Logo weiterlesen.de
Blind Date mit einem Vampir

Katie MacAlister

BLIND DATE
MIT EINEM
VAMPIR

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Antje Görnig und Bettina Oder

1

„Wenn ich Gin trinke, habe ich immer die genialsten Ideen.“

„Nein, Joy, du glaubst nur, dass du geniale Ideen hast, wenn du Gin trinkst. Gin macht dich betrunken. Schokolade ist gut fürs Gehirn!“

Ich betrachtete in der Verandatür das Spiegelbild der dunkelhaarigen Frau, die in dem Kreis aus brennenden Kerzen neben mir saß, und schüttelte ernst den Kopf, um über besagte Trunkenheit hinwegzutäuschen. Mein Spiegelbild sah jedoch so aus, als wollte es mich warnen. Ich beschloss, die Mahnung ernst zu nehmen, und stellte mein Glas ab. „Schokolade ist für vieles gut, vor allem für breite Hüften, aber Gin macht mich wirklich zu einem Genie.“

Unsere Gastgeberin, die durch den Raum wandelte und noch mehr Duftkerzen anzündete, blieb nun stehen und zog eine Augenbraue hoch, als unsere gemeinsame Freundin vor Lachen in ihren Wodka-Martini prustete.

„Keine weiteren alkoholischen Trankopfer, Roxanne!“, sag te Miranda, bevor sie die letzte Kerze anzündete und sich uns gegenüber auf einen Teppich mit grau-grünem Blättermuster sinken ließ. „Wenn du besoffen bist, lässt die Göttin dir ih ren Segen nicht zuteilwerden! Was hast du denn für geniale Ideen, Joy?“

Ich fingerte den Zitronenschnitz aus meinem Glas, biss in das gingetränkte Fruchtfleisch und beklagte im Geiste meine amazonenhafte Statur, während Miranda mit der Anmut einer Gazelle, die von Geburt an Ballettunterricht nahm, ihre langen schlanken Beine in den Lotossitz faltete. Es waren meine verdammten Wikingergene, denen ich es zu verdanken hatte, dass ich die meisten Frauen und auch viele Männer über ragte. „Also, was Roxys Plan angeht, uns zwei leckere Jungs zu suchen … Nach reiflicher Überlegung und vielen, vielen brillanten gininspirierten Gedanken habe ich beschlossen, dir zu gestatten, deiner Göttin meinen Fall vorzutragen. Wenn sie geneigt ist, mir den Weg zu einem Mann zu zeigen, der sich als der Inbegriff alles wahrhaft Männlichen und Guten erweist, dann werde ich mich an ihren Rat halten. Das ist, kurz gesagt, meine geniale Idee.“

Roxanne prustete erneut in ihr Glas. „Mit anderen Worten: Du hast wieder mal mit Bradley Schluss gemacht!“

Nun ja, mein Langzeit-und-immer-wieder-Exfreund hatte viele Qualitäten: Er war treu, geduldig und optimistisch und hatte ein sonniges Gemüt. „Das Problem an Bradley ist, dass er einfach nicht der Richtige ist der Mann, der mein Herz zum Rasen bringt, sobald er in meiner Nähe ist; der Mann, der mich an so wunderbare Dinge wie Liebe auf den ersten Blick glauben lässt. Er ist eben … Bradley.“

„Genau meine Meinung, Joy! Du bist so festgefahren, dass du dich nicht dazu überwinden kannst, nach einem Mann zu suchen, der deiner würdig ist – jemand, der ganz anders ist als dieser alte Muffelkopf Bradley Barlow, der ja nicht mal weiß, was Erregung überhaupt bedeutet!“

Roxys abschätziger Unterton ging mir gehörig gegen den Strich. Ich kannte sie seit unserer Kindergartenzeit, aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie ungestraft mit jedem abfälligen Kommentar davonkam. „Du musst gerade den Mund aufmachen, Fräulein ‚Immer noch Jungfrau mit vierundzwanzig! Was du über Beziehungen weißt, könnte man problemlos auf den Kopf eines Vibrators schreiben.“

Roxy verschluckte sich und der Martini sprudelte ihr aus der Nase.

„Dich kann man auch nirgendwohin mitnehmen“, schimpf te ich und wischte den vergeudeten Drink auf. Roxy hatte ihre komplette Jeans bekleckert und den hübschen Holzboden, auf dem wir saßen.

„Verflixt noch mal!“, keuchte sie, hustete und putzte sich die Nase. Dann nahm sie den Lappen, den Miranda ihr schweigend hinhielt, und tupfte sich das T-Shirt ab, bevor sie mich mit rot geränderten Augen anfunkelte. „Mach so etwas nie wieder!“

„Sorry, das liegt am Gin. Ich habe ja gesagt, der verleiht mir Genialität.“

„Das nennst du also genial?“

Ich streckte ihr die Zunge heraus.

Roxys Blick verfinsterte sich. „Um auf das zurückzukommen, was ich sagte, bevor du so rüde auf Hilfsmittel zur sexuellen Stimulation zu sprechen kamst die ich im Gegensatz zu anderen Leuten, die ich hier erwähnen könnte, weder besitze noch brauche, noch jemals zu benutzen gedenke Jedenfalls möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich einfach für jemanden aufsparen will, der mir wichtig ist!“ Sie hielt inne, um sich erneut zu schnäuzen. „Ich hoffe, du erkennst den Unterschied zwischen mir mit meinem verantwortungsvollen, wenn auch sehr optimistischen Realismus in Bezug auf den Mann, der einmal mein zukünftiger Ehemann werden soll und dir, die du dich für einen Typen entschieden hast, der nur zu gebrauchen ist für einen guten Fi…“

„Meine Damen!“, rief Miranda aufgebracht. „Ich weigere mich, euch zu helfen, wenn ihr ständig streitet. Ehrlich gesagt ist mir nicht klar, wie ihr euch beste Freundinnen nennen könnt, aber dessen ungeachtet dulde ich keine Zankereien in meinem Haus. Die Göttin ist sehr ungnädig, was Eifersüchteleien und Feindseligkeiten angeht, Roxanne. Und da du um die Hilfe der Göttin gebeten hast, solltest du auch reumütig mit reinem Herzen und reiner Seele vor sie treten.“

Ich grinste Roxy selbstgefällig an. Sie ignorierte mich jedoch und bemühte sich, den störrischen Ausdruck aus ihrem Gesicht zu vertreiben. „Tut mir leid“, murmelte sie, faltete die Hände und senkte den Blick mit einer Miene, aus der Demut und Reue sprachen.

„Für dich gilt das Gleiche!“ Miranda sah mich missbilli gend an. Ich riss unschuldig die Augen auf, um jegliches Fehlverhalten von mir zu weisen, aber es war schwer, die Wahrheit zu verschleiern, wenn einen Miranda mit ihren unheimlichen hellgrauen Augen anstarrte.

„Ich bin nicht gekommen, weil ich verzweifelt darauf hof fe, dass du einen Mann für mich findest“, bemerkte ich so würdevoll wie möglich. „Roxy hat mich angefleht mitzukommen.“

„Habe ich gar nicht!“, fuhr Roxy auf und von Demut war keine Spur mehr. „Nachdem du aus eigener Kraft nicht von Bradley loszukommen scheinst, habe ich nur gesagt, dass es nicht schaden kann, die Göttin nach etwas Besserem für dich suchen zu lassen. Herr im Himmel, du müsstest wirk lich dankbar sein für diese Chance, deinen wahren Seelenver wandten zu finden, denn die meisten Leute haben nicht so ein Glück!“

Ich öffnete den Mund, um ihr zu widersprechen, doch in diesem Moment wurde ich auf einen ziemlich dicken schwarzen Kater mit weißen Schnurrhaaren und einer weißen Pfote aufmerksam, der sich träge von einem gepolsterten Rattansessel erhob. Ich streckte meine nach Zitrone riechende Hand nach ihm aus, aber der Kater wandte sich nur höhnisch und voller königlicher Verachtung ab und stolzierte zu Miranda hinüber.

„Wenn du meinst …“ Ich tat den Kommentar meiner Freundin mit einem Schulterzucken ab und sagte mir, dass der Abend schneller verstreichen würde, wenn ich meine Skepsis für mich behielt. Ich glaubte eigentlich nicht an den ganzen Hokuspokus, den Miranda mit ihren Zaubersprüchen und Beschwörungen der Göttin veranstaltete, aber andererseits waren in ihrer Gegenwart schon ein paar Dinge passiert, die sich nicht so leicht erklären ließen.

Roxy glaubte jedoch felsenfest daran, und obwohl sie es jetzt abstritt, hatte sie mich sehr wohl darum gebeten, sie zu begleiten. Ich fand, es war das Mindeste, was ich für jeman den tun konnte, der mit mir durch dick und dünn gegangen war. „Miranda, meinst du nicht, es wird höchste Zeit, Davide mal auf Diät zu setzen? Er ist fast so dick wie der Rottweiler meiner Nachbarn!“

„Wir können anfangen.“ Miranda brachte mich mit einem wütenden Blick zum Schweigen und sah auch Roxy warnend an. Dann schloss sie die Augen, begann, tief ein- und auszu atmen, und summte dabei leise vor sich hin. Eine leichte Brise wehte zum Fenster herein und verteilte den vertrauten Kräuterduft von Mirandas Beschwörungskerzen im Raum. Schuldbewusst rief ich mir in Erinnerung, dass ich meinen Geist öffnen und zugänglich machen sollte, atmete tief durch und summte ein Weilchen vor mich hin, bis ich es leid war, die Gedanken zu vertreiben, die mir unaufhörlich durch den Kopf gingen, obwohl er eigentlich leer sein sollte wie eine Leinwand, bereit für die schwungvollen Pinselstriche des Schicksals oder wie auch immer Roxy Mirandas Anweisungen interpretiert hatte. Ich erinnerte mich nicht mehr so gut daran, denn dieser Teil des Gesprächs hatte vor dem Gin-Tonic-Part stattgefunden. Statt also meinen Kopf zu leeren, beobachtete ich Davide, der begonnen hatte, sich ausgiebig zu putzen.

„Wirklich witzig, dass du eine schwarze Katze hast.“

Roxy, die Miranda nachgeeifert hatte, öffnete ein Auge und schaute in Davides Richtung. „Was ist witzig daran, dass sie eine schwarze Katze hat?“

Miranda murmelte unverständliche Worte vor sich hin und schwankte leicht, während ihre Stimme lauter und wieder leiser wurde. „Weil sie eine Hexe ist, Blödi!“, sagte ich laut, um die Beschwörung der Göttin zu übertönen. „Ich glaube gar nicht mal, dass die meisten Hexen eine schwarze Katze haben wollen, aber man muss schon zugeben, dass Davide perfekt ins Bild passt.“

Mirandas Gemurmel wurde lauter, aber sie hielt die Augen weiter fest geschlossen.

