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COLLECTION BACCARA BAND 392

DEBORAH FLETCHER MELLO

Falsches Spiel und wahre Leidenschaft

Kein Mann hat Thriller-Autorin Gianna jemals so fasziniert wie ihr amerikanischer Brieffreund Donovan. Jetzt begegnen sie sich endlich! Bald wecken seine heißen Küsse intensive Lust in ihr. Glühend vor Verlangen liegt sie in seinen Armen, träumt bereits von einem Happy End. Aber erst muss sie ihm gestehen, dass ihre märchenhafte Romanze auf einer Lüge gründet …

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Falsches Spiel und wahre Leidenschaft

1. KAPITEL

Gianna Martelli und ihre Zwillingsschwester glichen einander wie ein Ei dem anderen. Kaum jemand konnte sie unterscheiden – bis zu dem Tag, an dem Gianna ihrer Schwester das taillenlange Haar abschnitt. Als Carina ihrem Mann die neue Frisur präsentierte, herrschte einen Moment lang Totenstille.

„Wow!“, sagte Graham Porter dann und sah von einer Frau zur anderen.

„Was soll das heißen?“ Ein Anflug von Panik huschte über Carinas Miene. „Gefällt es dir nicht?“

Beschwichtigend hob er die Hände. „Nein. Das heißt, doch, du siehst toll aus. Es kommt nur so überraschend.“ Hilfesuchend wandte er sich an seinen Schwiegervater. „Was meinst du?“

Franco Martelli grinste. „Die Frisur steht dir ausgezeichnet. Du siehst ganz anders aus als vorher. Damit haben wir gar nicht gerechnet.“

„Siehst du, ich habe dir doch gesagt, du kannst mir vertrauen“, sagte Gianna. „Du siehst großartig aus.“

„Wirst du dein Haar auch abschneiden?“, fragte Franco.

Sie zuckte die Schultern. „Das hatte ich ursprünglich vor, aber Carina möchte es nicht.“

„Ich finde es besser, wenn wir uns wenigstens für eine Weile nicht so stark ähneln. Dann verwechselt uns niemand.“

Gianna schüttelte den Kopf, das lange Haar tanzte um ihre Schultern. „Das ist ewig nicht mehr vorgekommen!“

„Erst letzte Woche auf dem Markt hat Mrs. Falco mich für dich gehalten.“

„Sie ist so blind, dass sie sogar papà mit Graham verwechseln würde!“

Lachend trat Graham neben seine Frau und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Der Schnitt schmeichelt dir. Du siehst umwerfend aus.“ Carina strahlte ihn glücklich an, und er küsste sie auf den Mund.

„Sucht euch ein Zimmer!“, schnaubte Gianna. „Ich gehe in mein Büro. Wenigstens eine von uns muss arbeiten.“

„Wo wir gerade beim Thema sind: Ich habe die Post bereits durchgesehen und deine Notizen abgetippt“, warf Carina ein. „Deine Agentin hat angerufen. Sie möchte mit dir über die Änderungen an deinem neuen Vertrag reden.“

„Es gibt keinen neuen Vertrag. Ich habe dir doch gesagt, dass das Angebot mich nicht interessiert.“

„Deswegen will sie dich ja sprechen.“

„Ich rufe sie an.“ Die Zärtlichkeiten zwischen ihrer Schwester und deren Mann irritierten Gianna, sosehr sie sich auch bemühte, sie zu ignorieren. Insgeheim beneidete sie die beiden. Was gäbe sie nicht dafür, eine ebenso große Liebe erleben zu dürfen! Sie riss sich zusammen und ging aus dem Raum.

In ihrem Büro angekommen, schloss sie die Tür, umfasste mit beiden Händen ihr langes Haar und wand es zu einem Knoten. Die Lockenmähne zu bändigen erforderte großen Aufwand. Sie hätte besser ihr eigenes Haar abgeschnitten als das ihrer Schwester! Sie fühlte sich ohnehin reif für eine Veränderung. Am besten wäre eine, die einen interessanten Mann in ihr Leben brächte … Seufzend setzte sie sich hinter ihren Schreibtisch, drehte den Stuhl zum Fenster herum und betrachtete die im gleißenden Sonnenlicht liegenden Weinberge.

Das Weingut ihrer Familie lag im Ombronetal, einem der schönsten Landstriche Italiens. Stolz, beinahe zärtlich ließ Gianna den Blick über die Weinstöcke schweifen, aus deren Beeren bald der köstliche Chianti gekeltert werden würde. Hinter den Reben erstreckten sich Getreidefelder und lange Reihen von Zypressen bis hin zu einem Kastanienwald am Horizont. Über allem strahlte der azurblaue Himmel.

Was für ein gesegnetes Land, dachte sie. Kein Künstler hätte ein schöneres Bild zu malen vermocht. Sie verlor sich in dem prächtigen Anblick, während die Morgensonne ihre Wangen küsste.

Nach einer Weile atmete sie tief durch und wandte sich dem Schreibtisch zu. Sie fuhr den Computer hoch, gab ihr Passwort ein und öffnete eine Datei. Minuten später starrte sie immer noch auf den leeren Bildschirm. Seit einiger Zeit litt sie unter einer Schreibblockade. Sie hatte keine Ahnung, in welche Richtung ihr nächster Roman gehen sollte. Als ihr auch nach längerem Grübeln keine Inspiration kam, drehte sie sich mit dem Stuhl wieder herum und starrte aus dem Fenster.

Donovan Boudreaux stand am Altar der St. Patrick Kathedrale in New Orleans. Er hielt seine Nichte Cecily im Arm, die gerade getauft wurde, zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Sydney. Sonnenlicht fiel durch die Buntglasfenster in den Altarraum und warf Farbkleckse auf den Boden.

Der Priester segnete ein Kind nach dem anderen. Während Cecily selig schlief und nicht einmal aufwachte, als das Weihwasser ihren Kopf benetzte, schrie ihr Bruder bereits seit Beginn der Zeremonie aus Leibeskräften. Donovan fand den verzweifelten Blick seines Bruders Kendrick, der das Kind auf den Armen wiegte, um es zu beruhigen, zum Schreien komisch. Erst als seine Mutter Katherine, die Oma des Täuflings, diesen nahm und ihn an ihre Brust drückte, beruhigte sich das Baby.

Mutter hat seit jeher etwas Beruhigendes an sich, dachte er lächelnd.

Nach der Taufe drängten sich alle um die Zwillinge, die wieder friedlich in den Armen ihrer Eltern lagen. Mason Boudreaux, auch Senior genannt und stolzer Großvater, tupfte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Eure Mutter und ich sind glücklich, dass ihr alle zur Taufe nach Hause kommen konntet.“

„Wir gehorchen doch jedem Befehl von dir oder Mom“, sagte sein ältester Sohn, der ebenfalls Mason hieß.

Lachend pflichteten die Geschwister ihm bei. Donovan küsste seine Mutter auf die Wange, legte ihr einen Arm um die Taille und zog sie an sich. Voller Zuneigung betrachtete er seine Geschwister. Das Erbe der Familie Boudreaux ließ sich nicht leugnen, sie ähnelten einander alle sehr.

Ich könnte leicht als Masons Zwilling durchgehen, dachte er und betrachtete seinen älteren Bruder, der gerade einen Arm um seine Frau Phaedra legte. Auch der Zweitältesten, seiner schwangeren Schwester Maitlyn, ähnelte er sehr. Dann waren da noch Katrina, Darryl, Guy, die Zwillinge Kendrick und Kamaya und Tarah, das Küken der Familie. Ein enges Band der Liebe verband sie alle, das auch die Ehepartner und Kinder seiner Geschwister mit einschloss.

„Können wir jetzt bitte etwas essen?“, fragte Tarah unvermittelt. „Die Zeremonie hat mich hungrig gemacht.“

Katherine schüttelte den Kopf. „Du bist doch immer hungrig!“

„Wie du dabei so schlank bleiben kannst, ist mir ein Rätsel“, sagte Kamaya.

„Das liegt an meinen Genen“, erklärte Tarah.

Maitlyn tätschelte ihre runden Hüften. „Wohl kaum, wir haben dieselben.“

Gut gelaunt verließen sie die Kirche und trafen wenig später im Elternhaus in der Broadway Street ein, wo ein opulentes Buffet auf sie wartete. Bald erklang fröhliches Stimmengewirr, und es duftete köstlich.

„Mir gefällt der Name Rose.“ Verträumt ließ Maitlyn die Hand über ihren runden Bauch gleiten. „Zak ist allerdings immer noch überzeugt, dass es ein Junge wird. Beim Ultraschalltermin hat er der Ärztin heftig widersprochen, als sie uns ein Mädchen angekündigt hat.“

Kamaya lachte. „Wenigstens bekommt ihr keine Zwillinge.“

„Was wäre daran schlecht?“, fragte Tarah. „Wenn man einen Jungen und ein Mädchen kriegt, hat man auf einen Streich alles erledigt. Man bräuchte nie wieder schwanger zu werden.“

„Hätte ich nach der Geburt von Kendrick und Kamaya so gedacht, wärst du nicht hier“, sagte ihre Mutter und zog Tarah spielerisch an ihrem Pferdeschwanz. Dann wandte sie sich an Donovan, der einen Schritt weiter am gemauerten Kamin lehnte, ein Glas Rotwein in der Hand.

„Gibt es vielleicht etwas, das du uns gern erzählen würdest?“

„Ja, Don Juan! Hast du dich verlobt? Ein Kind gezeugt?“, neckte Tarah ihn.

„Dazu müsste er erst einmal mit einer Frau ausgehen.“ Kamaya lachte. „Konntest du dich wenigstens dazu durchringen?“

Belustigt schüttelte er den Kopf. „Nenn mich nicht immer Don Juan“, ermahnte er Tarah.

„Was ist los?“ Kendrick gesellte sich zu ihnen. „Wer beschimpft hier wen?“

„Das kann nur Tarah sein, wie immer“, lästerte Mason, der ihm auf den Fersen folgte.

„Wie kommt ihr nur darauf? Maitlyn oder Kamaya könnten auch mal was ausgefressen haben“, protestierte Tarah vehement.

„Nein, das bist immer du“, sagten die Brüder im Chor.

Alle lachten, nur Tarah verschränkte die Arme und ließ sich schmollend ins Sofa zurücksinken.

Katherine lächelte verständnisvoll. „Schluss damit! Donovan wollte uns gerade etwas erzählen.“

Alle Blicke richteten sich auf ihn. Irritiert runzelte er die Stirn. „Ich gehe nach Italien, direkt nach dem Ende des Semesters. Die Universität von Siena in der Toskana hat mir eine Gastprofessur für ein Jahr angeboten.“

Tarah sprang auf und jubelte: „Super! Endlich werde ich Italien sehen!“ Sie lief zu Donovan und umarmte ihn.

„Es war keine Rede davon, dass du nach Italien gehst. Setz dich und gib deinem Bruder ein bisschen mehr Freiraum“, befahl ihre Mutter streng.

Tarah zog eine Grimasse, gehorchte aber. Die anderen lachten.

„Ich hoffe, ihr kommt mich alle einmal besuchen, sobald ich mich eingelebt habe.“

„Hättest du keine Uni in Texas oder Florida finden können? Eine, die nicht ganz so weit weg ist? Als Mathematiker bist du überall gefragt.“ Die Neuigkeit machte Katherine sichtlich zu schaffen.

„Das ist eine einmalige Gelegenheit, die ich mir unmöglich entgehen lassen kann.“

Die Familie gratulierte Donovan, einer nach dem anderen umarmte ihn. Seiner Mutter standen dabei die Tränen in den Augen. „Warum müsst ihr nur alle so weit weggehen? Italien liegt am anderen Ende der Welt!“

Senior trat zu ihnen und legte ihr einen Arm um die Schultern. „Lass gut sein. Dein Sohn ist fast vierzig Jahre alt. Du musst ihn endlich von den Schürzenbändern lassen.“ Liebevoll küsste er ihre Wange.

Katherine rang sich ein Lächeln ab, ihre Augen waren immer noch tränenfeucht. „Er ist gerade erst siebenunddreißig. Und ich schneide die Schürzenbänder durch, wenn ich es will.“

Lachend tupfte Donovan eine Träne von ihrer Wange. „Ich bleibe ja nicht für immer dort, Mama. Und ich baue fest darauf, dass du mich besuchst.“

„Kann ich während deiner Abwesenheit in deinem Apartment wohnen?“, meldete sich Tarah zu Wort.

Katherine saß ans Kopfteil des Betts gelehnt, ihren E-Reader in der Hand, ein Kissen im Rücken, die Lesebrille auf der Nase. Als Senior ins Bett kam, schmiegte er sich kurz an sie, dann stützte er sich auf einen Ellbogen und sah sie schweigend an.

„Was ist?“, fragte sie.

„Was soll sein?“

„Warum siehst du mich so an?“

Zärtlich streichelte er über ihr Bein. „Weil du so schön bist.“

Sie nahm die Brille ab und legte sie in den Schoß. „Was willst du, Senior Boudreaux?“

„Wieso sollte ich etwas wollen?“

„Wenn du anfängst, mit Komplimenten um dich zu werfen, führst du etwas im Schilde.“

Ihr Mann schnitt eine Grimasse und drehte sich auf den Rücken. Er legte einen Arm über den Kopf, mit dem anderen zog er die Bettdecke hoch. „Ich sage dir ständig, wie schön du bist, ganz ohne Hintergedanken.“

„Mhm!“, machte Katherine nur und setzte die Brille wieder auf.

„Okay, schon möglich, dass ich etwas will“, gab er zu.

„Du siehst doch, dass ich lese“, schimpfte sie, ein Lächeln unterdrückend. „Ich kann es gar nicht leiden, dabei ständig unterbrochen zu werden.“

„Ich finde, wir sollten unser Testament überarbeiten.“

„Wie kommst du gerade jetzt darauf?“ Sie schaltete den E-Reader aus und legte ihn beiseite.

„Wegen der Babys. Ich möchte sicherstellen, dass unsere Enkel gut versorgt sind. Eines Tages soll jeder von ihnen etwas von uns bekommen.“

Nachdenklich nickte sie. „Weißt du noch, wie es war, als Collin zur Welt kam? Wir dachten, er würde unser einziger Enkel bleiben.“

Senior lachte. „Deswegen hast du ihn auch nach Strich und Faden verwöhnt.“

„Katrina hat damals eine schwere Zeit durchgemacht …“

Eine Weile gaben sie sich den Erinnerungen hin an den verstorbenen Mann ihrer ältesten Tochter und an die Liebeswirren der übrigen Kinder, von denen mittlerweile alle verheiratet waren bis auf Kamaya, Tarah und Donovan.

Irgendwann seufzte Katherine. „Du machst dir unnötig Sorgen. Unsere Kinder haben alle ihren Weg gefunden, unseren Enkeln wird es an nichts fehlen.“

Liebevoll legte er die Arme um sie und zog sie an sich. „Du hast gewiss recht. Nur gehe ich gern auf Nummer sicher.“

Sie erwiderte die Umarmung. „All unsere Kinder sind gut geraten. Wirklich gut“, murmelte sie. „Wir müssen uns nicht länger um sie sorgen.“

„Dann freust du dich, dass Donovan nach Italien geht?“

„Ich habe die Kinder gern um mich, wie du weißt. Natürlich will ich nicht, dass er so weit fortgeht, aber ich gönne ihm die Erfahrung.“

„Sie wird ihm guttun, er hat einen Tapetenwechsel nötig. Er konzentriert sich schon viel zu lange ausschließlich auf die Arbeit.“

„Trotzdem werde ich mein Baby vermissen.“

„Deine Babys sind längst erwachsen.“ Zärtlich wischte er ihr eine Träne aus dem Augenwinkel, und Katherine schmiegte ihre Wange in seine Hand.

„Sie werden immer meine Babys bleiben.“

Tröstend küsste er sie, bis sie plötzlich auflachte und die Nachttischlampe ausschaltete.

„Was ist so lustig?“

„Lass uns noch ein Baby machen.“ Zärtlich presste sie sich an ihn.

„Glaubst du an Wunder?“

„Nein, aber das Üben macht bestimmt Spaß.“

2. KAPITEL

Donovan schaltete sein Handy aus. Er hatte gerade mit Maitlyn und seinen Brüdern telefoniert und sich ihrer Unterstützung während seines Jahrs in Italien versichert. Sein Loft in der Lafayette Street war die beste Investition, die er jemals getätigt hatte. Die Geschwister würden es während seiner Abwesenheit im Auge behalten, damit Tarah es nicht als Partylocation missbrauchte.

Er schaltete den Computer ein und wartete darauf, dass er hochfuhr. Dabei verlor er sich in Gedanken.

Als drittes von neun Kindern, der zweite Sohn seiner Eltern, promoviert in Mathematik und mittlerweile Professor an der Tulane University in New Orleans, war er der konservativste unter seinen Geschwistern und stellte die größte intellektuelle Herausforderung für seine Mitmenschen dar. Sein seriöses Auftreten ließ sogar seine Schwester Katrina, Richterin am Kreisgericht, und seinen Bruder Mason, steinreicher Unternehmer und Geschäftsmann, vergleichsweise verwegen erscheinen. Selbst der im Geheimdienst aktive Kendrick wirkte neben ihm wie eine extrovertierte Plaudertasche, und die jüngeren Geschwister, allesamt in kreativen Berufen tätig, konnten nicht begreifen, dass ihm offenbar jegliche künstlerische Neigung abging.

Trotz des konservativen Lebens, das er bislang geführt hatte, hütete Donovan Geheimnisse, von denen niemand etwas ahnte. Sein Interesse an Italien war lediglich die Spitze des Eisbergs.

Endlich war der Computer bereit, und er überflog die Liste der neu eingetroffenen E-Mails auf der Suche nach einem bestimmten Absender. Als er ihn entdeckte, lächelte er zufrieden.

Seit einigen Monaten korrespondierte er mit einer Italienerin. Mit ihr telefoniert oder sie gar getroffen hatte er noch nicht. Wie sie aussah, wusste er lediglich von den Fotos auf den Umschlägen ihrer preisgekrönten Romane. Trotzdem waren ihre täglichen Mails die Lichtblicke in seinen gleichförmigen Tagen. Er freute sich darauf, sie endlich persönlich kennenzulernen, wenn er demnächst nach Italien reiste. Was hätten seine Geschwister wohl dazu gesagt, dass er sich mit einer Unbekannten treffen wollte? Oder seine Eltern? Im Geiste hörte er schon ihre Ermahnungen und Ratschläge.

Gab es so etwas wie eine funktionierende Online-Beziehung überhaupt? Wer hinter dem anderen Computer saß, konnte er nicht mit Sicherheit wissen. Möglicherweise schrieb er sich ja mit jemandem, der im Gefängnis saß. Bei allem, was seine Bekannte schrieb, konnte es sich um dreiste Lügen handeln. Im anonymen Internet ließ sich alles beschönigen, mit der Wahrheit brauchte man es nicht genau zu nehmen. Andererseits hatte der wortgewandte Stil der Mails ihn von Anfang an überzeugt, dass er tatsächlich mit der berühmten Autorin korrespondierte.

Gespannt las er ihre jüngste Nachricht:

Mein Leben ist wundervoll! Ich wohne in einer traumhaften Villa im toskanischen Teil der Maremma, ein großartiger Koch bereitet mir frische Pasta zu, sooft ich will, und ich darf die schönsten Städte der Welt bereisen, wann immer mir der Sinn danach steht. Was bleibt da noch zu wünschen übrig?

Dich demnächst kennenzulernen ist wie der Guss auf einem ohnehin schon sehr, sehr süßen Kuchen! Also bitte: Komm! Ich kann es kaum erwarten, dir Italien mit all seinen wundervollen Seiten vorzustellen.

Erfreut griff Donovan nach dem vierhundert Seiten dicken Roman, der auf einer Ecke seines Schreibtischs thronte. „Chaos und Wahnsinn“ von Gianna Martelli war auf Anhieb auf der Bestsellerliste der New York Times gelandet und würde gewiss lange Zeit dort bleiben. Er drehte das Buch herum und betrachtete das Bild auf der Rückseite.

