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Blutiger Schnitt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. KAPITEL 1
  7. KAPITEL 2
  8. KAPITEL 3
  9. KAPITEL 4
  10. KAPITEL 5
  11. KAPITEL 6
  12. KAPITEL 7
  13. KAPITEL 8
  14. KAPITEL 9
  15. KAPITEL 10
  16. KAPITEL 11
  17. KAPITEL 12
  18. KAPITEL 13
  19. KAPITEL 14
  20. KAPITEL 15
  21. Leseprobe

Über dieses Buch

Nach einer Routineuntersuchung eines Glasgower Sandwichshops schlägt die Behörde für Lebensmittelaufsicht Alarm. In einem der Burger wurde Menschenfleisch gefunden. DI Aliya Pereira und ihr Kollege DS Marc Bain beginnen zu ermitteln und finden heraus, dass es sich dabei um den vermissten Kleinkriminellen Kevin Moyes handelt. Als die Presse davon Wind bekommt, lässt der Skandal nicht lange auf sich warten. Die Ermittlungen führen Pereira und Bain in die Glasgower Unterwelt und bald stellt sich heraus, dass das Werk des Schlächters noch nicht beendet ist …

Über den Autor

Douglas Lindsay wurde 1964 in Schottland geboren. Es regnete. Seit den späten 90ern veröffentlicht er diverse Krimis und Thriller; bekannt wurde er mit der Barney Thomson Reihe über den ungeschicktesten Friseur und Serienmörder Schottlands. Douglas Lindsay lebt mit seiner Familie in Südengland.

KAPITEL 1
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»Das ist ein Ablenkungsmanöver.«

»Meinst du?«, fragte Pereira, ohne von der Akte aufzublicken.

»Wusstest du«, fuhr Bain fort, »dass die NASA Mitte der Sechzigerjahre, also zu Zeiten von Kennedys Einmal-Mond-und-zurück-Idee, vier Komma vier Prozent des Bundeshaushalts zur Verfügung hatte? All das Geld, nur um zum Mond zu fliegen, obwohl das raumfahrttechnisch ja eher wie ein Ausflug in den eigenen Hinterhof ist. Heute, fünfzig Jahre später, hat die NASA nur noch null Komma fünf Prozent.«

Pereira nickte. Seit drei Tagen ermittelte sie nun in einem vertrackten Fall von Gebrauchtwagenbetrug. Auf den ersten Blick hatte es noch nach Kleinkriminalität ausgesehen, kaum von Interesse, doch je genauer sie hinsah, desto komplexer wurden der Fall und das Ausmaß des Betrugs. Es war also an der Zeit, das Team zu erweitern und das lange Prozedere einer abteilungsübergreifenden Ermittlung anzukurbeln.

»Mit dem Budget kommen die hundertpro nicht zum Mars«, lamentierte Bain weiter. »Ich meine, sie reden zwar drüber und geben sich alle Mühe, Begeisterung zu entfachen. So lautet die Devise, hab ich recht? Die NASA kann ja wohl kaum wollen, dass die breite Masse zum Mars will. Aber wer sich die Problematik mal näher anschaut, merkt doch gleich, verdammt noch mal, da führt kein Weg hin. Ich meine, die haben zwar all diese Programme, um die psychologischen Auswirkungen zu ermitteln, selbst um den Staub zu prüfen, und einige ihrer Leute leben sogar schon in Kapseln, irgendwo in der Wüste von Kalifornien oder wo auch immer, aber jetzt mal ernsthaft, die sind Lichtjahre davon entfernt, Menschen unversehrt auf den Mars zu schießen. Wenn deren Leute überhaupt lebend ankommen, dann doch nur mit Muskelschwund und so gut wie hirntot. Und diese Truppe soll dann in die Marslandschaft hinausspazieren, um eine Kolonie zu errichten, dabei kann keiner mehr gehen oder denken.«

Pereira hörte nicht weiter zu, sondern warf einen flüchtigen Blick über Bains Schulter in das Büro des Detective Chief Inspectors. Parker war im Gespräch mit Griffin von der Spurensicherung. Als Pereira versuchte, aus der Körpersprache der Herren zu ermitteln, um welchen der zahlreichen Fälle, die derzeit durch das Dezernat schwirrten, es sich wohl handelte, bemerkte Parker ihren Blick, wandte sich dann jedoch wieder an Griffin.

