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Blutgeschwister – Modrichs zweiter Fall

„Nur Feinde sagen die Wahrheit;
Freunde und ­Liebende lügen unendlich,
gefangen im Netz der Pflicht.“

Stephen King

Prolog

Gestern Vormittag war endlich der nagelneue Messerblock geliefert worden. Wochenlang hatte Felix Modrich auf diesen Moment gewartet. Mit großen Augen hatte er Anfang des Jahres bei dem Kochkurs „Steaks richtig zubereiten“ – ein Geburtstagsgeschenk seiner Doppel­kopfrunde – beobachtet, wie der berühmte Sternekoch Roland Stark Rump-, Hüft- und Filetsteaks mühelos vom Schinkenstück abtrennte. Dass er jahrelang nichts, aber auch gar nichts mit Kochen, Grillen oder sonstigen Küchentätigkeiten am Hut hatte, war einzig und allein seinem Job geschuldet. Felix Modrich hatte aber nicht nur seine vermeintliche Passion unterdrückt, sondern auch sein Privatleben vollends seinem Job untergeordnet. „Anders hätte es auch nicht funktioniert“, murmelte er tonlos, während er im Wartezimmer der Onkologie auf seinen Befund wartete.

Am kommenden Wochenende würde er die neuen Messer zum ersten Mal ausprobieren. Pfingsten stand vor der Tür und die Wetterprognose sagte 25 Grad und zwölf Sonnenstunden voraus. Seine Doppelkopfrunde und er würden einen wunderschönen Tag verbringen.

„Herr Modrich?“ Die junge Ärztin war wirklich bildhübsch und genau sein Typ. Vor dreißig Jahren hätte er sie vermutlich sofort zum Kaffee eingeladen. Er atmete tief ein und aus und folgte ihr in das Sprechzimmer. Doktor Bea Leitner, so hieß die Augenweide, setzte sich und blätterte ein wenig nervös in Modrichs Krankenakte. „Seit wann genau haben Sie diese Beschwerden?“, fragte sie unvermittelt. Modrich hob die Augenbrauen. „Ich nehme doch stark an, dass das in der Akte steht, aber ich sag’s Ihnen gerne noch mal: seit ungefähr drei Monaten.“ Doktor Leitner versteckte ihr hübsches Gesicht hinter der Krankenakte. Die Frage schien ihr tatsächlich peinlich zu sein. „Lassen Sie uns nicht lange um den heißen Brei herum reden, Frau Doktor! Sagen Sie es mir bitte einfach ins Gesicht. Ich bin schließlich keine zwanzig mehr.“ Die Antwort kam prompt und unbarmherzig. „Sie haben, wenn die Behandlungen anschlagen, nicht mehr als zwei Jahre. Wenn’s ungünstig läuft, vielleicht sogar weniger als ein Jahr!“

1

Seit nunmehr dreieinhalb Wochen lag Jan im Koma. Die Erinnerungen an jenen unheilvollen Juniabend erloschen deutlich langsamer, als er es sich gewünscht hätte. Um ihn herum wuselten 24 Stunden am Tag mehrere Ärzte und Schwestern und kontrollierten die Geräte und Schläuche, an denen sein Leben hing. Viel schlimmer aber waren Mannschaftskollegen, Verwandte, Freunde und auch ein paar Personen, die er nicht kannte. Stundenlang standen sie manchmal vor seinem Bett und heulten unentwegt. Gerade so, als sei er bereits tot. Jedes Mal versuchte er, ihnen ein Zeichen zu geben, einen dezenten Hinweis darauf, dass er sie wahrnahm, dass alles halb so schlimm war, dass er kaum Schmerzen verspürte. Aber das war natürlich schwierig, schließlich konnten sie ja nicht ahnen, dass Jan alles haarklein mitbekam.

Die ihm unbekannten Personen mussten Fans sein. Einige von ihnen trugen ein Trikot, einen Schal oder hatten eine Autogrammkarte dabei, auf der er, Jan Kogler, unterschrieben und eine persönliche Widmung hinterlassen hatte. Wer um Himmels willen hatte all diese Leute in sein Krankenzimmer gelassen? Und wo war Vince …?

Apropos Mannschaft: Würde das Team die Qualifikation auch ohne ihn, den besten Goalgetter der abgelaufenen Saison, meistern oder eine weitere Saison im europäischen Fußball-Niemandsland verbringen? Der Gedanke daran machte ihm schwer zu schaffen, gleichzeitig versuchte er wieder einmal, jenen für ihn gleichermaßen bedeutsamen und unheilvollen Abend Revue passieren zu lassen, sich ein Bild zu machen von der Person, die ihn um ein Haar ins Jenseits befördert hatte.

Die Tür zu seinem Krankenzimmer öffnete sich. Den Mann und die Frau, die eintraten, hatte er schon ein paar Mal gesehen. Auch diesmal unterhielten sie sich sehr leise, aber nicht leise genug, sodass Jan das Meiste mithören konnte. „Wir brauchen zwingend seine Zeugenaussage, Guddi“. Guddi konnte nicht ihr richtiger Name sein, dachte Jan, als eben diese einwarf: „Peer, das wissen wir doch nicht erst seit gestern! Warum stellst du das immer wieder aufs Neue fest? Wirst du langsam senil? Jan Kogler ist das erste Opfer, das einen Anschlag des ‚Erlösers‘ überlebt hat. Trotzdem bringt uns das herzlich wenig, solange er im Koma liegt. Das ist der Status quo, seit fast einem Monat, daran wird auch dein ständiges Lamentieren nichts ändern!“ „Er ist ein guter Junge“, flüsterte der Mann, der offenbar Peer hieß. „In spätestens einem halben Jahr hätte er sein erstes Länderspiel gemacht. Genau so einen Stürmer kann unser Team für die EM gebrauchen. Es ist eine Tragödie.“

Jan Kogler war am Abend des ersten Heimspiels der Schwarzgelben verschwunden. Da sein Team am Tag nach dem Heimsieg gegen Berlin trainingsfrei hatte und Jan allein in seiner 5-Zimmer-Penthouse-Wohnung am Phoenix-See lebte, fiel erst 36 Stunden nach dem Spiel auf, dass Jan irgendetwas zugestoßen sein musste. Der Päckchenbote hatte am Montagmorgen vergeblich bei ihm geklingelt und die Lieferung bei Jans Nachbarn, Charly Börning, abgegeben. Charly war seit circa 25 Jahren Besitzer einer Dauerkarte für die Südtribüne, umso stutziger machte es ihn, dass Jan nicht öffnete. Er kannte die täglichen Abläufe seines Nachbarn, irgendetwas war da faul. Er klingelte und hämmerte gegen die Wohnungstür, nichts rührte sich. Er traute dem 21-Jährigen keine Eskapaden zu, dafür war ihm die Karriere zu wichtig. Jan hatte den Absprung vom Landesligateam in Siegen bis in die höchste deutsche Spielklasse geschafft und auf Anhieb einen Stammplatz erkämpft. Er wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn er all das leichtfertig aufs Spiel setzte. Wobei: Man konnte sich nie sicher sein. Die vielen ‚Spielergroupies‘, wie Charly sie nannte, schwirrten um Jan und seine Teamkollegen herum wie die Motten um das Licht. Die meisten von ihnen würden alles, wirklich alles tun, um mit einem der Profis eine Affäre zu haben. Sie erhofften sich dadurch einen deutlichen Push ihrer eigenen Karrieren, auch wenn die einzige Fähigkeit darin bestand, dass die allermeisten von ihnen wirklich ,extrem lecker‘ aussahen, wie Charly abschließend einwarf. Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit geklopft hatte, fragte Charly sich, wer ihm eventuell Auskunft über den Verbleib von Jan Kogler geben könnte. Da fiel ihm ein alter Bekannter ein. Andreas Wiezollek war Spielerberater. Er betreute aktuell zwar keine Bundesligaspieler, kannte aber Hinz und Kunz in der Szene. „Andy, alte Säge, wie isses?“ Charly versuchte, so lässig wie möglich rüberzukommen. Er wusste selber nicht warum, schließlich war der Anlass seines Anrufes ja durchaus ernst. „Charly, bist du das? Ich bin gerade mitten in einem wichtigen Meeting. Kann ich dich in, sagen wir, zwanzig Minuten zurückrufen?“ „Es geht um Jan. Ich glaube, ihm ist was zugestoßen, Andy. Zu Hause scheint er jedenfalls nicht zu sein; keine Ahnung, wie lange ich schon hier stehe und an seine Tür klopfe. Aber mach mal ruhig, vielleicht ist ja alles nur falscher Alarm!“

In diesem Moment kam Piotr Brzenski, der Hausmeister des Apartmentblocks, die Treppe hinauf. „Brzenski, Sie kommen wie gerufen“, jubilierte Charly, „Sie haben doch sicher einen Generalschlüssel, oder? Jan Kogler ist wie vom Erdboden verschwunden … oder haben Sie ihn eventuell gesehen?“ Brzenski sah Charly einigermaßen entgeistert an. „Warum kannst du den Jungen nicht einfach in Ruhe lassen? Wahrscheinlich liegt er irgendwo im Bett mit einer dieser Kurvas und lässt mal richtig Dampf ab! Ist doch noch lange kein Grund, so einen Alarm zu machen und seine Wohnung zu öffnen!“

Charlys Handy klingelte. Es war Wiezollek. „Ich bin kurz aus meinem Meeting raus, Charly. Das ist wirklich mehr als seltsam. Normalerweise hätte Jan sich längst beim Trainerstab melden sollen. Trainingsfrei war gestern, heute war für zehn Uhr eine 90-minütige Ausdauereinheit angesetzt. Und ich habe gerade noch mit Paolo gesprochen. Die beiden sind ja nicht nur auf dem Spielfeld unzertrennlich. Paolo hat seit dem Duschen am Samstag nichts von Jan gehört.“ „Von wegen ‚im Bett mit einer dieser Kurvas‘“, schrie Charly dem Hausmeister ins Gesicht, „ich geh jetzt zur Polizei und melde ihn als vermisst. Ihm ist irgendetwas Schlimmes passiert. Da geh ich jede Wette ein!“

Ein Bauer hatte den leblosen Körper Jan Koglers in der Jauchegrube seines Hofes gefunden. Als Charly die Polizeiwache stürmte, waren zwei Streifenwagen und ein Notarzt auf dem Weg nach Dortmund-Lichtendorf, wo Jan Kogler mit durchtrennten Achillessehnen buchstäblich in der Scheiße steckte und nur knapp dem Tod von der Schippe gesprungen war. Die Wiederbelebungsmaßnahmen, die der Notarzt einleitete, waren nur bedingt von Erfolg gekrönt. Jans Körper war mit Hämatomen übersät, der Täter hatte Jans Kopf kahl geschoren, ihn komplett entkleidet und mit roter Farbe das Wort SCHULDIG auf seinen Bauch geschrieben. Wie lange Jan in der Jauchegrube gelegen hatte, konnte der Arzt nicht präzise sagen, Fakt war jedoch, dass er nur wenig später tot gewesen wäre. Die mangelnde Sauerstoffzufuhr hatte dazu geführt, dass sich Jan Kogler in einem akut lebensbedrohlichen Zustand befand. Er würde nie wieder Fußball spielen können, das stand so gut wie fest.

Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich. Dr. Dorothea Heinemann, eine der besten Neurochirurginnen des Landes, betrat das Zimmer und bemerkte Peers und Guddis besorgte Mienen.

