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BIANCA EXTRA BAND 30

CINDY KIRK

Nanny gesucht – Mommy gefunden

Wo hatte er nur all die Jahre seine Augen? Seine Nachbarin Hailey ist so sexy! Und ihre Küsse schmecken nach mehr! Aber Hailey will eine Familie – und Winn weiß nicht, ob er dazu wirklich bereit ist …

AMANDA BERRY

Träum in meinen Armen

Wie ein Wirbelwind stürmt Nicole in sein Leben! Dabei möchte Sam doch vor allem eines: seine Ruhe – auch vor der Liebe. Aber Nicole lässt nicht locker. Ist sie vielleicht die Eine, die sein Herz erobert?

MELISSA MCCLONE

Der Feind, der mich so zärtlich küsst

Mit zerzausten Haaren und funkelnden Augen steht Bailey vor dem Hotel, das er abreißen will. Justin ist verwirrt: Warum hängt sie so an dem Haus – und weshalb kann er plötzlich nur noch an ihre sinnlichen Lippen denken?

RACHEL LEE

Es kann doch nur für immer sein

Sie hat so viel durchgemacht – Dan darf Vicki nicht drängen! Und doch: Wenn er in ihre Augen sieht, wird sein Verlangen übermächtig. Wie nur kann er ihr zeigen, dass seine Liebe ihre Wunden heilen wird?

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Nanny gesucht – Mommy gefunden

1. KAPITEL

Hailey Randall saß allein an einem Tisch im „Hill of Beans“ Coffeeshop und grübelte darüber nach, wie dumm sie doch war. Denn vor Kurzem hatte sie herausgefunden, dass ihr Freund sie nur ausgenutzt hatte.

„Von deinem strahlenden Lächeln bekommt man ja Sonnenbrand.“

Hailey sah auf. Cassidy Kaye, die Eigentümerin des beliebten Friseursalons „Clippety Do Dah“, hielt sich die Hand vor die Augen. „Ich … ich bin ganz geblendet.“

„Ha ha.“ Aber Haileys Lippen zuckten. „Solltest du nicht gerade irgendwem die Haare scheren?“

„Bei dieser überschwänglichen Begrüßung wird mir ganz warm ums Herz. Und ich setze mich natürlich liebend gerne zu dir.“ Cassidy ließ sich auf den leeren Stuhl fallen. Sie grinste, streckte die Hand aus und nahm sich ein Stück von Haileys Zimtmuffin. „Was für ein Kaffee ist das?“

„Zimt.“

Cassidy rollte die Augen. „Zimt im Kaffee. Zimt im Muffin. Kindchen, du brauchst ein bisschen Abwechslung.“

Obwohl Hailey nicht einsah, warum das langweilig sein sollte, lächelte sie. „Glaub mir, sogar ich habe so meine Momente.“

„Wie zum Beispiel Josh Gratzke in hohem Bogen vor die Tür zu setzen.“

Haileys Lächeln verschwand. Sie hätte wissen müssen, dass sich das inzwischen herumgesprochen hatte.

„Ich kann nur sagen, es war höchste Zeit.“ Cassidy nickte entschieden.

Hailey hatte das Gefühl, dass die meisten ihrer Freunde so reagieren würden. Darum kam sie sich nur noch dämlicher vor. „Ich hab es einfach nicht gemerkt, Cass. Ich Dummkopf habe geglaubt, er hat sich Hals über Kopf in mich verliebt. Ich hätte nie gedacht, dass Josh nur auf einen Job im Büro von meinem Bruder aus war.“

Hailey konnte es immer noch kaum glauben, dass ihr Bruder jetzt der Bürgermeister von Jackson Hole, Wyoming, war.

Cassidys Augen verdunkelten sich. „Menschen enttäuschen einen eben. Sogar diejenigen, die wir vermeintlich gut kennen.“

„Ich hätte was merken sollen“, murmelte Hailey.

„Geh mal nicht zu hart mit dir ins Gericht. Josh war ziemlich geschickt.“ Cassidy drückte Haileys Hand.

Hailey hatte keinen Appetit mehr, also schob sie ihren Teller Cassidy hin. „Erzähl mir von Susan Finsters Hochzeit.“

„Sie will das komplette Programm.“ Cassidy beugte sich vor. „Man hat mir zu verstehen gegeben, dass sie gerne zur Konkurrenz geht, wenn ich das nicht schaffe.“

„Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Ich habe während des Studiums als Kosmetikerin gearbeitet. Das hat mir wirklich Spaß gemacht.“

Cassidy ließ das Gebäckstück fallen. „Jetzt ernsthaft?“

„Absolut.“ Hailey freute sich über Cassidys Reaktion.

„Verdammt, ich glaub das einfach nicht.“ Cassidy schlug sich mit der Hand gegen den Kopf. „Ich zermartere mir seit Wochen das Gehirn, wen ich fragen könnte, dabei habe ich dich direkt vor der Nase.“

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht die Einzige bin, die mal was Offensichtliches übersieht.“

Haileys trockener Tonfall brachte Cassidy zum Lächeln. Die Friseurin richtete sich auf. „Ich will, dass wir zusammenarbeiten, Hailey.“

„Dann würdest du aber die Katze im Sack kaufen.“ Hailey bemühte sich darum, unbefangen zu klingen. „Du weißt doch gar nicht, ob ich was drauf habe.“

Mit blau lackierten Fingernägeln wischte Cassidy Haileys Einwand beiseite. „Ich hatte schon Kundinnen, die mit deinen Vorschlägen für ihre Frisur zu mir gekommen sind. Du hast immer den Nagel auf den Kopf getroffen.“

Hailey errötete vor Freude. „Du willst wirklich, dass ich für dich arbeite?“

„Nein, eigentlich nicht.“ Cassidy musterte sie nachdenklich. „Ich will, dass du mit mir zusammenarbeitest“, erläuterte Cassidy. „Eine Partnerschaft.“

Hailey stellte sich vor, wie sie mit Kundinnen arbeitete, ihnen Tipps gab und ihnen zeigte, wie ein anderes Make-up und eine neue Frisur ihre natürliche Schönheit betonten. Diese Gelegenheit wollte sie unbedingt beim Schopf packen. Aber sie zwang sich, nichts zu überstürzen. Die Lektion hatte sie dank Josh gelernt. „Warum eine Partnerschaft?“

„Du musst das als dein Projekt sehen. Ich will deine Beziehungen ausnutzen, um das Unternehmen in Schwung zu bringen.“

Ein eisiger Schauer lief Hailey den Rücken hinunter. „Ich habe gedacht, du willst mich wegen meiner Fähigkeiten …“

„Jetzt stell dich nicht so an.“ Cassidy tat ihren Kommentar mit einer Handbewegung ab. „Ich bringe meine Geschäftserfahrung, meine Zulassung und meine Kontakte ein. Das wiegst du mit deinem Blick für Farben, deiner Erfahrung als Kosmetikerin und deinen Beziehungen auf.“

Hailey konzentrierte sich auf die Fakten. Ein paar Sekunden später stieß sie den Atem aus und nickte. „Das ergibt vermutlich Sinn.“

„Auf jeden Fall.“ Cassidy schob ihren Stuhl zurück. „Über die Einzelheiten können wir reden, sobald du dich entschieden hast.“

„Meinst du nicht, falls ich mich dafür entscheide?“

„Wir können es doch beide gar nicht erwarten loszulegen.“ Cassidy grinste.

Da läutete die Klingel über der Ladentür, und Winston Ferris kam herein, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Beim Anblick ihres gut aussehenden Nachbarn machte Haileys Herz einen Satz.

Winn war groß, athletisch gebaut und selbstbewusst. Das dunkle Haar trug er in einem modischen Kurzhaarschnitt. Obwohl sein Gesicht durchaus attraktiv war, machten seine kühlen grünbraunen Augen seinen eigentlichen Reiz aus.

„Ich muss wieder in den Salon.“ Cassidy nickte Winn zu. „Also überlass ich dich mal deinem neuen Freund.“

Hailey runzelte die Stirn. „Winn ist nur mein Nachbar.“

Cassidy zwinkerte ihr nur zu und schlenderte davon.

„Das ist nur ein Rückschlag, mehr nicht.“ Winn ließ sich keinerlei Gefühlsregung anmerken, während er dem Wutausbruch seines Chefs zuhörte. Er nickte Cassidy Kaye kurz zu. Die Geschäftsfrau mit dem rosa Haar und der aufreizenden Figur war gerade auf dem Weg nach draußen.

Schließlich fiel seinem Chef nichts mehr ein, und er beendete abrupt den Anruf. Winn steckte das Handy ein. Es gab wieder ein Problem bei der Bewilligung des Golfplatzes.

Kaffee brauche ich jetzt keinen mehr, dachte Winn.

Aber dann sah er, dass Cole Lassiter hinter dem Tresen stand. Cole war ein wichtiger Meinungsmacher in Jackson Hole.

„Cole.“ Winn schenkte dem Eigentümer der „Hill of Beans“-Kette ein Lächeln. „Was macht der Chef hinterm Tresen?“

„Ich lerne die alltäglichen Herausforderungen kennen, die meine Mitarbeiter bewältigen müssen“, erklärte Cole entspannt.

„Vorbildlich.“ Winn hielt seine Aktentasche hoch. „Ich habe gedacht, ich besorge mir eine Dosis Koffein, um ein paar Berichte durchzugehen.“

„Also einfach nur einen Kaffee?“

„Schwarz und stark.“

„Kommt sofort.“ Cole drehte sich zur Kaffeemaschine um.

Winn nutzte die Gelegenheit, um sich im Coffeeshop umzusehen.

Er hatte den Blick beinahe einmal im Kreis wandern lassen, als ihm eine zierliche Blondine in Jeans und knallrosa Kapuzenshirt auffiel.

Hailey Randall. Seine Nachbarin. Allein.

Winn hatte seit Tagen auf eine Gelegenheit gehofft, sich mit ihr zu unterhalten. Wieder sagte er sich, dass ihr Privatleben ihn nichts anging. Doch als er seinen Kaffee hatte, ging er geradewegs zu ihrem Tisch.

Als er näherkam, sah sie auf. Ihr einladendes Lächeln war ein unerwarteter Lichtblick an diesem Tag.

„Darf ich?“, fragte er höflich.

Sie deutete auf den leeren Stuhl. „Aber bitte.“ Dann lehnte sie sich zurück. „Ich habe dich jetzt eine Weile nicht gesehen. Warst du wieder geschäftlich unterwegs?“

„Ich habe meinem Dad auf der Ranch beim Heumachen geholfen.“ Winn nahm einen tiefen Schluck Kaffee.

„Das ist harte Arbeit.“ Hailey bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick. „Du wirkst jetzt nicht gerade wie der Typ für körperliche Arbeit.“

„Soll ich mich jetzt beleidigt oder geschmeichelt fühlen?“ Winn lachte leise. „Ehrlich gesagt macht es mir Spaß, mal gehörig zu schwitzen.“

Das sollte wirklich keine Anspielung sein. Aber eine Sekunde lang lag da … etwas in der Luft. Etwas, das er schon mal gespürt, aber ignoriert hatte. Schließlich war Hailey nicht nur sieben Jahre jünger als er, sondern auch seine Nachbarin. Vor allem aber war sie eine Freundin. Und er hatte nicht viele Freunde in Jackson Hole.

Genau darum musste er ehrlich mit ihr sein. Hailey war mit Josh nur ein paar Monate zusammen gewesen. Das wusste Winn. Aber der Kerl war genau wie Vanessa.

Winn hatte gedacht, dass er Vanessa vielleicht wirklich liebte. Er hatte ihr vertraut. Einer Frau, die mit einem anderen Mann geschlafen hatte, während sie angeblich eine monogame Beziehung führten.

Winn wünschte sich, ihm hätte damals jemand etwas gesagt. Dadurch wäre ihm viel erspart geblieben.

„Ich muss dir was sagen.“

„Wenn du mir jetzt eröffnest, dass du der Geschäftswelt den Rücken kehrst, um als Rodeoclown zu arbeiten, gib mir eine Sekunde, um noch einen Espresso zu bestellen“, zog sie ihn auf.

Winn schüttelte den Kopf. Er wollte ihr wirklich auf keinen Fall wehtun. „Es geht nicht um mich. Sondern um Josh.“

Ihr Lächeln verblasste. Als sie nach ihrer Tasse griff, zitterte ihre Hand. „Was gibt’s denn?“

„Er ist nicht der Mann, für den du ihn hältst …“

„Oh, Winn.“ Ihr Lachen klang zerbrechlich. „Ich glaube, ich kenne ihn inzwischen ziemlich gut.“

„Dann weißt du also Bescheid?“, fragte Winn vorsichtig.

„Jawohl.“ Obwohl ihr Ton nichts preisgab, glänzten ihre Augen tränenfeucht.

