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Connected — same sky different places: Irland/Südkorea

In unserem Leben kann es zuweilen sehr düstere Zeiten geben. Wenn dann der kalte Wind der Hoffnungslosigkeit um unsere Seele weht, dass wir sogar daran Zweifel hegen, je wieder Freude in unserem Herzen fühlen zu können, dann halte inne. Lausche auf den zarten Flügelschlag der Gegenwart, die lieblichen Strahlen der Zuversicht und wisse, dass einem das Glück selbst in die dunkelste Stunde folgt.

Cedrik Beaumont

Acht Monate zuvor in Indien

Im Norden von Indien raste ein Taxi gefolgt von einer gewaltigen Staubwolke einen Berg hoch. Die holprige Straße führte zu Beginn noch durch spärlich bewaldetes Gebiet, doch je höher die weit angelegten Serpentinen auf den Berg führten, desto üppiger wurde die Vegetation.

Durch ein scharfes Bremsen kam der Wagen, direkt vor einem buddhistischen Waldkloster, zum Stehen. Die Staubwolke holte das Taxi ein und setzte sich langsam ab. Der Fahrer wandte sich stolz seinem Passagier zu, einem vornehmen siebenundfünfzigjährigem Herren, mit hellem Hemd und dazu passender heller Hose. „Very quick, right?“, grinste er in den Rückspiegel, während er mit seiner Rechten die Fahrertür aufstieß. Mit raschen Schritten verschwand er hinter dem Wagen, um den Rucksack aus dem Kofferraum zu hieven. Sein Grinsen wurde noch breiter, als der Herr ihm das versprochene Trinkgeld in die Brusttasche seines Hemdes steckte, dessen ursprüngliche Farbe nicht mehr eindeutig auszumachen war. Mit einem freundlichen Lächeln bedankte sich der Fahrgast. Der Fahrer, immer noch grinsend nickte ihm entgegen und mit einem lauten Knall flog die Heckklappe herunter.

„Ich komme vor Einbruch der Nacht zurück“, sagte dieser aufgeregt, während er sich hinter das Steuer setzte. Einen solchen Glückstag hatte er bisher noch nicht erlebt, auf der gesamten Hinfahrt hatte er Pläne geschmiedet. Es waren Pläne, die das eben verdiente Trinkgeld gleich wieder verschlingen würden. Jetzt hatte er es eilig und der Wagen verschwand so schnell, wie er gekommen war. Erneut nahm die Staubwolke die Verfolgung des Taxis auf. Zurück blieb lediglich der üble Gestank der Abgase.

Der Mann schulterte seinen Rucksack und sondierte die Umgebung. An einem Banyanbaum unweit der Klostermauer fand er, wonach er suchte. Angelehnt an dem heiligen Baum stand ein fünfzigjähriger, großer, kräftiger Mann mit lebhaft abstehenden blondem Haar. Er blickte von seinem Notizbuch kurz auf und machte noch schnell einen letzten Eintrag, bevor er mit ausladenden Schritten dem Ankömmling entgegenging. Gedankenverloren ließ er das Notizbuch in seiner Hosentasche verschwinden und betrachtete die selbstbewusste Ausstrahlung, den aufrechten Gang, die elegante Erscheinung. Er wunderte sich, wie Beaumont es anstellte, selbst in diesen legeren Outdoor-Klamotten vornehm auszusehen. Gegen die Sonne blinzelnd, streckte er ihm seine Hand entgegen. „Hallo Beaumont, ich habe gute Nachrichten, der Klostervorsteher ist vor wenigen Minuten von seiner Reise zurückgekommen. So ein Zufall findest du nicht?“

„Guten Tag, Alexander.“ Sein Blick war dabei auf das Kloster gerichtet, bevor er sich Alexander zuwendete. Ohne auf seine Aussage einzugehen, fragte er, „Wie lange wartest du schon?“

„Nicht lange genug, um meine Aufzeichnungen zu beenden.“

„Hast du schon etwas in Erfahrung bringen können?“

„Nein, ich hielt es für sinnvoll, mit dem Gespräch zu warten, bis du eingetroffen bist.“

„Nun, vielleicht können wir etwas Neues in Erfahrung bringen“, sagte Beaumont und sah wieder in Richtung Kloster, an dessen Tor Geräusche zu vernehmen waren.

Bevor die beiden sich noch weiter austauschen konnten, öffnete sich langsam und geräuschvoll das hohe hölzerne Tor. Ein kleiner Novize, der dafür mit seinen fünf Jahren seine ganze Kraft aufbringen musste, schnaufte angestrengt und sah dann stolz den Fremden entgegen. Die beiden Männer quittierten seine Bemühungen mit einem anerkennenden Lächeln. Durch den Innenhof kam ein Mönch in orangefarbenem Gewand auf die Besucher zu. Er musste etwa um die siebzig Jahre alt gewesen sein. Seine Bewegungen waren derart harmonisch, dass man den Eindruck gewinnen konnte, er würde schweben. Mit einem charismatischen Lächeln und einer einladenden Handbewegung gab er zu verstehen, dass die beiden Männer ihm folgen sollten.

Eifrig machte sich hinter ihnen der kleine Novize wieder an dem Tor zu schaffen, um dann mit flinken Schritten den Männern nachzueilen. Beaumont erwiderte das Lächelte des Jungen und beobachtete, wie er in einem respektvollen Abstand dem Mönch folgte.

Selbst ohne botanische Kenntnisse konnte man deutlich erkennen, dass die parkähnliche Grünanlage des Klosters nicht rein natürlichen Ursprungs war. Um das Kloster hatte jemand mit viel Erfahrung und Sorgfalt die unterschiedlichsten Gewächse zwischen die jahrhundertealten Bäume gepflanzt. Gemütlich wand sich der kleine Bachlauf durch die Klosteranlage und speiste einen Teich, der liebevoll inmitten alter Bäume angelegt worden war. Im Schatten der Bäume saß ein Mönch tief in seine Meditation versunken. Unvermittelt bekam man den Eindruck, dass die Welt hier im Einklang war, Mensch und Natur hatten sich gefunden und bildeten eine Einheit.

Steinfiguren säumten zu beiden Seiten den Weg, der zum Haupttor des Klosters führte. Der Mönch folgte einer Abzweigung nach rechts und geleitete die Männer zur Rückseite der Klosteranlage. Dahinter befanden sich großzügig angelegte Gemüsebeete und Obstbäume. Es war ein ungewöhnliches Bild für ein buddhistisches Kloster, da diese im Gegensatz zu christlichen Klöstern normalerweise keine Selbstversorgung anstrebten. Lediglich in Japan und Korea sind den Zen-Buddhisten Arbeiten erlaubt, um sich zumindest teilweise selbst zu versorgen.

Bevor der Mönch die Räumlichkeiten betrat, streifte er seine Schuhe ab. In sich gekehrt, lauschte er dem melodiösen Gesang des Mantras, das aus dem Inneren des Klosters drang. Geduldig wartete er auf diese Weise, bis die Fremden ihre Wanderstiefel abgestellt hatten.

Sie folgten weiter bis zu einer reich verzierten hölzernen Tür. Der Mönch verneigte sich, bevor er den dahinter liegenden Raum betrat. Als er sich einen Schritt zur Seite bewegte und die beiden Männer bat einzutreten, gab er die Sicht auf eine lebensgroße, vergoldete Buddha-Statue frei. Würdevoll thronte sie auf einer wundervoll bunt bemalten Lotosblüte. Die Fenster des spartanisch eingerichteten Raumes waren nach Nordwesten ausgerichtet, von hier aus konnte man einen Großteil der sorgsam angelegten Gärten überblicken. An der Wand gegenüber hing ein großer bunter, kunstvoll gewebter Wandteppich. Vor der Buddha-Statue lag ein dunkelblaues Meditationskissen und weitere waren im Halbkreis davor angeordnet.

Minuten nachdem der Mönch die beiden Männer und den Jungen verlassen hatte, erklang hinter Beaumont und Alexander eine ruhige, tiefe Stimme. „Ich heiße Sie willkommen, meine Herren.“ Beim Betreten des Raumes verneigte sich der Klostervorsteher vor der Buddha-Statue, legte freundlich seine Hand auf den Kopf des jungen Novizen und gab ihm dann zu verstehen, die Tür hinter sich zu schließen.

Der Klostervorsteher, dessen Alter nicht abzuschätzen war, näherte sich den beiden Besuchern mit beinahe geräuschlosen Schritten. Er war klein und drahtig, hatte den wachen, intelligenten Blick eines hart gesottenen Geschäftsmannes von der Wall Street und gleichzeitig besaß er jene würdevolle Ausstrahlung, die nur jemanden zu eigen war, der in der Kunst der Kontemplation über viele Jahre geübt war.

Beaumont war nicht sonderlich überrascht, hatte doch sein Freund Max bereits den ungewöhnlichen und charismatischen Klostervorsteher erwähnt.

Aufmerksam musterte der Mönch seine Gäste, während er anbot, ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Was führt Sie zu uns?“

Alexander fiel wie ein Gewitterregen über den Mann her, „Max ist verschwunden, es hat ihn vor meinen Augen förmlich weggerissen und wir wissen nicht, wo er sich derzeit befindet. Wir sind auf der Suche nach ihm und hatten gehofft, dass er vielleicht hier ist. Anderenfalls wissen wir nicht, wie wir unsere Suche weiter gestalten sollen.“ Er hatte derart schnell und undeutlich gesprochen, dass selbst Beaumont nur mit Mühe verstand, was Alexander von sich gab. Irritiert sah er ihn von der Seite an.

„Ich verstehe nicht ganz“, sagte der Mönch ruhig.

Alexander war fassungslos, was war an seinen Worten denn unmissverständlich? Er atmete tief und geräuschvoll durch und begann von Neuem. „Es geht um Maximilian Gerlach, der verschwunden ist und wir wissen um das Geheimnis Ihres Klosters“, erklärte Alexander so geduldig wie es ihm überhaupt nur möglich war.

„Natürlich wissen Sie Bescheid, Sie waren schon des Öfteren bei uns, nicht wahr? Auch wenn wir uns persönlich noch nicht begegnet sind, so weiß ich doch genau, was hier in meiner Abwesenheit vor sich geht. Und wann ist Mister Gerlach verschwunden?“

„Vor einer Woche.“

Der Klostervorsteher schüttelte den Kopf, „Mister Gerlach ist zu dieser Zeit ganz sicher nicht hier gewesen. Was ich nicht verstehe ist, warum sie annehmen, dass er hier bei uns sein sollte.“

Alexander zog die Stirn in Falten und sah zweifelnd neben sich zu Beaumont, der bisher passiv dem Gespräch gefolgt war. Und wie es schien, hatte er noch immer nicht vor das Wort zu ergreifen. Langsam wendete Alexander seinen Blick wieder dem Mönch zu. Er wollte Antworten auf seine Fragen, aber irgendwie kam er kein Stück weiter, vielmehr kam in ihm das Gefühl auf, einem Katz-und-Mausspiel zu erliegen. Das Verschwinden von seinem Freund setzte ihm derart zu, dass er seitdem keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Verzweiflung hatte sich zusehends in ihm breit gemacht, sowie das Unverständnis darüber, dass Beaumont nicht endlich das Wort ergriff. Beinahe hilflos blickte er dem Mönch entgegen.

Dieser schien ihn auch ohne Worte zu verstehen, denn er wartete nicht auf eine Antwort.

„Sie müssen wissen, dass bei uns vor etwa einer Woche ein starkes Erdbeben stattgefunden hat. Es wird nach wie vor thematisiert, da die gewaltigen Geröllmassen selbst einen beachtlichen Teil unserer Obstplantage vernichtet haben. Wir hatten Glück, dass niemand verletzt wurde“, er deutete mit der Hand zum Fenster, wo sich jenseits des Klosters die Plantagen befanden. „Mister Gerlach besuchte uns zuletzt, hm …“, er dachte kurz nach, „ich würde sagen, so etwa eine gute Woche bis 10 Tage, vor dem Erdbeben.“

Beaumont nickte bestätigend, denn das stimmte mit seinem Wissen in etwa überein. „Können Sie sich daran erinnern, zu welcher Uhrzeit das Beben stattgefunden hat?“

„Es war etwa 22 Uhr, anderenfalls hätten wir Opfer zu beklagen gehabt.“

Beaumont und Alexander blickten einander an.

Der Mönch richtete seine Aufmerksamkeit auf Beaumont. „Könnte demnach das Verschwinden von Mister Gerlach etwas mit dem Erdbeben zu tun haben?“

„Zumindest lag es im Bereich des Möglichen, bis sie uns die Uhrzeit genannt haben.“ Beaumont blickte in das entschlossene und doch friedliche Gesicht des Mönchs und konnte deutlich die ruhige alles erfüllende Präsenz fühlen.

Alexander sah mit ernster Miene von Beaumont zum Klostervorsteher. „Maximilian Gerlach ist unser Freund, von dem wir seit nunmehr einer Woche nichts gehört haben. Es ist uns wichtig herauszufinden, wo er sich nun befindet.“

„Verstehe.“ Die Augen des Mönchs wanderten in die Ferne, er schien seinen Gedanken irgendwohin zu folgen, denn er saß den Männern für mehrere Atemzüge schweigend gegenüber.

Beaumont, dem Alexanders Ungeduld nicht entging, hielt ihn mit einer dezenten Handbewegung zurück.

Alexander war kein besonders geduldiger Mensch. Alles, was er anpackte, musste schnell vonstattengehen und dieses Gespräch war in seinen Augen alles andere als konstruktiv. Nur mit äußerster Beherrschung hielt er sich zurück und war erleichtert, als der Mönch seinen Gedankengang beendete und zu sprechen begann.

„Befürchten Sie nicht auch, dass das Verschwinden von Mister Gerlach Nachforschungen nach sich ziehen wird?“

„Ja, in der Tat, davon müssen wir ausgehen. Deshalb werden wir sogar so weit gehen, Maximilian Gerlach für tot erklären zu lassen, sollten wir nichts mehr von ihm hören“, bestätigte Alexander.

Alexanders Aussage war für Beaumont inakzeptabel. Noch war es nicht so weit, noch sah er zumindest einen Funken Hoffnung für Max. Beaumont gehörte nicht zu den Menschen, die leichtfertig über geplante Vorhaben sprach. Er war stets vorsichtig und war immer gut damit gefahren. Aber genau genommen hatte er von Alexander etwas in der Art tatsächlich schon erwartet.

Erstaunlicherweise stand der Mönch, dem recht aufgeschlossen gegenüber. „Ihr Vorhaben bezüglich Mister Gerlach ist unbedingt gerechtfertigt. Will aber anführen, dass ich keine weiteren Details darüber zu erfahren wünsche“, dabei heftete er seinen Blick auf Alexander. „Ich komme nicht umhin anzunehmen, dass Sie Ihr Wissen um das Phänomen, wie Sie es so schön bezeichnen, auch künftig für sich behalten werden?“

„Selbstverständlich“, versicherte Alexander und Beaumont nickte bestätigend.

„Und Sie machen sich nun weiter auf die Suche nach Mister Gerlach? Sie hegen nach wie vor die Hoffnung ihn zu finden? Ich frage mich, wo wollen Sie nun mit Ihrer Suche ansetzen?“

„Da das Phänomen in Irland inaktiv geworden ist, schien es naheliegend, zuerst hierher zureisen. Wir haben bis dato nicht die geringste Spur von ihm und müssen uns fürs Erste gedanklich neu sortieren. Vielleicht meldet er sich doch noch“, sagte Beaumont.

Alexander sah in das Gesicht des Klostervorstehers. Aller Hoffnungen beraubt, wollte er sich gerade erheben, als dieser sich räusperte.

„Ich hatte vor ein paar Wochen ein längeres Gespräch mit Mister Gerlach. Er wollte wissen, ob mir noch weitere Phänomene bekannt wären, und in der Tat gibt es ein weiteres, von dem ich erst kurz zuvor erfahren habe.“

Alexander fiel aus den Wolken und sah aufgeregt auf. Am liebsten wollte er sein Gegenüber drängen, schnell weiterzusprechen, hielt sich aber dann doch zurück. Nervös geworden veränderte er seine Sitzposition und heftete seinen Blick auf den Mann vor sich.

„Es befindet sich in Japan. Auch dort sind buddhistische Mönche die Hüter und haben aufgrund des Phänomens dort eine Klosteranlage entstehen lassen. Es ist in einem sehr abgelegenen und unwegsamen Gelände, inmitten der Berge, errichtet worden.“

„Maximilian Gerlach wusste … nein, das kann unmöglich sein“, sagte Alexander überzeugt und blickte zu Beaumont.

„Wir haben in diesem Raum gesessen, als ich ihm davon erzählte.“

Alexander verspürte eine Woge der Enttäuschung. Es war ihm unverständlich, weshalb Max zwar erzählt hatte, dass er nach vielen Monaten wieder einmal den Klostervorsteher gesprochen hatte, aber nichts über den Inhalt des Gespräches. Das wäre doch wichtig gewesen, weshalb hat er uns diese Information vorenthalten? Das soll einer verstehen.

„Sie sagten Japan? Mit welchem Land steht das Phänomen in Verbindung?“, wollte Alexander wissen.

„Kambodscha.“

„Kambodscha?“, wiederholte Alexander heiser.

„In Kambodscha befindet sich ein Höhlentempel. Nur zwei Mönche sollen sich dort noch aufhalten, um das Phänomen zu hüten. Dieser Tempel liegt sehr abgelegen, im Norden, vielleicht auch im Nordosten des Landes. Leider kann ich dazu keine genaueren Angaben machen. Ich selbst war noch nicht dort.“

„Verbindlichsten Dank“, sagte Beaumont und hatte zu Alexanders Verwunderung eine Karte von Japan griffbereit in seinem Rucksack. „Ist es Ihnen möglich, den Standpunkt des Klosters in Japan einzuzeichnen?“, fragte er und breitete die Karte auf dem Boden vor sich auf.

Der Mönch zog die Karte näher zu sich heran und nahm den Stift von Beaumont entgegen. Dann kreiste er ein recht großes Areal ein. „Ich hatte Mister Gerlach versprochen, mich darum zu kümmern, aber noch habe ich keine näheren Informationen darüber bekommen, wo es sich genau befindet.“

Beaumont war einigermaßen zufrieden. Den ungefähren Standpunkt in Erfahrung zu bekommen, war der einzige Grund, warum er überhaupt den Weg hierher auf sich genommen hatte. Er bedankte sich und steckte die Karte zurück in seinen Rucksack. Mit einem Finger tippen auf seine Uhr drängte er Alexander zum Aufbruch. Das Taxi, das sie von hier wieder abholen sollte, würde in Kürze eintreffen.

Als der junge Novize das Tor hinter ihnen geschlossen hatte, konnte Beaumont seinen Ärger gegenüber Alexander nicht länger verbergen. „Sag mal, was in aller Welt ist über dich gekommen? Wie konntest du derart unüberlegt unser delikates Vorhaben ansprechen? Du kannst doch niemanden solch ein Wissen aufbürden.“

„Ich dachte, man kann ihm vertrauen. Außerdem fand er es angebracht, Max für tot erklären lassen“, antwortete Alexander und sah mit gleichgültigem Gesicht zu Beaumont.

„Es ist doch nicht zu fassen“, sagte er und schüttelte den Kopf, während er den ausladenden Banyanbaum ansteuerte, an dem zuvor schon Alexander gestanden hatte. „Selbstverständlich kann man ihm vertrauen. Es geht vielmehr darum, die Menschen zu schützen, für den Fall, dass etwas Unvorhergesehenes eintrifft. Je weniger du preisgibst, desto besser ist es für alle Beteiligten.“ Schwungvoll stellte er seinen Rucksack ab und stellte sich schweigend an den jahrhundertealten Baum.

Alexander fühlte sich wie der letzte Idiot neben Beaumont, darüber hinaus hatte er heute schon wieder einstecken müssen und das nicht zu knapp. Wie sollte es nun weitergehen, sie hatten keine Spur von Max. Und, das mangelnde Vertrauen seines Freundes, hatten ihn tief erschüttert.

„Was machen wir jetzt?“, wollte Alexander wissen und klang dabei reichlich niedergeschlagen.

„Wir warten auf das Taxi“, gab Beaumont reserviert zurück.

„Nein, du weißt schon … fliegen wir direkt weiter nach Japan?“

„Wir fahren nach Hause“, entgegnete Beaumont kühl.

„Was? Warum das denn?“, würgte Alexander hervor, er konnte seine Verwunderung kaum in Worte fassen.

„Ich habe außer nach Max zu suchen auch noch etwas Anderes zu tun“, sagte Beaumont, während er dem herannahenden Taxi entgegensah und weiter fortfuhr, „Ich werde nach Japan fliegen, sowie ich die Zeit dafür finde. Du wirst von mir hören.“

„Wenn du keine Zeit hast, kann ich genauso gut alleine nach dem Kloster in Japan suchen.“

„Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass dein Vorhaben von Erfolg gekrönt sein wird“, antwortete Beaumont überzeugt. „Es sei denn, du beherrschst die japanische Sprache?“ Und eine gehörige Portion diplomatisches Geschick oder zumindest mehr als vorhin, dachte er mit einem kurzen Blick in Alexanders Richtung.

Dieser hielt den Kopf schief. „Du sprichst Japanisch?“, kam es verblüfft. „Na und wenn schon, Englisch wird’s wohl auch tun.“

„Nicht in diesem Land und vor allem nicht in einer derart heiklen Angelegenheit.“

Für Alexander hörte es sich die Worte wie eine Zurechtweisung an. „Verstehe“, sagte er zähneknirschend und wenig überzeugt. Er hätte Beaumont am liebsten in der Luft zerrissen, hielt sich aber mit aller Macht zurück. „Und wann hast du dann vor aufzubrechen? Jeder Tag zählt und ich kann nicht ewig untätig herumsitzen, während Max vielleicht irgendwo mit unserer Hilfe rechnet.“

„Alexander, es ist vollkommen unnötig, dass wir beide nach Japan reisen und bei deinem diplomatischen Geschick wärst du ohnehin keine Hilfe.“

„Na, wenn du meinst. Aber lass dir nicht zu lange Zeit.“

„Ich fliege vermutlich noch diese Woche.“

„Warum hat Max uns gegenüber eigentlich nichts von einem weiteren Phänomen erwähnt?“ Alexanders Stimme klang mehr als verstimmt.

Beaumont sah ihm gleichgültig entgegen, ohne darauf einzugehen.

„Sag nicht, du hast davon gewusst.“

„Ich wusste sehr wohl davon. Er hat dir gegenüber nichts erwähnt, weil du permanent für Stress gesorgt hast.“

Alexander sah mit enttäuschtem Gesicht zu Beaumont und ließ die Schultern hängen. „Ah, verstehe“, gab er gedehnt von sich.