„Manchmal“, so Dr. Heinemann, „entwickeln Komapatienten einen stärkeren Überlebenswillen als Patienten, die noch bei Bewusstsein sind. Das sieht man ihnen verständlicherweise nicht an, aber Studien aus den USA belegen das.“ Peers Antwort kam prompt. „Sie müssen uns keinen Sand in die Augen streuen, Frau Doktor. Aber ich sage Ihnen, warum ich glaube, dass der Mann da irgendwann wieder zu sich kommen wird: Er trägt die richtigen Farben!“ Guddi verdrehte die Augen, während Dr. Heinemann versuchte, ihre Geringschätzung gegenüber Peers gefährlichem Halbwissen charmant zu überspielen. „Würde er für die Blauen spielen, gäbe es kein Erwachen aus diesem Zustand? Ist es das, was du sagen willst, Peer?“ Guddi hatte eine völlig andere Theorie. „Er wird leben, weil er die Nationalmannschaft im nächsten Jahr zum Titel schießen wird. Und dann ist es völlig wurscht, welche Farben er trägt. Aber ich sag dir noch was anderes: Jan Kogler hat vermutlich seinen Peiniger gesehen und ist noch am Leben. Solange das der Fall ist, wird der Täter versuchen, ihn endgültig ins Jenseits zu befördern. Dass er die Jauchegrube überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass er uns zum Täter führen wird. Wir müssen ihn schützen, indem wir ihn töten …!“ Dr. Heinemann bekam Schnappatmung und setzte an zu protestieren, als Peer sie sanft in den Arm nahm und auf einen der beiden Stühle in Jan Koglers Krankenzimmer drückte. „Sehen Sie es meiner Kollegin bitte nach, Frau Doktor. Die letzten Monate haben offenbar an ihren Nerven gezerrt. Aber seien Sie unbesorgt: Niemand will Jan Kogler töten – also jedenfalls keiner von uns beiden!“ Peers schiefes Lächeln vermochte Frau Dr. Heinemann nicht wirklich zu beruhigen. „Ich muss jetzt los, zur nächsten Visite. Bitte halten Sie sich nicht mehr allzu lange hier auf. Der Patient braucht nach wie vor Ruhe!“

Behutsam, aber doch mit Nachdruck, schob Modrich seine Kollegin aus dem Krankenzimmer. Peer verstand sehr wohl, was Guddi gemeint hatte. Sie hielt es für keine schlechte Idee, Jan Kogler offiziell sterben zu lassen. Immerhin konnten sie davon ausgehen, dass der Täter, wo auch immer er sich befand, den Presserummel mitbekam. Die Meldung vom Tod Jan Koglers würde dann, in Guddis idealer Welt, den Täter in Sicherheit wiegen und aus seiner Deckung locken. Aber Peer war überzeugt, dass genau das der falsche Weg war und die Dinge noch weiter verschlimmern würde. „Ist dir eigentlich klar“, zischte er Guddi an, „was hier los ist, wenn wir ihn sterben lassen? Die Presse wird das ausschlachten, seine Fans werden das Krankenhaus so lange belagern, bis sie einen Beweis für seinen Tod geliefert bekommen. Und ich würde meine Hand auch nicht dafür ins Feuer legen, dass bei seinem Verein alle diskret mit so einer heiklen Angelegenheit umgehen können. Da muss nur einer anfangen zu plaudern, und schon bricht unser ganzes Kartenhaus zusammen. Glaub mir, du kriegst für so eine Aktion einfach keine hundertprozentige Rückendeckung von den entscheidenden Stellen. Vergiss das also ganz schnell. Wir werden ihn rund um die Uhr bewachen lassen. Mach dir keine übermäßigen Sorgen!“ Guddi wollte widersprechen, aber Peer gab ihr zu verstehen, dass es keinen Sinn machen würde und schob sie noch einen Deut kräftiger Richtung Ausgang.

2

Die endlosen Weiten der Danakil-Wüste lagen vor ihr. Joe Sanderson blickte voller Ehrfurcht in Richtung Horizont, wo langsam die Sonne glutrot unterging. Die letzten Monate waren hart, aber sie hatte es geschafft. ‚Queen of Kath‘ wurde sie überall genannt. Ihr Ruf hatte sich in jeder Bevölkerungsschicht des armen Landes durchgesetzt und dafür gesorgt, dass man in Äthiopien vor kaum jemandem größeren Respekt hatte als vor Joe Sanderson. Ein fein verästeltes Netzwerk aus Informanten, geschmierten Politikern und Industriellen, die alle ein großes Stück vom Kath-Kuchen abbekamen. Joe wusste, wie sie ihre Kunden und ihre Hintermänner bei Laune halten musste. Darüber hinaus hatte Joe sie alle in der Hand: Ihre Sucht nach Kath war größer als die Angst, von der Justiz des Landes entdeckt zu werden. Und selbst dort hatte Joe an den entscheidenden Stellen ihre Verbündeten.

Leicht angewidert beobachtete sie, wie Senait, ihr Fahrer, eine weitere Portion Kath in den Mund warf und eifrig begann, darauf herumzukauen. „Schmeckt’s?“ Senait hob den Daumen und grinste zufrieden. Joe musste ein Lachen unterdrücken. Wie einfach in diesem Land doch alles war. Die Einheimischen waren extrem leicht beeinflussbar und unfassbar naiv. Eigentlich schade, dass sie ihre Karriere als Popstar nicht längst ad acta gelegt hatte. Hier in Ogolcho gab es keinerlei Probleme. Obwohl: Das mit dem Mädchen stellte sich immer deutlicher als eines dar. Die Kleine war süß, konnte Dinge im Bett, die kein Mann drauf hatte. Aber mit Kath kam sie leider nicht klar. Es war tragisch.

