Logo weiterlesen.de
Cinderellas süßes Geheimnis

1. KAPITEL

Damon Gale streifte durch den überfüllten Ballsaal und wich einer weiteren Gruppe lächelnder Frauen aus, deren gefiederte Masken ihre verlangenden Blicke nicht verbergen konnten.

Er hätte seine eigene Maske nicht so früh ablegen sollen.

Damon nippte an seinem Champagner, während er einer weiteren wortlosen Einladung den Rücken zukehrte, und sehnte sich nach etwas Hochprozentigerem. Frauen wollten immer mehr von ihm als er von ihnen. Selbst wenn sie sich bewusst auf eine Affäre einließen, endete es stets mit Schuldzuweisungen und verletzten Gefühlen.

Du bist herzlos.

Das Echo dieser Worte in den Ohren lächelte er zynisch. Den Satz hatte seine letzte Ex ihm vor ein paar Monaten an den Kopf geworfen. Und sie hatte recht.

Seine Rückkehr nach Palisades hatte die alten Wunden wiederaufgerissen. Doch heute Nacht würde er einen Schlussstrich ziehen und die Vergangenheit hinter sich lassen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Doch vorher musste er diesen Abend überstehen.

Der prächtige Palast sollte den Glanz der königlichen Familie von Palisades widerspiegeln und dafür sorgen, dass sich gewöhnliche Bürger klein und unbedeutend vorkamen. Die vielen Gemälde, Tapisserien und vergoldeten Schnitzereien taten ihm in den Augen weh. Auf der Galerie, von der man den riesigen Ballsaal überblickte, wimmelte es von Celebritys und Angehörigen der feinen Gesellschaft, die sehen und gesehen werden wollten. Am liebsten hätte er seinen Smoking ausgezogen und wäre auf einem der Pfade die unberührte Küste entlanggejoggt, doch er musste noch ein Weilchen bleiben und gute Miene zum bösen Spiel machen.

Zähneknirschend wandte Damon sich von der Kamera eines Fotografen ab. Er hatte keine Lust, in den sozialen Medien oder irgendeinem Society-Blog aufzutauchen. In den letzten Jahren war er zu oft gezwungen gewesen, an solchen Events teilzunehmen, um die Fassade und somit den politischen Einfluss seiner Eltern aufrechtzuerhalten.

Ihre Heuchelei verdarb ihm den Geschmack am Champagner.

Zum Glück war seine eigene Karriere nicht abhängig vom Wohlwollen der Reichen und Mächtigen. Dank seines Software-Unternehmens war er trotzdem genauso reich wie die anderen Gäste. Doch dieses eine Mal wollte er das gute alte Eine-Hand-wäscht-die-andere-System für seine Zwecke ausnutzen. Grimmig sah er zu seiner Halbschwester. Die Investoren, die er ihr vor zehn Minuten vorgestellt hatte, hörten ihren Ausführungen interessiert zu.

Mehr Hilfe, als den Kontakt zu den Investoren zu vermitteln, hatte sie nicht annehmen wollen. Sein Angebot, ihre Forschung selbst zu finanzieren, hatte sie abgelehnt. Und obwohl ihn das ärgerte, machte er ihr keinen Vorwurf. Schließlich kannten sie sich kaum, und keiner von ihnen wollte die alten Narben, die die Untreue ihrer Eltern hinterlassen hatten, wieder aufreißen. Sie hatte ihren Stolz, und das respektierte er.

Doch er wollte ihr helfen, zwei Jahrzehnte des Leidens verursacht durch Lügen und Verrat wiedergutzumachen, auch wenn sein Vater keinerlei Reue zeigte. Wie es aussah, war sein Job erledigt.

Damon wandte sich von der Menge ab, um einen Moment allein zu sein, bevor er sich von alldem hier verabschiedete.

Symmetrische Marmorsäulen säumten den Saal zu beiden Seiten. Auf der einen Seite führten Türen in den Innenhof, der von Lichtern in den Bäumen erleuchtet war. Auf der anderen Seite bildeten die Säulen schattige Nischen.

Als er sich einer der Nischen näherte, sah er etwas Blaues aufblitzen.

Dort verbarg sich eine Frau, die eine Gruppe Nachtschwärmer beobachtete. Ihr blaues Haar reichte bis zur Taille und war mit ziemlicher Sicherheit eine Perücke. Eine gefiederte Maske bedeckte die Hälfte ihres Gesichts mit schwarzer Spitze. Schultern, Wangenknochen und Lippen glitzerten silberblau.

Damon zögerte. Er kam nicht umhin zu bemerken, wie das lange Kleid jeden Zentimeter ihres schlanken Körpers betonte, sich um die Rundung ihrer Hüften und die langen Beine schmiegte. Trotz des Glitzerpuders sah er die gebräunte Haut darunter. Offenbar verbrachte sie viel Zeit in der Sonne, und der perfekt geformte Körper verriet, dass sie nicht nur faul am Strand lag.

Sie war gut in Form, doch es war ihre Weiblichkeit, die ihm den Atem verschlug. Das zarte Kinn, die hohen Wangenknochen, ein perfekter Schmollmund und die vollen Brüste, die ihr zu enges mitternachtsblaues Kleid kaum fassen konnte.

Da sie zu beschäftigt damit war, die Menge zu beobachten, um ihn zu bemerken, beobachtete er sie. Ihre Maske konnte nicht verbergen, dass sie nervös war.

Irgendetwas an ihr löste den Knoten in seiner Brust. Er verspürte den Drang, sie zum Lächeln zu bringen. Wollte die Hände um ihre schmale Taille legen und sie an sich ziehen.

Damon lächelte, als es ihn heiß durchströmte. Das war besser als die lähmende Kälte in den Lungen, die er bei seiner Ankunft verspürt hatte. Vielleicht konnte er sich doch noch amüsieren, jetzt, da die Arbeit getan war und er seine Schulden beglichen hatte.

Vorsichtig näherte er sich.

Ihre Aufmerksamkeit war noch immer auf die Menge im Ballsaal gerichtet. Sie stand ganz am Rand des Saales, unsichtbar für alle anderen. Ihre Brust hob sich, als sie tief einatmete.

Er zögerte, wartete darauf, dass sie sich bewegte. Doch anders als erwartet, wich sie noch weiter zurück und wandte sich ab. Damon hatte seine eigenen Gründe, Veranstaltungen wie diese zu meiden, aber warum sollte sich eine junge schöne Frau verstecken? Und warum war sie nicht in Begleitung?

In meiner Begleitung.

Er nahm ein zweites Glas vom Tablett eines vorbeigehenden Kellners und trat in die Nische. Trotz Maske und Make-up war der Ausdruck in ihren Augen unverkennbar – halb Sehnsucht, halb Einsamkeit. Dass sie sich so abkapselte, berührte etwas in ihm.

„Zu viel für dich?“

Erschrocken drehte sie sich um und sah ihn mit großen Augen an. Sie bemerkte die zwei Gläser, die er hielt, und warf einen Blick über seine Schulter. Als sie sah, dass er allein war, wurden ihre Augen noch größer.

„Ist es dein erstes Mal?“

Ihr Mund öffnete sich, doch es kam kein Ton heraus.

„Im Palast“, erklärte er leicht amüsiert, ohne den Blick von ihren glitzernden vollen Lippen abzuwenden. „Beim ersten Mal kann es ziemlich überwältigend sein.“

Faszinierenderweise sah er trotz der kunstvollen Bemalung auf fast jedem Zentimeter ihrer entblößten Haut, dass sie darunter rot wurde.

Unwillkürlich wanderte sein Blick an ihrem Körper hinunter. Wieder schoss es heiß durch seinen Körper, und seine Muskeln spannten sich. Er zwang sich, den Blick wieder zu heben, und sah, dass sie seinen Ausrutscher bemerkt hatte. Er lächelte ungeniert, und sie hielt seinen Blick, sagte jedoch noch immer nichts.

Allein. Mit Sicherheit Single. Und eher unerfahren.

Damon hatte schon länger keine Frau mehr angesprochen. Durch all die Angebote vieler mehr als williger Frauen war er eher in der Rolle des Gejagten als des Jägers. Er vermied es, sich für länger einfangen zu lassen, und es langweilte ihn, sich immer wieder dafür rechtfertigen zu müssen, dass er keine Beziehung wollte. Er hatte zu viel von allem, was Frauen wollten – Geld und Macht. Und ja, auch Ausdauer und Erfahrung. Auch das genossen die Frauen.

Ursprünglich hatte er keine zehn Minuten im Palast bleiben wollen, doch nachdem er seiner Verpflichtung Kassie gegenüber nun nachgekommen war, hatte er das Bedürfnis, sich zu amüsieren. Und diese viel zu blauen Augen und der viel zu düstere Schmollmund waren einfach bezaubernd.

„Wie heißt du?“, fragte Damon.

Ihr Pupillen weiteten sich, doch sie schwieg weiter.

„Ich glaube, ich nenne dich Blue“, meinte er.

Sie hob kaum merklich ihr Kinn. „Wegen meiner Haare?“

Fast wäre ihm beim Klang ihrer lasziven Stimme die Kinnlade heruntergeklappt. Die Stimme passte überhaupt nicht zu der unschuldigen Art. Sie war rau wie eine Katzenzunge. Und die Vorstellung, sie zum Schnurren zu bringen, erregte ihn.

„Wegen der Sehnsucht in deinem Blick.“

„Was glaubst du denn, wonach ich mich sehne?“

Gute Frage. Er zog es vor, sie nicht zu beantworten, denn sein Schweigen sprach für sich. Er sah sie einfach nur an – und spürte, wie es zwischen ihnen knisterte.

„Wie soll ich dich nennen?“, fragte sie.

Er hob die Augenbrauen. „Du weißt nicht, wer ich bin?“

Ihre Lippen öffneten sich, während sie den Kopf schüttelte. „Sollte ich?“

Er musterte sie eine Weile – tatsächlich deutete nichts in ihrem Blick darauf hin, dass sie ihn erkannte. Wie … erfrischend.

„Nein“, sagte er. „Ich bin niemand Wichtiges. Jedenfalls kein Prinz.“

Als er das sagte, blitzte etwas in ihren Augen auf, doch es war gleich wieder verschwunden.

„Ich bin für ein paar Tage in Palisades zu Besuch“, erklärte er. „Und ich bin Single.“

„Warum sollte mich das interessieren?“

Ihre laszive Stimme weckte tief in ihm eine Sehnsucht, ein Gefühl, das ihm nicht behagte.

„Nur so.“ Er zuckte lächelnd mit den Schultern.

Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln.

„Warum bist du ganz allein hier?“ Er bot ihr das zweite Champagnerglas an.

Sie nahm es, nippte jedoch nur so leicht daran, dass er nicht sicher war, ob die Flüssigkeit ihre Lippen überhaupt berührt hatte.

„Versteckst du dich?“, wollte er wissen.

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und blickte an ihrem Kleid herab, bevor sie nervös an dem Träger zupfte, der sich bemühte, ihre Brüste zu halten.

„Du siehst hübsch aus“, fügte er hinzu. „Kein Grund zur Sorge.“

Sie hob den Kopf. In ihrem Blick lag jetzt eine Selbstsicherheit, die Damon überraschte. „Darüber mache ich mir keine Sorgen.“

„Warum bist du dann nicht da draußen?“

„Warum bist du nicht da draußen?“ Gespannt wartete sie auf seine Antwort.

„Manchmal sind solche Dinge notwendig, obwohl man keine Lust darauf hat.“

„Solche Dinge?“, wiederholte sie spöttisch. „Zweifellos hast du mehr Lust, wenn schöne Frauen anwesend sind.“

Scheinbar fand sie Gefallen an ihrem kleinen Schlagabtausch, und so spielte er mit.

„Zweifellos.“ Damon beobachtete sie über den Rand seines Glases hinweg, während er einen Schluck trank. „Schließlich bin ich auch nur ein Mann.“

Sie funkelte ihn mit ihren unglaublich blauen Augen an. „Du meinst, du bist ein Junge, der gern spielt. Eine Puppe hier, eine Puppe dort …“

„Natürlich“, nahm er den Ball auf. „Mit Puppen spielen kann ein amüsanter Zeitvertreib sein. Man kann sie auch sammeln.“

„Darauf wette ich.“

Er beugte sich vor und flüsterte verschwörerisch: „Aber ich mache mein Spielzeug nie kaputt. Ich bin beim Spielen immer sehr vorsichtig.“

„Ach ja?“ Mit ihrem Blick durchbrach sie seine Fassade und traf einen schwachen Punkt, von dessen Existenz er bisher nichts geahnt hatte. „Wenn du es sagst, muss es wohl stimmen.“

„Und du?“, fragte er, obwohl er die Antwort zu kennen glaubte. „Gehst du oft zu solchen Anlässen?“

Sie hob die Schultern.

Damon beugte sich noch weiter vor. „Arbeitest du im Krankenhaus?“

Der heutige Ball war die jährliche Spendengala zugunsten der Klinik.

„In … gewisser Weise ja.“ Sie senkte die Lider.

„Warum bist du dann nicht bei deinen Freunden?“

„Ich kenne sie nicht besonders gut.“

Vielleicht war sie eine neue Krankenschwester, die bei der Verlosung für das Krankenhauspersonal eine Karte für den Ball gewonnen hatte. Sie würde nicht lange brauchen, um neue Freunde zu finden. Irgendein Chirurg würde sie sich schon schnappen. Dann würde es nicht lange dauern, bis sie ihre bezaubernde Fähigkeit zu erröten verlieren würde.

Der Gedanke daran, dass ein anderer Mann sie besitzen würde, versetzte Damon einen Stich.

Er gab jede Raffinesse auf und fragte: „Möchtest du tanzen?“

Sie sah an ihm vorbei. „Es tanzt noch niemand.“

„Dann sollten wir den Anfang machen.“

Hastig schüttelte sie den Kopf und verkroch sich wieder im Schatten, sodass sein Körper sie vor den Blicken der Gäste im Ballsaal schützte. Damon nahm an, dass sie sich nicht gern von der Masse abhob. Zu spät. Für ihn tat sie das längst.

„Lass dich von denen nicht einschüchtern.“ Er deutete mit dem Kopf auf die Menge. „Die haben zwar Geld, aber selten Anstand und Manieren.“

„Willst du sagen, du passt hier auch nicht rein?“ Ihr Misstrauen war nicht zu übersehen.

Er widerstand dem Drang, vor ihr auf und ab zu stolzieren wie ein Pfau. Stattdessen behalf er sich mit einer Plattitüde. „Gibt es irgendjemanden, der das wirklich tut?“

Für einen Moment sah sie ihm tief in die Augen. Ihre waren so leuchtend blau, dass es nur Kontaktlinsen sein konnten. Der Small Talk war vorbei. Das Verlangen nach ihr drohte ihn zu überwältigen. Damon versteifte sich, versuchte, einen klaren Kopf zu bewahren. Verdammt, er wollte sie berühren. Wollte, dass sie ihn berührte. Dieser Blick … Eine einzige Einladung. Obwohl er das Gefühl hatte, dass sie zu unerfahren war, um sich dessen bewusst zu sein.

Doch die Frage kam ihm über die Lippen, bevor er sie zurückhalten konnte. „Wirst du es tun?“

Eleni Nicolaides wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Dieser Mann war anders als alle, denen sie bisher begegnet war.

Verlockend. Verstörend. Verheerend.

„Wirst du es tun, Blue?“

„Was tun?“, flüsterte sie, abgelenkt von dem Spiel zwischen Hell und Dunkel in seinen aufmerksamen Augen. Er war groß, dunkel, attraktiv und wahnsinnig sexy. Die Art erfahrener Playboy, die in ihrer Nähe nicht geduldet wurde.

Eine ungekannte Sehnsucht entbrannte in ihr. Sie wollte ihm nah sein, wollte ihn berühren. Verlangen durchströmte ihren ganzen Körper und ließ ihre prallen Brüste und andere verborgene Stellen, die sie nicht zu benennen wagte, wohlig ziehen.

Als er sie mit seinem intensiven Blick durchbohrte, blinzelte Eleni. Kann er Gedanken lesen? Weiß er, was ich vorhabe?

„Dich unter die Leute mischen?“, erwiderte er.

Sie schluckte. Ihr Herz hämmerte hart gegen ihren Brustkorb, während sie begriff, wie knapp davor sie gewesen war, sich lächerlich zu machen.

„Ich sollte es nicht tun.“

„Warum nicht?“

So viele Gründe schossen ihr durch den Kopf, während nackte Panik in ihr aufstieg.

Ihre Tarnung, ihre Täuschung, ihre Tat.

„Blue?“, hakte er nach. Sein Lächeln war sanft, doch seine Augen funkelten gefährlich.

Er war nicht der erste Mann, der sie begehrlich ansah. Doch bisher hatte dieses Begehren immer ihrem Reichtum, ihrem Titel und ihrer Tugend gegolten. Sie war noch nie mit einem Mann ausgegangen. Sie war völlig unberührt. Und alle wussten das. Sie hatte die geschmacklosen Spekulationen und Witze unterhalb der Gürtellinie im Internet gelesen: DIE JUNGFRAU-PRINZESSIN!!!

In Großbuchstaben. Mit mehreren Ausrufezeichen.

Dass ihre Unschuld in der Öffentlichkeit so aufgebauscht wurde, ärgerte sie. Es war ja nicht so, als wäre sie freiwillig noch Jungfrau. Es war nicht so, dass sie sich für den Prinzen aufsparte, den sie irgendwann heiraten sollte. Sie lebte nur so abgeschirmt, dass sich nie eine Gelegenheit ergeben hatte.

Und jetzt war durchgesickert, dass ihr Auserwählter Prinz Xander sein sollte, aus dem kleinen europäischen Staat Santa Chiara. Er hatte sich ganz sicher nicht für sie aufgespart, und ihr war auch bewusst, dass niemand von ihm nach der Hochzeit Treue erwartete. Diskretion schon, aber keine Treue. Oder gar Liebe.

„Hörst du denn nie auf, Fragen zu stellen?“ Sie versuchte, lässig und selbstbewusst zu klingen.

Morgen wurde ihre Verlobung offiziell verkündet – mit einem Mann, den sie kaum kannte und nicht besonders mochte. Bei dem Gedanken fror sie innerlich.

„Nicht wenn ich neugierig bin.“

„Und du bist neugierig …“

„Auf dich. Sehr sogar.“

Hitze schoss in jede Faser ihres Körpers. Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, den Blick aber gleichzeitig auch nicht von ihm abwenden. Er schien durch ihre Maske, das Puder und die ganze Verkleidung hindurchzusehen. Er sah die Sehnsucht, die sie vor allen anderen verbarg.

Sie gehörte nicht hierher, und doch war dies ihr Zuhause – wo sie geboren und aufgewachsen war und wo ihre von Pflicht diktierte Zukunft lag.

„Du hast die einmalige Gelegenheit, das hier zu erleben …“ Damon deutete mit einer Handbewegung auf den Saal voll schöner Menschen. „Doch du versteckst dich lieber in einer dunklen Ecke.“

Er erinnerte sie an ihren dummen verrückten Plan. Sie hatte für den heutigen Maskenball eine große Auswahl an Kostümen in die Schwesternunterkunft des Krankenhauses liefern lassen. Niemand würde bemerken, dass ein Kleid, eine Perücke und eine Maske von der Bestellung fehlten. Diese Dinge brauchte Eleni, damit sie, die wohlbehütete Prinzessin, für eine Nacht anonym sein und sich unter die Leute mischen konnte, nicht als Prinzessin, sondern als ein Niemand.

Sie wollte niemand sein.

Doch als es so weit war, hatte sie ihren Irrtum schnell eingesehen. Sie hatte die Gäste eintreffen sehen, lachende Gruppen, die Köpfe zusammengesteckt, Freunde – die sie nie gehabt hatte. Wie sollte sie einfach auf die Leute zugehen und mit ihnen reden? Obwohl das Gefühl der Isolation schmerzte, belächelte sie innerlich das eigene Selbstmitleid, während sie die Gäste beobachtete, die sich unbeschwert amüsierten.

„Ich warte nur auf den richtigen Augenblick“, log sie, wobei die jahrelange Übung in höflicher Konversation ihr half, ihre aufgewühlten Gefühle zu verbergen.

„Du verschwendest deine Zeit.“

Ihr Lächeln erstarb, und als sie seinem Blick begegnete, sah sie, dass er sie durchschaute.

„Wenn du dich amüsieren willst, musst du dich unter die Leute mischen.“

„Vielleicht will ich das ja nicht.“

Die Luft zwischen ihnen knisterte, als wäre sie elektrisch aufgeladen.

Als sie den Blick senkte, hob er mit den Fingern ganz leicht ihr Kinn, sodass sie ihn ansehen musste. Sie versuchte den Schauer zu unterdrücken, den diese einfache Berührung in ihr auslöste.

„Nein?“ Irgendwie schien er noch näher gekommen zu sein. „Was willst du dann?“

Darauf hatte sie keine Antwort. Doch er durchschaute sie sowieso.

„Geh mit mir durch den Ballsaal“, sagte er mit tiefer Stimme. „Ich wette, du traust dich nicht.“

Die Herausforderung weckte ihren Widerstandsgeist, was höchst selten vorkam. Sie tat stets, was von ihr erwartet wurde – loyal, pflichtbewusst, abgeklärt. Prinzessin Eleni begehrte nie auf. Doch er stachelte sie an.

„Wetten doch?“, entgegnete sie.

„Dann los.“

Schweigend registrierte sie seinen herausfordernden Blick, das Funkeln in seinen Augen. Sie trat an den Rand der Nische, vor Aufregung wie gelähmt. Wenn man sie nun erkannte?

Doch dieser Mann hatte sie auch nicht erkannt, und ihr Bruder war am anderen Ende des Saales beschäftigt. Niemand kümmerte sich um sie.

„Kommst du?“ Sie drehte sich zu ihm um.

Er nahm ihre Hand und hakte sie unter, ohne ein Wort, aber mit süffisantem Blick. Sie spürte seinen steinharten Bizeps durch den Stoff des maßgeschneiderten Anzugs und umschloss ihn instinktiv mit den Fingern. Damon presste seinen Arm an den Körper, sodass ihre Hand gefangen war.

Langsam schlenderte er die Kolonnaden entlang. Zu ihrer Erleichterung blieb er nicht stehen, um sich mit irgendjemandem zu unterhalten, sondern richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf sie. Sein fester Blick vertrieb das mulmige Gefühl in ihrem Bauch.

Sie hätte sich keine Sorgen machen müssen, erkannt zu werden. Denn obwohl die Leute starrten, starrten sie nicht Eleni an.

„Alle Frauen starren dich an“, murmelte sie, als sie sich der letzten Säule näherten. „Und sie wirken überrascht.“

Ein Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen. „Man hat mich lange nicht mehr mit einer Frau gesehen.“

„Sie denken, ich bin deine Begleitung? Sollte ich mich geschmeichelt fühlen?“

Er lachte leise. „Ich glaube, das tust du.“

Sie presste die Lippen aufeinander, um ein Lächeln zu unterdrücken. Doch sein Lachen war einfach zu ansteckend und schien mit seiner Wärme die ganze Kälte in ihrem Innern zu vertreiben.

„So.“ Er zog sie in die letzte Nische, ein Abbild der ersten.

„Und war das nun so schlimm?“, fragte er, ohne ihre Hand loszulassen. Im hintersten Winkel drehte er sich zu ihr um.

Innerlich verbuchte sie es als bittersüßen Sieg. Ihr erstes Date.

„Wer bist du?“ Eleni kam sich dumm vor, dass sie es nicht wusste, denn offensichtlich kannten ihn die meisten Gäste. „Warum starren sie dich an?“

Er neigte den Kopf, offensichtlich amüsiert. „Warum starrst du mich an?“

Eleni weigerte sich, darauf zu antworten. Sein Ego war auch so schon groß genug.

Damons Lächeln wurde noch breiter. „Was siehst du?“

Darauf konnte sie antworten. Lächelnd genoss sie ihre Auszeit von der Existenz als allzeit höfliche Prinzessin.

„Ich sehe Arroganz“, erwiderte sie freiheraus. „Einen Mann, der sich über Konventionen hinwegsetzt und dem es egal ist, was andere über ihn denken.“

„Warum?“

Sie neigte den Kopf. „Du trägst keine Maske. Damit unterläufst du die Erwartungen, denen sich alle anderen beugen.“

„Und warum tue ich das?“ Seine geballte Aufmerksamkeit richtete sich auf sie wie ein Laserstrahl.

„Weil du es nicht musst“, vermutete sie und sah an dem Aufblitzen seiner Augen, dass sie recht hatte. „Du willst ihre Anerkennung nicht. Du willst ihnen zeigen, dass du nicht das Geringste von ihnen brauchst.“

Ein Schleier legte sich über seinen Blick, aber er widersprach ihrer Einschätzung nicht. Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als er einen Schritt näher kam.

„Weißt du, was ich sehe?“ Fast wütend deutete er auf die Maske, die ihr Gesicht bedeckte. „Ich sehe jemanden, der mehr zu verstecken versucht als nur sein Aussehen. Ich sehe eine Frau, die mehr will als das, was ihr vermeintlich zusteht.“

Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Denn sie wollte tatsächlich mehr und wusste gleichzeitig, dass es egoistisch war. Sie hatte doch alles, oder?

„Also, was geschieht um Mitternacht?“ Er lächelte verführerisch.

Sie musste sich ermahnen, dass sie keine Cinderella war. Schließlich war sie ja schon eine Prinzessin. „Genau das, was du denkst.“

„Du wirst verschwinden, und ich werde dich nie wiedersehen.“

Seine Worte trafen sie im tiefsten Innern – und versanken dort wie schwere Steine des Bedauerns.

„Genau“, erwiderte sie mit einstudierter Prinzessinnen-Höflichkeit.

„Ich glaube nicht an Märchen“, sagte Damon mit rauer Stimme, und sein Lächeln erstarb.

„Ich auch nicht“, flüsterte sie. Sie glaubte an die Pflicht. Die Familie. Daran, das Richtige zu tun. Weshalb sie einen Mann heiraten würde, den sie nicht liebte und der sie nicht liebte. Romantik war etwas für Märchen und andere Menschen.

„Bist du sicher?“ Er rückte noch näher. „Dann dreh den Spieß um. Tu nicht, was von dir erwartet wird. Verschwinde nicht um Mitternacht.“ Sein Flüstern forderte sie heraus. „Bleib und tu, wozu du Lust hast. Die Maske schützt dich. Nimm dir, was du willst.“

Sie starrte ihn an. Er war wahnsinnig attraktiv, und er spielte nur mit ihr, aber … das war in Ordnung. Ein gänzlich unbekanntes Gefühl ergriff Besitz von ihr, drang aus den Tiefen ihrer Seele in jede Pore ihres Körpers.

Verlangen.

Pures, unbändiges Verlangen.

Nimm dir, was du willst.

Die Herausforderung klang wie ein Echo in ihr nach.

Sie sah ihm in die Augen, verlor sich in ihren Tiefen. Eleni öffnete die Lippen ganz leicht, um scharf einzuatmen. Doch er bewegte sich im selben Moment wie sie – raubtierhaft, schnell, unausweichlich – und presste seinen Mund auf ihren.

Unwillkürlich schloss sie die Augen, unfähig, sich auf etwas anderes zu konzentrieren als seine warmen Lippen. Ihr stockte der Atem, als er seine Hände um ihre Taille legte und sie an sich zog, sodass sie endlich seinen großen starken Körper spürte, der pure Männlichkeit ausstrahlte.

Seine Zunge fuhr über ihre Lippen, drang in ihren Mund. Noch nie war sie so geküsst worden. Noch nie hatte sie so geküsst. Doch seine Leidenschaft erstickte jede Unsicherheit und jeden Gedanken in ihr im Keim. Eleni ließ sich fallen, gab sich seinem Kuss hin. Fast verzweifelt klammerte sie sich an ihn, als ihre Knie nachgaben – fortgerissen vom Wirbelsturm der Gefühle, den er in ihr entfesselte.

Seine Hand wanderte tiefer zu ihrem Schenkel. Doch in ihrer Atemlosigkeit spürte sie sein Zögern. Sie seufzte, als er den Kuss löste, um sie anzusehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Cinderellas süßes Geheimnis" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen