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Breathe me

Zu diesem Buch

Valentinstag – ein Tag, den Macy Roberts gern aus dem Kalender streichen würde. Bis auf einen One-Night-Stand auf dem Rücksitz eines alten Pontiacs vor einigen Monaten, gibt es aus ihrem Liebesleben wirklich nichts zu berichten. Auf die Verkupplungsversuche ihrer Freunde hat sie trotzdem wenig Lust – Bis sie ihrem Blind Date Seth gegenübersteht, dem Tattookünstler vom Rücksitz! Insgeheim konnte sie Seth seitdem nicht vergessen, und auch in ihm ruft das Wiedersehen mit Macy Gefühle wach, von denen er gar nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt …

1

Am Valentinstag Single zu sein, war echt scheiße.

Macy Rodgers nippte an ihrem Dos-Equis-Bier und sann darüber nach, dass ihr da bestimmt so mancher widersprechen würde. Glückliche Singles, die ihre Freiheit genossen. Wogegen nichts einzuwenden war. Sie erinnerte sich selbst noch gut an dieses Gefühl zurück.

Das Lachen ihrer beiden Freundinnen Candace und Sam hallte durch die lärmige, stickige Bar. Macy hatte jedoch nicht mitbekommen, worüber die beiden sich amüsierten, weil sie sich gerade überlegt hatte, einfach Reißaus zu nehmen und sich in der wohltuenden Abgeschiedenheit ihrer Wohnung zum wohl fünfhundertsten Mal den Film Brautalarm anzuschauen.

Es ging ihr gar nicht so sehr darum, dass ihr niemand Blumen schenkte, Pralinen überreichte oder sie romantisch aus- und anschließend verführte. Jedenfalls nicht nur. Nein, das Schlimmste daran, am Valentinstag Single zu sein, waren die wohlmeinenden Freunde in festen Beziehungen, die es sich aus Mitleid zur Aufgabe machten, einen von der ach so offensichtlichen Tragödie abzulenken, die das sexlose Leben darstellte.

Obwohl es wirklich schön war, mal wieder einen Abend mit den Mädels zu verbringen. In letzter Zeit kamen sie viel zu selten dazu.

»Also, was ist das für eine Überraschung, die ihr für mich vorbereitet habt?«, fragte sie Candace, als es ihr endlich gelang, in der Runde auch mal zu Wort zu kommen. Candace und Sam waren deswegen vorhin ganz aufgekratzt gewesen, als sie Macy von der Arbeit abgeholt hatten. Seitdem hatten sie jedoch kein Wort darüber verloren, was ihr nun eigentlich bevorstand.

Ihre Freundinnen schauten sich an und lächelten verstohlen. Na toll. Ihr drohte irgendetwas Endpeinliches. Candace checkte ihr Handy, tippte eine Nachricht und schob es dann wieder in die Handtasche zurück. Der selbstgefällige Blick, den sie dabei aufsetzte, gefiel Macy ganz und gar nicht. »Nur Geduld, meine Liebe.«

»Handelt es sich um … eine angenehme Überraschung oder eher eine von der Sorte, wegen der ich euch später den Kopf abreißen muss?«

»Diese Frage kann ich ganz ehrlich nicht beantworten«, sagte Samantha, Candace nickte zustimmend.

Macy schlug mit beiden Handflächen auf den Tisch. »Das war’s, ich bin weg!«

»Nein!« Beide legten ihr jeweils eine Hand auf die Schulter, um sie am Aufstehen zu hindern. »Keine Sorge, Mace«, beruhigte sie Candace. »Entspann dich.«

Macy ließ den Blick mit sorgenvoller Miene durch die Bar schweifen. Was zum Teufel stand ihr bloß bevor? Ein männlicher Stripper? Doch wohl kaum hier mitten im Lokal. Und ihre Freundinnen waren sicherlich nicht so dämlich, sie erneut mit Jared verkuppeln zu wollen.

Ihr Exfreund war nämlich auch hier, nur um ihr den Valentinstag vollends zu vermiesen. Zwar waren sie im Guten auseinandergegangen – Macy gab Jareds Zwillingstöchtern sogar zweimal die Woche Reitunterricht –, trotzdem freute sie sich keinesfalls darüber, ihn heute hier zu sehen. Da konnte sie sich genauso gut ein Schild über den Kopf halten, auf dem stand: Ja, du siehst richtig, nach all den Jahren bin ich immer noch allein! Bislang war es ihr gelungen, sich am anderen Ende der Bar vor ihm zu verstecken. Von der Frau, mit der er zusammengekommen war, nachdem Macy ihn vergrault hatte, war er mittlerweile geschieden, und offensichtlich war er auch gerade mit niemandem zusammen. Immerhin ein kleiner Trost.

Vielleicht hatten die Mädels einen Mann für gewisse Stunden angeheuert. Ha! Das musste es sein. Die beiden waren ihre sexuelle Durststrecke bestimmt ebenso leid wie sie selbst. So gern Macy eine Beziehung eingegangen wäre, ihr fehlte einfach die Zeit, jemanden kennenzulernen, wenn auch nur für ein kurzes Techtelmechtel. Neben dem Job bei ihren Eltern im Laden gab sie auch noch Reitstunden auf der Ranch und versuchte, in der wenigen ihr verbleibenden freien Zeit ihre Freundinnen zu treffen. Das Ganze war ziemlich aufreibend. Sie war schon richtig dünnhäutig geworden. Wenn jetzt noch ein Mann ins Spiel kam, würde sie wahrscheinlich einen Nervenzusammenbruch bekommen.

Dennoch kam sie sich an einem Tag wie heute wie eine Versagerin vor, weil sie nicht das besaß, was ihre besten Freundinnen hatten: wahres Glück.

Sie versuchte, sich deswegen nicht verrückt zu machen. Das gelang ihr auch meistens ganz gut, nur heute Abend nicht. Verdammt, fünfundzwanzig war doch auch noch kein Alter, bloß hatte sie sich schon immer gewünscht, vor ihrem dreißigsten Geburtstag Kinder zu bekommen. Somit blieb ihr nicht mehr besonders viel Zeit.

»Brian will mir ein Brustwarzenpiercing stechen«, verkündete Candace.

Na ja … vielleicht war es doch nicht so schlimm, ohne Partner dazustehen, wenn wahres Glück solche Dinge mit sich brachte.

»Geil.«

»Oh mein Gott! Du wirst ihn das doch nicht wirklich machen lassen, oder etwa doch?«

Candace schaute von Sam zu Macy und schüttelte dann den Kopf. »Wisst ihr, bevor wir losgegangen sind, habe ich diese Diskussion gedanklich durchgespielt. Und bisher ist es tatsächlich exakt so abgelaufen, wie ich es mir ausgemalt habe.«

»Du kennst uns eben in- und auswendig«, sagte Macy ironisch und nahm einen großen Schluck Bier, um den Schreck zu verdauen. Wenngleich sie an solche Äußerungen von Candace eigentlich längst gewöhnt sein müsste, die stets mit Brian in Verbindung standen, schockierten sie sie immer noch. Für Macy gehörte Brian gemeinsam mit Ghost einem fernen Universum an, das sie niemals verstehen würde, und dabei wollte sie es auch belassen.

Ghost. Über den wollte sie nun wirklich nicht nachdenken, schon gar nicht in ihrer jetzigen Stimmung.

»Das ist echt heiß«, schrie Sam, um sich über die laute Countrymusik hinweg Gehör zu verschaffen. »Aber wem sage ich das, du kannst dich schließlich jede Nacht davon überzeugen, wie scharf Brian ist, stimmt’s? Du Glückliche.«

»Er ist scharf, weil er ihr eine Nadel durch die Brustwarzen jagen will?«, warf Macy ein.

»Na ja, genau genommen war es meine Idee«, sagte Candace. »Er drängt mich zu nichts, und wenn ich es mir anders überlegte, würde er sich auch zurückhalten. Aber ich steh drauf, mich von ihm überzeugen zu lassen.« Das verschmitzte Lächeln, das dabei über ihre Lippen huschte, hätte Macy sich bei Candace noch vor einem Jahr nicht träumen lassen. Zum Teufel, vor einem Jahr hätte sie bei der Vorstellung, so ein Gespräch mit ihr zu führen, lauthals gelacht. Ausgerechnet Candace.

Doch ihre einst so zugeknöpfte Freundin besaß mittlerweile drei Tattoos und ein Bauchnabelpiercing, trug pinkfarbene Strähnen im blonden Haar und wer weiß was sonst noch. Alles dank ihrem Freund Brian Ross, der ein Tattoostudio besaß. Wieso Brian und Candace ihren ersten gemeinsamen Valentinstag getrennt voneinander verbrachten, war Macy nicht ganz klar, und sie wollte auch nicht nachhaken. Solange neue Piercings im Gespräch waren, herrschte garantiert noch eitel Sonnenschein in ihrer Welt.

Sam erschauerte vor Wonne. »Du musst mir sagen, wie es sich anfühlt. Ich kann mir das vielleicht auch vorstellen.«

Bei Sam sah die Sache ganz anders aus. Wenn sie so etwas sagte, schockte das niemanden.

