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BIANCA GOLD BAND 32

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Wer bist du wirklich, Mark?

1. KAPITEL

„Autsch.“

Dem Schmerzenslaut folgte ein leiser Fluch. Bei ihrem letzten Weg über den Hals hatte die Klinge des Nassrasierers die Haut geritzt. Ein kleiner roter Tropfen erschien.

Ich muss vorsichtiger sein, ermahnte er sich.

Er unterdrückte einen weiteren Fluch, spritzte sich Wasser auf die Wunde und wartete darauf, dass sie sich schloss.

Mit den Händen auf das kleine Waschbecken gestützt, starrte Mark Banning in den schlichten Spiegel. Das Glas war noch ein wenig beschlagen vom Duschen, aber klar genug, um die Narbe zu erkennen, auf die sein Blick wie immer von selbst fiel. Die Narbe, die ihn immer wieder fest in der Realität verankerte.

Seit fünf Jahren hatte er diese Narbe nun schon. Sicher, es gab viele plastische Chirurgen, die sie beseitigen könnten, die die Haut unter seinem rechten Auge modellieren und glätten könnten, bis ihre Taschen voll und die Narbe nur noch eine gezackte Erinnerung war. Nick hatte ihm ein paar Prospekte gegeben, die er bei einigen der vielen in San Francisco ansässigen Schönheitschirurgen eingesammelt hatte.

Mark war nicht sicher, ob er seinem jüngeren Bruder dafür gedankt hatte. Vermutlich nicht. Zwischen ihnen ging es oft wortlos zu.

Jedenfalls hätte Nick sich die Mühe sparen können, denn Mark wollte die Narbe gar nicht loswerden. Sie sorgte für Abstand zu seinen Mitmenschen und bewahrte ihn davor, in eine Welt hineingezogen zu werden, in der er nichts verloren hatte. Eine Welt, die ihm nichts als Enttäuschungen bescheren würde.

Außerdem war die Narbe ein Symbol. Und das nicht nur für das Messer, das ihn in New York getroffen hatte. Sie stand für alle unsichtbaren Narben, die das Leben ihm geschlagen hatte. Die Narben, die durch keine Operation zu beseitigen waren.

Die letzte hatte ihm den Rest gegeben. Er war nach Hause gekommen und hatte Dana gefunden. Der schlimmste und letzte Schub ihrer schon so lange anhaltenden Depressionen hatte seine Frau dazu gebracht, sich das Leben zu nehmen. Er hatte ihre Leiche in den Armen gehalten und gespürt, wie in ihm jede Hoffnung auf Glück unwiederbringlich erlosch.

Mark drehte das Wasser ab und starrte auf die Narbe. Auf das Gesicht eines Mannes, aus dem wenig mehr als eine leere Hülle geworden war.

An jenem Tag hatte er sich endgültig damit abgefunden, dass er einfach nicht dazu bestimmt war, glücklich zu werden. Bis dahin war sein Leben die Hölle gewesen. Mit kaum zehn Jahren hatte er mit ansehen müssen, wie seine Eltern vor einem Restaurant erschossen wurden. Es hatte ihm die Kindheit geraubt, ihn vorzeitig älter und ernster gemacht und ihn mit einem Verantwortungsgefühl erfüllt, für das er noch viel zu jung war.

Aber er war der Ältere, wenn auch nur um ein Jahr. Sein Bruder Nick brauchte jemanden, auf den er sich verlassen konnte, selbst nachdem man sie getrennt und in verschiedene Pflegefamilien gesteckt hatte.

Also musste er stark sein, auch wenn er keine Kraft mehr besaß.

Nick war der Grund, aus dem er etwas aus sich machte.

Und dann änderte sich plötzlich alles. Zum Besseren. Wenigstens für eine Weile.

Noch auf dem College lernte er Dana Dean kennen. Die schöne, abenteuerlustige, ehrgeizige, wunderbare Dana, die ihn glauben ließ, dass es für ihn doch so etwas wie Glück gab.

Also heiratete er sie.

Das tat man, wenn man glaubte, eine verwandte Seele gefunden zu haben. Er zog mit Dana nach New York, denn sie träumte davon, eines Tages ein Star am Broadway zu sein.

Sie glaubte fest daran, dass sie als Schauspielerin schnell Karriere machen und es über Nacht zum Weltruhm bringen würde. Doch dann häuften sich die Absagen, und sie zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Und vor der Welt. Vor ihm.

Als sie ihren Teilzeitjob aufgab, übernahm er Doppelschichten bei der Polizei, um seine Frau nicht durch Geldsorgen noch mehr zu belasten. Er wollte ihr die Chance geben, ihre hochgesteckten Ziele zu verfolgen.

Sie wurde immer zorniger und depressiver. Er dachte, dass so etwas normal war, wenn eine Schauspielerin ihre Gefühle nicht auf der Bühne oder vor der Kamera ausleben konnte. Er war sicher, dass sie irgendwann, wenn ihr Traum sich erfüllte, wieder zu der Dana werden würden, in die er sich verliebt hatte. Zu der Dana, die er noch immer von ganzem Herzen liebte.

Was für ein toller Detective er doch gewesen war.

Er war so ahnungslos gewesen.

Nie hatte er geahnt, dass Dana so verzweifelt war, dass sie sich das Leben nehmen würde, solange er dazugehörte.

Und dann fand er sie in der Badewanne, im kalten, rötlich verfärbten Wasser, mit aufgeschnittenen Pulsadern. Er hatte länger als sonst gearbeitet, und deshalb gab er sich die Schuld an ihrem Tod. Wenn er früher nach Hause gekommen wäre, hätte er sie retten können.

Wenn.

Wenn.

Wenn.

Nach einer Weile gab es keine Wenns mehr, nur noch die Schuld. Es war, als würde der Tod ihn überallhin verfolgen. Jedenfalls der Tod der Menschen, die er liebte. Also beschloss er, nicht mehr zu lieben. Nur Nick erinnerte ihn noch daran, dass er einmal mehr gewesen war als ein Automat, der gut funktionierte, aber nicht fühlte.

Nur sein Bruder bewahrte ihn vor der Überzeugung, dass er absolut nichts mehr zu verlieren hatte.

Aber nicht vor dem Messerstich, der fast zur Antwort auf seine stummen Gebete geworden war. Nach einem vereitelten Raubüberfall verfolgte er den Verdächtigen in eine dunkle Gasse, wo der Mann mit einem Jagdmesser auf ihn losging. Nur mit seinem Reaktionsvermögen, den bloßen Händen und dem Deckel eines Mülleimers bewaffnet, wehrte er den Mann ab. Als ihm das Blut übers Gesicht rann, geschah das Wunder – schlagartig kehrte sein Lebenswille zurück.

Als er schwer verletzt im Krankenhaus lag, war es Nick, der ihn anflehte, nicht aufzugeben und wieder gesund zu werden.

Also wurde er es, wenigstens körperlich. Und als es so weit war, kündigte er bei der Polizei und zog mit seinem Bruder möglichst weit von New York weg. Von dem Ort, der ihn an all das erinnerte, was er verloren hatte. Er entschied sich für San Francisco, denn die Stadt war anonym genug, um in ihr ein neues Leben zu beginnen.

Als Privatdetektiv, der sich beharrlich einen ausgezeichneten Ruf erwarb. Nach fünf schweren Jahren war er jetzt, mit dreißig, in der Lage, sich seine Aufträge auszusuchen. Er brauchte nicht viel Geld, denn er gönnte sich kaum etwas. Nick arbeitete inzwischen bei der Polizei und konnte selbst für sich sorgen.

Den Fall, der ihn jetzt beschäftigte, hatte Mark nur übernommen, um seinem Bruder einen Gefallen zu tun. Nicks Freund und Kollege Tyler Carlton brauchte Hilfe bei der Suche nach einem Mann namens Derek Ross. Der Siebenundvierzigjährige war Tylers seit langem verschollener Onkel.

Die Spur war fünfundzwanzig Jahre alt, aber Mark war sicher, dass er den Mann aufspüren würde. Tyler hatte ihm nicht viel erzählt, aber offenbar kannte dieser Derek Ross Geheimnisse, die den Untergang von Parks Mining and Exploration bedeuten konnten. Das Ende des größten Diamanten-Imperiums im Land.

Seit zwei Wochen war Mark jetzt hinter dem Mann her.

Seufzend richtete er sich vor dem Spiegel auf, nahm ein Handtuch und trocknete sich das Gesicht ab. Das Blut war getrocknet.

Mark verließ das winzige Badezimmer. Es war fast sechs Uhr morgens. Er hatte einen langen Tag vor sich.

Noch immer lief es ihr kalt den Rücken hinunter, dabei war die Lesung schon seit einer halben Stunde vorbei.

Sie liebte gute Gedichte. Das tat sie schon lange. Sie liebte den Klang, die endlosen Bedeutungen dahinter, die Schichten, die freigelegt werden wollten, wie bei einem großen, in Silberfolie gehüllten Weihnachtsgeschenk, das etwas Wunderbares versprach, wenn die hübsche Verpackung erst entfernt war.

Gedichte nährten den Geist, bereicherten die Seele.

Mit dreiundzwanzig war Brooke Moss noch jung genug, um zu träumen, um an edle Ritter zu glauben, und an Happy Ends, die nahtlos in neue Anfänge voller Hoffnungen übergingen.

Sie drückte die Bücher, die sie mitgenommen hatte, an die Brust, und wusste, dass ihre Freunde sie hinter ihrem Rücken manchmal naiv nannten. Vielleicht war sie das, aber sie war gern naiv, wenn es bedeutete, dass sie die schönen Dinge des Lebens genießen konnte.

Ihre Zuversicht kam nicht etwa daher, dass sie privilegiert aufgewachsen war. Ganz im Gegenteil. Sie arbeitete in der Buchhandlung ihres Vaters, einem malerischen kleinen Laden in San Francisco, die den Namen Buy the Book trug und auf seltene Erstausgaben spezialisiert war. Während der letzten Monate hatte sie sich mehr und mehr um die geschäftlichen Dinge kümmern müssen, denn ihr Vater war vor ihren Augen immer schwächer geworden.

Derek Moss war nie ein vitaler Mann gewesen, aber nach seiner Rückkehr von der Beerdigung einer Frau, von der Brooke noch nie gehört hatte, schien der Lebensmut ihn ganz verlassen zu haben.

Er hätte hier sein müssen, bei der Lesung. Stattdessen war er zu Hause. Sie unterdrückte ein Seufzen.

Sie legte den ersten Stapel Bücher ab und ging zurück, um die einzusammeln, die noch auf den vierzig Klappstühlen lagen. Auch die würde sie wegräumen müssen, damit die Kunden morgen wieder genug Platz hatten.