Roxy streifte sie mit einem besorgten Blick, beugte sich vor und raunte mir zu: „Ich glaube, das Wort ‚Hexe‘ hört sie nicht so gern, Joy. Heute sagt man Wicca-Priesterin.“

„Warum?“, erwiderte ich im Flüsterton. „Was ist denn an ‚Hexe‘ nicht in Ordnung?“

Roxy setzte sich wieder gerade hin und schloss die Augen. „Es ist nicht politisch korrekt“, zischte sie. „Abgesehen davon haben Wicca-Priesterinnen einen besseren Draht zur Natur. Spürst du nicht die Kraft, die in ihrer Beschwörung steckt?“

Ich betrachtete den Kreis des Wissens, den Miranda um uns beide ausgelegt hatte, und spürte, wie es mir kalt den Rücken hinunterlief. Ich war zwar skeptisch, was solche Dinge anging, aber ich war nicht blöd. Es lag etwas in der Luft, eine elektrische Ladung, die bewirkte, dass sich die Härchen auf meinen Armen aufrichteten. Miranda setzte ihre Magie nicht für jeden ein, sagte ich mir und bemühte mich, dankbar auszusehen.

„Das ist schon ein bisschen nervenaufreibend“, raunte ich Roxy ein paar Minuten später ganz leise zu, um Mirandas Zwiesprache mit der Göttin nicht zu stören. Ich fischte ein Stück Eis aus meinem Drink und steckte es mir in den Mund. „Nicht dass ich glaube, dass es bei mir wirklich funktioniert, aber es macht mich trotzdem ein bisschen nervös, hier zu sitzen und darauf zu warten, dass mir ein Geist von höchster Stelle den Lebenslauf meines Traummannes durchgibt.“

„Es wird Zeit, dass du in Bezug auf dein Liebesleben ein bisschen mehr Eigeninitiative an den Tag legst“, entgegnete Roxy hinter vorgehaltener Hand. „Mag schon sein, dass ich noch Jungfrau bin, aber immerhin versuche ich wenigstens, den Richtigen zu finden. Du hast nie irgendwelche Dates. Wie willst du denn dein Glück mit dem Mann finden, den die Natur nur für dich allein erschaffen hat, wenn du nicht mal nach ihm suchst?“

„Na ja“, sagte ich und zerbiss den Eiswürfel, „ich habe Bradley.“

„Das ist kein Glück, Joyful.“ Roxy entschärfte ihren Kommentar lächelnd, indem sie mich mit meinem Spitznamen aus Kindertagen anredete. „Das ist die Hölle!“

„Da mag etwas dran sein“, räumte ich ein und verzog das Gesicht, als ich sah, wie Davide sich seiner Rektalregion zu wandte. Ich hoffte inständig, dass dies keine indirekte Aussage über die Erfolgsaussichten von Mirandas seherischen Bemühungen war. „Obwohl es ja nun wirklich nicht so ist, als hätte ich es nicht versucht. Gott weiß, dass ich es versucht habe, aber du kennst doch die Single-Szene da draußen: Es dreht sich alles nur noch um Bluttests, Background-Überprüfungen, Referenzen und Screenings nach dem Motto ‚Pinkel in diesen Becher, bevor wir uns verabreden‘. Alles total nüchtern und ohne jede Romantik.“

„Das stimmt.“ Roxy nickte.

„Was ist eigentlich mit der guten alten Liebe auf den ers ten Blick passiert? Mehr verlange ich doch gar nicht: ein bisschen Romantik und Kerzenlicht, einander bedeutungsvoll in die Augen schauen und sofort wissen, dass er der Richtige ist.“

„Heute laufen da draußen einfach zu viele Mistkerle rum“, entgegnete Roxy. „Die Liebe auf den ersten Blick wurde durch eine umfassende Bonitätsprüfung ersetzt.“

Mirandas Gemurmel nahm einen deutlich schärferen Ton an. Ich lauschte ihr eine Weile, wurde aber nicht schlau aus dem, was sie von sich gab.

„Pssst!“ Ich zwickte Roxy in die Seite. „Du verdirbst es dir mit der Göttin, wenn du so viel redest, statt dich zu konzentrieren.“

„Du bist diejenige, die sich konzentrieren sollte!“ Roxy zwickte mich ebenfalls. „Ich weiß ja schon, welche Eigenschaften mein Traummann haben muss. Ich wette, du hast noch nie darüber nachgedacht, was du dir überhaupt von ei nem Mann wünschst.“

„Ihr solltet euch alle beide konzentrieren“, warf Miranda ein und murmelte weiter.

Roxy und ich sahen uns schuldbewusst an.

„Es ist wirklich lieb von dir, dass du deinen Abend opferst und das für uns tust. Immerhin musstest du wegen der ritu ellen Reinigung deinen Laden früher schließen und so“, sagte Roxy lächelnd.

Ich nickte.

„Du bist eine wahre Freundin, Miranda“, fuhr Roxy fort. „Ich hoffe, du weißt, dass ich dich nicht gebeten hätte, die ganze Mühe auf dich zu nehmen, wenn es kein Notfall wäre! Aber nach diesem Date gestern Abend mit Mister Krakenarme … Tja, eine Frau muss eben etwas unternehmen, wenn selbst nach 250 Dates weit und breit kein geeigneter Lover in Sicht ist. Und natürlich kann Joy ebenfalls jede erdenk liche Hilfe gebrauchen!“

„Hey!“ Ich bedachte Roxy mit einem wütenden Blick, aber sie grinste mich nur an.

„Ich mache mir schon eine ganze Weile Sorgen um sie. Sie hat einen Job ohne Aufstiegschancen, einen Exfreund, der selbst einen Eiswürfel zu Tode langweilen würde, und keine anderen Hobbys als Lesen. Wenn wir die Sache jetzt nicht anpacken, verbringt sie den Rest ihres Lebens als keuscher Single in einem kleinen rosa Haus mit siebenunddreißig Katzen, die alle Kevin heißen, und hat zum Reden nur ihre erfolgreichen, glücklichen, katzenlosen Freundinnen.“

„Du leidest unter Wahnvorstellungen“, sagte ich herablassend. „Und fürs Protokoll: Du hast genauso wenig Aufstiegschancen wie ich!“

„Wenn du also in nächster Zukunft keinen geeigneten Mann für Joy auftauchen siehst“, fuhr Roxy fort, ohne auf meine Bemerkung einzugehen, „wäre es besser, wenn du lügen würdest. Sag einfach, du hast einen gesehen. Sie ist verzweifelt, wenn du verstehst, was ich meine.“

Und einsam. Ich war bereit, das zuzugeben. Sehr einsam. Ich wirbelte das Eis in meinem Glas herum und dachte über meine Einsamkeit nach. „Ich bin nicht verzweifelt, Rox. Ich bin nur … zu haben.“

„Nun, wir können ja immer noch in Deutschland suchen, falls wir keine netten amerikanischen Männer finden.“

Miranda öffnete die Augen und sah Roxy fragend an.

„Deutschland!“, rief ich ihr in Erinnerung. „Roxy und ich gehören zu der Truppe, die zur Frankfurter Buchmesse fährt. Ich muss zugeben, so einen leckeren blonden Deutschen würde ich nicht von der Bettkante stoßen. Glaubt ihr, da gibt’s auch welche in Lederhosen?“

Miranda öffnete den Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich jedoch anders und schüttelte den Kopf. Sie fuhr mit ihrem leisen Gemurmel fort, bei dem es sich laut dem Spickzettel, den Roxy mir vorher gegeben hatte, um ein Gebet handelte, in dem sie die Göttin um Kraft und Erleuchtung bat.

Ich beschäftigte mich eine Weile damit, kleine Eisstückchen in Davides Richtung zu schnippen, bis Miranda die Augen öffnete und mich mit einem Blick zur Ordnung rief, der einem Tiger die Streifen aus dem Fell gebeizt hätte. „Jetzt müsst ihr euch beide konzentrieren und euch euren Idealmann vorstellen. Öffnet euch dem Bild, das tief in euren Herzen und Seelen verankert ist. Konzentriert euch auf dieses Bild, ruft es euch ins Bewusstsein und sammelt euch so lange, bis eure Gedanken nur noch um dieses Bild kreisen.“

„Oh, prima, Zeit zum Träumen!“ Ich rieb mir die Hände und baute mir meinen Traummann aus den besten Teilen von Colin Firth, Alan Rickman und Oded Fehr zusammen, die vereint ein höchst ansehnliches Gesamtpaket ergaben, bei dem einem das Wasser im Mund zusammenlief.

„Ich bin zuerst dran!“, rief Roxy schnell und ich sah sie giftig an. Als Miranda seufzend nickte, richtete Roxy sich im Sitzen auf und machte sich so groß, wie sie es mit ihren knapp eins fünfundfünfzig eben konnte. Sie schloss die Augen und begann, die einzelnen Punkte an ihren Fingern abzuzählen. „Okay, hier ist meine Bestellung: Er sollte nicht zu groß sein, das ist Punkt Nummer eins und ganz wichtig. Gott weiß, wie viele Dates mit großen Männern ich schon hatte. Wisst ihr, wie irritierend es ist, wenn man einem Mann immer direkt auf die Brustwarzen glotzt? Ich hätte gern jemanden von mittlerer Größe, bitte. Und um es dir ein bisschen leichter zu machen, bin ich nicht wählerisch, was die Farbe der Haare und Augen angeht. Und der Mann muss nicht mal besonders gut aussehen, solange er richtig schöne Hände hat, kochen kann und ganz, ganz viele Kinder haben will.“

Miranda stand lächelnd auf und begann, rings um den Kerzenkreis Rosenblätter zu verstreuen, während sie ihren Sprechgesang fortsetzte. Dabei blieb sie viermal stehen und machte Schutzgesten in alle Himmelsrichtungen.

„Und er muss Humor haben. Darauf kann ich keinesfalls verzichten. Kandidaten, die sich als humorlos erweisen, werde ich aussortieren müssen. Das Leben ist einfach zu kurz, um sich mit einem Kerl abzugeben, der nicht auch ab und zu mal ein bisschen Quatsch macht.“

„Verstehe. Und du, Joy?“

Ich sah meine Freundin durchdringend an. „Mensch, Rox, lass dem Rest von uns auch noch ein bisschen Arbeitsmaterial übrig, ja?“

Sie schenkte mir ein süffisantes Grinsen, doch Miranda zog derart resolut eine Augenbraue hoch, dass ich mich auf der Stelle konzentrierte und versuchte, mir den perfekten Mann vorzustellen.

„Hm, also, groß, dunkelhaarig und gut aussehend ist ja selbstverständlich. Roxy hatte in einem Punkt recht, Humor ist wichtig. Ich würde allerdings einen Mann vorziehen, der gerne lacht.“

Roxy verdrehte die Augen.

„Und … ähm … also … Ich hätte gern jemanden, der … ähm … Tiere mag.“

„Wie langweilig!“

„Und er sollte gern lesen.“

„Na toll, ’ne Leseratte …

Ich ignorierte Roxys Kommentar und konzentrierte mich wieder. Wenn ich mich schon auf diese Sache einließ, konnte ich es auch richtig machen. Ich dachte eine ganze Weile darüber nach, was mir an einem Mann wichtig war, was ich wirklich wollte und welche geheimen Wünsche in meinem tiefsten Inneren verborgen waren. Langsam tauchte aus dem Chaos in meinem Kopf ein Bild vor meinem geistigen Auge auf, das immer klarer wurde, während die kühle, nach Kräutern duftende Nachtluft über mich hinwegstrich. Das Bild wurde immer konkreter und mit ihm kamen die Worte, stockend und von einem merkwürdigen Gefühl begleitet, als spräche ich gar nicht selbst. „Seine düstere, faszinierende Ausstrahlung jagt mir wohlige Schauder über den Rücken. Er verzaubert mich, zieht mich in seinen Bann, schließt mich in die Aura von Geheimnis und Abenteuer ein, die ihn umgibt, und lässt mein Blut vor Verlangen kochen. Er braucht mich, er ist abhängig von mir und vertraut mir, wie er noch nie jemandem vertraut hat. Er bringt Licht in meine dunkelsten Stunden und seine Liebe erstrahlt hell wie ein Leitstern, der mir den Weg weist, wie verschlungen die Pfade auch sein mögen. Er schenkt mir Kraft und Zuversicht, und mein Leben beginnt im Grunde erst, wenn ich weiß, dass sein Herz mir gehört.“

„Ooooh!“, hauchte Roxy. „Das ist so romantisch! Das solltest du aufschreiben!“

Ich blinzelte, als das Bild in meinem Kopf verschwamm und sich in Luft auflöste. Mir war etwas schwindelig, als hät te ich mehrere Purzelbäume hintereinander geschlagen. Die ganze Sache war mir mehr als nur ein bisschen unheimlich, bis mir die Gin-Tonics wieder einfielen, die ich getrun ken hatte. Alkohol hatte zwar noch nie solche Visionen bei mir ausgelöst, aber schließlich gab es für alles ein erstes Mal.

„Das will ich auch alles auf meiner Liste haben!“

„Zu spät, das gehört jetzt mir!“, entgegnete ich mit einem leicht benommenen Grinsen. Roxy boxte mich auf den Arm.

„Ist das alles?“, fragte Miranda uns und setzte sich wieder, nachdem sie alle Rosenblätter verstreut hatte.

„Bei mir schon. Der alte Gierschlund hier will ja die guten Sachen auf seiner Liste nicht mit mir teilen“, sagte Roxy schmollend.

Ich ging im Geist meine Checkliste noch einmal durch. Jawoll, ich hatte an alles gedacht, an alles bis auf ein letztes kleines Detail …

„Eine Bitte hätte ich noch“, sagte ich.

Miranda wollte gerade die dicke Kerze anzünden, die vor ihr stand, und hielt inne.

„Einen großen Schwanz“, fuhr ich fort. „Das ist wichtig, findet ihr nicht? Ich meine, die Größe spielt sehr wohl eine Rolle, ganz egal, was immer geredet wird, nicht wahr? Und da wir über den Mann fürs Leben sprechen, meinen Seelen verwandten, wird er der Einzige sein, mit dem ich bis an mein Lebensende schlafe. Da sollte er wirklich gut ausgestattet sein. Ich hätte gern etwas richtig Imposantes.“

„Joy Martine Randall!“, fuhr Roxy auf.

Ich sah sie unschuldig an. „Was ist? Bist du sauer, weil dir das nicht zuerst eingefallen ist?“

Ihre haselnussbraunen Augen funkelten und sie sah mich warnend an. Ich gackerte los. Sie war tatsächlich sauer, dass ich ihr in diesem Punkt zuvorgekommen war!

Miranda setzte eine derartige Leidensmiene auf, dass ich mein Gegacker auf ein etwas schicklicheres Kichern reduzierte. „Okay, das musst du nicht auf die offizielle Wunsch liste setzen. Ich kann mit einem Mann leben, der über ein durchschnittliches Gemächt verfügt, solange die restlichen Punkte vorhanden sind. Wenn er die anderen Anforderungen erfüllt, bin ich zufrieden.“

Miranda seufzte und schüttelte den Kopf. „Ihr seid alle beide so oberflächlich! Wie soll ich euch helfen, den richtigen Mann zu finden, wenn ihr nur daran denkt, was er in der Hose hat und ob er über eure Witze lacht. Das hier ist eine ernste Angelegenheit. Mit der Macht der Göttin ist nicht zu spaßen. Ihr solltet euch mit Leib und Seele der Suche nach diesem Mann widmen und nicht die Albernheiten aus diesen schrecklichen Liebesromanen nachplappern, die ihr beide ständig lest!“

Roxy und ich bildeten augenblicklich eine geschlossene Front gegen die Verurteilung unserer geliebten Liebes ro ma ne.

„Die sind überhaupt nicht albern oder schrecklich! Liebes romane sind durch und durch positiv und das reinste Lesevergnügen!“, protestierte meine Busenfreundin.

„Ja, genau!“, pflichtete ich ihr bei und schnippte erneut ein Eisstückchen in Davides Richtung. Er riss das Maul auf und bedachte mich mit einem leisen, jedoch so bedrohlichen Fauchen, dass sich meine Nackenhaare sträubten. Ich war zwar skeptisch, nahm mir aber vor, mich nicht mit Mächten anzulegen, von denen ich nicht wusste, ob sie existierten.

„Und was ist mit den Vampirbüchern, nach denen ihr beide regelrecht süchtig seid?“, hakte Miranda nach.

Irgendwie wurde die Luft im Raum immer dicker. Ich fragte mich, ob ein Gewitter im Anzug war. „Was soll damit sein?“, fragte ich zurück.

„Sie sind gefährlich.“

„Gefährlich? Wie können Bücher denn gefährlich sein? Das sind doch nur Geschichten, deren Helden zufällig Vampire sind, Miranda. Die Bücher rufen doch nicht zum Trinken von Blut auf oder so!“

„Manche Leute“, entgegnete Miranda, ohne ihren Blick von Roxy abzuwenden, „sehen in ihnen eine Art Leitfaden für ihr Leben.“

Ich schaute von Miranda zu Roxy. Letztere saß schweigend da und spielte an den Lederriemen ihrer Sandalen herum, ohne uns in die Augen zu sehen.

„Manche Leute glauben, dass jedes einzelne Wort darin wahr ist.“

Ich schüttelte den Kopf. „Niemand glaubt doch wirklich an die Vampire aus den Book-of-Secrets-Romanen“, entgegnete ich. „Das sind einfach geheimnisvolle, düstere Typen, die viele Frauen antörnend finden – ich eingeschlossen, wie ich ohne große Verlegenheit zugebe. Nur weil wir diese Geschichten mögen, heißt das noch lange nicht, dass wir an die Existenz von Vampiren glauben.“

„Ich glaube daran“, ertönte eine leise Stimme.

Ich starrte die Frau an, mit der ich seit neunzehn Jahren befreundet war.

„Ich glaube daran“, wiederholte sie lauter, mit mehr Selbst bewusstsein und einem trotzigen Gesichtsausdruck, den ich sehr gut kannte. „Ich glaube, dass es sie wirklich gibt. C. J. Dante, der Autor dieser Romane, hat gründlich in den Böhmisch-Mährischen Höhen recherchiert, wo die Dunklen leben. Er wohnt jetzt sogar im Drahaner Bergland, um ihnen näher zu sein und sie zu erforschen und zu verstehen. Ich glaube, dass es sie gibt.“

Roxy fühlte sich anscheinend durch unsere ungläubigen Blicke in die Defensive gedrängt, denn sie reckte ihr Kinn noch ein wenig mehr in die Höhe. „Also, das glaube ich wirklich!“

„Roxy …“ Ich schüttelte den Kopf. „Süße, es ist natürlich sehr verlockend, daran zu glauben, dass es so etwas wirklich gibt, aber ich bitte dich! Vampire? Männer, die Blut trinken, im Sonnenlicht verbrennen und mit inneren Qualen und Neurosen durch die Gegend laufen, weil sie nicht die Frau gefunden haben, die ihre Seele retten kann? Ich gebe ja zu, dass manche Typen, mit denen du aus warst, ein paar von diesen Kriterien erfüllen, aber wir werden ein sehr, sehr langes Gespräch führen müssen, wenn du anfängst, an Geister und Ghule und nächtlichen Spuk zu glauben!“

Ich hatte vergessen, in wessen Haus ich zu Gast war.

„Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als eure Schulweisheit sich träumen lässt“, sagte Miranda gelassen.

„Ja, aber ich glaube nicht, dass Shakespeare an mährische Vampire dachte, als er das geschrieben hat“, erwiderte ich.

Sie sah mich nur schweigend mit ihren hellgrauen Augen an, die mich in diesem Moment sehr an den Vollmond erinnerten, wenn er am hellsten schien. Die Tatsache, dass Miranda an Dinge glaubte, deren Existenz ich bezweifelte, erinnerte mich unangenehm daran, was ich hier gerade mitten in einem Kreis aus Kerzen tat. „Hört mal, wollen wir nicht lieber weitermachen?“, fragte ich. „Bevor wir nach Deutschland fliegen, muss ich für Dr. Miller das komplette Biologiesor ti ment neu katalogisieren, und ich würde gern eine Mütze voll Schlaf bekommen, bevor ich mich morgen früh mit einem Stapel Bücher über Pilze, Sporen und Mehltau befasse.“

„Nein“, sagte Roxy störrisch. „Ich würde gern hören, wa rum Miranda an die guten Mächte glaubt, mit denen sie arbei tet, aber nicht eingestehen will, dass es solche Mächte auch auf der dunklen Seite geben könnte.“

Miranda schüttelte den Kopf und ihre roten Locken, die im Kerzenlicht golden glänzten, flogen hin und her. „Ich habe nie gesagt, dass ich nicht an dunkle Mächte glaube, Roxanne. Ich glaube daran, wirklich und wahrhaftig. Ich habe Dinge gesehen, die ich hoffentlich niemals wieder sehen muss, aber diese Art Gefahr meine ich gar nicht. Es ist vielmehr die Überzeugungskraft, die Intention des Autors, der Ideen in seine Fiktion einbaut, die gefährlich für eure Seelen sind.“

„Dantes Bücher sind zwar fiktional, da hast du recht“, entgegnete Roxy, „aber seine Fans wissen, dass die Geschichten auf Tatsachen basieren, die bei seinen Recherchen ans Licht gekommen sind. Ihr solltet euch mal die Webseiten ansehen, die sich mit den Stammbäumen von Dantes Helden befassen …

„Das sind Romane für die breite Masse, die den Kult um blutsaugende Killer glorifizieren!“

„Oh!“, machte Roxy und sprang auf. Ich wollte sie noch am Hosenbein festhalten, aber sie wich mir aus und war drauf und dran, den Kreis zu verlassen. „Blutsaugende Killer? Weißt du denn nicht, dass jeder einzelne Vampir wegen seiner schrecklichen Existenz Höllenqualen leidet? Und keiner von ihnen bringt Leute um. Sie nehmen sich nur hier und da ein bisschen Blut. Ich verstehe nicht, was daran so schlimm sein soll!“

„Roxanne, wenn du dich nicht wieder hinsetzt, durchbrichst du den Kreis der Wahrheit und meine Bemühungen waren vergeblich.“

Roxanne ließ sich beleidigt auf den Boden sinken. „Nimm das zurück, Miranda!“

„Dieser Dante unterzieht euch einer Gehirnwäsche! Er bringt Unschuldige wie euch dazu zu glauben, man könne mit den dunklen Aspekten der Menschenseele herumspielen …

„Luke, hüte dich vor der dunklen Seite!“, gab ich meine schönste Obi-Wan-Kenobi-Imitation zum Besten.