»Er sagt, es steigert die Empfindsamkeit.«

»Oder löscht sie ganz aus«, murmelte Macy, obwohl ihr bewusst war, dass ihr Rat ungehört verhallen würde. »Falls ein Nerv getroffen wird. Um gar nicht erst davon zu reden, dass …«

»Das habe ich auch schon gehört«, sagte Sam zu Candace, bezog sich dabei jedoch nicht auf Macys Warnung.

»Ja, es treibt ihn in den Wahnsinn, wenn ich mit seinen Ringen spiele.«

»… es eitern oder sich entzünden könnte.«

»Brian weiß, was er tut, Mace.«

Macy ließ es darauf beruhen, musste sich allerdings auf die Lippen beißen, um keine weitere bissige Antwort zu geben. Selbstverständlich. Brian wusste ja alles. Die Sonne wüsste überhaupt nicht, wo sie morgens aufgehen sollte, wenn Brian es ihr nicht sagen würde. Was galten da schon schnöde Tatsachen?

»Vielleicht ist er aber bei dir so aufgeregt, dass ihm alles Blut aus dem Kopf weicht und er es versaut.« Das war eines der vernünftigeren Dinge, die Sam beizutragen hatte.

Candace lachte. »Vielleicht überrasche ich ihn eines Tages spontan damit, während wir im Studio abhängen. Dann kommt er gar nicht dazu, erst groß drüber nachzudenken.«

»Und du auch nicht«, sagte Sam. »Ich könnte das anders nicht überstehen. Wenn ich zu lange darüber nachgrübelte, würde ich kneifen.«

»Ihr seid wirklich verrückt. Warum macht ihr das überhaupt, wenn es euch eine solche Angst einjagt?«

Candace schüttelte den Kopf. »Ich würde es nicht unbedingt Angst nennen, Macy. Sondern eher … wahnsinnige Aufregung. Es verschafft dir einen Kick.«

»Warum machen die Menschen Bungee-Jumping? Oder Fallschirmspringen?«, ergänzte Sam.

»Allesamt Adrenalinjunkies«, sagte Macy. »Ihr behauptet immer, bei all den Tattoos und Piercings ginge es um ›den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit‹, aber am Ende ist es doch bloß eine Sucht.«

»Für manche vielleicht. Außerdem macht es Spaß. Wir sind nicht abartig oder so, weil uns das gefällt. Meine Vorstellung von Spaß ist einfach eine andere als deine.«

»Und was hast du früher auf dem Pferd alles angestellt, Mace? Also, das fand ich beängstigend«, fügte Sam hinzu. »Das reinste Himmelfahrtskommando. Wenn du da zwischen diesen Fässern hindurchgeritten bist, musste ich mir die Augen zuhalten und konnte dir nur durch einen kleinen Schlitz zusehen.«

»Stimmt!«, pflichtete Candace ihr bei.

Macy warf Sam einen wütenden Blick zu. »Mit dem Vergleich hast du dir ins eigene Fleisch geschnitten. Wir wissen schließlich alle, wie das ausgegangen ist.«

Als die beiden daraufhin betreten schwiegen, bereute Macy ihre Worte sofort. Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Es tut mir leid. Es ist nur … ich weiß auch nicht. Ich habe euch echt lieb. Aber das hier war vielleicht keine so gute Idee.«

»Nein, mir tut es leid«, beeilte sich Sam zu sagen, doch ihr reuevoller Blick verschlimmerte Macys schlechtes Gewissen nur noch. »Das ist doch nicht deine Schuld. Es war einfach unglaublich taktlos von mir, das anzusprechen.«

»Aber ihr wisst, dass ich normalerweise nicht so empfindlich bin, was das angeht«, sagte Macy. »Zumindest nicht bei euch. Wie schon gesagt, ich weiß auch nicht, was gerade mit mir los ist.«

»Du musst mal wieder flachgelegt werden«, verkündete Candace, als sei das für jeden offensichtlich.

Macy verdrehte lachend die Augen. »Du weißt genau, dass das für mich noch nie ein Allerheilmittel war.«

»Vielleicht liegt das bloß daran, dass du bis jetzt noch nie jemanden hattest, der es richtig angestellt hat.« Candace drehte die kaum angerührte Bierflasche in den Händen hin und her. »Wirklich zu schade, dass Ghost weg ist, oder nicht?«

Macy hatte sich jeden Gedanken an ihn verboten, und das wäre ihr verdammt noch mal auch gelungen, wenn Candace nicht wieder von ihm angefangen hätte. Ghost war der beste Freund von Brian Ross, einer seiner Mitarbeiter, dem es irgendwie gelungen war, Macys Gehirn kurzzuschließen. Das war jedenfalls die einzige Erklärung dafür, wie sie sich an jenem Abend vor einigen Monaten benommen hatte.

Jetzt hieß es, jedes ihren Freundinnen gegenüber geäußerte Wort ganz genau abzuwägen.

»Das spielt eigentlich keine Rolle. Er hat mich … fasziniert. Aber ich sehe das realistisch. Wir haben absolut nichts gemeinsam. Damit will ich nicht sagen, dass ich jemanden suche, der in allem perfekt mit mir harmoniert, trotzdem sollte es doch zumindest in einigen Bereichen passen.« Sie atmete tief durch. »Außerdem ist es doch müßig, darüber nachzudenken. Wer weiß, wann er überhaupt wieder zurück sein wird.«

»Aber wenn er nun zurückkäme, was wäre dann?«, fragte Sam, zwirbelte eine blonde Strähne zwischen den Fingern und grinste. »Nehmen wir an … er würde in diesem Moment durch die Tür kommen?«

Macy zuckte mit den Schultern. »Ich hab mich entschieden.«

»Willst du etwa behaupten, dass es mit euch gar nicht gepasst hat? Du hast doch selbst gesagt, ihr hättet viel Spaß miteinander gehabt. Das ist doch ein Anfang. Und zwar ein ziemlich guter.«

»Er ist nicht mein Typ. Eher meilenweit davon entfernt.«

»Ach, leg dich doch nicht so fest«, wandte Sam ein. »Er ist todwitzig …«

»Er ist einfach nicht der Richtige

»Das macht ihn doch gerade so interessant. Außerdem ist er verflucht heiß. Ich stehe auf kahl rasierte Kerle. Schon allein, wie die Kopfhaut glänzt. Ich möchte sie ständig anfassen. Und darüberstreichen. Ich würde streicheln und streicheln und streicheln …«

Candace und Macy brachen in schallendes Gelächter aus, während Sam ihren imaginären Glatzkopf streichelte. »Wozu braucht er mich?«, fragte Macy Candace. Sie deutete mit dem Daumen auf Sam. »Schick ihm die da. Sie wird all seine Kopfstreichelbedürfnisse befriedigen.«

»Nein, nein«, sagte Sam, jetzt wieder ganz ernst. »Ich habe doch Michael. Nicht, dass er sich jemals das Haar abrasieren würde. Ich finde dennoch, dass du es mal mit Ghost versuchen solltest, falls er wieder auftaucht.«

Das hatte Macy ja längst. Was ihre Freundinnen allerdings auf keinen Fall erfahren durften, denn sonst würden sie ihr die Hölle heißmachen. Oh ja, sie wusste bereits verdammt gut, was sie mit Ghost erwarten würde. Und war davon so überwältigt gewesen, dass sie anschließend panisch die Flucht ergriffen hatte. Und dann war er einfach so abgehauen, nach Oklahoma, weil er sich um irgendeine Familienkrise kümmern musste. Seitdem waren Monate vergangen. Sie wusste, dass er immer noch engen Kontakt zu Brian hielt, Macy hingegen hatte nichts mehr von ihm gehört.

Es wäre also verrückt, sich einzubilden, dass da jetzt noch irgendetwas draus werden könnte. Sie hatte es gleich am Anfang versaut, und zwar gründlich – aber das war schon in Ordnung, denn wie sie eben schon ihren Freundinnen gesagt hatte, passten sie einfach nicht zusammen. Überhaupt nicht.

Auch wenn ihr allein bei der Vorstellung, es noch einmal mit ihm »zu versuchen«, ganz heiß wurde und es sie bis in die Zehenspitzen kribbelte. Das Bier, das sie hinuntergestürzt hatte, half auch nicht gerade – wie hatte sie sich nur einbilden können, dass der Alkohol sie beruhigen würde? Genau das Gegenteil war der Fall. Was sie jedoch nicht davon abhielt, einen weiteren großen Schluck zu nehmen.

»Wahrscheinlich ist selbst sein bestes Stück gepierct«, sagte Sam versonnen.

Macy schluckte mühsam und stöhnte innerlich auf. Wie zum Teufel sollte sie sich da rauswinden? »Du lieber Himmel.«

»Du weißt gar nicht, was dir entgeht«, sagte Candace, beugte sich zu ihr und kniff sie in den Arm.