Vielleicht hätte sie mit ihrem Vater darüber sprechen sollen, eine Teilzeitkraft einzustellen. Das wäre nicht nötig, wenn er sich noch für den Laden interessieren würde. Doch danach sah es im Moment nicht aus.

Während Brooke den zweiten Stapel auf dem Tisch deponierte, fragte sie sich, wie sie ihrem Vater helfen konnte.

Heute Abend hatten sie eine Dichterlesung veranstaltet. Das taten sie alle zwei Wochen, manchmal häufiger, wenn ein bekannter Schriftsteller in der Stadt war und sie ihn dazu überreden konnten. Dann verteilte Brooke Handzettel in sämtlichen Geschäften in der Nähe und auch in Mill Valley, wo sie wohnten. Auch dieses Mal waren viele literarisch interessierte Besucher in den kleinen Laden gekommen.

Bücher waren immer Brookes Leben gewesen – Bücher und Tagträume. Und ihr Vater, der ihr erster Held gewesen war, ihr erster edler Ritter. Es brachte sie um, ihn so kraftlos zu sehen.

Er hatte jegliches Interesse am Laden verloren, und seit der Rückkehr von der Beerdigung starrte er stundenlang in Gedanken versunken aus dem Fenster.

Wer war die Verstorbene gewesen? Was hatte sie ihm bedeutet?

Er hatte nicht gewollt, dass Brooke ihn begleitete, und kaum darüber gesprochen. Dass er ihr den Laden allein überließ, war das erste Alarmzeichen gewesen, denn seine Bücher waren für ihn immer wie Kinder gewesen. Fast so sehr wie sie selbst.

Da ihre Mutter kurz nach ihrer Geburt an Leukämie gestorben war, hatte sie nur noch ihren Vater. Und vielleicht war es kindisch und egoistisch, aber sie war noch nicht bereit, auch ihn zu verlieren. Sie brauchte ihn, sie liebte ihn und wollte, dass er glücklich war.

Jeder Mensch hatte ein Recht auf Glück, daran glaubte sie fest.

Aber in den vergangenen dreiundzwanzig Jahren hatte Derek Moss nur gearbeitet und seine Tochter aufgezogen, ohne jemals an sich selbst zu denken. Und jetzt schien er nicht einmal mehr das zu tun.

Brooke dachte an die Beerdigung. Hatte er die Frau früher gekannt, vor ihrer Mutter? Sie vielleicht sogar geliebt?

Ihr Vater hatte nie ein Privatleben gehabt. Soweit sie sich erinnerte, war er nie ausgegangen und hatte Frauen höchstens in seiner Eigenschaft als Buchhändler kennen gelernt.

Was er brauchte, war ein eigenes Leben. Und irgendwie war es ihre Aufgabe, ihm eines zu verschaffen.

Irgendwie.

Vielleicht in Gestalt der netten Mrs. Sammet. Die Frau kam zu fast allen Lesungen, und Brooke wusste, dass sie es mindestens ebenso sehr wegen ihres Vaters wie wegen der Schriftsteller tat.

Vielleicht sollte sie Mrs. Sammet einfach mal zum Abendessen einladen …

Brooke stellte gerade den letzten Bücherstapel ab, als ihr Blick auf einen Umschlag fiel. Er war an ihren Vater adressiert. Sie hob ihn auf. Er war mit mehreren Anschriften versehen, hatte also einige Umwege hinter sich.

Außerdem war er geöffnet. Hatte ihr Vater ihn absichtlich hier hingelegt oder ihn nur vergessen? So etwas passierte ihm in letzter Zeit häufiger. Er war mit der Ladenmiete in Rückstand geraten, und einmal hatte sie zwischen alten Zeitungen eine offene Rechnung gefunden …

Stirnrunzelnd nahm sie den Brief heraus. Als sie ihn überflog, vertieften sich die Falten. Er kam von einem gewissen Tyler Carlton, der ihren Vater offenbar nicht kannte, ihn jedoch um Informationen bat. Über irgendein Geheimnis, das Walter Parks in die Knie zwingen würde.

Sie kannte den Namen. Walter Parks war ein Edelsteinbaron. Seine Diamanten zierten den Ringfinger jeder zweiten Verlobten im Land. Wer war dieser Tyler und was wollte er von ihrem Dad? War dies der Grund, aus dem ihr Vater so still war?

Erst als sie den Umschlag wieder umdrehte, stellte sie fest, dass er an einen Derek Ross, nicht Moss, adressiert war. Dieser Tyler Carlton musste ihren Vater mit jemandem verwechselt haben, dessen Name ähnlich lautete.

Trotzdem hatte dieser Brief in ihrem Vater etwas ausgelöst.

Sie hatte keine Antworten auf ihre Fragen, aber sie wusste, dass sie den Brief nicht hier liegen lassen durfte, wenn er ihren Vater nicht noch tiefer in die Depression stürzen sollte. Also steckte sie ihn ein. Es löste kein Problem, aber wie das alte Sprichwort sagte – aus den Augen, aus dem Sinn. Und im Moment war Brooke so verzweifelt, dass ihr jedes Mittel recht war, um ihren Dad aus seiner Trübsal zu holen.

Sie hielt inne und lauschte. War noch jemand im Laden?

Da war es wieder, ein Geräusch im hinteren Teil. Es übertönte das Surren der Klimaanlage, die dringend repariert werden musste.

„Es tut mir leid“, rief sie. „Der Laden ist geschlossen.“

Die Lesung war um neun zu Ende gewesen, und einige Gäste waren geblieben, um mit Jericho Hazley über seine Gedichte zu sprechen. Doch selbst die waren vor zehn Minuten gegangen.

Jedenfalls hatte sie das angenommen.

Vielleicht war es eine Art von Groupie, das darauf hoffte, Jerichos private Anschrift oder Telefonnummer zu ergattern. Sie würde die Frau enttäuschen müssen, denn für sie bedeutete privat wirklich privat.

Brooke ging nach hinten. Vielleicht hatte ihr Vater es sich ja doch anders überlegt und war hergekommen.

„Dad, bist du das?“

Sie bog um die Ecke des Regals mit den Liebesromanen und blieb abrupt stehen.

Der Aufschrei blieb ihr im Hals stecken, als sie fast mit einem großen dunkelhaarigen Fremden zusammengestoßen wäre, der am Fenster stand. Mit klopfendem Herzen starrte sie auf die Narbe unter seinem rechten Auge.

Eine entsetzliche Sekunde lang erschien ihr der Mann wie ein Unhold aus einem Roman von Charles Dickens.

Und sie war allein mit ihm.

In solchen Momenten wünschte sie, sie hätte einen Hund. Oder wenigstens eine Kampfkatze.

2. KAPITEL

Verdammt, er hatte sie erschreckt.

Kein Wunder, dachte Mark schuldbewusst. Vermutlich sah er in ihren Augen fast so Furcht erregend aus wie Dr. Frankensteins Monster.

Er wandte sich ein wenig ab, damit sie die Narbe nicht mehr sah.

Die fiel den Leuten immer zuerst auf, noch vor dem Menschen, den sie verunzierte. Und obwohl Mark sich sagte, dass es ihm recht war, weil es die Welt auf Abstand hielt, gefiel es ihm nicht besonders, kleinen Kindern und zartbesaiteten Frauen Angst zu machen.

Er musterte sie. Die junge Frau sah zerbrechlich aus. Vorsichtig kam er hinter dem Regal hervor, wobei er auch jetzt darauf achtete, ihr nur seine linke Seite zu präsentieren.

Fast den ganzen Tag hatte er auf der anderen Straßenseite im Wagen gesessen und den Buchladen beobachtet. Die Frau vor ihm war die Tochter des Besitzers. Sein einziges Kind.

Gestern hatte er sich in Mill Valley umgesehen und das Handelsregister überprüft. Daher war er ziemlich sicher, dass er auf der richtigen Fährte war. Sie sah aus wie Marla Carlton auf dem Foto in seinem Handschuhfach, das er von Tyler bekommen hatte. Es zeigte Tylers Mutter als junges Mädchen, zusammen mit einem jungen Mann.

Mark nutzte die Nähe und sah sich das Gesicht vor ihm genau an. Die Ähnlichkeit war da. Herzförmig, mit hohen Wangenknochen, grüne Augen, schwarzes Haar.

Kein Zweifel, sie war eine Ross.

Derek Ross’ Liebe zu seltenen Erstausgaben hatte Mark in diesen kleinen Laden geführt. Im Laufe seiner Arbeit hatte er gelernt, dass Menschen umzogen, einen neuen Namen annahmen und ihr Äußeres veränderten, aber oftmals ihre Hobbys, Interessen und Vorlieben beibehielten.

Also hatte er sich an die Fersen eines Mannes geheftet, dessen Beschreibung auf Derek Ross passte und der bei Nachlassversteigerungen und bei Trödlern nach seltenen Büchern suchte. Der Mann nannte sich Derek Moss und betrieb seit vierundzwanzig Jahren eine Buchhandlung namens Buy the Book in einem touristisch angehauchten Viertel von San Francisco.

Und in genau der stand er jetzt. Vor einer jungen Frau, der sein Anblick vermutlich einige Albträume bereiten würde.

„Sorry“, entschuldigte er sich achselzuckend. „Schätze, ich hätte Sie vorwarnen sollen. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Der arme Mann.

Sofort wurde Brooke warm ums Herz, und sie malte sich alle möglichen romantischen Geschichten aus, die sich um einen leidenden, unverstandenen, atemberaubend gut aussehenden Helden drehten. Der Mann vor ihr verwandelte sich aus einem von Dickens’ Bösewichten in Heathcliff aus Emily Brontës Sturmhöhe.

„Sie haben mich nicht erschreckt. Ich meine, Sie haben schon, aber eigentlich auch nicht.“ Brooke wusste, dass sie Unsinn redete. Vermutlich saß sie zu viel über Büchern. Sie setzte neu an. „Ich meine, eigentlich sollte niemand hier sein.“ Sie lächelte entschuldigend. „Ich habe Sie für eine Ratte gehalten.“

Ihre Ehrlichkeit war entwaffnend, und Mark fühlte, wie seine Lippen zuckten. „Für eine Ratte bin ich etwas zu groß.“

„Wir hatten vor einigen Monaten ein Ungezieferproblem“, erklärte sie hastig. „Nichts Schlimmes“, fügte sie rasch hinzu, denn vielleicht war er ja doch ein Kunde und legte keinen Wert darauf, dass ihm beim Schmökern ein neugieriges Nagetier über die Schulter schaute. „Nur ein ungebetener Gast.“ Sie hob einen Finger. „Eine einzelne Maus. Nicht mal eine große.“

Er musste lächeln. „Und Sie haben sie erlegt.“

„Nicht wirklich.“ Abgesehen von ein paar Moskitos hatte sie es noch nie fertig gebracht, ein Lebewesen zu töten. „Ich habe sie in einer Falle gefangen und bei mir zu Hause freigelassen. Auf einem Feld in der Nähe, um genau zu sein.“

Ich rede zu viel, dachte Brooke. Das tat sie immer, wenn sie nervös war.

Er sah ihr in die Augen. Sie waren grün, wie die ersten Knospen im Frühling. Und sanft. „Sie haben ein gutes Herz.“

Sie deutete seine Worte als Kompliment und fühlte sich sofort veranlasst, ihm zu widersprechen.

„Vielleicht bin ich einfach nur zimperlich.“

„Wenn Sie das wären, hätten Sie einen Kammerjäger gerufen.“

Seine Stimme war tief und leise. Und erst jetzt registrierte sie, dass seine Augen traurig blickten. Unglaublich traurig. Bestimmt hatte er eine Menge durchgemacht. Vielleicht sogar etwas Tragisches. Eine unglückliche Liebe, zum Beispiel, dachte sie, denn sie war eine unverbesserliche Romantikerin. Eines Tages würde auch ihr heimlicher Traum wahr werden.

Eines Tages.

Abrupt zügelte Brooke ihre Fantasie. Sie hatte noch viel zu erledigen, bevor sie Feierabend machen konnte.

„Nun ja, wir haben geschlossen, Mr. …“ Erwartungsvoll sah sie ihn an.

Er überlegte kurz, ob er ihr einen falschen Namen nennen sollte. Aber junge Frauen wie Brooke Moss führten ein behütetes Leben und hatten nichts mit Leuten zu tun, die ihr Geld als Privatdetektiv verdienten. Und je weniger man log, desto geringer war die Gefahr, sich irgendwann in Widersprüche zu verwickeln.

„Banning“, erwiderte er. „Mark Banning.“

„Banning“, wiederholte sie. Der Name gefiel ihr. Er klang stark. Unkompliziert. Kompromisslos. Wie der Mann selbst. „Waren Sie bei der Lesung?“

Er war ihr nicht aufgefallen – obwohl jemand wie Mr. Banning schwer zu übersehen war.

Er schüttelte den Kopf. „Die habe ich knapp verpasst.“ Absichtlich. Er hatte sich in Ruhe umschauen wollen, ohne Aufsehen zu erregen. „Ich bin erst gekommen, als er seine Bücher signiert hat.“

„Interessieren Sie sich für signierte Bücher?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte. Er wirkte nicht wie jemand, der Autogramme von Schriftstellern sammelte.

„Nein, aber ich interessiere mich für San Francisco.“

„Nun ja, wir sind in San Francisco.“ Sie lachte verlegen. „Ich möchte nicht unhöflich sein, Mr. Banning …“

„Mark.“

„Mark“, sagte sie. Meistens hatte sie nichts dagegen, wenn Kunden länger im Laden blieben, aber heute war sie erschöpft und wollte nach ihrem Vater sehen. „Ich möchte nicht unhöflich sein, Mark, aber wir haben geschlossen.“

Er nickte. Sie zu bedrängen, würde nichts bringen. Und er wollte sicher sein, dass er den Richtigen gefunden hatte. Selbst dann wäre sein Auftrag noch nicht beendet. „Wann öffnen Sie am Morgen?“

Brooke sah ihn an. Abgesehen von der Narbe war er ein attraktiver Mann.

„Offiziell um zehn, aber meistens machen wir schon um neun auf, manchmal noch früher.“ Ihr Vater war gern mit seinen Büchern allein, und wenn ein Kunde dazukam, war ihm auch das recht. Die Bände in den Regalen waren seine Freunde, die ihn in der Vergangenheit verankerten. „Der Laden ist gewissermaßen mein zweites Zuhause.“

Er gab sich erstaunt. „Dann arbeiten Sie nicht hier?“

„Doch. Ich meinte nur … Schon gut.“ Sie wollte ihn nicht verwirren, und je mehr sie redete, desto mehr verzettelte sie sich. „Es ist spät, und ich fürchte, ich fange an, dummes Zeug zu reden.“

„Ehrlich gesagt, ich höre Ihnen gern zu. Ihre Stimme ist sehr angenehm.“

Mark hatte getan, was er sich vorgenommen hatte, nämlich die Grundlage für weitere Besuche zu schaffen, und bewegte sich langsam zum Ausgang.

„Ich werde morgen um zehn hier sein“, versprach er.

Sie wollte ihn unbedingt wieder sehen. Dann würde sie den unbeholfenen Eindruck, den sie auf ihn gemacht hatte, vielleicht ein wenig korrigieren können. Sie ging mit ihm nach vorn. „Wenn Sie wollen, auch schon um neun. Morgen bin ich mit dem Öffnen dran.“

Gab es noch andere Verkäufer? „Sie wechseln sich ab?“, fragte er.

„Mit meinem Vater.“

Das stimmte nicht ganz. Nicht mehr. Seit zwei Wochen kümmerte sie sich allein um die Buchhandlung. Sie wünschte, ihr Vater würde ihr endlich sagen, was ihn bedrückte.

„Es ist sein Laden“, erklärte sie nicht ohne Stolz.

Ihr Blick fiel auf den Stuhl neben ihr, und sie seufzte stumm. Die hatte sie ganz vergessen. Sie mussten noch ins Lager gebracht werden. Sie schnappte sich den ersten, klappte ihn zusammen und stellte ihn an die Wand. „Er hat ihn, seit ich denken kann.“

Es waren mindestens vierzig Stühle. Sie aufzustapeln würde eine Weile dauern.

Mark war immer der Ansicht gewesen, dass Gelegenheiten dazu waren, ergriffen zu werden. Also nahm auch er einen Stuhl, klappte ihn zusammen und lehnte ihn gegen den anderen.

Überrascht sah sie ihn an. „Oh, das brauchen Sie nicht zu tun.“

Doch noch während sie protestierte, freute sie sich über die Geste. Sie wusste einfach, dass er ein ziemlich freundlicher Mann war.

Er war schon beim dritten Stuhl. „Es geht schneller, wenn Sie Hilfe haben.“

Sie war ihm dankbar. Was Heldentaten anging, so erschlug er zwar nicht gerade einen Drachen für sie, aber es war ein Anfang.

„Das stimmt“, erwiderte sie fröhlich. „Aber ich war gerade dabei, Sie hinauszuscheuchen.“

Er ging dicht an ihr vorbei, als er weitermachte. Der verträumte Ausdruck in ihren Augen bereitete ihm ein schlechtes Gewissen, aber er machte hier nur seinen Job.

„Sie können mich wegjagen, sobald wir fertig sind.“

Sie lächelte und machte sich ein neues Bild von ihm. Noch immer Heathcliff, aber eine sanftmütigere Version.

Kopfschüttelnd nahm sie sich die nächste Stuhlreihe vor. „Das wäre nicht richtig.“

Metall klirrte, als er einen Sitz zusammenklappte. „Okay, dann begleiten Sie mich einfach nach draußen.“

Sie legte den Kopf schräg, als würde sie ein Ohr spitzen, und in ihm schrillten die Alarmglocken. Was war los? Kannte sie ihn von irgendwoher?

„Was ist denn?“, fragte er.

„Sie sind nicht von hier, was?“

Erleichtert nahm er sich den nächsten Stuhl vor. „Warum? Habe ich einen Akzent?“

„New York, richtig?“

Ihr Lächeln war atemberaubend. Wie Sonnenschein, der sich in einem Prisma fing und seine Strahlen in alle Richtungen verschoss. Er zwang sich zurück in seine Rolle und konzentrierte sich auf das, was sie gerade gesagt hatte.

Es war fünf Jahre her, dass Nick und er an die Westküste gezogen waren und New York und all die finsteren Erinnerungen hinter sich gelassen hatten. Er hatte geglaubt, dass er alles aus seinem alten Leben abgelegt hatte.

Offenbar nicht.

Sie sah ihn noch immer erwartungsvoll an.

„Richtig“, bestätigte er und griff nach dem nächsten Stuhl. „Merkt man das?“

Brooke entging der ärgerliche Unterton nicht. Vielleicht hätte sie den Mund halten sollen. Schämte er sich seiner Herkunft? Wollte er vergessen, woher er kam?

„Es ist nicht so deutlich wie bei anderen“, versicherte sie rasch. „Aber niemand würde Sie für einen geborenen Kalifornier halten“, fügte sie hinzu, weil die Ehrlichkeit es verlangte.

Er wollte nicht länger im Mittelpunkt stehen, also drehte er den Spieß einfach um.

„Sind Sie das? Hier geboren, meine ich.“

Natürlich kannte er die Antwort längst, genau wie er vieles andere über sie wusste.

„Geboren und aufgewachsen“, sagte sie lachend.

Er sah, wie sie mit ihrem Stuhl kämpfte, der ein wenig klemmte. Also ging er zu ihr und nahm ihn ihr ab.

Ihr Lachen gefiel ihm. Es klang wie Frühlingsregen, der auf durstige Blumen fiel. Sie war alles, was das Leben sein konnte, wenn das Richtige geschah. Glücklich, optimistisch, voller Hoffnung.

All das, was er nie gewesen war. Abgesehen von der kurzen Zeit mit Dana.

Doch das lag jetzt lange zurück. Es war, als wäre es einem anderen passiert. Bis auf den letzten Teil.

Brooke nahm sich einen neuen Stuhl, wollte ihn zusammenklappen, hielt jedoch inne. Der Mann sah plötzlich so abwesend aus. „Wo sind Sie?“

„Hmm?“ Hastig stellte er seinen Stuhl ab und griff nach dem nächsten. „Hier, in Ihrem Buchladen.“

„Nein, im Kopf, meine ich. Sie sahen aus, als wären Sie in Gedanken eine Million Meilen entfernt.“

Er besann sich auf seine Tarnung. „Nur bei dem Buch, an dem ich gerade arbeite.“

Ihre Augen wurden groß. „Sie arbeiten an einem Buch?“ Von allem, was er ihr hätte sagen können, war es das, was sie am meisten fesselte. Sie vergötterte Schriftsteller. „Was ist das für ein Buch?“

Er begann mit der letzten Reihe. „Eine Geschichte von San Francisco.“

Brooke legte den Kopf schräg. „Ungewöhnlicher Gegenstand für einen New Yorker.“

„Ich habe mich schon immer für diese Stadt interessiert.“ Die Lüge kam ihm leicht über die Lippen. „Als ich das erste Mal den Ausdruck Erdbeben gehört habe, ging es um das, das sich 1906 hier ereignet hat.“

„Und das reizt Sie besonders? Unsere Erdbeben?“

Er wollte nicht, dass sie ihn für jemanden hielt, den das Unglück faszinierte. „Nein, die vielen Aspekte der Stadt, die abwechslungsreiche Geschichte.“ Er befahl sich, begeistert zu klingen. „San Francisco ist New York sehr ähnlich. Auch hier gibt es einen Schmelztiegel. Mit den verschiedensten Kulturen und …“ Er brach ab. „Ich rede zu viel.“

„Nein, das tun Sie nicht“, widersprach sie. „Reden Sie bitte weiter. Ich höre zu.“

In diesem Moment hörte sie, wie die Eingangstür aufging. Hatte sie nicht abgeschlossen?

Als Brooke sich umdrehte, sah sie ihren Vater hereinkommen. Seine Miene war besorgt.

„Hier bist du also.“

Bingo. Mark gratulierte sich stumm und musterte den Neuankömmling. Wenn das hier nicht der Mann war, den er suchte, musste Derek Ross einen Doppelgänger haben.

3. KAPITEL

Der Mann, der in der Tür zur Buchhandlung stand, besaß den drahtigen Körper eines Langstreckenläufers. Mark wusste, dass Derek Ross in jungen Jahren auf der Bahn und im Gelände gelaufen war. Der Sport interessierte ihn noch immer, auch wenn er nicht mehr aktiv war.

Aus irgendeinem Grund joggte Derek Ross nicht mehr, das wusste Mark. Er hatte morgens und abends vor dessen Haus gesessen und darauf gewartet, dass der Mann zum Laufen herauskam. Er hatte vergeblich gewartet. Schade, es wäre die ideale Gelegenheit gewesen, ihn näher kennen zu lernen. Die meisten Jogger freuten sich über Leidensgenossen, die mit ihnen schwitzten.

Aber es konnte nicht lange her sein, dass Ross damit aufgehört hatte. Er sah noch immer fit aus, was ihn größer wirken ließ, als er laut Beschreibung war. Die Augen hatten die richtige Farbe, nämlich Grün, und das Haar war so schwarz wie das seiner Tochter, nur an den Schläfen zeigte sich das erste Grau.

Mark war ziemlich sicher, dass er den Richtigen gefunden hatte.

„Ich wollte dich nicht beunruhigen, Dad“, sagte Brooke. Er sieht so blass aus, dachte sie. Ein Schatten seiner selbst. Aber es war ein gutes Zeichen, dass er hergekommen war. Hoffnung keimte in ihr auf. „Die Lesung hat länger gedauert, und danach ist Mr. Hazley noch geblieben, um Bücher zu signieren und …“

Ihr entging nicht, wie ihr Vater den anderen Mann musterte. In seinem Blick lag ein Anflug von Misstrauen. Das war jedes Mal so, wenn ein Unbekannter den Laden betrat. Es hielt nicht lange an, aber es war immer da, als würde ihr Dad niemandem außer ihr trauen.

Nein, sie war nur müde, und die Fantasie ging mit ihr durch. Was sie in seinen Augen las, war nur die ganz natürliche Sorge eines Vaters um seine einzige Tochter. Vermutlich nahm er an, dass sie sich nach Feierabend heimlich mit einem Mann traf.

Als wäre ihr Leben nicht ein offenes Buch.

Ein weit aufgeschlagenes und ziemlich langweiliges Buch, dachte Brooke. Aber das würde sich ändern, sobald sie sicher war, dass es ihrem Vater gut ging.

Mit leicht gerunzelter Stirn betrachtete Derek Moss den Fremden, der mit seiner Tochter gesprochen hatte. Der Mann sah nicht aus wie ein normaler Kunde von Buy the Book, eher wie jemand, der nur Zeitung las, und zwar höchstens die Schlagzeilen. Er passte eher auf Fisherman’s Wharf als in eine auf Erstausgaben spezialisierte Buchhandlung. Vor hundert Jahren hätte man ihn für einen Piraten oder Blockadebrecher halten können.

Aber man sollte ein Buch nicht nach dem Umschlag beurteilen.

Derek schloss die Tür und betrat den Laden. „Ich glaube nicht, dass ich schon das Vergnügen hatte. Ich bin Derek Moss. Dies ist meine Buchhandlung. Meine und Brookes“, ergänzte er.

Fast hätte er Derek Ross gesagt. Seit der Beerdigung sehnte er sich nach seinem alten, richtigen Namen. Nach seinen Wurzeln, seiner Jugend.

Danach, noch einmal ganz von vorn anzufangen – und alles anders zu machen.

Aber dann wäre er vielleicht nicht Brookes Vater geworden. Und sie stellte den größten Triumph seines Lebens dar. Sie war das Wertvollste, das er hatte.

Wäre er nicht untergetaucht, hätte er ihre Mutter nie kennen gelernt. Obwohl er sie nie so sehr wie Anna geliebt hatte, hatte Jenna ihm einen lange vermissten Frieden gebracht.

„Das ist Mr. Banning, Dad. Mark.“

Derek fiel auf, dass seine Tochter den Namen aussprach, als würde sie den Klang mögen. Als würde sie den Mann selbst mögen. Aber Brooke mochte jeden. Sie war so unschuldig, und vielleicht war er daran schuld. Er hatte sie immer behütet und glauben lassen, dass das Gute immer über das Schlechte siegte. Dass es meistens umgekehrt war, würde sie vermutlich noch früh genug lernen.

Er streckte die Hand aus. Banning schien eine Sekunde zu zögern, bevor er sie ergriff. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Banning.“

„Mark“, verbesserte Mark. „Und ich bin es, der sich freut.“ Er setzte ein Lächeln auf und schlüpfte wieder in seine Rolle. Seit Danas Tod hatte er das immer getan und sich selbst dabei aus den Augen verloren. Absichtlich.

„So?“ Derek zog eine Augenbraue hoch. „Warum das?“

„Ich hatte gehofft, dass Sie mir helfen können.“

„Wobei?“, fragte Derek.

„Er schreibt ein Buch, Dad“, sagte Brooke aufgeregt.

Derek musste lächeln. Seine Tochter vergötterte jeden, der etwas zu Papier brachte, ob auf klassische Weise mit einem Stift oder über die Tastatur eines Computers.

Obwohl er selbst Bücher – gute Bücher – liebte, war er wesentlich skeptischer als sie. Die meisten Autoren verbrachten mehr Zeit damit, übers Schreiben zu reden, als damit, tatsächlich zu schreiben. Und selbst die, die ihre Berufsbezeichnung verdienten … Na ja, es gab nur wenige, deren Werke es wert waren, gelesen zu werden. Die jedoch waren eine Welt für sich.

Unwillkürlich fragte Derek sich, zu welcher Gruppe dieser junge Mann mit der Narbe gehörte.

Mit echtem Interesse musterte er ihn. „Das tun Sie, ja?“

Mark nickte. Sein Gegenüber war nicht so leicht zu beeindrucken, aber das wusste er längst. Schließlich hatte er sich gründlich auf diesen Auftrag vorbereitet. „Ja, das tue ich.“

Derek lehnte sich mit der Hüfte gegen seinen Schreibtisch. „Darf ich fragen, worum es in Ihrem Buch geht?“

„Natürlich dürfen Sie das. Es handelt sich um eine …“

„Geschichte San Franciscos“, beendete Brooke den Satz für Mark, als sie das Gefühl hatte, dass das Gespräch zu schleppend verlief.

Derek nahm den Blick nicht von dem Besucher. „Warum sollte ein New Yorker so etwas tun wollen? Man sollte meinen, dass es in New York für einen New Yorker mehr als genug Stoff gibt, um darüber ein Buch zu schreiben“, sagte ihr Vater.

„Die Geschichte San Franciscos ist spannender.“ Mark nahm an, dass das genau die Antwort war, die ein Einheimischer hören wollte. Ein Blick in Brookes lächelndes Gesicht bewies ihm, dass er richtig lag. Nach kurzem Zögern schüttelte er den Kopf und gab seiner Geschichte eine persönlichere Note. „Ihre Tochter hat sich bereits zu meinem Akzent geäußert. Ich schätze, ich werde hart daran arbeiten müssen, ihn abzulegen.“

Brookes Augen wurden groß. In ihnen lag ein eifriger, hoffnungsvoller Ausdruck, der schwer zu übersehen war. „Warum wollen Sie das tun?“, entgegnete sie. „Haben Sie etwa vor, San Francisco zu Ihrer Heimat zu machen?“

Er war versucht, Ja zu sagen, denn genau das schien sie hören zu wollen und es würde vieles einfacher machen. Aber er hatte gelernt, dass es immer am besten war, sich nicht zu früh festzulegen. Es schränkte einen zu sehr ein. „Jedenfalls solange ich an meinem Buch schreibe.“

Brooke schaute von Mark zu ihrem Vater. So viel Interesse hatte er an nichts mehr gezeigt, seit er von der Beerdigung nach Hause gekommen war. Sie steckte die Hand in die Tasche und berührte den Brief, den sie dort aufbewahrte. Den Brief, der vielleicht oder vielleicht auch nicht für ihren Vater bestimmt war. Dessen Inhalt ihn offenbar beunruhigt hatte. Er brauchte Ablenkung, und dieser große, dunkelhaarige, rätselhafte Fremde mit seinem ehrgeizigen Vorhaben konnte sie vielleicht liefern. Er war zum idealen Zeitpunkt aufgetaucht und in ihren Augen ein wahres Himmelsgeschenk.

„Kennen Sie hier jemanden, Mark?“

Noch nie hatte er seinen Namen mit einem so melodischen Klang gehört. Es schien fast so, als würde sie ihn nicht einfach nur aussprechen, sondern singen. Mit der Frage hatte er nicht gerechnet, jedenfalls nicht so früh, aber natürlich war er auch darauf vorbereitet.

„Ich kenne Sie beide“, antwortete er. Das war nicht das, was er unter normalen Umständen geantwortet hätte. Nie im Leben. Aber in diesem Moment war er nicht er selbst, sondern derjenige, der er sein musste, um diesen Fall zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.

„Sonst niemanden?“ Sie spürte den erstaunten Blick ihres Vaters. Vermutlich fragte er sich, worauf sie hinauswollte. Normalerweise war sie nicht so direkt. Das hier tue ich für dich, Dad, nicht für mich.

In seinem Beruf hatte Mark früh gelernt, dass er der jeweiligen Situation stets um mehrere Schritte voraus sein musste, wenn er keinen Fehler begehen wollte. Er hatte es auf die harte Tour gelernt und einen hohen Preis dafür bezahlt. Hätte sein Verstand schon vor fünf Jahren so funktioniert, hätte er vielleicht geahnt, dass Dana nicht nur eine ihrer üblichen Stimmungsschwankungen hatte. Möglicherweise hätte er gewusst, dass sie unter einem dramatischen depressiven Schub litt, der sich nur verschlimmern und mit jeder Ablehnung verfestigen würde.

Aber jetzt war nicht die Zeit, sich damit zu quälen, was er falsch gemacht oder versäumt hatte. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern, und er musste sich auf die Gegenwart konzentrieren. Und in ihr erfolgreich zu sein bedeutete, niemals aus der Rolle zu fallen, für die er bezahlt wurde.

„Nun ja …“ Mark zögerte. „Technisch gesehen gibt es da noch jemanden.“

„Technisch gesehen?“, wiederholte Brooke. Romantisch veranlagt, wie sie war, nahm sie sofort an, dass er auf eine Exfreundin anspielte. Oder noch schlimmer, auf eine Exfrau. Waren seine Augen deshalb so traurig? Hatte sie ihm das Herz gebrochen und ihn verlassen, und war er jetzt hier, um seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und sie aufzusuchen? Um sich mit ihr auszusöhnen?

Hastig zügelte sie ihre Fantasie, bevor sie mit ihr durchging.

Selbst derartig persönliche Fragen trafen Mark nicht unvorbereitet. „Ein Freund von mir hat hier ein Apartment. Er ist im Ausland. Zu Dreharbeiten“, fügte er rasch hinzu, als er Brookes vollen Lippen ansah, dass sie nachfragen wollte. „Er ist Schauspieler, und ich kann bei ihm wohnen, bis ich etwas Eigenes gefunden habe.“

Das war eine durchaus plausible Geschichte und nicht komplett gelogen, denn sie beruhte auf einem Körnchen Wahrheit aus der Vergangenheit. Als Nick und er an die Westküste gezogen waren, hatte Nick sich an jemanden erinnert, den er aus New York kannte. Einen jungen Schauspieler namens Stan, der damals um jede Rolle hatte kämpfen müssen, inzwischen jedoch ein wenig besser im Geschäft war. Anfänglich hatten Nick und er bei Stan gewohnt, bis sie eine eigene Wohnung gefunden hatten. Irgendwann hatte Nick sich eine eigene Bleibe gesucht und war ausgezogen.

Mark hatte die Geschichte für den Fall parat, dass er ihr aus irgendeinem unvorhersehbaren Grund eine Adresse nennen musste, unter der sie ihn erreichen konnte. Nach dem, was er inzwischen über sie wusste, schien Brooke Moss ein Mensch zu sein, der ihn ohne Vorwarnung mit einer solchen Frage überfallen würde. Bei seiner Arbeit musste man an alles denken.

„Was für ein Glück für Sie“, meinte Derek.

Mark warf ihm einen Blick zu, aber das schmale Gesicht verriet weder Skepsis noch Sarkasmus. Trotz seiner dubiosen Vergangenheit war der Vater offenbar ebenso vertrauensvoll wie seine Tochter. Das war gut. Es erleichterte ihm den Job beträchtlich. Er musste ihr Vertrauen gewinnen, sodass es keinen Verdacht erregen würde, wenn er ihnen die notwendigen Informationen entlockte.

„Manchmal habe ich das“, sagte Mark.

Aber meistens nicht, fügte eine innere Stimme mit leichter Verbitterung hinzu.

„Möchten Sie morgen Abend zum Essen zu uns kommen?“ Die Frage, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte, platzte heraus, als sich die erste Gelegenheit dazu bot.

Mit verblüfften Gesichtern schauten die beiden Männer sie an.

Mark fragte sich, ob er träumte. Er hatte gehofft, Derek Ross nach und nach besser kennen zu lernen, aber dass es so schnell gehen würde, hatte er nicht ahnen können. Er sah Derek an, der genauso überrascht zu sein schien wie er.

Doch er durfte nichts überstürzen, um bei dem Mann keinen Verdacht zu erregen.

„Das ist sehr nett von Ihnen, Miss Moss“, sagte er. „Aber ich will mich nicht aufdrängen.“

Er hatte erwartet, dass Brooke widersprechen würde, aber es war Derek, der ihn freundlich anlächelte und seine Befürchtung entkräftete.

„Das tun Sie nicht, Mark, glauben Sie mir. Es ist eine ganze Weile her, dass wir einen Gast zum Abendessen hatten, und ich fürchte, Brooke ist unsere allzu literarische Unterhaltung langsam leid.“

„Das stimmt nicht“, protestierte sie, vor allem aus Sorge um ihren Vater. In letzter Zeit war sie heilfroh, wenn ihr Vater überhaupt etwas sagte, und gab sich die allergrößte Mühe, ihn zum Reden zu bringen. Das war manchmal nicht einfach, und sie war für jede Hilfe dankbar.

„Du weißt es doch“, meinte ihr Dad. „Wir unterhalten uns kaum noch. Es hat einen Todesfall in …“

Abrupt verstummte Derek. Fast hätte er „in meiner Familie“ gesagt. Aber so durfte Brooke es nicht erfahren. Sie verdiente es, die komplette Geschichte zu hören, denn sie hatte keine Ahnung, dass es nicht nur sie beide gab. Dass sie Cousins und Cousinen hatte und indirekt mit Walter Parks verwandt war, einem der berüchtigtsten Geschäftsmänner, die es auf der Welt gab.

Eines Tages würde er sich in Ruhe mit ihr hinsetzen und ihr erzählen, wer ihr Vater wirklich war und woher er kam. Im Moment wusste sie nur wenig über ihn. Er konnte sich ihr Gesicht vorstellen, wenn sie hörte, dass sie mit Kathleen Carlton verwandt war, der Kriminalschriftstellerin, die sie so verehrte.

Aber nicht heute Abend. An diesem Abend war ihm nicht danach, ihr die lange und verwickelte Geschichte zu erzählen. Vielleicht würde ihm niemals danach sein.

„… einen Todesfall in meinem Bekanntenkreis gegeben“, beendete Derek den Satz.

Tut mir leid, Marla, entschuldigte er sich stumm bei seiner verstorbenen Schwester. Tut mir leid, dass ich dich verleugnen muss, aber ich tue es für Brooke. Das musst du verstehen.

Es war fünfundzwanzig Jahre her, dass er das letzte Mal mit seiner älteren Schwester gesprochen hatte. Und die ganze Zeit hatte er fest daran geglaubt, dass er die Kluft zwischen ihnen irgendwann überwinden, sich mit ihr versöhnen und alles – wenigstens für eine Weile – wieder so sein würde, wie es einmal gewesen war. Als Kinder war ihr Leben so unkompliziert gewesen. Er hatte gehofft, dort wieder anknüpfen zu können.

Aber jetzt war die Chance vertan. Dafür hatte der Tod gesorgt. Der Abgrund, den der schreckliche Mann, der so viele Leben ruiniert hatte, zwischen ihnen aufgerissen hatte, war tiefer und dunkler als jemals zuvor.

Rein zufällig war er auf den Nachruf gestoßen, den ihr Sohn in allen großen Zeitungen des Landes hatte abdrucken lassen. Sonst hätte er gar nicht gewusst, dass sie gestorben war. Er hatte zu lange gewartet, und es würde kein Wiedersehen und keine Verzeihung geben, nur noch das alles andere überlagernde Schuldgefühl und eine tiefe Trauer über die versäumten Chancen.

Es tut mir leid, Marla, entschuldigte er sich ein weiteres Mal.

Das tat er, seit er von ihrem frühen Ende erfahren hatte. Es war seine Angst gewesen, die sie einem tristen Leben ohne jede Hoffnung auf Wiedergutmachung ausgeliefert hatte.

An allem war nur Walter Parks schuld. Er hatte sie umgebracht. Ebenso gut hätte er ihr eine Waffe an den Kopf halten und abdrücken können.

Der Diamantenbaron schreckte vor nichts zurück – nicht einmal davor, andere Menschen zu töten. Das hatte Derek mit eigenen Augen gesehen. Erst nach einem Moment merkte er, dass Brooks an seinem Arm zog.

„Dad?“

Banning sah ihn neugierig an.

Verlegen konzentrierte Derek sich wieder auf die Gegenwart, bevor er sich in dem Labyrinth verlor, zu dem seine Gedanken zu werden drohten.

Er räusperte sich. „Wie ich gerade sagte, Mark, war ich Brooke in letzter Zeit kein sehr anregender Gesprächspartner. Daher würden Sie mir und vor allem meiner Tochter einen großen Gefallen tun, wenn Sie uns morgen Abend besuchen. Es gibt nichts Besonderes, nur Hausmannskost, aber ich vermute, die essen Sie nicht so oft.“

Mark fragte sich, ob Ross einfach nur höfliche Belanglosigkeiten von sich gab. Oder ahnte er, dass der Mann, der sich gerade in sein Leben schlich, seine Mahlzeiten vor allem in Form von Tiefkühlkost zu sich nahm?

Aber vermutlich dachte der Buchhändler sich gar nichts dabei. Er musste aufpassen, dass er nicht zu misstrauisch wurde.

„Da haben Sie recht“, gab Mark zu. „Ein frisch zubereitetes Essen wäre wirklich eine schöne Abwechslung.“ Er sah von Brooke zu ihrem Vater. „Ich komme gern, aber nur wenn Sie ganz sicher sind, dass ich mich nicht aufdränge.“

„Wir sind absolut sicher“, erwiderte Brooke mit Nachdruck.

Sie mochte diesen Mann, den die Vorsehung in ihre Buchhandlung geführt hatte. Er war rücksichtsvoll und höflich. Zwei Eigenschaften, die heutzutage selten waren. Romantische Eigenschaften, dachte sie versonnen.

Brooke fragte sich, ob er vielleicht sogar Gedichte verfasste. Nicht, dass er es jemals zugeben würde, aber allein der Gedanke verlieh ihrer Vorstellungskraft Flügel. Sie wollte nicht, dass er schon wieder ging.

„Dad, warum zeigst du ihm nicht, was wir über die Geschichte unserer Stadt haben, während ich die Stühle wegräume?“, schlug sie vor.

„Sie kann manchmal ein wenig diktatorisch sein“, sagte Derek und bedachte seine Tochter mit einem liebevollen Blick. „Ich sage dir was. Du zeigst ihm, was wir an historischen Büchern im Bestand haben, und ich kümmere mich um die Stühle.“

„Ich …“

Sie verstummte abrupt. Denn während ihr Dad und sie noch diskutierten, war der Unbekannte, der ihr schon gar nicht mehr so fremd erschien, bereits aktiv geworden. Der Mann, von dem sie hoffte, dass er ein wenig Farbe in ihr langweiliges Leben bringen würde, hatte vier Klappstühle genommen und trug sie nach hinten, wo die Tür zum Lager offen stand. Hastig griff sie sich zwei weitere und folgte seinem Beispiel.

„Sie handeln also lieber“, sagte sie, als sie ihn einholte. „Anstatt zu reden.“

Dass diese naive junge Frau den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, amüsierte Mark. Er war tatsächlich mehr ein Macher als ein Redner. Dass er sich ab jetzt jedoch mehr auf Worte als auf Taten verlassen musste, erschien ihm wie eine Ironie des Schicksals.

„Das könnte man sagen“, bestätigte er lächelnd.

4. KAPITEL

Langsam ging Walter Parks in seinem geräumigen Büro auf und ab. Seine kleinen braunen Augen blickten kalt, und er kniff sie zusammen, während er über die Information nachdachte, die er gerade erhalten hatte. Eigentlich war es nicht mehr als ein Gerücht, aber Gerüchte hatten die unangenehme Eigenart, sich genau dann zu bewahrheiten, wenn sie am meisten Ärger machten.

Und genau das befürchtete Walter jetzt. Gewaltigen Ärger sogar.

Der Ausdruck auf dem Gesicht des Diamantenbarons hätte seine Mitarbeiter zutiefst erschreckt. Wenn der Chef von Parks Mining and Exploration missgelaunt war, trieb es selbst hartgesottenen Männern kalten Schweiß auf die Stirn, und sie gingen lieber in Deckung.

Im Moment war der sechzig Jahre alte Eigentümer des größten Edelsteinhandels der Vereinigten Staaten mehr als nur missgelaunt. Er stand kurz vor einem Wutausbruch.

Sein Blick fiel auf eine wertvolle Büste des antiken Feldherrn Hannibal, und mit einer einzigen Armbewegung fegte er sie von ihrem Podest. Die Skulptur stammte von einem berühmten Bildhauer, und Walter hatte sie in Florenz gekauft, als der Künstler noch ein Geheimtipp war. Jetzt fiel sie zu Boden und zersplitterte in mehr als ein Dutzend Bruchstücke. Mit einem Fußtritt beförderte er das größte davon gegen die Wand.

Verdammt, warum ausgerechnet jetzt?

Mit jedem Jahrzehnt war nicht nur sein Vermögen, sondern auch seine Macht beständig gewachsen, und er war stolz darauf. Von einem Mann, der gerissen jede Gelegenheit nutzte, die sich ihm bot, hatte er sich zu jemandem entwickelt, der sich seine Gelegenheiten selbst schuf. Und dann zu einem Menschen, der seine Position an der Spitze ohne Rücksicht auf andere wahrte.

Sein Gewissen war nie sehr ausgeprägt gewesen, und auf dem Weg ganz nach oben hatte er auch den letzten Rest davon abgelegt.

Parks hatte sein Vermögen mit Diamanten gemacht und war dabei auch über Leichen gegangen. Besonders einer verdankte er seinen kometenhaften Aufstieg. Er hatte Anna geheiratet, um die Firma ihres Vaters unter seine Kontrolle zu bekommen. Aber vor allem der Niedergang seines Rivalen Jeremy Carlton hatte es ihm ermöglicht, zum unbestrittenen Herrscher der Branche zu werden.

Es war die Erinnerung an Jeremy Carlton, einst sein naiver, so genannter Freund, die jenen gehetzten Blick in Walters Augen treten ließ, vor der seine Handlanger zitterten.

Und sie waren alle Handlanger.

Für ihn war jeder, den er kannte, ein Handlanger. Ein Werkzeug. Und er würde dafür sorgen, dass es auch so blieb.

Walter ballte die Hände zu Fäusten und wollte auf etwas einschlagen. Aber er wusste, dass es sein Problem nicht lösen würde.

Die Frustration nagte an ihm.

Er würde es nicht zulassen, dass ein Feigling, der vor fünfundzwanzig Jahren wie ein ängstlicher Hase das Weite gesucht hatte, ihm alles nahm, wofür er so lange gearbeitet hatte.

Denn genau das besagte das Gerücht. Dass Derek Ross noch am Leben war. Dass er nach so langer Zeit wieder aufgetaucht war.

Der Mann war der jüngere Bruder von Marla Carlton, der Ehefrau von Jeremy. Der Frau, mit der er vor einem Vierteljahrhundert eine Affäre gehabt hatte. Ihre Beerdigung musste ihn aus der Deckung gelockt haben. Und damit hatte das Gerücht eingesetzt.

Mehr als das, es hatte sich in Windeseile verbreitet.

Das Gerücht, dass Derek Ross etwas wusste. Etwas gesehen hatte.

Und soeben hatte Walter erfahren, dass Tyler Carlton einen Privatdetektiv angeheuert hatte, um den so lange verschollenen Mann zu finden.

Aber was konnte Ross gesehen haben? Es war sonst niemand an Bord der Yacht gewesen, als er Jeremys Cognac mit mehr als nur einem Schuss Hochprozentigen versetzt hatte. Mit einer tödlichen Dosis. Gleich danach war er ausgelaufen und hatte die Leiche ins nächtliche Meer geworfen. Nicht mal der Vollmond hatte geschienen.

Was zum Teufel konnte Ross gesehen haben?

Nervös rieb Walter sich das Gesicht, dessen Haut vorzeitig ledrig geworden war, weil er sie bei seinem geliebten Segelsport so oft der Sonne, dem Wind und dem Salzwasser ausgesetzt hatte. Auf dem Meer gab es keine Grenzen, die einen einengten. Dort konnte ein Mann allein sein. Allein mit seinen großen Gedanken, kein Gefangener der lästigen Kleinigkeiten, die ihn an Land zwangen, stets wachsam und auf der Hut zu sein.

Denn wenn er es nicht war, und sei es auch nur für eine kurze Weile, konnte es sein Ende bedeuten.

Nun ja, daran wollte er jetzt nicht denken, denn dazu würde es nicht kommen. Er war Walter-der-Große-Parks, und das würde er verdammt noch mal auch bleiben. Er hatte vor, an der Spitze zu bleiben. Ein Mann, vor dem man sich in Acht nehmen musste. Ein Machtfaktor. Und wenn das bedeutete, dass er ein weiteres nutzloses Leben auslöschen musste, dann blieb ihm eben nichts anderes übrig.

Jeremy Carlton war zwei Mal so viel wert gewesen wie Derek Ross, vielleicht sogar drei Mal, und er hatte kein Problem damit gehabt, ihn zu beseitigen. Er hatte ihn getötet, weil Jeremy ein Konkurrent gewesen war. Der lebende Beweis dafür, dass er Edelsteine geschmuggelt hatte.

Er hatte Jeremy Carlton ausgeschaltet, weil er der bessere Mann gewesen war. Und die besseren Männer triumphierten irgendwann.

Aber nur wenn sie lebendig waren.

Also hatte er die Sache in die eigenen Hände genommen und war der Alleinherrscher der Diamantenwelt geworden.

Und das würde er bleiben.

Walter Parks setzte sich wieder an den Schreibtisch. Er wusste, was er tun musste, und zog das Telefon zu sich heran. Er konnte es benutzen – noch. Weil er tagaus, tagein mit der Gefahr der Industriespionage leben musste, ließ er seine Räume, hier im Geschäft und auch zu Hause, an jedem Morgen nach Wanzen absuchen. Der Spezialist hatte keine Abhörgeräte entdeckt, also konnte er anrufen, ohne befürchten zu müssen, dass jemand ihn belauschte. Vorläufig.

Er lächelte grimmig. Es gab Männer, die für Geld vor nichts zurückschreckten. Männer, die auf der Schattenseite des Lebens existierten und ihren Job auch deshalb erledigten, weil sie den Reiz der Gefahr liebten. Weil es ihnen Spaß machte, Menschen zu ermorden. Er kannte mehrere davon und engagierte die zuverlässigsten, damit sie ihm die schmutzige Arbeit abnahmen. Die Quelle des Übels beseitigen.

Mit einem ärgerlichen Seufzer tadelte Parks sich dafür, dass er das hier nicht schon vor Jahren getan hatte. Ross war immer ein Problem gewesen, wenn auch ein kleines. Ein offener Posten, der noch nicht abgehakt war.

Es war höchste Zeit, das nachzuholen. Denn erst wenn Ross tot war, würde er vielleicht endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen.

Walter Parks brauchte die Nummer nicht im elektronischen Verzeichnis seines Palm Pilot nachzuschlagen. Er kannte sie auswendig.

Dies war nicht das erste Mal, dass er die Dienste des Mannes in Anspruch nahm.

Und vermutlich würde es auch nicht das letzte Mal sein.

„Also, wie geht es dir?“

Nick Banning betrat das kleine, spartanisch eingerichtete Apartment seines Bruders und machte es sich sofort bequem. Warum auch nicht? Schließlich hatten sie einmal zusammen hier gewohnt. Er selbst hatte sich etwas Größeres gesucht und angenommen, dass auch Mark das irgendwann tun würde.

Aber sein Bruder war geblieben, wo er zuerst Wurzeln geschlagen hatte. Dabei verdiente Mark inzwischen als Privatdetektiv genug Geld. Mark Bannings Name hatte bei den Polizisten, mit denen er zusammenarbeitete, einen verdammt guten Ruf. Das konnten nicht viele Privatdetektive von sich behaupten, und daher war Nick mehr als nur ein wenig stolz auf seinen älteren Bruder.

Und mehr als nur ein wenig besorgt. Genau deshalb war er hier, anstatt nach einem langen Tag im Streifendienst auf den Straßen von San Francisco nach Hause zu gehen.

Nick nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging ins Wohnzimmer. Mark war nicht da. Nick ging ins große Schlafzimmer, das etwa zwanzig Quadratzentimeter mehr Fläche als das kleine aufwies.

Mark befand sich im begehbaren Schrank, schob Kleiderbügel hin und her und suchte offenbar etwas.

Wenigstens scheint er okay zu sein, dachte Nick und nahm einen Schluck aus seiner Flasche.

Im letzten Monat war es genau fünf Jahre her gewesen. Fünf Jahre, seit sein Bruder den leblosen Körper seiner Frau in ihrer winzigen Wohnung gefunden hatte. Mark hatte ihn angerufen, und er war sofort hingefahren. Noch nie hatte er jemanden gesehen, der so am Boden zerstört war.

Selbst jetzt bezweifelte Nick noch, dass er ganz darüber hinweg war.

„Es geht so“, antwortete Mark erst jetzt. „Es geht mir gut“, fügte er hinzu, weil er wusste, dass sein Bruder es hören wollte. Es ging ihm keineswegs gut, aber darauf kam es nicht an.

Mit gerunzelter Stirn schob er einen weiteren Bügel zur Seite. Seine Hemden sahen aus, als wären sie noch nie gebügelt worden. Aber dazu hatte er jetzt keine Zeit. Er würde sich verspäten, wenn er länger im Schrank blieb, und dabei musste er noch den Wein besorgen, den er zum Abendessen mitbringen wollte.

Achselzuckend entschied er sich für ein langärmeliges blaues Hemd, das nicht ganz so zerknittert aussah. Er zerrte es vom Bügel und zog es an.

Nick setzte sich auf eine Ecke des Betts.

„Ich habe ein paar Mal angerufen.“

Mark knöpfte das Hemd zu und stopfte es in die Hose. „Ich war nicht zu Hause.“

„Ich habe es auch auf deinem Handy versucht.“

„Das war nicht eingeschaltet“, erwiderte Mark verärgert. Er war noch keine fünf Minuten zu Hause gewesen, als Nick an die Tür geklopft hatte. Er betrachtete das Hemd. Vielleicht sollte er sie weggeben und von jemandem bügeln lassen, der etwas davon verstand. Wenn er es selbst versuchte, würden sie nicht glatt werden, sondern Brandflecken bekommen. „Ich war in einer Buchhandlung und hielt es für richtig, niemanden zu stören“, erklärte er das mit dem Handy.

Nick rollte die Bierflasche zwischen den Händen hin und her und musterte seinen Bruder mit nachdenklicher Miene. „Den ganzen Tag?“

„Fast.“

Mark stellte sich vor den Spiegel über der Kommode, legte die Hände auf die Brust, spreizte die Finger und strich das Hemd glatt. Es half ein wenig.

„Recherchen?“, fragte Nick.

Mark dachte an die Lüge, die er Ross und seiner Tochter aufgetischt hatte. „Ich schätze, so könnte man es nennen.“

Lachend schüttelte Nick den Kopf. Nichts hatte sich geändert. Sein Bruder war in etwa so informativ wie eine Schaufensterpuppe. „Weißt du, Gespräche mit dir haben sich noch nie durch einen Überfluss an Worten ausgezeichnet.“ Er nahm noch einen Schluck Bier. „Arbeitest du an einem Fall?“

„Ja.“ Genau das war es. Ein Fall. Reine Routine. Nichts Ungewöhnliches. Aber ein Bauchgefühl sagte ihm, dass es kein normaler Fall war. Er hatte es gespürt, als er vor Brooke Ross/Moss gestanden hatte.

„In einer Buchhandlung“, sagte Nick.

„In einer Buchhandlung.“ Mark riss die oberste Schublade auf und suchte nach einer Krawatte. Er erinnerte sich vage daran, dass er beim Einzug ein paar hineingestopft hatte. Welche Schublade war es gewesen? „Es ist der Fall, von dem Tyler unbedingt wollte, dass ich ihn übernehme. Mehr kann ich nicht sagen, das weißt du.“

„Ich habe dich lediglich gefragt, wie es dir geht“, erinnerte Nick ihn.

Er schob eine Schublade zu und zog eine andere auf. Irgendwo mussten Krawatten sein. „Und ich habe gesagt, dass es mir gut geht.“

„Ja. Das antworten Leute ganz automatisch, selbst wenn sie fünf Kugeln im Körper haben.“

Mark warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ich verspreche dir, wenn jemand mir fünf Kugeln verpasst, werde ich nicht sagen, dass es mir gut geht.“

Nick wusste genau, was Mark tat. Er nebelte sich ein, wie er es immer tat, wenn man ihm zu nahe kam. Sein Bruder sprach nicht über seine Gefühle. Niemals. „Du weißt, was ich meine.“

„Ja, ich weiß, was du meinst.“ Das stimmte. Mark wusste, dass Nick sich Sorgen um ihn machte, weil er an den Jahrestag von Danas Selbstmord dachte. An den Jahrestag seines Versagens.

„Es ist fünf Jahre her“, sagte Nick.

Mark wollte nicht darüber reden und versuchte, ruhig zu bleiben. „Ja, so läuft das eben. Ein Monat folgt auf den anderen, und irgendwann sind es fünf Jahre. Im nächsten sind es sechs.“

Es war Nick, der als Erster die Geduld verlor. „Verdammt, Mark, du musst darüber reden.“

Endlich fand Mark die verschollenen Krawatten und zog eine aus dem Knäuel. Er hielt sie hoch, und sie bewegte sich wie eine aus ihrem Korb befreite Schlange, als er sich zu Nick umdrehte.

„Worüber? Dass ich zu blind war, um es kommen zu sehen? Dass ich so versessen darauf war, der beste Detective von New York City zu werden, dass ich meine eigene Frau im Stich gelassen habe?“ Jede Frage wurde von einer hektischen Bewegung begleitet, während er sich daran zu erinnern versuchte, wie man eine Krawatte band.

Er schaute in den Spiegel, riss sich das Ding vom Hals und fing von vorn an.

Nick gab nicht auf. „Sie hatte Probleme, Mark. Probleme, die nichts mit dir zu tun hatten.“

Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. „Ich war ihr Ehemann, verdammt. Ihre Probleme hatten alles mit mir zu tun. Hör zu, reden ändert nicht das Geringste daran, also lassen wir es, okay? Ich sehe dich nicht oft genug, um damit Zeit zu verschwenden.“

Nick seufzte. „Okay.“ Seine Augen wurden groß, als ihm bewusst wurde, was sein Bruder um den Hals hatte. „Ist das eine Krawatte?“

Mark inspizierte sein Werk. Dieses Mal hatte er es hinbekommen. Er warf Nick einen Blick zu. „Bist du der Scharfsinnigste bei eurer Truppe? Wenn ja, würde ich sagen, die Stadt hat ein echtes Problem.“

„Sehr komisch. Ich weiß, dass es eine Krawatte ist. Was ich meine, ist, was tut sie an dir?“

Mark schaute in den kleinen Spiegel über seiner ebenso kleinen Kommode und zupfte ein letztes Mal an den beiden Enden, bis sie die korrekte Länge aufwiesen. „Sie hängt.“

Wieder schüttelte Nick den Kopf. Sein Bruder war manchmal verdammt anstrengend. „Du kannst Krawatten nicht ausstehen.“

Ja, das stimmte. Seiner Ansicht waren sie die nutzlosesten Kleidungsstücke, die es gab. Sogar noch nutzloser als Westen. „Gehört zur Aufmachung.“

Und dann begriff Nick. Er sprang vom Bett auf, als hätte jemand die Tagesdecke in Brand gesteckt. „Hast du ein Date?“

Sein Bruder sah so erleichtert, so hoffnungsvoll aus, dass Mark am liebsten Ja gesagt hätte. Aber das wäre eine Lüge gewesen, und er hatte Nick noch nie angelogen. Jedenfalls nicht, wenn es darauf ankam. Die Notlügen ihrer Kindheit zählten nicht.

Mark wusste, dass Nick sich große Sorgen um ihn machte. Dass er ihm vor allem eine Freundin wünschte. Aber Dates waren ihm nie sehr wichtig gewesen, nicht einmal auf der High School. Vielleicht hatte er sich deshalb Hals über Kopf verliebt, als er Dana begegnet war. Und deshalb war er seit ihrem Tod mit keiner Frau mehr ausgegangen, nicht ein einziges Mal.

Seine Kollegen bei der Polizei von New York City hatten immer wieder versucht, für ihn eine Verabredung zu arrangieren, aber er hatte immer wieder abgelehnt. Und auch Nicks andauernde Bemühungen waren erfolglos geblieben.

Er brauchte kein Date. Sein Leben gefiel ihm so, wie es war. Ungebunden. Als Einzelgänger. Wenigstens hatte er es endlich geschafft, seinem Dasein so etwas wie einen Sinn zu geben. Was wesentlich besser war, als darauf zu warten, dass es zu Ende ging. Das war keine sehr gesunde Einstellung für einen Detective in New York City gewesen.

Nick sah ihn noch immer erwartungsvoll an, die halb leere Bierflasche zwischen den Fingern baumelnd.

Nein, dachte Mark, keine Lügen. „Nein, es hat mit Arbeit zu tun.“

Nick musterte ihn skeptisch. „Deine Auftraggeber haben dich gebeten, eine Krawatte zu tragen?“

Mark zog den Knoten fest. „Sie passt zum Anlass.“ Er schaute auf die Uhr. Es war schon spät. Er musste sich beeilen. „Hör zu, ich muss noch eine Flasche Wein besorgen.“ Er schnappte sich ein Jackett. Draußen war es brütend heiß, aber er konnte schlecht in Hemdsärmeln dort auftauchen. „Du kannst gern hier bleiben, wenn du möchtest.“

Nick folgte ihm zur Tür. Die Überraschungen nahmen offenbar kein Ende. Er wusste, an was für einem Fall Mark gerade arbeitete. Tyler hatte ihm das Nötigste darüber erzählt. Aber das hier klang nicht nach einem von Marks üblichen Fällen. Kein Zweifel, sein Bruder verheimlichte ihm etwas.

„Wein? Machst du deine Klienten neuerdings betrunken?“

Mark wühlte in den Taschen nach seinen Schlüsseln. „Ich lockere ihre Zungen“, verbesserte er, während er hinausging und Nicks Blick am Rücken spürte.

Einen Block weiter gab es ein Geschäft, das alkoholische Getränke verkaufte. Es war etwas feiner als die meisten. Vielleicht finde ich dort etwas Passendes, dachte er und eilte davon.

Eine halbe Stunde später stand er vor einem hübschen, im Tudor-Stil errichteten Haus mitten in Mill Valley, unter dem Arm eine Flasche Rotwein mit einem ansehnlichen Etikett. Als er die Hand nach dem Klingelknopf ausstreckte, fiel ihm ein, dass er sie nicht gefragt hatte, ob es Fisch oder Fleisch gab. Aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie solche Dinge nicht so eng sah.

Die Tür flog auf, noch bevor seine Finger ihr Ziel berührten.

Und dann erschien Brooke vor ihm, und ihre Augen begrüßten ihn voller Wärme, noch bevor die Lippen es taten. Ihr schwarzes Haar war aus dem Gesicht gekämmt und wurde von zwei winzigen Clips mit Gänseblümchen darauf gehalten. Sie sah unglaublich jung und zugleich ungemein verführerisch aus.

Er hatte den ganzen Tag in ihrer Gesellschaft oder wenigstens in ihrer Nähe verbracht. Im hinteren Teil des Buchladens gab es einen Tisch und Stühle für Kunden, die in den Büchern, für die sie sich interessierten, ein wenig lesen wollten. Dort hatte sie ihn untergebracht – ihn und die Lektüre, die sie für ihn ausgesucht hatte.

Als er zu ihr meinte, sie würde ihn wohl dazu bringen wollen, den halben Laden aufzukaufen, sah sie ihn erstaunt an. Dann bot sie ihm an, sich aus den Büchern zu informieren und sie zurück ins Regal zu stellen.

„Aber wie wollen Sie denn dann Geld verdienen?“

„Oh, es geht nicht darum, Geld zu verdienen“, erwiderte sie ernst. „Es geht darum, Freunde zu finden. Geld kommt erst an zweiter Stelle.“

„Erklären Sie das mal der Elektrizitätsgesellschaft, wenn sie wegen einer unbezahlten Rechnung anruft.“

Dann nahm er plötzlich das Mitgefühl in ihren Augen wahr. Sie setzte sich zu ihm und senkte die Stimme, bis er sie irritierend sinnlich fand, obwohl er genau wusste, dass sie sich nichts dabei dachte.

„Mark“, begann sie zaghaft und nahm seine Hand. „Wenn Sie einen Kredit brauchen …“

Sein Mund klappte auf. Ihre Großzügigkeit gegenüber einem Fremden verblüffte ihn zutiefst. Gegenüber jemandem, der – wenn sein Verdacht sich bewahrheitete – vielleicht bald dafür verantwortlich sein würde, dass ihre kleine Welt aus den Fugen geriet.

Und der sie belog.

Es bereitete ihm ein schlechtes Gewissen, und das gefiel ihm nicht.

„Nein“, sagte er. „Ich dachte nur an Sie und Ihren Vater.“

Ihre Reaktion überraschte ihn sogar noch mehr. Sie beugte sich zu ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Alles ging so schnell, dass er es sich vielleicht nur eingebildet hatte.

Aber das hatte er nicht.

Und er spürte den sanften Druck ihrer Lippen selbst jetzt noch, als er vor ihrer Haustür stand und sie ansah.

„Sie sind gekommen“, sagte Brooke mit einem strahlenden Lächeln, das fast ihr ganzes Gesicht erfasste.

Sie sah so erfreut aus, dass man meinen könnte, er wäre ein lange vermisster Lover. Es kam ihm albern vor, und doch wusste er, dass sie ihm nichts vorspielte. Sie gehört nicht in dieses Jahrhundert, dachte er. Sie gehörte zwischen edle Ritter und fahrende Dichter, in eine Ära, in der es für Männer noch Ehrensache war, Wort zu halten.

„Das habe ich doch versprochen.“

„Ja.“ Sie ignorierte die Flasche in seiner Hand, hakte sich bei ihm ein und zog ihn ins Haus. „Das haben Sie.“

5. KAPITEL

Mark saß am kleinen Tisch im Esszimmer und hörte Derek Ross zu, der über seine Buchhandlung sprach. Nach anfänglichem Zögern hatte er sich immer mehr für sein Thema erwärmt. Und – wie Mark zufrieden feststellte – sogar noch mehr für seinen Gast.

Ein unbefangener Beobachter hätte Mark für einen alten Freund der Familie gehalten, nicht für jemanden, den die beiden erst gestern kennen gelernt hatten.

Diese Leute sind viel zu offen, dachte er. Das machte seinen Job wesentlich leichter, aber zugleich beunruhigte und ärgerte es ihn, dass sie so ahnungslos waren. Er hätte gedacht, dass Ross es in seinem Alter besser wusste. Vertrauensvolle Menschen wurden in dieser Welt eine allzu schnelle Beute für zweibeinige Raubtiere.

Er schaute zur Küchentür hinüber, als Brooke mit einem großen Tablett hereinkam. Sofort stand er auf, um es ihr abzunehmen.

Sie lächelte. „Ich bin stärker, als ich aussehe.“

„Hoffentlich“, hörte er sich murmeln.

Sie hörte es.

Aber anstatt gekränkt zu sein, lächelte sie noch freudiger und stellte das Tablett mitten auf den Tisch. Der Schmorbraten war von winzigen, perfekt geformten Kartoffeln umgeben, die sie sorgfältig geschält hatte. „Warum? Sehe ich aus, als würde ich gleich zerbrechen?“

Er nahm wieder Platz und war sich bewusst, dass ihr Vater ihn aufmerksam musterte. Noch bewusster war ihm allerdings Brookes Blick. Noch nie war er jemandem begegnet, dessen Augen so unschuldsvoll und doch so faszinierend waren.

Mark zeigte auf das Tablett. „Sie sehen aus, als würden Sie nicht viel mehr wiegen als der Braten, den Sie gerade aufgetragen haben.“

Brooke konzentrierte sich wieder auf die Mahlzeit, die sie so aufwendig zubereitet hatte. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie es ihrem Vater überlassen, das Geschäft abzuschließen, und war pünktlich nach Hause gegangen.

Trotzdem wollte sie nicht, dass Mark wusste, was für eine Mühe sie sich gegeben hatte. Vielleicht schmeckte es ihm ja gar nicht. „Es ist nur ein Schmorbraten.“

Mark entging der entschuldigende Unterton nicht. Dazu hatte sie nicht den geringsten Grund. Es war Jahre her, dass er etwas aus dem Supermarkt gegessen hatte, das nicht aus der Mikrowelle kam. Seine verstorbene Frau hatte sich voll und ganz auf ihre Karriere als Schauspielerin konzentriert und war nicht sehr häuslich gewesen. Wenn Dana überhaupt Essen gemacht hatte, hatte sie ein Fertiggericht in den Ofen geschoben, es dort vergessen und viel zu spät herausgenommen, sodass es nicht nur knusprig, sondern angebrannt gewesen war. Daher hatten sie sich meistens darauf beschränkt, sich eine Pizza liefern zu lassen oder etwas vom Chinesen zu holen.

Die letzte richtige Mahlzeit, an die er sich erinnerte, hatte er bei seiner Mutter gegessen. Und wie das Schicksal es wollte, war auch das ein Schmorbraten gewesen.

„Ich liebe Schmorbraten“, sagte er mit einem dankbaren Lächeln.

„Na ja, dann haben Sie Glück, Mark“, meinte Derek, während er sich Erbsen und Möhren nahm. „Denn niemand macht ihn so gut wie Brooke.“

„Dad.“ Sie reichte Mark den Korb mit den Brötchen. „Du brauchst nicht damit anzugeben.“

„Doch.“ Ihr Vater schmunzelte und fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Ihm war gerade aufgegangen, dass er endlich wieder in der Gegenwart leben musste. Nicht in der Vergangenheit oder Zukunft, sondern im Hier und Jetzt. Er war froh, dass Brooke diesen Mann eingeladen hatte. „Es ist eins der wenigen Vergnügen, die mir im Leben noch geblieben sind.“

Mark nahm sich ein Brötchen. Es war noch warm, und er freute sich darüber. Seltsam, dass ihm derartige Kleinigkeiten plötzlich so wichtig erschienen. „Das sagt ein Mann, der höchstens … siebenundvierzig ist?“

Derek war aufgestanden, um das Fleisch anzuschneiden, und sah seinen Gast erstaunt an. „Eigenartig, dass Sie ausgerechnet darauf tippen.“ Er bot ihm die erste Scheibe an. „Die meisten Leute hätten fünfundvierzig oder fünfzig gesagt.“

Mark hielt ihm den Teller hin. „Na ja, Sie sehen nicht aus wie fünfzig, klingen aber nicht wie fünfundvierzig. Ich dachte mir, ich nehme den Mittelwert und runde ihn zum Jüngeren hin ab.“

Derek lächelte zufrieden. „Sie sind sehr freundlich.“ Er setzte sich wieder, nahm sich selbst eine Scheibe und schob seiner Tochter den Braten hin.

„Ich finde es eher gut beobachtet.“ Der Form halber nahm Mark einen kleinen Schluck von dem Wein, den er mitgebracht hatte.

„Stimmt“, meinte Brooke mit einem Lachen, das ihn an die silbernen Glöckchen erinnerte, die früher den Weihnachtsbaum seiner Familie geziert hatten.

„Genau das ist er nämlich“, fuhr sie fort, ohne zu ahnen, wie sehr sie ihren Besucher verzauberte. „Siebenundvierzig. Sehr junge siebenundvierzig“, fügte sie hinzu, als ihr Vater den Mund öffnete.

Derek nickte. „Na gut, wenn Sie ein so guter Beobachter sind … Wie alt ist Brooke?“

„Dad.“

Sie presste die Lippen zusammen. Ob sie es aus Verlegenheit tat oder weil sie es für die angemessene Reaktion hielt, wusste Mark nicht. Er wusste nur, dass ihr Anblick in ihm etwas auslöste, das er nicht erwartet hatte und das ihm nicht willkommen war.

Derek lächelte nachsichtig. Dies sind zwei Menschen, die einander wirklich lieben, dachte Mark. Sein eigenes Familienleben lag inzwischen so weit zurück im Dunkel der Vergangenheit, dass es ihm vorkam, als hätte ein anderer es erlebt und ihm nur davon erzählt.

Und doch fühlte er hier, inmitten dieser Leute, die ihm eigentlich fremd sein sollten, so etwas wie Nähe und eine Verbindung, wie er sie seit vielen Jahren nicht mehr empfunden hatte.

„Du bist viel zu jung, um dein Alter zu verheimlichen, Brooke“, sagte ihr Vater mit mildem Tadel.

Sie liebte ihn über alles, aber manchmal behandelte er sie wie ein Kind. „Das klingt, als wäre ich zwölf.“

„Zwei Mal so alt, minus eins“, sagte Mark und spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, denn was den beiden wie ein amüsantes Spiel erschien, gehörte für ihn zu einem Job, für den er gut bezahlt wurde.

In der Woche, in der er die Buchhandlung und ihren Betreiber ausgeforscht hatte, hatte er viel über die beiden gelernt. Auf die Weise konnte er vorgeben, dass er die gleichen Vorlieben besaß. Seiner Erfahrung nach waren Menschen denen gegenüber offener, mit denen sie etwas gemeinsam hatten.

In Brookes vor Überraschung groß werdende Augen zu schauen hatte etwas Hypnotisches. „Erstaunlich“, sagte sie leise. „Hatten Sie schon immer ein solches Gespür für Ihre Mitmenschen?“

„Ich fürchte, mit Gespür hat es wenig zu tun“, widersprach er. „Ich sehe einfach nur genau hin.“ Er durfte sich nicht zu weit von der Wahrheit entfernen, sonst konnte es schwierig werden, zu ihr zurückzufinden. „Mancher mag Sie für älter halten, aber Sie sind so lebensfroh und …“

Derek beugte sich vor. „Und Ihrer Erfahrung nach sind ältere Menschen weniger lebensfroh?“

Plötzlich wurde Mark bewusst, dass der Mann, den er ausspionieren sollte, ihn in gewisser Hinsicht an seinen Vater erinnerte. Beide sprachen sie mit großem Ernst und schufen dadurch eine kleine Insel der Ruhe inmitten einer hektischen Welt.

Er schüttelte das irritierende Gefühl ab. „Ältere Menschen haben meistens schon gelernt, dass das Leben schwerer ist, als sie in jungen Jahren geglaubt haben.“

„Also sind Sie nicht nur Historiker, sondern auch Philosoph“, sagte der Buchhändler und nippte am Weinglas, ohne seinen Gast aus den Augen zu lassen.

„Keineswegs. Wie gesagt, ich sehe nur genau hin.“ Mark betrachtete seinen Teller. Er war nicht hier, um im Mittelpunkt zu stehen.

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