Sah so aus, als würde auch sie jeden Augenblick in das Büro gerufen werden, dachte Pereira. Sie konnte nur hoffen, dass es dort Interessanteres geben würde als Tachoschwindel.

»Gibt’s da nicht private Investoren wie Branson und solche Leute?«, fragte sie gedankenabwesend in Bains Richtung.

»Branson investiert in kommerzielle Raumfahrt«, sagte Bain, »nicht in Marsprojekte. Du meinst Elon Musk. Klar, der wird da im Laufe der Zeit Milliarden reinstecken. Aber weißt du was? Ganz egal, was er behauptet, zu seinen Lebzeiten wird es trotzdem nicht passieren. Wird es einfach nicht.«

»Und wovon soll das ablenken?«, fragte Pereira, während sie mit einem Rotstift einen Haken neben eine Nummer setzte, ehe sie durch den Papierstapel darunter blätterte, um die Daten zu finden, die sie für die detaillierte Gegenprobe benötigte. Hatten ihre Kollegen für solche Arbeit nicht immer Computer?

»Von allem anderen. Wirtschaftsmiseren, Arbeitslosigkeit, Drogenmissbrauch, Terrorismus, Kriegen im Mittleren Osten und überall sonst – such dir was aus. Ist doch ein Leichtes zu sagen: Hey, schaut mal, wir können zu einem anderen Planeten fliegen! Aber überleg dir mal Folgendes: Sämtliche Atommächte der Welt könnten alle ihre Atombomben zünden, jede einzelne, verflucht noch mal, die könnten uns alle umbringen und den Planeten dezimieren, und selbst danach wäre die Erde allen Ernstes noch bewohnbarer, als der Mars es jetzt ist«, redete sich Bain in Rage. »Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass, wenn wir erst mal auf dem Mars gelandet sind, heilige Scheiße, es da draußen ja auch noch weitere Planeten gibt. Und dann müssen wir lediglich die Tatsache ignorieren, dass der Unterschied zwischen einem Flug zum Mars und einem Flug zu einem Planeten in einem anderen Solarsystem so groß ist wie der Unterschied zwischen einem Flug zum Mars und einem Gang aufs Klo. Wenn da mal keine Vorfreude aufkommt.«

Bain sah zu Pereira auf und merkte endlich, dass sie an ihm vorbei Parkers Büro beobachtete. Im selben Moment winkte Parker Pereira in sein Büro. Rasch stand sie auf.

»Sergeant«, sagte sie im Vorbeigehen, »das werden wir nachher weiterbesprechen müssen.«

»Du warst doch eh nicht bei der Sache«, sagte er schmollend. Lächelnd klopfte sie ihm auf die Schulter.

Hinein ins Büro. Parker las mit gebeugtem Kopf einen Bericht. Griffin von der Spurensicherung stand mit verschränkten Armen neben dem Schreibtisch. Sie nickte ihm zu, er erwiderte das Nicken, dann wartete Pereira darauf, dass Parker von seiner Lektüre aufsah. Ein paar Sekunden später war es so weit.

»Viel zu tun, Aliya?«, fragte er.

»Ich arbeite noch an dem Maybanks-Betrugsfall.«

»Ein Minenfeld«, sagte er kopfschüttelnd.

»Komplizierte Sache, ja, aber die läuft uns schon nicht davon, falls Sie meine Hilfe anderswo brauchen.«

»Das tue ich in der Tat«, sagte Parker und nickte Griffin zu. »Dan.«

»Die Lebensmittelaufsicht in East Kilbride hat einen Fall an uns weitergeleitet«, sagte Griffin und wies mit einem Nicken auf den Bericht. »Es geht um einen Sandwich-Laden in Millport. Eat ’n’ Go heißt er.«

»Eat ’n’ Go?«

»Ja, ich weiß«, sagte Griffin nun kopfschüttelnd. »Ich meine, als Name für ein Restaurant wäre er ziemlich dumm, aber für einen Sandwich-Laden ohne Sitzgelegenheit, wo einem ja eh nichts anderes bleibt, als gleichzeitig zu essen und zu gehen oder erst nach dem Gehen zu essen …«

»Dan, komm zur Sache«, bremste Parker ihn.

»Ja. Genau. Der Laden hat vor circa einem Monat geöffnet«, fuhr Griffin fort.

»Die haben in Millport im Oktober einen Sandwich-Laden eröffnet?«, fragte Pereira dazwischen. »Nach der Hochsaison? Wenn keine Touristen mehr da sind?«

»Sieht so aus. Und stellen Sie sich vor: Vor ein paar Tagen haben sie dann eine Lieferung bekommen, allerlei gekochtes Fleisch, darunter auch welches, das sie nicht erkannten. Aus irgendeinem Grund haben sie beschlossen, es als Schweinefleisch zu verkaufen. Dann beschwert sich ein Kunde, sie schauen sich das Fleisch genauer an …«

»Ich hoffe, das wird eine Pferdefleischgeschichte«, sagte Pereira.

Dieses Mal lächelte Griffin, während er den Kopf schüttelte. »Die Sandwich-Leute gehen also zum Metzger, aber auch der erkennt es nicht. Wohl nach einigem Zögern melden sie sich bei der Lebensmittelaufsicht, sind dann aber doch froh drum, und jetzt liegt der Fall bei uns. Da haben wir den Salat.« Erneut wies er mit einem Nicken auf den Bericht.

Pereira sah ihn fragend an.

Und Griffin antwortete: »Einunddreißig Jahre alt, vom Oberschenkel eines Mannes.«

»Eines Mannes?«

»Eines Mannes«, sagte Griffin. »Ja, eines Mannes.«

»Eines Einunddreißigjährigen? Das erscheint mir doch sehr präzise. Wurde er denn bereits identifiziert?«

»Kevin Moyes«, sagte Griffin. »Wird schon seit ein paar Wochen vermisst. Wir hatten seine DNA. Der Mann war aktenkundig.«

»Mist«, sagte Pereira und nun war sie an der Reihe, den Kopf zu schütteln. »Was für eine Story.«

»Sie wirkten da drüben gelangweilt, Inspector«, sagte Parker mit einem Lächeln. Er schloss die Akte, in der er gelesen hatte, und reichte sie ihr. »Das ist Dans Bericht, er geht allerdings nicht ins Detail, was den Vermissten betrifft. Der Mann stammt aus Millport, Sie sollten also unverzüglich hinüberfahren, mit dem Insel-Constable reden und sich auf den Weg in den Laden machen.«

»Hat bereits jemand mit den Betreibern Kontakt aufgenommen?«

»Die grausige Nachricht werden Sie leider selbst überbringen müssen, Inspector«, sagte Parker. »Ich nehme an, die hoffen immer noch, dass es sich bloß um Pferdefleisch handelt.«

Pereira nickte, sah zu Griffin, fragte: »Steht das alles da drin?« Als er nickte, drehte sie sich zur Tür.

»Aliya?«, sagte Parker.

Beim Klang seiner Stimme wandte sie sich noch einmal um. Etwas Persönliches, dachte sie.

»Sie wissen, wie die Dinge hier laufen«, sagte er. Ein knappes Schulterzucken begleitete die vage Bemerkung. »Geld, Geld, Geld. Kurzum, ich wurde befördert. Ausgerechnet ins Verbindungsbüro des Justizministeriums.«

»Mist«, sagte Pereira. »Wussten Sie, dass es dazu kommen würde?«

»Es hatte sich mehr oder weniger abgezeichnet«, sagte er. »Ich hatte ein Gerücht gehört …« Er hielt inne, als Griffin sich mit einem Winken aus dem Gespräch verabschiedete und zur Tür ging.

»Danke, Dan«, sagte Parker, und schon war Griffin weg.

»Wann ist es soweit?«, fragte Pereira. »Ich meine, ich hab Sie ja gerade erst richtig angelernt, Sir. Ich bin mir also nicht sicher, dass ich Sie schon wieder verlieren möchte.«

Parker lachte. Dann starb ihm das Lachen auf den Lippen, und er machte eine hilflose Geste. »Heute«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr neben der Tür. »Um drei habe ich eine Besprechung an meiner neuen Wirkungsstätte.«

»Das ist nicht Ihr Ernst«, sagte Pereira und drehte sich zur Uhr um.

»Leider doch, Inspector. So ist das Leben nun mal. Einer frisst den anderen …«

»Wie lange, denken Sie, wird Ihre Stelle unbesetzt sein?«

»Überhaupt nicht«, sagte er. »Der neue Mann kommt in circa einer halben Stunde. Aber keine Sorge, gehen Sie ruhig, Sie können ihn ja kennenlernen, wenn Sie zurück sind. Sein Name lautet Tom Cooper, er kommt aus Renfrew, ist gerade befördert worden.«

»Wieso …?«, fing sie an, schüttelte dann jedoch verstehend den Kopf, schließlich war auch sie ein Detective. »Sein Gehalt als frisch beförderter Detective Chief Inspector ist wesentlich geringer als Ihr Gehalt nach zwanzig Jahren im Dienst.«

»Ganz genau. Und ich fülle die Stelle des Superintendents ohne zeitweilige Gehaltserhöhung.«

»Warum haben Sie die nicht abblitzen lassen?«, fragte sie.

Parker antwortete nicht.

Als ihr klar wurde, dass man ihm wohl keine Wahl gelassen hatte, nickte Pereira. Wahrscheinlich war es an der Zeit für ihn, das Feld zu räumen. Es mochte zwar schon nahezu ein ganzes Jahr vergangen sein, doch die Uniformen in der Führungsetage hatten ja wohl kaum die Blamage der Polmadie Drei vergessen.

Pereira stieß einen tiefen Seufzer aus, ehe sie erneut den Kopf schüttelte. »Wenn ich zurück bin, werden Sie also bereits fort sein?«

»Ganz recht.«

»Auf Nimmerwiedersehen?«

»Wir werden doch keine fünfzig Meter Luftlinie voneinander entfernt sein. Zugegeben, wir werden uns wohl fortan nicht mehr auf dem Klo in die Arme laufen …«

»Sie wissen, was ich meine.«

»Lassen Sie uns Freitagmittag einen Kaffee trinken gehen«, schlug Parker vor. »Die ersten Erfahrungen austauschen. Für einen jüngeren DCI zu arbeiten, könnte genau das Richtige für Sie sein.«

»Mir war Ihr alter Sturkopf ganz recht«, sagte sie.

Endlich lächelte Parker. Er winkte sie fort und sagte: »Raus jetzt. Machen Sie sich an die Arbeit. Sie werden doch nicht wollen, dass DCI Cooper Sie für eine Leistungsverweigerin hält.«

KAPITEL 2
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Pereira und Bain saßen in dem kleinen Wohnzimmer eines Hauses am hinteren Ende der Kames Bay. Kein Meeresblick von hier. Lediglich die Häuser auf der anderen Straßenseite waren zu sehen und die Ecke eines Feldes, das zur Kathedrale aufstieg. Die Kathedrale selbst war ebenfalls außer Sichtweite.

Der Tag war kalt, der Himmel grau, die See stürmisch. Obwohl die Fahrt mit der Fähre nur knappe zehn Minuten gedauert hatte, war es Pereira allmählich übel geworden. Sie war erleichtert gewesen, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte.

Die Frau saß auf dem Sofa und ließ ihr Handy nicht aus den Augen, während sie ihr Kind stillte. Sie hatte Nein gesagt, als der Junge das Telefon zum Spielen hatte haben wollen. Aber der Kleine hatte darauf beharrt. Bevor das Ganze in einen vollendeten Tobsuchtsanfall ausartete, hatte sie nachgegeben. Dabei war er gar kein Baby mehr. Der Junge war etwa vier Jahre alt. Und bekam trotzdem noch die Brust. Während des Gesprächs kniete er nun neben seiner Mutter auf dem Sofa, nuckelte und starrte aus dem Augenwinkel die Detectives an. Es war eine merkwürdige Situation.

Bain stand am Fenster, den Blick vorzugsweise auf die begrenzte Aussicht gerichtet. Auch Pereira fand die Frau eigenartig. Sie hatte jedoch kein Problem damit, Blickkontakt zu wahren, schließlich war sie ebenfalls Mutter. Zwar hatte sie, wie die meisten Frauen, viel früher mit dem Stillen aufgehört, aber jede Mutter hat ihre eigene Methode.

»Kevin war nicht der Vater Ihres Sohns?«, fragte Pereira, und Jacqueline Hannity schüttelte den Kopf.

»Er war erst ein, zwei Jahre hier. Zwei«, fügte sie mit einem Nicken hinzu.

»Und wo ist der Vater?«

Hannity drückte sich das eine Ohr des Jungen an die Brust, deckte das andere mit der Hand ab und sagte leiste, »Knast. Kingdom glaubt, er sei auf einer Himalaja-Expedition.«

»Ihr Sohn heißt Kingdom? Kingdom wie Königreich?«

»Ja.«

»Kürzen Sie das zu King ab?«, fragte Bain und sah nun doch zu ihr hinüber.

