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Champagnerküsse in Sydney

Sandra Hyatt

Champagnerküsse in Sydney

1. KAPITEL

Das Leben ist einfach zu kurz, um seine Zeit zu verschwenden. Callie Jamieson betrat den schwach beleuchteten Balkon und ließ die Glastür hinter sich zufallen. Ohne den leisesten Anflug von Bedauern tauschte sie den Glanz des glamourösen Hochzeitsempfangs gegen das Funkeln der Lichter im Darling-Hafen von Sydney ein. Es war Silvester, Zeit, ein paar gute Vorsätze zu fassen.

Je weiter sie sich vom Partygetöse entfernte, desto mehr entspannte sich ihr Griff um den Stiel der Champagnerflöte. Erleichtert suchte Callie sich eine Ecke, die nicht nur Privatsphäre, sondern auch einen atemberaubenden Blick auf das glitzernde Wasser bot. Kopfschüttelnd lächelte sie vor sich hin. Was hatte sie eigentlich beweisen wollen, und vor allem wem? All die Stunden im Fitnessstudio, das teure Kleid, das sie sich extra für den heutigen Abend gekauft hatte, die neue Frisur – und was hatte sie davon? Dass sie am liebsten barfuß am Strand spazieren gegangen wäre, und zwar allein.

Nachdem sie sich ihre Situation durch den Kopf hatte gehen lassen, traf sie eine Entscheidung: Keine Sekunde länger würde sie sich mit der Zukunft verrückt machen oder die Fehler, die sie in der Vergangenheit gemacht hatte, bereuen. Sie würde anfangen in der Gegenwart zu leben, einfach das Hier und Jetzt genießen.

Die Musik wurde für einen kurzen Augenblick lauter, und Callie spannte sich an – die Tür hatte sich erneut geöffnet, und nun war sie nicht mehr allein auf dem Balkon. Sie hielt inne, blickte auf den Hafen hinunter und hoffte, dass die Dunkelheit und die Palmen sie vor den Blicken des Neuankömmlings verbergen würden.

„Rosa hat mich gebeten, dich anzurufen“, hörte sie eine tiefe, angenehme Stimme sagen. „Und zwar auf der Stelle. Also, wie geht es dir?“ Eine Weile lang schwieg der Unbekannte. „Na dann, herzlichen Glückwunsch! Sieht so aus, als hättest du gute Gründe gehabt, nicht zur Hochzeit zu kommen.“ Bildete Callie sich das nur ein, oder schwangen in der Stimme plötzlich andere Gefühle mit als noch vor zehn Sekunden? Die Neugier siegte, und sie wandte sich dem Fremden zu. Er stand mitten auf dem Balkon. Da das Licht ihn von hinten anstrahlte, konnte sie nur erkennen, dass er groß war und kurzes dunkles, leicht welliges Haar hatte. In der einen Hand hielt er sein Handy, in der anderen ein Champagnerglas.

„Bitte erzähl mir das doch in allen Einzelheiten, damit ich die gesamte Familie informieren kann. Wenn ich zurück bin, rauchen wir gemeinsam eine dicke Zigarre.“ Sein Akzent war australisch, mit einer etwas exotischen Note.

Callie sah unschlüssig zwischen dem Unbekannten und der Balkontür hin und her. Hoffentlich beendete er sein Telefonat rasch und ging dann wieder nach drinnen! Sie brauchte ein wenig Ruhe, ein bisschen Zeit für sich selbst, ehe sie sich wieder in die Schlacht stürzte, um dieses Fiasko von einem Abend so schnell und unauffällig wie möglich wieder verlassen zu können. Schon morgen würde sie im Flugzeug zurück nach Neuseeland sitzen.

„Drück Lisa fest von uns allen.“ Aus dem Augenwinkel bemerkte Callie, dass der Unbekannte auf die Balkontür zuging. Doch als sie gerade erleichtert aufseufzen wollte, klingelte sein Handy erneut.

„Nick am Apparat?“

Nick. Ein starker, männlicher Name.