Beide Frauen schauten mich empört an. Ich lächelte entschuldigend und hob die Hände. „Tut mir leid, ich dachte, das wäre witzig. Weißt du, Miranda, ich will ja nicht pingelig sein, aber manches von dem, was du glaubst, könnte man schon für ein bisschen … daneben halten.“

„Um das, was ich glaube, geht es doch gar nicht! Ich mache mir Gedanken um diese albernen Geschichten, die ihr und andere Menschen für real halten.“

„Ich glaube nicht, dass sie real sind“, sagte ich, während Roxy gleichzeitig murmelte: „Sie sind viel realer als manche anderen Dinge, die ich jetzt aufzählen könnte.“

„Nur Dummköpfe lassen sich mit der dunklen Seite ein“, warnte Miranda.

„Vampire sind doch gar nicht böse, sie wirken nur auf den ersten Blick so!“, erwiderte Roxy.

Die beiden starrten sich wütend an, bis ich beschloss, die erhitzten Gemüter zu besänftigen.

„Würdet ihr vielleicht mit diesem Hickhack aufhören? Ihr lehrt einen ja das Gruseln mit eurem Gerede über die dunklen Aspekte der menschlichen Seele …

Miranda schüttelte den Kopf. „Über die dunklen Seiten, die jeder von uns hat, sollte man sich nicht lustig machen, Joy.“

„Also gut. Tut mir leid. Einigen wir uns doch darauf, dass wir uns in diesem Punkt nicht einigen können“, schlug ich vor. „Roxy glaubt weiter daran, dass es in Mähren Vampire gibt, die nach Frauen suchen, die ihre Seele retten, und du bleibst bei deiner Meinung, dass der berühmte Autor C. J. Dante ein Irrer ist, der die Weltherrschaft anstrebt und dazu Millionen von frustrierten Hausfrauen einer Gehirnwäsche unterzieht. Okay? Sind wir jetzt alle zufrieden?“

„Ich bin erst zufrieden, wenn sie zurücknimmt, was sie über Vampire gesagt hat!“

Miranda seufzte und machte weit ausholende Handbewe gungen, um die Grenzen des Kreises zu verstärken. „Na schön, ich nehme es zurück. Das sind harmlose kleine Bücher, die euch und Millionen anderer Vergnügen bereiten, und solange euch klar ist, dass es sich um Fiktion handelt, um absolute Fiktion, und nicht um Handbücher zur Erforschung dunkler Mächte, erhebe ich keine weiteren Einwände.“

Mehr war von Miranda als Entschuldigung nicht zu erwarten, schätzte ich, und Roxy kam offenbar zu dem gleichen Schluss, denn sie nickte.

„Ich möchte euch beiden aber die Warnung mitgeben“, fügte Miranda hinzu und drohte uns mit dem Zeigefinger, „dass diejenigen, die mit dem Feuer spielen, damit rechnen sollten, von den Flammen verschlungen zu werden.“

„Verschlungen vom Feuer der Leidenschaft.“ Ich grinste Miranda an und fingerte die letzten Eisstückchen aus meinem Glas. „Das klingt ja wie aus einem Buch von Dante! Es gibt Schlimmeres, würde ich sagen.“

Davide bedachte mich erneut mit einem kaum hörbaren Fauchen.

2

„Glaubst du, sie ist sauer auf uns?“

Roxy verdrehte die Augen und schaltete in den dritten Gang. Ihr alter MG bretterte in die Lücke zwischen zwei Sattelschleppern, die für meinen Geschmack viel zu klein war. Als ich aufhörte zu schreien und die Hände wieder von meinen Augen nahm, sah ich sie wütend an.

„Nein, ich glaube nicht, dass Miranda sauer auf uns ist“, antwortete sie.

„Oh, gut.“ Wenn es eine Regel gab, die in meinem Leben galt, dann die, dass man niemals den Zorn einer Hexe auf sich ziehen sollte.

„Ich glaube, sie ist sauer auf dich!“

„Ist sie nicht!“, entgegnete ich empört und versuchte, meine Beine in eine bequemere Position zu bringen. In ihrem winzigen Auto hatte ich die Knie praktisch direkt unter dem Kinn. Meiner Erfahrung nach gehörten Leute, die eins achtzig groß und stämmig gebaut waren, eigentlich nicht in kleine Sportwagen. „Du hast doch die ganze Zeit davon geschwafelt, dass du an Vampire glaubst!“

„Nun, das tue ich eben. Aber du auch!“

„Stimmt ja gar nicht!“

„Ha! Erst letzte Woche, als du Book of Secrets XII fertig gelesen hattest, hast du gesagt, dass Xavier der schärfste Vampir in ganz Mähren ist und dass er sich niemals der Entscheidung hätte stellen müssen, wenn du dabei gewesen wärst, weil du ihn gerettet hättest, bevor er in diese verzweifelte Lage geriet. Na los, sag schon, dass du das nicht behauptet hast! Sag mir, dass du nicht Anspruch auf ihn erhoben hast, bevor ich es tun konnte!“

„Pah! Ich glaube nicht an diesen ganzen Hokuspokus und das weißt du.“

„Wenn du nicht daran glaubst, warum machst du dann Runendeutungen für andere Leute durch, hmmmm?“

Ich lächelte müde. „Weil die Steine so hübsch sind. Du weißt ganz genau, dass das nur ein Partygag ist, nicht mehr.“

„Ha! Ein Partygag! Das erklärt aber nicht …

Vorsicht! Verdammt, Roxy, pass doch auf, wo du hinfährst!“

Sie hupte und winkte dem Fahrer des Lasters zu, an dem wir nach ihrem Ausweichmanöver vorbeibrausten, bevor es auf dem Highway in die nächsten Kurven ging, die für die Straßen im ländlichen Oregon so charakteristisch waren. Ich las Roxy wegen ihrer leichtsinnigen Fahrweise, mit der sie uns fast umgebracht hätte, tüchtig die Leviten, worauf sie mit einem beleidigten Schweigen reagierte. Ich nutzte die Stille, um über den Abend bei Miranda nachzudenken. Roxy tat offenbar das Gleiche.

„Joy?“

„Was?“

Sie druckste noch eine Weile herum, bevor sie schließlich sagte: „Weißt du, du musst nicht mit mir in die Tschechos lowakei fahren.“

„Heute heißt das Tschechische Republik.“

„Oh.“ Eine Eule geriet einen kurzen Moment in den Bann des Fernlichts und ich sah aus dem Augenwinkel geisterhaft einen weißen Flügel aufblitzen, bevor sie in der Dunkelheit verschwand. „Ganz egal, wie das heute heißt, ich weiß dein Angebot, mich zu begleiten, wirklich zu schätzen, aber angesichts dessen, was Miranda sagte …

Ich schluckte und kaute auf meiner Unterlippe herum, während ich mir einmal mehr in Erinnerung rief, dass ich nicht an die Dinge glaubte, von denen Miranda behauptete, sie tun, sehen oder beschwören zu können. Meistens handelte es sich um Zufälle, um Ereignisse, die ohnehin eingetroffen wären, ob sie nun vorher ein höheres Wesen zu Rate zog oder nicht. Ich war ein vernünftiger, kluger Mensch. Ich glaubte nicht an Bigfoot, Geister und Vampire, und auch nicht an die Macht weißer Hexen.

„Also … du sollst nur wissen, dass ich dich nicht auf dein Angebot festnageln werde. Mich nach der Buchmesse vor Schwierigkeiten zu bewahren, meine ich. Du kannst in deinen zwei Urlaubswochen Europa unsicher machen und Paris besuchen, wie du ursprünglich geplant hattest. Ich komme auch ohne dich klar und kann alleine in die Tschechische Republik reisen.“ Roxy grinste müde.

Krampfhaft verzog ich meine Lippen und hoffte, dass meine Grimasse in etwa wie ein Lächeln aussah. Dann starrte ich wieder aus dem Fenster und versuchte, mir die Gänsehaut von den Armen zu reiben.

Bei unserer nächsten Sitzung mit Miranda lief es für Roxy ziemlich gut, was mich nicht überraschte, denn Roxy war einfach liebenswert. Sie war klein und zierlich, hatte lockiges schwarzes Haar und blaue Augen, mit denen sie aussah wie eine Elfe oder ein Kobold. Männer fühlten sich in ihrer Gegenwart total maskulin. Sie weckte ihren Beschützerinstinkt, sodass die Männer fälschlicherweise annahmen, sie sei ein zartes, empfindliches Wesen – dabei hatte sie in Wahrheit die Konstitution und Willenskraft eines Ochsen.

Sie werde alles bekommen, was ihr Herz begehrte, ließ ihr die Göttin durch Miranda mitteilen. Sie werde ihren Traummann kennenlernen, bevor der Mond erneut auf- und wieder unterging. Sie werde jemandem ihr Herz schenken und im Gegenzug seines bekommen. Sie werde den Weg gehen, den das Schicksal für sie bestimmt hatte. Ich konnte praktisch hören, wie der Disney-Chor der Waldtiere ein Lied anstimmte, das der Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung in Mirandas Wohnzimmer entsprach – bis es um meine Zukunft ging.

Der Wind schien mein Verhängnis anzukündigen, denn er fegte plötzlich herein, löschte die Hälfte der Kerzen im Kreis und wehte die Rosenblätter in die Zimmerecken. Roxy sprang auf und schloss die Verandatür, während Miranda rasch die Kerzen wieder anzündete. Als sie sich setzte, forderte sie mich auf, mit der Rezitation meines Teils der Beschwörung zu beginnen. Ich kam mir ein bisschen idiotisch vor, aber ich wusste, dass Roxy mich nicht in Ruhe lassen würde, wenn ich der Göttin nicht wenigstens eine Chance gab.

„Mächte der Erde, bringt ihn mir her,

über die Berge, damit ich ihn seh’.

Mächte des Wassers, ich bitte euch,

sucht auch in den Tiefen der rauen See.

Die wahre Liebe beschwöre ich,

und die Mächte der Luft und des Feuers, so heiß,

um ihn zu versengen mit meinem Blick,

um Verlangen zu schüren – es vergehe das Eis!

Den ewigen Bund will ich nun schließen,

wenn Mond und Kerze den Weg mir weisen,

zum großen Glück meines Lebens hin,

so will ich mich allzeit glücklich preisen.“

„Und, was siehst du?“, fragte ich einige Minuten später ungeduldig, als Miranda mit starrem Blick in eine Schüssel mit Wasser schaute. „Siehst du meinen Traummann? Ist er süß? Sieht er aus, als hätte er in der Leistengegend was zu bieten?“

„Joy!“

Ich sah Roxy an, zog eine Grimasse und drehte mich wieder zu Miranda um. Sie hatte zwar den gleichen entrückten Blick wie zuvor, als sie Roxys Zukunft vorausgesagt hatte, aber nun war ihr eine innere Anspannung anzumerken, die eben nicht da gewesen war. Davide erhob sich unvermittelt und stolzierte auf mich zu, aber als er näher kam, sträubte sich mit einem Mal sein Fell.

„Heiliger Bimbam, das ist jetzt aber doch ein bisschen unheimlich“, murmelte ich. Richtig mulmig wurde mir allerdings, als der Kater vor mir stehen blieb und mich unverwandt mit seinen gelben Augen anstarrte. Da Miranda zu sprechen begann, beugten Roxy und ich uns vor, um sie besser verstehen zu können. Ihre sonst so freundliche Stimme klang gedämpft und monoton, was die unheimliche Atmosphäre noch verstärkte, und es dauerte ein paar Sekunden, bis ich ihre Worte überhaupt verstand. Draußen frischte der Wind plötzlich auf. Er toste ums Haus und wirbelte Kiefernzapfen und kleine Steinchen durch die Luft, die gegen die Fenster prasselten.

„Jetzt fehlt uns nur noch ein Blitz und dass eine geisterhafte Gestalt mit einem blutüberströmten Metzgermesser am Fenster auftaucht“, sagte ich leise zu Roxy. Was als lockere scherzhafte Bemerkung gedacht gewesen war, klang jedoch eher wie eine düstere Prophezeiung. Roxy sah mich mit großen Augen an.

Plötzlich fröstelte es mich. Da war es wieder, dieses unheimliche Gefühl, von einer kalten Hand im Nacken gepackt zu werden, wie es meine Großmutter immer beschrieben hatte. Obwohl die Nacht recht mild war, bekam ich eine Gänsehaut auf den Armen. Wenn wenigstens der Kater aufgehört hätte, mich anzustarren, als sei ich eine neunköpfige Hydra, wäre mir schon etwas wohler gewesen.

Mirandas Stimme wurde lauter, aber ich hatte den Eindruck, sie spräche irgendeine fremde Sprache. Ich warf erneut einen Blick auf Davide. Er schien sich in eine steinerne Statue verwandelt zu haben, die mich stumm anstarrte.

„Katzen können Geister doch sehen, oder?“, fragte ich Roxy.

Sie nickte und ergriff meine Hand. Ich versuchte, mich zu entspannen und mir einzureden, dass all dies zu dem Spaß dazugehörte und ich lediglich einer Freundin einen Gefallen tat, doch die Luft im Raum schimmerte beinahe blau vor statischer Aufladung. Als ich spürte, wie sich die Härchen auf meinem Arm plötzlich aufrichteten, wurde mir klar, dass ich mit Skepsis nicht weiterkam, und ich wollte alles glauben, was nötig war, um heil aus dieser Situation herauszukommen.

„Du wirst eine Reise machen.“

Die Worte, die klar und deutlich in der Stille zu verneh men waren, ließen uns auffahren. Miranda starrte immer noch in die Schüssel mit Wasser. Sie sah blass und abgespannt aus. Als ich jedoch begriff, was sie gesagt hatte, entspannte ich mich wieder, ließ Roxys Hand los und tätschelte sie beschwichtigend.

„Ja, das stimmt. Ich habe dir ja gesagt, dass wir nach Deutschland fliegen.“

„Du wirst eine Reise machen, wie du sie noch nie unternommen hast.“

Meine Erleichterung wuchs und ich verspürte unwillkürlich den Drang zu lachen. Nach dem unheimlichen Vorspiel sollte ich also das übliche Wahrsagergeschwätz zu hören bekommen? Kein Problem! Da wollte ich mitspielen. „Stimmt auch, ich war noch nie in Europa.“

„Du wirst über das Wasser reisen, gebettet in den Schoß der Göttin, geschützt und zugleich ungeschützt, in Gefahr und doch nicht in Gefahr.“

„Äh … Okay.“ Ich überlegte, ob irgendwelche Bootsfahrten nötig waren, um nach Frankfurt zu gelangen, aber soweit ich mich erinnern konnte, war das nicht der Fall. Und was sollte das mit dem Schoß der Göttin bedeuten? Das klang nicht nach einer besonders vergnüglichen oder bequemen Art zu reisen – es sei denn, man verfügte dort über genug Bein freiheit.

„Ein Sohn der Finsternis wird dir begegnen.“

Mir fiel die Kinnlade herunter. Roxy saß kerzengerade neben mir und griff wieder nach meiner Hand. Ein Sohn der Finsternis? Sprach Miranda etwa von einem Dunklen? Von einem mährischen Vampir? Nein, das konnte nicht sein, sie glaubte ja selbst nicht mal an deren Existenz … oder etwa doch? Sie hatte eigentlich stets drum herumgeredet und nie gesagt, dass sie nicht existierten, sondern immer nur gemeint, wie gefährlich es war, mit der dunklen Seite herumzuspielen und so weiter. Sie konnte unmöglich gesagt haben, was ich zu hören glaubte, oder vielleicht doch? Ich schaute unauffällig zu Roxy hinüber. Sie sah mich hohläugig an und formte lautlos das Wort „Vampir“ mit den Lippen.

„Der Sohn der Finsternis wird dein Schicksal in seinen Händen halten, aber du darfst dich nicht von seinen ruch losen Reizen blenden lassen, denn am Ende dieses Weges liegt die ewige Nacht.“

Also, das klang gar nicht gut!

„Äh …“ Aus meiner Kehle drang nur ein gepresster Laut und ich räusperte mich, während ich nervös zu Davide schaute, der nicht aufhörte, mich anzustarren. „Wenn du ‚Sohn der Finsternis‘ sagst, was genau meinst du damit?“

„Seine Seele ist ein Quell der Verzweiflung. In seinem Inneren tobt ein heftiger Sturm, aber du darfst dich nicht dazu verleiten lassen, seine Seele zu retten, denn du kannst seinen Weg nicht gehen.“

„Oh, mein Gott“, flüsterte Roxy und ihre Fingernägel gruben sich in meinen Arm. „Oh, mein Gott, Joy, weißt du, was sie damit sagen will?“

Natürlich wusste ich, was Miranda damit sagen wollte. Ich würde binnen kürzester Zeit einem irren Axtmörder in die Arme laufen.

„Dieser Sohn der Finsternis, den du siehst“, begann Roxy und lockerte ihren Griff, als ich versuchte, mein Handgelenk aus ihrer Umklammerung zu befreien. „Ist das der Mann, der Joys Seelenverwandter ist? Ist das der Mann, der ihr bestimmt ist?“

Du lieber Himmel, was für ein schrecklicher Gedanke! Ich sah vor mir, wie ich in einem sterilen Gefängnisraum stand und einen Mann mit komplett tätowiertem Schädel heiratete.

„Der Verzweifelte ist zwar ein Teil ihrer Zukunft, aber er steht am Rand, er hält sich abseits. Da ist noch ein Mann, ein Schatten, hinter dem Sohn der Finsternis.“

Großartig! Gleich zwei Axtmörder! Ich würde also mit zwei gemeingefährlichen Irren in Bigamie leben. Ich Glückliche!

„Oh Schreck“, sagte ich.

„Sei still! Sonst musst du gehen“, schimpfte Roxy. „Ich versuche, die Sache für dich zu klären. Miranda, oder wer auch immer gerade durch dich spricht, könntest du bitte ein bisschen genauer sein, was diese beiden Männer angeht, die du siehst? Ich verstehe nicht, wie sie Joys Zukunft sein können und zugleich eine solche Bedrohung.“

Miranda schüttelte langsam den Kopf und ließ ihren Blick durch das Zimmer wandern, als suchte sie etwas, das sie nicht finden konnte. Schließlich sah sie mich lange an und tastete nach dem Kristall, den sie an ihrer Halskette trug. „Ich kann nicht so viel sehen. Die Vision ist sehr undeutlich. Es könnte sein, dass der Sohn der Finsternis versucht, eine Illusion zu erzeugen, oder vielleicht wird das Bild durch den Schatten des zweiten Mannes getrübt. Das Einzige, was ich ganz klar sehe, ist die Gefahr, die Lebensgefahr, in der du in Anwesenheit dieses Sohnes der Finsternis schwebst. Du musst dir sehr gut überlegen, welchen Mann du wählst, denn wenn du die falsche Entscheidung triffst, bedeutet das ewige Verdammnis für deine Seele.“

Unvermittelt kehrte Miranda zu uns zurück und bekam wieder Farbe im Gesicht. Ihren Blick spürte ich jedoch noch so intensiv auf meiner Haut, als hätte sie mich berührt. Sie blinzelte einige Male und schaute von Roxy zu mir. „Warum starrt ihr mich so an?“

„Ach, nur so“, sagte ich mit erstickter Stimme. „Eigentlich völlig grundlos, wenn man mal von deiner Prophezeiung absieht, dass ich als seelenloses, gequältes Irgendwas ende, das sein Dasein in ewiger Nacht mit einem Untoten fristen wird.“

Miranda sah Roxy an. „Das habe ich gesagt?“

Roxy nickte und ließ meine Hand langsam los. „Du hast dich allerdings nicht besonders klar ausgedrückt. Was du gesagt hast, war ziemlich vage. Ich habe nicht verstanden, ob der mährische Vampir der Richtige für Joy ist oder der Böse hinter ihm.“

„Ganz egal. Es klang jedenfalls, als würde ich mit einem von beiden zusammenkommen, wahrscheinlich um als Zombiefrau bis in alle Ewigkeit auf der Suche nach einer Seele ziellos durch die Welt zu irren. Und das stand eigentlich nicht auf der Checkliste für meinen Traummann, oder?“

Miranda öffnete den Mund, klappte ihn dann jedoch wieder zu. Sie sah erschöpft aus, völlig erledigt, und plötzlich bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich über etwas lustig machte, das sie sehr ernst nahm; besonders, da sie uns nur einen Gefallen tun wollte.

„Es tut mir leid, das sollte nicht so flapsig klingen. Ich will wirklich nicht, dass du denkst, ich würde das hier nicht ernst nehmen oder nur deine Zeit verschwenden. Ich sehe sehr wohl, dass dir dieses Ritual einiges abverlangt. Wir stehen beide tief in deiner Schuld.“

„Du vor allem!“, fuhr Roxy mich an und begann, die Kerzen rings um uns auszupusten. „Ich bin nicht so ein undankbares Ekel wie du! Ich habe Miranda dieses alte Kräuterbuch geschenkt, das ich auf dem Flohmarkt gefunden habe.“

„Oh.“ Ich dachte kurz darüber nach, wie ich mich bei Miranda für ihre Bemühungen revanchieren konnte, ohne ihr Geld zu geben, denn das war für sie tabu. Ich schnippte mit den Fingern, als mir die zündende Idee kam. „Jetzt weiß ich was! Ich stelle mich ehrenamtlich für das nächste Frauen-Eso-Festival zur Verfügung. Ich könnte einen Stand machen und noch mal Runenorakel …

„Göttin bewahre! Nein!“

Ich stutzte angesichts von Mirandas Ausbruch. Die rotbraunen Locken standen ihr zu Berge, als hätte sie sie gerade gerauft. Sie war offenbar ziemlich aufgewühlt, denn sie bekam feuchte Augen, als sie sich vorbeugte und meine Hände ergriff. Hinter ihr nickte Roxy scheinheilig, während sie Davide streichelte.

„Versprich mir … nein, schwöre, dass du nie wieder in der Öffentlichkeit Runendeutungen durchführst! Nie wieder!“

Ich sah sie verblüfft an. „Aber …

„Schwöre es!“

„Miranda, das war doch alles nur Zufall. So was passiert nicht noch mal …

Schwöre es!

„Ich bin nicht das kleinste bisschen übersinnlich veranlagt. Weißt du noch? Du hast mir mal gesagt, dass jeder Mensch gewisse übersinnliche Fähigkeiten hat, auch wenn sie so tief im Verborgenen schlummern, dass derjenige gar nichts davon weiß. Jeder – nur ich nicht. Das hast du selbst gesagt! Du sagtest, ich hätte nicht einmal einen Hauch von übersinnlichen Fähigkeiten, also kannst du mich und meine unschuldigen kleinen Runensteine auch nicht für die … die … Vorfälle verantwortlich machen!“

„Schwöre, dass du es nie wieder tust, sonst bitte ich die Göttin, dir ihren Schutz zu entziehen! Ohne ihren Segen wird dir nichts mehr gelingen, was du auch anpackst!“

Ich zog meine Hände fort. „Also, das finde ich nicht sehr nett von dir und ich könnte wetten, dass es deiner Göttin nicht gefällt, immer wieder bestellt und abbestellt zu werden. Abgesehen davon verstehe ich gar nicht, warum du dich so aufregst. Dieses Erdbeben hatte nichts mit mir zu tun. Es war nur ein sehr merkwürdiger Zufall, dass die Steine darauf hindeuteten, Lydia werde sich den Zorn Odins zuziehen, wenn sie weiterhin die Warnungen ignoriert.“

„Du hast gesagt, Odins Zorn würde die Erde erzittern lassen, wenn Lydia die Warnungen nicht ernst nimmt“, meldete Roxy sich zu Wort. Ich sah sie missbilligend an.

„Du bist mir keine große Hilfe, meine Liebe! Was ich Lydia gesagt habe, gehört zum Standardjargon der Runen kunde. Jeder sagt solche Dinge. Das steht so in den Büchern.“

„Joy, du hast prophezeit, dass Lydias ganzes Leben ins Wanken gerät, wenn sie sich nicht ändert. Dass die gesamte nordkalifornische Küste erbeben wird, hast du allerdings nicht gesagt!“ Miranda sah mich grimmig an.

„Nun … Odin war sehr wütend. Wahrscheinlich ist sein ganzer Zorn einfach so aus ihm herausgeplatzt …

„Und das Feuer? Was ist mit dem Feuer? Miranda, frag sie nach dem Feuer!“

Ich zog eine Augenbraue hoch, schaute schweigend aus dem Fenster und betrachtete die blauschwarzen Wolken, die sich vor die silbrige Mondsichel schoben. Es gab Momente, da hielt man am besten den Mund.

„Loreena“, sagte Roxy und stieß Miranda an. Ich schickte ihr mit meinen Augenbrauen eine lautlose Unterlassungsverfügung, die sie jedoch komplett ignorierte.

„Das habe ich nicht vergessen“, sagte Miranda langsam und schaute mir unverwandt in die Augen. „Das war deine erste Deutung, nicht wahr? Du hast vorausgesagt, dass Loreena Bronze reingewaschen und wiedergeboren würde und ebenso wie der Phoenix … aus der Asche aufsteigt.“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich schürzte die Lippen und spielte mit meinen Fingern. Es war tatsächlich ein seltsamer Zufall gewesen, dass ich in der Zukunft der Leiterin von Mirandas Hexenzirkel ein Feuer gesehen hatte. Dennoch … „Da hat es schon ganz andere Dinge gegeben“, erklärte ich schließlich.

Miranda streckte ihre Arme seitlich aus und atmete tief ein, um sich zu beruhigen, und beim Ausatmen legte sie ihre Handgelenke anmutig vor ihrer Brust übereinander. Roxy warf neben ihr ein Kissen auf den Boden und ließ sich darauf nieder. „Und dann wären da noch die starken Regenfälle an der Nordküste. Du erinnerst dich doch sicher noch an das nette Paar, dem du prophezeit hast, dass es eine lange Reise auf dem Wasser unternehmen wird?“

„Nun, das haben die beiden ja auch getan.“ Ich starrte auf meine Finger. Sie waren mit einem Mal unglaublich faszinierend für mich. Dass es so spannend sein konnte, seine Nagelhaut zu betrachten, war mir bis dahin gar nicht klar gewesen.

„Ihr Haus ist von der Klippe ins Meer gerutscht!“

„Das ist doch eine Reise auf dem Wasser! Aber wie könnt ihr meinem Runenorakel die Schuld an diesem Unwetter zuschieben …

„Joy, du hast an diesem Tag elf Deutungen durchgeführt und in zehn Fällen hast du schreckliche Ereignisse vor ausgesehen, darunter vier Naturkatastrophen, die innerhalb von drei Wochen eintraten“, sagte Miranda bestimmt. „Der Vorstand des Esoterischen Frauenfestivals hat dir verboten, jemals wieder unter seiner Flagge die Runen zu deuten. Die hätten dich komplett ausgeschlossen, wenn sie nicht wüssten, wie oft du in meinem Laden aushilfst.“

„Und wie viel du jedes Jahr für das Festival spendest“, brummelte ich verärgert.

„Ganz genau“, entgegnete Miranda. „Also keine Runen orakel mehr! Es war vielleicht ein wenig voreilig von mir zu sagen, du hättest keine übersinnlichen Fähigkeiten. Eine scheinst du jedenfalls zu haben.“

Ich schaute von meinen Händen auf und warf einen selbstgefälligen Blick in Roxys Richtung, um mich zu vergewissern, dass sie auch zuhörte. „Ach? Welche denn? Präkognition? Hellsichtigkeit? Die Fähigkeit, mit einem Satz auf hohe Gebäude springen zu können?“

Miranda ignorierte meinen Versuch, witzig zu sein. „Nein, ich glaube, du bist kataklysmatisch.“

Hä? „Kataklysmatisch? Noch nie gehört.“

„Was bedeutet das?“, fragte Roxy.

Miranda schloss die Augen, inhalierte den Kräuterduft der Kerzen und malte ein Schutzsymbol in die Luft – in meine Richtung. „Das bedeutet, dass du bei deinen Runendeutun gen die gefährliche und von dir nicht kontrollierbare Fähig keit hast, kataklystische, also vernichtende Katastrophen heraufzubeschwören.“

Roxy kicherte. Ich war fassungslos angesichts von Miran das unerhörter und eindeutig falscher Behauptung. „Das hast du frei erfunden! Das Wort ‚kataklysmatisch‘ gibt es doch gar nicht, und selbst wenn es so etwas gäbe, träfe es auf mich nicht zu! Ich bin nur eine ganz normale Frau, die sich dir erkenntlich zeigen will, und ich nehme es dir wirklich übel, dass du mir so etwas Albernes anhängen willst!“

„Ach, ich weiß nicht …“, begann Roxy.

„Vorsicht!“, warnte ich sie, aber sie grinste nur und fuhr fort. „Du hast einfach etwas an dir, das kataklystische Katastrophen anzieht. Ich glaube, Miranda hat absolut recht.“

„Natürlich.“

„Meine Damen!“

Wir hörten auf zu streiten und sahen unsere Gastgeberin an. Sie fuchtelte aufgeregt mit ihrer Beschwörungskerze herum. „Ich weiß ja nicht genau, was die Göttin dir offenbart hat, aber eines weiß ich ganz gewiss – du gehst viel zu leichtfertig mit diesem Geschenk um. Alles, was sie einem mitteilt, hat einen bestimmten Sinn und Zweck, und wenn du ihre Warnungen nicht ernst nimmst, wirst du leiden.“

„Willst du uns Angst machen?“, fragte ich.

„Wenn ja, dann macht sie ihre Sache sehr gut“, murmelte Roxy leise. Da musste ich ihr allerdings zustimmen.

„Ja, das will ich, wenn ich dich so zur Vernunft bringen kann. Die Göttin war nicht geneigt, mir anzuvertrauen, was sie in der Zukunft für dich sieht, aber ich spüre ganz deutlich, dass du dein Leben – ja, deine Seele – aufs Spiel setzt, wenn du so weitermachst wie bisher. Bitte beherzige die Worte der Göttin und mach keine Dummheiten!“

Es war weniger Mirandas Mahnung als vielmehr ihre ehrlich empfundene Angst, die mich noch lange beschäftigte. Ich spürte sie eine Stunde später immer noch, als wir uns über kurvenreiche Straßen der kleinen Stadt im Süden Oregons näherten, in der wir lebten.

„Wie willst du das denn jetzt machen?“, fragte Roxy.

„Was meinst du?“

Sie warf mir einen kurzen Blick von der Seite zu, bevor sie in die Straße einbog, in der mein kleines Apartment lag. „Mit unserer Reise. Ich weiß, du hältst mich für eine Idiotin, weil ich meine zwei Wochen Europaurlaub damit verbringen will, Jagd auf mährische Vampire zu machen, aber ich hatte wirklich gehofft, dass du mich begleitest. Wir könnten jede Menge Spaß haben. Aber jetzt … Na ja, jetzt hast du wirklich einen guten Grund, stattdessen nach Paris zu fahren.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Weißt du, ich mag Miranda sehr. Sie ist ein sehr netter, großzügiger Mensch, aber ehrlich gesagt kann ich es nicht ausstehen, wenn mir jemand vorschreiben will, dass ich irgendetwas nicht tun soll. Umso entschlossener bin ich nämlich, es doch zu tun. Und dieser ganze Kram mit dem Sohn der Finsternis und dem Verlust der Seele – also, du musst zugeben, das klingt doch wirklich wie aus einem Buch. Aus einem schlechten noch dazu.“

Roxy fuhr in die Einfahrt vor dem Haus. „Dann willst du also mitkommen und mir helfen, einen echten Vampir aufzuspüren?“

„Nein.“ Ich kletterte mühsam aus dem Wagen und schwor mir, erst wieder in diesen Flitzer zu steigen, wenn ich mindestens zehn Kilo abgenommen hatte. „Ich werde dir nicht helfen, ein imaginäres Wesen zu finden, das nur in der Welt der Fiktion existiert. Aber ich werde trotzdem mit dir in die Tschechische Republik fahren allerdings nur, weil das Land historisch höchst interessant ist und du in Fremdsprachen eine absolute Niete bist. Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du in irgendeinem tschechischen Knast landest, weil du versehentlich einem Polizisten ein eindeutiges Angebot gemacht hast, statt ihn zu fragen, wo die nächste Toilette ist. Ich komme mit, aber erwarte nicht, dass ich bei diesem Vampir-Schwachsinn mitmache!“

Roxy grinste. „Dantes Schloss ist ganz in der Nähe der Stadt, in die ich fahren will. Du hast doch gesagt, du möchtest dir ein paar Schlösser in Europa angucken, und wenn wir uns lange genug in dem von Dante herumtreiben, bekommen wir ihn vielleicht sogar zu sehen. Ich nehme alle meine Bücher mit, für den Fall, dass wir ihm über den Weg laufen.“

„Der Arme!“, sagte ich und schüttelte den Kopf, während ich meine Tasche vom Rücksitz nahm.

„Warum ist er arm?“

„Als er anfing, Bücher zu schreiben, hat er bestimmt nicht daran gedacht, dass er einmal von Horden wahnsinniger Frauen verfolgt wird, die unbedingt ein Autogramm von ihm haben wollen.“ Roxy protestierte empört, aber ich grinste nur und schloss rasch die Wagentür.

Ich winkte ihr noch einmal zu und stapfte die Treppe zu meiner Dachwohnung hoch. Und obwohl ich fest entschlossen war, mich von den Ereignissen des Abends nicht kirre machen zu lassen, beschlich mich ein ungutes Gefühl.

An Mirandas Prophezeiung war nichts dran, nicht das Geringste, sagte ich mir. Zumindest nichts, was eine normale, bodenständige Frau von durchschnittlicher Intelligenz als real anerkennen würde.

Aber warum hatte ich dann das Gefühl, ganz langsam und unaufhaltsam in einen schwarzen Abgrund gezogen zu werden, aus dem es kein Entrinnen gab?

3

„Welche Sehenswürdigkeiten rund um Blansko können Sie uns denn empfehlen?“

„Oh, es gibt viele tolle touristische Ausflugsziele“, entgegnete der groß gewachsene Mann, der uns im Zug von Brno nach Norden gegenübersaß, und rückte seine Brille zurecht. „Da ist natürlich der Mährische Karst mit seinen Höhlen: Die Katharinahöhle, die Sloup-ˇSoˇs °uvské-Höhlen und die Bal carka-Höhle sind die bekannteren von ihnen. Und die Macocha-Schlucht sollte man sich nicht entgehen lassen. Sie ist 138 Meter tief, wissen Sie?“

Das wusste ich natürlich nicht. Genau aus diesem Grund versuchte ich ja auch, diesem Mann, einem ehemaligen tschechischen Staatsbürger, der zur Hochzeit seines Bruders in die Heimat zurückgekehrt und des Englischen mächtig war, Informationen über die Region zu entlocken.

Roxy sah von ihrem Book-of-Secrets-Roman auf, den ich vor der Reise selbst noch einmal heimlich gelesen hatte – heimlich, weil ich nicht wollte, dass Roxy auf die Idee kam, ich würde das fiktionale Werk ebenso wie sie für einen Reise führer halten. „Eine Schlucht? Da gibt es eine Schlucht? Ist sie finster und geheimnisvoll und unendlich tief? Und sind da unten vielleicht Dinge verborgen, von denen wir nie erfahren werden, weil bisher noch nie einer von dort wiedergekommen ist?“

„Ignorieren Sie sie einfach“, sagte ich zu dem Mann und seiner Begleiterin. „Sie liest keine Reiseführer, sie lässt sich lieber überraschen.“ Ich nahm mein Buch über die Region zur Hand und blätterte darin, bis ich die Schlucht fand.

„Die Macocha-Schlucht ist eine berühmte geologische Formation“, erklärte ich Roxy, „und wie man auf dem Bild sieht, ist sie kein bisschen finster und geheimnisvoll. Es gibt einen Pfad, auf dem man hinunterwandern kann bis zur Punkva-Höhle.“

„Oh“, sagte Roxy enttäuscht. Sie schaute aus dem Fenster und betrachtete die waldreiche Landschaft, die immer bergiger wurde, je weiter wir Richtung Blansko ins mittelmährische Hügelland vordrangen. Weil ich vorher in die Karte geschaut hatte, wusste ich, dass das Drahaner Schloss in der Nähe von Blansko irgendwo in den mährischen Wäldern versteckt war.

„Höhlen sind cool, aber was hatten Sie gerade noch erwähnt?“, fragte ich. Der Mann sah mich verwirrt an.

„Ich glaube, sie will wissen, was ein Karst ist, Martin.“

Ich nickte Martins Frau zu, einer lebhaften blonden Amerikanerin namens Holly. „Ja, genau! Ich habe keine Ahnung, was ein Karst ist.“

„Ah“, machte Martin lächelnd und rieb sich die Hände. Wie sich herausstellte, hatte ich genau den Richtigen gefragt, denn Martin war Geophysiker, und er erzählte mir mehr über die Schluchten, Klüfte und über vierhundert kleinen und großen Höhlen in dieser Region, als ich eigentlich wis sen wollte. Selbst Roxy hörte auf zu lesen und lauschte aufmerksam, als er einige der spektakulärsten Höhlen beschrieb, durch die unterirdische Flüsse führten. Ich suchte in meinem Reiseführer nach Informationen über die Höhlen, die für Besucher geöffnet waren.

„Interessant.“ Ich versuchte lächelnd, den Informationsfluss über die biochemische Zusammensetzung von Kalkstein und ihre Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel zu stoppen.

„Was ist mit dem Schloss?“, wollte Roxy wissen.

„Ach ja, das Schloss. Drahany heißt es. Sehr beeindruckend, aber leider nicht öffentlich zugänglich, denn es ist in Privatbesitz. Doch die Gärten sind sehr hübsch und das ganze Jahr geöffnet. Die sollten Sie sich ansehen, denn die Skulpturen darin sind von Schweigl.“

Ich riss beeindruckt die Augen auf – nach dem Motto: „Nein! Sagen Sie bloß! Von Schweigl?“ – und hoffte, dass unsere unerschöpfliche Informationsquelle sich nicht auch noch über die chemische Zusammensetzung des Erdreichs in den mit Schweigl-Skulpturen geschmückten Gärten ausließ.

„Das Schloss selbst ist natürlich aus Kalkstein.“

„Natürlich“, sagte ich rasch und ging zur nächsten Frage über, bevor Martin zu diesem Thema ausholen konnte. „Meine Freundin interessiert sich für die Folklore dieser Region, die sehr reich an altem Brauchtum und volkstümlichen Überlieferungen sein soll.“

„Ja, das ist sie allerdings“, antwortete Holly für Martin. „Sehr reich. Sie müssen wissen, dass Mähren jahrhundertelang ein eigenständiges Reich war und eine faszinierende Geschichte hat. Viele Elemente des Volksglaubens haben ihren Ursprung in finsteren Zeiten.“

Sie musste die Blicke bemerkt haben, die Roxy und ich wechselten, denn sie lachte und erklärte: „Ich habe einen Magister in Osteuropäischer Geschichte. So habe ich Martin kennengelernt – ich studierte an der Universität von Ostrava, als er seinen Abschluss in Metallurgie gemacht hat. Diese Region ist eine wahre Fundgrube für folkloristisch Interessierte. Hier gibt es alles, von alten Rittersagen bis hin zu den klassischen Märchen mit Prinzessinnen und verwunschenen Prinzen.“

„Faszinierend“, sagte Roxy und beugte sich vor. „Darüber wüsste ich gern mehr. Das mit dem Ursprung in finsteren Zeiten klingt ja spannend – meinen Sie Horrorgeschichten? Von Hexenverbrennungen und so weiter?“

„Oh nein, da muss man noch weiter zurückgehen“, sagte Holly lachend. „Angeblich – aber das ist nur ein alter Volksglaube – steht diese Region gleich hinter Transsilvanien an zweiter Stelle, was übernatürliche Wesen angeht. Vampire und Totenbeschwörer, Geheimbünde, die Blutopfer darbringen, Gestaltwandler, verfluchte Familien, jahrhundertealte Fehden zwischen Familien mit scheinbar diabolischen Kräften und so weiter.“

„Blödsinn“, schnaubte Martin und zog eine Prager Zeitung aus der Tasche. „Ich bin dreißig Kilometer weiter aufgewachsen und diese Geschichten wurden doch nur erzählt, damit kleine Kinder nicht allein im Dunklen durch den Wald laufen.“

„Ja, natürlich, alles Blödsinn.“ Ich strahlte die beiden an und zwickte Roxy in den Arm, um zu verhindern, dass sie et was anderes sagte. Sie sah mich wütend an und rieb sich die schmerzende Stelle, hielt aber den Mund, während ich das Gespräch auf weniger interessante Themen lenkte.

Eine Stunde später erreichten wir unser Ziel, das „lebendige Marktstädtchen Blansko“, wie der Reiseführer es nannte. Ich sah mich neugierig um.

„So lebendig ist es nun auch wieder nicht“, bemerkte Roxy missmutig, warf sich den Tragegurt ihrer Reisetasche über die Schulter und griff nach den anderen beiden Taschen. „Hier ist ja so gut wie gar nichts los! Es gibt nicht mal einen Gepäckträger oder sonst irgendjemand, den man bestechen könnte, damit er unser Zeug schleppt. Wo sind wir hier nur gelandet?“

„Du hast es so gewollt, meine Liebe, also hör auf zu jammern! Wenn du nicht darauf beharrt hättest, drei Taschen mitzunehmen, bräuchtest du jetzt niemanden, der dir deinen Krempel hinterherträgt.“

Glücklicherweise gab es ein Taxi in dem Städtchen, doch das war gerade mit jemand anderem unterwegs. Ich sprach ein paar Minuten mit dem Bahnhofsvorsteher, so gut es mein Highschool-Deutsch erlaubte, dann ging ich wieder zu Roxy, die am Taxistand auf ihrem Gepäckberg saß. Sie stand auf, um sich die Plakate an der Bahnhofsmauer anzusehen: Kneipenkonzerte örtlicher Bands, Gebäudereinigungsfirmen, Füh run gen durch die diversen Höhlen und so weiter.

„Honza, der Bahnhofsvorsteher, hat gesagt, das Taxi ist in fünfzehn Minuten wieder da. Wenn wir hier warten und uns eng aneinanderkuscheln, dann brauchen wir das Gepäck nicht den ganzen Berg hochzuschleppen. Brrr, ziemlich kalt hier draußen, nicht …

Oh mein Gott! Joy, komm her!“

„Was ist?“

Roxy hüpfte aufgeregt auf der Stelle und winkte mich zu sich. Ihr Atem bildete weiße Wölkchen vor ihrem Mund. „Das wirst du nicht glauben! Guck doch mal! Komm her und lies das hier und sag mir, dass Miranda das nicht vorausgesehen hat!“

„Was ist denn?“, fragte ich wieder und näherte mich miss trauisch einem großen schwarz-roten Plakat. „Es hat doch wohl nichts mit irren Axtmördern zu tun, oder?“

„Jetzt komm schon und lies das! Ach, wie herrlich! Da werden wir was erleben!“ Sie drehte sich vor Begeisterung im Kreis, dass die Fransen an ihrer Jacke nur so flogen.

„Ich wusste es, ich wusste es!“, sang sie vor sich hin. Ich schaute mich verstohlen um und hoffte, dass uns niemand zusah. Ich war bereit, mich sofort von Roxy zu distanzieren, wenn sie sich mitten in einem fremden Land weiter wie eine Idiotin aufführte.

„Lies das!“, schrie sie wieder und zeigte auf das Plakat.

„Nur, wenn du mit diesem Theater aufhörst!“

„Lies es endlich!“

Ich begann zu lesen. Das Plakat war auf Englisch, Deutsch und Französisch. GROSSER GOTHIC-MARKT! stand dort in fetten roten Buchstaben. ERGRÜNDEN SIE IHRE DUNKLE SEITE! ENTDECKEN SIE DUNKLE LEIDENSCHAFTEN UND NOCH DUNKLERE SÜNDEN! GEBEN SIE SICH IHREN GEHEIMSTEN GRUSELFANTASIEN HIN UND TAUCHEN SIE EIN IN DIE WELT DES MAKABREN, BIZARREN UND DER EWIGEN FINSTERNIS. TICKETS AUCH IM VORVERKAUF. BEGINN 24. OKTOBER.

„Klingt nach einer Art Jahrmarkt, wie so ein mittelalterlicher Markt, nur für die Gothic-Szene. Was ist daran so toll? Da willst du doch wohl nicht hingehen, oder?“

„Lies mal ganz unten!“, rief Roxy ausgelassen und tanzte um unser Gepäck herum. „Lies mal ganz unten, ganz unten!“

„Du gehörst echt in Behandlung!“, murmelte ich, bevor ich mich vorbeugte und das Kleingedruckte las.

ZUM ABSCHLUSS DES GOTHIC-MARKTS FINDET AM 31. OKTOBER DAS GROSSE HALLOWEEN-VAMPIR FESTIVAL AUF SCHLOSS DRAHANY BEI BLANSKO STATT. TICKETS ERHÄLTLICH BEI

„Grundgütiger!“ Das hatte mir gerade noch gefehlt – eine große Party zur Feier eines fiktiven Vampirkults. Es genügte offenbar noch nicht, dass Roxy vorhatte, jeden Abend Jagd auf Vampire zu machen, die möglicherweise auf ihren Beute zügen durch den Ort streiften – nein, jetzt würde sie mich auch noch auf einen Gruselmarkt und ein Fest mit pickeligen Teenagern schleppen, die alle auf dem Grufti-Trip waren. „Nein, nein, nein“, stöhnte ich.

„Ja, ja, ja“, jubilierte Roxy und hüpfte vor mir her. „Siehst du? Glaubst du jetzt an Mirandas Fähigkeiten? Sie hat gesagt, du würdest einem Vampir begegnen, und jetzt sieh dir das an! Es wird einen ganzen Markt geben, der voll von ihnen ist – ganz zu schweigen von denen, die wir auf dem Festival treffen!“

„Mensch, um Himmels willen, Rox, es gibt keine Vampire!“

Meine Worte stießen auf taube Ohren, aber bevor ich Roxy Vernunft einprügeln konnte, hielt ein kleiner ramponierter blauer Peugeot mit quietschenden Reifen vor uns an, der aussah, als hätte er schon mehrere Kriege hinter sich. Ich packte Roxy am Arm und schob sie zum Auto. „Das Taxi ist da! Lad die Taschen ein, während ich dem Fahrer sage, in welches Hotel wir wollen. Und hör in Gottes Namen auf, so herumzutanzen! Willst du, dass die hier glauben, die Amerikaner wären alle geistesgestört?“

Das Hotel Dukla war nicht weit vom Bahnhof entfernt, aber es lag ganz oben auf einem steilen Berg am Stadtrand. Eine halbe Stunde nach unserer Ankunft in Blansko hatten wir bereits eingecheckt, unser Gepäck über drei steile Treppen mit ausgetretenen Stufen auf unsere Dachzimmer geschleppt und unsere zerknitterte Reisekleidung gegen etwas Ordentlicheres ausgetauscht. Roxy war zuerst im Gemeinschaftsbad und ich musste warten, bis sie fertig war, bevor ich mich waschen konnte.

„Bis gleich, unten in der Schänke!“, rief sie mir ein paar Minuten später zu und eilte die Treppe hinunter. Ich verzog das Gesicht, als ich hörte, wie unvorsichtig sie über die krummen Stufen polterte, und hoffte, dass sie sich nicht das Genick brach. Rasch brachte ich mich in einen präsentablen Zustand, um der einheimischen Bevölkerung gegenüberzutreten. Ich wollte aussehen wie Audrey Hepburn: kultiviert, elegant und makellos. Ich packte vorsichtig mein langes schwarzes Samtkleid aus, das mich schlank machte, steckte meine mattbraunen Haare hoch, die eine Friseurin einmal freundlicherweise als kastanienbraun bezeichnet hatte, und legte etwas Parfüm auf.

„Ziemlich weit weg von Audrey Hepburn.“ Ich rümpf te die Nase, als ich mich in dem kleinen Spiegel betrachtete, der über einer Eichenkommode hing. „Aber das muss reichen!“

Ich weiß gar nicht, wie ich mir die Gäste der Hotelschänke – laut dem stolzen Hotelbesitzer die beliebteste Kneipe der Stadt – eigentlich vorgestellt hatte, aber was ich vorfand, entsprach auf keinen Fall meinen Erwartungen. Ich hatte an jede Menge Leute mit Tweedhüten und Dirndln und so weiter gedacht, doch in dem niedrigen Raum mit der dunklen Holzdecke war nicht viel los. Die wenigen Leute, die sich dort aufhielten, trugen meist Jeans und Pullover und es war weit und breit kein Dirndl zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Raums lag hinter zwei großen Fenstern, die vom Boden bis zur Decke reichten, ein Balkon mit Ausblick auf eine Wiese und die dahinter aufragenden Berge. Durch die Wipfel der Bäume draußen konnte ich einen Turm des Drahaner Schlosses erkennen. Der Himmel wurde allmählich indigoblau, was sehr gut mit der violetten Färbung der Berge hinter der Stadt harmonierte. Die verschiedenen Blau-, Schwarz- und Violetttöne erzeugten eine Stimmung, die mich tief im Inneren berührte. Doch bevor ich ans Fenster treten konnte, um die Landschaft zu betrachten, wurde ich lautstark begrüßt.

Roxy rief mich an einen langen Tisch, der zu meiner Linken an der Wand stand. Sie saß in der Tischmitte zwischen zwei Frauen. Zumindest glaubte ich, dass es Frauen waren – es hätten auch Transvestiten sein können. Das war schwer zu sagen, denn sie hatten jede Menge Make-up im Gesicht, schwarzen Kajal um die Augen und trugen knallroten Lippenstift, der ihre Münder auf scharfkantige gerade Schlitze reduzierte. Dazu waren sie gleich gekleidet: schwarze Vinylkorsetts über roten Chiffonblusen. Ihre Beine waren zwar unter dem dicken, blank geschrubbten Holztisch verborgen, aber ich vermutete, dass sie spitze schwarze Lederstiefel mit hohen Absätzen und ganz kurze Miniröcke mit Strapsen trugen, was so viele junge Frauen für sexy hielten.

„Verdammt, jetzt hat sie tatsächlich ein paar Gruftis aufgegabelt!“, fluchte ich vor mich hin und schaute mich Hilfe suchend im Raum um, aber es gab kein Entrinnen, und so setzte ich ein freundliches Lächeln auf und ging zwischen den Tischen und Stühlen hindurch auf Roxy zu, die mir eifrig winkte.

„Da bist du ja! Ich dachte schon, du kommst nicht mehr. Joy, das hier sind Arielle und Tanya. Sie sind beide Hexen.“

Mein Lächeln entglitt mir ein bisschen, als ich Tanya, die mir am nächsten saß, höflich begrüßen wollte. Sie betrachtete jedoch meine Hand, die ich ihr reichte, als befürchtete sie, ich könnte Lepra haben, sah mich sauertöpfisch an und stufte mich als ihrer Aufmerksamkeit unwürdig ein. Gruftis, die größten Wichtigtuer der Unterwelt! Was wären wir ohne sie?

„Also, eigentlich gehe ich noch bei Tanya in die Lehre“, sagte die Frau, die Arielle hieß, stand auf und beugte sich über den Tisch, um mir die Hand zu schütteln. Sie hatte einen leichten slawischen Akzent, gemischt mit einem starken französischen. Ihre freundlichen blassblauen Augen bildeten einen hübschen Kontrast zu dem feindseligen Blick ihrer Begleiterin. „Ich bin noch keine Hexe, aber ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren ebenso viel Macht besitze wie meine Schwester.“

„Deine Schwester?“, fragte ich und setzte mich Roxy gegenüber auf den freien Stuhl.

„Sie sind Schwestern“, erklärte Roxy eilfertig und lächelte Tanya an, die ihr jedoch keine Beachtung schenkte. Die Frau ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und schaute immer wieder zu den Fenstern und zur Tür. „Ich habe dir ein Bier bestellt. Es ist ein dunkles, ich hoffe, das macht dir nichts aus. Etwas anderes trinken die hier anscheinend nicht.“

Roxy schob einen großen Krug über den Tisch. Die Tschechen mussten Blasen aus Stahl haben, dachte ich, wenn sie es schafften, sich regelmäßig solche Mengen einzuverleiben.

„Du glaubst nicht, wo Tanya und Arielle arbeiten! Auf dem Gothic-Markt! Ist das nicht super!? Arielle hat gesagt, da gibt es alle möglichen Attraktionen: Wahrsager, die einem aus der Hand lesen oder Tarotkarten legen, ein Medium, einen Zauberer und jede Menge Vampire.“

Ich verschluckte mich an dem dunkelbraunen Bier, von dem ich in dem Moment einen vorsichtigen Schluck getrunken hatte, konnte aber gerade noch verhindern, dass es mir in die Nase stieg.

„Wie bitte?“, fragte ich und leckte mir den Schaum von der Oberlippe.

„Vampire!“, sagte Roxy begeistert. „Jede Menge! Ist das nicht aufregend?“

„Jede Menge“, wiederholte ich und schaute von Roxy zu Tanya, dann zu Arielle. „Wie viele denn genau?“

Ich war zwar neugierig auf die angeblichen Vampire auf dem Markt, aber eigentlich überraschte es mich nicht, dass sie sich dort herumtrieben. Eine Freundin von mir hatte einmal einen kurzen Flirt mit der Gothic-Szene von San Francisco und sie erzählte mir, dass Vampirimitatoren gerade schwer angesagt waren. Manche von ihnen fuhren das volle Programm und ließen sich die Eckzähne künstlich verlängern, tranken Tierblut, das sie sich im Schlachthaus besorg ten (was offenbar öfter vorkam, als ich mir vorstellen wollte), und lebten generell wie echte Vampire, nur ohne untot zu sein.

„Dominic und Milos, die Organisatoren des Gothic-Markts, sind Vampire“, antwortete Tanya mit rauer Stimme und starkem Akzent. Sie sprach das Wort „Vampire“ so affektiert aus, dass mir, wie immer, wenn ich so etwas hörte, die Zähne wehtaten.

„Tatsächlich? Ist ja interessant“, sagte ich heiter. „Die beiden scheinen ja sehr geschäftstüchtig zu sein. Ich dachte eigentlich, Vampire müssten kein Geld verdienen, aber vermutlich sind die Preise für schwarze Umhänge und Zahn kronen gestiegen.“

Tanya durchbohrte mich mit einem Blick aus ihren schwarz ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Blind Date mit einem Vampir" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen