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BIANCA EXTRA BAND 33

MARIE FERRARELLA

Noch eine Chance für das Glück

Wutentbrannt trennt Claire sich von ihrem Mann Levi. Nicht lange allerdings, dann sehnt sie sich zurück nach seinen Umarmungen, seinen Küssen – nach ihm! Soll sie ihrer Liebe eine zweite Chance geben?

BRENDA HARLEN

Weil du unwiderstehlich bist

Marco trifft die Liebe wie der Blitz, als er Jordyn das erste Mal begegnet. Anders als er hat seine Traumfrau aber nicht die Absicht, sich zu verlieben, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Oder doch?

JUDY DUARTE

Der Boss, die Braut und das Baby

Juliana hat den Job bei Jason nur angenommen, um ihr süßes Geheimnis vor ihrer Familie zu verbergen. Da funkt es plötzlich heiß zwischen ihnen. Aber Vorsicht: Jason soll ein notorischer Playboy sein!

TERESA SOUTHWICK

Zum Küssen, diese Nanny!

Witwer Justin Flint braucht eine Nanny für seinen Sohn, mehr nicht! Doch Emma ist eine unerwartete Versuchung, der er nicht lange widerstehen kann. Auch wenn sie etwas vor ihm zu verbergen scheint …

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Noch eine Chance für das Glück

PROLOG

„Ich verstehe nicht, warum du dich so aufregst.“

Verwirrt starrte Levi Wyatt seine Frau an, mit der er seit zwei Jahren verheiratet war. Kaum hatte er ihr Zimmer in der Pension betreten, hatte Claire ihm eine Standpauke verpasst.

Zugegeben, es war fast Morgengrauen, und so lange war er noch nie weggeblieben. Aber das war kein Grund, so wütend zu sein.

So hatte er seine Frau noch nie erlebt.

Levi war zuverlässig, fleißig und ehrgeizig und erst vor Kurzem zum Filialleiter eines Möbelmarkts befördert worden. Daher arbeitete er meistens sogar an den Wochenenden, aber an diesem, dem des 4. Juli, hatte er sich freigenommen, um Claire zu einer Hochzeit in Rust Creek Falls zu begleiten. Er hätte auch zu Hause bleiben können, aber Claire schien es sehr wichtig zu sein, dass er mitkam. Ihre Großeltern besaßen in der Nähe eine Pension und hatten sie dort untergebracht.

Die Hochzeit fand im Park der kleinen Stadt statt, und es war ein toller Nachmittag. Nach dem Empfang hatten einige Männer sich spontan zu einer Pokerpartie verabredet. Levi wusste nicht mehr genau, warum, aber er hatte mitgespielt.

Melba Strickland, Claires Großmutter, passte auf ihre acht Monate alte Tochter Bekka auf, und Claire unterhielt sich auf dem Empfang angeregt mit einer Bekannten.

Deshalb hatte Levi die Gelegenheit genutzt, um endlich einmal etwas Dampf abzulassen. Nur für eine Stunde – höchstens zwei.

Es hatte länger gedauert.

Viel länger.

Doch das war noch lange kein Grund, dass Claire so explodierte.

„Du verstehst nicht, warum ich mich aufrege?“, entgegnete sie aufgebracht. Bisher hatte sie sich ihre wachsende Unzufriedenheit nie anmerken lassen. Sie hatte sich immer unter Kontrolle gehabt. Nie hatte sie sich ohne Make-up oder tadellos frisiertes Haar sehen lassen. Ein perfektes Erscheinungsbild war ihr sehr wichtig gewesen.

Aber an diesem Abend bekam es Risse. Vielleicht lag es auch daran, dass sie ein Glas zu viel von der Hochzeitsbowle getrunken hatte. Warum auch immer, als Levi ihr Zimmer betrat, machte sie ihrem Unmut Luft.

„Nein“, antwortete er. „Ich verstehe es wirklich nicht. Ich habe in letzter Zeit jede Menge Überstunden gemacht und bin nur hergekommen, weil du zu dieser Hochzeit wolltest. Als ein paar Leute sich zum Pokern verabredet haben, dachte ich mir, es schadet niemandem, wenn ich mich mal etwas entspanne und …“

„Du dachtest, es schadet niemandem?“, wiederholte Claire ungläubig und kniff die Augen zusammen. „Ja, natürlich dachtest du das. Dann will ich dir mal erklären, wem es geschadet hat. Mir! Weil du mich einfach allein gelassen hast – mal wieder!“

„Mal wieder? Was soll das heißen?“, fragte er fassungslos. „Wovon redest du? Wann habe ich allein gelassen?“

Meinte er das ernst? Er konnte unmöglich so ahnungslos sein, wie er sich gab, oder doch? „Wann hast du mich denn nicht allein gelassen?“, konterte sie aufgebracht. „Dauernd fährst du zu irgendwelchen Verkaufsbesprechungen. Und wenn es keine Besprechungen sind, ist es ein Seminar.“ Sie sprach das Wort aus, als hätte es einen üblen Beigeschmack. „Ich sehe dich praktisch gar nicht mehr.“

Levi spürte, wie auch er wütend wurde. Das passierte ihm fast nie. Normalerweise ertrug er die Stimmungsschwankungen seiner Frau eher gelassen, aber in diesem Moment hatte er genug davon. „Du siehst mich jetzt.“ Er breitete die Arme aus. „Ich stehe vor dir.“

Machte er sich über sie lustig? „Du weißt, was ich meine.“

„Nein, das weiß ich eben nicht. Ich fahre zu den Besprechungen und Seminaren, weil es zu meinem Job gehört. Ich tue es für dich und das Baby.“

„Du tust es, um von mir und dem Baby wegzukommen“, widersprach Claire.

Levi atmete tief durch und gab auf. „Du bist müde und weißt nicht, was du da behauptest.“

Ihre großen braunen Augen, in die er sich bei ihrer ersten Begegnung verliebt hatte, schossen Pfeile auf ihn ab. „Ach, jetzt bin ich auch noch verrückt?“

Woher kam das denn? „Das habe ich nicht gesagt.“ Sie dreht einem jedes Wort im Mund um, dachte er hilflos.

„Vielleicht hast du es nicht ausgesprochen, aber gedacht“, gab Claire zurück. „Ich bin nicht verrückt, aber wenn ich es wäre, könnte mir niemand einen Vorwurf daraus machen. Den ganzen Tag lang rede ich nur mit einem Baby, das Koliken hat und dauernd weint. Versteh mich nicht falsch, Levi, ich liebe Bekka, aber du bist nie da.“

„Ich komme jeden Abend nach Hause.“

„Ja, du kommst nach Hause“, gab sie zu. „Aber nur, um ins Bett zu fallen und schon einzuschlafen, bevor dein Kopf das Kissen berührt.“

„Ich arbeite jeden Tag sehr lange, Claire, deshalb bin ich eben müde.“

Sie straffte die Schultern. „Ich etwa nicht?“

Frustriert hob Levi die Hände. Er hatte länger als beabsichtigt Karten gespielt und auch noch Geld verloren. Er wusste nicht, warum er sich dazu hatte hinreißen lassen, aber trotzdem fand er Claires Vorwürfe übertrieben. „Lass uns jetzt nicht darüber streiten“, bat er. „Es tut mir leid, okay?“

„Nein, es ist nicht okay – und es tut dir nicht leid. Aber mir tut es leid, dass ich dir jemals begegnet bin. Und dass ich dich auch noch geheiratet habe!“

Levi blieb fast die Sprache weg. „Claire, was sagst du da?“

Ihre Wangen waren gerötet. „Ich sage, dass es vorbei ist. Ich habe einen Fehler begangen. Wir haben beide einen Fehler gemacht. Wir hätten nicht heiraten dürfen.“

Das alles, weil er zu lange bei einer Pokerrunde geblieben war? Er traute seinen Ohren nicht. „Claire …“

„Raus!“, rief sie, ging um ihn herum und schob ihn zur Tür. „Verschwinde!“

„Claire …“ Mehr brachte er nicht heraus.

„Jetzt!“, schrie sie.

Als er auf dem Flur stand, nahm sie ihren Ehering ab. „Hier! Den will ich auch nicht mehr!“, sagte sie und warf ihm den Ring vor die Füße. Dann knallte sie die Tür hinter ihm zu.

Levi hörte, wie sie abschloss. Es gab nur einen Schlüssel, und den hatte Claire.

Wie benommen starrte er auf die Tür und fragte sich, ob das hier ein Albtraum war. Was zum Teufel war bloß mir ihr los? Er hatte nicht die leiseste Ahnung.

Als er langsam davonging, hörte er, wie Bekka zu weinen begann.

1. KAPITEL

Es lag jetzt einen Monat zurück, dass Claire ihn aus ihrem Pensionszimmer geworfen hatte, aber er wusste immer noch nicht genau, wie es dazu gekommen war. Er wusste nur, dass er seine Frau zurückhaben wollte.

Er vermisste sie.

Sie und das Baby.

Mehr, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

Quasi über Nacht hatte sich seine geordnete Welt in ein einziges Chaos verwandelt, und er fühlte sich schrecklich. Mit Claire hatte sein Leben einen Sinn gehabt, aber jetzt brachte er die Tage nur irgendwie hinter sich. Natürlich erschien er jeden Morgen pünktlich im Möbelmarkt, aber seine gewohnte Energie und Tatkraft war verschwunden.

Ohne Claire erschien ihm alles sinnlos.

Warum hatte sie sich von ihm getrennt? Er hatte doch nur mit einigen Männern gepokert, die er auf der Hochzeit getroffen hatte. Er hatte nicht mit einer anderen Frau geflirtet.

Er kannte genug Männer, die ihre Frau betrogen, weil sie sich in ihrer Ehe „eingeengt“ fühlten und angeblich eine „Abwechslung“ brauchten. Aber so war er nicht, und bisher hatte er geglaubt, dass er eine glückliche Ehe führte.

Als Claire damals in ihrem süßen Sommerkleid vor dem Schaufenster des Möbelgeschäfts gestanden hatte, war er zu ihr nach draußen gegangen und hatte ihr gesagt, dass die Garnitur, die sie gerade betrachtete, ein Sonderangebot war. Das stimmte nicht; er hatte es sich ausgedacht, um mit ihr reden zu können. Denn er hatte sich sofort in sie verliebt.

Hätte sie die Möbel tatsächlich gekauft, dann hätte er die Differenz aus eigener Tasche bezahlen müssen, aber das hätte er gern getan. Sie war es wert gewesen. Von dem Tag an hatte er nur noch Augen für Claire Strickland gehabt. Einen Heiratsantrag hatte er ihr erst gemacht, nachdem sie mit dem College fertig gewesen war. Er hatte nicht schuld daran sein wollen, dass sie ihr Studium abbrach.

Und jetzt hatte er sie verloren … und wusste noch immer nicht, warum.

Einer der Männer in der Pokerrunde hatte sein Haus verspielt. Wie hätte Claire reagiert, wenn er so etwas getan hätte?

Levi hatte gehofft, dass ihr Zorn auf ihn sich gelegt haben würde, wenn sie erst wieder zu Hause waren. Aber sie hatte sich und Bekka von ihrer Großmutter fahren lassen, und als er dort angekommen war, lagen seine Sachen auf dem Rasen vor ihrer Wohnung.

Die Botschaft war eindeutig.

Es war vorbei.

Aber das wollte er nicht. Auf gar keinen Fall!

Vielleicht brauchte Claire nur etwas Zeit; daher bedrängte er sie nicht. Im Gegenteil, er ging auf Abstand und schlief im Lager des Möbelmarkts. Oder in seinem Pick-up. Es war August, und wenigstens brauchte er nicht zu frieren.

Claire kam nie zu ihm in den Laden und nahm auch nicht ab, wenn er anrief. Sie benahm sich, als gäbe es ihn gar nicht.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus und fuhr zu der Wohnung, in der sie seit drei Jahren lebten. Doch als er vor dem Haus hielt, sah er, dass dort kein Licht brannte. Nervös schloss er die Tür auf und betete, dass er sich irrte. „Claire? Claire, ich bin es. Levi. Dein Mann!“, rief er. Niemand antwortete. „Claire, wo bist du?“

Noch immer nichts. Nichts als das Echo seiner eigenen Stimme.

Er ging von Zimmer zu Zimmer. Seine Frau und sein Baby waren fort.

Er holte das Handy heraus, um Claires Eltern anzurufen. Aber dann zögerte er.

Peter und Donna Strickland waren nicht begeistert gewesen, dass ihre Tochter sich mit einem Mann einließ, der deutlich älter war als sie und noch dazu keinen College-Abschluss hatte. Es hatte viel Mühe gekostet, ihre Bedenken auszuräumen.

Wenn er sie jetzt nach Claire fragte, würden sie wissen, dass ihre Tochter Eheprobleme hatte. Er hatte das Gefühl, dass Claire ihren Eltern nichts davon erzählen würde. Denn damit würde sie bestätigen, dass die beiden recht gehabt hatten und er tatsächlich nicht gut genug für ihre Tochter war.

Blieben noch ihre älteren Schwestern Hadley und Tessa, aber die lebten in Bozeman, Montana. Außerdem würde Claire ihnen gegenüber niemals zugeben, dass ihre Ehe in Gefahr war.

Plötzlich wurde ihm klar, wo sie und das Baby sich aufhielten. Ihre Großmutter Melba war eine lebhafte, energische Frau, die vier Kinder großgezogen hatte und noch immer berufstätig war. Sie und ihr Mann Gene betrieben das Strickland Boarding House, in dem er und Claire zuletzt übernachtet hatten. Claire bewunderte ihre Großmutter, und der knurrige Gene Strickland vergötterte seine Enkelin und deren kleines Mädchen.

Levi war von Natur aus zurückhaltend. Er hatte noch nie andere Menschen um Hilfe gebeten, aber in so einer Situation hatte er auch noch nie gesteckt. Er wollte seine Frau und seine Tochter zurück, und das war ihm wichtiger als sein Stolz.

Er würde Claire zurückholen, was immer er dafür tun musste. Ja, er würde es schaffen.

Langsam schaute er sich in der Wohnung um. Claires Sachen waren weg. Ihre Seite des Kleiderschranks war leer. Jetzt, da sie ausgezogen war, konnte er wieder einziehen. Es wäre wesentlich bequemer als im Lager oder auf der Ladefläche seines Pick-ups. Aber er wollte Claire möglichst nahe sein. Höchstwahrscheinlich war sie in der Pension ihrer Großeltern untergekommen. Also musste er auch mit ihnen reden.

Ihre Großmutter war nicht gerade ein Fan von ihm, aber mit Gene verstand er sich ganz gut. Wenn er den Mann auf seine Seite ziehen konnte, hatte er eine Chance, Claire zurückzugewinnen.

Nach einem letzten Blick auf die leere Wohnung schloss er die Tür ab – und hoffte inständig, dass es nicht das letzte Mal war.

Wie habe ich mich über Nacht aus der Märchenprinzessin in Aschenputtel verwandelt? Das fragte Claire sich zum wiederholten Mal, seit ihre Großeltern sie aufgenommen hatten. Sie dachte daran, wie ihre Großmutter sie an jenem Tag angesehen hatte. Melba Strickland war nie sentimental, aber immer fair und loyal gewesen, und allein darauf kam es in ihrer Lage an.

„Ist mit deiner Wohnung etwas nicht in Ordnung?“, hatte ihr Großvater wissen wollen.

Claire brach in Tränen aus. „Ich habe keine Wohnung mehr, Grandpa. Ich habe Levi verlassen.“

„Ihn verlassen?“ Gene nahm ihr die zappelnde Bekka ab und warf ihr einen ungläubigen Blick zu. „Du meinst, ihr habt euch gestritten?“

Claire schüttelte den Kopf. Nach einem Moment hob sie die linke Hand, an der der Ehering fehlte. „Nein, wir haben uns nicht nur gestritten, Grandpa. Levi und ich haben uns getrennt.“ Sie holte tief Luft, bevor sie es aussprechen konnte. „Wir lassen uns scheiden.“

„Das ist ein großes Wort“, sagte Gene. „Weißt du überhaupt, was das bedeutet?“

Melba runzelte verärgert die Stirn. „Natürlich weiß sie das.“ Sie sah ihre Enkelin an. „Was ist passiert, Claire? Hat er dich schlecht behandelt?“ Ihre Miene verfinsterte sich. „Er hat dich doch nicht geschlagen, oder? Sonst bringt dein Großvater ihn um.“

„Nein, geschlagen hat er mich nicht.“

„Was ist dann passiert? Warum willst du dich scheiden lassen?“

Claire schüttelte wieder den Kopf. Sie wollte nicht erzählen, was vorgefallen war. Wahrscheinlich würde sie sonst zusammenbrechen. „Das spielt jetzt keine Rolle mehr, was genau passiert ist. Wir lassen uns scheiden. Es ist vorbei“, sagte sie mit versagender Stimme.

Melba warf ihrem Mann einen wissenden Blick zu, bevor sie Claire ansah. „Das habe ich doch gleich gesagt. Du warst viel zu jung, um zu heiraten. Du hast dein Leben noch gar nicht richtig genießen können. Nach dem College hättest du dich in der Welt umschauen sollen, anstatt dir mit einer Ehe und einem Baby Fesseln anzulegen.“

„Melba“, warf Gene warnend ein.

„Sie war einfach noch nicht bereit“, beharrte sie und nahm ihre Enkelin in die Arme. „Oh. Claire. Eine Ehe ist kein magischer Zustand, in dem alles gut wird. Im besten Fall ist sie ein Projekt, an dem man dauernd arbeiten muss.“

„Stimmt.“ Gene grinste. „Die ersten hundert Jahre sind die härtesten. Danach wird es einfacher. Aber es kostet viel Zeit und Mühe.“

„Dein Rat kommt zu spät, Grandpa. Ich habe Levi hinausgeworfen.“ Das war jetzt zwei Tage her. „Es ist vorbei.“

„Wenn du ihn hinausgeworfen hast, warum bist du dann hier?“, fragte Melba verwirrt.

„Es ist seine Wohnung. Ich kann dort nicht bleiben. Wohin ich auch schaue, die Küche, der Schrank, unser Schlafzimmer, ich sehe immer nur ihn. Das halte ich nicht aus.“

„Du kannst so lange bei uns bleiben, wie du willst“, versprach Gene. „Zufällig haben wir ein paar freie Zimmer, und deine Großmutter und ich haben schon lange keine kleinen Füße mehr gehört.“

„Bekka ist erst acht Monate alt, Grandpa. Sie kann noch nicht laufen.“

„Aber das wird sie“, erwiderte er. „Und wenn es so weit ist, sind wir da und passen auf, dass sie sich nicht wehtut, nicht wahr, Mel?“ Er drehte sich zu seiner Frau.

„Natürlich. Und die Pension betreibt sich von selbst“, antwortete Melba sarkastisch.

Gene schüttelte den Kopf. „Achte nicht auf deine Großmutter. Sie sieht immer nur das Negative, ich das Positive.“ Er zwinkerte Claire zu. „Deshalb funktioniert unsere Ehe.“

„Deshalb ist dein Großvater ein hoffnungsloser Optimist“, verbesserte Melba.

„Wie gesagt, du kannst so lange hierbleiben, wie du willst.“ Mit Bekka auf dem Arm zeigte er zur Treppe. „Komm schon, wir bringen dich und die Prinzessin unter.“

„Ich bezahle das Zimmer“, sagte Claire.

„Das tust du nicht“, widersprach Gene. „Familienangehörige zahlen nie.“

„Aber Familienangehörige helfen mit“, warf Melba ein. „Wir finden schon etwas, was du hier tun kannst, Claire.“

„Was immer gerade anfällt“, bot Claire an.

„Wie steht es um deine Kochkünste?“, fragte ihre Großmutter. „Ich brauche jemanden, der einspringen kann, wenn Gina anderswo zu tun hat.“

„Alles, nur das nicht“, sagte Claire. „Kochen kann ich noch immer nicht sehr gut. Aber ich kann Betten machen.“

„Dies ist eine Pension, Claire, kein Luxushotel. Die Gäste machen ihre Betten selbst“, informierte Melba sie.

„Keine Sorge.“ Gene legte den freien Arm um die Schulter seiner Enkelin. „Uns fällt schon etwas ein, was du tun kannst, bis du auf eigenen Beinen stehst.“

Claire hatte geseufzt und sich bei ihm angelehnt, wie sie es als kleines Mädchen immer getan hatte. „Das hoffe ich“, sagte sie und versuchte zuversichtlich zu klingen. „Das hoffe ich wirklich.“

„Du verwöhnst sie“, sagte Melba Strickland mit gerunzelter Stirn und vorwurfsvollem Blick.

„Sie?“, wiederholte ihr Mann mit Unschuldsmiene.

„Ja, sie, Claire. Stell dich nicht so dumm“, warnte Melba scharf. „Du weißt genau, dass ich von deiner Enkelin rede, Gene.“

Er legte den Stift hin. Die Inventurliste musste warten. „Claire macht gerade eine harte Zeit durch, Mel.“

„Das weiß ich. Und um die durchzustehen, braucht sie ein Rückgrat. Du darfst sie nicht behandeln, als wäre sie aus Watte. Ihre Eltern waren nicht streng genug. Ich hätte ihr niemals erlaubt, diesen Mann zu heiraten.“

„Sie war keine Minderjährige mehr, Mel“, erinnerte er sie sanft. „Sie hatte das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen.“

Melba warf die Hände in die Luft. „Und was hat es ihr eingebracht?“

„Die Geschichte ist noch nicht vorbei. Es gibt einen zweiten Akt. Ich weiß es.“ Gene sah seiner Frau in die Augen. „Nicht jeder hat einen so eisernen Willen wie du.“ Er beugte sich vor und küsste sie auf die Schläfe. „Aber ich appelliere an die Geschäftsfrau in dir.“

Verwirrt sah sie ihn an. „Was soll das denn heißen?“

„Du bist doch eine gute Geschäftsfrau, oder, Mel?“

„Ich glaube schon“, erwiderte sie vorsichtig. „Okay, heraus damit. Worauf willst du hinaus?“

„Als gute Geschäftsfrau verdienst du gern Geld, stimmt’s?“

„Ja, natürlich“, bestätigte sie ungeduldig. „Komm endlich auf den Punkt.“

„Eine gute Geschäftsfrau würde sich nicht durch Vorurteile davon abhalten lassen, einen ansehnlichen Profit zu machen.“

Levi hatte darauf bestanden, für ihr Zimmer mehr als ein normaler Gast zu bezahlen.

Melba musterte ihren Mann misstrauisch. „Spann mich nicht auf die Folter, Gene. Spuck es aus, ja?“

„Du hast doch bestimmt nichts dagegen, dass ich unser letztes freies Zimmer zu einem weitaus höheren Preis vermietet habe.“

„Heraus damit! An wen hast du das Zimmer vermietet?“ Noch bevor Gene antworten konnte, begriff sie und starrte ihn entsetzt an. „Oh nein, du hast es doch nicht etwa …“ Sie traute sich nicht, es auszusprechen.

„Doch. Ich habe es an Levi vermietet“, verkündete er in einem Tonfall, der keinen Zweifel daran ließ, dass er den jungen Mann auf keinen Fall wieder hinauswerfen würde.

„Hast du den Verstand verloren?“, fragte seine Frau fassungslos.

„Nein, absolut nicht.“

„Warum benutzt du ihn dann nicht?“

„Das habe ich“, beharrte er. „Meinen Verstand und mein Herz.“

„Claire ist hergekommen, weil sie von dem Mann weg wollte. Oder hast du das vergessen?“

„Nein, das habe ich nicht vergessen“, antwortete er gelassen. „Seit wann duldest du Feigheit?“

„Was redest du da?“, entgegnete Melba hitzig. „Ich habe noch nie Feigheit geduldet.“

Er bedachte sie mit einem skeptischen Blick. „Nein? Wie würdest du es denn nennen, wenn jemand vor einer kritischen Situation davonläuft, anstatt sich ihr zu stellen?“

Melbas Stirnrunzeln vertiefte sich. „Wir wissen beide, dass Claire zu jung geheiratet hat“, sagte sie nach einem Moment.

„Wenn ich mich recht erinnere, war sie so alt wie du damals, als wir beide geheiratet haben.“

„Das kann man nicht vergleichen. Ich war viel reifer.“

„Das mag sein“, gab er zu. „Aber Levi ist ein guter Mann, Mel, und er liebt Claire.“

„Liebe allein reicht nicht.“

Gene lächelte. „Auch das mag sein, aber die Liebe hat uns etwas gegeben, auf das wir uns in den langen, kalten Nächten freuen konnten, erinnerst du dich?“

Melba presste die Lippen zusammen und verpasste ihrem Mann einen Klaps auf den Arm. Sie fühlte, wie ihre Wangen sich erwärmten. „Benimm dich, Gene.“

Er lachte. „Das willst du gar nicht.“

Der hingebungsvolle Blick, mit dem er es sagte, versetzte sie beide in die Zeit zurück, in der sie gegen den Willen ihrer Eltern zueinandergefunden hatten.

Er stand auf, ging zu Melba und zog sie aus ihrem Sessel. Ihre imponierende Persönlichkeit ließ ihn manchmal vergessen, dass er viel größer war als sie. „Gib ihm eine Chance, Mel“, bat er. „Gib den beiden eine Chance, sich zu versöhnen.“

„Und wenn Claire das gar nicht will?“

„Ich habe das Gefühl, dass sie es doch will. Die beiden haben eine Tochter und sind jetzt vier Jahre zusammen, zwei davon verheiratet. Wie viele andere Paare sind sie in stürmische See geraten, aber das Schiff zu verlassen ist keine Lösung. Wenn sie nicht versuchen, ihre Ehe zu retten, werden sie es einander niemals verzeihen – und sich selbst auch nicht.“

Verblüfft sah Melba ihren Mann an. „Seit wann bist du so ein Romantiker?“

„Seit ich das hübscheste Mädchen auf dem Ball geheiratet habe.“

Sie schüttelte den Kopf. Seine Antwort erstaunte und begeisterte sie, aber das brauchte er nicht zu wissen. „Na gut, Levi kann bleiben. Aber er zahlt wie jeder andere für sein Zimmer“, warnte sie. Eine Pension war kein wohltätiges Projekt.

„Genau das tut er.“ Levi hatte darauf bestanden, dass er sogar mehr bezahlte. Vermutlich hatte er geahnt, dass Melba so reagieren würde.

„Aber ein falscher Schritt, und er fliegt raus.“

„Was verstehst du unter einem falschen Schritt?“

„Das weißt du, sobald er ihn begangen hat“, erwiderte Melba. „Jetzt muss ich nachsehen, ob Gina mit dem Abendessen angefangen hat.“ Sie ging hinaus.

Gene drehte sich zu dem jungen Mann um, der in einer dunklen Ecke des Flurs darauf gewartet hatte, dass über sein Bleiben entschieden wurde.

Levi sah Melba nach. „Sie mag mich nicht besonders, was?“, fragte er leise.

„Doch, sie mag dich, mein Junge. Nur die Situation gefällt ihr nicht.“ Er warf dem Mann seiner Enkelin einen durchdringenden Blick zu. „Also sei gewarnt.“

Levi nickte. „Das bin ich. Und danke, dass du auf meiner Seite bist.“

„Ich bin auf keiner Seite. Ich will es euch beiden leichter machen, denn ich glaube, dass unser kleines Mädchen dich liebt“, sagte er zu dem jungen Mann, der ihm sein Herz ausgeschüttet hatte. „Sie ist einfach nur überfordert. Die meisten Leute denken, zu heiraten und ein Baby zu bekommen sei keine große Sache. Aber es ist eine riesige Herausforderung und verlangt von allen Beteiligten viel Anpassung. Du scheinst mir ein vernünftiger, hart arbeitender junger Mann zu sein, und ich weiß, dass du Claire liebst – genau wie sie dich.“ Er machte eine kleine Pause.

„Aber sie hat geglaubt, dass ihr Leben auch weiterhin eine einzige große Party ist. Das ist es nicht. Eine Ehe erfordert eine Menge Arbeit und Opfer, und das vergessen die meisten Paare. Wenn man jemanden liebt, kommt irgendwann immer die Zeit, in der man um seinen Partner kämpfen muss.“

Levi nickte. „Ich werde bis zum letzten Atemzug um Claire kämpfen.“

„Niemand redet vom Sterben, mein Junge.“ Gene klopfte ihm auf die Schulter. „Jetzt komm mit. Im Keller sind ein paar Sachen, die nach oben in die Küche gebracht werden müssen. Dabei könnte ich Hilfe gebrauchen.“

„Sehr gern“, antwortete Levi eifrig. Er wollte sich unbedingt bei dem Mann revanchieren, der ihm eine Chance gab, die einzige Frau zurückzugewinnen, die er jemals geliebt hatte.

Es gab keinen Tag, an dem Claire nicht bereute, was sie Levi am Morgen nach der Hochzeit an den Kopf geworfen hatte. Am meisten bereute sie, dass sie ihn hinausgeworfen und ihm auch noch ihren Ehering vor die Füße geworfen hatte. Aber sie war zutiefst enttäuscht und verletzt gewesen.

Zuerst hatte sie nicht abgenommen, wenn er angerufen hatte.

Aber dann hatte er nicht mehr angerufen.

Für sie hieß das ganz klar, dass Levi aufgegeben hatte. Sie bedeutete ihm nichts mehr.

Na schön, dann bedeutete er ihr eben auch nichts mehr.

Aber das stimmte nicht.

Im Gegenteil, sie vermisste ihn so sehr, dass es wehtat. Wie konnte sie Levi vergessen, wenn sie sofort an ihn denken musste, sobald sie ihre Tochter ansah? „Okay, heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens, und du hörst jetzt auf, dich selbst zu bemitleiden“, befahl sie ihrem Spiegelbild. „Du nimmst dein Baby und marschierst aus der Tür und in den Rest deines Lebens. Eines Lebens ohne Grenzen und ohne Levi.“

Leichter gesagt als getan.

Aber sie konnte nicht hier stehen bleiben, auf ihr Spiegelbild starren und sich nicht nach draußen trauen.

„Ich habe keine Angst, verdammt“, machte sie sich laut Mut.

Dann nahm sie Bekka auf den Arm und marschierte entschlossen aus dem Zimmer und in den Rest ihres Lebens.

Leider stieß sie gleich auf dem Flur mit dem Menschen zusammen, dem sie in diesem Moment gerade nicht begegnen wollte.

Sie kollidierte mit Levi.

2. KAPITEL

Vor Schreck schrie Claire auf.

Die Luft blieb ihr weg, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie es an den Rippen fühlte.

Wie benommen blinzelte sie und erwartete, dass Levi sich in Luft auflöste, weil sie sich nur eingebildet hatte, dass er vor ihr stand.

Aber er blieb, wo er war, und reagierte ganz automatisch. Er hielt sie an den Schultern fest, als sie taumelte. Das war auch gut so, denn wenn er nicht blitzschnell gehandelt hätte, wäre Claire nach hinten gefallen und vermutlich gestürzt – mit Bekka auf dem Arm.

Levi hatte gehofft, dass er ihr über den Weg laufen würde, aber nicht im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Hände an ihren Schultern verhinderten nicht nur, dass sie stolperte. Sie bewiesen ihm auch, wie sehr sie ihm gefehlt hatte. Schon bei ihrer allerersten Begegnung hatte er gewusst, das Claire Strickland die Richtige für ihn war. Dass sie beide füreinander bestimmt waren.

Die Chemie zwischen ihnen stimmte noch immer. Das Verlangen, das sie in ihm auslöste, entbrannte, sobald sie einander nahe waren. Es war zu intensiv, um es zu ignorieren. In diesem Moment wurde ihm endgültig klar, dass er lieber für immer auf Claire warten wollte, als sich mit einer anderen Frau zu begnügen.

Claire war sichtlich erschüttert. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Zittern. Seit sie Levi hinausgeworfen hatte, hatte sie jede Nacht von ihm geträumt und sich nach ihm gesehnt. In ihrem Zimmer hatte sie, allein mit Bekka, um ihre gescheiterte Ehe geweint und gewusst, dass sie daran schuld war.

Als sie jetzt an dem Ort, an dem sie am wenigstens damit gerechnet hatte, mit Levi kollidierte, hätte sie am liebsten die Hände in seinen Nacken gelegt und sich an ihn geschmiegt.

Aber zum Glück hielt sie das Baby in den Armen, und so wurde sie wieder zu der jungen Frau, die zutiefst verletzt war. Deren Mann sie oft allein gelassen hatte. Der Mann, der lieber Poker gespielt hatte, anstatt die Nacht mit ihr zu verbringen.

Bedeutete sie ihm so wenig? Erschien sie ihm so unattraktiv? Dabei hatte sie immer versucht, für ihn so anziehend wie möglich zu sein. Jeden Morgen war sie vor ihm aufgestanden und hatte Make-up aufgelegt, um makellos auszusehen, wenn ihr Mann sie zum ersten Mal am Tag sah.

Es war ihr wichtig, so schön zu sein wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Noch bevor sie ihm ihr Jawort gab, hatte sie sich vorgenommen, auf keinen Fall zu einer dieser Ehefrauen zu werden, die sich nach der Hochzeit gehen ließen und ihr Äußeres vernachlässigten.

Es war nicht immer einfach gewesen. Selbst als junge Mutter mit einem Baby, das unter Koliken litt, hatte sie sich große Mühe gegeben, für ihren Mann reizvoll auszusehen.

Und was hat es mir eingebracht? dachte sie wütend und verbittert. In unserer ersten babyfreien Nacht seit acht Monaten hat er mich allein gelassen, um Karten zu spielen.

Claire presste die Lippen zusammen, unterdrückte ein Schluchzen und wünschte verzweifelt, sie würde sich nicht so sehr nach Levi sehnen. Er war ein wundervoller, einfühlsamer Liebhaber. Sie musste ihn nicht mit anderen Männern vergleichen, um zu wissen, was für ein besonderer Mensch er war. Ihr Herz und ihr Körper sagten es ihr.

Aber sie ließ es sich nicht anmerken. Er durfte nicht wissen, dass sie ihn noch immer so sehr begehrte wie in ihrer ersten Nacht.

Endlich fand sie ihre Stimme wieder. „Was tust du hier?“, fragte sie und machte einen Schritt von ihm weg.

Als er überzeugt war, dass Claire fest auf beiden Beinen stand, nahm Levi die Hände von ihren Schultern, sah seiner Tochter in die Augen und zwinkerte ihr zu.

Sofort drehte Claire sich so, dass der Blickkontakt zwischen Bekka und ihm unterbrochen wurde.

Levi schluckte seinen Protest herunter. Er durfte Claire nicht noch mehr gegen sich aufbringen. „Ich wohne für eine Weile hier“, beantwortete er ihre Frage.

Claires Augen wurden groß. „Nein!“

„Doch, das tue ich“, widersprach er und versuchte nicht triumphierend zu klingen. „Ich habe deinen Großvater überredet, mir ein Zimmer zu vermieten.“

Claire traute ihren Ohren nicht. Das würde ihr Großvater ihr doch nicht antun, oder? Noch heute Morgen hätte sie schwören können, dass er Levi niemals in der Pension aufnehmen würde, weil er genau wusste, wie sehr es sie aufregen würde. Schließlich war sie mit Bekka hier eingezogen, weil sie es nicht länger ausgehalten hatte, mit Levi unter einem Dach zu wohnen – geschweige denn in einem Zweizimmerapartment.

Aber als sie ihrem Mann ins Gesicht sah, wusste sie nicht mehr, ob er sie anlog oder die Wahrheit sagte.

„Warum sollte er das tun?“, fragte sie herausfordernd.

Levi musste seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um Claire nicht einfach mitsamt dem Baby an sich zu ziehen und zu küssen. Aber er durfte und konnte nichts erzwingen. Vorläufig musste er sich wohl damit begnügen, so sachlich wie möglich mit ihr zu reden und auf ihre Einsicht zu hoffen. „Vielleicht weiß dein Großvater, wie viel du mir bedeutest.“

Warum tat Levi das? Warum spielte er ihr noch immer vor, dass er gern mit ihr zusammen war? Das nahm sie ihm jetzt ebenso wenig ab wie vor einigen Wochen, als er erst lange nach dem Ende des Hochzeitsempfangs am frühen Morgen ins Zimmer gekommen war.

Noch weniger sogar.

Glaubte er allen Ernstes, dass sie ihm seine Geschichte abkaufte?

„Ha! Wenn ich dir wirklich etwas bedeuten würde, wärst du häufiger zu Hause, anstatt dauernd zu sogenannten Verkaufsbesprechungen zu fahren und mit irgendwelchen Leuten Poker zu spielen. Dann hättest du unseren ersten freien Abend seit Monaten mit mir verbracht.“

„Wir waren doch zusammen“, sagte er. „Wir sind gemeinsam zur Hochzeit gegangen.“

Für wie dämlich hielt er sie eigentlich? „Ich war mit einem weinenden Baby in unserem Zimmer, während du bis zum Morgengrauen mit irgendwelchen Leuten an einem Pokertisch gesessen hast. Das nennst du zusammen sein?“, fragte sie aufgebracht. Bekka begann zu zappeln, und sofort begann Claire das Baby auf den Armen zu wiegen und zu trösten.

„Stimmt“, gab Levi zu. „Aber bis dahin waren wir zusammen.“

Verzweifelt streichelte sie den Bauch des Babys. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt.

„Eigentlich wollten wir beide nach der Hochzeit einen romantischen Abend verbringen“, beharrte sie. „Deshalb haben meine Großeltern uns Bekka abgenommen. Damit wir Zeit füreinander hatten.“

„Woher sollte ich das wissen? Du hast mir kein Wort gesagt“, verteidigte er sich.

Fassungslos starrte sie ihn an. So begriffsstutzig konnte er doch nicht sein, oder doch? „Das solltest du selbst wissen!“, rief sie. „Du solltest freiwillig und gern mit mir zusammen sein. Weil du es willst – und nicht, weil ich dich dazu überrede.“

Hastig trat er den Rückzug an, bevor die Situation ganz außer Kontrolle geriet und sie beide etwas sagten, das sie später bereuen würden. „Hör zu, falls ich Mist gebaut habe, tut es mir leid.“

„Falls? Falls?“, wiederholte Claire ungläubig. „Du hast eindeutig Mist gebaut, wie du es nennst.“

Sie trieb ihn wieder in die Enge und gab ihm keine Chance, sich zu rechtfertigen. Levi biss die Zähne zusammen und zählte stumm bis zehn. Er musste ruhig bleiben, sonst würde er Claire für immer verlieren. Sie und Bekka. „Claire“, begann er so ruhig wie möglich, „ich versuche gerade, mich zu entschuldigen.“

Ihre Augen waren wie kleine Laserstrahlen, denen keine seiner Regungen entging. „Gut, dass du mir das sagst, denn sonst hätte ich es nicht gemerkt.“

„Du machst es mir wirklich schwer, nett zu dir zu sein“, beklagte er sich.

„Dann lass es einfach“, entgegnete sie kalt und musste die Stimme heben, weil Bekka zu weinen begonnen hatte. Die Lautstärke ließ das Baby nur noch heftiger weinen. „Es bringt nämlich nichts. Eine Entschuldigung muss ernst gemeint sein, aber im Moment ist jedes Wort aus deinem Mund gelogen.“

„Was redest du da?“, rief er verwirrt. „Wann habe ich dich jemals belogen?“

Verächtlich warf Claire den Kopf in den Nacken. Sie ertrug die Situation nicht länger und wünschte, sie hätte sich gar nicht erst in diese Lage gebracht. So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt, als sie vor zwei Jahren mit Levi vor dem Traualtar gestanden hatte. „Du hast gesagt, dass du mich liebst.“

„Wieso ist das gelogen?“, fragte er entgeistert. „Ich liebe dich.“

„Nein, das tust du nicht! Wenn du mich lieben würdest, wärst du abends häufiger zu Hause. Und ganz sicher hättest du nicht lieber gepokert, als den Abend mit mir zu verbringen.“

Levi schloss die Augen. Er durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. „Nicht schon wieder“, entfuhr es ihm. „Ich habe nicht lieber gepokert, als …“

„Nein? Hat dir jemand eine Pistole an den Kopf gehalten und dich gezwungen, die Karten in die Hand zu nehmen, weil er dir sonst eine Kugel ins Gehirn jagt?“

„Es war keine Wahl zwischen dir und Pokern“, beharrte er. Wie konnte sie das glauben? „Das ist nicht miteinander zu vergleichen.“

Sollte das ein Kompliment sein? Sie musterte ihn kühl und wehrte sich gegen die Erinnerungen, die seine Nähe unweigerlich in ihr wachrief. Sie durfte jetzt nicht an die intimen Momente denken, die sie miteinander erlebt hatten. „Vielen Dank.“

Ihr eisiger Ton versetzte ihm einen Stich. Hilflos hob er die Hände. „Ich kann sagen, was ich will, oder?“

„Ja, weil ich dich durchschaue.“ Das Baby hatte kurz geschwiegen, jetzt begann es erneut zu weinen. „Siehst du, was du angerichtet hast? Du hast Bekka aufgeregt.“

„Ich?“, entgegnete er verblüfft. Wie brachte sie es bloß fertig, ihm die Schuld an allem zu geben? „Du bist doch diejenige, die hier laut wird.“

Claire gab nicht nach, und das Baby wurde immer lauter. „Wenn ich dich anschreie, dann nur, damit du endlich kapierst, was ich sage.“

Seufzend schüttelte er den Kopf und rang um Selbstbeherrschung. „Du bist unmöglich.“

„Nicht so unmöglich wie du!“, konterte sie.

Levi ging davon, bevor er etwas erwidern konnte, dass er bereuen würde und nicht mehr zurücknehmen konnte.

„Ja, lauf nur weg!“, rief Claire ihm höhnisch nach. „Das tust du immer, anstatt mit mir zu reden und deine Fehler einzugestehen. Du bist feige und weichst jeder Konfrontation aus.“

Halt den Mund, sag es nicht. Wenn er jetzt antwortete, würde er nicht kontrollieren können, was ihm über die Lippen kam. Er musste an ihr gemeinsames Kind denken. Da konnte er nicht einfach davonlaufen. Er wollte es auch nicht. Er wollte sein Leben zurück.

Nicht heute, Wyatt. Nicht nach diesem Streit.

Aber so konnten sie beide nicht weitermachen. Einer von ihnen würde nachgeben müssen, wenn sie ihre Ehe retten wollten.

Levi ging weiter und schaute über die Schulter auf seine Frau und sein Kind. Auch wenn Claire ihn wütend machte, konnte er ohne sie nicht leben.

Sein Leben erschien ihm plötzlich leerer als jemals zuvor. Wenn er nach Hause kam, waren sie nicht mehr da.

Das musste sich ändern.

Aber wie?

Er würde nicht zu Kreuze kriechen. Schließlich hatte ein Mann seinen Stolz.

Aber wenn man nur Stolz in seinem Bett hat, friert man.

Er zwang sich weiterzugehen, obwohl er am liebsten umgekehrt wäre und Claire in die Arme genommen und geküsst hätte, bis sie diesen Streit vergaßen.

Wahrscheinlich war das mit dem Pokern nur ein Vorwand. Levi musste sie irgendwie dazu bringen, ihn nicht mehr anzuschreien und ihm Vorwürfe zu machen. Er wollte mit ihr darüber reden, was ihr wirklich auf dem Herzen lag. Sie hatte sich von ihm getrennt, weil er sie in jeder Hinsicht enttäuscht hatte.

Offenbar war er nicht gut genug für sie. Er konnte ihr nicht die Annehmlichkeiten bieten, mit denen sie aufgewachsen war. Wenn er es versuchte, indem er Karriere machte und mehr Geld verdiente, beschwerte sie sich, dass er nie zu Hause war. Und wenn er weniger arbeitete und früher nach Hause kam, müssten sie wesentlich kleinere Brötchen backen.

Was er auch tat, war falsch.

Er wusste nicht, wie lange er es noch ertrug, ohne seine Mädchen zu leben. Ohne Claire und Bekka jeden Tag zu sehen.

Es musste doch einen Weg geben, seine Ehe zu retten. Es musste einfach.

„Grandpa, kann ich dich eine Minute sprechen?“, fragte Claire. Sie stand in der Tür zu Genes winzigem Büro.

Ihr Großvater stand auf und vergaß für eine Weile, woran er gerade arbeitete. „Du kannst mich eine ganze Stunde lang sprechen, Prinzessin“, erwiderte er fröhlich und ging zu seiner Enkelin und Urenkelin. „Wie geht es meinen beiden besten Mädchen heute Morgen?“

Claire dachte an ihre unschöne Begegnung mit Levi. „Die sind beide zutiefst verwirrt und fassungslos.“

„Was sagst du da?“ Gene zog die buschigen Augenbrauen zusammen, bis sich auf seiner Stirn eine tiefe Falte bildete. „Bist du zutiefst verwirrt und fassungslos?“, fragte er Bekka.

Das Baby reagierte auf seine tiefe, wohltönende Stimme und begann zu brabbeln. Er lachte vergnügt.

„Sie kann noch nicht sprechen, Grandpa.“

„Natürlich kann sie reden. Vielleicht verstehst du sie bloß nicht“, erwiderte er lächelnd. „Sieh dir ihren Gesichtsausdruck an. Das kleine Mädchen versucht doch, mit mir zu kommunizieren.“

„Genau wie ich“, erwiderte Claire mit wachsender Ungeduld.

Schlagartig wurde Gene wieder ernst. „Schieß los, Prinzessin. Ich höre dir aufmerksam zu.“

Ihre Miene verfinsterte sich noch mehr. „Levi wohnt hier in der Pension.“

Er versuchte erst gar nicht, sich überrascht zu geben. „Ja, ich weiß.“

Ungläubig starrte sie ihren Großvater an. Wie hatte er sie so hintergehen können? Es sei denn, Levi hatte auch in dieser Hinsicht gelogen. Hoffentlich. Sonst wäre ihr Vertrauen in ihren Großvater erschüttert. „Er hat erzählt, dass du ihm ein Zimmer vermietet hast.“ Vielleicht gab es ja eine andere Erklärung dafür, dass Levi hier war.

Die Hoffnung währte nicht lange.

Gene nickte. „Ja, das habe ich.“

„Warum?“, fragte sie fassungslos.

„Na ja, ich konnte ihn schlecht abweisen“, antwortete er. „Das wäre diskriminierend gewesen.“

Claires braune Augen wurden noch größer. Sie traute ihren Ohren nicht. „Hattest du etwa Angst, dass er dich beim Sheriff anzeigt?“

Dankbar für die Begründung, die seine Enkelin ihm unbeabsichtigt geliefert hatte, zuckte er mit den Schultern. „Man kann nie wissen.“

„Na hör mal, Grandpa, es ist Levi“, erinnerte sie ihn. „Das würde er nie tun. Schließlich mag er dich.“

„Dich mag er auch. Sehr sogar. Und alles, was er will, ist die Chance, um es dir zu beweisen.“

Entsetzt starrte Claire ihn an. „Stehst du etwa auf seiner Seite?“, rief sie.

„Wie ich deiner Großmutter bereits erklärt habe, stehe ich auf keiner Seite. Ich will nur, dass beide Seiten gehört werden.“

„Ich muss nichts hören“, entgegnete seine Enkelin. „Hast du mir nicht selbst gesagt, dass Taten lauter sprechen als Worte?“

„Ja, kann sein, dass ich das mal gesagt habe“, gab er zu. „Aber ich habe auch gesagt, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient.“

„Falls du damit Levi meinst, ich habe ihm eine zweite Chance gegeben.“ Sie geriet immer mehr in Rage. „Ich habe ihm sogar viele zweite Chancen gegeben, und er hat keine davon genutzt.“

„Soll das heißen, dass er regelmäßig abends weggeht, um Poker zu spielen?“, fragte Gene mit unschuldigem Gesicht.

„Nein“, gab sie zu. So wütend sie auch war, sie wollte ihren Großvater nicht belügen.

„Was meinst du dann?“

Sie meinte, dass er dauernd zu Besprechungen und Seminaren fuhr, spät nach Hause kam und auf der Couch einschlief, bevor sie sein Essen aufwärmen konnte. Aber davon wollte sie jetzt nicht auch noch anfangen.

Außerdem hatte sie das Gefühl, dass ihr Großvater für Levi Partei ergreifen und ihr entgegenhalten würde, dass jeder Mann das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht hatte, Überstunden zu machen, um mehr Geld für seine Familie zu verdienen.

„Ich möchte nicht darüber reden“, sagte sie nur, bevor sie sich umdrehte und davonging, um ihre Großmutter zu suchen.

Die war auf ihre Seite.

Jedenfalls hoffte Claire das.

3. KAPITEL

Mit ihrer zappelnden Tochter auf den Armen machte Claire sich auf die Suche nach ihrer Großmutter. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Sie fühlte sich von ihrem Großvater verraten und dem unaufhörlichen Weinen des Babys hilflos ausgeliefert. „Komm schon, Bekka. Bitte, hör auf“, flehte sie verzweifelt.

Bekka weinte nur noch lauter.

In der Küche ging Melba gerade mit der Köchin die Speisekarte durch.

Gina tippte ihrer Chefin auf die Schulter und zeigte hinter sie.

Melba drehte sich zu ihrer Enkelin um. „Wir machen nachher weiter“, sagte sie zur Köchin und wartete darauf, dass Claire zu ihr kam.

„Ist es wahr?“, fragte Claire unumwunden.

„Ist was wahr?“, entgegnete Melba mit einem Blick über ihre randlose Brille hinweg. Natürlich wusste sie genau, was Claire meinte. Sie war noch immer nicht begeistert darüber, aber vielleicht hatte Gene recht, und Levi verdiente die Chance, um seine Ehe zu kämpfen. „Hallo, Peanut.“ Lächelnd kitzelte sie Bekka unter dem Kinn.

„Ich habe gerade erfahren, dass Grandpa Jordy Leighs altes Zimmer an Levi vermietet hat.“ Die junge Frau war im letzten Monat ausgezogen, nachdem sie Will Clifton, einen Rancher aus Thunder Canyon, geheiratet hatte. Offenbar hatten die beiden sich auf dem Hochzeitsempfang verlobt, auf dem Claire und Levi gewesen waren.

„Ja, ich weiß“, erwiderte Melba achselzuckend.

Claire hatte auf etwas Mitgefühl gehofft. Dass ihre Großmutter informiert war und sie nicht vorgewarnt hatte, machte sie sprachlos. „Du weißt es?“, rief sie nach einem langen Moment aus. „Dann warst du also einverstanden?“ Fassungslos starrte sie ihre Großmutter an.

Sie versuchte gar nicht erst zu verbergen, wie tief verletzt sie war. Dass ihre eigenen Gefühle gegenüber Levi widersprüchlich waren, änderte nichts daran. Entscheidend war die Tatsache, dass ihre Großeltern nicht bedingungslos Partei für sie ergriffen. Die beiden sollten sie beschützen und sie wieder aufbauen, anstatt sie kopfüber in die Höhle des Löwen zu werfen.

Levi hatte ihr wehgetan und durfte nicht glauben, dass das keine große Sache war. Er sollte auch nicht annehmen, dass er bloß hier aufzutauchen brauchte, damit sie ihm vergab.

Claire hatte ihren Großeltern erzählt, warum sie ihn verlassen hatte. Dass er sie vernachlässigt hatte und es anscheinend für selbstverständlich hielt, dass sie sich mit ihrer unglücklichen Ehe abfand. Warum unterstützten die beiden sie nicht? Warum hielten sie nicht zu ihr und machten Levi klar, dass er sich falsch verhalten hatte? Aber das taten sie nicht. Im Gegenteil, sie nahmen ihn auch noch unter ihrem Dach auf. Ausgerechnet dort, wo ihre Enkelin und Urenkelin Zuflucht gesucht hatten!

„Das habe ich nicht gesagt“, widersprach Melba ruhig. „Dein Großvater hat ihm das Zimmer vermietet, ohne mich zu fragen.“

„Dann kannst du es rückgängig machen, oder?“, fragte Claire hoffnungsvoll. Sie wollte in Ruhe über ihre Zukunft nachdenken. Wenn Levi hier war, ging das nicht. Sein Anblick erinnerte sie daran, wie sehr sie sich trotz allem danach sehnte, von ihm gehalten und geküsst zu werden. Er musste gehen, sonst würde sie etwas äußerst Dummes tun. „Du kannst Levi sagen, dass er hier nicht willkommen ist und wieder ausziehen muss.“

Melba warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Du weißt, dass ich das nicht kann, Claire. Laut deinem Großvater hat Levi den doppelten Zimmerpreis für einen Monat im Voraus bezahlt.“

„Gib ihm das Geld zurück“, beharrte Claire, als wäre es das Einfachste auf der Welt. „Sag ihm, dass er wieder ausziehen soll.“

Nachdenklich schüttelte ihre Großmutter den Kopf. „Dein Großvater findet, dass Levi eine zweite Chance verdient. Und meistens liegt er mit seiner Menschenkenntnis richtig. Vielleicht trifft das auch auf deinen Mann zu.“

„Exmann“, verbesserte sie. Warum waren alle gegen sie? Es war schon schwer genug, Levi aus dem Weg zu gehen. Wenn er auch noch auf ihrem Stockwerk wohnte, war sie verloren.

„Seid ihr schon geschieden?“, fragte Melba erstaunt.

Claire errötete. „Nein, technisch gesehen nicht, aber …“

Melba nahm ihr das Baby ab, tätschelte ihm den Po und flüsterte etwas in das winzige Ohr. Als könnte sie Wunder vollbringen, beruhigte Bekka sich sofort.

„Dann seid ihr technisch gesehen noch verheiratet, und Levi ist dein Mann, nicht dein Exmann.“

„Ja, technisch gesehen“, gab sie widerwillig zu und klammerte sich an das Wort.

Ihre Großmutter musterte sie. Claire war ganz anders als ihre zwei älteren Schwestern. Die beiden kamen nach ihr und waren zielstrebig und fokussiert. Hadley und Tessa verstand sie; Claire dagegen war nicht so leicht zu durchschauen. Aber sie gab sich die größte Mühe. „Wovor hast du Angst, Claire?“, fragte Melba sanft.

„Angst?“, wiederholte Claire überrascht. „Ich habe vor gar nichts Angst.“

Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde Melba, dass Claire sich vor etwas fürchtete. Und sie hatte das Gefühl, dass sie wusste, wovor. „Doch. Du benimmst dich, als hättest du Angst davor, mit Levi in einem Raum zu sein. Als würden die Mauern, die du zwischen dir und ihm errichtet hast, zusammenbrechen und du ihn wieder in dein Leben lassen müsstest, wenn du ihn siehst.“

Claire machte eine wegwerfende Handbewegung und schüttelte verärgert den Kopf. „Das bildest du dir nur ein.“

Melba sah sie forschend an. „Tatsächlich? Falls ich es wirklich tue, macht es doch nichts, wenn Levi hier ist, nicht wahr?“

Claire straffte die Schultern. „Ich will ihn einfach nicht in meiner Nähe haben.“

„Warum nicht?“

Claire war es nicht gewohnt, in familiären Dingen auf Widerspruch zu stoßen. Erst recht nicht bei ihrer Großmutter. „Weil ich es nicht will“, antwortete sie, weil ihr so schnell nichts Besseres einfiel. Melbas entgeisterter Blick machte sie noch nervöser. Außerdem beneidete sie ihre Großmutter, dass sie es problemlos schaffte, Bekka zu beruhigen.

„Das ist kein Grund, Claire.“

„Für mich schon“, beharrte Claire.

„Nun ja, aber du führst nicht das Strickland Boarding House, sondern dein Großvater und ich“, erklärte Melba scharf. „Ich rate dir, das Beste aus der Situation zu machen oder auf dem Zimmer zu bleiben, wenn Levi im Haus ist. Übrigens hat dein Großvater den Jungen gebeten, ihm zur Hand zu gehen, und deshalb wird er abends häufig hier sein.“

Auch das noch, dachte Claire entsetzt. Nach einem langen Tag voller Einsamkeit und Sehnsucht wäre ihre Widerstandskraft geschwächt, und sie wäre Levi hilflos ausgeliefert. „Von dir hätte ich am allerwenigsten erwartet, dass du gegen mich bist“, beklagte sie sich.

„Ich bin nicht gegen dich.“

Claire wusste, dass sie sich wie ein trotziges Kind benahm, aber sie konnte nicht anders. „So fühlt es sich aber nicht an.“

Melba seufzte leise. Das Mädchen muss endlich erwachsen werde, dachte sie. „Wenn du eines Tages so alt bist wie ich, wirst du einsehen, dass ich recht hatte, und mir dankbar sein.“

Claires Stirnfalten wurden noch tiefer. Warum ließen alle sie im Stich? „Wenn du meinst“, sagte sie dumpf.

Melba sah ihrer Enkelin tief in die Augen. „Ja, das meine ich. Oder du gibst zu, dass ich von Anfang an recht hatte.“

„Recht? Womit?“, fragte Claire verwirrt.

„Dass du zu jung und zu unreif warst, um zu heiraten.“

Claire hob den Kopf. Ihre Großmutter nahm offenbar kein Blatt mehr vor den Mund. Jetzt war sie auch noch selbst schuld? Nein, Levi hatte keine Ahnung, wie man eine Ehefrau behandelte und ihr das Gefühl gab, geliebt zu werden.

Alles andere spielte keine Rolle.

Hatten sich denn alle gegen sie verschworen? Ihre Augen wurden feucht, und sie musste heftig blinzeln, um nicht in Tränen auszubrechen. Kämpferisch straffte sie die Schultern. „Ich war so alt wie du bei deiner Heirat. Das weiß ich von Grandpa“, sagte sie und nahm ihrer Großmutter das Baby ab, als wollte sie beweisen, dass sie eine gute Mutter war. Sofort zog Bekka eine Grimasse und begann wieder zu zappeln. Was mache ich bloß falsch?

Die Antwort schien Melba nicht im Geringsten zu beeindrucken. „Nur nach Jahren“, entgegnete sie gelassen.

„Ja, nach Jahren.“ Wollte ihre Großmutter sie durcheinanderbringen? „Wie denn sonst?“

„Emotional“, antwortete Melba sofort. „Emotional gesehen war ich damals viel älter als du. Ich war bereit, Verantwortung zu übernehmen und nicht nur ein Kind, sondern gleich vier aufzuziehen. Kurz nacheinander. Du dagegen scheinst schon mit einem Baby überfordert zu sein.“

Claire schwieg. Allein bei der Vorstellung, vier Kinder zu haben, wurde ihr schwindlig. Sie liebte ihre Tochter über alles, aber seit Bekka auf der Welt war, schien sie selbst keinen Moment der Ruhe oder für sich allein gehabt zu haben. Jede Minute des Tages gehörte dem kleinen Mädchen. Selbst wenn die Kleine schlief, wartete Claire angespannt auf die nächste Runde voller Zappeln und Tränen. Oder auf das nächste Stillen.

Manchmal fühlte sie sich darauf reduziert, das Baby zu versorgen. Wie in einer Tretmühle, die sich immer schneller drehte. Und sie kam nicht mehr mit. Auch jetzt schrie Bekka immer lauter. „Ich muss sie wohl wieder füttern“, sagte sie resigniert.

Doch als sie gehen wollte, streckte Melba die Arme aus. „Lass mich das tun“, schlug sie vor und zeigte auf die Tür zum Garten. „Schnapp etwas frische Luft, mach einen Spaziergang.“

„Soll das etwa heißen, dass du Bekka füttern willst?“, fragte Claire verblüfft.

„Genau das soll es heißen.“

„Wie denn? Ich gebe ihr die Brust, Großmutter. Sei mir nicht böse, aber das kannst du nicht.“

„Doch, ich kann“, widersprach Melba. Sie nahm ihr das Baby ab, stützte es auf die Hüfte und ging zum Kühlschrank. Sie öffnete ihn und nahm eine der vorbereiteten Babyflaschen heraus. „Ich muss nur eine aufwärmen.“

„Flaschenmilch?“, entfuhr es Claire. Sie hatte mit ihrer Großmutter darüber gesprochen und ein striktes Veto eingelegt. „Ich dachte, wir sind uns einig, dass Bekka zu jung dafür ist.“

Du warst dir einig. Ich nicht. Bekka ist im idealen Alter dafür. Was willst du tun?“, fragte Melba. „Das Kind stillen, bis es aufs College geht?“

„Natürlich nicht.“ Claire verdrehte die Augen. „Aber …“

„Kein Aber“, unterbrach ihre Großmutter sie. „Ich habe vier Kinder aufgezogen, und jedes davon hat mit sechs Monaten die Flasche bekommen. Bekka ist längst so weit. Willst du wirklich so rückständig sein?“

„Nein“, antwortete Claire kleinlaut. Was hatte das Stillen mit dem Zustand ihrer Ehe zu tun?

„Dann hör auf, dein Kind als Vorwand zu benutzen.“

Verwirrt starrte Claire ihre Großmutter an. „Was soll das heißen, als Vorwand? Wofür? Ich benutze Bekka nicht als Vorwand.“

„Doch. Und zwar dafür, dass du an sieben Tagen rund um die Uhr nichts anderes tun kannst, weil dein Baby dich dauernd braucht. Aber in Wahrheit braucht es dich nicht immerzu. Natürlich ändert ein Baby alles, aber das bedeutet nicht, dass man kein eigenes Leben mehr hat. Jetzt geh schon. Ich muss meine Urenkelin füttern.“ Mit der freien Hand scheuchte Melba sie aus der Küche.

Claire blieb vor der Tür stehen. Abgesehen von den paar Stunden, die sie mit Levi auf der Hochzeit gewesen war, hatte sie ihr Baby immer bei sich oder wenigstens in Reichweite gehabt. Es war ein eigenartiges Gefühl, die Arme frei und Bekka nicht im Blick zu haben. Die Wiege stand in ihrem Schlafzimmer, und wenn Claire wach war, trug sie die Kleine immer mit sich herum.

Irgendwie fühlte sie sich plötzlich befreit, wenn auch mit schlechtem Gewissen.

Sie befolgte den Rat ihrer Großmutter, verließ die Pension und schlenderte durch die Gegend, natürlich nicht weit vom Haus, um in der Nähe zu sein, falls sie gebraucht wurde. Alte Gewohnheiten ließen sich eben schwer ablegen.

