schweiß aus.

Schon seit Jahren hatte er körperlich auf Molly reagiert. Ein Mann musste schon blind sein, um nicht von ihr beeindruckt zu sein. Aber seine Reaktion auf sie war heute stärker, dringender. Vielleicht, weil er der weicheren, weiblicheren und verletzlichen Molly gegenüberstand? Der Frau, die er heiraten und mit der er ein Jahr zusammenleben wollte?

Er schluckte und wartete, ob sie etwas sagen würde, aber ihr schienen auch die Worte zu fehlen. So standen sie schweigend voreinander.

Adam sah, dass ihr Blick von seinen Schultern, über seinen Oberkörper bis hinunter zu seinen Schuhen glitt und dann wieder zurück. Ihr neutraler Gesichtsausdruck änderte sich nicht, und Adam hielt das für ein Plus. Sie hätte ihn ja auch verächtlich ansehen können.

Dieser Typ soll meine Karriere retten? könnte sie denken.

Du verstehst mich nicht, antwortete Adam ihr in Gedanken. Du weißt nicht, warum ich so bin, denn ich habe dir nie von meinem Vater erzählt, weil ich niemals mit jemandem darüber reden will.

Aber ich will dich retten und dein Held sein, denn ich glaube, dass du zum ersten Mal in deinem Leben wirklich Hilfe brauchst.

„Möchtest du das Haus sehen?“, fragte Molly und unterbrach die Stille.

„Gern“, erwiderte er. „Was hast du denn gerade gepflanzt?“

„Stiefmütterchen.“

„Das passt ja: Mütterchen für eine werdende Mutter.“

Molly lächelte über den schwachen Witz und führte Adam ins Haus.

Beim letzten Mal, als er Molly in der Danbury Way besucht hatte, hatten überall noch Kisten gestanden. Jetzt waren sie verschwunden, und jedes Zimmer war geschmackvoll eingerichtet. Rote und safrangelbe Kissen lagen auf dem Sofa, kleine Vasen mit Salweide standen auf Beistelltischen, und auf dem Holzfußboden lagen einzelne Teppiche. Man merkte gleich, dass Molly jedes Detail genau geplant hatte und dass dieses Haus die Erfüllung eines lang gehegten Traumes war. Stolz zeigte Molly das Wohnzimmer, die helle Küche und das Badezimmer.

Nur einen Raum zeigte sie nicht.

In der oberen Etage blieb ein Zimmer neben ihrem Schlafzimmer verschlossen.

„Was ist hier drin?“, fragte Adam und öffnete die Tür.

„Oh, das ist das Kinderzimmer.“

Das konnte man nicht erkennen. Der Raum war leer.

„Ich muss es noch einrichten“, sagte Molly, und ihre Stimme klang, als würde sie sich verteidigen.

Wann? fragte er sich. „Natürlich“, erwiderte er stattdessen.

Sie gingen nach unten, und Adam musste auf Molly warten. Zum ersten Mal bewegte sie sich langsamer als er.

„Sollen wir etwas essen gehen?“, schlug er vor. „Dann kannst du mir die Stadt zeigen.“

„Ich muss dir Rosewood doch gar nicht zeigen“, entgegnete Molly. „Du selbst hast mir die Stadt vorgeschlagen, als ich mir ein Haus kaufen wollte.“

„Nein, du sollst mich der Stadt zeigen. Vielleicht sehen wir Leute, die du kennst.“

Jetzt wurde ihr Gesicht blasser.

„Ich ziehe auch ein anderes Hemd an“, bot er an.

„Nein, das ist gut genug“, meinte sie. Sie berührte die dunkelgrüne Baumwolle und rieb über den Stoff. Adam hätte am liebsten ihre Hand genommen und die ruhelosen Finger festgehalten.

„Ich dachte, du hättest vielleicht deine Meinung geändert“, meinte sie.

„Wolltest du das?“

„Nein, oder doch. Oder … nein.“

Sie ließ sich auf das Sofa sinken, und Adam nahm ihr gegenüber in einem Ledersessel Platz.

„Mein Koffer ist im Auto. Sag mir, wenn ich ihn holen soll. Oder ich lasse ihn dort und nehme ihn nach dem Essen wieder mit nach Hause.“

Molly sah einen Moment lang aus dem Fenster. „Du hast dir die Sache nicht richtig überlegt.“

„Im Gegenteil. Ich habe mehr darüber nachgedacht als über alles andere in meinem Leben. Ich habe es nur schnell getan, denn so viel Zeit bleibt dir nicht mehr.“ Er wies auf ihren Bauch. „Ihm oder ihr auch nicht. Ist es ein Er oder eine Sie?“

„Weiß nicht.“

„Du weißt es nicht?“

„Hey, das Baby war eine Überraschung. Also kann ich mich auch bis zum Schluss überraschen lassen.“

„So hätte ich mich auch entschieden“, meinte er und grinste.

„Ich weiß.“ Seufzend massierte sie ihre Schultern.

„Hey, wir brechen nur ein paar gesellschaftliche Regeln. Wen kümmert das schon?“, versuchte er, die Situation aufzulockern.

„Ja“, bekräftigte Molly nickend. „Wen kümmert es? Wir sind erwachsen und können so handeln, wie wir es für richtig halten.“

„Genau.“

„Wir sind niemandem Rechenschaft schuldig.“

„Richtig.“

„Nur wir wissen davon.“

„Wir, äh … meine Mom und meine Schwester.“

„Du hast es deiner Mutter und Janine verraten?“

„Sie kennen nicht die ganze Geschichte. Oder besser gesagt, nicht deine Geschichte. Sie wissen, dass wir heiraten, dass die Ehe nicht von Dauer sein wird, du schwanger bist und ich nichts damit zu tun hatte, aber das ist auch schon alles. Außerdem freuen sie sich für dich und wollen uns helfen.“

Molly presste die Lippen aufeinander. Adam dachte an das einzige Mal, als er Mollys Eltern getroffen hatte. Sie waren zur Abschlussfeier ihrer Tochter erschienen, und als Molly ihnen stolz ihr Zeugnis zeigte, nickten sie zufrieden, als sei sie ein Vollblutrennpferd, das gerade das Kentucky-Derby gewonnen hatte. Keine Küsse, keine liebevolle Umarmung. Alles, was in ihren Augen zählte, war Leistung.

„Gut, aber sonst erfährt niemand davon, einverstanden?“

„Ich verspreche es dir. Außerdem musst du nichts alleine schaffen, denn wir sind zu zweit.“

Mollys T-Shirt schien sich plötzlich zu bewegen, und Adam dachte schon, er bildete sich etwas ein, als es wieder passierte. „Habe ich das gerade wirklich gesehen?“

„Ja.“

Er glitt von seinem Sessel und hockte sich Molly zu Füßen. „Darf ich?“

Sie zögerte nur eine Sekunde. „Ja.“

Adam legte seine Handfläche auf ihren Bauch und wartete ab. Dann spürte er eine Bewegung gegen seine Hand, als solle er begrüßt werden.

„Hallo, Baby“, flüsterte er. „Ich muss mich korrigieren.“ Er blickte in Mollys errötetes Gesicht. „Wir drei werden es schon schaffen.“

„Hol deinen Koffer“, flüsterte Molly.

4. KAPITEL

„Warte, Adam!“

Er trat von der Eingangstür ins „Entrée“ zurück und wartete auf Molly.

Sie sah in das schicke Bistro und bekämpfte das Gefühl von Panik. Normalerweise kam sie gerne hierhin, wenn es voll war. Aber heute, wie fast jeden Samstagabend, würden sicher viele Leute da sein, die sie kannte.

Vielleicht würde ihr das Lügen in einigen Monaten leichter fallen – in der Öffentlichkeit mit Adam als sich liebendes Ehepaar zu erscheinen –, aber an diesem ersten Abend hatte Molly ein mulmiges Gefühl.

Adam dagegen schien sich ganz wohl in seiner Haut zu fühlen.

„Alles wird gut gehen“, beruhigte er sie.

„Bist du nicht nervös?“

„Ich frage mich nur, ob das Essen so gut ist, wie du gesagt hast.“

In der Lounge des Bistros spielte eine Band Jazzmusik. Marti Vincente, die Inhaberin, begrüßte Molly mit einem strahlenden Lächeln.

