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Captain auf der Brücke - Chronik der Sternenkrieger #1 (Alfred Bekker's Chronik der Sternenkrieger, #1)

Captain auf der Brücke - Chronik der Sternenkrieger #1

Alfred Bekker's Chronik der Sternenkrieger, Volume 1

Alfred Bekker

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Chronik der Sternenkrieger 1 | Captain auf der Brücke | von Alfred Bekker

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Chronik der Sternenkrieger 1

Captain auf der Brücke

von Alfred Bekker

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Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2012 der Digitalausgabe 2012 by AlfredBekker/CassiopeiaPress

www.AlfredBekker.de

––––––––

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ETWA DREIßIG RAUMSCHIFFE hatten sich am Rand des Tridor-Systems versammelt und eine Kampfformation eingenommen, wie sie bei den Einheiten der Space Army Corps üblich war. Die Leichten Kreuzer und Zerstörer bildeten die Flanken, während sich die größeren und stärker bewaffneten Schweren Kreuzer im Innenbereich der Formation befanden. Im Zentrum richteten zwei Schlachtschiffe der Dreadnought-Klasse ihre Raumgeschütze aus. Die Flotte erwartete ihren weit überlegenen Feind, einen Verband von über vierzig Kriegsschiffen der vogelartigen Qriid. Ein Durchbruch dieser Raum-Armada wäre für die Menschheit einer Katastrophe gleichgekommen. Wenn die kriegerischen Aliens hier siegten, konnten sie tief in den Kernbereich des Verbundes der Humanen Welten eindringen.

Aber mit Verstärkung konnten die Verteidiger nicht rechnen... Die Qriid-Schiffe näherten sich und gingen sofort zum Angriff über. Schon trafen den ersten Zerstörer mehrere Traser-Strahlen in die Triebwerkssektion. Das Raumschiff wurde für Sekunden zu einem Glutball, der schließlich verlosch und nur einige wenige strahlenverseuchte Trümmerteile zurückließ...

*

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COMMANDER RENA SUNFROST schluckte. Die Anspannung war der 32-Jährigen deutlich anzusehen. Das fein geschnittene, von kurzem schwarzem Haar umrahmte Gesicht verriet volle Konzentration. Ihr Blick war auf den großen Panorama-Sichtschirm gerichtet, dessen Drei-D-Effekte ein verblüffend naturgetreues Bild der räumlichen Verhältnisse bot.

Das Licht des roten Riesen schimmerte matt. Ein Schatten malte sich am Rand der glutfarbenen Scheibe ab und wanderte langsam den Sonnenäquator entlang. Es handelte sich um einen Gasriesen mit fünffacher Jupitermasse, der sein Zentralgestirn in einer extrem engen Umlaufbahn umkreiste.

Im Vordergrund tobte das Raumgefecht zwischen der überlegenen Qriid-Flotte und den Einheiten des Space Army Corps des Humanen Weltenbundes.

Die Raumer der Vogelartigen bremsten ab. Das Aufflammen der Gegenschubdüsen war deutlich zu erkennen und erleichterte die optische Ortung. Auf Grund ihrer hohen Geschwindigkeit beim Erreichen des Tridor-Systems wären die Qriid-Schiffe ansonsten mit beinahe fünfzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit auf ihre Gegner zugerast. Die Wahrscheinlichkeit von Kollisionen war dabei verschwindend gering. Sie wären vermutlich einfach an den Space Army Corps-Schiffen vorbei oder sogar durch ihren Verband hindurchgerast. Das entsprach allerdings eher der auf der Bewaffnung basierenden Taktik des Space Army Corps, und die Vogelähnlichen wären eine leichte Beute für die Geschütze der Verteidiger geworden.

Aber die Qriid wussten sehr wohl, wie man eine Raumschlacht führte. Sie waren gewiefte Taktiker und nach allem, was man über die Geschichte der Vogelartigen wusste, verfügten sie über eine Kampferfahrung im Raumkrieg wie sonst kaum eine andere Spezies im bekannten Universum. So etwas wie einen dauerhaften Frieden schienen sie nicht zu kennen.

Im Jahr 2236 waren Raumschiffe der Menschheit zum ersten Mal auf die Qriid gestoßen und sofort angegriffen worden.