»Moment mal. Ist er wirklich … ich meine … weißt du das aus erster Hand?«, fragte Sam Candace. »Habt ihr da etwa so eine Art Dreierding am Laufen?«

»Nein! Ich habe es doch nicht selbst gesehen, also echt. Ich spreche lediglich von meinen Erfahrungen mit Brian. Aber ich denke, davon ist auszugehen.«

Candace lag richtig. Er hatte tatsächlich ein Genitalpiercing. Macy hatte es auch nicht gesehen – dafür war im Wageninnern zu dunkel gewesen –, aber gespürt hatte sie etwas. Und wie. »Ihr müsst jetzt mal einen Gang runterschalten, Leute. Sonst bin ich für den Rest meines Lebens traumatisiert.«

»Gib dem Kerl doch einfach eine Chance, Macy.«

»Die Sache hat nur einen Haken. Er. Ist. Nicht. Hier

Sams Blick glitt über Macys rechte Schulter hinweg Richtung Eingang. Da hellte sich ihr Gesicht auf und sie grinste breit. »Bist du dir da sicher?«

»Wie bitte?«

Candace folgte Sams Blick, quietschte vergnügt, sprang auf und schoss an Macy vorbei.

Sie selbst war plötzlich wie gelähmt vor Angst, unfähig, sich umzudrehen und nachzusehen, was da auf sie zukam.

Oh. Überraschung!

Mit Mordlust in den Augen beugte sie sich zu Sam hinüber. »Das habt ihr nicht getan.«

Sams Augenwinkel zuckten. »Oh doch, Schätzchen, das haben wir. Wir sind deine miese Laune leid. Ich weiß nicht, was da zwischen euch beiden vorgefallen ist, aber du solltest einen neuen Anfang machen. Jetzt hast du die Chance dazu.« Die letzten Worte stieß sie so gehetzt hervor, dass Macy klar war, er würde gleich bei ihnen am Tisch sein. Was sollte sie bloß tun? Ihr schlug das Herz bis zum Hals, sie spürte einen Schatten und sah sich gezwungen, den Blick zu heben.

Ihre Freundinnen würden es später mit ihr zu tun bekommen.

2

Ghost. Woher hatte er bitte überhaupt diesen Spitznamen? Besonders blass war er nicht. Na ja, vielleicht ein wenig. Aber keinesfalls bleich wie ein Gespenst. Genau genommen war nichts an ihm auch nur annähernd gespensterhaft: Mit seinen Einsneunzig und der kräftigen Statur überragte er ihre Einsneunundsechzig beträchtlich.

Tätowiert. Gepierct. Sein glatt rasierter Schädel war allerdings gerade von einem schwarzen Basecap bedeckt, über das er die Kapuze seines schwarzen Pullis gezogen hatte.

Das genaue Gegenteil von dem, was sie sich wünschte, oder von dem sie gedacht hatte, dass sie es sich wünschte.

Er sah ihr direkt in die Augen, überheblich lächelnd, eine dunkle Braue hochgezogen. Dieser Blick war wie ein Sog. Eine unwiderstehliche Anziehungskraft, der sie sich nicht entziehen konnte. Es gab kein Entkommen.

»Hallo«, piepste sie – und brachte sogar ein Lächeln zustande. Als er das freudestrahlend erwiderte, stand sie auf und umarmte ihn zur Begrüßung. Leider schlotterte sie am ganzen Körper und hatte derartig weiche Knie, dass lediglich seine kräftigen Arme sie davon abhielten, mit dem Fußboden Bekanntschaft zu machen.

Er fühlte sich gut an. Warm, trotz der kühlen Nachtluft, die noch in der Kapuzenjacke hing. Und vertraut, obwohl sie doch erst ein einziges Mal zuvor in diesen Armen gelegen hatte.

»Hallo, Miesepeterin«, begrüßte er sie, und bei seiner tiefen Stimme stellten sich ihr unwillkürlich die feinen Härchen im Nacken auf.

Alle lachten über den Spitznamen, den er ihr verpasst hatte, kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass auch Brian zu ihnen gestoßen war und es sich neben seiner Freundin bequem gemacht hatte.

»Ich hätte da eine Frage«, verkündete Ghost, nachdem Macy sich wieder hingesetzt und er sich so dicht neben sie gedrängt hatte, dass sie fast an der Wand klebte. Ihr nackter Oberschenkel lag an seiner Jeans, unter der sie die kräftigen Beinmuskeln spürte. Auf der anderen Seite hatte sich auch noch Sam neben ihn gequetscht, sie saß also gänzlich in der Falle. Ein Schauer überlief sie. »Was zum Teufel suchen wir eigentlich in so einer Spelunke?« Er deutete auf die tanzende Menge um sie herum, die sich in ihren Cowboystiefeln im Rhythmus der Countrymusik bewegte.

»Heute ist Macys Abend«, sagte Candace, während Brian sich an sie schmiegte. »Sie hat die Bar ausgesucht.«

»Ah, das hätte ich mir denken können. Hauptsache, ihr verwickelt Brian und mich hier nicht in eine Schlägerei mit irgendwelchen Hinterwäldlern. Ich bin nicht besonders scharf drauf, eine Nacht im Gefängnis zu verbringen, zumal ich gerade erst wieder zurück in der Stadt bin.« Ghost zwinkerte ihr zu. Himmel, diese Augen. Hätte sie nicht direkt neben ihm gesessen, hätte sie schwören können, dass er Kajal trug. Aber nein, die unteren Wimpern waren wirklich von Natur aus so dicht und schwarz. Würde er sich das Haar wachsen lassen, wäre es bestimmt schokoladenbraun wie der kurze Kinnbart, und vielleicht trug er ja auch tatsächlich gar keine Glatze mehr. Schwer zu sagen. Er war jedenfalls einer der wenigen Männer, die diesen Look tragen konnten, weil er so markante Gesichtszüge hatte. Er streckte sich, legte einen Arm hinter Macy und einen hinter Sam ab, dann blickte er Brian herausfordernd an: »Ich hab hier doppelt so viel Spaß wie du, Kumpel.«

Brian, der gerade mit Candace knutschte, löste sich von ihr und lachte. »Schön für dich. Mir reicht das, was ich habe.« Candace’ Wangen färbten sich rosa, sie strahlte.

Als Ghost sich zu Macy beugte und ihr »Versaue ich dir deine Feier, Babe?« ins Ohr flüsterte, wäre sie beinahe vor Schreck hochgefahren.

Sie wurde feuerrot. Wusste er etwa, dass die anderen sie heute Abend aus Mitleid hierhergeschleppt hatten? »Mir meine Feier versauen?«, gab sie lahm zurück. »Nein, überhaupt nicht. Ich meine, das ist doch keine Feier. Und schon gar nicht meine.«

Er lachte leise in sich hinein. »Na dann.« Ihre Freundinnen schienen sich diebisch zu freuen.

Sie würde ihnen den Hals umdrehen, definitiv.

Obwohl es schön war, ihn wiederzusehen, das musste sie zugeben, und sie hatte ihn auch ein wenig vermisst, was ihr allerdings erst jetzt klar wurde. »Bleibst du länger?«, fragte sie ihn.

Er zuckte mit den Achseln, nahm die Arme von der Rückenlehne und legte sie vor sich auf den Tisch. »Meiner Grandma geht’s … den Umständen entsprechend ganz okay. Sie hat sich im Pflegeheim eingerichtet, meine Schwester wohnt ganz in der Nähe, also dachte ich mir, da kann ich genauso gut nach Hause fahren und versuchen, wieder ein normales Leben zu führen, zumindest eine Zeit lang. Aber ich werde öfter hinfahren, um sie zu besuchen.«

Seine Großmutter, die ihn als Sechsjährigen bei sich aufgenommen und großgezogen hatte, nachdem seine Eltern bei einem Autounfall umgekommen waren, hatte gesundheitliche Probleme. Macy wusste nichts Genaues, nur was Candace ihr erzählt hatte, aber sie sah ihm an, dass er litt. Die letzten Monate waren anscheinend nicht leicht für ihn gewesen.

»Das tut mir leid«, sagte sie leise.

Er zuckte wieder mit den Achseln, aber sie sah hinter die coole Fassade. »Sie hält sich wacker. Also, wie ist es dir so ergangen?«

»Oh, alles gut. Großartig. Ich habe viel zu tun, du weißt schon.«

Die Kellnerin kam und stellte Ghost und Brian ihr Bier hin. Macys Blutdruck hatte sich immer noch nicht beruhigt. Was war bloß mit ihr los? Er saß so dicht neben ihr, dass sie sich fragte, ob er wohl ihr rasend schnell schlagendes Herz spürte? Hoffentlich nicht.

Ghost beugte sich über den Tisch zu Candace und Brian hinüber. »Candace«, sagte er, und einen Moment lang hielt es Macy tatsächlich für möglich, dass er etwas Ernsthaftes von sich geben würde. Falsch gedacht. »Ich rate dir wirklich nicht, ihn noch einmal mit mir allein zu lassen. Nach zwei Stunden ohne dich hat er angefangen, mich anzubaggern.« Alle am Tisch brachen in schallendes Gelächter aus. Das spornte Ghost nur weiter an. »Ich meine, ich weiß, er will mich. Das hat er sehr deutlich gezeigt. Und so langsam werde ich schwach. Ich habe ihn nämlich echt vermisst. Wenn er es wieder versucht, werde ich nicht Nein sagen.«

Brian schüttelte den Kopf. »Was haben wir dich vermisst«, sagte Candace.

»Haben wir das?«, fragte Brian.

Ghost streckte den Arm aus und legte die Hand auf die von Candace. »Aber keine Sorge. Wir werden dich nicht ausschließen. Du bist jederzeit willkommen, Süße. Ich wäre vielleicht sogar bereit, ihn mit dir zu teilen. Solange ich, du weißt schon, zusehen darf.«

»Die Vorstellung ist eigentlich ziemlich heiß«, bemerkte Samantha, und Macy konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Augen dabei funkelten.

»Du kannst gerne auch noch dazukommen«, sagte Ghost, Sam lachte geschmeichelt.

»Du kannst mich mal, Kumpel.« Brian unterstrich seine Worte mit dem ausgestreckten Mittelfinger, dennoch sah Macy an seinem breiten Grinsen, dass er wahrscheinlich von allen hier in der Runde am glücklichsten darüber war, seinen Freund wieder hier zu haben.

»Dem versuche ich ja gerade mit aller Macht zu widerstehen, Brian. Ihr Steinböcke seid verflucht launisch. Am Ende würdest du mich doch nur verletzen.« Ghost atmete zitternd ein. »Aber ich denke … ich wäre bereit, es darauf ankommen zu lassen.«

»Da wirst du dir aber einen ganz schönen Kampf mit mir liefern müssen«, mischte sich Candace ein und ließ eine Hand über Brians Schultern gleiten. »Denn der hier gehört mir.«

»Ja. Steck ruhig dein Revier ab, Baby. Rette mich vor ihm.«

Während sie sich weiter neckten, erkannte Macy, dass alles seinen gewohnten Gang zu gehen schien, und sie entspannte sich ein wenig. Sie atmete tief durch und verdrängte die Erinnerungen daran, was zwischen ihr und dem Kerl, der neben ihr saß, geschehen war, kurz bevor er die Stadt verlassen hatte.

So ist es gut, reiß dich zusammen. Was soll’s, dann hast du ihn eben wiedergetroffen, als du es am wenigsten erwartet hast. Das hätte jede aus der Bahn geworfen.

Dennoch wurmte es sie. Ihr hätte das nicht passieren dürfen, niemals. Seine Welt war von ihrer grundverschieden, es wäre unmöglich, diese Kluft jemals zu überwinden. Er stand auf Heavy Metal. Sie war ein Country-Girl durch und durch. Er würde wohl kaum zu einem Rodeo gehen, sie wiederum hatte nichts auf einem seiner wilden Konzerte verloren, bei denen wahrscheinlich lebendige Hühner geschlachtet oder Fledermäusen die Köpfe abgebissen wurden.

Also Schluss damit. Seit diesem Reitunfall, bei dem sie beinahe umgekommen wäre, war alles, was sie tat, wohlüberlegt. Sie war ein Vernunftsmensch und nicht ihrem Herz oder ihren Hormonen ausgeliefert. Sie hatte ihr Leben unter Kontrolle, und so gefiel ihr das auch. Wenn sie Mist baute, dann wenigstens in dem Wissen, dass sie vorher alles gründlich durchdacht und die bestmögliche Entscheidung getroffen hatte.

Und davon würde sie dieser elendige Valentinstag auch nicht abbringen.

Als Ghost den Oberschenkel noch fester gegen ihren drückte, geriet ihre Entschlossenheit allerdings sofort ins Wanken.

Kurz darauf stieß auch noch Sams Freund zu ihnen, und schon war die Party in vollem Gange. Trotz allem war sie glücklich darüber, Freunde zu haben, die sich so viel Mühe für sie gaben: sie ausführten, ihr Drinks spendierten, sie auf Teufel komm raus verkuppeln wollten – und dafür sogar ihre eigenen Pläne hintenanstellten. Denn Candace und Brian hatten an ihrem ersten gemeinsamen Valentinstag sicher Besseres zu tun, als sich um sie zu kümmern. Dasselbe galt auch für Samantha und Mike, auch wenn die beiden schon jahrelang zusammen waren.

»Ist wirklich verdammt schön, wieder bei euch zu sein, Leute«, sagte Ghost und hob sein Bier. Sie stießen miteinander an.

»Ich bin einfach verdammt froh, dich wieder im Laden zu haben.« Als Brian lächelte, entstanden zwei niedliche Grübchen, die so gar nicht zu dem tätowierten Körper, den Piercings und dem zerzausten längeren Haar passen wollten. Zerzaust war es allerdings hauptsächlich deswegen, weil Candace nicht die Finger von ihm lassen konnte.

»Mehr bin ich also nicht für dich? Bloß eine billige Arbeitskraft?«

»Tatsache bleibt, dass wir uns den Arsch aufreißen, seit du weg bist. Und jetzt fällt auch noch Connor aus, also wird es nicht gerade viel besser werden, aber immerhin nicht noch schlimmer.«

»Ich kann es kaum erwarten, wieder loszulegen. Aber diesen Samstag geht’s nicht.«

Brian knallte die Flasche auf den Tisch. »Wie bitte?«

»Da kann ich nicht. Ich muss mit den Jungs proben.«

»Aber, Kumpel … Samstag

»Ich versteh schon, worauf du hinaus willst, Liebchen, aber die geraten langsam in Panik und werden mich noch aus der Band schmeißen, wenn ich beim nächsten Auftritt nicht dabei bin.«

Macy lächelte über den altmodischen Kosenamen, den er verwendet hatte. Brian wiegte ergeben den Kopf hin und her und lehnte sich zurück. »Du Scheißkerl.«

»Seht euch diesen Flunsch an. Kein Grund zu schmollen, Kumpel. Ross the Boss bekommt das schon hin.«

»Wäre aber verdammt viel einfacher mit Ghost the Most an meiner Seite.«

»Ich bin gerührt. Ist das etwa ein Antrag? Seht ihr jetzt, wie sehr er mich liebt? Candace, du hast keine Chance.«

»Würdet ihr endlich damit aufhören? Macy wird noch ganz eifersüchtig«, sagte Candace augenzwinkernd, dann fuhr sie in die Höhe, weil Macy ihr gegen das Schienbein getreten hatte.

Ghost ließ sich jedoch keineswegs beirren, stattdessen schüttelte er die rechte Hand aus. »Könnte allerdings sein, dass ich ein wenig eingerostet bin, Bri. Darf ich an dir üben?«

»Auf gar keinen Fall.«

Ghost lehnte sich mit der Schulter an Macy. »Wie wär’s mit dir, Süße?«

»Ähm, nein. Keine Tinte für mich.«

»Haha, viel Glück dabei«, sagte Candace. »Sie würde kreischend wegrennen, sobald du dich ihr mit einer Nadel näherst.«

»Es geht gar nicht um die Nadel. Es ist eher die Vorstellung, für immer … gekennzeichnet zu sein.« Allein bei dem der Vorstellung wurde ihr angst und bange.

Als Ghost mit dem kleinen Finger am Saum ihres Jeansminirocks entlangfuhr, gefährlich nahe an der Haut, blieb ihr fast das Herz stehen. »Vielleicht kommt es ja ganz drauf an, wer dich kennzeichnet.«

»Nein, das ist ganz sicher …« Seine Fingerspitze streifte ihren Oberschenkel. Sie zupfte sich den Kragen ihres Oberteils zurecht. »Also, das ist ganz sicher nichts für mich, egal, wer es macht.«

»Aber ich bin so gut darin.«

Macy sah ihn aus schmalen Augen an, legte sämtliche ihr noch verbliebene Willenskraft in diesen Blick. Es gab eine Menge Dinge, in denen er gut war. Was aber keineswegs bedeutete, dass sie ihm das alles erlauben musste. »Das weiß ich. Trotzdem wird nichts draus.«

Er zog die Hand weg, drehte sich wieder nach vorn und lächelte auf diese Art, die sie immer rasend wütend machte. »Na schön.«

Verdammt! Sie hätte sich ohrfeigen können, weil sie nicht ansatzweise so doppeldeutig geklungen hatte wie er. Denn sie wollte nicht, dass er aufhörte, sie zu berühren.

Jetzt schlang er die langgliedrigen Finger um die Bierflasche. Fasziniert beobachtete sie, wie er die Flasche ansetzte – an so ziemlich den schönsten Mund, den sie je gesehen hatte. Mit vollen, fein geschwungenen Lippen, sinnlich und gleichzeitig umwerfend männlich. Eine Beschreibung, die eigentlich auf alles an ihm zutraf.

»Macy!«, riss sie eine vertraute Stimme aus ihren lüsternen Gedanken. Als sie aufblickte, sah sie Jared, der sich gerade mit breitem Grinsen an ihrem Tisch vorbeischob, und erkannte sofort, dass er bereits sternhagelvoll war.

Sie zwang sich zu einem Lächeln und winkte ihm freundlich, aber nicht zu freundlich zu. »Oh, hallo. Schön, dich zu sehen.«

»Du schenkst mir besser noch ein Tänzchen, bevor du gehst, Mädchen!« Schon hatte die Menge ihn wieder verschluckt.

Brian und Candace tauschten einen vielsagenden Blick, Ghost sagte nichts, doch sie spürte, wie sein Körper sich unmerklich anspannte.

Also wirklich, was kümmerte es ihn, ob sie mit jemand anderem tanzte? Sie hatten es nur ein Mal in seinem Wagen getrieben. Unvergesslicher, fantastischer Sex, aber trotzdem. Keine große Sache.

Sie leerte ihr Bier und bestellte sich noch eins.

Irgendwann, während die Kellnerin – die Gute – für steten Alkoholnachschub sorgte, fand sich auch Ghosts Hand wieder auf ihrem Oberschenkel. Vielleicht hatte sie auch nach ihr gegriffen und sie selbst dort hingelegt. Schwer zu sagen. Sie genoss einfach das Gefühl seiner langen warmen Finger, die sich besitzergreifend auf ihrer Haut ausbreiteten. Aber sie sollte verdammt sein, ehe sie ihn zwischen ihre Beine ließ.

Oh. Verdammt. Er schob die Hand genau dorthin. Und sie ließ es zu. Die Hitze, die sich dort ausbreitete, hätte auch nichts anderes erlaubt. Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her, wobei der Rock noch ein wenig höher glitt. Seine Fingerspitzen tasteten sich ebenfalls weiter nach oben, strichen mit federleichten Berührungen über ihre Haut. Er war schon fast am Saum ihres Höschens angelangt, unter dem sie bereits ziemlich feucht wurde …

»Alles in Ordnung, Macy? Du bist ganz rot im Gesicht.«

Während Macy noch eifrig nickte, leerte Ghost sein Bier und wandte den Kopf zu ihr. »Das liegt daran, dass ich die Hand unter ihrem Rock habe.«

Das hatte er jetzt nicht wirklich laut gesagt. Sie richtete sich stocksteif auf und presste die Schenkel zusammen, während alle am Tisch in Gelächter ausbrachen. »In deinen Träumen vielleicht«, sagte Candace.

Macy hatte durch ihre panische Reaktion lediglich erreicht, dass seine Hand jetzt fest zwischen ihren Oberschenkeln klemmte.

Er streichelte sie mit dem Daumen weiter, wartete darauf, dass sie die Schenkel wieder öffnete. Das wollte sie auch. Wenn er jedoch nur vorhatte, sie vor allen zu blamieren …

Sie gab ihm einen warnenden Klaps aufs Handgelenk. Ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht, und er zwinkerte ihr zu, als wolle er sagen: Na, wie habe ich das hinbekommen?

Zum wohl hundertsten Mal dachte sie darüber nach, wie sie aus dieser Sache hier rauskommen könnte. Denn das sollte sie. Aber als er sie fest packte und ihr Bein an seines zog, hielt sie ihn nicht auf, verflucht, sie war zu schwach. Nachdem er sich dadurch ein wenig Spielraum verschafft hatte, schob er die Hand wieder unter ihren Rock.

Sie leerte die Bierflasche und orderte eine weitere. Sein kleiner Finger berührte ihr feuchtes, wenig Widerstand bietendes Seidenhöschen, unter dem sie vor Sehnsucht bebte. Glücklicherweise stellte die Kellnerin gerade das nächste Bier vor Macy ab, sodass sie wenigstens etwas hatte, woran sie sich festklammern konnte, anstatt die Hände auf dem Tisch zu Fäusten zu ballen. Jetzt zog er kleine quälende Kreise um ihren Kitzler.

Ihre Freunde unterhielten sich weiter angeregt. Ghost nahm sogar noch am Gespräch teil, lachte und witzelte mit den anderen herum, während ihr ganzer Körper unter Strom stand und sie ihn am liebsten … gebissen hätte. Oder ihn am Kopf gepackt und leidenschaftlichen geküsst. Oder sich zurück in die Sitzbank gelehnt und dem Orgasmus hingegeben. Zumindest hätte sie ihm gerne geholfen, das Höschen beiseitezuschieben, damit er mit den Fingern in sie eindringen konnte.

Aber sie wusste, dass das nicht möglich war. So eingezwängt, wie sie hier nebeneinandersaßen, wäre das einfach zu auffällig. Sie durfte nicht zulassen, dass er sie zum Höhepunkt brachte, sonst …

»Ich finde, du solltest einen Gang runterschalten«, sagte Candace, Macy begriff jedoch erst nach ein paar Sekunden, dass sie gemeint war.

»Wie bitte?«, fragte sie und verfluchte gleichzeitig ihre heisere, atemlose Stimme.

Candace lachte glucksend. »Meinst du nicht, du hattest genug?« Genug … Nein, noch lange nicht. Ihr Blick fiel auf die leere Bierflasche. Ach, verdammt. Sie sprach vom Alkohol. Wie viele Biere hatte sie inzwischen geleert, um die Hitze in ihrem Innern zu bändigen und sich an irgendetwas festzuhalten, damit sie Ghost nicht vor allen anderen auf sich zerrte?

»Verdammt, Mace, du siehst echt ganz schön besoffen aus«, sagte Brian.

Zeit für eine Bestandsaufnahme: Sie atmete schwer, saß halb an Ghost gelehnt auf der Sitzbank. Am Haaransatz bildeten sich bereits kleine Schweißperlen. Ihre Lippen waren vor Lust geschwollen und … taub, also benetzte sie sie mit der Zunge. Außerdem – das konnten ihre Freunde natürlich nicht sehen – drängten ihre hart aufgerichteten Brustwarzen gegen den Stoff des BHs. »Ich, ich brauch ein wenig frische Luft.« Flehentlich sah sie zu ihrem Komplizen hinüber. Als er die Hand von ihrem Körper nahm, wollte sie nach ihr greifen. Sie dorthin führen, wo sie hingehörte. Macy war nicht betrunken, höchstens vor Lust, sie war nicht mehr so erregt gewesen, seit … ach, verflucht. Seit er sie das letzte Mal so angeheizt hatte.

»Ich kümmere mich um sie«, sagte Ghost, glitt vom Sitz und zog sie mit sich. Im Aufstehen versuchte sie sich noch den Rock zurechtzuziehen, was ihr hoffentlich auch einigermaßen gelang. Einen Moment lang fürchtete sie, ihr würden die Knie nachgeben, also klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an ihn.

»Alles in Ordnung?«, fragte Sam, die aufgestanden war, um sie durchzulassen, und sich jetzt wieder hinsetzte. Sie klang aufrichtig besorgt. Da jetzt Platz frei geworden war, kam Michael um den Tisch und setzte sich zu ihr.

»Sie kommt schon klar«, erwiderte Ghost. »Wir gehen einfach kurz nach draußen.«

»Kümmere dich gut um sie«, rief ihm Candace nach, während er Macy von der sicheren Sitzecke wegführte.

»Oh, das habe ich vor«, sagte er so leise, dass nur Macy ihn hören könnte.

3

Die kalte Luft, die ihr draußen entgegenschlug, vertrieb den alkoholbedingten Lustrausch. Zumindest aus ihrem Kopf. Zwischen den Beinen war sie immer noch genauso feucht. Und dieses Feuer würde nicht so schnell versiegen, jedenfalls nicht durch einen Temperaturwechsel.

Macy dachte, sie würden vor dem Eingang bleiben, damit sie ein wenig durchatmen konnte, Ghost hielt sie jedoch am Arm fest und steuerte schnurstracks auf den Parkplatz zu.

»Wo gehen wir hin?«

»Mein Wagen steht da hinten. Gott sei Dank bin ich selber gefahren.« Die letzten Worte murmelte er leise, wie zu sich selbst. Er hatte ihre Frage immer noch nicht beantwortet, aber so hinüber war sie auch wieder nicht, um nicht selbst drauf zu kommen.

Ghost fuhr einen glänzend schwarzen 69er Pontiac, ein Coupé, das er eigenhändig wieder instand gesetzt hatte. Als der Wagen in Sichtweite kam, geriet ihr Herzschlag außer Kontrolle. Sie war nicht mehr in diesem Wagen gewesen, seit …

Schon hatte er aufgeschlossen und sie auf den Rücksitz geschoben … oh, der Rücksitz.

Dann schloss sich die Tür hinter ihnen, sie waren allein, es war dunkel, sie lag in seinen Armen, spürte seine heißen Lippen an ihrem Hals.

»Ich kann das hier nicht«, keuchte sie. Doch ihr verräterischer Körper machte keinerlei Anstalten, ihn von sich zu schieben. Stattdessen zog sie ihn noch fester an sich, nahm ihm die Baseballmütze ab – ja, immer noch glatt rasiert – und sog seine Wärme auf.

»So, wie du es schon einmal nicht konntest? So, wie du da drin nicht zulassen konntest, dass ich dir unter den Rock fasse?«

»Ich hätte dich aufhalten sollen.«

»Hmmm. Aber das hast du nicht. Und das wirst du auch jetzt nicht, habe ich recht?«

Das war die große Frage, auf die sie allerdings keine Antwort fand, weil er an ihrem Ohrläppchen knabberte und sie mit seinem schweren Körper auf den Sitz drückte. Sie musste die Beine spreizen, damit er sich richtig auf sie legen konnte. Ihr Rock glitt nach oben, nur das Höschen blieb noch als letzte Barriere zwischen ihnen. Wahrscheinlich würde er sie mit nur einem Stoß gegen ihre angeschwollene Klitoris zum Höhepunkt bringen. Denn entgegen ihren Beteuerungen war sie zu allem bereit, um endlich zu kommen.

»Da hat wohl jemand eine wirklich ausgeprägte Vorliebe für Rücksitze, nicht wahr? Was muss ich anstellen, um dich in ein ordentliches Bett zu bekommen?« Sie konnte nichts mehr erwidern, und er hatte auch keine Antwort erwartet. Stattdessen glitt er mit den Lippen hinab bis zu ihren Brüsten; sie spürte seinen heißen Atem durch das dünne Oberteil. Er hielt sich jedoch nicht lange dort auf, seine Reise führte weiter nach unten, während er mit einer Hand weiter ihre Brüste massierte. Als er mit der anderen den Saum ihres Oberteils hob und mit der Zunge um ihren Bauchnabel kreiste, versteifte sich ihr ganzer Körper.

»Verflucht, Macy.« Er glitt mit der Zungenspitze in die kleine Kuhle. »Du riechst so verdammt köstlich. Da drin war alles mit deinem Duft erfüllt. Ich konnte es nicht erwarten, dich endlich für mich allein zu haben.«

Heiß brannten ihr die Wangen, eine Hitze, fast so unbändig wie die in ihrem Schoß. Sie wandte das Gesicht zur Sitzlehne, kühlte die schweißnasse Stirn an der Polsterung.

Sie sollte das nicht tun. Sie tat nie so etwas. Nicht schon wieder. Aber sie wollte auch nicht, dass es aufhörte.

Inzwischen hatte er die Erkundung ihres Bauchnabels aufgegeben, schob den Jeansrock noch höher und fasste unter den Bund ihres Höschens. Sie wimmerte, als er es nach unten zog, da sie ihm jetzt nackt ausgeliefert war, weigerte sich aber immer noch, ihn anzusehen. Er hob ihre Knie an, um das Höschen ganz abzustreifen.

»Oh, wie ich sehe, habe ich dich gut vorbereitet.« Als er mit den Fingerspitzen fühlte, wie feucht sie war, durchfuhr sie ein heißer Stromschlag. Sie bog sich ihm entgegen, wollte ihn dort spüren, wo er ihr Erlösung bringen konnte. Er teilte sie jedoch so behutsam, dass sie am liebsten vor Frustration laut aufgeschrien hätte, glitt tief in sie hinein und fachte ihre Leidenschaft noch weiter an, indem er dort sanft mit dem Finger kreiste. Sie öffnete den Mund zu einem stummen Stöhnen. Krallte die Finger in die eigenen Oberschenkel, um sich davon abzuhalten, ihn am Kopf zu packen und in diesen unbändigen Mahlstrom zu drücken, der da zwischen ihren Beinen tobte.

»Sieh mich an.« Mit der freien Hand zog er einen ihrer Oberschenkel zu seiner Schulter, strich mit den Fingernägeln vom Knie bis zur Hüfte hinab, nur so fest, dass es leicht kribbelte. Diese beruhigende Berührung verlieh ihr den Mut, sich ihm zuzuwenden.

Als sie seiner Aufforderung nachgekommen war, konnte sie den Blick nicht mehr abwenden. Sein Gesicht lag halb im Schatten, das spärliche Licht, das in den Wagen fiel, verlieh seinen Augen ein teuflisches Funkeln.

»Willst du mich hier drin?«, fragte er. Ihre Muskeln umklammerten seinen immer wieder zustoßenden Finger, mit dem er sie langsam in den Wahnsinn trieb.

Sie seufzte, als er einen weiteren hinzunahm, schrie auf, als er beide tief hineinstieß, während er mit dem Daumen über ihre Klitoris strich. »Ja! Schnell.« Sie konnte an nichts anderes mehr denken. Er zwängte einen dritten Finger hinein, und nun hielt sie vollkommen still. »Oh … Mann.« Sie regte sich nicht, wimmerte leise, während er sich immer tiefer in sie hineinwagte.

»Mann«, flüsterte er. »Du fühlst dich so gut an. Ich kann es kaum erwarten in dir zu sein.«

»Warum tust du es dann nicht?«

»Das werde ich, Baby. Lange und gründlich, so wie du es brauchst.« Um seine Worte zu unterstreichen, zog er die Finger fast ganz heraus, nur um sie zu quälen, und stieß dann wieder zu. »Aber dieses Mal nicht hier im Wagen.«

Stöhnend rieb sie sich an ihm. Verdammt, sie hatten es schließlich schon einmal hier drin getan. »Wieso nicht?«

»Es geht einfach nicht. Nicht hier drin. Nicht so, wie ich es will, unmöglich.«

Alles, worüber sie sich in der Bar den Kopf zerbrochen hatte, alle Sorgen der vergangenen Monate ohne ihn wurden von ihren Empfindungen ausgelöscht. »Ich brauche es. Bitte, ich brauche es so sehr.«

Fluchend kauerte er sich weiter zusammen und senkte den Kopf. Wie es ihm gelang, sich so zu verbiegen, dass er an sie rankam, war ihr schleierhaft, aber es war auch egal. Ein Schwall seines Atems fuhr über ihren Venushügel, er nahm den Daumen von ihrer Klitoris, ersetzte ihn durch etwas Wärmeres und sehr viel Feuchteres.

»Oh ja!«, rief sie aus. Das stachelte ihn nur weiter an. Er packte ihre Oberschenkel und spreizte sie weiter, dabei drang ein tierischer Laut aus seiner Kehle. Sie klammerte sich an alles, was sie mit ihren Händen erreichen konnte, während er sie leckte, bis sie fast den Verstand verlor. Dabei stieß er weiter mit gekrümmten Fingern in sie hinein, um den Punkt zu finden, der sie noch weiter emportrug. Mit einem Mal konnte sie sich ihm gar nicht weit genug öffnen, sich ihm nicht weit genug entgegenwölben. Ihre abgehackten Seufzer verschmolzen zu einem einzigen sehnsüchtigen Wehklagen.

Er legte die Lippen auf ihre Klitoris, saugte daran und drückte ihr gleichzeitig einen Arm auf den Bauch, um sie festzuhalten, während sie sich ihm entgegenwarf. Die schreckliche Anspannung, die sie so lange mit sich herumgetragen hatte, löste sich in immer weiteren Wellen der Lust. Es kümmerte sie nicht, ob irgendjemand da draußen ihre Schreie oder sein Stöhnen hörte. Ihre Oberschenkel hielten ihn fest umklammert, sie erschauerte, krümmte sich, dann fiel sie halb besinnungslos auf den Sitz zurück, während er das letzte Nachbeben ihres Höhepunkts auskostete.

Behutsam gab er sie frei, leckte noch ein paarmal langsam über ihre Klitoris, um sie zu beruhigen. Er zog die Finger aus ihr heraus, küsste sie, schmeckte ihrer Lust nach.

Macy hätte sich am liebsten gestreckt und wie ein Kätzchen geschnurrt. Sie konnte nicht aufhören, sich unter ihm zu winden und stellte bestürzt fest, dass sie immer noch nicht befriedigt war. Er hatte ihre Sehnsucht nur gelindert. Doch sie wollte mehr. Musste ihn in sich spüren, wollte von ihm ausgefüllt werden.

Als er den Kopf hob, verzog sie das Gesicht, denn er ließ er eine schreckliche Leere zurück. Kleine Nachbeben durchzuckten sie, sie zitterte am ganzen Körper. Als er versuchte, sich aufzurichten, war sie gezwungen, ihm Platz zu machen. Sie zog sich in die Ecke des Sitzes zurück, während er neben ihr auf den Sitz glitt, geräuschvoll den Atem ausstieß und den Nacken lockerte.

Es war ihm nicht anzusehen, was in ihm vorging, Macy erkannte aber doch in seiner arbeitenden Kiefermuskulatur dieselbe Anspannung, die sie gequält hatte, bis er sie erlöst hatte. Er öffnete den Reißverschluss seiner Kapuzenjacke und zog sie aus, machte aber keinerlei Anstalten, auch die Hose aufzuknöpfen – erwartete er etwa nicht, dass sie sich bei ihm revanchierte? Offensichtlich nicht. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten oder was sie sagen sollte, also machte sie sich peinlich berührt auf die Suche nach ihrem Höschen, das anscheinend auf den Boden gefallen war.

»Suchst du zufällig das hier?«, fragte er, und als sie aufblickte, sah sie das kleine Stück Seide an seinem Zeigefinger baumeln.

»Ähm, ja.« Als sie es schnappen wollte, krümmte er lächelnd den Finger. Macy kicherte und ließ sich auf den kleinen Zweikampf ein, aus dem sie schlussendlich als Siegerin hervorging.

Mit ihm hatte sie immer so viel Spaß. Das hier war genau das gewesen, was sie gebraucht hatte.

»Weißt du, ich muss das ja eigentlich nicht gleich wieder anziehen.« Sie legte ihm eine Hand in den Schritt, dort, wo sich die Jeans heftig ausbeulte. Er musste doch fast verrückt werden. Und tatsächlich huschte ein gequälter Ausdruck über sein Gesicht, als sie seinen Ständer berührte.

Dennoch war er wohl fest entschlossen, nicht weiter zu gehen. Er packte sie am Handgelenk und zog sie zu sich, bis sie rittlings auf ihm saß. Streichelte ihr sanft über den Oberschenkel. »Danke dafür, dass du heute Abend einen Rock getragen hast. Mein Dank kommt aus tiefstem Herzen.«

»Gern geschehen.« Macy erschauerte, als seine Finger nach oben unter den Rocksaum wanderten. Er schob das Zittern anscheinend darauf, dass sie fror, denn er griff sich seine Kapuzenjacke und legte sie ihr behutsam über die Schultern. Sie schlüpfte hinein und sog seinen Duft ein.

»Nachdem das geklärt ist, erzähl mal. Was hast du so getrieben, als ich weg war?«

»Gar nichts.« Sie schmiegte sich an seine Brust.

»Kein anderer Kerl in Sicht?«

Sie lächelte darüber, wie mürrisch er das vorbrachte. »Eifersüchtig?«

»Nachdem ich noch vor zwei Minuten mit dem Gesicht zwischen deinen Beinen hing, muss ich sagen: nein.«

Macy wusste nicht, ob sie sich je an seine derbe Ausdrucksweise gewöhnen würde. Bei jedem anderen hätte sie das abstoßend gefunden, aber bei ihm … fand sie es toll. Weil es ihm scheißegal war, was irgendjemand über ihn dachte, sie selbst eingeschlossen. Wie gern wäre sie auch so. Nur tickte sie eben ganz anders.

»Du wirkst irgendwie verändert«, sagte er.

Das gab ihr zu denken, und sie fühlte sich ein wenig unbehaglich. Sie legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen. »Wie denn?«

Er strich ihr sanft mit dem Finger über die Wange. Sah ihr tief in die Augen, viel zu tief. »Bist du traurig?«

»Ich …« Was sollte sie darauf bloß antworten? In wenigen Minuten hatte er genau das herausgefunden, was sie seit Monaten erfolgreich vor allen anderen verbarg. Etwas, das nicht einmal ihren besten Freundinnen aufgefallen war … jedenfalls nicht mehr als sonst. Dennoch wollte sie es nicht vor ihm zugeben. Er könnte denken, es habe etwas mit ihm zu tun. »Nein.«

Diese Augen, die bis in ihr Innerstes vordrangen, wurden schmal. »Dann bist du also immer deprimiert, wenn du betrunken bist?«

»Ich bin nicht betrunken. Jedenfalls nicht so sehr. Und ich weiß echt nicht, wie du darauf kommst, ich sei … deprimiert.«

Er zuckte mit den Achseln. »Nun, lass mich das mal kurz zusammenfassen. Ich meine mich daran zu erinnern, dass wir beide es auf genau diesem Rücksitz hinter dem Dermamania getrieben haben. Ich erinnere mich auch daran, dass wir gequatscht haben, bis die Sonne aufging, uns über allen möglichen Mist kaputtgelacht haben. Du hast mich umgehauen, weil du so lustig warst. Das hatte ich nicht erwartet. Das mit der Miesepeterin war als Insiderwitz gemeint, weil wir beide wissen, dass ich eine ganz andere Seite von dir kennengelernt habe. Aber plötzlich hast du dich aus dem Staub gemacht. Ich musste aus der Stadt weg. Und von dem ausgehend, was ich heute Abend gesehen habe, frage ich mich, ob du seitdem überhaupt mal wieder gelacht hast.«

Während er sprach, spielte sie mit dem Kragen seines T–Shirts, ohne ihm in die Augen zu schauen. »Weißt du, was verrückt ist? Trotz allem, was passiert ist, kenne ich nicht mal deinen richtigen Namen.«

Er kommentiere ihr kleines Ablenkungsmanöver mit einem Seufzen. »Seth.«

»Seth«, wiederholte sie, wollte den Namen auf der Zunge spüren. »Gefällt mir. Wieso hast du mir das nicht schon früher verraten?«

Er klaubte ihr mit einem Mal hochkonzentriert einen unsichtbaren Fussel vom Oberteil. »Du hast nie gefragt.«

Ihre Unterlippe zitterte. Großartig, jetzt hielt er sie also nicht nur für eine Depri-Tante, sondern auch noch für eine hochnäsige Kuh. »Ich wollte es aber die ganze Zeit wissen. Und dein Nachname?«

»Warren. Wieso?« Er grinste. »Willst du mich überprüfen lassen? Brauchst du dazu auch noch mein Geburtsdatum?«

Seine Frage versetzte sie kurzfristig in Panik. Sie wusste tatsächlich kaum etwas über ihn. Also schoss ihr sofort das Schlimmstmögliche durch den Kopf.

Ist er etwa vorbestraft? Ein Schwerverbrecher? Hatte er bereits im Gefängnis gesessen oder irgendetwas in der Art? Ein paar von diesen Tattoos sehen schon irgendwie dubios aus …

Er lehnte sich entnervt zurück. »Himmel, Macy. Nein, ich bin kein vorbestrafter Gewaltverbrecher.«

»Das habe ich ja auch gar nicht gedacht.«

Er legte nachdenklich eine Hand ans Kinn. »Bis auf diesen einen Bankraub, der leider furchtbar schiefgelaufen ist.«

»Hör auf, dich über mich lustig zu machen.«

»He, ganz ruhig. War doch nicht so gemeint. Alles klar?«

Sie nickte bloß. Denn so kläglich, wie ihre Stimme gerade eben geklungen hatte, würde sie ihr jetzt womöglich ganz versagen. Er hatte anscheinend bemerkt, wie bedrückt sie war, denn er strich ihr beruhigend über den Rücken.

Macy schloss die Augen und seufzte schwer, was ihm ebenfalls nicht entging. Wie gern sie seine warme Haut an ihrer spüren würde. Schon beim letzten Mal war ihr das nicht vergönnt gewesen. Zwei nackte Körper … Seiner so kräftig, glühend heiß und mit verschlungenen Mustern verziert, ihrer weich und anschmiegsam und …

Die Bilder, die in ihr aufstiegen, fachten ihre Leidenschaft erneut an. Er roch herrlich. Dunkel, süßlich, gleichzeitig frisch, nach Zitrone. Sie wollte nicht reden, sie wollte das Gesicht an seinem Hals vergraben und seinen Duft einatmen, ihn auf der Zunge spüren.

»Also, was ist los?«, fragte er.

Die Frage riss sie aus ihren Träumen. »Ich gehöre nicht dazu.« Die Wahrheit platzte einfach so heraus, ehe sie groß darüber nachdenken konnte.

Seine Überraschung war spürbar, auch ohne, dass sie ihn ansah. »Wo gehörst du nicht dazu?«

»Hierher. Zu dir. Zu … den anderen.« Sie hob den Kopf und nickte in Richtung Bar.

»Sagt wer?«

»Ich.«

»Na … was machst du dann hier?« Sie hörte aufrichtiges Interesse in seiner Stimme.

Sie zuckte mit den Achseln.

»Also … was jetzt? Willst du dich von allen abwenden und einfach allein deines Weges gehen?«

»Nein, das will ich nicht. Überhaupt nicht.«

»Hör mal«, begann er. »Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, dass du dich von der coolen, selbstbewussten Frau, die mich bei jedem Treffen aufgebaut hat, in dieses Häufchen Elend verwandelt hast, aber so schlimm kann es nicht sein. Vergiss es einfach. Das ist meine Lebensphilosophie: Gewöhn dir an, dich nicht wegen unwichtigem Scheiß kaputtzumachen. Dann ist das Leben viel einfacher.«

Als sie ihn ansah, brannten ihr Tränen hinter den Lidern. Eigentlich weinte sie nie, und wenn, dann bestimmt nicht vor Kerlen, die sie kaum kannte. »Es freut mich, dass ich dich aufgebaut habe.«

»Na ja, und jetzt revanchiere ich mich dafür. Also sprich dich aus.«

»Ich hab mich von den anderen irgendwie entfremdet. Seit Candace und Brian zusammengekommen sind … ich meine, klar freue ich mich für sie. Versteh mich nicht falsch. Aber seitdem hat sich alles verändert, und ich schätze, damit kann ich nicht so gut umgehen. Mit Veränderungen allgemein.«

»Verstehe. Im Tattoostudio war es genau dasselbe, bevor ich abgehauen bin. Wir mögen sie alle, aber manchmal nervt es auch einfach tierisch, wenn die Freundin vom Chef ständig dort rumhängt. Du bist also nicht allein. Wir müssen uns alle daran gewöhnen.«

»Aber wir sind schon beste Freundinnen, seit wir kleine Mädchen waren.«

»Ja, und Brian und ich sind auch schon sehr lange eng befreundet. Ich denke, du steigerst dich da zu sehr rein.«

»Wir scheinen einfach so weit voneinander entfernt. Und sosehr ich mich bemühe, ich bin einfach nicht … wie ihr.«

»Okay … Wie sind wir denn genau?«

»Ach, komm schon«, sagte sie verächtlich. »Sieh mich an und sieh dich an, der Unterschied ist offensichtlich. Ich meine das auch nicht böse. Ich sage lediglich … dass die Dinge, für die ihr euch interessiert, nicht mein Ding sind, und umgekehrt gilt dasselbe, so ist das nun mal.«

»Ganz ehrlich, ich denke, das mit dem Entfremden bildest du dir nur ein, weil du dich so sehr an den Unterschieden aufhängst. Du solltest einfach, du weißt schon … alles ein wenig lockerer sehen, Miesepeterin. Das ist alles.«

Macy musste lächeln, weil er sie wieder mit diesem Spitznamen aufzog. »Das versuche ich ja. Es klappt nur nie, und dann geraten wir jedes Mal aneinander. Vorhin auch schon wieder, bevor ihr aufgetaucht seid.«

»Du müsstest nur ein wenig toleranter werden … du weißt schon, leben und leben lassen.«

»Ich weiß. Nur manchmal denke ich eben, dass ich nicht interessant genug bin für … ach, egal.« Sie verstummte. Der Alkohol hatte ihre Zunge heute Abend schon genug gelockert. Und jetzt schüttete sie auch noch einem Kerl das Herz aus, der ausgesprochen begabt darin war, sie geistig und körperlich zu verwirren. Das Gespräch hatte ihr Verlangen nicht gedämpft – dafür war seine Stimme viel zu erotisch.

»Nicht interessant genug? Was zum Teufel redest du da?«

»Ich weiß auch nicht. Vielleicht bin ich einfach betrunken.«

»Du wirkst ziemlich klar, also keine Ausflüchte.«

Sie wusste gar nicht, wo sie anfangen sollte, griff sich einfach einen der vielen Gedanken heraus, die sie quälten. »Ich wollte Candace zuerst ausreden, sich auf Brian einzulassen. Wegen mir hätte sie dieses Glück beinahe nie erfahren. Stell dir vor, sie hätte auf mich gehört.«

»Das hat sie aber nicht. Also ist es sinnlos, darüber nachzugrübeln.«

»Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich auch mir selbst mein Glück ausrede. Ich schaffe es einfach nicht, diese übervorsichtige Seite in mir … zum Schweigen zu bringen.«

Seine weißen Zähne blitzten im Dunkel auf. »Brauchst du jemanden, der das für dich tut?«

»Ganz ehrlich? Ja, ich denke, so jemanden bräuchte ich.«

»Vielleicht kann ich da behilflich sein«, sagte er anzüglich. Es war glasklar, worauf er hinauswollte. Seine großen Hände lagen locker auf ihren Schenkeln. Wie sehr sie sich wünschte, sie würden höher wandern! Macy fühlte sich unwiderstehlich von ihm angezogen. War diesem Gefühl vollkommen ausgeliefert.

Die Aufregung, die ihr in ihrem Leben fehlte, alles, wonach sie sich sehnte, saß direkt vor ihr. Etwas, das ihr durch diese emotionale Krise oder was immer es war hindurchhelfen würde. Eine Brücke, die über die tiefe Kluft zu ihren Freundinnen führte, die schon auf der anderen Seite auf sie warteten. Macy wollte nicht zurückbleiben – dafür bedeuteten ihr die anderen zu viel.

Ihre Gesichter waren nur noch Zentimeter voneinander entfernt, sie wusste, dass er ihren Atem an seinem Mund spürte. Seiner ging immer noch gleichmäßig und ruhig, kitzelte sie an den Lippen. Er hatte sie nicht auf den Mund geküsst, seit sie in den Wagen gestiegen waren. Hatte sie tatsächlich noch nie zuvor auf den Mund geküsst, selbst damals nicht, was ihr einige schlaflose Nächte bereitet hatte. Aber ihre letzte Begegnung war genau wie heute gewesen: unerwartet, stürmisch, glühend heiß. Jetzt sehnte sie sich allerdings nach einer tieferen Verbindung, und der Wunsch, ihn zu küssen, wurde geradezu übermächtig.

Behutsam nahm sie sein Gesicht in beide Hände, sah an ihm vorbei aus dem Fenster. Eine laute Stimme war zu hören, bunte Schatten schoben sich an der Heckscheibe vorbei in Richtung des Klubs, aber sie machte sich keine Sorgen, ob sie jemand beobachtete.

Sie schloss die Augen. Beugte sich zu ihm. Suchte seinen Mund.

Er zitterte und fuhr – endlich! – mit den Händen ihre Schenkel hinauf. Seine Lippen waren genauso weich und kräftig wie sie aussahen, sie schlüpfte mit der Zunge dazwischen, um ihn zu lecken und zu schmecken. Als sie leise wimmerte, grub er die Finger tief in ihre Haut. Dann glitt seine Zunge in ihren Mund, schlängelte sich in jeden Winkel, bis Macy sich schamlos auf seinem Schoss wand. Sie legte ihm eine Hand in den Nacken, zog ihn begierig näher heran, malte sich aus, was er mit seiner Zunge sonst noch überall anstellen könnte, was er gerade erst alles damit angestellt hatte. Sie stöhnte laut auf.

Als er sie fest am Hintern packte, hätte sie am liebsten vor Freude geweint. Jetzt würde er sie erlösen. Stattdessen ließ er wieder los, schloss ihr Gesicht in die Hände und schob sie weg, bis sie gezwungen war, die Lippen von seinen zu lösen. Sie sah ihn vorwurfsvoll an.

»Verdammt, Mädchen«, keuchte er und klang dabei so aufgewühlt, wie sie sich fühlte. »Ich denke, ich komme damit klar, dass du so mies drauf bist, wenn du getrunken hast, wenn du dann auch jedes Mal so unfassbar scharf bist.«

Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wich aus; am liebsten hätte sie wie ein Kleinkind geschmollt, beherrschte sich aber. »Was hast du vor?«

»Was hast du vor?«, murmelte er leise mit dieser tiefen Stimme, die überall in ihrem Körper widerhallte.

»Ist das nicht offensichtlich?«

Sein Lachen klang dunkel. »Du und offensichtlich? Baby, das gibt es bei dir nicht. Wirst du morgen vielleicht einfach wieder so tun, als sei das hier niemals geschehen, so wie beim letzten Mal?«

»Was spielt das … ich dachte nicht, dass es dir …«

»Dachtest nicht, dass es mir etwas ausmacht? Dachtest, dass es mir nur darum ging, dich rumzukriegen?«

Ihre Wangen brannten vor Scham, und sie war froh, dass es hier im Wagen zu dunkel war, als dass er es erkennen könnte. Sie fühlte sich immer noch seltsam, wenn sie daran zurückdachte, wie sie damals die Kontrolle über sich verloren hatte. Was vermutlich bald wieder passieren würde.

»Ich weiß, dass es für dich unvergesslich war«, fuhr er fort. »Ich weiß noch genau, wie oft du gekommen bist. Habe es jedes einzelne Mal gespürt, daran, wie feucht du warst, wie eng du wurdest. Ich höre immer noch deinen Atem an meinem Ohr, wie du mich angebettelt hast, spüre deine Nägel auf meinem Rücken.«

Sein Blick hielt sie gefangen, Furcht einflößend, dunkel und wild wie seine Worte, bis sich ihre Scham in etwas wesentlich Heißeres verwandelte. Er konnte sie doch nicht so aufgeheizt zurücklassen. Allerdings war sie wohl kaum allein damit, wie ihr die dicke Beule in seiner Hose verriet, an der sie sich die ganze Zeit rieb, während er sprach.

Na schön. Er hatte gewonnen.

»Kommst du mit zu mir?«, fragte sie leise.

Seth schloss die Augen, ließ den Kopf gegen die Nackenstütze fallen. Sein Hals war verführerisch, am liebsten hätte sie sich auf ihn gestürzt, dort, wo eines seiner Tattoos über dem Kragen hervorlugte. »Ich habe Brian versprochen, dass ich ihm heute im Laden aushelfe, damit er den Abend mit Candace verbringen kann. Deswegen habe ich auch kaum was getrunken. Ich muss mich auf den Weg machen.«

»Und Brian würde nicht …«

»Für mich einspringen, damit ich flachgelegt werde, während die dort schuften? Darum würde ich ihn niemals bitten.« Er hob den Kopf, um sie anzusehen. »Wenn ich Feierabend habe, bist du bestimmt schon längst weggeknackt.«

Sein Mund war wieder näher gekommen – gefährlich nahe. Sie küsste ihn. Fuhr mit der Zunge über seine Unterlippe.

»Scheiße«, keuchte er leise, machte aber immer noch keine Anstalten auszusteigen. »Macy … du sorgst noch dafür, dass ich gefeuert werde, bevor ich überhaupt wieder im Laden eingestiegen bin.« Er küsste sie ein Mal, zwei Mal, noch ein Mal. Sie bebte vor Lust, drängte sich sehnsüchtig an ihn. Seine Hand verschwand unter ihrem Oberteil, glitt über die nackte Haut, bis die Finger sich endlich um die spitzenbedeckte Brust legten. Das Lustzentrum in ihrem Gehirn lief auf Hochtouren. Ihre Brustwarze richtete sich unter seiner Berührung auf, rieb gegen den dünnen Stoff. Als Antwort kreiste er mit dem Daumen um die harte Spitze.

»Ja«, hauchte sie und streckte ihm die Brust entgegen. Er beugte sich vor, küsste sie am Hals, glitt mit der Zunge über die zarte Haut zwischen den Schlüsselbeinen.

Es war verrückt, und es war genau das, was sie versucht hatte, sich auszureden, aber Himmel, es fühlte sich so gut an. Als er den Finger unter ihren BH schob, hätte sie beinahe den Verstand verloren. Mit einer hastigen Bewegung hatte er ihr das enge T-Shirt hochgezogen, versenkte fluchend den Kopf in den weichen Hügeln. Sie streichelte seine Glatze, lächelte, weil sie daran denken musste, was Sam über Männer mit rasiertem Schädel gesagt hatte.

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