„Meine Liebe!“, rief sie, als sei es schon länger als zwei Wochen her, dass Molly in ihrem Restaurant gewesen war. Martis rotes Haar schimmerte durch das Kerzenlicht golden. „Du siehst toll aus“, lobte sie. „Die schönste Schwangere, die ich je gesehen habe. Selbst deine gute Figur hast du nicht verloren, und wahrscheinlich wird das auch so bleiben, du Glückliche. Den gleichen Tisch wie immer?“ Da zuckte Marti zusammen, weil sie Adam bemerkt hatte. „Oh!“

„Das ist Adam Shibbs.“ Molly versuchte, nicht zu stottern. „Er ist mein … hm …“

„Date“, ergänzte Adam.

„Marti Vincente. Wir wohnen drei Häuser neben Molly. Meinem Mann Ed und mir gehört das Restaurant.“

„Nach den vielen Gästen zu urteilen, scheinen Sie Ihre Arbeit gut zu machen.“

Marti strahlte. „Wir glauben schon“, erwiderte sie und lachte glücklich. Sie wandte sich wieder an Molly. „Gut, dann gebe ich euch einen Tisch am Fenster. Dort ist gerade einer frei geworden, und ein so hübsches Paar wie ihr lockt sicher noch mehr Gäste an, wenn sie euch von draußen sehen.“

„Wir helfen gerne, obwohl es nicht scheint, als ob Sie Hilfe nötig haben“, meinte Adam.

Marti lachte wieder und wies auf den auffälligsten Tisch im ganzen Restaurant.

„Nett, Sie kennenzulernen, Adam. Lass es dir schmecken, Molly.“

„Freut mich auch, Marti“, erwiderte Adam.

Molly lächelte angestrengt.

Sie öffnete die große Speisekarte und verbarg sich so dahinter, dass sie noch sehen konnte, wer im Restaurant war. An einem Ecktisch saßen Judith und Sam Martin, ihre Nachbarn am anderen Ende der Danbury Way. Judith schaute ihren Mann mürrisch an, wie meistens, und Sam zerbröselte wütend ein Stück Brot. Da die beiden miteinander beschäftigt waren, würden sie sicher nicht viel von den übrigen Gästen mitbekommen. Das war schon einmal gut. Glücklicherweise sah sie sonst niemand Bekannten. Wenn sie schnell aßen, bevor andere Leute kamen …

„Du musst oft hier sein, wenn du einen Stammplatz hast“, bemerkte Adam.

Molly bewegte ihre Speisekarte nicht. Sie starrte auf die Schrift, die sie gar nicht lesen konnte, weil sie die Karte zu dicht an ihr Gesicht hielt. „Alle paar Wochen komme ich hierher“, erklärte sie. „Meist komme ich alleine und sitze hinten an einem kleinen Tisch, an dem ich auch arbeite, während ich esse.“

„So etwas Deprimierendes habe ich noch nie gehört.“

„Es ist doch nichts Schlimmes, wenn man alleine isst“, erwiderte Molly, ohne die Karte wegzunehmen.

Adam nahm ihr die Speisekarte weg. „Davon rede ich nicht. Das ist völlig in Ordnung, aber dass du beim Essen arbeitest, finde ich nicht gut.“

„Ich kann mehrere Dinge gleichzeitig erledigen.“

„Das ist das Problem. Du solltest dich auf das Essen konzentrieren, denn Essen ist ein Vergnügen.“

„So kann nur ein Müßiggänger wie du reden.“

„Aus deinem Mund klingt das wie eine Beleidigung.“

„Man ist nicht gerade produktiv dabei.“

„Ich muss nicht immer produktiv sein“, behauptete Adam und wirkte nicht im Geringsten beleidigt. „Die Welt um mich herum produziert genug. Ich genieße und habe teil.“

„Vielleicht brauchst du einen neuen Job. Würde dir dein Job mehr gefallen …“

Sie unterbrach sich, als die Kellnerin kam und ihre Getränkebestellung entgegennahm. „Wenn du vielleicht …“, begann sie, als sie wieder allein waren.

„Ich habe dich verstanden. Mein Job gefällt mir gut, und ich habe nette Kollegen, aber mein Leben dreht sich nicht nur um den Beruf. Ich arbeite, um meine Rechnungen bezahlen zu können, und ich finde es schön, Zeit für andere Dinge zu haben. Guten Wein, leckeres Essen, Musik, Sport, Lesen, meine Freunde und meine Familie. Ich bin nicht wie du.“

„Das weiß ich. Darüber haben wir uns sicher schon unterhalten.“

„Du darfst als meine Verlobte gerne noch einmal mit mir darüber reden. Auch wenn wir verheiratet sind, kannst du das Thema nochmals anschneiden, aber ich werde mich nicht ändern. Du musst es aber vielleicht tun.“

„Wie bitte?“

Die Kellnerin kehrte mit den Getränken zurück. „Ich gebe Ihnen noch einige Minuten“, schlug sie vor und ging schnell wieder, nachdem sie einen Blick auf Mollys Gesicht geworfen hatte.

„Du bekommst ein Baby, das sicher nicht so sehr an M. J. Consulting interessiert ist wie du. Wahrscheinlich musst du es etwas langsamer angehen lassen.“

„Wie steinzeitlich. Ich bin durchaus in der Lage, Kindererziehung und Berufstätigkeit zu verbinden.“

„Das bestreite ich nicht. Du sollst ja gar nichts aufgeben, sondern nur etwas langsamer arbeiten.“ Er hob die Hand, als sie Luft holte. „Nur ein bisschen, sagte ich, denn ich bin da, um dir zu helfen. Ein Vorteil, in einem großen Unternehmen zu arbeiten, liegt darin, dass man auch Vaterschaftsurlaub nehmen kann.“

„Ich nehme das Kalbfleisch“, sagte er zu der Kellnerin, die in der Nähe wartete.

„Und für Sie, Ma’am?“

Vaterschaftsurlaub? Er würde sich um ihr Baby kümmern?

„Das würde ich nie von dir verlangen“, antwortete sie Adam.

„Ich bestelle das Kalbfleisch aber gerne. Ich habe Appetit darauf.“

„Nein, ich rede vom Erziehungsurlaub. Du musst nicht so viel für mich tun.“

„Ma’am?“, fragte die Kellnerin wieder.

Molly zeigte auf ein Nudelgericht auf der Karte, und die Bedienung schien erleichtert, dass sie endlich eine Bestellung aufgenommen hatte.

„Was ist, wenn du den Urlaub für eigene Zwecke brauchst?“

„Dein Baby ist mein Zweck.“

Seine Selbstlosigkeit war erstaunlich. Molly konnte seine Hilfe kaum annehmen. „Weißt du denn, wie man ein Baby versorgt?“

„Weißt du es?“

„Hm“, erwiderte Molly und biss sich auf die Unterlippe. „Natürlich weiß ich das.“

„Ich auch“, entgegnete er. „Wie du weißt, habe ich zwei Neffen, um die ich mich häufiger gekümmert habe. Außerdem gibt es noch Elmer.“

„Wer ist Elmer?“

„Mein Hund. Du wirst ihn lieben.“

„Du bringst einen Hund in mein Haus?“

„Er ist ein kleiner Welpe. Ich habe ihn heute zu Hause gelassen, weil die Jungs ihn bei sich haben wollten.“

„Von dem Welpen hast du mir noch nichts erzählt.“

„Sollen wir wirklich darüber reden, was wir uns in den vergangenen Monaten alles nicht erzählt haben?“

Molly tunkte ein Stück Brot in Olivenöl und steckte es in den Mund.

„Außerdem könnte man mit Elmer schon einmal üben. Du kannst ihn füttern, ihn umarmen und mit ihm schimpfen, wenn er sich nicht benimmt. Allerdings folgt er nicht, sondern ignoriert alle Versuche, ihn zu erziehen.“

„Dann kann man mit ihm eher den Umgang mit Teenagern üben.“

„Touché“, erwiderte Adam lächelnd.

Die Jahre hatten kleine Fältchen um seine Augen und den Mund gegraben. Man konnte ihm ansehen, dass er gerne lachte. Die Augen waren immer noch so intensiv grün wie damals. Molly hatte am Anfang ihrer Bekanntschaft einmal von ihm verlangt, einen Finger in ein Auge zu stecken, um zu beweisen, dass er keine Kontaktlinsen trug. Sie war nicht sicher, was sie damals mehr beeindruckt hatte: dass die Augenfarbe echt war oder dass Adam ihre Herausforderung angenommen hatte.

„Warum bist du so ruhig?“, erkundigte Adam sich.

„Ich bereite mich nur mental darauf vor, ein gemütliches leckeres Essen zu genießen.“

„Du kannst also auch witzig sein, wenn du willst. Ich war dir ein guter Lehrer.“

„Es ist angeboren, Shibbs. So etwas kann man nicht lernen.“ Sie trank einen großen Schluck Wasser.

Der Abend verlief gut. Beim Dessert schien fast alles wieder so zwischen ihnen zu sein wie eh und je. Locker, witzig und freundlich. Ohne jeden Druck. Mit jedem Bissen, den Molly gegessen hatte, ließ ihre Anspannung nach.

Als Molly den letzten Löffel ihrer Crème brulée zum Mund führen wollte, hielt Adam ihr Handgelenk fest. „Warte noch einen Moment, bitte. Ich habe etwas für dich.“

Er griff in seine Hosentasche und holte ein kleines Kästchen heraus. „Und sei bitte nicht böse.“

Molly konnte den Blick nicht von dem Kästchen wenden und merkte gar nicht, dass Adam aufstand und vor ihr auf die Knie ging.

„Oh, mein Gott“, staunte sie.

„Verzeih mir, aber …“ Er öffnete das Kästchen, in dem etwas glitzerte.

„Oh, mein Gott!“, rief Marti von der Mitte des Restaurants. Sofort schauten alle Gäste zu Mollys und Adams Tisch.

„Meine Güte“, flüsterte Molly.

„Molly Jackson, willst du mich heiraten?“, fragte Adam.

War das zu fassen? Adam Shibbs kniete vor ihr und bat sie vor allen Leuten, seine Frau zu werden.

Sie nickte nur, und im Restaurant applaudierten alle und lachten fröhlich. Adam streifte den Ring über ihren Finger, stand auf und zog Molly in die Arme.

„Der ist hoffentlich nur aus dem Kaugummiautomaten“, raunte sie Adam ins Ohr.

„Bei mir gibt es nichts Billiges.“

„Du hast mir einen echten Diamantring gekauft? Warum?“ Sie drückte seine Schultern fester, und die Leute klatschten noch mehr. „Wann? Wieso?“

„Heute“, erwiderte er. „Und einfach so.“

Sie zog sich etwas zurück, starrte ihn an, bevor sie den Kopf wieder an seinen Hals schmiegte und ihm in das andere Ohr flüsterte: „Was ist, wenn ich den Auftrag von ALCOP nicht bekomme? Dann war diese ganze Show hier umsonst.“

„Das ist ausgeschlossen.“ Diesmal unterbrach er ihre Umarmung und schaute Molly aus seinen grünen Augen an. „Molly, bei allem, was du tust, bist du die Beste. Ich vertraue dir.“

Überwältigt von dem Ring, den er ihr geschenkt hatte, dem Publikum und von dem Mann, der mehr an sie glaubte als sie selbst, brach sie in Tränen aus.

Die Gäste im „Entrée“ applaudierten nur noch lauter.

„Molly.“

Molly drückte den Kopf in ihr Kissen. Sicher riefen ihre Träume sie zurück, und sie war gern bereit, ihnen zu folgen. Sie griff nach einer warmen Hand und hielt sie fest. „Mmm“, murmelte sie und strich mit den Fingern über einen Arm. So warm, so stark … Sie drückte die Hand gegen ihre Wange.

„Molly?“

Jetzt endlich wurde Molly wach. Adam saß mit nacktem Oberkörper neben ihr auf dem Bett. Sofort stieß sie seine Hand zurück. „Wie spät ist es?“

„Es ist halb zehn.“

„Halb zehn?“ Sie riss die Bettdecke weg und versuchte aus dem Bett zu springen, aber ihre Müdigkeit und ihr Gewicht hielten sie auf der Matratze fest.

Adam kratzte sich auf dem Kopf, und sein blondes Haar stand in alle Richtungen ab. „Du wirst am Telefon verlangt.“

„Du bist an mein Telefon gegangen?“

„Sollte es stundenlang klingeln? Ich kann doch dein Telefon jetzt nicht für ein Jahr ignorieren, oder?“

Er reichte ihr den Hörer und ging aus dem Zimmer. Er trug nur eine Boxer-Shorts, sodass Molly seine kräftigen muskulösen langen Beine bewundern konnte.

