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BIANCA EXTRA BAND 31

CINDY KIRK

Drei kleine Worte vom Glück entfernt

Wie überzeugt man eine Frau von einem gemeinsamen Für immer? Tim versucht alles, um die bezaubernde Cassidy für sich zu gewinnen. Bloß die drei wichtigsten Worte der Welt kommen ihm nicht über die Lippen …

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Liebesbriefe nach London

Das darf doch nicht wahr sein! Fassungslos hört Missy, dass ihre Tochter in Destiny ist. Sie will Liam sagen, dass er ihr Vater ist. Missy rast hinterher – und weiß: Sie darf sich kein zweites Mal in Liam verlieben …

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Nacht der tausend Geheimnisse

Die Sehnsucht in Hayleys Augen berührt Undercover-Agent Seth Banyon. Aber er zögert, die schöne Psychologin zu erobern. Denn eigentlich sucht er ihre Nähe nur, weil er etwas über einen Patienten wissen will …

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Beim zweiten Mal ist alles anders

Nur seine Kinder zählen für Cole nach einer Enttäuschung! Bis er unerwartet seiner Jugendfreundin Sabrina begegnet. Mit ihr würde er sogar einen Neuanfang wagen. Wenn bloß seine Kinder nicht dagegen wären …

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Drei kleine Worte vom Glück entfernt

1. KAPITEL

Cassidy Kaye spürte es sofort, als Tim Duggan den Grünen Raum im Spring Gulch Country Club betrat. Obwohl sie gerade alle Hände voll zu tun hatte, die jungen Frauen zu frisieren, die an der Single-Auktion von Jackson Hole teilnahmen. Sobald der gut aussehende Arzt irgendwo auftauchte, stellten sich bei ihr sämtliche Antennen auf Empfang ein.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie er an der Tür stehen blieb. Ein hochgewachsener Mann mit dichtem, rötlich braunem Haar und ausdrucksvollem Gesicht. Die Sommersprossen auf seiner Nase verliehen ihm etwas Jungenhaftes, und sie wusste, dass seine haselnussbraunen Augen sich von einem Moment zum anderen in einen hinreißenden Goldton verwandeln konnten.

Mit ernster Miene blickte er sich um.

Als Cassidy erfahren hatte, dass Tim für seinen Freund Liam Gallagher einspringen würde, konnte sie es zuerst gar nicht glauben. Im Gegensatz zu den anderen Junggesellen, die sich für die Auktion gemeldet hatten, war der Witwer und Vater siebenjähriger Zwillingstöchter eher ein Familienmensch. Abgesehen von den paar Gelegenheiten, wo Cassidy ihn mit der Bibliothekarin Jayne Connors bei öffentlichen Veranstaltungen gesehen hatte, ging er nie aus.

Als Tim sie bemerkte, lächelte er erleichtert, und Cassidy wurde ganz warm ums Herz.

„Bin gleich zurück“, sagte sie zu Zippy Rogers, deren langes dunkles Haar sie gerade zu einer flippigen Frisur hochgesteckt hatte. Mit jedem Schritt, den sie sich Tim näherte, wuchs ihre Aufregung. Ohnehin herrschte in dem Vorraum zum Ballsaal eine erwartungsvoll aufgeladene Atmosphäre.

„Hi, Tim.“ Sie verwünschte das Herzklopfen, das sie jedes Mal in seiner Nähe überfiel. Um möglichst cool zu wirken, lächelte sie ihn kess an. „Dass du dich auch auf den Fleischmarkt wirfst, ist schon Stadtgespräch.“

Er schnitt eine Grimasse, und sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, eine schlagfertige Antwort auf ihre forsche Bemerkung zu geben.

„Das tue ich nur für Liam.“ Er trat von einem Fuß auf den andern. „Der hat leider eine Allergie und sieht aus wie Quasimodo.“

„Der Arme“, sagte Cassidy mitfühlend.

„Er fand es furchtbar, in letzter Minute absagen zu müssen.“

„Also wenn er wie Quasimodo aussieht, war das sicher eine vernünftige Entscheidung“, bemerkte Cassidy trocken.

Tim ließ den Blick über all die aufwendig gestylten Frauen und elegant angezogenen Männer schweifen. Die meisten von ihnen kannte er nur flüchtig. Es waren hauptsächlich Businessleute und um einiges jünger als er. Zu seinem Freundeskreis zählten eher Ärzte und Sozialarbeiter, aber auch junge Unternehmer wie Cassidy. Ihr gehörte der gut gehende Friseursalon Clippity Do Dah in der Innenstadt von Jackson Hole. Im letzten Jahr hatte sie ihr Geschäft vergrößert und bot nun auch Nagelpflege und Styling für Hochzeiten und besondere Anlässe an.

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier machen soll“, sagte Tim. „Liam konnte mir das auch nicht so genau sagen.“

„Lexi Delacourt wird dich genauestens informieren. Sie organisiert die Auktion und nimmt die Gebote an.“

„Ah, okay.“ Tim nickte erleichtert.

Lexi war eine gemeinsame Freundin von Tim und Cassidy. Die hübsche Sozialarbeiterin brachte so viel natürliche Klasse und Eleganz mit, dass die Auktion einiges Niveau versprach. Soweit das bei so einer Art Heiratsmarkt möglich war.

„Ich bringe dich zu ihr.“ Cassidy hakte sich bei Tim ein und freute sich über die unerwartete Gelegenheit, ihn zu berühren.

Unauffällig musterte sie ihn. Obwohl sie selbst lebhafte Farben bevorzugte, fand sie Tim in seinen braunen Hosen und dem cremefarbenen Hemd unglaublich sexy. Die warmen Farben machten ihn noch attraktiver und unterstrichen seinen Typ.

Sie blickte an sich herunter und fragte sich, ob ihm ihr knalloranger Rüschenrock und ihr limettenfarbenes, hautenges Top wohl gefielen.

„Hier lang.“ Sie zog ihn am Arm, doch er bewegte sich nicht von der Stelle.

„Ich komme schon alleine klar. Du hast doch so viel zu tun.“

Sie sah zu Zippy hinüber, die sich gerade die Lippen knallrot anmalte. Toll sah das aus, fand Cassidy. Lippen konnten nicht rot genug sein.

„Mach dir keine Gedanken.“ Diesmal zog sie fester an seinem Arm. „Zippy ist die letzte für heute.“

„Na, wenn das so ist.“

„Wie geht’s denn Esther und Ellyn?“

Wie immer leuchteten seine Augen auf, wenn er auf seine Töchter angesprochen wurde. „Alles in Ordnung. Sie schlafen heute bei Oma und Opa.“

„Deine Mutter hat doch bestimmt einen Schock bekommen, als sie gehört hat, dass du für Liam einspringst.“

Suzanne Duggan war pensionierte Lehrerin, Gluckenoma und eine absolute Nervensäge. Bestimmt hatte sie die Nase gerümpft über etwas so Profanes wie die Single-Auktion.

„Sie hat nicht viel dazu gesagt.“

Tims Stimme klang gleichgültig, doch Cassidy ließ sich nicht täuschen. Die Übermutter hatte ihre spitze Zunge garantiert nicht im Zaum halten können.

„Und was hat Jayne dazu gesagt?“ Sie versuchte, lässig zu klingen.

„Jayne?“

„Jayne Connors.“

„Ich habe nicht mit ihr gesprochen.“

Erleichterung durchströmte Cassidy wie ein kühles Bier an einem Sommerabend. Anscheinend waren Tim und Jayne doch nicht so eng zusammen, wie sie dachte. Doch sicher war das nur eine Frage der Zeit. Die Verliebtheit in den Augen der Bibliothekarin war nicht zu übersehen.

„… für einen guten Zweck.“

Cassidy merkte, dass ihr Begleiter etwas gesagt hatte, während ihre Gedanken mit Jayne Connors beschäftigt waren. Aber sie hatte Übung darin, gleich wieder den Faden zu finden. Im Salon schweifte sie öfters mit den Gedanken ab, wenn ihr die Leute alles Mögliche erzählten.

„Ich stehe voll dahinter. Das neue Kinder- und Frauenzentrum ist eine tolle Sache.“ Seine warmherzige Art war ein weiterer Pluspunkt auf der langen Liste seiner Vorzüge. „Es gibt in unserer reichen Stadt viel zu viele bedürftige Frauen und Kinder, die zu kämpfen haben …“

Noch immer spürte Cassidy bei solchen Bemerkungen einen Kloß im Hals, obwohl sie ihre Kindheit längst hinter sich gelassen hatte. Rasch verbannte sie die Vergangenheit in die hinterste Ecke und widmete sich dem Hier und Jetzt.

„Da ist ja Lexi.“ Cassidy bedauerte, Tim an Lexi abgeben zu müssen. Zu gern hätte sie ihn noch eine Weile für sich behalten.

„Okay, dann rede ich gleich mal mit ihr.“ Doch er machte keine Anstalten wegzugehen.

Einen Moment lang sonnte Cassidy sich in dem Gedanken, dass es ihm so ging wie ihr und er sich nicht von ihr trennen wollte. Aber wahrscheinlich betrieb er nur Verzögerungstaktik.

Er seufzte. „Ich fürchte, ich werde da oben stehen, und keine Einzige wird für mich bieten. Wer interessiert sich schon für einen Witwer mit zwei Kindern?“

Tim war nicht der Mann, der mit solchen Bemerkungen kokettierte. Cassidy war ziemlich sicher, dass ihm überhaupt nicht klar war, wie attraktiv er auf Frauen wirkte.

„Du bist fünfunddreißig, erfolgreich und sexy.“

Er lachte. „Ja, genau.“

„Falls es dich beruhigt, fange ich mit dem Bieten an. Du wirst sehen, wie das die anderen anstachelt.“

Er lächelte sie dankbar an. „Das würdest du für mich tun?“

„Na klar.“ Sie puffte ihn sanft in den Arm. „Wir sind doch Freunde.“

Okay, vielleicht waren ihre Gefühle nicht rein freundschaftlicher Natur, aber der Satz fühlte sich gut an.

„Du bist wirklich sehr nett.“ Sein Blick verweilte so lange auf ihrem Gesicht, dass ihre Lippen zu prickeln anfingen. Der verrückte Gedanke kam ihr, er könne sie küssen.

Doch er drückte nur dankbar ihren Arm und schlenderte zu Lexi hinüber.

Nachdem es Cassidy gelungen war, ihre Kundin Zippy noch eine Spur atemberaubender aussehen zu lassen, nahm sie sich ein paar Minuten Zeit, um sich selbst zurechtzumachen.

Nebenan hatte die Auktion gerade begonnen. Fünf Frauen und fünf Männer hatten sich angemeldet. Den Anfang machte eine Frau, und dann ging es abwechselnd weiter.

Aus dem Ballsaal waren Gelächter und Beifallsrufe zu hören, während Cassidy vor dem Spiegel stand. Sie legte noch ein wenig Lipgloss auf und zupfte mit den Fingern ihre Frisur in Form. Für heute Abend hatte sie ihr Haar im Blond ihrer Kindheit eingefärbt, mit blauen Spitzen, passend zu ihrer Augenfarbe.

Sie lächelte ihr Spiegelbild strahlend an, um sicherzugehen, dass sich keine Lippenstiftspuren auf ihren Zähnen befanden. Zufrieden tänzelte sie dann auf ihren Highheels in den Ballsaal.

Nachdem sie sich eine Nummer gezogen hatte, sicherte sie sich einen Platz in der Nähe der Bühne. Gerade wurde mit großer Begeisterung für ein Date mit Zippy geboten. Zwei der Männer lieferten sich ein heißes Gefecht, entschlossen, die hübsche Anwältin für sich zu erobern.

Tausend Dollar waren bereits geboten, als einer der Männer aufgab. Dann war Tim an der Reihe, und Lexi trat auf die Bühne, um ihn vorzustellen. Anschließend reichte sie das Mikrofon an ihren Mann Nick, der als Auktionator fungierte.

Tim wirkte äußerlich ruhig, doch Cassidy war sicher, dass er keineswegs so entspannt war, wie es den Anschein hatte.

„Wer bietet die ersten hundert Dollar?“, fragte Nick.

Das war ihr Stichwort. Einen Moment lang war es still im Saal.

Als sie ihr Schild mit der Nummer hob, sah sie, dass eine rothaarige Frau ihres bereits hochhielt. Es war eine ihrer Kundinnen, Leila Daltry, eine vollbusige, attraktive Person im hautengen schwarzen Kleid. Sie war Krankenschwester und arbeitete in derselben Klinik wie Tim.

Als Cassidy ihr Schild für das Zweihundert-Dollar-Gebot hochhielt, funkelte Leila sie mit ihren katzengrünen Augen an. Cassidy lächelte ihr zu.

