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Cotton Reloaded - Sammelband 12

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über dieses Buch
  4. Die Autoren
  5. Impressum
  6. Cotton Reloaded 34 – Auge um Auge
  7. Cotton Reloaded 35 – Der Geist
  8. Cotton Reloaded 36 – Das Handy

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

Dieser Sammelband enthält die Folgen 34-36 von COTTON RELOADED.

Über dieses Buch

Drei spannende Thriller in einem Band:

Auge um Auge: Brutale Bombenattentate auf Schulen mit überwiegend muslimischen Schülern erschüttern New York City. Eine erste Spur zum Bombenleger ist schnell gefunden. Doch der droht mit weiteren Toten. Ein Rennen gegen die Zeit beginnt. Und selbst, als der vermeintliche Bombenleger gefasst ist, hat er noch einen letzten tödlichen Trumpf im Ärmel …

Der Geist: Ein Auftragskiller treibt sein Unwesen, und wie ein Geist verschwindet er nach jedem Auftrag spurlos. Hinweise deuten darauf hin, dass Senatorin Nancy Calloway das nächste Ziel sein könnte. Jeremiah Cotton und Philippa Decker stehen ihr als Leibwächter zur Seite, doch das Attentat wird dennoch verübt. Die beiden Agents müssen feststellen: Calloway hat sich mit ihren politischen Äußerungen mächtige Feinde gemacht.

Das Handy: Der Profikiller James Pistone bekommt den Auftrag, einen Mann namens Raymond Hallway zu töten. Doch als Pistone seinen Job erledigen will, bietet sein Opfer ihm das Geschäft seines Lebens an. Hallway behauptet, im Besitz brisanter Telefonmitschnitte eines hohen europäischen Finanzbeamten zu sein …

Zur gleichen Zeit erhält das G-Team um Cotton und Decker einen Hinweis, dass es einen Angriff auf die Systeme der NSA gegeben hat. Ein Rennen um das brisante Datenmaterial beginnt …

Die Autoren

Arno Endler wurde 1965 am schönen Rhein geboren. Die bessere Fernsicht und die frische Luft lockten ihn in den Hunsrück. Dort wohnt und lebt er mit seiner Frau und ihren beiden Kindern in einem Dorf umringt von Feldern und Wäldern.
Als Teilzeit-Freizeit-Schriftsteller genießt er die Ruhe und sucht den Ausgleich in spannenden Geschichten verschiedener Genres.
Seine Webseite: www.arnoendler.de

Peter Mennigen wuchs in Meckenheim bei Bonn auf. Er studierte in Köln Kunst und Design, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher wurden bei Bastei Lübbe, Rowohlt, Ravensburger und vielen anderen Verlagen veröffentlicht. Neben erfolgreichen Büchern, Hörspielen und Scripts für Graphic Novels schreibt er auch Drehbücher für Fernsehshows und TV-Serien.

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um das Reich der Elben, die »Drachenerde-Saga«, die »Gorian«-Trilogie und seine Romane um die Halblinge von Athranor machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen – zuletzt »Der Teufel von Münster«, worin er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.
Seine Webseite: www.alfredbekker.de.

COTTON RELOADED

Auge um Auge

Arno Endler

1.

Zwei Lichtquellen erhellten das Wohnzimmer der geräumigen Wohnung. Das unstete, fahle Flackern des Flachbildfernsehers und der grelle Schein einer Stehlampe, der die Beine des Mannes in dem Sessel wie ein Spotlight beleuchtete.

In dem Raum herrschte eine penible Ordnung. Die wenigen Möbel, wie die zwei Sessel neben dem quadratischen Couchtisch mit Glasplatte, auf dem allein die Fernbedienung für das TV-Gerät lag, sowie das Sideboard an der Stirnwand mit dem Fernseher und der Stereoanlage darauf, machten das Zimmer kaum wohnlich. Keine Bilder oder Fotos schmückten die Wände, kein Teppich lag auf dem glänzenden Parkett.

Die Rollos vor den Fenstern waren geschlossen, sodass das Loft in jeder Stadt der Welt hätte gelegen sein können. Der Mann, er war auf den Namen Paul getauft worden, wirkte wie ein Fremdkörper in der klinischen Umgebung. Er saß in dem Sessel, trug eine graue Arbeitslatzhose über dem weißen ärmellosen T-Shirt und schien dabei ganz in die flimmernden Bilder der Realität außerhalb seines kleinen Reiches vertieft.

Doch dann nahm Paul einen schwarzen Lederslipper, einen von vieren, die er neben seinen Füßen abgestellt hatte, und betrachtete ihn im grellen Licht der Stehlampe von allen Seiten. Die Musterung endete mit einem Grunzen.

Unter dem Tisch lag eine Schachtel, die er nun hervorzerrte und beinahe liebevoll öffnete. Darin lagen ordentlich nebeneinander verschiedene Dosen, Bürsten, Schwämme und gefaltete Tücher.

Paul drehte den Deckel von einer weißen Dose, deren Aufschrift schon nicht mehr lesbar war.

Ein intensiver Terpentinduft stieg ihm in die Nase. Er schloss die Augen und sog ihn genießerisch ein, obwohl ihm das nicht bewusst war. Die Erinnerungen an vergangene Tage, väterliche Zuneigung und glückliche Zeiten ließen Paul lächeln.

Wie eine Nebelwolke füllte der Duft den Raum, während Paul sich einen kleinen Schwamm nahm und die Schuhcreme auf das Leder der Schuhe strich.

Die italienischen, handgefertigten Lederslipper stellten seinen einzigen wertvollen Besitz dar. Nur drei Paare nannte er sein eigen, aber diese Schuhe waren sein Anker in einer fremden Welt. Beständig, verlässlich und bequem wie eine zweite Haut.

Sanft verteilte er die Creme, massierte sie ein, bis die Paste verschwunden war. Er drehte den schwarzen Slipper im Licht, platzierte ihn wieder auf dem Boden, um ihm ein wenig Ruhe zu gönnen, dafür hob er das zweite Exemplar an.

Doch statt mit der Prozedur fortzufahren, rief Paul in den Raum: »Stummschaltung aus!«

Die Sprachaktivierung des Fernsehers reagierte, und wo bislang nur die Bilder gesprochen hatten, plärrte nun die pralle Wirklichkeit einer Live-Reportage über die Lautsprecher in den Raum.

Pauls Hand steckte in dem Slipper wie in einem Handschuh, während er die ersten Bilder mit einem Grunzen kommentierte. Er war erst seit zehn Minuten zu Hause und hatte bislang noch keine Aufnahmen gesehen.

Die Kommentare von Carmen Barboza, einer grell geschminkten Latina, die ihre besten Jahre bereits hinter sich hatte, wurden beinahe durch die Hintergrundgeräusche übertönt.

Heulende Sirenen der Rettungswagen, das Tosen von Wasser aus unzähligen Feuerwehrschläuchen, deren Strahlen die Firefighters in das brennende Gebäude lenkten, brüllende Cops, die Schaulustige vertrieben – es wirkte wie eine Theaterinszenierung von Dantes Inferno.

Mit einem Lächeln quittierte Paul die Bilder.

Wieder und wieder die ewig gleichen Sequenzen, begleitet von den atemlosen, leicht angewidert wirkenden Schilderungen der Reporterin über die Ereignisse an diesem Mittag.

Die Moderatorin von Channel Five biss beinahe in das Mikro mit der dicken FIVE-Aufschrift. »Das ist augenblicklich die Situation, Bob! Das Attentat auf die Edward R. Murrow Highschool ereignete sich zur Mittagspause. Es waren wohl wieder zwei Bomben, die dort explodierten und zahlreiche Schüler und das Küchenpersonal in den Tod rissen.« Barboza schnappte nach Atem und strich sich eine Strähne des gelackten schwarzen Haares aus der Stirn. Der Bildschirm, effektvoll zweigeteilt, sodass der Zuschauer entscheiden konnte, ob er die Reporterin im Live-Bild oder die x-te Wiederholung der bekannten Aufnahmen beobachten wollte.

Mit einem vielgeübten professionellen und doch gehetzten Blick sprach Barboza weiter: »Über die Zahl der Toten gibt es bislang keine bestätigten Meldungen, aber Augenzeugen berichten von zahlreichen Leichen, abgerissenen Gliedmaßen und um Hilfe schreienden Kindern. Es ist ein apokalyptischer Anschlag, der bislang schwerwiegendste in der Reihe der Attentate.«

»Was willst du damit andeuten, Carmen?«, fragte eine Stimme aus dem Off, der Anchorman im Studio. »Gibt es bereits Hinweise darauf, dass es sich um denselben Täter handelt, dessen Bomben schon in zwei anderen Schulen und dem Kinderhort in Brooklyn explodierten?«

»Darauf kannste einen lassen«, murmelte Paul, wandte seine Aufmerksamkeit dem zweiten Schuh zu, der nun seinen Anteil an Schuhcreme erhielt.

»Das NYPD macht dazu derzeit keine Angaben, Bob«, wiegelte Carmen Barboza ab, um dann im Verschwörerton fortzufahren: »Aber ich denke, dass die Bilder für sich sprechen. Im Hintergrund sehe ich auch eindeutig FBI-Agents, die Jacken sind nicht zu übersehen. Kannst du mal mit der Kamera draufhalten, Jack?«

Ein leichter Schwenk erfolgte, und nach einem Zoom des Objektives durfte jeder Zuschauer einen Blick auf die drei Männer in dunkelblauen Allwetter-Jacken werfen. Auf der Rückenpartie prangten die drei weißen Buchstaben: FBI.

»Die Edward R. Murrow Highschool stand wegen zahlreicher Gewaltausbrüche und einem vereitelten Amoklauf mehrfach im Fokus der Behörden und Medien. In letzter Zeit machte die Schule eher positive Schlagzeilen, weil sie viele Kinder von Flüchtlingsfamilien aus Syrien aufgenommen hat. Das FBI ermittelt, doch es gibt kein Bekennerschreiben, und auch die Behörden haben keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund dieses furchtbaren Attentats. Auch diesmal nicht. Alles deutet darauf hin, Bob, dass die Vorgehensweise identisch ist mit der bei den anderen Anschlägen. Ich jedenfalls bin fest davon überzeugt, dass es sich um denselben Täter handeln muss. Den Doppelbomber.«

»Es waren also tatsächlich zwei aufeinanderfolgende Explosionen, Carmen?«, fragte der Moderator.

»Auch dazu gibt es noch keine offizielle Auskunft. Aber ich habe mit ein paar Schülern gesprochen, die alle bestätigten, dass es zweimal geknallt hat. Ein Mädchen stand in unmittelbarer Nähe zur Kantine, direkt im Flur, und wurde von der ersten Explosion mehrere Meter davongeschleudert. Sie wollte nicht vor laufender Kamera interviewt werden, aber ihre Schilderung war eindeutig. Zwei Explosionen. Tapferes Mädchen, wo sie doch gerade dem Tod nur knapp entronnen ist und vermutlich viele Freunde verloren hat.«

»Was geschieht nun vor Ort, Carmen?«, fragte der Anchorman.

»Die Feuerbrigade löscht den Brand, und danach werden die Rettungskräfte in den vollkommen zerstörten Trakt der Schule vordringen, um nach Verletzten zu suchen und die Leichen zu bergen. Bislang war dies nicht möglich, wie mir der Sprecher der Feuerwehr mitteilte.«

Als das Bild des helmbewehrten Mannes formatfüllend die ewig gleichen Aufnahmen unterbrach, schaltete Paul den Ton ab.

»Doppelbomber«, murmelte er. Man hatte ihm einen Namen verpasst. Und der gefiel ihm gar nicht so schlecht.

Er grinste.

Die würden sich bald wundern, wozu er noch fähig war.

Paul schnüffelte an seinem Schuh. Er roch so gut. Nach Vergangenheit, Liebe und Glück.

Sehr leise, mit beinahe geschlossenen Lippen, sagte er: »Bist du stolz auf mich, Daddy?« Er riss die Augen auf und sah sich um, ob ihn auch niemand gehört hatte.

Aber natürlich war er alleine, was seinen rasenden Herzschlag nicht erklärte.

Das Geräusch der Bürste auf Leder beruhigte ihn augenblicklich, und die Bilder seiner Tat befriedigten ihn.

Public Relations der besonderen Art. Blutende, heulende Kinder, manche so deutlich anderen Glaubens, dass Paul die Worte unwillkürlich über die Lippen gingen: »Heiden! Heidenpack!«

2.

Saheem’s entpuppte sich als Szenetreff hinter einer schlichten Fassade, wobei die Szene sich auf gut gekleidete muslimische Männer aller Altersklassen beschränkte, wie Cotton schnell feststellte, als er den Innenraum des Teehauses betrat. Der Taxifahrer, selbst ein Muslim, hatte Cotton irritiert angesehen, als der ihm die Adresse in Downtown-Manhattan genannt hatte.

»Du willst ins Saheem’s?«, hatte der Mann gefragt.

»Ja. Und ich bin schon reichlich spät dran«, war Cottons Antwort gewesen. Als er jedoch den Gesichtsausdruck des Fahrers lange genug ertragen hatte, setzte er freiwillig hinzu: »Ich treffe mich dort mit einem Freund.«

Im Saheem’s trafen sich Muslime. Cotton stellte in den Augen des Taxifahrers einen seltsamen Besucher dar. Daher kam wohl auch der misstrauische Blick.

Abdul Mehmani lautete der Name auf der angeklebten Lizenz.

Cotton verlor die Geduld: »Mr Mehmani? Gibt es irgendein Problem? Sonst würde ich mich gerne von einem anderen Fahrer dorthin bringen lassen. Ich folge lediglich der Einladung eines Freundes in ein Teehaus.«

Der Taxifahrer musterte Cotton noch kurz, nickte dann aber und startete den Motor. Abdul kehrte zur Normalität zurück, drehte die Musik im Radio etwas leiser und verkürzte die Fahrt mit ernsthaftem Small Talk über die jüngste Anschlagsserie und wie schrecklich es für die Eltern der getöteten Kinder sein musste.

Cotton antwortete ausweichend. Nicht dass ihm die Thematik unangenehm gewesen wäre, denn zurzeit gab es kein anderes Thema in der Stadt. Nein, ihm wurde erstmals klar, dass es an diesem Abend ebenfalls um den Doppelbomber gehen würde.

Cotton hatte sich nach der Einladung Jehan Shahids zwar seine Gedanken gemacht, warum die Pokerrunde nicht im üblichen Rahmen stattfand, aber nun vermutete er doch einen anderen Hintergrund.

Das Taxi hielt in zweiter Reihe. Die Parkplätze waren durchgehend belegt, und auf den Bürgersteigen der Seitenstraße spazierten noch einige Fußgänger.

Es war halb neun, die Straßenbeleuchtung tauchte die Menschen und Autos in ein fahlgelbes Licht. In der Stadt, die niemals schläft, war es zu früh für die vielen Nachtschwärmer und zu spät für die übersprudelnde Geschäftigkeit des Tages.

Cotton bezahlte, ließ vier Dollar Trinkgeld springen, was Abdul mit einem Nicken quittierte.

Vor dem breiten Schaufenster, auf dem mit heller Folie die Aufschrift »Saheem’s« geklebt war, blieb der Agent stehen und sah sich um. Ein leicht süßlicher Geruch hing in der Luft, dazu die üblichen unangenehmen Gerüche der Großstadt. Neben dem Fenster, das mit einem dicken Vorhang verhängt war, sodass man nicht hineinsehen konnte, blinkte eine kleine grüne Neonschrift an einer Glastür.

COME IN

Also trat Cotton ein.

Die Wärme brandete ihm wie eine Welle entgegen. Für einen Moment rang er nach Luft, so herb war der Unterschied zwischen draußen und drinnen.

Cotton, der sich für legere Kleidung, schwarzes Rollkragen-Sweatshirt, dunkle Hose und bequeme Sneaker entschieden hatte, versank beinahe in dem weichen Teppichboden.

Saheem’s vorherrschende Farbe stellte sich als ein warmes Rot heraus. Die Wände gestrichen in Rot, die Vorhänge, die einige Nischen als Trennwände voneinander separierten, ebenfalls so purpur wie auch der Bodenbelag. In zwei der Separees saßen Männer in schummriger Beleuchtung, vor ihnen auf den Tischen Shishas, über den Köpfen erkennbare Rauchwolken. Sie alle nahmen Cotton nur kurz zur Kenntnis, schienen sogar ein wenig in den Schatten zurückzuweichen. Niemand sprach ihn an. Auch die Gesichter der Männer, die nur flüchtig zu ihm schauten, färbte das allgegenwärtige Rot ein.

Nur der Theke hatte man ein neutrales Grau gegönnt. Dahinter trocknete ein Glatzkopf mit dichtem schwarzem Schnurrbart und einem farbenfrohen Umhang Gläser ab.

Es roch nach Tabak, süßlichem Pfeifentabak. Cotton wusste, dass einige Bars, Kneipen und Restaurants das Rauchverbot missachteten, aber die Intensität, mit der bereits im Hauptraum der Gesetzesbruch zu riechen war, verwunderte den Agent.

»Was kann ich für dich tun, Fremder?«, fragte der Schnurrbartträger in akzentfreiem Englisch.

Cotton grinste, erinnerte ihn dieser filmreife Satz doch an einen Western. Nur, dass dies keine Bar war, denn hinter der Theke lagerte keinerlei Alkohol in den Regalen. Stattdessen sah Cotton einige Wasserpfeifen und verschiedene Teekannen und Gläser.

»Guten Abend. Mein Name ist Jeremiah Cotton. Ich bin mit einem Freund verabredet, Jehan Shahid. Ist er schon da?«

Kaum war Shahids Name heraus, hellte sich das verkniffene Gesicht seines Gegenübers auf. »Ein Freund von Jehan ist auch mein Freund. Willkommen noch einmal. Ich bin Saheem.«

Cotton trat an die Theke heran und schüttelte die ausgestreckte Hand des Besitzers.

»Sehr schön haben Sie es hier, Mr Saheem.«

»Nur Saheem, bitte«, antwortete der Schnurrbartträger und deutete eine Verbeugung an. »Es ist der Laden meines Vaters. Ich bin nur sein Nachfolger und habe ein wenig an der Inneneinrichtung gearbeitet.«

»War es schon immer ein …«

»Teehaus? Aber ja. Vielleicht …« Saheem lächelte freundlich. »Vielleicht bot mein Vater vor einigen Jahren auch mal das eine oder andere an, was in den Augen von Uncle Sam nicht ganz legal war. Allerdings sind diese Zeiten vorbei. Im Übrigen lebe ich recht gut von den Einnahmen, verfüge ich doch über eine treue Stammkundschaft, zu denen ich auch deinen Freund Jehan zähle.«

Cotton sah sich irritiert um, konnte es nicht glauben, dass Jehan Shahid hier regelmäßig zu finden war. Es passte so gar nicht zu seinem Freund.

»Ist er schon da, Saheem?«, fragte Cotton den Besitzer.

»Aber ja. Ich bring dich zu ihm.«

Hinter einem der Wandteppiche versteckte sich eine Tür. Saheem schlug den schweren Stoff beiseite und bedeutete Cotton, durch die Öffnung zu gehen.

Sie betraten einen Flur, an dessen Wandseiten funzelige kleine Leuchten oberhalb von rund einem Dutzend Türen rechts wie links ihr farbloses Licht streuten.

An der vorletzten Tür hielt Saheem an, drückte sie auf und verbeugte sich vor Cotton.

»Danke«, antwortete der Agent und trat hinein.

Jehan stand bereits und lächelte breit. »Hallo, Jeremiah.«

»Ein seltsamer Treffpunkt für eine Pokerrunde«, entgegnete Cotton betont freundlich.

»Setz dich doch.« Shahid deutete auf einen halbhohen, bequem wirkenden Armlehnen-Sessel.

Cotton setzte sich und sah sich um, nachdem er an der weichen Polsterung Gefallen gefunden hatte.

»Gemütlich«, stellte er fest. Außer drei dieser Sessel, in die ein sehr korpulenter Mensch nicht gepasst hätte, sowie einem Regal, in dem verschiedene Ziergegenstände aus Metall untergebracht waren, gab es nur noch einen kleinen runden Tisch, dessen Platte auf Kniehöhe angebracht war.

Darauf stand eine gläserne Karaffe, außen mit goldenen Verzierungen, in der eine goldgelbe Flüssigkeit dampfte. Auch hier roch es süßlich, der Duft erinnerte Cotton an einen frischen Apfelkuchen.

Neben der Karaffe standen zwei ebenfalls goldverzierte winzige Gläser auf gläsernen Untersetzern, dazu je ein Löffel.

»Apfeltee. Frisch aus der Türkei. Soll ich dir einschenken?« Shahid hatte sich gleichfalls gesetzt und sah Cotton fragend an.

»Gerne.«

Der Pakistani trug einen edlen grauen Anzug, allerdings keine Krawatte dazu. Dennoch fühlte sich Cotton underdressed. Er sah seinem Freund zu, wie dieser die Gläser vorsichtig so füllte, dass man den oberen Rand anfassen konnte, ohne sich die Finger am heißen Tee zu verbrühen.

»Ist ein interessanter Laden«, sagte Cotton.

»Ja. Schon unter Saheems Vater galt das Teehaus als Treffpunkt der Muslime in New York. Hier wurden Geschäfte getätigt, Töchter und Söhne einander versprochen und so manche Angelegenheit von staatserschütternder Tragweite geklärt.«

»So, so. Aber es wurde nicht nur Tee getrunken, oder?«

»Nein.« Shahid nahm sein Glas und nippte an dem Apfeltee. »Mhm. Gut. Probier.«

Cotton überraschte, wie süß das Getränk schmeckte. Das sollte seinem Kumpel Shahid schmecken?

Shahid grinste. »Der Geschmack von Heimat.«

»Und der Geruch von …?« Cotton schaute leicht theatralisch im Raum umher.

Ein schallendes Gelächter bewies ihm, dass Shahid ihm den Seitenhieb nicht übel nahm.

»Früher mal, zu Zeiten als Saheems Vater der Laden hier gehörte, wird es auch so manche Drogenexzesse gegeben haben. Doch das ist Vergangenheit. Jetzt rauchen alle, die hier die Abende und Nächte verbringen, nur noch Shishas. Eine lässliche Sünde, selbst in den Augen des Christengotts.« Shahid zwinkerte seinem Freund zu.

»Du hast mir noch nie von diesem Teehaus erzählt.« Cotton nippte erneut an dem Getränk und fand langsam zu dem Geschmack. Sobald man sich an die Süße gewöhnt hatte, spürte man die pure Kraft des Tees. Trotzdem hätte er einen Whisky bevorzugt.

»Es war auch noch nie nötig. Zumal sich hier viele Menschen treffen, die einem Bundesagenten, nun, sagen wir, mit Misstrauen begegnen.«

»Misstrauen?«

»Was glaubst du denn? Für einen Agent der Regierung bist du manchmal ganz schön naiv, mein Lieber.« Shahid legte sich die Hand auf die Brust. »Was dich natürlich ehrt. Aber der Kampf der Religionen, selbst wenn er nur von Fanatikern beider Seiten geführt wird, ist nun mal traurige Realität.«

Cotton nickte. Er wusste, auf welch wackligem Fundament die vertraute Beziehung zu seinem Pokerpartner stand. Die Ereignisse rund um die gekaperte Passagiermaschine und das Eindringen Dillagios in das pakistanische Konsulat waren ihm noch präsent. Manchmal reichte ein einzelner Dominostein, um die anderen in der Reihe kippen zu lassen.

»Es ist gemütlich, Jehan. Mir gefällt der Laden. Aber falls die Männer mich hier nicht wollen, kann ich gehen. Die Frage ist aber, warum hast du mich hierherbestellt?«

Shahid lächelte beschwichtigend. »Niemand will, dass du gehst. Wir wollen deine Hilfe. Ich will deine Hilfe, Jeremiah.«

Cotton sah dem Pakistani beim Nachschenken des Tees zu. Sein verflucht schicker Anzug schien nicht einmal im Sitzen Falten zu werfen.

Über die Belüftung drang ein wenig Shisha-Qualm in den Raum. Cotton hustete. »Wieso, zum Teufel, wird hier drin geraucht?«

»Trink etwas, dann geht es besser.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage, Jehan«, hakte Cotton nach.

»Das Rauchverbot wird hier nicht kontrolliert.«

»Etwa Schmiergelder?«

Shahid wehrte den Vorwurf mit beiden Händen ab. »Nein, nein. Einfach eine, sagen wir stillschweigende Vereinbarung.«

Cotton hob seine Augenbrauen an.

»Nach Nine-Eleven durchkämmten die Sicherheitsbehörden alle bekannten muslimischen Einrichtungen, also auch das Saheem’s. Dabei gingen die Einsatzkräfte nicht sonderlich zimperlich vor, was, in Anbetracht der Umstände, ja nicht weiter verwundert. Aber in diesem Teehaus sind sie definitiv zu weit gegangen. Es gab Verletzte und einen Toten. Also zahlte Uncle Sam der Familie des Verstorbenen eine nicht unbeträchtliche Summe. Dazu drücken die Stadtoberen mehr als ein Auge zu, was Betrieb und innere Angelegenheiten des Saheem’s angeht. Im Austausch versprach der Geschäftsführer, verdächtige Aktivitäten zu unterbinden oder zu melden.«

»Eine Vereinbarung unter Gentlemen?«, murmelte Cotton in eine Trinkpause Jehans.

»Wenn du so willst. In jedem Fall haben sich die radikalen Spinner ziemlich schnell von diesem Ort verabschiedet. Wer jetzt hier seinen Tee trinkt und seine Pfeife raucht, sucht nichts anderes als seine Ruhe. Er möchte in Frieden koexistieren und seinen harmlosen Gelüsten nachgehen. Du verstehst?«

Cotton nickte. »Ich bin ein Fan der friedlichen Koexistenz.«

»Ich weiß, Jeremiah. Und genau deswegen bitte ich dich um Unterstützung.«

»Was kann ich tun?« Der G-Man setzte sich im Sessel zurecht.

Shahid trank zunächst einen Schluck, bevor er sich vornüberbeugte und im Verschwörerton sagte: »Ich verlange nichts Illegales von dir oder dass du deinen Job riskierst. Aber deine Kontakte und Verbindungen wären hilfreich. Ich komme mit meinen Ermittlungen nicht weiter, trete auf der Stelle und hoffe auf eine Anschubhilfe.«

»Ich werde tun, was ich kann, Jehan.«

»Gut. Dann werde ich dir einfach eine Frage stellen. Okay?«

Cotton nickte.

»Ist deine Dienststelle an dem Fall des Doppelbombers dran?«

Cotton registrierte die Nervosität, die Shahids Körper erfasste. Der eigentlich so abgebrühte Sicherheitschef des pakistanischen Konsulats konnte seine Anspannung nicht verbergen.

»Der Doppelbomber?«, hakte Cotton nach, um etwas Zeit zu gewinnen. Natürlich hatte er in den vergangenen Wochen die Berichterstattungen über die Anschläge in Queens und Brooklyn verfolgt. Allerdings waren der oder die Attentäter bislang kein Fall für das G-Team gewesen. Eine Task Force des FBI war an der Sache dran. Weshalb ermittelte Shahid? Was hatte die pakistanische Regierung damit zu tun?

Cotton schüttelte den Kopf. »Nein, Jehan. Da habe ich nichts mit zu tun. Was interessiert dich daran im Speziellen?«

»Nun – ist das nicht offensichtlich?«

»Es sind Kinder, die von einem Irren oder einer ganzen Gruppe von Irren getötet werden. Die halbe Stadt ist hinter ihm oder ihnen her. Also natürlich auch du. Das erklärt nicht dein besonderes Interesse.«

Die Runzeln auf Jehans Stirn sprachen Bände. Er vermutete wohl, dass Cotton mehr wusste, als er preisgeben wollte. »Ich kenne dich viel zu gut, Jeremiah. Dein Pokerface hat mich schon einige Dollar gekostet, daher halte ich dir zugute, dass du es wirklich nicht weißt.«

»Ja, Jehan. Ich ahne nicht einmal, auf was genau du hinaus willst. Also? Worum geht es?«

Shahid rückte sein maßgeschneidertes Jackett zurecht. »Es ist das Muster, das entscheidend ist. Es sind nicht Kinder die Opfer.«

»Klar, da waren auch einige Erwachsene unter den Verletzten und Toten, aber es waren einfache Leute, Küchenpersonal, Hausmeister, Putzkräfte. Was wäre das für ein Ziel für den Attentäter?«

»Nun, du hast mich falsch verstanden, Jeremiah. Wir vermuten, dass die Anschläge nicht Kindern im Allgemeinen gelten, sondern muslimischen Kindern.«

Cotton dachte für einen Moment nach.

»Okay, Jehan. Das ist zumindest eine Neuigkeit, die mir noch nicht bekannt war. Ich weiß auch nicht, wie viele der Opfer Moslems waren, aber falls es stimmen sollte, warum berichtet die Presse nicht darüber?«

Shahid klatschte in die Hände. »Weil unter den Opfern auch viele Kinder anderer Religionen sind. Wir vermuten, dass der Täter das entweder bewusst so anlegt, damit man ihm nicht auf die Schliche kommt, oder dass er die Kollateralschäden einfach in Kauf nimmt.«

»Aha. Und wie kommt ihr darauf? Nebenbei bemerkt, wer ist überhaupt wir?«

»Besorgte Eltern, Jeremiah. Es herrscht eine enorme Angst in der muslimischen Community. Seitdem ein Muster erkennbar ist.«

»Welches Muster?«

»Es sind die Anschlagsorte.«

»Schulen und ein Kinderhort in Queens und Brooklyn«, warf Cotton dazwischen.

»Korrekt. Und wenn du dir ansiehst, wo die Schulen liegen, wirst du erkennen, dass das alles Gegenden sind, in denen der Anteil von Nicht-Christen besonders hoch ist.«

»Du bist dir sicher?«

Shahid nickte. »Jeder Anschlag nährt den Verdacht, Jeremiah. Es kann kein Zufall sein. Wir haben Nachbarschaftswachen eingerichtet. Besorgte Eltern halten seit Wochen ihre Augen offen, besonders an und um Schulen. Doch was haben wir erreicht? Nichts. Ein weiterer Anschlag, weitere tote Kinder. Dabei waren wir schon vor Ort. Ich befürchte, dass wir den Täter mit unseren Mitteln nicht aufgreifen können. Wir brauchen Hilfe.«

»Meine.«

»Ja, Jeremiah. Jede kleinste Information, die wir von dir erhalten, kann uns vielleicht weiterhelfen.«

»Sei mir nicht böse, Jehan. Aber das klingt doch sehr nach Verfolgungswahn. Genauso gut könnten christliche oder jüdische Eltern behaupten, der Attentäter habe es auf ihre Kinder abgesehen.«

»Ich muss die Ängste ernst nehmen.«

»Versteh ich.«

»Außerdem sagt mir mein Instinkt, dass an dem Verdacht etwas dran ist.«

Shahid senkte den Kopf, griff nach seinem Teeglas, hielt es aber, ohne zu trinken, nur in den Händen.

»Da steckt noch mehr dahinter, oder?«, fragte Cotton.

Der Moment der Stille dehnte sich zu endlosen Sekunden. Ein leichtes Rütteln versetzte den Tee in der Kanne in Vibrationen. Konzentrische Wellen, die sich durch das Echo von den Glaswänden gegenseitig aufschaukelten.

Cotton vermutete eine Subway-Linie, die irgendwo im New Yorker Untergrund ganz in der Nähe verlief.

Endlich rührte sich Shahid. »Es sind die Kinder meiner Cousine. Sie hat Angst, die beiden weiterhin zur Schule zu schicken. Und so wie ihr geht es Hunderten, wenn nicht Tausenden Muslimen in New York. Es ist unsere Heimat, aber jemand versucht uns zu vertreiben, in Panik zu versetzen, uns das Leben zur Hölle zu machen. Nichts ist schlimmer, als die Furcht um die eigenen Kinder. Du verstehst?«

Cotton nickte. »Okay, Jehan. Ich werde meine Fühler mal ausstrecken, bei den Kollegen nachfragen, ob tatsächlich auffällig viele Moslems unter den Opfern sind. Dazu muss es schließlich Zahlen geben. Gib mir ein, zwei Tage. Dann sollte ich mehr wissen.«

In dem Moment hatte Cotton eine Idee, wen er als Erstes befragen würde, um den nächsten Schritt machen zu können.

»Ich kenne jemanden, der mir weiterhelfen wird, Jehan«, meinte Cotton. »Gleich morgen früh werde ich ihn besuchen. Mal sehen, was dabei herauskommt.«

Shahid nickte. Die körpersprachliche Anspannung wich einer vorsichtigen Zuversicht. »Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann, Jeremiah. Danke.«

»Bedanken kannst du dich später.« Cotton verkniff sich den Hinweis, dass er, statt des Tees, nun einen anständigen Single Malt vertragen hätte. Seine Gedanken beschäftigten sich bereits mit dem bevorstehenden Tag. Es würde sich herausstellen, ob Les Bedell ihm wirklich weiterhelfen könnte. Doch wenn nicht der ehemalige Profiler, wer dann?

*

Auf dem Nachhauseweg schickte Cotton eine Nachricht an seinen Freund Raschid. Zu seiner Verwunderung war der Familienvater wach und rief kurz darauf an: »Hi, Jeremiah. Noch unterwegs?«

»Ja. Aber warum bist du so spät noch wach?«

»Eher so früh. Es ist drei Uhr. Und meine Schicht! Dina schläft vollkommen erschöpft. Die Zwillinge haben sich eine schwere Grippe zugezogen. Sie kriegen kaum Luft und wir keinen Schlaf. Dina würde am liebsten ständig selbst am Bett sitzen, bis die beiden wieder gesund sind. Aber ich will, dass auch sie sich mal ausruht. Also teilen wir uns die Nacht.«

»Hm. Gute Besserung an die Zwillinge. Vielleicht sollte ich zu therapeutischen Zwecken Twinkies vorbeibringen?«

»Untersteh dich!«

Cotton lachte leise. »Ich brauch deine Hilfe, Raschid.«

»Um was geht es?«

»Die Anschläge des Doppelbombers. Was weißt du darüber?«

Raschids Antwort kam mit einigen Sekunden Verzögerung. Dann jedoch fragte er den G-Man: »Glaubst du auch, dass es gegen muslimische Kinder geht? In der Gemeinde streiten die Älteren bereits, ob sie sich an die Medien wenden sollen, damit sich endlich was tut.«

»Also glaubst du das auch?«

»Was jetzt, Bruder? Bist du auf den Fall angesetzt? Und ist etwas dran an dem Verdacht?«

»Nein, Bruder. Ehrlich nicht. Ist nur eine Nachfrage, da ich von dritter Seite angesprochen wurde. Bevor ich mich zum Affen mache und weiter auf eigene Faust nachforsche, wollte ich auch deine Meinung hören.«

Raschids Stimme klang etwas gedämpft, und Cotton erkannte, dass er sich gerade um eines der beiden Mädchen kümmerte. Er schien ihr Wasser zu reichen.

»Sorry«, bat Raschid nach einer Minute. »Jetzt bin ich wieder da.«

»Kein Problem.«

»Was meinst du mit Ermittlungen auf eigene Faust?«

»Ja, ich wollte mich zumindest umhören. Und da du den engeren Kontakt in Richtung Queens hast …«

»Was soll ich sagen, Jeremiah? Wenn du mich nach meiner Meinung fragst … Ich glaube nicht an ein islamfeindliches Motiv. Es gibt einfachere Möglichkeiten, die Muslime zu treffen. Aber die Gerüchteküche kocht bereits. Kann nicht mehr lange dauern, bis es offiziell zu einem religiösen Kampf ernannt wird.«

»Okay, Bruder. Könntest du deine Kontakte nutzen und mich informieren, sobald du etwas herausfindest?«

»Klar, gib mir vierundzwanzig Stunden.«

»Danke, Raschid.«

»Ich bin dir vieles schuldig, Bruder.«

»Ein Freund schuldet dem anderen nur seine Freundschaft.«

»Weise Worte. Ich melde mich«, beendete Raschid das Gespräch.

3.

Cotton nahm sich einen Tag frei, nachdem er ein Treffen mit Bedell arrangiert hatte. Am Telefon hatte der Psychologe mehr als gestresst geklungen. Dennoch hatte er zugestimmt.

»Sie wollen mir nicht sagen, worum es geht?«, hatte er wissen wollen.

»Dazu würde ich Sie gern unter vier Augen sprechen«, hatte Cotton entgegnet.

»Offizielle Ermittlung?«

»Nein, noch nicht.«

»Um halb eins. Könnte allerdings sein, dass ich ein paar Minuten zu spät komme.«

*

Die Fassade des Restaurants bestand aus einem breiten Schaufenster, auf dem mit dicken, wunderschön geschnörkelten Lettern einige Gerichte notiert waren. Als Cotton näher kam, sah er, dass die Schrift von innen aufgemalt worden war. Jemand musste also spiegelverkehrt geschrieben haben.

»Reife Leistung«, murmelte der G-Man, wenn er auch das fehlende S in Lobster bemerkt hatte.

Er trat durch die Glastür, die ebenfalls mit Buchstaben verziert war. FRAN’s DINER

Sofort baute sich vor ihm ein Kellner auf, der ein berufsmäßiges Lächeln präsentierte.

»Einen guten Tag im Namen von Fran.«

»Hi.« Cotton schaute sich kurz in dem überschaubaren Gastraum um. Es gab rund ein Dutzend Tische, die in Nischen aufgeteilt waren und sich am Fenster befanden. Dazu standen an der langen Theke noch eng gestellte Barhocker. Das Diner musste zur Mittagszeit eine Goldgrube sein, so voll war es. Les Bedell sah er nicht. »Mein Name ist Cotton. Ich bin hier verabredet.«

»Haben Sie reserviert, Mr Cotton?«, fragte der Kellner, auf dessen Namensschild Howard geschrieben stand.

»Ich? Nein. Aber vielleicht mein Freund. Bedell.«

Ein Strahlen huschte über das Gesicht des Kellners. »Oh, ein Freund von Les. Kommen Sie bitte.« Howard machte eine einladende Bewegung und führte Cotton vorbei an den Nischen, in denen hungrige Menschen Burger, Salate, Kuchen oder gewaltige Portionen Kartoffelspalten verdrückten.

Die Atmosphäre in dem Laden gefiel Cotton. Es herrschte eine entspannte Geschäftigkeit. Die Anwesenden konnten sich unterhalten, ohne schreien zu müssen, und das trotz der wenigen freien Plätze.

Hinter der Theke an der Wand reihten sich Regalbretter mit Spiegeln dahinter. Darauf hatte man allerlei Flaschen und Gläser platziert. In einem Drehglasschrank sah Cotton fünf verschiedene Pies auf Etageren, die ihm das Wasser in den Mund trieben.

Zu beiden Seiten der Theke führten Schwingtüren mit runden Glasscheiben im oberen Drittel in den Küchenbereich.

Die Türen kamen kaum zur Ruhe, so schnell passierten die Kellner mit neuen Bestellungen oder leer gefutterten Tellern die Durchgänge.

Fran schien männliche Kellner zu bevorzugen. Auch hinter der Theke arbeiteten zwei Männer, die mit wachsamen Augen die Tische beobachteten und Zeichen gaben. Daneben bedienten sie die Gäste, die an dem Tresen saßen.

»Hier, bitte schön«, flötete der Kellner und deutete auf die letzte Nische am Fenster.

»Danke«, sagte Cotton und wollte sich setzen.

»Ähm. Bitte.« Howard krümmte sich unter der Last des Widerspruchs. »Nicht da. Das ist sein Platz.«

Sein Platz! Les Bedell schien nicht nur Stammgast zu sein, sondern dazu auch noch einer Verehrung würdig, die er sich bestimmt verdient hatte.

Cotton nahm mit dem Rücken zum Gastraum Platz und starrte auf die Wand, an der der Psychologe seinen angestammten Sitz hatte. Von dort konnte Bedell das ganze Treiben im Laden beobachten.

Cotton blieb nichts anderes übrig, als nach rechts durch das Fenster zu schauen und zu warten.

»Darf es schon etwas zu trinken sein?« Howard stand dienstbeflissen neben dem Tisch.

»Ein Wasser«, bestellte der G-Man.

»Sehr wohl.« Der Kellner eilte hinter die Theke.

Cotton atmete tief durch.

*

Jamal saß auf dem Sünderstuhl im Büro des Prinzipals der Franklin Delano Roosevelt Highschool und fragte sich, was er wohl verbrochen hatte.

Dabei schien es in letzter Zeit wirklich gut gelaufen zu sein. Doch irgendwie musste es ja mal mit dem Glück ein Ende nehmen.

Der sechzehnjährige New Yorker betrachtete die Diplome an der Wand, die dem Prinzipal außerordentlich wichtig waren, wie er wusste. Auf dem altmodischen Holzschreibtisch lagen nur ein Blatt Papier und ein Füller, parallel zur Kante der Tischplatte ausgerichtet.

Prinzipal Mahoney hielt nichts von Arbeitsstapeln. Er hielt seine Schüler zu penibler Ordnung an und galt als außerordentlich streng. Dennoch mochten die meisten Schüler ihn.

Jamal legte den Kopf quer, um die Buchrücken der dicken Wälzer lesen zu können, die an der Wandseite im Regal standen.

Er schreckte auf, als draußen auf dem Hinterhof der Highschool ein Motor aufheulte.

Nach einem kurzen Blick durch die geöffnete Tür, wo Miss Rakoon, die Sekretärin des Prinzipals, verbissen die Computertastatur bearbeitete, erhob sich Jamal und sah, dass es der Lieferwagen der Catering-Firma war, die immer das Schulessen lieferte.

Er setzte sich wieder zurück und horchte dem Knurren seines Magens. Hunger. Was es heute wohl gab? Er konnte sich nicht erinnern, was auf dem Plan gestanden hatte, traute sich aber auch nicht, sein Handy rauszuholen, um online nachzuschauen. Der Prinzipal konnte jeden Moment hereinrauschen, und Handys waren dem Alten verhasst.

Endlich hatte das Warten ein Ende.

Mr Mahoney, ein Mann von beeindruckender Statur, stand plötzlich neben ihm.

»Jamal?«

Der Junge stemmte sich aus dem Stuhl und schüttelte die ausgestreckte Hand des Prinzipals, der ihn anlächelte.

So schlimm konnte es also nicht werden, dachte Jamal und setzte sich wieder.

»Wir müssen reden, Jamal. Und es ist ein besonderer Anlass. Ein besonderer Anlass zur Freude der Schule, deiner Eltern, und auch ich persönlich freue mich über alle Maßen.« Mahoney hielt sich in seinem bequemen Bürostuhl sehr aufrecht.

Es würde kein Anschiss werden. Jamal atmete erleichtert durch.

*

Bedell setzte sich ohne eine Entschuldigung wegen der halbstündigen Verspätung an seinen Platz, stützte sich mit den Ellbogen auf die Tischplatte und musterte Cotton mit einem sezierenden Blick. »Sie gehören in meine Praxis, Agent«, sagte er.

Cotton grinste, lehnte sich in die dünne Polsterung der Sitzbank und meinte: »Und unter welchen Symptomen leide ich, Herr Doktor?«

Bedell, dessen anthrazitfarbener Rolli am schlanken Oberkörper schlackerte, runzelte die Stirn. »Nun, ich vermute einige unterdrückte Aggressionen und ein tiefer Sinn nach Gerechtigkeit, der stets unbefriedigt bleibt.«

»Das sollte bei einem Agent wohl an der Tagesordnung sein, oder nicht?«

»Hm. Außerdem ein hohes Maß an Verdrängung, verbunden mit der Fähigkeit, unangenehmen Fragen auszuweichen.«

»Ich bin nicht hier, um von Ihnen behandelt zu werden.«

»Schade, aber das Angebot gilt«, sagte Bedell. Er wandte sich an Howard, der plötzlich neben dem Tisch aufgetaucht war. »Das Curry für mich. Für Sie auch, Cotton? Ist wirklich ausgezeichnet, glauben Sie mir.«

»Einverstanden.«

Howard nickte dienstbeflissen, lächelte Bedell zu und ging dann.

»Sie essen hier oft?«, fragte Cotton.

»Scharf geschlossen, Agent.« Für einen Moment entspannte sich der Psychologe, lehnte sich zurück, schaute sich im Gastraum um und wandte sich anschließend wieder in streng aufrechter Körperhaltung an den G-Man. »Fran kocht wie Mutter. Sagt jeder. Was das wohl über jedermanns Mutter aussagt?«

Cotton grinste. »Kommen Sie deswegen regelmäßig hierher?«

»Um mich ein wenig über die menschliche Natur lustig zu machen?« Bedell zuckte mit den Schultern. »Eher nicht, obwohl ich eine Reihe von Gästen, die oft hier sitzen, schon zu kennen glaube. Das könnte aber die bei meinem Berufsstand häufige Hybris sein. Tatsächlich mag ich Frans Kochkunst. Außerdem habe ich Sonderrabatte, weil ich sie von ihrem Ehemann befreit hab.«

Cotton hob fragend die Augenbrauen.

»Ah, fällt unter das Berufsgeheimnis. Nur um es ein wenig deutlicher zu machen: Manchen Menschen hilft man dadurch, dass man ihr Selbstbewusstsein stärkt, damit sie lernen, Entscheidungen zu treffen. Im Übrigen liegt das Diner in Fußweite meiner Praxis. Und ich liebe es bequem.«

Cotton wollte etwas sagen, wurde jedoch von Howard unterbrochen, der mit einem strahlenden Lächeln ein Weinglas mit hellgelbem Inhalt vor Bedell abstellte.

»Danke.«

»Das Curry kommt in wenigen Minuten«, verkündete der Kellner und ging.

»Ist er …?« Cotton stockte.

»Verliebt in einen alten Mann?« Bedell lachte. »Mag sein. Vielleicht schmeichelt es der Eitelkeit eines alten Mannes. Wer weiß? Um was geht es, Agent? Sie haben sich am Telefon so geheimnisvoll verhalten?«

*

Jamal schloss die Tür leise hinter sich, verwünschte die Röte in seinen Wangen, als er das strahlende Lächeln von Miss Rakoon bemerkte.

Also wusste sie es auch, dachte der Schüler. Natürlich! Sie war die rechte Hand des Prinzipals. Wahrscheinlich hatte sie den Papierkram erledigt.

»Ab zum Mittagessen, Mr Fahut«, trieb sie ihn an.

»Jawohl, Miss Rakoon«, entgegnete der Junge.

»Außerdem sollten Sie die Gelegenheit nutzen, um Ihren Eltern die frohe Nachricht durchzugeben«, setzte sie hinzu.

»Ja.« Ein ungutes Gefühl in seinem Bauch machte sich breit. Jamal fürchtete sich vor der Reaktion seines Vaters, der wenig Verständnis für seine Leidenschaft hatte. Doch was konnte er gegen das Stipendium haben? Eine kostenlose Ausbildung für den dritten Sohn von fünfen.

Der Junge griff nach seinem Handy, als er auf dem Korridor zwischen den Schließschränken angekommen war. Niemand störte, niemand würde zuhören. Alle schienen schon beim Mittagessen zu sein.

»Ummi?«, sagte er leise, als seine Mutter zu Hause an das Telefon ging.

»Jamal? Wieso rufst du an? Ist etwas passiert?«, erkundigte sie sich besorgt.

»Nein, nein, alles klar.«

»Aber ihr dürft nicht telefonieren in der Schule.«

»Das ist eine Ausnahme, und Miss Rakoon hat es mir erlaubt.«

»Ist eine nette Frau«, meinte Jamals Mutter.

»Ja, das ist sie. Ummi, ich habe es geschafft.«

»Was, Jamal? Sprich!«

»Der Scout, von dem ich dir erzählt habe. Er hat mich gedraftet. Ich werde spielen.«

»Du meinst …«

»Ja. Ich erhalte ein volles Stipendium für das Saint-Josephs-College. Ummi! Ich werde auf ein College gehen. Meinst du, dass er zustimmt? Er muss es doch tun? Oder nicht? Ich brauche die Unterschrift von euch beiden.«

Jamal lauschte der schweren Atmung seiner Mutter. Sie litt unter leichtem Asthma. Dann endlich antwortete sie: »Mach dir keine Sorgen. Ich rede mit ihm.«

»Danke, Ummi.«

»Jamal?«

»Ja?«

»Ich bin stolz auf dich.«

»Allah hat mir geholfen.«

Sie verabschiedeten sich. Jamal stopfte das Smartphone zurück in die innere Tasche seiner Uniformjacke des Highschool-Baseball-Teams.

Absolute Stille herrschte in dem sonst so belebten Gang. Mittagszeit. Der Magen des Jungen knurrte so laut, dass er ein Echo zu hören glaubte. Jamal kicherte albern. Dann stockte er und sah sich um, ob auch niemand sein nicht cooles Verhalten bemerkt hatte. Baseball. Im Saint-Josephs. Von dort aus in die Minor League und schließlich ein Profi-Vertrag, so war der Plan. Und selbst wenn sein Vater dem uramerikanischen Sport nichts abgewinnen konnte, würde er seinem Sohn sicherlich nicht im Weg stehen. Das war Jamals Hoffnung.

Sein Magen meldete sich erneut. Zeit für die Mensa.

*

»Es geht um die seltsamen Anschläge auf die Schulen«, begann Cotton. »Ich gehe davon aus, dass Sie die Berichterstattung in den Medien verfolgt haben.«

»Flüchtig, Agent, flüchtig. Meine Praxis ist voll, meine Freizeit beschränkt. Aber ja. Ich weiß natürlich, was geschehen ist.«

»Nun, wie schätzen Sie das alles ein? Handelt es sich um einen Einzeltäter oder eine Gruppierung?«

Bedell schloss die Augen, atmete tief ein, wobei er die Luft geräuschvoll durch die Nase zog. »Ah. Das Curry kommt.«

Cotton irritierte das zuweilen exzentrische Verhalten des Profilers schon lange nicht mehr. Er wusste, dass das Gehirn von Bedell auf seine ganz eigene Art und Weise funktionierte. Der G-Man wollte unbedingt Bedells Meinung hören, also musste er sich in Geduld fassen.

Howard stellte zwei gefüllte Teller vor den beiden Männern ab und wünschte einen guten Appetit!

»Danke, Howard«, sagte Les Bedell und entrollte sein Besteck.

Cotton stieg der Geruch des safrangelben Currys in die Nase. Ein ordentlicher Klecks mit erkennbaren Fleischstücken lagerte in einem Bett aus Reis. »Riecht gut.«

»Schmeckt noch besser«, antwortete Bedell mit bereits reichlich gefülltem Mund.

Cotton verbrannte sich die Zunge nach dem ersten Bissen und wunderte sich, in welch rasender Geschwindigkeit der Psychologe das Curry in sich hineinschaufelte.

»Die Anschläge … Mhm … Ist noch kein offizieller Fall, an dem Sie dran sind?«, fragte er schließlich.

Cotton schüttelte stumm den Kopf.

»Mhm …« Bedell blickte den Special Agent an. »Es ist eine knifflige Einschätzung, da die Informationen, die bisher an die Öffentlichkeit gelangt sind, sehr dürftig sind.« Er löffelte ein Fleischstück aus dem Curry und kaute es gedankenverloren. Anschließend sagte er: »Ich gehe von einem Einzeltäter aus, Cotton. Das Vorgehen, die nicht vorhandenen Bekennerbriefe, die fehlende Unterstützung und einhellige Verurteilung der Morde in den sozialen Netzwerken, all das weist darauf hin, dass es sich nicht um eine Gruppe handelt. Es gibt ja nicht mal Unterstützer oder Trittbrettfahrer, die die Anschläge auf ihre eigenen Fahnen schreiben wollen. Die Bomben an den Schulen ergeben so oder so keinen Sinn. Niemand erkennt ein Muster, einen Grund oder einen Auslöser. Zuerst vermutete man einen ehemaligen Schüler, als dann die Sprengsätze in dem Kinderhort explodierten, suchten die Behörden nach einem geschassten Mitarbeiter beider Einrichtungen. Bomben Nummer fünf und sechs an der Schule in Queens zerstörten schließlich diese Spur. Nichts, aber auch wirklich nichts, verbindet die Schulen miteinander, wie es scheint. Aber vielleicht weiß das FBI schon mehr.«

Cotton, der sich inzwischen an die Temperatur des Currys gewöhnt hatte, trank einen Schluck Wasser, doch bevor er noch etwas sagen konnte, hob Bedell die Hand.

»Ah, ich erkenne, dass Sie ein Muster in petto haben?«

»Zumindest eine Vermutung.«

»Lassen Sie mich raten.«

Cotton fiel auf, dass der Psychologe ständig in den Gastraum spähte, nicht weil er abgelenkt war, im Gegenteil. Der G-Man spürte, wie aufmerksam Bedell ihm gegenüber war. Trotzdem saugte der Mann Körpersprache und Kommunikation der anderen Gäste in sich auf wie ein Junkie die Drogen. Er schien nicht aus seiner Haut zu können, Menschen zu beurteilen, ihr Verhalten zu analysieren und zu bewerten. Und dennoch war er voll bei der Sache, vermittelte Cotton das Gefühl, nur für dieses Treffen bei Fran’s zu sitzen.

»Sie haben eine Vermutung, was die Opfer angeht, nicht wahr?«

Cotton nickte.

Auf Bedells Stirn bildeten sich wellenförmige Falten. »Raus damit, Agent. Je mehr Informationen, umso besser für meine Einschätzung.«

»Es ist jedoch nur ein vager Verdacht.«

»Jetzt spucken Sie es schon aus.«

Cotton legte den Löffel beiseite und lehnte sich zurück. Das scharfe Essen reizte seine Speiseröhre. Er hustete, schob den Teller an den Rand des Tisches, um seine Ellbogen auf der Platte abzustützen und sich möglichst weit vorbeugen zu können. Dann flüsterte er: »Es ist ein Hinweis, den ich von einem Freund erhalten habe. Ob und inwieweit er tatsächlich die Fakten wiedergibt, kann ich nicht sagen.«

»Raus damit«, entgegnete Bedell, der sich nun seinerseits vornüberbeugte, sodass ihre Köpfe beinahe zusammenstießen.

»Mein Freund glaubt, dass es sich um gezielte Anschläge gegen die muslimische Community handelt.«

Bedell schaute irritiert drein. »Ich habe auch Barboza gesehen, die über die syrischen Flüchtlinge an der Murrow High berichtet hat. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass von Fremdenhass die Rede war. Mir wäre nicht bewusst, dass an den Schulen nur Muslime unterrichtet werden. Wie kommt Ihr Freund darauf?«

»Es ist Angst. Blanke Angst, wie er es mir schilderte. Auf die betroffenen Schulen und den Kinderhort gehen überdurchschnittlich viele Nicht-Christen, aber nicht ausschließlich.«

»Können Sie das verifizieren?«

Cotton schüttelte den Kopf. »Religionszugehörigkeit von Schülern ist eine Blackbox wegen des Verbots von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Es fehlen jegliche Unterlagen dazu. Aber gehen wir mal davon aus, dass mein Freund richtig liegt. Ziel der Anschläge sind muslimische Kinder. Der oder die Attentäter führen einen Bombenkrieg gegen den Islam, wollen die Kinder treffen und die Eltern in Panik versetzen. Er nimmt in Kauf, dass es auch Kinder anderer Religionen trifft. Was ändert das an Ihrer Einschätzung über den Täter?«

Bedell lehnte sich zurück, schaute wiederum in den Gastraum. An der Theke gab es nun einige freie Plätze, da viele Gäste nach dem Mittagessen schon gegangen waren. Es wurde auch merklich stiller. Cotton konnte hören, dass irgendwo hinter seinem Rücken ein Fernseher lief. Starbucks-Werbung.

»In der Tat ändert dies etwas, Agent.« Bedell beugte sich wieder nach vorne. »Falls es um Muslime geht, ist die Tatsache, dass es keinerlei Bekennerschreiben gibt, ein, wenn nicht der wichtigste Punkt. Hier schlägt jemand um sich, der, im Gegensatz zu den islamischen Gotteskriegern, nicht mit seinen Taten prahlt und keine Aufmerksamkeit auf die wahren Motive lenken möchte.«

»Was sagt das über den Täter aus?«

»W

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