An und für sich wäre es wohl nicht sonderlich lustig gewesen, doch wenn man bedachte, was der Kleine für ein Junge war, in was für einer Wohnung er lebte und mit was für einem Namen. Und dann noch mit dieser Mutter, die ihn wie ihre ganz persönliche kleine Hoheit behandelte, zumal sie sich schon beim ersten Anzeichen eines Wutanfalls seinem Willen gebeugt hatte.

»Dom«, sagte die Mutter.

Bain nickte und wandte sich wieder ab, enttäuscht, dass sie ihm kein Ventil für seine milde Belustigung bot.

»Wann haben Sie Kevin zuletzt gesehen?«, fragte Pereira.

»Das hab ich alles schon dem anderen erzählt. Dem Streifenpolizisten, der aussieht, als müsste er noch gewickelt werden. Ich so: Sind Sie überhaupt alt genug, um eine Uniform zu tragen?«

Pereira und Bain waren bereits in der Millport Station gewesen, um zunächst mit Constable Williams zu reden, hatten sich also nicht allzu viel davon versprochen, Hannity erneut zu vernehmen. Es war ihnen eher um das Überbringen der Nachricht gegangen.

Hannity zuckte vor Schmerz zusammen, als der Vierjährige plötzlich zubiss. Sie strafte ihn mit einem scharfen Blick, ehe sie sich wieder an Pereira wandte. »Woher wissen Sie eigentlich, dass er tot ist?«

»Das haben wir nie behauptet, Jacqueline«, sagte Pereira. »Wir haben lediglich gesagt, dass wir einen Teil seines Körpers identifiziert haben. Sein Bein. Ich weiß, dass es schlecht aussieht, es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass jemand sein Bein abgetrennt hat oder einen Teil davon, ohne Kevin jedoch das Leben zu nehmen.«

»Sie haben sein Bein einfach so rumliegen sehen?«, fragte Hannity mit einem bitteren Lachen. »Ernsthaft? Leck mich am Arsch!«

Als ihr der Kraftausdruck herausgerutscht war, warf sie einen flüchtigen Blick auf ihr Kind, um zu sehen, ob der Kleine noch bei der Sache war. Seine Augen hafteten an Pereira, seine Lippen jedoch nach wie vor am Nippel seiner Mutter, obwohl er nicht mehr zu trinken schien.

»So war es nicht ganz«, sagte Pereira. »Ein Teil seines Beins wurde in der Stadt gefunden, und wir stehen erst am Anfang unserer Ermitt…«

»Was soll das denn nun wieder heißen, in der Stadt? Millport? Largs? Glasgow?«

»Millport«, sagte Pereira. »Darf ich fragen, ob Sie Kontakt mit Kevin hatten, seit Sie letzte Woche mit Constable Williams sprachen?«

»Und wie soll ich das verstehen? Teil seines Beins ist in der Stadt aufgetaucht?«, fragte Hannity. Abermals schirmte sie das Ohr ihres Kindes ab, dabei hatte sie es während der vorherigen Beindiskussion noch nicht für erforderlich gehalten.

»Jemand hat einen Teil von Kevins Oberschenkelmuskel abgeschnitten und in der Stadt hinterlassen«, sagte Pereira. »Wo, kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Warum nicht?«

»Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen. Ich wollte Sie jedoch auf dem Laufenden halten und fragen, ob Sie weiteren Kontakt mit Kevin gehabt haben.«

»Wohl kaum, wenn er doch tot ist, oder?« Hannity sah wieder zu ihrem Kind hinab und gab gleichzeitig sein Ohr frei. »Gehen Sie einfach«, sagte sie und ließ ihren Blick zu ihrem Handy zurückkehren. »Kommen Sie erst wieder, um mit uns zu reden, wenn Sie auch wirklich was zu sagen haben.«

*

Am Sandwich-Laden angelangt, blieben Pereira und Bain noch einen Moment stehen, den Rücken zur Tür gewandt, den Blick auf die Bucht gerichtet, den Wind kalt im Gesicht. Auf dem Wasser war keine Menschenseele zu sehen und auch die Strandpromenade war so gut wie ausgestorben. Trostlosigkeit lag über der Stadt. Jenseits der Bucht stand das Kernkraftwerk – grau und düster und Unheil verkündend. Obwohl es seit ein paar Jahren von zwei Windturbinen flankiert wurde.

»Warst du schon mal hier?«, fragte Bain, als ein Teenager vorbeiging, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein iPhone 7, mit dem sie gerade ein Selfie machte.

»Als Kind war ich ein-, zweimal mit der Schule hier, aber nie mit meinen Eltern.«

»Du solltest mal mit deinen eigenen Kindern herkommen«, sagte Bain.

»Du solltest mal meine liebe Anais kennenlernen«, erwiderte Pereira, und Bain lächelte. »Komm schon, lass uns mit dem Sandwich-Mann reden«, sagte sie und drehte sich um. Als sie den Laden betraten, klingelte über der Tür ein Glöckchen.

Hinter dem Tresen standen zwei Leute, eine junge Frau, die an der Rückwand Geschirr spülte, und ein Mann, der auf der Arbeitsfläche hinter der verglasten Auslage ein Sandwich zubereitete.

Trotz all der Namens- und Preisschilder lag jedoch nicht ein einziges Sandwich in der Auslage.

»Tut mir leid«, sagte der Sandwich-Mann ohne aufzublicken. »War viel los heute.«

Die beiden Polizisten sahen in die leere Auslage, dann wandten sie sich um und ließen den Blick die Straße entlang bis zur Promenade hinunter schweifen. Wie leer gefegt. Sie drehten sich wieder um.

»Wettertechnisch hatten wir heute den besten Tag seit unserer Eröffnung«, sagte der Sandwich-Mann. »Dauert nur noch einen kleinen Augenblick, ich sorge gerade für Nachschub. Thunfisch mit Mayo. Wenn Sie etwas anderes möchten, lassen Sie’s mich ruhig wissen, dann mache ich Ihres als Nächstes.«

Freundlich lächelnd blickte er auf. Das Lächeln verging ihm, sobald er ihre Anzüge und Gesichtsausdrücke sah.

»Wie jetzt?«, fragte der Sandwich-Mann. »Lebensmittelaufsicht?«

Pereira streckte ihm ihren Dienstausweis entgegen.

»Detective Inspector Pereira, Detective Sergeant Bain«, sagte sie.

Der Sandwich-Mann nahm sorgfältig den Ausweis in Augenschein.

»Dezernat für Schwerverbrechen?«, sagte er. »Worum geht’s denn?«

»Ich fürchte, wir müssen Sie bitten, Ihren Laden zu schließen, Mr Craven.«

»Warum? Das kann ich nicht. Ich meine …« Hilflos sah er sich in seinem Etablissement um, als gäbe es einen offensichtlichen Grund, weshalb er unter keinen Umständen verfrüht schließen könne. Das Mädchen an der Spüle hatte sich nun ebenfalls den Besuchern zugewandt und sah voller Sorge zu Pereira.

»Im Ernst«, sagte der Sandwich-Mann, »Sie dürfen mir den Laden nicht zumachen. In einer Stunde ist Schulschluss. Da fallen die Kinder wie Heuschrecken über uns her. Das sind … Das sind unsere einzigen Kunden.«

Pereira und Bain sahen erneut in die leere Auslage. Der Sandwich-Mann folgte ihrem Blick, nickte resigniert und sagte: »Also gut. Wir haben den ganzen Vormittag über noch kaum was verkauft. Die einzige Zeit, in der wir wirklich Umsatz machen, ist, wenn die Kinder aus der Schule kommen, und selbst dann … Sie können den Laden also unmöglich dichtmachen. Nicht jetzt.«

Bain wandte sich zur Eingangstür, schob den Riegel vor und drehte das »Geschlossen«-Schild nach außen.

»Schauen Sie sich das an«, sagte er. »Zauberei.«

»Das ist nicht lustig«, sagte der Sandwich-Mann.

»Können wir uns irgendwo unterhalten, Mr Craven?«, fragte Pereira.

»Sicher. Wie wär’s mit der Kanzlei meines Anwalts?«

Pereira brach seinen Widerstand mit einem einzigen Blick. Obwohl der Sandwich-Mann noch immer nicht wusste, worum es eigentlich ging, gab er klein bei und wies mit einem Nicken auf die braune Holztür jenseits des Tresens.

*

Sie fanden sich in einem kleinen, unordentlichen Büro wieder, in dem niemand viel Zeit zu verbringen schien. Auf den Regalen sammelte sich Staub, auf dem Schreibtisch türmten sich Papierstapel, auf dem Boden standen kistenweise Wasser und Limo herum, während das Bild auf dem Kalender an den vergangenen Oktober erinnerte: Eine Herbstszene in Glen Affric, einem Tal in den schottischen Highlands. Bei genauerem Hinsehen hätten sie sogar festgestellt, dass der fragliche Oktober bereits seit drei Jahren vergangen war. Der Raum war also schon vor der Neueröffnung des Ladens seit geraumer Zeit nicht mehr entstaubt worden.

Als Bain die Tür hinter ihnen schloss, stellte sich der Sandwich-Mann mit dem Rücken zum Fenster und verschränkte die Arme.

Einen Augenblick lang musterten sie sich gegenseitig. Pereira ließ die Stille auf Craven wirken und beobachtete, wie er langsam nervös wurde.

Schließlich ließ er die Arme fallen, verschränkte sie dann erneut und sagte: »Was?«

»Woher beziehen Sie Ihren kalten Aufschnitt?«, fragte Pereira.

»Wie bitte?«

Sie senkte den Kopf ein wenig, hob gleichzeitig die Augenbrauen und setzte eine übertrieben finstere Miene auf, mit der sie die Frage stillschweigend wiederholte. Übertrieben hin oder her, es funktionierte, vielleicht auch, weil sie ihn von unten herauf anfunkelte, war sie doch zwanzig bis fünfundzwanzig Zentimeter kleiner als er.

»Wir haben einen Lieferanten«, sagte Craven schließlich. »Der bringt das Fleisch.«

»Immer derselbe Mann?«

»Nein. Da kommt mal dieser, mal jener. Hören Sie, ich führe doch keinen Bauernhof. Ich züchte die Schweine und Hühner ja nicht selbst. Ich bestelle alles von MPP.«

»Wer ist MPP?«

»Das ist der Produzent, der schickt uns das Fleisch aber nicht direkt. Das kommt von einer Vertriebsfirma. MeatLux. Der Lieferant arbeitet für MeatLux. Die Firma ist riesig, beliefert halb Schottland.«

»Der Name sagt mir nichts«, erwiderte Pereira.

»Warum sollte er auch? Das ist ein Großhändler. Für den läuft nicht mal zu Weihnachten Werbung in der Glotze.«

»Witzig. Wo ist die Firma ansässig?«

»Eurocentral.«

»Waren Sie da schon mal?«

Er lachte höhnisch. »Ernsthaft? Waren Sie schon mal in der indonesischen Fabrik, die für die Polizei Trillerpfeifchen herstellt?«

»Wissen Sie, ob die Firma auch andere Filialen auf der Insel beliefert?«, fragte Bain, um der Befragung eine neue Richtung zu geben.

Pereira ließ Craven nicht aus den Augen. Sie hatte Bain ermutigt, von der Seitenlinie Fragen einzuwerfen, störte sich also nicht an seinem Taktikwechsel.

Craven sah kopfschüttelnd zu Bain. Er hatte unbewusst bereits Stellung bezogen, sodass er fortan jeder Frage mit Verachtung begegnen würde. »Klar doch. Ein paar Häuser weiter ist noch ein Sandwich-Laden. Leider habe ich doch glatt den Namen vergessen.«

»Leider.«

»Wie dem auch sei, Sie werden ihn schon finden. Und die beiden Cafés werden Sie wohl ebenfalls überprüfen müssen. Und den Co-Market, ich glaube, den beliefert die Firma auch. Mensch, die schicken ihre Jungs doch durchs ganze Land. Im Ernst, ich fass das einfach nicht. Ich versuch hier doch lediglich, meinen Lebensunterhalt zu verdienen – was Eigenes auf die Beine zu stellen. Fünf Jahre lang hab ich von der Stütze gelebt, jetzt krieg ich endlich meinen Arsch hoch, um kein Schmarotzer mehr zu sein, tu mein Bestes, Mann, und zack, stehen Sie vor der Tür und machen mir den Laden dicht. Was zur Hölle ist hier eigentlich los?«

»Wann haben Sie Ihre letzte Lieferung entgegengenommen?«, fragte Pereira. Er tat ihr ein bisschen Leid. Sobald die Presse davon Wind bekommen würde, wäre dies ein mörderischer Rückschlag für ihn und eine Tragödie für sein Geschäft.

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