„Dreihundert“, verkündete Nick, als Leila erneut ihr Schild hob.

Cassidy bot vierhundert.

Die Blicke der Zuschauer gingen nun gespannt zwischen ihr und Leila hin und her.

„Höre ich fünfhundert?“, fragte Nick.

Cassidy sah, dass die Rothaarige zögerte. Krankenschwestern verdienten zwar nicht schlecht, doch das Leben in Jackson Hole war teuer, und fünfhundert Dollar waren eine Menge Geld.

Doch Leila hob herausfordernd das Kinn und hielt ihr Schild hoch.

Okay, dachte Cassidy, ich kann mir das zwar nicht leisten, aber ein bisschen geht noch. Sie hob ihr Schild, und Leila bedachte sie mit einem giftigen Blick.

„Wir haben sechshundert. Sechshundert zum ersten, zum zweiten und … zum dritten.“ Nick ließ den Hammer niedersausen.

Immerhin ist es für einen guten Zweck, dachte Cassidy, als sie den Scheck ausstellte.

Sie zuckte zusammen, als plötzlich Tim neben ihr stand. „Tut mir leid, dass es dich erwischt hat. Ich kann dir das Geld zurückgeben.“

Normalerweise war Cassidy nicht um Worte verlegen, doch diesmal verschlug es ihr die Sprache. Sie stoppte ihn mit einer Handbewegung, als er weiterreden wollte. „So leicht kommen Sie mir nicht davon, Dr. Duggan. Ich habe Sie für gutes Geld gekauft.“

Plötzlich lächelte er, ein warmes, entspanntes Lächeln, das seltsame Regungen in ihr auslöste. Und als er ihren Arm nahm, war sie sicher, dass Tim jeden einzelnen Dollar wert war.

Sie gingen in den angrenzenden Saal, wo es Champagner und Häppchen gab. Nachdem sie miteinander angestoßen hatten, schlenderten sie hinaus auf die Terrasse. „Aber du musst mir erlauben, dass ich dich einlade“, sagte Tim entschieden. „Du darfst dir aussuchen, wo du gerne hingehen möchtest. Okay?“

Cassidy überlegte einen Moment, dann nickte sie.

Der Mond strahlte in goldenem Glanz, und eine leichte Brise wehte ihr durchs Haar. Wie schön es war, neben diesem blendend aussehenden Mann zu stehen. Sie konnte den Blick nicht von seinen Lippen wenden. Wie es wohl wäre …

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, legte sie ihm die Arme um den Hals und küsste ihn.

2. KAPITEL

Zwei Wochen später hatte Tim den heißen Kuss noch immer nicht vergessen. Während er die Einfahrt zum Haus seiner Eltern hochfuhr, spürte er ein erwartungsvolles Kribbeln, denn heute Nachmittag würde er Cassidy zum ersten Mal allein treffen.

In den letzten vier Jahren war es allenfalls seine Freundin Jayne gewesen, die ihn hin und wieder freundschaftlich auf die Wange geküsst hatte. Und dann dieser sinnliche, warme Kuss von Cassidy direkt auf seinen Mund! Das hatte ihn völlig umgehauen, und er hatte all seine Willenskraft aufbieten müssen, um den Kuss nicht leidenschaftlich zu erwidern.

Vielleicht gäbe es ja heute Abend eine Gelegenheit …

„Hurra, wir sind da“, riefen seine Töchter unisono vom Rücksitz, als er vor dem zweistöckigen, mit weißen Holzschindeln verkleideten Haus anhielt, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Zu dem gepflegten Haus gehörte ein riesiger Garten mit sattgrünem Rasen, hohen Laubbäumen und perfekt gestutzten Ligusterbüschen.

Kaum hatte Tim die Wagentür aufgemacht, da sprangen seine Töchter auch schon heraus und sausten auf die Haustür zu.

Esther und Ellyn waren leidenschaftlich gern bei ihren Großeltern, und für Tim waren seine Eltern allzeit bereite Babysitter. Heute allerdings hätte er lieber die Tochter seiner Freunde engagiert, die auch gelegentlich auf die Mädchen aufpasste, doch die hatte keine Zeit.

Dummerweise hatte er seiner Mutter von dem Date mit Cassidy erzählt, und er wusste, sie würde ihm mit ihren Einwänden zusetzen. Sicher würde er sich gleich anhören müssen, dass Cassidy ja nur darauf aus sei, sich einen reichen Arzt zu angeln.

Er atmete tief durch, bevor er zögernd seinen Töchtern folgte.

Zum Glück kam in diesem Moment sein Vater ums Haus. Steve Duggan trug Gartenhandschuhe und hielt eine gefährlich aussehende Baumschere in der Hand. Vor Kurzem war der Bauingenieur in Rente gegangen und vertrieb sich nun die Zeit mit Gartenarbeit. Mit seinen sechsundsechzig Jahren wirkte Steve mindestens zehn Jahre jünger. Er war ein hochgewachsener Mann mit rotblondem Haar, in das sich zunehmend silberne Fäden mischten. Den rötlichen Farbton hatte er seinen drei Kindern vererbt.

Als Tim in die warmen braunen Augen seines Vaters blickte, wurde ihm nicht zum ersten Mal bewusst, was für ein Glück er hatte, in einer Familie mit liebevollen, fürsorglichen Eltern aufgewachsen zu sein. Von dem Moment an, als seine Zwillingstöchter zur Welt kamen, hatte er beschlossen, ihnen ein ebenso liebevolles Elternhaus zu schaffen. Leider musste er nach dem Tod seiner Frau Caro nun Vater und Mutter zugleich sein.

Die Mädchen brauchen eine Mutter.

Wie oft meldete sich diese Stimme in ihm, und jedes Mal bekam er Angst. Angst, dass er den Mädchen etwas vorenthielt, indem er beschlossen hatte, Single zu bleiben. Doch er hatte einen so anstrengenden Beruf, dass ihm abends gerade noch Zeit für seine Töchter blieb. Daneben auch noch die Ansprüche einer Frau zu erfüllen wäre ihm unmöglich.

Außerdem reichte es, dass er bei einer Frau versagt hatte. Denselben Fehler würde er nicht noch mal machen.

„Na, ist das wieder eine von Moms Beschäftigungstherapien“, sagte Tim mit Blick auf die Baumschere.

Sein Vater lachte etwas gequält. „Die To-do-Liste deiner Mutter wird mich bis ins nächste Jahrhundert beschäftigen.“

Die beiden Männer lächelten sich verständnisinnig an.

Während Tim neben seinem Vater auf das Haus zuging, spürte er dessen neugierigen Seitenblick. „Ich war überrascht, als Suzy mir erzählte, dass du die Kinder schon um vier vorbeibringst. Ist das nicht ein bisschen früh für ein Date?“

Ja, ihm kam es auch ein bisschen früh vor, aber schließlich hatte Cassidy sechshundert Dollar für ihn bezahlt. Wahrscheinlich wollte sie möglichst viel für ihr Geld bekommen.

„Ja, Cassidy hat einen richtigen Plan ausgearbeitet. Zuerst gehen wir Pizza essen, und dann will sie mit mir zu irgendeinem Volksfest.“

„Erstaunlich, dass die Frau heute freinehmen kann“, meldete sich seine Mutter zu Wort. Sie stand auf der Veranda, eine schlanke, attraktive Frau mit braunem, kinnlangem Haar und strahlend blauen Augen. „Wenn man einen Schönheitssalon hat, ist Samstag doch der Hauptgeschäftstag.“

„Es ist ihr eigener Salon, da kann sie sich das einrichten.“ Tim bemühte sich um einen milden Ton. Er würde sich nicht wieder auf eine fruchtlose Diskussion einlassen. „Was machen die Mädchen gerade?“

Bei der Erwähnung „ihrer“ Mädchen wurde Suzannes angespannte Miene weich. Esther und Ellyn waren ihre einzigen Enkel. Allerdings war Tim sicher, dass seine Schwester Lindsey auch bald für Nachwuchs sorgen würde.

„Sie sind sofort zu Miss Priss und ihren Jungen abgeschwirrt.“

Tim lächelte. „Wie geht’s denn Prissy?“

Letztes Jahr hatten seine Eltern widerstrebend die Katze ihres pflegebedürftigen Nachbarn in Obhut genommen. Der alte Mann hatte den Gedanken nicht ertragen können, dass seine treue Gefährtin in einem Tierheim landen würde, wenn er ins Pflegeheim ging. Er hatte Tims Eltern versichert, dass Miss Priss sämtliche Impfungen hatte und auch sterilisiert war.

Doch vor sechs Wochen hatte die Katze, oh Wunder, vier Junge bekommen.

„Es geht ihr gut. Sie ist eine sehr liebevolle Mutter“, erwiderte Suzanne lächelnd.

„Das Vieh ist total verzogen“, brummte Steve. „Kannst du dir vorstellen, dass sie nicht aus einer Schale trinken will? Man muss ihr immer den Wasserhahn in der Badewanne aufdrehen.“

„Sei still, Steve. Angeblich ist das bei Katzen ein Urinstinkt.“

„Habt ihr denn schon jemanden für die Jungen gefunden?“

„Bisher nur für drei, den hässlichen Zwerg will keiner“, erwiderte Suzanne seufzend.

Steve zwinkerte seinem Sohn zu. „Deine Töchter vergöttern den hässlichen Zwerg.“

Tim hob abwehrend die Hände. „Irgendwann bekommen sie ein Haustier. Im Moment ist das unmöglich.“

Sein Vater blickte nachdenklich vor sich hin. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die besten Dinge oft die sind, die einem unerwartet passieren.“

Tim ließ das unkommentiert, auch weil seine Mutter ihn mit der Frage überfiel: „Wieso bist du für ein Date so lässig angezogen?“

Offenbar war Suzanne der Meinung, ihr Sohn müsse sein Image in der Stadt wahren.

„Wir gehen doch nicht zu einem Ball. Außerdem ist es kein Date im üblichen Sinn.“

Für ihn war es das allerdings schon. Es war das erste Mal seit dem Tod von Caro vor vier Jahren, dass er mit einer Frau ausging. Ab und zu begleitete er seine Freundin Jayne Connors zu öffentlichen Veranstaltungen, aber das zählte für ihn nicht.

„Da hast du absolut recht, es ist kein Date.“ Seine Mutter nickte zufrieden. „Genau das habe ich zu Paula auch gesagt, als sie ganz aufgeregt anrief.“

Paula Connors war Suzannes beste Freundin – und Jaynes Mutter. Die beiden Frauen telefonierten mindestens einmal täglich oder schickten sich Nachrichten. Sie gehörten denselben Clubs an, arbeiteten ehrenamtlich im Krankenhaus und waren in sämtlichen Komitees der Stadt vertreten.

„Was interessiert es denn Paula, mit wem ich ausgehe?“

„Oh, Tim.“ Seine Mutter schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Natürlich wegen Jayne. Du weißt, dass Paula genau wie ich immer noch hofft, dass ihr beide zusammenkommt.“

Tim stöhnte auf. Wieder mal war er darauf reingefallen.

Ein Jahr nach Caros Tod hatte er die Kinderfreundschaft mit Jayne wiederbelebt. Dabei hatte er von Anfang an klargestellt, dass er nicht an einer Beziehung interessiert war. Und zum Glück dachte Jayne genauso, zumindest sagte sie das. Nur ihre Mütter wollten das nicht wahrhaben.

„Jayne und ich sind Freunde, Mutter.“ Am liebsten würde er den Satz einmal aufnehmen und ihn abspielen, sobald seine Mutter wieder davon anfing. Die Vorstellung, wie Suzanne darauf reagieren würde, entlockte ihm ein Grinsen.

„Schön, dass du das so amüsant findest“, erwiderte Suzanne in eisigem Ton. Dann kam sie näher und baute sich vor ihrem Sohn auf. Sie war zwar einen Kopf kleiner als er, aber dafür umso resoluter. Man konnte sich gut vorstellen, wie sie früher eine Klasse aufmüpfiger Teenager in Schach gehalten hatte. „Hör zu, mein Sohn, ich sage dir jetzt was.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Tim, dass sein Vater ihm einen mitfühlenden Blick zuwarf, bevor er sich auf leisen Sohlen davonmachte.

„Jayne ist eine fantastische Frau, und ihr beide passt perfekt zusammen. Wohingegen diese Cassidy …“

„Nein, nein, kein Wort mehr“, unterbrach Tim sie, und Suzannes Mund klappte erschrocken zu. „Cassidy Kaye ist eine Frau“, fuhr Tim fort, „die von allen gemocht und respektiert wird. Ich werde nicht zulassen, dass du ihren Charakter infrage stellst.“

Suzanne blinzelte und wollte den Mund zum Widerspruch öffnen, doch Tims eisiger Blick hielt sie davon ab.

Tim nahm den Moment der Stille wahr, um das Thema zu wechseln. „Macht es dir wirklich nichts aus, die Mädchen über Nacht zu behalten? Ich bin bestimmt noch früh genug zu Hause, um sie wieder abzuholen.“

Suzanne winkte ab. „Nein, nein. Sie freuen sich doch schon darauf, hier zu übernachten.“

„Na gut.“ Er überlegte noch, ob er sich von seinen Töchtern verabschieden sollte, aber die hatten ihn über den Kätzchen bestimmt längst vergessen. „Nochmals danke.“

Als er gerade ins Auto steigen wollte, rief seine Mutter: „Tim!“

Er drehte sich zu ihr um und sah, wie sie sich auf die Lippen biss. „Ich wünsche dir einen schönen Abend.“ Sie brachte sogar ein Lächeln zustande.

„Danke, Mom.“

Als Cassidy den ersten Happen von ihrer Pizza abbiss, seufzte sie genüsslich. „Mhm, ist das köstlich.“

Tim saß ihr gegenüber und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Als sie ihn gefragt hatte, welche Art von Pizza er mochte, hatte er gemeint, alles, was nicht nach Sardellen schmeckt.

Daraufhin hatte sie ihre Lieblingspizza für sie beide bestellt, die nun knusprig und nach mediterranen Kräutern duftend auf dem Tisch stand.

Tim nahm sich auch ein Stück, und sie beobachtete ihn, während er hineinbiss. „Hm, schmeckt super.“

Sie lächelte zufrieden.

Während sie aßen, blickte Tim sich in der gut besuchten Pizzeria um. „Kaum zu glauben, dass nachmittags um vier so viele Leute Lust auf Pizza haben.“

Cassidy dachte bei sich, dass der Mann einfach zu selten ausging. Jeder wusste doch, dass die beste Pizzeria in der Stadt immer voll war, vor allem am Wochenende. „In einer Stunde kriegst du hier nur noch einen Stehplatz“, erklärte sie.

„Ah, deshalb wolltest du dich so früh treffen. Gute Idee.“ Er lächelte sie an. „Verrätst du mir auch, was du für den Rest des Abends geplant hast?“

Cassidy nahm sich in aller Ruhe ein neues Pizzastück. Sie wusste, dass Tim ein vielbeschäftigter Frauenarzt war, der seine Arbeit und sein Leben einem exakten Zeitplan unterwarf. Absichtlich hatte sie ihm verschwiegen, was sie alles an Aktivitäten vorgesehen hatte, und lediglich angedeutet, dass sie zu einem Volksfest gehen würden. Er sollte sich unbefangen auf den Abend freuen – und auf sie.

Allzu große Hoffnungen, dass sich aus dem Date etwas entwickeln würde, hegte sie nicht. Tim und sie kamen aus zu unterschiedlichen Welten. Schon damals in der Highschool hatte sie gewusst, dass es zu nichts führte, sich in Jungs wie ihn zu verlieben.

Bei dem Gedanken blieb ihr das Stück Pizza kurz im Hals stecken, bevor sie es energisch hinunterschluckte. Im Moment zählte nur eins: Heute Abend gehörte Tim ihr, und sie würden Spaß miteinander haben. Dafür würde sie schon sorgen.

„Cassidy?“

Sie zuckte zusammen und fand seinen Blick auf sich gerichtet. Genauer gesagt, auf ihren Mund.

Ihr Herz tat einen Sprung, als er sich zu ihr herüberbeugte.

Sie hielt den Atem an.

„Du hast da …“, sein Zeigefinger streifte ihren Mundwinkel und jagte ihr damit heiße Wellen durch den Körper, „… ein Stück Käse.“

Sie gab ein zittriges Lachen von sich. „Mich kann man nirgendwohin mitnehmen.“

Er lächelte, doch in seinen Augen war ein seltsames Funkeln. „Du siehst heute Abend bezaubernd aus.“

„Danke. Ich wollte mich dem Anlass entsprechend anziehen.“ Obwohl sie gern auffällige Kleider und kurze Röcke trug, hatte sie heute Abend eine hautenge Jeans gewählt, die sich wie eine zweite Haut an ihre langen, schlanken Beine schmiegte. Darüber trug sie ein hellgrünes Flatterhemd, das in der Taille von einem knallblauen Gürtel zusammengehalten wurde. Cowboystiefel vervollständigten das Ensemble.

Kurz hatte sie überlegt, ob sie ihr Haar auf Westernart hochstecken sollte, hatte dann aber entschieden, es lose über die Schultern fallen zu lassen. Auf diese Weise würden ihre dezenten hellgrünen Strähnen besser zur Geltung kommen.

Cassidy wusste, dass sie gut aussah. Aber damit war sie nicht die Einzige im Raum. „Darf ich das Kompliment zurückgeben, Dr. Duggan? Sie sehen heute Abend ausgesprochen sexy aus.“

Sie ließ ihren bewundernden Blick über sein weißes Polohemd und seine sonnengebräunten muskulösen Arme gleiten.

Tim lachte verlegen. „Danke für das Kompliment. Das ist schon das zweite Mal, dass du das sagst. Ich glaube, ich habe noch nie von einer Frau gehört, dass ich sexy bin.“

„Offensichtlich hast du es mit den falschen Frauen zu tun.“

Er lächelte schief und ließ den Satz unkommentiert. Dann fragte er sie nach ihrem Salon aus. Ein Thema, über das Cassidy stundenlang reden konnte.

„Hilft Hailey dir noch manchmal?“, fragte er.

Hailey Ferris war eigentlich Logopädin, aber auch eine geniale Stylistin. Jahrelang hatte sie Cassidy bei besonderen Anlässen ausgeholfen.

„Nein, in letzter Zeit hat sie zu viel zu tun. Sie ist ja mit Winn verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Und außerdem hat sie jede Menge Klienten.“

„Ach, richtig, sie ist ja an der Gemeinschaftspraxis von Meg Lassiter beteiligt.“ Meg war ebenfalls eine gemeinsame Freundin von Tim und Cassidy.

„Ich freue mich für sie, aber es ist schade, dass sie nicht mehr bei mir einspringen kann.“

„Hast du niemand anders, der dir helfen kann?“

Cassidy schüttelte den Kopf. „Leider nicht. Falls du jemanden kennst …“

„Vielleicht.“

Falls er jetzt Jayne Connors vorschlagen würde, wäre der Abend für sie gelaufen.

„Jewel Lucas.“

Cassidy wollte gerade in ihre Pizza beißen, hielt aber erstaunt inne. „Ich dachte, die arbeitet für die Zeitung.“ Jewel war eine auffallend schöne dunkelhaarige Frau mit lebhaften grünen Augen.

„Ab und zu schreibt sie einen Artikel, aber sie ist nicht fest angestellt.“ Tim lehnte sich nach hinten. „Letzte Woche habe ich sie im Supermarkt getroffen, und da hat sie erwähnt, dass sie nach einem weiteren Teilzeitjob sucht. Sie ist alleinerziehend und braucht das Geld.“

„Meinst du, sie kann mit Make-up umgehen?“

„Ich glaube schon, Caro hat ihr Aussehen immer bewundert.“ Er lächelte unsicher. „Aber vielleicht stimmt es auch nicht.“

„Warum nicht? Danke jedenfalls für den Tipp.“ Cassidy sah ihn an. „Ich werde Jewel auf jeden Fall darauf ansprechen.“

Sie plauderten angeregt weiter, und Tim erzählte kleine Anekdoten von seinen Töchtern. Zu seiner Verwunderung wirkte Cassidy kein bisschen gelangweilt, sondern hörte interessiert zu. Als er erzählte, wie verrückt die Zwillinge nach den Kätzchen waren, wurde ihr Blick wehmütig.

„Als Kind hätte ich auch so gern ein Tier gehabt. In unserer Nachbarschaft gab es ein paar streunende Katzen, und die habe ich manchmal gefüttert. Trotzdem sind sie nicht zahm geworden. Ein gebranntes Kind scheut eben das Feuer.“

Eine Weile blieb es still zwischen ihnen.

„Meine Mutter hat noch ein Kätzchen übrig.“

„Willst du es nicht selbst nehmen?“

Er schüttelte den Kopf. „Das Kätzchen wäre zu oft allein. Außerdem würde es zu viel Arbeit machen. Meine Mutter ist ständig am Haare wegfegen.“

„Damit habe ich keine Probleme.“ Cassidy lächelte schelmisch. „Übrigens könnte bei dir auch ein bisschen ab.“

„Stimmt, ich rufe dich nächste Woche an und mache einen Termin.“ Plötzlich merkte er, dass es ihm nicht nur um den Haarschnitt ging. Er wollte Cassidy gern wiedersehen.

Weil er sich wohl mit ihr fühlte und mit ihr über alles reden konnte. Und wenn er keine Lust zum Reden hatte, übernahm sie einfach die Unterhaltung.

Sollte er sie gleich zu einem richtigen Date einladen? Sofort verwarf er den Gedanken. Neben der Erziehung seiner Töchter und der aufreibenden Arbeit blieb ihm einfach keine Zeit zum Ausgehen.

Doch den heutigen Abend würde er genießen. Morgen war Zeit genug, sich wieder mit dem Alltag zu beschäftigen.

3. KAPITEL

„Wenn ich da draufsteige, musst du es auch tun.“ Cassidy blickte Tim herausfordernd an.

Nachdem sie die Pizzeria angenehm gesättigt verlassen hatten, hatte Cassidy vorgeschlagen, zum Nachtisch ins Wally’s, ein beliebtes Westernlokal, zu gehen.

Wieder blickte sie zu dem mechanischen Bullen, neben dem sich gerade ein rotgesichtiger Tourist vom Boden aufrappelte.

„Im Moment steht niemand an.“ Sie rutschte vom Barhocker herunter und schüttelte ihr langes Haar. „Komm, wir wagen es.“

„Willst du uns wirklich blamieren?“, fragte Tim.

Statt ihm zu antworten, steuerte sie energisch auf den mechanischen Bullen zu. Tim folgte ihr widerstrebend, doch beim Blick auf ihre verführerische Rückenansicht vergaß er sämtliche Einwände.

„Willst du zuerst?“ Sie klopfte dem Holzbullen auf die Flanke. „Oder darf ich?“

Früher war Tim öfters im Wally’s gewesen, aber den Bullen hatte er noch nie beachtet. Vielleicht sollte er zuerst aufsteigen, damit Cassidy merkte, wie schwierig es war, oben zu bleiben. Er wollte nicht, dass sie sich verletzte.

Doch er zögerte einen Moment zu lange. Kurzerhand kletterte Cassidy auf den Bullen und hörte aufmerksam zu, was der Anweiser ihr sagte.

Dann richtete sie sich in graziöser Haltung auf und schlang die Zügel fest um die Hände. Der Anweiser, ein kräftiger Mann mit Schnurrbart und jovialem Lächeln, setzte ihr noch einen Cowboyhut auf den Kopf. „Fertig?“, fragte er.

Tim wurde es angst und bange. „Cassidy, nicht …“

„Los geht’s!“, rief sie, und sofort setzte sich der Bulle in Bewegung.

Es war ein atemberaubender Anblick, Cassidy auf dem Bullen reiten zu sehen. Obwohl ihr Körper sich beim Küssen ganz weich angefühlt hatte, war deutlich zu sehen, wie viel Kraft sie in Armen und Beinen hatte. Als der Bulle immer heftiger auf und ab ruckelte, behielt sie problemlos die Kontrolle.

Ein schlaksiger Typ im Cowboylook pfiff anerkennend durch die Zähne, und bald stand eine ganze Gruppe von Männern um Cassidy herum und feuerte sie an. Tim war unfähig, irgendwas zu tun oder zu sagen, sondern stand nur mit offenem Mund da. Der Ausdruck von überbordender Lebensfreude in ihrem Gesicht raubte ihm den Atem.

Als der Bulle stoppte, streckte Cassidy triumphierend die Arme in die Höhe, bedankte sich mit einer graziösen Verneigung bei ihren Bewunderern und sprang zu Boden.

„Wie toll das ist!“, rief sie atemlos und mit geröteten Wangen. „Jetzt bist du dran.“

Wenn er sein Gesicht nicht verlieren wollte, durfte er sich jetzt nicht drücken. Hätte er bloß in der Highschool mal Rodeo geübt! Mit gespielter Selbstsicherheit kletterte er auf den Bullen.