„Was gibt’s, Angelina?“ Die Wärme, die eben noch in seiner Stimme gelegen hatte, war mit einem Mal abweisender Kälte gewichen. Der plötzliche Stimmungswechsel machte Callie wieder neugierig, und sie trat, verborgen von den Palmen, noch einen Schritt näher. Der Mann hatte auf halber Strecke zur Balkontür innegehalten. Goldenes Licht fiel auf seine breiten Schultern und seine schmalen Hüften. In seinen kräftigen Gesichtszügen, dem ausgeprägten Kiefer, der markanten Nase erkannte sie einen der Trauzeugen.

Während der endlos währenden Zeremonie hatte Callie genug Zeit gehabt, um die Hochzeitsgesellschaft eingehend zu mustern. Die hübsche, zierliche blonde Braut, die fünf in rosafarbene Rüschen gehüllten Brautjungfern und die fünf Trauzeugen des Bräutigams, allesamt gut aussehend und fast ausnahmslos dunkelhaarig, hatten ein schönes Bild abgegeben.

Schon früher am Abend hatte dieses spezielle Exemplar hier mit seiner ungezwungenen Eleganz und seinem eindringlichen Blick ihre Aufmerksamkeit erregt. War er von Natur aus so ernst, hatte er ein Problem mit der Hochzeit, oder wäre er ganz einfach, ebenso wie sie selbst, lieber woanders gewesen?

Während der Verlesung der Segenssprüche hatte sie das Gefühl gehabt, dass er für einen Moment ihren Blick suchte, so als hätte er gespürt, dass sie ihn musterte. Der kurze Blickkontakt hatte ihr kleine Schauer über den Rücken gejagt, doch Callie bezweifelte, dass es einen Grund für dieses plötzliche Gefühl der Verbundenheit gegeben hatte. Immerhin war ihr Sitzplatz am hinteren Ende der Kirche viel zu weit vom Altar entfernt gewesen, als dass der gut aussehende Fremde wirklich etwas hätte erkennen können! Zu wem er wohl gehörte? Nun ja, da er kein Freund von Jason, dem Bräutigam, war, musste er wohl von der Braut eingeladen worden sein.

„Dass du dich von mir getrennt hast, war eine gute Entscheidung, Angelina. Mir war einfach nicht klar, wie sehr sich deine Bedürfnisse geändert hatten.“ Langes Schweigen folgte, dann fuhr der Mann fort: „Als wir zusammengekommen sind, waren wir uns einig, dass keiner von uns diese Art von Verpflichtung, eine so enge Bindung eingehen will.“

Callie richtete ihren Blick auf die funkelnden Lichter von Sydney. Auch wenn sie wusste, dass Lauschen sich nicht gehörte, wartete sie gespannt, was der Mann als Nächstes sagen würde. Diesmal war die Pause noch länger. „Tut mir leid.“ Sein Tonfall war freundlicher, fast schon weich geworden. „Aber meine Antwort lautet Nein. Du weißt, dass es das Beste für uns beide ist.“ Mit einem tiefen Seufzen klappte er sein Handy zu. „Verdammt“, fluchte er in die Nacht hinein.

Callie hatte Mitleid mit der Anruferin. Nach einigen Erfahrungen im Umgang mit Männern, die sich nicht binden wollten, kannte sie die Verzweiflung, das Gefühl der Unzulänglichkeit, die damit einhergingen. Nie wieder wollte sie so etwas erleben.

Gerade heute hatte sie beobachtet, wie der Mann, den sie hatte heiraten wollen, einer anderen das Jawort gegeben hatte.

Sie sah über ihre Schulter und bemerkte, dass Nick an die Balkonbrüstung getreten war. Eine warme Brise fuhr ihr durchs Haar, und sie nahm einen Schluck Champagner, während sie wieder zum Hafen hinunterschaute.