Sechs Wochen später, gegen Endes eines ungewöhnlich kalten und verregneten Wonnemonats Mai, machte Joe Sanderson die letzten Gesangs-Warm-ups. Noch dreißig Minuten bis zum Auftritt. Joe zog sich in ihre Garderobe zurück und legte los. Sie holte tief Luft und ließ diese langsam und kontrolliert wieder durch ihre leicht zusammengepressten Lippen ausströmen. Dabei entwich ihr ein sehr hoher Ton, den sie im Verlauf der Übung immer tiefer werden ließ. Das Ganze klang ein wenig wie eine Sirene, der man langsam den Saft abdrehte. Joe kam sich dabei immer noch ziemlich dämlich vor, sie wusste aber, dass ihre Stimme es ihr danken würde, wenn sie gleich zum Finale ihrer umjubelten Comeback-Tour auf die Bühne gehen würde. Das Programm ihres Abschlusskonzerts hatte es in sich: Zweieinhalb Stunden Vollgas würden sie und ihre Band geben, niemand sollte ihr jemals nachsagen können, sie hätte nicht alles aus sich herausgeholt. Joe Sanderson war nach der Trennung von ihrer Stammband zweifellos auf einem neuen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Viele, und davon wusste Joe natürlich, gönnten ihr diesen Erfolg nicht. Für die Fans von früher war der Erfolg von Joe Sanderson unweigerlich mit ihrer Band Crusade verknüpft. Allen voran Gitarrist Daniel LaBoitte hatte, so die landläufige Meinung, maßgeblichen Anteil daran, dass Crusade innerhalb von fünfeinhalb Jahren vom Geheimtipp aus der irischen Provinz zum europaweiten Megaseller geworden war. Drei Studioalben und eine Live-DVD hatten Crusade in dieser Zeit herausgebracht, mehr als sechs Millionen Exemplare hatten sie allein vom zweiten Album Weekends verkauft. Die Singles der Band, vor allem Risky Business, liefen in den Radios Europas rauf und runter. Es gab wenige Anzeichen dafür, dass diese Band jemals auseinandergehen sollte. Immerhin waren sie schon Jahre vor ihrem Durchbruch zusammen und hatten viele magere Zeiten erlebt. So etwas schweißt gemeinhin zusammen.

Ende 2013, beim Abschlusskonzert ihrer Europatournee in Dublin, platzte dann die Bombe: Joe Sanderson verlässt Crusade, um sich ihrer Solokarriere zu widmen! Die Bekanntgabe vollzog Joe nur 45 Minuten nach der letzten Zugabe in einer eigens anberaumten Pressekonferenz in den Katakomben der Dubliner Arena. Niemand, nicht einmal ihre Band, ahnte etwas, als Joe Sanderson sich in kurzen, sehr emotionslosen Sätzen von Crusade verabschiedete und ihren Fans für die Treue dankte, die, so hoffte sie, auch für die Zeit danach anhalten möge. Daniel LaBoitte musste von zwei Security-Helfern zurückgehalten werden, um nicht auf Joe loszugehen und sie windelweich zu schlagen. „Du dämliche Bitch, was fällt dir überhaupt ein? Häh? Wenn ich dich erwische, prügle ich dir das Hirn aus dem Schädel und wisch damit den Boden vor dem Puff, in dem du früher gearbeitet hast!“

In dieser Nacht trank Daniel LaBoitte sich buchstäblich ins Jenseits. Die Ärzte, die herbeigerufen wurden, konnten nichts mehr für ihn tun. Seine letzte Mahlzeit waren drei Flaschen Wodka und zwei Dutzend Schmerztabletten. Bei seiner Beerdigung hielten Fans Transparente hoch, auf denen „May she rot in hell“ und ähnliche Nettigkeiten standen.

Joe Sanderson hatte sich ein halbes Jahr zurückgezogen. Sie lebte abgeschirmt von der Außenwelt, quasi wie in einem Zeugenschutzprogramm, in einem kleinen Ort im Hochschwarzwald, wo sie definitiv niemand vermutete. Sie genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit und die abendlichen Spaziergänge entlang der Dreisam. Sie verzichtete komplett auf jedwede Motorisierung, sondern legte sämtliche Strecken entweder zu Fuß oder mit dem Mountainbike zurück. Wenn sie dann abends in die Idylle von Hofsgrund, ihrem Refugium, zurückkehrte, bekam sie regelrechte Kreativitätsschübe. Innerhalb von nur wenigen Tagen schrieb sie alle zwölf Songs ihres ersten Soloalbums. Die benachbarte Scheune hatte ein Freund für sie in ein kleines, aber feines Homestudio umgebaut, wo Joe die neuen Songs direkt in ein Soundgewand kleiden konnte.

Seit frühester Jugend beherrschte sie sieben Instrumente, das mit der Singerei hatte sie erst mit Anfang zwanzig begonnen, obwohl es Joe niemals danach gelüstete, im Rampenlicht zu stehen. Als ihre Mutter damals jedoch zum ersten Mal ihre Gesangsstimme hörte, war das Rampenlicht nur noch eine Frage der Zeit. Rita Sanderson kaufte zwei Flugtickets nach London und schleifte ihre Tochter in die Zentrale von New Horizons, einer der größten Konzertagenturen weltweit. Mit Harry Lamar, dem mittlerweile greisen Chef, hatte Rita vor über 25 Jahren mal einen One-Night-Stand nach einem Gig von The Who. Rita wollte unbedingt Roger Daltrey kennenlernen, landete über Umwege bei Harry, der ihr allerhand versprach, nichts davon hielt, sie aber zur Belohnung trotzdem abfüllte und mit ins Hotel nahm.

Die Zeit war gekommen, dass Harry ihr den Blowjob von damals endlich bezahlte. Und obwohl Harry Lamar an diesem Tag deutlich Wichtigeres zu tun hatte, als einem vermeintlich talentierten irischen Mädchen beim Singen zuzuhören, ließ er Rita und Joe nicht lange warten und bat sie in sein Büro. „Rita, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich seit jener Nacht begehre …?“ Rita knuffte Harry kräftig in die Seite, sodass sein letztes Wort nur geröchelt daherkam. Sie zog ihn sanft, aber bestimmt zu sich und flüsterte in sein Ohr: „Harry, ich bin nicht hier, um mit dir über unser Schäferstündchen zu sprechen, alles klar? Meine Tochter wird dir jetzt was vorsingen, und ich möchte, dass du ihr zuhörst. Comprende?“ Harry nickte behäbig und ließ sich in seinen Sessel plumpsen. Joe nahm die Akustikgitarre, die in Harrys Büro in der Ecke stand, stimmte sie kurz und legte los. Keine fünf Minuten später hatte Harry Lamar bereits die erste Europatour von Joe Sanderson im Kopf geroutet. „Joe, mein Kind, du bist wirklich gesegnet, weißt du das? Ich mache den Job jetzt über vierzig Jahre und war bereits ein paar Mal kurz davor, die Brocken hinzuschmeißen und dem Business den Rücken zu kehren.“ Harrys Augen begannen zu glänzen. „Es gibt jedoch immer wieder Momente wie diesen hier und besondere Menschen, die mich umstimmen, die mir zeigen, wie besonders und erfüllend mein Leben als Konzertagent immer noch ist. Du wirst die Welt im Sturm erobern. Deine Stimme und deine Ausstrahlung sind einfach magisch. Lass mich dir bei deinem Weg an die Spitze des Rockolymps helfen. Mit mir wirst du ihn schneller erreichen als mit allen anderen, das verspreche ich dir!“

Joe sah Harry etwas hämisch an: „Aber ohne dich wird’s auch gehen, richtig?“ „Ja, schon“, entgegnete Harry zögerlich, „aber du bist zu unerfahren, um …“ „Genug gehört, genug gesehen. Mum, Harry, nicht böse sein, aber ich will meinen eigenen Weg gehen. Danke, dass ihr mir zugehört habt!“ Sie verließ das Büro von Harry Lamar, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das hysterische Geschrei Ritas war bis auf die Oxford Street zu hören, aber es half nichts: Von nun an sollte Joe Sanderson ihr Leben und ihre Karriere selbst in die Hand nehmen.

Als allerletzte Zugabe durfte natürlich Risky Business nicht fehlen. Bereits bei den ersten Akkorden rastete die Menge in der ausverkauften Dortmunder Westfalenhalle total aus. Dort standen tatsächlich 12.000 Menschen, die Joe die unerwartete Trennung von Crusade verziehen hatten. In Berlin, München und Hamburg war das ganz ähnlich abgelaufen. Vereinzelte Transparente waren dennoch zu sehen, auf denen ein paar Hardcore-Fans von Crusade ihr ein unheilbares Krebsgeschwür wünschten, aber damit war zu rechnen, damit kam sie klar.

Nun schwebte sie im siebten Himmel, ihre Euphorie kannte keine Grenzen. Joe Sanderson hatte es allen Unkenrufen zum Trotz geschafft, ihr eigenes musikalisches Ding durchzuziehen, also anders zu klingen und trotzdem den Großteil der Crusade-Fans bei der Stange zu halten. Nach dem letzten Chorus ließ ihre Band noch einmal alles raus, weiß-blauer Nebel waberte über den Bühnenboden, der Lichttechniker zauberte LED-Blitze im Sekundentakt, die letzten Pyros wurden gezündet, einfach alles schien in Ekstase zu versinken.

Nur einen Wimpernschlag später lag Joe Sanderson leblos vor dem Drumpodest, aus ihrer Kehle rann das Blut flutartig auf den Bühnenboden. Die uneingeschränkte Verzückung wich blanker Panik, sowohl das Publikum, aber auch die Band wussten für einen kurzen Moment nicht, ob das, was sie da sahen, real war. Mike Martin, Joes neuer Drummer, schoss hinter seinem Podest hervor und beugte sich als Erster zu Joe Sanderson herunter. Als er wieder aufsah, stand der pure Schock in seinen Augen. Der Videobeamer übertrug diesen Gesichtsausdruck auf die Großleinwände links und rechts von der Bühne, im nächsten Moment kreischten 12.000 Menschen ohrenbetäubend. Die herbeieilenden Sanitäter konnten für Joe nichts mehr tun. Eine 9mm-Kugel hatte ihre Halsschlagader sauber durchtrennt, innerhalb weniger Sekunden war sie einfach verblutet. Sie wurde in eine Decke gehüllt und auf einer Trage hinter die Bühne geschafft. Die verzweifelten Wiederbelebungsmaßnahmen der Sanitäter mussten nach knapp drei Minuten eingestellt werden, Joe hörte einfach nicht auf zu bluten.

In der Halle waren circa zwei Dutzend Fans kollabiert, außerdem gab es Unzählige, die nicht aufhören konnten zu schreien. Die Hysterie war greifbar, der Veranstalter musste mehr Sanitätspersonal und Ärzte aus den umliegenden Kliniken rufen, damit die betroffenen Menschen behandelt werden konnten und die Panik nicht weiter um sich griff. Noch verstand niemand, was eigentlich genau passiert war. Niemand hatte einen Schuss gehört, nur die Musiker und Leute hinter der Bühne wussten um den Zustand von Joe. Das Publikum hatte bloß mitbekommen, dass sie gestürzt und von der Bühne getragen worden war. Einige drängten deshalb nach vorn zum Bühnenrand und riefen nach ihr. Nur mit Mühe konnte die Security verhindern, dass sie backstage gelangten. Es war ein einziges Chaos, das sich draußen vor der Halle fortsetzte, weil viele Fans völlig aufgelöst davonliefen und es nicht einmal mitbekamen, wenn sie eine Straße überquerten.

Die junge Frau, die den ersten Notruf bei der Polizei absetzte, stand unter Schock und brachte lediglich gestammelte Sätze heraus. Dass jedoch irgendetwas höchst Dramatisches passiert sein musste, war nicht zu verleugnen. Etwa fünfzehn Minuten später trafen die ersten Streifenwagen an der Halle ein. Ein Absperren des Tatorts war mehr als schwierig, weil immer noch zahllose Fans vor und teilweise auch auf der Bühne lagen und ihrer Trauer freien Lauf ließen.