„Versuch nichts zu erzwingen“, murmelte Cassidy so leise, dass nur er es hörte. „Entspann dich und beweg dich mit dem Bullen.“

Am Anfang ging es ganz gut, doch plötzlich fing das Ungetüm wie wild zu ruckeln an, sodass Tim sich kaum noch halten konnte. Da erinnerte er sich an Cassidys Worte, entspannte sich und passte sich der Bewegung an.

„Ja, du schaffst es!“, rief Cassidy begeistert.

Tim merkte, wie ihm das Adrenalin durch die Adern schoss, und zu seiner großen Verblüffung war er beinahe enttäuscht, als der Bulle stoppte.

Cassidy umarmte ihn, nachdem er wieder am Boden stand, und er schwenkte sie spontan im Kreis herum.

Er blickte ihr in das lachende Gesicht, in ihre großen Augen, die im Dämmerlicht beinahe violett wirkten, und er sah ihre vollen roten Lippen, die ihn magisch anzogen. Am liebsten hätte er sie auf der Stelle geküsst. Doch sie machte sich los, nahm ihn an der Hand und zog ihn zum Ausgang.

Als sie draußen standen, lachte sie ihn an. „Das war fantastisch, oder? Mir hat es unheimlich Spaß gemacht.“

War das etwa der Abschied? Enttäuschung machte sich in ihm breit, und er bemühte sich um einen lässigen Ton. „Heißt das, das Date ist zu Ende?“

Sie sah ihn erstaunt an, dann hob sie drohend den Zeigefinger. „Nein, nein, so schnell kommen Sie mir nicht davon, Herr Doktor. Der Abend hat ja gerade erst angefangen.“

Eins der vielen Angebote auf dem Wildwest-Festival war die Fahrt mit einer alten Westernkutsche. Schon immer hatte Cassidy in so einer Kutsche fahren wollen.

„Meine Töchter wollten letztes Jahr auch unbedingt damit fahren“, bemerkte Tim, während sie in dem knallig rot und grün gestrichenen Vehikel durch die Westernstadt holperten. „Aber die Schlange war so lang, dass wir es aufgaben und uns mit Zuckerwatte trösteten.“

Zuckerwatte.

Cassidy lächelte. Das stand heute auch noch auf ihrer Liste. „Am liebsten mag ich die in Regenbogenfarben.“

„Dann kaufe ich dir nachher welche.“ Sein galanter Ton erinnerte sie an die alten Filme, die sie gerne ansah, wenn sie nicht einschlafen konnte.

Ihr gefiel die heitere, entspannte Seite von Tim. Normalerweise wirkte er eher ernst und verschlossen. Sie hatte sich für heute Abend vorgenommen, ihm zu zeigen, wie viel Spaß das Leben machen konnte, wenn man es nicht zu ernst nahm. Dem Lächeln auf seinen Lippen nach zu urteilen, schien ihr Wunsch sich zu erfüllen.

Entspannt lehnte sie sich in den weichen Ledersitz zurück und schloss die Augen. Wenn Tim jetzt den Arm um sie legen und sie küssen würde …

Ohne Vorwarnung blieb die Kutsche so ruckartig stehen, dass Cassidy nach vorne fiel. Doch Tim, mit dem blitzartigen Reflex des ehemaligen Tormanns, riss Cassidy wie einen scharf geschossenen Ball an seine Brust.

„Was ist los?“, fragte sie atemlos, wohl wissend, dass ihre Atemlosigkeit mehr damit zu tun hatte, dass Tim sie endlich im Arm hielt.

„Wahrscheinlich sind wir in eine Spurrille geraten.“ Er lachte. „Die Fahrt soll ja möglichst authentisch wirken.“

„Ja, vielleicht.“ Cassidy wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, er würde seinen Arm wegnehmen.

Sie merkte, dass er sie von der Seite ansah, und drehte ihm den Kopf zu. Offensichtlich war sie nicht die Einzige, die die Nähe genoss. In seinen Augen war ein Feuer, wie sie es noch nie gesehen hatte. Unwillkürlich befeuchtete sie ihre Lippen mit der Zungenspitze, und ihr Körper vibrierte vor sehnsüchtiger Erwartung.

Er drückte sie fester an sich, und sein Mund kam näher, sodass sie seinen Atem spürte …

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Sie hörten fröhliche Stimmen und Gelächter.

„Fahrtende, liebe Leute“, verkündete der rundgesichtige Kutscher mit tiefer Stimme.

Volksfeste hatten Caro nie interessiert, und Tim hatte dieselben Vorurteile. Lauter aufgekratzte, betrunkene Leute, die zu aufdringlicher Volksmusik schunkelten. Deshalb hatten sie solche Feste immer gemieden. Nur den Mädchen zuliebe war Tim letztes Jahr kurz auf dem Festplatz gewesen.

Und jetzt bewegte er sich mit Cassidy mitten im Getümmel und hatte auch noch Spaß daran. Eine ansteckende Vitalität und Fröhlichkeit lag in der Luft, und ihm wurde klar, was er all die Jahre vermisst hatte. Hier herrschte definitiv eine andere Atmosphäre als im Spring Gulch Country Club, wo man in Abendkleidung gesittet nach der Musik einer Kapelle tanzte. Auf dem Festplatz ging es laut, staubig und wild zu, und Tim spürte eine unbändige Lebensfreude.

Als Cassidy ihm die Arme um den Hals legte und ihre Hüften im Sambarhythmus bewegte, nahm er sie in den Arm und passte sich ihrem Rhythmus an. Dabei sah er ihr unverwandt in die Augen und schien in ihren blauen Tiefen zu ertrinken. Plötzlich gab es nur Cassidy und ihn; die Welt um sie herum schien nicht mehr zu existieren.

Als die Musik aufgehört hatte und der Leadsänger eine Pause ankündigte, hielt er Cassidy noch immer fest umschlungen, unfähig, den Blick von ihr zu lösen. Wie er diese Frau begehrte!

„Hey, ihr zwei. Das ist ein Familienfest.“

Stöhnend drehte Tim sich zu seinem Freund Liam Gallagher um, der ihm auf die Schulter klopfte. „Seit Wochen habe ich dich nicht gesehen, und jetzt treffe ich dich hier. Unglaublich.“ Er wandte sich an Cassidy. „Schön, dich zu sehen.“ Dann deutete er auf Tim. „Ich habe mich noch gar nicht dafür bedankt, dass du ein Date mit ihm ersteigert hast.“

„Ja, meine monatliche gute Tat“, erwiderte Cassidy schelmisch. Dass Liam sie beide in dieser unmissverständlichen Position erwischt hatte, schien ihr nicht das Geringste auszumachen.

Kaum war Liam weg, entdeckte Tim in einiger Entfernung seine alte Freundin Jayne Connors. Sie winkte ihm zu, doch ihr strahlendes Lächeln verschwand schlagartig, als sie Cassidy erblickte.

„Was für eine Überraschung“, begrüßte Tim sie mit freundlichem Lächeln, als sie näherkam. „Ich dachte, du magst solche Veranstaltungen nicht.“

„Dasselbe kann ich von dir sagen.“

„Ich habe meine Meinung geändert. Es ist fantastisch.“

Cassidy lächelte Jayne freundlich zu. „Schön, dich zu sehen.“

„Ja, finde ich auch, Cassidy.“

Tim spürte eine unerwartete Vertrautheit zwischen den beiden Frauen. Er hatte gar nicht gewusst, dass sie sich so gut kannten.

„So, ich muss los“, sagte Jayne. „Wir sehen uns am Montag.“

Auf Tims fragenden Blick hin, erklärte sie: „Zum Haareschneiden. Das kann niemand so gut wie Cassidy.“

„Du bist süß.“ Cassidy lächelte kokett. „Aber natürlich stimmt es.“

Nachdem Jayne weg war, nahm Cassidy Tim bei der Hand. „Komm, lass uns ein wenig herumgehen.“

Tim kam es ganz natürlich vor, sich Hand in Hand mit Cassidy durch die Menge zu bewegen.

An einem der vielen Stände verkaufte ein älterer Mann in Sheriffuniform Metallsterne. „Meinst du, den Mädels würde so ein Stern gefallen?“, fragte Tim.

Mit unbewegter Miene betrachtete Cassidy die Anstecknadeln. „So einen wollte ich immer haben, als ich im Alter der Zwillinge war. Ich dachte, dann bekomme ich Superkräfte und kann selbst über mein Leben bestimmen.“

„Und, hast du einen bekommen?“

Ein Schatten lief über Cassidys Gesicht. „Nein, aber es hat mir nichts ausgemacht. Es hätte eh nichts geändert.“

Ihr Blick fiel auf ein Mädchen mit regenbogenfarbener Zuckerwatte in der Hand. „Bin gleich zurück.“

Nachdem Tim ein paar Sterne gekauft hatte, schlenderte er zu dem Zuckerwattestand. Dabei dachte er darüber nach, was er von Cassidys Vergangenheit wusste. Sie war ein paar Klassen unter ihm gewesen, und es wurde damals viel über sie geredet, weil sie mit ihrer rebellischen Art und ihrer flippigen Kleidung für Aufsehen sorgte.

Am Lebhaftesten erinnerte er sich daran, wie sie einmal mit fast kahlem Kopf in die Schule gekommen war. Damit hatte sie alle schockiert, aber keiner hatte sich Gedanken darüber gemacht, wieso sie ihre langen blonden Haare abgeschnitten hatte.

„Tim.“

Cassidy stand mit zwei Stielen bunter Zuckerwatte neben ihm. Sie reichte ihm einen.

„Ich hab auch was für dich.“ Er griff in die Tasche und drückte ihr einen Stern in die Hand.

Sie starrte verwundert darauf.

„Besser spät als nie“, bemerkte er lakonisch, als sie schwieg.

Sie steckte den Stern in ihre Handtasche und räusperte sich. „Danke.“

„Danke für die Zuckerwatte.“ Er biss hinein, und der Geschmack brachte ihm sofort seine Kindheit in Erinnerung. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er.

„Magst du Rodeos?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an. An ihren Lippen klebte ein Rest Zuckerwatte, und Tim hätte ihn zu gern weggeküsst.

Rodeo war zwar überhaupt nicht sein Fall, aber er wollte sie nicht enttäuschen. „Ja, warum nicht?“

Mit strahlendem Lächeln hängte sie sich bei ihm ein.

Während sie zum Auto gingen, fühlte Tim sich wie ein glückliches Kind, nicht wie ein Witwer mit zwei Töchtern. Es gefiel ihm, sich einfach dem Fluss des Lebens zu überlassen, und er spürte eine Energie wie seit Langem nicht mehr.

Nachdem sie zwei Stunden beim Rodeo zugeschaut hatten, merkte Cassidy, wie Tim neben ihr ein Gähnen unterdrückte. Obwohl sie gern noch länger geblieben wäre, schlug sie ihm vor, den Abend zu beenden.

Als sie den Friseursalon erreichten, über dem ihre kleine Wohnung lag, fragte Cassidy betont beiläufig: „Magst du noch kurz mit hochkommen?“

Tim zögerte, und sie hielt den Atem an.

Nach einem endlos scheinenden Moment sagte er: „Gern.“

Cassidy schloss ihre Wohnung auf und ging ihm voraus. Dabei beobachtete sie aus dem Augenwinkel seine Reaktion. Sie wusste, dass er in einem großen Haus im teuersten Viertel von Jackson Hole wohnte. Schön öfters war sie auf Partys in einem dieser Häuser gewesen und konnte sich vorstellen, wie es drinnen aussah. Wie würde er ihre kleine Dreizimmerwohnung finden?

Als er ihr Sofa betrachtete, überlegte sie, ob er es im Schaufenster des großen Möbelhauses am Stadtrand gesehen hatte. Bei ihm zu Hause stand sicher ein Designersofa.

Cassidy hatte ihre Wohnung mit viel Liebe und Geschmack eingerichtet. An den vielen bunten Kissen und der Dekoration war deutlich zu erkennen, wie sehr sie Farben mochte. An den Wänden war eine beachtliche Sammlung von Gemälden einheimischer Künstler aufgereiht.

„Deine Wohnung gefällt mir“, sagte Tim anerkennend.

„Danke“, freute sich Cassidy. „Magst du was trinken? Ein Bier oder ein Glas Wein?“

„Am liebsten Wasser.“ Während Cassidy in die Küche ging, setzte er sich auf das Sofa.

Cassidy kam zurück und stellte die beiden Wassergläser auf die Teekiste, die ihr als Beistelltisch diente. Dann setzte sie sich mit angezogenen Beinen neben Tim, allerdings nicht so nah, wie sie gern gewollt hätte.

Wie am Nachmittag in der Pizzeria, plauderten sie unbefangen miteinander. Als Tim auf seine Töchter zu sprechen kam, klang seine Stimme so liebevoll, dass es Cassidy einen Stich versetzte. Hätte sie doch auch so einen Vater gehabt. Von ihrem Vater wusste sie gar nichts, nicht mal den Namen.

Ihre Mutter hatte ständig wechselnde Männerbekanntschaften gehabt, und Cassidy hatte schon früh beschlossen, ein völlig anderes Leben anzustreben. Wegen ihrer unkomplizierten Art dachten viele Männer, sie sei leicht zu haben. Doch das Gegenteil war der Fall. Bisher hatte sie nur zwei feste Freunde gehabt, und auf belanglose Beziehungen hatte sie nie Wert gelegt. Sie wollte lieben und geliebt werden. Ganz und gar. Bedingungslos.

Eine Stunde später streckte sich Tim. „Ich sollte mal nach Hause gehen.“ Doch er machte keine Anstalten aufzustehen.

„Musst du deine Töchter abholen?“, fragte Cassidy.

„Nein, aber ich bin müde. Es war ein langer Tag.“ Er erwähnte, dass er in aller Frühe Zwillinge per Kaiserschnitt auf die Welt geholt hatte.

„Warum hast du denn das nicht früher gesagt? Wir hätten uns doch ein andermal treffen können.“

„Das wäre mir nie in den Sinn gekommen.“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Und ich habe jede Minute genossen, glaub mir.“

„Mir hat es auch sehr gefallen.“ Sie beugte sich zu ihm und drückte einen zarten Kuss auf seine Lippen. „Danke für den wundervollen Abend, und für den Stern.“

Insgeheim hoffte sie, er würde sie zu einem neuen Date einladen.

Stattdessen nahm er ihr Gesicht in die Hände und sah ihr in die Augen. „Du bist eine wunderbare Frau, Cassidy Kaye.“

Und dann küsste er sie. So, wie sie es sich gewünscht hatte, langsam und innig.

Und sie tat das Einzige, was eine Frau in einer solchen Situation tun konnte. Sie schlang ihm die Arme um den Hals und erwiderte leidenschaftlich seinen Kuss.

„Ich denke mal über dein Angebot nach“, sagte Jewel Lucas.

Cassidy saß ihr gegenüber im Café. „Ich glaube, die Arbeit bei mir wird dir Spaß machen.“

Jewel lächelte. „Das kann ich mir gut vorstellen.“

Bisher hatten die beiden Frauen sich nur flüchtig gekannt, doch nun saßen sie schon eine ganze Weile im Café und verstanden sich großartig. Sie plauderten über ihr Leben und entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Auch Jewel hatte eine Mutter gehabt, die mehr an Drogen und Männern als an ihrer Tochter interessiert war.

Cassidy erzählte Jewel auch von ihren Erlebnissen auf dem Westernfestival.

„Hat Tim dich eigentlich zu einem neuen Date eingeladen?“, fragte Jewel.

„Nein, warum sollte er? Es war ja gar kein richtiges Date.“

„Aber ihr hattet doch eine tolle Zeit zusammen, oder?“

Cassidy spürte einen Kloß im Hals. „Ja, aber ich glaube nicht, dass er sich noch mal meldet.“

„Es ist ja erst Montag.“ Jewel hörte sich an, als ob drei Tage Sendepause nach einem fantastischen Abend ganz normal wären.

Cassidy blickte auf die Uhr. „Ich muss wieder in den Salon zurück.“

Die beiden Frauen standen auf und verließen das Café, gingen aber in verschiedene Richtungen.

Während Cassidy den Gehweg entlangschlenderte, ließ sie das Date mit Tim noch einmal Revue passieren. Der Abend hätte nicht besser verlaufen können. Unwillkürlich tastete sie nach dem Stern, den sie seitdem ständig in ihrer Tasche trug.

Kaum hatte sie den Salon betreten, rief ihre Angestellte Daffy: „Sieh mal, was für dich abgegeben worden ist.“

Cassidys Augen weiteten sich, als sie den Riesenstrauß bunter Gerbera bemerkte, der beinahe den ganzen Empfangstisch einnahm. Ihr Herz tat einen Sprung. „Sind die etwa für mich?“

Vorsichtig berührte sie eine der pinkfarbenen Blüten. Noch nie hatte sie einen so schönen Strauß bekommen. Von wem er wohl war? Vielleicht von einer zufriedenen Kundin?

„Dein Name steht zumindest auf der Karte“, erwiderte Daffy lakonisch. „Hier.“ Daffy zog ein Kuvert aus dem Bouquet und reichte es Cassidy.

„Die sind aber hübsch“, bemerkte Kathy Randall, Cassidys nächste Kundin, und betrachtete den Strauß mit unverhohlenem Interesse. Cassidy zweifelte nicht daran, dass die frohe Botschaft sich dank Kathy bis heute Abend in der ganzen Stadt verbreiten würde. Wohlweislich ließ sie den Umschlag ungeöffnet in ihrer Handtasche verschwinden.

Am nächsten Abend traf sich der Lesezirkel bei Mary Karen. Gelegentlich nahm Cassidy an den Abenden teil, aber nur, falls ein Buch gelesen wurde, das ihr gefiel.

Hailey Ferris hatte sie einmal zu dem Lesekreis mitgenommen. Zuerst hatte Cassidy gezögert, denn die anderen Frauen in der Gruppe waren alle befreundet. Außerdem waren sie Ärztinnen oder Anwältinnen, oder Frauen von Ärzten oder Anwälten.

Snobistische Mittelklassefrauen, die wollen nichts mit uns zu tun haben, hätte ihre Mutter gesagt.

Doch inzwischen weigerte sich Cassidy, sich wegen ihrer Herkunft minderwertig zu fühlen. Sie hatte die Einladung angenommen, und die Frauen hatten sich ausnahmslos als nett und herzlich herausgestellt.

Für heute Abend hatte Mary Karen den Lesestoff ausgesucht, und Cassidy hatte den Roman an einem Abend verschlungen.

Mit der Heldin Eve, die eine schreckliche Kindheit erlebt, aber allen Widrigkeiten zum Trotz etwas aus ihrem Leben gemacht hatte, konnte Cassidy sich voll und ganz identifizieren. Und das Ende war so, wie sie es sich erträumte. Eves Schwarm Roarke, der aus wohlhabenden Verhältnissen kam, erkannte ihr wahres Wesen und setzte sich mit seiner Liebe zu ihr über alle Klassenunterschiede hinweg.

Sie wünschte, Tim wäre genauso von ihr fasziniert. Doch das schien nicht der Fall zu sein. Deshalb hatte er Blumen geschickt, ihr für den schönen Abend gedankt und ihr alles Gute für die Zukunft gewünscht. Das war eine Abfuhr, zwar mit Stil, aber dennoch eine Abfuhr.

Zuerst war sie darüber enttäuscht gewesen, doch dann hatte ihre Selbstachtung die Oberhand gewonnen. Immerhin hatte sie eine Menge zu bieten, und wenn Tim Duggan das nicht bemerkte, war es sein eigenes Pech.

Bevor Cassidy an Mary Karens Haustür klopfen konnte, wurde die Tür aufgerissen. Ein etwa zehnjähriger Junge sah sie mit großen Augen an, dann rief er laut: „Mom, hier ist noch eine Frau. Mit rosa Haaren.“

Eigentlich waren nur die Spitzen rosa. Cassidy lächelte den Jungen an. Sie kannte die Zwillingssöhne von Mary Karen, wusste aber nie, ob sie Connor oder Caleb vor sich hatte.

Mary Karen kam ins Foyer. Die Mutter von fünf Kindern war eine hübsche, lebhafte Frau mit blonden Locken und blauen Augen. Ihr Mann Travis war ein Kollege von Tim.

„Musst du so schreien, Connor?“, fragte Mary Karen streng. „Geh mal lieber nach unten, vielleicht kriegst du noch was von den Chips ab, die Finley gerade mit runtergenommen hat.“

Das ließ Connor sich nicht zweimal sagen.

Mary Karen küsste Cassidy auf beide Wangen. „Wie schön, dass du gekommen bist.“

„Ja, der Roman hat mir gefallen“, sagte Cassidy, während sie neben Mary Karen den geräumigen Flur durchquerte.

„Ja, ich fand ihn auch eindeutig besser als den letzten“, stimmte Mary Karen zu.

Es war nicht so, dass die Frauen den ganzen Abend über das Buch sprachen. Eigentlich war das Buch mehr ein Alibi, um zusammenzukommen. Nebenbei wurde viel erzählt und gelacht, und es gab Wein und leckeres Essen.

„Die Vorspeise habe ich diesmal gemacht, weil Lexi nicht da ist.“ In leisem Ton fügte Mary Karen hinzu: „Kannst du so tun, als ob du meine Quiche toll findest, auch wenn sie furchtbar schmeckt? Dann trauen sich die anderen nämlich nicht zu meckern.“

Von draußen waren männliche Stimmen und Gelächter zu hören. Fragend blickte Cassidy die Gastgeberin an.

„Die Jungs – ich meine, die Männer – spielen Basketball.“ Mary Karen lachte. „Sie benehmen sich wirklich manchmal wie kleine Jungs, wenn sie zusammen sind.“

„Mrs. Fisher.“ Finley Davis, die dreizehnjährige Tochter von Michelle Davis, kam die Treppe hoch. „Kann ich für die Kleinen einen Kinderfilm einlegen?“

„Ja, klar. Ich zeige dir, wo die Fernbedienung liegt.“

Mary Karen entschuldigte sich, und Cassidy stand einen Moment unschlüssig da.

„Cassidy, was machst du denn hier?“

Beim Klang dieser Stimme durchrieselte Cassidy ein warmer Schauer. Sie drehte sich zu Tim um und konnte ihre Freude nicht verbergen. Selbst mit Schweißperlen auf der Stirn und in kurzen Sporthosen sah der Mann noch umwerfend aus.

„Ich bin zum Lesezirkel gekommen. Und du?“

„Basketball.“ Er wischte sich über die feuchte Stirn. „Und für meine Mädels ist es schön, mit ihren Freundinnen zu spielen.“

„Sind Esther und Ellyn auch hier?“

„Ja, unten.“ Er lächelte. „Wir bleiben noch zum Essen, dann fahren wir nach Hause.“

„Nochmals danke für die Blumen.“ Eigentlich gab es keinen Grund, höfliche Floskeln auszutauschen. Gestern Abend hatte sie schon bei ihm angerufen und sich bedankt, allerdings nur auf dem Anrufbeantworter. „Sie sind wunderschön.“

„Ja. Ich hätte gern vorgeschlagen, dass wir uns wieder treffen, aber …“

Cassidy winkte ab. „Ach, es war doch nur das eine Date.“

„Habe ich da Date gehört?“ Wie aus dem Nichts erschien plötzlich Travis Fisher auf der Bildfläche. Er war ein großer, sportlich aussehender Mann mit flachsblondem Haar, der immer einen Scherz auf den Lippen hatte. „Das will ich aber jetzt genau wissen.“ Mit verschränkten Armen baute er sich vor Cassidy und Tim auf.

„Wir müssen dich leider enttäuschen, Travis“, sagte Cassidy. „Tim und ich waren nur zusammen auf dem Westernfestival. Weil ich ein Date mit ihm ersteigert habe.“

Travis blickte von Cassidy zu Tim, dann wieder zu Cassidy: „Na, vielleicht überlegst du dir’s beim nächsten Mal besser, wen du ersteigerst.“

„Hey“, protestierte Tim. „Wir hatten viel Spaß zusammen.“

„Ja, das stimmt.“ Cassidy blickte in Richtung Küche. „Ich geh mal eben nachsehen, ob ich Mary Karen was helfen kann.“

„Nein, nein, so schnell kommst du mir nicht davon“, protestierte Travis. „Wenn Tim mir schon nichts erzählt, muss ich mich schließlich an dich halten.“

Tim machte ein beleidigtes Gesicht. „Soll ich in der Klinik etwa meine persönlichen Angelegenheiten breittreten?“

Vielleicht hat er sich auch einfach nur geschämt, dass er mit mir zusammen war, dachte Cassidy, und ihr Herz verkrampfte sich.

„Aber jetzt sind wir nicht in der Klinik“, stellte Travis fest. Er wandte sich an Cassidy: „Ich habe gehört, ihr habt euch ans Bullenreiten gewagt.“

„Ja. Das war toll. Hast du das mal probiert?“

Travis begriff das erneute Ablenkungsmanöver und ließ nicht locker, bis er jede Einzelheit des Abends aus Cassidy herausgekitzelt hatte. Alles außer dem Kuss auf dem Sofa.

„Travis hätte Detektiv werden sollen“, murmelte Cassidy, als ihr Gastgeber sich entfernte.

„Du musst wissen, dass er früher sieben jüngere Geschwister zu beaufsichtigen hatte, und jetzt hat er selbst fünf Kinder. Da lernt man, wie man schnell an Antworten kommt.“

„Ich vermute, dass du dein Date mit einer Friseurin nicht unbedingt publik machen wolltest.“

Tim berührte sie am Arm, und seine Stimme klang beinahe ärgerlich. „Glaubst du das wirklich? Glaubst du etwa, ich schäme mich für dich?“

Sie sah ihn an. „Es ist auch ganz unwichtig. Unser Date ist vorbei, und du und ich, wir sind wieder das, was wir vorher waren.“

„Was denn?“

Sie hängte sich bei ihm ein und lächelte ihn kokett an. „Freunde natürlich, was denn sonst?“

Tim wusste nicht, ob er über ihren Satz erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Beim Essen beobachtete er Cassidy. Sie sah nicht nur bezaubernd aus, sondern verbreitete auch eine Lebhaftigkeit, eine fröhliche Energie, die unglaublich ansteckend wirkte.

Wenn er zu ihr hinblickte, lächelte sie meistens, oder sie erzählte etwas, das andere zum Lächeln brachte. Sie passte gut in diese Runde erfolgreicher, intelligenter Frauen, und es war deutlich zu spüren, dass die Frauen ihre Anwesenheit genossen.

Für Tim war das Essen viel zu schnell beendet. Der Tisch wurde abgeräumt, und die Frauen richteten sich im Esszimmer zum Lesekreis ein. Die Männer verschwanden im Wohnzimmer, wo auf einem großen Bildschirm eine Sportsendung lief.

Eigentlich hatte Tim nach dem Essen gleich mit seinen Töchtern nach Hause fahren wollen, doch die Männer überredeten ihn, noch zu bleiben. Und da seine Töchter gern weiterspielen wollten, fiel ihm die Entscheidung leicht.

Später, während sie alle gemeinsam zu ihren Autos gingen, hörte er die Stimme seiner Tochter. „Deine Haare sind hübsch.“

Er drehte sich um und sah, dass Esther sich mit Cassidy unterhielt.

„Danke“, sagte Cassidy. „Deins gefällt mir auch.“

Mit ihren blau lackierten Fingernägeln griff sie nach einem von Esthers Zöpfen. „Hat dein Dad die geflochten?“

Esther kicherte. „Nein, so was kann Daddy nicht.“

„Grandma hat das gemacht“, mischte Ellyn sich ein.

„Sieht toll aus.“ Cassidy betrachtete die Zöpfe der beiden Mädchen eingehender. „Man kann sogar noch ein Band mitflechten, dann sieht es noch hübscher aus.“

Esther machte große Augen. „Kannst du so was?“

„Ja, es geht ganz einfach. Ich hab das schon oft gemacht.“

„Deine Haare sind rosa“, stellte Ellyn fest.

„Da ich Friseurin bin, probiere ich gern öfter was Neues aus. Das können die Kundinnen dann auch haben, wenn sie wollen.“

„Kannst du mein Haar lila färben?“ Esthers Stimme zitterte vor Aufregung.

Tim stellte sich das Gesicht seiner Mutter vor, wenn die Mädchen mit lila Haaren bei ihr aufkreuzen würden.

Cassidy warf ihm einen Seitenblick zu. „Ich kann mit Haaren praktisch alles machen.“ Sie sah die beiden Mädchen an. „Erzählt mal, was ihr unten gespielt habt. Ihr habt so fröhlich gelacht, dass ich am liebsten mit euch gespielt hätte.“

Zu einer Antwort kam es nicht, da sie bei Tims Wagen anlangten und sich verabschieden mussten.

„Kommt gut nach Hause, ihr drei“, sagte Cassidy lächelnd und winkte, bevor sie zu ihrem eigenen Auto ging.

„Sie ist hübsch“, erklärte Esther, als sie alle ihm Auto saßen.

„Ich mag sie“, fügte Ellyn hinzu.

„Ich mag sie auch“, sagte Tim.

4. KAPITEL

An diesem Samstag blieb der Salon geschlossen, denn Cassidy war für eine Hochzeit engagiert. Es war ein wunderbarer Sommertag mit blauem Himmel und samtweicher Luft, wie geschaffen für ein Hochzeitsfest im Freien.

Cassidy war extra früh gekommen, um genügend Zeit für das Stylen der Braut und der Brautjungfern zu haben. Für den Fototermin nach der Trauung wurde das Make-up noch einmal aufgefrischt. Danach packte Cassidy ihre Arbeitsutensilien in die große Tasche, die sie bei solchen Gelegenheiten immer dabeihatte, und verabschiedete sich von den Brautleuten.

Auf dem Weg zu ihrem Auto hatte sie Mühe, sich durch die Menge der Gäste hindurchzuschlängeln. Deshalb dauerte es eine Weile, bis sie begriff, dass jemand ihren Namen rief.

Gleich darauf spürte sie eine Hand am Arm, und ein vertrauter Duft stieg ihr in die Nase. Mit klopfendem Herzen drehte sie sich um und sah direkt in Tims braune Augen.

„Du läufst in die falsche Richtung“, sagte Tim. Etwas Besseres fiel ihm so schnell nicht ein, denn er fand es sehr verwirrend, Cassidy auf der Hochzeit seiner Cousine Veronica anzutreffen. Genau genommen war Veronica eine sehr weit entfernte Cousine, mit der er nur selten Kontakt hatte.

„Tim, was machst du denn hier?“, fragte Cassidy erstaunt.

„Ich bin gerade angekommen. Meine Eltern sind mit den Zwillingen schon länger hier.“ Er führte Cassidy etwas abseits.

„Toller Anzug“, bemerkte sie.

Tim blickte an sich hinunter. Dunkler Nadelstreifenanzug, weißes Hemd und weinrote Fliege. Nichts Besonderes. Im Gegensatz zu Cassidy, die umwerfend aussah.

Bewundernd ließ er seinen Blick über ihr eng anliegendes schwarzes Kleid mit dem tiefen V-Ausschnitt gleiten. „Und du erst. Du siehst fantastisch aus.“

Sie lächelte ihn kokett an.

„Willst du denn schon nach Hause?“, fragte Tim.

„Meine Arbeit ist getan“, erwiderte sie. „Veronica und ihre Brautjungfern müssen ab jetzt ohne mich zurechtkommen.“

Tim runzelte die Stirn. „Haben sie dich nicht zur Feier eingeladen?“

„Doch, aber ich habe noch was anderes vor. Außerdem ist mir nach der anstrengenden Woche nicht danach, mich den ganzen Abend mit fremden Leuten zu unterhalten.“

Das war nur die halbe Wahrheit. Am frühen Morgen hatte Cassidy einen Anruf bekommen, der sie ziemlich durcheinandergebracht hatte. Ihre Mutter Crystal hatte aus St. Louis angerufen, wo sie anscheinend mit ihrem neuen Freund lebte. Gemeinsam mit ihrem Freund war Crystal wegen Drogenhandels verhaftet worden und verlangte nun, dass Cassidy für sie Kaution hinterlegte.

Als Cassidy ihrer Mutter kategorisch erklärte, sie würde ihr kein Geld mehr geben, waren sie in Streit geraten. Schließlich hatte Cassidy wütend aufgelegt, und danach war ihre gute Laune dahin.

Tim fand Cassidys Lächeln irgendwie traurig. So kannte er sie gar nicht.

„Komm, wir gehen rein und essen wenigstens was“, schlug er vor, um sie aufzuheitern.

Cassidy schüttelte den Kopf. Ihr war nicht danach, dem missbilligenden Blick von Tims Mutter zu begegnen. Meistens konnte sie Suzannes offensichtliche Abneigung mit Humor nehmen, aber heute ging das nicht. Heute fühlte sie sich verletzlich. „Ich hole mir irgendwo eine Kleinigkeit und laufe dann ein bisschen.“

„Joggst du öfters?“, fragte Tim.

Cassidy fuhr sich mit der Hand über die Hüfte und fragte kokett: „Was glaubst du wohl, woher ich diese fantastische Figur habe?“

„Ja, die ist wirklich toll.“ Gern hätte er ihr noch mehr Komplimente gemacht, aber er fand, es war nicht der richtige Zeitpunkt. „Darf ich dich begleiten?“

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Was werden denn deine Eltern und deine Töchter dazu sagen?“

„Ich hatte sie schon vorgewarnt, dass ich nicht weiß, ob ich es schaffe zu kommen. Im Krankenhaus gab es heute Morgen einen Notfall.“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Meine Mutter ist hier in ihrem Element, sie wird die Mädels rumzeigen wie Zirkusponys. Da wäre ich sowieso nur im Weg.“

Da Cassidy Tims Mutter kannte, zweifelte sie nicht daran, dass Suzanne auch gern ihren Sohn, den berühmten Arzt, an ihrer Seite hätte.

„Zum Joggen bist du nicht gerade angezogen“, bemerkte sie trocken.

„Du auch nicht.“

Die lächerliche Unterhaltung entlockte Cassidy ein kurzes Lachen.

„Komm, Cass.“ Seine Stimme klang bittend. „Wir hatten beide einen anstrengenden Tag, die Mädchen sind glücklich und zufrieden, und wir sollten etwas Entspannendes machen.“

„Ich bezweifle, dass du mit mir mithalten kannst.“

Er lächelte. „Das werden wir ja sehen.“

Als sie an ihren Autos ankamen, hatte Cassidy einen Plan gefasst. Tim würde nach Hause fahren und sich umziehen und dann zu ihrer Wohnung kommen. Bei dem wunderschönen Wetter würden sie zu einem See fahren, den man zu Fuß umrunden konnte.

Während Cassidy Shorts, Sport-BH und ein enges lilafarbenes Top anzog, überlegte sie, ob es nicht ein Fehler war, den Nachmittag mit Tim zu verbringen. Aber dann verwarf sie den Gedanken. Schließlich waren sie Freunde, und außerdem war er ein angenehmer Gesellschafter, mit dem man auch schweigen konnte. Beim Joggen redete man sowieso nicht viel. Es wäre einfach schön, ihn neben sich zu haben.

Beim Laufen stellte sich heraus, dass sie ungefähr auf gleichem Niveau waren, was das Tempo anlangte. In einem komfortablen Rhythmus liefen sie die kleine Anhöhe zum See hinauf.

„Wie hast du eigentlich meine Cousine kennengelernt?“, fragte Tim, als der traumhaft schöne See ausgebreitet vor ihnen lag.

„Du meinst Veronica?“ Sie hatte die Braut und ihren Auftrag mental bereits unter „erledigt“ abgelegt. „Eine Freundin von ihr ist Kundin bei mir und hat mich wohl empfohlen.“

„Ich hatte nie viel Kontakt zu Veronica, aber meine Schwester Sarah und sie haben als Kinder oft zusammen gespielt.“

Tims Schwester war ein hübsches blondes Mädchen gewesen, dem in der Highschool alle Jungen nachliefen. Tragischerweise war Sarah mit achtzehn an Leukämie gestorben.

„Ja, ich erinnere mich dunkel.“ Cassidy war etwa gleich alt, hatte aber wenig Kontakt zu ihren Schulkameraden gehabt. Sie merkte, dass Tim an seine verstorbene Schwester dachte. „Ich fand das damals schlimm mit Sarah.“

„Sie war die Lebhafteste von uns dreien. Ohne sie war es zu Hause plötzlich still geworden. Es ist so traurig, dass die Zwillinge sie nicht kennenlernen konnten. Sie wäre eine fantastische Tante.“

Seine Stimme klang belegt.

Sag, was, um ihn abzulenken. „Die Namen deiner Töchter gefallen mir.“ Kein besonders origineller Einfall, aber immerhin. „Wie bist du darauf gekommen?“

„Meine Großmutter heißt Esther.“ Als sich seine Miene aufhellte, kam es Cassidy vor, als ob die Sonne hinter einer dunklen Wolke hervorblitzte. „Sie lebt in Phoenix und ist eine resolute alte Dame, die immer sagt, was sie denkt. Ellyn ist nach ihrer Taufpatin, einer Freundin von Caro, benannt.“

„Jeder von euch hat also einen Namen ausgesucht.“

„Genau“, stimmte er ihr lächelnd zu.

Cassidy wollte ihn unbedingt weiter bei Laune halten, um dieses umwerfende Lächeln wieder zu sehen. „Joggst du öfters zum Entspannen?“

Er nickte. „Aber normalerweise nur auf dem Laufband. Die Mädchen sind noch zu klein, um sie allein zu lassen, und ich nehme nur in Ausnahmefällen einen Babysitter.“

„Alleinerziehender Vater zu sein ist bestimmt nicht leicht.“

„Ich habe mehr Glück als die meisten anderen. Meine Mutter war gerade in Rente gegangen, als Caro starb, und meine Eltern sind immer für die Zwillinge da. Einmal die Woche gehen sie zu meiner Schwester Lindsey, und in Notfällen hilft auch mal ein Nachbarsmädchen aus.“

„Ist es wegen deiner Töchter, dass du nie ausgehst?“

Er wurde ernst. „Ich versuche, meine Freizeit möglichst mit ihnen zu verbringen.“

„Und was ist mit Jayne?“ Die Frage entschlüpfte ihr, bevor sie überlegen konnte. „Mit ihr habe ich dich schon ein paar Mal gesehen.“

Er schüttelte den Kopf. „Alle denken, wir wären zusammen, aber wir sind nur Freunde. So wie du und ich.“

Cassidy konnte nicht widerstehen zu fragen: „Küsst du Jayne genauso wie mich?“

Sie waren jetzt am See angelangt, und Tim verlangsamte seinen Schritt. „Jayne ist eher wie eine Schwester für mich.“

„Das heißt also, bei ihr ist es anders als bei mir.“ Cassidy fragte sich, welcher Teufel sie gerade ritt, derart in ihn zu dringen. Aber sie wollte unbedingt von ihm hören, dass er sie anziehender fand als Jayne.

Da war es wieder, sein umwerfendes Lächeln. „Du scheinst dir dessen ziemlich sicher zu sein.“

„Um alle Zweifel zu beseitigen … machen wir doch einen kleinen Test.“

Ohne auf seine Reaktion zu warten, schlang sie ihm die Arme um den Hals und presste ihre Lippen auf seine.

Zuerst machte er sich steif, doch dann legte er ihr leise seufzend die Arme um die Taille und erwiderte ihren Kuss.

Cassidy vergaß alles um sich herum und überließ sich vollkommen dem Gefühl, in seinen Armen zu liegen und seine warmen Lippen auf ihren zu spüren.

Sie küssten sich immer leidenschaftlicher, und als Tim mit der Zunge ihre Lippen öffnete, durchzuckte es Cassidy wie ein Stromschlag. Durch ihre dünne Kleidung spürte sie seinen muskulösen Körper und drängte sich voller Verlangen an ihn.

Unvermittelt machte Tim sich von ihr los. „Da kommt jemand“, raunte er heiser.

Rasch strich Cassidy ihr Oberteil glatt und fuhr sich durch die Haare.

Die Stimmen wurden lauter, und zwei Paare mittleren Alters in Wanderkleidung erschienen auf der Bildfläche.

Die Frauen kamen Cassidy bekannt vor, aber es waren keine Kundinnen.

„Tim“, rief eine der Frauen verwundert aus. Ihr Blick, der zwischen Tim und Cassidy hin und her ging, sprach Bände.

„Hi, Paula, hi, Emerson.“ Tims Stimme klang erstaunlich unbefangen. Mit Blick auf das andere Paar fügte er hinzu: „Wir kennen uns, glaube ich, nicht?“

„Das sind unsere alten Schulfreunde, die bei uns zu Besuch sind.“ Paulas Lächeln war liebenswürdig, doch der Blick, mit dem sie Cassidy musterte, wirkte ziemlich unterkühlt.

Alle Beteiligten stellten sich freundlich lächelnd einander vor und unterhielten sich eine paar Minuten über die Vorzüge des Laufens in freier Natur und den wunderbaren Ausblick ringsum.

Cassidy stand etwas abseits und beobachtete amüsiert, wie Paula Connors – Jaynes Mutter und beste Freundin von Suzanne Duggan – Tim nach allen Regeln der Kunst ausfragte.

Tim hätte beinahe laut aufgestöhnt, als Jaynes Eltern vor ihm auftauchten. Auch wenn er selbst kein schlechtes Gewissen hatte, weil er der Hochzeit seiner Cousine fernblieb, Paula würde ihm deswegen massiv zusetzen.

Obwohl Jayne die Braut kaum kannte, hatte Paula sich kürzlich darüber ereifert, dass ihre Tochter nicht zu Veronicas Hochzeit eingeladen war. Es war klar, worauf sie anspielte. Tim hätte Jayne fragen sollen, ob sie ihn begleiten wolle.

Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, ihn dann aber wieder verworfen. Die Leute zerrissen sich ohnehin schon den Mund über ihn und Jayne. Wie sollte Jayne einen Mann kennenlernen, wenn sie und Tim immer als Paar auftraten?

„Findest du nicht auch, Tim?“

Er zuckte zusammen. Im Augenwinkel bemerkte er, dass Cassidy sich das Lachen kaum verbeißen konnte.

„Entschuldige, was hast du gefragt?“ Es tat ihm kein bisschen leid, über Paulas Lobgesang auf ihre Tochter mit den Gedanken abgeschweift zu sein.

„Ich habe gesagt …“, Paulas Lächeln blieb freundlich, doch ihre Stimme bekam einen scharfen Klang, „… wie beeindruckend ich es finde, dass Jayne in das Komitee gegen Schulverweigerung gewählt worden ist.“

„Ja, das finde ich auch.“ Tim hatte noch nie etwas von diesem Komitee gehört. „Als Bibliothekarin hat sie ja viel mit jungen Leuten zu tun.“

„Dr. Mitzi McGregor ist auch in dem Komitee“, fügte Paula hinzu, zufrieden, wieder Tims Aufmerksamkeit zu haben. „Wer hat eigentlich den Vorsitz?“

„Ich.“

Die Antwort kam von Tims rechter Seite.

Entzückt über diese Neuigkeit drehte Tim sich Cassidy zu. „Das hast du mir noch gar nicht erzählt.“

„Es gab noch keine Gelegenheit.“ Cassidy wandte sich an Paula. „Ich freue mich, mit Jayne zusammenarbeiten zu können.“

Das andere Paar war bereits zum Seeufer weitergelaufen, und Emerson legte seiner Frau die Hand auf die Schulter. „Ich gehe schon mal zu den anderen.“

Paula nickte nur abwesend und musterte Cassidy mit zusammengekniffenen Augen. „Wollen Sie mir wirklich weismachen, dass Sie die Vorsitzende eines so wichtigen Komitees sind? Sie sind ja nicht mal aufs College gegangen.“

„Doch.“ Cassidy blieb ganz ruhig, aber ihre blauen Augen blickten eisig. „Ich habe einen Abschluss in Betriebswirtschaft.“

Paula schnaubte. „Wahrscheinlich so ein Fernstudium.“

„Es war schön, dich und Emerson zu treffen.“ Tims Ton war nun genauso frostig wie Cassidys Blick. „Du solltest dich jetzt besser mal um deine Freunde kümmern.“

„Du hast recht“, gab Paula widerstrebend zu. „Grüß deine Eltern von mir.“ Sie ging eilig weg, ohne sich nochmals umzudrehen.

„Die sind wir los“, murmelte Tim.

„Wetten, dass sie deine Mutter sofort anruft und ihr alles brühwarm erzählt?“ Cassidy lächelte maliziös.

Tim fing an zu lachen und merkte, wie sich seine Anspannung löste. Es war ihm völlig egal, dass Paula sich umdrehte und ihm einen vernichtenden Blick zuwarf.

Cassidy seufzte theatralisch. „Diese Übermütter.“ Dann beugte sie sich vornüber und streckte sich, wobei sie Tim Gelegenheit gab, ihre verführerische Rückenpartie zu bewundern. „Und was machen wir jetzt?“, fragte sie.

„Weiterlaufen.“ Er lief los, und sie folgte ihm.

Beim Laufen löste sich der letzte Rest Anspannung von seinen Schultern. Sollte er jemals Zeit haben, sich auf eine Frau einzulassen, würde es bestimmt nicht Jayne Connors sein.

Nein, Cassidy Kaye würde es sein.

Cassidy füllte eine Schale mit Keksen und ging damit ins Wohnzimmer. Dort saß Tim ganz entspannt auf dem Sofa, die Beine auf der Teekiste ausgestreckt.

Als sie Tim nach dem Laufen auf eine chinesische Nudelsuppe mit Bier eingeladen hatte, hätte Cassidy keine Zusage erwartet. Aber anscheinend hatte er in Anbetracht der Tatsache, dass er ohnehin bei seiner Mutter in Ungnade gefallen war, beschlossen, dass es nun auch nicht mehr darauf ankäme.

Sie hatten sich die Suppe schmecken lassen, und als Cassidy die Schokokekse mit Cremefüllung hinstellte, griff er sofort zu. „Mhm, so was esse ich ganz selten.“

Genüsslich nahm Cassidy sich auch eins, klappte es auseinander und leckte die Cremefüllung ab. So machte sie das immer.

Erst als Tims Augen sich verdunkelten, merkte sie, welche Wirkung das auf ihn haben musste. „Ich liebe diese Kekse.“

„Bei uns gibt es so etwas normalerweise nicht. Die Mädels sollen nicht so viele Süßigkeiten essen.“

„Ein Keks zum Nachtisch kann ja wohl nicht schaden. Außerdem finde ich immer, dass verbotene Sachen besonders interessant sind. Wahrscheinlich stopfen sich deine Töchter später mit Süßkram voll.“

„Da magst du recht haben.“

Tim trank einen Schluck aus seiner Bierflasche, und Cassidy merkte, dass sein Blick dabei auf die Wanduhr fiel. Wollte er etwa schon gehen? Das würde sie nicht zulassen, wo der Abend gerade erst angefangen hatte.

„Hast du nicht gesagt, du magst Horrorfilme? Wir könnten uns einen ansehen und dazu Popcorn essen, wie früher als Teenies im Kino.“

„Cassidy, du bist eine Frau nach meinem Geschmack.“ Tim ließ sich entspannt in die Sofakissen sinken. „Von mir aus kann’s losgehen.“

Während des Films wechselten sie hin und wieder ein paar Worte. Als der Held sich gerade in eine Riesenspinne verwandelte, fragte Tim: „Machst du eigentlich gern in dieser Arbeitsgruppe mit?“

Cassidy drehte nachdenklich ihre Bierflasche zwischen den Fingern. „Ja. Weil ich finde, dass Schulschwänzen der erste Schritt auf die schiefe Bahn ist. Die Kinder fallen im Lernpensum zurück, bleiben sitzen und verlieren den Anschluss. Wenn man sie nicht auffängt, wartet auf sie ein Leben mit Minijobs und Sozialhilfe.“

Er sah sie an und nickte. „Das Schicksal dieser Kinder ist dir wichtig.“

„Es hätte nicht viel gefehlt, und bei mir wäre es auch so gekommen. Wie oft habe ich daran gedacht, abzuhauen. Viele dieser Kinder stehen zu Hause dermaßen unter Druck, dass ihnen die Schule ganz egal ist.“

„Du hast es jedenfalls geschafft.“

„Ja, weil ich mehr vom Leben erwartet habe. Auch wenn meine Mom mir immer eingeredet hat, ich würde es sowieso nicht schaffen.“

Er spürte tiefe Bewunderung für ihr Durchsetzungsvermögen. Spontan stellte er sein Bier beiseite und legte den Arm um ihre Schultern. „Tripp hätte keine passendere Vorsitzende für seine Arbeitsgruppe wählen können.“

Sie zwinkerte ihm zu. „Das habe ich ihm auch gesagt.“

Tim lachte und küsste ihr Haar. „Du bist eine tolle Frau, Cassidy Kaye.“

Sie blickte ihm forschend in die Augen. „Sag bloß, das merkst du erst jetzt.“

Er strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und merkte, wie seidig sich ihr Haar anfühlte. „Ich glaube, ich bin manchmal etwas schwer von Begriff.“

Sie legte ihm die Arme um den Hals. „Falls du Nachhilfe brauchst, frag mich ruhig. Ich bin eine gute Lehrerin.“

Sie sahen sich an, und die Luft zwischen ihnen begann zu flirren.

„Ich würde dich tatsächlich gern etwas fragen.“

„Nur zu.“

„Wünschst du dir eine feste Beziehung?“

„Nein“, log Cassidy, ohne den Blick abzuwenden.

„Dann würde ich gern …“, er lachte verlegen. „Verzeih mir meine Unbeholfenheit …“

„Falls du mit mir schlafen willst, ich hab was da.“

Sie brauchte ihm ja nicht zu verraten, dass sie schon vor ihrem Date Kondome gekauft hatte – für alle Fälle …

Tim betrachtete ihr schönes Gesicht und ihren verlockenden Mund. Wie sehr er sie begehrte. Seit Caros Tod hatte er mit keiner Frau mehr geschlafen. Damals hatte er geglaubt, auch seine Lust auf Sex sei gestorben. Doch wenn er Cassidy in den Armen hielt, merkte er, dass seine Libido noch sehr lebendig war.

Er streichelte ihre Hüften und ließ seine Hände unter ihr T-Shirt gleiten. Langsam bahnte er sich den Weg zu ihren erigierten Brustwarzen. Nachdem er sie durch den Stoff berührt hatte, öffnete er mit einem Klick ihren BH und umfasste ihre vollen Brüste mit beiden Händen.

Cassidy sog scharf den Atem ein, als er mit den Daumen über ihre steifen Brustspitzen strich. Das war besser als sämtliche Schokokekse auf einmal. Sie spürte, wie sie feucht wurde.

Er schob ihr T-Shirt hoch und senkte den Kopf. Sein Atem kitzelte ihre Haut, während sein Mund sich ihren Brustspitzen näherte …

Das schrille Geräusch seines Handys ließ Tim hochfahren.

„Lass es auf den Anrufbeantworter laufen“, raunte Cassidy, während sie ihn hinter dem Ohrläppchen küsste.

Der Gedanke war zu verführerisch, doch er musste drangehen. Vielleicht war etwas mit den Mädchen.

„Tut mir leid.“ Seufzend stand er auf und meldete sich.

„Tim.“

Er schloss die Augen, als er die Stimme seiner Mutter hörte. „Ja, Mom.“

„Du klingst so komisch. Ist alles okay?“

„Ja, alles klar. Wie geht’s den Mädchen?“

„Es hat ihnen auf der Hochzeit gefallen, aber jetzt vermissen sie ihren Daddy.“

„Es gab einen Notfall im Krankenhaus.“ Er musste aufpassen, was er sagte.

„Paula hat mir erzählt …“

„Hast du einen bestimmten Grund anzurufen, Mutter?“

Es entstand eine lange Pause. „Du bist gerade mit ihr zusammen, stimmt’s?“

„Ich hole die Kinder morgen früh von der Sonntagsschule ab, wie wir es ausgemacht hatten.“

„Nein“, wandte seine Mutter hastig ein. „Du musst sie jetzt holen.“

„Jetzt sofort?“

„Ja.“

„Und wieso?“

„Dein Vater fühlt sich nicht wohl. Er braucht Ruhe.“

„Was hat er denn für Symptome?“, fragte Tim besorgt.

Letztes Jahr waren bei Steve Herzrhythmusstörungen festgestellt worden. Seitdem er Medikamente nahm, hatten die Beschwerden aber nachgelassen.

„Hat er Schmerzen? Hast du seinen Blutdruck gemessen?“

„Ja, der ist in Ordnung, und Schmerzen hat er keine“, versicherte ihm Suzanne. „Ich glaube, er ist einfach müde. Das war heute alles ein bisschen anstrengend für ihn, die vielen Leute auf der Hochzeit und dazwischen die lebhaften Zwillinge …“

Sofort bekam Tim ein schlechtes Gewissen. Aber schließlich hatte seine Mutter darauf bestanden, die Mädchen auf die Hochzeit mitzunehmen. Allerdings hatte er versprochen, ebenfalls hinzukommen.

Er atmete tief durch. Das Gewicht der Verantwortung lastete noch schwerer als sonst auf ihm. „Ich hole sie gleich ab.“

„Gut.“

Die Befriedigung in der Stimme seiner Mutter war nicht zu überhören.

Tim ging zu Cassidy zurück und streichelte ihren Arm. „Ich muss meine Töchter abholen.“

Cassidy machte ihren BH zu und zog ihr Top glatt, dann stand sie auf. „Ich hoffe, mit deinem Dad ist alles in Ordnung.“

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange, dankbar für ihr Mitgefühl. „Anscheinend hat er sich heute etwas übernommen. Ich werde ihn auf jeden Fall untersuchen.“

Er sah Cassidy bedauernd an. „Tut mir leid, dass wir …“

„So ist das Leben“, sagte sie achselzuckend und gab ihm einen Kuss auf den Mund. „Komm, ich bringe dich raus.“

5. KAPITEL

„Tim hat mir erzählt, dass du dich nicht wohlfühlst.“ Lindsey Taylor, Tims jüngere Schwester, sah ihren Vater besorgt an. Nebenbei reichte sie Tim die Schüssel mit Kartoffelbrei.

Steve Duggan winkte ab. „Nur mein Knie. Ein paar Schmerztabletten, und ich bin wieder wie neu.“

Auf der Fahrt zu seinem Elternhaus gestern Abend hatte Tim schon geargwöhnt, seine Mutter hätte nur eine Ausrede gesucht, um ihn von Cassidy wegzulocken.

Sein Verdacht bestätigte sich, als sein Vater ihn munter wie immer an der Tür begrüßte. Als Tim ihn fragte, wie er sich fühle, hatte Steve nur gelacht. Es gehe ihm gut, aber nach dem vielen Tanzen spüre er sein Knie.

Suzanne hatte sich nicht mal die Mühe gemacht, ihren Sohn entschuldigend anzusehen. Als sie zu allem Überfluss meinte, die Mädchen könnten doch bei ihnen übernachten, konnte Tim nur mühsam seine Wut im Zaum halten. Wortlos hatte er die Taschen seiner Töchter geschnappt und die Zwillinge trotz ihres Protests mit nach Hause genommen.

Am liebsten hätte er das übliche Familienessen am Sonntag abgesagt, aber er wusste, dass Lindsey und Zach kommen würden. Und die Zwillinge freuten sich schon auf ihre Tante und ihren Onkel.

„Wie war denn die Hochzeit?“, fragte Zach und nahm Tim die Schüssel mit dem Kartoffelbrei ab. „Eigentlich wollten wir rechtzeitig zurück sein, aber der Flieger hatte einen technischen Defekt und konnte erst verspätet starten.“

„Danke, dass du Maissalat mitgebracht hast, Tante Lindsey.“ Ellyn strahlte ihre Tante an. „Ich habe mich sooo darauf gefreut.“

„Und ich mich auch“, pflichtete Esther ihrer Schwester bei.

Stolz betrachtete Tim seine beiden hübschen Töchter. Heute Morgen hatten sie unbedingt einen Pferdeschwanz haben wollen, doch obwohl er sich die größte Mühe gegeben hatte, waren die Zöpfe etwas schief geraten.

Tim bemerkte, dass Suzanne ihre Tochter ansah, als wolle sie ihr unbedingt etwas erzählen. Er wusste auch schon was und warf seiner Mutter einen warnenden Blick zu, den sie jedoch geflissentlich übersah.

„Hat dein Bruder dir schon erzählt, dass er gestern Abend mit Cassidy Kaye zusammen war?“ Mit Unschuldsmiene strich Suzanne Butter auf ein Brötchen.

Lindsey schien sich über die Neuigkeit zu freuen. „Ich wusste gar nicht, dass du dich mit Cassidy triffst.“

„Sie schneidet mir immer die Haare“, bemerkte Zach. „Eine interessante Frau. Wie lange seid ihr denn schon zusammen?“

„Sie sind nicht zusammen“, mischte Suzanne sich schroff ein. Als alle sie alarmiert ansahen, riss sie sich merklich zusammen. „Ich wollte damit nur sagen, dass Tim, statt den Abend auf der Hochzeit seiner Cousine zu verbringen, lieber woanders hingegangen ist.“

Sie warf ihrer Tochter einen vorwurfsvollen Blick zu. „Und du warst auch nicht da.“ Zu Tims Verwunderung lachte seine Schwester nur. Normalerweise ging sie auf die Bemerkungen ihrer Mutter immer ernsthaft ein, doch heute schien sie extrem gut gelaunt zu sein.

„Wieso bist du denn so aufgebracht, Mom?“, fragte Lindsey. „Du weißt doch genau, dass Tim und ich mit Veronica kaum Kontakt hatten. Sie war Sarahs Freundin.“

Ein trauriger Ausdruck erschien auf Suzannes Gesicht. Obwohl es mehr als zehn Jahre her war, dass ihre Tochter gestorben war, war die Wunde noch immer frisch. Sarah war Suzannes Lieblingskind und ihr ganzer Stolz gewesen.

Leicht angeekelt blickte Lindsey auf ihren Teller und trank dann schnell einen Schluck Wasser. „Ich wollte damit nur sagen, dass es Veronica bestimmt egal war, ob Tim und ich da waren oder nicht.“

Suzanne blinzelte, um ihre Tränen zurückzuhalten. „Mir war es nicht egal.“

Zum Glück waren die Zwillinge damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Chips zu bewerfen und bekamen von dem kleinen Disput nichts mit.

„Lass gut sein, Liebes“, sagte Steve und legte seiner Frau die Hand auf die Schulter.

Doch Suzanne schüttelte seine Hand ab. „Es war ein Familienfest, und weder mein Sohn noch meine Tochter hielten es für nötig zu kommen.“

„Das ist unfair, Suzanne.“ Zachs Stimme klang nicht besonders freundlich. „Wie hätten wir kommen sollen, wenn das Flugzeug nicht starten konnte?“

„Okay, ihr beiden seid entlastet.“ Suzannes Blick wanderte zu Tim.

Der erwiderte ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wenn ich mit Jayne zusammen gewesen wäre, hättest du kein Wort darüber verloren.“

„Ja, das hätte ich verstehen können. Aber mit Cassidy Kaye? Wirklich, Tim, was hast du dir dabei gedacht?“

In diesem Moment sprang ein schwarz-weiß geflecktes Kätzchen auf den Tisch.

Suzanne stieß einen spitzen Schrei aus. „Hol das Mistvieh sofort da runter, Steve.“

Ihr Mann griff nach dem Kätzchen, doch das wich seinem Griff geschickt aus und wäre beinahe in der Saucenschüssel gelandet.

Die Mädchen kicherten.

Tim wusste, dass er hätte helfen sollen, doch stattdessen lehnte er sich zurück und genoss die Szene.

Lindsey verdrehte die Augen, stand auf und schnappte das Kätzchen. „Mein Kleiner“, sagte sie zärtlich. „Haben sie dir Angst eingejagt?“

Tim hätte schwören können, dass der Kater Suzanne schadenfroh angrinste. „Habt ihr ihm eigentlich schon einen Namen gegeben?“, fragte er.

„Ja, wir nennen ihn Domino“, antwortete Steve.

Tim trank einen Schluck Wein. „Ich dachte, ihr wolltet ihn nicht behalten.“

„Wir suchen noch immer ein neues Zuhause für ihn.“ Steve warf seinem Sohn einen bedeutungsvollen Blick zu.

Tim hob abwehrend die Hand. „Das hatten wir schon mal, Dad. Vielleicht wenn die Mädchen größer sind.“

„Deine Mutter wäre sicher froh, wenn du das Kätzchen gleich mitnehmen würdest.“

Suzanne stand auf und bugsierte Lindsey samt dem Kater aus dem Esszimmer.

Als die drei draußen waren, sagte Tim: „Das würde ihre Meinung zu Cassidy auch nicht ändern.“

„Folge einfach deinem Herzen, mein Sohn.“

Tim sah seinen Vater überrascht an. „Cassidy und ich sind bloß Freunde. Ich habe keine Ahnung, ob und wann ich sie wieder treffe.“

„Es überrascht mich.“

„Was? Dass ich sie vielleicht nicht mehr treffe?“

„Dass du dir von deiner Mutter vorschreiben lässt, was du tun oder lassen sollst.“

Die letzten Wochen waren für Cassidy wie im Flug vergangen. Vor dem Unabhängigkeitstag Anfang Juli wollten alle unbedingt noch ihr Haar in Ordnung bringen lassen. Hinzu kamen die vielen Hochzeitstermine in dieser Jahreszeit.

Zum ersten Mal seit Wochen hatte Cassidy einen freien Abend. Nur leider hatte sie keine Zeit gehabt, sich mit irgendjemand zu verabreden.

Heute Morgen hatte sie ihr Haar passend zu ihrem neuen Kleid gefärbt. Braun mit goldenen Strähnen. Als sie in ihrem eng anliegenden Kleid mit Spaghettiträgern vor dem Spiegel stand, lächelte sie sich anerkennend zu.

Bloß, für wen hatte sie sich so toll zurechtgemacht?

Sie könnte immer noch ins Wally’s gehen. Dort gab es samstags Livemusik. Und wenn sie der Übermut packte, würde sie einfach ihren Rock hochkrempeln und sich auf den Bullen setzen.

Doch ohne Tim kam ihr das wenig verlockend vor. Sie sehnte sich danach, ihn wiederzusehen, doch es würde sowieso zu nichts führen.

Am Tag nach Veronicas Hochzeit hatte Tim sie angerufen, ganz der perfekte Gentleman, und ihr für den schönen Nachmittag und Abend gedankt. Von den heißen Küssen auf dem Sofa hatte er nichts erwähnt, und schon gar nicht von einer möglichen Wiederholung ...

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