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Crazy Games. Der perfekte Tag, der in der Hölle endete

Mirjam Mous

Crazy Games

Der perfekte Tag, der in der Hölle endet

Aus dem Niederländischen
von Verena Kiefer

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Mirjam Mous,
geboren 1963 in Made in den Niederlanden,
arbeitete als Sonderschullehrerin, bevor sie hauptberuflich Schriftstellerin
wurde. Sie schreibt Bücher für Kinder und Jugendliche und ist besonders
bekannt für ihre mitreißenden Thriller. Ihr erster Jugendroman »Boy 7«
kommt 2015 in die deutschen Kinos.

Weitere Bücher von Mirjam Mous im Arena Verlag:
Boy 7 – Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst
Room 27 – Zur falschen Zeit am falschen Ort
Password – Zugriff für immer verweigert

»Boy 7« ist auch als gleichnamiges Hörbuch erhältlich.

Inhaltsverzeichnis

1 – Words

2 – Trying to get to you

3 – Viva Las Vegas

4 – Double trouble

5 – The walls have ears

6 – I feel so bad

7 – Just pretend

8 – Sylvia

9 – Playing for keeps

10 – Hound dog

11 – Blue moon

12 – Hurt

13 – When it rains, it really pours

14 – I gotta know

15 – Dirty, dirty feeling

16 – Working on the building

17 – Lonesome cowboy

18 – Animal instinct

19 – Crawfish

20 – Fool

21 – It’s now or never

22 – Big boots

23 – It’s impossible

24 – I got lucky

25 – In the garden

26 – Puppet on a string

27 – Help me

28 – Easy question

29 – Suspicion

30 – So close, yet so far

31 – Devil in disguise

32 – This is the story

33 – Keeper of the key

34 – Tell me why

35 – Heartbreak Hotel

36 – It’s over

1

Words

Der letzte Samstag im Juli versprach, fantastisch zu werden. Alle Vorzeichen waren günstig.

1. Die Ferien hatten angefangen.

2. Ich brauchte deshalb meine Schuluniform nicht anziehen: einen schwarzen Anzug mit schwarzem Schlips und einem weißen Hemd, was einen schon in Beerdigungsstimmung bringt, bevor man auch nur einen einzigen Lehrer gesehen hat.

3. Ich konnte stattdessen mein Lieblingsshirt anziehen: nicht schwarz, sondern blau und dann auch noch genau so ein Blau, das mich fröhlich macht.

4. Plötzlich hatten wir Sommerwetter, aber so richtig. Wie auf den Bahamas, meine ich, sodass man sich mit Lichtschutzfaktor 100 eincremen muss, damit man keinen Hautkrebs bekommt. So heiß war es hier nur alle Jubeljahre mal.

5. In einer Woche würden The Comet Cowboys in Low auftreten und Talishas Vater konnte über seine Arbeit an Freikarten kommen.

6. Last but not least hatte ich auch noch die ganze Zeit diesen einen Satz von Talisha im Kopf: Sie hatte gesagt, mit meiner neuen Brille sähe ich glatt aus wie der jüngere Bruder von Johnny Depp.

Tipp: Lass dich von günstigen Vorzeichen nicht zum Narren halten.

Ich hatte mich mit Talisha auf dem Pier verabredet. Um elf Uhr und mit Plan. Ich wollte endlich Nägel mit Köpfen machen. Das versuchte ich schon seit Monaten, aber es ging immer wieder schief, weil Privatsphäre auf St. Michael in etwa so selten ist wie eine ordentliche Schulmahlzeit. Erstens hat Talisha hundert Freundinnen, die jede Pause an ihr kleben wie Schnecken an einem Auto nach einem Regenschauer. Und die wenigen Male, die wir allein waren, hängten sich Simon und Peter wie die Kletten an uns. Angeblich um mich zu retten, weil Mädchen total bescheuert sind. Aber das sagen sie nur, weil sie selbst keine Freundin abbekommen, was im Übrigen nicht verwunderlich ist, weil sie sich wie Babys benehmen, sobald Mädchen in der Nähe sind.

Aber an diesem Samstag sollte alles anders laufen. Die einzigen Störenfriede am Linfertpier waren Möwen, die einem die Fritten klauen wollten, also zog ich pfeifend die Haustür hinter mir zu und ging auf die Straße.

Ein paar Meter entfernt stand ein Mann auf dem Bürgersteig. Oder besser gesagt: Irgend so ein schräger Typ, denn obwohl es knallheiß war, trug er einen dicken gestreiften Pullover, eine lange Hose und Snowboots. Seine Haare – Modell aufgedröselter Strick – fielen ihm bis auf die Schultern. Er hatte weder eine Tasche noch einen Koffer bei sich, sondern so eine schwarze Plastikmülltüte, in denen Obdachlose gern ihre Sachen transportieren. Vermutlich hatte er sich verlaufen, denn normalerweise sieht man nie Obdachlose in unserem Viertel. Meistens hängen sie bei den Fischhütten rum – so nennt man hier die abgeblätterten Hütten, in denen die Fischer früher ihre Netze aufbewahrten. Aber auf St. Michael nennen wir sie immer Pisshütten, weil es dort so schrecklich stinkt.

Schon nach wenigen Schritten vibrierte mein Smartphone in der Hosentasche. Augenblicklich vergaß ich den Typen. Das könnte Talisha sein!

Es war eine SMS von Simon: WO BIST DU?

Das würde ich ihm bestimmt nicht auf die Nase binden.

Ich wollte das Smartphone gerade wieder einstecken, aber plötzlich stand Mr Obdachlos vor mir und streckte einen Arm nach mir aus.

Er wollte mich beklauen! Vor Schreck wich ich zurück.

Aber zu meinem großen Erstaunen nahm mir Mr Obdachlos mein Smartphone nicht weg. Im Gegenteil, er wollte mir etwas geben. Seine schmuddeligen Finger versuchten, mir einen schlampig zusammengefalteten Zettel zuzustecken. Igitt! Vielleicht kam der geradewegs aus irgendeinem Mülleimer, in dem er gewühlt hatte!

Ich schlug ihm den Zettel aus der Hand und schnauzte ihn an: »Was willst du?«

»Don’t shoot the messenger«, sagte er und überquerte die Straße.

»Vollidiot!«, rief ich ihm nach.

Er hörte mich nicht oder tat so, als würde er mich nicht hören, auf jeden Fall schlurfte er einfach weiter, die Plastiktüte an sich gepresst, als wäre sie ein kostbarer Schatz, den er hüten musste. Ich starrte ihm nach, bis er in der kleinen Grünanlage verschwand.

Creep!

Dann erst schaute ich nach dem Zettel, der zu Boden gefallen war.

Hä? Stand da etwa mein Name drauf?

Ich ging in die Hocke, damit ich den Text besser lesen konnte und trotzdem nichts anzufassen brauchte.

Tatsächlich: ELVIS LONG – das war ich.

Das Blut rauschte mir in den Ohren. Es war also nicht einfach irgendein Zettel, sondern eine Nachricht. Aber woher wusste der Penner meinen Namen?

Meine Neugier war stärker als mein Ekel. Ich hob den Zettel auf und faltete ihn auseinander. Schwarze, von Hand geschriebene Buchstaben im Layout eines Einkaufszettels. Mein Blick glitt über den Text.

DAS IST EIN TEST.

WIR HABEN DEINEN VATER.

ERZÄHL ES NIEMANDEM.

SONST UNTERZEICHNEST DU SEIN TODESURTEIL.

2

Trying to get to you

Das musste ein Irrtum sein. Mr Obdachlos hatte mich bestimmt mit jemandem verwechselt – mit irgendeinem Söhnchen reicher Leute, das mir zufällig ähnlich sah. Ich meine, warum sollte jemand meinen Vater kidnappen wollen? Meistens hatte er mehr Schulden als Geld.

Andererseits: Das war mein Name auf diesem Zettel. Auf St. Michael gab es noch einen Bob Long – nicht verwandt – und ein paar Straßen weiter wohnte Martin Long – ein entfernter Neffe –, aber ich kannte niemanden, der wie ich Elvis hieß. Nur wenige Eltern sind so gestört, ihr Kind nach einem hüftschwingenden Sänger im Karateanzug mit Glitzersteinchen zu nennen.

Außerdem hatte der Penner in unserer Straße auf mich gewartet. Er wusste offenbar nicht nur, wie ich heiße, sondern auch, wo ich wohne. Der Zettel war also sehr wohl für mich bestimmt. Ich glaubte nicht, dass Mr Obdachlos ihn selbst geschrieben hatte, sonst würde er nicht von einem messenger reden. Aber wer um Himmels willen hatte ihn als Boten zu mir geschickt?

Mein Smartphone vibrierte erneut. Ich dachte sofort wieder an Talisha, aber diesmal kam die SMS von Peter.

WO STECKST DU DENN, MANN?

Ein Gedanke durchzuckte mich – stammte der Zettel vielleicht von den Zwillingen? Der zigste Scherz, um Talisha und mir dazwischenzufunken?

Nein, das konnte nicht sein. Peter und Simon wussten überhaupt nicht, dass ich eine Verabredung mit ihr hatte. Dann ein Scherz von jemand anderem?

Wir haben deinen Vater …

Dass sich der ein oder andere Knirps so einen idiotischen Text ausdenkt, das konnte ich mir ja noch vorstellen. Die haben das vielleicht aus dem Fernsehen und spielen es nach. Simon ist früher auch mal von einem Schuppen gesprungen, weil er dachte, er könne wie Superman fliegen. Aber ein Erwachsener, der zum Spaß solche Zettel verschickt?

Dennoch sah die Handschrift danach aus. Ein Demenzkranker mit einem morbiden Humor vielleicht? Oder vielleicht so ein Typ wie Murry? Er wohnte ein paar Häuser weiter als meine Mutter und ich und tat nichts lieber, als die ganze Nachbarschaft zu terrorisieren.

Na, dann kannte er Elvis Long noch nicht! So leicht ließ ich mich nicht auf so etwas ein. Erst mal nachsehen, ob Papa nicht einfach ganz normal zu Hause auf dem Sofa herumhing.

Mit der modernen Technik war das nicht allzu kompliziert. Ich suchte die Nummer meines Vaters und drückte auf Anrufen.

Sein Telefon läutete, aber er nahm nicht ab.

Ich sprach ihm auf den Anrufbeantworter: »Hallo Papa, kannst du mich bitte mal zurückrufen?«

Wahrscheinlich schlief er noch. Das war vollkommen normal nach einem Auftritt.

Aber das weißt du nicht sicher, flüsterte eine Stimme in meinem Kopf.

Ich mochte mir gar nicht vorstellen, dass ich vielleicht gerade mit Talisha irgendwo herumknutschte, während mein Vater …

»Na, herzlichen Dank, Papa …«, murmelte ich.

Dann steckte ich das Smartphone wieder ein und rannte zur John Street.

Seit meine Eltern getrennt sind, hat mein Vater dort ein Zwei-Zimmer-Appartement über einer Feinbäckerei. Die Eigentümerin heißt eigentlich Will Suthers, aber mein Vater und ich sagen immer Willy Wonka, weil sie mit Schokolade zaubern kann, wie Willy Wonka im Buch Charlie & die Schokoladenfabrik. Ihre Cupcakes und Brownies sind kriminell köstlich, ungelogen! Papa ist übrigens nicht nur ihr Mieter, sondern auch ihr Nachbar, denn sie wohnt gleich neben ihm. Sie teilen sich einen Treppenaufgang und eine knallrote Haustür.

Nach zehn Minuten Spitzensport presste ich keuchend und verschwitzt meinen Daumen auf die oberste Klingel. Papa gab keinen Mucks. Auch nicht, als ich die Briefkastenlade klappern ließ.

Er kann manchmal ziemlich tief schlafen, also klingelte ich erneut – lange und laut – und danach klingelte und klapperte ich gleichzeitig.

Warten. Horchen.

Ich trat einen Schritt zurück und spähte hinauf. Nirgends war auch nur der Schimmer einer Bewegung zu erkennen und es ging auch kein Fenster auf.

Ich versuchte, meine aufsteigende Unruhe zu unterdrücken. Es war bestimmt alles in Ordnung. Außerdem konnte ich die Schlüssel holen und mich selbst reinlassen. Wonka hatte ein Reserveset im Laden.

Als ich die Tür von Pies & Pastries öffnete, läutete eine altmodische Ladenglocke. Eine Mischung aus süßen und bitteren Düften kitzelte meine Nase. Wonka stand hinter der Theke und schob gerade eine Schale mit Fleischpastetchen in die Vitrine. Sobald sie mich erkannte, zog sie wie ein Kaninchen die Oberlippe hoch. So lächelt sie immer.

»Elvis, Schätzchen!«, sagte sie. »Wie geht es dir?«

»Prima«, schwindelte ich. »Kann ich mal die Schlüssel haben? Mein Vater macht nicht auf. Wahrscheinlich liegt er noch im Bett.«

Sie machte noch mal das Kaninchen und verschwand dann nach hinten. »Neue Brille?«

»Richtig gesehen!«, rief ich.

»Steht dir gut!« Sie kam mit zwei Schlüsseln an einem kleinen Ring zurück. »Ich bräuchte eigentlich auch eine. Eine Lesebrille, meine ich. Meine Arme werden zu kurz für die kleinen Buchstaben.«

Ich machte, dass ich rauskam, bevor sie auch noch von ihren kaputten Hüften und schmerzenden Hühneraugen anfangen würde.

Haustür öffnen! Ich nahm die Treppe mit zwei Stufen auf einmal und bollerte mit der Faust gegen die Wohnungstür.

Entweder hatte er sich bewusstlos gesoffen oder er war nicht da. Und wenn er nicht da war, konnte dieser Zettel …

Unsinn!

Ich steckte den Schlüssel ins Schloss und ging hinein. Die niedrige Decke und das kleine Zimmer verursachten mir wie immer ein beklemmendes Gefühl. Ein paar Sekunden, dann war es vorbei.

»Papa!«, rief ich. »Pa, ich bin’s, Elvis!«

Für die Durchsuchung seiner Wohnung brauchte man keine drei Sekunden. Ich konnte das Sofa, den Fernseher und die kleine Küche inklusive der Esstheke mit einem Blick erfassen. Mein Vater war nicht da.

»Papa?« Ich betrat das schmale Schlafzimmer.

Niemand lag im Bett. Besser gesagt: Es war schon gemacht. Über dem Stuhl neben dem Fenster hingen keine Kleidungsstücke. Ich überprüfte das Badezimmer – eine anderthalb Quadratmeter große Nasszelle mit WC, Abflussloch und Dusche –, aber auch die war leer.

Ehrlich gesagt bekam ich allmählich ein bisschen Schiss. Papa hat die biologische Uhr eines Vampirs und jetzt war er vor elf Uhr morgens schon aus dem Haus. Das war zumindest verdächtig.

Ich unterzog die Küche einer näheren Inspektion. Mein Vater war nicht während des Frühstücks mitgenommen worden, sonst würden noch Sachen herumstehen. Im Spülbecken stand nur ein Glas, aber kein schmutziger Teller, keine benutzte Tasse und keine Pfanne. Vielleicht hatte er noch nicht gefrühstückt und plötzlich gemerkt, dass er keine Eier mehr hatte. War kurz in den Coop gegangen, um welche zu kaufen. Sowieso sah ich nirgendwo Hinweise eines plötzlichen Aufbruchs oder eines Kampfs, wie zerbrochene Fotorahmen oder einen umgefallenen Stuhl. Die Barhocker an der Esstheke standen noch normal aufrecht und waren nicht einmal zurückgeschoben. Das war beruhigend. Mein Vater würde sich nie ohne Gegenwehr mitnehmen lassen und es schien mir auch nicht wahrscheinlich, dass die Kidnapper alles ordentlich aufgeräumt hatten.

Trotzdem konnte ich es nicht lassen, den Inhalt des Kühlschranks zu überprüfen. Fünf Eier, Butter, Frühstücksspeck, Milch. Im Schrank lag noch ein halbes Brot und ich fand ein Glas löslichen Kaffee und Teebeutel. Völlig ausreichend für ein Frühstück.

Nicht zum Coop also.

Ich ließ den Deckel des Mülleimers hochklappen. Es war gerade eine neue Tüte drin. Ich hatte erwartet, Eierschalen oder benutzte Teebeutel darin zu finden, aber nein. Auf dem Boden lag nur eine leere Konservendose: Ravioli in Tomatensoße.

Das war dann doch wieder alarmierend.

Keine Spur von Frühstück, nur Abendessen und …

Das Bett! Wahrscheinlich war es nicht schon gemacht, sondern es hatte einfach niemand darin geschlafen.

Ich lehnte mich an die Anrichte und kaute auf der Innenseite meiner Wange.

Warum war Papa heute Nacht nicht nach Hause gekommen? Hatte er jemanden getroffen und anderswo übernachtet? Es wäre allerdings schon ein blöder Zufall, wenn das ausgerechnet an dem Tag passierte, an dem ich so einen seltsamen Zettel bekam. Manche Tage beginnen fantastisch, aber kaum passt man mal einen Augenblick nicht auf, landet man in der Hölle. Ich musste ernsthaft damit rechnen, dass es wahr sein könnte. Dass mein Vater tatsächlich entführt worden war. Und zwar nicht erst heute Morgen, sondern schon gestern.

3

Viva Las Vegas

Erst als ich auf der Straße stand, dachte ich wieder an Talisha. Sie war natürlich schon längst weg – schöne, selbstsichere Mädchen warten wirklich keine Ewigkeit. Eigentlich fand ich es nicht einmal besonders schlimm. Mir stand der Kopf gerade nicht nach einem Date oder so.

Ich suchte ihre Nummer und hielt mir das Smartphone ans Ohr.

»Hi, hier spricht Talisha …«

Ich machte mir nicht die Mühe, ihr auf den AB zu sprechen, den hörte sie doch nie ab. Eine SMS schicken, war besser.

SORRY, ES IST ETWAS DAZWISCHENGEKOMMEN, KÖNNEN WIR UNS ETWAS SPÄTER TREFFEN?

Jetzt nur noch hoffen, dass sie mir nicht allzu böse sein würde.

Ich steckte mein Telefon ein und machte mich auf den Weg ins Vegas. Onkel Bob würde mir bestimmt mehr erzählen können. Er war nicht wirklich mein Onkel, sondern der Manager meines Vaters und der Besitzer der Spielhölle, in der mein Vater auftrat.

Pa ist Elvis-Imitator. Das klingt vielleicht komisch, aber das Lachen vergeht einem schnell, wenn man das in einer Klasse mit Kindern von Managern, Ärzten und Feuerwehrmännern erzählen muss. Oder den Eltern eines Mädchens, das man mag, oder dem Mädchen selbst. Darum sagte ich meistens, Papa sei Künstler, und wenn sie weiterfragten: Sänger, und wenn sie immer noch weiter fragten: von Covertiteln. Aber jeder, der ab und zu ins Vegas ging, wusste, dass mein Vater sich an fünf Abenden der Woche in ein Elvis-Kostüm zwängte, um vor einem silbernen Glitzervorhang zu singen.

»Viva Las Vegas!«

Damals, als meine Eltern sich gerade getrennt hatten, nahm mich mein Vater regelmäßig mit zu seiner Arbeit. Das war billiger als ein Babysitter. Sein Repertoire bestand aus drei Sets und einer Zugabe. Ich wurde meistens schon nach dem ersten Set in die Privaträume vom Vegas verbannt. Da gab es ein kleines Zimmer, das eigentlich als Umkleide für die Künstler gedacht war, aber das verschlissene Sofa, das dort stand, wurde auch von den Kellnerinnen benutzt, wenn sie Pause machen wollten. Und eben von mir als Schlafsofa. Onkel Bob hatte damit kein Problem. Ich durfte Popcorn essen und Cola trinken bis zum Abwinken und es fühlte sich an, als wäre ich im Paradies gelandet. Leider bekam meine Mutter schon nach einigen Monaten Wind davon. Sie gebrauchte – missbrauchte, sagte Papa – die Umgangsregelung als Druckmittel: »Wenn du Elvis noch einmal in dieses Sodom und Gomorra mitnimmst, siehst du ihn nie wieder!« Meine Mutter reagiert durchaus öfter mal übertrieben, finde ich. Vor allem, wenn es um meinen Vater geht.

Ich verstand übrigens nicht, wo Onkel Bob sie immer auftrieb, aber seine Kellnerinnen waren die schönsten in der ganzen Stadt. Und dann trugen sie auch noch Kleider, die alle ein klein wenig durchsichtig waren, sodass man ihre Unterwäsche durchschimmern sah …

Ich erschrak von dem Ping-Geräusch aus meiner Hosentasche.

Talisha! Irgendwie fühlte ich mich ertappt.

ETWAS?, schrieb sie. ICH HABE EINE VIERTELSTUNDE AUF DICH GEWARTET, DU TROTTEL. WAS GIBT ES WICHTIGERES ALS EINE VERABREDUNG MIT MIR?!!!

Sie hatte auf mich gewartet. Das hörte sich doch gar nicht so schlecht an, oder?

Mein Daumen flitzte über die Tasten: NICHTS, ABER ES IST WAS MIT MEINEM VATER UND …

Gerade noch rechtzeitig dachte ich an den Zettel: Erzähle es niemandem, sonst unterzeichnest du sein Todesurteil.

Löschen!

MEGASORRY, ABER MIR IST PLÖTZLICH TOTAL ÜBEL. Ich drückte auf Versenden.

Talishas Antwort folgte auf dem Fuß: SHIT, DOCH NICHTS SCHLIMMES? WIE BLÖD FÜR DICH, WIR HOLEN DAS SPÄTER NACH, JA?

JA!!! schrieb ich.

Das Vegas liegt am Palmera Drive. Auf die rosafarbene Wand neben dem Eingang ist The Strip gemalt, das ist die bekannteste Straße des echten Las Vegas, in der alle großen Kasinos stehen. Noch bevor ich richtig drinnen war, hörte ich das Piepen und Rattern der Spielautomaten vermischt mit Hintergrundmusik. Zumindest wenn man das Geplärre von Elton John als Musik bezeichnen kann.

Nach der grellen Sonne mussten sich meine Augen erst an das Halbdunkel gewöhnen. Um diese Zeit war noch nicht viel los. Die Stammkunden schliefen ihren Rausch aus und es waren meist Touristen, die jetzt schon ein Spielchen wagten.

»Elvis? Was machst du denn hier?« Ein kleiner Mann mit einem runden Schädel und einem Strichbart kam zu mir.

Onkel Bob.

Unterwegs hatte ich schon meine Taktik festgelegt: Nicht von dem Zettel reden, aber meine Fragen so formulieren, dass er nicht misstrauisch werden würde: »Ich bin auf …«

Er ließ mich nicht ausreden. »Hat dein Vater dich geschickt?«

»Ich suche ihn gerade. Er ist nicht zu Hause, also dachte ich …«

»Hier ist er auch nicht.«

»Aber gestern doch schon, oder?«

Onkel Bob schüttelte den Kopf.

Ich verstand es nicht. »Wann hast du ihn denn zum letzten Mal gesehen?«

»Ungefähr vor einem Monat.«

Einen Augenblick war ich perplex. »Und seine Auftritte?«

»Hat er dir nichts erzählt?« Onkel Bob sah einer seiner bildschönen Kellnerinnen hinterher.

»Was?«, fragte ich.

»Ich … äh …« Er richtete den Blick zu Boden. Roter Teppich. Getränke- und Kaugummiflecken.

»Ich habe ihn entlassen müssen.«

Papa arbeitete schon hundert Jahre im Vegas!

»Ich konnte nicht anders«, murmelte Onkel Bob. »Er blieb immer öfter weg. Und das, obwohl er mir noch Lohn schuldet.«

Er irrt sich, dachte ich. Bob ist der Boss und Papa ist der Arbeitnehmer. Wie kann mein Papa ihm dann Lohn schulden?

»Ich hätte ihm nie diesen Vorschuss geben dürfen.« Onkel Bob starrte weiter auf diesen blöden Teppich, als wäre er eine faszinierende Landkarte. »Er sagte, er bräuchte es für eine Investition und er würde es doppelt und dreifach wieder reinkriegen. Dann bekäme ich im Handumdrehen mein Geld, inklusive Zinsen.«

»Was für eine Investition?«

»Keine Ahnung. Er tat ungeheuer geheimnisvoll.« Onkel Bob zupfte an seinem Bärtchen. »Vermutlich hat er es einfach verzockt, kann es mir nicht zurückzahlen und traut sich deswegen nicht mehr, sich hier blicken zu lassen.«

Eine Kellnerin tippte Onkel Bob auf die Schulter. »Der Magier ist da.«

»Ich komme.« Dann sah er mich endlich an. »Es tut mir leid, ich habe einen Bewerber.«

Als würde ich nicht merken, wie erleichtert er war.

Onkel Bob verschwand hinter der Tür mit der Aufschrift PRIVAT und ich ging hinaus. Das Licht war wie ein Schneidbrenner. Mir war schwindelig. Natürlich war es nichts Neues, dass mein Vater Schulden hatte, aber dass er sogar bei Onkel Bob in der Kreide stand …

Und dann fiel mir etwas ein: Vielleicht schuldete er den Kidnappern ja auch Geld und sie hatten ihn deswegen entführt? Dann wäre der Zettel ein letzter verzweifelter Versuch, den Betrag doch noch zurückzubekommen, und sie hofften, Mama oder sonst jemand wäre verrückt genug zu zahlen.

Aber weshalb durfte ich dann niemandem etwas davon erzählen? Und warum stand nichts von Lösegeld auf dem Zettel?

4

Double trouble

Da stand ich also, vor dem Vegas, den Kopf voller brennender Fragen, in der glühend heißen Sonne.

Ich musste etwas tun, aber was? Ehrlich gesagt fiel mir rein gar nichts ein. Die ganze Situation war so absurd, dass sie genau so im Fernsehen laufen könnte, außer, dass die Leute in Krimiserien immer wissen, was sie tun müssen, nämlich: herausfinden, wer das Opfer zuletzt gesehen hat. Und dann ist auch schon klar, wer der Mörder – oder in Papas Fall: der Entführer ist.

Weil mir nichts Besseres einfiel, beschloss ich, dieselbe Taktik anzuwenden. Meine erste Anlaufstelle war Betfred – das Lieblingswettbüro meines Vaters in der Little Road. Papa war dem Hunderennen sehr zugetan. Vor Jahren hatte er auf den Neuling Lucky Strike gesetzt und damit genügend Geld gewonnen, um einen Gebrauchtwagen und einen Secondhandfernseher kaufen zu können. Er nannte es »seine große Schlacht«, als wäre er so eine Art Wilhelm der Eroberer – und obwohl er das Auto schon längst wieder hatte verscherbeln müssen, glaubte er noch immer, dass irgendein Windhund ihn eines Tages zu einem reichen Mann machen würde.

Yeah, right.

Ich bog wieder auf den Palmera Drive ein, dieses Mal in entgegengesetzter Richtung. Unten am Kieselstrand lagen ein paar Leute hinter einem Windschutz. Auf dem Boulevard oben herrschte mehr Betrieb, alle Bänke und Strandkörbe waren besetzt. Ich sah Mütter mit Kinderbuggys und alte Frauen mit Riesensonnenbrillen. Eine von ihnen trug sogar einen lächerlichen Hut mit Schleifen, als wäre sie in Ascot auf der Rennbahn. Drei Männer lachten über einen vierten, der mit schwerem Akzent etwas Witziges erzählte. Kurze Hosen, bleiche Beine und Tattoos, die unter Hemdärmeln hervorlugten. Aber Papa war nicht dabei.

Der Strand verwandelte sich immer mehr in einen Spielplatz. Ein Junge federte an riesigen Gummibändern durch die Luft und ein Mädchen purzelte in einer gigantischen durchsichtigen Plastikkugel herum. Im Meer hinter ihnen ritten Surfer auf den Wellen.

Ein paar Meter weiter lag der Pier. Die Eingangstore standen offen und das weiße Kuppeldach von The Old Carousel glitzerte. Die Enttäuschung nagte in meiner Brust. Dort hätte ich jetzt mit Talisha stehen können …

Ich ließ das Meer hinter mir und lief in Richtung Zentrum. Mittlerweile schaute ich mir jeden Entgegenkommenden genau an, sogar die Fußgänger auf der anderen Straßenseite.

Da! Der Mann …

Aber nein, das war nicht mein Vater.

Bei der White Street ging ich in den Park und bei Wiggles wieder hinaus. Danach brauchte ich nur noch eine Straße zu überqueren und in eine Seitenstraße einzubiegen …

Little Road. Schmal wie eine Poritze und bis zum letzten Zentimeter zugebaut. Das Wettbüro war eingeklemmt zwischen Domino’s Pizza und Something Fishy – eine Snackbar, die Fish & Chips verkaufte. An der rechten Seite der Fassade stand BETFRED, auf der linken THE BONUS KING.

König Raffgier, sollte das wohl heißen.

Ich drückte die rote Tür auf.

Von innen war das Wettbüro größer, als ich gedacht hatte. Eine Wand war von vorn bis hinten mit Bildschirmen bedeckt – drei Reihen hoch. Darunter, an derselben Wand, stand eine Holztheke mit einer Reihe Barhockern davor. Ich fragte mich, welcher Hornochse diesen Raum wohl eingerichtet hatte. Man musste ein Schlangenmensch sein, wenn man sich hier ein Wettrennen anschauen wollte, ohne einen Krampf im Nacken zu bekommen.

Im Augenblick lief kein Wettkampf. Die Bildschirme zeigten nur Ergebnisse. Ich schlenderte weiter zum Schalter, eine Festung aus Holz und Glas mit einer Überwachungskamera darüber. Dahinter saß ein Mann mit Schlupflidern, die ihm eine träge und zugleich zwielichtige Ausstrahlung gaben.

Er lugte unter den Lidern hervor. »Ich glaube nicht …«

»Ich bin nicht zum Wetten hier«, sagte ich schnell. »Ich suche meinen Vater, Chris Long. Er kommt regelmäßig hierher.«

Der Mann zuckte die Schultern. »Es kommen so viele Leute hierher.«

Ich fischte mein Smartphone aus der Hosentasche. Mit ein wenig Glück … Ja, ich fand ein Foto von Papa. Ich hatte es aufgenommen, als wir ein paar Tage nach meinem Geburtstag bei F&B essen waren. Kurz vor dem Nachtisch ging plötzlich das Licht aus und aus den Lautsprecherboxen schallte es irre laut: »Congratulations!« Aus dem Dunkel tauchte ein singender Kellner auf, der einen Eisbecher mit Wunderkerzenfeuerwerk trug – und was ich schon befürchtet hatte: Er kam geradewegs auf mich zu. Ein paar Frauen und Kinder begannen mitzuklatschen und alle starrten mich an. Wirklich, ich schämte mich in Grund und Boden. Um mich irgendwie zu retten, machte ich ein paar Aufnahmen mit meinem Smartphone. Und jetzt grinste mich mein Vater von meinem kleinen Display an, als würden wir das jährliche Feuerwerk am Pier bewundern.

»Das ist er«, sagte ich. »Er ist einer Ihrer Stammgäste.«

Der Mann hinter dem Schalter warf einen flüchtigen Blick auf das Foto. »Könnte sein.«

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Ich führe hier kein Gästebuch.«

»Gestern?«, fragte ich.

Er kniff sein linkes Auge zu. »Denke nicht.«

Wenn er überhaupt denken konnte. So eine träge Type war mir noch nie begegnet.

»Was denken Sie dann?«

»Vor ein paar Wochen, glaub ich. Aber es kann auch länger her sein.«

Das ließ ich einen Moment auf mich einwirken. Das Vegas war also nicht der einzige Laden, den mein Vater schon seit einiger Zeit nicht mehr besuchte. Aber warum? Es musste etwas Besonderes geschehen sein, noch bevor er entführt worden war …

Plötzlich wusste ich, was ich tun würde: Das Appartement meines Vaters durchsuchen! Vielleicht würde ich ja etwas zwischen seinen Sachen entdecken, was mir weiterhelfen konnte.

Ich bedankte mich bei dem Mann von Betfred und wollte mein Smartphone gerade wieder in meiner Tasche versenken, als es klingelte. Talisha. Normalerweise rief sie nie an. Vielleicht sollte ich öfter angeblich krank werden!

»Hi«, sagte ich beim Hinausgehen.

Ihre Worte knallte wie Gewehrschüsse in mein Ohr: »Ich dachte, du fühltest dich so schlecht?«

Ich erschrak zu Tode und suchte meine paar Gehirnzellen zusammen. Meine Stimme hatte mich natürlich verraten!

»Ja, ziemlich.« Ich strengte mich sehr an, krank, schwach und elend zu klingen.

»Glaubst du wirklich, ich falle darauf rein?«, schnauzte sie.

»Ich …« Natürlich! Die Straßengeräusche verrieten ihr, dass ich nicht im Bett lag. Ich wollte gerade sagen, ich sei auf dem Weg zu meinem Hausarzt, aber dazu kam ich nicht.

»Lügner!«, schrie sie. »Warum sagst du nicht einfach, dass du es dir anders überlegt hast? Dass du keine Lust mehr hast, mich zu treffen?«

Sie hatte sich einen Sonnenstich eingefangen und war verrückt geworden.

»Ich will mich total gern mit dir treffen!«, rief ich.

Es wurde still.

Dann sagte sie eisig: »Und deswegen läufst du ganz allein am Strand entlang und lässt mich am Pier dumm rumstehen.«

Mein Magen zog sich zusammen. Sie hatte mich gesehen.

»Ich war wegen meines Vaters dort«, sagte ich. »Es ging um einen … äh … Notfall.«

»Warum hast du das denn nicht gleich gesagt?«

»Das wollte ich ja, aber …« Wie konnte ich sie nur beruhigen, ohne Papa in Gefahr zu bringen? »Es ist ziemlich kompliziert.«

Wieder eine sekundenlange, ohrenbetäubende Stille. Für mein Gefühl dauerte sie Stunden – oder zumindest so lang, dass ich es irgendwann nicht mehr aushielt.

»Mein Vater ist einfach plötzlich verschwunden«, sagte ich.

»So einfach auf einmal«, sagte sie geringschätzig. »Wollen wir wetten? Weggezaubert von David Copperfield?«

Wetten. Ich hasste dieses Wort.

»Keine Magie«, sagte ich. »Ich glaube, dass er … äh … Probleme hat.«

»Und da musstest du ihn unbedingt suchen, genau zu dem Zeitpunkt, als du mit mir verabredet warst. Du hattest nicht mal Zeit, kurz zum Pier zu laufen, obwohl du wusstest, dass ich dort auf dich gewartet habe.« Mit jedem Satz klang Talishas Stimme eine Oktave höher. »Und dann diese dämliche Ausrede. Warum hast du nicht einfach gefragt, ob ich dir beim Suchen helfen würde?«

Was ist das bloß bei Frauen, dass sie immer alles ganz genau wissen wollen und endlos weiternerven? Fast wünschte ich, sie wäre ein bisschen mehr wie Peter und Simon.

Fast.

»Entschuldige«, sagte ich. »Aber ich kann nicht darüber reden.«

»Wieso nicht?«

Herrje, sie hatte wirklich Ähnlichkeit mit einem Pitbull.

»Wirklich, es tut mir irre leid«, sagte ich noch mal. »Später erkläre ich dir alles.«

Ihre Reaktion kam vollkommen unerwartet: »Na dann, schöne Ferien.«

»Ich sehe dich doch noch?« Sogar meine Stimme kroch vor ihr und das fand ich ziemlich peinlich.

»Sure. Wenn das neue Schuljahr anfängt oder so.«

»Warte!«

»Wolltest du mir noch etwas sagen?«, fragte sie auf eine Art, die dafür sorgte, dass ich sie für einen Moment hasste.

Ich schaute nach den Leuten um mich herum. Zu viele Ohren und Augen.

»Nicht hier«, sagte ich. »John Street 45. In zehn Minuten.«

Talsiha hatte das Gespräch kaum beendet, da hätte ich mir die Zunge abbeißen können.

Das ist ein Test …

Wenn mein Vater ermordet wurde, war es meine Schuld!

Als ich bei der Wohnung ankam, hatte ich mich beruhigt. Ich musste Talisha nur ewige Schweigepflicht auferlegen und niemand würde herausfinden, dass ich mich verquasselt hatte.

Erneut klingelte ich, mehr aus Gewohnheit, als dass ich noch mit irgendwas rechnete. Trotzdem verspürte ich eine leichte Enttäuschung, als Papa noch immer nicht öffnete. Mit den Reserveschlüsseln betrat ich das Appartement.

Im Flur war es nicht nur beklemmend – es herrschte Grabesstille. Plötzlich sehnte ich mich so sehr nach Talishas Anwesenheit, dass es fast wehtat. Ich stellte mich im Wohnzimmer ans Fenster.

Wo blieb sie denn jetzt?

Es gelang mir nicht, länger als ein paar Minuten zu warten. Ich hatte zu viel Adrenalin im Körper, das schrie nach Action – auf einen Boxsack einschlagen oder so. Den hatte Papa nicht, also machte ich mich stattdessen an die geplante Spurensuche.

Das Schränkchen, auf dem der Fernseher stand, hatte eine Schublade. Ich zog sie auf. Stifte, ein Feuerzeug, ein Päckchen vertrocknete Zigaretten aus der Zeit, als mein Vater noch rauchte, und eine zwei Jahre alte Zeitschrift. Dann eben das Schränkchen selbst. Ein Fotoalbum … Mein Smartphone brummte.

Wenn Talisha es sich bloß nicht anders überlegt hatte!

Ich lugte nur vorsichtig durch die Wimpern auf das Display.

Die Nachricht kam nicht von Talisha. Es war noch viel schlimmer.

WIR HABEN DICH GEWARNT, stand da.

5

The walls have ears

Ich bekam einen sauren Geschmack im Mund. Woher wussten sie, dass ich mit Talisha …

Mein Smartphone! Sie hatten mich abgehört.

In einem Reflex warf ich es von mir, als wäre es ein gefährliches, giftiges Insekt. Es polterte auf den Boden.

Jetzt war ich ganz sicher, dass mein Vater entführt worden war. Niemand machte sich für einen Scherz so viel Mühe. Ich wusste nicht genau, wie man ein Telefon anzapft, aber irgendjemand hatte sich an meinem Gerät zu schaffen gemacht und ich hatte nichts gemerkt. Vielleicht auf St. Michael? Oder war der Täter in unserem Haus gewesen? Wer weiß, vielleicht hatte er sogar in meinem Zimmer gestanden, während ich geschlafen hatte!

Die Vorstellung war furchterregend. Die Vorstellung, dass mich jemand abgehört hatte, übrigens auch.

Drei Schritte. Ich krallte meine klebrigen Finger um das Telefon und hob es auf.

Reichte es, wenn ich die SIM-Karte vernichtete? Ich wollte kein Risiko eingehen. Vielleicht befand sich ja auf dem Gerät selbst auch Spyware. Ich hatte keine Ahnung, ob das wirklich sein konnte, aber wenn man manchen Filmen glaubte …

Badezimmer. Ich klappte den Deckel der WC-Brille hoch und hielt mein Smartphone über die Kloschüssel.

Einfach fallen lassen und versenken, dann funktionierte es bestimmt nicht mehr.

Bloß – wie sollte ich das meiner Mutter beibringen? Wenn ich sagte, ich hätte es verloren, wäre es fraglich, ob ich ein neues bekäme, und mein Geburtstag war erst in sieben Monaten.

Es wurde geklaut! – Das könnte ich sagen. Elvis Long, Opfer eines Überfalls. Mama würde sich nicht aufregen, weil es nicht meine Schuld wäre. Die Versicherung würde zahlen und ich bekäme ein neues – vielleicht ein noch besseres – Smartphone.

Ich ließ es ins Wasser gleiten – schade allerdings um die Fotos, die darauf waren – und mit leichtem Schmerz im Herzen zog ich ab. Hoffentlich war das Modell strömungsgünstig und würde keine Verstopfung verursachen.

Hörte ich da die Klingel?

Talisha!

Ich wirbelte die Treppe hinunter zur Haustür und redete mir gut zu. Das Abhörgerät war beseitigt, wir konnten frei reden. Wegen einer Sache war mir allerdings ein wenig mulmig: Am Telefon hatte ich die Adresse genannt.

Angespannt spähte ich durch den Türspion. Glück gehabt, es war Talisha und kein zwielichtiger Typ mit einer Pistole oder wie auch immer ein Entführer aussehen mochte.

»Was …«, fragte sie, sobald ich aufgemacht hatte.

»Psst!« Blitzschnell scannte ich die Situation auf der Straße. Eine Frau betrat Pies & Pastries. Sie trug eine Einkaufstasche. Urteil: ungefährlich.

»Du benimmst dich ziemlich komisch«, sagte Talisha.

»Gleich.« Ich zog sie ins Treppenhaus und warf die Haustür zu. Vorläufig waren wir sicher.

Ohne ein weiteres Wort folgte sie mir nach oben in die Wohnung meines Vaters. Sobald wir in der kleinen Diele standen, sperrte ich die Tür zu und schob die Sicherheitskette vor.

Talisha schaute zu. »Du hast doch wohl nicht vor, mich zu vergewaltigen oder so?«

Mir war nicht nach Scherzen zumute. »Tut mir leid, aber sie wissen, wo wir sind.«

»Wer?«

»Die Leute, die mein Smartphone abgehört haben.«

Sie lachte los.

»Im Ernst.« Ich hörte den Ärger in meiner Stimme und sofort tat es mir leid.

»Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?« Sie lachte wieder. Ein Lachen, das abrutschte und ihr Blick rutschte mit. Da erst merkte ich, dass sie nervös war. Kein Wunder. Ich benahm mich wie jemand, der an Verfolgungswahn litt.

»Das Wohnzimmer«, sagte ich und nickte ihr zu, sie solle weitergehen. »Ich weiß, es klingt unglaubwürdig, aber unser Telefongespräch von eben wurde tatsächlich abgehört!«

Sie drehte sich um. »Von wem denn?«, fragte sie mit schiefem Grinsen. »MI6?«

»Nicht witzig«, sagte ich.

Sie sah mich forschend an. »Es ist dein Ernst, oder?«

Ich stellte mich ans Fenster und spähte zu dem Appartementkomplex auf der gegenüberliegenden Seite. Beim vierten Fenster bewegte sich etwas. »Vielleicht hockt dort ein Mann und späht mit einem Teleskop zu uns rüber.«

»Hast du irgendwelche Drogen genommen?«, fragte Talisha. »Du benimmst dich ziemlich paranoid.«

»Quatsch«, sagte ich. »Ich will dir was zeigen. Aber erst musst du mir versprechen, dass du es niemandem erzählst.«

Sie runzelte die Stirn. »Okay.«

Sicherheitshalber zog ich den Vorhang zu. Den wollte ich sehen, der uns jetzt noch beobachten konnte.

Sie wurde wieder leicht nervös. »Was hast du vor?«

Ich knipste die Stehlampe an. »Als ich auf dem Weg zu dir war, bekam ich diesen Zettel.«

Sie las ihn und gab ihn mir zurück. »Und deswegen machst du dir so einen Kopf? Da erlaubt sich einer einen Scherz mit dir. Echte Entführer verlangen Lösegeld.«

»Das dachte ich auch zuerst. Aber mein Vater ist tatsächlich verschwunden und sie haben unser Telefongespräch abgehört.«

»Was macht dich da so sicher?«

»Sobald du aufgelegt hattest, bekam ich eine SMS auf mein Smartphone. ›Wir haben dich gewarnt‹, schrieben sie.«

»Das heißt nichts«, beharrte Talisha. »Das kann auch einfach ein Schuss ins Blaue gewesen sein, um dir noch mehr Angst einzujagen.« Sie überlegte kurz. »Derjenige, der dir die Nachrichten schickt, kennt deinen Namen und die Telefonnummer. Hattest du vielleicht Streit mit jemandem aus der Schule oder so?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Wo ist dein Smartphone?« Sie schaute sich um. »Wir antworten auf die SMS und dann hören wir von selbst, wer dahintersteckt.«

Zurückrufen! Ich hätte mir vor den Kopf schlagen können. Warum war ich bloß nicht selbst auf die Idee gekommen?

»Und?«, fragte sie.

»Das wird nicht mehr funktionieren. Ich, äh … ich habe es ins Klo geworfen und runtergespült.«

»Trottel.« Stöhnend ließ sie sich aufs Sofa fallen.

Da klingelte es.

Sie sprang sofort wieder auf. »Vielleicht ist das ja dein Vater.«

Für eine Sekunde verspürte ich Hoffnung.

»Nein, der hat einen Schlüssel«, fiel mir dann ein.

Sie schob den Vorhang beiseite und schaute hinaus, wobei sie sich ziemlich verrenkte.

Trotz allem musste ich lachen. »Hilft nichts. Von hier aus kannst du nicht sehen, wer vor der Tür steht.«

»Dann mach auf«, sagte sie ungeduldig.

Es dauerte einen Moment, bevor ich das Schloss in der Diele aufbekam und die Kette gelöst hatte. Unterdessen versuchte ich zu überlegen, wer geklingelt haben konnte. Ein Zeuge Jehovas, ein Zeitschriftenverkäufer …

Wir haben dich gewarnt.

Oder jemand, der mir einen Karton mit dem Kopf meines Vaters in die Hand drückte.

Jetzt fang nicht an zu spinnen, sagte ich zu mir. Solche Sachen gibt es nur im Film.

Ich sprang von der letzten Stufe auf die Matte und spähte durch den Türspion.

Das Bild blieb schwarz. Es war, als hätte jemand von außen einen durchgekauten Kaugummi vor das Auge geklebt. Kinder vielleicht?

Oder die Entführer! Sie wussten, dass ich nicht öffnen würde, wenn ich ein paar Schlägertypen vor der Tür stehen sehen würde, und deswegen …

Mein Verstand sagte mir, ich solle besser in die Wohnung zurückgehen, aber meine Hand lag schon auf der Klinke. An dieser Tür gab es leider keine Sicherheitskette. Wenn ich unerwünschten Besuch abhalten wollte, würde es ausschließlich auf Muskelkraft ankommen. Ich bohrte meinen Schuhabsatz in den Abstreifer und machte mich auf was gefasst. Der Schweiß rann mir die Achseln hinunter. Klinke drücken. Tür aufziehen.

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