Ein grausam geführter Krieg hatte in den nächsten drei Jahren getobt und auf beiden Seiten ungezählte Opfer gefordert.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet das Tridor-System zum Ort der Entscheidung wird, ging es Commander Rena Sunfrost durch den Kopf, während sie verfolgte, wie die Qriid den Schiffen des Space Army Corps konzentriertes Traser-Feuer entgegenschleuderten. Diese Strahlenwaffe ermöglichte vor allem einen zielgenauen Beschuss aus der Distanz. Die Schiffe des Space Army Corps hingegen verfügten mit ihren Gauss-Kanonen über eine ungleich größere Feuerkraft, hatten aber deutliche Nachteile bei der Treffsicherheit. Die Taktik der Qriid lag daher auf der Hand. Sie hielten einen größtmöglichen Abstand zum Gegner und zueinander, der es ihnen ermöglichte, dem Dauerfeuer der Space Army Corps Raumer zu entgehen.

Der Kampf war in vollem Gang.

Die kugelförmigen Schiffe der Qriid setzten ihre Traser mit erschreckender Zielsicherheit ein. Ein weiterer Zerstörer und ein leichter Kreuzer gingen verloren, während eines der beiden Dreadnoughts immerhin den Plasma-Schirm einbüßte, als er unter konzentriertes Traser-Dauerfeuer geriet.

Die Lage ist hoffnungslos, dachte Rena. Wie man es auch dreht und wendet, wir haben letztlich keine Chance.

Daran änderten auch vereinzelte Erfolge der Space Army Corps-Schiffe nichts, denen es gelang, einen Qriid-Raumer mit Dauerfeuer zu belegen.

Tausende von auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigte Geschosse durchschlugen dann jede nur denkbare Panzerung.

Sauerstoff trat in gefrierenden Fontänen aus, der Druckabfall war je nach Trefferzahl rapide und wenn Triebwerke oder Energiesysteme getroffen wurden, kam es zur Explosion.

Die Schiffe des Space Army Corps wehrten sich tapfer. In breiter Kampfformation kamen sie den Qriid-Schiffen entgegen, die auf einen Ausweichkurs einschwenkten. Ihre Kommandanten wussten genau, dass es ihr Tod war, wenn sie dem Dauerfeuer ihrer Gegner zu nahe kamen...

Ein Summton ertönte. 

Rena betätigte wie beiläufig einen Schalter und aktivierte damit eine Interkom-Verbindung.

Auf einem Nebenbildschirm erschien das Gesicht von Admiral Norman Fabri, seines Zeichens Chef der Personalverwaltung des Space Army Corps. »Ich würde Sie gern umgehend sprechen, Commander.«

Rena nahm unwillkürlich Haltung an. »Ja, Sir. Kommen Sie herein.«

»Sie werden Ihre Simulation unterbrechen müssen, Commander Sunfrost.«

»Das macht nichts, Sir.«

»Wie Sie meinen.«

Im nächsten Moment glitt die Schiebetür ihres Quartiers zur Seite, und Admiral Fabri betrat den Raum. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit grauen, kurz geschorenen Haaren, durch die die Kopfhaut hindurchschimmerte.

Rena salutierte.

»Stehen Sie bequem, Commander«, sagte der Admiral und ließ den Blick schweifen.

Das Schlachtgeschehen auf dem großen Panoramaschirm war wie gefroren. Ein Qriid-Schiff detonierte gerade.

Der Admiral deutete auf die dunkle Scheibe des Gasriesen, der sich deutlich sichtbar als dunkler, kreisrunder Fleck vor dem roten Hintergrund seines Zentralgestirns abhob.

»Die Schlacht um das Tridor-System am 11. September des Jahres 2239«, erkannte Fabri sofort. »Fast genau elf Jahre ist es jetzt her, dass unsere Flotte dort den entscheidenden Sieg gegen eine zahlenmäßig weit überlegene Armada von Qriid-Schiffen errang und den Geierköpfen so starke Verluste zufügte, dass sie sich zurückzogen und sogar zu einem Waffenstillstand bereit waren.«

»Einem unerklärten Waffenstillstand, Sir«, ergänzte Rena Sunfrost.

Das war ein Punkt, der ihr wesentlicher schien. Die Qriid hatten niemals erklärt, dass sie Frieden oder auch nur Koexistenz mit der Menschheit oder irgendeiner anderen raumfahrenden Spezies für möglich oder wünschenswert hielten.

Tatsache war nur, dass sie sich nach der Schlacht im Tridor-System zurückgezogen und ihre Expansion bislang nicht weiter fortgesetzt hatten.

Die Ursachen dafür waren letztlich nicht bekannt, auch wenn es zu diesem Punkt zahllose Spekulationen gab.

Der Admiral hing einige Augenblicke lang an der Schlachtsimulation, die auf dem großen Panoramaschirm dargestellt wurde, überflog anschließend kurz die Anzeigen auf den verschiedenen Displays und Kontrollbildschirmen, ehe er sich schließlich wieder Rena zuwandte.

»Was interessiert Sie so sehr an der Tridor-Schlacht?«, fragte er.

»Sie war ein Wendepunkt im Krieg gegen die Qriid«, erklärte Rena. »Einem Konflikt, bei dem wir damit rechnen müssen, dass er jederzeit wieder aufflammen kann.«

Fabri nickte. »Dieser Analyse stimme ich zu, auch wenn im Rat derzeit Debatten darüber geführt werden, ob man die Mittel des Space Army Corps nicht besser kürzen und in andere Bereiche stecken sollte – nun, da die Qriid schon seit über einem Jahrzehnt nicht mehr angegriffen haben.«

»Ich bin nicht dieser Ansicht, Sir«, bekannte Rena.

Fabri lächelte. »Das ist wahrscheinlich kaum jemand, der im Corps dient.« Er deutete erneut auf das erstarrte Bild in der Simulation. »Sie haben den Simulator der Flottenakademie recht häufig aufgesucht und dabei immer wieder die Schlacht um das Tridor-System mit geringen Variationen ablaufen lassen. Ich wiederhole meine Frage: Was ist der Grund für diese Hartnäckigkeit, Sunfrost?«

»Die Tatsache, dass wir die Schlacht damals nicht hätten gewinnen dürfen, Sir.«

Fabri runzelte die Stirn. »Wie soll ich das verstehen? Wir haben die Schlacht doch schließlich gewonnen und die verdammten Geierköpfe zurück in ihr Territorium gejagt.«

»Sir, ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich unsere Flotte war, die den Gegner zum Rückzug veranlasste. Die Qriid hätten leicht Verstärkung herbeiholen können. Mindestens fünfzig Raumschiffe wurden laut Logbuch der KAVANAUGH beim Übergang in den Unterlichtflug geortet. Sie hätten ihren Einheiten zu Hilfe eilen können, aber sie haben sich stattdessen ebenso zurückgezogen wie alle anderen Qriid-Schiffe.«

»Eine interessante Überlegung mit militärhistorischen Implikationen erster Güte«, gestand der Admiral zu. »Ich weiß, dass Sie an der Akademie im Fach Taktik und Militärhistorie Bestnoten hatten, aber vielleicht ist Ihnen doch etwas entgangen, Commander Sunfrost.«

Rena hob die Augenbrauen. »Ich weiß nicht wovon Sie sprechen, Sir.«

»Ich spiele auf die gewaltigen Verluste an, die in einer bestimmten Phase der Schlacht unter den Qriid-Schiffen auftraten.«

»Das war nur eine vorübergehende Phase, Sir. Ich habe alle relevanten Parameter der Schlacht in das Simulationsprogramm eingegeben und es immer wieder ablaufen lassen. Und zwar im Gegensatz zu den Ereignissen, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen, bis zum Ende. Das Ergebnis war immer das dasselbe. Die Schiffe des Space Army Corps konnten den Qriid-Einheiten auf die Dauer nicht standhalten. Selbst wenn man das ohnehin schon brillante taktische Verhalten unserer damaligen Flotte noch nachträglich optimiert oder...«

»...oder das Programm unter der Voraussetzung ablaufen lässt, dass wir damals schon unsere heutigen Plasma-Schirme gehabt hätten, mit denen die Wirkung der Traser zumindest...

abgemildert wird«, ergänzte Admiral Fabri, während sein Blick an einem der Displays haften blieb. »Eine interessante Variation, die Sie da eingegeben haben, das muss ich zugeben.« Er drehte sich herum und sah Rena offen in die Augen. »Leider bin ich aus dienstlichen Gründen hier und nicht, um mit Ihnen über Schlachten der Vergangenheit zu sprechen. So sehr ich dieses Gespräch auch genieße. Waren Sie damals überhaupt schon im aktiven Dienst, Commander?«

»Ja, ich war gerade Fähnrich auf der Dreadnought NEW CALIFORNIA geworden und diente im taktischen Stab von Admiral Müller, dessen Flottenverband die Einheiten im Tridor-System unterstützen sollte. Allerdings kamen wir dort erst an, als schon alles vorbei war.«

»Und das nagt bis heute an Ihnen, nicht wahr?«

»Sie wollten etwas mit mir besprechen, Sir«, wich Rena einer Stellungnahme aus.

Der Admiral nickte. »Ihre Beförderung zum Commander ist ja inzwischen durch. Commodore Jackson dürfte Ihnen Ihre Urkunde bereits überreicht haben.«

»Ja, Sir.«

»Jetzt geht es um die Einführung in Ihr neues Kommando.«

»Die STERNENKRIEGER liegt doch noch im Orbitalen Dock«, gab Rena zu bedenken.

»Das ist richtig. Aber traditionellerweise wird die Übergabe eines Kommandos immer an Bord durchgeführt und nicht in irgendeinem Amtszimmer. Davon abzuweichen hieße, den geballten Aberglauben der Flotte gegen sich zu haben, denn das soll angeblich Unglück bringen. Morgen früh um neun wird Sie ein Gleiter von Ihrem Appartement abholen und zum Raumhafen von New L. A. bringen. Ich werde auch dort sein. Ein Shuttle bringt uns zum Dock 13, wo die STERNENKRIEGER derzeit liegt. Ein Teil der Mannschaft – darunter auf jeden Fall alle Offiziere – wird zu diesem Zeitpunkt bereits dort sein und Sie erwarten.«

»Ich verstehe.«

»Wenn Sie wollen, packen Sie gleich Ihre persönlichen Sachen ein und beziehen Ihre Kabine«, schlug der Admiral vor. »Sie haben zwar derzeit keine eigentliche Aufgabe an Bord, aber die Crewmitglieder, die derzeit schon Dienst tun, um die Systeme einzurichten, lernen Sie dann umso früher kennen. Ich denke, das kann nicht schaden.«

»Das sehe ich genauso, Sir.«

»Ich soll Ihnen offiziell noch nichts davon sagen, aber ich tue es trotzdem. Wir werden morgen einen außerordentlich prominenten Gast an Bord der STERNENKRIEGER haben.«

Sunfrost hob etwas irritiert die Augenbrauen. »Ein Gast? Wer sollte das sein?«

»Admiral Gregor Raimondo.«

Rena konnte ihre Verblüffung kaum verbergen. Raimondo war zwar noch immer Mitglied des Space Army Corps, hatte inzwischen aber eine politische Karriere als Mitglied des Humanen Rates gemacht, wo er Anführer jener in letzter Zeit arg in die Defensive geratenen Gruppierung war, die sich vehement gegen eine Kürzung des Flottenetats wehrte und nicht müde wurde, vor der im Hintergrund lauernden Qriid-Gefahr zu warnen.

»Das ist wirklich eine Überraschung«, gab Rena unumwunden zu.

»Ich habe keine Ahnung, weshalb Admiral Raimondo darauf bestanden hat, an der Zeremonie teilzunehmen. An Ihrer Stelle würde ich es einfach als Ehre betrachten.«

*

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ORBITAL-SHUTTLE 213-A verließ die Stratosphäre und erreichte den erdnahen Weltraum.

Neben dem zweiköpfigen Pilotenteam, das sich in der Steuerkabine befand, waren insgesamt nur drei Passagiere an Bord. Außer Admiral Norman Fabri und Commander Rena Sunfrost saß noch Commodore Tim Bray Jackson im Aufenthaltsraum des Shuttle.

Jackson war, was die Laufbahnverwaltung betraf, Renas direkter Vorgesetzter. Sein Kopf war vollkommen kahl, obwohl er noch keine vierzig war. Sie wusste, dass dies keine modische Extravaganz war, sondern Folge einer Strahlenverseuchung, die er bei der Havarie der NEW

CALIFORNIA während der Schlacht im Tridor-System erlitten hatte – damals noch im Rang eines Lieutenants.

Nach verheerenden Traser-Treffern durch die angreifenden Qriid-Schiffe waren Teile der Triebwerkssektion explodiert und es war zu einer Verstrahlung ganzer Decks gekommen.

Jackson hatte zu jenen gehört, die durch ihren Einsatz im verseuchten Bereich die Explosion des gesamten Schiffs hatten verhindern können. Manövrierunfähig war die NEW CALIFORNIA bis zum Ende der Schlacht auf den Gasriesen Tridor I zugetrieben, bis es endlich anderen Einheiten der Flotte gelungen war, die Überlebenden an Bord zu nehmen.

Rena kannte auf Grund ihrer intensiven Beschäftigung mit dem Hergang der Tridor-Schlacht jedes in den Akten verzeichnete Detail dieser Geschichte.

Schon deshalb genoss Commodore Tim Bray Jackson in ihren Augen höchsten Respekt. Ein Respekt, der so hoch war, dass sie sich in seiner Gegenwart immer etwas befangen fühlte. Er hatte in einer sehr kritischen Situation Verantwortung übernommen – und zwar ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben oder seine Gesundheit.

Beim Dienst im Space Army Corps waren viele vergleichbare Situationen denkbar, und seit sie von Jacksons Rolle in der Schlacht um das Tridor-System wusste, fragte sie sich, ob sie selbst dazu im entscheidenden Moment in der Lage wäre.

Commodore Jackson hatte in einem der Schalensitze im Passagierbereich Platz genommen, die Beine übereinander geschlagen und las per Handreader ein eBook, während Admiral Fabri einen Syntho-Drink genoss.

»Admiral Raimondo kommt mit seinem eigenen Orbitalshuttle zur STERNENKRIEGER«, erklärte Fabri. »Rang hat eben seine Privilegien.«

Jackson blickte auf. »Raimondo hat eine erstaunliche politische Karriere hinter sich«, meinte der Commodore.

»Ich beneide ihn dennoch keineswegs«, sagte Fabri. »Er hat einen schweren Stand im Rat. Je länger der Frieden mit den Qriid andauert, desto schwieriger wird es vor allem für die Vertreter der Kolonien, ihren Wählern gegenüber plausibel zu machen, weshalb die Menschheit das Space Army Corps nach wie vor in der gegenwärtigen Flottenstärke benötigt.«

»Natürlich! Das Space Army Corps verschlingt Unsummen, die beim dringend notwendigen Aufbau weiterer Kolonien im All fehlen.« Jackson nickte. »Aber ich fürchte, dass wir eine bewaffnete Raumflotte noch dringend brauchen werden, wenn die Qriid ihre Expansionsbestrebungen wieder aufnehmen.«

»Sie rechnen damit?«

»Offen gestanden wundert es mich, dass die Waffenruhe schon so lange hält«, bestätigte der Commodore.

»In dem Punkt teile ich Ihren Pessimismus.«

»Und wenn ich daran denke, dass wir den Qriid in Zukunft vielleicht mit einer stark reduzierten Flotte entgegentreten müssen...« Jackson schüttelte energisch den Kopf. Es war ihm deutlich anzusehen, wie sehr ihm allein diese Vorstellung missfiel. »Was ist Ihre Meinung dazu, Commander?«, fragte er nach einer kurzen Pause an Rena gerichtet.

Fabri nippte zwischenzeitlich an seinem Syntho-Drink und wandte sich Sunfrost zu, die an einem der Sichtfenster stand und hinaus ins All blickte. Der Anblick der blauen Erdscheibe war jedes Mal aufs Neue etwas Besonderes. Es machte einem deutlich wie klein und unbedeutend die Menschheit in Anbetracht des Universums war. Eine Lebensform, die ihre Existenz bis vor kurzem auf einem kosmischen Staubkorn gefristet hatte und es inzwischen geschafft hatte, sich auch auf ein paar weiteren Staubkörnern festzuklammern.

Rena wandte den Kopf. »Wie bitte?«

Jacksons Frage hatte sie aus ihren Gedanken gerissen, mit denen sie im Augenblick Lichtjahre weit vom Gesprächsthema der beiden Männer entfernt gewesen war.

»Sie sollten Commander Sunfrost nicht mit unserem Gerede belästigen, Commodore«, fand Admiral Fabri. »Ich vermute, dass ihr jetzt völlig andere Gedanken durch den Kopf gehen.

Schließlich ist es ihr erstes Kommando...«

Jackson runzelte die Stirn. Er kannte Renas Laufbahn natürlich sehr viel genauer als der Admiral und daher fiel ihm sofort auf, dass dessen Aussage nicht ganz zutraf. »Sir, mit Verlaub, aber Sie kommandierte bereits ein Schiff der...« 

»Ich meinte natürlich ihr erstes Überlichtkommando. Ein Raumschiff mit Sandström-Aggregat«, unterbrach der Admiral seinen Gesprächspartner. Er zuckte die Achseln. »Alles andere ist doch gar keine richtige Raumfahrt... Oder sind Sie anderer Meinung, Commander Sunfrost?«

Ein mildes, leicht verlegenes Lächeln glitt über Renas etwas angespannt wirkenden Gesichtszüge. »Nein, Sir.«

»Hängen Sie ruhig Ihren Gedanken nach«, fügte der Admiral noch hinzu. »Heute haben Sie meine offizielle Erlaubnis zur Sentimentalität. Sobald die STERNENKRIEGER erst Spacedock 13 verlassen hat, werden Sie dazu ohnehin keine Gelegenheit mehr haben...«

Jackson und Fabri nahmen nach einer kurzen Pause ihre Diskussion über die aktuelle Debatte im Hohen Rat der Humanen Welten wieder auf und ereiferten sich abwechselnd über die Kurzsichtigkeit vieler Ratsvertreter. 

Insbesondere galt dies ihrer Ansicht nach für Julian Lang. Der Vorsitzende des Rates betrachtete Politik eher unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Über Sicherheitsfragen machte er sich weniger Sorgen, als es den beiden Flottenoffizieren lieb gewesen wäre.

Rena hörte ihrem Gespräch nur ganz am Rande zu und trat zu dem an Bord befindlichen Getränkeautomaten. Über einen Touchscreen gelangte sie in dessen Menue und versuchte darin, den Befehl zum Einschenken eines Bechers mit Kaffee zu finden. Dieses Getränk war in den vergangen Jahrhunderten aus der Mode gekommen, aber Rena gehörte zu der Minderheit, die ihm nach wie vor die Treue hielten, auch wenn die belebende Wirkung mancher Syntho-Drinks nachgewiesenermaßen viel höher war. Rena hatte den Kaffee kennen gelernt, als sie zu einem Kurzaufenthalt in der irdischen Subregion Österreich geweilt hatte. Dort waren bis heute mehr als ein Dutzend, verschiedene Zubereitungsarten üblich. Von dem Getränkeautomaten eines Orbital-Shuttle konnte sie natürlich nicht erwarten, dass er Spezialitäten wie einen »großen Braunen« in seinem Programm hatte, sondern musste froh sein, wenn sie ihren Kaffeedurst überhaupt stillen konnte.

Das, was sie erhielt, war immerhin nicht zu dünn. Vielleicht hatte man den Kaffee mit künstlichen Geschmacksverstärkern aufgepeppt, aber das kümmerte Rena im Augenblick nicht weiter. Sie nahm ihren Becher, nippte kurz daran und ging zurück zum Sichtfenster. Der Anblick des Alls beruhigte.

Nichts hätte sie in diesem Moment in einem der Schalensitze gehalten, die für die Shuttle-Passagiere zur Verfügung standen.

Die Sichtscheibe spiegelte leicht. Sie sah die Umrisse ihres eigenen, fein geschnittenen Gesichts. Die in Blau und Anthrazit gehaltene Space Army Corps-Uniform lang eng an ihrer sportlich wirkenden Figur an und saß perfekt.

Bis auf eine Kleinigkeit.

Etwa eine Handbreit unterhalb des Kehlkopfes befand sich eine kleine Verdickung.

Rena berührte sie unwillkürlich mit der Linken, als sie die Ausbeulung in ihrem Spiegelbild bemerkte. Ein versonnenes, leicht melancholisches Lächeln glitt über ihr Gesicht.

Unter dem Stoff der Uniform hob sich etwas Hartes, unregelmäßig Geformtes ab. Ein verbogenes Projektil, das sie an einer Kette um den Hals trug und ihr als Glücksbringer und Talisman diente.

Bedenke, dass du sterblich bist!

Das war Renas Wahlspruch geworden, und dieses eigenartig verformte Stück Metall auf ihrer Brust erinnerte sie ständig daran. Erinnerte sie an ihre eigene Verletzlichkeit und die Begrenztheit menschlichen Lebens und menschlicher Erkenntnisfähigkeit – seit man es ihr knapp über dem Herzen aus der Schulter geschnitten hatte.

Sie hatte als Erster Offizier der SURVIVOR die echsenartigen Einheimischen der abgelegenen Dschungelwelt Dambanor II nicht ernst genug genommen und einen Schuss mit einer altertümlichen Steinschlosspistole abbekommen.

Acht Monate Rehabilitation, eine Narbe und die Erkenntnis, dass sie alles andere als unsterblich war, waren die Folge gewesen. Das Projektil trug sie seitdem immer bei sich.

Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit durch ein Objekt abgelenkt, das draußen im All hinter der Erdscheibe auftauchte.

Es musste sich um Spacedock 13 handeln.

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