Glücklicherweise hatte er das Telefon auf stumm gestellt, sodass der Anrufer ihren Wortwechsel nicht gehört hatte. Sie drückte auf die Taste und räusperte sich. „Hallo?“

„Hi Molly, hier ist Rebecca.“

„Hi.“ Molly lehnte sich in ein Kissen.

„Neuer Sekretär?“

„Ja.“ Verlegen biss sie sich auf die Unterlippe. „Wir sind noch in der Testphase.“

„Gibt es etwas Neues?“

„Nichts“, entgegnete Molly und bemühte sich um einen lockeren und leichten Tonfall. „Was ist mit dir?“

„Anders ausgedrückt“, beharrte Rebecca, „möchtest du mir vielleicht etwas sagen?“

„Denkst du dabei an etwas Bestimmtes?“

„Nun, ein hübsches Paar hat sich gestern im ‚Entrée‘ verlobt. Die Frau soll schwanger sein und große Ähnlichkeit mit dir haben.“

Molly legte eine Hand an ihre Stirn.

„Aber ich dachte“, fuhr Rebecca fort, „dass das nicht sein könnte, da ich gestern zwei Stunden mit dir zusammen war und du nichts von einem Freund erzählt hast.“

„Hm …“

„Also musst du eine Doppelgängerin haben, die sich für dich ausgibt. Ich wollte dich nur warnen, damit sie nicht später mit deiner Kreditkarte einkaufen geht.“

Molly seufzte. „Marti hat es dir gesagt.“

„Nein, es war Rhonda.“

„Rhonda war doch gar nicht da!“ Oder doch? Diese Klapperschlange. Wahrscheinlich hatte sie sich irgendwo im Restaurant zusammengerollt und versteckt. Vielleicht hinter dem großen Kamin.

„Oh doch, sie war da. Sie behauptete, der Mann habe sich vor dir hingekniet.“

Wieder seufzte Molly.

„Außerdem habe sie von ihrem Platz aus einen guten Blick auf seinen knackigen Po gehabt.“

„Wenn ich sie wieder sehe, werde ich diese Frau verprügeln.“

„Meine Unterstützung hast du. Aber noch mal zum Anfang. Wer ist der Typ, der ans Telefon gegangen ist, warst du wirklich in dem Restaurant und bist du verlobt? Was zum Teufel ist bei dir los?“

„Der Typ heißt Adam Shibbs. Die Frau war ich, und wir sind verlobt und werden heiraten.“

Da schrie Rebecca beinahe: „Wann hast du ihn kennengelernt? Vor ein paar Stunden?“

„Nein, vor vierzehn Jahren auf dem College.“

„Wie romantisch! Dein Freund aus dem College.“

„Damals war er mein bester Freund, und das ist er immer noch. Ich meine …“

„Heute ist er mehr.“

„Äh … Ja, so kann man es sagen.“

Nachdem sie ihre Freundin und deren Fragen über die Hochzeit auf später vertröstet hatte, ging Molly ins Wohnzimmer, um den Hörer wieder zurückzulegen. Adam hatte sich wieder auf das Sofa gelegt, wo er auch übernachtet hatte. Das blaue Betttuch war ihm bis zum Bauch gerutscht.

Sie versuchte, nicht hinzuschauen, denn was gab es da schon zu sehen, was sie nicht schon seit fast fünfzehn Jahren kannte?

Aber so hatte sie ihn eben noch nie zu Gesicht bekommen. Als Mann, der in ihrem Wohnzimmer schlief und halb nackt war.

„Alles in Ordnung?“, fragte er. Sie zog ihren Morgenmantel fester um sich. Ihre Knospen waren hart geworden und drückten sich gegen ihr dünnes Nachthemd.

„Nein, nichts ist in Ordnung“, entgegnete sie. „Die ganze Stadt weiß, dass wir verlobt sind. Die größte Klatschtante von Rosewood war gestern im ‚Entrée‘.“

„Hervorragend“, kommentierte Adam. „Dann brauchen wir die Nachricht nicht mehr selbst zu verbreiten.“

„Das ist nicht lustig.“

„Ich meine es ernst“, sagte er. „Wir haben den Anfang gemacht, und jetzt kann jemand anderes die restliche Arbeit erledigen.“

„Nein“, widersprach Molly und ging um das Sofa herum. „Wenn jetzt unkontrolliert getratscht wird, dann können wir nichts mehr zu unserem Vorteil steuern.“

„Warum sollten wir das? Solange niemand herausfindet, dass wir das alles nur inszeniert haben, damit du einen Auftrag bekommst, ist doch alles bestens.“

„Ich weiß nicht, was ich von der ganzen Sache halten soll“, murmelte Molly.

„Jetzt ist es zu spät. Wann ist dein Vorstellungsgespräch bei ALCOP?“

„Am Freitagnachmittag.“

„Prima. Dann gehen wir diese Woche noch aufs Standesamt und bringen es hinter uns.“

„Das kann ich nicht.“ Aber kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, da bereute sie sie auch schon. Ich darf jetzt nicht die Nerven verlieren. „Ich meine, ich kann nicht noch einen Tag in dieser Woche freimachen. Morgen ist Labor Day, am Freitag habe ich das Gespräch bei ALCOP in Manhattan, und Dienstag bis Donnerstag ist mein Terminkalender auch schon voll.“

„Fein, dann heiraten wir am Freitagmorgen, und ich bringe dich danach in meinem Wagen nach Manhattan.“

„Ist das dein Ernst?“ Sie hob die Hand, um eine Locke aus dem Gesicht zu streichen, als der Diamant direkt in ihr Auge glitzerte. Einen Moment lang betrachtete sie den Ring fasziniert. Wie viel er wohl gekostet hatte? „Gut, wenn du es wirklich willst, bin ich einverstanden. Dann also am Freitag.“

„Ich werde meiner Mom und Janine Bescheid geben. Sie wollen bei der Trauung dabei sein.“

Molly wollte erst protestieren, aber dann merkte sie, dass ihr der Gedanke gefiel, Adams Familie bei der Trauung dabeizuhaben. „Meine Eltern kommen nicht“, sagte sie stattdessen.

„Wirst du es ihnen wenigstens erzählen?“

„Warum sollte ich? Sie leben am anderen Ende des Landes. Sie waren erst letztes Jahr hier zu Besuch, was heißt, dass sie dieses Jahr aller Wahrscheinlichkeit nach nicht hier aufkreuzen werden. Ich habe also keinen Grund, ihnen irgendwas zu erzählen.“

Das alles sagte sie ohne Bitterkeit. Ihr Vater war Geschäftsführer und ihre Mutter Finanzchefin in großen Unternehmen, und sie waren mehr als beschäftigt. Außerdem führte sie ihr eigenes Leben – das sich allerdings sehr verändert hatte.

„Ah“, bemerkte Adam nur.

Molly lief rastlos hin und her.

„Kannst du nicht einmal stehen bleiben?“, fragte Adam.

Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie sich unermüdlich bewegte.

„Gut, wenn der Hochzeitstermin jetzt feststeht“, bemerkte Adam, „sollten wir anfangen, den Rest zu organisieren.“

Ah! Organisieren! Das war Mollys Lieblingswort. Jetzt ging es ihr schon besser. Ja, jetzt konnte man organisieren und planen.

Noch einmal blickte sie auf ihren Ring mit dem schlichten, aber perfekt geschliffenen Stein. „Machst du dir keine Gedanken darüber, wie unsere Freundschaft sich dadurch ändert?“, fragte sie endlich.

Einen langen Augenblick erwiderte Adam nichts. „Sollte ich?“

„Wir werden verheiratet sein und unter demselben Dach leben. Außerdem ein Jahr lang keinen Sex haben.“

„Warum vergessen wir Letzteres nicht einfach? Wir müssen uns doch nicht noch mehr unter Druck setzen.“

„Adam, wenn du mit mir verheiratet bist, darfst du mit niemandem Sex haben. Aber wirst du das wirklich hinbekommen? Ich meine, ich weiß doch, wie sehr du Frauen … magst.“ Und sie mögen ihn auch, dachte sie im Stillen. So sehr, dass keine ihm Vorhaltungen macht, wenn er sich nicht auf Dauer binden will. „Und ich mag Männer“, fügte sie eilig hinzu. Was nicht gelogen war, auch wenn sie nach ihrer Erfahrung mit Zach nicht wirklich gut auf das männliche Geschlecht zu sprechen war. Zach war immer ihr Traummann gewesen. Aber es hatte nur achtundvierzig Stunden mit ihm gebraucht, um diesen Traum platzen zu lassen. Der Mann war nichts als ein Trugbild.

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