„Sind Sie hier, weil Sie einsam sind oder einfach, weil Sie allein sein wollen?“

Nick sprach so leise, dass Callie im ersten Moment nicht sicher war, ob die Worte an sie gerichtet waren. Sie wandte sich dem Fremden zu, der sie mit seinen durchdringenden dunklen Augen nachdenklich betrachtete. Was sollte sie auf so eine seltsame Frage nur antworten?

Ein Satz, den ihre Mutter immer gesagt hatte, geisterte ihr durch den Kopf: „Wenn du die Wahl zwischen Einsamkeit und schlechter Gesellschaft hast, entscheide dich immer für Letzteres.“ Von all den Lebensweisheiten ihrer Mutter war dies wohl die Einzige, mit der Callie etwas anfangen konnte.

Der Mann musterte sie noch immer, jetzt eher neugierig als nachdenklich. „Hat meine Frage Sie gekränkt?“

Ob er wohl wusste, dass sie die Exfreundin des Bräutigams war? Dass sie nur hier war, weil Jason und sie beschlossen hatten, Freunde zu bleiben? „Schon mal drauf gekommen, dass ich nur hier sein könnte, weil ich einen Anruf entgegennehmen wollte?“

Ein winziges Lächeln umspielte seine Lippen. Mit amüsiertem Blick musterte er sie von oben bis unten. Plötzlich fühlte Callie sich in ihrem ärmellosen roten Kleid, das ihre weichen Kurven betonte, nackt. Nie im Leben hätte sie so ein Kleid angezogen, wenn sie noch mit Jason zusammen gewesen wäre. Er mochte gedämpfte Farben und ein eher konservatives Auftreten. Wie auch immer, ihre Handtasche hatte sie drinnen neben dem Tisch liegen lassen, und ihr Kleid hatte keine Taschen, in dem sie ein Handy hätte verstecken können. Anerkennend hob Nick die Brauen. „Muss ein winziges Gerät sein. Die Wunder der Technik …“

Widerwillig lächelte Callie. „Vielleicht wollte ich ja auch nur etwas frische Luft schnappen.“ Heimlich unterzog sie ihr Gegenüber einer eingehenden Musterung. Nicks Anzug schien maßgeschneidert zu sein und schmiegte sich an seinen trainierten Körper wie eine zweite Haut.

„Geben Sie es zu, Sie wollten allein sein.“

Jetzt lächelte sie ihn ganz offen an. „Erwischt.“

Er sah ihr in die Augen und hob seine Champagnerflöte. Durch die Glastür fiel Licht in die goldene Flüssigkeit und brach sich in den winzigen Perlen, die wie Diamanten funkelten. „Auf das Alleinsein.“

Sie prostete ihm zu, obwohl sie es schon etwas seltsam fand, zu zweit auf das Alleinsein anzustoßen.

Während er einen Schluck nahm, beobachtete Callie das Hüpfen seines Adamsapfels, doch als sie sich selbst dabei ertappte, sah sie schnell wieder weg. Eine Zeit lang schwiegen sie und lauschten den gedämpften Partygeräuschen und dem gelegentlichen Aufheulen eines Motorbootes im Hafen.

„Und, wartet drinnen jemand sehnsüchtig auf Ihre Rückkehr?“, fragte er schließlich.

Sein unverhohlenes Interesse schmeichelte ihr. „Nein.“ Zum ersten Mal an diesem Abend bedauerte sie es nicht mehr, dass ihr Kollege Marc in letzter Sekunde abgesagt hatte. Die Vorstellung, allein auf dieser Hochzeit auftauchen zu müssen, hatte sie in einen Zustand schlichten Grauens versetzt.

„Dann schlage ich vor, dass wir noch einmal anstoßen. Auf Neuanfänge. Und auf die Freiheit.“

So fühlte er sich, nachdem er gerade eine Frau verlassen hatte? Callie hob ihr Glas. „Auf die Freiheit.“

„Leider bin ich heute Abend nicht ganz so frei, wie ich gern wäre.“ Er warf einen bedauernden Blick auf die Balkontür. „Die Pflicht ruft.“ Mit drei großen Schritten war er bei der Tür. Mit der Hand auf dem Knauf hielt er inne und drehte sich noch einmal zu Callie um. „Tanzen Sie später vielleicht mit mir?“

„Vielleicht.“ Ihr neuer Bekannter erweckte den Eindruck, dass er nur selten einen Korb bekam.

Als er lächelte, blitzten seine Zähne weiß in der Nacht auf, und seine Augen reflektierten das Licht, das durch die Scheiben fiel. Sie sah ihn zum ersten Mal lächeln und musste nach Luft schnappen. Mit ernster Miene war er ja schon äußerst anziehend gewesen, doch nun sah er einfach umwerfend aus. Er hatte sogar ein Grübchen, eines nur, unten an seiner linken Wange. Mit Sicherheit hatte dieser Mann eine ganze Menge Fehler, aber sein Aussehen war makellos.

Nick öffnete die Tür und verschwand im Getümmel. Wie erstarrt sah Callie ihm nach, dann schüttelte sie kurz den Kopf, um sich von diesem Zauber zu befreien.

Vielleicht. Das hatte gar nichts zu sagen. Sie konnte jederzeit gehen. Sie war gekommen, hatte zugesehen, wie Jason heiratete, und dabei so gut wie nichts empfunden außer dem Bedauern darüber, dass sie überhaupt so viel Zeit mit ihm verschwendet hatte. Sechs Jahre … Wenn er ihr nur früher die Wahrheit gesagt hätte. Wenn er nur zugegeben hätte, dass er sie nicht heiraten wollte, anstatt sich jahrelang damit herauszureden, dass er einfach noch nicht bereit für die Ehe war! Sie hätte ihn viel früher verlassen.

Ein paar weitere friedliche Minuten lang gönnte sie sich den Anblick des Hafens, dann ging sie wieder rein. Der hohe Ballsaal war mit Kristalllüstern geschmückt, die mit den Abendkleidern und dem Schmuck der weiblichen Gäste um die Wette funkelten. Gelächter und Musik erfüllten den Raum.

Callie warf einen Blick in Richtung der Tanzfläche und sah Nick mit einer molligen älteren Dame Walzer tanzen. Gerade beugte er sich lächelnd zu ihr herab und sagte etwas. Die Frau lachte auf und klopfte ihm auf die Schulter, was ihm ebenfalls ein Lachen entlockte.

Wie es wohl war, mit ihm zu tanzen? Schulterzuckend beschloss Callie, dass es besser war, es nicht herauszufinden, und schlenderte auf den Ausgang am anderen Ende des Saales zu. Niemandem würde es auffallen, wenn sie jetzt ging. Am heutigen Abend galt alle Aufmerksamkeit dem Brautpaar. Callie hatte sich bewiesen, dass sie über Jason hinweg war, und nun würde ein neues Kapitel in ihrem Leben beginnen.

Als sie gerade den Raum verlassen wollte, fiel ihr ein, dass sie ihre Handtasche vergessen hatte. Auf dem Weg zu ihrem Tisch musste Callie sich durch eine Schar von Brautjungfern drängen, die verschwörerisch die Köpfe zusammensteckten.

„Es ist noch nicht offiziell“, flüsterte eine von ihnen dramatisch, „aber Melody und Jason sind überglücklich wegen der Neuigkeiten. Jason kann gar nicht mehr aufhören zu lächeln.“

Callie blieb wie erstarrt stehen.

„Im wievielten Monat ist sie denn genau?“, fragte eine andere Brautjungfer.

„Im dritten erst.“

Callie hatte sich immer Kinder gewünscht, aber Jason hatte ihr mehrmals unmissverständlich klargemacht, dass er noch lange keine wollte. Sie hatte sich eingeredet, dass es in Ordnung für sie war zu warten. Aber offensichtlich hatte er auch in diesem Punkt nicht auf die richtige Zeit, sondern auf die richtige Frau gewartet – die nicht Callie war.

Krampfhaft umklammerte sie das Champagnerglas. Wie naiv sie nur gewesen war. Ihr Herz schien sich zusammenzuziehen, und einen Augenblick lang glaubte sie, vor Schmerz keine Luft mehr zu bekommen. Von wegen Freiheit … sie war eine Verliererin, und ihr Privatleben war ein einziger Scherbenhaufen, eine Aneinanderreihung von Misserfolgen.

Callie schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten, und schluckte ihren Schmerz hinunter. Dann atmete sie tief durch, straffte die Schultern und blinzelte. Die Vergangenheit konnte sie nicht ungeschehen machen. Aber sie konnte ihre Gegenwart verändern. Sie musste weg von hier, und zwar auf der Stelle!

Als sie sich in Bewegung setzte, stieß sie aus Versehen mit Melody zusammen – dem letzten Menschen, mit dem sie jetzt sprechen wollte. Wie in Zeitlupe sah sie zu, wie sich der Inhalt ihres Champagnerglases über die perlenverzierte Korsage des Designer-Brautkleides ergoss.

Eine Sekunde lang waren beide Frauen starr vor Schreck, dann griff Callie geistesgegenwärtig nach einer Leinenserviette und tupfte wie verrückt an dem Kleid herum. „Oh, mein Gott, Melody, das tut mir so leid.“

„Ist nicht so schlimm.“ Melody versuchte ihr zu helfen. „War doch keine Absicht.“ Doch ihre geröteten Wangen und ihr beschleunigter Atem verrieten, dass sie keineswegs so entspannt war, wie sie tat.

Zwei der Brautjungfern kamen herbeigeeilt und warfen Callie bitterböse Blicke zu. Sie trat zurück und wollte sich gerade erneut entschuldigen, als eine tiefe Stimme das Gezeter der Brautjungfern durchdrang. „Zum Glück war es kein Rotwein.“

Callie sah auf und stellte fest, dass es sich bei ihrem Retter, der seine Hand auf die Schulter der Braut gelegt hatte, um Nick handelte. „Wart’s nur ab, in einer Minute sieht man nichts mehr von den Flecken.“ Mit seiner beruhigenden Ausstrahlung schaffte er es, die Braut auf der Stelle zu besänftigen. Sie schienen sich nahezustehen, und Callie fragte sich erneut, woher sie einander wohl kannten. Er mochte etwa zehn Jahre älter als Melody sein, die vierundzwanzig war.

„Wolltest du dich nicht sowieso bald für die Hochzeitsreise umziehen?“

Melody nickte und wurde von den Brautjungfern, die Callie noch immer wütende Blicke zuwarfen, zum Ausgang eskortiert.

Mit einem verschmitzten Lächeln wandte ihr Retter sich ihr zu. „Nun schulden Sie mir wirklich einen Tanz.“

Doch Callie schüttelte den Kopf. „Ich denke, ich sollte gehen.“

„Warum denn so eilig? Die Tanzfläche wurde doch gerade erst eröffnet!“ Er umschloss ihre Hände mit den seinen, die warm und stark waren, und Callie hatte das Gefühl, ihm einfach nicht widerstehen zu können. Er führte sie zwischen den Tischen und Stühlen hindurch, wobei er den Gästen freundliche Blicke zuwarf. „Ein Tanz, und wenn Sie dann immer noch gehen wollen, verspreche ich, dass ich Sie nicht aufhalte.“

Als sie auf dem Tanzparkett angekommen waren, drehte er sie in seine Arme. Die Band hatte gerade mit einem neuen Lied begonnen. Fast schon überrascht, erinnerte Callie sich plötzlich, wie gern sie tanzte. Jason hatte keine Freude daran gehabt, weshalb sie schon lange nicht mehr getanzt hatte. Langsam fiel die Anspannung von ihr ab. Die Präsenz dieses Mannes war so stark, seine Nähe so fesselnd, dass sie zu vergessen begann, wer und wo sie war.

Er tanzte gut, und sie bewegten sich mit einer solchen Harmonie, als würden sie sich schon ewig kennen. Ganz intuitiv ahnten sie, welche Bewegung der andere als Nächstes machen würde. Nicks Hand lag fest und dennoch sanft an ihrer Taille, und seine Schulter fühlte sich stark und kräftig an. Als Callie sein Duft, eine Mischung aus teurem Rasierwasser und purer Männlichkeit, in die Nase stieg, musste sie lächeln.

„Schon viel besser“, raunte er ihr ins Ohr.

Die Musik wurde immer langsamer und verstummte dann ganz. Bedauernd versuchte Callie, ihre Hand aus der seinen zu lösen, doch als die Band zu einem neuen Song ansetzte, zog Nick sie einfach wieder an sich.

Als sie aufsah, begegnete sie erneut seinem umwerfenden Lächeln.

Ein Lächeln, für das er eigentlich einen Waffenschein benötigt hätte. Ein Blick genügte, und schon war es um ihren freien Willen geschehen. „Sie sagten, nur ein Tanz, und dann kann ich gehen!“, wehrte sie sich schwach, ohne aber ihre Hand von seiner Schulter zu lösen.

„Tun Sie, wonach Ihnen beliebt. Allerdings habe ich den Verdacht, dass Sie lieber bleiben und weitertanzen würden.“

Sie sah in seine glitzernden, waldgrünen Augen, und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, diesen Mann in- und auswendig zu kennen. Verzweifelt versuchte sie, sich zu erinnern, was er gerade gesagt hatte. „Sie sind ganz schön selbstbewusst“, erwiderte sie schließlich leichthin, auch wenn sie sich gar nicht so fühlte.

„Kann sein.“ Das Lächeln wich von seinen Lippen, umspielte aber noch immer seine Augen. „Irre ich mich denn, was das Tanzen betrifft?“

„Nein“, gab sie mit einem Lächeln zu. Sie tanzte gern mit ihm, und wenn das hier Freiheit war, dann würde sie keine Probleme haben, sich an ihren guten Vorsatz zu halten.

„Gut.“

Sie fühlte sich, als hätte sie gerade eine Prüfung bestanden. Während sie weiter über die Tanzfläche glitten, vergaß sie alles bis auf das Gefühl, Nick so nahe bei sich zu spüren, seinen Körper, seinen Duft, seine geschmeidige Kraft. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fühlte sie sich begehrenswert, wie berauscht. Und tief in ihr reagierte etwas auf Nicks unverhohlenes Interesse, erwiderte es.

Ein Lied ging ins nächste über, und schließlich spielte die Band etwas langsames Lateinamerikanisches. Nick sah zu Callie herab, und seine tiefgrünen Augen schienen direkt in ihr Herz zu blicken. Hoffentlich erriet er nicht, woran sie gerade gedacht hatte! Sie wich seinem Blick aus und schaute sich um. Erstaunt bemerkte sie, dass nur noch ein einziges anderes Paar auf der Tanzfläche war und sich die Hochzeitsgesellschaft merklich ausgedünnt hatte. Wie in Trance sah sie wieder in Nicks Augen, die nun vor Begehren zu funkeln schienen.

Mit einer fließenden Bewegung drehte er Callie und zog sie dann rückwärts an sich. Eine Sekunde lang drückte er, seine Arme um sie geschlungen, seine Brust gegen ihren Rücken. Dann drehte er sie wieder vor sich. Für einen Augenblick schien ihr Herzschlag auszusetzen.

Alles, woran sie denken konnte, waren dieser Mann und die Harmonie, mit der ihre Körper sich im Takt bewegten. Nick war ein guter Tänzer, und die kleinsten Bewegungen reichten aus, um ihr zu verraten, was er von ihr wollte.

Einen Moment lang dachte sie, dass sie, die eigentlich immer gern selbst den Ton angab, diesem Mann bis ans Ende der Welt folgen würde.

Dann führte er sie in eine Drehung, und einen atemberaubenden Moment lang verschmolzen ihre Hüften miteinander wie beim Liebesspiel. Nun konnte sie ihr eigenes Begehren nicht mehr verleugnen.