Gianna Martelli war eine Schönheit, dabei wurde das Schwarz-Weiß-Foto ihr vermutlich nicht einmal gerecht. Sie blickte direkt in die Kamera, als würde sie ihn ansehen. Ihr Blick war offen, selbstbewusst und intensiv. Und trotzdem weckte etwas in ihrer Miene den dringenden Wunsch in ihm, sie in die Arme zu ziehen und zu halten. Unwillkürlich seufzte er.

Auslöser für den Briefwechsel mit ihr war ihr voriges Buch gewesen. Der Protagonist, ein Mathematikprofessor an einer altehrwürdigen Universität, hatte Donovan so sehr in seinen Bann gezogen, dass er ihr unbedingt seine Gedanken dazu mitteilen wollte. Aber statt der höflichen Standardantwort, die er erwartet hatte, traf eine klug formulierte Mail ein, in der sie seine Ansichten infrage stellte. Das hatte er nicht auf sich sitzen lassen wollen und dagegengehalten. Ihre Antwort hatte in ihm den Wunsch nach weiterem Gedankenaustausch geweckt. Bevor er wusste, wie ihm geschah, war daraus ein regelmäßiger, faszinierender Schriftwechsel entstanden. Eine wunderschöne Brieffreundschaft war geboren.

Zügig formulierte er seine Antwort.

Du hast mich überzeugt! Ich zähle die Tage und kann es kaum erwarten, den Sonnenuntergang, von dem du so lebhaft schwärmst, mit dir zu erleben.

Er drückte auf Senden, ging ins Schlafzimmer, holte seinen größten Koffer aus dem Schrank und begann zu packen.

Die Tür ging auf, und Carina stürmte in die Küche. Ihr Vater und ihr Ehemann sahen ihr überrascht entgegen.

„Was ist passiert?“, fragte Graham neugierig.

„Gianna wird mich umbringen!“

Die Männer tauschten besorgte Blicke. Franco legte das Gemüsemesser aus der Hand. „Was hast du jetzt schon wieder angestellt?“

„Nichts allzu Schlimmes. Gefallen wird es ihr allerdings nicht.“ Sie durchquerte den Raum, trat ans Fenster und sah nach draußen. Nach einer Weile kehrte sie zur Tür zurück und vergewisserte sich, dass ihre Zwillingsschwester außer Hörweite war.

„Sie ist in der Stadt“, sagte Franco.

„Er kommt nach Italien“, sprudelte es aus Carina heraus. „Schon nächste Woche.“

„Wer?“

„Donovan Boudreaux, ein Mathematikprofessor aus den Vereinigten Staaten.“

Die Männer tauschten verwirrte Blicke, und sie seufzte. „Er ist ihr Brieffreund, nur weiß sie nichts davon. Ich habe die Mails in ihrem Namen geschrieben.“

„Du hast was?“, fragten die Männer wie aus einem Mund.

„Ich habe getan, als wäre ich Gianna. Er mailt ihr, ich antworte an ihrer Stelle.“

„Wie konntest du nur!“, fuhr ihr Mann sie entsetzt an.

„Ich wusste, dass sie ihm nie antworten würde. Dabei bin ich überzeugt, dass sie ein tolles Paar abgäben. Er ist genauso ein Streber wie sie.“

„Dummerweise hat er aber keine Beziehung mit ihr, sondern mit dir.“ Verärgert verschränkte Franco die Arme vor der Brust.

„Das stimmt nicht. Jedes Wort, das ich ihm geschickt habe, stammt von Gianna. Ich habe alles aus ihren Tagebüchern abgeschrieben.“

„Du liest die Tagebücher deiner Schwester?“

„Schon seit wir zwölf Jahre alt sind. Ihre Post zu beantworten, gehört übrigens zu meinem Job. Ich bin schließlich ihre persönliche Assistentin.“

„Du bist zu weit gegangen.“ Franco schüttelte den Kopf und widmete sich wieder den Knoblauchzehen, die er hackte. „Gianna wird dich umbringen.“

Graham lachte bitter. „Mit Sicherheit!“

Carina warf ihrem Mann einen finsteren Blick zu. „Vielen Dank für deine Unterstützung!“

„Was weißt du eigentlich über diesen Kerl? Er könnte ein Psychopath sein“, sagte Graham.

„Er unterrichtet an der Tulane University in New Orleans, stammt aus einer alteingesessenen Familie und liest dieselben langweiligen Bücher wie sie.“

„Dann ist er definitiv ein Psycho!“

„Er schreibt sehr süß und romantisch und ist genau der Richtige für sie.“

„Wann wolltest du ihr denn von ihm erzählen?“

„Keine Ahnung. Ich dachte, ich hätte noch viel Zeit, bevor es zu einem Treffen kommt.“

Graham runzelte die Stirn. „Die Sache ist mir nicht geheuer. Du hast seit Wochen eine Beziehung mit einem anderen.“

„Seit Monaten“, stellte Carina klar.

„So lange schon?“

„Eine Freundschaft braucht Zeit zum Wachsen. Ich wollte es ihr ja beichten. Glaube ich zumindest.“

„Soll ich dir wirklich abnehmen, dass du diese Beziehung für deine Schwester aufgebaut hast? Du bist dir dessen ja selbst nicht sicher.“

„Aus deinem Mund hört sich das schlimmer an, als es ist.“

„Für mich ist es schlimm!“

Behutsam schob Franco den gehackten Knoblauch in die Tomatensauce, die auf dem Herd köchelte, dann ging er zur Tür. „Ich lasse euch eine Weile allein. Passt bitte so lange auf die Soße auf.“

Carina sah ihren Mann an. Seine Miene spiegelte Verwirrung und Enttäuschung wider. Sie seufzte. Wie konnte sie ihm die Sache nur erklären? Anfangs hatte alles Sinn ergeben, und sie war immer noch überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. Trotzdem musste sie ihm recht geben. Das Ganze hatte einen seltsamen Beigeschmack.

Seit Giannas erster Roman wie eine Bombe eingeschlagen war, hatte Carina sämtliche Aufgaben übernommen, die ihre Schwester nicht gern erledigte: Sie managte Fanseiten, beantwortete Leserfragen, war ihre Assistentin und Marketingmanagerin und füllte ihre Accounts bei Twitter, Facebook und Instagram mit Leben.

Donovans erste E-Mail hatte sie angesprochen, seine intelligenten, anregenden Kommentare, seine von aufrichtigen Emotionen zeugenden Worte. Instinktiv hatte sie gewusst, dass er der Richtige für ihre Zwillingsschwester und beste Freundin war.

Daher hatte sie ihm in Giannas ironisch-scherzhaftem Stil geantwortet, der ihr bestens vertraut war. Im Lauf der Zeit waren die E-Mails immer umfangreicher geworden, und sie hatte begonnen, Zitate und ganze Abschnitte aus Giannas persönlichen Aufzeichnungen zu verwenden. Donovan sollte ihre Schwester kennenlernen, wie sie wirklich war. Es hatte so gut funktioniert, dass er sie nun persönlich treffen wollte.

Aber Carina hatte ihren Plan nicht zu Ende gedacht. Ursprünglich hatte sie ein bisschen über Donovan recherchieren und die Zügel dann an ihre Schwester weiterreichen wollen, doch sie hatte den rechten Zeitpunkt verpasst. Was Gianna wohl zu der ganzen Sache sagen würde?

Carina spürte, dass ihr Mann sie immer noch anstarrte. „Donovan kennt Gianna, nicht mich. Von meiner Existenz weiß er noch nicht einmal. Sie wird ihn ebenfalls mögen, sobald sie ihn erst kennenlernt, darauf verwette ich meinen letzten Euro. Ich will doch nur, dass sie so glücklich wird, wie wir beide es sind. Aus eigenem Antrieb hätte sie nie etwas unternommen.“

„Wann wirst du es Gianna gestehen?“

„Was soll Carina mir gestehen?“ Die Tür ging auf, und Gianna trat ein. „Was ist hier los?“ Sie stellte die vollbeladenen Einkaufstaschen auf die hölzerne Küchentheke, ohne ihre Schwester und ihren Schwager aus den Augen zu lassen. Spannung lag in der Luft. Plötzlich kochte die Tomatensoße auf dem Herd über und ergoss sich zischend über die heißen Platten.

„Verdammt!“ Carina tat einen Satz und stellte die Temperatur niedriger.

Eine Hand auf die Hüften gestützt, sah Gianna ihr zu, wie sie das Übergekochte beseitigte. Erst als der Wischlappen ausgewrungen war und die restliche Soße wieder friedlich im Topf vor sich hin köchelte, wiederholte sie die Frage. „Was sollst du mir gestehen?“

Graham küsste seine Frau auf die Wange und verschwand dann wortlos aus dem Raum. Gianna trat auf ihre Schwester zu, die Arme vor der Brust verschränkt. „Was ist los?“, fragte sie drohend.

„Setzen wir uns doch. Hast du auf dem Markt alles bekommen?“

„Du wirst das Thema nicht wechseln, und du rührst dich auch nicht vom Fleck, bevor du meine Frage beantwortet hast.“

Nervös atmete Carina durch. „Ich habe einen Freund für dich gefunden“, begann sie. Dann sprudelte die ganze Geschichte aus ihr heraus.

„Mach die Tür auf, Gianna“, befahl Franco. „Du kannst dich nicht ewig verkriechen.“

„Das habe ich auch nicht vor. Ich will nur mit niemandem sprechen.“

„Mach sofort auf! Ich sage es nicht noch einmal.“

Gianna seufzte tief, stand auf, ging zur Tür, schloss auf und öffnete sie einen Spalt weit. Ihr Vater sah ihr streng entgegen. Sie stöhnte auf, trat beiseite und ließ ihn herein.

Franco setzte sich auf das Sofa gegenüber dem Schreibtisch und schwieg. Schließlich ließ sie sich neben ihn sinken. Die Ruhe, die er ausstrahlte, tröstete sie, und sein Anblick tat ihr gut.

