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BIANCA EXTRA BAND 83

LYNNE MARSHALL

Damals, heute – und für immer?

Shelby hat Connor geliebt wie keinen anderen – und liebt ihn noch immer! Das spürt sie sofort, als sie nach Jahren in ihren Heimatort zurückkehrt. Wird er ihr je verzeihen, dass sie ihn einst verließ?

CINDY KIRK

Ich weiß bloß eins, ich liebe dich

Für John ist es Liebe auf den ersten Blick, als Lexi sein Krankenzimmer betritt. Doch was ist, wenn seine Erinnerung zurückkehrt? Vielleicht gibt es längst eine andere Frau in seinem Leben!

WENDY WARREN

Küsse, süß wie Wein

Um Audreys Herz zu gewinnen, muss er geduldig sein, das merkt Winzer Shane schnell. Wie guter Wein muss ihre Beziehung reifen. Allerdings will Audrey nicht mehr als eine kurze Affäre …

STACY CONNELLY

Happy End für die Hochzeitsplanerin

Hochzeitsplanerin Rory glaubt fest daran, dass auch sie bald ihren Märchenprinzen findet – ganz sicher keinen Mann wie den zynischen Anwalt Jamison! Aber warum knistert es so sinnlich zwischen ihnen?

Damals, heute – und für immer?

PROLOG

Conor Delaney und Shelby Brookes schlenderten bei Sonnenuntergang am Strand von Sandpiper Beach entlang, voller Vorfreude auf das vor ihnen liegende Schäferstündchen.

Bei einer Wanderung am vierten Juli hatten sie ein Stück vom Steilufer entfernt ein verlassenes Haus entdeckt, von dem aus sie eine spektakuläre Aussicht auf das Feuerwerk anlässlich des Unabhängigkeitstags gehabt hatten – das Beacham House, wie auf dem windschiefen Schild im Vorgarten stand. Seitdem trafen sie sich dort fast jeden Nachmittag. Es gab doch nichts Schöneres als Sex mit Blick aufs Meer! An kühlen Abenden wie heute lagen sie vor dem Kamin.

„Nicht auszudenken, wenn wir uns nicht über den Weg gelaufen wären“, sprach Conor aus, was ihm seit ein paar Wochen im Kopf herumging.

Shelby hob den Blick zu ihm. Ihr langes hellbraunes Haar wehte im Wind, und ihre Augen funkelten auf jene verschmitzte Art, die er so liebte. „Sandpiper Beach ist eine Kleinstadt. Da war das vermutlich nur eine Frage der Zeit.“

Nickend schlang er einen Arm um sie, und sie schmiegte sich an ihn. Die Schritte perfekt aufeinander abgestimmt gingen sie weiter.

„Glaubst du, das war Vorsehung?“, fragte sie.

Jetzt klang sie schon wie Conors Großvater, der mit Inbrunst an das Schicksal glaubte! Aber sie hatte vielleicht nicht ganz unrecht. Es war schon ein Riesenzufall, dass sie vier Jahre nach ihrem Highschool-Abschluss beide gleichzeitig unvorhergesehen nach Sandpiper Beach zurückgekommen waren. Er, weil er nach seinem Examen in Strafrecht und seiner Grundausbildung an der Polizeischule in San Diego auf Rückmeldungen auf seine Bewerbungen als Deputy Sheriff wartete, und sie, weil sie ihren Job als Köchin in New York verloren hatte.

„Ich habe dir einen Claddagh-Ring geschenkt, bevor du damals abgereist bist.“ Conor hatte ihr, seiner Highschool-Liebe, den Ring geschenkt, nachdem er erfahren hatte, dass sie auf eine erstklassige Kochschule in New York gehen wollte.

„Du hast mich seitdem nicht gerade hofiert.“

Sie hatte recht, in den letzten vier Jahren war ihr Kontakt mehr oder weniger eingeschlafen.

„Das ist ja auch nicht ganz einfach, wenn du in New York lebst und ich in Kalifornien.“ Manchmal fragte er sich selbst, warum er sich nicht mehr Mühe gegeben hatte. Schließlich hatte er oft genug an sie gedacht.

„Streng genommen hast du mich vor vier Jahren sogar weggeschickt.“

Er hatte ihr Mut gemacht, ihren Traum von einer Karriere als Köchin in New York zu verwirklichen, und ihr versprochen, auf sie zu warten, bis sie älter waren. Um nicht zu riskieren, dass sie ihm eines Tages vorwarf, sie eingeengt zu haben. So etwas würde er nie jemandem antun, den er liebte. „Du wolltest doch nach New York“, widersprach er. „Das war doch immer dein Traum.“

„Ich weiß, aber trotzdem.“

„Ich wollte dir nun mal nicht im Weg stehen.“

Sie senkte den Blick und stieß mit einem Fuß Sand vor sich her. „Wir hatten beide Träume.“

„Und sieh nur, wie viel wir davon mit nur dreiundzwanzig Jahren geschafft haben. Vielleicht war es eine Art Belohnung, dass wir uns über den Weg gelaufen sind.“

Sie blieben stehen und sahen einander an.

Vier wunderschöne Wochen hatten sie in ihrem Geheimversteck hoch über dem Meer gehabt. Mit keiner anderen Frau hatte Conor je so etwas erlebt. Für ihn war Shelby nach wie vor die Richtige, und er war heilfroh, sie wiedergefunden zu haben.

Was er ihr mit einem Kuss bewies.

Shelby erwiderte Conors Kuss voller Hingabe. Sie hatten fast den ganzen Juli miteinander verbracht, und es war ganz wundervoll gewesen.

Nach der Highschool war sie auf eine Kochschule in Manhattan gegangen und hatte nach einigen eher mittelmäßigen Jobs ihre erste echte Herausforderung in einem der neuen, trendigen Restaurants der Stadt gefunden. Leider hatte das Restaurant nach nicht mal zwei Jahren dichtmachen müssen, sodass sie nach Hause zurückgekehrt war, um sich „eine Auszeit zu nehmen“, wie sie es nannte.

Es war eine wundervolle Überraschung gewesen, Conor wiederzubegegnen – ihrer ersten großen Liebe und zugleich ihrem besten Freund. Die alte Vertrautheit war sofort wieder da, so als seien sie nie getrennt gewesen. Doch weil sie heute die letzte gemeinsame Nacht miteinander verbringen würden, war ihr Kuss eher bittersüß.

„Dieser Sommer war wunderschön“, sagte er, als er die Lippen von ihren löste.

Ja, das war er, dachte sie. Aber nichts blieb immer wunderschön.

Erst gestern hatte man ihr eine Stelle als Souschefin in einem renommierten New Yorker Restaurant angeboten – allerdings unter der Voraussetzung, dass sie sofort anfing. Ausgerechnet jetzt, wo es doch gerade so schön mit Conor war!

Noch vor wenigen Wochen hätte sie alles für so eine Stelle gegeben. Doch seitdem Conor wieder in ihr Leben getreten war, war alles anders. War es ihr wirklich noch so wichtig, sich zu beweisen, dass sie es in der Welt der Gastronomie schaffen konnte?

Andererseits wäre es schade, das, was sie in den letzten vier Jahren alles gelernt hatte, einfach wegzuwerfen. Chefköchin in einem Edel-Restaurant zu sein, war immer noch ihr Traum. Aber musste Conor immer so verdammt verständnisvoll sein? Und das dann auch noch mit irgendwelchen schwülstigen Argumenten begründen, wie dass sie die Zeit nutzen sollten, um voranzukommen und daran zu reifen, aber dass eines Tages der richtige Zeitpunkt kommen würde, und dann würde sie nichts mehr davon abhalten, zusammen zu sein, auch wenn er dafür nach New York ziehen musste?

Sie verstand einfach nicht, warum er sie immer wieder förmlich dazu drängte, ihn zu verlassen.

Conor, der ihre innere Anspannung spürte, hatte plötzlich eine Idee. „Das war der beste Sommer meines Lebens“, sagte er und umfasste Shelbys Gesicht, die ihn fragend ansah. „Wir sollten uns gegenseitig etwas versprechen.“

Sie standen vor der Rettungsschwimmerstation in der Nähe des Drumcliffe-Hotels, das seinen Eltern gehörte. Shelby gehen zu lassen, nachdem er sie gerade erst wiedergefunden hatte, war zwar das Letzte, das er wollte, aber er konnte sie nicht davon abhalten, ihren Traum von einem eigenen Restaurant zu verwirklichen. Und für sie kam nun mal nur New York infrage.

„Etwas versprechen?“, fragte Shelby verwirrt.

„Ja. Versprechen wir uns gegenseitig, dass wir in den nächsten Jahren beide unsere Ziele verfolgen werden, wir uns aber in genau vier Jahren hier bei Sonnenuntergang wiedertreffen.“ Er zog sein Handy aus seiner Hosentasche, suchte nach dem genauen Datum und nannte es ihr. „Wirst du kommen?“ Sie sah ihn überrascht aus karamellbraunen Augen an, in denen sich der aufgehende Mond spiegelte. „Ich will dich dann nämlich etwas fragen“, fügte er geheimnisvoll lächelnd hinzu. „Und dann sehen wir weiter.“ Ob es uns bestimmt ist, für immer zusammenzubleiben.

Ihr Lächeln gab ihm Hoffnung.

„Ja, ich werde kommen.“

Ein Glücksgefühl stieg in ihm auf. „Shelby Lyn Brookes, ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch.“ Sie sah wunderschön aus im rötlichen Licht des Sonnenuntergangs.

Sie besiegelten ihren Vorsatz mit einem langen, leidenschaftlichen Kuss, bevor sie weiter zum Beacham House gingen – ihrer letzten gemeinsamen Nacht in Sandpiper Beach entgegen.

1. KAPITEL

Sechs Jahre, sieben Monate und fast drei Wochen später …

Conor Delaney bog mit seinem Wagen auf den Parkplatz vor dem Hotel seiner Familie und stellte den Motor aus. Er mochte alte Dinge wie seinen aufgemotzten, aber doch sehr in die Jahre gekommenen Camaro. Und das leer stehende alte Beacham House hoch auf dem Steilufer, dem dringend neues Leben eingehaucht werden musste. Aber das war eine andere Geschichte.

Er mochte auch das Drumcliffe – das alte Hotel am Strand, in dem er aufgewachsen war. Auch wenn er nicht stolz darauf war, mit neunundzwanzig immer noch dort zu wohnen.

Nur gut, dass das Hotel ein eigenes Restaurant hatte. Er hatte eine anstrengende Samstagsschicht mit mehreren Verhaftungen wegen Trunkenheit hinter sich und keine Zeit gefunden, Mittagspause zu machen, sodass er jetzt am Verhungern war. Er spielte mit dem Gedanken, den Zimmerservice anzurufen, um in seiner Suite vor dem Fernseher zu essen, beschloss dann jedoch, geselliger zu sein. Seine Mutter würde sonst womöglich besorgt bei ihm anklopfen – einer der Nachteile, wenn man in seinem Alter noch zu Hause wohnte, um Geld für ein verfallenes Traumhaus zu sparen.

Aber wie gesagt, das war eine andere Geschichte.

Er öffnete die Fahrertür und stieg mühsam aus, bevor er sich mit einem erleichterten Stöhnen zu seiner vollen imposanten Größe aufrichtete. Er freute sich schon auf das Abendessen. Gott sei Dank war hier auch an einem Samstagabend keine Reservierung nötig. Die Köchin Rita war ungefähr hundert Jahre alt, und die Stammgäste waren fast alle Senioren.

Seitdem Mom und Dad ihren Ruhestand planten, übernahm Conors Bruder Mark mehr und mehr Verantwortung für das Hotel. Vor nicht allzu langer Zeit hatten Connor und er noch zusammen in der Suite gewohnt, aber inzwischen war Mark zu Laurel in deren Bed and Breakfast auf der anderen Straßenseite gezogen, und Conor bekam seinen Bruder kaum noch zu Gesicht. Dafür wohnte jetzt Brian bei ihm, ein Cousin zweiten Grades aus Irland.

Als er den Speisesaal betrat, fiel ihm auf, dass dort mehr Gäste saßen als sonst, und es duftete göttlich, Mann, hatte er einen Hunger!

Die Schülerin, die an den Wochenenden öfter kellnerte, lächelte ihm zu. „Hi, Mr. Delaney. Kommen Sie allein?“

Er nickte.

Das Mädchen brachte ihn zum Familientisch in einer Ecke des Lokals und reichte ihm die Speisekarte. Nicht die übliche Karte, sondern ein einzelnes Blatt in Fuchsiarot. Er überflog die mit Tinte geschriebenen Tagesgerichte und stellte zu seiner Überraschung fest, dass Rita einiges verändert hatte. Wo waren das Schmorfleisch, der Hackbraten und der Lachs?

Stattdessen gab es Gerichte, die er hier noch nie gesehen hatte, darunter auch Rinderfilet an Kartoffelgalette mit Senfsoße. Was zum Teufel war eine Kartoffelgalette? Hühnerbrust von frei laufenden Biohühnern mit frischem Knoblauch und Rosmarin, Süßkartoffelbrei und Grünkohl. Wer bitte isst freiwillig Grünkohl? Sautierter Thunfisch? Was war denn plötzlich mit Rita los?

Verwirrt zeigte er auf die Speisekarte, als Abby, die fest angestellte Kellnerin, kam, um seine Bestellung aufzunehmen. „Was ist denn hier passiert?“

„Wir haben eine neue Köchin.“

„Was? Rita ist in Rente gegangen, und ich habe nichts davon mitbekommen?“

„Ihre Abschiedsfeier ist erst nächste Woche.“

Anscheinend bekam er wegen seiner vielen Nachtschichten überhaupt nichts mehr mit. Er warf wieder einen Blick auf die Speisekarte. „Kannst du mir etwas empfehlen?“

„Die Rinderfilets sollen ganz lecker sein. Und die Kartoffeln sind ein Gedicht, die habe ich vorhin selbst probiert.“

Conor bestellte ein Bier aus dem angrenzenden Pub seines irischen Großvaters und folgte Ritas Empfehlung. „Kriegt man hier denn wenigstens noch einen Salat?“

„Na klar. Natürlich bio“, fügte Abby hinzu, bevor sie mehrere kompliziert klingende Dressings aufzählte.

Conor war so hungrig, dass er nur mit den Achseln zuckte. „Ich nehme das Weißwein-Schalotten-Dressing.“

Der Salat, der kurz darauf kam, schmeckte besser als alles, was er je von Rita serviert bekommen hatte. Die Dressing-Auswahl zu erweitern war anscheinend eine super Idee gewesen.

Auch das anschließend servierte, kunstvoll auf dem Teller arrangierte Rinderfilet war um Längen besser als Ritas eher derbe Hausmannskost – das perfekt rosa gebratene, in Scheiben geschnittene Fleisch ruhte auf einem ovalen Hügel aus knusprigen Bratkartoffeln und war appetitlich mit Senfsoße und frischer Petersilie garniert. Wo hatten sie die neue Köchin her?

Er war so hungrig, dass er kräftig reinhaute und sich seine Fragen für später aufsparte. Mann, war das lecker! Mehrere Male setzte er sich aufrecht hin und kaute bewusst langsam, um sich das zarte Fleisch auf der Zunge zergehen zu lassen. Und Abby hatte absolut recht, was die Kartoffeln anging. Sie waren herrlich zart und knusprig und schmeckten nach Butter und einem Hauch Käse. Sie waren so gut, dass sie bestimmt total ungesund waren.

„Was sagst du zum Essen?“, fragte seine Mutter, die sich zu ihm an den Tisch setzte. Ihre grünen Augen funkelten verschmitzt.

Lächelnd schüttelte er den Kopf, bis er die Hälfte seines derzeitigen Bissens hinuntergeschluckt hatte. „Das ist das Beste, was ich hier je gegessen habe. Oder überhaupt irgendwo.“

Maureen erwiderte sein Lächeln. Sie schien sich über seinen guten Appetit zu freuen, fast so, als hätte sie selbst für ihn gekocht.

Als er fertig war, schob er zufrieden seinen Teller weg. „Richte der neuen Köchin bitte mein Lob aus. So gut habe ich noch nie gegessen.“

Maureens Lächeln erlosch etwas. Sie zögerte einen Moment. „Warum sagst du es ihr nicht selbst?“

Conor beschloss, ihren Rat zu befolgen. Er wusste, wie wichtig ein guter Koch für ein Restaurant war. Es konnte daher nicht schaden, die Neue mit einem Kompliment bei Laune zu halten. „Okay.“

Er trank sein Bier aus und betrat die Hotelküche, in der hektisches Treiben herrschte. „Das war das beste Abendessen, das ich je hatte. Meinen Glückwunsch an die Köchin!“, sagte er in Richtung Herd, vor dem eine zierliche Frau in rosa Kochjacke und mit grauer Kochmütze stand und mit mehreren Pfannen hantierte.

Bei ihrem Anblick rutschte ihm fast das Herz in die Hose … und setzte dann einen Schlag aus.

Shelby … Lyn … Brookes.

Die neue Köchin war die Frau, die ihm nicht nur das Herz gebrochen, sondern es ihm aus der Brust gerissen hatte, darauf herumgetrampelt war und es ins Meer geworfen hatte, und zwar vor genau zwei Jahren, sieben Monaten und drei Wochen. Nicht dass er die Tage mitgezählt hätte.

Sie wirkte genauso erschrocken wie er. Ihr rutschte sogar die Flasche, in der sich Whiskey zu befinden schien, aus der Hand, sodass der Inhalt sich über das Steak in der Pfanne und in die Gasflammen ergoss, die sofort hoch aufloderten. Mit einem Aufschrei sprang sie zurück.

Conor reagierte instinktiv: Er riss den Feuerlöscher von der Wand und erstickte die Flammen in Rekordzeit. Das Steak und das andere schon bereitliegende Fleisch waren hinterher natürlich komplett ruiniert, aber wenigstens ging der Rauchmelder nicht los. Die anderen Angestellten beobachteten die Szene mit aufgerissenen Augen.

Shelby konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Vor allem, dass ausgerechnet Conor Delaney das Feuer gelöscht hatte, das sie entfacht hatte. Seinetwegen!

Als sie sich nach ihrem Scheitern in New York für den Job im Drumcliffe beworben und ihn bekommen hatte, hatte sie natürlich gewusst, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, wann sie ihm wieder über den Weg lief. Aber auf keinen Fall hatte sie schon an ihrem ersten Abend damit gerechnet, plötzlich wieder dem Mann gegenüberzustehen, den sie vor zweieinhalb Jahren am Strand versetzt hatte. Den sie im Stich gelassen hatte. Den sie geliebt hatte wie keinen anderen.

Der Schock des Wiedersehens steckte ihr immer noch in den Knochen. Er sah so erwachsen und attraktiv aus in der Uniform des Deputy Sheriffs, dass sie die Kontrolle über ihre Hände verloren hatte. Ihre Schuldgefühle hatten ihren Zustand auch nicht besser gemacht. Nur gut, dass er die Geistesgegenwart besessen hatte, sofort zum Feuerlöscher zu greifen.

Conor legte das leere Gerät auf die Edelstahlfläche der Kücheninsel und musterte sie kalt.

Maureen tauchte in der Tür auf. „Alles okay mit euch?“

Shelby nickte, während ihr Souschef das ruinierte Fleisch in den Mülleimer warf und die Küchenhilfe den Herd saubermachte.

Maureen legte Shelby besorgt einen Arm um die Schultern. „Hast du dich auch nicht verbrannt? Bist du sicher, dass es dir gut geht?“

„Ja, ich muss mich nur erst mal von dem Schreck erholen. Den Schaden werde ich natürlich ersetzen.“ Sie durfte den Job auf keinen Fall verlieren, dann konnte sie gleich einpacken!

„Mach dir darüber mal keine Gedanken. Hauptsache, dir ist nichts passiert.“

Als Shelby sich wieder an die Arbeit machte, rasten die Gedanken in ihrem Kopf. Realistisch, wie sie inzwischen geworden war, wusste sie, dass sie ihren Traum, eines Tages ein eigenes Restaurant in New York zu eröffnen, nur in kleinen Schritten verwirklichen konnte. Wenn sie es geschickt anstellte, konnte sie aus dem Drumcliffe-Restaurant vielleicht eine der ersten Adressen an der kalifornischen Küste machen. Allerdings nicht, wenn sie den Laden vorher abfackelte!

Sie griff nach einer sauberen Pfanne, stellte sie auf den frisch gesäuberten Herd und drehte die Hitze hoch. Dann wählte sie ein neues Stück Fleisch aus, würzte es und gab es in die heiße Pfanne. „Abby?“, rief sie die Kellnerin, die die Order durchgegeben hatte. „Bitte bringe dem Gast eine zusätzliche Vorspeise und sag ihm, dass sein Essen gleich kommt, okay?“

Die Kellnerin nickte, griff nach einem Teller mit Shrimps und ging.

Conor gegenüberzustehen hatte Shelby wieder daran erinnert, wie sehr sie ihn früher geliebt hatte, und die Tatsache, dass er zum Anbeißen aussah, war auch nicht gerade hilfreich. Er schien in den letzten Jahren noch gewachsen zu sein, wirkte geradezu überlebensgroß. Und so verdammt männlich!

Während sie ihren Platz mit neunundzwanzig immer noch nicht gefunden hatte, war er offensichtlich erwachsen geworden – verlässlich, verantwortungsbewusst, durch und durch Polizist. Das exakte Gegenteil der anderen Männer, die nach ihm in ihr Leben getreten waren.

Sie wendete das Fleisch, bestrich es mit Kräuterbutter und briet in einer anderen Pfanne ein Thunfischsteak.

Das hier war ihre Chance, endlich ihr Potenzial zu entfalten. Sich zu beweisen. Sie würde sich durch nichts davon abhalten lassen. Denn es ging nicht mehr nur um sie, sondern auch um ihren Sohn.

Irgendwie gelang es Shelby, die anderen eingehenden Bestellungen abzuarbeiten, obwohl ihr das Wiedersehen mit Conor immer noch in den Knochen steckte.

Sie zu sehen schien ihn nicht gerade gefreut zu haben, aber das konnte sie ihm wohl auch nicht verdenken. Sie hatten sich an ihrem letzten gemeinsamen Wochenende in Sandpiper Beach ein Versprechen gegeben, und sie hatte auch fest vorgehabt, es zu halten … bis plötzlich alles anders gekommen war. Offensichtlich hatte er ihr das nie verziehen.

„Bestellung fertig!“

Vor drei Jahren hatte sie die Chance bekommen, nach Frankreich zu gehen, und sie ergriffen. War nicht Conor immer derjenige gewesen, der sie dazu ermuntert hatte, ihre Träume zu verwirklichen? Ihr damaliger Job als Souschefin in New York war eine Sackgasse gewesen, sodass Paris ihr die perfekte Gelegenheit geboten hatte, ihre Fähigkeiten auszubauen. Dort war sie dann dem talentiertesten Koch begegnet, für den sie je gearbeitet hatte – europäisch, süß, sexy … Sie könnte die Liste endlos fortsetzen.

Jung und unerfahren, wie sie damals gewesen war, hatte sie sich von seinem Charme und seinem Können einwickeln lassen. Noch dazu hatte er ihr das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein – etwas, das ihr noch nie passiert war.

Obwohl … das stimmte nicht ganz. Damals im Juli in Sandpiper Beach hatte sie sich geliebt, begehrt und bewundert gefühlt. Von Conor.

Die Beziehung mit Laurent war schnell wieder vorbei gewesen. Nachdem er sich ein paar Monate von ihr hatte bewundern lassen, begann er, sich zu langweilen. Sie hatte versucht, noch etwas zu retten, indem sie eine letzte Nacht mit ihm verbrachte, die letztlich jedoch nichts an der Trennung geändert hatte.

Dafür jedoch alles andere.

Erst als sie wieder in New York war, hatte sie erkannt, dass sie Laurent nie wirklich geliebt, sondern nur für ihn geschwärmt hatte. Und immer öfter musste sie wieder an den Menschen denken, den sie schon auf der Highschool geliebt hatte: Conor Delaney.

Sie hatte einen Blick in ihren Kalender geworfen und sich ein Ticket nach Kalifornien gekauft – fest entschlossen, sich durch nichts mehr davon abhalten zu lassen, mit ihrer einzigen großen Liebe zusammen zu sein. Sie hatte am vereinbarten Tag nach Hause fliegen und ihn abends bei Sonnenuntergang vor der Rettungsschwimmerstation am Strand treffen wollen.

Ihre Sachen waren bereits gepackt, als ihr aufgefallen war, dass sie ihre Tage schon länger nicht bekommen hatte. Also hatte sie ihren ganzen Mut zusammengenommen und „den Test“ gemacht. Hinterher war sie aufs Bett gefallen und hatte sich die Augen aus dem Kopf geweint.

Wie hätte sie nach Kalifornien fliegen und Conor treffen können, wenn sie von einem anderen Mann schwanger war?

Conor leerte sein zweites Bier. „Einen Whiskey, bitte.“

Sein Cousin Brian, der Enkel des jüngeren Bruders seines Großvaters und neuer Barmann, zog skeptisch eine Augenbraue hoch.

Wie aus dem Nichts kam eine knochige Hand und legte sich auf Conors Unterarm. „Bist du sicher, Lad?“

„Ich hatte nur zwei Guinness!“

„Aber wenn du jetzt noch einen Whiskey trinkst, bist du betrunken. Macht dir etwas zu schaffen?“

Conor nervte die Einmischung seines Großvaters, auch wenn er wusste, dass der alte Mann es nur gut meinte. Zumal er morgen arbeiten musste und sich keinen Kater erlauben konnte. „Gib mir stattdessen lieber ein Glas Wasser“, bat er Brian, bevor er die Aufmerksamkeit wieder auf seinen Großvater richtete. „Nein, ich habe vorhin nur eine böse Überraschung erlebt, das ist alles.“ Eine Überraschung, die ihn fast umgehauen hatte.

Padraig Delaney schob sich zwischen seinen Enkel und den Gast auf dem Hocker neben Conors. „Ein kleines Vögelchen hat mir gezwitschert, dass wir eine neue Köchin haben.“

Conor hatte nie einer Menschenseele erzählt, dass er Shelby an jenem Abend, an dem sie ihn versetzt hatte, einen Heiratsantrag hatte machen wollen. „Tja, dem Essen nach zu urteilen, das ich heute Abend hatte, würde ich sagen, Mark hat eine gute Entscheidung getroffen.“ Er hatte nicht die Absicht, sich seinen aufgewühlten Zustand anmerken zu lassen. Obwohl er Mark höchstpersönlich den Hals umdrehen würde, weil er ausgerechnet die Frau eingestellt hatte, die Conor nie hatte wiedersehen wollen!

„Du weißt, dass du jetzt an der Reihe bist, oder?“

Conor ließ fast das Wasserglas fallen, das Brian ihm gerade reichte. Nicht schon wieder! Abwehrend hob er eine Hand. „Sag jetzt nichts, bitte!“

„Wir können uns nun mal nicht gegen die Vorsehung wehren.“

Und zack war es so weit! Bitte gib mir Kraft! Ob er doch einen Whiskey bestellen sollte? Aber gegen die seltsamen Ansichten des alten irischen Mannes kam man sowieso nicht an.

„Ihr Jungs habt einen Seehund gerettet. Wie viele Beweise braucht ihr denn noch, um endlich zu akzeptieren, dass es sich um einen Selkie gehandelt hat? Deine Brüder haben ihre Frau fürs Leben schon gefunden.“

Letztes Jahr hatten Conor und sein ältester Bruder Daniel ein Motorboot gemietet, um Mark, der nach seiner ehrenhaften Entlassung aus der Armee an einer Posttraumatischen Belastungsstörung litt, mit einem Angelausflug abzulenken. Dabei waren sie auf ein Gruppe Orcas gestoßen, die ihrem Nachwuchs beibrachten, wie man Beute machte.

Die Orcas hatten sich einen Seehund ausgesucht und ihn in die Enge getrieben, um ihrem Nachwuchs Gelegenheit zu geben zuzuschnappen. Die Natur konnte manchmal grausam sein.

Die Brüder waren dichter rangefahren und hatten den Motor laut aufheulen lassen, was die Orcas lange genug abgelenkt hatte, um dem Seehund die Flucht zu ermöglichen. Sie hatten ihn sogar noch angefeuert.

Als sie ihrer Familie am nächsten Tag beim Sonntagsessen davon erzählten, war Grandda vor Aufregung ganz aus dem Häuschen und hatte steif und fest behauptet, dass sie einen weiblichen Selkie gerettet hatten, der jetzt aus Dankbarkeit dafür sorgen würde, dass alle drei die Frau fürs Leben finden würden.

Sie liebten den Alten alle sehr und hörten sich seine Fantasiegeschichten sonst immer gutmütig an, aber das war ihnen wirklich zu abwegig vorgekommen.

Doch dann hatte Daniel sich drei Monate später in seine neue Assistentin Keela verliebt und sie kurz darauf geheiratet. Und Mark war nur wenige Wochen darauf ebenfalls unter die Haube gekommen. Er war inzwischen mit Laurel zusammen, der Frau, die auf der anderen Straßenseite ein Bed and Breakfast eröffnet hatte. So viele Zufälle waren schon fast unheimlich.

Unwillkürlich dachte Conor wieder an den Grund, warum er sich volllaufen lassen wollte: sein unerwartetes – und sehr verstörendes – Wiedersehen mit Shelby in der Hotelküche.

Aus dem Augenwinkel sah er die Tür zum Pub aufgehen und eine Frau mit Kochjacke eintreten. Sein Herzschlag beschleunigte sich bei ihrem Anblick. Eine Begegnung reichte ihm für heute!

„Ich mache mich dann mal auf den Weg, Grandda. Ich muss morgen früh raus.“ Er versuchte, möglichst normal zu klingen, obwohl er sich alles andere als normal fühlte. „Setzt die Getränke auf meine Rechnung, okay?“ Er stand auf und eilte Richtung Hinterausgang.

Shelby schlug das Herz bis zum Hals, als sie sich im Pub nach Conor umsah. Sie hatte beschlossen, mit ihm zu reden. Er hasste sie, das hatte sie ihm deutlich angesehen, auch wenn sie ihm keinen Vorwurf daraus machen konnte. Sie hatte ihm schließlich einen guten Grund dafür gegeben. Aber er musste endlich erfahren, warum sie damals nicht aufgetaucht war.

Eine Bewegung am Ende des Tresens weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie sah einen groß gewachsenen Mann aufstehen und zur Hintertür eilen. Conor. Hatte er sie etwa gesehen? Hasste er sie so sehr, dass er alles versuchte, um ihr aus dem Weg zu gehen?

Tja, sein Pech! Sie hatte nicht die Absicht, ihn entkommen zu lassen!

Sie bahnte sich einen Weg durch das gut besetzte Restaurant hindurch zum Hinterausgang. Rasch öffnete sie die Tür und lief hinter Conor her über den Parkplatz, den er dank seiner langen Beine schon halb überquert hatte. Wenn er in dem Tempo weiterging, hatte sie keine Chance, ihn noch einzuholen. „Conor!“, rief sie. „Conor, warte!“

Sie wich einer kleinen Gruppe Menschen aus, die zum Rauchen nach draußen gegangen waren.

Conor blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um. Ihr ohnehin schon rasendes Herz drohte fast zu zerspringen. Sie bekam kaum noch Luft vor Nervosität. „Ich muss dir etwas sagen!“

Erst jetzt drehte er sich langsam zu ihr um. Sein Gesichtsausdruck wirkte im fahlen Licht der Parkplatzbeleuchtung fast bedrohlich. Hätte sie ihn nicht schon ewig gekannt, hätte sie jetzt die Flucht ergriffen, aber sie ging tapfer weiter. „Ich hatte einen guten Grund, mich vor zweieinhalb Jahren nicht mit dir zu treffen.“ Großer Gott, zitterten ihr die Knie!

„Und den konntest du mir nicht schon damals verraten?“

Unglücklich schüttelte sie den Kopf. „Nicht am Telefon.“

„Du hast mich also lieber komplett zum Narren gemacht?“, fragte er wegen der Raucher mit gesenkter Stimme. Sein Tonfall klang trotzdem kalt und abweisend.

Ich war die Närrin, Conor. Ich war schwanger.“ Ihr schossen die Tränen in die Augen. „Wie konnte ich dir da gegenübertreten?“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich etwas. Sah sie so etwas wie Mitleid in seinem Blick aufflackern? Oder eher Ungläubigkeit?

Rasch blinzelte sie gegen die Tränen an, die ihr in die Augen schossen, um ihr Handy aus ihrer Jackentasche zu ziehen. „Ich schwöre, dass ich es selbst erst am Tag vor meinem geplanten Abflug hierher herausgefunden habe. Ich war so schockiert, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Ich konnte einfach nicht herkommen.“ Sie lud ein Foto hoch und drehte ihr Handy um, sodass Conor das Foto sehen konnte. „Das ist mein Sohn Benjamin. Er ist zwei Jahre alt.“

Conor starrte auf das Foto des blonden Jungen, bevor er langsam wieder den Blick zu ihr hob.

Sprachlos.

2. KAPITEL

Vor zwei Jahren, sieben Monaten und drei Wochen hatte Conor vor der Rettungsschwimmerstation gestanden und vergeblich auf Shelby gewartet. Je dunkler der Himmel geworden war, desto mehr waren seine Hoffnungen geschwunden, bis er sich wie der letzte Idiot vorkam.

Sie hatte ihn vergessen.

Wütend hatte er den Ring ins Wasser geschleudert, mit dem er sie hatte bitten wollen, seine Frau zu werden.

Der Schmerz hatte ihn mit solcher Wucht überwältigt, dass er sich krümmen und in den Sand übergeben musste. Dann hatte er sich wieder aufgerafft und war verwirrt und mit gebrochenem Herzen nach Hause gegangen.

Am nächsten Tag hatte er versucht, sie anzurufen, aber sie war bei der Arbeit gewesen und hatte keine Zeit für ein Telefonat gehabt. Am Tag darauf war er nur auf ihrer Mailbox gelandet und am darauffolgenden auch. Dann hatte er verstanden: Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Aber warum nur? Was war passiert?

Er hatte wirklich geglaubt, ihr etwas zu bedeuten. Nach der Highschool hatten sie zwar keinen Kontakt mehr gehabt, aber sie war immer in seinen Gedanken gewesen. In ihrem aufregenden gemeinsamen Sommer in Sandpiper Beach vor sechs Jahren hatte er sich dann endgültig in sie verliebt. Vielleicht hatten sie hinterher nicht so oft miteinander telefoniert, wie sie es hätten tun sollen, aber sie hatten sich versprochen, einander wiederzusehen. Hatte er es nicht zumindest verdient zu erfahren, warum sie ihn nicht mehr wollte?

Er stürzte sich in seine Arbeit und ging mit zahlreichen Frauen aus, um Shelby zu vergessen. Schließlich war er über sie hinweggekommen. Zumindest hatte er versucht, sich das einzureden.

Und jetzt stand er auf dem Parkplatz des Hotels und betrachtete das Foto eines Kleinkinds, während Shelby darauf wartete, dass er etwas sagte. So, als sei zwischen ihnen nichts Besonderes vorgefallen.

„Niedlicher Junge.“

Mehr konnte er ihr unter den Umständen leider nicht bieten. Eine Mischung aus Schmerz, Verwirrung und längst verdrängten Gefühlen für sie stieg in ihm auf. Er hatte damals so gelitten, dass er Monate brauchte, um halbwegs zu verarbeiten, dass sie nicht gekommen war. Und jetzt hatte sie die alte Wunde wieder aufgerissen. Mehr als zwei Jahre später.

Es fiel ihm schwer, sie anzusehen. Sie war immer noch dasselbe Mädchen, das er seit der vierten Klasse kannte, hatte dieselben braunen Augen – Augen, in denen er früher versunken war – und dasselbe braune Haar, wenn auch kürzer als früher. Sie war dieselbe und doch ganz anders. Sie war jetzt eine Karrierefrau. Eine Mutter.

„Danke“, sagte sie leise.

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hatte sie auf eine andere Antwort gehofft, schien die Tatsache jedoch zu akzeptieren, dass eine Versöhnung zwischen ihnen unmöglich war. Resigniert steckte sie ihr Handy wieder ein. Es musste ihr sehr schwergefallen sein, hinter ihm herzulaufen und ihm zu sagen, warum sie ihn damals versetzt hatte. Weil sie mit einem anderen Mann zusammen gewesen war und Conor deshalb vergessen hatte.

Andererseits hatte sie ein Flugticket gehabt. Also musste sie zumindest bis zu einem gewissen Zeitpunkt vorgehabt haben, ihn zu treffen.

„Es tut mir schrecklich leid, glaub mir.“ Ihre Lippen, die ihn bis in den Schlaf verfolgt hatten, zitterten.

Conor hatte keine Ahnung, was sich in den letzten zwei Jahren in ihrem Leben abgespielt hatte. Er wusste nur, dass sich die Dinge nicht mehr ändern ließen. Ihr kleiner Sohn war der beste Beweis. Sie hatte ein neues Leben angefangen und ihr Versprechen nicht gehalten. So etwas konnte passieren, wenn man jemanden, den man liebte, dazu ermunterte, seinen Traum zu verwirklichen.

Sein Mund war plötzlich so trocken, dass er kein Wort herausbrachte. Also nickte er ihr nur hölzern zu, bevor er zu seiner Suite ging und die neue Köchin stocksteif wie eine Statue auf dem Parkplatz stehen ließ.

Ganz egal, wie gut sie kochte – in Zukunft würde er anderswo essen gehen!

Eine Woche später hatte Shelby sich halbwegs in der Küche des Drumcliffe-Hotels eingearbeitet. Conors feindseligen Blick an ihrem ersten Abend in der Küche und seine Kälte hinterher auf dem Parkplatz hatte sie jedoch noch nicht verdaut. Er hasste sie tatsächlich, obwohl sie seit der vierten Klasse beste Freunde gewesen waren.

Na ja, wenigstens hatte sie einen Job.

Samstagmorgen ging sie zum Wochenmarkt in der Main Street und schob den fröhlich vor sich hinplappernden Benjamin im Buggy vor sich her. Sie kaufte frische Kräuter und Gemüse und verstaute die Sachen in den Tragetaschen, die sie an die Griffe gehängt hatte. Später musste sie noch zurück in die Küche, um eine Lieferung Bio-Hähnchenbrüste in Empfang zu nehmen.

Als ein Polizeiauto an ihnen vorbeifuhr, musste sie an einen gewissen süßen und sexy Deputy Sheriff denken – Conor.

„Das war der schönste Sommer meines Lebens“, sagte Conor am Flughafen und umfasste Shelbys Gesicht.

„Ich wünschte, er müsste nicht schon enden.“

Sie hätte weinen können bei der Vorstellung, ihn schon wieder verlassen zu müssen. Beim letzten Mal war sie erst siebzehn gewesen und hatte davon geträumt, in New York zur Kochschule zu gehen. Er schenkte ihr damals einen Claddagh-Ring, und sie hatte sich vorgenommen, ihn nie abzulegen.

Inzwischen war sie dreiundzwanzig, hatte einen neuen Job in New York und war fest entschlossen, sich hochzuarbeiten, bis sie ein eigenes Restaurant eröffnen konnte. Sie stand noch ganz am Anfang und konnte daher nicht in Sandpiper Beach bleiben. Ganz egal, wie sehr Conor Delaney sie in Versuchung führte.

„Lass dich durch nichts von deinen Träumen abhalten.“ Ernst sah er sie aus blauen Augen an.

Also schickte er sie schon wieder weg. Wollte er denn nicht, dass sie blieb? „Ich rufe dich jede Woche an“, versprach sie.

„Gern. Sobald ich einen Job habe und Urlaub bekomme, besuche ich dich.“

Ich werde bleiben, wenn du mich darum bittest.

Doch anstatt sie zum Bleiben zu überreden, hob er ihr Kinn und sah ihr tief in die Augen. „Vergiss nicht unser Versprechen. Selbst wenn wir keinen Kontakt mehr haben sollten – in vier Jahren treffen wir uns bei Sonnenuntergang am Strand.“

Shelby wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass er ihr erst gestern seine Liebe gestanden hatte und jetzt trotzdem darauf bestand, dass sie nach New York zurückkehrte. Ihr blieb nur die Aussicht auf ihr Wiedersehen in vier Jahren. Ihre Liebe würde die Zeit überdauern, und dann würde sie nichts mehr davon abhalten, zusammen zu sein, davon war sie fest überzeugt.

Als sie mit ihren Besorgungen fertig war, warf sie einen Blick auf ihre Uhr, um zu sehen, wie viel Zeit ihr noch blieb, bevor sie zurück zum Restaurant musste. Sie wünschte, sie hätte mehr Zeit für Benjamin, doch seitdem sie als Köchin im Drumcliffe arbeitete, schaffte sie es abends gerade noch, sich die Zähne zu putzen, bevor sie erschöpft ins Bett fiel.

Sie schnallte Benjamin in seinem Autositz an und setzte sich hinters Steuer. Als sie ihre Heimatstadt durchquerte, fiel ihr auf, wie ruhig es hier war. Kein Verkehrslärm, kein ständiges Hupen, keine wüsten Beschimpfungen in den Straßen. Es war so ganz anders als in New York. Hier konnte sie frei denken, sodass Erinnerungen an die guten alten Zeiten in ihr aufstiegen.

Sie hatte ihr beschauliches Leben hier immer für selbstverständlich gehalten. Inzwischen sehnte sie sich danach, wieder dazuzugehören und ein geregeltes Leben zu führen – etwas, das ihr in New York nie gelungen war.

Ich war früher immer morgens am Strand joggen, dachte sie. Wenn sie es schaffte aufzustehen, bevor ihre Mutter zur Schule aufbrach, an der sie als Lehrerin arbeitete, würde sie das vielleicht ab und zu hinkriegen. So wie in alten Zeiten.

Eigentlich war sie noch zu jung, um ihr Leben in früher und heute einzuteilen, aber als alleinerziehende Mutter war es mit der Sorglosigkeit eben vorbei. So etwas existierte dann nicht mehr.

Genauso wie ihre Träume. Nachdem sie in New York einen Job nach dem anderen verloren hatte, war sie nach Sandpiper Beach zurückgekehrt, um erst mal wieder auf die Beine zu kommen. Nicht gerade der ideale Weg, eine Spitzenköchin zu werden. Das Leben konnte manchmal ganz schön hart sein.

Seufzend beschloss sie, sich auf ihre nächste Aufgabe zu konzentrieren – in der Hotelküche den Geflügellieferanten zu empfangen. Als sie auf den Hotelparkplatz bog, sah sie zu ihrem Schreck Conors Wagen. Was war, wenn er heute frei hatte und sie ihm über den Weg lief? Würde ihre Begegnung genauso schrecklich verlaufen wie letzten Samstag?

Als sie kurze Zeit später die Lieferung der Hähnchenbrüste auf der hinteren Veranda gegenzeichnete, kam Conor in Sportklamotten aus seiner Hotelsuite. Ihr rutschte fast der Kugelschreiber aus der Hand, so umwerfend sah er in Shorts und engem T-Shirt aus. Wenn sie bedachte, dass er früher mal nur Augen für sie gehabt hatte …

Plötzlich stiegen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Sommer in ihr auf – an ihre eng ineinander verschlungenen, schweißnassen Körper. Ihr schoss das Blut ins Gesicht. Der Sommer war in mehr als nur einer Hinsicht heiß gewesen …

Träum weiter. Er hasst dich, schon vergessen?

Der Mann wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben, schon gar nicht jetzt, wo sie einen Sohn hatte. Warum konnte sie ihn sich nicht einfach aus dem Kopf schlagen?

Weil ihr nie bewusst geworden war, wie sehr sie ihn liebte, bis sie ihn verloren hatte, deshalb.

Conor trainierte im Fitnessstudio wie ein Wahnsinniger, um nicht an Shelby zu denken, die er gerade mit ihrem Sohn auf dem Arm auf der Veranda der Hotelküche wiedergesehen hatte. Der Schweiß lief ihm über die Stirn und brannte in seinen Augen.

Er war siebenundzwanzig gewesen, als sie ihn versetzt hatte. Damals hatte er geglaubt, nie über sie hinwegzukommen. Für eine Weile hatte er wirklich gedacht, sein Leben sei vorbei, doch irgendwann hatte er sie dann doch überwunden. Letztes Jahr hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich mit seiner damaligen Freundin zu verloben, Elena.

Er wechselte das Gewicht in die andere Hand und trainierte weiter.

Früher war er eher extrovertiert und offen gewesen, aber nach dem Bruch hatte er sich abgekapselt und war so verschlossen geworden, dass alle seine Beziehungen danach gescheitert waren. Keine Frau hielt es lange mit einem Mann aus, der nicht mit ihr redete.

Als seine Hand zu kribbeln und zu brennen begann, legte er das Gewicht hin und lief unruhig auf und ab. Er durfte nicht zulassen, dass Shelby ihn noch weiter ausbremste, zumal sie selbst offensichtlich längst über ihn hinweg war. Ihr Sohn war der beste Beweis.

Suchend sah er sich im Fitnesscenter um. Vielleicht sollte er eine der Frauen hier fragen, ob sie mit ihm ausging. Als er den Blick einer groß gewachsenen rothaarigen Frau auffing, zwang er sich zu einem Lächeln, und sie erwiderte es.

Doch es hatte keinen Zweck. Nachdem er zehn Minuten lang verkrampft versucht hatte, Small Talk zu machen, gab er es auf und fuhr nach Hause, um zu duschen. Es kotzte ihn an, dass er einfach nicht aufhören konnte, an Shelby zu denken, seit er sie wiedergesehen hatte! Dude, du hast echt ein Problem.

Als er eine halbe Stunde später in seiner Suite aus der Dusche kam, beschloss er, Mark aufzusuchen, um ein Hühnchen mit ihm zu rupfen! Er zog sich an und stapfte zur Rezeption. Dieses Gespräch war längst überfällig!

„Warum hast du sie eingestellt?“, fragte Conor ohne Umschweife, als er Mark hinterm Tresen stehen sah.

„Meinst du Shelby?“

„Wen sonst?“

„Ich habe eine Köchin gebraucht, und sie hat sich beworben. Sie hatte die besten Zeugnisse“, verteidigte Mark sich. „Außerdem dachte ich, du bist längst über sie hinweg. Du warst letztes Jahr doch fast verlobt. Mit … wie hieß sie noch mal?“

„Elena. Sie hieß Elena!“

„Hättest du sie öfter mitgebracht, wüsste ich das vielleicht noch.“

Conor ignorierte diese Spitze. Mark hatte schließlich nicht ganz unrecht. „Es wäre einfach nett gewesen, wenn du mich vorgewarnt hättest, das ist alles.“

Mark erwiderte seinen Blick gereizt. „Dann soll ich also bei sämtlichen Entscheidungen Rücksprache mit dir halten, obwohl du mir selbst gesagt hast, dass du nichts mit dem Hotel zu tun haben willst?“

„Es ist Shelby, Mann! Ich kann ihr nun mal nicht aus dem Weg gehen, wenn ich dort wohne, wo sie arbeitet! Sie hält mich jetzt wahrscheinlich für einen totalen Loser!“ Er wohnte nur deshalb noch bei seinen Eltern, weil er für das Beacham House sparte, aber das konnte Shelby schließlich nicht wissen.

Früher einmal hatte er das Haus für Shelby kaufen wollen. Jetzt wollte er es für sich allein. Einen Ort, an dem er in Ruhe seinen Gedanken nachhängen konnte, ohne dass seine Familie ihn dabei störte.

Mark musterte ihn aufmerksam. „Okay, du bist anscheinend nicht über sie hinweg.“

Als Conor Shelby vorhin gesehen hatte, war ihm aufgefallen, wie dünn sie war. Zu dünn. Ob sie krank gewesen war?

Aber was ging ihn das an? „Das ist hier gerade nicht das Thema!“

Sie war offensichtlich mit jemand anderem liiert, als er am Strand auf sie gewartet hatte. Fairerweise musste er jedoch zugeben, dass er keine Treue von ihr verlangt hatte. Er hatte sie nur gebeten, in vier Jahren zurückzukommen. Sie hatte also schon das Ticket. „Hast du gewusst, dass sie ein Kind hat?“ Es musste ganz schön hart sein, ein Kind ganz allein großzuziehen. Stressig. Vielleicht sah sie deshalb so abgemagert aus.

„Ja, auch deshalb ist sie zurückgekommen. Wer auch immer sie geschwängert hat, hat sie hängen lassen.“

„Hey, rede gefälligst mit etwas mehr Respekt!“ Als ginge es ihn etwas an, wie Mark über seine Köchin sprach!

„Das sind die Fakten. Sie und ihr Sohn wohnen bei ihrer Mutter.“

Auch das interessierte Conor nicht die Bohne. Andererseits waren sie Freunde gewesen, bevor sie zusammengekommen waren.

Mark schnalzte vor Conors Gesicht mit den Fingern, um ihn aus seinen Gedanken zu reißen. „Du hast tatsächlich noch Gefühle für sie, oder?“

Conor schüttelte genervt den Kopf. Wie konnte sein Bruder nur so begriffsstutzig sein?

Am nächsten Morgen ging Conor mit Daisy, dem Familien-Labrador, am Strand joggen, um für die Arbeit den Kopf freizukriegen. Die ganze letzte Woche hatte er kaum geschlafen, weil er sich immer noch nicht von Shelby Lyn Brookes Rückkehr nach Sandpiper Beach erholt hatte.

Mark hatte ihm gestern erzählt, dass sie bei ihrer Mutter wohnte. Sie konnte also keine eigene Wohnung haben. Und dass sie sich beim Drumcliffe beworben hatte, ließ darauf schließen, dass sie vorher arbeitslos gewesen war. Was war passiert?

Aber warum dachte er überhaupt darüber nach? Gehörte sie nicht längst seiner Vergangenheit an?

Das Meer war aufgewühlt und stürmisch, doch die Sonne kündigte einen warmen Tag an, obwohl es erst März war. Dankbar atmete er die nach Seetang riechende Luft ein.

Gegen Ende seiner Highschool-Zeit hatte Shelby fast genauso selbstverständlich zu seinem Leben gehört wie seine Familie. Während ihres Abschlussjahrs hatten sie so viel Freizeit wie möglich zusammen verbracht. Sie war sogar regelmäßig bei den Sonntagsessen seiner Familie im Pub dabei gewesen. Ihre Zukunftspläne waren ihm damals genauso wichtig gewesen wie seine eigenen. Sie hatten einander Mut gemacht und sich gegenseitig bestärkt. Und jetzt waren sie nur zwei Menschen, die zufällig in derselben Stadt lebten.

Daisy schoss vor Conor den Strand entlang. Er war nicht der einzige Jogger – ein Stück vor ihm lief ein dürrer Junge, doch dank Daisys halsbrecherischem Tempo holte Conor ihn rasch ein. Erst als er nicht mehr weit entfernt war, bemerkte er, um wen es sich wirklich handelte: Shelby.

Bei der Erkenntnis fuhr ihm der Schreck in die Glieder. Er spielte mit dem Gedanken, wieder umzukehren, aber er konnte den Blick einfach nicht von ihr losreißen, als er sah, wie dünn sie war.

Was hatte sie in den letzten Jahren erlebt? Er wusste inzwischen, dass sie ein Kind bekommen hatte, aber was war ihr noch alles widerfahren?

Dass sie vor gut zweieinhalb Jahren nicht am Strand aufgetaucht war, hatte ihm das Herz gebrochen. Doch seit seine Wut sich seit letztem Samstag etwas gelegt hatte, war ihm klar geworden, dass sie beide auch eine lange Freundschaft verband, die er vermisst hatte. Eine Freundschaft, die er immer noch vermisste.

Da er sie schon bald einholen würde und es irgendwie komisch wäre, einfach an ihr vorbeizulaufen, verlangsamte er sein Tempo. Verdammt, sie arbeitete schließlich für seine Familie! Er konnte ihr nicht für immer aus dem Weg gehen.

Er legte die Hände an den Mund. „Hey! Warte, Twiggy!“

Sie drehte sich nach ihm um. Sogar auf die Entfernung konnte er ihre Verunsicherung erkennen, als sie ihn sah.

Sie lief etwas langsamer, bis er sie eingeholt hatte. „Hey“, war alles, was sie zu ihm sagte. Er nickte ihr zu.

Langsam liefen sie weiter, Seite an Seite, im gleichen Takt atmend. Sie machte extra lange Schritte, um mit ihm mitzuhalten. Das hier war vermutlich das Dümmste, was er je gemacht hatte … abgesehen davon, ihr das Versprechen abzunehmen, ihn Jahre später hier wiederzutreffen, und tatsächlich davon auszugehen, dass sie es halten würde.

Schweigend liefen sie nebeneinander – ein Schweigen, das Conor zunehmend unangenehm wurde.

„Ich habe mir das irgendwie angewöhnt“, sagte sie unvermittelt.

Conor sah sie fragend an.

„Du hast mich gerade Twiggy genannt. Ich vergesse meistens zu essen, wenn ich alle anderen sattkriegen muss.“ Sie streifte ihn mit einem Blick. „Das kann als Köchin schon mal passieren.“

„Dann hör doch einfach damit auf.“

Sie sah ihn verwirrt an. „Zu kochen? Das ist mein Job!“

„Nein, immer als Letzte zu essen.“

„Das ist in einem Restaurant nicht immer möglich.“

„Das Drumcliffe ist nicht gerade ein Spitzenlokal. Vielleicht solltest du mal verschnaufen, jetzt, wo du wieder zu Hause bist.“ Ups, ihrem Blick nach zu urteilen, hatte er sie gerade gekränkt.

„Eine Küche zu leiten ist immer ein harter Job, ganz egal wo“, verteidigte sie sich. „Das Tempo ist einfach enorm.“

„Das weiß ich doch.“ Er drehte um, um zurückzulaufen, und winkte ihr, ihm zu folgen. „Ich will ja nur, dass du dir angewöhnst, als Erste zu essen. Wenn du ohnmächtig wirst, kriegt schließlich niemand etwas, oder?“

„Das ist mir noch nie passiert.“

„Meine Mom wird jedenfalls nicht erfreut sein, wenn du in ihrer Küche umkippst.“

„Kann ich mir vorstellen. Vor allem nicht, nachdem ich ihre Küche fast abgefackelt hätte.“

Sie lachten etwas. Conor war froh, dass es ihm gelungen war, die verkrampfte Stimmung etwas aufzulockern. Es war fast wieder so wie früher, als sie Freunde gewesen waren.

Als sie beim Pfad zum Hotel ankamen, blieb er stehen. Ihm kam eine spontane Idee – etwas, das ihm in Shelbys Gegenwart früher öfter passiert war: „Komm, ich spendiere dir ein Frühstück.“

Überrascht sah sie ihn an. „Aber ich muss nach Hause, duschen. Und danach alles für den Sonntagsbrunch vorbereiten.“

„Es ist doch noch früh.“

Ein paar Atemzüge lang sah sie ihn unschlüssig an. „Aber du hasst mich“, wandte sie schließlich ein.

„Ich hasse dich nicht. Ich bin stinksauer auf dich und weiß nicht, ob ich dir je verzeihen kann, aber ich hasse dich nicht.“

„Na, dann hätten wir das ja geklärt.“

„Erinnerst du dich noch an den Diner, wo wir immer Burger gegessen haben?“

„Den verrückten kleinen Laden, der nicht wusste, ob er ein Fünfzigerjahre-Diner oder ein Fastfood-Imbiss sein wollte? Hätte ich den Job im Drumcliffe nicht bekommen, hätte ich mich dort beworben.“

„Echt? Dann weißt du vielleicht auch schon, dass sie dort ein klasse Frühstücksbuffet anbieten.“ Er ging ein paar Schritte vor und drehte sich dann wieder zu ihr um. „Kommst du?“

„Okay“, sagte sie widerstrebend.

Bei Pfannkuchen und Eiern entspannte er sich noch mehr. Überraschenderweise hatten sie beide Hunger und ließen sich das leckere Frühstück nicht von ihren Emotionen vermiesen.

Sie waren sehr lange Freunde gewesen, bevor sie sich ineinander verliebt und dann alles ruiniert hatten. Oder vielmehr, bevor er sich verliebt und sie alles ruiniert hatte. Trotzdem gelang ihnen ein zivilisiertes gemeinsames Mahl. Aber warum auch nicht? Sie waren schließlich erwachsen, oder?

„Du hast also einen Sohn“, begann er das Gespräch.

„Ja. Abgesehen von der Geschichte, wie es dazu kam, bereue ich nichts.“ Sie lächelte, wobei ihre Gesichtszüge etwas weicher wurden. „Mein Leben war noch nie so anstrengend, aber ich würde ihn für nichts auf der Welt eintauschen.“

Der Junge kam also für sie an erster Stelle … so, wie es sein sollte. Conor hatte noch unzählige Fragen zu dem Thema, aber das musste warten. „Er sieht süß aus. Er hat deine Augen.“

„Danke.“ Jede Menge Emotionen spiegelten sich auf ihrem Gesicht – allen voran Erleichterung, Dankbarkeit und Freude. Er war zwar immer noch sauer auf sie, aber da sich alte Gewohnheiten nun mal nicht so leicht abschütteln ließen, begann er, sie wie in alten Zeiten mit ihrer Körpergröße aufzuziehen: „Dann hoffen wir mal, er hat nicht auch deine Kleinwüchsigkeit geerbt.“

„Hey!“, protestierte sie mit gespielter Empörung.

Als ihre Blicke sich trafen, war es für einen Moment wieder wie früher. Verlegen senkte er den Blick zu seinem letzten Pfannkuchen. „Und? Wie ist es so, in einer New Yorker Restaurantküche zu arbeiten?“

Seufzend stocherte sie in ihrem restlichen Rührei herum. „Das lässt sich wahrscheinlich am besten als geordnetes Chaos beschreiben.“ Sie legte ihre Gabel hin und sah ihn an. Ihre Augen leuchteten. „Es ist wie eine Art Gruppenchoreografie, nur mit Töpfen und Pfannen, und es ist entsetzlich laut.“ Sie griff nach der Strohhalmhülle und rollte sie auf. „Es kann immer etwas schiefgehen, sodass es schnell zu Wutausbrüchen und Beleidigungen kommt.“

Verstohlen hob sie den Blick, doch als sie sein Interesse bemerkte, sah sie ihn direkt an. Es durchzuckte Conor heiß. „Doch am Schluss landet das Essen stets wie durch ein Wunder auf dem Teller, und alle haben sich wieder lieb.“ Sie nahm die zusammengerollte Strohhalmhülle zwischen die Lippen und blies sie wieder auf. „Mit anderen Worten, es ist verrückt“, sagte sie lachend. „Total durchgeknallt. Aber es macht einen Riesenspaß.“

„Und du kochst unglaublich gut.“

„Danke.“ Sie schob sich ein Stück Pfannkuchen in den Mund und trank einen Schluck Kaffee. „Bei deinem Job als Deputy Sheriff geht es auch ganz schön zur Sache, oder?“

„Manchmal schon.“

Die Kellnerin füllte ihre Kaffeebecher nach und räumte einige Teller ab.

„Hast du nicht eine Weile in San Diego gearbeitet?“

„Ja, gleich nach dem College. Ich habe dort meine Grundausbildung gemacht.“

„Da hast du doch bestimmt alles gesehen, was es gibt, oder?“

Sie wirkte fast ehrfürchtig. „Es gab schon ein paar harte Fälle, ja.“

„Wow. Ich finde, du hast den schwierigsten Job der Welt.“

„Wohl kaum, aber Langeweile kommt jedenfalls nicht auf.“ Für einen Moment ließ er so etwas wie Stolz zu. Wie auch nicht, wenn sie mit ihren Komplimenten so dick auftrug?

Er zögerte. „Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben?“

Sie sah ihn aus großen Augen an. „In der Grundschule?“

„In der vierten Klasse.“ Jetzt war er an der Reihe, mit seiner Strohhalmverpackung zu spielen. „Und weißt du, warum ich dich sofort mochte?“

„Ich dachte, du konntest mich nicht ausstehen.“

„Nur weil du das einzige Mädchen warst, das mich beim Tetherball geschlagen hat.“ Bei dem Spiel musste man einen an einem Seil an der Decke befestigten Ball um eine Stange schlagen. Er trank einen Schluck Wasser. „Du warst eine Kämpfernatur. Das ist mir sofort aufgefallen.“

Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er sie mit diesem Geständnis beeindruckt. Fragte sich nur, warum ihn das so freute. Vielleicht lag es an all den Kohlenhydraten und dem Sirup, dass er fortfuhr: „Du hast mich total verunsichert, aber irgendwie auch fasziniert.“

„Und warum warst du dann so gemein zu mir?“

Irgendwie hatte sie immer schon etwas an sich gehabt, das ihn dazu gereizt hatte, sie zu necken. „Vielleicht lag es an deinen Pippi-Langstrumpf-Zöpfen.“

Lachend warf sie einen Blick auf ihre Armbanduhr und riss erschrocken die milchkaffeebraunen Augen auf. „Oh mein Gott, ich muss los!“

3. KAPITEL

Als Conor am Mittwochmorgen nach dem Training im Fitnessstudio zum Supermarkt fuhr, um etwas Knabberkram für zu Hause zu besorgen, lief er Shelby wieder über den Weg. Sie hatte ihren Sohn dabei.

„Hey!“, begrüßte sie ihn lächelnd.

Er fand, dass sie süß aussah mit ihrer hochgekrempelten ausgeblichenen Jeans und der kurzärmeligen weißen Bluse. Dazu trug sie Sandalen und Ohrhänger mit türkisfarbenen Perlen. Ihre Zehennägel waren leuchtend rosa lackiert.

Ob es an dem Gespräch neulich im Diner lag oder an seinem intensiven Training oder woran auch immer, aber Conors Abneigung gegen sie war verschwunden. Trotzdem hatte er beschlossen, ihr in Zukunft weiterhin aus dem Weg zu gehen. Es brachte einfach nichts, sich wieder auf sie einzulassen, zumal sie bestimmt nur vorübergehend in Sandpiper Beach blieb. Früher oder später würde es sie wieder in die Großstadt ziehen, zu größeren Herausforderungen. Das war bei ihr immer so.

„Wie geht’s?“, fragte er möglichst locker.

„Ganz gut. Warst du in den letzten Tagen beschäftigt? Ich habe dich seit Sonntag nicht mehr gesehen.“

„Ja, auf dem Revier war eine Menge los.“ Als ihm auffiel, dass ihn der Junge auf ihrem Arm fasziniert ansah, sagte er aus Pflichtgefühl „Hi“. Die Antwort war ein strahlendes Lächeln, das ihn fast umhaute. Um ein Haar hätte er es erwidert, unterdrückte die Reaktion jedoch.

„Das kommt bestimmt öfter vor, oder?“, setzte sie den Small Talk fort.

Während Conor sie ansah, wurde ihm bewusst, dass sie ihn immer noch nicht kaltließ. Ihr hellbraunes Haar glänzte ganz wundervoll im Lampenlicht, und ihr bis auf Wimperntusche und Lippenstift ungeschminktes Gesicht zog ihn mehr an, als ihm lieb war. „Stimmt. Hängt davon ab, was so los ist.“ Lahme Antwort, aber er war schließlich nicht hier, um gesellig zu sein. Mühsam riss er den Blick von ihr los und konzentrierte sich auf ihren Sohn – der ihn immer noch anstrahlte und mit seinen großen blauen Augen und blonden Locken total niedlich aussah.

Sie lächelte. „Tja, wenn du das nächste Mal abends nicht arbeiten musst, sag mir Bescheid, dann bereite ich dein Essen so vor, dass du nicht warten musst.“

„Lieb von dir.“ Er fragte sich, warum sie ihm das anbot. Wollte sie ihn etwa öfter sehen? Wäre es nicht besser, es einfach gut sein zu lassen?

„Tja, du hast wahrscheinlich eine Menge zu tun, da will ich dich nicht aufhalten.“

Anscheinend hatte sie gemerkt, dass heute nichts mit ihm anzufangen war. „Du doch bestimmt auch, oder?“ Steifer ging’s nicht. Dabei hatten sie sich mal geliebt. Aber wahrscheinlich war das genau das Problem. Versuch zumindest, nett zu sein! „Außerdem willst du doch bestimmt nicht, dass dein Eis schmilzt.“ Er zeigte auf die Packung in ihrem Einkaufswagen.

„Stimmt.“ Sie hob die Augenbrauen. „Jemand hat mir geraten, immer als Erste zu essen, und genau das habe ich damit vor.“

Diesmal war sein Lächeln aufrichtig. „Davon will ich dich natürlich erst recht nicht abhalten. Also, wir sehen uns.“ Er nickte ihr zum Abschied zu und schob seinen Einkaufswagen weiter. Das wäre also überstanden, Gott sei Dank!

Doch als er den Parkplatz betrat und ihren noch vollen Einkaufswagen neben ihrem Wagen stehen sah, während sie ihren Sohn auf dem Rücksitz anschnallte, blieb er spontan stehen und lud ihre Taschen in den offen stehenden Kofferraum, bevor er beide Einkaufswagen zurück zum Supermarkt schob. Als sie den Kopf aus der Hintertür steckte, war er schon fast bei seinem Auto angekommen.

„Danke!“, rief sie.

Er winkte ihr zu, ohne sich zu ihr umzudrehen. Es würde ihm auch so schon schwer genug fallen, ihren Anblick mit den baumelnden Ohrringen und den rosa Zehennägeln zu vergessen.

Als Conor Sonntagabend zusammen mit Brian zum allwöchentlichen Familienessen in den Pub ging, waren die restlichen Delaneys bereits da.

Conor nickte seinen Brüdern Daniel und Mark und deren Frauen Keela und Laurel zu, bevor er Hallo zu den Kindern sagte. Danach ging er zu seinen Eltern, um seinem Vater die Hand zu schütteln und seine Mutter zu umarmen.

Seine Mutter räusperte sich, als alle versammelt waren. „Leute, ich habe heute jemanden eingeladen, der sonst immer nur das Essen für alle anderen zubereitet.“ Conor verging schlagartig der Appetit. „Jemanden, der viele Jahre lang ein nicht offizielles Mitglied unserer Familie war.“

Conor sah eine zierliche Gestalt mit einem kleinen Jungen auf einer Hüfte hinter seinen Brüdern hervorkommen. Shelby trug ein cremefarbenes ärmelloses langes Oberteil zu einer beigen Hose und dazu goldfarbene Espadrilles. Ihr kurzes Haar betonte ihre warmbraunen Augen.

Bei ihrem Anblick hatte Conor gemischte Gefühle. Sie wirkte etwas verunsichert, sodass er vermutete, dass seine Mutter auf ihrem Kommen bestanden hatte. Für einen Moment tat sie ihm fast leid. Wahrscheinlich war ein Abendessen in seiner Gegenwart das Letzte, was sie wollte.

Er setzte ein Lächeln auf, um seinen inneren Aufruhr zu überspielen, bevor er sich neben Brian setzte, der am anderen Ende des Tisches saß, weit weg von Shelby. Während des wie üblich turbulenten Abendessens gelang es ihm halbwegs, die Frau zu ignorieren, die ihm vor zweieinhalb Jahren das Herz aus dem Leib gerissen hatte und deren Wiederauftauchen in Sandpiper Beach ihn immer wieder daran erinnerte.

Als Benjamin quietschend etwas Süßkartoffel in seinem Haar zerdrückte, mussten seine Eltern lachen. Sogar Conor musste zugeben, dass der Kleine wirklich entzückend war. Während er die Frage verdrängte, wer wohl Benjamins Vater sein mochte, machte er den Fehler, den Blick zum Platz daneben schweifen zu lassen … und begegnete prompt Shelbys Blick. Sein Herz machte einen Satz. Nicht gut.

Sie sah ihn fast flehentlich an. Anscheinend wollte sie einen Waffenstillstand. Wie konnte er da Nein sagen? Er sollte ihr etwas entgegenkommen, und wenn auch nur, um sein eigenes Leben etwas erträglicher zu gestalten. Wahrscheinlich hatte sie es in den letzten Jahren nicht leicht gehabt. Und was hatte man schon davon, wenn man an seinen negativen Gefühlen festhielt?

„Brian“, sagte sein Großvater. „Habe ich dir schon mal die Geschichte erzählt, wie deine Cousins einen Selkie gerettet haben?“

So, das reichte! Conor musste sowieso zurück zum Revier. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, seinem Großvater dabei zuzuhören, wie er über das Schicksal schwadronierte, und darüber zu spekulieren, warum Shelby wohl nach Hause zurückgekehrt war.

Hastig stand er auf. „Danke für das Abendessen, aber ich muss jetzt zur Arbeit.“

Noch bevor er bei der Tür ankam, tauchte jemand neben ihm auf. Shelby.

„Ist es okay für dich, wenn ich dich zum Wagen bringe?“

Da er die neugierigen Blicke seiner Eltern und Geschwister spürte, konnte er schlecht Nein sagen. „Klar, wenn du willst?“

Als sie ins Freie traten und er sie in der kühlen Abendluft erschauern sah, war sein erster Impuls, ihr einen Arm um die Schultern zu legen, aber er beherrschte sich. Wenn sie ihn zum Wagen begleiten wollte, musste sie eben frieren.

„Wie lange arbeitest du schon in Sandpiper Beach?“, fragte sie.

„Fast fünf Jahre.“

Verlegen kratzte sie sich an einer Wange. „Mark hat mir gerade erzählt, dass du letztes Jahr verlobt warst?“

Conors Schritte stockten für einen Moment, doch dann ging er weiter Richtung Wagen. „Nicht wirklich. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, aber …“ Er wollte nicht, dass Shelby erfuhr, wie beziehungsgestört er ihretwegen war. „Wir haben einfach nicht zusammengepasst.“ In Wirklichkeit hatte Elena es sattgehabt, dass er sich ihr gegenüber nie wirklich geöffnet und sich ihr nie anvertraut hatte. So wie jetzt bei Shelby.

„Und was machst du so an deinen freien Tagen?“

Das brachte ihn ins Grübeln. Womit verbrachte er eigentlich seine Freizeit? Oder war die Arbeit inzwischen seine Ablenkung rund um die Uhr? „Nicht viel. Joggen. Ins Fitnessstudio gehen.“

„Wanderst du noch?“ Sie ließ einfach nicht locker, blieb sogar direkt neben ihm stehen, als er die Autotür öffnete.

„Ja. Mom hat mich dazu überredet, mit den Hotelgästen an den Wochenenden wandern zu gehen, falls jemand Interesse hat und ich nicht im Dienst bin.“

„Ich habe morgen frei. Da du montags anscheinend auch immer frei hast, dachte ich, du gehst vielleicht mit mir wandern. Erinnerst du dich noch an den Pfad, der das Steilufer hochführt? Wollen wir uns dort um sieben treffen?“

Er sah, dass sie es ernst meinte, und es war ihm total unangenehm … obwohl sein Unbehagen vielleicht auch damit zusammenhängen konnte, dass sich ihre Nippel durch die Kälte hart unter der dünnen Bluse abzeichneten. Er versuchte, ihre Brüste zu ignorieren. „Warum sollten wir das tun, Shelby?“

Sie zögerte. „Es gibt da etwas, das ich dir noch sagen muss.“

Wollte er wirklich wissen, wie es zu ihrer Schwangerschaft gekommen war, wenn es das war, was sie ihm sagen wollte? Oder wollte sie womöglich eine zweite Chance?

Conor merkte ihr an, dass es sie große Überwindung gekostet hatte, ihm nachzulaufen. Sie schien sich wieder mit ihm vertragen zu wollen, so wie er neulich, als er sie spontan zum Frühstück eingeladen hatte. Anscheinend musste sie sich etwas von der Seele reden, und ob er es hören wollte oder nicht – er hatte ein Recht, die ganze Geschichte zu erfahren. Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Okay, treffen wir uns um sieben.“

Ihre Erleichterung war nicht zu übersehen. „Okay, dann bis um sieben.“

Benjamin war schon unruhig, als Shelby ihn abends hinlegte, und um drei Uhr morgens wachte er weinend auf. Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn, die sich heiß anfühlte. Wahrscheinlich war er deshalb so weinerlich, weil er gerade zahnte. Sanft wippte sie ihn auf und ab und gab ihm ein bewährtes Schmerz- und Fiebermittel für Kleinkinder.

Nach Benjamins Geburt hatte sie so viele Abende nicht zur Arbeit gehen können, dass sie ihren damaligen Job als Souschefin schließlich verloren hatte. Nachdem sie sich deshalb einen Teilzeitjob gesucht hatte, hatte sie in eine WG ziehen müssen, um finanziell über die Runden zu kommen. Es war so anstrengend gewesen, den Kleinen ruhig zu halten, wenn ihre Mitbewohner schliefen, dass sie selbst kaum noch Schlaf bekommen hatte und irgendwann total erschöpft gewesen war.

Sie hatte sich wie ein Zombie gefühlt, war jedoch zu stolz gewesen, um nach Hause zurückzukehren. Sie hatte es unbedingt allein schaffen wollen. Doch als Benjamin mit dreizehn Monaten zum ersten Mal eine langwierige Bronchitis bekommen hatte, verlor sie auch den neuen Job.

Vor lauter Verzweiflung hatte sie Laurent angerufen und ihn um Hilfe gebeten. Er hatte ihr zwar etwas Geld geschickt, sie aber gebeten, ihn nie wieder zu kontaktieren, und sie hatte sich keinen Anwalt leisten können, um ihn auf Unterhalt zu verklagen. Damals war sie an einem absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben gewesen.

Eine der Kinderkrankenschwestern, die sie während Benjamins Bronchitis kennengelernt hatte, hatte ihr von einem kleinen Café erzählt, das eine Köchin brauchte und dessen Eigentümerin wohl nichts dagegen haben würde, wenn Shelby ihren Sohn mitbringen würde – ein Tipp, der sich als echter Segen entpuppte. Mrs. Greenblatt stellte ihr sogar einen Laufstall zur Verfügung, der sich in ein Bett umbauen ließ, auch wenn Shelby Benjamin meistens in einer Babytrage auf dem Rücken trug. Ihre Arbeitgeberin vermietete ihr auch günstig eine kleine Wohnung im ersten Stock.

Doch als die alte Mrs. Greenblatt nach einem halben Jahr überraschend starb und ihre weit entfernt wohnenden Kinder das Café schlossen und das Gebäude verkauften, fand Shelby keinen Job, zu dem sie Benjamin mitnehmen konnte. Da die Kinderbetreuungskosten bei einem anderen Job einfach zu hoch wären, war sie gezwungen, nach Hause zurückzukehren … und sich endlich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Wegen Conor hatte sie sich nur sehr ungern im Drumcliffe beworben, aber die einzige Alternative wäre der Bee Bop Diner gewesen, sodass ihr im Grunde gar nichts anderes übrig geblieben war. Sie war unglaublich froh, dass sie sich wieder halbwegs verstanden. Und jetzt würde nichts aus ihrer geplanten Wanderung werden.

Conor ging sofort ran, als sein Handy klingelte.

„Hi, Conor, hier ist Shelby. Benjamin ist heute Nacht mit Fieber aufgewacht, und jetzt sind seine Bronchien dicht. Tut mir leid, aber ich kann leider nicht wandern gehen.“

Conor wusste, dass sie als Köchin beim Drumcliffe krankenversichert war, doch da sie gerade erst angefangen hatte, griff die Versicherung vermutlich noch nicht. „Das tut mir leid. Müsst ihr zu einem Arzt?“

„Ja. Ich fahre in die Notaufnahme.“

„Ich kann dir die Adresse einer guten Kindernotfallklinik geben, wenn du willst.“

„Warte, ich hole rasch einen Stift und ein Blatt Papier.“

Conor hörte, wie Benjamin im Hintergrund weinte und Shelby versuchte, ihn zu beruhigen. Sie klang besorgt und gestresst.

Ein sehr unerwünschter Impuls stieg in ihm auf. „Fährt eure Mom euch hin?“

„Nein, sie ist bei der Arbeit.“

Oh Mann!

Andererseits klang sie nicht völlig aufgelöst, sondern nur besorgt, und sie war bereits seit zwei Jahren Mutter, sodass es nichts Neues für sie sein konnte, wenn ihr Sohn krank wurde. Außerdem bat sie ihn nicht um Hilfe, sondern sagte ihm nur, was los war.

Doch dieser Impuls wollte einfach nicht weichen. Und das Weinen des Jungen zerriss ihm das Herz. Wie schrecklich musste es dann erst für Shelby sein?

„Hör zu, ich bringe euch hin. Du bist bestimmt gerade nicht in der Verfassung zu fahren.“ Dude, lass dich da nicht mit reinziehen!

„Danke, aber wir kriegen das schon hin.“

Da war sie, seine Rettung, aber Shelby klang alles andere als überzeugend. Eher so, als wolle sie ihm nicht zur Last fallen. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie ihn nie um Hilfe bitten würde, noch nicht mal, wenn ihr Haus brennen würde. Aber das Zittern in ihrer Stimme ließ nur einen Schluss zu.

„Wartet auf mich. Bin schon unterwegs.“

Dude!!!

Vierzig Minuten später saßen Shelby, Benjamin und Conor im Wartezimmer der Notfallkinderklinik auf grauen Plastikstühlen. Nachdem Shelby sich zuerst gegen Conors Angebot gewehrt hatte, war sie inzwischen insgeheim dankbar, dass er mitgekommen war. Es wäre ihr nicht leichtgefallen, die etwas entlegen in den Hügeln liegende Klinik zu finden, und zweitens gab seine Unterstützung ihr ein Gefühl der Sicherheit. Wann hatte sie sich zuletzt sicher gefühlt?

Wie sie die Untersuchung bezahlte, würde sie sich später überlegen. Gut, dass sie mietfrei bei ihrer Mom wohnte – ein Arrangement, auf das sie sich geeinigt hatten, bis sie wieder auf eigenen Beinen stand. In New York hatte sie sich kaum über Wasser halten können. Wäre sie nicht so dickköpfig, wäre sie schon viel früher zurückgekommen. Aber ob es Conor bewusst war oder nicht – dass sie nicht nach Sandpiper Beach zurückgekehrt war, hatte eine Menge mit ihm zu tun. Und jetzt saß sie mit ihm in einer Kinderklinik, obwohl sie ihm konsequent aus dem Weg gegangen war, seit sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte.

Benjamin schlief – wahrscheinlich vor Erschöpfung. Seltsamerweise war er auf Conors Arm eingenickt, während sie die Anmeldeformulare am Tresen ausgefüllt hatte. Sie beschloss, Benjamin auf Conors Arm zu lassen. Wozu riskieren, ihn zu wecken?

Benjamin sah winzig klein in Conors muskulösen Armen aus – ein so rührender wie verstörender Anblick. Warum musste Conor Benjamin nur halten, als sei er total zerbrechlich? So als würde er genau wissen, was er tat? Ihr Herz verkrampfte sich schmerzlich beim Anblick ihres Exfreundes und ihres Sohns.

„Gibt es ein Problem?“, flüsterte er, als er ihre Unruhe spürte.

Sie schüttelte den Kopf. Er brauchte nichts über ihre finanziellen Probleme zu wissen. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her und wippte mit einem Fuß. Als sie Benjamin tief an Conors Hals seufzen hörte und dieser überrascht blinzelte, fiel Shelby auf, wie dicht seine grünblauen Augen von Wimpern umrahmt waren. Er hatte wirklich schöne Augen. Ob es ihm gefiel, ihren Kleinen auf dem Arm zu halten?

Hör auf damit! Das mit uns ist längst vorbei.

Doch sie sah den Ansatz eines Lächelns auf seinen Lippen – jene Art Lächeln, mit dem er immer auf angenehme Überraschungen reagierte. Jetzt wäre der perfekte Augenblick für ein Foto – kleines Kind in großen Männerhänden. Etwas, das Benjamins eigener Vater nie erlebt hatte …

Wieder verkrampfte sich ihr Herz schmerzlich. Sie konnte sich solche Fantasien nicht erlauben. Außerdem würde sowieso nichts aus dem Foto werden, weil Benjamin in diesem Augenblick die Augen aufschlug und unruhig wurde. Und schon gehörte der perfekte Augenblick der Vergangenheit an.

Genauso wie Conor.

Zu Shelbys Überraschung rieb er dem Kleinen instinktiv den Rücken. Benjamin beruhigte sich wieder etwas, während sie selbst immer rastloser wurde. Als er zu husten begann, streckte sie instinktiv die Arme aus.

„Ich halt ihn schon, alles in Ordnung. Mach ruhig Pause, deine Schultern müssen doch schon total verkrampft sein“, sagte er.

Selbstsicher. Vernünftig. Ganz Conor. Da sie ihm nicht widersprechen konnte – ihre Schultern waren tatsächlich steif –, unterdrückte sie ihren Impuls, ihm Benjamin trotzdem abzunehmen, und nickte dankbar lächelnd. Weil sie Conor vertraute.

Bei der Erkenntnis musste sie schlucken, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren?

Benjamin hob das Gesichtchen und sah Conor verdutzt an, bevor er den Blick auf seine Mutter richtete. Ihr Anblick schien ihn zu beruhigen, denn er entspannte sich wieder und legte das Köpfchen an Conors breite Schulter. Ihr Sohn konnte Menschen anscheinend schon jetzt gut einschätzen.

Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn, die sich immer noch heiß anfühlte. „Er hatte schon öfter Bronchitis.“

„Es muss ganz schön hart sein, sich allein um ein Baby kümmern und gleichzeitig arbeiten zu müssen.“

Sie seufzte. „Kann man wohl sagen.“

In Conors Blick veränderte sich etwas. Hatte er etwa Mitleid mit ihr? Sie wollte sein Mitleid nicht, aber sie wollte auch nicht abstreiten, wie hart es war, alleinerziehende Mutter zu sein. Es gab keinen härteren Job.

„Benjamin Brookes?“, rief eine Krankenschwester.

Shelby stand auf, genauso wie Conor. Sie hätte ihm jetzt eigentlich ihren Sohn abnehmen sollen, aber irgendetwas hielt sie davon ab. Benjamin wirkte zufrieden, und Conor schien kein Problem damit zu haben, sie ins Untersuchungszimmer zu begleiten. Also ließ sie Benjamin, wo er war.

Anderthalb Stunden später nach der Untersuchung verließen sie die Klinik mit einem Rezept für ein Antibiotikum.

Shelby seufzte erleichtert auf. „Bei mir in der Nähe gibt es eine Apotheke. Sie haben das Medikament bestimmt.“

„Okay.“

Als sie bei ihrem Wagen ankamen, öffnete sie eine der hinteren Türen, und Conor, der Benjamin wieder auf dem Arm hatte, bückte sich, um ihn anzuschnallen. Da er jedoch nicht mit den vielen Gurten und Schnallen zurechtkam, gab er es auf und überließ die Aufgabe Shelby.

„Hungrig?“, fragte er, als er ihren geschickten Handgriffen zusah.

Überrascht sah sie ihn an. Schon wieder? schien ihr Blick zu fragen.

„Ich muss etwas essen, deshalb“, rechtfertigte er sich. Lügner. Ehrlich gesagt wollte er sich noch nicht von Shelby verabschieden. Außerdem hatte sie eine anstrengende Nacht hinter sich und musste total erschöpft sein. Er wollte, dass sie zumindest etwas aß.

„Ich könnte etwas zu essen gebrauchen.“ Sie warf einen Blick auf ihren sich gegen die Gurte wehrenden Sohn. „Er ist wahrscheinlich auch am Verhungern.“

Conor unterdrückte ein Lächeln. „Okay, dann lass uns frühstücken gehen, sobald wir das Medikament haben.“ Moment mal, was mache ich hier eigentlich? Sollte ich nicht nachtragender sein?

Er betrachtete Benjamins rundliche Händchen und Wangen. Der Kleine konnte schließlich nichts für die Situation. Und Shelby konnte mal eine Auszeit gebrauchen. Er konnte später wieder sauer auf sie sein.

Sie lächelte dankbar – ein Lächeln, das er zu vergessen versucht hatte, seit sie ihn hatte hängen lassen. „Klingt gut.“

Conors Unterstützung bedeutete Shelby viel. Als er die Hand nach ihrem Autoschlüssel ausstreckte, warf sie ihn ihm zu. Er hatte sie hergefahren, warum ihn also nicht auch zurückfahren lassen? Ehrlich gesagt war es ein tolles Gefühl, ausnahmsweise mal nicht zuständig sein zu müssen … abgesehen davon, dass es Benjamin zu gefallen schien, von einem großen starken Mann wie Conor auf den Arm genommen und getröstet zu werden. Ja, sie hatte das mit eigenen Augen gesehen, und es hatte seine Wirkung auf sie nicht verfehlt.

Eine Stunde später kamen sie nach einem ausgiebigen Frühstück bei ihr zu Hause an. Sie hatte Conor nicht dahin lotsen müssen; früher einmal war er hier praktisch ein und aus gegangen.

Sie war erleichtert, dass Benjamins Bronchitis sich als nicht allzu schlimm herausgestellt hatte, aber jetzt, wo ihre Anspannung nachgelassen hatte, war sie unglaublich müde. So müde, dass sie kaum noch die Augen aufhalten konnte. Gott sei Dank war Benjamin im Wagen eingeschlafen. Wenn sie es geschickt anstellte, konnte sie ihn ins Haus bringen und hinlegen, ohne dass er aufwachte, und dann selbst ein Nickerchen machen.

Gähnend stieg sie aus dem Wagen. Als Conor auf den Rücksitz zusteuerte, kam sie ihm hastig zuvor. Man musste lange üben, um ein schlafendes Kind aus einem Kindersitz zu nehmen, ohne es zu wecken.

„Ich mach das!“, sagte sie und öffnete die Tür. Vorsichtig löste sie die Schnallen und Gurte und streifte sie Benjamin über die Schultern, um seine Arme zu befreien. Dank der Künste der modernen Medizin fühlte er sich schon viel kühler an. Behutsam nahm sie ihn aus dem Sitz und richtete sich auf. „Der Haustürschlüssel hat einen blauen Punkt“, flüsterte sie. Benjamin rührte sich immer noch nicht.

Conor steuerte pflichtbewusst auf die Haustür zu und schloss sie auf. Kurz vor den Verandastufen knickte Shelby auf einem Stein um. Conor machte Anstalten, sie aufzufangen, aber sie hielt gerade noch das Gleichgewicht. Auf Zehenspitzen schlich sie über die Schwelle ins Wohnzimmer und nickte in Richtung der Tür, hinter der sich Benjamins Zimmer befand. Conor öffnete sie, und Shelby steuerte direkt aufs Bettchen zu.

Als sie sich vorbeugte, um Benjamin hinzulegen, schlug er die Augen auf und sah sich aufmerksam um.

Enttäuscht ließ sie die Schultern hängen. Das war’s dann wohl mit ihrem Nickerchen. Benjamin war wach. Hellwach. Als sie sich resigniert zu Conor umdrehte, mussten sie beide lachen – ein erstaunlich gutes Gefühl.

Benjamin begann zu zappeln. „Bielen, bielen!“

Oh Gott, er wollte spielen, und sie wollte nur noch ins Bett fallen!

Conor streckte die Arme nach Benjamin aus. „Der gute Benny und ich haben uns heute Vormittag ganz gut verstanden. Leg dich doch etwas hin, dann beschäftige ich ihn für eine Weile.“

„Das kann ich dir nun wirklich nicht auch noch zumuten.“

„Warum denn nicht? Du bist doch völlig erledigt.“

„Weißt du denn, wie man auf ein Kleinkind aufpasst?“

„Ich dachte, ich gehe mit ihm in den Garten. Aber du darfst ihn gern zuerst wickeln.“

Halb zögernd, halb erleichtert schüttelte sie den Kopf. Doch sie vertraute Conor, schon seit der Grundschule. „Okay, aber nur, weil ich fast im Stehen einschlafe.“

Er war ihr heute eine so große Hilfe, dass sie ihm etwas schuldig war. Dabei hatte sie ihm immer noch nicht erzählt, was sie ihm erzählen musste.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um Benjamin zu küssen. Als Conor etwas in die Knie ging, um ihr entgegenzukommen, stieg ihr sein Aftershave in die Nase, und sie küsste ihn spontan auf eine Wange. Der unschuldige Kuss weckte sofort alte und verwirrende Erinnerungen, sodass sie ihre Spontaneität sofort bereute. Hastig trat sie einen Schritt zurück und musterte ihn verstohlen. Er schien verwirrt zu sein, aber wenigstens wirkte er nicht sauer.

„Lass uns ein andermal wandern gehen“, war seine einzige Reaktion, bevor er mit Benjamin das Zimmer verließ.

Eine Stunde später war Conor immer noch total verwirrt wegen seiner Reaktion auf Shelbys Kuss, wenn man ihn so bezeichnen konnte. Behutsam legte er Benjamin in sein Bettchen. Die Aufregung des Vormittags hatte Spuren hinterlassen, sodass der Kleine jetzt nach einer schlaflosen Nacht tief und fest schlief.

Von Benjamins Zimmer aus in dem eingeschossigen Haus aus den 1930ern konnte er Shelby in ihrem alten Zimmer auf dem Bett liegen sehen, tief und fest schlafend. Ein verstörender Anblick in Anbetracht seiner ohnehin schon Amok laufenden Gefühle für sie. Eigentlich müsste er immer noch wütend auf sie sein, oder? Und einfach gehen.

Doch nach einem Vormittag mit ihr und ihrem sogar in krankem Zustand noch total süßen Sohn war seine innere Abwehr immer weiter in sich zusammengefallen. Er hatte ihr sogar einen neuen Wandertermin vorgeschlagen, obwohl er wusste, dass das ein Fehler war, kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte. Und jetzt stand er wie ein Idiot hier herum und beobachtete Shelby beim Schlafen. Als hätte er ein Recht dazu.

Ein altbekanntes, vertrautes Gefühl stieg in ihm auf. Die Sehnsucht nach etwas, das er nie wieder haben würde. Er hatte sie schrecklich vermisst.

Er verzog das Gesicht und ging zur Haustür, zögerte dann jedoch kurz und sah sich nach einem Stück Papier um. Nachdem er einen Notizblock gefunden hatte, kritzelte er den dümmsten Vorschlag der Welt darauf: Komm morgen um sieben zum Wanderweg. Bring Benny mit, wenn du willst.

Den Rest der Woche hatte er Frühschicht. Sollte sie also keine Zeit haben oder sein Interesse an ihr erlahmen, hatte er anschließend eine gute Ausrede, ihr aus dem Weg zu gehen: Arbeit!

Ein guter Plan. Und absolut lächerlich zugleich. Denn jeder Idiot erkannte auf den ersten Blick, dass er mit dem Feuer spielte.

4. KAPITEL

Als Conor am nächsten Morgen zum Wanderweg aufbrach, bereute er seine Nachricht immer noch. Doch als er Shelby am Treffpunkt mit Benjamin in einer Kindertrage auf ihn warten sah, freute er sich … was ihn sogleich beunruhigte. Schon jetzt gab er ihr wieder viel zu viel Macht über sich. Hatte er denn gar nichts gelernt?

Sie hatte eine kreischend rosafarben gemusterte Tasche dabei und wirkte eher gewappnet für einen Campingausflug als für eine Dreimeilenwanderung. Was ihr eigentlich nicht ähnlich sah.

„Hast du nicht etwas zu viel mitgenommen?“, neckte er sie.

„Ich habe dir ein paar Leckerbissen mitgebracht“, sagte sie lächelnd.

Erinnerungen an die vielen Male, als sie ihn genauso angesehen hatte, stiegen in ihm auf. Um sie zu verdrängen, konzentrierte er sich auf Benjamin, der eine Art Anglerhut und eine coole Sonnenbrille trug. Bei Conors Anblick quietschte er verzückt auf. Nie im Leben würde Conor es dem Kleinen verübeln, der Sohn eines anderen Mannes zu sein. Das war allein Shelbys Sache.

Er presste die Lippen zusammen und rief sich ins Gedächtnis, dass das hier nicht die alten Zeiten waren. Alles war anders. Shelby hatte in New York ein neues Leben angefangen und inzwischen ein Kind … während er sich emotional in sein Schneckenhaus zurückgezogen hatte. Die einzige Emotion, die er noch zuließ, war Wut – da wusste man wenigstens, woran man war.

„Leckereien?“

„Ja, aber du wirst dich noch gedulden müssen. Außerdem muss man für kleine Kinder immer Snacks dabeihaben.“

„Hey, es ist nicht fair, dass du das ganze Extra-Gepäck trägst. Ich bin dir gegenüber wegen meiner Körpergröße sowieso schon im Vorteil.“

Sie warf ihm ihren typischen genervten Blick mit erhobener Augenbraue zu, weil er mal wieder darauf anspielte, dass sie so klein war.

Er spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. „Lass mich wenigstens Benny nehmen.“

„Das schaff ich auch allein, aber bitte schön, wenn du deine Männlichkeit unbedingt unter Beweis stellen willst!“

„Als müsste ich die erst beweisen“, erwiderte er grinsend.

Sie neckten sich wie in alten Zeiten. Der Trick war nur, ihr dabei nicht in die Augen zu sehen.

Er griff nach der Kindertrage mitsamt Kind und half ihr beim Abnehmen, bevor sie ihm half, die Träger auf seine Größe einzustellen. Danach schlang sie sich den Riemen ihrer Provianttasche quer über die Brust, und sie machten sich gemächlich auf den Weg. Shelby ging voran, sodass er sich beherrschen musste, nicht ihren knackigen Po und ihren sexy Hüftschwung anzustarren. Oh ja, das hier war eindeutig ein Spiel mit dem Feuer!

Nach einer Viertelmeile blieb sie stehen, um das Meer zu betrachten. „Wow“, sagte sie ehrfürchtig. „Sieh nur die Sonnenstrahlen.“

Die Sonne brach gerade durch eine dicke Schicht Kumuluswolken und leuchtete wie ein Scheinwerfer auf die Wasseroberfläche. „Weißt du noch beim ersten Mal?“, fragte sie.

„Als wir diesen Weg entlanggegangen sind?“

„Ja. Am vierten Juli.“

„Am Tag, nachdem wir uns über den Weg gelaufen waren.“ Sie hatten sich auf die Bank am Anfang des Pfads gesetzt und sich zusammen mit vielen anderen Menschen das Feuerwerk angesehen. Danach hatten sie sich davongestohlen, um allein zu sein. Damals hatten sie das Beacham House entdeckt.

Conor kam zu ihr und sah ebenfalls aufs Meer. Der Anblick nahm ihm etwas von seiner inneren Anspannung, aber seine Erinnerungen machten es ihm nicht gerade einfach.

Sie gingen weiter. Nachdem sie den Großteil der Strecke geschafft hatten, blieb Shelby wieder stehen. Aufgeregt wandte sie Conor das Gesicht zu und zeigte nach vorn. „Sieh mal!“

In der Ferne stand das Beacham House, so verfallen wie eh und je. Er reagierte nicht auf ihre Begeisterung.

„Das Beacham House! Ich frage mich, ob es wohl immer noch leer steht?“

„Das tut es.“

Sie schien auf irgendeine Reaktion auf den Anblick ihres alten Geheimverstecks zu warten, in dem sie so oft miteinander geschlafen hatten. Bei der Erinnerung daran wurde ihm ganz heiß, aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie brauchte nicht zu wissen, dass er darauf sparte, das Haus zu kaufen. Sie hatte nichts mehr mit dem Beacham House zu tun. Es würde sein Haus werden, und wenn er erst mal Sheriff war, würde er den Rest seines Lebens dort verbringen und das Meer betrachten. Allein.

Obwohl diese Aussicht in Shelbys Nähe nicht gerade verlockend war.

Er biss die Zähne zusammen. Allein zu bleiben war seine einzige Option!

Nachdem er noch ein paar Sekunden weiter beharrlich geschwiegen hatte, gingen sie weiter zu einer Bank. Conor ließ Shelby sitzen, während er mit Benjamin auf dem Rücken stehen blieb. Das hier war nicht der geeignete Platz, um den Kleinen runterzulassen, zumal dessen Lieblingsspiel zurzeit war, wegzulaufen, um sich fangen zu lassen, wie Conor gestern im Garten festgestellt hatte.

Shelby öffnete ihre Tasche mit Leckereien und reichte Benjamin einen leuchtend orangen Becher mit eingebautem Strohhalm und einen Muffin. Benjamin griff gierig nach beidem. Als Nächstes holte sie eine Thermosflasche heraus und schraubte sie auf. Dampf stieg auf. „Kaffee?“

„Riecht lecker. Danke.“

Sie schenkte zwei Becher voll und reichte Conor einen davon. Sie hatte schon Milch hinzugefügt – die einzige Art, wie er das Zeug trank. Mmm. „Ich habe heute Morgen Croissants gebacken. Sie müssten noch warm sein.“

Das Croissant, das sie ihm reichte, duftete köstlich. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. „Danke.“

„Dade“, wiederholte Benjamin von seinem Sitzplatz hinter ihm aus. Conor musste lächeln.

„Marmelade?“

Sie hatte Aprikosenmarmelade mitgebracht, seine Lieblingssorte. Also hatte sie das nicht vergessen. „Klar.“ Genüsslich biss er in sein Croissant.

Nachdem Shelby auch etwas gegessen und getrunken hatte, stellte sie den Becher auf die Bank, legte ihr Croissant daneben und streckte die Beine aus. „So. Jetzt zu dem Grund, warum ich diese Wanderung vorgeschlagen habe. Ich wollte mich persönlich bei dir entschuldigen.“ Sie betrachtete ihre Oberschenkel, als seien die plötzlich wahnsinnig interessant. „Etwas, was ich schon vor sehr langer Zeit hätte tun sollen.“

Conor spielte mit dem Gedanken, das Gespräch abzubrechen, weil diese Entschuldigung nach zweieinhalb Jahren nun wirklich überflüssig war, aber er wollte die Hintergründe hören. Er brauchte eine Erklärung. Also hielt er den Mund und ließ sie weiterreden.

„Wir hatten uns damals aus den Augen verloren, was wahrscheinlich vor allem meine Schuld war“, fuhr sie fort.

„Ich war auch nicht viel besser“, warf er ein, um seinen Teil der Schuld nicht zu unterschlagen. Er hatte gedacht, ihre Verbindung sei so stark, dass Shelby einfach an dem vereinbarten Tag auftauchen und alles wieder so sein würde wie vorher. Perfekt.

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