Winns Magen verkrampfte sich. „Wie hast du das herausgefunden?“

Ihr ersticktes Lachen sagte ihm, dass sie den Tränen nahe war. „Du meinst, wann ich endlich gemerkt habe, dass er mich nur benutzt, um sich an meinen Bruder heranzumachen?“

Jetzt war Winn total verwirrt. „Ich rede von der Frau in Idaho Falls, mit der er ein Verhältnis hat.“

Hailey glitt die Tasse aus der Hand und landete mit einem Klirren auf dem Tisch. Als sie sprach, war ihre Stimme unnatürlich gelassen. „Was für eine Frau?“

„Eine Anwältin namens Kelly. Das ist alles, was ich weiß.“ Er hielt inne, als ihm plötzlich die Bedeutung ihrer Worte aufging. „Er hat dich benutzt, um an Tripp heranzukommen? Warum?“

„Anscheinend hat Josh politische Ambitionen.“ Sie hob die Tasse an die Lippen, trank aber nicht. „Gibt es einen besseren Weg, die Konkurrenz zu übertrumpfen, als den entscheidenden Mann über seine geliebte kleine Schwester kennenzulernen?“

Winn hörte den Schmerz trotz ihres Sarkasmus. „Wie hast du das herausgefunden?“

„Von einem Freund eines Freundes.“ Hailey zuckte eine Schulter. „Josh hat angegeben. Das hat sich dann bis zu mir durchgesprochen.“

„Er ist ein Narr.“

Ich war da die Dumme.“ Hailey lachte humorlos. „Bis gerade eben habe ich mich damit getröstet, dass er mich vielleicht zumindest gemocht hat. Jetzt scheint es, als ob ich wirklich nur Mittel zum Zweck gewesen bin. Erklär mir, wie du die Sache mit der Anwältin herausgefunden hast.“

Winn konnte die Traurigkeit nicht ertragen, die ihre Augen verdunkelte. „Das spielt doch keine Rolle.“

„Ich will Bescheid wissen.“ Hailey umklammerte sein Handgelenk. „Sag es mir.“

Er sah ihr in die blauen Augen, und sein Herz verkrampfte sich. Was er ihr zu sagen hatte, würde ihr nur noch mehr wehtun. Das bedauerte er zutiefst.

„Ich hatte letzte Woche ein Geschäftsessen in Idaho Falls“, setzte er an.

Winn hatte nicht erwartet, dass er dort einen Bekannten treffen würde. Doch dann hatte er Josh mit einer hübschen Brünetten in dem schicken Restaurant gesehen.

Als Winn seinen Bericht beendete, war Haileys Miene wie versteinert.

Sie presste die Lippen zusammen. „Also nicht nur ein Opportunist, sondern auch noch ein Betrüger.“

Winn nahm einen Schluck Kaffee und nickte.

„Ich mag es nicht, hintergangen zu werden.“

„Wer tut das schon?“ Winn konnte gut verstehen, wie schockiert, betrogen und bloßgestellt sie sich fühlte. Sogar nach acht Jahren setzte ihm die Tatsache immer noch zu, wie er sich damals von Vanessa hatte hinters Licht führen lassen.

„Danke, dass du mir das erzählt hast. Das weiß ich zu schätzen.“ Hailey verzog die Lippen zu einem zittrigen Lächeln. „Manche Leute hätten kein Wort gesagt.“

„Ich sehe das so“, meinte Winn beiläufig. „Wenn du nicht auf deine Freunde zählen kannst, wozu taugen die dann?“

Aber als er ihr in die Augen sah, musste er gegen das Bedürfnis ankämpfen, sie in den Arm zu nehmen und zu küssen, bis die Traurigkeit aus ihren Augen verschwunden war.

Freunde, dachte er und lächelte reumütig. Ja, klar.

2. KAPITEL

Nach der Diskussion mit seinem Chef und dem Gespräch mit Hailey war sein Vater der letzte Mensch auf der Welt, den Winn sehen wollte. Aber er hatte seinem Dad versprochen, mittags auf der Ranch vorbeizukommen.

Winn fuhr vom Highway auf die Landstraße, während er darüber nachdachte, wie viel er von dem neuesten Rückschlag erzählen sollte.

Winn hielt vor dem Ranchhaus an und beschloss, dass er das Thema nicht von sich aus ansprechen würde.

Einen Augenblick später öffnete Elena Hernandez, die Haushälterin seines Vaters, lächelnd die Tür. „Wie schön, Sie zu sehen, Mr. Ferris.“

„Guten Tag, Elena.“ Winn sah sich im Foyer um.

Normalerweise würde sein Vater sich bereits lautstark beschweren, weil er sich angeblich verspätet hatte, auch wenn er tatsächlich zu früh dran war. Aber es herrschte Stille im Haus.

Winn zog eine Augenbraue hoch.

„Ich fürchte, Ihr Vater ist nicht da.“

Sie hatten den Termin erst am Vorabend ausgemacht. „Wo steckt er denn?“

„Ich glaube, er ist in Idaho Falls. Etwas Geschäftliches.“

Winn kämpfte gegen den aufsteigenden Ärger an. Sein Vater hätte ihm wenigstens eine SMS schicken können.

„Darf ich Ihnen etwas zu essen anbieten?“

„Nein, ich …“

„Ich habe Escabeche mit Hühnchen gemacht.“

Offensichtlich erinnerte sie sich noch daran, dass es sich dabei um eine seiner Lieblingsspeisen handelte.

„Dann bleibe ich auf jeden Fall zum Lunch.“

Elena wollte schon in der Küche verschwinden, doch dann blieb sie auf der Türschwelle stehen. „Würden Sie lieber im Esszimmer oder auf der Terrasse speisen?“

„Auf der Terrasse.“ Winn zog sein Handy aus der Tasche. „Und ich hätte gerne ein Glas Eistee.“

„Aber natürlich.“

Winn ging auf die Terrasse hinaus, die im Schatten großer Laubbäume lag. Dort ließ er sich auf einem der bequemen Stühle nieder.

Während er auf seinen Lunch wartete, telefonierte Winn mit dem Rathaus und teilte mit, wie unzufrieden er wegen der neuerlichen Verzögerungen war.

Als er hörte, wie die Terrassentüren aufgingen, drehte er sich um. Elena kam mit einem Glas in der Hand aus dem Haus.

„Viel Eis, genau wie Sie es mögen.“ Die Haushälterin stellte den Eistee auf dem Beistelltisch neben seinem Stuhl ab. „Das Essen kommt auch gleich.“

„Keine Eile.“ Winn hielt das Handy hoch. „Ich muss noch ein paar Rückrufe machen.“

Er dachte an den Ausdruck in Haileys Augen, als er ihr eröffnet hatte, dass er Josh mit einer anderen Frau gesehen hatte. An ihren Schmerz, als sie erzählt hatte, wie dieser Fiesling sie nur benutzt hatte, um an Tripp heranzukommen.

Er dachte an Vanessa. Eine Frau, von der er geglaubt hatte, dass er sie wirklich lieben könnte. Aber genau wie Hailey herausgefunden hatte, dass man Josh nicht vertrauen konnte, hatte er begreifen müssen, dass die fröhliche Vanessa ihn belogen und betrogen hatte.

Winn hörte die Türklingel und richtete sich auf. Anscheinend war er nicht der einzige Besucher, den sein Vater heute versetzt hatte.

„Kommen Sie herein, Miss Hailey.“ Elenas Stimme klang herzlich. Abgesehen von der Begrüßung konnte Winn nur die Worte „er ist im Stall“ verstehen.

Weil er neugierig war, stand Winn auf.

Als er das Foyer betrat, versuchte Elena gerade, die hübsche Blondine zu überreden, zum Mittagessen zu bleiben.

„Danke für das Angebot“, sagte Hailey. „Aber …“

Hailey machte große Augen, als sie ihn erblickte. „Winn. Ich habe gar nicht gewusst, dass du da bist.“

„Denk doch noch mal über Elenas Vorschlag nach und leiste mir beim Lunch Gesellschaft“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. „Hat sie schon erwähnt, dass es Escabeche mit Hühnchen gibt? Ich wette, sie hat auch ein Glas Sangria für dich.“

„Ich glaube nicht …“

„Jetzt sag bloß nicht, dass du noch satt bist“, sagte Winn. „Der Muffin von heute früh kann unmöglich vorhalten.“

Winn ignorierte das neugierige Glitzern in Elenas Augen. Er nahm Haileys Arm und fällte eine Entscheidung. „Miss Randall wird mit mir auf der Terrasse essen.“

„Jawohl.“ Elena entfernte sich eilig und ignorierte Haileys leisen Protest.

Haileys Wangen glühten. „Ich bin wirklich nicht hergekommen, weil ich erwartet habe, etwas zu essen zu bekommen.“

„Damit machst du Elena nur eine Freude“, sagte Winn, während er weiter ihren Arm festhielt, als er sie auf die Terrasse führte. „Also, jetzt erzähl mal. Was für einen Mann hast du hier im Stall versteckt?“

„Mann?“ Hailey hob die hübschen Augenbrauen. „Was für ein Mann?“

„Elena hat doch gesagt, dass er im Stall ist.“

Hailey ließ sich auf einen Stuhl fallen und brach in schallendes Gelächter aus. „Der Mann ist ein Hund.“

Winn blinzelte.

„So einer, der bellt. Und vier Beine hat.“ Haileys Tonfall war ganz ernst, aber sie schien sich bemühen zu müssen, nicht noch mal loszulachen.

Elena tauchte mit einem Glas Sangria und einem Tablett mit Tapas auf, bevor sie beschwingten Schrittes wieder im Haus verschwand.

„Der Hund ist ein Streuner.“ Hailey nahm einen Schluck Sangria. Ihre blauen Augen funkelten genießerisch. „Der ist gut. Versuch mal.“

Sie hielt ihm den Sangria hin. Gehorsam nahm Winn einen Schluck und fragte sich, wie es wäre, wenn er ihre Lippen und nicht das Glas berührte. Würde ihr Mund so süß schmecken wie der Sangria?

Winn schob den Gedanken beiseite und gab ihr den Drink zurück. Dabei lächelte er. „Sehr lecker.“

Als sie das Glas wieder an die Lippen führte, verspürte Winn ein heftiges Aufwallen von Leidenschaft. Das passierte ihm nicht zum ersten Mal mit ihr. Aber sie musste gerade über das schlechte Ende einer Beziehung wegkommen. Er lehnte sich zurück und zwang sich zu einer Gelassenheit, die er nicht wirklich spürte. „Erzähl mir mehr über den Grund deines Besuchs.“

Er hörte zu, als sie erklärte, wie der Colliemischling auf dem Grundstück seines Vaters aufgetaucht war. Niemand vermisste einen Hund in der Gegend.

„Die Leute vom Tierheim haben gesagt, das hört sich so an, als ob er ausgesetzt worden ist.“

„Du bist den weiten Weg hier rausgefahren, nur um dir einen streunenden Hund anzusehen?“

„Er heißt Bandit“, sagte Hailey beinahe pikiert. „Das steht auf einer Marke an seinem Halsband. Jedenfalls hat dein Vater Bobby gesagt, er soll ihn ins Tierheim bringen. Aber das Tierheim ist voll und es wäre möglich, dass er dort eingeschläfert wird. Soviel ich weiß, ist er ein kluges, liebes Tier. Und jung …“

Winn hob die Hand wie ein Schuljunge, der darauf wartet, dass die Lehrerin ihn aufruft.

Hailey lächelte. „Ja, Winn?“

„Wer ist Bobby?“

„Einer der Rancharbeiter deines Vaters.“ Ihr Tonfall legte nahe, dass er das hätte wissen sollen. „Bobby und ich sind zusammen zur Schule gegangen.“

„Ich bin überrascht, dass dein Freund ihn nicht selbst behält.“ Winn verzog das Gesicht. Er konnte es nicht ausstehen, Zeit zu verschwenden. Also warum saß er hier herum und unterhielt sich über einen streunenden Hund?

„Bobbys Vermieter erlaubt keine Haustiere.“ Hailey hielt inne, um noch einen Schluck Sangria zu genießen. „Ich denke darüber nach, mir einen Hund zuzulegen. Also habe ich gesagt, ich sehe ihn mir mal an. Wenn er mir gefällt, nehme ich ihn mit.“

Ja, er verschwendete wirklich seine Zeit damit, über einen Hund zu reden. Winn öffnete schon den Mund, entschlossen, das Thema zu wechseln, als Elena mit dem Salat erschien.

„Danke.“ Hailey schenkte der Haushälterin ein warmherziges Lächeln. „Das sieht köstlich aus.“

Hailey nahm noch einen tiefen Schluck Sangria. „Ich liebe Hunde, und du?“

„Ich hatte noch nie viel mit Tieren zu tun.“

Hailey stellte ihr Glas ab. „Aber als kleiner Junge hast du doch bestimmt einen Hund gehabt, oder?“

„Du kennst doch meinen Vater.“

Hailey legte einen Finger an die Lippen und lenkte damit seine Aufmerksamkeit auf ihren vollen, sinnlichen Mund. „Du hast recht. Er ist auf keinen Fall ein Hundemensch.“

„Soweit ich das beurteilen kann, bedeutet jedes Haustier eine Menge Verantwortung.“ Winn platzierte die Leinenserviette mit Präzision auf seinem Schoß. „Bist du sicher, dass du genug Zeit dafür hast?“

„Absolut. Ohne Josh ist in meiner Freizeit jetzt offiziell gar nichts mehr los.“ Hailey lachte humorlos. „Und ich habe viel Freizeit. Da bin ich schon mal einsam. Du nicht?“

„Eigentlich nicht.“ Als Kind hatte er sich sogar in Gesellschaft oft allein gefühlt. Aber das war lange her. Jetzt schätzte er seine Privatsphäre.

„Wenn wir gegessen haben, kannst du mitkommen und dir mit mir Bandit ansehen.“

Winn wollte schon den Kopf schütteln, doch dann nahm sie seine Hand.

„Bitte, Winn. Wenn ich ihn mitnehme, wird Bandit dein Nachbar. Ich will wirklich deine Meinung hören.“

Ihre Hand fühlte sich warm auf seiner Haut an.

„Ich würde alles für dich tun.“ Seine Stimme klang heiser.

Ihre Blicke begegneten sich. Einen Moment lang sahen sie einander in die Augen.

Als ihre Lippen plötzlich zuckten, war der Augenblick vorbei. Sie stieß ein kurzes Kichern aus. „Fürs Erste gebe ich mich mit deiner Meinung zufrieden … aber ich behalte mir vor, dich später um mehr zu bitten.“

Bevor er antworten konnte, kam Elena mit einem zweiten Glas Sangria und mehr Tee für ihn zurück.

Hailey streichelte den schwarz-weißen Hund, der mit seinem flauschigen Schwanz wedelte, während er ihre Hand ableckte. Sie schaute zu Winn auf. „Ist er nicht der süßeste Hund aller Zeiten?“

Sie waren allein im Stall. Als Bobby ihn als Jims Sohn erkannt hatte, war er hastig verschwunden.

Winn blieb auf Abstand. Er konnte es wirklich nicht brauchen, zu der Besprechung an diesem Nachmittag mit einem Anzug voller Hundehaare aufzutauchen. „Anscheinend ist er in der Mauser.“

Hailey lachte. „Es wird wärmer. Im Winter hat sein dickes Fell dafür gesorgt, dass er es gemütlich hatte. Jetzt wird er für den Sommer einen Teil seines Haars wieder los.“

War ihr nicht klar, dass der Hund das in ihrer ganzen Wohnung machen würde, wenn sie ihn mitnahm? So was kommt mir nicht ins Haus, dachte er. Nicht in einer Million Jahren.

„Willst du mit mir mitkommen, Bandito?“, säuselte Hailey und der Hund winselte leise. „Willst du mein braver Junge sein?“

Bei diesen Worten sprang das fusselnde Fellbündel auf und gab ein stakkatoartiges Bellen von sich.

Hailey schaute zu Winn auf und lächelte. „Ich wusste es. Bandit und ich gehören einfach zusammen.“

Sie sah so hübsch und erfreut aus, dass Winn sie in seine Arme ziehen wollte. Stattdessen wandte er seine Aufmerksamkeit dem Hund zu. „Dann nimmst du ihn?“

„Auf jeden Fall.“ Sie befestigte die Leine am Halsband des Hundes und richtete sich auf. „Ich bringe ihn besser weg, bevor dein Vater wiederkommt.“

Winn war gerade dabei, Hailey zu helfen, den Transportkorb für den Hund in ihr SUV zu laden, als sein Handy klingelte. Er zog es aus der Tasche und warf einen Blick aufs Display. Es war eine Nummer aus Atlanta, die er nicht erkannte. „Macht es dir was aus, wenn ich da rangehe?“

Hailey schaute auf. Sie war gerade dabei, Bandit dazu zu bewegen, in die Transportkiste zu springen. „Überhaupt nicht. Ich muss jetzt sowieso los …“

„Noch nicht“, sagte er. Dann nahm er den Anruf entgegen. „Winn Ferris.“

„Mr. Ferris. Charles Keating von Keating, Exeter und York. Wir sind eine Anwaltskanzlei in Atlanta und kümmern uns um den Nachlass von Ms. Vanessa Abbot …“

Während Winn dem Anwalt zuhörte, wurde ihm schlecht. Eisige Kälte hüllte ihn ein. Er zwang sich, tief durchzuatmen.

Als Mr. Keating verstummte, räusperte Winn sich und fand die Stimme wieder. Er stellte Fragen und bekam Antworten, aber alles kam ihm völlig surreal vor. Winn beendete den Anruf mit dem Versprechen, den nächsten Flug nach Georgia zu nehmen.

„Winn. Stimmt was nicht?“

Sogar Haileys warme Hand auf seinem Arm konnte die Kälte nicht vertreiben.

„Ich muss sofort nach Atlanta.“ Er begegnete ihrem besorgten Blick. „Ich muss meinen Sohn abholen.“

3. KAPITEL

Gebratene Hühnerfilets auf dem Herd und Knoblauch-Käse-Brötchen im Ofen füllten die große Landhausküche mit köstlichem Duft. So lange Hailey denken konnte, war Kochen eine Leidenschaft ihrer Mutter gewesen.

Kathy Randall war Ende fünfzig und trug das dunkelblonde Haar in einem schicken Bob. Ihre blauen Augen strahlten. Haileys Mutter genoss das Leben in vollen Zügen und das sah man ihr an. „Willst du damit sagen, dass Winn Ferris einen Sohn hat?“

„Das hat er gesagt.“ Hailey runzelte die Stirn und fuhr fort, Brokkoli für den Salat klein zu schneiden.

„Gibt’s auch eine Ehefrau, die zu dem Sohn gehört?“ Ein Hauch von Missbilligung lag in der Stimme ihrer Mutter. Zweifellos dachte sie an die diversen Frauen, mit denen der Geschäftsmann ausgegangen war, seit er nach Jackson Hole gezogen war.

„Die Mutter des Jungen, die bei dem Bootsunfall ums Leben gekommen ist, war seine Exfreundin. Der Mann, der mit ihr gestorben ist, war ihr Verlobter.“

„Wie traurig.“ Ihre Mutter seufzte mitleidig. „War das Kind bei ihnen?“

„Nein. Er war zum Spielen bei einem Nachbarn.“

Die Hintertür ging auf und ihr Vater kam herein. Ihr Border Collie begleitete ihn. „Gibt’s jetzt Essen?“

Frank Randall war ein hochgewachsener Mann mit dichtem, grau meliertem Haar. Er war zwar von Natur aus schlank, aber inzwischen hatte er wenigstens das Gewicht wieder zugenommen, das er im letzten Jahr bei seinem Kampf gegen den Hautkrebs verloren hatte.

„Gleich“, sagte Haileys Mutter. „Hailey hat mir gerade erzählt, dass Winn Ferris …“

Haileys Handy klingelte. Sie warf einen Blick aufs Display. „Es ist Winn.“

Hailey ging zum Telefonieren ins Wohnzimmer. „Hi, Winn. Wie geht’s?“

„Gut. Wir sind jetzt in Denver und sollten ungefähr um acht in Jackson landen. Cam weigert sich zu essen. Aber ich muss ihn dazu bringen, irgendetwas zu sich zu nehmen. Erinnerst du dich noch an die Hühnersuppe, die du letzte Woche gemacht hast?“

„Natürlich.“ Als gute Nachbarin hatte sie Winn etwas davon gebracht.

„Hast du davon noch was übrig?“

Hailey wusste, dass ihre Mutter noch etwas eingefroren hatte. „Zufälligerweise ja.“

„Danke, Hailey.“

Die Müdigkeit in Winns Stimme ging ihr zu Herzen.

„Das wird schon, Winn“, sagte sie sanft und beruhigend. „Das kommt schon alles ins Lot.“

Nach einem gemütlichen Abendessen mit ihrer Familie fuhr Hailey mit der Hühnersuppe ihrer Mutter und einem Laib hausgemachtem Haferflockenbrot nach Hause.

Der Flughafen war zwar nicht weit weg, aber wenn das Flugzeug um acht landete, würde es noch eine Weile dauern, bis Winn nach Hause kam.

Winn hatte ihr erzählt, dass Cameron acht Jahre alt war. Hailey hatte als Logopädin in Denver viel mit Kindern gearbeitet. Sie mochte Kinder, kam gut mit ihnen aus und hoffte, eines Tages selbst ein paar zu haben.

Sie fragte sich, wie Winn wohl so als Vater war. Bisher hatte er immer so gewirkt, als ob er nur an seinem Job interessiert war.

An Winns Stelle, der sich jetzt ganz allein um einen kleinen Jungen kümmern musste, würde sie ausrasten. Aber Winn hatte sich am Telefon ganz gefasst angehört. Doch irgendwie hatte sie so eine Ahnung, dass er sich sogar auf dem Deck eines sinkenden Schiffes so anhören würde. So wie sie ihn kannte, ließ Winn sich seine Gefühle nicht gerne anmerken.

Weil sie es satthatte, herumzusitzen, ging sie zum Kühlschrank. Als sie sich endlich für ein Joghurt entschieden hatte, klingelte ihr Handy. „Seid ihr zwei jetzt hungrig?“

„Sind wir. Oder ich zumindest.“ Winn zögerte. „Hailey, was Cam angeht …“

„Was ist mit ihm?“

„Er …“ Winn verstummte. „Ach, nichts. Wir sind hier, also komm einfach rüber, wann es dir passt.“

Damit beendete er den Anruf. Hailey starrte stirnrunzelnd ihr Handy an. Irgendwas stimmte da nicht. Sie stellte das Joghurt wieder in den Kühlschrank und schnappte sich stattdessen die Dose mit der Suppe und das Brot. Neugier beflügelte ihre Schritte, als Hailey nach nebenan ging.

Winn versuchte, den kleinen Jungen nicht anzustarren, der stumm auf dem Sofa saß. Cam hatte immer noch wuscheliges braunes Haar und haselnussbraune Augen. Er war immer noch dünn und hatte große Füße. Aber damit hörte die Ähnlichkeit mit dem Sohn auf, den er gekannt und geliebt hatte.

Dieses Kind war so blass, dass die Sommersprossen auf seiner Nase wie dunkle Flecken aussahen. Seine Augen funkelten nicht. Da war nur … Leere und Leid.

Der Junge hatte gerade Menschen verloren, die er liebte. Ganz egal wie sie sich Winn gegenüber verhalten hatte, Vanessa war eine gute und liebevolle Mutter gewesen. Brandon hatte Winn nicht gekannt. Er hatte lediglich die Versuche des Mannes verabscheut, Cam von ihm fernzuhalten.

Der Junge war Brandons leiblicher Sohn. Aber Winn hatte ihn die ersten sechs Jahre seines Lebens großgezogen. Jetzt waren Brandon und Vanessa tot. Und Winn war Cams Vormund.

Es war normal, dass der Junge ihm verändert vorkam. Er hatte nicht nur seine Eltern verloren. Cam glaubte, dass Winn ihn im Stich gelassen hatte. Und jetzt hatte ausgerechnet er ihn von seinem Zuhause weggebracht.

„Meine Nachbarin Hailey bringt uns Suppe rüber.“ Winn versuchte fröhlich zu klingen, aber er schaffte das nicht ganz. „Du musst doch hungrig sein. Du hast heute kaum etwas gegessen.“

Winn hatte inzwischen so viel geredet, dass er den Klang seiner eigenen Stimme satthatte. Cam dagegen hatte kaum fünf Worte gesagt.

Als es an die Tür klopfte, überkam ihn Erleichterung.

„Das ist bestimmt meine Nachbarin.“ Er machte die Tür auf und sah, dass Hailey nicht alleine gekommen war. Ihr Border Collie stand neben ihr.

„Bandit wollte Cam auch kennenlernen.“ Hailey drückte Winn die Dose mit der Suppe in die Hand und ging an ihm vorbei ins Wohnzimmer. „Ich hoffe, das stört dich nicht.“

Er wollte schon protestieren, doch da bemerkte er den Ausdruck freudiger Überraschung in Camerons Augen. „Äh, nein, gar nicht.“

„Hi, Cameron.“ Hailey durchquerte das Zimmer und setzte sich neben den Jungen aufs Sofa. „Ich heiße Hailey Randall. Ich wohne nebenan. Herzlich willkommen in Jackson Hole.“

„S-s-sehr e-e-erfreut“, stotterte Cameron.

Hailey hörte nicht auf zu lächeln. „Ich habe euch Hühnersuppe mitgebracht. Ich würde mich freuen, wenn du sie probierst und mir sagst, ob sie schmeckt.“

Der Junge sagte nichts, sondern deutete mit dem Kopf auf Bandit. „W-Wer ist das?“

Falls Hailey das Stottern des Jungen bemerkte – und es war unmöglich, das nicht zu tun –, ließ sie es sich nicht anmerken.

„Das ist Bandit“, vertraute Hailey Cam an und lächelte. „Vielleicht können wir nach dem Essen einen Spaziergang mit Bandit machen. Es sei denn, du bist zu müde.“

Cam zeigte auf den Hund. „K-Können wir g-gleich gehen?“

„Ich würde lieber erst was essen“, meinte Hailey. „Aber wenn du willst, kannst du nachher Bandits Leine nehmen.“

Winn nahm Suppenteller und Gläser aus dem Schrank. Hailey stellte die Suppe in die Mikrowelle, während Winn das Brot schnitt und Cam das Besteck auf den Tisch legte.

Bei Tisch sagte Cameron kein Wort. Er schaufelte das Essen in sich hinein und hielt den Blick auf Bandit gerichtet. Winn war sich nicht sicher, ob der Junge aß, weil er Hunger hatte oder weil er mit dem Hund spazieren gehen wollte.

Sobald sie den Tisch abgeräumt hatten, befestigte Hailey die Leine an Bandits Halsband und gab sie Cam. „Wie wäre es, wenn du ihn erst mal hier drinnen herumführst? So bekommst du ein Gefühl dafür.“

Cam machte große Augen und eine ernste Miene.

Hailey lächelte. „Fang doch damit an, dass du ihm dein Zimmer zeigst.“

Der Junge nickte und die beiden verschwanden im Flur.

„Danke.“ Winn achtete darauf, leise zu sprechen. „Er ist nicht derselbe Junge, den ich vor zwei Jahren in Atlanta zurückgelassen habe.“

„Aber das war doch bestimmt nicht das letzte Mal, dass du ihn gesehen hast.“

Ein Muskel in Winns Backe zuckte. „Ehrlich gesagt doch. Er hat früher nie gestottert. Glaubst du …“

Er verstummte, als der Junge und der Hund zurückkamen. „Ich würde gerne mit dir über etwas reden“, sagte er. „Wenn Cam schläft.“

Zwei Stunden später saß Hailey auf Winns Ledersofa. Sie hatte ein Glas Wein in der Hand, und ihr Hund schlief zu ihren Füßen.

„Ich weiß nicht, was ich tun soll, Hailey.“ Winns Miene war sehr ernst. „Ich muss arbeiten. Aber ich kann ihn nicht einfach bei jemandem lassen, den ich nicht kenne.“

„Wie wäre es mit deinem Vater?“

„Kommt nicht in Frage.“

Sein Ton war so bestimmt, dass Hailey diese Möglichkeit ausschloss.

„Du könntest dir eine Weile freinehmen“, schlug sie vor.

„Das ist momentan ungünstig“, verwarf Winn diese Idee. „Außerdem muss Cam hier Freunde finden.“

„Es gibt Sommerferienlager. Ferienprogramme.“ Hailey biss sich auf die Lippe. „Aber der Junge hat gerade seine Mutter verloren. Und das hier ist alles neu für ihn.“

Winn drehte sein Weinglas zwischen den Fingern. „Du hast doch neulich gesagt, dass du einen Job suchst.“

Der plötzliche Themenwechsel verwirrte Hailey. „Kennst du jemanden, der eine Logopädin sucht?“

„Ich. Du könntest auf Cam aufpassen. Nur bis er sich eingewöhnt hat.“

„Aber ich helfe schon meinem Dad mit der Buchführung auf der Ranch“, erklärte sie. „Manchmal springe ich auch im Krankenhaus ein, wenn ein Therapeut krank ist. Und dann habe ich gerade erst mit Cassidy ausgemacht, dass ich ihr bei Hochzeiten und Events mit dem Make-up helfe.“

„Du könntest ihn zu deinem Dad mitnehmen. Für Cam wäre das wahrscheinlich ein Abenteuer.“ Winn bot seine ganze Überredungskunst auf. „Wenn das Krankenhaus dich braucht, nehme ich mir eben einen Tag frei. Es wäre ja nicht auf Dauer. Nur bis Cam sich hier heimisch fühlt. Und ich würde dafür sorgen, dass es sich für dich lohnt.“ Winn überlegte. „Zahlen würde ich dir …“

Bei der Summe, die er nannte, blieb ihr der Mund offen stehen. „Soll das ein Witz sein?“

„Machst du’s?“

Sie war versucht, Ja zu sagen. Aber ihre spontanen Entscheidungen hatten noch nie zu guten Ergebnissen geführt. „Was für Arbeitszeiten hätte ich denn?“

„Das ist verhandelbar“, sagte er. „Montag bis Freitag tagsüber. Vielleicht ein paar Stunden am Abend oder am Wochenende, wenn ich geschäftliche Termine wahrnehmen muss.“

Das Geld konnte sie definitiv brauchen. Trotzdem zögerte Hailey.

Winn überraschte sie, indem er ihre Hand nahm. Diese schlichte Berührung brachte ihren ganzen Arm zum Kribbeln.

„Ich will dich wirklich nicht ausnutzen, Hailey.“ Er sah sie unverwandt an. „Cameron ist mein Sohn. Diese Verantwortung nehme ich ernst. Ich will ihn nicht bei dir abladen. Wenn es nicht funktioniert, kannst du jederzeit kündigen.“

Sie hatte Fragen, viele Fragen. Wie zum Beispiel, warum er seit zwei Jahren nicht mehr mit seinem Sohn in Verbindung gestanden hatte. Aber das war jetzt der falsche Zeitpunkt dafür. Außerdem fiel es ihr schwer, nachzudenken, denn er hatte angefangen, ihr mit dem Daumen über die Handfläche zu streicheln.

Das ist dein Nachbar, ermahnte sie sich. Das war Winn, der Mann, der schon mit vielen ihrer Freundinnen ausgegangen war. Verdammt, er hatte sogar mal mit ihrer Schwägerin eine Verabredung gehabt, bevor Anna und ihr Bruder ein Paar geworden waren.

„Ich denke darüber nach“, versprach sie Winn. „Morgen sage ich dir Bescheid.“

Konnte der Tag noch schlimmer werden?

Winn fuhr sich mit der Hand durchs Haar. In der Nacht hatte er schlecht geschlafen. Erinnerungen an Vanessa hatten seine Träume verdunkelt. Wie Cam fiel es ihm nicht leicht, die Tatsache zu akzeptieren, dass so eine lebhafte Frau nicht mehr da war.

Winn erinnerte sich auch daran, wie verlassen er sich gefühlt hatte, als seine eigene Mutter gestorben war. Er war damals zwölf gewesen.

Er war entschlossen, Cam die Zeit zu geben, die er brauchte, um auf seine Art zu trauern. Cam hatte nicht geweint. Nicht bei der Beerdigung und nicht auf dem Weg nach Jackson Hole. Aber nachts hatte Winn vor der Zimmertür des Jungen gestanden und zugehört, wie sein Kind weinte. Er hatte sich hilflos gefühlt. Das war ein Gefühl, das er nicht kannte. Es gefiel ihm gar nicht.

Zum Glück war Cam in den frühen Morgenstunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Trotz seines eigenen Schlafmangels war Winn wie immer um halb sieben Uhr früh aufgestanden. So hatte er Zeit, ein paar Anrufe zu erledigen, bevor er Cam weckte. Eines der Telefonate hatte seinem Vater gegolten.

„Warum ist er bei dir?“ Sein Vater hörte sich ehrlich verwirrt an. „Das Kind ist doch nicht dein …“

„In jeder Beziehung, auf die es ankommt, ist Cam mein Sohn“, unterbrach ihn Winn.

Jim Ferris hatte scheinbar nicht zugehört, denn er redete einfach stur weiter: „Du hast das Kind doch seit zwei Jahren nicht gesehen.“

„Das lag nicht an mir“, erklärte Winn abgehackt.

„Du bist ein viel beschäftigter Mann“, erinnerte ihn sein Vater. „Wie willst du dich ums Geschäft und um ein Kind kümmern?“

Winn erzählte ihm von Hailey und dem Angebot, das er ihr gemacht hatte.

„Geschickt.“ Aus der Stimme seines Vaters war ein Lob herauszuhören.

„Das denke ich auch“, sagte Winn. „Hailey ist ein warmherziger Mensch. Genau, was Cam jetzt braucht. Außerdem …“

„Mir ist völlig gleichgültig, ob sie nett ist oder nicht“, unterbrach ihn sein Vater. „Sie ist die Schwester des Bürgermeisters. Je mehr du mit ihr vertraut bist, umso leichter kommst du an ihn ran.“

Die Bemerkung war so typisch. Sein Vater verpasste nie eine Gelegenheit, eine Situation zu seinem Vorteil zu manipulieren. Aber dieser Rat hatte einen üblen Beigeschmack. Er erinnerte Winn an Josh und daran, wie dieser Widerling Hailey benutzt hatte.

„Ich werde Hailey nicht benutzen, um an Tripp heranzukommen.“

„Du bist ein Narr, wenn du das nicht tust.“ Die Verachtung seines Vaters war klar und deutlich zu vernehmen.

„Ich … ich habe einen Hund bellen gehört.“

Beim Klang der traurigen Stimme drehte Winn sich um. Der Anblick des Jungen, der barfuß und mit zerzaustem Haar im Schlafanzug dastand, versetzte Winn einen Stich ins Herz.

„Wir reden später weiter.“ Winn beendete den Anruf. „Guten Morgen, Sportsfreund. Wie hast du geschlafen?“

Das war eine dumme Frage. Die das Kind nicht beantwortete. Stattdessen rieb Cam sich die Augen und sah sich um. „Wo ist Bandit?“

Winn machte vorsichtig einen Schritt auf den Jungen zu. „Nebenan.“

Er hatte gesehen, wie Hailey vor einiger Zeit das Gebäude verlassen hatte … ohne den Hund.

„K-Können wir ihn holen?“

Da war ein Ausdruck in den Augen des Jungen, der Winn nicht gefiel. Angst. Als ob er erwartete, wegen einer einfachen Frage geschlagen zu werden. In den sechs Jahren, in denen er sich mit Vanessa informell das Sorgerecht geteilt hatte, hatte er nie erlebt, wie sie den Jungen geschlagen oder auch nur die Stimme erhoben hatte. Aber Brandon …

Winn ballte die Hände zu Fäusten. Wenn der Mann Cam etwas angetan hatte …

Mit Bedacht entspannte er seine Hände. Wenn Brandon Cam misshandelt hatte, ließ sich daran jetzt nichts mehr ändern. Der Mann war tot. Sein Sohn war in Sicherheit.

Winn legte vorsichtig die Hand auf die Schulter des Jungen. Erleichterung überkam ihn, als das Kind nicht zurückwich. „Erst müssen wir etwas essen. Wenn wir fertig sind, sehen wir mal, ob Bandit uns … uns besuchen kann.“

Der Gedanke daran, das haarende, sabbernde Fellbündel wieder in seine Wohnung zu lassen, ließ Winn innerlich zusammenzucken. Aber der Hund und der Junge hatten sich angefreundet.

„Okay.“ Cam stand da, als ob er nicht wusste, was er als Nächstes tun sollte.

„Zieh dir mal was an.“ Winn nahm an, dass man achtjährigen Jungen zutrauen konnte, sich ordentlich anzuziehen.

Der Junge nickte. Er machte ein paar Schritte, dann drehte er sich zu Winn um. „I-Ich sollte nicht hier sein.“

Winn neigte den Kopf zur Seite. „Warum nicht?“

„Mein Dad sagt, ich b-b-bin nicht von dir.“

Zu hören, wie der Junge Brandon „Dad“ nannte, machte Winn wieder wütend. Er zwang sich zur Ruhe. „Ich bin jetzt deine Familie.“

Der Junge starrte ihn nur ausdruckslos an.

„Ich mache jetzt Schokoladenpfannkuchen.“ Winn erinnerte sich daran, dass das mal eine von Cams Lieblingsspeisen war. „Zieh du dich an, ich kümmer mich ums Frühstück.“

Als Cam in einem gestreiften Shirt mit langen Ärmeln und Jeans wiederauftauchte, hatte Winn auch noch ein paar Telefonate wegen eines Projekts in South Carolina erledigt. Weil er abgelenkt gewesen war, hatte er zu viele Pfannkuchen gemacht.

Winn stellte die Teller auf den Tisch und setzte sich. Während er ohne Erfolg versuchte, den Jungen in eine Unterhaltung zu verwickeln, wurde ihm klar, dass sein Leben sich dramatisch geändert hatte. Und er wusste nicht, ob er bereit dafür war.

Hailey hörte Bandits Gebell, als sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufging. Sie beschleunigte ihre Schritte. Obwohl ihr Mietvertrag Haustiere ausdrücklich erlaubte, wusste sie, dass ihr Vermieter ohne Zögern eingreifen würde, wenn ihr Hund andere Bewohner störte.

Vor der Tür holte sie hastig den Schlüssel aus ihrer Handtasche. Das Bellen wurde lauter. „Ruhe, Bandit.“

„Hailey.“

Sie hob nur kurz eine Hand, während sie sich darauf konzentrierte, die Tür aufzusperren. Der Hund winselte vor Freude, als er Hailey sah.

Hailey schnappte sich die Leine vom Beistelltisch, bevor sie mit Bandit wieder nach draußen ging.

Winn trug heute legere Bürokleidung, eine schwarze Hose, ein graues Hemd und glänzende Budapester. Er verzog die Lippen zu einem entspannten Lächeln, bei dem sie Schmetterlinge im Bauch bekam.

Das war absolut verständlich, sagte sie sich. Ein gut aussehender Mann. Ein lässiges Lächeln. Sie hätte tot sein müssen, um darauf nicht zu reagieren.

„Hallo, Herr Nachbar.“ Sie schenkte ihm ebenfalls ein Lächeln. „Ich hoffe, das Gebell hat nicht zu sehr gestört.“

„Hat es.“ Seine Augen funkelten schelmisch. „Aber das kannst du wiedergutmachen.“

Solches Geplänkel zwischen ihnen war nicht neu. Auch nicht, wie es dabei zwischen ihnen funkte. Mit festem Griff hielt sie die Leine des ungeduldigen Hundes fest und sah durch gesenkte Wimpern zu Winn auf. „Woran hast du dabei gedacht?“

Bevor Winn rufen konnte, tauchte Cam auf. Er strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als er den Hund erblickte. Bandit winselte leise.

Hailey lockerte die Flexileine, und Cam legte seine dünnen Arme um den Hund. Winn begegnete Haileys Blick.

„Daran“, sagte er, „zum Beispiel.“

Er schaute mit solcher Zuneigung auf den Jungen hinunter, dass Hailey Tränen in den Augen brannten. Hastig blinzelte sie.

Obwohl sie sich in Bezug auf sein Angebot noch nicht entschieden hatte, war klar, dass Winn Freunde brauchen würde, um diese schwierige Zeit zu überstehen.

„Ich habe daran gedacht, auf die Ranch meiner Eltern rauszufahren“, sagte sie beiläufig. „Heute ist ein schöner Tag, um auszureiten. Du und Cam, ihr könnt gerne mitkommen.“

Bei dem Wort „reiten“ hatte Cam aufgeschaut. Aber den Hund ließ er nicht los. „K-Kommt Bandit auch mit?“

Hailey nickte.

Winn sah an sich herunter. „Fürs Reiten bin ich nicht richtig gekleidet.“

„Hmm.“ Hailey legte einen Finger an die Lippen. „Du könntest dich umziehen. Vielleicht findet sich was nicht ganz so Langweiliges.“

Winn zog die dunklen Augenbrauen hoch.

„Hoppla. Ich wollte natürlich nur sagen: etwas Bequemeres.“

Das brachte Winn zum Lachen. „Gib mir ein paar Minuten.“

Haileys Lippen zuckten. Dann wandte sie sich dem Jungen zu. „Cam, würdest du vielleicht Bandit Gesellschaft leisten, während ich ein Picknick für uns packe?“

Cam warf seinem Vater einen Blick zu.

„Liegt bei dir“, sagte Winn.

„Okay.“

Der Junge folgte ihr in die Wohnung. Als sie erst ein Baguette herausholte und dann anfing, Käse zu würfeln, kam er näher, um zuzuschauen.

Nach ein paar Sekunden machte er einen zögernden Schritt auf sie zu.

„Du riechst gut“, sagte er. „M-Meine Mommy, d-die hat a-auch gut gerochen.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Hailey, dass Winn gerade hereingekommen war. Bei Cams Worten blieb er stehen.

„Du vermisst sie bestimmt.“

„V-vielleicht k-kommt sie ja und holt mich.“ Cam schaute auf und Hailey sah Verwirrung und Hoffnung in seinen Augen. „D-Die sagen, sie ist tot. A-Aber was ist, wenn sie nach mir sucht? Und i-ich bin nicht da. S-Sie w-w-weiß nicht, wo ich bin.“

Das war plötzlich ein richtiger Wortschwall, der aus ihm herausbrach. Hailey schluckte schwer, weil es ihr die Kehle zusammenschnürte.

„Deine Mutter hat dich sehr lieb gehabt.“ Hailey bemühte sich um einen sanften Ton. „Aber sie kommt nicht zurück. Nicht weil sie nicht bei dir sein will. Sondern weil sie das nicht kann.“

Tränen liefen ihm über die Wangen.

Sie legte eine Hand tröstend auf eine kleine, knochige Schulter. „Aber dein Dad ist hier und …“

„M-Mein Daddy ist tot.“ Cam riss sich los und ballte die kleinen Hände zu Fäusten.

„Das ist er nicht, Süßer“, sagte Hailey. „Dein Dad steht doch genau hinter dir.“

Cam drehte sich um. Er reckte das Kinn, als er Winn erblickte. Er schüttelte den Kopf. „Das ist nicht mein Dad.“

Hailey sah, wie Winn sich verspannte.

„Natürlich ist er das“, protestierte Hailey.

„Ist er nicht“, beharrte der Junge stur. „Mommy hat mir alles erzählt.“

Das Lächeln gefror Hailey auf den Lippen.

„Cameron. Darüber sprechen wir später.“ In abgetragenen Jeans und Chambray-Hemd war Winn beinahe nicht wiederzuerkennen. Er durchquerte das Zimmer und legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter. „Im Augenblick möchte ich, dass du mit Bandit ins Wohnzimmer gehst. Ich habe eine Bürste auf dem Sofatisch gesehen. Ich wette, dass Miss Hailey sich freuen würde, wenn du ihn für sie bürstest.“

„Das wäre ganz toll.“ Verwirrt zwang Hailey sich, begeistert zu klingen. „Mach ruhig den Fernseher an, wenn du magst.“

Cameron schaute erst Hailey, dann seinen Vater und schließlich den Hund an. „Komm mit, Bandit.“

Als die Musik eines Zeichentrickfilms ertönte, deutete sie in Richtung Wohnzimmer. „Was hat er damit gemeint?“

„Hast du Kaffee da?“ Winn fuhr sich mit der Hand durchs Haar und zerzauste seine teure Frisur.

Hailey ging um die Theke herum und zog eine Packung Kaffeekapseln heraus.

Sie machte ihm eine Tasse und dann eine für sich. Dann setzte sie sich ihm gegenüber hin. „Was soll das alles, Winn?“

„Ich wollte dich nicht damit behelligen, aber nachdem Cam das Thema zur Sprache gebracht hat, solltest du Bescheid wissen.“ Winn nahm einen Schluck Kaffee und lehnte sich zurück.

„Ich habe Cams Mutter auf einer Party kennengelernt. Sie war Grundschullehrerin und ganz anders als die Frauen, mit denen ich normalerweise ausging.“ Winn berichtete diese Fakten, als ob er vor einem Aufsichtsrat Rechenschaft ablegte. „Wir sind uns näher gekommen. Brandon hat sie nur als diesen Kerl erwähnt, mit dem sie mal zusammen war. Weil ich auch ein paar mehr oder weniger ernsthafte Beziehungen hinter mir hatte, habe ich mir nicht viel dabei gedacht.“

Hailey nahm einen Schluck von ihrem Kaffee.

Winns Blick verfinsterte sich. „Als wir fast ein Jahr zusammen waren, lief es nicht mehr so gut zwischen uns. Wir haben uns dauernd gestritten. Nach einem großen Krach ist sie ausgezogen. Ich habe sie ein paarmal angerufen, aber sie hat nicht zurückgerufen.“

„Wann war das?“, fragte Hailey leise.

„Vor fast neun Jahren.“ Er umklammerte die Kaffeetasse mit beiden Händen. „Sieben Monate später habe ich von einem Freund erfahren, dass Vanessa schwanger war. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es mein Kind ist. Schließlich waren wir zum Zeitpunkt seiner Zeugung ein Paar und Vanessa war doch nicht der Typ, mich zu betrügen.“

Die Unterhaltung wurde jetzt verdammt persönlich. „Was ist dann passiert?“

„Ich habe sie aufgesucht. Eine Erklärung dafür verlangt, dass sie mir nichts von der Schwangerschaft gesagt hat.“ Der unerbittliche Ausdruck in seinen Augen passte nicht zu seinem sachlichen Tonfall.

„Was hat sie gesagt?“

Winn verspannte sich. „Vanessa hat klargestellt, dass sie es nicht noch mal mit mir versuchen wollte.“

„Das war aber keine Antwort auf deine Frage“, bemerkte Hailey.

Er zuckte die Schultern. „Ich habe gesagt, dass wir tun müssen, was das Beste für das Kind ist. Ich war im Kreißsaal dabei, als Cameron zur Welt kam. Für Sorgerecht und Kindesunterhalt haben wir eine informelle Vereinbarung ausgearbeitet. Sechs Jahre lang haben wir es geschafft, mit allen schwierigen Situationen ohne großes Trara fertigzuwerden.“

„Seid ihr wieder zusammengekommen?“, traute Hailey sich zu fragen.

„Nein.“ Er stieß mühsam den Atem aus. „Sie hatte recht. Was wir hatten, war vorbei. Aber wegen des Babys war ich willens, es noch mal zu versuchen. Ich habe sogar vorgeschlagen zu heiraten. Aber das hat sie abgelehnt, obwohl mein Name auf der Geburtsurkunde stand und sie mich in ihrem Testament als Vormund von Cam eingesetzt hat.“

„Wieso das denn? Ich meine, warum musste sie dich in ihrem Testament erwähnen? Du bist doch sein Vater.“ Irgendwas ergab da keinen Sinn.

„Damals habe ich auch nicht gedacht, dass es nötig wäre. Aber weil wir nicht verheiratet waren, hat sie darauf bestanden.“

Allmählich begann Hailey klarer zu sehen. Sie war nicht überrascht, als Winn aufstand und anfing, auf und ab zu gehen.

„Du hast gesagt, sechs Jahre lang hat alles gut funktioniert. Was ist dann passiert?“

Voller Verachtung stieß er den Namen aus: „Brandon.“

„Der Mann, der bei dem Unfall umgekommen ist?“

Winn verzog den Mund. „Wie es sich herausstellte, war er nicht der Ex, für den ich ihn gehalten habe.“

Winn schaute starr aus dem Fenster.

Übelkeit breitete sich in Haileys Magen aus.

„Anscheinend hat Vanessa mit ihm geschlafen, als unsere Beziehung in der Krise war.“

Obwohl Winn richtig gut darin war, das zu verbergen, war Schmerz aus seinen Worten herauszuhören. Das tat Hailey im Herzen weh. Aber seine versteinerte Miene sagte ihr, dass Winn Mitleid nicht begrüßen würde.

„Warum hat es sechs Jahre gedauert, bis er aufgetaucht ist?“

„Als er mit Vanessa geschlafen hat, war er verlobt.“ Winn verzog die Lippen zu einem sardonischen Lächeln. „Seine Ehe hat ungefähr sieben Jahre gehalten.“

Winn ließ sich auf den Stuhl fallen. „Vermutlich hat Brandon auf einem Vaterschaftstest bestanden. Ich habe davon erst erfahren, als sie die Ergebnisse hatten.“

Sein Gesichtsausdruck sagte alles.

„Der Test hat ergeben, dass Brandon Cams Vater war“, flüsterte Hailey.

Biologischer Vater.“ Winns Tonfall war messerscharf. „Ich war sein Vater. Der einzige Vater, den er je gekannt hat. Aber das spielte anscheinend keine Rolle. Nicht für Brandon. Und für Vanessa auch nicht.“

„Wie konnten sie dich einfach ausgrenzen?“ Hailey konnte das nicht nachvollziehen. „Stand dein Name nicht auf der Geburtsurkunde?“

„Vanessa hat beantragt, die Urkunde aufgrund des Vaterschaftstests zu ändern. An einem Sonntag habe ich Cam nach einem gemeinsamen Wochenende zurückgebracht. Danach habe ich ihn nie mehr wiedergesehen.“ Winn rieb sich die Nasenwurzel. „Kein Wunder, dass Cam verwirrt und wütend ist. An einem Tag war ich sein Daddy. Am nächsten war ich weg und Brandon hat mich ersetzt.“

Hailey hatte so viele Fragen. Sie wusste gar nicht, welche sie zuerst stellen sollte. „Vanessa hat dir nicht erlaubt, Cam zu sehen, aber du warst immer noch in ihrem Testament als sein Vormund eingesetzt? Das ergibt doch keinen Sinn.“

„Das war nur ein Versehen, da bin ich mir sicher.“ Winn lachte humorlos. „Brandon dreht sich wahrscheinlich gerade im Grabe um. Versteh mich nicht falsch. Es tut mir leid, dass Nessa tot ist. Aber ich war kein besonderer Fan von Brandon. Der Junge nebenan ist nicht das Kind, das ich sechs Jahre lang aufgezogen habe.“

„Das Stottern ist neu.“

Winn nickte. „Er war sechs, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Da hat er geredet wie ein Wasserfall, hat immer gelächelt. Er hat klar und deutlich gesprochen.“

„Hast du eine Ahnung, wann Cams Sprachschwierigkeiten angefangen haben?“

„Brandons Eltern haben erwähnt, dass das eine ziemlich neue Entwicklung ist.“

„Du stehst in Verbindung mit Brandons Eltern?“ Hailey konnte ihre Überraschung nicht unterdrücken.

„Ich habe Cam bei ihnen abgeholt. Sie waren nicht sehr erfreut darüber, ihn mir übergeben zu müssen.“

„Kann ich mir vorstellen“, murmelte Hailey. Cam hatte keine Vorgeschichte, was das Stottern anging. Und die Probleme hatten erst kürzlich eingesetzt. Als Logopädin wusste sie, dass Cams partielle Wortwiederholung behandelbar war.

„Es wäre vielleicht eine gute Idee, Cam mal von einem Arzt durchchecken zu lassen. Wenn der Arzt glaubt, dass sein Stottern behandelt werden sollte, würde ich gerne helfen.“

„Das weiß ich wirklich zu schätzen …“, setzte Winn an.

„Wann gehen wir die Pferde besuchen?“

Hailey blickte auf. Cam stand in der Tür.

Winn zwinkerte ihm zu. „Wir sind so weit.“

Sie hatten gerade die Haustür erreicht, als Winns Handy klingelte.

Anscheinend waren bei einem Projekt in South Carolina die Verhandlungen ins Stocken gekommen. Es hörte sich so an, als ob Winns Gesprächspartner verlangte, dass er sofort hinfliegen würde. Winn erwähnte Cam mehrmals. Aber offenkundig wurde ihm jedes Mal das Wort abgeschnitten.

„Ich buche einen Flug für heute Nachmittag“, antwortete Winn schließlich. „Ich melde mich wieder, wenn ich da bin.“

Hailey erstarrte. Winn konnte doch unmöglich daran denken, den Staat zu verlassen? Hatte er vergessen, dass er an ein Kind denken musste?

„Die Störung tut mir leid.“ Winn steckte das Handy ein und schenkte Hailey ein reumütiges Lächeln. „Sieht so aus, als ob sich meine Pläne geändert haben.“

Winn streckte die Hand aus und zauste das Haar seines Sohnes. „Wir können heute leider doch nicht ausreiten, Sportsfreund. Ich muss geschäftlich verreisen.“

„Du gehst weg?“ Obwohl Cam Winn gerade erst vorwurfsvolle Blicke zugeworfen hatte, war jetzt ein weinerlicher Unterton aus seiner Stimme herauszuhören.

„Nur für ein oder zwei Tage.“ Er lächelte dem Jungen beruhigend zu.

Abgesehen von seiner zitternden Unterlippe stand der Junge wie erstarrt da. „Wer wird denn auf mich aufpassen?“

Winn sah Hailey an. „Ich hoffe, Miss Hailey erlaubt, dass du bei ihr und Bandit übernachtest, während ich weg bin.“

In Gedanken ging Hailey ihren Kalender durch.

„Wenn das nicht klappt, nimmt mein Dad dich auf.“ Winn klopfte Cam auf die Schulter.

Hailey kannte Winns egozentrischen Vater. Das einzig Gute an dieser Option war seine Haushälterin, Elena. Sie war eine wunderbare Frau.

Cam wurde bleich. „I-Ich kenne deinen Dad nicht.“

„Der ist wirklich nett.“ Hailey zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, Gott würde sie für diese Lüge nicht mit dem Blitz erschlagen. „Aber du kannst ihn ein andermal kennenlernen.“

Sie drehte sich zu Winn um. „Cam kann bei mir und Bandit bleiben, während du weg bist.“

„Gut.“ Erleichterung zeichnete sich auf Winns Gesicht ab. „Danke.“

Er wandte sich seinem Sohn zu. „Ich ruf dich an, sobald ich im Hotel bin.“

Hailey tat das Herz weh, als sie sah, dass Cam Tränen wegblinzelte. Sie legte ihm einen Arm um die Schultern. „Sieht so aus, als ob wir nur noch zu zweit sind, Kumpel. Was meinst du, lassen wir das Picknick sein? Gehen wir reiten und dann Pizza essen.“

Obwohl Winn richtig Dampf gemacht hatte, dauerte es drei Tage, bis er wieder nach Hause kommen konnte. Er hatte jeden Abend angerufen. Aber Cam hatte das Telefon immer nach ein oder zwei Minuten an Hailey weitergereicht.

Haileys Berichte waren voller humorvoller Anekdoten. Ganz klar, sie hatte dafür gesorgt, dass Cam beschäftigt war und Spaß hatte.

Weil er natürlich Bescheid gesagt hatte, wann er zurück sein würde, war Winn überrascht, als Hailey ohne Cam in seine Wohnung kam.

Sie war ganz leger gekleidet, in Jeans und ein blau-weiß-kariertes Hemd, das sie bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Ihr strahlendes Lächeln war wie ein frischer Wind. Winn stellte seinen Koffer und seine Aktentasche auf den Boden. Dann ließ er sich müde auf den nächstbesten Stuhl fallen. „Wo steckt Cam?“

„Er ist bei Travis und Mary Karen Fisher“, sagte Hailey. „Heute ist Logans Geburtstag. Sie haben Cam zur Party eingeladen. Ich habe gedacht, das macht dir bestimmt nichts aus.“

„Nein, absolut nicht.“

Hailey deutete auf die Küche. „Soll ich dir einen Kaffee machen? Dann würde ich mich gerne mit dir unterhalten.“

Obwohl ihr Tonfall unbekümmert war, ahnte er, dass ihm nicht gefallen würde, was sie zu sagen hatte. „Danke, aber ich brauche was Stärkeres.“

Winn holte eine Flasche Whiskey aus der Bar und schenkte sich einen Drink ein. Sie schüttelte den Kopf, als er die Flasche hochhielt.

„Wie geht’s Cam? Am Telefon hat er kaum zwei Worte zu mir gesagt.“

„Ich habe versucht, ihn zu ermuntern. Ich denke …“ Sie sprach langsam weiter, als ob sie ihre Formulierung vorsichtig wählte. „… dass du so bald nach seiner Ankunft weggefahren bist, das war schwierig für ihn.“

Obwohl kein Vorwurf aus ihrer Stimme herauszuhören war, verspannte Winn sich. Er fühlte sich furchtbar, weil er dem Jungen noch mehr Schmerzen zugefügt hatte. Dann dachte er an die Verhandlungen, für die er in South Carolina verantwortlich gewesen war. Da hatte viel Geld auf dem Spiel gestanden. Nicht zu vergessen sein Job bei GPG Investment. Er nahm einen tiefen Schluck. „Ging leider nicht anders.“

Ihre Augen verdunkelten sich. „Wir haben immer eine Wahl.“

Darüber ließ sich streiten. Aber Winn hatte keine Lust dazu. Verdammt, er war erschöpft. „Das war ein Notfall.“

„Dein Sohn hat dich gebraucht.“ Plötzlich merkte er, dass sie so müde aussah, wie er sich fühlte. „Cam geht es nicht gut, Winn.“ Ihr Blick war ernst. „Er braucht seinen Dad. Nicht mich. Ganz bestimmt keinen Fremden.“

„Danke, dass du mich an deinem großen Erfahrungsschatz, was Kindererziehung angeht, teilhaben lässt.“ Ihm war klar, dass sein Tonfall sarkastisch war. Aber sie hatte einen Nerv getroffen.

Anstatt ihm mit gleicher Münze zurückzuzahlen, sah sie ihn forschend an. „Du liebst Cam. Daran zweifle ich keine Sekunde lang. Aber der Junge leidet, und er vertraut dir nicht. Auch wenn dir das schwierig erscheint, er muss jetzt deine oberste Priorität sein.“

Für einen Samstagmorgen war der Radweg erstaunlich leer. Winn hatte Fahrräder ausgeliehen. So hoffte er, einen Draht zu seinem Sohn zu bekommen.

Als sie am Fuß der Berge dahinradelten, kehrten Winns Gedanken immer wieder zu Haileys Bemerkung zurück, dass er Cam zu seiner Priorität machen musste.

Er dachte an den Babysitter, den er für diesen Abend organisiert hatte. Er wollte Cam nicht so bald nach seiner Rückkehr alleinlassen. Aber er hatte die Einladung zur Hochzeit von Clives Tochter schon vor Monaten angenommen.

In Atlanta war das alles nie so schwierig gewesen. Winn warf dem dünnen Jungen auf dem Fahrrad neben ihm einen Blick zu. In Jeans und T-Shirt, mit einer Baseballmütze auf dem Kopf sah Cam aus wie jeder andere Achtjährige, der einen Sommertag mit seinem Dad verbringt. Aber Cam hatte in seinem jungen Leben schon viel mitgemacht. Mehr als die meisten Erwachsenen. Kein Wunder, dass er stotterte.

„Was hältst du von den Bergen?“, fragte er Cam.

„H-Hoch sind die.“ Der Junge sah ihn von der Seite her an. „K-Kann ich heute Bandit besuchen?“

Das war nicht das erste Mal, dass Cam nach dem Hund gefragt hatte. Aber Hailey und ihr Hund waren in den letzten zwei Tagen nicht viel zu Hause gewesen.

„Wenn wir zu Hause sind, rufe ich Hailey an und frage mal.“

Das Lächeln, das Cam aufblitzen ließ, wärmte ihm das Herz. Sie drehten um und fuhren zum Auto zurück. Winn spürte, wie seine Laune sich besserte.

Winn musterte den Jungen. Obwohl er normalerweise Geschäftliches und Privates strikt trennte, wusste er, dass heute Abend Kinder mit dabei sein würden.

„Hey, Cam“, sagte Winn, als sie sich dem Parkplatz näherten. „Hast du Lust, heute Abend mit deinem alten Herren auf eine Party zu gehen?“

4. KAPITEL

Die Hochzeit war wunderschön. Berge aus weißem Tüll, duftende Blumen überall und ein strahlend blauer Sommerhimmel. Cassidy und Daffy hatten wahre Wunder vollbracht, was die Frisuren der Braut und der acht Brautjungfern anging. Hailey hatte sich um das Make-up gekümmert.

Doch während Hailey die Frauen bei der Farbauswahl beriet, musste sie immer wieder an Winn und Cam denken.

Sogar als Hailey mit Cassidy zum Partyzelt ging, beschäftigten ihre Nachbarn sie. Sie fragte sich, wie Winn damit klar kam, wieder Vater zu sein. Und ob Cam sich langsam wohler bei ihm fühlte.

„Es war nett von den Finsters, uns zum Empfang einzuladen.“ Cassidy nahm sich zwei Gläser Champagner. Ein Glas reichte sie Hailey, das andere behielt sie selbst.

Hailey nahm einen Schluck. „Warum ist Daffy so schnell verschwunden?“

„Daffodil mag Menschen und verabscheut Menschenmengen.“ Cassidy sah sich im Zelt um. Männer in dunklen Anzügen und Frauen in Cocktailkleidern lachten und tanzten und tranken Champagner.

„Ich liebe Partys“, sagte Hailey.

„Du gehörst ja auch dazu heute“, meinte Cassidy. „Du und Susan, unsere schöne Braut, ihr wart doch in derselben Jahrgangsstufe.“

„Sue war total begeistert von ihrer Frisur.“ Hailey lächelte. „Es ist schön, für etwas bezahlt zu werden, was allen Spaß macht.“

„Wie ich höre, hat Winn Ferris ein Kind.“

Hailey fragte sich, warum ihre Freundin so lange gewartet hatte, dieses Thema zur Sprache zu bringen.

„Ja, Winn hat einen kleinen Sohn“, bestätigte Hailey. „Er ist acht. Er heißt Cameron und er ist ein richtiger Schatz.“

„Die Mutter?“

„Ist vor Kurzem bei einem Bootsunfall gestorben.“

„Findest du es nicht interessant, dass er nie ein Kind erwähnt hat?“ Cassidy zog ihre penibel gezupften Augenbrauen hoch.

Obwohl Hailey wie die meisten Leute ganz gerne ein Schwätzchen hielt, hatte sie auf einmal das Bedürfnis, das Thema zu wechseln. „Vermutlich. Aber …“

„Warum ist er wohl so verschlossen, was meinst du?“

Cassidy war wie ein Hund mit einem Knochen. Hailey würde sich etwas sehr Interessantes einfallen lassen müssen, um Cassidy abzulenken.

Hailey sah sich um und stieß beinahe ein Dankgebet aus. „Oh, schau mal. Da drüben ist Liam Gallagher. Auf der High School bin ich mal mit ihm gegangen.“

Cassidy drehte sich um. Hailey hatte nicht erwartet, dass Cass sich an Liam erinnern würde. Aber die Friseurin hatte ihn sofort mit ihrem Blick erfasst.

Liam war groß und schlank. Sein gewelltes Haar war ein bisschen zerzaust. Er trug einen marineblauen Anzug mit frischem, weißem Hemd und roter Krawatte. Der fantastische Schnitt betonte seine muskulösen Schultern und seine schmale Taille. Die letzten zehn Jahre standen Liam gut zu Gesicht.

Cassidy stieß einen leisen Pfiff aus. „Wie guter Wein …“ Die Friseurin verstummte, während sie ihn weiter anstarrte. „Ist er … Single?“

„Hast du dir gerade die Lippen geleckt?“

Cassidy wedelte ungeduldig mit der Hand. „Beantworte einfach nur meine Frage.“

„Ich denke schon“, sagte Hailey zögernd. „Meine Nachbarin ist mit seiner Mutter befreundet. Anscheinend war seine Mom aufgebracht, weil er vor Kurzem mit der perfekten Schwiegertochter Schluss gemacht hat.“

„Dorianna weiß immer über alles Bescheid“, meinte Cassidy. „Allein aus diesem Grund freue ich mich schon immer auf ihre Friseurtermine.“

„Habe ich dir schon erzählt, dass sie sich bei meinem Vermieter über Bandit beschwert hat?“

„Später.“ Cassidy packte ihren Arm. „Jetzt müssen wir beide erst mal unsere Bekanntschaft mit Liam erneuern.“

Wegen des Kindes an seiner Seite sorgte Winn dafür, dass seine Unterhaltung mit Merle Bach nicht lange dauerte. Der beleibte weißhaarige Gentleman wirkte zwar leutselig, aber hinter seinem freundlichen Lächeln verbarg sich Gerissenheit. Trotzdem konnte Winn sich darauf verlassen, dass Merle als Freund seines Vaters und Ausschussmitglied alles tun würde, damit Winns Golfplatzprojekt genehmigt wurde.

Winn warf einen Blick zu Cam, der schweigend die Menschenmenge beobachtete. Weil Winn sich daran erinnerte, wie sehr er als kleiner Junge Anzüge gehasst hatte, hatte er für seinen Sohn an diesem Abend Kakihosen und ein kariertes Hemd herausgesucht.

Zwei lange Jahre lagen zwischen ihnen. Die liebevolle Nähe von damals schien jetzt unerreichbar.

Winn zwang sich zu einem fröhlichen Tonfall und zauste das Haar des Jungen. „Magst du noch ein Stück Kuchen, Sportsfreund?“

Cam schüttelte den Kopf, aber er wich nicht zurück.

„Ferris“, rief jemand.

Winn drehte sich um und erblickte Cole Lassiter. An seiner Seite war seine Frau Meg, eine hochgewachsene, schlanke Frau mit kastanienbraunem Haar. Sie hatte ein Kleinkind auf dem Arm. Neben ihnen stand ein Junge, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Winns ungeübter Blick ließ ihn vermuten, dass er ungefähr so alt war wie Cam.

„Ich war mir nicht sicher, ob wir dich heute hier sehen würden“, sagte Cole zur Begrüßung. Dann warf er Cameron einen neugierigen Blick zu. „Und wen haben wir denn da?“

Winn legte eine Hand locker auf Cams Schulter. „Das ist mein Sohn Cameron.“

Er spürte, wie Cam die Schultern verspannte.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Cameron.“ Meg sah ihren Sohn an, der ähnlich gekleidet war wie Cam, nur in dunklen Hosen mit Poloshirt. „Ich wette, du und Charlie, ihr seid ungefähr gleichalt.“

„I-Ich bin acht“, sagte Cam.

Cole warf seinem Sohn einen Blick zu. „Charlie auch.“

„Wir wollten gerade rüber zum Kinderzelt“, sagte Meg. „Vielleicht hat Cam ja Lust, uns zu begleiten?“

Als Winn sie verwirrt ansah, lächelte Meg. „Die Finsters haben ein paar Schülerinnen von der High School angeheuert, um auf die Grundschulkinder aufzupassen, damit die Eltern sich unters Volk mischen können. Es gibt alle möglichen Spiele.“

„Die haben Videospiele“, warf Charlie ein. Die grauen Augen des Jungen funkelten verschmitzt, als er Cam ansah. „Wollen wir? Ich wette, ich kann dich besiegen.“

„Charlie“, sagte Meg streng, aber ihr Mann lachte nur.

Winn bemerkte den fragenden Blick seines Sohns. „Wenn du willst, kannst du mitgehen.“

Der Junge nickte.

„Ich sorge dafür, dass die beiden beschäftigt sind“, versprach Meg, als das Kleinkind in ihren Armen anfing zu zappeln. „Ich wünschte nur, sie hätten auch ein Zelt für die ganz Kleinen.“

Cole nahm seiner Frau das kleine Mädchen ab. „Keine Sorge.“ Cole klopfte Winn auf die Schulter. „Meg passt schon auf, dass die Jungs bestens versorgt sind.“

Winn richtete seinen Blick wieder auf Cole. „Cam ist ziemlich verschlossen. Seine Mutter ist vor Kurzem gestorben und es fällt ihm schwer, sich einzugewöhnen.“

„Das verstehe ich.“ Der Ausdruck in Coles Augen sagte Winn, dass er das wirklich tat. „Du hast noch nicht in Jackson Hole gelebt, als wir Charlie bekommen haben. Meg und ich waren damals nicht verheiratet.“

Winn nickte. „Ich habe gedacht, Charlie ist dein Sohn?“

„Das ist er“, sagte Cole ganz sachlich. „Aber er hat die erste Hälfte seines Lebens bei seiner Mutter Joy und ihrem Ehemann Ty verbracht. Sie waren beide enge Freunde von mir und sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Meg und ich haben das gemeinsame Sorgerecht bekommen.“

Winn dachte an die vergangene Woche. „Das muss schwierig gewesen sein.“

Cole lachte. „Das war jetzt eine Meisterleistung an Untertreibung, Ferris.“

„Ich bin gerade erst am Anfang dieser Reise“, gab Winn zu.

„Wenn du dein Bestes tust, wenn das Wohlergehen deines Sohnes für dich immer an erster Stelle steht, dann hast du am Ende nichts zu bedauern.“ Cole hob seine Tochter hoch in die Luft, bis sie quietschte.

Winn war drauf und dran, sein Dilemma in Bezug auf Kinderbetreuung anzusprechen, als Meg wiederkam.

„Ich übernehme.“ Meg schnappte sich das zappelnde Kleinkind. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Winn zu. „Cameron und Charlie kommen wunderbar miteinander aus. Ich würde ihn gerne mal zum Spielen einladen.“

„Sag mir nur, wann.“ Winn war ganz gerührt.

„Ich schau mal in meinen Kalender und ruf dich an“, sagte Meg. Dann schien sie die Blickrichtung ihres Mannes zu bemerken.

„Der Mann, mit dem Hailey sich unterhält“, sagte Cole. „Er kommt mir bekannt vor.“

Als er Haileys Namen hörte, drehte Winn sich um. In ihrem leuchtend blauen Kleid sah Hailey umwerfend aus. Sie und Cassidy unterhielten sich mit einem Mann, den Winn nicht erkannte.

Winn konnte nicht anders, als zu bemerken, dass der Mann die Augen nicht von Hailey wenden konnte. Das verstand Winn gut. Das blaue Seidenkleid, das sie trug, betonte ihre kurvenreiche, feminine Figur. „Wer ist das?“

Meg kniff die Augen zusammen. „Ich glaube, der war mit einem meiner kleinen Brüder in einer Klasse.“

Cole kitzelte seine Tochter, bis sie lachte. „In Anbetracht der Tatsache, wie viele jüngere Brüder du hast, hilft das jetzt nicht viel.“

„Liam.“ Meg schnalzte mit den Fingern. „Liam Gallagher. Ich habe gehört, dass er wieder im Lande ist.“

„Irgendjemand hat erzählt, dass er bei dem Psychologen Pete Allman in der Praxis aushilft, bis der einen Partner gefunden hat“, überlegte Cole laut.

„Ich habe gehört, er ist zurückgekommen, um seine Großtante zu unterstützen“, unterbrach ihn Meg.

„Vielleicht macht er beides“, meinte Winn. So wie der Typ Hailey ansah, stand die Verführung einer hübschen Logopädin auf jeden Fall auf seinem Programm.

Hailey verbrachte den größten Teil des Abends auf der Tanzfläche. Sie hatte ganz vergessen, wie viel Spaß es machte, sich einfach zu Musik zu bewegen. Sie tanzte mit vielen Männern, aber vor allem mit Liam. Die Band hatte gerade angefangen, ein romantisches Lied zu spielen, als Winn Liam auf die Schulter klopfte. Er lächelte Hailey an. „Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Zu Haileys Überraschung zögerte Liam. Doch Winn schien das nicht zu bemerken. Er zog sie in seine Arme und führte sie geschickt über die Tanzfläche, bis Liam außer Sichtweite war.

„Du siehst wunderschön aus heute Abend“, bemerkte Winn.

„Du siehst auch sehr schick aus.“ Hailey fand, dass er sogar noch besser roch. Sie ließ sich genüsslich den würzigen, maskulinen Geruch seines Eau de Cologne in die Nase steigen. „Ich habe nicht erwartet, dich heute Abend hier zu sehen.“

„Ich schätze, das ist dann wohl eine Überraschung für uns beide.“

„Wer passt auf Cam auf?“

„Ein Mädchen von der High School.“

„Wie heißt sie?“, fragte Hailey neugierig. „Vielleicht kenne ich ihre Familie.“

„Keine Ahnung.“

Hailey blieb wie angewurzelt stehen. „Du hast ihn bei einem Mädchen gelassen, dessen Namen du nicht mal kennst?“

Obwohl sie sich bemühte, die Fassung zu bewahren, wurde ihre Stimme mit jedem Wort schriller.

„Ganz ruhig“, sagte er mit einem amüsierten Lächeln. „Ich habe Cam heute Abend mitgebracht. Er ist mit Charlie Lassiter im Kinderzelt. Die beiden spielen vermutlich gerade Videospiele.“

„Oh.“ Hitze stieg Hailey in die Wangen.

Seine Lippen zuckten, aber er führte sie nur weiter über die Tanzfläche. Bei jeder Bewegung spürte sie seinen muskulösen Körper. „Du hast noch gar nicht erzählt, wie es kommt, dass du heute Abend hier bist. Bist du mit der Braut oder dem Bräutigam befreundet?“, fragte Hailey.

„Ich habe geschäftlich mit dem Vater der Braut zu tun.“ Geschickt ließ Winn Hailey eine komplizierte Drehung vollführen.

Der Atem stockte ihr, als die Tanzfigur sie dazu brachte, sich noch enger an ihn zu schmiegen. „Ich war fürs Make-up zuständig.“

„Das klingt anstrengend.“

„Ja, es war richtig viel Arbeit.“ Hailey lächelte reumütig. „Bei acht Brautjungfern.“

Er strich sanft eine Haarlocke aus ihrem Gesicht und beugte sich vor. Sein Atem fühlte sich warm an ihrem Ohr an. Sie hob den Kopf. Ihr Mund war nur noch ein paar Zentimeter von seinem entfernt.

„Ich freue mich, dass Sie es geschafft haben, Ferris.“

Winn fuhr zusammen und drehte sich um. Er verbarg mit einem Lächeln, wie irritiert er war. „Clive.“

Clive Finster, der Vater der Braut, erinnerte Winn an einen fröhlichen Pinguin im Smoking. Seine Frau, eine zerbrechlich wirkende Blondine, überragte ihn um einen ganzen Kopf.

„Ich habe mich wirklich über die Einladung gefreut.“ Winn lächelte Mrs. Finster an. „Ihre Tochter ist eine wunderschöne Braut. Und ich genieße den Empfang.“

Dee Finster lächelte höflich. „Wir sind so erleichtert, dass das Wetter mitgespielt hat.“

„Es war wirklich ein perfekter Tag“, sagte Hailey.

Zum ersten Mal schien Clive sie zu bemerken. Winn merkte genau, dass er eins und eins zusammenzählte. „Hailey Randall. Sie sind Franks Tochter.“

Und Tripps Schwester. Winn konnte förmlich hören, wie er das hinzufügte.

Der Mann ließ seinen scharfen Blick zwischen ihr und Winn hin und her wandern. „Ich habe nicht gewusst, dass ihr zwei …“

„Winn und ich sind Nachbarn“, sagte Hailey, bevor Winn eine Chance hatte zu antworten. „Und ich passe den Sommer über auf seinen Sohn auf.“

Winns Herz klopfte heftig. Doch er schaffte es, seine Überraschung zu überspielen.

Clive lächelte nur noch breiter. Aber als er etwas sagen wollte, legte seine Frau eine Hand auf seinen Arm. „Da kommen Merle und Helen. Wolltest du dich nicht heute Abend noch mal mit ihm unterhalten?“

„In der Tat. Hat mich sehr gefreut, Sie wiederzusehen, Ferris. Ms. Randall.“ Damit wandte Clive seine Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zu.

„Ich habe nie verstanden, wie eine so nette Frau wie Susan so einen Vater haben kann“, sagte Hailey leise, als sie weitertanzten.

Winn grinste. „Warum erzählst du mir nicht, was du wirklich über ihn denkst?“ Winn unterbrach sich. „Oder noch besser, erklär mir, was dich dazu gebracht hat, doch auf Cam aufzupassen?“

„Also, ich möchte auf Cam auf passen, weil …“ Als die Band zu einem klassischen Gershwin-Song ansetzte, ergriff sie impulsiv Winns Hand. „Tanz erst noch mal mit mir. Ich liebe diesen Song.“

Obwohl er ihr bereitwillig folgte, zog Winn eine Augenbraue hoch. „Die Melodie erinnert mich an meinen Vater oder sogar an meinen Großvater.“

Während sie sich im Takt der langsamen, romantischen Melodie bewegten, erklärte Hailey, dass ihre Eltern auch gerne dazu tanzten. Und sie verriet ihm ein kleines Geheimnis.

„Das Lied wurde auf der Hochzeit meiner Großeltern gespielt. Meine Eltern haben das Lied sozusagen adoptiert.“ Hailey konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Als ich klein war, kam ich manchmal ins Haus, das Lied lief auf der Stereoanlage und sie haben dazu getanzt.“

„Schockierend“, sagte Winn und tat so, als ob er übertrieben erschauderte. „Was haben sie sich nur dabei gedacht?“

„Wahrscheinlich haben sie sich gewünscht, ich wäre bei Freunden zum Spielen.“ Hailey lächelte schief und brachte ihn damit zum Lachen.

Als Kind war ihr das unheimlich peinlich gewesen. Jetzt fand sie es süß.

„Da hast du Glück gehabt. Meine Eltern konnten es kaum ertragen, auch nur im selben Raum zu sein“, sagte Winn nüchtern. „Mein Vater hat nach der Beerdigung meiner Mutter noch am selben Nachmittag eine geschäftliche Besprechung angesetzt.“

Hailey bemühte sich erfolglos, ihren Schock zu verbergen. „Wie alt warst du da?“

„Zwölf.“

In dem Alter war Haileys größte Sorge gewesen, bei der Reitstunde nicht vom Pferd zu fallen. „Das tut mir so leid, Winn.“

Er zuckte die Achseln und schwieg.

Die Musik wob sich um sie herum wie ein buntes Band. Hailey lehnte sich an Winn und hielt ihn fest, als ob sie ihn so vor den Schmerzen der Vergangenheit beschützen könnte.

Sie schloss die Augen und ließ die Gedanken wandern. Dabei genoss sie das Gefühl, wie sich seine starken Arme um sie schlossen. Als er langsamer wurde, öffnete sie widerwillig die Augen. Sie merkte, dass der Song vorbei war.

Hailey löste sich von Winn. „Ich tanze eben gerne bis ganz zum Schluss.“

„Da habe ich Glück gehabt. So durfte ich eine schöne Frau noch ein bisschen länger in den Armen halten.“ Er nahm ihre Hand. Das Verlangen, gegen das sie schon den ganzen Abend lang angekämpft hatte, loderte auf.

Von ihrer ersten Begegnung an hatte Winn sie mit seinem unnahbaren Stil erregt. Sogar sein Geruch wirkte wie ein Aphrodisiakum auf sie.

Seit sie wieder nach Jackson Hole gezogen war, hatte sie mit keinem Mann geschlafen. Aber sie hatte so das Gefühl, dass Winn alle in den Schatten stellen würden, mit denen sie je …

„Hailey, wie schön Sie heute Abend hier zu sehen.“

Sie schnappte nach Luft.

„Herr Pfarrer.“ Hailey verbarg ihre Gedanken an einen nackten Winn hinter einem zuckersüßen Lächeln. „Ich nehme an, Sie kennen Winston Ferris.“

Sie zog die Unterhaltung ein wenig mehr in die Länge als absolut notwendig. Sie lobte den Pastor nicht nur für die Hochzeitszeremonie, sondern erwähnte auch noch einige der letzten Predigten.

Winn beteiligte sich nur oberflächlich am Gespräch und warf ihr immer wieder fragende Blicke zu. Er konnte ja nicht wissen, dass sie gegen das Bedürfnis ankämpfte, sich mit ihm ein ungestörtes Fleckchen zu suchen.

Daran ist nur die Hochzeit schuld, dachte sie reumütig. Romantik lag in der Luft. Und brachte auch die Erinnerung an das eine Mal zurück, als sie Winn geküsst hatte.

Auf einer Party, bei einer Runde Flaschendrehen. Natürlich wäre es möglich, dass sie den Kuss im Rückblick verklärte. Doch so, wie sie sich heute Abend fühlte, könnte ein Kuss reichen, damit sie mit Winn ins Bett ging.

Aber Hailey hatte noch nie Interesse an One-Night-Stands gehabt. Und Winn hatte mit Beziehungen nichts am Hut.

Nach ein paar Minuten zog der Bräutigam den Pastor beiseite. Winn führte Hailey aus dem Zelt hinaus in die Stille des warmen Sommerabends.

Draußen gingen sie einen Kiesweg entlang und ließen sich dann auf einer Parkbank unter einer großen Eiche nieder.

Winn überraschte sie damit, dass er zum Himmel aufsah und heftig den Atem ausstieß. „Gott sei Dank.“

„Okay, jetzt bin ich neugierig.“ Hailey lachte. „Wofür denn?“

„Ich war schon überzeugt, dass der Priester mich fragen würde, welche der Predigten mir am besten gefallen hat.“ Winn schüttelte den Kopf. „Das hätte ein schreckliches Ende genommen.“

„Bist wohl ein armer Sünder?“, scherzte sie.

Er verzog die Lippen zu einem trägen Lächeln. Dann zwirbelte er eine seidige Strähne ihres Haars zwischen Daumen und Mittelfinger. „Ist Unersättlichkeit eine Sünde?“

Etwas in seinen Augen sagte ihr, dass er nicht über Essen sprach. Auf einmal war ihre Kehle wie ausgedörrt. Sie schluckte und nickte.

„Also, bekanntlich lasse ich mich ja hin und wieder gehen.“

Hailey ließ ihren Blick auf seinem Mund, auf diesen sinnlichen Lippen ruhen. Obwohl der Abend lau war, bekam sie eine Gänsehaut. Es knisterte regelrecht in der Luft.

Und wie als Antwort blitzte in Winns dunklen Augen ein Funken auf.

Hailey spürte, wie sie sich vorbeugte. Ihre Lippen kribbelten. Aber sie wich wieder zurück. Es wäre nur zu einfach, sich ihm hinzugeben. Drastische Maßnahmen waren nötig, um das zu verhindern.

„Um deine Frage von vorhin zu beantworten: Ich weiß gar nicht mehr, wann ich beschlossen habe, dass ich mich um Cam kümmern werde.“ Hailey wusste aus Erfahrung, dass ein Gespräch über Kinder oder Babys eine hervorragende Methode war, um lüsterne Gedanken zu vertreiben.

Bei Winn schien sie jedenfalls zu funktionieren. Die Glut in seinen Augen erlosch, als ob sie ihm einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gekippt hatte.

Sie verspürte einen Anflug von Bedauern, bevor sie fortfuhr. „Es hat mich beeindruckt, wie viel dir daran liegt, dass Cam sich gut einlebt. Ich will dir helfen.“

„Danke.“

Er nahm ihre Hand und sie sprang auf. Sie bemühte sich um einen lässigen Tonfall, obwohl ihr Herz heftig klopfte. „Wenn du mal nach Cam sehen willst, komme ich gerne mit. Wenn dir das nichts ausmacht, heißt das.“

„Natürlich macht mir das nichts aus. Ich genieße deine Gesellschaft.“

Hailey beschloss, dass sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. Als er ihr den Arm bot, hakte sie sich bei ihm unter. Trotzdem konnte sie das Glücksgefühl nicht unterdrücken, das sie überkam, als er sie anlächelte.

Winn hatte gerade seine zweite Tasse Frühstückskaffee getrunken, als es klopfte. Er verspannte sich, als er die Tür öffnete und den Hund an Haileys Seite erblickte. Aber dann dachte er daran, wie Cam strahlte, sobald Bandit in der Nähe war. Also lächelte er und winkte Hailey – und den Hund – herein.

„Cam schläft noch“, sagte Winn leise. „Er hatte eine unruhige Nacht.“

Winn hatte auf das Beste gehofft, als sie nach der Hochzeitsfeier nach Hause gekommen waren. Cam hatte auf der Fahrt entspannt und glücklich gewirkt. Als er im Bett war, war er auch gleich eingeschlafen.

Doch keine Stunde später war Cam weinend wieder aufgewacht.

Zum Glück sagte ihm Haileys mitleidige Miene, dass er nicht ins Detail gehen musste.

„Du siehst gut aus.“ Hailey musterte ihn von oben bis unten. „Ganz das Titelbild von einem Männermagazin.“

Auf einmal fühlte Winn sich in seinem dunklen Anzug mit dem frisch gebügelten weißen Hemd und der blau gemusterten Krawatte fehl am Platze. Vor allem im Vergleich zu Haileys abgetragenen Jeans und ihrem kunterbunten Oberteil.

Das Outfit erinnerte ihn an die Uni. Aber sie war keine Studentin. Auch wenn sie sieben Jahre jünger war als er, sie war siebenundzwanzig. Wenn er ein Rendezvous mit ihr hatte, verführte er kein junges Mädchen.

Ein Rendezvous?

Hailey war seine Nachbarin und seine Freundin. Wenn er mit ihr ins Bett ging und ihre Beziehung scheiterte, würde er ihre Freundschaft verlieren. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen.

Trotzdem konnte er nicht anders, als zu bemerken, dass ihre Jeans wie angegossen saßen und dass ihr Oberteil ihre vollen Brüste perfekt umrahmte. Winn zwang sich dazu, auf die Uhr zu sehen. „Ich habe den ganzen Vormittag eine Besprechung nach der anderen. Aber wenn es wichtig ist, kannst du mich übers Handy erreichen.“

„Alles klar.“ Haileys Lippen zuckten. „Erst anrufen, wenn Cam am Verbluten ist.“

„Du darfst auch anrufen, wenn du am Verbluten bist.“

„Aye, aye, Captain.“ Hailey salutierte scherzhaft.

Bevor ihm eine clevere Antwort einfallen konnte, wurde sie ernst. „Du sagst, er hatte eine unruhige Nacht. Wieder Albträume?“

„Wie wäre es, wenn ich dir alles bei einer Tasse Kaffee erzähle?“

„Ich liebe dich, Winn Ferris.“

Er lachte leise. „Bist du sicher, dass deine Liebe nicht vielmehr meinem Kaffee gilt?“

Sie legte einen Finger an die Lippen „Das hat vielleicht, ganz möglicherweise etwas mit meiner Zuneigung zu tun.“

Keine Minute später kostete sie den dampfenden Kaffee.

Winn legte die Finger um seine eigene Tasse und wünschte sich, dass er nicht schon in ein paar Minuten losmusste.

Zwei Sorgenfalten bildeten sich zwischen Haileys Augenbrauen. „Erzähl mir von den Albträumen.“

„Wie bisher.“ Winn stellte die Tasse ab. „Er ist aufgewacht und hat geweint und nach seiner Mutter gerufen.“

Winn dachte an die Monate nach dem Tod seiner eigenen Mutter. Er hatte allein getrauert, während sein Vater sofort wieder zum Alltag übergegangen war.

Das würde Cam nicht passieren.

Hailey starrte in ihren Kaffee. Ihr Gesichtsausdruck war mitleidig. „Der arme Kleine.“

Winn schnürte es die Kehle zusammen. Er hasste es, dass Cam das durchmachen musste. Aber nicht allein, rief Winn sich ins Gedächtnis. Er nahm noch einen Schluck Kaffee, dann erhob er sich.

„Ich sollte zum Mittagessen wieder da sein.“ Er streckte die Hand nach der Türklinke aus.

Hailey packte seinen Arm. „Nicht so schnell.“

Winn zog eine Augenbraue hoch.

„Deine Krawatte sitzt schief.“ Sie streckte die Hand aus und zog den Knoten gerade. „Keine Sorge. Ich weiß, was ich tue.“

Ohne nachzudenken, zog Winn sie an sich und küsste sie heftig auf den Mund. „Da bin ich aber froh.“

Draußen blieb Winn stehen. Was gerade passiert war, verwirrte ihn.

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