„Wer ist denn heute hier aufgetreten? Michael Jackson?“ Polizeiobermeister Kai Leitner zuckte hilflos mit den Schultern, wusste er doch wirklich überhaupt nicht, wo er anfangen sollte. „Lass uns bitte schnell die Bühne absperren und den Leichnam inspizieren“, schlug Lars Kruschek, sein Kollege und Vorgesetzter, vor. „Jetzt bloß keine Fehler machen. Wenn ein Promi umkommt, zerreißt die Pressemeute doch immer als Erstes die Sicherheitskräfte, die den Tod nicht verhindern konnten. Fakten zählen da wenig bis nichts. Wenn es sich um ein Gewaltverbrechen handelt, rufen wir sofort die Kollegen von der Mordkommission, das ist ’ne Nummer zu groß für uns! Und jetzt komm mit, hilf mir und versuch, so wenig Schaden wie möglich anzurichten!“ Leitner unterdrückte ein Gähnen und stapfte seinem Kollegen hinterher.

Man hatte Joe Sanderson in ihrer Garderobe auf eine Couch gelegt und mit einem Laken bedeckt. Ihr Gesicht war weiß wie die Wand, so viel Blut hatte sie innerhalb kürzester Zeit verloren. Kruschek zog nur kurz das Laken zur Seite, betrachtete die Schusswunde unter dem linken Ohr der Sängerin und gab seinem Kollegen zu verstehen, dass hier nun schnellstens die Mordkommission gerufen werden musste. „Frag bitte direkt nach Kommissar Modrich. Peer Modrich. Der Typ ist wirklich gut, ein bisschen durchgeknallt, aber ein brillanter Kriminalist. Wenn du den nicht bekommst, brauchen wir zumindest seine Partnerin hier, Gudrun Faltermeyer. Und jetzt gib Gas, ich halte hier solange die Stellung.“

Kruschek wischte sich mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Er war langsam echt zu alt für den Scheiß. Noch knapp achtzehn Monate, dann würde er in Pension gehen und mit seiner Frau und seinem Hund nach Norwegen ziehen. Sehnsüchtig blickte er aus dem schmalen Fenster.

3

Es waren noch 3,5 Kilometer bis zum Ziel. Langsam, aber sicher bemerkte Peer, dass er an seine Grenzen kam. Dabei hatte er sich mit voller Absicht bei diesem Lauf angemeldet. Einer der wenigen Halbmarathons, die abends stattfanden. Die Strecke um den Dortmunder Phönix-See war dafür wie gemalt, die hohen Laternen spendeten ein angenehmes Licht. Allerdings hatte das Wetter nicht mitspielen wollen. 25 Grad bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit. ‚Ein Hoch auf den Klimawandel‘, dachte Peer, als er plötzlich ein fieses Zwicken in seiner linken Wade spürte. Der Muskel schien nun endgültig zuzumachen. Die wenigen Male, die Peer von einem Wadenkrampf heimgesucht wurde, fanden alle mitten in der Nacht statt. Ein harmloses Drehen im Bett von links nach rechts, dann dieses unaufhaltsame Ziehen, das sich erst zu einem beißenden, dann reißenden Schmerz entwickelte, bis Peer der Schrei förmlich auf den Lippen saß. In solch einem Moment hielt er kurz die Luft an, wartete, bis das schlimmste Reißen überstanden war, um dann wieder langsam auszuatmen und die Wade durch das behutsame Hochziehen des Fußes zu dehnen. Es war eine echte Wohltat, wenn der Schmerz nachließ. Allerdings spürte Peer noch Tage später das Ziehen in der Wade und ging ein wenig unrund. Beim Laufen oder gar in einem Wettkampf war ihm das noch nie passiert. Jetzt aber bahnte sich die Premiere an. Und das, obwohl er sich wirklich vorbildlich auf diesen Halbmarathon vorbereitet hatte. Peer hatte den Vorgaben seines Laufprogramms minutiös Folge geleistet, Läufe mit hoher und geringer Intensität wohl dosiert und kurze Tempoläufe ebenso eingestreut wie Steigungen. Dabei war sein Puls immer im aeroben Bereich geblieben. Kurzum: Er war fit wie seit Jahren nicht mehr und drohte nun dennoch schlappzumachen.

Die Anfeuerungen der Zuschauer an der Strecke nahm er nur noch gedämpft wahr, er versuchte vielmehr, seine Gedanken in andere Bahnen zu lenken. Wenn er jetzt ständig ,Bloß kein Krampf, bloß kein Krampf‘ dachte, würde er schneller schreiend zu Boden gehen, als es ihm lieb war. Es waren keine drei Kilometer mehr. Karl Resslers Gesicht, seine letzte hässliche Fratze, bevor er starb, war das, was Peer nun auf der Strecke hielt. Er hatte seinen bislang härtesten Fall gelöst, warum sollte ein läppischer Wadenkrampf ihn ausgerechnet jetzt aus der Bahn werfen können? Hatte er gerade wieder das Wort ,Wadenkrampf‘ gedacht? Verdammt, schon war dieses unangenehme Ziehen wieder da, nur diesmal wollte es nicht mehr verschwinden. Peer biss die Zähne zusammen, als sein Handy klingelte, das er zur Zeitmessung an seinem linken Oberarm befestigt hatte. Warum er sich für die Titelmelodie aus Die Straßen von San Francisco als Klingelton entschieden hatte, wusste er nicht, in diesem Moment war es ihm allerdings ziemlich peinlich, weil natürlich alle um ihn herum mitbekamen, wie er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Knie sank, sogleich aber sein Handy aus der Halterung nahm und das Telefonat mit einem „Auahallo“ entgegennahm. „Wer ist da? Was, woher zum Teufel haben Sie meine Nummer?“ Peer saß wie ein begossener Pudel auf dem Boden und beobachtete die unregelmäßigen Zuckungen in seiner linken Wade. Plötzlich musste er lachen. „Kommissar Modrich, sind Sie noch dran? Hallo?“ Modrich hatte Tränen in den Augen, sein Lachanfall wollte und wollte nicht aufhören. Kopfschüttelnd liefen die letzten Läufer an ihm vorbei, selbst die 72-jährige Dame, die als älteste Teilnehmerin bereits vor dem Lauf geehrt worden war. Modrich starrte unentwegt auf seine Wade, die mittlerweile nicht mehr zuckte, sondern wie verrückt kribbelte – der Wadenkrampf schien sich zu verabschieden. Langsam sammelte Peer sich wieder, konnte es aber weiterhin nicht fassen: „Leichner – oder wie Sie auch immer heißen – Sie wagen es, mich kurz vor dem Ziel meines Halbmarathons anzurufen? Wissen Sie, was ich mit Ihnen mache, wenn ich Sie zwischen die Finger kriege? Und wer zum Teufel hat Ihnen meine Handynummer gegeben?“ „Das war Ihr Chef!“, kam es zurück. „Es gibt einen Mord im Musikbusiness. Sagt Ihnen der Name Joe Sanderson etwas?“,Heppner, dieses qualmende Stück Hundescheiße‘, dachte Peer. Es war an der Zeit, diesem Korinthenkacker eine Lektion zu erteilen. „Joe Sanderson? Sagten Sie gerade wirklich Joe Sanderson? Was ist mit ihr?“ „Sie ist das Mordopfer, Kommissar Modrich. Das ist es ja, was ich Ihnen bereits die ganze Zeit erzählen wollte. Sie wurde während eines Auftritts erschossen!“ Modrich versuchte aufzustehen. Der Wadenkrampf hatte allerdings noch nicht ganz aufgegeben, er war sogar zu neuem Leben erwacht. Peer zog sein linkes Bein hinter sich her wie ein Kriegsversehrter und hielt dabei sein Handy an sein vom Schweiß getränktes Ohr. „Joe Sanderson ist tot? In der Westfalenhalle? Also während eines Auftritts? Wow! Gut, ich beeile mich. Rufen Sie bitte noch mal im Dezernat an und verlangen nach Gudrun Faltermayer. Die soll mich doch netterweise in einer halben Stunde zu Hause abholen. Danke!“

Die Blicke der verbliebenen Zuschauer hafteten auf Peer. Alle anderen Teilnehmer hatten wohlbehalten das Ziel erreicht, offenbar wollte man den armen Kerl mit dem Wadenkrampf doch noch dazu ermuntern, die letzten Meter zu überstehen. Rhythmisch fingen die Leute an zu klatschen, im Dunkeln waren sie kaum noch zu sehen. Plötzlich bekam Peer die zweite Luft und lief langsam los. Nach nicht einmal hundert Metern war das flaue Gefühl in der Wade vollends verflogen, sodass Peer dem Ziel zwar als Letzter, aber dennoch glücklich entgegensteuerte. Joe Sanderson war wichtig, diesen Halbmarathon zu beenden war Peer Modrich in diesem Moment jedoch wichtiger.

„Wie siehst du denn schon wieder aus?“ Guddis Blick war zugleich amüsiert und angeekelt. Peer hatte zwar geduscht, die Zeit, sich optisch wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen, hatte er allerdings nicht gehabt. Als er Guddi die Tür öffnete, trug er lediglich eine frische Unterhose und ein Paar graue Socken, die ursprünglich mal weiß waren und aus deren Vorderseite die viel zu langen Nägel von Peers Großzehen herauslugten. „Igitt“, war Guddis spontaner Kommentar beim Anblick ihres Kollegen. „Gib mir bitte zwei Minuten. Muss nur noch frische Klamotten anziehen und die Zähne putzen!“ „Denk vielleicht besser über eine gute Gesichtscreme nach. Du siehst aus wie nach ’nem Schlaganfall … ach ja, und wie lange haben deine Fußnägel keine Schere mehr gesehen?“ „Ich hab dich auch lieb“, schallte es aus dem Badezimmer zurück. „Hast du schon genauere Infos zur Tat?“ Guddi hob die Augenbrauen. Das war wieder so typisch! Vor gerade mal ein paar Minuten war sie über den Mord an Joe Sanderson informiert worden. Wie um alles in der Welt sollte sie bis jetzt neue Erkenntnisse gesammelt haben? Manchmal machte sie sich Sorgen um ihren Kollegen. Sie ertappte sich sogar dabei, dass sie sich den alten, ständig verkaterten und von Morbus Meulengracht zerschundenen Peer Modrich zurückwünschte. Seit er dem Fitnesswahn verfallen war und ihm seine Lauf-App mehr bedeutete als ein feuchtfröhlicher Abend mit seinen Freunden oder Kollegen, war Peer Modrich schon etwas seltsam geworden. Das Sprichwort ‚Mens sana in corpore sano‘ traf auf Peer definitiv nicht zu. Er las Bücher über Low-Carb-Ernährung, stellte sich zweimal täglich auf die Digitalwaage, machte um Gesottenes und Gebratenes einen Riesenbogen und hörte plötzlich Musik von Element of Crime und Rio Reiser. Was war da los?

„Und? Hast du oder hast du nicht?“ Peer tänzelte die Treppe hinunter, in der rechten Hand seine Sneaker, in der linken einen Kamm, mit dem er sich unbeholfen die frisch geföhnten Haare frisierte. „Wenn du mich fragst, wird die Suche nach dem Täter extrem langwierig sein. Ich kenne allein in meinem Bekanntenkreis mindestens ein halbes Dutzend Leute, die Joe Sanderson die Trennung von Crusade nie verziehen haben und ihr die Beulenpest an den Leib wünschten. Und unter uns: So gut sie bei Crusade war, so belanglos sind ihre Songs seit Beginn ihrer Solokarriere geworden. Oder was meinst du?“ „Lass uns bitte im Auto weiterquatschen, Peer“, entgegnete Guddi etwas gequält, „die Kollegen von der Spurensicherung sind bereits in der Halle, alle warten nur noch auf uns. Und nein: Es gibt bislang noch keine neuen Erkenntnisse. Der Täter scheint nach dem tödlichen Schuss in der Menschenmenge aufgegangen zu sein und die Panik ausgenutzt zu haben, um das Weite zu suchen. Liegt ja auch nahe.“

4

Wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hatte, war Joe Sanderson auf der Bühne in sich zusammengesunken. Das Kapitel war nun abgeschlossen. Ein für alle Mal. Er hatte seine Schwester gerächt, so wie sie es sich vor langer Zeit geschworen hatten. Er zitterte noch immer am ganzen Leib. Es war sein erster Mord. Es war sogar seine erste Straftat. Es gab nichts zu bereuen, sie hatte es verdient. Das Chaos nach dem Schuss hatte es ihm, wie geplant, leicht gemacht zu verschwinden. Während er nun, im Schutze der Dunkelheit, dasaß und eine Zigarette rauchte, hoffte er, dass seine Schwester ihre Rolle überzeugend spielen und die ­Bullen auf eine falsche Fährte locken würde.

5

Vor der Halle herrschte das reinste Chaos. In Tränen aufgelöste Fans von Joe Sanderson redeten wild gestikulierend auf Polizei- und Sicherheitskräfte ein. Sie hätten schließlich ein Recht darauf, zu erfahren, was mit ihrem Idol passiert war. Nur sehr langsam bahnten sich Guddi und Peer den Weg durch die aufgebrachte Menge. Als Guddi den Motor ausschaltete, polterten einige weibliche Fans mit den Fäusten auf die Motorhaube. Dabei blickten sie derartig entrückt, dass Peer und Guddi sich in einer Szene von Ein Zombie hing am Glockenseil wähnten.

„Meine Fresse, gleich knallt’s! Finger weg von der Karre!“ Peer war außer sich. Guddi musste ihn zurückhalten, er wäre sonst sicherlich ausgestiegen und hätte sich einen antiken Faustkampf mit diesen wild gewordenen Furien geliefert. „So sehr scheinst du dich dann doch nicht geändert zu haben“, bemerkte Guddi süffisant. „Lass uns jetzt ganz ruhig aussteigen und diese Hyänen einfach ignorieren, ja? Da drin wartet Arbeit auf uns und wir werden bei diesem Mord nicht so viel Zeit bekommen wie bei einem ,herkömmlichen‘.“ „Was meinst du damit, dass ich mich doch nicht geändert habe? Ach scheiß drauf, hast recht. Langsam wird mir allerdings klar, warum Joe Sanderson so einen gewaltigen Erfolg hatte!“ Guddis Gesicht verwandelte sich in Sekundenschnelle. Mit zusammengekniffenen Augen und emporgerecktem Kinn drehte sie sich zu Peer und spuckte ihm ein „Ich höre“ entgegen. „Och bitte! Im Ernst? Du etwa auch?“ Peer wandelte am Ohrfeigenbaum, das stand außer Frage. Dass seine Partnerin, die sonst eine so toughe, mit messerscharfem Verstand ausgestattete Frau war, ausgerechnet auf den Weichspülpop einer Joe Sanderson stehen sollte, war ihm nicht nur vollends entgangen, er hätte es vermutlich auch ignoriert, hätte er davon gewusst. „Okay, sorry, ich wollte dich nicht verletzen. Guddi, seit wann …?“ „Schon immer. Wirklich. Sie ist meine Heldin, seit den ersten Tagen bei Crusade. Dass du und andere Kollegen sie die irische Variante von Helene Fischer titulieren, geht mir definitiv gegen den Strich, das kannst du mir glauben. Aber lassen wir das jetzt. Wir müssen ermitteln. Wenn wir das Schwein erwischen, das das hier getan hat, werde ich ihn höchstpersönlich verhören.“ „Woher willst du wissen, dass es ein Mann war?“ Guddi sah Peer mit einem geringschätzigen Blick an. „Eine Frau würde so etwas nie tun. Nie! Joe Sanderson hat mit ihren Texten so vielen Frauen aus der Seele gesprochen. Sie war das Sinnbild der modernen, starken Selfmade-Frau. Ich meine, sie hat sich von all der unsachlichen Kritik nach der Trennung von Crusade nie beirren lassen. Sie hat selber nie schlecht über ihre alte Band geredet, im Gegenteil! Versteh mich nicht falsch: Sie war und ist sicher keine Heilige. Aber ihr Beitrag für die moderne Popmusik ist immens und wird vermutlich erst in ein paar Jahren wirklich gewürdigt werden!“

Peer Modrich war selten sprachlos. Jetzt war der Moment gekommen. Offenbar kannte er seine Kollegin nicht so gut, wie er gedacht hatte. Für Guddi war mit dem Mord an Joe Sanderson eine Welt zusammengebrochen. Ab sofort musste er sich mit beißenden Kommentaren über Joe Sanderson, aber auch über andere Bands und Künstler definitiv zurückhalten, wenn er sich weiterhin auf die bedingungslose Zuverlässigkeit von Gudrun Faltermeyer verlassen wollte. Klingt unprofessionell, war es auch. Joe Sanderson war in ihrer Trivialität kaum zu toppen. Und singen konnte sie auch nicht wirklich. ‚Schluss jetzt‘, dachte Peer. Diese talentfreie Person war sein nächster Fall geworden. Der Mord an ihr war niederträchtig, der Täter hatte die Öffentlichkeit gesucht und dabei weitere Opfer riskiert. Nicht auszudenken, wenn eine noch größere Panik ausgebrochen wäre.

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