Je älter sie wurden, desto mehr glichen sie und ihre Schwester ihm. Sie hatten den gleichen glatten Teint, die gleichen Locken, wobei seine mittlerweile fast vollständig ergraut waren, gerade Nasen und feste Kinnpartien. Franco behauptete, dass die Mädchen der Mutter mehr ähnelten als ihm, doch in dem Punkt war Gianna anderer Meinung. Sie fand, sie waren eine gelungene Mischung aus beiden Elternteilen.

Unwillkürlich musste sie an ihre Mutter denken. Die schöne New Yorkerin war die große Liebe ihres Vaters gewesen. Sie hatten sich kennengelernt, als Angela Wilson ein Auslandssemester in der Toskana absolviert hatte. Als die Zwillinge gerade zwölf gewesen waren, war sie an einem Aneurysma im Gehirn verstorben. Der Verlust hatte Franco fast umgebracht. Von da an hatte er seine gesamte Kraft den Kindern und dem Weingut gewidmet. Bis heute trauerte er um seine Frau.

Die zahlreichen Eskapaden der Mädchen hatten ihn auf Trab gehalten und sein Haar möglicherweise vorzeitig ergrauen lassen. Sosehr die Zwillinge einander liebten, so häufig hatten sie auch gestritten – meistens wegen etwas, das die zehn Minuten jüngere Carina angestellt hatte.

„Wann wirst du wieder mit deiner Schwester reden?“

„Niemals! Wie konnte sie mir das nur antun?“

„Sie hat einen Fehler gemacht, aber sie hat es gut gemeint.“

„Dieser Mann kommt uns in dem Glauben besuchen, es würde eine Verbindung zwischen uns bestehen. Aber da ist nichts! Ich weiß nicht das Geringste von ihm.“

Franco nickte bedächtig. „Ihm steht eine herbe Enttäuschung bevor.“

„Er wird mich dafür verantwortlich machen. Sie hat meinen Namen missbraucht, das ist unverzeihlich!“

„Man kann alles vergeben.“

„Das nicht!“

„Sogar das.“ Franco lachte leise. „Du musst nur einen Weg finden, es irgendwie wieder in Ordnung zu bringen.“

„Warum ich? Ich habe nichts getan!“

„Carina hat deinen Namen benutzt, und ein Unschuldiger wird enttäuscht werden.“

Wütend gestikulierte Gianna. „Ich könnte sie umbringen!“

„Bestimmt fällt dir eine bessere Lösung ein. Eine, mit der du alle Seiten zufriedenstellen kannst.“ Er tätschelte ihr das Knie und stand auf. „Carina liebt dich, und du liebst sie. Sie hat aus Liebe gehandelt, das darfst du nicht vergessen.“

Va bene, papà“, murmelte sie, wirkte aber nicht überzeugt.

Sobald ihr Vater draußen war, verriegelte Gianna die Tür wieder. Sie war noch nicht bereit, ihrer Zwillingsschwester gegenüberzutreten. Bestimmt würde Carina sie aufsuchen, sobald sie eine Chance dazu witterte.

Gianna kehrte an den Schreibtisch zurück und griff nach einem dicken Aktenordner. Carina hatte ihn ihr aufgedrängt und darauf bestanden, dass sie den Inhalt las. Bislang hatte sie noch nicht das Bedürfnis gehabt zu erfahren, wie weit ihre Schwester gegangen war.

Es klopfte leise an der Tür, Carina rief ihren Namen. Gianna ignorierte sie und schlug stattdessen den Ordner auf. Allmählich packte sie doch die Neugier. Über die Jahre hatte ihre Zwillingsschwester ihr zahlreiche Streiche gespielt. So weit wie diesmal war sie jedoch noch nie gegangen. Insgeheim fürchtete Gianna, der Ordner könnte etwas enthalten, das ihr gefiel. Dann könnte sie zur Mittäterin bei dem Wahnsinn werden, den ihre Schwester angezettelt hatte.

Am nachtschwarzen Himmel funkelten Millionen Sterne mit dem riesigen Vollmond um die Wette. Im Haus war es ganz still, alle waren bereits zu Bett gegangen. Carina hatte einige Male versucht, sich bei der Schwester zu entschuldigen, und es dann schließlich aufgegeben.

Gianna las bereits seit Stunden in dem Ordner. Gerade griff sie zum wiederholten Mal nach der ersten Mail des Mannes namens Donovan.

Liebe Ms. Martelli,

mein Name ist Donovan Boudreaux. Ich bin Professor für Mathematik an der Tulane University in New Orleans, Louisiana. Seit Erscheinen Ihres ersten Romans bin ich Ihr treuer Fan. Ich habe mehrfach erwogen, Ihnen mitzuteilen, wie sehr ich Ihre Werke genieße. Um Sie nicht mit noch mehr Fanpost zu belasten, als Sie vermutlich ohnehin erhalten, habe ich davon abgesehen. Ihr jüngster Roman, besonders die Figur des Dr. Hanover, hat mich jedoch dermaßen gefesselt, dass ich es mir nicht länger verkneifen kann, Ihnen meine Gedanken mitzuteilen.

Sie sind eine Meisterin im Erzählen und Formulieren. Der Roman hat mich vom ersten Satz an in seinen Bann geschlagen. Trotzdem wüsste ich gern, ob es Ihre Absicht war, beim Leser Mitgefühl für Dr. Hanover zu wecken, so wenig liebenswert er auch ist. Jedem Ihrer Worte ist tiefe Verachtung für ihn zu entnehmen, dennoch fühle ich intensiv mit ihm. Ich frage mich, ob diese Empfindung ihren Ursprung in mir hat, oder ob Sie sie auf überaus kunstfertige Weise im Leser hervorrufen. Darüber würde ich gern im Detail mit Ihnen diskutieren.

In der Hoffnung auf eine Antwort verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen,

Donovan Boudreaux

Carinas Antwort war brillant. Sie hatte Zitate aus verschiedenen Interviews mit Gianna verwendet:

Lieber Mr. Boudreaux,

herzlichen Dank für Ihr freundliches Schreiben und das Lob, das Sie meiner Arbeit zollen. Ihre Fragen finde ich hochinteressant. Verachtung für den Protagonisten empfinde ich nicht. Dr. Hanover ist im Gegenteil einer meiner Lieblingscharaktere. Es freut mich, dass die Dynamik seiner Persönlichkeit nicht im mysteriösen Geschehen untergegangen ist. Wie Sie zu Recht vermuten, habe ich den Charakter so angelegt, dass er im Leser widersprüchliche Empfindungen hervorruft und ihn so zum Denken anregt, ganz wie es im Buch der Sprüche 27,17 geschrieben steht: „Ein Messer wetzt das andre und ein Mann den andern.“ Wenn Sie mit ihm mitgefiebert haben, werden sein Rat und seine Weisheit Ihren Geist schärfen.

Danke, dass Sie Ihre Gedanken mit mir geteilt haben. Ich würde mich freuen, erneut von Ihnen zu hören!

Viel Vergnügen beim Lesen,

Gianna

Donovan hatte tatsächlich wieder von sich hören lassen. Aus knappen Anmerkungen waren umfangreiche Mails geworden, die Carina mit Auszügen aus Giannas privaten Notizen geschickt beantwortet hatte. Manche ihrer Aussagen trafen den Nagel so exakt auf den Kopf, dass Gianna sich verwundert fragte, ob sie die Nachrichten nicht doch selbst geschrieben hatte. Carina schien ihre Ansichten und Gedanken mindestens ebenso gut zu kennen wie sie selbst. Zwischen Zwillingen, hieß es, bestünde so etwas wie eine kosmische Verbindung. Allerdings bezweifelte sie stark, dass sie mit dem Innenleben ihrer Schwester ebenso vertraut war wie umgekehrt.

Sie zog eines der neueren Schreiben aus dem Ordner. Der Austausch über literarische Themen hatte sich mittlerweile zu etwas anderem entwickelt, das sie nicht recht einzuordnen wusste.

Liebste Gianna,

es verblüfft mich immer wieder, wie treffend du meine Gefühle benennst, wo mir selbst die Worte fehlen. Natürlich hast du recht, ich wäre zutiefst enttäuscht, würde man mir die Gastprofessur nicht anbieten. Wie peinlich, dass du das erkennst. Als Mann sollte ich nicht so empfindlich sein – und es schon gar nicht zeigen! Das ist ein Zeichen der Schwäche, und welche Frau mag schon schwache Männer?

Das fragte Gianna sich auch. Die Antwort ihrer Schwester erschien ihr fast einen Literaturnobelpreis wert.

Donovan, ach Donovan,

Frauen lieben Männer, die sich ihre Gefühle eingestehen! Feingefühl ist keine Schwäche, wenn es mit Aufrichtigkeit einhergeht.

Es ist nur natürlich, dass du enttäuscht wärest. Du willst diese Professur, und du verdienst sie auch. Also fordere sie ein und freue dich auf den Tag, an dem du in Italien eintriffst, wenn du endlich den blauen Himmel und die malerischen Sonnenuntergänge siehst, die ich täglich genieße. Keine Frau will einen Mann, der sich mit weniger begnügt!

Inzwischen war dieser Fremde, dem sich Gianna bereits auf absurde Weise verbunden fühlte, auf dem Weg nach Italien. Er glaubte fest daran, dass sie sich auf die Begegnung mit ihm so freute wie er. Und so verrückt es auch war, tatsächlich empfand sie plötzlich starke Neugierde und Vorfreude.

3. KAPITEL

Donovan saß mit seinem Bruder Kendrick in Masons Privatjet, sie warteten auf die Startfreigabe.

„Ich rufe dich gleich nach der Landung an“, versprach Kendrick, der neben ihm telefonierte. „Es sind doch nur drei Tage, Vanessa. Du wirst kaum merken, dass ich fort bin … Nein, es ist wirklich keine gefährliche Mission. Wie du weißt, bin ich inzwischen ein reiner Schreibtischtäter.“

Unwillkürlich musste Donovan grinsen. Kendrick arbeitete nicht länger als Undercoveragent, trotzdem bekam seine Frau es jedes Mal mit der Angst zu tun, sobald er verreisen musste.

Endlich legte Kendrick auf. „Sie wird mich umbringen, wenn sie erfährt, dass ich gleich nach der Landung nach Florenz und von dort nach Griechenland weiterreise. Ich habe ihr gesagt, ich würde dich begleiten und dir über die erste schwere Zeit im Ausland helfen.“

„Inwiefern habe ich das denn nötig?“

„Unsere Schwestern haben ihr eingeredet, du wärst ein Weichei. Das brauchte ich nur noch auszuschmücken.“ Auf Donovans verdutzten Blick hin fuhr er fort: „Was ist? Du weißt doch, dass die Mädels Angst haben, jemand könnte dich ausnutzen, weil du viel zu vertrauensselig bist.“ Als Donovan mit den Augen rollte, lachte er. „Ist doch egal. Wenigstens bietet es mir die perfekte Ausrede, um meine Arbeit zu tun.“

„Will ich Näheres darüber erfahren?“

„Nein. Falls ich dir mehr verrate, muss ich dich erschießen. Bist du aufgeregt?“, wechselte er das Thema.

„Nervös, ja, aber nicht ängstlich.“

„Wegen des Unterrichtens? Das ist doch genau dein Ding.“

„Es ist … na ja.“ Unter dem durchdringenden Blick seines Bruders wand Donovan sich verlegen. „Es gibt da eine Frau. Sie …“

Erstaunt zog Kendrick die Augenbrauen hoch. „Okay. Spuck es aus! Was verheimlichst du mir?“

Donovan ließ sich Zeit mit der Antwort. Im Geist ging er durch, was er über Gianna wusste.

In ihrer Biografie hatte er gelesen, dass sie je einen Abschluss in Mathematik und Naturwissenschaften besaß. Verkopfte Wissenschaftler mochte sie jedoch nicht, wie sie einmal geschrieben hatte. Deshalb hätte sie fast auch nicht auf seine erste Mail geantwortet, in der er seinen Job als Uniprofessor erwähnt hatte.

Sie schrieb intelligente, spannende Thriller und besaß das Talent, männliche Protagonisten so darzustellen, dass sie auch die männliche Leserschaft ansprachen. Für ihre Romane hatte sie bereits zahlreiche Preise eingeheimst. Sie lebte zurückgezogen auf dem Weingut ihres Vaters in der Toskana und mied die Öffentlichkeit.

Gianna war ein Freigeist, praktizierte Yoga, ernährte sich weitgehend biologisch und begeisterte sich für das Weingut der Familie. Einmal hatte sie erwähnt, sie würde lieber im Weinberg arbeiten als den nächsten Erfolgsroman zu schreiben.

Donovan atmete tief durch. „Wir haben uns per E-Mail angefreundet. Ich treffe sie zum ersten Mal. Das macht mich nervös.“

Kendrick grinste übers ganze Gesicht. „Du hast also eine Freundin. Wer ist sie? Ist sie Italienerin? Arbeitet sie ebenfalls an der Uni?“

„Sie ist Schriftstellerin. Gianna Martelli.“

„Moment mal! Ist das nicht die Thriller-Autorin?“

„Du kennst sie?“

„Vanessa hat mir ihr erstes Buch geschenkt. Das war große Klasse.“

„Sie hat echtes Talent.“

„Und sieht super aus, wenn ich mich recht erinnere.“

Donovan zuckte mit den Achseln. „Sie ist ganz hübsch“, sagte er, um einen neutralen Ton bemüht.

Kendrick versetzte ihm einen Klaps auf den Arm. „Du wirst ja rot! Warte ab, bis ich der Familie davon erzählt habe.“

Lachend hob er die Hände. „Bloß nicht! Du weißt doch, wie die Mädchen sind.“ Er imitierte Tarah: „Don Juan hat eine Freundin? Traut er sich tatsächlich, mit einer Frau zu reden? Wir müssen ihm unbedingt ein paar Tipps geben!“

Kendrick schüttelte sich vor Lachen. „Du hast recht, das kann ich dir nicht antun.“

„Danke.“ Er wechselte das Thema. „Hast du dich schon mit Vanessa geeinigt, wo ihr eure Flitterwochen verbringen wollt?“

Endlich kam die Freigabe zum Start. Während der Jet in die Höhe stieg, schoss es Donovan durch den Kopf, wie gut ihm die Gesellschaft seines Bruders tat. Mit seinen Brüdern gab es immer viel zu lachen. Dass die Geschwister ihn gern aufzogen, störte ihn nicht, denn er war sich ihrer Unterstützung sicher. Sie liebten einander bedingungslos. Trotzdem war er noch nicht bereit, ihnen von Gianna zu erzählen. Die Situation war so neu für ihn, zu viel konnte schiefgehen.

Plötzlich war er wieder sehr nervös. Er hoffte, dass man ihm die Angst nicht ansah.

Sophie Mugabe und Alessandra Donati warteten in der Ankunftshalle des Flughafens Pisa auf das Eintreffen von Professor Boudreaux aus Amerika. Sophie war die Leiterin des Fachbereichs Mathematik an der Uni Siena und Donovans Gastgeberin. Vor drei Jahren hatte sie ihn bei einer Fachkonferenz in London kennengelernt und sich auf den ersten Blick in ihn verliebt. Seither verfolgte sie ihn hartnäckig mit E-Mails. Es grenzte fast schon an Stalking, trotzdem fielen seine Antworten immer freundlich aus. Dass er nun für ein Jahr mit ihr zusammenarbeiten würde, versetzte sie in einen geradezu ekstatischen Zustand. Sie versuchte das süße Ziehen in ihrem Unterleib zu ignorieren. Die Studentin, die sie begleitete, sollte nichts von ihrer Verfassung bemerken.

Alessandra Donati ließ gleichmütig den Blick durch die Halle schweifen. Frau Professor Mugabe hielt ihre natürliche Begabung für Mathematik für Interesse und bedachte sie mit einer Aufmerksamkeit, die sie weder wollte noch verdiente. Die Vorteile einer Lieblingsstudentin überwogen die Nachteile jedoch deutlich, daher hatte sie eingewilligt, ihre Mentorin zum Flughafen zu begleiten, um den Professor aus Amerika willkommen zu heißen, statt wie geplant mit Freunden für einen Tag nach Venedig zu fahren. Gelangweilt blickte sie auf ihre teure Armbanduhr.

„Er ist gelandet“, rief Sophie aufgeregt. „Jetzt kann es nicht mehr lange dauern.“

Alessandra rang sich ein müdes Lächeln ab. Sie wollte gerade etwas sagen, als sie einen Mann bemerkte, der auf sie zukam. Er war hochgewachsen und wirkte distinguiert. Als er lächelte, verschlug es ihr den Atem. Ein Seitenblick zu ihrer Professorin zeigte ihr, dass es ihr genauso ging.

„Sieht er nicht toll aus?“, murmelte Sophie und winkte ihm aufgeregt.

„Das tut er!“

„Frau Professor Mugabe! Was für eine angenehme Überraschung“, sagte Donovan zur Begrüßung. Er neigte sich vor und umarmte seine Kollegin.

„Willkommen in Italien. Ich wollte Sie unbedingt persönlich in Empfang nehmen. Hatten Sie einen angenehmen Flug?“

Donovan nickte. „Ja, sehr. Mein Bruder hat mich begleitet. Wir hatten reichlich Gelegenheit zum Reden.“

„Wo ist er denn?“

„Er muss leider sofort weiterreisen.“

Mit einem Räuspern machte Alessandra sich bemerkbar, und Sophie stellte sie vor. „Wo habe ich nur meine Manieren gelassen? Dr. Boudreaux, darf ich Ihnen eine meiner begabtesten Studentinnen vorstellen: Alessandra Donati. Sie kann es kaum erwarten, Ihre Vorlesung zu hören.“

Alessandra setzte ihr wärmstes Lächeln auf. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“ Mit geübter Geste schleuderte sie das lange blonde Haar über die Schulter, reichte ihm die perfekt manikürte Hand und klimperte mit den falschen Wimpern.

„Das Vergnügen liegt ganz auf meiner Seite, Ms. Donati.“

„Was für ein Glück, dass Sie an unserer Uni lehren wollen. Ihr Artikel über die Lie-Algebra war faszinierend.“

Lachend wehrte er ab: „Das nicht gerade, aber danke trotzdem.“

Alessandra lächelte erneut, ihre Augen glitzerten vielsagend.

„Ich schlage vor, wir bringen Sie erst zu Ihrer Wohnung, fahren dann weiter zur Uni und danach lade ich Sie zu Ihrer ersten Mahlzeit in Italien ein“, sagte Sophie. „Oder haben Sie andere Pläne?“

„Leider bin ich bereits mit Freunden zum Essen verabredet. Es tut mir leid, ich wusste nicht …“

„Das braucht es doch nicht“, wiegelte Sophie ab. „Es war nur ein Angebot.“

„Sie haben Freunde in der Toskana?“, fragte Alessandra neugierig.

„Ja, Gianna Martelli und ihre Familie. Sie besitzen ein Weingut im Herzen der toskanischen Maremma, nicht weit von Grosseto.“

„Der Name Martelli ist in Italien weit verbreitet“, sagte Sophie, der die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand.

„Vielleicht können wir ja morgen zusammen frühstücken, und danach führen Sie mich durch die Uni? Ich kann es kaum erwarten, den Campus zu sehen und die Kollegen kennenzulernen!“

„Das lässt sich einrichten.“

Gianna und ihre Schwester deckten den Tisch für das Dinner mit Donovan Boudreaux. Beide waren gleichermaßen aufgeregt. Alles sollte perfekt sein. Vasen voller frisch geschnittener Blumen schmückten das ganze Haus, sämtliche Fenster waren weit aufgerissen, um die süße Sommerluft einzulassen. Es duftete nach Brathähnchen, und handgemachte Pasta warteten darauf, in Salzwasser gegart zu werden.

Franco und Graham warfen sich vielsagende Blicke zu, als die beiden Frauen plötzlich innehielten und sich über den Esstisch hinweg ansahen – in ein stummes Zwiegespräch versunken, wie es Zwillingen eigen war. Es dauerte nur einen Augenblick, doch umso bedeutsamer war offenbar der Inhalt, denn gleich darauf seufzte Gianna, und Carina legte eine Hand aufs Herz. Die Schwestern lächelten sich zu und nahmen ihre Tätigkeit wieder auf.

„Hast du mittlerweile mit Mr. Boudreaux gesprochen, Gianna?“, fragte Franco.

„Ich habe ihm eine SMS geschickt. Er müsste längst gelandet sein. Sobald er sich eingerichtet hat, kommt er her.“

„Soll ich ihn nicht lieber abholen?“, bot Graham an.

„Nein!“, riefen die Schwestern gleichzeitig. „Du würdest ihm nur alles verraten. Ich kenne dich doch“, sagte Carina.

Gianna pflichtete ihr bei. „Er muss es von uns erfahren. Von Carina.“

„Wieso von mir?“, fragte Carina verblüfft.

„Du hast diese Lügen in die Welt gesetzt.“

„Du hättest ihm mittlerweile alles erklären können, schließlich habt ihr euch in den vergangenen zwei Wochen oft genug geschrieben. Du hast deinen Beitrag zu den Lügen geleistet.“

„Dann würde er jetzt aber vielleicht nicht kommen.“

Carina lachte. „Ich wusste doch, dass er dir gefallen wird!“

„Ich finde ihn interessant und bin zugegebenermaßen ziemlich neugierig.“

„Du magst ihn!“, rief Carina siegessicher.

Franco lachte und trat ans Fenster. „Das ist auch gut so, denn dein neuer Freund fährt gerade vor.“

Donovan stand vor der luxuriösen Villa, die Giannas Zuhause war. Zuvor hatte er seine Habseligkeiten in die kleine Wohnung gebracht, die die Universität ihm besorgt hatte, und sich bei seiner Vermieterin nach dem Weg zum Weingut erkundigt. Die sympathische alte Dame, die kaum Englisch sprach, hatte ihn mit Gesten an den Hausmeister verwiesen, der ihn freundlicherweise hingefahren hatte.

Natürlich hatte Donovan sowohl die Werbebroschüre als auch die Website des Weinguts genau studiert. Die Cantina Moderna, ein restauriertes altes Landgut, lag auf einer Hügelkuppe zwischen Weinbergen und Olivenhainen. Neben dem sehenswerten Privathaus gab es einen modernen Weinkeller, bottaia genannt, der geschickt in die Landschaft eingefügt war. Dort ruhte der Wein in riesigen handgefertigten Eichenfässern. Es gab einen Tagungsraum für bis zu sechzig Personen mit Blick auf das Ombronetal sowie einen noch größeren Verköstigungssaal mit Panoramablick, dem eine professionelle Gourmetküche angegliedert war. Hinzu kamen Arbeitsräume für die Weinherstellung und ein Lagerhaus.

Ich fühle mich wie ein Teenager beim ersten Date. Vor Aufregung war Donovan wie gelähmt. In einer Hand hielt er einen üppigen Strauß aus orange- und pinkfarbenen Rosen, Lisanthus und Orchideen, in der anderen eine Flasche hausgemachten Erdbeeressig, den seine Vermieterin ihm mitgegeben hatte. Schließlich konnte man zum Dinner bei Winzern nicht gut Wein mitbringen. Donovan atmete tief durch, dann noch ein zweites Mal, und klopfte an der Haustür.

Gerade wollte er erneut klopfen, als die Tür aufging und ein Mann ihn gut gelaunt begrüßte, bei dem es sich dem Alter nach nur um Giannas Vater handeln konnte.

Benvenuto, Dr. Boudreaux.“ Er schüttelte ihm kräftig die Hand und zog ihn mit sich ins Haus. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Buonasera, Signor Martelli. Vielen Dank, dass Sie mich empfangen.“

„Nennen Sie mich Franco.“ Er führte Donovan in die Wohnküche und deutete auf einen Mann, der an der riesigen Theke saß. „Das ist mein Schwiegersohn Graham Porter. Er ist mit meiner Tochter Carina verheiratet.“

Graham stand auf und reichte ihm die Hand. „Schön, Sie kennenzulernen!“

„Das Vergnügen liegt ganz bei mir. Gianna hat mir viel von Ihnen erzählt. Sie hält große Stücke auf Sie.“

Graham warf Franco einen vielsagenden Blick zu. „Die Frauen sollten jeden Moment hier sein. Sie wissen ja, wie sie sind. Haar und Make-up müssen perfekt sitzen, das kann Stunden dauern.“

„Ich kenne das nur zu gut, ich habe vier Schwestern.“

„Sie übertreiben, genau wie mein Mann“, ertönte eine Frauenstimme von der Tür hinter ihnen. „So schlimm sind wir gar nicht.“

Eine junge Frau kam freundlich lächelnd auf ihn zu. „Hallo. Ich bin Carina Martelli-Porter, Giannas Schwester. Herzlich willkommen.“

„Hallo, Carina.“

„Wie war die Reise?“

„Sehr angenehm, vielen Dank.“

Carina trat an die Seite ihres Mannes. Für einen Moment herrschte spannungsgeladene Stille, alle sahen Donovan an. Ihm kam es vor, als würden sie kollektiv Atem holen.

„Liebling, schenk Dr. Boudreaux ein Glas Wein ein“, forderte Carina mit belegter Stimme ihren Mann auf. Dann wandte sie sich Donovan zu. „Setzen Sie sich doch, Dr. Boudreaux.“

„Vielen Dank. Bitte, nennen Sie mich Donovan.“ Plötzlich erinnerte er sich an die Flasche in seiner Hand. „Die ist für die Familie. Es ist …“

„Erdbeeressig!“, rief Carina entzückt. „Sie wohnen bestimmt bei Signora Rossi.“

„Stimmt genau. Wie haben Sie das erraten?“

Carina hielt die Flasche in die Höhe, die er ihr überreicht hatte. „Der hier ist kostbarer als Gold. Ich würde den Essig überall erkennen. Wir versuchen seit Jahren, ihr Rezept zu kopieren, aber niemand im ganzen Ort hat es jemals geschafft.“

Graham reichte Donovan ein Glas Rotwein, und dieser setzte sich in einen bequem aussehenden Sessel. Den Blumenstrauß legte er über seinen Schoß. Carina zog einen Stuhl heran und setzte sich ihm gegenüber.

„Es fällt mir nicht leicht, Ihnen das jetzt zu sagen“, begann sie zu Donovans Erstaunen. „Aber es gibt etwas, das Sie erfahren müssen.“ Nervös ließ sie den Blick von einem zum anderen schweifen.

„Du langweilst unseren Gast hoffentlich nicht mit alten Geschichten über mich, Schwesterherz“, ertönte plötzlich eine zweite weibliche Stimme.

Wie auf Kommando drehten sich alle herum. Gianna Martelli stand im Türrahmen, übers ganze Gesicht strahlend.

Sofort sprang Donovan auf die Füße. Eine Panikattacke drohte ihn zu überwältigen.

Gianna wirkte ebenfalls leicht nervös, ein Muskel neben ihrem Mund zuckte kaum wahrnehmbar. Neugierig betrachtete sie ihn, von Kopf bis Fuß und wieder zurück.

In dem hellbraunen Leinenanzug mit dem weißen Hemd, das am Kragen offen stand, und den braunen Lederslippern wirkte er adrett und lässig zugleich. Sein dunkles Haar war kurz geschnitten, er trug einen modischen kleinen Kinnbart. Mit den edlen Gesichtszügen und der guten Figur hätte er auch als Model arbeiten können, fand Gianna. Wie ein Lehrer wirkte er jedenfalls nicht. Tatsächlich sah er so fantastisch aus, dass es ihr den Atem verschlug.

Donovan kam die Situation surreal vor. Er fühlte sich, als liefe sein Leben gerade in Zeitlupe ab. Als Gianna auf ihn zukam, drohten Emotionen ihn zu überwältigen. Er glaubte zu träumen.

Unvermittelt drückte sie ihn zur Begrüßung an sich. „Ich freue mich so, dich endlich kennenzulernen“, sagte sie mit volltönender, weicher Stimme. „Willkommen in Italien!“

Donovan erwiderte die Umarmung, dann hielt er sie auf Armeslänge von sich ab und betrachtete sie eingehend. Ihre Schwester und sie waren eineiige Zwillinge, trotzdem erschien Gianna ihm als die schönste Frau der Welt. Die Fotos auf den Buchcovern wurden ihr tatsächlich nicht gerecht. Sie hatte einen makellosen, glatten Teint, riesige tiefblaue Augen und klassische Gesichtszüge, die die niedliche Stupsnase und den wohlgeformten Mund hervorragend zur Geltung brachten. Das lange dunkle Haar reichte ihr bis zur schmalen Taille. Sie war klein und zierlich, fast schon zerbrechlich, wirkte durch die selbstbewusste, aufrechte Haltung jedoch deutlich größer. Zu einem geblümten, knöchellangen Rock trug sie eine schlichte weiße Bluse, die nicht ganz bis zum Rockbund reichte und einen Streifen festen Bauch freiließ. Gianna Martelli sah einfach umwerfend aus!

Irgendwann wurde Donovan bewusst, dass er ihr noch nicht geantwortet hatte und sie immer noch mit offenem Mund hingerissen anstarrte. Er schluckte. „Hallo, Gianna!“, brachte er endlich heraus. Seine Stimme war belegt. Plötzlich erinnerte er sich an die Blumen. Er reichte sie ihr. „Für dich!“

Gianna nahm den Strauß entgegen, hob ihn an die Nase und roch daran. „Wie aufmerksam. Sie sind wunderschön, vielen Dank.“

Eine Weile standen sie sich gegenüber und verschlangen einander mit Blicken. Knisternde Spannung lag in der Luft, es war, als würden Funken zwischen ihnen hin- und herfliegen.

„Ich hoffe, ihr habt Hunger“, sagte Franco in die Stille hinein. Er hob den Deckel von einem Topf mit kochendem Salzwasser und gab die Ravioli hinein. „Die Pasta sind im Handumdrehen gar.“

Gianna ergriff Donovans Hand. „Hilf mir doch, die Blumen ins Wasser zu stellen. Dabei können wir uns unterhalten.“ Gleich darauf bestürmte sie ihn mit Fragen über sich und seine Familie. Innerhalb von Sekunden war jegliche Befangenheit verflogen, zu fünft lachten und plauderten sie ungezwungen miteinander.

„Erzähl uns doch von deiner Arbeit“, bat Franco später, als er Donovan die riesige Salatschüssel reichte. Beim zweiten Glas Wein waren sie zum Du übergegangen.

„Da gibt es nicht viel zu berichten. Ich unterrichte mit Leidenschaft und bin besonders glücklich über die Gelegenheit, hier einen Kurs in höherer Mathematik abhalten zu dürfen.“

Gianna mischte sich ein. „Donovan ist viel zu bescheiden. Er gilt als Koryphäe in seinem Fach und gehört etlichen wichtigen Berufsverbänden an. Seine Meinung ist in technischen und naturwissenschaftlichen Ausschüssen gefragt, und er hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, nicht nur für seine mathematischen Forschungen, sondern auch für seine Beiträge zum Gemeinwohl.“ Sie lächelte ihm strahlend zu, und Donovan erwiderte das Lächeln, tief beeindruckt, weil sie so gut informiert war.

„Wo hast du studiert?“, fragte Graham und schob sich eine Gabel voll Ravioli in den Mund.

„Am MIT.“

„Nicht schlecht! Ich war in Oxford. Dort habe ich Carina und Gianna kennengelernt.“

„In der Schule konnte ich Mathe nicht leiden“, erzählte Carina. „Ich fand Zahlen langweilig.“

„Das sind sie nicht, sie sind sogar extrem komplex“, widersprach Donovan. „Es gibt zahllose Wege, von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Am spannendsten finde ich es, neue Formeln zu entwickeln oder alte zu entschlüsseln. Mit Giannas Büchern verhält es sich im Grunde ähnlich. Das Alphabet besteht nur aus sechsundzwanzig Buchstaben, aber sieh dir nur an, was sie damit zuwege bringt!“

„Lass dich von meinen Töchtern nicht in die Irre führen, Donovan. Wenn sie sich mit einem Fach nicht anfreunden konnten, lag das daran, dass sie unterfordert waren. Sie sind beide viel klüger, als ihnen guttut.“ Franco deutete auf Gianna. „Sie hat je einen Abschluss in Mathematik und Naturwissenschaften. Außerdem spricht sie fünf Sprachen. Ja, meine Mädchen sind klug. Ganz wie ihre Mutter. Meine Angela war ein echtes Genie!“ Es war unverkennbar, wie stolz Franco auf seine Töchter war.

„Fünf Sprachen? Das hast du mir nie verraten“, sagte Donovan zu Gianna.

Lachend wehrte sie ab. „Papa ist der Einzige, der damit angibt, dass ich ein Wunderkind war.“

„Ein Dummkopf war ich auch nicht gerade“, warf Carina ein und brachte damit alle zum Lachen.

„Ich bin jedenfalls froh, dass ich nur das Weingut leite. Was ihr macht, würde mir Kopfschmerzen bereiten“, meinte Franco, und alle lachten.

Donovan trank einen Schluck von dem kräftigen Cabernet. Der Wein passte hervorragend zu den mit Ziegenkäse und Kräutern gefüllten Ravioli, die mit einer Nuss-Butter-Soße und frischem Brot gereicht wurden. „Der Wein ist übrigens köstlich.“

Franco prostete ihm zu. „Auf neue Freunde!“, rief er, und die anderen stimmten ein.

„Würdest du dir gern die Kellerei ansehen?“, fragte Gianna später und rückte ihren Stuhl vom Tisch ab.

„Ja, sehr gern.“ Er griff nach seinem Teller, um ihn abzutragen.

„Lass nur. Darum kümmern Graham und ich uns“, hielt Carina ihn zurück.

„Immer muss ich den Abwasch erledigen“, murrte Graham im Spaß.

Seine Frau neigte sich vor und küsste ihn auf den Mund. „Sei brav, dann gibt’s später auch eine Belohnung.“

Franco schüttelte den Kopf. „Ich mache einen Spaziergang im Garten und gönne mir dabei eine Zigarre. Donovan, ich hoffe, wir sehen dich bald wieder!“

„Vielen Dank noch einmal für die freundliche Aufnahme.“

Gianna war bereits auf dem Weg zur Tür. Sie bedeutete Donovan ihr zu folgen. Eine zweite Einladung brauchte es nicht.

Die Führung dauerte fast eine Stunde. Gianna gab sich ganz professionell, und Donovan konnte die Leidenschaft spüren, die sie für den Familienbetrieb und ihre Rolle darin empfand.

Die Kellerei war erstaunlich groß. Bereits nach wenigen Minuten gestand er sich ein, wie wenig er über Wein und dessen Geschichte wusste. Er war fasziniert von allem, was Gianna erzählte.

„Bereits vor mehreren tausend Jahren haben die Etrusker in der nördlichen Toskana Wein produziert und später hierhergebracht. Der Wein der Maremma wurde jedoch erst in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts populär. Das haben wir dem Marquis Mario Incisa della Rocchetta zu verdanken. Er hat dafür gesorgt, dass wir Wein im Stil des Bordeaux herstellen, edel und raffiniert. Mein Vater verehrt ihn sehr.“

„Lebt er immer noch in der Region?“

„Leider ist er Ende der Achtzigerjahre verstorben. Heute leitet sein Sohn das Weingut.“

Gianna führte Donovan in den nächsten Raum, in dem Wein in riesigen Holzfässern reifte. Sie erklärte ihm die nächsten Schritte der Weinherstellung und erteilte ihm nebenbei eine kurze Geografiestunde.

„Die Maremma unterscheidet sich grundlegend von den übrigen Regionen Italiens. Nördlich von uns, in Florenz, Siena oder Lucca wird man förmlich von Touristen überrannt. Die Winzerbetriebe dort sind darauf eingestellt und zumeist öffentlich zugänglich. Hier ist das die Ausnahme. Wahre Weinkenner schätzen unsere Region trotzdem und besuchen sie gern. Sehenswert sind Castiglione della Pescaia mit seinem charmanten Fischereihafen und dem Schloss oder Pitigliano, ein entzückendes Örtchen auf einem Tuffsteinfelsen. Besonders gut gefällt mir Massa Marittima mit seinen idyllischen Kopfsteinpflasterstraßen. Jeder dieser Orte ist auf seine Weise ein kleines Juwel. Du musst sie unbedingt erkunden, solange du in der Toskana bist.“

Donovan stand mit verschränkten Armen da, tief in Gedanken verloren. Gianna konnte den Blick kaum von ihm abwenden. Er sah unglaublich attraktiv aus, mit perfekten, edlen Gesichtszügen. Plötzlich fragte sie sich, wie es sich wohl anfühlen würde, ihn zu berühren?

Sie legte eine kurze Pause ein, und er sah auf und schenkte ihr sein sexy Lächeln. „Wann findest du eigentlich Zeit zum Schreiben?“, fragte er.

Lachend führte Gianna ihn ins Freie, zu einer Holzbank im Garten. Sie setzten sich, und sie wandte sich ihm zu. „Meistens nachts, wenn ich allein bin.“

Ihre Blicke kreuzten sich, für einen Moment herrschte nahezu unerträgliche Spannung. Verlegen sahen sie beiseite und schwiegen wieder. Donovan richtete den Blick erst auf eine Stelle hinter ihren Schultern, dann in die Ferne, während Gianna das Gras zu ihren Füßen studierte. Nach einer Weile blickten sie sich gleichzeitig wieder an – und mussten lachen, was die Spannung verfliegen ließ.

„Ich habe nicht damit gerechnet, in deiner Gegenwart so nervös zu sein“, gestand Donovan. „Ich fühle mich wie mit fünfzehn.“

Gianna lachte. „So geht es mir auch. Dabei dachte ich, da wir so viel voneinander wissen, wäre es ganz einfach.“

Er nickte und betrachtete sie eine Weile, prägte sich ihre feinen Züge tief ins Gedächtnis ein. „Du bist wunderschön“, murmelte er.

Erneut lachte sie, prickelnd wie perlender Champagner. „Du bist wirklich süß.“

Er neigte sich vor. „Kann ich dich morgen sehen?“

„Musst du nicht unterrichten?“

„Ich fahre vormittags an die Uni, der Unterricht beginnt jedoch erst in einer Woche. Nach dem Mittagessen hätte ich Zeit. Ich würde dich gern wiedersehen.“

„Bei uns steht morgens eine Betriebsbegehung an, danach wäre ich frei. Ich rufe dich an, sobald ich hier fertig bin, dann planen wir etwas.“

„Großartig!“ Donovan stand auf. „Ich möchte eure Gastfreundschaft nicht überbeanspruchen. Sicher hast du noch viel zu tun.“

„Meinetwegen brauchst du dich nicht zu beeilen.“

„Ich wünschte, ich könnte bleiben, aber ich muss noch auspacken und mich einrichten. Außerdem fürchte ich, Signora Rossi wird es nicht gutheißen, wenn ich nachts nach Belieben ein- und ausgehe.“ Er reichte Gianna die Hand und half ihr auf.

Als ihre Finger sich berührten, durchfuhr sie ein elektrischer Schlag. Hastig zogen sie die Hände zurück, als hätten sie sich verbrannt. Gianna machte große Augen und atmete schneller, und Donovan spürte eine plötzliche Hitze in seinem Unterleib. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

„Ich bin so froh, dass du in die Toskana gekommen bist“, flüsterte sie ihm zu.

„Ja, ich auch.“

Kaum hatte Gianna die Tür hinter Donovan geschlossen, als sie schon mit Fragen und Kommentaren überschüttet wurde.

„Wie findest du ihn?“

„Mir war er sympathisch.“

„Warum hast du ihm nicht die Wahrheit gesagt?“

„Du hättest ihm alles erklären müssen!“

„Wirst du ihn wiedersehen?“

„Du solltest ihn unbedingt wiedertreffen.“

Lachend wehrte sie ab. „Donovan hat mich gebeten, euch noch einmal für den schönen Abend zu danken. Er hat ihn sehr genossen.“

„Hat es dir auch gefallen?“, wollte Carina wissen.

„Es war ganz nett.“

„Nur nett?“, fragte Graham.

Franco lachte. „Es war mehr als nett. Seht doch nur, wie sie strahlt.“

Gianna spürte, dass sie errötete. Rasch sagte sie den anderen Gute Nacht und ging geradewegs auf ihr Zimmer, wo sie die Tür hinter sich zuzog und verriegelte. Dann ließ sie sich aufs Bett fallen und starrte glücklich an die Zimmerdecke. Die Begegnung mit Donovan Boudreaux war so viel besser ausgefallen, als sie erwartet hatte. Er war ganz anders, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Sie hatte geglaubt, ihn recht gut zu kennen, denn schließlich hatte sie sich jedes Wort, das er geschrieben hatte, eingeprägt.

Doch er war so viel mehr. Er zeichnete sich durch Intelligenz, ein mitfühlendes Wesen und trockenen Humor aus. Dabei nahm er sich selbst nicht allzu ernst und konnte über sich lachen. Zudem wirkte er begeisterungsfähig, manchmal sogar ansteckend überschwänglich. Er war ein Mensch mit vielen Schichten, und sie hatte gerade erst an der obersten gekratzt. Dazu sah er noch umwerfend aus. Alles in allem gab es nichts an dem Professor aus Amerika auszusetzen.

Die Entscheidung, ihm nichts von Carinas Streich zu erzählen, hatte Gianna erst gefällt, als sie ihm gegenübergetreten war. Sie hatte die erste Begegnung durch nichts trüben wollen. Dafür war später noch genügend Zeit. Fürs Erste wollte sie das seltsame Glücksgefühl auskosten, das er in ihr auslöste.

In der Aufregung über Giannas Einladung hatte Donovan ganz vergessen, den Rücktransport zu seinem neuen Zuhause zu organisieren. Glücklicherweise war die Entfernung nicht allzu groß, und jetzt im Sommer wurde es abends erst spät dunkel, daher entschloss er sich zu Fuß zu gehen. Unterwegs boten sich ihm atemberaubende Ausblicke aufs Meer und auf malerisch in der Landschaft verstreut liegende Häuschen. Die Maremma bot alles, was die Toskana auszeichnete: Das azurblaue Meer, lange Strände, schroffe Felsen, flaches Land und grüne Hügel, Sumpfgebiete, natürliche Thermen und, in Donovans Augen das Beste, Gianna Martelli.

Beim Gedanken an die umwerfende Frau, die alles war, was er sich erhofft hatte, und noch viel mehr, flatterte ein Schwarm Schmetterlinge in seinem Bauch auf. Vom Aussehen wie vom Wesen her war sie wunderschön und wirkte zugleich eine aufreizende Spur dekadent. Neben ihr fühlte er sich nervös wie ein pubertierender Jugendlicher.

Er hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Sie raubte ihm den Atem. Bei der Erinnerung an die gemeinsamen Stunden wurde er ganz erregt. Gianna hatte sein Herz im Sturm erobert. Wie würde es mit ihnen weitergehen?

Vor einem Haus am Wegesrand stand ein Paar ins Gespräch vertieft. Als er näherkam, sahen die Leute ihm neugierig entgegen.

Gut gelaunt hob er die Hand und winkte. Der Mann antwortete mit einem Kopfnicken.

Buonasera!“, grüßte Donovan, als er das Gartentor erreichte.

Die Frau sagte etwas auf Italienisch und bedeutete ihm mit Gesten näher zu treten.

Donovan verstand nur einzelne Worte, begriff jedoch, dass sie ihn im Dorf willkommen hieß. Verblüfft hielt er still, als sie sein Gesicht mit den Händen umfasste, als wäre er gerade einmal sechs Jahre alt. Gleich darauf zog sie ihn an sich und küsste ihn auf beide Wangen.

Bevor er sich von seinem Schrecken erholt hatte, verschwand ihr Mann im Haus, um gleich darauf mit einem in ein Geschirrtuch eingewickelten Teller zurückzukehren.

„Willkommen!“, sagte er auf Englisch und reichte Donovan den Teller.

„Danke.“

„Sie sind Professor, wie man hört?“, sagte der Mann.

„Ja, das bin ich.“

„Das ist ein kleiner Willkommensgruß von meiner Frau.“ Der Mann deutete auf den Teller. Seine Frau sagte etwas, offenbar erteilte sie ihm Anweisungen. „Ich heiße Fabrizio D’Ascenzi, und das ist meine Frau Pia.“

„Sehr erfreut. Signora D’Ascenzi, ciao. Mi chiamo Donovan Boudreaux.“

Erneut tätschelte die Frau seine Wange. „Mi fa piacere!

Donovan nickte. „Es ist mir ebenfalls eine Freude, Sie kennenzulernen.“

„Pia hat ihren berühmten Ricotta-Käsekuchen für Sie gebacken. Einen besseren werden Sie nirgendwo finden. Im Dorf wissen alle Frauen von Ihrer Ankunft. Ich denke, Sie werden während Ihrer Zeit hier immer gut zu essen haben. Alle versuchen, einen Mann für ihre Töchter zu finden.“

Er lachte. „Haben Sie und Signora D’Ascenzi denn ebenfalls eine Tochter?“

„Nein, sonst hätten Sie keinen Käsekuchen bekommen, sondern ein fünfgängiges Menü.“

Seine Frau versetzte ihm spielerisch einen Rippenstoß. Offenbar verstand sie besser Englisch, als sie es sprach.

„Herzlichen Dank jedenfalls.“

„Was tun Sie eigentlich so spätabends hier draußen?“

Donovan erklärte es ihm, und Signor D’Ascenzi nickte. „Ach, ja. Franco hat zwei wunderschöne Töchter. Soweit ich weiß, ist eine von ihnen ledig.“ Er sagte etwas zu seiner Frau, was Donovan nicht verstand. Sie antwortete und rang frustriert die Hände.

Fragend sah Donovan zwischen den beiden hin und her. Plötzlich schnippte Signor D’Ascenzi mit den Fingern. Seine Frau machte kehrt und verschwand leise vor sich hin brummelnd im Haus. Freundlich bot er Donovan an, ihn nach Hause zu fahren. Erst im Auto erklärte er, worum es in dem kurzen Wortwechsel gegangen war.

„Meine Frau meint, Sie sollten sich vor Signora Martelli hüten. Sie ist zu wild für einen distinguierten Professor und hat eine böse Zunge. Sie rät Ihnen, sich an die Tochter von Caruso zu halten, die auf der anderen Seite des Weinbergs lebt. Sie ist zwar ziemlich dick und nicht sehr hübsch, aber dafür kocht sie hervorragend und redet wenig.“

Donovan lachte Tränen, während sein Begleiter fortfuhr, ihm die Vorzüge und Nachteile der jungen Frauen in der Gegend aufzuzählen. In diesem Moment wurde ihm klar, dass die Entscheidung, nach Italien zu gehen, die beste seines Lebens gewesen war.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen stand Donovan zeitig auf. Er war gerade im Bad fertig, als Signora Rossi an seine Wohnungstür klopfte. Sie kam mit einem Teller warmem Gebäck, einer Kanne Kaffee und einem Obstkorb herein und überschüttete ihn mit einem Wortschwall auf Italienisch. Zwischendurch hielt sie immer wieder inne und sah ihn an, als erwartete sie eine Antwort. Sobald er nickte oder lächelte, nahm sie den Faden gut gelaunt wieder auf.

Donovan nahm sich vor, in nächster Zeit genügend Italienisch zu lernen, um sich mit ihr unterhalten zu können. Oder zumindest so viel, dass er mitbekam, wenn er ihr sein Erstgeborenes versprach.

Nachdem sein Magen gefüllt und sein Kopf klar war, verabschiedete er sich und ging vors Haus. Dort erwartete ihn der Hausmeister mit einer alten Straßenkarte, einem tragbaren Navigationsgerät und den Schlüsseln zu einem alten Fiat 500, der in der Auffahrt geparkt stand und den seine Vermieterin ihm für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung stellte.

Die Fahrt zur Universität war für ihn eine einzige Offenbarung. Er fand rasch heraus, dass er alles an Italien liebte, und freute sich schon darauf, Rom als Tourist zu erkunden. Vor allem musste er das Kolosseum sehen, die Spanische Treppe, den Vatikan und die Sixtinische Kapelle. Florenz mit seiner interessanten Architektur stand ebenfalls weit oben auf der Liste der Sehenswürdigkeiten, die ihn interessierten.

Vielleicht hatte Gianna ja Lust, ihn bei seinen Ausflügen zu begleiten?

Vor der Universität angekommen, blieb Donovan erst einmal stehen und sah sich ehrfürchtig um. Beim Anblick des eindrucksvollen, altertümlichen Bauwerks begriff er, welches Glück er hatte, hier sein zu dürfen. Er sandte ein stummes Dankgebet zum Himmel, machte ein Handyfoto und schickte es seiner Mutter.

Sophie erwartete ihn am Eingang zum Campus. Sie war groß, schlank und rassig wie ein Rennpferd. Die modische Kurzhaarfrisur betonte ihre klassischen Gesichtszüge. Sie sah aus wie ein afrikanisches Topmodel. Keine Frage, sie war eine attraktive, anmutige Frau mit angenehmem Wesen. Von der ersten Begegnung an hatte sie großes Interesse an seinen Theorien bekundet, und das hatte ihm geschmeichelt. Er betrachtete sie als angenehme Kollegin und gute Freundin und freute sich auf die Zusammenarbeit.

Zur Begrüßung umarmte sie ihn, dann ergriff sie seine Hände. „Buongiorno! Es ist ja so aufregend, dass Sie endlich hier sind!“

„Guten Morgen, Sophie. Wie geht es Ihnen heute?“

„Sehr gut. Und Ihnen? Gefällt Ihnen Ihre Unterkunft?“

„Danke, alles entspricht genau meinen Wünschen.“

„Wie schön.

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