Es war August, und die Luft war heiß und schwül, so wie in dem Sommer, in dem sie Levi kennengelernt hatte. Ein Anflug von Nostalgie stieg in ihr auf.

Nein, hör auf. Werd jetzt bloß nicht sentimental. Das hilft dir nicht.

Der Kopf tat ihr weh. Insgeheim fand sie es noch immer richtig, wie sie auf Levis Verhalten an dem besagten Hochzeitsabend reagiert hatte. Sie hatte ihn aus der Wohnung geworfen, und jetzt gab es kein Zurück mehr. Nachdem sie ihn so behandelt hatte, würde Levi sie bestimmt nicht zurückwollen. Im Gegenteil, er war wahrscheinlich hier, um sich zu rächen.

Ihre Kopfschmerzen wurden schlimmer. Und sie vermisste ihr Baby.

Sie war für Bekka verantwortlich, nicht ihre Großeltern. Nur wenn sie ihre Tochter in den Armen hielt, fühlte sich ihr Leben einigermaßen richtig an. Sie ging schneller.

Als sie die Küche betrat, waren Melba und Bekka nicht da. Sie eilte zur Veranda. Noch bevor sie dort ankam, hörte sie Stimmen und spitzte die Ohren. Eine gehörte ihrer Großmutter, die andere … Levi. Sie stieß die Tür zur Veranda auf.

Noch bevor sie nach Bekka greifen konnte, sah sie, dass das kleine Mädchen nicht weinte und zappelte, sondern lächelte und fröhlich brabbelte. Auch wenn ihre Tochter nicht gerade sauber war und an den Grübchen, die sie von ihrem Vater hatte, Babynahrung klebte, hatte Claire Bekka seit über einem Monat nicht mehr so zufrieden erlebt.

Claire gestand sich widerwillig ein, dass Levi liebevoll mit Bekka umging.

Er hob den Kopf und warf ihr einen verlegenen Blick zu, hörte aber nicht auf, seiner Tochter die Flasche zu geben, und stand auch nicht auf, um sie ihr zurückzugeben.

Wie aus dem Nichts tauchte Melba hinter Claire auf.

„Die beiden verstehen sich gut“, stellte ihre Großmutter fest.

Claire ballte die Hände zu Fäusten und drehte sich um. „Ich dachte, du wolltest sie füttern.“

„Das habe ich, aber dann kam Levi und fragte, ob er sie halten darf. Ein liebender Vater braucht keine Erlaubnis, um seine Tochter auf die Arme zu nehmen.“ Melba kniff die kleinen braunen Augen zusammen. „Oder hast du damit ein Problem?“

„Nein“, antwortete Claire leise.

„Das ist gut.“ Melba schaute von ihr zu Levi und zurück. „Da ihr beide jetzt hier seid, überlasse ich meine Urenkelin euren fähigen Händen. Versucht, nicht in ihrer Gegenwart zu streiten. Sie ist zu jung, um zu sprechen, aber alt genug, um zu hören und auf laute Stimmen und Vorwürfe zu reagieren.“

Dann drehte sie sich auf ihrem breiten Absatz um und ging einfach davon.

Ohne die Babyflasche von Bekkas Mund zu nehmen, beobachtete Levi, wie Melba Strickland im Haus verschwand.

„Eine harte Lady, deine Großmutter“, sagte er bewundernd.

„Ja, knallhart“, bestätigte Claire.

Levi wurde warm ums Herz, als er seine Tochter betrachtete. Sie waren dreißig Tage lang getrennt gewesen. Wie viel hatte er verpasst? Vermutlich eine Menge. In ihrem Alter war jeder Moment kostbar, und er wollte keinen einzigen mehr versäumen. „Ich kann nicht glauben, wie sehr sie gewachsen ist“, flüsterte er, mehr zu sich selbst als zu der Frau, die vor ihm stand.

Claire hatte sich ganz auf ihre Großmutter konzentriert. Die Frau schien absolut nichts dagegen zu haben, dass Levi sich wieder in das Leben ihrer Enkelin und Urenkelin drängte.

„Meine Großmutter?“, fragte sie erstaunt.

„Nein.“ Er lachte. Äußerlich hatte sich Melba Strickland kein bisschen verändert, seit er sie vor vier Jahren das erste Mal gesehen hatte. „Bekka. Sie hat ordentlich zugelegt. Und ihre Augen verraten eine starke Persönlichkeit. Wenn sie groß ist, wird sie viele Herzen brechen.“ Er lächelte seiner Tochter zu, die kräftig an der Flasche saugte. „Ich habe dich vermisst, mein kleiner Liebling. Hast du mich auch vermisst?“

Mehr als alles andere auf der Welt, dachte Claire. Hastig unterdrückte sie ihre Gefühle. Wüsste Levi, was sie für ihn empfand, würde er glauben, dass er einfach wieder in ihre Wohnung ziehen und so weitermachen konnte wie bisher.

Wäre das so schlimm?

Ja! Ja, das wäre so schlimm. Sie würde sich wieder Tag und Nacht um das Baby kümmern und sich nach Levi sehnen, während er seine gesamte Freizeit ohne sie verbrachte. Sie durfte nicht vergessen, wie es sich anfühlte, ihn zu vermissen, während er offenbar ganz gut ohne sie zurechtkam. Sie musste hart bleiben, obwohl sie sich nach ihm verzehrte, nach seinen Händen und Lippen.

Gerade jetzt fiel es ihr unglaublich schwer, die nötige Distanz beizubehalten. Ihn mit ihrer gemeinsamen Tochter zu sehen löste in ihr etwas aus, das den Schmerz und die Enttäuschung überlagerte. Der ungewohnte Anblick ging ihr auf eine Weise unter die Haut und ans Herz, wie sie es nicht erwartet hatte.

Und noch etwas war zutiefst überraschend für sie – dass sie eifersüchtig wurde.

Das Baby reagierte auf Levi so, wie es auf sie nie reagierte. Es brabbelte und gab zufriedene Laute von sich. Bei ihr zappelte und weinte Bekka nur. Vielleicht überträgt sich mein Unmut und Stress auf meine Tochter, dachte Claire. Was wiederum bedeutete, dass Levi nicht gestresst war.

Weil es ihm egal war, ob ihre Ehe diese Krise überlebte oder nicht.

Warum stand sie dann hier und starrte ihn an wie ein naiver Teenager mit Liebeskummer? Lernte sie denn nie dazu?

Endlich hatte Bekka ihre Flasche geleert. Levi stellte sie ab, legte sich die Kleine über die Schulter und klopfte ihr auf den Rücken, wie er es aus den YouTube-Videos für frisch gebackene Väter gelernt hatte.

„Du solltest etwas darunterlegen“, sagte Claire kühl. „Sie spuckt dir auf die Schulter.“

„Das macht nichts“, erwiderte er, während er mit kreisenden Handbewegungen den Rücken des Babys streichelte. „Das Hemd lässt sich waschen.“

Es war herrlich, seine Tochter so zu halten. Sie fühlte sich so winzig an. So kostbar. In Bekka hatte er sich sogar noch schneller verliebt als in ihre Mutter. Er würde alles tun, um sie glücklich zu machen. Und er wollte keinen Tag länger ohne sie sein.

Es musste eine Lösung geben.

Er suchte nach einem Weg, „Friedensgespräche“ mit seiner Frau einzuleiten. Als er den Kopf hob, nahm er auf Claires Gesicht einen Ausdruck wahr, den er nicht deuten konnte. „Was ist los?“, fragte er.

Sie fühlte sich bedroht. Und ausgeschlossen. „Ich möchte meine Tochter zurück, bitte“, sagte sie spitz und streckte die Arme aus.

Unsere Tochter“, betonte Levi. „Bekka ist unsere Tochter.“

Claire hatte nicht vor, sich von ihm belehren zu lassen. Nicht nach all den einsamen Stunden, in denen sie sich allein um Bekka gekümmert hatte. „Ach, auf einmal ist sie unsere Tochter, ja?“

„Was soll das?“ Warum fängt sie wieder an zu streiten? „Sie war immer unsere Tochter.“

Sie griff nach Bekka, aber Levi hielt ihre Tochter noch immer. „Warum bist du dann nie da, um dich um sie zu kümmern?“

„Von nie kann keine Rede sein“, verteidigte er sich.

„Aber so hat es sich angefühlt. Jedes Mal, wenn ich Hilfe brauchte, warst du nicht da.“

„Weil ich Geld verdient habe, um für Bekka und dich zu sorgen.“ So schwer es ihm auch fiel, er ließ das Baby los. Er wollte Bekka auf keinen Fall wehtun.

Claire legte sie an ihre Schulter. „Ja, ja. Sankt Levi macht Überstunden, um seine Familie zu ernähren. Wieso arbeiten andere Väter nur von neun bis sechs, während du vom Morgengrauen bis Mitternacht weg bist und jeden Vorwand nutzt, um nicht nach Hause zu kommen?“

Jetzt übertreibt sie aber wirklich, dachte er frustriert. „Das ist nicht wahr, und du weißt es auch“, sagte er so leise wie möglich. „Ich bin befördert worden, deshalb muss ich länger arbeiten. Ich habe zusätzliche Aufgaben bekommen. Wenn ich meinem Chef sage, dass ich nicht zu den Besprechungen und Seminaren kann, auf die er mich dauernd schickt, bin ich den Job los. Willst du etwa, dass ich dir und Bekka kein Dach über dem Kopf mehr bieten kann?“

Er hoffte, dass die Diskussion damit beendet war, aber er hätte es besser wissen müssen.

„Dann würden wir dich wenigstens häufiger zu Gesicht bekommen.“

„Komm schon, Claire, das ist nicht fair“, sagte er schockiert.

„Nicht fair?“, wiederholte sie ungläubig. „Fair ist es, wenn Eltern abwechselnd mit einem weinenden Baby umhergehen, abwechselnd die Windeln wechseln, ihr Kind baden und aufpassen, dass es sich nicht den Kopf stößt. Fair ist es, wenn ich außer einem quengelnden Baby noch jemanden zum Reden habe.“

„Du kannst doch mit deinen Schwestern telefonieren“, schlug er vor. Sie könnte auch ihre Mutter anrufen, aber er hatte das Gefühl, das ihr Stolz es nicht zuließ. Denn dann hätte Claire zugeben müssen, dass Mutter zu sein nicht so einfach war, wie sie es sich vorgestellt hatte. Genau das hatte ihre Mutter ihr vorhergesagt.

„Als Ersatz für dich, meinst du?“, entgegnete sie. „Ich liebe meine Schwestern, aber abgesehen von der Abstammung haben wir nichts gemeinsam. Die beiden verstehen nicht, warum ich geheiratet habe, anstatt auf eigenen Beinen zu stehen. Und ich habe nie begriffen, warum sie unbedingt Singles bleiben wollen. Jedenfalls habe ich es nicht verstanden, bis unsere Ehe zerbrochen ist. Immerhin eine Gemeinsamkeit.“ Sie lachte bitter.

Sie weiß nicht, was sie sagt. „Unsere Ehe ist nicht zerbrochen“, beharrte er.

„Ach, nein?“ In welcher Welt lebte er? „Wie würdest du das hier sonst nennen?“, fragte sie.

„Eine holprige Wegstrecke“, antwortete er ohne zu zögern.

„Eine holprige Wegstrecke?“, wiederholte sie fassungslos. „Nein, das ist eine ganze Bergkette.“

Er sah Bekka an. Sie war eingeschlafen, wurde aber wieder unruhig. „Nicht so laut“, bat er leise. „Sonst beginnt sie wieder zu weinen.“

War sie immer an allem schuld? „Vielleicht bringst du sie zum Weinen.“

Levi atmete tief durch und versuchte es erneut, obwohl er ahnte, dass es sinnlos war. „Hör zu, Claire, ich versuche gerade, mich zu entschuldigen.“ Mal wieder, dachte er und wehrte sich gegen die Hoffnungslosigkeit, die ihn zu lähmen drohte.

„Was für eine schwachsinnige Entschuldigung“, gab sie zurück, bevor sie sich umdrehte, ins Haus ging und mit Bekka in ihrem Zimmer verschwand.

Sie schloss hinter sich ab, legte ihre Tochter in die Wiege, die ihr Großvater vom Dachboden geholt hatte, warf sich bäuchlings aufs Bett und schluchzte. Sie hasste es, sich mit dem einzigen Mann zu streiten, den sie je geliebt hatte. Es musste doch einen Weg geben, ihre Ehe zu retten. Aber was, wenn Levi sich gar nicht ändern wollte? Wenn er so oft fortgeblieben war, weil er nicht mehr gern mit ihr zusammen war? Wenn seine Überstunden nur ein Vorwand gewesen waren?

Die Tränen flossen immer schneller, und ihr Herz tat so weh, dass sie kaum noch Luft bekam.

4. KAPITEL

„Wie ich sehe, läuft es nicht so, wie du dir vorstellst“, sagte Gene mitfühlend. Er hatte die zweite Hälfte des Streits zwischen seinen Enkelin und Levi mitbekommen, war jedoch bis jetzt außer Sicht geblieben. Einer von beiden brauchte jetzt eine Schulter zum Ausweinen – oder wenigstens jemanden zum Reden.

Damit hatte er nicht ganz unrecht.

Levi drehte sich zu Claires Großvater um. „Nicht so, wie ich mir vorstelle? Nein, es läuft überhaupt nicht“, gab er zu und versuchte sich die Verzweiflung nicht anmerken zu lassen.

„Die Strickland-Frauen machen es einem manchmal schwer“, gab Gene zu. „Sie können sehr trotzig und starrköpfig sein, aber auch loyal und liebevoll. Gib nicht auf, Junge.“

„Oh, das habe ich auch nicht vor. Aber ich fürchte, das eigentliche Problem besteht darin, dass ich einfach nicht gut genug für Claire bin.“

Das bezweifelte Gene. Wie er seine Enkelin kannte, war es vermutlich eher umgekehrt. Wahrscheinlich hatte Claire Angst, dass Levi sich für zu gut für sie hielt. Aber die Loyalität, die er gerade erwähnt hatte, hinderte ihn daran, es auszusprechen. „Wie kommst du denn darauf?“, fragte er stattdessen.

Die Antwort war einfach. „Na ja, ihre Eltern waren gegen unsere Heirat, weil ich keine College-Abschluss habe. Im Gegensatz zu ihr.“

„Ein College-Abschluss ist nur ein hübsches Stück Papier“, sagte Gene und tippte Levi auf die Brust. „Viel wichtiger ist, was hier drin steckt. Ein Mann, der sich durch die Schule des Lebens gekämpft hat, ist mir lieber als einer, der irgendeine versnobte Elite-Universität absolviert hat. Außerdem mögen Claires Eltern dich. Wenn sie wüssten, was los ist, wären sie längst hier, und zwar auf deiner Seite. Wahrscheinlich würden sie ihrer Tochter eine Standpauke halten.“

Verblüfft sah Levi ihn an. „Ihre Eltern wissen nichts davon?“, fragte er kopfschüttelnd. „Ich dachte, die ganze Stadt weiß Bescheid. Wildfremde Leute sprechen mich auf der Straße an und geben mir Ratschläge.“

Gene zuckte mit den breiten Schultern. „Es ist eine kleine Stadt. Hier passiert kaum etwas, und die Leute langweilen sich. Manche wetten sogar darauf, wie viel Schnee an einem Tag auf die erste Stufe der Treppe zum Supermarkt fällt.“

„Wetten sie auch darauf, ob meine Ehe hält oder scheitert?“

„Würde mich nicht wundern“, gab Gene zu. „Ignorier sie einfach. Was zählt, ist, was du und Claire-Bear denken.“

Claire-Bear. Levi kannte ihren Spitznamen. Aber im Moment war sie mehr „Bär“ als „Claire“.

„Wie gewinne ich sie zurück, Mr. Strickland?“

„Mit Geduld. Und ich heiße Gene.“ Er lächelte aufmunternd. „Zeig dich von deiner besten Seite und gib ihr das Gefühl, geliebt zu werden. Das ist wichtig für eine Frau.“

„Und wenn das nicht reicht?“

„Es reicht“, versprach ihr Großvater. „Auf dem College hat sie sich dauernd verliebt und schnell wieder entliebt.“

Sollte ihm das etwa Mut machen? „Wenn das so ist, bin ich verloren.“

„Nein, das bist du nicht“, widersprach Gene. „Wie gesagt, auf dem College wusste sie nicht genau, wen oder was sie wollte. Aber als sie damals im Sommer bei uns vorbeikam und von dir erzählte, haben ihre Augen geleuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Ich schwöre, die Augen haben gefunkelt wie Sterne. In dem Moment wusste ich sofort, dass du der Richtige sein musstest – und das warst du auch.“

„Da wäre ich mir nicht mehr so sicher, Mr. Strickland“, sagte Levi leise. „Gene, meine ich“, verbesserte er sich, als sein Gegenüber eine Augenbraue hochzog.

„Kennst du die Geschichte vom Wettlauf zwischen dem Hasen und der Schildkröte, mein Junge?“

Wer kannte die nicht? „Ja, Sir.“

„Dann weißt du, dass der Hase siegessicher war und die Schildkröte aufforderte, gar nicht erst anzutreten und lieber gleich aufzugeben. Aber die Schildkröte hat sich nicht einschüchtern lassen und ist einfach losmarschiert. Und sie hat gewonnen, weil der arrogante Hase dauernd stehen geblieben ist, um sich im Applaus der Zuschauer zu sonnen. Sei wie die kluge Schildkröte“, riet Gene. „Du musst einfach an dich glauben und darfst nicht aufgeben, bevor du die Ziellinie erreicht hast. Und jetzt brauche ich noch ein paar Sachen aus dem Keller. Hilfst du mir?“

Das war das Mindeste, was er für seinen neuen Verbündeten tun konnte. „Natürlich.“

Gene klopfte ihm auf den Rücken. „So gefällst du mir.“

Wenigstens ihr Großvater hält zu mir, dachte Levi. Könnte er doch nur Claire dazu bringen, es auch zu tun …

An diesem Abend aß Claire in ihrem Zimmer, weil sie Angst hatte, sonst Levi zu begegnen. Wenn das passierte, würde sie vielleicht schwach werden und mit ihm nach Hause zurückkehren. Dann wären die letzten vier Wochen vergebens gewesen, und jeder würde glauben, dass sie kein Rückgrat besaß. Sie musste Levi verlassen – ob sie es nun wirklich wollte oder nicht.

Selbst Melba ließ sie in Ruhe. Claire war nicht begeistert darüber. Hatte ihre Großmutter sie bereits abgeschrieben? Was sollte sie dann bloß tun?

Aber am nächsten Morgen klopfte es kurz an ihrer Tür, bevor Melba ihren Generalschlüssel nutzte, um einfach hereinzukommen.

„Du hast mich erschreckt, Grandma!“, rief Claire und legte eine Hand auf das heftig klopfende Herz.

„So schlecht sehe ich noch nicht aus“, erwiderte Melba.

„Das habe ich nicht gemeint. Ich dachte, du wärst Levi.“

„Levi ist weg.“

„Weg? Soll das heißen, er hat aufgegeben?“ Die Vorstellung erschütterte Claire zutiefst. Bedeutete sie ihm so wenig? Ein einziger Versuch, mehr nicht?

„Warum willst du das wissen?“, fragte Melba. „Wärst du denn traurig, wenn es so wäre?“ Sie sah nach Bekkas Windel und machte sich daran, sie zu wechseln.

„Ja. Nein. Ich dachte nur, wenn er schon mal hier ist, würde er sich mehr Mühe geben. Aber das war ich ihm wohl nicht wert.“

„Ich kann keine Gedanken lesen“, sagte ihre Großmutter. „Ich weiß nur, dass er arbeiten muss.“

„Arbeiten? Heißt das, er ist zur Arbeit gefahren und kommt zurück?“ Selbst sie hörte den hoffnungsvollen Unterton in ihrer Stimme.

„Falls nicht, hat er bald nichts Frisches zum Anziehen mehr. Sein Koffer steht noch in seinem Zimmer.“ Melba warf die benutzte Windel in den Eimer.

„Oh.“

„Es heißt vor allem, dass du aus deinem Versteck kommen kannst.“ Melba nahm das Baby in die Arme.

„Ich habe mich nicht versteckt.“

„Hör sie dir an, Bekka. Sie hat sich nicht versteckt.“ Melba sah ihre Enkelin an und kniff die Augen zusammen. „Kann es sein, dass du Make-up aufgelegt hast?“

„Ja.“

Es war erst acht Uhr morgens. „Schläfst du damit?“

„Nein, selbstverständlich nicht“, log sie. Ihre Großmutter brauchte nicht zu wissen, dass sie tatsächlich mit Make-up schlief, damit Levi sie immer attraktiv fand. Das hatte sie immer getan und einfach so weitergemacht. „Ich habe mich erst heute Morgen geschminkt.“

Melba musterte sie kritisch. „Für wen machst du dich hübsch, wenn du deinem liebeskranken Mann aus dem Weg gehst?“

„Für niemanden“, log Claire erneut. „Meinst du wirklich, dass er liebeskrank ist?“

Ihre Großmutter nickte. „Er ist der schlimmste Fall von Liebeskummer, den ich je gesehen habe.“

Claire spitzte die Lippen. „Ich glaube, du irrst dich.“

Schmale Schultern zuckten. „Dies ist ein freies Land. Du kannst glauben, was du willst, auch wenn du falschliegst.“

„Wenn er so liebeskrank ist, warum hat er dann nach der Hochzeit mit seinen Freunden gepokert, statt mit mir nach Hause zu kommen?“

„Genau darüber solltest du nachdenken, Liebes. Wenn du eine Antwort gefunden hast, bist du auf dem besten Weg, eine richtige Ehefrau zu werden. Jetzt lass uns gehen. Erst einmal füttern wir dich, dann geben wir deiner Mutter etwas zu tun, nicht wahr, mein Engel?“, sagte Melba zu ihrer Urenkelin.

Bekka gurrte.

„Gute Antwort“, murmelte Melba.

Hoffentlich, dachte Claire.

Verblüfft sah Claire sich um, als ihre Großmutter stehen blieb und sich zu ihr umdrehte. „Wir sind in der Küche.“ Das ergab keinen Sinn. Sie hatte doch schon im Esszimmer gefrühstückt. Was sollte sie hier?

Melba lachte auf. „Sehr richtig. Woran hast du das bloß gemerkt?“

Inzwischen hatte Claire sich an die sarkastischen Antworten ihrer Großmutter gewöhnt. „Ich dachte, du wolltest mir etwas zu tun geben.“ Sie wollte sich in der Pension nützlich machen und beweisen, dass sie kein Kind mehr war, sondern inzwischen erwachsen.

„Das will ich noch immer“, erwiderte Melba und nahm ihr Bekka ab. „Du leistest deiner Urgroßmutter Gesellschaft, während ich deine Mutter beschäftige“, sagte sie leiser und sanfter zu dem Baby, ging zur Tür und warf Claire einen Blick zu. „Bleib hier, ich bin gleich zurück. Inzwischen kannst du dich mit Gina unterhalten.“ Sie zeigte auf die Köchin und verließ die Küche.

Melba lächelte Gina verlegen zu. Die kleine, stämmige Frau stand an der Spüle und wusch das Frühstücksgeschirr ab. Weil sie sonst nichts zu tun hatte, nahm Claire sich ein Tuch und begann abzutrocknen.

Nach einem Moment brach sie das Schweigen. „Arbeiten Sie schon lange für meine Großmutter?“

Erst nachdem die Frage heraus war, wurde Claire bewusst, dass sie ihren Großvater nicht erwähnt hatte. Aber das lag nur daran, dass Melba von den beiden der dynamischere und entscheidungsfreudigere Teil des Paars war. Ihr Großvater war nachdenklicher, beständiger und damit auch verlässlicher. Ihre Großmutter war ein Wirbelwind, der jeden zur Seite fegte, der das Pech hatte, ihr in den Weg zu geraten.

„Seit etwa zwei Monaten!“, rief die Köchin, um das Geklapper des Geschirrs und das Rauschen des Wassers zu übertönen.

„Sie kann manchmal etwas streng sein, nicht wahr?“

Gina blickte über die Schulter. „Sie ist eine Lady, die weiß, was sie will“, sagte sie diplomatisch.

Claire nickte. „Und sie weiß, wie sie es bekommt.“

„Alles andere wäre auch Zeitverschwendung“, ertönte hinter ihnen eine Stimme.

Claire zuckte zusammen. Ihre Großmutter war fast geräuschlos hereingekommen. Sie lächelte verlegen. „Du hast Grandpa schnell gefunden.“

„Nein. Ich habe Bekka im Topfpflanzenständer im Wohnzimmer abgelegt.“

Erst nach einem Moment begriff Claire, dass Melba es nicht ernst meinte. „Oh, das war ein Scherz. Wow.“ Sie atmete auf. „Eine Sekunde lang hatte ich Angst, dass du es wirklich getan hättest.“

Melba starrte sie an und schüttelte den Kopf. „Was geht bloß in deinem Kopf vor, Mädchen?“ Sie hob eine Hand, wie ein Polizist, der an einer Kreuzung den Verkehr lenkte. „Nein, ich will es lieber nicht wissen. Vermutlich würde es mich nur deprimieren. Nur damit es keine Missverständnisse gibt, Bekka ist bei deinem Großvater. Er hat zwar seine Fehler, aber er ist ein toller Babysitter. Wenn du mit dem Abtrocknen fertig bist, wird Gina dir ein paar Grundkenntnisse vermitteln, damit du ihr bei der Zubereitung der Mahlzeiten helfen kannst.“

Entsetzt starrte Claire sie an. Darüber hatten sie beide doch bereits vor Wochen gesprochen. „Grandma, ich kann nicht kochen“, protestierte sie verzweifelt. „Wir essen zu Hause meistens … Tiefkühlkost“, sagte sie hilflos, obwohl sie sich denken konnte, was ihre Großmutter von derartigen Essgewohnheiten hielt.

Melba drehte sich an der Tür um und fixierte sie mit einem durchdringenden Blick. „Kannst du nicht, oder du willst nicht?“, fragte sie herausfordernd.

„Ich kann nicht“, wiederholte Claire kleinlaut.

Melba war da ganz anderer Meinung. „Auch wenn du momentan sogar Wasser anbrennen lässt, kannst du kochen lernen, und du wirst es lernen. Dazu brauchst du nur jemanden, der es dir beibringt. Jemanden wie Gina.“ Melba zeigte auf ihre Mitarbeiterin. „Sie ist die Beste.“

Gina lächelte überrascht. Offenbar kam es nicht oft vor, dass ihre Chefin ihr ein Kompliment machte. „Danke, Mrs. Strickland. Aber ich bin keine sehr gute Ausbilderin.“

„Lernen Sie es einfach“, befahl Melba und verließ die Küche. Ihre Miene verriet, dass sie ein Wunder erwartete und keinen Widerspruch duldete.

Die Köchin sah nicht gerade glücklich aus, aber sie schien sich mit ihrem Schicksal abzufinden. „Haben Sie wirklich Wasser anbrennen lassen?“, fragte sie ihre neue Auszubildende.

Claire errötete, starrte auf ihre Schuhe und nickte. Als sie jung gewesen war, hatte niemand sich die Mühe gemacht, sie in der Küche anzulernen. Es hatte immer jemanden gegeben, der für sie kochte, und sie hatte gegessen, ohne sich Gedanken über die Zubereitung zu machen. Auf dem College hatte sie sich Take-away-Gerichte geholt oder etwas in die Mikrowelle gestellt.

Nach der Heirat hatte sie ein paar halbherzige Versuche unternommen, selbst etwas zuzubereiten, war aber schnell wieder in die alte Gewohnheit verfallen. Hin und wieder hatte Levi gekocht, oder sie waren essen gegangen, jedenfalls vor Bekkas Geburt. Wenn Levi nicht zu Hause war, ernährte sie sich von Sandwiches oder Fertiggerichten.

„Was können Sie denn kochen?“, fragte Gina, nachdem etwa zwanzig Minuten später der letzte Topf gespült und abgetrocknet war.

Claire holte tief Luft. „Nichts“, gab sie zu.

„Okay.“ Die Köchin ließ sich nicht erschüttern. Offenbar war sie fest entschlossen, nur das Positive zu sehen. „Also müssen Sie auch nichts vergessen. Das ist gut. Wir fangen ganz von vorn an.“

Claire seufzte erleichtert. Sie hatte erwartet, dass Gina sich über eine Frau lustig machen würde, die vierundzwanzig Jahre alt geworden war, ohne ein anständiges Rührei machen zu können.

„Okay, so machen wir es. Wir fangen mit den Grundlagen an und bauen darauf auf“, sagte Gina und ließ sich nicht entmutigen. „Wissen Sie, wie man Kartoffelpüree macht?“

Claire presste die Lippen zusammen. Ihr war bewusst, dass sie absolut unfähig wirkte. Aber sie konnte sich nicht herausreden, sondern musste ehrlich sein.

„Nein“, gab sie zu.

„Ab heute wissen Sie es“, erwiderte Gina so zuversichtlich, dass Claire ihr glaubte.

Nach einem langen Tag im Möbelmarkt war Levi so müde, dass er kurz daran dachte, hier in Bozeman zu bleiben und sich in seiner Wohnung ins Bett zu legen. Aber die erschien ihm heute leerer als je zuvor, und er hätte das Gefühl, von Gespenstern umgeben zu sein. Schließlich hatten Claire und er dort auch glückliche Zeiten verbracht, bevor es mit ihrer Ehe bergab gegangen war.

Obwohl er sich dazu zwingen musste, setzte er sich ans Steuer und fuhr nach Rust Creek Falls, wo er wenigstens mit Claire und dem Baby unter einem Dach schlafen würde.

Ein kleiner Schritt nach dem anderen, dachte er und hielt unterwegs nach Polizeistreifen Ausschau, die auf Temposünder lauerten. Er schaffte es ohne Strafzettel, parkte vor der Pension und eilte hinein, um Claire und das Baby zu sehen, bevor sie schlafen gingen.

Doch noch bevor er die Treppe erreichte, rief Gene ihn ins Wohnzimmer.

Claires Großvater war nicht allein. „Ich dachte mir, du willst deinen Liebling begrüßen. Oder wenigstens einen von ihnen.“ Gene zwinkerte ihm zu. „Bekka, sag Hallo zu deinem Daddy.“

Trotz seiner Erschöpfung wurde Levi warm ums Herz. Für ihn war seine Tochter ein Sonnenstrahl in einer Wegwerfwindel.

„Wie geht es dem hübschesten acht Monate alten Mädchen auf der ganzen Welt?“, fragte er und nahm sie aus ihrer Wiege, die Gene gekauft hatte, als Claire ihn und Melba zum ersten Mal mit ihrer Tochter besucht hatte.

Es sei eine sinnvolle Investition, hatte Gene damals versichert. „Du kannst sie für das nächste Baby aufheben“, hatte er zu Claire gesagt.

Bekka wedelte mit den winzigen Fäusten und gurrte. Dass sie dabei Babykost auf ihn spuckte, störte Levi überhaupt nicht. Im Gegenteil, er freute sich darüber und holte sein Taschentuch heraus, um ihr Mund und Kinn abzuwischen.

„Wie ich sehe, hat dein Urgroßvater dich gefüttert“, sagte er lachend und steckte das Taschentuch wieder ein. „Hast du deinen Daddy vermisst?“, fragte er sie so ernst, als wäre sie schon zehn Jahre alt. „Ich lasse dich ungern allein, mein Schatz, aber ich muss zur Arbeit, damit du immer so viel essen kannst, wie du willst.“

Behutsam drückte er sie an sich. Plötzlich hörte er unter den Lauten, die sie von sich gab, einen, der ihn innehalten ließ.

Mit offenem Mund starrte er sie an. War er so müde, dass seine Fantasie ihm einen Streich spielte?

Fasziniert drehte er sich zu Gene um. „Hast du das auch gehört, oder habe ich es mir nur eingebildet?“, flüsterte er, als hätte er Angst, den magischen Moment mit einer lauten Frage zu beenden.

„Ich habe es auch gehört“, bestätigte Gene lächelnd. Er war mit Claires Entscheidung für Levi immer einverstanden gewesen.

„Sie hat ‚Da‘ gesagt!“, rief Levi begeistert. „Sie hat doch ‚Da‘ gesagt, oder? Ich meine, du hast es auch gehört, nicht nur ich?“

„Nein, nicht nur du, ich auch.“ Bekkas Urgroßvater lachte. Er konnte Levis Freude gut nachempfinden. Der Augenblick, in dem ein Kind seinen Vater erstmals identifizierte und ansprach, war mit keinem anderen zu vergleichen. Er erinnerte sich genau daran, wie es bei seinen Söhnen gewesen war.

„Ist das normal? Können Babys in ihrem Alter schon sprechen?“ Oder war seine Tochter vielleicht ein Wunderkind?

„Nicht so viel, dass man sich mit ihnen unterhalten kann“, erklärte Gene. „Aber manche Babys geben früh ein oder zwei Worte von sich. Oder Laute, die wie ein Wort klingen.“ Gene strich ihr über das seidenweiche Haar. „Und diese kleine Prinzessin hat gerade ‚Da‘ gesagt. Wir haben es beide gehört. Heute ist ein Feiertag. Bekka hat ihr erstes Wort gesprochen.“

Levis Strahlen verblasste, als ihm bewusst wurde, welche Tragweite Genes letzter Satz hatte. „Du darfst es Claire auf keinen Fall erzählen.“ Es war Befehl und Bitte zugleich.

Gene verstand nicht recht, worauf Bekkas Vater hinauswollte. „Weil du selbst es tun willst?“

Levi schüttelte den Kopf. „Nein, niemand darf es ihr erzählen. Ich möchte nicht, dass Claire davon erfährt.“

Gene zog die buschigen Augenbrauen zusammen. Bis sie zwei haarigen Spinnen glichen. „Ich glaube, ich verstehe nicht.“

„Als wir noch zusammengelebt haben, hat Claire viel Zeit mit dem Baby verbracht, während ich arbeiten musste. Ihr ganzes Leben drehte sich um Bekka. Sie hat sie gefüttert, trockengelegt, gebadet. Du weißt, was ich meine. Für sie gab es praktisch nur Bekka, rund um die Uhr, deshalb wäre sie schrecklich enttäuscht, wenn Bekkas erstes Wort ‚Da‘ statt ‚Mom‘ lautet.“

Dass Levi so viel Rücksicht auf Claires Gefühle nahm, rührte Gene zutiefst. „Vielleicht unterschätzt du sie.“

Nein, dachte Levi, das tue ich nicht. „Claire ist sehr empfindsam. Ich möchte sie nicht verletzen.“

„Aber was ist, wenn Bekka vor Claire ‚Da‘ sagt? Das könnte passieren“, warnte ihr Großvater.

„Das müssen wir riskieren. Vielleicht sagt sie ja ‚Mom‘“, erwiderte Levi hoffnungsvoll.

Gene war selbst Vater und hatte da seine Zweifel. „Also soll ich es wirklich nicht erzählen?“, fragte er. Schließlich war das erste Wort eines Babys für alle Eltern eine große Sache.

„Nein. Es ist besser, wenn Claire es nicht weiß.“

„Was soll Claire nicht wissen?“, fragte Claire, die ausgerechnet in diesem Moment ins Wohnzimmer kam. Sie hatte unter Ginas Anleitung fünf Stunden in der Küche verbracht und fühlte sich ausgelaugt. Trotzdem war sie in ihr Zimmer geeilt und hatte sich vorsichtshalber etwas hübsch gemacht – nur für den Fall, dass sie Levi über den Weg lief.

Er sollte sie nie anders als perfekt sehen. Sie hatte große Angst, ihn zu enttäuschen, denn das würde ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl vermutlich den Rest geben. Jetzt blickte sie gespannt von einem Mann zum anderen, während sie auf die Antwort wartete.

„Dass ich auf der Fahrt hierher ein paarmal zu schnell gefahren bin“, sagte Levi rasch. „Ich habe keinen Strafzettel bekommen, aber trotzdem. Ich wollte nicht, dass du mir böse bist. Ich wollte einfach nur so früh wie möglich bei dir und dem Baby sein.“

„Du musst aufpassen. Strafzettel sind teuer.“ Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. „Aber ich verstehe, warum du es getan hast“, fügte sie fast schüchtern hinzu.

Und insgeheim freute sie sich darüber. Sogar sehr.

5. KAPITEL

Vielleicht habe ich Levi zu hastig aus unserer Wohnung – und meinem Leben – geworfen, dachte Claire einige Tage später. Sie schlenderte durch die malerischen Straßen von Rust Creek Falls. Bekka lag in dem Kinderwagen, den sie und Levi eine Woche vor ihrer Geburt ausgesucht hatten.

Sie erinnerte sich gut an den Tag, weil sie Levi geradezu angefleht hatte, sie aus dem Bett aufstehen zu lassen. Die zweite Hälfte der Schwangerschaft war schwierig verlaufen, und ihre Ärztin hatte sie davor gewarnt, sich zu sehr anzustrengen. Zuerst hatte sie es genossen, sich auszuruhen und endlich die Bücher lesen zu können, die so lange liegen geblieben waren. Aber nach drei Monaten, in denen sie auf immer dieselben Wände gestarrt hatte, war sie langsam, aber sicher verrückt geworden.

Da sie sich schon viel stärker gefühlt hatte und ihr seit Wochen nicht mehr übel gewesen war, hatte sie Levi eindringlich gebeten, mit ihr nach draußen zu gehen. Irgendwann hatte Levi nachgegeben, sie aber nicht laufen lassen, sondern zu seinem Pick-up getragen.

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