„Er wollte verständlicherweise abwarten, bis sich deine Stimmung etwas beruhigt hat, bevor er dich davon in Kenntnis setzt.“

„Du brauchst dir keine Mühe zu geben, irgendwie kann ich es schon verstehen. Dann wusstest du, dass der Klostervorsteher heute erst zurückkommt, stimmts? Das war perfektes Timing von dir geplant“, kam es geknickt. „Und, was mache ich zwischenzeitlich?“

„Du triffst dich mit Max’ Freund Mindrup in Dublin. Seht zu, dass euch etwas Glaubwürdiges einfällt, wie wir in aller Stille Max für tot erklären können“, sagte er ernst und schulterte seinen Rucksack. „Für einen Anwalt wie Mindrup ist das bestimmt keine große Sache.“

„Glaubst du wirklich, wir sollten jetzt schon diese Maßnahme in Betracht ziehen?“

Beaumont musterte ihn mit wachen Blicken. „Alexander, Max ist hier nicht angekommen. Ihn in Japan oder Kambodscha zu finden, ist der sprichwörtliche Strohhalm, nach dem wir greifen. Das ist alles andere als vielversprechend, meinst du nicht auch? Im Übrigen sollt ihr euch ja erst einmal nur Gedanken machen, bis es so weit ist, vergeht noch eineiiges an Zeit.“

Alexander antwortete nicht darauf. Gedankenverloren ging er neben Beaumont auf das Taxi zu.

„Es ist schon ein wenig grotesk, wie wir uns derart lapidar über das vielleicht spektakulärste Phänomen unseres Planeten unterhalten. Von dem aus gutem Grund lediglich eine Handvoll Menschen etwas weiß“, sinnierte Beaumont, als sie ihre Rucksäcke im Kofferraum verstauten.

Veränderung

Der Anruf, der Ellis Leben von Grund auf verändern sollte, kam an einem Sonntagabend. Sie hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht und sich in die bunte Wolldecke gekuschelt. Der plötzliche Wintereinbruch Mitte November hatte dem warmen goldenen Herbst ein jähes Ende gesetzt.

Vorsichtig schlürfte sie von dem heißen Ingwer Tee und genoss den Duft der süßen Orange, den der Aroma-Diffuser verströmte. Auf ihrem Schoß lag ein Stapel Zeichnungen, die sie noch einmal durchgehen wollte, bevor sie sie für das nächste Projekt am Montag freigeben würde. Unbemerkt schlichen ihre Gedanken von den Zeichnungen zu Chris, einer Beziehung, in der es immer wieder mal auf und ab ging und dann ganz plötzlich zu Ende ging.

Es war ein Ende, das sie sich immer öfter herbeigesehnt hatte, aber anders vorgestellt hatte. Elli hatte wider Erwarten im Büro früher Schluss machen können. Sie packte die beiden Flaschen Piccolo, die von der letzten Geburtstagsfeier im Büro noch übrig waren, in ihre Tasche und bestellte bei dem kleinen vietnamesischen Restaurant gegenüber ihrer Wohnung, zwei Nudelgerichte.

Beim Öffnen der Wohnungstür fand sie Chris im Wohnzimmer eng umschlungen mit ´Miss direkt vom Laufsteg gesprungen, super schlank und Beine bis zum Hals`. Die große zartgliedrige Schönheit trug nichts weiter als einen roten Spitzen BH mit schätzungsweise Körbchen Größe D. Eine Hand von Chris schien darunter fest gewachsen zu sein. Er hatte schon immer eine grauenhafte Leidenschaft zu Imitaten, was vermutlich der Grund dafür war, weshalb ihm das ganze Silikon unter seinen Fingern nicht das Geringste auszumachen schien. Die andere Hand klammerte sich an ihrer Pobacke fest, an seinem Handgelenk hing ihr roter Slip, der so schmal war, dass Elli ihn erst für ein Haarband hielt. Die Kleider der jungen Frau lagen wie eine Pfütze am Boden zu ihren Füßen. Keiner der beiden hatte Ellis Kommen gehört. Sie küssten sich so zügellos, als würde ihrer beider Leben davon abhängen. Die Tür zum Schlafzimmer stand weit offen und gab den Blick frei auf das zerwühlte Bett mit der neuen Damast Bettwäsche. Sie kannte Chris’ Vorlieben. Wie oft war Elli, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, vor der Haustür noch einmal von ihm heißblütig überfallen worden, er war also nicht besonders einfallsreich, wie sie feststellen durfte.

Elli schlug das Herz augenblicklich bis zum Hals. Noch wusste sie nicht, wie sie darauf reagieren sollte. Erst nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, wurde sie von den beiden bemerkt. Ein kurzer greller Aufschrei von der jungen Frau und Chris schreckte auf. Nur langsam löste er seine Hände von der Frau mit der unfassbar schmalen Taille und den unheimlich prallen Brüsten. Elli wurde übel, als die langhaarige Schönheit ihre Kleider hektisch aufsammelte und damit im Schlafzimmer verschwand. Chris fixierte Elli mit stechendem Blick und zusammengepressten Lippen. Sie rechnete keinen Augenblick damit, dass er eine Ausrede parat haben würde, wie etwa in der Art, Schatz, es ist nicht das, wonach es aussieht. Nein, die Situation war mehr als eindeutig. Er hatte ihr nichts zu sagen. Elli sah in seine kalten Augen und als sie ein paar Schritte auf ihn zuging, wich er keinen Schritt zurück.

„Elli, was machst du hier?“, presste er reichlich verärgert hervor, seine Augen hatten dabei einen abfälligen Ausdruck angenommen.

„Bis eben noch habe ich hier gewohnt, das hast du wohl vergessen“, sagte sie atemlos und blickte angewidert auf die Erektion, die sich noch immer durch seine Hose abzeichnete.

„Tja, Elli, du bist einfach nicht gut genug für mich, nicht mehr wichtig genug. Du langweilst mich, da musste ich mich nach etwas besseren umsehen.“ Ein typischer Frontalangriff, ja, da kannte er sich aus, das praktizierte er schließlich tagtäglich in seinem Beruf, als Manager einer korrupten Firma, die ihn seit Jahren als Held feierte.

Ohne Vorwarnung holte sie aus und zielte mit einer der Verpackungen vom Vietnamesen, direkt auf seinen Schädel. Die Verpackung platze auf und über Kopf und Gesicht verteilten sich lange weiße Nudeln, mit fein geschnittenem Gemüse und Hähnchenstreifen. Das hatte er nicht kommen sehen, was der Grund dafür war, dass er ihr für Sekunden entgegenglotzte.

„Das war’s, lass dich nie wieder vor mir blicken“, sagte sie scharf und kehrte ihm den Rücken zu. Aufgebracht und ohne ein weiteres Wort, verließ Elli die Wohnung.

Aggressiv riss Chris einige der Nudeln von seinem Kopf. Angriffslustig funkelten seine Augen und seine Stimme klang verzerrt, als er Elli hinterher brüllte. „Sag mal, hast du sie noch alle, du bist doch völlig durchgeknallt, du . . .“

Sie zitterte am ganzen Leib, wollte nur weg, weit weg und nie wieder etwas von diesem elenden Mistkerl hören. Wie oft mochte er mich wohl schon betrogen haben? Einmal, zehnmal, hundertmal … dieser miese, degenerierte Arsch. Mit Knien aus weichem Gummi schleppte sie sich zu ihrem Wagen und sank wie geschmolzenes Vanilleeis auf den Fahrersitz. Nach Minuten der absoluten Leere kramte sie in der Tasche nach ihrem Smartphone.

Drehte den Verschluss der ersten Flasche Piccolo auf und nahm einen tiefen Schluck. Sie konnte nicht fassen, was sie gesehen hatte und noch weniger begreifen. Noch einmal setzte sie an und leerte die Flasche. Nachdem sie die zweite Flasche geöffnet hatte, wählte sie mit pochendem Kopf die Nummer von ihrer langjährigen Freundin, Claudia. Sie hielt das Telefon ans Ohr und wartete, dass abgenommen wurde. „Es ist aus …“, waren die ersten Worte eines langen Telefonats, das damit endete, dass Elli sich hatte überreden lassen, bei Claudia einzuziehen.

Elli war Künstlerin und lebte auf einem völlig anderem Stern. Sie hatte ihre ganz eigene Vorstellung von dieser Welt und den darauf lebenden Menschen. Sie war eine sehr sensitive und freundliche junge Frau, die immer bestrebt war, in jedem das Gute zu erkennen. Was von Chris natürlich stets als Schwäche abgetan wurde. Von ihm hatte sie sich schamlos ausnützen lassen. Ja, sie hatte es noch nicht einmal bemerkte. Die schönen Augenblicke mit diesem elenden Narzissten hatte sie immer wieder aufs Neue alles vergessen lassen.

Jetzt brauchte sie einen kompletten Neuanfang, in einer neuen Stadt, mit neuen Freunden und neuem Glück. So ein Bild in etwa baute sich in ihrer Fantasie auf. Nur, wie sollte sie das anstellen? Wut und Verzweiflung wechselten sich konsequent ab und boten keinen Platz für neue, sinnvolle Pläne. Dieser Kreislauf musste unterbrochen werden, soviel war sicher, aber vielleicht noch nicht heute.

Das ganze lag nun beinahe acht Monate zurück. Elli hatte einen Schlussstrich unter dieses Drama gezogen und in den letzten Monaten kaum einen Gedanken mehr an ihn verschwendet.

Das Läuten des Telefons riss Elli aus ihren Gedanken. Mit Sicherheit war es wieder Chris, auf keinen Fall würde sie ihm die Gelegenheit geben, seine fadenscheinigen Ausreden anzuhören. Plötzlich war er auf die Idee gekommen, dass er mit Elli vielleicht doch einen relativ guten Fang gemacht hatte. Zumindest hatte er es vor wenigen Tagen so oder so ähnlich Claudia gegenüber formuliert. Er wollte sie sprechen und war es nicht gewohnt zurückgewiesen zu werden, was der Grund dafür war, dass er nicht nur die Mailbox ihres Mobiltelefons sprengte, sondern auch den Anrufbeantworter von Claudia. Kurzerhand hatte Elli die Aufnahmen ungehört gelöscht und die lästigen Nachrichtensammler deaktiviert.

Nach langen Sekunden des Wartens schälte sie sich betont langsam aus ihrer warmen Decke, aber der Anrufer war hartnäckig. Widerwillig holte sie das Telefon aus der Ladestation. Die Nummer gehörte ihrer Mutter, Grund genug, das Gespräch nicht anzunehmen. Seit sie geheiratet hatte, machte weder sie noch die angeheiratete Familie einen Hehl daraus, dass Elli unerwünscht war.

Das Telefon in ihrer Hand läutete unablässig weiter. Entnervt stellte sie es wieder zurück in die Ladestation. Sie hatte keine Lust auf eine neuerliche kräftezehrende Konfrontation.

„Elli? Hallo?“, kam es unerwartet aus dem Lautsprecher.

Elli erstarrte. Aus irgendeinem Grund war die Verbindung zustande gekommen.

Am anderen Ende meldete sich erneut die Stimme ihrer Stiefschwester Amanda. „Elli, bist du dran?“

Elli sog die Luft ein und legte den Hörer an ihr Ohr. „Was gibts?“

Amanda legte ohne Umschweife los, wie sie es immer tat, wenn sie geladen war, was ein Dauerzustand zu sein schien. „Warum lässt du dir so lange Zeit, bis du abnimmst?“

„Ich kam gerade zur Tür rein“, log Elli.

„So geht das nicht, du lebst wie im Mittelalter. Sieh zu, dass wenigstens der AB drangeht.“

„Was willst du?“

„Hat dich Alexander endlich erreicht?“

„Ich habe schon länger nichts mehr von ihm gehört, was ist mit ihm?“

„Tja, das wundert mich nicht. Krieg dein Leben endlich in den Griff. Hast du schon eine neue Wohnung?“

„Ich suche noch.“

„Streng dich doch mal etwas an.“

„Ich leg gleich auf. Du wolltest etwas von Alexander erzä …“

„Wusstest du, dass Max in Indien war?“, unterbrach Amanda.

„Max war in Indien? Was hat er da gemacht, Urlaub?“

„Er ist dort gestorben“, kam es platt.

Ellis Gefühle gingen auf Grundeis und sie hoffte sich verhört zu haben. „Er ist was?“

„Max ist in Indien gestorben, ganz einfach.“

Amanda litt schon immer unter extremer Gefühlskälte, natürlich nicht, wenn es um sie selbst ging. „Du weißt, was Max immer gesagt hat, wenn ihm etwas zustößt … er will keine Tränen, und keine Trauerfeierlichkeiten … Hallo? Elli? Bist du noch dran?“

„Ja“, würgte sie hervor.

„Ich bitte dich, er war ein alter Mann.“

„Amanda!“, schoss ihr Elli entgegen. „Wurde die Überführung veranlasst?“

„Wozu denn? Alexander hat die Asche heute dem Meer übergeben. Er hat sich vor Ort um den ganzen Mist gekümmert, ist ohnehin billiger als hier zu sterben …“ Noch während sie sprach, beendete Elli das Gespräch. Sie konnte Amandas Stimme und ihre Kaltherzigkeit nicht länger ertragen. Ihrer gesamten Energie beraubt sank sie in die Knie. Das Telefon rutschte stumm aus ihrer Hand und landete auf dem gefliesten Boden.

„Max, nein …“, schluchzte sie.

Elli liebte Max so sehr, diesen alten Querdenker, der für sie wie ein Vater war, nachdem sich ihre Eltern kurz vor ihrer Hochzeit getrennt hatten. Sie zählte damals gerade mal sechs Jahre und fühlte sich verloren und ungeliebt. Max hatte ihr Mut zugesprochen, wo keine Hoffnung schien, er war einfühlsam und verständnisvoll, unvorstellbar, dass er jetzt nicht mehr da sein sollte.

Das Gefühl, in den engen Räumen der Wohnung keine Luft mehr zu bekommen, ließ sie die Flucht ergreifen, kopflos schlüpfte sie in ihre Sneakers und stürmte aus der Wohnung.

Heiß liefen Elli die Tränen über die Wangen und vermischten sich mit den kalten dicken Schneeflocken. Ziellos lief sie durch den angrenzenden Park, noch nie zuvor hatte sie sich so lange im Laufschritt halten können. Das einsetzende Seitenstechen zwang sie, kurz anzuhalten. Sie drückte ihre Hand in die rechte Seite und nach mehreren tiefen Atemzügen, beschloss sie den Rückweg anzutreten. Schmatzende Geräusche aus ihren aufgeweichten Schuhen drangen an ihre Ohren und der Pulli hing, um ein ganzes Stück länger geworden, triefend von ihren Schultern. Auf dem Weg zurück in die Wohnung, kam ihr Tom, der gut aussehende Nachbar von Gegenüber, entgegen. Unverhohlen starrte er sie an, während seine Hand den hübschen jungen Mann mit weichen Gesichtszügen enger an sich zog.

Wie schön, wenigstens die beiden scheinen glücklich zu sein, dachte Elli und lehnte erschöpft ihre Stirn gegen die verschlossene Wohnungstür, während sie den Schlüssel in den Zylinder steckte.

Sie kämpfte sich aus den Schuhen, die sich hartnäckig an ihre Füße gesaugt hatten. Mit steif gefrorenen Beinen stakste sie ins Badezimmer und hinterließ dabei eine Spur nasser Fußabdrücke.

Mit Entsetzen sah sie ihrem Spiegelbild entgegen. Haare die traurig tropfend am Kopf klebten, gerötete Augen, Mascara und Make-up verwischt. Ein Wassertropfen löste sich von ihrem Kinn und ein neuer bildete sich. Wie im Horrorfilm, dachte Elli und wendete ihren Blick ab.

Ohne sich ihrer Kleidung entledigt zu haben, stieg sie in die Dusche und drehte den Wasserhahn auf. Eine gefühlte Ewigkeit stand sie unter dem dampfend heißen Strahl, bis ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten. Sie setzte sich auf den Boden der Dusche, umfasste mit beiden Armen fest ihre Beine und begann bitterlich zu weinen. Als irgendwann keine Tränen mehr kommen wollten, schälte sie sich mühsam aus den nassen Kleidern, die wie eine zweite Haut an ihr klebten. Darunter kam die rote Haut eines gekochten Hummers zum Vorschein, die zu allem Überfluss auch noch fürchterlich juckte. Sie wickelte das Badetuch eng um ihren Körper und trocknete ihr Haar.

Ein prüfender Blick in den Spiegel ließ sie aufatmen. Jetzt sah ihr kein Gesicht des Schreckens mehr entgegen, sondern ein hübsches, wenn auch sehr trauriges Gesicht mit wunderschönen blaugrauen Augen und langen Wimpern, einer süßen Nase mit einigen wenigen blassen Sommersprossen und sinnlich geformten Lippen.

Sie mochte ihr Gesicht, war es doch ihrer Meinung nach das Beste an ihr. Wenn sie sich lang streckte, war Elli einen Meter achtundsechzig groß, mit schmaler Taille und wohlgeformten Hüften. Ihre Unzufriedenheit gegenüber ihrer Figur konnte Max nie nachvollziehen.

Du bist viel schöner als das heutige Schönheitsideal der Medien, diese Models sind bis auf die Knochen abgemagert und haben keine Kurven. Das ist doch nicht schön anzusehen oder gar anzufassen, wenn es kein Hinten und kein Vorne gibt.“

Elli tröstete sich damit, dass sie ihre Figur als sportlich bezeichnete, was an der Wahrheit glatt vorbeiging, da Sport nicht gerade ein zentrales Thema in ihrem Leben spielte. In den vergangenen achtundzwanzig Jahren hatte sie sich höchstens in der Schule sportlich betätigt, aber es stand auf ihrer langen, sehr langen To-do-Liste irgendwo weiter unten.

Sie zog ein langes Nachtshirt über und schlüpfte unter die Bettdecke. Leise vernahm sie das Ticken der Uhr, während Tränen aus ihren Augen sickerten, sanft über ihre Schläfen kullerten und weiter auf das Kopfkissen tropften. Sie drehte sich auf die Seite und vergrub ihr Gesicht in den weichen Kissen, ein weiteres presste sie fest an ihre Brust.

Es war noch dunkel, als Elli am nächsten Morgen vor dem Verlagsgebäude stand, in dem sie als Kreativ-Direktor arbeitete, und die wenigen hellen Fenster betrachtete. Bisher hatte sie sich immer darüber gefreut, wenn das moderne Bürogebäude mit jedem weiteren aufleuchtenden Fenster aus seinem tiefen Schlaf zu erwachen schien. Sie empfand es immer so harmonisch zu dieser Uhrzeit, dass sie schon alleine deswegen gerne vor sieben zur Arbeit ging. Heute allerdings konnte sie nur ein nüchternes weißes Gebäude im Dunkeln sehen.

Elli war übermüdet von der kurzen Nacht und unendlich traurig. In ihren Beinen verspürte sie den gewaltigsten Muskelkater aller Zeiten und an den Fersen hatten sich durch das Scheuern der nassen Schuhe Blasen gebildet. Ihr kam es vor, als ob jegliche Freude für immer aus ihrem Leben verschwunden wäre.

Der lange hell erleuchtete Gang zu ihrem Büro wirkte mit einem Mal kalt und fremd, als hätte sie ihn nie zuvor gesehen. Sie betätigte den Lichtschalter in ihrem Büro und blinzelte. Das kalte Licht breitete sich erbarmungslos aus und vermittelte Elli ein derart unwillkommenes Gefühl, dass sie es sofort wieder ausmachte. Sie ging an ihren Schreibtisch, machte die Schreibtischlampe an und fuhr den Computer hoch.

Aus ihrer Aktenmappe entnahm sie die fertigen Arbeiten der vergangenen Woche. Der Freitag hatte nicht genug Stunden gehabt, ihren Ideenreichtum umzusetzen, deshalb widmete sie sich am Wochenende ihren Werken zu Hause. Über diese produktive Phase war sie im Nachhinein sehr dankbar, denn jetzt war ihre gesamte Kreativität der überwältigenden Trauer zum Opfer gefallen. Um 14 Uhr sollte sie die Arbeiten vorlegen, was unter normalen Umständen eine Kleinigkeit gewesen wäre. Doch jetzt stellte sich ihr Trübsinn wie ein Krieger in den Weg, der es unmöglich machte voranzukommen.

Als der Tag an Helligkeit zugenommen hatte, saß sie noch immer an ihrem Schreibtisch und starrte mit ausdruckslosen Augen auf das Schneetreiben vor ihrem Fenster. Aufgestützt auf ihren Handballen folgte sie dem Strom an schönen Erinnerungen. Auf weiten sanften Schwingen ließ sie sich von ihren Gedanken davontragen, dorthin, wo die Freude mit Leichtigkeit den Schmerz besiegt.

Ein Schreiben aus Dublin

Es war Freitag Nachmittag, als Elli von der Arbeit nach Hause kam und die gläserne Haustür aufstieß. Ihr Blick fiel direkt auf die Reihe von weißen Briefkästen, von denen nur einer überquoll. Es war ihrer und sie ignorierte ihn, genau wie schon die Tage davor. Auf dem Treppenabsatz machte sie plötzlich halt. Eine innere Stimme schien zu sagen: Elli, komm schon, nicht heute. Sie machte kehrt, zupfte die Briefe, die aus dem Schlitz ragten heraus, drehte den Schlüssel im Schloss und schon drängte sich ihr der gesamte Inhalt entgegen. Ein Brief löste sich aus dem ganzen Packen. Mit einem satten Geräusch landete er auf einem abgestellten Päckchen zu ihren Füßen. Sie ging in die Knie und nahm den stilvollen weißen Umschlag in die Hand. Er war mit einem dunkelroten Siegel versehen und an sie adressiert. Er wog deutlich schwerer als die Briefe, die sie für gewöhnlich erhielt. Als Absender gab sich eine Anwaltskanzlei Mindrup aus Dublin zu erkennen. Aufgeregt legte Elli den Brief ganz oben auf den Stapel. Das Päckchen hingegen war an ihren Nachbar von gegenüber adressiert. Sie klemmte es unter den Arm und drückte den Knopf für den Aufzug. Oben angekommen, legte sie das Päckchen vor Toms Tür ab. Interessiert sah sie dabei auf den Absender aus dem fernen Singapur. Elli lächelte sehnsuchtsvoll und überlegte ihren nächsten Urlaub nach Asien zu planen.

Sie angelte den Schlüsselbund aus ihrer Tasche, öffnete die Wohnungstür und schlüpfte hastig aus ihren Schuhen. Die Post landete schwungvoll auf dem Sofa und ihre Tasche glitt über ihren Arm auf den Teppichboden. Auf dem kleinen Schreibtisch tastete sie nach dem Brieföffner, der sich unter einem Stapel Zeichnungen versteckt hatte.

Elli sank auf das Sofa und öffnete den gefütterten Umschlag. Neugierig entnahm sie das Schreiben und entfaltete das feste Briefpapier mit Wasserzeichen. Aufgeregt richtete sie sich auf und setzte sich an die Kante. In dem Brief wurde sie gebeten, sich in den nächsten Tagen mit der Anwaltskanzlei in Verbindung zu setzen. Der Anruf würde bis Montag warten müssen, es war Freitag und bereits nach 19 Uhr.

Einer Intuition folgend, griff Elli nach dem Telefon und wählte die Nummer der Kanzlei. Zu ihrem Erstaunen meldete sich nach dem zweiten Freizeichen ein älterer Herr, mit einer angenehmen warmen Stimme, der dennoch eine gewisse Strenge innewohnte. Erschrocken beabsichtigte sie wieder auflegen, doch da wurde sie auch schon gefragt, ob sie Elisabeth Gerlach aus Hamburg sei. Etwas perplex nickte sie bevor sie zustimmte. Die Stimme am anderen Ende wurde weicher, als sie sich als George Mindrup vorstellte und Elli bat, einen Termin zu vereinbaren. Es ginge um einige Papiere, die unterschrieben werden müssten, den Nachlass von Maximilian Gerlach betreffend. In beinahe freundschaftlichem Ton fuhr er fort, „Maximilian hat Ihnen das Cottage hier in Irland hinterlassen, welches, wie er immer fand, von Gott geschaffen wurde, um einen Menschen glücklich zu machen, sowie sein gesamtes Kapital und zwei Fahrzeuge. Wichtig ist noch ein Päckchen, welches er für Sie hinterlegt hat.“

Nachdem sie aufgelegt hatte, faltete sie behutsam den Brief, steckte ihn zurück in den Umschlag und betrachtete die Briefmarke näher. Der Stempel über der Marke war etwas verwischt, nur mühsam konnte sie den Slogan entziffern. „Das Leben neu erleben.“

Mit geschlossenen Augen ließ sie sich auf dem Sofa zurückfallen. Was genau hält mich hier eigentlich? Richtig. Absolut gar nichts. Max schien glücklich in seinem kleinen Cottage, warum sollte ich es ihm nicht gleichtun? Wie lange spiele ich schon mit dem Gedanken freiberuflicher Künstler zu werden, jetzt habe ich die Gelegenheit dazu bekommen. Es ist höchste Zeit für einen Neuanfang und dort kann ich Max nahe sein. Es ist perfekt, das mach ich.

Das war’s, worauf sie gewartet hatte. Gleich an diesem Wochenende verfasste Elli ihre Freistellung von der Arbeit, um sie am Montag ihrem Chef überreichen zu können. Die Frist von drei Monaten sollten ausreichend sein, um alles Nötige vorzubereiten. Wohnung hatte sie ohnehin keine mehr, nur Claudia müsste sie erklären, dass sie wieder auszog. Das war Punkt zwei auf ihrer To-do-Liste. Auf ihren Wagen könnte sie eigentlich jetzt schon verzichten. Punkt drei – abgehakt. Erstaunt stellte sie fest, dass es außer diesen drei Punkten keinen vierten gab. Wie leicht sich doch so ein Leben ändern lässt.

Ihrer Familie wollte sie die Nachricht schnellstmöglich überbringen, um es hinter sich zu haben. Es war nie einfach gewesen, mit ihnen auszukommen und ihr Entschluss würde auf jeden Fall auf Unverständnis stoßen. Wie befürchtet, war die Reaktion dementsprechend. Ihre Halbschwester sah das Ganze als völligen Wahnsinn an. Sie war viel zu steif in Bezug auf Veränderungen und hatte von je her ein übersteigertes Sicherheitsbedürfnis.

„Du bist wirklich die aller dümmste unter der Sonne und völlig übergeschnappt, wenn nicht sogar größenwahnsinnig. Wie kannst du so leichtsinnig deine feste Anstellung aufgeben? Weißt du eigentlich, wie viel Glück du hattest bei diesem Verlag zu landen? Denkst du ernsthaft, du kannst einfach hergehen und sagen: Hallo, hier bin ich, Elli, die Einzigartige und alle kommen angelaufen … in Irland?“, entrüstete sich Amanda.

„Ich spiele seit geraumer Zeit damit, freiberuflicher …“

„Freiberuflicher, was?“, fiel ihr Amanda ungeduldig ins Wort. „Etwa Künstler? Auf einer Insel, am Arsch der Welt? Ah genau, weil die bestimmt schon auf dich warten. Das ist doch von vornherein zum Scheitern verurteilt. Elli, komm wieder auf den Boden zurück und denk mal nach! Künstler sind seit je her brotlose Geschöpfe, die bestenfalls nach ihrem Tod berühmt geworden sind. Verdient haben, wenn überhaupt, die Nachkommen. Ganz ehrlich, du hattest Glück überhaupt einen Job zu bekommen. Wäre Max nicht gewesen, hättest du was Anständiges gelernt. Ich verspreche dir, das funktioniert nie und nimmer.“

Elli hatte genug von Amandas apokalyptischen Prophezeiungen ihre Zukunft betreffend. Kurzerhand beendete sie das Gespräch. „Tut mir leid, ich muss jetzt los. Ich melde mich wieder.“ Das hatte sie sich zu leicht vorgestellt, denn Amanda wusste noch so einiges, was sie loswerden wollte.

Ihre Stimme wurde schneidend, als sie weitersprach. „Warte Elli, ich bin noch nicht fertig mit dir. Unser Kontakt hat sich auf ein Minimum beschränkt und das sollte unbedingt so bleiben. Also komm nicht auf die wahnwitzige Idee, hier angekrochen zu kommen. Wenn du scheiterst, will dich hier keiner mehr sehen, verstanden? Und ich versichere dir, du wirst scheitern. Also sieh zu, dass du uns womit auch immer künftig verschonst.“

Elli wurden die Knie weich bei diesen Worten. Bei jedem Gespräch spürte sie die ablehnende Haltung der Familie ihr gegenüber. Gleich nach der Hochzeit wurde Elli in ein Internat abgeschoben und Amanda, die einige Jahre älter war, machte ihr die Ferien regelmäßig zur Hölle. Max war der Einzige, der in dieser schweren Zeit für sie da war. Er förderte ihr künstlerisches Interesse und kam für sämtliche Unkosten auf, die das Studium mit sich brachte.

Die nächsten drei Monate vergingen schnell und Elli hatte die Vorbereitungen längst abgeschlossen. Der Termin mit der Kanzlei Mindrup war bestätigt worden, das Flugticket nach Dublin hing an der Pinnwand neben dem Schreibtisch und von ihren Freunden hatte sie sich verabschiedet. Jetzt trennten sie nur noch wenige Tage von ihrem Neuanfang. Es war an der Zeit, dem alten Leben Adieu zu sagen und sich der Zukunft zu stellen, mit allem was sie zu bieten hatte. Max liebte Irland, sie konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dieses Land nicht ebenfalls zu lieben.

Irland

George Mindrup empfing Elli in seinem Büro, das nach Papier und polierten Parkett roch. Die mit dunklem Holz verkleidete Kanzlei, mit den alten in Leder gebundenen Büchern, erinnerte stark an eine Bibliothek. Mindrup schien schon kurz vor der Pensionierung, hatte weißes Haar, ein energisches, kantiges Kinn und dunkle Augen, die Elli interessiert in Augenschein nahmen. Er schritt hinter seinem Schreibtisch hervor, um ihr die Hand zu reichen und setzte ein freundliches Lächeln auf. Seine schlanke elegante Erscheinung flößte Respekt ein, doch sein offener Blick ruhte sanft auf Elli und vermittelten ihr ein Gefühl der Verbundenheit. Bei der Begrüßung schlossen sich seine warmen Hände um die ihren und er erzählte von seiner Freundschaft zu Max, die leider viel zu kurz währte.

Mit ein paar Unterschriften wurde Elli zu der stolzen Besitzerin eines typisch irischen Landhauses und eines beachtlichen Vermögens. Gleichzeitig rang Mindrup ihr das Versprechen auf das Vorkaufsrecht ab, sollte sie das Cottage irgendwann verkaufen wollen.

Von seinem Schreibtisch nahm Mindrup einen Schlüsselbund, das besagte Päckchen und reichte beides an Elli weiter. „Öffnen Sie das Päckchen, bevor Sie das Haus aufschließen. Der Wagen steht in der Tiefgarage auf Stellplatz vier, es ist ein dunkelblauer Subaru.“ Dann wünschte er ihr eine gute Fahrt und einen angenehmen Aufenthalt. Elli bedankte sich und betrachtete das versiegelte Päckchen, sie war sich ganz sicher, dass sie dieses, entgegen Mindrups Wunsch, erst nach ihrer Ankunft im Cottage öffnen würde, und zwar am Abend in aller Ruhe.

Es war Nachmittag, als Elli das Büro von Mindrup verließ und mit dem Aufzug in die Tiefgarage fuhr. Sie wollte Dublin so schnell wie möglich hinter sich lassen, bevor der Verkehr noch stärker werden würde. Ihre ganze Konzentration galt dem Steuern des Wagens durch den Linksverkehr und erst als die pulsierende Stadt hinter ihr lag, konnte sie erleichtert aufatmen und das Lenkrad etwas weniger fest umklammern. Heilfroh über die vor ihr liegende Landstraße musste sie zugeben, dass in Irland die Landschaft tatsächlich grüner schien als überall, wo sie zuvor gewesen war. Wohin das Auge auch reichte, in allen Grünschattierungen waren saftige Büsche, Wiesen und Weiden zu sehen. Warum das so war, erklärte der plötzlich einsetzende Wolkenguss, der aus dem Nichts zu kommen schien und genauso schnell verschwand, wie er gekommen war. Die Sonne strahlte daraufhin umso freundlicher, gerade so, als wolle sie die Menschen dafür entschädigen, dass sie sich eine kleine Auszeit gegönnt hatte.

Nach langer Fahrt gen Westen wurde die Zivilisation spärlicher, die Schafe hingegen zahlreicher. Auch Fahrzeuge kamen ihr immer seltener entgegen, was Elli vorerst als echten Segen empfand, da die Straße sie schmal und kurvenreich empfing. Die Fahrt führte zwischen Hecken und Steinwällen hindurch und forderte ihre gesamte Aufmerksamkeit ein.

Ein Hirte, der seine Schafe über die Straße lotste, sah neugierig dem sich nähernden Fahrzeug entgegen. Als Elli zum Stehen kam, winkte er und lächelte ihr mit seinem zahnlosen Mund freundlich zu. Auf seinen langen Stock gestützt humpelte er behände zwischen den Schafen auf das vor ihm liegende Feld. Weiter hinten scheuchte ein Border Collie die letzten Schafe vor sich her. Der Schäfer überzeugte sich, dass alle seine Schützlinge heil auf der neuen Weide angekommen waren und winkte noch einmal Elli zu.

Wow, so selten kommt hier jemand vorbei, dass er sich sogar über einen Fremden freut, mutmaßte sie. Auf die Idee, dass er sich einfach nur bedanken wollte, kam sie gerade nicht, hatte doch der Frust darüber, sich bereits jenseits der Zivilisation zu befinden, ihre Stimmung fest im Griff.

Sie fuhr weiter Richtung Norden. Das Navi meldete sich endlich, in achtzehn Minuten sollte sie das Cottage erreicht haben. So schön es hier auch sein mochte, die Einsamkeit dieser Gegend zeigte sich von Minute zu Minute deutlicher. Die schmale Straße wurde irgendwann einspurig und führte, nur noch zu einem abgelegenen Reiterhof, der von ihrem Ziel jedoch sehr weit entfernt in entgegengesetzter Richtung lag.

Elli hielt am Straßenrand. Das Navi wollte sie zu ihrem Ziel, mangels einer Straße, geradewegs durch die Landschaft führen. Im Rückspiegel konnte sie die Abzweigung noch erkennen, an der sie gerade vorbeigekommen war. Also legte sie den Retourgang ein und fuhr die paar Meter zurück. Der festgefahrene Schotterweg wechselte auf einen schmalen Kiesweg, was Elli für kein gutes Zeichen hielt. Was hatte Max dazu bewogen, in dieser Abgeschiedenheit ein Haus zu kaufen? Wie kann ich denn am Ende der Welt durchstarten? Da ist doch nichts, nur Schafe und alte Männer, nein, schlimmer noch, ein alter Mann. In ihrer Vorstellung hatte sich ein gänzlich anderes Bild abgezeichnete. Ihre Erschöpfung hatte die rosa Brille längst in eine graue verwandelt und der Gedanke von Verkauf und Weltreise keimte unvermittelt auf. Mister Mindrup hat gewusst, dass das hier nicht gerade die Ecke für junge Leute ist, warum sonst hätte er mich so dringend um das Vorkaufsrecht gebeten.

Elli folgte in langsamem Tempo dem Kiesweg und nach ganzen fünfzehn Minuten meldete sich das Navi: „Ihr Ziel befindet sich weiter vorne auf der rechten Seite.“

Die letzte kleine Ortschaft lag seit einer gefühlten Ewigkeit hinter ihr und abgesehen von üppiger Vegetation war hier rein gar nichts. Weit und breit keine Spur von einem Haus.

Was in Gottes Namen heißt hier ´weiter vorne`? Elli fuhr in Schrittgeschwindigkeit und sah suchend nach allen Seiten.

Noch bis zur nächsten Biegung wollte sie fahren, wenn sie da nicht fündig wurde, würde sie umkehren und die Abzweigung weiter vorne nehmen. Doch endlich, versteckt hinter dichtgewachsenen Büschen, sah sie für einen kurzen Moment ein Stück weiße Mauer und nach etwa 300 Metern endete der Weg. Ein weiß gestrichenes Gartentor versperrte die Zufahrt zu Max gepflegtem irischen Cottage.

Geschafft, endlich!“, entfuhr es Elli. Sie lehnte mit beiden Armen über dem Lenkrad und war augenblicklich begeistert. Das Cottage lag wie ein romantisches Postkartenmotiv vor ihr.

Kraftvoll öffnete sie die Wagentür, die der nächste Windstoß hinter ihr genauso kraftvoll wieder schloss. Während sie auf das Tor zuging, zog der Wind energisch an ihren Kleidern, wirbelte durch ihr Haar und raubte ihr beinahe den Atem. Oh Gott, ist das kalt … und windig.

Elli atmete tief die frische Luft ein, die einen leicht salzigen Geschmack auf ihren Lippen hinterließ und ein Frösteln durch ihren Körper jagte.

Das Tor knarzte leise beim Entriegeln und als sie sich zum Öffnen dagegen stemmte, wich es erstaunlicherweise wie von selbst zurück. Stolpernd hielt sie sich daran fest. Um Eigenmächtigkeiten vorzubeugen, sicherte sie die beiden Torflügel mit großen Steinen, die schon zuvor jemand passend bereitgelegt hatte.

Langsam steuerte sie den Wagen über den Kiesweg, an dem sich zu beiden Seiten kleine Lavendel Stämmchen befanden. Elli hielt den Wagen hinter Max´ dunkelblauen Toyota Land Cruiser.

Auf den wenigen Schritten zum Cottage knirschte der Kies munter unter ihren schnellen Schritten. Eilig wühlte sie in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel, während der Wind durch den leichten Stoff ihres Kleides fuhr. Vor den drei breiten Stufen, die zur Eingangstür führten, blieb sie noch einmal stehen.

„Wie wunderschön, Max“, flüsterte sie und drückte den Schlüssel in ihrer Hand. Während sie die Stufen zur Haustür überwand, betrachtete sie den massiven Türklopfer aus patiniertem Messing. Zärtlich berührten ihre Finger den plastisch gearbeiteten Kopf einer Raubkatze, die einen gegossenen Kupferring in seinen Fängen hielt. Ein ganz besonderer Zauber der Vorfreude lag in der Luft und Elli konnte es kaum erwarten, das Cottage von innen zu sehen.

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