„Verraten Sie mir Ihren Namen?“ Seine Lippen waren nur eine Winzigkeit weit weg von ihrem Nacken, und seine Stimme schien ihren ganzen Körper zu erfüllen.

„Calypso.“ Sie wusste selbst nicht, weshalb sie ihm ihren vollen Namen verriet, den sie eigentlich nie benutzte. Jason hatte ihn nicht gemocht, weil er ihm zu ausgefallen war. Vielleicht hatte sie sich dafür entschieden, weil es heute Nacht darum ging, einen Teil von sich selbst zurückzuerobern, den sie in den letzten Jahren verloren hatte.

Er drehte sie erneut. „Was für ein wunderschöner Name.“ Sie sah ihm in die Augen, und plötzlich fielen alle Masken von ihnen ab. Sie spürte, dass ihr ihr Verlangen anzusehen war, und in seinem Blick erkannte sie dasselbe Begehren.

Er wollte sie, genauso wie sie ihn.

Callie fühlte sich berauscht, beängstigend und aufregend frei. Wie lange war es her, dass sie zuletzt jemand auf diese Weise angesehen hatte!?

Nick strahlte Selbstbewusstsein, Stärke und eine ungebändigte Sinnlichkeit aus. Er verlockte sie, obwohl sie wusste, dass er sich nicht binden wollte. Callie wollte mehr vom Leben als eine oberflächliche Affäre – doch dann erinnerte sie sich, was ihr ständiges Zögern, ihre andauernde Grübelei ihr bisher eingebracht hatte: Enttäuschungen über Enttäuschungen. Jetzt ging es einfach nur darum, den Augenblick, das Leben selbst in allen Zügen zu genießen.

Vielleicht … Das Wort verhieß alles und nichts, Tausende von Möglichkeiten. Vielleicht konnte sie heute Abend einfach all ihre Bedenken über Bord werfen und ihrem Schicksal, ihrer Lust folgen. Vielleicht konnte sie heute Abend das Leben beim Schopf packen, einen Augenblick lang ihre Planungswut und ihre Zukunft vergessen!

„Wollen wir gehen?“

Sie wusste genau, worauf seine Frage abzielte. „Ja.“

Nick führte Calypso an ihrer zarten Hand in Richtung der Aufzüge. Sie stellte keine Fragen, gab auch nichts von sich selbst preis. Ihre mangelnden Bemühungen, Intimität herzustellen, verrieten ihm, dass sie nichts weiter als ein Abenteuer suchte. Vielleicht war es gerade ihre Zurückhaltung, wegen der er mehr über sie herausfinden wollte. Wer sie war, was sie zum Lachen und was zum Weinen brachte, was sie hoffte, wovor sie Angst hatte.

Die Hochzeit seiner Schwester war wirklich der letzte Ort gewesen, an dem er jemanden wie sie zu finden geglaubt hatte. Nach der Anspannung der letzten Monate mit Angelina hatte er sich auf eine Pause gefreut, auf eine Phase in seinem Leben, in der er frei von den Einschränkungen war, die eine Beziehung mit sich brachte.

Die Freiheit, auf die er mit der Frau an seiner Seite angestoßen hatte.

Doch etwas an Calypso war anders. In dem Augenblick, in dem er zum ersten Mal ihre Silhouette gesehen hatte, die sich dunkel gegen den Nachthimmel abzeichnete, hatte er sich seltsam verbunden mit ihr gefühlt.

Es kommt, wie es kommt. Das sagte seine Großmutter Rosa immer. Eigentlich glaubte er nicht an Schicksal. Seiner Meinung nach hatte jeder Mensch sein Leben selbst in der Hand. Und doch … das hier fühlte sich verdächtig nach einem Wink des Schicksals an. Einen Moment lang bildete er sich ein, Rosas warmes, wissendes Lachen zu hören. Rosa, die ihn auf die Terrasse geschickt hatte, damit er telefonierte. Als hätte sie es gewusst.

Ganz gleich, wie sehr er sich dagegen sträubte, seine Großmutter beharrte darauf, dass er als ...

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