Logo weiterlesen.de
BIANCA EXTRA BAND 34

TERESA SOTHWICK

Traumhaft, dieser Mann!

Liebe ist eine Komplikation, die Russ nicht braucht! Zwar findet er Lani hinreißend, aber er will sich nie wieder das Herz brechen lassen. Und noch quälen ihn Zweifel, ob er ihr wirklich trauen kann …

CHRISTINE RIMMER

Ein Baby für den Banker

Clara ist verletzt: Erst beendet der reiche Banker Dalton Ames abrupt ihre Affäre. Und jetzt will er sie plötzlich heiraten, nur weil sie schwanger von ihm ist. Doch das ist Clara längst nicht genug!

SHERI WHITEFEATHER

Bridgets Reise ins Glück

Weiterziehen oder sesshaft werden? Als Pferdetrainer Kade erfährt, dass seine Ex Bridget ihm einen Sohn geschenkt hat, sehnt er sich erstmals nach einem Zuhause. Aber will Bridget ihn überhaupt zurück?

BRENDA HARLEN

Der Kuss meines besten Freundes

Daniel trifft eine klare Abmachung mit Kenna: Ihre Scheinehe wird nach einem Jahr wieder geschieden. Allerdings hat er dabei nicht mit den Auswirkungen einer ungeahnt leidenschaftlichen Nacht gerechnet …

IMAGE

Traumhaft, dieser Mann!

1. KAPITEL

4. Juli

„Ich würde mich nicht wundern, wenn sich gleich jemand auszieht und in den Springbrunnen hüpft“, sagte Lani Dalton laut.

Niemand beachtete sie, denn dazu herrschte auf dem Hochzeitsempfang viel zu viel Trubel. Braden Traub hatte Jennifer McCallum geheiratet, und in Rust Creek Falls wurde jede Gelegenheit genutzt, um fröhlich zu feiern. Und wie die Leute feierten!

Es sah aus, als wären die Farben des 4. Juli über dem Park explodiert. Auf den Picknicktischen lagen rot-weiß karierte Wachstuchdecken, und rote und blaue Planen hatten die Gäste vor der Sonne geschützt, die schon vor einer Weile untergegangen war. Auch das Feuerwerk war bereits vorbei, aber die Leute tanzten, redeten und lachten noch immer und ließen sich die Bowle schmecken.

Lani hatte gerade einen Twostepp mit ihrem Bruder getanzt. Ebenso gut hätte sie sich ein Schild mit der Aufschrift „Mauerblümchen“ an die Brust heften können, aber das war ihr egal. Anderson war ihr Lieblingsbruder. Nach dem vierten – oder fünften? – Glas Bowle war ihr etwas schwindlig, und sie musste sich hinsetzen.

Auf der Suche nach einem freien Platz stieß sie gegen etwas, das sich wie eine Mauer anfühlte, und wäre fast umgefallen.

Kräftige Hände hielten sie gerade noch rechtzeitig fest. „Geht es Ihnen gut?“

Lani war sich ziemlich sicher, dass die Stimme Russ Campbell gehörte, einem Detective aus Kalispell, der ab und zu Sheriff Gage Christensen hier in Rust Creek Falls zur Seite stand. Ein Kribbeln durchlief sie, als sie den Kopf hob. „Detective Dreamy.“ So nannte sie insgeheim den Mann, der hin und wieder in ihren Träumen auftauchte.

„Wie bitte?“

„Lani Dalton.“ Sie zeigte auf sich. „Ich arbeite Teilzeit im Ace in the Hole. Sie sind Russ Campbell.“

„Ich weiß.“

„Ich weiß, wer Sie sind.“ Sie kicherte, und das überraschte sie, denn sie kicherte sonst nie. „Ich meine, ich weiß, wer Sie sind, und wollte mich vorstellen. Ich bin Lani Dalton.“

„Okay.“

„Sie sind nicht gerade gesprächig, was?“

Dem Sheriff fehlte ein Deputy, und Russ sprang ein oder zwei Mal pro Woche ein. Dabei schaute er auch in der Bar vorbei, aber bisher hatte er Lani kaum beachtet. Er dagegen war ihr sofort aufgefallen. Er war hochgewachsen und breitschultrig mit dichtem welligen braunen Haar und haselnussbraunen Augen, denen nichts entging. Nur sie.

Er sah gut aus, aber wenn er – was selten passierte – lächelte, war er absolut hinreißend. Er ließ den Blick über die Menge wandern, die sich immer ausgelassener aufführte. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss weiter.“

Nach Monaten, in denen sie ignoriert worden war, hatte Lani es endlich geschafft, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen. So schnell wollte sie nicht aufgeben. „Sind Sie mit der Braut oder dem Bräutigam befreundet?“, fragte sie.

„Weder noch.“ Er zeigte auf die goldene Polizeimarke an seinem Gürtel. „Ich arbeite. Sheriff Christensen hat mich für den Ordnungsdienst angeheuert.“

Als sie zu ihm aufblickte, verschwamm sein Gesicht vor ihren Augen, und ihr wurde wieder etwas schwindlig.

Sofort griff er nach ihr und stützte sie.

Ihr Blick fiel auf das schwarze T-Shirt, das sich über den beeindruckenden Armmuskeln spannte. Vielleicht waren ihre Knie deshalb so weich. „Wow, Sie sind wirklich kräftig. Und Ihre Reflexe sind echt gut.“ Hatte sie das gerade wirklich gesagt?

Er runzelte die Stirn. „Ich glaube, Sie sollten keinen Alkohol mehr trinken.“

„Ich hatte nichts weiter als die Bowle vom Empfang, und in der war nur Sekt. Im Park ist nichts Hochprozentiges erlaubt. Das müssten Sie doch wissen. Ich arbeite zwar in einer Bar, trinke aber kaum Alkohol. Rede ich zu viel?“

„Nein.“ Er klang sarkastisch. „Ich schlage vor, wir suchen Ihnen einen Platz, an dem Sie ausnüchtern können.“

„Ich bin nicht betrunken. Und ich wollte mich gerade hinsetzen, als Sie mit mir zusammengestoßen sind.“

Sie sind mit mir zusammengestoßen.“

Lani schüttelte den Kopf – ein schwerer Fehler. „Das glaube ich nicht.“

Russ sah sich nach einem leeren Platz an den Tischen um, fand aber keinen.

Sie fühlte seine Finger an ihrem Arm, während er sie durch die Menge geleitete, die sich für ihn teilte wie das Rote Meer für Moses. „Wohin bringen Sie mich?“

„Zum Springbrunnen. Die Kante ist breit genug, um sich zu setzen, und dort ist es kühler.“

Sie kamen gerade an den letzten Tischen vorbei, als sie ihren älteren Bruder Travis mit einer hübschen Blondine flirten sah. Sie wusste, dass die junge Frau mit einem heißblütigen, eifersüchtigen Cowboy liiert war, und hätte Travis gern gewarnt, aber Detective Dreamy hatte sie fest im Griff. Zum Glück tauchte in diesem Moment ihr anderer Bruder Anderson auf. Er würde verhindern, dass Travis eine Dummheit beging.

„Da sind wir“, sagte Russ, als sie das Wasserbecken erreichten. „Setzen Sie sich.“

Lani tat es und stellte ihren Becher mit der US-Flagge ab. „Danke, Detective.“

„Gern, Ma’am.“

Ma’am? War das sein Ernst? Er war zwar im Dienst, aber musste er so förmlich sein? Manchmal fragte Lani sich, warum sie ihn so anziehend fand. Sie hatte in der Bar gesehen, wie er mit anderen Leuten plauderte und sie zum Lachen brachte. Offenbar stand er einfach nur nicht auf sie. Und sie stand nicht darauf, mit Ma’am angesprochen zu werden. „Sie können mich Lani nennen. Auf keinen Fall Sweetie, Honey oder Babe. Und niemals Ma’am, das klingt wie Fingernägel auf einer Kreidetafel.“

„Verstanden.“

Plötzlich übertönten laute Stimmen den Trubel. Sie kamen aus der Richtung, in die Anderson gerade gegangen war. Skip Webster, der eifersüchtige Cowboy, stritt sich mit Travis, der zurückwich. Doch als Travis nicht hinschaute, verpasste Skip ihm einen Faustschlag. Travis hob die Hände, um sich zu wehren. Anderson stellte sich zwischen die beiden, um die Situation zu entschärfen. Skip schlug ihn, Anderson schlug zurück.

Der Cowboy ging zu Boden.

„Ich muss gehen“, sagte Russ.

Lani hatte ein ungutes Gefühl. „Was haben Sie vor?“

„Den Kerl wegen Körperverletzung festnehmen.“

Der Kerl war vermutlich Anderson, der gerade um das Sorgerecht für ein Kind kämpfte, von dem er bisher nichts gewusst hatte. Eine Strafanzeige konnte sich negativ darauf auswirken.

Lani musste den Detective aufhalten. Wie auch immer. Sie hörte den Springbrunnen hinter sich rauschen und tat, was ihr als Erstes einfiel. Sie sprang ins Becken und schrie auf, als das kalte Wasser ihren Rock durchnässte.

Russ drehte sich um, sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren, und ging weiter.

In Ermangelung einer besseren Idee begann sie, „Firework“, ihren Lieblingssong von Kate Perry, zu singen.

Zugleich schlug sie mit der flachen Hand auf Wasser. Es spritzte auf und traf Russ am Rücken. Als er sich erneut umdrehte, fing sie an, zum Song zu tanzen.

Er machte kehrt und blieb vor ihr stehen. „Bitte kommen Sie aus dem Wasser, Ma’am.“

Sie nahm jetzt beide Hände, um ihn mit Wasser zu bespritzen. Zufrieden sah sie, wie er sich das Gesicht abwischte, und sang noch lauter. Verblüfft stellte sie fest, dass ihr das Ganze Spaß machte.

„Okay, die Show ist vorbei“, sagte Russ streng.

Einige Leute blieben neugierig stehen.

Lani war froh darüber, denn Russ blickte immer wieder zu ihren Brüdern und Skip Webster hinüber. Sie durfte nicht zulassen, dass ihr Bruder Ärger mit der Polizei bekam.

„Kommt rein. Das Wasser ist toll.“ Sie winkte ihren Zuschauern zu.

„Wow.“ Russ hob die Hände. „Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses“, sagte er zu ihr. „Wenn Sie nicht freiwillig aus dem Brunnen steigen, muss ich Sie festnehmen.“ Er schaute wieder über die Schulter.

Lani war nicht scharf darauf, hinter Gitter zu wandern, aber besser sie als Anderson. „Holen Sie mich doch, Detective Dreamy.“

Russ griff nach ihr und runzelte die Stirn, als sie zurückwich. „Kommen Sie schon, Lani.“

„Sie haben mir gar nichts zu befehlen.“

„Doch.“

„Sie sehen aus, als wäre Ihnen heiß“, erwiderte sie. In schwarzem T-Shirt, Jeans und Stiefel sah er auch im übertragenen Sinne so aus. „Sieht er nicht heiß aus?“, rief sie ihrem Fanclub zu.

„Kühl ihn ab!“, rief jemand zurück.

„Okay.“ Sie versuchte ihn wieder nass zu spritzen, und dabei wäre sie fast ausgerutscht.

„Das reicht“, sagte Russ verärgert. „Ich nehme Sie wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit fest.“ Er stieg über den Beckenrand.

„Lani! Lani!“, feuerte jemand sie an.

Russ war größer, stärker und schneller als Lani. Irgendwann würde er sie erwischen, aber je länger sie ihn von ihrem Bruder ablenkte, desto besser. Als sie zurücksprang, verlor sie den Halt und fiel hin. Das Wasser durchnässte auch noch das Oberteil ihres Kleids und ruinierte ihr Haar. Eine Sekunde später war Russ bei ihr und streckte eine große Hand aus. Sie ergriff sie und zog mit aller Kraft. Er verlor das Gleichgewicht und landete auf ihr.

„Verdammt“, schnaubte er. „Sie sind festgenommen.“

„Das sagten Sie bereits.“ Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht.

Er packte ihren Arm, stand auf und zog sie mit sich. „Sie haben das Recht zu schweigen, aber wie ich Sie kenne, werden Sie es nicht tun.“

Als er mit der vorgeschriebenen Belehrung fertig war, führte er Lani zum Rand. Sie rutschte erneut aus, er fluchte leise und nahm sie auf die Arme.

Schade, dachte Lani, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ein paar Pfunde abgenommen.

Russ stieg mit ihr über die Kante und stellte sie ab. „Können Sie laufen?“

„Seit Jahren.“

„Gut.“ Er legte eine Hand um ihren Oberarm und setzte sich in Bewegung.

„Wollen Sie mir keine Handschellen anlegen?“, fragte sie zuckersüß.

Er kniff die Augen zusammen. „Widersetzen Sie sich der Festnahme?“

„Nein.“

„Gut für Sie.“

Wow. Sie würde in einer Zelle landen. Vermutlich würde es ihn nicht gerade aufheitern, wenn sie jetzt den „Jailhouse Rock“ anstimmte.

Russ Campbell führte Lani Dalton ins Büro des Sheriffs. Seine Laune näherte sich dem Tiefpunkt. Dies war der letzte Ort, an dem er sein wollte – erst recht nicht mit Lani.

Ihre Augen waren groß, aber sie sah eher neugierig als ängstlich aus. „Ich war noch nie im Gefängnis. Irgendwie aufregend.“

„Warten Sie ab, bis Sie in der Zelle sitzen.“

„Gibt es nicht ein Gesetz gegen widerrechtliche Inhaftierung?“

Er geleitete sie zu den beiden winzigen Zellen. Entweder versuchte sie ihre Nervosität zu überspielen, oder sie war noch nicht nüchtern genug, um ihre Situation richtig einzuschätzen.

„Diese Festnahme ist lächerlich. Mein Vater ist Anwalt, und ich bin wieder auf freiem Fuß, bevor mein Kleid trocken ist.“

Das leuchtend gelbe Sommerkleid klebte an ihrer schmalen Taille und den Hüften, und der feuchte Stoff war praktisch durchsichtig. Es fiel Russ schwer, sie nicht anzustarren. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was Sie erwartet.“

„Danke, von hier aus sehe ich genug.“ Sie blieb stehen und blickte zu ihm hoch. „Ist es wirklich nötig, mich einzusperren?“

„Ja. Ich kann nicht zulassen, dass der Trubel im Park außer Kontrolle gerät.“

„Also wollen Sie an mir ein Exempel statuieren. Aber Sie arbeiten doch gar nicht hier in Rust Creek Falls.“

„Gage Christensen bezahlt mich. Klingt für mich nach Arbeit.“ Er warf ihr einen wütenden Blick zu. Seine Jeans fühlten sich schwer an, und er hatte Wasser in den Stiefeln. „Und Ihretwegen tue ich heute Abend etwas für mein Geld.“

„Der Sheriff hätte mich nicht festgenommen“, sagte sie trotzig. „Sie sind nicht von hier.“

Sie sind keiner von uns, meinte sie und traf damit bei ihm einen wunden Punkt. Bevor Russ von Denver nach Kalispell gewechselt war, hatten seine Kollegen ihn wie einen Aussätzigen behandelt, weil er einen korrupten Detective angezeigt hatte. Und als seine eigene Karriere daraufhin einen Knick bekommen hatte, hatte seine Verlobte ihn verlassen. „Kann schon sein, aber ich bin derjenige mit der Dienstmarke. Sie haben das Gesetz gebrochen, während ich im Einsatz war, Lani Dalton.“

Ihre Augen weiteten sich noch mehr. „Seit wann nennen Sie mich nicht mehr Ma’am?“

Sie nicht mit ihrem Namen anzusprechen, hatte ihm geholfen, Distanz zu wahren. Sie hatte langes braunes Haar und eine Haut wie Milch und Honig.

„Wissen Sie, wer mein Vater ist?“

„Das ist mir im Moment ziemlich egal.“ Russ schob sie in eine Zelle und zog die Tür hinter sich zu.

„Jetzt sind wir eingesperrt“, sagte sie.

„Nein, Sie sind eingesperrt, und ich bin der Cop, der den Schlüssel hat.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Sicher?“

„Absolut.“

„Hoffentlich haben Sie recht.“ Lani ging zur Metallpritsche und hob die Wolldecke an. „Wow, Fünf-Sterne-Unterbringung. Die Matratze sieht aus wie eine Yogamatte.“

„Machen Sie es sich bequem. Sie werden eine Weile hier verbringen.“ Russ hatte keine Zeit, für die Prinzessin den Babysitter zu spielen. „Im Park geraten die Leute gerade außer Rand und Band. Ich muss zurück.“

„Entspannen Sie sich, Detective. Die Leute amüsieren sich nur.“

„Ich bezweifle, dass der Cowboy, der niedergeschlagen wurde, viel Spaß hatte.“

„So? Das habe ich gar nicht bemerkt“, erwiderte sie etwas zu unschuldig.

„Dann sind Sie die Einzige in Rust Creek Falls. Jetzt muss ich mich um den Angreifer kümmern.“

„Sie wollen ihn doch nicht etwa verhaften?“

„Sehen Sie es positiv. Sie bekommen Gesellschaft.“

„Lassen Sie mich allein?“

„Sie kommen schon zurecht.“

„Das glaube ich nicht.“ Lani wurde blass und legte eine Hand an die Stirn. „Mir ist etwas schwindlig. Ich fürchte, mir wird schlecht.“

Sofort war Russ bei ihr und legte einen Arm um ihre Taille. Ihre Beine gaben nach, und sie hielt sich an ihm fest, dicht unterhalb seines Gürtels. Er trug sie zur Pritsche, legte sie darauf und setzte sich zu ihr. „Atmen Sie tief durch. Legen Sie den Kopf zwischen die Knie.“

„Dann falle ich um.“ Lani saß auf der dünnen Plastikmatratze, die Hände zu Fäusten geballt, und holte mehrmals tief Luft. „Ich glaube, es geht mir schon besser.“

Russ sah ihr ins Gesicht. Ihre Farbe kehrte zurück. „Ich hole Ihnen Wasser.“

„Nein“, protestierte sie etwas zu heftig. „Das kommt mir nur wieder hoch.“

„Sie brauchen Flüssigkeit. Und ein paar Aspirin könnten auch nicht schaden.“

Etwas an ihr weckte seinen Beschützerinstinkt, aber er wertete es als Pflichtgefühl. Mit Lani Dalton auf engstem Raum zu bleiben, wäre keine gute Idee. Hier konnte er dem verlockenden Duft ihrer Haut nicht ausweichen. Am liebsten hätte er jetzt herausgefunden, ob ihr frecher, sarkastischer Mund wirklich so gut küsste, wie er es sich seit Monaten vorstellte. Abrupt stand er auf und kehrte ihr den Rücken zu.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie.

Hinter ihm knirschte die Matratze, als sie das Gewicht verlagerte. Er drehte sich wieder um, und sie sah ihn stumm an, die Hände auf dem Schoß gefaltet. Ihr Kleid klebte an den Brüsten.

Er fand sie attraktiv, und das gefiel ihm gar nicht. Sein Herz hatte einen Volltreffer abbekommen, und er war fest entschlossen, sich nie wieder zum Idioten machen zu lassen. Deshalb hatte er beschlossen, Lani Dalton nicht kennenzulernen. Und heute Abend hatte sie nichts getan, was ihn diese Entscheidung bereuen ließ. „Ich muss los. Es scheint Ihnen wieder besser zu gehen.“

„Mir ist immer noch übel. Und wenn ich mich nun übergeben muss?“

„Tun Sie, was Sie tun müssen.“ Genau wie er. „Ich muss in den Park, bin aber bald wieder zurück.“

„Lassen Sie sich ruhig Zeit. Ich glaube, ich bin lieber allein.“ Sie verschränkte die Arme und machte ein gelangweiltes Gesicht.

Russ spürte, wie verletzlich sie war. Höchste Zeit, aus der Zelle zu verschwinden. Er ging zur Tür und tastete nach dem Schlüssel. In der rechten Hosentasche war er nicht. Er wühlte in der anderen.

Nichts.

„Verdammt.“

„Gibt es ein Problem?“ Sie klang kein bisschen besorgt.

„Ich habe keinen Schlüssel.“

Lani hielt den Atem an und wartete darauf, dass er darauf kam, was passiert war. Sie hatte ihm den Schlüssel entwendet und unter die Matratze geschoben. Etwas Besseres war ihr nicht eingefallen, um ihren Bruder vor einer Festnahme zu bewahren.

„Vielleicht haben Sie vergessen, ihn einzustecken. Da draußen herrscht das reine Chaos. Wie in einem Horrorfilm. Die Nacht der lebenden Partygänger.“

Russ zog einen Mundwinkel hoch, und eine Sekunde lang hoffte sie auf sein hinreißendes Lächeln. Aber er riss sich zusammen und nahm sein Handy aus der Gesäßtasche. „Ich rufe Gage an.“ Er drückte einige Tasten und runzelte die Stirn. „Offenbar vertragen Elektronik und Wasser sich nicht.“

„Das tut mir ja so leid.“ Das stimmte. Lani hatte sein Handy nicht außer Gefecht setzen wollen. Aber je länger Russ mit ihr beschäftigt war, desto besser für Anderson. „Ich kaufe Ihnen ein neues.“

„Ich glaube kaum, dass Sie ein funktionierendes Handy haben.“

„Doch, zu Hause.“

„Hätte ich mir denken können.“

Lani blickte an sich hinunter. In dem klitschnassen Kleid war sie praktisch halb nackt. Es sollte ihr peinlich sein, aber dazu war sie noch zu aufgedreht. „Ich bin mit meinen Eltern zum Park gefahren und habe meine Handtasche zu Hause gelassen. Und wenn ich es dabei hätte, wäre es auch nass. Außerdem hätte ich es dann an einem Platz, wo ein Gentleman nicht danach suchen würde.“

„Ich bin kein Gentleman. Aber Sie haben recht, es wäre sinnlos, danach zu suchen. Selbst wenn Sie lügen.“

Lani zählte längst nicht mehr, wie oft Russ Campbell mit Gage Christensen ins Ace of the Hole kam und nicht mit ihr sprach. Sie hatte sich bei Gage nach ihm erkundigt und erfahren, dass Russ als Detective bei der Polizei von Kalispell arbeitete und aus Denver zurück nach Montana gezogen war. Niemand wusste warum.

Er seufzte. „Ich meinte nur, wenn Sie ein Handy hätten, würde es auch nicht funktionieren.“

„Ist auch unwichtig“, sagte sie.

Er kniff die Augen zusammen. „Sie sind ganz schön cool, Lani Dalton.“

„So?“ Cool wie attraktiv und verführerisch? Oder cool wie nervig und abschreckend?

„Ich habe erlebt, dass Frauen bei einem harmlosen Strafzettel wegen überhöhter Geschwindigkeit die Fassung verlieren. Aber Ihnen scheint es nicht das Geringste auszumachen, dass Sie festgenommen und eingesperrt wurden.“

„Ihnen doch auch nicht“, erinnerte sie ihn.

„Ich bin ja auch nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten.“

Okay, die Runde ging an ihn. „Ben Dalton ist mein Vater. Wie Sie vielleicht gehört haben, genieß er einen ausgezeichneten Ruf als Anwalt.“

„Aha.“

„Was soll das heißen?“

„Das Sie eine kleine Prinzessin sind. Für Sie gelten die Regeln nicht, weil Ihr Daddy ein Schlupfloch findet und alles wiedergutmacht.“ Russ wich zurück, bis er gegen die Gitterstäbe stieß.

„Da kennen Sie ihn aber schlecht. Er würde die Gesetze niemals umgehen, nicht mal für seine Kinder.“

Das stimmte, und deshalb hatte Anderson niemandem aus der Familie von seinen juristischen Problemen erzählt. Lani wusste nur davon, weil sie ihren Bruder in einem schwachen Moment erwischt hatte. Sie hatte ihm geschworen, nichts zu verraten.

Russ schwieg, wirkte aber nicht sehr glücklich. Kein Wunder. Ihr Baumwollkleid trocknete schneller als seine Jeans und das T-Shirt, und die Stiefel hatten sich vermutlich vollgesogen. Sollte sie anbieten, ihm neue zu kaufen?

„Hören Sie, Russ …“

„Ich muss los und Gage helfen.“ Er ging hin und her. „Wer weiß, wann er herkommt. Vielleicht erst morgen früh.“

„Okay“, sagte sie. „Wir sitzen hier fest. Wenn das Leben einem Zitronen schenkt, mach Limonade daraus. Lassen Sie uns reden.“

„Ich hatte gehofft, dass mir das erspart bleibt.“

„Sind Sie immer so gehässig, oder liegt es an mir?“ Sie hielt seinem zornigen Blick stand. „Wir sollten uns besser kennenlernen.“

„Das halte ich für keine gute Idee.“

„Sie haben ein Bild von mir und ich von Ihnen, aber vielleicht täuschen wir uns beide. Nutzen wir die Gelegenheit, uns ins rechte Licht zu rücken.“ Sie ignorierte seine skeptische Miene. „Okay, ich fange an.“

2. KAPITEL

Russ starrte seine Gefangene an. Sie saß auf der Pritsche in einer Zelle und sah mit ihren großen Augen verdammt reizvoll aus. Falls sie Angst hatte, so ließ sie es sich nicht anmerken. Wie zum Teufel hatte er vergessen können, die Schlüssel einzustecken? Jetzt saßen sie beide hier fest.

Er war abgelenkt gewesen.

Lani Dalton zog den nassen Rock ihres Sommerkleids auseinander. „Wir sind beide eingeschlossen. Es sei denn, einer von uns kann mit bloßen Händen Gitterstäbe verbiegen. Ich kann es nicht.“

Russ schwieg verbissen.

„Im Ernst, Russ, wir wissen nicht, wann jemand kommt und nach uns sieht.“

„Bestimmt taucht Gage bald auf.“

„Das ist reines Wunschdenken, weil Sie mich nicht besonders mögen.“

„Die Festnahme war nichts Persönliches.“ Er wollte sie nicht mögen. Das war ein Unterschied. „Es ist mein Beruf.“

„Wir können uns anschweigen. Oder wir unterhalten uns, damit die Zeit schneller vergeht. Kommen Sie, setzen Sie sich.“ Sie klopfte auf die Pritsche.

Er wollte nicht neben ihr sitzen, aber wenn er sich weigerte, würde er erklären müssen, warum er lieber stand. Nach kurzem Zögern nahm er Platz, so weit wie möglich von Lani entfernt.

Sie sah ihn erwartungsvoll an. Als er nichts sagte, räusperte sie sich. „Ich wurde vor sechsundzwanzig Jahren hier in Rust Creek Falls geboren, als fünftes von sechs Kindern. Ich lebe bei meinen Eltern und arbeite auf unserer Ranch. Ich miste die Ställe aus, reite die Weidezäune ab und füttere das Vieh.“

„Ich denke, Sie arbeiten im Ace of the Hole.“

„Nur Teilzeit. Rosey Traven ist die beste Chefin der Welt.“

Russ wusste, wie unangenehm betrunkene Gäste werden konnten. Gerade gegenüber einer so attraktiven Frau wie Lani. „In einer Bar kann es ziemlich ungemütlich werden.“

„Manchmal. Aber Roseys Mann Sam war Navy SEAL. Er kennt dreihundert Methoden, um einen Bösewicht mit einer Cocktailserviette außer Gefecht zu setzen.“

„Was gefällt Ihnen an dem Job?“

Sie zuckte mit den Achseln, und unter dem feuchten Material zeichneten sich ihre Brüste noch deutlicher ab. „Ich bin ein geselliger Mensch. Ich rede gern mit den Stammgästen, und fast jeder in Rust Creek Falls kommt mal vorbei. Ich bin neugierig, kann gut zuhören, und offenbar unterhalten die Gäste sich auch gern mit mir.“

Er lachte.

„Was ist daran so lustig?“, fragte sie.

„Mein Job ist das exakte Gegenteil. Ich bin Detective in Kalispell, und niemand will mit mir reden.“

„Ich verstehe, was Sie meinen.“ Sie lächelte. „Aber ist das ein Wunder? Ich verkaufe Drinks, Sie vernehmen Verdächtige.“ Sie drehte sich halb zu ihm. „Ich bin eine Mischung aus Familientherapeutin und Beichtmutter. Die Leute öffnen sich mir, und für mich gehört es zum Job, Ratschläge anzubieten oder einfach nur zuzuhören.“

„Ich wusste gar nicht, dass der Job so anspruchsvoll ist.“

„Machen Sie sich ruhig über mich lustig.“ Sie warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ich glaube, die Menschen vertrauen mir.“

„Inwiefern?“

„Rust Creek Falls ist eine Kleinstadt. Jeder kennt jeden, und manche Leute denken, sie müssten alles über andere wissen. Aber es gibt Dinge, die vertraulich bleiben müssen. Meine Gesprächspartner wissen, dass sie sich auf mich verlassen können.“

„Ich weiß, wie es in Kleinstädten ist.“

„Woher? Verglichen mit Rust Creek ist Kalispell ziemlich groß.“

„Ich bin in Boulder Junction aufgewachsen, einem kleinen Ort auf halbem Weg zwischen hier und Kalispell.“

„Eine Farmgegend, richtig?“

„Ja. Meine Familie hat eine Farm. Vor allem Weizen, Mais und Heu.“

„Was noch?“

„Äpfel. Kartoffeln. Gerste.“

„Klingt nach einer ziemlich großen Farm.“

„Ja.“ Eine der größten in Montana.

„Familie?“

„Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe Eltern und Geschwister.“

„Jungs? Mädchen?“

„Zwei Brüder und eine Schwester. Ich bin der Älteste.“ Normalerweise redete Russ nicht so viel, aber etwas an Lani Dalton, etwas in ihren Augen verriet echtes Interesse. Sie hörte ihm zu, und er hatte nicht mal einen Drink bestellen müssen. Er hatte sie bloß wegen Trunkenheit in der Öffentlichkeit festgenommen.

„Sind Sie weit herumgekommen?“

„Ein bisschen.“

„Sie Glücklicher. Ich war nie richtig weg.“ Ihr Blick wurde sehnsüchtig. „Haben Sie jemals daran gedacht, Montana zu verlassen?“

„Nein.“ Jedenfalls nicht, seit er vor ein paar Jahren aus Colorado zurückgekehrt war.

Sie musterte ihn. „Erzählen Sie mir von Ihren Brüdern und Schwestern. Sind sie verheiratet? Haben Sie Nichten oder Neffen?“

„Nein. Was ist mit Ihnen?“

„Ich habe zwei Schwestern und drei Brüder. Die ältesten beiden waren auf Bradens und Jennifers Hochzeit …“

„Was denn?“, fragte er, als sie verstummte.

„Nichts.“ Ihre Körpersprache hatte sich verändert. Sie setzte sich aufrecht hin und schüttelte den Kopf, als gäbe es etwas, worüber sie nicht sprechen wollte. „Mein Bruder Caleb hat letztes Jahr geheiratet, meine Schwester im Jahr davor, und sie und ihr Mann haben einen kleinen Sohn.“

„Gut für sie.“

„Ja, sie scheinen glücklich zu sein. Aber ich weiß nicht, ob das ein Leben für mich wäre.“

An einem Abend voller Überraschungen war das für ihn vielleicht die größte. „Träumt nicht jedes Mädchen von einem langen weißen Kleid und dem Gang zum Altar?“

Sie lachte. „Ich bin nicht jedes Mädchen. Und falls Sie das Rundschreiben noch nicht bekommen habe, eine Frau braucht keinen Mann, um ein glückliches und erfülltes Leben zu führen.“

„Klingt wie eine Frau, die sitzen gelassen wurde.“ Er beobachtete, wie ihr Mund schmaler wurde, und vermutete, dass er richtig lag.

Gereizt beugte sie sich zu ihm. „Beruht Ihre Feststellung auf Ihren detektivischen Fähigkeiten?“

„Nein, eher auf einem Bauchgefühl.“

„Wow, ich wusste gar nicht, dass ich mit einem Tiefenpsychologen in einer Zelle sitze.“

Russ spürte ihre Körperwärme und ihren Atem an seiner Wange. So unauffällig wie möglich holte er Luft. „Wissen Sie, Lani, es geht mich zwar nichts an, aber ich finde, Sie sollten von einer schlechten Erfahrung nicht auf die Ehe im Allgemeinen schließen.“

„Weil Sie verheiratet sind und es wärmstens empfehlen?“

„Nein.“

„Waren Sie mal verheiratet?“

„Nein.“

„Was qualifiziert Sie dann, für die Ehe zu werben?“

„Es spricht eine ganze Menge dafür.“ Er konnte nur hoffen, dass das nicht so lahm klang, wie es sich anfühlte. Ihm gefiel, wie ihre Augen aufblitzten, wenn sie sich ärgerte. Die grünen und goldenen Tupfen traten deutlicher hervor und ließen das Feuer erahnen, das dahinter brannte.

„Zum Beispiel?“

„Na ja …“ Er überlegte kurz. „Dass jemand abends auf einen wartet.“ Das hatte er vermisst, nachdem Alexis ihn verlassen hatte. „Dass jemand einem zuhört, wenn man einen schlechten Tag hatte. Und die guten Tage mit einem feiert.“

„Dafür habe ich Freundinnen.“ Lani zitterte buchstäblich vor Entrüstung. „Ich verstehe nicht, warum man den Rest seines Lebens mit nur einem Menschen verbringen soll. Männer machen Versprechungen, die sie gar nicht halten wollen. Im Ernst, aus zwei Eheringen können schnell Handschellen werden.“

„Sie haben doch selbst gesagt, dass Ihr Bruder und Ihre Schwester glücklich verheiratet sind“, warf er ein.

„Die beiden waren immer die schwarzen Schafe der Familie.“

„Vergessen Sie es einfach, okay?“

Sie verdrehte die Augen. „Warum so empfindlich? Sie haben davon angefangen.“

„Nein, Sie“, erinnerte er sie. „Sie haben nach meiner Familie gefragt und von Ihrer erzählt.“

„Ich dachte, die meisten Männer wollen Junggesellen bleiben, aber Sie schwärmen von der Ehe. Und jetzt werden Sie auch noch zickig“, warf sie ihm vor.

Sie war aufgebracht und offenbar doch zu starken Gefühlen fähig. Es machte sie noch reizvoller. Russ wollte ihre Leidenschaft spüren und musste sich beherrschen, um sie nicht einfach an sich zu ziehen. Aber die verschlossene Tür verhinderte, dass er die Flucht ergriff. Er musste dieses Gespräch sofort beenden. „Sie haben recht. Ich bin gern allein.“ Sein Gesicht war nur eine Armlänge von ihrem entfernt.

„Sie wechseln Ihre Meinung so abrupt, dass man ein Schleudertrauma bekommt, wenn man Ihnen zuhört. Was gefällt Ihnen denn daran, keine Verpflichtungen zu haben?“

„Wenn ich Verpflichtungen hätte, könnte ich das hier nicht tun.“

Russ hatte es nicht geplant, und was er tat, wurde ihm erst bewusst, als seine Lippen ihre berührten. Er legte eine Hand an ihre Wange und wartete auf Lanis Reaktion. Als sie leise seufzte, hätte er fast vergessen, wo sie beide sich befanden.

Verdammt! Sie saßen in einer Haftzelle, verdammt. Hastig wich er zurück und ließ die Hand sinken. „Es tut mir leid.“

Lani blinzelte. „Warum?“

„Ich bin Polizist. Diese Situation auszunutzen, erfüllt den Tatbestand der sexuellen Belästigung. Sie haben allen Grund, empört zu sein.“

Lani war kein bisschen empört. Endlich hatte Russ sie richtig wahrgenommen! Er hatte sie geküsst, und es hatte sich gut angefühlt. „Ich bin nicht empört.“

„Ich könnte es verstehen, wenn Sie mich anzeigen.“

„Warum haben Sie wirklich aufgehört?“ Lani näherte sich ihm, bis ihre Oberschenkel seine berührten und ihr Arm seinen streifte. Sie schnappte nach Luft.

„Es gibt Regeln.“ Seine Stimme zitterte, und er atmete schwer.

In diesem Moment waren ihr die Regeln egal.

„Vielleicht muss man die Regeln manchmal brechen.“ Sie sah ihm in die Augen und küsste ihn.

Deutlich spürte sie sein Zögern und hörte, wie Russ einen Laut von sich gab, der irgendwo zwischen einem Aufstöhnen und einer Verwünschung lag. Plötzlich erwiderte er den Kuss und berührte sie überall.

Sie wollte ihm noch näher sein und zog ihm das Hemd aus der Hose. Ihr leises Keuchen erfüllte den winzigen Raum.

„Verdammt. Ich habe kein Kondom dabei“, flüsterte er frustriert.

„Ich nehme die Pille.“

„Das ist gut.“

Er schob ihr Kleid bis zur Taille hoch, riss sich das Hemd vom Körper und öffnete seine Hose.

Lani konnte kaum fassen, dass er sie so sehr begehrte wie sie ihn. Ohne den Mund von ihrem zu lösen, drückte er sie behutsam auf die Matratze und zog ihr den Slip aus. Dann strich er an ihr hinab. „Lani, ich will dich.“ Die Worte waren kaum mehr als ein warmer Hauch an ihren Lippen.

Mehr als ein Ja brachte sie nicht heraus, und mehr brauchte Russ nicht. Als er langsam und zärtlich in sie eindrang, schlang sie die Beine um seine Taille. Mit jeder Bewegung wuchs ihr Verlangen, bis sie es nicht mehr aushielt und aufschrie.

„Lani …“ Ihr Name ging in einem Stöhnen unter.

Ihre Atmung normalisierte sich und war das einzige Geräusch in der Zelle. In Russ’ kräftige Arme geschmiegt, fand Lani es plötzlich nicht mehr schlimm, dass er sie festgenommen hatte. Sie war sich nicht sicher, was und wie viel sie auf der Hochzeit getrunken hatte, aber es schien ihre Hemmschwelle deutlich abgesenkt zu haben.

Plötzlich war sie erschöpft, und die Augen fielen ihr zu.

Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte. Irgendwann fühlte sie, wie Russ sich bewegte.

„Mein Arm ist taub.“

Blinzelnd schlug Lani die Augen auf und brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo sie war. Und was sie getan hatte. Was sie beide getan hatten, hier in der Zelle. Russ hatte sie schlafen lassen, bis sein Arm taub war. Wie süß.

„Wir ziehen uns besser an.“ Russ stand auf und reichte ihr den Slip, bevor er ihr den Rücken zukehrte, während sie ihre Kleidung richtete.

„Danke.“ Ihr fehlte seine Wärme, sein Körper an ihrem. Er war wieder der attraktive Mann, der sie nicht richtig wahrnahm.

Er sah sie nicht mal mehr an. Sie strich das Kleid glatt und starrte auf die Gitterstäbe.

„Normalerweise tue ich so etwas nicht.“ Endlich sah er sie an.

„Ich auch nicht.“

„Geht es dir gut?“, fragte er. „Du siehst irgendwie … ich weiß nicht.“ Sein Mund war ein Strich. Offenkundig bereute er, was passiert war. „Es tut mir leid.“

„Muss es nicht.“ Lani schüttelte den Kopf. Eine Entschuldigung bedeutete, dass sie etwas falsch gemacht hatten, und das wollte sie nicht glauben. „Ich muss dir etwas erzählen …“

Er hob eine Hand. „Ich weiß, was du sagen willst. Es ist wie der Morgen danach, und du hasst dich.“

„Nein, ich …“

Die Eingangstür zum Büro des Sheriffs ging auf und fiel zu. „Russ? Bist du da?“

„Hier hinten!“, rief er mit grimmiger Miene.

Gage erschien im Zellengang und riss die Augen weit auf, als er sie bemerkte. „Was zum Teufel …“

„Junge, bin ich froh, dich zu sehen.“ Russ fuhr sich durchs Haar.

„Möchtest du mir erklären, was hier los ist?“, fragte der Sheriff.

„Nicht wirklich. Aber da du der Chef bist, solltest du es wohl wissen.“ Er holte tief Luft. „Ich habe den Schlüssel verloren.“

Gage zog einen Mundwinkel hoch. „Ich bin zwar kein Detective wie du, aber irgendwie habe ich mir so was gedacht. Was ich nicht verstehe, ist, warum du mit Lani Dalton in einer Zelle steckst.“

„Ich habe sie wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses festgenommen.“

„Das stimmt“, bestätigte Lani verlegen. „Ich habe im Springbrunnen im Park getanzt. Ich schwöre, ich war nicht betrunken. Angeblich war in der Bowle nur Sekt, aber das Zeug war …“

„Ich bin verantwortlich“, unterbrach Russ sie scharf.

„Russ, ich möchte wissen, warum du in der Zelle warst, als die Tür ins Schloss gefallen ist.“

„Die Gefangene wollte nicht allein bleiben und hat mit mir diskutiert.“

„Und das hättest du nicht vom Zellengang aus klären können.“ Gage legte eine Hand an die Gitterstäbe. „Anfängerfehler.“

„Wie lange hängt mir das an?“

„Könnte zur Legende werden.“ Lächelnd schloss der Sheriff die Zellentür auf. „Gut, dass ich einen Zweitschlüssel habe.“

Russ verließ die Zelle, und Lani wollte ihm folgen. Er blieb stehen, und sie stieß gegen seinen breiten Rücken.

„Nicht so schnell.“ Er drehte sich zu ihr um. „Falls du es vergessen hast, ich habe dich festgenommen.“

Sie hatte es tatsächlich vergessen. Kein Wunder. Sex in einer Zelle war eine echte Premiere.

„Lass sie gehen, Russ.“ Gage stützte die Hände auf die Hüften. „Sie ist keine Gewohnheitskriminelle, und verglichen mit dem, was andere Leute sich heute geleistet haben, ist ihr Vergehen harmlos. Wir haben Wichtigeres zu tun.“

Russ sah ihn an und nickte. „Wenn du meinst.“

„Sollen wir dich nach Hause fahren, Lani?“, fragte Gage.

„Nein.“ Ihr schlechtes Gewissen war schon groß genug.

„Okay. Mach uns keinen Ärger mehr. Ich will nicht bereuen, dass ich dich freigelassen habe.“ Er bedachte sie mit einem strengen Blick.

Sie salutierte. „Ja, Sir.“

Lächelnd ging der Sheriff davon.

Plötzlich war es Lani äußerst wichtig, dass Russ nicht schlecht von ihr dachte. Sie räusperte sich. „Russ, ich möchte dir sagen, dass …“

„Nicht jetzt. Ich muss arbeiten. Und als Erstes muss ich dafür sorgen, dass du sicher nach Hause kommst.“ Er brachte sie zum Ausgang und ließ ihr den Vortritt. Dann ging er zum Streifenwagen des Sheriffs und öffnete die hintere Tür.

Lani blieb nichts anderes übrig, als einzusteigen.

Russ sah sie nicht mehr an.

Also hatte sich nichts geändert. Sie konnte wieder bei null anfangen.

Als Russ vor ihrem Haus hielt, öffnete Lani die Tür des Streifenwagens. Auf der Fahrt hatte er kein Wort gesagt.

„Schaffst du es allein hinein?“

„Natürlich. Warum nicht?“

„Vielleicht ist niemand zu Hause. Du hast keine Handtasche, also keine Schlüssel.“

„Kein Problem.“ Sie sah ihn an. „Russ, ich möchte dir sagen …“

„Bitte mach die Wagentür zu, Lani. Von außen.“

„Okay. Tut mir leid. Gute Nacht.“ Leere Worte, denn sie wusste, dass diese Nacht alles andere als gut werden würde. „Danke, dass du mich hergefahren hast.“

Sie stieg aus und sah dem Streifenwagen nach, bis die Heckleuchten um eine Ecke verschwanden. Ein Blick auf die dunklen Fenster des Hauses verriet, dass ihre Eltern und ihre Schwester schon im Bett waren. Mit etwas Glück würden sie nichts von ihrem Auftritt im Springbrunnen erfahren.

Lani holte den Notfallschlüssel unter dem Stein an der Terrasse hervor, schloss die Tür auf und ging in die Küche. Die grün leuchtende Uhr der Mikrowelle zeigte, wie spät es war.

Offenbar verflog die Zeit, wenn man sich amüsierte. Und das hatte Lani getan. Jedenfalls bis Russ ihr die kalte Schulter gezeigt hatte. Dass sie mit ihm geschlafen hatte, noch dazu in der Zelle, erschien ihr jetzt unwirklich. Als hätte sie es nur geträumt.

Plötzlich ging das Licht an.

„Wo um alles in der Welt warst du?“ Ihre Schwester stand an der Treppe.

Lani schrie leise auf. „Du meine Güte, hast du mich erschreckt.“

„Entschuldige.“ Lindsay klang gereizt. „Ich habe Geräusche gehört.“

„Warum bist du noch auf?“

„Ich konnte nicht schlafen und habe mir Sorgen gemacht. Ich habe den ganzen Park nach dir abgesucht. Wir wollten uns nach dem Feuerwerk treffen und zusammen nach Hause fahren.“

„Es sei denn, eine von uns beiden wird abgeschleppt, vergessen?“ Sie hatte es scherzhaft gemeint. Sie war keine Hellseherin und hatte nicht wissen können, dass Russ sie festnehmen würde.

„Heißt das, du warst mit einem Kerl zusammen?“

„Was meinst du damit?“, wich Lani aus.

„Ich habe dich aus dem Wagen des Sheriffs steigen sehen. Warum hat er dich nach Hause gefahren?“

Lani schaute nervös zur Treppe. „Nicht so laut.“

Lindsay verschränkte die Arme. „Was ist heute Abend bloß los? Du verschwindest, Travis und Anderson legen sich im Park mit Skip Webster an …“

Nach dem, was in der Zelle passiert war, hatte Lani ihren Bruder ganz vergessen. „Geht es ihm gut?“

„Skip geht’s so weit gut. Er hat eine geschwollene Lippe, aber nicht zum ersten Mal.“

„Nicht Skip! Anderson. Und Travis.“

„Den Jungs geht es gut. Sie schlafen ihren Rausch aus. Anderson hat zu viel getrunken, um nach Hause zu fahren, und übernachtet in seinem alten Zimmer.“ Lindsay warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich hätte deine Hilfe brauchen können. Wo warst du? Ist alles in Ordnung? Und warum hat der Sheriff dich hergebracht?“

„Es war nicht der Sheriff.“

„Wer war es?“

„Russ Campbell.“

„Wer?“

„Ich habe dir von ihm erzählt. Der Detective aus Kalispell, der hin und wieder ins Ace of the Hole kommt.“ Und so tut, als wäre ich unsichtbar.

„Der hinreißende Cop, für den du nicht existierst?“

Jetzt schon, dachte Lani. „Genau der.“

„Warum hat er dich nach Hause gebracht?“

„Hör zu, nur weil du Jura studierst und diesen Sommer in Dads Kanzlei arbeitest, hast du noch lange kein Recht, mich einem Kreuzverhör zu unterziehen.“

„Wenn du mir nicht sagst, wo du warst, bekommt Dad es heraus. Wir wissen beide, wie gut er darin ist.“ Lindsay drehte sich zur Treppe um.

„Warte. Weck ihn nicht. Es ist spät.“

„Okay, dann spuck’s aus.“

Lani atmete tief durch. „Ich bin festgenommen worden.“

„Was?“

„Ich habe im Brunnen im Park getanzt. Und gesungen. Als Russ Campbell mich herausholen wollte, habe ich ihn ins Wasser gezogen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn gezwungen, mich festzunehmen.“

„Warum?“, fragte Lindsay verwirrt.

„Ich wollte ihn davon abhalten, Anderson festzunehmen.“

„Also hast du dich geopfert?“ Lanis Schwester schüttelte den Kopf. „So schlimm war der Streit doch gar nicht.“

„Skip Webster hat verlangt, dass jemand festgenommen wird, und Russ schien ihm den Gefallen tun zu wollen.“

„Dad hätte Anderson aus dem Gefängnis geholt.“

„Erregung öffentlichen Ärgernisses ist nicht so schlimm wie Körperverletzung. Ich wollte Russ ablenken.“

„Russ? Hört sich an, als wärt ihr beide euch hinter Gittern ziemlich nahegekommen.“ Lindsay starrte sie an. „Du verschweigst mir etwas. Den Gesichtsausdruck kenne ich.“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Du hast gerade gesagt, dass du Russ ablenken wolltest. Das klingt nach Vorsatz. Und du nennst ihn beim Vornamen. Wie genau hast du ihn abgelenkt?“

Lani fühlte, wie ihre Wangen sich erwärmten.

Lindsays Augen wurden groß. „Das hast du nicht.“

„Natürlich habe ich nicht mit ihm geschlafen.“

„Das habe ich auch nicht behauptet. Wie kommst du denn darauf? Wieso fällt dir das als Erstes ein?“

Lani zweifelte nicht daran, dass ihre Schwester eines Tages eine sehr gute Juristin sein würde. „Du klingst wie eine Staatsanwältin.“

„Das nehme ich als Kompliment.“ Lindsay kniff die Augen zusammen. „Aber ich bin nicht dumm, Schwesterherz. Zwischen dir und Russ ist etwas passiert. Du warst stundenlang weg, und ich möchte eine Erklärung.“

„Keine große Sache.“ Lügnerin. „Wir waren zusammen in der Zelle eingeschlossen. Ich habe seine Schlüssel versteckt, damit er nicht sofort in den Park zurückkehrt und Anderson festnimmt.“

„Ich bin sprachlos.“

„Das wäre das erste Mal.“

„Wie bist du herausgekommen?“

„Gage hat uns befreit.“

„Ich kann nicht glauben, wie gerissen du bist.“

„Einfallsreich. Hauptsache, Anderson ist davongekommen.“

„Um dich mache ich mir Sorgen“, sagte Lindsay. „Ich hoffe, Russ zeigt dich nicht wegen Behinderung der Justiz an.“

Das hoffte Lani auch.

3. KAPITEL

Als ihr Wecker schrillte, war es noch dunkel. Lani hatte das Gefühl, gerade erst eingeschlafen zu sein. Das Wochenende war vorbei, und auf sie wartete Arbeit. Kühe und Pferde hatten auch dann Hunger, wenn die Farmer hundemüde waren.

Als sie die Küche betrat, nahm Anderson gerade die Kopfschmerztabletten aus dem Regal über der Kaffeemaschine.

„Kann ich auch zwei davon haben?“

Er hielt ihr das Fläschchen hin. „Du siehst schrecklich aus.“

„Danke. Du auch.“ Sie schüttelte sich die Tabletten in die Hand. „Wie bist du gestern nach Hause gekommen?“

„Ich weiß nicht genau.“ Er fuhr sich durchs Haar. „Es ist alles verschwommen. Ich habe einen Kater, obwohl ich nur die Bowle auf Bradens und Jennifers Empfang getrunken habe.“

Sie blies in ihren Kaffee. „Also erinnerst du dich nicht daran, dass du Skip Webster eine aufgeplatzte Lippe verpasst hast?“

Er bewegte die Finger der rechten Hand. „Ja, das erklärt die geschwollenen Knöchel.“

„Das ist nicht dein Stil, Anderson.“

„Dad hat uns Jungs dazu erzogen, keinen Streit anzufangen. Aber wenn jemand anderes es tut, sollen wir nicht davonlaufen.“ Er rieb mit einem schwieligen Daumen über den Henkel seines Kaffeebechers.

„Skip hat Travis geschlagen, als er nicht hinsah, und du bist dazwischengegangen. Skip hat angefangen.“

„Okay.“ Er nickte grimmig. „Wenn du nur Zuschauerin warst, hast du keinen Ärger bekommen, oder?“

„Was meinst du mit Ärger?“

„Was ist passiert, Lani?“

„Russ Campbell wollte dich wegen Körperverletzung festnehmen, deshalb habe ich ihn abgelenkt.“

Er kniff die Augen zusammen. „Wie?“

„Ich habe ihn dazu gebracht, mich festzunehmen.“

„Und das hat er getan?“

„Ja.“

„Warum, Lani?“

„Du hast genug juristische Probleme. Ohne deinen Sorgerechtsstreit hätte ich mich herausgehalten.“

Sein Mund wurde schmal. „Ginnie hat mir nicht mal gesagt, dass ich Vater werde.“

„Das Leben ist nun mal unfair.“ Es war nicht fair, dass Russ sie hassen würde, wenn er herausfand, dass sie seine Schlüssel genommen hatte. Und es war auch nicht fair, dass er sie geküsst, sie den Kuss erwidert und sie beide die Kontrolle verloren hatten.

„Geht es dir gut, Lani?“ Anderson musterte sie. „Du bist plötzlich blass geworden.“

„Alles in Ordnung.“ Sie durfte jetzt nicht nur an sich denken. „Bestimmt zieht das Gericht in Betracht, dass die Mutter deines Kindes dir ihre Schwangerschaft verheimlicht hat.“

„Als wäre das nicht schlimm genug, hat sie mir auch noch zehn Jahre lang nichts von dem Kind erzählt.“

„Das ist nicht mehr zu ändern, Anderson. Jetzt kannst du nur noch um dein Recht kämpfen, und dazu brauchst du eine saubere Weste.“

„Stimmt, aber ich will nicht, dass du meinetwegen Ärger bekommst.“

„Ich glaube nicht, dass das passiert. Nachdem Gage uns aus der Zelle befreit …“

„Uns? Du warst nicht allein?“

„Das tut nichts zur Sache. Gage hat mich einfach so gehen lassen, weil er anderes zu tun hatte.“

„Was denn?“

„Heute Morgen wundern sich vermutlich viele Leute über einen dicken Kopf.“ Sie zuckte die Achseln. „Ich glaube nicht, dass der Sheriff mich anzeigt.“

„Falls doch, kann Dad dir helfen.“

„Dir auch. Vorausgesetzt, du lässt ihn.“

„Ich habe meine Gründe.“ Anderson schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass du dich für mich opferst.“

„Das würdest du doch auch tun.“

„Ja, so sind wir Daltons. Deshalb möchte ich, dass du niemandem von meinem Sorgerechtsstreit erzählst.“

„Anderson …“

„Nein.“ Er blickte zur Treppe und senkte die Stimme. „Dad hat keine Erfahrung mit Sorgerechtsfällen. Außerdem weißt du, wie sehr Mom sich Enkelkinder wünscht. Wenn ich verliere, würde es ihr das Herz brechen. Nein, Lani, das kann ich den beiden nicht antun. Es sei denn, ich bekomme wenigstens ein Besuchsrecht eingeräumt. Du hast versprochen, niemandem ein Wort zu verraten.“

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Von mir wird niemand etwas erfahren.“

„Okay.“ Er nickte. „Ich hoffe, dein Abend in der Zelle war nicht zu schlimm.“

„Du machst dir keine Vorstellung. Orange steht mir nicht, und das Essen und die Matratze …“

Anderson zog an ihrem Pferdeschwanz. „Du neigst zur Melodramatik. Das ist zwar sehr unterhaltsam, aber wir müssen zur Ranch.“

„Richtig.“

Warum hatte sie die Matratze erwähnen müssen, auf der sie mit Russ Campbell geschlafen hatte? Fast wünschte sie, er würde sie anzeigen. Dann müsste er nämlich wieder mit ihr sprechen. Sie bezweifelte, dass er ins Ace in the Hole kommen würde, wenn sie dort arbeitete. Wenn sie Detective Dreamy wiedersehen wollte, musste sie gegen das Gesetz verstoßen.

Und Lani wollte ihn unbedingt wiedersehen.

Russ Campell stieg vor der Polizeiwache aus seinem Pick-up und ging in das Büro des Sheriffs.

Gage saß am Schreibtisch. „Danke, dass du vorbeikommst.“

„Kein Problem. Du hast gesagt, es sei wichtig.“

„Ist es.“ Der Sheriff warf seinen Kugelschreiber auf die Papiere vor ihm. „Setz dich.“

„Was gibt es?“

„Die Leute sind noch immer besorgt wegen der Ereignisse am 4. Juli. Jeder, mit dem ich gesprochen habe, schwört, dass er keine harten Sachen getrunken hat, aber trotzdem betrunken war.“

„Ja, Will Clifton hat mich in Kalispell auf der Wache besucht. Er glaubt, dass jemand seiner Frau etwas ins Glas gekippt hat. Claire Wyatt und ihr Mann haben mir erzählt, dass sie Bowle getrunken und sich danach ungewöhnlich benommen haben. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen allen Gästen ist die Bowle.“

Gage nickte. „Ich vermute auch, dass jemand etwas hineingetan hat. Aber wir können es nicht beweisen. Der Rest ist weg, und sämtliche Gläser sind abgewaschen. Und Blutproben von den Gästen bringen auch nichts mehr. Nächste Woche ist Labor Day, und danach kommt auch schon Halloween. Es wird jede Menge Partys geben. Die Leute haben Angst, dass sich die mysteriöse Geschichte wiederholt.“

„Verständlich.“

„Ich brauche deine Hilfe, Russ. Du bist Detective und warst an dem Abend im Einsatz. Du weißt, wie man ermittelt und Detailinformationen zu einem Gesamtbild zusammensetzt.“

Russ brauchte nicht lange zu überlegen. Er verdankte seinen Job in Kalispell vor allem Gages Empfehlungsschreiben. „Ich habe seit zwei Jahren keinen Urlaub mehr eingereicht, das heißt, ich kann einen Monat Vollzeit arbeiten. Wenn ich hier wohne, kann ich mich leichter umhören.“

Der Sheriff nickte. „Strickland’s Boarding House könnte ein Zimmer für dich haben. Wenn nicht, nehmen Lisa und ich dich gern auf.“

„Ich probiere es in der Pension.“

„Danke, Russ. Ich schulde dir etwas.“

„Ich revanchiere mich nur.“ Er räusperte sich. „Wer auch immer die Bowle manipuliert hat, wollte eine Botschaft senden. Und zwar an einen Großteil der Einwohner.“

„Das denke ich auch.“

„Alle möglichen Gäste haben davon getrunken. Geschäftsleute, Rancher, junge Eltern. Welche Gemeinsamkeit könnte es zwischen denen geben?“

„Das ist die Frage.“ Gage schnippte mit den Fingern. „Mir kommt gerade eine Idee. Die Leute reden, und viele von ihnen tun es im Ace in the Hole.“

Russ nickte. „Ich spreche mit Rosey Traven.“

„Vielleicht solltest du lieber mit jemandem reden, der direkt mit den Gästen zu tun hat.“

„Gute Idee. Ich war hin und wieder dort und kenne zwei Kellnerinnen. Annie Kellerman und Liza Bradley.“

Sie waren hübsch, aber eben nicht Lani.

Gage schüttelte den Kopf. „Die beiden sind noch nicht lange in der Stadt. Fang mit Lani Dalton an. Sie kennt jeden und könnte etwas gehört haben.“

Russ sah ihn überrascht an. „Muss ich dich daran erinnern, wie verdächtig sie sich an dem Abend benommen hat? Dir ist klar, dass sie meine Schlüssel genommen und versteckt hat, um mich außer Gefecht zu setzen.“

Der Sheriff lachte. „An dem Abend haben sich viele brave Bürger seltsam benommen. Lani war auch ein Opfer. Vielleicht war sie ja nur scharf auf dich, Russ, und wollte mit dir allein sein.“

Volltreffer! Allerdings hatte Russ freudig mitgemacht. Er wich dem Blick seines Freundes aus. „Sie ist schon eine Nummer.“

„Wie der Rest ihrer Familie. Aber sie hatte vorher noch nie Ärger mit der Polizei.“

„Wenn du es sagst.“

„Ich sage es. Rede mit Lani. Fang mit ihr an.“

Russ stand auf. „Okay. Es ist deine Stadt. Wir machen es so, wie du willst.“

Was für ein Schlamassel. Nach Monaten, in denen er ihr aus dem Weg gegangen war, musste er ausgerechnet mit der Frau reden, der er nicht traute.

Aber der Mensch, dem er am allerwenigsten traute, war er selbst.

Lani blickte durchs Fenster auf den Balken, an dem die Cowboys ihre Pferde festbanden, bevor sie das Ace of the Hole betraten. Die Fliegengittertür quietschte jedes Mal, wenn ein Gast hereinkam. Hinter ihr nahm der Tresen mit den Hockern eine gesamte Wand ein. Schon bald würden alle Plätze besetzt sein.

Lani kümmerte sich um die Bar und die Tische, bis Annie Kellerman sie als Kellnerin ablöste. Die Barkeeperin hatte angerufen und gesagt, dass sie heute Abend etwas später kommen würde. Lani warf Wes Eggleton einen besorgten Blick zu. Seine Frau hatte sich kürzlich von ihm getrennt, und er starrte so betrübt in sein Bierglas, als würde er sich am liebsten kopfüber hineinstürzen.

„Hey, Wes“, sagte Lani. „Möchtest du ein Wasser?“

Seine Augen waren blutunterlaufen. „Nein danke.“

„Wie läuft es mit dir und Kathy?“

„Sie will die Scheidung.“

Das erklärte einiges. „Tut mir leid.“ Die beiden hatte eine dreijährige Tochter. „Gibt es eine Chance, dass ihr euch versöhnt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Sie will, dass ich zur Eheberatung gehe, aber das tue ich nicht.“

„Warum nicht?“

Wes schwieg.

Lani hob beschwichtigend eine Hand. „Entschuldige, es geht mich nichts an. Du musst nicht darüber reden, wenn du nicht möchtest.“

„Nein, schon gut.“ Wieder zuckte er mit den Achseln. „Ich weiß nur nicht, ob es meine Probleme löst, wenn ich darüber spreche.“

Die Tür quietschte und fiel ins Schloss. Wer immer es war, er würde einen Moment auf seinen Drink warten müssen.

„Das weiß ich auch nicht“, sagte Lani zu Wes. „Aber vielleicht tut es ganz gut, mal eine dritte Meinung zu hören.“

„Glaube ich nicht“, erwiderte er trotzig.

Sie füllte Eis und Sodawasser in ein Glas, gab eine Zitronenscheibe hinzu und stellte es neben sein Bier. „Wenn du nichts unternimmst, ist es ganz aus, richtig? Also hast du nichts zu verlieren. Auf jeden Fall kannst du eines Tages deinem kleinen Mädchen sagen, dass du alles versucht hast, um eure Familie zusammenzuhalten.“

Wes starrte sie an und nickte dann. „Daran habe ich noch gar nicht gedacht.“

„Siehst du?“ Sie lächelte. „Manchmal hilft es, mit jemandem zu reden.“

„Ich werde darüber nachdenken. Danke, Lani.“

„Keine Ursache.“ Sie legte ihm einen Strohhalm hin. „Sag Bescheid, wenn du noch etwas brauchst.“

Sie drehte sich halb zu dem neu eingetroffenen Gast. „Tut mir leid, dass Sie warten mussten. Ich …“

Die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie Russ Campbell in verwaschenen Jeans, engem T-Shirt und Lederjacke vor sich sah.

„Hallo, Lani.“

Sie konnte nicht glauben, dass er wirklich da war. „Es ist eine Weile her“, brachte sie schließlich heraus.

„Ich bin dienstlich hier.“

Also sprach er nicht freiwillig, sondern als Polizist mit ihr. „Hast du Gage überredet, mich doch noch wegen meines Auftritts im Springbrunnen anzuzeigen?“

„Darum geht es nicht.“ Er zog einen Mundwinkel hoch. „Ich bin wegen der anderen Dinge hier, die sonst noch am 4. Juli passiert sind.“

Ihr Herz klopfte. Ihr wurde warm, als sie daran dachte, wie Russ sie in den Armen gehalten hatte. „So?“

„Viele Leute haben uns gemeldet, dass sie auf dem Hochzeitsempfang Bowle getrunken und sich danach ungewöhnlich benommen haben.“

„Wie ich?“

„Ja, wie du. Wir sind uns ziemlich sicher, dass jemand etwas in die Bowle gekippt hat.“

„Wer sollte das tun? Und warum?“

„Keine Ahnung. Gage hat mich beauftragt, es herauszufinden.“

„Du hast doch einen Hauptjob.“ Als Detective in Kalispell. Detective Dreamy …

„Ich habe mir einen Monat Urlaub genommen.“

„Jetzt machst du mir Angst. Nimmt der Sheriff die Sache so ernst?“

Russ nickte. „Falls jemand Rust Creek Falls schaden willen, könnte sich der Vorfall wiederholen. Am Labor Day gibt es Picknicks und öffentliche Festivitäten. Das wäre die ideale Gelegenheit.“

„Oh, du meine Güte …“

„Danach kommen Halloween, Thanksgiving, Weihnachten. Ich muss der Sache vorher auf den Grund gehen.“ Seine Miene verriet Entschlossenheit. „Und ich fange mit dir an.“

„Mit mir?“ Lani blinzelte verblüfft. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dafür verantwortlich bin.“

„Ich weiß nicht, wer dahintersteckt, aber du hast an dem Abend Ärger gemacht.“

„Ärger? Es war … Unsinn, ein alberner Spaß, mehr nicht. Ich hatte von der Bowle getrunken und war … übermütig.“

„Den Zellenschlüssel zu stehlen und mich einzuschließen, nennst du Übermut?“

„Es tut mir leid, Russ.“

„Wirklich?“ Er klang skeptisch. „Jeder andere hätte die Schlüssel genommen, um zu flüchten, aber nicht, um sich einzusperren. Warum hast du es getan?“

„Ich würde nie jemandem wehtun, schon gar nicht den Leuten hier in Rust Creek Falls. Sie sind meine Freunde und Nachbarn.“

Russ musterte sie. „Gage hat für dich gebürgt.“ Er stützte die Arme auf den Tresen. „Aber ich habe gelernt, mich nicht auf den ersten Eindruck zu verlassen.“

Sie nahm einen feuchten Lappen und wischte über das Holz. „Das klingt zynisch.“

„Ich habe meine Gründe.“

An viele Dinge von dem, was an jenem Abend geschehen war, erinnerte Lani sich nur verschwommen, aber sie wusste, dass er über ihre schlechten Erfahrungen mit Männern spekuliert hatte. Jetzt konnte sie sich revanchieren. „Gesprochen wie ein Mann, der sitzen gelassen wurde. Möchtest du darüber sprechen?“

Eine Sekunde lang fiel die Maske des harten Cops, doch dann hatte er sich wieder im Griff. „Mein Job besteht darin, Leute zu überführen, die eine Straftat begehen, es aber nicht zugeben. Wenn das kein Grund ist, misstrauisch zu sein, weiß ich es auch nicht.“

„Kann schon sein.“

„Gage meint, du kennst praktisch jeden in der Stadt und hast eine gute Menschenkenntnis. Vielleicht hast du hier in der Bar etwas mitbekommen, das uns weiterhilft.“

Lani dachte kurz nach, bevor sie den Kopf schüttelte. „Wenn es so wäre, hätte ich ihn sofort informiert.“

„Na gut.“ Russ glitt vom Hocker.

„Aber Gage hat recht. Ich kenne wirklich jeden. Und meistens durchschaue ich Menschen ganz gut, wenn nicht gerade Gefühle mit im Spiel sind“, sagte sie.

„Also stimmt es. Du bist sitzen gelassen worden. Möchtest du darüber sprechen?“, wiederholte er ihre exakten Worte.

„Wow, ein Mann, der zuhören kann.“ Sie verschränkte die Arme. „Aber das gehört wohl auch du deinem Job, was?“

„Ja.“

„Keine Angst, Detective. Ich will nicht darüber reden. Nur so viel: Mein Liebesleben beschränkt sich darauf, mir die traurigen Geschichten meiner Gäste anzuhören.“

„Das habe ich mitbekommen.“

Sie schaute zu Wes hinüber. „Es ist besonders traurig, wenn Kinder zwischen die Fronten geraten.“

„Ich weiß, was du meinst.“ Russ legte eine Hand flach auf den Tresen. „Okay. Falls du etwas hörst, meldest du es uns weiter. Kann ich mich darauf verlassen?“

„Natürlich.“ Sie zögerte. „Russ, wir müssen darüber reden, was in der Zelle …“

„Nicht hier.“

„Nein. Wir brauchen einen Ort, an dem wir ungestört sind.“ Sie überlegte kurz. „Kannst du reiten?“

„Ich bin auf einer Farm aufgewachsen.“

Sie nickte. „Treffen wir uns morgen auf der Ranch. Gegen Mittag.“

„Einverstanden. Falls du mich brauchst, ich wohne ab sofort in Strickland’s Boarding House. Bis dann.“

Lani konnte es kaum erwarten.

4. KAPITEL

Russ verwünschte seinen Beschützerinstinkt. Ohne den würde er jetzt im Büro des Sheriffs sitzen und eine Ermittlungsstrategie planen, anstatt mit Lani über Land zu reiten.

„Es ist schrecklich still hier“, sagte sie.

Er drehte sich zu ihr und wartete auf das Herzklopfen, das jedes Mal einsetzte, wenn er sie ansah. „Ich muss mich darauf konzentrieren, im Sattel zu bleiben.“

„Unsinn“, erwiderte sie. „Du reitest so gut wie meine Brüder, und die leben davon.“

„Du bist auch nicht schlecht.“

Auf dem schwarz-weißen Pinto namens Valentino sah sie besonders sexy aus. Sie hatte das Haar zu einem lockeren Zopf geflochten und trug einen braunen Stetson. „Ich lebe schließlich davon.“

Als er Rauschen hörte, wusste er, wohin sie wollte. Sie ritten über eine Holzbrücke und um eine scharfe Kurve des Bergpfads. Dann erreichten sie eine Lichtung, und er sah den Wasserfall, nach dem Rust Creek Falls benannt worden war.

„Hier sind wir ungestört“, sagte Lani. Sie stieg ab und führte Valentino zum Wasser.

Russ tätschelte den Hals seines mahagonibraunen Pferdes. „Vielleicht sind wir übervorsichtig.“

„Kann schon sein. Aber es ist ein herrlicher Tag, und ich bin gern hier.“ Sie atmete die saubere Luft tief ein.

Sein Blick fiel auf den Ausschnitt ihres karierten Shirts, aber dazu waren sie nicht hier.

Nachdem die Pferde getrunken hatten, pflockten sie sie an, damit sie in Ruhe grasen konnten.

„Okay“, begann Russ. „Was die Ermittlungen angeht …“

„Moment.“ Lani nahm eine Tasche und eine zusammengerollte Wolldecke vom Sattel. „Ich habe uns etwas zu essen eingepackt. Ich bin am Verhungern und kann nicht mit leerem Bauch denken.“

„Gute Idee.“ Er breitete die Decke im Schatten eines Baumes aus.

Lani setzte sich und reichte ihm einen Apfel, eine kleine Tüte Chips und ein Sandwich. „Ich hoffe, du magst Schinken. Und wenn du Mayonnaise verabscheust, hast du Pech.“

„Kein Problem.“

Sie aßen schweigend.

„Ich habe eine Liste von Verdächtigen gemacht“, sagte sie nach einer Weile.

„Nach welchen Kriterien?“

„Vorfälle an dem Abend.“ Sie hob drei Finger und zählte ab. „Ein Paar hat geheiratet. Ein anderes hat sich getrennt. Und beim Pokern hat jemand seine Ranch verloren.“

„Claire Wyatt hat sich auf dem Hochzeitsempfang lautstark mit ihrem Mann gestritten. Und Will Clifton glaubt, dass seine Frau unter Drogen stand.“

„Und?“ Sie biss in ihren Apfel.

Russ starrte auf den Safttropfen an Lanis Unterlippe.

„Russ?“

„Hmm?“

„Du wolltest mir erzählen, was Claire und Will gesagt haben.“

„Richtig. Leider konnten sie mir nichts erzählen, was uns weiterbringt. Ich glaube, die Cliftons und die Wyatts waren Opfer. Genau wie du.“

Lani lehnte sich gegen den Stamm und streckte die Beine aus. „Wir müssen jemanden finden, der etwas davon hatte, alle Leute betrunken zu machen.“

„Reden wir über die Pokerrunde.“

„Old Boy Sullivan hat seinen Besitz verspielt. Er hat ihn an Brad Crawford verloren.“

„Das könnte ein Motiv sein.“ Er sah sie an. „Noch etwas?“

„Jordyn Leigh hat Will Clifton geheiratet. Jeder weiß, dass sie hergezogen ist, um einen Mann kennenzulernen. Aber ich glaube nicht, dass sie ihn unter Drogen setzen musste, damit er ihr das Jawort gibt.“

„Ich würde trotzdem gern mit ihr reden.“

„Wenn du meinst.“

„Ich möchte, dass du dabei bist.“ Russ redete sich ein, dass er es nur aus ermittlungstechnischen und nicht aus persönlichen Gründen tat. „Die Leute schütten dir ihr Herz aus.“

„Okay, ich helfe dir.“

„Und was ist mit Brad Crawford?“

Sie tippte sich nachdenklich an die Lippen, und er hielt den Atem an. „Na ja, wenn es um Immobilien geht, können die Crawfords ziemlich hartnäckig sein.“

„Dann können wir ihn auch nicht ausschließen.“

„Nein.“

„Ich muss zurück ins Büro“, sagte er abrupt.

„Ich auch. Zurück an die Arbeit, meine ich.“ Lani stand auf und sammelte ihren Müll ein.

Nur mit Mühe widerstand Russ der Versuchung, Lani an sich zu ziehen und zu küssen. Offenbar erstreckte sein Beschützerinstinkt sich nicht darauf, sie vor ihm zu schützen. Sondern auch ihn vor sich selbst.

„Weiß Jordyn, dass wir kommen?“, fragte Lani auf der Fahrt zu Will Cliftons Ranch.

Russ nickte. „Ich habe sie angerufen und gesagt, dass es noch ein paar offene Fragen gibt. Will kann nicht dabei sein, deshalb habe ich ihr erzählt, dass du mich begleitest.“

„Hast du ihr auch erzählt, dass ich dir bei den Ermittlungen helfe?“

„Nein. Aus zwei Gründen. Erstens, wenn es sich herumspricht, kommst du vielleicht nicht mehr an wichtige Informationen heran. Zweitens könnte dir vom Täter Gefahr drohen.“

„Was hast du ihr stattdessen erzählt?“

„Nichts.“

„Wirklich?“

Er warf ihr einen Blick zu. „Sie hat nicht gefragt.“

Lani schüttelte den Kopf. „Sie wird es tun.“

„Hast du einen Vorschlag?“

„Es muss etwas Privates sein.“

„Ich war im Ace of the Hole, habe dich gesehen und zum Abendessen eingeladen. Auf dem Weg dorthin schiebe ich ihre Befragung ein.“

„Das wird sie erst recht neugierig machen.“

„Warten wir ab“, erwiderte er nur.

Kurz darauf kam die Ranch in Sicht. Russ fuhr durch das offene Tor, über dem „Flying C“ stand. Im Haupthaus mit der umlaufenden Veranda brannte Licht. Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden. Er parkte. „Überlass mir das Reden.“

„Glaub mir, darin habe ich Übung.“

Als er klopfte, öffnete Jordyn Leigh ihnen und ließ sie herein. „Hi, Detective Campbell“, begrüßte die hübsche Blondine ihn. „Möchten Sie etwas trinken? Kaffee? Eistee?“

„Nein, danke. Es wird nicht lange dauern.“

„Schön, dass du uns hilfst“, fügte Lani hinzu.

Jordyn lächelte. „Wir haben uns eine ganze Weile nicht gesehen, Lani.“

„Jungverheiratete haben selten Zeit für andere Menschen.“

„Das stimmt. Aber ich mache einen Online-Kurs für meinen Abschluss in frühkindlicher Pädagogik. Außerdem haben wir viel in und am Haus gemacht.“

Das stimmte. Alles sah nagelneu und äußerst gemütlich aus. Lani beneidete die beiden um ihr junges Glück.

Die blauen Augen der Kindergärtnerin leuchteten. „Wie lange kennt ihr euch?“

„Russ hat mich festgenommen, als ich im Brunnen im Park getanzt habe.“

„Ja, das habe ich gehört.“ Die Neugier war Jordyn deutlich anzuhören. „Klingt nach einer spannenden Geschichte.“

„Das kann man wohl sagen.“ Auffordernd sah sie Russ an. Warum sagte er nichts? Angeblich waren sie beide doch auf dem Weg zu einem gemeinsamen Abendessen. Das war ihre Tarnung. Als er nicht reagierte, legte sie den Kopf an seine Schulter. „Du glaubst nicht, wie romantisch eine Gefängniszelle sein kann. Habe ich recht, Russ?“

Es dauerte einige Sekunden, bis er einen Arm um ihre Taille legte. „Ich möchte nicht, dass es zum Stadtgespräch wird.“

Jordyn lächelte verständnisvoll. „Also ist das hier ein dienstlicher Besuch? Sie wollen von mir etwas über den Abend der Traub-MacCallum-Hochzeit wissen?“

„Richtig.“ Er nahm den Arm von Lanis Hüfte. „Sind Sie und Ihr Mann gerade erst hier eingezogen?“

„Stimmt. Gleich nachdem wir am 4. Juli geheiratet haben.“

„Wussten Sie da bereits, dass Will die Ranch kauft?“

„Ja.“ Sie runzelte die Stirn. „Warum fragen Sie?“

„Es ist ein ansehnlicher Besitz, und er hat Großes damit vor.“

Lani wusste, dass Russ nach einem möglichen Motiv für die Manipulation der Bowle suchte. Aber so, wie er es anstellte, würde er Jordyn Leigh schnell verärgern und keine Informationen mehr bekommen. Sie entschloss sich zur Schadensbegrenzung. „Du bist vor zwei Jahren aus Thunder Canyon hergezogen, oder? Kanntest du Will damals schon?“

„Wir sind zusammen aufgewachsen. Ich war in ihn verknallt, aber er hat mich immer wie eine kleine Schwester behandelt.“ Jordyns Augen funkelten belustigt.

„Und als er dann hier auf der Hochzeit auftauchte, haben Sie die Initiative ergriffen und ein bisschen nachgeholfen?“, fragte Russ.

Lani hätte ihm am liebsten einen Rippenstoß verpasst. Der Mann war so subtil wie ein Vorschlaghammer. Vermutlich wirkte seine Verhörtechnik bei einem hartgesottenen Kriminellen, aber bei jemandem wie Jordyn bewirkte sie das Gegenteil. „Wenn ihr beide euch schon lange kanntet, kann es nicht Liebe auf den erstem Blick gewesen sein“, warf sie lächelnd ein. „Eher wie der sprichwörtliche Blitz, der euch plötzlich getroffen hat, was?“

„Gute Frage“, gab Jordyn zu. „Ich erinnere mich, dass Will mir mein Glas mit Bowle abgenommen und weggestellt hat. Er meinte, ich sei beschwipst. Aber das konnte nicht sein, weil im Park keine harten Getränke erlaubt sind. Ich war verärgert und habe uns zwei neue Gläser geholt.“

„Und was ist dann passiert?“, fragte Lani.

„Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß nur, dass ich am nächsten Morgen mit einem Riesenkater und einer Heiratslizenz aufgewacht bin.“

Russ nickte. „Der Sheriff und ich glauben, dass jemand etwas in die Bowle gekippt hat.“

„Hast du eine Idee, wer die halbe Stadt betrunken machen wollte?“, ergänzte Lani.

Jordyn schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Aber wer auch immer es war, Will und ich sind ihm dankbar. Die Bowle hat uns beiden geholfen, endlich zusammenzufinden. Er ist die Liebe meines Lebens.“

„Okay.“ Russ nickte höflich. „Danke für Ihre Zeit.“

„Gern geschehen.“

„Grüß Will von mir“, sagte Lani beim Hinausgehen.

„Ich wünsche euch beiden einen schönen Abend.“ Lächelnd winkte Jordyn ihnen nach.

Russ half Lani in den Pick-up und setzte sich ans Steuer. „Sie hat nichts damit zu tun.“

„Das sehe ich auch so.“

Wenigstens hatte es für Jordyn Leigh und Will an jenem Abend ein Happy End gegeben. Die beiden hatten sich gefunden. Genau wie Lani und Russ, auch wenn bei ihnen keine Liebe im Spiel gewesen war. Jetzt benahm er sich, als wäre gar nichts passiert.

Wäre sie ein Mann, könnte sie auch so tun. Aber sie war eine Frau, und es tat weh, dass Russ offensichtlich kein Interesse mehr an ihr hatte.

Bestimmt würde sich schnell herumsprechen, dass sie und Russ zusammen essen gegangen waren. Und um ihre Tarnung nicht zu gefährden, würde er bei der Ermittlung eng mit ihr zusammenarbeiten müssen. Sehr eng.

Russ schob die quietschende Eingangstür auf und betrat das Ace in the Hole. Wie immer hielt er zuerst nach Lani Ausschau. Heute Abend musste er mit ihr reden. Das Gespräch mit Jordyn Leigh Clifton lag schon einige Tage zurück, und seitdem war ihm keine neue Idee für seine Ermittlungen gekommen. Er hoffte, dass Lani in der Bar etwas aufgeschnappt hatte, das ihm eine neue Spur lieferte.

Es war der Samstagabend des Labor-Day-Wochenendes und voller als sonst. Nach einem Moment entdeckte er Lani, als sie vier Cowboys Pommes frites und Burger servierte. Die Männer flirteten heftig mit ihr, und sie plauderte kurz mit ihnen.

Sie war Single, und Russ hatte keinen Anspruch auf sie. Aber das änderte nichts daran, dass sich in ihm die Eifersucht regte. Er bahnte sich einen Weg an die Bar, und um ihn herum verstummten etliche Gäste. Alle warfen ihm misstrauische Blicke zu. Offenbar hatte sich herumgesprochen, dass er für den Sheriff ermittelte.

Er nickte Lani zu und musterte die übereifrigen Cowboys mit finsterer Miene. Haltet euch zurück. Er setzte sich auf einen Hocker am Ende des Tresens.

Kurz darauf kam Lani mit einer Speisekarte zu ihm. „Hi.“

„Wie läuft’s?“

„An den letzten zwei Tagen hat mehr als einer erwähnt, dass wir zusammen essen waren.“

„Aber das waren wir doch gar nicht.“

„Das haben wir Jordyn Leigh erzählt, und die Gerüchteküche läuft auf Hochtouren.“

„Also glauben die Leute, dass wir …“

„… ein Date hatten.“ Ihre braunen Augen blickten erwartungsvoll.

„Das scheint dich nicht zu stören.“

„Wir brauchen nicht mehr heimlich miteinander zu reden. Wenn wir Informationen austauschen, denken die Leute, du machst mir den Hof.“

„Sehe ich aus wie ein Mann, der einer Frau den Hof macht?“ Russ musste lächeln. Ihr sonniges Gemüt erhellte die dunklen Ecken seiner Seele.

„Nenn es, wie du willst. Wenn die Leute glauben, dass du scharf auf mich bist, reden sie offener mit dir.“

Keine Frage, er war scharf auf sie. Das hatte er in der Zelle bewiesen. „Okay“, sagte er. „Heizen wir die Gerüchteküche etwas an.“ Er legte die Hände um ihre Hüften und schob sich zwischen ihre Beine. Ihr Mund formte ein O, und er konnte nicht widerstehen. Es war kein richtiger Kuss, nur eine zarte Berührung der Lippen.

„Wow“, flüsterte sie.

„Ja, wow“, erwiderte er. Hoffentlich hatten die Cowboys herübergesehen. „Aber du arbeitest. Ich will nicht, dass du gefeuert wirst und als Informationsquelle ausfällst.“

„Richtig.“ Sie wich zurück und fächelte sich mit der Speisekarte Luft zu. „Hast du etwas Neues herausgefunden?“

„Ich hatte gehofft, dass du etwas hast.“

„Nein. Du also auch nicht?“

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Oberschenkel. Natürlich nur zur Tarnung. „Ich habe mit Bob und Ellie Traub gesprochen, den Eltern des Bräutigams. Sie haben die Bowle angerührt. Nur Obstsaft und Sekt, sonst nichts.“

„Also fangen wir wieder bei null an?“

„Sieht so aus. Es sei denn, dir ist hier etwas zu Ohren gekommen.“

„Nichts.“ Ihr Blick wurde besorgt. „Mir fällt niemand ein, dem ich so etwas zutraue.“

Ihre Hand fühlte sich in seiner gut an. Zu gut. Russ verschränkte die Arme vor der Brust. „Meine Verdächtigenliste ist unverändert.“

„Und ich stehe auch darauf.“

Die Enttäuschung in ihrer Stimme bereitete Russ ein schlechtes Gewissen. Er wehrte sich dagegen. „Ich weiß noch immer nicht, warum du meine Schlüssel gestohlen und mich mit dir in der Zelle eingeschlossen hast“, rechtfertigte er sich. „Bist du eine Komplizin? Wolltest du die Polizei vom Täter ablenken?“

„Ich habe nichts in die Bowle gemischt und weiß auch nicht, wer es getan hat. Aber ich verstehe, dass du skeptisch bist.“

„Wie großzügig.“ Als Polizist musste er misstrauisch sein. „Bei Ermittlungen gehe ich logisch vor, und bei dir passt einiges nicht zusammen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass du nicht ehrlich zu mir bist.“

Sie biss sich auf die Lippe. „Ich wünschte, ich könnte es sein, aber ich habe ein Versprechen abgegeben, und das muss ich halten.“

Also gab es ein Motiv für ihr Verhalten. Und jemand anderen, dem sie sich verpflichtet fühlte. Unter normalen Umständen hätte ihn ihre Loyalität beeindruckt, aber an diesem Fall war nichts wie immer. Jemand hatte die Bewohner der Stadt in Gefahr gebracht, und es war sein Job, den Schuldigen zu überführen. Er nahm ihr die Speisekarte ab. „Ich möchte erst mal ein Bier.“

„Kommt sofort.“ Lani legte eine Cocktailserviette auf den Tresen und stellte ihm eine geöffnete Flasche hin. Ihr Lächeln passte nicht zu dem, was sie als Nächstes sagte. „Ich verstehe wirklich nicht, wie du mich an deinen Ermittlungen beteiligen und trotzdem glauben kannst, ich würde meinen Freunden und Nachbarn so etwas antun. Meine Familie war auch im Park.“

Bevor er antworten konnte, ging sie davon. Eigentlich konnte er sich nicht vorstellen, dass Lani Dalton schuldig war. Er vertraute Gage Christensen, und der Mann hatte ihn geradezu gedrängt, sie als verlässliche Quelle zu nutzen.

Obwohl Russ Gage respektierte, hielt er an seiner Skepsis fest. Er hatte den Verdacht, dass nur seine Zweifel an Lani ihn davor bewahrten, zum zweiten Mal von einer Frau verraten zu werden.

„Danke für die Einladung zum Abendessen.“ Russ saß im Garten von Gage Christensens Ranchhaus.

„Kein Problem“, erwiderte der Sheriff. „Wir müssen doch feiern, dass wir das Labor-Day-Wochenende überstanden haben, ohne dass jemand die Leute unter Drogen gesetzt hat.“

„Stimmt.“ Sie stießen mit den Bierflaschen an.

Russ genoss die milde Septemberluft, aber zugleich vermisste er die lockere Atmosphäre im Ace in the Hole. Vielleicht lag es auch daran, dass er die hübsche Brünette mit den ausdrucksvollen braunen Augen, die dort arbeitete, seit drei Tagen nicht gesehen hatte. Aber bei ihrem letzten Treffen war sie ziemlich wütend gewesen. Kein Wunder, schließlich hatte er sie verdächtigt, die ganze Stadt betrunken gemacht zu haben.

Die Sonne verschwand hinter den Bergen. Gages Frau Lissa hatte Appetizer auf den Tisch gestellt: Käse, Cracker, Brot und einen cremigen Gemüsedip.

„Greif zu, Russ.“ Sie setzte sich zu ihm.

Er stellte das Bier ab und griff nach einem der kleinen Teller. „Ich hoffe, du willst mir nicht den Appetit aufs Abendessen verderben.“

„Wenn du nicht alles schaffst, gebe ich dir den Rest mit.“

„Ihr wisst, dass ich in Strickland’s Boarding House wohne und es auf den Zimmern keine Kühlschränke gibt?“

„Dann musst du eben alles aufessen. Wir haben uns gedacht, du brauchst mal etwas Hausmannskost, stimmt’s, Gage?“

„Stimmt.“ Gage schloss den Deckel des Grills und setzte sich zu ihnen. „Lissa macht sich Sorgen, dass du ein einsamer Junggeselle wirst.“

Sorgen ist ein zu starkes Wort.“ Sie nippte an ihrem Weißwein. „Aber du hast dein altes Leben hinter dir gelassen, um hier bei uns ein Verbrechen aufzuklären. Wir wollen dir helfen, dass du dich in Rust Creek Falls ein bisschen zu Hause fühlst.“

Russ war ihnen dankbar, aber bei den beiden fühlte er sich noch einsamer als in der Pension. Dass der Sheriff und seine Frau eine überaus glückliche Ehe führten, war nicht zu übersehen, und er beneidete sie. „Da wir gerade von zu Hause reden …“ Er sah Lissa an. „Du kommst aus der Großstadt. Wie gefällt dir das Leben in Rust Creek Falls?“

„Es ist anders.“

Nach der Flut, die den Ort fast vollständig zerstört hatte, war Lissa als Vertreterin einer Organisation namens Bootstraps hergekommen. Viele Menschen hatten Häuser und Geschäfte verloren, und sie hatten ihnen geholfen, sich ein neues Leben aufzubauen. Dabei hatte sie Gage kennengelernt, und die beiden hatten sich ineinander verliebt.

„Inwiefern?“

„Die Leute hier halten zusammen, und jeder kann sich auf seine Nachbarn verlassen.“ Sie lächelte Gage an, und er nahm ihre Hand und drückte sie zärtlich. „Außerdem könnte ich ohne diesen Mann nicht mehr leben.“

Russ sah seinen Freund an. „Und was gefällt dir hier, Gage?“

„Ich habe alles, was ich will. Ein kleines Stück Land, ein paar Rinder und Pferde und einen Beruf, der mich erfüllt. Ich sorge dafür, dass die Leute hier sicher leben können. Deshalb will ich auch wissen, warum anständige und gesetzestreue Menschen sich plötzlich benehmen, als hätten sie den Verstand verloren.“

„Habt ihr eine Spur?“, fragte Lissa.

„Noch nicht. Keiner von denen, mit denen ich gesprochen habe, will etwas Verdächtiges gesehen haben. Die meisten waren zu weit weggetreten, um sich genau genug zu erinnern.“

„Es gibt mindestens eine Person, die sich an viele Einzelheiten erinnert“, sagte Lissa.

„Die Klatschkolumnistin“, warf Russ ein.

„Richtig.“ Lissa sah die beiden Männer an. „Die Frau, die die Kolumnen in der Sonntagsausgabe der Gazette schreibt, scheint bestens informiert zu sein.“

„Das ist nur Klatsch und Tratsch. Wie glaubwürdig ist so etwas?“, entgegnete Russ.

„Na ja, gelogen ist jedenfalls nichts. Will und Jordyn Leigh haben wirklich sehr plötzlich geheiratet.“

„Die beiden sind verliebt. Ich habe mit Jordyn gesprochen. Sie sind glücklich, dass sie zusammengefunden haben“, berichtete Russ.

„Das freut mich“, meinte Lissa. „Levi und Claire Wyatt haben sich zwar an dem Abend gestritten, aber das scheint ihre Beziehung gefestigt zu haben. Vielleicht mussten sie nur mal Dampf ablassen. Für die beiden hatte die Bowle etwas Gutes. Vergesst nicht, dass Brad Crawford beim Pokern dem alten Sullivan die Ranch abgenommen hat. Jedenfalls stand es so in der Kolumne. Wer immer sie schreibt, muss eine Menge beobachtet haben.“

„Ich würde gern wissen, wer das ist.“ Russ stellte den leeren Teller auf den Tisch und griff nach der Bierflasche. „Lissa, hast du eine Idee, wer hinter Rust Creek Ramblings steckt?“

„Woher soll ich das wissen?“ Ihre blauen Augen glitzerten belustigt. „Nur weil ich Bloggerin bin, habe ich doch keine übersinnliche Verbindung mit anderen Autoren. Aber es gibt da etwas, was mich stutzig macht.“

„Was denn?“

„Du hast an dem Abend Lani Dalton festgenommen.“ Sie warf ihrem Mann einen Blick zu. „Und aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass ihr beide ganz schön lange zusammen eingesperrt wart.“

„So?“ Russ sah den Sheriff an.

Der zuckte mit den Schultern.

„Ich frage mich, womit ihr euch so lange beschäftigt habt“, fuhr Lissa fort.

„Nichts Besonderes.“

„Glaubst du ernsthaft, damit kannst du mich abspeisen? Heraus damit, Detective.“

„Lani und ich haben geredet.“

„Du bist stundenlang auf engstem Raum mit einem hübschen Mädchen wie Lani eingesperrt, und ihr habt geredet?“

Russ sah seinen Freund Hilfe suchend an.

Gage stand auf. „Ich muss mich um das Fleisch kümmern.“

„Hast du sie geküsst?“, fragte Lissa.

Russ versuchte es mit einem Ausweichmanöver. „Hat Gage dir erzählt, dass sie meine Schlüssel gestohlen hat?“

„Ja. Worauf willst du hinaus?“

„Leute, die nichts zu verbergen haben, tun so etwas nicht. Das bedeutet, dass sie zu den Verdächtigen gehört.“

„Lani Dalton? Ernsthaft?“ Lissa schüttelte den Kopf und wandte sich ihrem Mann zu, der sich gerade wieder setzte. „Was meinst du?“

„Ich kenne das Mädchen und ihre Familie schon mein ganzes Leben. Sie ist offen, ehrlich und loyal. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie etwas in die Bowle gekippt hat“, sagte Gage mit Nachdruck.

Russ wollte ihm glauben, aber aus irgendeinem Grund klammerte er sich an seine Skepsis. Weil sie es ihm leichter machte, auf Distanz zu Lani zu bleiben? Das musste er, denn Nähe führte zu Vertrauen. Und er würde keiner Frau mehr vertrauen und ein gebrochenes Herz riskieren.

5. KAPITEL

Nachdem Lani den ganzen Tag Weidezäune kontrolliert hatte, ging die Sonne bereits unter, als sie zurück zu Andersons Haus auf dem Ranchgelände ritt. Sie war hungrig, staubig und erschöpft und freute sich darauf, bei ihren Eltern zu duschen und sich den Hackbraten ihrer Mutter schmecken zu lassen. In der Scheune stieg sie ab und ließ Valentino trinken, bevor sie ihn striegelte und ihm eine große Portion Hafer gab.

Doch als sie den vertrauten Pick-up neben ihrem stehen sah, wusste sie, dass die Dusche und das Abendessen warten mussten.

„Verdammt, Russ“, murmelte sie. „Wehe, du bist hier, um Anderson zu verhaften.“

Ohne anzuklopfen, ging sie hinein. Ihre Brüder waren mit dem Detective im Wohnzimmer.

Er kehrte ihr den Rücken zu, daher konnte sie sein Gesicht nicht sehen, aber seine Körpersprache wirkte angespannt.

„Er hat zuerst zugeschlagen, als Anderson nicht hinsah. Deshalb habe ich eingegriffen“, erklärte Travis ruhig. „Skip Webster ist ein eifersüchtiger Hitzkopf. Das kann jeder in der Stadt bestätigen.“

Lani hatte die Tür zugeknallt, und ihre Schritte hallten auf dem Holzboden wider. Trotzdem hatten die Männer sie nicht gehört, was vermutlich einem Überschuss an Testosteron zu verdanken war.

„Skip Webster ist wirklich ziemlich jähzornig“, sagte sie ungefragt.

Russ drehte sich um. „Hi, Lani.“

Sein Blick war nicht zu deuten. „Was führt dich her?“

„Ich ermittle wegen der Vorkommnisse nach der Traub-McCallum-Hochzeit. Der Sheriff und ich sind überzeugt, dass jemand etwas in die Bowle gekippt hat.“

„Und was haben meine Brüder damit zu tun?“ Sie ging an ihm vorbei und stellte sich zu Anderson und Travis.

„Schon gut, Lani, misch dich nicht ein“, sagte Anderson.

„Ich bin nicht hier, um jemanden zu beschuldigen.“ Russ rieb sich den Nacken. „Ich befrage jeden, der an dem Abend im Park war.“

„Skip Webster war schon immer gewalttätig. Außerdem hat er keine Anzeige erstattet“, warf Anderson ein.

„Ich weiß.“

„Hast du inzwischen mehr herausgefunden?“, fragte sie.

„Nein.“ Russ sah erst Travis, dann Anderson an. „Hat jemand von euch an dem Abend etwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“

„Abgesehen von der Tatsache, dass du meine Schwester festgenommen hast?“, entgegnete Travis.

Lani wünschte, ihr Bruder hätte das Thema nicht aufgebracht. Es konnte zu Fragen führen, die sie nicht beantworten wollte.

„Wie viele andere Leute habe auch ich mich seltsam und ziemlich ungebührlich benommen.“

„Ich habe sie festgenommen, weil die Gefahr bestand, dass sie sich im Brunnen verletzt.“

„Das stimmt“, bestätigte sie.

„Wir wollen nur herausfinden, wer die Leute unter Drogen gesetzt hat“, wiederholte er.

„Damit es nicht wieder passiert, nicht wahr, Detective?“, ergänzte sie.

„Genau.“

„Das kaufe ich euch nicht ab.“ Travis sah noch immer aufgebracht aus. „Seine Fragen klingen eher wie Anschuldigungen.“

Anderson legte seinem Bruder eine Hand auf den Arm. „Das ist sein Job.“

Travis’ Blick war voller Misstrauen. „Er arbeitet in Kalispell. Und wie ich gehört habe, ist er aus Denver weg, weil sie ihn dort nicht mehr haben wollten.“

Lani sah, wie an Russ’ Wange ein Muskel zuckte. In Denver musste etwas passiert sein, das ihn verändert hatte. Auch sie wollte wissen, warum er von dort weggegangen war, aber das Thema hatte hier nichts zu suchen. „Hört zu, Jungs“, sagte sie zu ihren Brüdern. „Der Sheriff hat Russ beauftragt, die Sache mit der Bowle zu untersuchen, und wir sollten ihn dabei unterstützen.“

„Er ist keiner von uns“, beharrte Travis. „Wenn Gage Christensen mich fragt, antworte ich gern.“

„Russ vertritt Gage, und wir sind verpflichtet, ihm zu helfen“, erklärte Lani. „Gerade weil er nicht von hier ist, ist er ideal dafür. Niemand kann daran zweifeln, dass er objektiv ermittelt.“ Sie wünschte, er wäre ihr gegenüber nicht ganz objektiv.

„Ich habe gehört, dass du mit ihm ausgehst.“ Travis zeigte mit dem Kinn auf Russ und warf ihr einen herausfordernden Blick zu. „Was soll das?“

„Es ist nichts Ernstes. Russ und ich lernen uns nur besser kennen.“

„Stimmt“, bestätigte er.

„Außerdem geht es euch nichts an.“

„Wenn du meinst“, knurrte ihr Bruder mit finsterer Miene.

„Ich stelle nur Fragen“, kam Russ auf den Grund seines Besuchs zurück. „Habt ihr an dem Abend jemanden gesehen, den ihr nicht kennt? Jemanden, der euch verdächtig vorkam?“

Die Brüder wechselten Blicke und schüttelten die Köpfe.

„Okay. Danke für eure Hilfe.“

„Sind wir fertig?“, wollte Travis wissen.

„Für heute“, erwiderte Russ.

„Ich bringe dich hinaus“, sagte Lani und sah Travis an. „Ich fahre in die Stadt zurück. Wir sehen uns zu Hause. Bis morgen früh, Anderson.“

„Fahr vorsichtig“, erwiderte ihr Bruder.

Gefolgt von Russ ging sie zur Haustür und spürte seinen Blick auf ihrem Rücken. Nach einem langen Tag im Sattel war sie staubig und verschwitzt. Sie trug kein Make-up und wollte lieber nicht wissen, wie schmutzig ihr Gesicht war. Vermutlich war er froh, dass sie ihre Dates nur vortäuschten. „Travis und Anderson sind sonst nicht so abweisend“, sagte sie auf der Verandatreppe.

„So abweisend fand ich sie gar nicht.“

„Niemand freut sich, wenn er wegen einer Straftat befragt wird. Meine Brüder sind gute Männer. Sie haben ihre Fehler, würden aber nie etwas Unehrenhaftes tun.“

Er ging zu ihrem Pick-up und öffnete die Fahrertür. „Ich folge dir in die Stadt.“

„Danke.“ Sie wollte sich noch nicht verabschieden, doch nachdem sie eingestiegen war, schloss er die Tür. „Wir sehen uns!“, rief sie.

„Bis dann.“ Er eilte zu seinem Wagen.

Detective Russ Campbell, immer im Dienst, dachte sie.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Bianca Extra Band 34" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen